Wenn wir 1918 …

Walter Müller – (1930)

INHALT


1918... 1930...


Erster Teil: Das Alte stürzt!


Zweiter Teil: Der Wiederaufbau


Dritter Teil: Der Sozialismus marschiert!


Vierter Teil: Der Wirtschaftskrieg


Fünfter Teil: Der Endkampf


Es ist anders gekommen

 

Eine realpolitische Utopie

 

1918... 1930...

Zwölf Jahre. Jahre der Hoffnung, der Geduld, des Er­schlaffens; Jahre immer neuer Hoffnung und Enttäu­schung, der Verbitterung, der Müdigkeit, der Gleichgültig­keit und der Verzweiflung. Hunderttausend Jimmie Hig­gins blicken zurück auf zwölf verlorene Jahre. Treppauf, treppab sind sie gelaufen, sie haben geschwitzt, geschuftet, geredet und geschrieben, sie haben unzählige Versammlun­gen, Zahlabende, Kurse, Funktionär-, Kommissions- und Ausschusssitzungen besucht, haben Tausende von Mitglie­dern und Abonnenten geworben, haben die Kleinarbeit bei Kommunal-, Landtags- und Reichstagswahlen getan. Zwölf Jahre lang sind sie jeden Sonntag kassieren gegangen. In rauchigen Lokalen haben sie sich bis spät nachts mit Geg­nern auseinandergesetzt und gingen dann noch Plakate kle­ben. Und früh um fünf sind sie hundsmüde, die Margarinestulle in der Tasche, durch den grauen Morgen an ihr Tage­werk gegangen. Die Stunden, die diese Proletarier von ihrer Freizeit hingaben, — wer zählt sie zusammen? Viele hun­derttausend Lebensjahre sind geopfert worden! Wofür das alles?
Wofür? Für die „Bewegung"! Für „die größte Arbeiterpar­tei der Welt", für die SPD.!
Ihre Opfer an Zeit, Geld, Kraft und Gesundheit waren das Kapital, das einzige Kapital dieser Proletarier. Sie opferten
es ihrer Klasse, der schaffenden Menschheit, als Saatkorn für eine spätere gute Ernte.
Umsonst! Geerntet haben ein paar tausend „Genossen", die es sich in Amtsstuben, in Landrats-, Reichstags-, Aufsichts­rats- und Ministersesseln bequem machten. Die Massen gingen leer aus.
Nein! Sie sind noch ärmer geworden und noch entrechteter! Wie war das möglich? Wer ist schuld daran? Gleich Hunderttausenden habe ich oft über diese Frage nachgedacht... Die Flugblätter vom 9. November 1918, die ich diesem Buch voranstelle, gaben mir die Antwort: Wir waren blind vor zwölf Jahren. Hätten wir schärfer gesehen, hätten wir unsere Führer und den Sinn, den Wert ihrer Parolen und Taten durchschaut und als Sozialisten die Konsequenzen daraus gezogen, — die Weltgeschichte hätte einen anderen Lauf genommen. Welchen Lauf sie genommen hätte, das zu schildern versuche ich in vorliegendem Buch, das den Untertitel trägt:
„Eine realpolitische Utopie."' Ist das nicht ein Widerspruch? Utopien nehmen Kommendes vorweg. Sie erzeugen ein zweifaches Lachen.
Zuerst lachen die Neunmalklugen — die „Realpolitiker" — über die Phantasie des Verfassers.
Später — nach der Verwirklichung — spottet alle Welt derjenigen, die damals lachten, als die „Utopie" noch „Uto­pie" war. Möge mein Buch dies Schicksal teilen.
Lasst die Anderen lachen. Uns ist es bitter ernst, denn es geht um die Sache der ganzen arbeitenden Menschheit: um den Endkampf. Es genügt nicht, den Zustand zu zeigen, der heute sein könnte und morgen sein wird. Das wäre leicht und billig, wenn ich nicht gleichzeitig zeigte, wie das Ziel erreicht werden kann, wenn ich nicht sofort hinzufügte, dass der Sozialismus nicht von selbst kommt, sondern mit ungeheuren Anstrengungen und unter Opfern und Entbeh­rungen erkämpft werden muss.
Ist der ein Utopist, der die Anstrengungen zeigt, die not­wendig gewesen wären, um das zu erreichen, was heute schon Wirklichkeit sein könnte?
Nein! Utopisten sind die anderen, die immer noch vom Hin­einwachsen in den Sozialismus träumen, die „Marxismus" mit „Fatalismus" verwechseln, die immer ängstlich davor warnen, den Entwicklungsprozess zu stören oder gar zu be­schleunigen.
Nichts kommt von selbst!
Oder ist etwa die bürgerliche Revolution von selbst gekom­men? Haben Danton und Robespierre nicht gekämpft, nicht ihr Leben geopfert? Wurde die Bastille nicht erstürmt? Ist nicht Dutzend Mal Blut geflossen in den Straßen der Faubourg St. Antoine?
Die Pseudomarxisten aber träumen davon, dass die Geburt des Sozialismus sich ohne Wehen vollziehen könne. Der Marxismus ist eine Waffe!
Eine scharfe Waffe! Wenn man sie — wie Lenin — anwendet und nicht — wie Kautsky — im entscheidenden Moment ins Museum stellt. Der Marxismus lehrt uns, den Sinn alles Geschehens zu begreifen, lässt uns verborgene Zusam­menhänge erkennen und zeigt uns, wann die gegnerische Stellung reif ist zum Sturm. Aber stürmen müssen wir selbst!
Dreierlei ist notwendig für die Person und für die Klasse, die einen Sieg erringen will: Erkennen, Wollen und Han­deln. Bloße Erkenntnis nützt nichts, wenn sie nicht durch einen festen, unbeugsamen Willen und zielbewusstes Han­deln ergänzt wird. Aber auch kräftiges Wollen und tollkühnes Handeln bleiben unwirksam, wenn sie nicht mit Er­kenntnis gepaart werden, wenn nicht die objektiven Voraus­setzungen für die Erreichung des umkämpften Ziels vorhanden sind.
Das ist der wahre Sinn des Marxismus! Darum nieder mit den falschen Marxisten, die uns im­mer noch einreden wollen, dass es auch ohne Kämpfe und Opfer gehe!
Die objektiven Voraussetzungen für den Sieg des Proleta­riats waren 1918 ebenso gut vorhanden wie heute. Utopisch an dem Buch ist nur die Annahme, dass auch die Köpfe reif waren. Tausendmal haben die reformistischen Führer versucht, die Schuld an der Niederlage der Revolution auf die Unreife der Massen abzuwälzen. Sie haben recht. Aber unsere ganze „Unreife" bestand darin, dass wir uns der Führung von Leuten anvertrauten, die „überreif" waren für das Revolutionstribunal.


Der Inhalt dieses Buches wäre keine Utopie, wenn wir 1918...

 

 

Erster Teil


Das Alte stürzt!

Extraausgabe - Vorwärts - Sonnabend, den 9. November 1918


Generalstreik!


Der Arbeiter - und Soldatenrat von Berlin hat den Generalstreik beschlossen. Alle Betriebe stehen still. Die notwendige Versorgung der Bevölkerung wird aufrecht erhalten. Ein großer Teil der Garnison hat sich i geschlossenen Truppenkörpern mit Maschinengewehren und Geschützen dem Arbeiter - und Soldatenrat zur Verfügung gestellt. Die Bewegung wird gemeinschaftlich geleitet von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Arbeiter, Soldaten, sorgt für Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung. Es lebe die soziale Republik!
Der Arbeiter - und Soldatenrat.

 

 

2. Extraausgabe - Vorwärts - Sonnabend, den 9. November 1918


Der Kaiser hat abgedankt!


De Reichskanzler hat folgenden Erlass herausgegeben: Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung Seiner Majestät, dem Thronverzichte Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen des Deutschen Reichs und von Preußen und de Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind. Er beabsichtigt, dem Regenten die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine verfassungsgebende deutsche Nationalversammlung vorzuschlagen, der es obliegen würde, die künftige Staatsform des deutschen Volkes, einschließlich der Volksteile, die ihren Eintritt in die Reichsgrenzen wünschen sollten, endgültig festzustellen.
Berlin, den 9. November 1918 - Der Reichskanzler, Prinz Max von Baden
Es wird nicht geschossen!
Der Reichskanzler hat angeordnet, dass seitens des Militärs von der Waffe kein Gebrauch gemacht werde.
Parteigenossen! Arbeiter! Soldaten!
Soeben sind das Alleranderregiment und die vierten Jäger geschlossen zum Volke übergangen. Der sozialdemokratische Reichtagsabgeordnete Wels u.a. haben zu den Truppen gesprochen. Offiziere haben sich den Soldaten angeschlossen.
Der sozialdemokratische Arbeiter - und Soldatenrat.

 

3. Extraausgabe - Vorwärts - Sonnabend, den 9. November 1918


Arbeiter, Soldaten, Mitbürger!


Der freie Volksstaat ist da! Kaiser und Kronprinz haben abgedankt! Fritz Ebert, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei, ist Reichskanzler geworden und bildet im Reiche und in Preußen eine neue Regierung aus Männern, die das Vertrauen des werktätigen Volkes in Stadt und Land, der Arbeiter und Soldaten haben. Damit ist die öffentliche Gewalt in die Hände des Volkes übergegangen. Eine verfassungsgebende Nationalversammlung tritt schnellstens zusammen.
Arbeiter, Soldaten, Bürger! Der Sieg des Volkes ist errungen, er darf nicht durch Unbesonnenheit entehrt und gefährdet werden. Wirtschaftsleben und Verkehr müssen unbedingt aufrecht erhalten werden, damit die Volksregierung unter allen Umständen gesichert wird. Folgt allen Weisungen der neuen Volksregierung und ihren Beauftragten. Sie handelt im engsten Einvernehmen mit den Arbeitern und Soldaten.
Hoch die deutsche Republik!
Der Vorstand der Sozialdemokratie Deutschlands. Der Arbeiter - und Soldatenrat.

 

 

4. Extraausgabe – Vorwärts - 9. Nov.. 1918

Sieg der Revolution!

Noske in Kiel von roten Matrosen festgenommen! Ebert im Flugzeug nach Holland entflohen! Nieder mit den Reformisten!
Hoch die soziale Revolution!

Das revolutionäre Kriegskomitee

Nach kurzem, blutigem Kampf wurde das Vorwärtsgebäude von roten Soldaten besetzt. Die alte Vorwärts-Redaktion ist verhaftet. Das revolutionäre Proletariat hat seine Zeitung wieder in Besitz genommen.
Arbeiter und Soldaten! Seid auf der Hut!
Raus mit den Durchhaltepolitikern aus allen Redaktionen, Gewerkschafts- und Parteibüros!
Glaubt nicht den Beteuerungen der Renegaten! Sie wollen die Einheitsfront mit Bürgertum und Generalität. Wir wollen die Einheit des revolutionären Proletariats. Sie wollen Nationalversammlung, bürgerliche Republik, Ret­tung des Kapitalismus.
Wir wollen das Kapital enteignen und durch den revolutio­nären Kampf der vereinigten Arbeiter, Bauern und Soldaten den Sozialismus verwirklichen.
Bildet überall Einheitskomitees aus zuverlässigen Klassen­kämpfern aller Arbeiterparteien! Lasst uns dem Beispiel der russischen Brüder folgen! Keine Gefühlsduselei! Handelt rasch und rücksichtslos!

Alle Macht den Räten!
Der revolutionäre Einheitsausschuss

 

 

Vorwärts - 10. November 1918

Die Ketten sind zerbrochen

Die Macht des Kaiserreiches ist zusammengebrochen wie ein Kartenhaus.
Der Versuch der Kaisersozialisten, die Revolution zu verhindern, ist gescheitert. Die schlimmsten Feinde der sozia­len Revolution, Wilhelm II. und sein Sachwalter Ebert, der selbst gesagt hat, dass er die Revolution hasse wie die Sünde, — sie sind erledigt. Die Bourgeoisie hat die Waffen ge­streckt. Die Reformisten verlieren zusehends an Boden. Die Bahn ist frei für die Entwicklung zum Sozialismus. Deutschland ist geschlagen. Deutschland hat den Krieg ver­loren.
Soldaten und Arbeiter, lasst den Kopf nicht hängen! Ge­schlagen ist die deutsche Bourgeoisie, den Krieg haben die Hohenzollern und ihre Trabanten verloren. Ihr habt ge­siegt, Arbeiter und Bauern Deutschlands. Denn zum ersten Mal in der Geschichte haltet ihr euer Schicksal selbst in Händen! Kein leichtes Schicksal: Die Entente hat die West­front zerschlagen. Bald werden ihre Heere an der Grenze stehen. Im ganzen Lande herrschen Hunger und Desorgani­sation, die letzten Reserven sind erschöpft. Das Bürgertum ist zwar geschlagen, aber nicht vernichtet, an hunderttau­send unsichtbaren Fäden hält es die wirtschaftliche Macht noch in Händen. Gelingt es uns nicht, diese Fäden zu zer­reißen, so war unser Sieg ein Pyrrhussieg. Gewaltige Aufgaben türmen sich vor uns: Vernichtung des kapitalistischen Systems, Errichtung der sozialistischen Re­publik, Aufbau der sozialistischen Gesellschaft. Unser Vater­land Deutschland ist von heute ab nur noch ein Teil des großen Vaterlandes aller Werktätigen, — des Bundes der sozialistischen Rätestaaten. Unsere Ostgrenze liegt von heute ab am Eismeer, am Stillen Ozean, in der Mandschurei und der Mongolei. Wir reichen unseren russischen Brüdern die Hand. Sie sind uns Vorbild und Ansporn gewesen. Sie haben nach dem Sturz des Zaren nicht Halt gemacht; trotz tau­sendfach ungünstigeren Verhältnissen im Innern und nach außen haben sie den Kampf mit der eigenen Bourgeoisie und mit den verbündeten Heeren der ausländischen Kapi­talisten — der Entente und der Mittelmächte — todes­mutig aufgenommen. Allen Anstrengungen der gegen sie verbündeten Welt, allen weisen Prophezeiungen der falschen reformistischen Freunde zum Trotz, sind sie unbeirrt und erfolgreich ihren Weg gegangen. Nach schweren Kämpfen und ungeheuren Opfern steht heute die Arbeiter- und Bauernmacht in Zentralrussland ungebrochen da. Dank euch, Brüdern und Bundesgenossen! Ihr habt uns den Weg gezeigt und unser Hirn von verderblichen Illusionen gereinigt!
Arbeiter, Bauern und Soldaten! Unser Dank an die heroischen Kämpfer im Osten darf nicht leeres Wort sein: Wir müssen ihnen Hilfe leisten.
In Sibirien und am Weißen Meer, unter dem Schutz der in­ternationalen kapitalistischen Interventionsarmeen, in Finn­land, in Lettland, Litauen und Polen, in der Ukraine, in Bessarabien, in der Krim und im Kaukasus unter dem Schutz der kaiserlich deutschen Generale haben sich die Banden der Konterrevolution gesammelt. Dieselben zaristischen Generale, die gestern noch gegen Deutschland kämpften, bekämpfen heute Arm in Arm mit dem „Landesfeind" von gestern ihre wirklichen Feinde: die erwachten Arbeiter und Bauern Russlands. Diese Tatsache erhellt besonders deutlich die wichtigste und dringendste Aufgabe, die wir zu lösen haben: Befreiung Osteuropas und Sibiriens von der Gefahr der Konterrevolution. Wir rufen die deutschen Soldaten und Kriegsgefangenen im Osten, die viereinhalb Jahre für Fremde gekämpft und gelitten haben, heute auf, die Waffen noch einmal in die Hand zu nehmen und für ihre ureigensten Interessen zu kämpfen. Für den sozialistischen Universalwirtschaftsstaat, der sich vom Rhein bis zum Amur, von der Nordsee bis zum Stillen Ozean, von der Adria bis zum Eismeer erstreckt und seine Grenzen bald weiter und weiter stecken wird, bis er die ganze befreite Welt umspannt.
Kein Zaudern jetzt, entschlossenes Handeln tut not. Kein Opfer darf gescheut werden. Zehn Millionen blühende Menschenleben sind dem Kapitalismus sinnlos geopfert wor­den. Die Opfer dagegen, die sich jetzt die vereinigten Ar­beiter und Bauern auferlegen, sind nicht sinnlos! Sie allein können verhindern, dass die Herren von gestern ungestraft aus dem Völkermord hervorgehen und ihre fluchwürdige Macht grausamer und willkürlicher als vor dem Kriege wie­der aufrichten. Sie allein können verhindern, dass der Ka­pitalismus erneut das schaffende Volk in Ketten legt, erneut die Erde zum Spielball seiner Spekulationen macht, dass er Millionen Arbeitslose auf die Straße wirft, die schwachen Nationen unterdrückt und auspresst, um schließlich aber­mals das Verbrechen von 1914 zu wiederholen: im Kampf um Absatzmärkte und Bodenschätze die Welt mit Krieg zu überziehen. Dieser Krieg würde noch viel entsetzlicher und verheerender als der letzte. Was sind dagegen die Kämpfe, die uns heute bevorstehen? Kameraden, Genossen!
Haltet aus! Und wenn ihr auch noch Monate und Jahre lang kämpfen und leiden müsst. Ihr schuldet es euch und euren Kindern!
Der Kapitalismus darf seine blutige Herrschaft nicht wie­der antreten.
Wir setzen der Internationale des Geldes die Internationale der Arbeit entgegen, und der Endsieg wird unser sein. Gewiss, — Rom wurde nicht an einem Tage erbaut. Wir dürfen den Sinn für die Grenzen des Erreichbaren nicht
verlieren. Wir werden mit den Westmächten Frieden schlie­ßen müssen, selbst wenn es ein harter Friede wird. Aber dieser Friede wird ungleich günstiger sein als jeder Friede, den man dem kleinen, ohnmächtigen Deutschland der Monarchisten und Reformisten diktiert hätte. Die große eur­asische Republik kann von keiner Macht der Welt einem Diktat unterworfen werden. Sie wird den Frieden, wenn es sein muss, teuer bezahlen, — nie aber wird sie kapitulieren und sich das Gesetz des Handelns von ihren Feinden vorschreiben lassen.
Ex Oriente lux! Das Licht kommt aus dem Osten. Ein neuer Morgen der Menschheitsgeschichte dämmert. Mitteleuropa liegt unter den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Werden auch die englischen und französischen Genossen ihrer Aufgabe gewachsen sein? Wird die Sonne des Sozialismus bald auch über Westeuropa aufgehen? Wir wissen es noch nicht. Eins aber wissen wir ganz genau: Wir wollen zeigen, dass wir den Aufgaben der großen Zeit gewachsen sind. Wir werden unsere ganze Kraft daran setzen, auf den Trümmern des Kapitalismus eine neue, bessere Welt zu erbauen.

 

Verordnungen

In allen Abteilungen der Armee, in allen Fabriken und Betrieben sind sofort Arbeiter- und Soldatenräte zu wählen. Die Gewalt liegt überall in den Händen dieser Räte. Frühere Offiziere können als Vollzugsorgane und technische Leiter herangezogen werden, wenn sie sich bedingungslos der neuen Befehlsgewalt unterstellen.
Aus allen Arbeiter- und Soldatenräten sind sofort Delegierte in die Ortsräte zu entsenden.
Die örtlichen Räte entsenden auf je 1000 Einwohner und Soldaten je einen Delegierten in die Kreisräte. Auf je 20 Mitglieder eines Kreisrates wird ein Delegierter in den Bezirksrat gewählt. Auf je 3 Mitglieder des Bezirksrats wird von diesem ein Mitglied in die Rätevollversammlung, auf je 20 Mitglieder der Bezirksräte ein Mitglied in den Reichs­exekutivrat entsandt.
Die Grenzen der Kreise und Bezirke werden gleichzeitig von den provisorischen Räten am Sitz der früher selbständigen Bundesstaaten bestimmt. In Preußen bilden die früheren Provinzen die Bezirke. In Bayern werden 3, in Württem­berg 2 Bezirke gebildet. Alle übrigen früheren Bundesstaaten bilden vorläufig je einen Bezirk. Enklaven gehören zu dem Bezirk, in dem sie liegen.
Wahlberechtigt ist jeder werktätige Deutsche im Alter von über 20 Jahren. Unternehmer und frühere Offiziere haben vorläufig weder aktives noch passives Wahlrecht, wenn sie nicht einer sozialistischen Partei angehören.
Der vorläufige Revolutionsausschuss

 

An die deutschen Truppen in Finnland

Man schickte euch nach Finnland, um den Freiheitskampf der finnischen Arbeiter und Bauern niederzuknüppeln. Wichtiger als der Entscheidungskampf an der Westfront war dem Kaisertum die Unterdrückung der sozialistischen Revolution im Osten. Kameraden, die Stunde der Freiheit hat geschlagen.
Ihr braucht jetzt nicht mehr gegen eure eigenen Interessen zu kämpfen. Wählt sofort Soldatenräte und reiht euch in die rote Front ein! Offiziere, die sich der Befehlsgewalt des Soldatenrats unterstellen, können zur militärischen Leitung herangezogen werden. Alle andern sind zu internieren und bei jedem Versuch konterrevolutionärer Agitation oder Sabotage unverzüglich zu erschießen.

Das rote Oberkommando der Ostarmee

 

 

Vorwärts - 11. November 1918

Abrechnung mit den Renegaten

Es ist gelungen, mehrere illegale Versammlungen der Kaisersozialisten auszuheben. Sie hoffen noch immer, ihren Einfluss auf die Massen zurückzugewinnen. Sie hoffen noch immer, die Revolution abwürgen zu können, wie sie die Januarstreiks abgewürgt haben. Was taten denn diese Herren „Genossen", als sie glaubten, die Macht in Händen zu halten, als sie den Arbeitern einzureden versuchten: „die öf­fentliche Gewalt ist in die Hände des Volkes übergegan­gen," weil „Fritz Ebert, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, Reichskanzler geworden ist"? Als die Massen nicht mehr zu halten waren, machten die Reformisten im geheimen Einvernehmen mit den Herren von gestern die Revolution auf dem Papier mit, um die Erregung zu dämp­fen. In Wirklichkeit aber organisierten sie ohne Zögern die Konterrevolution. Exzellenz Scheidemann brach die Bezie­hungen zur russischen Sowjetregierung ab und wies Joffe aus. Ebert verbündete sich mit dem Großen Hauptquartier, mit Groener und Hindenburg. Seine Beziehungen zur Bour­geoisie wurden im Augenblick des Zusammenbruchs noch herzlicher, als sie schon waren. Kaum fielen die alten Ket­ten, da versuchten diese Lakaien das Proletariat in neue Ketten zu schmieden. „Nationalversammlung" war das Zau­berwort, mit dem sie die revolutionären Energien zu bannen versuchten, mit dem sie die „Demokratie" — das heißt das Bürgertum und seine Macht — vor dem Ansturm der Mas­sen retten wollten. Noske fuhr im Auftrage der kaiserlichen Regierung nach Kiel, um den Matrosenaufstand abzublasen. Als das nicht gelang, wollte auch er sich plötzlich als Revolutionär aufspielen. Doch die roten Matrosen durchschauten das Spiel und verhafteten ihn. Fast hätte er das Schicksal Heines, des kaiserlichen Kommandanten der kieler Festung, geteilt und wäre von den empörten Massen erschossen worden. Um wie viel besser wäre es für unsere Bewegung gewesen, wenn Noske schon 1907 von dem Parteitage ausgeschlossen worden wäre, auf dem er seine imperialistischen Anschauungen klar bekundete. Wie viel Hunger und Not, wie viel Millionen Tote und Verwundete wären der Menschheit erspart geblieben, wenn wir uns, wie die Bolschewiki in Russland, von den rechten Renegaten in der Partei befreit und rücksichtslos alle Elemente bekämpft hätten, denen die Geldsackdemokratie viel wichtiger erschien als der Sozia­lismus.
Endlich ist das Proletariat erwacht. Es duldet nicht, dass die Gehirne wieder von neuem umnebelt werden durch Leute, die den Ehrennamen „Sozialist" zu Unrecht führen. Ende Oktober bereits hat eine Geheimkonferenz treugebliebener Klassenkampf er aus fast allen größeren Orten Deutsch­lands und Österreichs folgende Entschließung gefasst: „Die Vereinigung der SPD., USPD. und des Spartakusbundes auf dem Boden des unversöhnlichen Klassenkampfes muss im Interesse der nahenden Revolution herbeigeführt werden. Alle Sozialisten, die es ernst meinen mit der Sache des Proletariats, haben sofort den Kampf gegen den Krieg, gegen das Kaiserreich, gegen den Kapitalismus und gegen die Opportunisten und Verräter in den eigenen Reihen auf­zunehmen und zu organisieren. Wer sich diesen Beschlüssen nicht fügt, ist auszuschließen. Unverzüglich auszuschlie­ßen sind ferner alle Führer, die die Weiterführung der Kriegspolitik auch nach 1917 noch ermöglichten, sowie die Knebelung der proletarischen Meinungsfreiheit, die Ab­setzung linker Redakteure und die Maßnahmen der Staats­gewalt gegen die revolutionäre Agitation während des Krieges veranlassten oder förderten."
Auf derselben Zusammenkunft wurden fünf Delegierte für eine internationale Konferenz gewählt, die gestern zum ersten Mal tagte. Infolge der sich überstürzenden Ereignisse sah sich diese Konferenz vor völlig neue Aufgaben gestellt. Sie sollte ursprünglich die schwachen Fäden, die in Zim­merwald und Kienthal gesponnen wurden, fester knüpfen. Jetzt aber konnte sie sich bereits der Ausarbeitung von Richtlinien zur Sicherung der mittel- und osteuropäischen Revolution vor Anschlägen der Ententestaaten widmen. Be­sonders bemerkenswert sind die Ausführungen des franzö­sischen Delegierten, dessen Namen wir aus begreiflichen Gründen nicht veröffentlichen können. Er sagte: „Wir französischen Genossen begrüßen den Ausschluss der konter­revolutionären Führer. Wir befinden uns jetzt in derselben Lage wie ihr vor einem Jahre. Die Sicherheit der Revolution ist jetzt in höchstem Grade von unserer Haltung abhängig. Deshalb müssen wir einen Unterschied machen zwischen der Politik des Jahres 1914 und der des Jahres 1918. 1914 haben wir alle schwere Fehler gemacht. Die meisten von uns wurden vom chauvinistischen Taumel erfasst und schenkten den kapitalistischen Lügenmeldungen Glauben. Wir wären aber schlechte Marxisten, wenn wir unser Ver­sagen 1914 nur einem Zufall zuschreiben würden. Schuld daran war die revisionistische Einstellung, die sich lange vor dem Kriege in fast allen sozialdemokratischen Parteien breit machte. Aber die Tat der russischen Genossen, die an den revolutionären Prinzipien festgehalten hatten, gab uns Gelegenheit, unseren Revisionismus zu revidieren. Was aber taten eure korrumpierten Führer? Sie bewilligten weiter Kriegskredite, obwohl von Landesverteidigung keine Rede mehr sein konnte und der Kampf im Osten ganz eindeu­tig gegen die russische Revolution und für die imperiali­stische Annektionspolitik geführt wurde. Sie haben zuge­sehen, wie die finnische Revolution mit Hilfe deutscher Truppen in Arbeiterblut ertränkt wurde. Dafür gibt es keine Entschuldigung. In diesem Augenblick musste selbst der verbohrtest Sozialpatriot den Kampf gegen den Krieg
aufnehmen. Hättet ihr diese verräterischen Elemente nicht ausnahmslos ausgestoßen, — was sollten wir dann den fran­zösischen Proletariern sagen, wenn morgen unser Kapitalis­mus den Kampf gegen die deutsche Revolution aufnimmt? Wir sind überzeugt, dass die französischen Proletarier ihre Pflicht tun werden, sobald sie sehen, dass ihr Ernst macht mit der Revolution, dass ihr nicht nur das Firmenschild ge­wechselt habt, sondern den Klassenstaat wirklich beseitigen wollt."
Der Kongress stimmte der Rede des französischen Genossen begeistert zu und bestätigte den Beschluss des deutschen Geheimkongresses. Der Ausschluss der Kaisersozialisten ist damit von der Internationale bestätigt worden. Wir haben keine Gemeinschaft mehr mit Opportunisten und Renegaten.

An die Arbeiter und Bauern in Polen, Lettland, Litauen, Weißrussland, Ru­mänien, Bessarabien, in der Ukraine am Don, in der Krim und im Kaukasus
Unterdrückte aller Nationen!

Schwer lastete auf euch das Joch des Zarismus. Dann wurde die Knute abgelöst von den Bajonetten des deutschen Kaisers. Jetzt endlich hat die Stunde eurer Befreiung geschlagen.
Die deutsche Revolution reicht euch die Bruderhand. Zu­sammen mit euch und mit den revolutionären Arbeitern und Bauern Sowjetrusslands wollen wir den Bund der sozialistischen Rätestaaten errichten.
Der Sieg der sozialen Revolution ist die Vorbedingung eurer nationalen Befreiung.
Reiht euch ein in die revolutionäre Front! Besetzt die Fabriken ! Jagt die Gutsherren zum Teufel!
Wählt Arbeiter- und Bauernräte!
Bildet rote Kampfformationen! Die Soldatenräte der roten Ostarmee werden euch mit Waffen versehen. Wir haben sie aufgefordert, sich den örtlichen revolutionären Vollzugs­organen der Arbeiter und Bauern zur Verfügung zu stellen. Brecht mit der Vergangenheit! Begrabt den nationalen Hader, der vom Zarismus künstlich genährt wurde, um euch alle um so bequemer unterdrücken zu können! Hoch die Freiheit der Nationen! Hoch die internationale sozialistische Revolution!

 

 

Vorwärts - 12. November 1918

Waffenstillstand

Endlich hat das sinnlose Morden ein Ende. Die Waffenstillstandsbedingungen sind hart, aber wir mussten sie annehmen. Die Proletarier hören auf, sich gegenseitig niederzumetzeln. Die Fronten haben sich geändert. Sie gehen nicht mehr an der Somme und an der Maas ent­lang, sie gehen quer durch alle Länder. Auf der einen Seite die Bourgeoisie, auf der andern das Proletariat. „Sozialismus" ist unser, „Kapitalismus" der anderen Feldgeschrei. Aber sie schreien es nicht laut, die da drüben, sie möchten überhaupt nicht mehr laut werden lassen, dass sie Kapitalisten sind. Sie schreien: „Demokratie", wenn sie Kapitalismus meinen, und „Nationalversammlung", wenn sie an Profitwirtschaft denken. Sie sind ja auf einmal so sozial geworden, unsere Herren Kapitalisten. Sie sind ja mit dem Munde so sozialistisch geworden, dass wir uns dagegen fast wie Waisenknaben vorkommen. Aber wir wissen, was dahintersteckt. Wir wissen, was es auf sich hat, wenn sich die Wölfe plötzlich ein Schafsfell umhängen. Und wir müssten tatsächlich Schafsköpfe sein, wenn wir darauf hereinfallen würden.
Waffenstillstand??
Ja, die Feinde von gestern haben uns die Waffenruhe zugestanden, wenn auch unter sehr harten, unter furchtbaren Bedingungen. Aber die Gegner von heute, unsere Herrscher von gestern, haben uns den Krieg erklärt. Eine Geheimkonferenz in Villa Hügel hat sich mit dem Beschluss des Rates der Volksbeauftragten über die Sozialisierung der Großindustrie befasst. Die Stinnes, Thyssen, Klöckner und Konsorten haben beschlossen, eine Kommission nach Paris zu schicken. Diese Kommission, die bereits in der Schweiz ist, hat den Auftrag, das interalliierte Hauptquartier zu ersuchen, nicht am Rhein Halt zu machen, wie im Waffenstillstandsabkommen vorgesehen, sondern auch das Ruhrgebiet, wenn nicht ganz Deutschland zu besetzen. Der Rat der Volksbeauftragten hat gegen die Beteiligten so­fort Haftbefehl erlassen.
Ob die Alliierten dumm genug sein werden, dem Wunsche der deutschen Großkapitalisten Folge zu leisten? Glauben sie, ihre Truppen fest genug in der Hand zu haben, um sie im Falle eines Einmarsches der dauernden revolutionären Infizierung aussetzen zu können? Ludendorff und General Hoffmann haben es in Russland gewagt und zunächst recht behalten. Aber trotz einer gewissen Analogie liegen die Dinge heute ganz anders. Der deutsche Soldat ging damals vor, im Glauben Brot für das hungernde Deutschland zu beschaffen. Die Westmächte weigerten sich, an den Friedensverhandlun­gen teilzunehmen. Der Krieg ging weiter. Jetzt aber ist der Krieg zu Ende. England und Frankreich sind nicht mehr bedroht. Die Macht des deutschen Militarismus ist gebrochen. Der Kaiser nach Holland geflohen. Die Revolution ist nicht mehr auf ein Land beschränkt, sondern hat halb Asien und Europa erfasst. Werden sich unter diesen Umständen die französischen und englischen Genossen willenlos dem Diktat ihrer Regierungen beugen?
Waffenstillstand??
Vorläufig ja. Der imperialistische Krieg ist zu Ende. Aber der Krieg gegen die sozialistische Revolution wird fortgesetzt werden. Wir müssen uns rüsten zur bewaffneten Verteidigung der Revolution. Die Erfahrung in Russland hat gelehrt, dass die alten Kampfverbände für den revolutionä­ren Kampf in der Regel ungeeignet sind. Das revolutionäre Kriegskomitee hat deshalb beschlossen, bei jeder Ersatzformation im rechtsrheinischen Gebiet eine freiwillige rote Formation und ein rotes Rekrutendepot ins Leben zu rufen. Alle in die Heimat zurückkehrenden Kameraden sollen sich selbst entscheiden, ob sie zum Zweck der Demobilmachung zum Ersatztruppenteil gehen oder in das aktive rote Regiment eintreten wollen. Alle Regimenter, die im Osten stehen, werden in rote Regimenter umgewandelt. Alle Kameraden, die in diesen Regimentern stehen, sind verpflichtet, bis zum 31.Dezember auszuhalten. Vom 1. Januar 1919 ab können sie die Entlassung in die Heimat beantragen und werden durch rote Freiwillige aus Deutschland ersetzt. Die russischen Kriegsgefangenen in Deutschland und Österreich haben begonnen, rote Formationen zu bilden. Das Revolutionäre Kriegskomitee hat befohlen, diese roten Truppen mit dem erbeuteten russischen Kriegsmaterial auszurüsten.
Waffenstillstand:
Vier Jahre lang wurden täglich Hunderte und Tausende von Menschen geschlachtet. Vier Jahre Dreck, Not, Hunger, Verzweiflung. Vier Jahre Schlamm, Gas, Maschinengewehre, Drahtverhau, Läuse und Ratten. Vier Jahre Fliegerbomben, zerstückelte Menschenleiber, brennende Städte, vernichtete Dörfer, krepierende Pferde. Vier Jahre schwärende Wunden, eitrige leere Augenhöhlen, verspritztes Gehirn, unbe­grabene Leichen. Gab es jemals vier Jahre, die so lang wa­ren wie diese? So angefüllt mit Mutterleid und Kindesweh? So durchtränkt mit Blut? Sind jemals solche Ströme von Tränen geflossen? Schrie jemals die entstellte, aufgewühlte Erde so zum Himmel? Gab es jemals Wälder, die so aussahen wie die in der Champagne und in den Argonnen? Gab es jemals so gedrückte, verschmutzte, zerschundene und entmenschte Wesen wie an der Somme, vor Verdun? Schnit­ten schon einmal die Sägen der Chirurgen so andauernd in Menschenfleisch und Menschenknochen? Haben sich jemals die abgesägten Arme und Beine so zu Bergen gehäuft wie in diesen vier Jahren? Gab es das schon einmal, dass Men­schen, vor fünf Minuten noch kerngesund, ihre gaszerfetzte Lunge in Stücken ausspieen? Vier Jahre verschüttete Unter­stände, erstickende und verbrennende Menschen, Verwun­dete zwischen den Drahtverhauen, fünf Meter vom Kameraden entfernt und doch hilflos verdurstend, hungernd, schmerzgepeinigt, von Ratten lebendig angefressen. Vier Jahre gefangene Menschen, hinter Stacheldraht, fern von Weib und Kind, getreten und geprügelt, am Hungertyphus krepierend. Vier Jahre Hunger und Elend in der Heimat, rachitische Kinder, ausgemergelte Frauen in den Gasfabriken und an den Drehbänken. Und wofür das alles, wofür? Soll es umsonst gewesen sein?
Es ist nicht umsonst gewesen, wenn wir jetzt unsere Pflicht tun und die Opfer auf uns nehmen, die der Befreiungs­kampf der Menschheit von uns verlangt. Niemals gab es so günstige Möglichkeiten für die Erhebung des Proletariats wie jetzt. Sie sind teuer bezahlt worden, diese Möglichkeiten, sehr teuer. Und sie sind vergeblich bezahlt worden, wenn wir sie nicht restlos ausnutzen. Wir haben den Kaufpreis vergeblich bezahlt, 10 Millionen Menschen kamen sinnlos um, wenn wir den Weg jetzt nicht zu Ende gehen. Was ist zu tun? Wir werden versuchen, Frieden mit den Westmächten zu schließen. Wir werden dem französischen Volke beim Wiederaufbau der zerstörten Gebiete helfen. Wir werden vielleicht noch weitere Lasten auf uns nehmen müssen. Aber wir werden nicht aufhören, unseren französi­schen und englischen Genossen zuzurufen: Folgt unserm Beispiel!
Wir werden niemals, auch nicht unter dem Druck von Waffengewalt, den Kampf für den Sozialismus aufgeben. Wir werden niemals unser Einverständnis dazu geben, dass Mittel- und Osteuropa zerstückelt und in kleinen Teilen für den Kapitalismus zurückerobert wird. Wir werden niemals den Kampf für den sozialistischen Weltbund aufgeben, und wenn wir uns unter dem Druck der kapitalistischen Armeen bis hinter den Ural zurückziehen müssten. Wir sind bereit, für den Frieden Opfer zu bringen, aber wir sind nicht bereit, der kapitalistischen Profitgier oder unserem Ruhebe­dürfnis die Zukunft der Menschheit zu opfern. Am Tage des Waffenstillstandes schwören wir den zehn Millionen Toten: „Ihr sollt nicht umsonst gefallen sein. Auf der mit eurem Blut gedüngten Erde soll eine neue, bessere Welt erstehen."

 

Verordnung

Die neu gebildeten Arbeiterwehren sind aus den Beständen der Militärarsenale sofort mit Waffen und Munition zu ver­sehen. Jeder Anforderung von Ausbildungspersonal muss von den Ersatztruppenteilen sofort entsprochen werden.
Das revolutionäre Kriegskomitee

 

Letzte Telegramme

Halbinsel Krim Umsturz vollzogen. In Odessa Macht an Stadtsowjet übergeben. Französische Flotte im Anmarsch.
Oberster Soldatenrat Südostfront
Weiße Regierung gestürzt. Kiew und Charkow in der Ge­walt der Sowjets.
Deutscher Zentralsoldatenrat in der Ukraine

 

 

Vorwärts - 16. November 1918

Lenin kommt nach Berlin

Lenin, der große Führer der russischen Revolution, ist vom Deutschen Rat der Volksbeauftragten befragt worden, ob er bereit sei, vorläufig die Leitung der Vereinigten Soziali­stischen Staaten von Europa zu übernehmen. Heute ist folgendes Antworttelegramm eingelaufen:

Einverstanden. Komme am 28. November. Beruft Vertreter sämtlicher zukünftiger Bundesstaaten und sozialistische Gäste aus anderen Staaten nach Berlin. Nehmt Fühlung mit tschechischen Sozialisten, damit tschechische Legionäre Kampf gegen Revolution einstellen. Heimtransport erfolgt sofort, wenn weiße Führer abgesetzt. Begrüße eure Erfolge. Mit Unterstützung deutscher Truppen halten in Finnland, Litauen, Lettland, Weißrussland, Ukraine und Krim Sow­jets Macht überall fest in Händen. In Finnland noch Kämpfe mit Weißgardisten. Bessarabien Räterepublik. Deut­sche Soldaten und rote Partisanen bekämpfen erfolgreich rumänische Besatzungstruppen. Einige rumänische Regi­menter meuterten. In Bukarest von Sozialisten und deutschen Soldaten Räteregierung proklamiert. Weiße rumänische Regimenter marschieren gegen Bukarest. Rote Of­fensive an Uralfront und Nordfront (gegen Archangelsk und Murmansk) begonnen. Eilsendet Truppen, Panzerzüge und Flugzeuggeschwader nach Bukarest, Pensa, Kasan und Petrograd. Angriff französischer Landungstruppen auf Odessa abgeschlagen.

Lenin

 


Vorwärts - 18. November 1918

Offiziersrevolte in Schweden?

Schon seit längerer Zeit waren kapitalistische und militaristische Kreise in Schweden bestrebt, Stimmung für eine Intervention in Finnland zu machen. Nach Niederwerfung der finnischen Revolution durch die kaiserlichen deutschen Truppen gelang es der schwedischen Regierung, diese Bewegung im Zaum zu halten. Nachdem sich nun die deut­schen Truppen in Finnland auf die Seite der Revolution gestellt und Mannerheim entscheidend geschlagen haben, gewinnt die interventionistische Bewegung wieder an Boden. Die jetzige Regierung will sich nicht zu diesem Schur­kenstreich hergeben. Die Offiziersverschwörer planen deshalb, die Regierung mit Waffengewalt zu stürzen und in Finnland einzuziehen, um gemeinsam mit der weißen Re­gierung Finnlands die Revolution niederzuwerfen. Die So­zialdemokratische Partei Schwedens hat beschlossen, den Kampf gegen die Interventionisten aufzunehmen und zwei Delegierte zum Alleuropäischen Kongress nach Berlin zu entsenden.

Ultimatum der Westmächte

Vom Interalliierten Hauptquartier ist folgendes Ultimatum eingegangen.

An den Rat der Volksbeauftragten
Es ist bisher kein Schiff der deutschen Flotte abgeliefert worden. Deutsche Truppen beteiligen sich am Kampf gegen die französischen Landungstruppen in Odessa. Deutsche Truppen haben in Polen, im Baltikum, in der Ukraine, in Rumänien und in den unbesetzten Teilen von Bulgarien die Räterepublik ausgerufen. Mitglieder der interalliierten Mili­tärkommission sind bei ihrer Ankunft auf dem Warschauer Flugplatz von deutschen Soldaten, angeblich im Auftrage des Warschauer Arbeiterrates, verhaftet worden. Das alles verstößt gegen die Waffenstillstandsbedingungen. Wir fordern: Sofortige Ablieferung der deutschen Flotte. Einstellung aller Kampfhandlungen in Russland und in den Randstaaten. Keine Einmischung in die' osteuropäischen Verhältnisse. Unterstellung aller deutschen Osttruppen unter das Kommando der interalliierten Militärkommission. Wenn diese Forderungen nicht innerhalb 24 Stunden erfüllt werden, wird der Kampf gegen die deutsche West­armee wieder aufgenommen. gez. Foch

 

Die Pläne der Alliierten


Über die Schweiz erhielten wir wichtige Nachricht von französischen Genossen. Vom Interalliierten Hauptquartier werden folgende Pläne erwogen. Finnland mit Karelien soll ein selbständiger Staat, oder, wenn Schweden erfolgreich eingreift, zu Schweden geschlagen werden. Lettland und Litauen sollen selbständige Pufferstaaten bilden. Polen soll selbständig werden und an der Weichsel entlang einen Zugang zum Meer erhalten, so dass Ostpreußen durch einen polnischen Korridor vom übrigen Deutschland abgetrennt würde. Die Ukraine soll von Russland abgetrennt und ebenso wie das Kaukasusgebiet ein selbständiger Staat werden. Die von rumänischen Arbeitern und deutschen Solda­ten gestürzte und aus Bukarest geflohene rumänische Regierung soll mit Unterstützung der französischen Flotte und einer interalliierten Interventionsarmee den Kampf gegen die rumänische, russische und deutsche Revolution fortsetzen. Zum Dank dafür soll Rumänien folgende Gebiete erhalten: von Russland — ganz Bessarabien, von Bulgarien — die Dobrudscha, von Ungarn — ganz Siebenbürgen und außerdem große Landstrecken mit rein magyarischer Bevölkerung.
Ein teuflischer Plan, begründet mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. Als ob man die Arbeiter und Bauern in Finnland, im Baltikum, in Polen, Siebenbürgen, Bessarabien und in der Ukraine nach ihrer Meinung gefragt hätte. Die Kapitalisten aus diesen Gebieten vielleicht! Denn es sollen ja kapitalistische Randstaaten werden, beschützt von der Entente. Ein langer Riegel von kapitalistischen Pufferstaaten, vom Eismeer bis ans Kaspische Meer soll zwischen Deutschland und Russland gelegt werden, damit man die sozialistische Revolution zuerst in den Randstaaten, dann in Deutschland und schließlich in der Sowjetunion nieder­knüppeln kann. Damit wäre wohl den Kapitalisten in Westeuropa und Amerika gedient, aber nicht den werktätigen Klassen in den Randstaaten, denen man die nationale Freiheit verspricht. Das ist eine ganz infame Lüge, diese Parole von der nationalen Freiheit im Zeichen des Kapitalismus. In all diesen geplanten Randstaaten leben große nationale Minderheiten. Sie alle würden, wenn der teuflische Plan der Ententestaaten Wirklichkeit werden sollte, im Namen des Selbstbestimmungsrechts der Völker, von der feudalen und kapitalistischen Herrenschicht der herrschenden Nation vergewaltigt und unterdrückt werden. Nur im Sozialismus, nur im sozialistischen Bundesstaat kann die nationale Unabhängigkeit und kulturelle Freiheit verwirklicht werden. Das hat die Sowjetunion bereits bewiesen: sie hat den fast 200 Na­tionen, die auf dem Gebiet der Sowjetunion leben und die unter dem Zarismus gewaltsam unterdrückt und russifiziert wurden, völlige nationale und kulturelle Selbständig­keit verliehen. Für Mitteleuropa und den Balkan aber gilt dasselbe wie für Osteuropa und Nordasien. Wir sitzen in einer Zwickmühle. Der Kapitalismus spielt seinen letzten Trumpf aus. Sollen wir das Ultimatum ablehnen und damit Hunderttausende von deutschen Solda­ten, die noch auf linksrheinischem Gebiete marschieren, den Kapitalisten des Westens überantworten oder es annehmen
und damit unsere Zukunft preisgeben? Sind unsere Arbeitsbrüder in den Randstaaten schon so weit, dass sie den Kampf gegen ihre Unterdrücker auch ohne deutsche Hilfe zu Ende führen können? Können sie sich wenigstens so lange halten, bis die russische rote Armee ihnen zu Hilfe kommt? Eine ungeheure Verantwortung liegt auf den Volksbeauf­tragten. Wie werden sie sich entscheiden?

 

 

Vorwärts - 19. November 1918

Die Antwort der Volksbeauftragten

Die gestern an das interalliierte Hauptquartier abgesandte Note hat folgenden Wortlaut:
Wir bestreiten die Berechtigung der gestellten Forderun­gen. Wir wollen aber nicht, dass noch einmal Proletarier auf Proletarier schießen. Wir wollen unsere Leidensgenos­sen in der englischen, französischen, amerikanischen, bel­gischen und italienischen Armee nicht vor die Frage stel­len, ob sie dem Befehl ihrer Offiziere gehorchend auf ihre deutschen Brüder schießen oder der Stimme ihres Gewis­sens folgend mit den Soldaten der deutschen Revolution sich verbrüdern sollen. Wir wollen mithelfen am Wieder­aufbau der durch den sinnlosen Krieg zerstörten Gebiete und nicht neue Städte und Dörfer in Schutt und Asche verwandeln. Wir appellieren an das Gewissen der Menschheit und beugen uns unter Protest der Gewalt. Um neues Blutvergießen zu vermeiden, sind wir zu folgenden Zugeständnissen bereit:
Die deutschen Osttruppen werden angewiesen, sich an keinem Kampfe gegen Truppen der Alliierten zu beteiligen. Die deutschen Osttruppen werden der interalliierten Befehlsgewalt unterstellt. Diese Anordnung verliert aber so­fort ihre Gültigkeit, wenn den deutschen Truppen zugemutet wird, sich an der Bekämpfung der Revolution zu beteiligen.
Die zur Ablieferung bestimmten Schiffe der deutschen Flotte werden in drei Tagen die Anker lichten, vorausgesetzt, dass die Alliierten den Waffenstillstand nicht brechen.

Der Rat der Volksbeauftragten

 

 

Vorwärts - 20. November 1918

Genossen! Wahrt revolutionäre Disziplin!

In den letzten Tagen mehren sich die Klagen über Diszi­plinbrüche in den Ersatztruppenteilen. Es ist verständlich, wenn nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung man­cher sich nicht gleich völlig der neuen Ordnung einfü­gen kann. Viele Kameraden, die vier Jahre und noch länger in der Zwangsjacke des Militarismus gesteckt haben, lehnen jetzt überhaupt jeden Zwang ab. Sie können noch nicht un­terscheiden zwischen dem Kadavergehorsam in der kaiser­lichen Armee und der freiwilligen revolutionären Selbst­zucht, die jeder Soldat der roten Armee aufbringen muss, wenn sie ihren Kampf siegreich zu Ende führen will. Glaubt nicht, dass der Kampf schon zu Ende ist! Glaubt nicht, dass die Feinde der Arbeiterschaft, die Feinde der jungen sozialistischen Räterepublik, das Spiel bereits verloren gegeben haben. Wenn sie auch jetzt ruhig sind: sie warten nur auf einen günstigen Augenblick. Wehe uns, wenn es ihnen ge­lingt, die Macht zurückzuerobern! Wollt ihr, dass die Revolution in einem Meer von Blut und Tränen erstickt wird? Was werdet ihr einmal euren Kindern antworten, wenn durch eure Schuld die Revolution niedergeschlagen worden ist und eure Kinder, die weiter unter dem Joch des Ka­pitalismus seufzen müssen, euch fragen, weshalb ihr damals in den entscheidenden Stunden nicht eure Pflicht getan habt? Was werdet ihr ihnen entgegnen, wenn sie euch sagen werden: „Ach so, ihr Feiglinge, ihr konntet auf Befehl des Kaisers vier Jahre lang auf eure Klassengenossen jenseits der Grenze schießen. Ihr konntet kämpfen, hungern und frieren, konntet grausam sein und morden, gegen euer eigenes Interesse, solange euch der Stiefel des Kapitalismus im Nacken saß. Aber ihr konntet nicht die Selbstzucht und nicht den Mut aufbringen, um den revolutionären Kampf mit der nötigen Energie fortzusetzen. Ihr waret nur mutig und gehorsam, solange es um die Interessen eurer Klassengegner ging. Aber ihr wurdet feige und bockbeinig in dem Augenblick, als ihr für euch selbst, für eure Zukunft und für uns, eure Nachkommen, kämpfen solltet. Weil ihr den Zwang für die gute Sache verachtet habt, müssen wir jetzt unser Leben lang die Zwangsjacke des Kapitalismus tragen. Weil ihr müde wart vom kapitalistischen Krieg und kein Gewehr mehr in die Hand nehmen wolltet, müssen wir jetzt unsere Lungen von Gas zerfressen lassen und millio­nenweise krepieren. Schöne Väter seid ihr, schöne Helden, schöne Sozialisten! Schämt euch!!!"
Wollt ihr, Kameraden und Genossen, einmal so erbärmlich vor euren Kindern dastehen?
Nein Brüder, das wollt ihr nicht, das könnt ihr nicht wol­len. Deshalb heißt das Gebot der Stunde: „Revolutionäre Selbstzucht".

 

 

Vorwärts - 21. November 1918

Friede, Freiheit, Brot - und die Scheidemänner

In mehreren Großstädten tauchten in den letzten Tagen Flugblätter einer illegalen Neugründung auf. Diese Flug­blätter waren gezeichnet: „Alte sozialdemokratische Partei. Der Vorsitzende: Philipp Scheidemann." Exzellenz Scheidemann belieben darin, sich in den Mantel der Nächstenliebe zu hüllen. „Wo ist der Friede," fragt er, „wenn ihr durch Fortsetzung eurer utopischen Politik den Einmarsch der Ententetruppen provoziert? Wo ist die Freiheit, wenn ihr die Presse knebelt? Wo bleibt das Brot, wenn ihr durch überstürzte Sozialisierungsmaßnahmen die Privatinitiative lähmt und die Produktion drosselt, wenn ihr der Entente keine Garantien gebt, die sie zur Aufhebung der Blockade bewegen?"
Sieh mal einer an, wie menschenfreundlich Exzellenz plötzlich geworden sind. Aber Sie sollen nicht glauben, dass wir auf Ihr Geschwätz hereinfallen. Die Massen wollten schon lange den Frieden, als Sie noch immer Kriegskredite be­willigten. Warum haben Sie damals nicht Ihre Menschen­freundlichkeit entdeckt? Die Massen schrieen auch damals nach Brot, als Sie mit Ihren Komplizen im Großen Haupt­quartier an überladenen Tafeln saßen. Sie wagen es, die Opfer zu bejammern, die noch fallen werden, aber Sie hätten bedenkenlos noch weitere Millionen Menschenleben geopfert, Sie hätten das Volk noch jahrelang hungern lassen, wenn die deutschen Imperialisten den Krieg fortzusetzen vermocht hätten. Dem „Levee en masse" des bankrotten Kaiserreichs hätten Sie begeistert zuge­stimmt, — die proletarische Massenerhebung zur Verteidi­gung der internationalen sozialistischen Revolution lehnen Sie entrüstet ab. Ersparen Sie sich jede weitere Mühe, Ex­zellenz! Ihre Krokodilstränen rühren uns nicht. Folgen Sie Ihrem Freunde Ebert nach Holland!
Wilhelm II. hat sicher noch eine Lakaienstelle für Sie frei. Im roten Deutschland aber sind Sie nicht am Platze. Oder wurden die Flugblätter vielleicht herübergeschmuggelt, sit­zen Sie etwa schon drüben? — es wäre Ihnen zu wünschen, denn das Revolutionstribunal macht kurzen Prozess mit Ihresgleichen. Verlassen Sie sich darauf und sagen Sie es Ihren Freunden weiter. Machen Sie sich keine Hoff­nung. Die Reformisten haben ein für allemal ausgespielt.

 

 

Vorwärts - 22. November 1918

Im Osten wird aufgeräumt - Ganz Südfinnland in Händen der Roten Armee.

Die aus der Front gezogenen deutschen Truppen werden in Wasa, Tammerfors, Helsingfors und Wiborg stationiert. In Warschau haben Weißgardisten am 16. November einen Aufstandsversuch unternommen, an dem sich auch deutsche Offiziere beteiligten. Nach schweren Kämpfen gelang es der roten Arbeiterwehr, die aus deutschen Militärarsenalen mit Waffen versehen worden ist, den Feind aus der Stadt zu verdrängen. Die Weißen haben Verstärkungen aus den Landbezirken erhalten und ziehen sich kämpfend in Richtung Brest-Litowsk zurück. Seite an Seite mit den polnischen Rotgardisten, unter denen sich die Metallarbeiter be­sonders bewährten, kämpften deutsche Bataillone und das erste rote russische Regiment, das aus Kriegsgefangenen des Lagers Neuhammer formiert wurde und sich jetzt den Weg in die Heimat erkämpft. Die deutschen Truppen sind gestern auf Grund der Vereinbarungen mit dem Interalliierten Hauptquartier aus dem Kampf gezogen worden. Sie wurden abgelöst von einer neugebildeten Formation der Roten Garde und von dem zweiten und dritten russischen Kriegsgefangenenregiment, das erst gestern morgen in Warschau ausgeladen wurde. In Brest-Litowsk ist der weiße Aufstand durch den Verrat deutscher Offiziere ge­glückt. Der Versuch, die deutschen Soldaten zur Teilnahme am Kampf auf Seiten der Weißen zu bewegen, gelang nur in sehr geringem Umfange. Der größte Teil der deutschen Truppen schlug sich nach Osten durch, wo von Pinsk her die russische rote Armee anrückt. Die Telegraphenstation wurde noch einige Stunden von roten Truppen gegen den Ansturm der Weißgardisten gehalten. Wir bringen nachstehend ein Dokument dieses heldenhaften Verteidigungskampfes :

Das letzte Telegramm aus Brest-Litowsk


„aufstand geglückt, weil Wachsamkeit der deutschen truppen nachließ. schuld ist letzter befehl, der einmischung in innere Verhältnisse verbot. mehrzahl der deutschen offi­ziere hat sich an Weisung nicht gehalten, sondern sich aktiv am aufstand beteiligt und alle treugebliebenen Offiziere und mannschaften erschossen oder totgeprügelt. nur drei offiziere konnten sich mit roten mannschaften nach osten durchschlagen. soldatenrat will aktiv am kampf um wiedereroberung von brest-litowsk teilnehmen, falls festung nicht vor anrückender roter armee kapituliert. Weißgardisten greifen unser telegraphenamt an, zum drittenmal ... wir ... vier mann ... beteiligen ... uns vom Fenster aus ... am kampf, Weißgardisten übersteigen mauer, deutsche offiziere dabei. weiße fahne ... Waffenstillstand ... parlamentär vorgeschickt ... befehl .., waffen niederlegen keine Verhandlungen ... bedingungslos niederlage. Übergabe ... kameraden kommen aus dem hause, legen waffen nieder ... deutscher offizier erschießt parlamentär ... Weißgardisten stürzen sich auf gefangene ... ermordet ... wir eröffnen wieder kampf vom fenster aus ... kamerad kornmann kopfschuss tot ... kamerad krause brustschuss ... telegraphist müller auch tot ... ich meyer ... tippe weiter ... linke hand taste ... rechte revolver ..."


Auch Kamerad Meyer wird seine Treue zur Revolution mit dem Tode bezahlt haben. Welcher von den vielen Meyers war das, welcher von den vielen Meyers, die im Osten und Westen, in Kälte und Sonnenbrand für das Kaiserreich ge­kämpft und gelitten haben? Jetzt sind sie tot, die Kameraden Kornmann und Krause und Meyer und Müller. Eben­so tot wie ihre vielen Namensvettern, deren Knochen vor Ypern, an der Somme, vor Verdun und am Isonzo bleichen.
Ja, jetzt sind sie tot, aber sie fielen nicht mehr für den Kaiser, nicht mehr für den Kapitalismus, sie opferten frei­willig ihr Leben für die Revolution, für die Sache des Vol­kes. Und vor ihrem Tode haben sie uns einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Sie haben uns die Augen geöffnet. Sie haben uns gezeigt, welches Schicksal uns erwartet, wenn wir auch nur einen Augenblick nachlassen, wenn wir weich werden und auch nur eine Minute lang vergessen, unsere Pflicht zu tun.
Wir danken euch für diesen Dienst, Kamerad Kornmann, Meyer, Müller und Krause. Wir danken euch und werden euch rächen. Eure Mörder werden ihrem wohlverdienten Schicksal nicht entgehen.
Vom Osten und vom Westen her gehen die roten Truppen gegen Brest-Litowsk vor. In Lodz ist der weiße Aufstand mühelos von der roten Arbeiterwehr unterdrückt worden. Die letzten weißen rumänischen Truppen haben sich auf Galatz, Braila und Ismail zurückgezogen. Von Norden her rücken Deutsche, Russen und Rumänen, von Bukarest aus Deutsche und Rumänen gegen sie vor. Bald werden auch diese beiden Punkte, die letzten Hoffnungen der Gegenrevolution, in unserem Besitz sein. Dann ist der Osten frei. Die Landungstruppen der Entente in Odessa wurden ins Meer zu­rückgeschlagen. Im Norden rückt die russische rote Armee gegen das Eismeer vor. In Sibirien sind Verhandlungen mit den tschechoslowakischen Legionären eingeleitet. Bald wird auch Sibirien frei vom Feinde sein. Bulgarien wurde von Ententetruppen besetzt. Werden auch die Italiener weiter vor­rücken? Wiederum ist es den Kapitalisten der Westmächte gelungen, französische und englische Proletarier vorzutrei­ben zum Kampf gegen ihre Brüder. Wie lange noch?

 

 

Vorwärts - 23. November 1918

Der Waffenstillstand gekündigt!

Der Waffenstillstand ist gekündigt worden. Das ist die Kriegserklärung der kapitalistischen Weststaaten an die internationale sozialistische Revolution. Begründet wird dieser Schritt mit der noch nicht vollzogenen Ablieferung der deutschen Kriegsschiffe und Unterseeboote sowie mit der Mitwirkung deutscher Truppen bei der Einnahme von Brest-Litowsk und bei der Umzingelung und Gefangennahme der Reste der königlich rumänischen Armee bei Galatz und Braila. Außerdem sollen deutsche Truppen bei den Kämpfen in Budapest nach Ausrufung der ungarischen Räterepublik auf Seiten der Revolutionäre mitgewirkt haben.
Die Kündigung des Waffenstillstandes erfolgte mit 48 stündiger Frist. Die Entente hat sich also formell an die Bestimmungen des Waffenstillstands-Abkommens gehalten, in Wirklichkeit aber die Kriegshandlungen schon in der letzten Nacht wieder aufgenommen. Ein deutsches Regi­ment, das sich noch auf belgischem Boden befand, ist von französischen Truppen umzingelt und gefangen genommen worden, obwohl das Gebiet, auf dem es sich befand, erst am 24. November geräumt werden sollte. Im Skagerrak sind schon am 22. November 2 deutsche U-Boote, die von gro­ßer Fahrt zurückkamen, von englischen Kriegsschiffen in Grund gebohrt worden, weil die Besatzung sich weigerte, einen englischen Hafen anzulaufen.
Der Zentralrat der Nord- und Ostseeflotte hat daraufhin beschlossen, die Flotte sofort nach dem Osten in Fahrt zu setzen, wo sie sich mit der roten Baltischen Flotte vereini­gen soll. Die Ostseeflotte hat bereits gestern nachmittag Kiel verlassen. Der gestern früh von Wilhelmshaven aus­gelaufenen Nordseeflotte ist es gelungen, die Eibmündung zu erreichen. In der Helgoländer Bucht versucht eine eng­lisch-französische Flotte, den deutschen Minengürtel, der ständig verstärkt wird, zu durchbrechen. Das vor acht Ta­gen begonnene Minensuchen ist eingestellt worden. Aus der Erwägung heraus, dass in absehbarer Zeit doch keine deut­sche Flotte in der Nordsee operieren wird, hat der rote Ma­trosenrat der Nordseeflotte beschlossen, alle vorhandenen Minenvorräte in der Elb- und Wesermündung auszustreuen. In der Ostsee, am Südausgang des Sundes und des Belts, sollen dagegen nur an bestimmten Punkten verankerte Minen gelegt werden.
Der Zentralsoldatenrat der Westfront und das rote Ober­kommando der Westarmee haben folgende Befehle er­halten :
„Sollte das Feuer von gegnerischer Seite eröffnet werden, so ist es auf keinen Fall zu erwidern. Die freiwillige Ab­lieferung von Kriegs- und Beförderungsmaterial ist sofort einzustellen. Den Truppenteilen werden ausreichende Geld­mittel zur Verfügung gestellt, um alle Beförderungsmittel, Pferde und Wagen, Last- und Personenautos auf deut­schem Gebiet für den Rücktransport von Truppen, Lebens­mitteln und Kriegsmaterial aufzukaufen. Wenn Verkauf verweigert wird: requirieren! Es ist sofort eine Aufnahme-Stellung zum Schutz des Rheinüberganges vorzubereiten. Alle Truppen sollen versuchen, in Eilmärschen sich vom Gegner zu lösen und die Aufnahmestellung zu erreichen. Da die Rheinbrücken für den beschleunigten Rückzug der Truppen und die Rettung des erfassbaren Materials nicht ausreichen, werden sämtliche Kähne auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen mit dem heutigen Tage requiriert und sind mit Bemannung sofort zur Verfügung zu stellen. Auf der Strecke von Mannheim bis Bonn sind, soweit möglich, sofort weitere Pontonbrücken unter Verwendung von re­quirierten Rheinkähnen und mit Hilfe der Arbeiterschaft zu bauen. Die Arbeiterräte im Ruhrgebiet sowie in Mainz und Mühlheim haben beschlossen, sofort alle Kähne zu entladen und für den Transport zur Verfügung zu stellen. Fußtruppen sind möglichst in Kähnen überzusetzen. Die Brücken sind für den Übergang von Fahrzeugen und Pferden freizuhalten."

 

 

Vorwärts - 25. November 1918

Krieg der Entente gegen die Revolution!

Belgien, Luxemburg, Nordfrankreich und Elsass-Lothrin­gen sind von den deutschen Truppen geräumt. Nur 24 Stunden lang haben die Alliierten die Fiktion aufrechterhalten, dass sie die Kündigungsfrist einzuhalten bereit seien. Sie hofften, nach Ablauf der 48 Stundenfrist noch zurechtzukommen, um das Gros der deutschen Nordarmee durch einen Süd-Nordvorstoß gegen Aachen und den Maas­trichtzipfel abschneiden zu können. Dann merkten sie aber, dass sie sich verrechnet hatten. Vierundzwanzig Stunden vor Ablauf des Waffenstillstandes wurde der Grenzort Malmedy bombardiert und von französischen Truppen gestürmt. Die nördlich Malmedy stehenden Truppen setzten sich zur Wehr, um nicht in Gefangenschaft zu geraten und um den nördlicher marschierenden Truppen den Rücken zu decken. Jetzt ziehen sich unsere Truppen, nachdem die Gefahr, die dem rechten Flügel drohte, abgewendet worden ist, nord- und ostwärts zurück. An der ganzen übrigen Front haben wir das Feuer, das von den Ententetruppen eröffnet wurde, nicht erwidert. Obwohl bei dem scharfen Tempo des Rückzuges an den meisten Stellen fünf bis zehn Kilometer Abstand zwischen den deutschen und Entente­truppen besteht, haben die Ententetruppen das Artilleriefeuer an allen Stellen aufgenommen, wo sie die deutsche Grenze überschritten haben.
Vom Rate der Volksbeauftragten wurde folgender Funk­spruch aufgegeben:
An das Interalliierte Hauptquartier
Wir protestieren gegen den Bruch des Waffenstillstandes. Obwohl die deutschen Truppen sich überall kampflos zurückziehen, ist Ihrerseits das Feuer auf der ganzen Front wieder aufgenommen worden.
Wir sind nach wie vor bereit, das ganze linksrheinische Gebiet kampflos zu räumen und ersuchen dringend um Einstellung der Feindseligkeiten.

 

AUFRUF


an alle Soldaten der französischen, englischen, belgischen, amerikanischen und italienischen Armee.
Das Proletariat in Deutschland und Österreich-Ungarn, in Polen, in der Ukraine und in Rumänien hat seine Ketten abgeworfen. Wir wollen auf den Trümmern des Kapitalis­mus ein neues sozialistisches Gemeinwesen auf überstaat­licher Grundlage errichten und uns dem Freiheitskampf unserer russischen Brüder anschließen. Der Krieg ist zu Ende. Der deutsche Kaiser, der russische Zar, der Kaiser von Österreich, sie sind nicht mehr. Trotzdem will man euch wieder zum Kampf gegen uns führen. Ihr sollt ein neues Blutvergießen beginnen, obwohl wir uns verpflichtet haben, kampflos das linke Rheinufer zu räumen. Warum hetzt man euch auf uns? Weil unsere Revolution nicht Halt gemacht hat mit der Absetzung der Monarchen, weil wir es nicht genug sein lassen mit der Beendigung des jetzi­gen Krieges, sondern weil wir auch die Ursache von wei­teren Kriegen beseitigen wollen: das fluchwürdige System des Kapitalismus. Das gefällt euren Beherrschern natürlich nicht, denn auch sie sind ja Kapitalisten. Sie ließen ja, wie die unseren, ihren Krieg durch euch führen im Interesse ihres Kapitals. Und dieses Kapital ist in Gefahr, wenn sich nun ganz Mittel- und Osteuropa auf sozialistischer Grund­lage einigt. Nicht, dass wir die Absicht hätten, euch anzu­greifen. Nein, eure Unterdrücker fürchten, dass ihr, unserm Beispiel folgend, auch daran denken könntet, eure Fesseln abzuwerfen. Deshalb sollt ihr jetzt gegen uns kämpfen. Ihr sollt unsere Revolution niederwerfen, damit ihr nicht auf den Gedanken kommt, euch gegen eure Herrscher zu erheben. Man will uns schlagen und euch damit treffen. Ihr kämpft gegen euch selbst, wenn ihr den Befehlen eurer Generäle weiter Folge leistet.
Die Stunde eurer Befreiung hat noch nicht geschlagen. Der Siegestaumel, der in euren Ländern herrscht, hat auch weite Kreise des Proletariats erfasst. Die vom Siegesjubel erfüllten Gehirne werden erst allmählich zu der Erkenntnis gelangen, dass es nicht nur darauf ankommt, den deutschen Kapitalismus zu schlagen, sondern dass man den Kapitalismus international beseitigen muss. Die Zeit wird kommen, wo diese Notwendigkeit von den Werktätigen aller Länder klar erkannt wird. Noch ist es nicht so weit. Vorläufig erwarten wir nur eins von euch, Kameraden: Schießt nicht auf eure deutschen Brüder!

Der Seekrieg beginnt


Die deutsche Ostseeflotte hat sich auf der Höhe von Danzig mit der russischen Ostseeflotte vereinigt. Die Nordseeflotte hat den Nord-Ostsee-Kanal passiert und wird heute abend den Kieler Hafen verlassen. Die englisch-französi­sche Nordseeflotte hat bei ihrem Vorgehen in der Helgo­länder Bucht 3 deutsche Minenschiffe, 2 Torpedo- und 2 Unterseeboote zerstört, aber selbst schwere Verluste durch Minen erlitten. Ein englisches Linienschiff wurde von einem deutschen Unterseeboot torpediert und sank. Die Engländer scheinen eine Landung in Cuxhaven und Brunsbüttel­koog zu planen. Truppentransportschiffe wurden bei Helgoland gesichtet. Die englische Flotte versucht in die Ostsee einzudringen. Sie erleidet schwere Verluste durch Un­terseeboote, Flugzeuge und Minen. Wird die deutsche Flotte aktionsfähig sein, obwohl mehr als die Hälfte der Offiziere fehlt? Nur drei Schiffskommandeure von größeren Einhei­ten haben sich mit der Mannschaft solidarisch erklärt und die Führung behalten. Auf den kleineren Schiffen ist die Zahl der uns ergebenen Offiziere glücklicherweise bedeu­tend höher. Die Möglichkeit einer offenen Seeschlacht hat eine ganze Anzahl höherer Marineoffiziere in letzter Minute veranlasst, ihre Dienste wieder zur Verfügung zu stellen. Aus Sicherheitsgründen hat der Zentralmatrosenrat jedoch nur in geringem Umfange von diesem Angebot Ge­brauch gemacht und die ausgewählten Offiziere unbeschadet ihres Dienstranges nur mit der Führung kleinerer Schiffseinheiten betraut. Wird der revolutionäre Elan der Matrosen imstande sein, den Mangel an militärischer Führung wettzumachen? Werden die englischen Matrosen bedingungslos den Befehlen ihrer Führer Folge leisten? Die nächsten Tage werden Antwort bringen.

 

 

Vorwärts - 29. November 1918

Lenin in Berlin

Die Ankunft. Schon am frühen Morgen war ganz Berlin auf den Beinen. Trotz der schwierigen Verkehrslage wa­ren Zehntausende von Menschen nach Berlin geströmt, um Zeuge zu sein bei der Grundsteinlegung der neuen Gesell­schaft. Der ganze lange Weg vom Flugplatz bis zum Reichs­tagsgebäude, das nun wirklich dem deutschen Volke und dem internationalen Proletariat gehört, war dicht von Men­schen umsäumt. Acht Reihen tief standen auf einer Straßenseite die Mitglieder der bewaffneten roten Macht, die Angehörigen der Roten Armee und der Roten Arbeiterwehr Berlins. Auf der anderen Seite die Mitglieder des Roten Frauenbundes zur Verteidigung der Revolution und -kilometerweit, ebenfalls zu Hunderttausenden — unsere Jugend, die kommende Generation, der die Erfolge unseres Kampfes zugute kommen sollen. Spannung, Begeisterung, Kampfbereitschaft auf allen Gesichtern. Heut kommt kein Potentat, kein degenerierter Spross eines Fürstenhauses. Heut kommen die Männer von morgen, die Führer der Revolution. Ungeheurer Jubel bricht aus, als die Führer der deutschen Revolution vorbeifahren, Karl Liebknecht, Ledebour, Rosa Luxemburg, Levine.
Immer stärker schwillt der Sturm der Begeisterung an: die ausländischen Revolutionäre fahren vorbei, die Vertreter der Länder, in denen die Revolution bereits siegreich war, und auch der Länder, deren Herren noch bemüht sind, die internationale Revolution mit Waffengewalt niederzuschla­gen. Niederzuschlagen? Wenn ihr bisher noch Furcht ge­habt habt um das Schicksal der Revolution, heute nicht mehr! Seht sie euch an, die Hunderttausende auf der rech­ten Straßenseite, die hungernden und schlechtgekleideten Männer mit dem Gewehr über der Schulter, seht ihre ab­gehärmten, aber entschlossenen Gesichter! Seht ihre leuchtenden Augen! Auf diese Männer könnt ihr euch verlassen, ihr ausländischen Genossen. Nehmt diese Zuversicht mit in eure Länder!
Die Begeisterung wächst ins ungemessene, wie die französischen und englischen Sozialisten kommen, die sich unter Lebensgefahr in das rote Berlin durchgeschlagen haben. Und plötzlich wird der Sturm zum Orkan, reißt alles hoch in einem einzigen ungeheuren Wirbel. Hunderttau­send Willen werden zusammengeschweißt zu einem ein­zigen Willen, hunderttausend Kehlen verschmelzen, vereini­gen sich zu einem einzigen Ruf
Lenin!!! Lenin!!! Lenin!!!
Kilometerweit rollt der Wagenzug dahin durch ein Meer Von schreienden, schwitzenden, begeisterten Menschen. Endlich wird die Fahrt langsamer. Im Tiergarten, vor dem Brandenburger Tor, stehen Glied an Glied die bewaffneten Ehrengäste der deutschen Revolution. An der Spitze ein rotes russisches Regiment, das den ganzen Bürgerkrieg in Russland mitgemacht hat und nun auf die neugebildeten Kriegsgefangenenformationen verteilt werden soll. Und dann Kompanien, Bataillone, Regimenter, Brigaden, Divisionen, eine ganze Armee, eine große Armee in voller Ausrüstung mit Tausenden von Geschützen: die roten russischen Regimenter, die in den deutschen Kriegsgefangenenlagern gebildet worden sind. Danach kleinere Abteilungen: ein öster­reichisches und ein ungarisches Regiment, ein polnisches, rumänisches und griechisches Bataillon. Berittene Kirgisen. Eine gemischte Formation aus Chinesen, Japanern und Koreanern. In ihrer Heimat haben sie auf Befehl ihrer Pierren gegeneinander marschieren müssen. Hier kämpfen sie, — nach jahrelanger Internierung — Seite an Seite für die Revolution, die eines Tages auch ihre Revolution sein wird. Neben ihnen kleine Gruppen von Partisanen, Flüchtlinge aus Serbien und Bulgarien, wo jetzt nach Niederwerfung des Aufstandes, unter dem Schutz der Ententetruppen, der weiße Terror herrscht. Eine freiwillige nordische Kompanie : Dänen, Schweden, Norweger. Früher konnten sie (oder waren es nur ihre Fürsten?) sich nicht vertragen, waren nicht unter einen Hut zu bringen. In Zukunft, in der gro­ßen sozialistischen Republik, werden sie es lernen.
Auf dem Platz der Revolution, vor dem Reichstagsgebäude stehen die Exoten: Neger, Zuaven, Marokkaner. Inder usw., in tiefgestaffelten Kolonnen, in Bataillonen und Regimenter formiert. Ihr farbigen Brüder! Man hat euch hineingezerrt in den Krieg der Weißen, in dem ihr nichts zu suchen hattet. War es euch nicht einerlei, ob ihr von deutschen, französischen, englischen oder belgischen Kapitalisten beherrscht wurdet? War euch viel daran gelegen, welche Sprache der weiße Mann sprach, der gegen euch die Peitsche schwang, der euch eure Frau raubte und euren Bo­den, der eure Hütte anzündete, wenn ihr nicht zur Zwangs­arbeit erschient? Nein Genossen, ihr habt wahrhaftig kein Interesse daran gehabt, dass gerade eure Beherrscher den Krieg gewannen. Ihr habt nur ein Interesse, einen großen, brennenden, dringenden Wunsch: frei zu werden. Deshalb hat die Agitation im Kriegsgefangenenlager gerade in euren Reihen so großen Erfolg gehabt. Deshalb habt ihr euch so gefreut, als die Ententeoffiziere, die im Lager erschienen waren, um euch zurück in die Knechtschaft, in die Hände eurer Sklavenhalter zu treiben, von roten Soldaten verhaftet wurden. Die sozialistische Revolution macht nicht halt vor Landesgrenzen, auch nicht vor Sprachgrenzen und ebenso wenig vor einer anderen Hautfarbe. Die sozialistische Revolution wird allen Völkern, allen Rassen die Freiheit bringen. Auch ihr habt eure Delegierten ins Reichstagsgebäude gesandt, und was da drüben heute beschlossen wird, soll auch für euch Gültigkeit haben. Deshalb steht ihr hier, auf dem Platz der Revolution.
Links und rechts vom Reichstagsgebäude aber steht je ein rotes Regiment aus englischen, französischen, belgischen und italienischen Kriegsgefangenen. Sie können nie mehr in ihre Heimat zurückkehren, wenn nicht auch bei ihnen die Revolution siegt. Trotzdem sind sie bereit, in unsern Reihen zu kämpfen. Bravo, Genossen! Im Portal des Reichstages steht, mit roter Armbinde, ein amerikanischer Genosse. Ein einziger. Er ist sichtlich betrübt darüber, dass er allein ist und sozusagen als sein eige­ner Abgeordneter fungiert. Er hatte vergeblich versucht, unter den amerikanischen Kriegsgefangenen Freiwillige für die Rote Armee zu werben.
Ein Volksbeauftragter spricht: „Für euch, Genos­sen aus Frankreich, ist dieser Tag besonders bedeutungs­voll. Erinnert euch an das prophetische Wort Victor Hugos, der uns, den Deutschen, dankte, weil wir Frankreich von seinem Kaiser befreit hatten, und uns versprach, dass Frank­reich auch Deutschland von seinem Kaiser befreien werde. Das habt ihr nun getan, französische Genossen. Aber wir, wir haben noch ein weiteres getan. Wir haben uns von einem noch schlimmeren Feinde, von der kapitalistischen Herrschaft befreit, und unseren Dank werden wir euch, französische Genossen, bezeugen, indem wir helfen, auch euer Land von der Herrschaft des Kapitalismus zu be­freien."

 

Lenin spricht


(10 Uhr vormittags.) ,,... aber das ist nicht die Hauptsache, dass der Rätebund ungefähr 400 Millionen Einwoh­ner hat. Auch das ist noch nicht das Typische, dass viele Nationen, viele Sprachen und fast alle Rassen in unseren Grenzen vereinigt sind. Auch das zaristische Russland umschloss fast 200 verschiedene Nationen. Aber sie wurden unterdrückt, geknutet, russifiziert. Der Bund der Sozialistischen Rätestaaten kennt jedoch keine Unterdrückung. Jede Nation, und sei sie noch so klein, und jede versprengte Minderheit in anderssprachigen Gebieten hat völlige kulturelle und nationale Freiheit, kann eigene Schulen und Universitäten errichten, kann alle Angelegenheiten in eigener Sprache regeln, auch den Verkehr mit Behörden und Zentralstellen. Alle Nationen haben ebenso wie alle Personen gleiche Rechte, aber auch gleiche Pflichten. Die eine Hauptpflicht vor allen anderen: mitzuarbeiten am sozialistischen Aufbau der Welt. Personen, die sich diese Aufgabe nicht zu eigen machen, die nicht ihre ganze Kraft, nicht all ihr Wis­sen und Können in den Dienst dieser großen Aufgabe stellen, haben bei uns keine Rechte. Es mag für den ersten Augenblick hart erscheinen, wenn wir den Angehörigen der früher herrschenden Klasse nicht nur ihre früheren Vorrechte nehmen, sondern ihnen auch die Rechte vorenthalten, die jeder Werktätige besitzt. Es ist ein Akt der Notwehr, eine Forderung der Selbsterhaltung. Erst nachdem der Sozialismus in der Welt die vorherrschende Wirtschaftsform geworden ist, können wir großzügiger sein. Wenn sich also unsere früheren Kapitalisten beklagen, so antwor­ten wir ihnen: Es liegt an euch selbst. Helft mit am sozialistischen Aufbau. Helft mit bei der Bekämpfung der Konterrevolution innerhalb und außerhalb unserer Grenzen! Je eher die Entscheidungsschlacht im Weltmaßstabe gewonnen wird, um so eher können wir die Sperre, die wir über euch als über asoziale Elemente verhängen mussten, auf­heben.
Der sozialistische Aufbau wird auf Jahre hinaus all unsere Kräfte in Anspruch nehmen, wird von jedem einzelnen ein Höchstmaß von Wollen und Können verlangen. Aber vor­läufig haben wir noch eine dringendere Aufgabe. An allen Grenzen steht der Feind, der Kapitalismus. Wir müssen uns seiner erwehren. Wir müssen dabei im Auge behalten, dass dieser Kampf eine ganz andere Form annehmen wird als im imperialistischen Kriege. Wir müssen eine wahrhaft revolutionäre Strategie entwickeln. Wir werden unseren Feldzugsplan aufstellen, hier, sofort, in aller Öffentlichkeit. Wenn früher die Feldherren bemüht waren, ihren Feldzugsplan möglichst geheim zu halten, wenn früher die Geheimhaltung geradezu eine Vorbedingung für das Gelingen einer Schlacht war, so ist dies bei uns völlig anders. Wir haben das stärkste Interesse daran, dass unser Feldzugsplan (natürlich nicht etwa jeder taktische Einzelzug, sondern das politische Ganze) möglichst überall bekannt wird. Wir rechnen sehr stark mit der Tapferkeit unserer Genossen in den Roten Armeen. Wir erwarten sehr viel von ihnen. Wir rechnen aber ebenso stark mit den Genossen auf der anderen Seite der Front. Wir setzen die Armeen der kapitalistischen Westmächte in unsere Berechnungen ein, bis zu einer gewissen Grenze als Passivum, von dieser Grenze ab als Aktivum. Vorläufig gehorcht die Mehrzahl der Soldaten in den Ententearmeen noch den Befehlen ihrer Offiziere. Aber das wird nicht ewig so weiter gehen. Je mehr ihnen zugemutet wird, je länger sie gezwungen werden, einen Krieg gegen ihre Brüder, gegen ihre eigenen Interessen fortzusetzen, desto stärker wird die Neigung werden, un­serm Beispiel zu folgen. Mit diesen Tatsachen dürfen und müssen wir rechnen. Keine übertriebenen Hoffnungen, aber auch kein übertriebener Pessimismus! Beides wäre in glei­chem Maße schädlich.
Wir müssen heute unser eigener Generalstab sein. Begin­nen wir mit der Arbeit. Hängt die Karte auf, Genossen! Nord front. Die finnische und nordrussische rote Armee werden einem gemeinsamen Kommando unterstellt. Die deutschen Truppen sind wieder in die Kampffront einge­reiht. Die ostfinnischen Bahnen sind bis zur Endstation, die westfinnische ist bis Uleaborg in unserer Hand. Bei Uleaborg ist ein Kampf mit schwedischen Interventionstruppen im Gange. Archangelsk ist eingenommen. Die Be­satzung, zaristische Offiziere und Ententetruppen, ist gefangen genommen. Um Murmansk wird augenblicklich gekämpft. Dort wird es wohl den Ententetruppen gelingen, auf dem Seewege zu entweichen.
Nach Einnahme von Murmansk wird die Nordarmee un­sere Brüder in Schweden und Norwegen unterstützen, die den Kampf mit den Weißen aufgenommen haben. Ostfront. Nachdem die tschechoslowakischen Legionen zu uns übergegangen waren, ist die weißrussische Front im Kaukasus und in Sibirien völlig zusammengebrochen. Omsk ist von der roten Armee besetzt. In Tomsk und Krasnojarsk war ein Arbeiteraufstand erfolgreich. Beide Städte werden von zurückflutenden weißen Truppen hart bedrängt. Die Konterrevolution wird aber in diesen Gebieten bald liquidiert sein. Irkutsk ist fest in der Hand des neugebildeten Sowjets. Wladimir-Ulinsk und Nertschinsk sind von Partisanenabteilungen eingenommen worden. Der Rückzug nach dem Osten ist den Weißen abgeschnitten. Auch im fernen Osten machen unsere Partisanenabteilungen Fortschritte. Ein Arbeiteraufstand in Wladiwostok ist von den englischen, französischen, italienischen und japanischen Interventionstruppen niedergeschlagen worden. Es gelang jedoch einem Teil der roten Arbeiterwehr, sich zu den Partisanen nach Sutschan durchzuschlagen. Sobald die Transsibirische Bahn fest in unserer Hand ist, werden wir den Angriff auf Wla­diwostok vorbereiten. Starke rote Kräfte wurden bereits von der Uralfront nach dem Fernen Osten dirigiert, wo schwere Kämpfe zu erwarten sind, wenn wir Wladiwostock nicht sofort einnehmen. Die in Sibirien befindlichen Kriegs­gefangenen der ehemaligen deutschen, türkischen und öster­reichisch-ungarischen Armee, mit Ausnahme der Tschecho­slowaken, werden gleichfalls in die Kampffront eingereiht und nach Wladiwostok entsandt. Alle übrigen Truppen der roten Armee an der Uralfront werden zur ersten Süd­armee, nach Turkestan, in Marsch gesetzt. Die an der Wolgafront freigewordenen deutschen und russischen Truppen marschieren durch den Kaukasus über Tiflis nach Erzerum und bilden dort mit den Resten der deutschen Kaukasus­armee die zweite Südarmee. Marschrichtung: Mossul-Bag­dad-Koweit.
Schwarzmeerfront. Alle deutschen und russischen Truppen, die in der Krim, in der Ukraine und in Bessarabien freigeworden sind, haben sich süd- und westwärts bewegt. Eine vereinigte rote Armee, bestehend aus Deutschen, Russen und Rumänen, hat die Donau bei Tschernowoda überschrit­ten und die Schwarze Meer-Festung Constanza eingenommen. Bei der Einnahme von Constanza wurde unerwarteter­weise fast kein Widerstand geleistet. Die französischen Interventionstruppen, die sich nach ihrer Niederlage vor Odessa in Constanza festgesetzt hatten, wurden kurz vor Eintref­fen der Unsern Hals über Kopf eingeschifft. Etwa hundert französische Soldaten sind desertiert und zur roten Armee übergegangen. Nach dem Verlassen des Hafens begann ein französischer Panzerkreuzer die Stadt zu bombardieren. Die anderen Schiffe beteiligten sich jedoch nicht am Bombarde­ment. Darauf wurde das Feuer gänzlich eingestellt. Es ist anzunehmen, dass an Bord eine Meuterei ausbrach, oder wenigstens, dass sich die französischen Matrosen weigerten, die Stadt zu bombardieren.
Die Schwarze Meer-Armee hat Befehl erhalten, sich südwärts in Marsch zu setzen und in der Linie der drei Festungen Rustschuk, Schumala, Warna Stellung zu beziehen. Alle übrigen in Südwestrussland und in Rumänien freigewordenen oder neu zu formierenden Truppenteile sind so­fort zur Ost-Donauarmee in Marsch zu setzen. Die Ost-Donauarmee erhält den Auftrag, die Donaulinie bis zum Eisernen Tor unter allen Umständen zu halten gegen Angriffe, die von den Ententetruppen in Bulgarien zu erwarten sind. Die Enteritetruppen in Bulgarien sind nicht allzu stark. Die Auf Standsbewegung, die zuerst unterdrückt wurde, nimmt wieder zu.
Im Gebiet von Widdin-Turnu-Magurele wird eine rote Rei­terarmee aufgestellt. Aus Konstantinopel liegen noch keine Nachrichten vor. Es sind Kämpfe im Gange, deren Ausgang noch ungewiss ist. Genossen!
An den Fronten, die wir bisher besprochen haben, sind nach Lage der Dinge, nach der Klassenschichtung und nach dem Verhältnis der auf beiden Seiten zur Verfügung stehenden Truppen in den nächsten Tagen und Wochen Siege zu er­warten. Die Hauptsache ist zunächst, dass wir unsere Macht im Osten stabilisieren und mit den Weißen so schnell wie möglich aufräumen.
Wir müssen Kräfte freibekommen, um sie für den Kampf im Westen umgruppieren zu können. Erst wenn uns das gelungen ist, werden wir imstande sein, dem Vormarsch des Feindes auch im Westen wirksam zu begegnen. Die Lage im Süden ist noch reichlich ungeklärt. Das Haupt­gewicht müssen wir darauf legen, die Linie Mur—Drau— Donau als Aufnahmestellung auszubauen und gegen alle Angriffe zu halten. Das können wir, Genossen, dazu sind wir stark genug. Alle in Ungarn und in den Karpatenländern neugebildeten Formationen der Roten Armee sind an­gewiesen, in dieser Linie aufzumarschieren und sich dem Kommando des Stabes der West-Donauarmee zu unter­stellen.
Die Wiener Volksarmee übernimmt die Verteidigung des Frontabschnittes Linz bis nördlich Marburg. Auf die roten Truppenteile in Polen und in Tschechien können wir zunächst bei der Verteidigung unserer Außenfronten noch nicht rechnen. Sie müssen sich erst konsolidieren und im Lande bleiben, um die immer wieder aufflackern­den weißen Aufstände zu unterdrücken. Wir kommen nun zu der am meisten gefährdeten Stelle, zur Westfront. Hier sind wir auf die Rheinlinie zurückgegangen. Wir werden dem Gegner den Rheinübergang so schwer wie möglich machen. Wir dürfen uns aber nicht der Illusion hingeben, dass wir die Rheinlinie lange halten können.

Aus zwei Gründen.
Erstens: Die Westarmee hat im Weltkriege Entsetzliches erduldet. Ihre Bestände wurden in den letzten Monaten des Weltkrieges furchtbar dezimiert. Die Truppen sind erschöpft. Zu einem Teil sind sogar die Kampfverbände völlig aufgelöst. Trotzdem haben sich die Mannschaften der Nachhut in den letzten Tagen nach dem Bruch des Waffenstillstandsabkommens bewundernswert geschlagen. Wir dürfen uns aber dadurch nicht täuschen lassen. Wir müssen die Widerstandsfähigkeit und die Kampfkraft der Westarmee richtig einschätzen und uns die besonderen Gründe der letzten Erfolge vor Augen halten. Welche Wirkung die Revolution auf die Kampfkraft der Truppen gehabt hat, kön­nen wir noch nicht feststellen. Wir dürfen diese Wirkung aber nicht zu hoch einschätzen. Die Truppen standen vor der Alternative: Gefangennahme oder Kampf. Etwas anderes gab es nicht. Auch eine Flucht hätte unweigerlich mit der Gefangennahme geendet. Der Rückzug über den Rhein ist nur möglich, wenn der Übergang militärisch gesichert wird. Außerdem herrschte starke Erbitterung über den Ab­bruch des Waffenstillstandes und über die Beschießung kampflos abmarschierender Truppen. Hinzu kam, dass die am Kampf beteiligten Vorhuttruppen der Entente den deutschen Nachhuttruppen nicht sehr überlegen waren. Schwere Artillerie war fast gar nicht am Kampf beteiligt. Auch unter den Ententetruppen herrschte starke Empörung über den Abbruch des Waffenstillstandes und über den Befehl, auf friedlich abmarschierende Truppen zu schießen. Außer­dem waren sie auf Widerstand nicht gefasst. Ihre Angriffe waren lau und energielos. Das Feuer schwach. Die Truppen scheinen sich teilweise am Feuergefecht überhaupt nicht beteiligt zu haben. Unsere Proklamationen sind offen­bar nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Zur offenen Meu­terei ist es allerdings, soviel bekannt wurde, noch nirgends gekommen.
Das ist der zweite Grund. Die Ententetruppen sind noch nicht genügend demoralisiert. Solange sie auf dem linken Rheinufer stehen, werden sie ihren Offizieren noch gehor­chen. Solange aber das technisch gewaltig überlegene, vorzüglich proviantierte Heer der Entente seinen Kampfgeist nicht eingebüßt hat, von unserer Propaganda noch nicht zersetzt ist, werden wir zwar vorübergehende Erfolge erzielen, uns aber auf die Dauer nicht behaupten können.
Ich gebe nun einem Delegierten der Westfront das Wort zu einem eingehenden Bericht über die Kampflage.

 

Der Delegierte der Westfront:


,,Genossen! Nachdem die Gefahr der Umzingelung für den Nordflügel der Westarmee abgewehrt war, erwiderten wir das Feuer der Ententetruppen zunächst an keiner Stelle mehr. Plötzlich stießen die Ententetruppen auf energischen Widerstand in der Linie Aachen, Fluss Kyll, Kaiserslautern, Kehl. Diese Linie hatten wir zur Deckung des Rückzuges ausgesucht. In zweitägigen Kämpfen gelang es den Ententetruppen nicht, diese Linie zu durchbrechen. Trotzdem setzten wir den Rückzug fort. Der Gegner rückte zuerst zögernd nach, stieß aber dann auf starken Widerstand in der Linie Aachen — Bonn, wo wir uns bis gestern trotz immer wieder ver­stärkten Angriffen gehalten haben. Die Eisenbahnanlagen von Trier sind von unseren Truppen beim Rückzuge ge­sprengt worden. Die im Moseltal vorrückenden Entente­truppen begegneten zuerst bei Berncastel vorübergehendem Widerstand und wurden dann vor Cochem ganz aufgehal­ten. Wir hatten den großen Eisenbahntunnel bei Cochem an mehreren Stellen gesprengt. Zugleich wurden im Vorort Sehl bei Cochem an günstigen Stellen die rechts und links der Mosel laufenden Moselstraßen durch Bergsprengung ungefähr 30 Meter hoch verschüttet. Durch diese Maßnah­men und durch die strategisch gute Lage gelang es einer einzigen deutschen Division, Cochem gegen eine zuletzt min­destens zehnfache Übermacht bis heute nacht zu verteidi­gen. Wegen Umzingelungsgefahr ist diese Division jedoch aufgefordert worden, sich unter Vornahme weiterer Spren­gungen auf Koblenz zurückzuziehen. Auf der Strecke Bonn —Bingen ist der Rheinübergang fast überall vollzogen. In der Linie Bingen—Kreuznach—Kehl ist es uns gelun­gen, den Gegner solange aufzuhalten, bis das Gros der deut­schen Truppen den Rhein überschritten hatte. Der Rückzug wurde zuerst vom Gegner nicht bemerkt, der mit Rücksicht auf seine schweren Verluste schon begonnen hatte, sich einzugraben, und unsere verlassenen Stellungen noch mehrere Stunden lang mit Trommelfeuer belegte. Von morgen früh ab ist der Rhein die Grenze zwischen den beiden Armeen. Jeder Versuch der Gegner, den Rhein zu überschreiten, wird von uns hartnäckig bekämpft werden. Alle Versuche der Franzosen, vom Elsass aus in Baden einzu­dringen, sind bisher abgeschlagen worden. Anders ist die Lage im Norden.
Nachdem alle Versuche, die Front Aachen—Bonn zu durch­brechen, scheiterten, hat die Entente die holländische Neu­tralität gebrochen und ist uns nach Durchquerung des Maastrichtzipfels in den Rücken gefallen. Es gelang der gegnerischen Vorhut, in München-Gladbach einzudringen, das aber von zwei deutschen Divisionen, die bei Wesel den Rhein überschreiten sollten, sofort wieder genommen wurde.
Wir haben daraufhin Aachen gestern morgen aufgegeben. Die Front wird jetzt ungefähr in folgender Linie gehalten: Deutsche Grenze, Kanal München-Gladbach—Rheydt, Dü­ren, Bonn. Die Gefahr einer großen Umzingelung scheint abgewendet zu sein. Wenn der im Gang befindliche Angriff auf Rheydt und München-Gladbach Erfolg haben und zum Durchbruch führen sollte, ist damit zu rechnen, dass 4 bis 5 deutsche Divisionen abgeschnitten und gefangen genommen werden. In ungefähr 48 Stunden wird der Rheinübergang auch im Norden überall vollzogen sein. Der Zentralrat der Roten Arbeiterwehren im Ruhrgebiet hat beschlossen, die Rheinlinie unter allen Umständen zu verteidigen. Zusammenfassend glaube ich sagen zu können, dass wir stark genug sind, die Rheinlinie von der holländischen Grenze bis Basel gegen alle Angriffe zu verteidigen. Da die niederländische Neutralität jedoch kampflos aufgegeben worden ist, besteht die Gefahr, dass unser rechter Flügel nördlich des Rheins umgangen wird. Die Verteidigung der langen ungeschützten Nordgrenze vom Rhein bis zur Nord­see würde uns sehr schwer fallen. Wir haben deshalb sofort eine Note an die niederländische Regierung gerichtet und sie ersucht, den Schutz der holländischen Neutralität selbst aufzunehmen, da wir uns sonst gezwungen sähen, auch in Holland einzumarschieren. Als Verteidigungsstellung in Holland käme die wegen ihrer Kürze wertvolle Linie Wage­ringen—Zuidersee oder eine Stellung entlang der Yssel in Frage."
Lenin: „Nach diesem Bericht könnten wir annehmen, dass wir imstande seien, die Rheinlinie zu halten. Ich teile diesen Optimismus nicht. Ich bestehe vielmehr darauf, dass unverzüglich alle Maßnahmen getroffen werden, damit ein vielleicht notwendig werdender Rückzug sich nicht zur Ka­tastrophe auswächst. Es handelt sich um folgende Maßnahmen:
1. Eine neue Verteidigungslinie muss festgelegt und ausge­baut werden.
2. Das eventuell zu räumende Gebiet ist von jeglichem rollenden und Kriegsmaterial zu entblößen. Die Zerstörung aller Anlagen, die den einrückenden Gegnern von Nutzen sein können, ist vorzubereiten.
3. Alle Ersatztruppenteile und neugebildeten roten Formationen müssen marschbereit gehalten werden, um jederzeit zurückgenommen werden zu können.
4. Es müssen alle Vorbereitungen zur illegalen Zersetzungsarbeit im Rücken des Gegners getroffen werden. Flugblät­ter zur Verbreitung unter die Truppen der Kapitalisten sind jetzt schon zu drucken. Es sind zuverlässige Genossen zu bestimmen, die zwecks Durchführung dieser höchst ver­antwortungsvollen und wichtigen Aufgabe zurückbleiben. Gleichzeitig schlage ich vor, den Westmächten nochmals ein Waffenstillstandsangebot zu unterbreiten. Diesem An­gebot werden wir Nachdruck verleihen durch eine Proklamation an die Ententetruppen, in der wir die Gründung des Bundes der Sozialistischen Rätestaaten bekannt geben und worin wir sie auffordern, sich unserer Bewegung anzu­schließen. Wir werden ihnen mitteilen, dass wir nochmals um Waffenstillstand ersucht haben. Wir werden sie auf­fordern, sich jeder Beschießung friedlicher deutscher Städte zu widersetzen. An die Inder, Marokkaner und Neger in den Reihen der Ententetruppen ergehen besondere Aufrufe. Bevor ich die Aussprache über diesen Punkt eröffne, verlese ich einige inzwischen eingelaufene Telegramme. Murmansk heute nacht, Uleaborg in frühen Morgenstun­den eingenommen. Rote Nordtruppen begrüßen Zentral­rat des B.d.S.R.S. Es lebe die proletarische Revolution.


Soldatenrat Nordfront
Wir protestieren gegen Ententeeinmarsch und gegen kampflose Aufgabe der Neutralität. Unsere Sympathie gehört der roten Staatenunion.
Opposition der Sozialdemokratischen Partei Hollands Englische Truppen in Eiderstedt gelandet. Marschieren eideraufwärts. Arbeiterrat Husum
Rote Arbeiterwehr von Hamburg-Altona-Wandsbek und Harburg ist mit roten Soldaten und Matrosen ausgerückt, um von Engländern besetzte Schleuse in Brunsbüttelkoog wieder zu erobern. Zentralrat Hamburg

Und nun eine gute, eine unerwartet gute Nachricht!
Hört, Genossen:
Als die Niederlage der französischen Landungstruppen in Russland und Rumänien bekannt wurde, proklamierte der Arbeiter- und Soldatenrat von Konstantinopel vorgestern abend die Räterepublik. Deutsche, türkische und einzelne französische und englische Deserteure, sowie türkische Ar­beiter und Bauern bildeten eine Rote Garde. Ganz Konstan­tinopel jubelte. Ententetruppen verhielten sich zunächst neutral. Dann erhielten sie Befehl, gegen die Revolution vorzugehen. Ein Teil meuterte sofort, ein Teil wurde gefangen genommen, der Rest auf die Schiffe zurückgetrie­ben. An Bord der Schiffe meuterten die Matrosen. Die Of­fiziere wurden gefangen genommen. Die roten Soldaten und Matrosen kamen wieder an Land. Gestern abend erschien die französische Schwarzmeerflotte vor dem Bosporus und verlangte freie Durchfahrt. Wurde verweigert. Darauf zog sich die Flotte wieder zurück. Heute früh ist sie wiedergekommen und unter roten Fahnen im Hafen von Konstantinopel eingelaufen. Die Genossen Marty und Badina, die Vertreter der roten Matrosen und Offiziere, sprechen augen­blicklich in einer Massenversammlung über die Ereignisse an Bord. Es lebe der Bund der Sozialistischen Rätestaaten!
Der internationale Soldatenrat von Konstantinopel (Minutenlang stürmischer Beifall.)
Genossen, wir freuen uns über diese gute Nachricht. Aber wir müssen uns hüten, uns allzu großen Illusionen hinzu­geben. Wir werden den Sieg erringen, aber wir werden ihn erringen müssen unter ungeheuren Opfern und Anstren­gungen. Im Osten werden wir unaufhaltsam fortschreiten. Im Westen aber haben wir noch manche Nuss zu knacken. Die Genossen der französischen Schwarzmeerflotte ha­ben den ersten Schritt getan: sie haben sich geweigert, gegen die Revolution zu kämpfen. Sie müssen jetzt auch den zweiten Schritt tun: sie müssen lernen, für die Revolution zu kämpfen. Wir beglückwünschen die Genossen in Konstantinopel zu ihren Erfolgen und fordern sie auf, den Kampf sofort weiterzutragen. Adrianopel und die Halbinsel Gallipoli sind sofort zu besetzen. Die Dardanellen müssen gegen alle Angriffe verteidigt werden. Es ist schnellstens eine rote Armee zu bilden, die auf Sliven Burgas vorstoßen soll, mit dem Ziel, sich mit unserer Schwarzmeer- und Donauarmee zu vereinigen. Nach eben eingelaufenen Telegrammen sind die Orte Köln, Koblenz und Karlsruhe von feindlichen Fliegern mit Bom­ben belegt worden. Fliegerangriffe auf Düsseldorf, Mainz, Frankfurt und Mannheim sind von unseren Fliegerstaffeln abgewehrt worden. Unsere Fluggeschwader haben im Kampf gegen die Übermacht große Verluste erlitten, aber auch beachtenswerte Erfolge erzielt. Außer den abgeschossenen gegnerischen Flugzeugen sind 34 französische Flugzeuge gezwungen worden, auf rechtsrheinischem Gebiet niederzu­gehen. 13 französische und englische Flieger sind freiwillig rechts des Rheins gelandet, weil sie die Fortsetzung des Kampfes unter den obwaltenden Umständen nicht guthei­ßen. Einige haben sich sogar bereit erklärt, aktiv auf Seite der Revolution weiterzukämpfen.
Der deutsche Rat der Volksbeauftragten hat in einem Funk­spruch an das Interalliierte Hauptquartier und in einem Aufruf an die Ententetruppen folgende Erklärung abge­geben : Wir haben uns freiwillig verpflichtet, die im impe­rialistischen Kriege zerstörten nordfranzösischen und bel­gischen Gebiete wieder aufzubauen. Wir sehen uns aber außerstande, dieses Versprechen weiter aufrechtzuerhalten, wenn in völlig sinnloser Weise deutsche Städte zerstört und ihre friedlichen Bewohner getötet werden. Wir sind nach wie vor bereit, Frieden zu schließen, verlangen aber sofortige Einstellung aller Kampfhandlungen."
Das Wort erhält der Delegierte Frankreichs.
„Genossen, ich stehe vor euch in einer sehr schweren Si­tuation. Ihr dürft nichts Unmögliches von uns verlangen. Wir sind noch nicht so weit, um zum bewaffneten Aufstand schreiten zu können. Aber wir bereiten ihn vor. Die Regie­rung hat gedroht, die ,Humanite' zu verbieten und die Par­teileitung in den Anklagezustand zu versetzen, wenn wir un­sere Friedenspropaganda nicht einstellen. Wir haben eine Adresse folgenden Inhalts an die republika­nische Regierung gerichtet:
Die französischen Sozialisten haben sich während des gan­zen Krieges restlos für die Landesverteidigung eingesetzt. Frankreich ist jetzt frei vom Feinde. Der Friede ist gesichert, der Kaiser geflohen. Weshalb wird jetzt der Krieg wieder aufgenommen? Wir sind bereit, aus Sicherheitsgründen auch noch die Besetzung des linken Rheinufers gutzuheißen. Wir sind aber nicht bereit, den Krieg weiter zu unterstützen, wenn er auch in rechtsrheinisches Gebiet vorgetragen werden soll. Wir fordern die Kameraden in der Armee auf, sich an Angriffen gegen das rechtsrheini­sche Ufer auf keinen Fall zu beteiligen. Genossen! Soeben wird mir folgende Meldung übergeben: Starke französische Truppenmassen überschritten nach heftiger Feuervorbereitung den Rhein bei Straßburg. Die deutschen Truppen ziehen sich kämpfend auf den Schwarzwald zurück. Ein Angriff auf Kehl ist abgeschlagen worden. Von Karlsruhe und Rastatt aus ist ein Vorstoß in die linke Flanke der französischen Truppen im Gange.
Roter Soldatenrat der 28. Inf.-Div.
Das ist schlimm, Genossen, aber das bedeutet: Bürgerkrieg in Frankreich. Er wird damit enden, dass auch Frankreich sich dem Bunde der Sozialistischen Rätestaaten anschließt. Vorläufig ist es noch nicht so weit, Genossen. Ich bin dafür, dass ihr den Plan des Genossen Lenin annehmt. Je tiefer die französischen Truppen in Deutschland eindringen, je mehr sie mit der revolutionären Bevölkerung in Fühlung kommen, desto eher werden sie einsehen, dass sie nicht mehr für Frankreich, sondern für den Kapitalismus kämp­fen. Desto eher wird unsere Arbeit von Erfolg gekrönt sein." Lenin (8 Uhr abends): ,,Es ist beschlossen worden, fol­gende Hauptverteidigungslinie auszubauen: Nordsee, We­ser, Werra, Böhmerwald, Linz, Graz, Mur, Drau, Donau. Die Rheinlinie wird noch 10 Tage gehalten. In der Zwischen­zeit wird das ganze Gebiet westlich unserer Hauptverteidigungslinie geräumt von allen Truppen, von allem rollenden Eisenbahn- und Beförderungsmaterial, von allem Kriegs­material, unter Mitnahme von möglichst großen Proviant­vorräten.
In Holland rücken die Ententetruppen in Eilmärschen nordwärts vor und haben die Maas überschritten. Die in Nord­holland einrückenden ersten Abteilungen der Roten Armee stießen zuerst auf Widerstand, der aber rasch zusammenbrach. In einigen Fällen weigerte sich holländisches Militär, gegen Rotarmisten zu kämpfen, mit der Begründung, dass die Regierung ihre Neutralität auch gegen die Entente­truppen nicht verteidige.
Vom Interalliierten Hauptquartier ist folgende Antwort auf unser Waffenstillstandsangebot eingelaufen: Alle Geschütze, Gewehre und alle Munition sowie alle Flug­zeuge und Kriegsschiffe sind sofort abzuliefern. Alle Trup­pen, die sich am Kampf in der Linie Aachen—Bonn betei­ligt haben, sind auf linksrheinischem Gebiet zu internieren. An Beförderungsmaterial ist das Doppelte der im ersten Waffenstillstandsabkommen festgesetzten Mengen ab­zuliefern. Wenn diese Forderungen nicht innerhalb 24 Stun­den angenommen werden, erkennen wir den Rat der Volksbeauftragten nicht mehr als rechtmäßige deutsche Regierung an. Wir verhandeln dann nur noch mit der in Holland gebildeten neuen deutschen Regierung, die sich bereits zur Annahme dieser Bedingungen bereit erklärt hat. Genossen! Es ist natürlich gar nicht daran zu denken, dass wir diese Bedingungen annehmen. Mag die Entente die neue Regierung in Amerongen anerkennen! Das kann uns nur recht sein. Der frühere Kronprinz hat, aus Wieringen zu­rückgeholt, den Vorsitz übernommen. Die eigentlichen Ma­nager dieser Regierung sind die Herren Stinnes, Thyssen und Klöckner. Eine Regierung ohne Land, eine Regierung ohne Anhänger, wenn man nicht gerade die Ententetruppen als ihre Anhänger betrachten will. Die erste Tat dieser neuen Regierung ist glatter Landesverrat. Durch englische und französische Flieger ließ sie Flugblätter über unseren Reihen abwerfen. Unsere Kameraden und vor allem die Offiziere werden aufgefordert, der Revolutionsregierung die Ge­folgschaft zu versagen. Die Waffen sollen niedergelegt und an die Entente ausgeliefert werden. Die neuen Waffenstillstandsbedingungen sind von dieser angeblichen „Volksre­gierung" ohne weiteres angenommen worden. Was denkt ihr, Genossen, wie wird die Front auf diese Flugblätter reagieren?"
Der Delegierte des Zentralsoldatenrats der Westfront erhält das Wort:
„Genossen! Dieser Aufruf wird vielleicht Erfolg haben bei den Etappenoffizieren, bei den Offizieren, die das Ende des Krieges in der Heimat abgewartet haben. Er wird aber wenig Erfolg haben bei den Offizieren der Westarmee. Die letzten Monate in Frankreich und Belgien sind eine gute Vorschule für die Revolution gewesen. Die tiefe Kluft, die fast während des ganzen Stellungskrieges zwischen Mannschaften und Offizieren bestand, ist in den letzten Mona­ten fast ganz verschwunden. Es gab keine besonderen Offi­ziersunterstände, kein besonderes Offiziersessen mehr. Es gab nur Rückzug, harten Kampf gegen den nachrückenden Gegner. Verluste, viele Verluste. In elenden, schnell ausge­worfenen Erdlöchern, verschmutzt und verdreckt, bei kärg­licher, schnell verschlungener Nahrung. So haben wir die letzten Monate zusammen gelebt, gekämpft und gelitten. Unter diesen Umständen sind sich Mannschaften und Offi­ziere viel näher gekommen als jemals zuvor während des ganzen Krieges. Die Mehrzahl der wirklichen Frontoffiziere wird daher ihre Mannschaften auch jetzt nicht verlassen. Sie werden aus dem jung erwachsenen Kameradschaftsge­fühl bei uns bleiben. Vielleicht wäre das alles anders, wenn die Revolution weiter nichts gewesen wäre als Defaitismus.
Jetzt aber wissen wir, wofür wir weiterkämpfen. Jetzt er­halten auch die Kämpfe, die wir hinter uns haben, die Millionen von Todesopfern, noch nachträglich einen Sinn. Jetzt kennen wir die große, herrliche Aufgabe, die wir zu lösen haben. Und wir werden diese Aufgabe lösen, Genos­sen. Natürlich wird der Klassenunterschied sich bemerkbar machen, darum müssen die Frontoffiziere in unsern Rei­hen sorgsam überwacht werden. Alle Elemente, die sich weigern, mit uns zu kämpfen, werden als Kriegsgefangene behandelt."
Das Wort erhält der englische Genosse Smith:
„Genossen! Ich war Telegraphist im Interalliierten Haupt­quartier. Ich hätte der Revolution auf diesem Posten un­schätzbare Dienste leisten können. Wenn ich ihn trotz­dem verlassen habe, dann könnt ihr daraus erkennen, dass es eine sehr wichtige Sache ist, die mich hierher trieb. Es gelang mir, die Maas noch kurz vor den Ententetruppen zu überschreiten. Von Wesel aus bin ich in einem Flugzeug des Arbeiterrates hierher geeilt, um euch die ungeheuerli­chen Pläne der Ententestaaten mitzuteilen. Ein interalliier­ter Kriegsrat hat sich mit der Lage befasst und beschlos­sen, an allen Fronten sofort sämtliche Machtmittel einzusetzen.
Im Fernen Osten sollen alle verfügbaren Seestreitkräfte ge­gen Wladiwostok konzentriert werden, dessen Verlust in den nächsten Tagen man befürchtet. China soll in den Kampf gegen die russische Revolution eingereiht werden. Japan war bereit, seine ganze Armee nach Sibirien zu wer­fen. Auf den Einspruch Amerikas ist aber beschlossen wor­den, dass immer eine gleich starke Zahl von Amerikanern und Japanern eingesetzt wird.
Afghanistan soll sofort von englischen Truppen besetzt werden, um den russisch-deutschen Vorstoß auf Indien abzuwehren. Alle französischen, englischen und italienischen Schiffe im Mittelmeer sollen sofort im Schwarzen Meer eingesetzt werden und nötigenfalls den Durchgang durch die Dardanellen erzwingen. Die Franzosen, die vorher die stärksten Befürworter dieses Plans gewesen sind, hatten plötzlich Bedenken, als die ersten Nachrichten über die Meuterei in der Schwarzmeerflotte eintrafen. Jetzt be­standen aber die Engländer darauf, ohne Rücksicht auf Verluste alle Seestreitkräfte einzusetzen. Das Kräfteverhält­nis der Flotten hat sich durch den furchtbaren Aderlass der englischen Nordseeflotte grundlegend geändert. Der uner­wartet starke Widerstand in Schleswig-Holstein macht es wahrscheinlich, dass die im Kanal eingeschlossenen Teile der englischen Flotte verloren gehen, wenn nicht zu ihrem Entsatz außerordentliche Anstrengungen gemacht werden. Die Vertreter Frankreichs weigerten sich zunächst, diese Desperadopolitik mitzumachen. England drohte daraufhin, all seine Truppen von der Rheinlinie zurückzuziehen, Frank­reich gab nach und musste sich sogar bereit erklären, seine Flotten dem englischen Kommando zu unterstellen. Wilson hat sich geweigert, diese Politik, die seinem Programm völlig widerspreche, mitzumachen. Die amerikanische Generalität hat jedoch, gestützt auf die einflussreichsten Finanz -und Industriekreise der Vereinigten Staaten, den Präsiden­ten unter Androhung von Gewaltmaßnahmen gefügig gemacht. Alle in englischen und französischen Häfen liegenden Schiffe werden in fieberhafter Eile für den Truppentransport vorbereitet. In einzelnen Häfen streiken die Ha­fenarbeiter. Um die furchtbaren Verluste durch Minen, vor allem durch Treibminen zu vermindern, werden Tausende von Klein- und Fischereifahrzeugen in den Minensuchdienst eingereiht. Alle amerikanischen Truppen sollen in Schles­wig-Holstein eingesetzt werden, wohin bis jetzt schon über 200000 Mann geschickt worden sind. Allerdings dürfte nur die Hälfte davon den festen Boden erreicht haben. Es kommen aber noch mehr, viel mehr! Sie sollen alle in Schleswig-Holstein und an der Ostseefront, die man bis nach Petrograd auszudehnen hofft, eingesetzt werden. Der Kapitalismus macht gewaltige Anstrengungen, um die junge Revolution zu unterdrücken. Aber es sind seine letzten An­strengungen, Genossen. Sie setzen alles auf eine Karte, aber es ist die einzige Karte, die letzte Karte, die sie noch haben. Sie wissen es, genau so gut wie ihr, dass ihre Stunde geschla­gen hat. Wenn die Welt zur Ruhe kommt, wenn ihr einige Jahre oder Jahrzehnte Zeit habt, am Aufbau der soziali­stischen Gesellschaft zu arbeiten, und wenn auch nur in dem Rahmen eures jetzigen Machtbereichs, dann ist der Siegeszug des Sozialismus nicht mehr aufzuhalten. Wenn Russland und Deutschland, die Donauländer, der Balkan und die Türkei zusammenhalten, so sind sie in einigen Jahren unüberwindlich. Die Anziehungskraft eines so großen Reiches mit sozialistischer Zielsetzung auf die unterdrück­ten Völker in Asien und Afrika wird gewaltig sein. Dazu darf es nicht kommen, sagen sich meine kapitalistischen Landsleute. Deshalb wollen sie jetzt gleich, solange sie noch Millionenarmeen unter den Waffen haben, die Revolution niederschlagen oder wenigstens auf das östliche Europa und das asiatische Russland zurückwerfen, deshalb wollen sie alle Industriegebiete vom Herd der Revolution abriegeln. Russland allein, so glauben sie, mit seiner schwach entwickelten Industrie und mit seiner rückständigen, mittelalterlichen Landwirtschaft wird nicht imstande sein, ohne fremde Hilfe den Sozialismus zu verwirklichen. Es geht um Sein oder Nichtsein des Kapitalismus, deshalb werfen sie all ihre Kräfte in den Kampf. Deshalb schrecken sie vor keiner Gemeinheit, vor keinem Neutralitätsbruch zurück. Die holländische, schwedische und norwegische Neutralität bra­chen sie bereits. Mit kapitalistischen Kreisen der Schweiz und Dänemarks sind Verhandlungen im Gange. Ihr seht, Genossen, dass große Anstrengungen gemacht wer­den, euch zu vernichten. Das sieht schlimm aus, aber nur für den ersten Augenblick. Denn gerade diese Tatsache be­rechtigt uns auf lange Sicht zu den größten Hoffnungen. Je mehr Anstrengungen gemacht werden, euch zu vernichten, je stärker die Entente alle Kräfte anspannen muss, um so leichter wird es möglich sein, den englischen, französischen und amerikanischen Genossen und Soldaten für die Revolution zu gewinnen. Der Kampf, der jetzt begonnen hat, entscheidet nicht nur über das Schicksal Mittel- und Osteuropas, er entscheidet jetzt auch über das Schicksal Westeuropas. Es handelt sich nach diesem Frontalangriff des Kapitalismus bereits nicht mehr um die Frage: sozia­listisches Osteuropa neben einem kapitalistischen Westeu­ropa? Die Frage lautet jetzt: sozialistische oder kapitalisti­sche Welt? Wir aber, Genossen, werden für die sozialisti­sche Welt kämpfen."
(Langanhaltender Beifall.)


Lenin spricht (2 Uhr nachts):

„Genossen, wir wollen uns jetzt von unseren asiatischen und afrikanischen Brüdern verabschieden. Auf Flugzeugen, Luftschiffen und Untersee­booten wollen sie versuchen, ihre Heimat zu erreichen. Sie verlassen uns jetzt, um sich bald ganz mit uns vereinigen zu können. Sie werden in ihren Ländern überall den Aufstand vorbereiten. Sie kämpfen dort für uns, so wie wir hier für sie kämpfen. Gegen den Feind der unterdrückten Klassen und der unterdrückten Völker, gegen den Kapitalismus. So­zialer und nationaler Befreiungskampf gehen Hand in Hand. Geht nun hin, Genossen, in eure Länder und bereitet den Aufstand vor!
Ihr chinesischen Genossen, grüßt von uns die chinesische Revolution! Wir werden euch helfen, sie zu vollenden, so wie ihr uns jetzt helft, das Joch des Kapitalismus abzuschüt­teln. Grüßt Sun Yat-sen. Dankt ihm für sein Telegramm. Ihr Inder, sagt euren Landsleuten, dass die Stunde der Be­freiung näher rückt! In den nächsten Wochen wird der Entscheidungskampf an eurer Grenze entbrennen. Seht nicht untätig zu! Helft mit!
Ihr Afrikaner, sorgt dafür, dass kein farbiger Soldat mehr Afrika verlässt! Nehmt den Kampf auf der ganzen Front auf! Vereinigt euch mit den Kräften Abd el Krims. Nie war die Gelegenheit so günstig wie jetzt. Bald werden wir euch vom Osten aus zu Hilfe kommen. Lebt wohl, Genossen, wir sind überzeugt, dass ihr eure Aufgabe erfüllen werdet.
Genosse Harrington erhält jetzt das Wort, um uns über die Situation in den U.S.A. zu berichten."
Harrington: „Genossen! In den Vereinigten Staaten ist im Augenblick an eine proletarische Erhebung noch nicht zu den­ken. Trotzdem dürfen wir die revolutionären Möglichkeiten, die gerade jetzt und vielleicht nur jetzt bestehen, nicht zu gering einschätzen. Ihr müsst euch vergegenwärtigen, dass Amerika eine pazifistische, antimilitaristische Tradition be­sitzt. Diese Tradition wurzelt zu einem Teil in der Religion verschiedener Sekten und Bekenntnisse. Zu einem anderen Teil in den Überlieferungen aus der Gründungszeit und in der Mentalität der Einwanderer. Die wichtigsten Gründe dieser Tradition aber sind die besonderen Bedingungen und Notwendigkeiten während der Epoche des kolonialen Frühkapitalismus. Diese Epoche ist jetzt abgeschlossen. Amerika ist schon vor dem Kriege in die Reihen der imperialistischen Staaten eingetreten. Dem würde eine neue Ideologie, eine neue Mentalität entsprechen. Vorläufig aber lebt noch die alte Ideologie, die alte Mentalität, die alte Tradition. Sie herrscht noch in den Köpfen der Proletarier, sie wurzelt auch noch fest, viel fester als es in der jetzigen Zeit der gewaltsamen Unterdrückung scheint, in weiten Kreisen des Bürgertums, ja sogar in den Köpfen vieler führender Funktionäre des Bürgertums, vielleicht sogar im Kopfe des Präsidenten. Wir müssen diese Tatsache geschickt ausnützen.
Wir müssen dafür sorgen, dass diese Denkweise in den Köpfen der Proletarier rascher zu einer proletarischen Ideologie wird als die Ideologie des Bürgertums zu einer rein imperialistischen. Wir werden, an die amerikanische Tradition anknüpfend, mit typisch bürgerlichen pazifistischen Argumenten gegen die Fortsetzung des Krieges operieren. Dabei können wir uns stützen auf die besonderen Eigenarten des jugendkräftigen amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus, der in vielen Fällen eine ganz andere Zielrichtung hat als die europäischen Imperialismen. Wir werden den amerikanischen Kleinbürgern klarmachen, dass das in Europa angelegte Geld verloren ist, wenn der Krieg bis zur gänzlichen Zerstörung Europas fortgesetzt wird. Wir werden sie darauf hinweisen, dass die Weststaaten nicht nur gewinnen, sondern auch verlieren und der Revolution anheim fallen können.
Wir müssen ferner folgendes berücksichtigen: Der ameri­nische Arbeiter und Soldat ist nicht, wie man bisher ge­glaubt hat, immun gegen sozialistische Einflüsse. Amerika­nische Soldaten haben in Archangelsk und Wladiwostok gemeutert, als sie gegen die Revolution kämpfen sollten. Wenn erst einmal die Revolution in Europa gesiegt hat und in Amerika eine gewisse Kerntruppe vorhanden ist, so sind die Aussichten für einen bewaffneten Aufstand bei uns lange nicht so ungünstig, wie allgemein angenommen wird, viel günstiger jedenfalls als für die von den Refor­misten gepriesene „Machteroberung auf demokratischem Wege". Demokratisch ist dem amerikanischen Kapitalismus noch viel weniger beizukommen als dem europäischen. Dazu ist er zu stark, zu robust, zu selbstsicher. Dazu sind vor allem die beiden Parteien zu stark und finanzkräftig, die im ent­scheidenden Augenblick über das ganze amerikanische Kapi­tal und über die ganze Presse verfügen. Selbst wenn der ka­pitalistische Terror, wenn die organisierten Überfälle auf Arbeiterhäuser und Arbeitereinrichtungen und auf unsere Zeitungen und Vereinshäuser aufhören sollten, selbst wenn der Ku Kux Klan wirklich aufgelöst werden sollte, selbst wenn die Lynchjustiz und die bürgerliche Klassenjustiz ihre Schreckensherrschaft einstellen sollten, selbst wenn alle diese Voraussetzungen, an die im Ernst natürlich gar nicht zu denken ist, einmal gegeben wären, selbst dann wür­den wir nicht imstande sein, dem mächtigen Apparat der Demokraten und Republikaner etwas auch nur annähernd Gleichwertiges entgegenzusetzen.
Die Arbeiteraristokratie ist bei uns reformistisch und bürgerlich verseucht. Die anderen Proletarierschichten sind ent­weder vorläufig, d. h. in normalen Zeiten, noch unorganisierbar (die Bewohner der Slums), oder sie sind von dem typisch amerikanischen Glauben an die große Chance besessen, der sich noch aus der Zeit des Frühkapitalismus, des Pioniertums in Amerika, erhalten hat und durch den Krieg mit seinen vielen Verdienstmöglichkeiten, mit seiner rasend aufgeblähten und vollbeschäftigten Industrie, mit seinen hohen Löhnen wieder neue Nahrung erhalten hat. Der ame­rikanische Arbeiter hat bisher alle Vorzüge eines jungen, kräftig sich entwickelnden, seine Konkurrenten überflügelnden und sich auf günstigem Gebiet ausdehnenden Kapita­lismus kennen gelernt. Wie aber wird es werden, wenn er jetzt einmal seine Schattenseiten richtig kennen lernt, wenn er für diesen Kapitalismus, der ihm dann auf einmal nicht mehr so liebenswert erscheinen wird, längere Zeit kämp­fen, leiden und entbehren muss? Wie wird es werden, wenn sich erst einmal eine Kerntruppe der Revolution gebildet hat, wenn nicht nur Arbeiterversammlungen, sondern auch kapitalistische Klubs überfallen werden? Wie wird es wer­den, wenn sich den amerikanischen Parias, den Millionen Negern, Mexikanern usw. endlich die Bruderhand des wei­ßen Proletariers entgegenstreckt? Deshalb sage ich euch, Genossen: Wenn der Präsident seine Ansicht durchsetzt und die amerikanischen Truppen aus Europa zurückzieht, dann kann ich euch für die nächsten zehn Jahre nicht viel versprechen. Wenn aber der Krieg gegen die europäische Revolution in größerem Ausmaß mit amerikanischen Truppen fortgesetzt wird und unter großen Verlusten monate- oder gar jahre­lang dauert, dann, Genossen, kann ich euch versprechen, dass in Amerika Bundesgenossen erstehen, auf die ihr euch verlassen könnt."
Wieder durchtobt stürmischer Beifall das Haus, das noch immer voll besetzt ist, obwohl bereits der Morgen naht. Rote Matrosen der deutschen und russischen Flotte und Delegierte der havarierten und in deutsche Häfen eingelaufe­nen Schiffe der englischen Flotte nehmen vor der Redner­tribüne Platz.
Ein Telegramm wird verlesen: „In Potsdam Offiziersaufstand ausgebrochen. Truppen treugeblieben. Post und Rat­haus von den Aufständischen besetzt. Eisenbahn in unseren Händen. Sendet sofort Verstärkungen." (Inzwischen liquidiert! D. Red.) Die Sitzung des Generalrats wurde für 24 Stunden vertagt.

 

 

Vorwärts - 30. November 1918

Der Kampf um die Ostsee


Vordringen der englischen Flotte im Nordostseekanal
Brunsbüttelkoog wieder zurückerobert Eutentetruppenlandungen in Jütland und Nordseeland
Ultimatum an Norwegen Erfolge der Revolution in Schweden

Die Lage in Schleswig-Holstein
Die englische Flotte kämpfte sich, allerdings mit großen Verlusten, durch den Minengürtel der Nordsee durch. Der Angriff auf Wilhelmshaven wurde abgeschlagen, obwohl wir außer den Küstenabwehrgeschützen nur noch über Kanonen, Torpedo- und Unterseeboote in der Nordsee verfügten. Cuxhaven ist gefallen. Landungstruppen in Stärke von ungefähr 50000 Mann marschierten auf dem linken Eibufer vorwärts bis vor Brunsbüttelkoog. Darauf wurde Brunsbüttelkoog vom Wasser her eingenommen. Starke Landungstruppen begannen sofort an beiden Seiten des Kanals vorzumarschieren. Die Engländer trafen zuerst nur auf Widerstand von Partisanengruppen, den sie leicht überwanden. Erst in der Linie Albersdorf—Hademarschen wur­den sie aufgehalten. Den rechten Flügel bedrängten starke rote Truppen, die aus dem Lockstedter Lager, Hamburg, Neumünster und Lübeck kamen. Ein Teil der auf dem rechten Ufer marschierenden englischen Truppen wurde gefangen genommen oder lief über. Der größte Teil aber konnte sich auf das linke Ufer retten. Inzwischen war das englische Geschwader im Kanal herangekommen, das zehn Stunden durch die Beschädigung der Schleusen in Brunsbüttelkoog aufgehalten worden war. Jetzt änderte sich die Situation vollständig zugunsten der Engländer. Die dritte englische Lan­dungsarmee hatte die ersten Angriffe der roten Hamburger Arbeiterwehr abgewehrt und den Vormarsch über Glückstadt—Elmshorn angetreten. Die Eisenbahnverbindung nach dem Norden war unterbrochen. Gleichzeitig landete die vierte englische Armee in Eiderstedt und fesselte die Kräfte der Rendsburger Garnison durch den Vormarsch auf dem rechten Eiderufer. Unter dem Schutz ihrer Schiffskanonen gelang es den Engländern, ungefähr 10 km beinahe kampflos vorzudringen. Gestern nahmen sie nach hartem Kampf Rendsburg ein. Dadurch erhielt die englische Kriegsflotte wieder Bewegungsfreiheit und konnte 10 km weit östlich von Rendsburg vorstoßen. Gegenwärtig wird um die starke und günstig gelegene Verteidigungsstellung am Flemhuder See heftig gekämpft. Aber auch wenn diese Stellung durchbro­chen werden sollte, kann die englische Flotte nicht mehr vordringen. Zwei Kilometer westlich der Levensauer Hoch­brücke ist der ganze Kanal zugeschüttet. Über 40000 Mann mit Tausenden von Fahrzeugen arbeiten fieberhaft Tag und Nacht daran, zwei je 30 m breite Erd- und Betonbarrieren durch den Kanal zu bauen. Selbst wenn Kiel eingenommen werden sollte, wird es wochenlang dauern, bis dieses Hin­dernis beseitigt ist.
Die roten Verteidiger der Kieler Festung sind zuversicht­lich.
Die Landung einer großen englisch-amerikanischen Armee in Westjütland und das Vordringen der vierten englisch­amerikanischen Armee rechts der Eider hat nun aber doch eine starke Bedrohung unserer Stellung in Schleswig-Hol­stein hervorgerufen.
Wir waren auf diesen Angriff zuerst überhaupt nicht vor­bereitet und haben ihm dann zu wenig Bedeutung beigemes­sen. Wir haben nicht im entferntesten damit gerechnet, dass so gewaltige Truppenmassen in Schleswig-Holstein einge­setzt würden. Nach den ersten Berichten über die starken englischen Verluste im Minengürtel der Nordsee haben wir angenommen, dass die Gefahr vorüber sei. Nördlich des Kanals kämpft eine einzige, kaum friedensstarke rote Divi­sion gegen einen zwanzigfach überlegenen Gegner. Sie hat eine erstklassige Verteidigungsstellung in den holsteinischen Knicks (mehrere Meter breite baum- und buschbewachsene Erdwälle, von denen alle höhergelegenen Koppeln umrahmt sind) und verstärkt diese vorzügliche Deckung dauernd durch Erdarbeiten. Der Gegner versucht unter ungeheuren Opfern, bisher vergeblich, das vor dieser natürlichen Ver­teidigungsstellung liegende 3 km breite Sumpf- und Moor - und Wiesengebiet zu durchqueren. In den Sümpfen und Mooren vor Tetenhusen versackten die ersten Angriffe. Der weiter ostwärts immer wieder vorgetriebene Angriff brach unter dem Feuer unsrer Maschinengewehre in dem kilometer­weiten gräbendurchzogenen und überschwemmten Wiesengürtel zusammen. Jetzt aber ist Rendsburg in der Hand der Gegenrevolution. Wird es unsern von Süden heranrücken­den Truppen rechtzeitig gelingen, Rendsburg wieder einzu­nehmen? Alle im nördlichen Deutschland von der West­front zurückflutenden Truppen mit Verstärkungen aus Ber­lin und Hannover werden nach dem Norden geworfen. Die ersten roten Regimenter aus Russland haben Neumünster erreicht. Hoffentlich kommen sie rechtzeitig!

Letzte Nachrichten und Telegramme
Der englische Vormarsch auf dem Unken Eibufer ist zum Stehen gekommen. Brunsbüttelkoog und Rendsburg sind von starken roten Kräften zurückerobert worden. Die eng­lisch-amerikanischen Landungsarmeen aus Eiderstedt und Jütland haben sich vereinigt. Flensburg ist von den Eng­ländern eingenommen worden und wird von der vereinigten deutsch-russischen Flotte beschossen, die alle Versuche zur Forcierung der Ostseeinfahrt abgeschlagen hat. Unsere Verteidigungsstellung verläuft jetzt: Schlei—Schleswig— Rendsburg—Schleswiger Landstraße bis Sorgbrück, Sorgeniederung—Eider.
Hinter dieser Stellung befinden sich noch zwei englische Nester, die aber in den nächsten Tagen erledigt sein dürften; westlich zwischen Heide und Albersdorf schwache zersprengte Truppen; im Osten die jetzt hoffnungslos eingeschlossene englische Kanalflotte mit den dezimierten und abgekämpften englischen Landtruppen. Alle Angriffe auf Kiel wurden abgeschlagen. Vor der zugeschütteten Kanalstellung schwelen deutsche Brander, die jedes weitere Vordringen unmög­lich machen. Die Verbindung der englischen Kanalflotte nach rückwärts ist abgeschnitten. Bei Schacht—Audorf hat die rote Arbeiterwehr des Walzwerkes mehrere schwer beladene Schiffe von Werft Nobiskrug versenkt. Sie greift jetzt mit der roten Arbeiterwehr der Büdelsdorfer Karls­hütte und den aus dem Süden kommenden roten Truppen die englische Kanalflotte von rückwärts an. Die schwachen deutschen Verteidigungstruppen rechts der Eider haben lange vergeblich auf Verstärkungen aus Rendsburg gewartet und dann wegen Umzingelungsgefahr ihre fast unüberwindliche Verteidigungsstellung aufgegeben, nicht ohne den im Über­schwemmungsgebiet anrückenden englisch-amerikanischen Truppen außerordentlich starke Verluste beigebracht zu haben. Die Unsern zogen sich 2 km zurück und verteidigen jetzt die Südseite der ebenfalls überschwemmten Sorgeniederung.
Das Rheintal von der Schweizer Grenze bis Rastatt ist von uns geräumt worden. Die französischen Truppen erlitten starke Verluste beim Angriff auf den Schwarzwald. Wegen der durch Aufgabe der Schweizer Neutralität veränderten Lage wird ganz Süddeutschland beschleunigt geräumt. Die italienischen Truppen erlitten bei ihrem Vordringen in schwierigem Gelände schwere Verluste.

Telegramm aus Konstantinopel


Zweiter Dardanellenangriff mit schweren Verlusten abgewiesen. Verbindung mit Schwarzmeerarmee hergestellt. Vormarsch aufgenommen, auf dem Balkan in westlicher, in Kleinasien in östlicher Richtung.
Internationaler Zentralsoldatenrat

Telegramm aus Bukarest


Donau in breiter Front südwärts überschritten.
Oberkommando Rote Ostdonauarmee

Telegramm aus Moskau


Wladiwostok zum dritten Mal an Japaner und Amerikaner verloren. In der Provinz Sutschan treffen ständig neue rote Partisanengruppen aus dem Westen ein.

 

Vorwärts - 15. Dezember 1918

Sieg im Osten! Rückzug im Westen!

Aus Lenins Rede in der Sitzung des Generalrates des B.d.S.R.S.


Lenin: „Genossen, die Lage im Osten ist bekannt. Die trans­sibirische Bahn und die Verkehrswege in der Mongolei und Mandschurei sind in unserer Hand. In China macht die Re­volution, unterstützt durch unsere Flugzeuge und Eisen­bahntruppen, weitere Fortschritte. In Persien, Afghanistan, Mesopotamien und Palästina werden die englischen Trup­pen zurückgedrängt. Der Angriff auf Ägypten und Indien und die revolutionäre Bewegung in beiden Ländern schrei­ten gut fort. Die Angriffe der Entente auf die Dardanellen sind endgültig abgeschlagen. Alle englisch-italienisch-fran­zösischen Seestreitkräfte im Mittelmeer, soweit sie nicht ver­nichtet, kampfunfähig geworden oder zu uns übergegangen sind, werden im Suezkanal zur Verteidigung Ägyptens kon­zentriert. Dorthin konzentrieren die Kapitalisten auch alle anderen Seestreitkräfte aus den pazifischen und indischen Gewässern. In Nordafrika schreiten die Kämpfe gegen Ita­liener, Franzosen und Spanier erfolgreich fort. Der größte Teil von Schweden, Norwegen und die meisten dänischen In­seln sind fest in unserer Hand. Die Kieler Festung hält sich. Angesichts dieser Tatsachen dürfen wir im Westen die Ruhe nicht verlieren. Wir müssen heute noch mit der Räumung von Berlin beginnen, wenn sich an der Eiblinie herausstellen sollte, dass die Aufklärung der Ententetruppen noch nicht so weit vorgeschritten ist, dass sie auch in größeren Forma­tionen sich weigern, auf dichtbevölkerte Städte zu schießen. Wir haben in dieser Beziehung bereits große Erfolge zu verzeichnen. Durch unser rechtzeitiges Zurückweichen haben wir immer wieder Gelegenheit zu erfolgreichen Gegenstößen gehabt, und zwar in Gegenden, die wir uns ausgesucht haben, Genossen. Der Gegner ist ängstlich geworden und wird täglich schwächer, obwohl er alles erfassbare Men­schenmaterial in den Kampf geworfen hat. Die asiatischen und afrikanischen Truppen aber hat er endgültig aus der Kampffront herausnehmen müssen. Sie werden nur noch als Besatzungstruppen verwandt. Vorläufig! Wenn erst über­all im Rücken der Entente bewaffnete Partisanenkämpfe und Aufstände ausbrechen, dann wird es keine Etappe mehr geben. Dann wird die Stunde zum Generalangriff gekom­men sein. Bis dahin dürft ihr die Nerven nicht verlieren, deutsche Genossen. Deutschland ist nicht die Welt. Wir werden die Sowjetmacht in ganz Deutschland aufrichten, schneller als ihr denkt, Genossen! Vorläufig aber müssen wir noch weiter zurück. Die nächste Sitzung des Generalrates findet in Warschau statt. Die neue Hauptverteidigungslinie, die wir unter allen Umständen halten, soll verlaufen: Laaland—Falster—Rügen—Usedom— 20 km westlich und südlich Stettin — Oderlauf bis Neißemündung — Neiße­lauf—Sudeten—March—Donau bis Belgrad—Serajewo— Spalato—Ägäisches Meer. Daran schließt sich unsere süd­liche Angriffsfront, auf deren dauernde Verstärkung wir das größte Gewicht gelegt haben. Unsere Angriffsziele sind dort Kreta und Alexandria.
Ebenso wird unser rechter nördlicher Flügel in Schweden und Norwegen mit Hochdruck verstärkt, denn dort stehen wir dem einzigen Gegner gegenüber, der noch völlig intakt und nur wenig demoralisiert ist. Die Amerikaner haben gewusst, was sie taten, als sie alle ihre Kräfte aus der West­frontherauszogen und in Bordeaux und in Jütland—Schles­wig konzentrierten. Ihre Flotte hat nur bei der englischen Landung in Wilhelmshaven Verluste gehabt. Sonst ist diese Flotte trotz allen Vorstellungen der Engländer nicht einge­setzt worden. England, das einst weltbeherrschende Eng­land, muss den Schutz seiner Handelsschiffe in der Welt und sogar im Atlantik den Amerikanern anvertrauen. Wenn England nicht sofort aufhört, seine Kräfte in einem aus­sichtslosen Kampf zu vernichten, ist es — selbst wenn die niedergeschlagene Aufstands- und Dienstverweigerungsbe­wegung nicht wieder aufleben sollte — mit England zu Ende. Von den Landarmeen sind die Italiener am mei­sten demoralisiert. Sie sind zwar dauernd im Vormarsch, erkaufen ihre Fortschritte aber mit außerordentlich schweren Verlusten. Trotzdem werden wir Wien, besonders infolge der katastrophalen Lebensmittelknappheit, nicht halten können. Die Vorbereitungen zur Räumung sind im Gange. Auch die Linie Weser—Werra—Böhmerwald müssen wir aufgeben. Zwar konnten wir dem Gegner, der infolge des Bruches der Schweizer Neutralität und unseres raschen Zu­rückweichens nach Norden und Westen im Böhmerwald zum Angriff einsetzte, schwere Verluste zufügen. Hier wur­den zum ersten Mal rote tschechische Truppen eingesetzt. Sie schlugen sich bewunderungswürdig. Aber im Rücken sind wir zu schwach. Ein großer Teil der Bevölkerung sieht in den Franzosen die nationalen Befreier. Bei unserer ersten Niederlage würde der weiße Aufstand in Prag, das von zu­verlässigen Truppen fast entblößt ist, erneut aufflammen. Wir können Tschechien nicht halten. Aber der Rückzug auf die östliche Hauptverteidigungslinie geht systematisch, un­ter Mitnahme allen beweglichen Kriegsmaterials, vor sich. Die Gefahr im Rücken ist für uns in dem Augenblick be­hoben, in dem wir die neue Hauptverteidigungslinie einneh­men, an deren Ausbau Tag und Nacht gearbeitet wird. Die kapitalistischen Heere haben dann eine ganze Reihe von sehr gefährlichen Aufstandsherden im Rücken, wir dagegen nur noch drei Städte, in denen uns ein Aufstand gefährlich wer­den könnte: Warschau, Budapest und Bukarest. An diesen drei Stellen konzentrieren wir neu gebildete und in der Aus­bildung befindliche Truppen, die bei ihrem Abrücken im­mer wieder durch neue rote Formationen ersetzt werden und in Verbindung mit den bewaffneten Arbeiterwehren zweifellos imstande sind, jeden weißen Aufstand im Keime zu ersticken.
Kennzeichnend für die jetzige Lage ist folgendes. Erstens: Es gibt auf der ganzen Welt keine neutralen Staa­ten mehr. Die Neutralität wurde nur so lange aufrecht­erhalten, als noch kapitalistische Staaten mit anderen kapi­talistischen Staaten kämpften. Sie wurde entweder freiwil­lig oder unter einem gelinden Druck leicht aufgegeben in dem Augenblick, in dem es klar wurde, dass der Kapitalis­mus mit dem Sozialismus kämpft.
Zweitens: Auf die Soldaten in den kapitalistischen Armeen ist nur noch Verlass, wenn sie in größeren Verbänden in den Formen des imperialistischen Krieges kämpfen. Je kleiner aber die Verbände, je deutlicher im Einzelfalle der Charakter des internationalen Bürgerkrieges hervortritt, um so stärker wird die Neigung der in den kapitalistischen Armeen kämp­fenden Soldaten, überzulaufen oder auf unserer Seite weiterzukämpfen. Wenn wir 1000 Gefangene machen, so bedeutet das fast immer, dass wir viele Hunderte neue Kämpfer gewonnen haben. Wenn aber die Gegner 1000 Gefan­gene machen, so haben sie bestenfalls zehn Offiziere neu für ihre Kampftruppen gewonnen. Besonders an der maritimen Front hat sich das gezeigt. Unsere roten Seestreitkräfte haben im allgemeinen nicht gerade glücklich operiert. Doch überall, wo unsere Mannschaften, ob siegreich oder ge­schlagen, landeten, entfesselten sie die Revolution. Wo da­gegen kleinere Teile der kapitalistischen Flottenbesatzungen landeten und sich selbst überlassen waren, verfielen sie der Revolution.
Drittens: Die revolutionäre Bewegung in England, Frankreich und Italien wächst ständig. Die Führer der sozialistischen Opposition dieser Länder haben sich in einer Geheimkonferenz mit der Lage befasst und beschlossen, alle revo­lutionären Maßnahmen anzuwenden, wenn die Kriegshandlungen gegen die Revolution nicht sofort eingestellt werden. In England ist diese Bewegung am weitesten fortgeschritten. Die Londoner Arbeiter hatten bereits bei Bekannt werden der eisten Nachrichten über die deutsche Revolution den Abbruch des Krieges verlangt. Die Empörung über die pazi­fistischen Führer und die Neigung zum Aufstand ist seit­dem ständig gestiegen. Die Hafen- und Dockarbeiter stehen seit drei Tagen im Streik. Die Grubenarbeiter verlassen seit heute ihre Arbeitsstellen. In Italien sind spontane Streiks aus­gebrochen. Die Mailänder Arbeiter haben beschlossen, die Be­triebe zu besetzen, wenn die italienische Armee nicht sofort aus der Kampffront zurückgezogen wird. In Frankreich gärt es ebenfalls. In Paris, Lyon, im zerstörten nordfranzösischen Industriegebiet, im Pas de Calais, in den Nordseehäfen und in den Waffenfabriken von Schneider-Creuzot stehen poli­tische Streiks bevor. Es läge jetzt sowohl in unserm als auch im Interesse der französischen, englischen und italienischen Genossen, dass wir den Kampf fortsetzen, ohne nochmals ein Waffenstillstandsangebot zu machen. Die Genossen aus diesen drei Ländern drängen jedoch darauf, dass wir noch einmal einen Versuch zur friedlichen Beendigung des Kamp­fes machen. Im Namen des B. d. S. R. S. und der soziali­stischen Parteien von Frankreich, England und Italien wer­den wir der Entente ein gemeinsam verfasstes Ultimatum von 48 stündiger Frist stellen.
Wir fordern darin sofortige Räumung aller Gebiete des B.d.S.R.S. in drei Etappen. Anerkennung des B. d. S.R. S. und völlige Integrität des ehemaligen Gebietes aller angeschlossenen Staaten mit den später aufgezählten Ausnahmen. In allen europäischen Ententestaaten und in allen Kolonien ist innerhalb von zwei Monaten eine Abstimmung darüber vorzunehmen, ob die Bevölkerung sich dem B. d. S. R. S. anschließen oder ob sie das kapitalistische System beibehalten will. Elsass-Lothringen, Südtirol und Nordschles­wig stimmen zunächst nicht mit ab. Wenn die Bevölkerung Italiens, Frankreichs oder Dänemarks sich nicht für Anschluss an den B. d. S. R. S. entschließt, ist innerhalb eines weiteren Monats eine Volksabstimmung in diesen Gebieten unter beiderseitiger Kontrolle vorzunehmen. Für den Fall, dass die Volksabstimmung in den Ententestaaten negativ ausfällt, fordern wir Amnestie für alle so genannten Antikriegs- und Revolutionsverbrecher. Wir erklären uns noch­mals zum Wiederaufbau der zerstörten Gebiete bereit, aber nur unter der Bedingung, dass dieser Aufbau unter unserer Leitung erfolgt, unter Ausschaltung aller Unternehmergewinne.
Wenn diese Bedingungen nicht angenommen werden, wird in allen Ententestaaten und in den besetzten Gebieten der Generalstreik proklamiert. Die Genossen aus den Entente­staaten wollen es zunächst bei dieser Maßnahme bewenden lassen. Wir haben versucht, sie davon zu überzeugen, dass ein Generalstreik nur dann einen Sinn hat, wenn der Wille zum bewaffneten Aufstand und zur Ausrufung der Räte­republik dahinter steht. Sie sind aber überzeugt davon, dass unser Friedensangebot wesentlich zur Befreiung der west­europäischen Arbeiter und Soldaten von demokratischen Illusionen beitragen und die agitatorische Plattform zur Liquidierung der Reformisten und Pazifisten, zur Entfesse­lung des Generalstreiks und des Aufstandes schaffen wird. Genossen! Die Stunde der Entscheidung, die Stunde unse­res Endsieges naht. Ich halte es für ausgeschlossen., dass die Ententeregierungen auf unser Angebot eingehen. Sie wer­den nicht klüger sein als die deutschen Imperialisten. Sie sehen hypnotisiert auf die Landkarte, sie glauben, besetztes Gebiet sei erobertes Gebiet. Sie können und werden es sich nicht eingestehen, dass in ganz Europa, in ihren eignen Kasernen und Fabriken sich bereits die Rote Armee Europas formiert. Genossen! Unser Friedensangebot darf die Kampf­bereitschaft an keinem Punkte unsrer Fronten beeinträch­tigen : Ich schlage vor, unser Friedensangebot sofort durch
Funkspruch und Flieger in ganz Europa bekannt zu geben und im übrigen dem Internationalen Revolutionären Kriegsrat volle Handlungsfreiheit zu lassen." Die Vorschläge des Genossen Lenin werden angenommen.

 

 

Vorwärts - 18. Dezember 1918

Berlin wird geräumt
Wir kommen wieder!

Noch einmal erscheint der „Vorwärts" in Berlin legal. Ein­mal öfter, als wir gedacht hatten. Die Nachricht von den erfolgreichen Kämpfen im Raume Wittenberge — Salz­wedel—Stendal ließ schon die Hoffnung in uns wach wer­den, dass wir nicht zu räumen brauchten. Aber der Inter­nationale Revolutionäre Kriegsrat ist unerbittlich. Der I. R. K. macht folgendes bekannt:
Der Vormarsch der Ententetruppen ging vor allem in Rich­tung auf Berlin und Hamburg besonders schnell vor sich. Der Vormarsch auf Berlin scheint aus Prestigegründen ge­radezu übereilt worden zu sein. Vielleicht hat man im Inter­alliierten Hauptquartier auch geglaubt, dass unsere Wider­standskraft und Aktionsfähigkeit so gering sei, dass ein kräftiger Nachstoß unseren geordneten Rückzug in eine wilde Flucht verwandeln könnte. Nur so ist die Sorglosigkeit zu erklären, mit welcher der Eibübergang westlich Berlin vollzogen wurde, bevor Magdeburg besetzt war. Wir haben vor Magdeburg erst im letzten Augenblick, als der Gegner schon an kampflose Übergabe glaubte, den Kampf aufge­nommen und Magdeburg noch zehn Stunden lang gehalten. Diese Zeit genügte, um den doppelseitigen Flankenvorstoß im nördlichen Elbebogen zu decken. Alle Ententetruppen, die auf der Strecke Wittenberge—Tangermünde bereits die Elbe überschritten hatten, sind gefangen genommen worden. Von den auf dem linken Eibufer stehenden Truppen wurden etwa 80 000 durch unsere Umzingelungsaktion abgeschnit­ten und ohne große Gegenwehr gefangen genommen. Die Saale-Linie ist von uns nach Eintreffen der gegnerischen schweren Artillerie aufgegeben worden. Südlich Harburg haben wir dem Gegner in einer ausgebauten Stellung im Ostebogen und in der Lüneburger Heide einige Tage hart­näckigen Widerstand geleistet und schwere Verluste zugefügt. Im Schutze der Nacht wurde dann auch diese Stellung ge­räumt. Der Gegner rückte zögernd nach und konnte nach zwei Tagen die Städtegruppe Harburg—Altona—Hamburg— Wandsbek kampflos besetzen.
Alle Angriffe der englisch-amerikanischen Nordarmeen auf die Kanallinie sind bisher abgeschlagen worden. Nördlich des Kanals haben wir uns auf die Linie Eckernförde—Wittensee—Rendsburg zurückgezogen. Die Kanallinie westlich Albersdorf ist heute nacht von uns aufgegeben worden. Die Landung starker russischer und deutscher Truppen in Süd­schweden, Seeland, Laaland und Langeland wird fortgesetzt. Seeland ist fast ganz in unserer Hand. Auf Fünen machen wir Fortschritte, obwohl wir im Großen Belt das maritime Übergewicht noch nicht erlangen konnten. In China, Per­sien und Syrien dringen die roten Truppen weiter vor. Die Seeschlacht vor Kreta ist zu unseren Gunsten entschie­den. Kreta wurde von roten Landungstruppen besetzt. Ein Teil der Ententeflotte ist zu uns übergegangen. Der Rest entzog sich der völligen Vernichtung durch den Rückzug auf Ägypten. Die französische Mittelmeerflotte kämpft jetzt größtenteils auf unserer Seite. Die Matrosen der Schiffe, die noch im kapitalistischen Lager kämpfen, haben sich geweigert, auf ihre roten Landsleute zu schießen. In der französischen Flotte herrscht starke Erbitterung gegen die englische Oberleitung, die vor den Dardanellen und vor Kreta die eigenen Schiffe schonte und die französischen und italienischen Schiffe rücksichtslos einsetzte.
Der Beginn des Generalstreiks in den Ententestaaten ist um drei Tage verschoben worden. Die Interalliierten Regierun­gen haben sich im letzten Augenblick zu Verhandlungen bereit erklärt. Die gefangen gesetzten Führer wurden freigelassen und die vor den Kriegsgerichten schwebenden Verfahren vorläufig niedergeschlagen.
In Mailand haben die Arbeiter die Fabriken besetzt. Unter den italienischen Truppen sind Gehorsamsverweigerungen an der Tagesordnung. Die Differenzen sind aber vorerst güt­lich beigelegt worden, da die italienische Heeresleitung ver­sprochen hat, keine Angriffe gegen die neue rote Hauptver­teidigungslinie zu unternehmen, wenn Wien kampflos über­geben wird.

Letzte Nachrichten und Telegramme
Die Aufstandsbewegung in Irland wächst. Ganz Südirland ist in der Gewalt der Aufständischen. In Chikago ist ein Arbeiteraufstand niedergeschlagen worden. Unsere Truppen auf Fünen haben im Kampf gegen überlegene ameri­kanische Kräfte eine Niederlage erlitten. Die ersten italieni­schen Truppen sind vor Wien erschienen. Starke rote Truppenabteilungen marschieren in Griechenland ein, da Griechenland trotz mehrfacher Aufforderung die aus Bulgarien und Serbien geflüchteten Ententetruppen nicht entwaffnet hat. Das Oberkommando der roten Balkanarmee, das über starke Formationen verfügt, bereitet den Nordvormarsch vor, will aber erst die rückwärtige Gefahr in Griechenland liquidieren, was angesichts der roten Überlegenheit nur wenige Tage in Anspruch nehmen dürfte. In Saloniki, das bald von der regulären roten Balkanarmee besetzt werden wird, tobt zur Zeit ein heftiger Kampf zwischen aufständischen Arbeitern, roten englischen, französischen, griechischen und italienischen Truppen einerseits und den Resten der königlich griechischen und Ententearmeen anderseits. Nach einem Telegramm aus Dresden sind Halle, Leipzig
und Zwickau kampflos von den Franzosen besetzt worden. Starke Kolonnen von Autos, Panzerautos, Tanks und Kavallerieabteilungen rücken in Eilmärschen ostwärts vor und stehen vor Chemnitz. Starke rote Abteilungen sind in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Ein Kampf soll nach den Anweisungen des I. R. K. unter allen Umständen vermieden werden. Die aktiven Abteilungen der sächsischen Arbeiterwehren, die sich auf die Oder—Neiße-Linie zurückziehen sollten, werden in ihren Heimatorten demobilisiert. Alle Arbeiterräte in Sachsen sind angewiesen worden, die ost­wärts marschierenden roten Truppen, soweit sie nicht mit schnellen Beförderungsmitteln ausgerüstet sind, anzuhal­ten, zu demobilisieren und soweit wie möglich mit Zivil­kleidung zu versehen.

Berliner Genossen!
Der ,,Vorwärts" hört mit dem heutigen Tage auf, legal in Berlin zu erscheinen. Die offizielle Redaktion ist ab mor­gen in Warschau. Alle wichtigen Nachrichten werden durch drahtlosen Funkspruch der illegalen Redaktion in Berlin übermittelt. Unterstützt unsere illegalen Organisationen und den illegalen Zeitungsvertrieb! Haltet euch bereit für die Stunde der Entscheidung! Leistet den militärischen Machthabern der Entente nicht die kleinste Hilfe! Versucht, mit den englischen und französischen Kameraden ins Gespräch zu kommen. Besorgt euch alle den revolutionären Sprachführer, der bei allen Betriebsräten und revolutionären Vertrauensleuten zu haben ist. Verbreitet die in englischer und französischer Sprache geschriebenen Flugblätter und klebt die fremdsprachigen Aufrufe an alle Mauern, Zäune, Ka­sernen, Wohnhäuser, Litfasssäulen und öffentlichen Gebäude. Unterstützt die englischen und französischen Ge­nossen, die sich mit uns verbrüdern wollen und die Absicht haben, zu desertieren. Gebt ihnen Zivilkleidung oder alte deutsche Uniformen und versteckt sie. Reiht sie ein in die Kampffront, wenn die Stunde des bewaffneten Aufstandes gekommen ist!
Seid bereit! Wir kommen wieder!

 

 

Warschau - Vorwärts - 21. Dez. 1918

Siegestaumel und weißer Terror

Die Entente hat unser Friedensangebot unbeantwortet gelassen und setzt den Kampf fort. Ihre Truppen marschieren überall in Eilmärschen ostwärts. Die Gefangennahme der roten Truppen auf Fünen, die kampflose Einnahme von Hamburg, Berlin, Meißen, Dresden, Prag und Wien hat in den kapitalistischen Hauptstädten einen Siegestaumel hervorgerufen, der leider nicht nur auf bürgerliche und kleinbürgerliche Kreise beschränkt geblieben ist. Besonders in Paris scheint die Einnahme von Berlin furchtbare Ver­wüstungen in den Gehirnen angerichtet und übertriebene Hoffnungen wachgerufen zu haben. Die sozialistischen Zei­tungen in ganz Frankreich sind wieder verboten und beschlagnahmt worden. Die Leitung der sozialistischen Partei und der Confederation generale du Travail, die sich am gestrigen Abend im Vertrauen auf die Versprechungen der Regierung zu einer Sitzung zusammengefunden hatte, ist vollzählig verhaftet worden. Ein Unterschied zwischen Reformisten und Oppositionellen wird nicht mehr gemacht. Hunderte von revolutionären Arbeitern sind in den letzten Tagen erschossen worden, Tausende verhaftet. In der ganzen Nacht tobte kapitalistischer Mob durch die Straßen und vernichtete alles Eigentum der Arbeiterorganisationen, veranstaltete wüste Pogrome in den Arbeitervierteln und übte Lynchjustiz an revolutionären Arbeitern und ihren Familien. Während in England und Italien die Parole zum Generalstreik nach den vorliegenden Meldungen fast überall befolgt wurde, scheint sie in Paris versagt zu haben. In mehr als der Hälfte aller Betriebe soll, nach einem Funkspruch der Interalliierten, heute morgen die Arbeit wieder bedingungslos aufgenommen worden sein. In Marseille dagegen sollen die Arbeiter die Rätediktatur errichtet haben; in Lyon wird erbittert gekämpft. In Norditalien und Spanien herrscht offener Aufruhr. In Genua und sogar in Barcelona ist die Räterepublik ausgerufen worden. Die spanische Regierung hat die gemeinsame Aufforderung der Sozialisten, Syndika­listen und Anarchisten, den Kampf in Marokko und im Rif abzubrechen, mit dem weißen Terror beantwortet. Im Osten steht es überall gut. In Nordchina rücken die ro­ten Flugzeuggeschwader und die Eisenbahntruppen auf Pe­king vor. In Hankau, Nanking und Schanghai sind revolu­tionäre Arbeiterräte gebildet worden. Im Süden verbreitet sich die revolutionäre Bewegung von Kanton aus. In Bom­bay und Kalkutta wurde der Generalstreik proklamiert. Im französischen Annam sind Aufstände ausgebrochen. Grö­ßere Abteilungen der Fremdenlegion haben sich mit den Aufständischen verbrüdert. Auf Borneo, Celebes und Java sind Kämpfe mit den holländischen Regierungstruppen im Gange. Auf den Philippinen ist ein Aufstand von den ame­rikanischen Regierungstruppen niedergeschlagen worden. Ein chinesisches Schiff, das den Philippinos von Kanton aus zu Hilfe eilen wollte, ist von den Engländern in Grund ge­bohrt worden. Sun Yat-sen hat ganz China aufgerufen, den Kampf gegen die Imperialisten aufzunehmen. Damit ist das Schicksal der Imperialisten in China entschieden. Man sollte annehmen, dass diese Ereignisse den Imperiali­sten zu denken geben und sie zur Aufgabe des aussichts­losen Kampfes bewegen müssten. Wenn die europäisch-asia­tische Revolution den Aufstand der unterdrückten Farbigen auslöst, so ist das etwas ganz anderes, als wenn dieser Versuch vorher von dem imperialistischen Deutschland gemacht wurde. Das ist es, was die Kapitalisten übersehen haben, als sie sich entschlossen, den Kampf gegen die Revolution so­fort und mit allen Mitteln aufzunehmen. Sie lassen sich von den Erfolgen in Palästina und in Arabien blenden. Dort hat das englische Gold noch einmal seine Wirkung getan. Es wird das letzte Mal gewesen sein!
Ganz Mazedonien ist jetzt fest in unserer Hand. Damit ist der letzte kapitalistische Widerstand im Osten gebrochen. Jetzt beginnt der Kampf um Mitteleuropa. Die rote Balkan­armee hat den Vormarsch nach Norden angetreten. Die italienischen Angriffe auf die Donau- und Marchlinie sind überall mit schweren Verlusten abgeschlagen worden. Öst­lich Wien haben ganze italienische Truppenteile gemeu­tert, weil sie entgegen dem Versprechen der italienischen Heeresleitung nun doch die rote Hauptverteidigungslinie angreifen sollten.
In Böhmen sind die in Eilmärschen vorrückenden Auto-und Tankkolonnen der Entente nördlich Trautenau, nörd­lich Hohenelbe und westlich Gablonz auf starken Wider­stand gestoßen.
Nördlich des Isergebirges ist den Ententetruppen durch ihr überraschend schnelles Vorrücken in Sachsen der Einbruch in unsere Hauptverteidigungslinie gelungen. Sie haben sich durch Überrumplung sogar die Eisenbahn nutzbar machen können und sind mit Panzerzügen und starken Truppentransporten bis Greifenberg vorgestoßen. Dieser Durchbruch unserer Linien hat zwei Ursachen. Die ersten Kolonnen der aus dem Osten heranrückenden roten russischen Armee sind erst heute an der Oderlinie ange­kommen. Die Neißelinie war beinahe unbesetzt, da fast alle regulären und irregulären roten Truppen in Sachsen de­mobilisiert worden sind.
In Südholstein haben die nordwärts vorrückenden Entente­truppen eine schwere Niederlage erlitten. Das Gros der En­tentetruppen war nach Herstellung der Verbindung mit den englisch-amerikanischen Nordarmeen von Hamburg aus ostwärts abmarschiert. In Richtung auf Neumünster wurden nur zwei Divisionen in Marsch gesetzt. Diese Säu­berungsaktion brach aber kläglich zusammen. Die Ententetruppen wurden fast restlos vernichtet und gefangen genommen.
Der Versuch, unsere von überlegenen amerikanischen Kräf­ten angegriffenen Truppen auf Fünen nach Seeland zurück­zuziehen, ist leider missglückt. Dagegen ist es im Schutze der Nacht gelungen, einen Teil der Besatzung auf Arö, Langeland und Laaland zurückzunehmen. Bei einem Ge­fecht am Großen Belt sind zum ersten Mal größere unhava­rierte Schiffseinheiten der englischen Flotte zu uns übergegangen.
In Berlin ist unter dem Schutze der Entente eine weiße Regierung gebildet worden. Alle öffentlichen Gebäude und Kasernen sind mit weißen deutschen Truppen und Offiziersbataillonen besetzt. Die französische Heeresleitung, die sich das militärische Schauspiel des Einzuges der siegreichen Truppen nicht nehmen lassen wollte, hat sich im Schloss festgesetzt und den größten Teil der Truppen ostwärts weiter marschieren lassen. Der französische Poilu aber hat in der Linie Straußberg—Fürstenwalde erkennen müssen, dass die Zeit der kampflosen Siege vorbei ist. Nur drei französische Divisionen sind in Berlin einquartiert. Im übrigen hoffen die Franzosen, dass sie sich auf die weißen deutschen Bundesgenossen verlassen können. Lassen wir ihnen diesen Glauben!
Der deutsche Arbeiter weiß, was er zu tun hat!!

 

 

Warschau/Berlin - Vorwärts - 24. Dez. 1918

Generalstreik überall!
Parole:
Im alten Jahr kein Hammerschlag, Kämpft für den roten Neujahrstag!

In der ganzen westlichen Welt ruht die Arbeit. Die Räder stehen still. Die Essen verlöschen. Hochöfen werden ausge­blasen. Die Gruben sind verlassen. Kein Handschlag mehr soll für den Kapitalismus geleistet werden, die Arbeit wird erst wieder aufgenommen, wenn das Proletariat wieder im Besitz der Macht ist.
Die Revolution schreitet überall siegreich vorwärts: Ganz Katalonien ist in der Hand der Aufständischen, die Verbindung mit Südfrankreich ist hergestellt. In Madrid behaupten sich noch die Kapitalisten. Ein Arbeiteraufstand in Bor­deaux wurde von amerikanischen Truppen niedergeschlagen. In Paris sind die Kämpfe noch unentschieden. Dagegen ist ganz Irland in den Händen der Aufständischen. In Liverpool, Manchester, Sheffield, Hull, Birmingham und Cardiff ist die Räterepublik ausgerufen worden. Die mei­sten südenglischen Häfen sind in der Gewalt der Aufstän­dischen. London, dessen Arbeiterschaft sich bisher auf schärfste Durchführung des Generalstreiks beschränkt hat, ist überall von Revolutionsherden umgeben. Unterdessen setzen die kapitalistischen Heere in Mitteleu­ropa ihren Todeskampf fort. Hunderttausende von englischen, französischen und italienischen Kameraden sind bereits zu uns herübergekommen und kämpfen zum größten Teil auf unserer Seite. Millionen aber kämpfen noch in den kapitalistischen Armeen. Dennoch kann es keinen Zweifel mehr geben, dass dieser Kampf bald, sehr bald mit dem Siege der Revolution enden wird. Unsere Westfront wird von Tag zu Tag stärker, die der Gegner bröckelt immer mehr ab. In großen Teilen Deutschlands und Frankreichs fängt die Revolte damit an, dass die Eisenbahnschienen auf­gerissen werden. Die rückwärtigen Verbindungen der En­tentetruppen sind dadurch an vielen Stellen unterbrochen. Im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland und in Sachsen ist der rote Aufstand fast überall geglückt. Die Besatzungstruppen sind entweder überwältigt worden oder haben sich den Auf­ständischen angeschlossen. Die Rheinübergänge bei Köln, Mülheim, Mainz und Mannheim—Ludwigshafen sind fest in der Hand der aufständischen Deutschen und Fran­zosen. Auch das Gebiet um Frankfurt am Main ist fest in unserer Hand. Am besten steht es in und um Wien, am allerschlechtesten in Berlin. Nachdem eine französische Di­vision meuterte, haben die Franzosen fast alle ihre Truppen aus Berlin herausgezogen und die Stadt der Blutherrschaft der weißen deutschen Banden überlassen. Es rächt sich jetzt, dass wir die besten und aktivsten Abteilungen der roten Arbeiterwehr aus Berlin herausgezogen haben und an der militärischen Kriegsfront kämpfen lassen, wo sie nicht halb so viel leisten können wie im Bürgerkrieg. Wie ganz anders sieht es dagegen in Sachsen aus, wo fast alle roten Abteilungen infolge des schnellen Vorrückens der Franzosen im Lande geblieben sind!
Das Zentrum und der Süden und Westen Berlins sind fest in der Hand der Weißen. In Neukölln sind alle Versuche zum Bau von Barrikaden durch ein starkes Aufgebot von Panzerwagen im Keime erstickt worden. Im Osten ist zwar die große Frankfurter Allee und das Ausfallstor nach dem Osten noch fest in der Hand der Weißen. In den Neben­straßen aber wachsen überall ebenso wie im Norden Bar­rikaden aus dem Boden.

Die Lage an der militärischen Kriegsfront


Alle gegnerischen Angriffe auf die Ostseeinfahrt sind abgeschlagen worden. Drei Schlachtschiffe, ein Panzerkreuzer und zwei kleine Kreuzer neben vielen Hilfsschiffen, Torpedo- und Unterseebooten sind zu uns übergegangen. Die englisch-französische Flotte hat jetzt keine Erfolgsaussich­ten mehr. Wenn nicht die Amerikaner in letzter Minute dem dringenden Ersuchen der Engländer nachgeben und ihre Flotte rücksichtslos einsetzen, ist das Schicksal der weißen Flotten in den allernächsten Tagen entschieden. Die Amerikaner liegen nach wie vor untätig im Skagerrak und im Kattegatt und beschränken sich auf den Schutz ihrer Landarmeen. In einem Funkspruch an die rote Flottenleitung drohen sie allerdings, ihre Flotte einzusetzen, falls wir Jüt­land angreifen sollten. Wir haben geantwortet, dass wir uns mit der Säuberung Fünens von englischen Truppen begnü­gen, wenn die amerikanischen Landtruppen vom Angriff auf Kiel zurückgezogen werden. Eine Antwort ist bisher nicht eingetroffen. Es ist aber im Hinblick auf die Lage an­zunehmen, dass die Amerikaner dies inoffizielle Waffen­stillstandsangebot annehmen. Durch die Landung starker russischer Truppenmassen in der Hohwachter und Lübecker Bucht und vor allem durch den erfolgreichen Arbeiterauf­stand im Hamburger Gebiet ist eine völlig veränderte Lage entstanden. Wir gehen von beiden Seiten zum Angriff über. An der Oderlinie, nördlich Fürstenberg, sind alle gegnerischen Vorstöße abgewiesen worden. Die Zeit der Defensive ist vorbei. Wir nehmen den Entscheidungskampf auf. Unsere Generaloffensive hat auf breiter Front begonnen. Die Gegner, die in der Oberlausitz überraschend durchbre­chen konnten, stießen in der Niederlausitz auf starken Wi­derstand. Starke deutsche und russische Truppenabteilun­gen aus den Lagern Jüterbog, Kottbus und Neuhammer haben den Kampf aufgenommen und sind zur Offensive übergegangen. Bei Krossen, Neusalz und Glogau gehen ständig starke Abteilungen der russischen roten Armee über die Oder und marschieren in Eilmärschen west- und südwärts. Im Norden ist die Spree erreicht, bei Kottbus und Spremberg wurde sie überschritten. Der gegnerische Widerstand ist sehr schwach. Artilleriekämpfe finden fast über­haupt nicht statt. Die Kavallerie ist wieder eine Hauptwaffe geworden. Sie unterstützt den Angriff der Auto- und Tankkolonnen. Unsere Beute an Tanks und Panzerautomobilen ist groß.
Der Vormarsch nach Süden ist aus der Linie Weißwasser —Weißkeisel—Sorau—Sagan angetreten. Weiter südlich ist es den Franzosen gelungen, unsere schwa­che Stellung bei Maltsch zu durchbrechen und über Neu­markt bis kurz vor Deutsch-Lissa vorzustoßen. Dort brach der Angriff im Feuer der Breslauer Außenforts zusammen. Der Eckpfeiler unserer Stellung im Isergebirge behauptet sich gegen alle Angriffe. Im Riesengebirge haben wir Spindelmühl aufgegeben und den gegnerischen Vormarsch vor St. Peter und im Elbtale vor der Weißwassermündung auf­gehalten. Bei Liebau—Friedland tobt ein heftiger Kampf um die Passstraße. Unsere Front wird ständig durch neue Abteilungen der roten Arbeiterwehr aus dem Waldenburger Bergland und durch rote Truppen vom Truppenübungs­platz Lambsdorf verstärkt.
Eine starke russisch-polnisch-deutsche Armee hat von der Weistritzlinie aus den Nordvormarsch angetreten. Im Adlergebirge wurden alle Angriffe abgeschlagen. Der rechte Flügel der französischen Armee versuchte bei Ku­dowa vergeblich, in den Glatzer Kessel einzudringen. Die italienische Front zwischen Glatz und Pressburg ist voll­kommen in Auflösung begriffen. Brünn ist von roten Trup­pen besetzt worden. In ganz Mähren rücken die roten Ar­meen in Eilmärschen nord- und westwärts vor. Große Teile der italienischen Truppen haben sich uns angeschlossen und nehmen am Vormarsch teil.

Die Ereignisse in Wien


Schon vor der Erhebung der Wiener Arbeiter sind Tausende von italienischen Soldaten desertiert und haben sich von den Wiener Arbeitern Zivilkleidung geben lassen. Dann kam die Nachricht von den verlustreichen Kämpfen nörd­lich Pressburg. Ganze Truppenteile meuterten und kämpf­ten Seite an Seite mit den aufständischen Wiener Arbei­tern. Innerhalb von 24 Stunden war ganz Wien in unserer Hand. Anschließend begann unser Vormarsch nach Osten, der mit der Gefangennahme der letzten italienischen Nord­donautruppen endete. Die Eisenbahn fährt wieder. In Linz ist die Macht vom Arbeiterrat ohne Kampf wieder übernommen worden. Von Passau aus fahren rote Eisenbahner mit Panzerzügen donauaufwärts. Von Salzburg aus gehen rote Truppenzüge nach Rosenheim ab. Sie sollen den Münchener Arbeitern zu Hilfe eilen.
Die Donau ist bis zur Draumündung überall westwärts überschritten worden. Nördlich und südlich des Neusied­lersees kam es zum Kampf mit zurückflutenden italienischen Truppen, die sich aber bald ergaben. Das Gros der roten Balkanarmee hat überall die Saulinie hinter sich gelassen. Rote Kavallerie hat die Drau an mehreren Stellen nordwärts überschritten. Das nördliche und südliche Drittel der Eisenbahnlinie Agram—Budapest ist in unserer Hand. Fast alle italienischen Truppenabteilungen in Kroa­tien und Slavonien sind gefangen genommen worden oder kämpfen unter der roten Fahne.
Auf dem Peloponnes wird der Vormarsch in südlicher Richtung fortgesetzt.
Cypern ist von roten Landungstruppen besetzt. Die Seeschlacht vor Port Said hat mit einem vollen Siege der vereinigten roten Mittelmeerflotten geendet. Wieder haben sich mehrere Schiffe der englisch-französischen Flotte uns angeschlossen. Der Rest hat sich in den Suezkanal zurückgezogen. Auch auf den Schiffen im Suezkanal sind Matrosenräte gebildet worden, ohne deren Genehmigung die Schiffsleitung nichts unternehmen darf. Die Flottenleitung fürchtete sich, gegen die Matrosenräte einzuschrei­ten, da die Mannschaft mit den Roten sympathisiert. Unser Vormarsch auf den Suezkanal ist vorläufig eingestellt worden. Die roten Truppen sind durch den übereilten Vor­marsch erschöpft, auch ist ihre Ausrüstung für den Wüsten­kampf ungeeignet.
Die Nordstrecke der Küstenbahn ist jetzt notdürftig wiederhergestellt. Durch Palästina rollen ständig neue deutsch-türkisch-russische Verstärkungen heran. Der nördliche Teil der Transjordanbahn ist in unserer Hand. Ein kleiner Teil der arabischen Stämme hat sich bereits am Kampf gegen die Engländer beteiligt. Ibn Saud verhält sich vorläufig neutral. Er will sich am Kampf gegen England beteiligen, wenn die völlige Unabhängigkeit Palästinas und Arabiens in einem einheitlichen Staat garantiert wird und Palästina sofort von arabischen Kräften besetzt werden kann. Die Verhandlungen schweben noch. Östlich Port Said, westlich Alexandria und im Nildelta sind rote Truppen gelandet worden. Die Aufstandsbewegung in Ägypten und im Sudan breitet sich schnell aus.
Wichtige Teile Nordafrikas sind in der Gewalt der Auf­ständischen. Die italienischen Truppen und die Soldaten der französischen und spanischen Fremdenlegion haben es in vielen Fällen gar nicht erst zum Kampf kommen las­sen, sondern sich mit den Aufständischen verbrüdert. Im Flussgebiet des Indus ist die revolutionäre Bewegung stärker geworden. Ein Angriff auf Peschawar misslang. Ein neuer Angriff ist eingeleitet. In Bombay hat sich ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet und die Macht übernom­men. Der Aufstand in Kalkutta wurde niedergeschlagen. Die aufständische Bewegung breitet sich aber im ganzen Gangestal und im mittleren Hindostan weiter aus. Auf Ceylon sind Unruhen ausgebrochen.
Die Aufstandsbewegung in Indonesien macht weitere Fortschritte.
Peking und die meisten europäischen Settlements sind in der Hand der Aufständischen. Um Hongkong wird gekämpft.
In Japan und Korea sind Unruhen ausgebrochen. Der Aufstand auf den Philippinen macht Fortschritte. In Buenos Aires ist ein Arbeiteraufstand niedergeschlagen worden.

Blutige Weihnachten
Weihnachten, das christliche Fest der Liebe und des Friedens, ist für den Proletarier noch nie ein Fest der Freude gewesen. Aber niemals, auch nicht im imperialistischen Kriege, waren diese Tage so waffenklirrend und schicksalsschwer, niemals aber auch waren sie so verheißungsvoll wie in diesem Jahre. Diese Tage wären friedlicher, wenn wir vor dem Kapitalismus bedingungslos kapituliert und uns zu dauernden Tributzahlungen an die inländischen und aus­ländischen Kapitalisten bereit erklärt hätten, wenn wir den Befehl der kapitalistischen Weststaaten befolgt und die Rolle der Henkersknechte an der östlichen Revolution übernommen hätten. Aber dafür müssten wir den Kapitalismus im eigenen Lande wieder aufbauen und müssten weiter für unsere Ausbeuter schuften. Und alle Jahre zu Weihnachten würden von den Kanzeln süße Töne der Liebe und des Frie­dens erklingen, während man immer neue und immer schrecklichere Vernichtungsmittel fabriziert, um im nächsten Kriege die Proletarier wieder abschlachten zu können. Wir sind froh, dass es anders gekommen ist, dass wir nach den Schrecken des imperialistischen Krieges noch den Mut aufgebracht haben, den Kampf für den Sozialismus aufzunehmen. Wir haben schwere Opfer gebracht, und wir wer­den sie weiter bringen. Aber diese Opfer werden für den Sozialismus, für die Freiheit aller Menschen und aller Völker gebracht und nicht mehr für ein kleines kapitalistisches Vaterland, das dem Proletarier niemals ein Vaterland war. Wir haben große Erfolge errungen und sehen dem Endsieg entgegen.
Die Weihnachtstage werden die Entscheidung bringen. Heute morgen ist vom Interalliierten Hauptquartier funkentelegraphisch ein Waffenstillstandsangebot eingegangen. Die Entente bietet den Frieden an. Aber sie verkleidet dieses Angebot mit heuchlerischen Phrasen und unverschämten Forderungen. Sie weist stolz auf angebliche Erfolge der Regierungstruppen gegen die Revolutionäre in England, Frankreich und Nordamerika hin. Sie fordert sofortige Ein­stellung aller Kampfhandlungen, Auslieferung aller englischen und französischen Schiffe, die sich der roten Flotte angeschlossen haben, Auslieferung aller Kriegsgefangenen und der englischen und französischen Genossen, die in un­seren Reihen kämpfen, vorläufige Anerkennung der weißen deutschen Regierung. Pressefreiheit, „demokratische" Wahl einer Nationalversammlung in allen Donau-, Balkan- und Oststaaten. Es ist natürlich nicht daran zu denken, dass wir auf solche Forderungen eingehen. Wir sollen dem Kapital die Möglichkeit geben, die Schmutz- und Lügenkloaken der bürgerlichen Presse zu öffnen, das Volk mit demokratischen und sozialen Phrasen zu umnebeln-, damit Mitteleuropa wieder in eine Reihe von kleinen Staaten zerfällt, in denen zuerst einmal „demokratische" Regierungen ent­stehen, die der kapitalistischen Diktatur den Weg ebnen. Niemals!
Der Zentralexekutivrat des B. d. S. R. S. hat als Antwort so­fort folgendes Funktelegramm aufgegeben: „Zu spät! Wir erkennen die kapitalistischen Regierungen nicht mehr an und verhandeln nur noch mit den Vertretern der englischen, französischen und italienischen Arbeiter. Übergebt sofort die Macht an die Arbeiter- und Soldatenräte! Erst dann werden wir den Kampf einstellen. Der größte Teil der alliierten Flottenbesatzungen, die Mehrheit der italienischen Trup­pen und Hunderttausende von englischen und französischen Kameraden kämpfen bereits in unseren Reihen für ihr zukünftiges sozialistisches Vaterland. Wir fordern alle Ka­meraden in den kapitalistischen Armeen der Entente auf, dies Beispiel nachzuahmen und sich mit uns zu verbrüdern!" Gleichzeitig ist im Namen und im Auftrage der sozialistischen Parteien Englands, Frankreichs, Belgiens, Hollands, Dänemarks, Italiens und der Schweiz folgender Aufruf ver­breitet worden:

Auf die Barrikaden!!


Arbeitende Männer und Frauen in allen Ländern, die noch von Kapitalisten beherrscht werden! Erhebt euch! Ergreift die Waffen! Zerschmettert eure Peiniger! Befreit die Welt von der Profitwirtschaft! Millionen mussten verbluten, eure Söhne und Väter, Brüder und Gatten wurden in den Tod geschickt und zu gegenseitigem Mord gezwungen, weil die Interessen der Ausbeuter es verlangten. Und noch immer setzen diese Verbrecher am Menschengeschlecht das Ge­metzel fort, obwohl ihre Sache völlig aussichtslos ist! Macht Schluss! Wer heute noch — nach soviel Elend und Zerstörung — das Kapital verteidigt, verdient den Namen Mensch nicht mehr und muss vernichtet werden gleich Un­geziefer!
Soldaten der kapitalistischen Heere: kämpft mit, statt ge­gen uns! Kehrt eure Waffen um! Setzt eure Befehlshaber ab, und wenn sie sich nicht fügen, macht sie nieder!
Und ihr im Hinterland, die man vier Jahre lang missbrauchte und zum Schweigen zwang, folgt dem Gebot der Stunde: kündigt euren Herren und ihrem ganzen Anhang den Gehorsam! Kein Zaudern und kein Mitleid! Schlagt jeden nieder, der sich euch entgegenstellt! Und wenn sie sich verstecken, in ihren Ämtern und Villen verkriechen, lasst euch nicht täuschen! Räuchert sie aus! Zwingt sie, Farbe zu bekennen! Und schont sie nur, wenn sie sich bedingungslos ergeben! Jede unangebrachte Milde wäre ein Verbrechen an der Menschheit. Denkt daran: die weißen deutschen Regierungen in Berlin und München haben in den wenigen Tagen ihrer Herrschaft Zehntausende von Freiheitskämpfern hingemordet. Dasselbe droht den Besten unter euch, wenn ihr jetzt versagt!
Nicht sollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten, lasst euch von der Empörung eurer Gegner nicht zu Grausamkeiten hinreißen! Das hieße nur, unsre gute Sache beschmutzen. Unterlasst auch sinnlose Zerstörungen! Denn was heute We­nigen gehört, wird morgen das Eigentum aller sein. Aber seid unerbittlich. Tut eure Pflicht, auch wenn es eine blu­tige Pflicht ist. Es geht um das Schicksal der Menschheit.
Auf zum Kampf!
Auf die Barrikaden! Zu den Waffen!
Es lebe der Sozialismus!
Es lebe die Revolution!

 

 

Berlin - Vorwärts - 29. Dez. 1918

Berlin befreit!
Sieg auf der ganzen Linie

Die italienische Regierung hat die Macht den Arbeiter- und Soldatenräten übergeben. Die Regierungen Englands und Frankreichs haben bis heute nacht vergeblich versucht, sich zu halten. Die französische Regierung flüchtete heute mor­gen nach Bordeaux in den Machtbereich der amerikanischen Armeen. Die englische Regierung befindet sich in Dover an Bord eines amerikanischen Kriegsschiffes. Die Amerikaner haben bereits am 25. ihre Truppen aus der Kampffront in Schleswig-Holstein zurückgezogen und sich für neutral erklärt.

Die letzten Kämpfe
Während in ganz Westeuropa die aufständischen Arbeiter und Soldaten mit dem Kapitalismus aufräumten, holten wir an den militärischen Fronten überall zum entscheidenden Schlage aus.
Am heftigsten tobte der Kampf am Nordflügel der Oderfront. Das zweitägige schwere Ringen wurde schließlich durch einen groß angelegten Flankenstoß entschieden, der von einer roten Flottenabteilung gedeckt und durch Truppenlandungen verstärkt wurde.
Es gelang dem Gegner nicht, rechtzeitig Verstärkungen heranzuführen, da alle rückwärtigen Verbindungen unterbrochen waren. Der linke Flügel der kapitalistischen Ost­front befindet sich in vollkommener Auflösung. Die meisten Mannschaften sind zu uns übergegangen. Nur in Mecklenburg irren noch einzelne versprengte weiße Truppenteile umher, die letzten Reste der stolzen kapitalistischen Ar­meen. Der Widerstand östlich von Berlin war geringer als wir vermutet hatten. Die in diesem Abschnitt besonders gute Zersetzungsarbeit wurde durch die demoralisierende Wirkung der Niederlagen vor Küstrin unterstützt. (Einen genauen Bericht über die Kämpfe in und um Berlin bringen wir morgen.)
Noch stärker war die Demoralisation der Ententetruppen im Kampfabschnitt südlich Berlins, wo ganze Formationen meuterten und in geschlossenen Verbänden zu uns übertraten.
An der Elster, zwischen Torgau und Finster­walde, wurden die letzten kämpfenden Abteilungen ein­gekreist. Von Osten her kam die rote russisch-deutsche Armee, von Westen her sächsische Arbeiterwehr. In Niederschlesien war der Gegner zwischen drei rote Fronten eingekeilt. Die Hauptkräfte wurden durch die von Osten heranrückende rote Armee gefesselt. Die rote Süd­armee konnte am 24. Dezember über die Linie Bunzlau— Haynau nordwärts vordrängen. Vom Westen her überschrit­ten rote Abteilungen aus Sachsen die Queis-Linie. In der nächsten Nacht vereinigte sich die sächsische Vorhut bei Löwenberg am Schützenhaus mit den roten Südtruppen. In Löwenberg lag eine ganze französische Division. Die Höhen rings um die Stadt waren von roten Truppen besetzt. In den Morgenstunden ergab sich die gesamte französische Besatzung. Weitere 200000 Franzosen waren in dem Raum zwischen dem Bober und dem kleinen Bober von unsern Truppen eingekeilt. Zwischen Jauer und Hertwigswaldau war eine zweite französische Armee von etwa 100000 Mann von schwächeren deutschen Truppen eingeschlossen. Auch an der oberen Neiße standen noch einige französische Divi­sionen. Alle diese Truppen standen untereinander durch Flieger und Funkspruch in Verbindung. Das weiße Kommando hatte beschlossen, in der Nacht vom 26. zum 27. XII.
einen Durchbruch mit dem gemeinsamen Ziel Goldberg zu versuchen. Diese Vereinigung hätte gelingen und uns eine Zeitlang Schwierigkeiten verursachen können. Wir klärten aber die französischen Kameraden durch Funksprüche und von Fliegern herabgeworfene Flugblätter darüber auf, dass ihre Lage, auch nach gelungenem Durchbruch, hoffnungs­los, dass also jeder weitere Kampf auch für diejenigen, die noch für den Kapitalismus kämpfen wollten, zwecklos sei. Am Nachmittag erhielten wir die Nachricht, dass rote Soldatenräte gebildet und die Offiziere abgesetzt worden seien. Die Kämpfe im Riesengebirge wurden eingestellt, nachdem die Franzosen vergeblich versucht hatten, die stei­len Höhen am Elbfall, im Weißbachtal, am Roseggerweg bei St. Peter, an der Planura und bei Schatzlar zu berennen.
Bei Liebau — Friedland wurde der französische Widerstand von roten tschechischen Legionären gebrochen, die sich damit das letzte Stück des langen Weges in die Heimat erkämpften.
Die Reste der weißen italienischen Truppen in Ungarn sind nördlich und südlich des Plattensees in hoffnungsloser Lage eingekreist.
Die Suezkanalflotte ist zu den Roten übergegangen. Der Suezkanal und halb Nordafrika sind fest in unserer Hand. Malta ist von heimfahrenden Schiffen der roten italieni­schen Flotte besetzt worden. Über Gibraltar ist noch nichts bekannt. In Spanien und Portugal macht die Revolution Fortschritte. Die einzigen Punkte, die der Gegner noch fest in der Hand hält, sind Bordeaux und Jütland, wo die amerikanischen Truppen sich rechtzeitig festsetzen konnten. Waffenstillstandsverhandlungen mit dem amerikanischen Kommando sind im Gange.

Der Abschluss des Seekrieges
Durch Überläufer wurde uns bekannt, dass die englische Flotte noch einmal zum konzentrischen Angriff eingesetzt werden sollte. Wir beschlossen, dem Gegner zuvorzukommen und setzten in den Morgenstunden die rote Flotte zum Angriff ein.

Bericht eines roten Matrosen


Im Schutze der Nacht rückten die roten Flotten heran zur letzten Schlacht. Aber es kam nicht mehr dazu. Englische Torpedoboote kamen uns entgegen und meldeten der roten Flottenleitung, dass auf den Ententeflotten Unruhen ausge­brochen seien. Mehr als die Hälfte aller Schiffe habe sich für die Revolution erklärt. Wir näherten uns langsam und wurden mit Sirenengeheul, Raketen- und Salutschüssen empfangen. Ein Meer von roten Fahnen begrüßte uns. Es entwickelte sich ein reger Verkehr von Schiff zu Schiff. Bald war kein Matrose mehr auf dem Schiff, auf das er ge­hörte. Überall wurden Verbrüderungsfeiern, Meetings und Deckversammlungen abgehalten. Ein internationales balti­sches Flottenkomitee wurde gebildet. Inzwischen war die Nachricht aus Kiel eingetroffen, dass die Fahrtrinne durch Minensucher freigelegt worden sei. Es wurde beschlossen, gemeinsam nach Kiel zu fahren. Über eine Stunde dauerte es, bis alle Matrosen wieder auf ihren Schiffen waren. Dann setzte sich die unabsehbar lange Linie in Bewegung. Deutsche, französische, englische, russische, schwedische, nor­wegische und dänische Schiffe. Linienschiffe, Panzerkreu­zer, Torpedoboote, kleine Kreuzer, Unterseeboote, Küsten­kanonenboote, Transportdampfer, Kohlenschiffe, Tankdampfer, Hebeschiffe, Flugzeugmutterschiffe. Alles durcheinander, in einer kilometerlangen Kiellinie. Darüber kreisten Hunderte von Flugzeugen mit langen roten Wimpeln. Um drei Uhr nachmittags passierten die Spitzenschiffe den Leuchtturm von Friedrichsort. Lange nach Dunkelwerden kamen die letzten.

 

Das Fest der Weltrevolution


Der Empfang in Kiel war überwältigend. Schon draußen an der Außenförde waren beide Ufer schwarz von Menschen. Von Bülck und Schilksee bis Friedrichsort, auf der anderen Seite vom Schönberger Strand bis nach Laboe ein Meer von Menschen und roten Fahnen. Als die Spitze den Leuchtturm von Friedrichsort passierte, begannen alle Sirenen der Kie­ler Fabriken und Werften zu pfeifen. Die Glocken läuteten. Hunderte von Pinassen, Barkassen, Hafendampfern, Küstendampfern, unzählige Segel-, Motor- und Ruderboote umschwärmten die einfahrende Flotte. Überall rote Fahnen. Es war ein Triumphzug in das Herz der Revolution, in das rote Kiel, wo zuerst die Flamme des Aufruhrs in Mitteleuropa emporgelodert war. Hier, am Ursprungsort der deutschen Revolution, wurde der Sieg der Weltrevolution gefeiert. Von der Strandpromenade her dröhnte der Jubel von Zehn­tausenden. Die Kriegsschiffe aller Nationen antworteten mit Sirenengeheul und Hunderten von Salutschüssen. Von der Marineakademie und von der feudalen Seebadeanstalt her grüßten rote Fahnen. Dort hat früher die Internationale der Ausbeuter, der Rüstungsfabrikanten und der adligen Militärs ihre Feste gefeiert.
Das Gewimmel im Hafen wurde beängstigend. Den einfahrenden Schiffen fiel es immer schwerer, die notwendigen Manöver auszuführen und Platz zu finden. Als aber dann die Anker gefallen waren, setzte eine wahrhaft internationale Invasion ein. Gemeinsam mit den Arbeitern und Frauen Kiels kamen englische, französische und amerikanische, russische und belgische Soldaten an Bord, die von den Wellen der Revolution hierher verschlagen worden waren. Das interbaltische Komitee delegierte von jedem Schiff eine kleine Abteilung zur Begrüßung der roten Landtruppen, die in den nächsten Stunden in Kiel einrücken sollten. In den Straßen Kiels herrschte ein lebensgefährliches Gedränge. Mehr als dreihunderttausend Menschen, weit mehr, als Kiel Einwohner hat, waren bereits in Kiel zusammengeströmt, und weitere Massen wurden noch erwartet. Alle Schulen, Säle, öffentlichen Gebäude, Kasernen und Schiffe waren mit roten Truppen voll gestopft. Jede Arbeiterfamilie hatte rote Einquartierung. Die Villen in Düsternbrook wurden beschlagnahmt und mit roten Soldaten und Matrosen be­legt. Immer neue Massen strömten heran, um das Fest der internationalen Verbrüderung mitzumachen. Das freudigste Fest, das es je gegeben hat und zugleich das dürftigste, wenn man das Festessen als wesentlichsten Bestandteil eines Festes ansehen will. Es reichte nicht einmal für den Hunger. Und doch überall freudige und strahlende Gesichter. Die roten Soldaten und Matrosen teilten brüderlich ihre Ration mit ihren Quartiergebern. Die Arbeiter des Schlachthofes hatten eine Nachtschicht eingelegt, um dem drin­gendsten Mangel wenigstens in diesen Tagen abzuhelfen. In der ganzen Umgebung wurde alles erfassbare Vieh aufge­kauft und teilweise requiriert. Jeder wusste, dass uns weitere Hungermonate, ja vielleicht sogar Hungerjahre bevorstehen; aber einmal, am Tage der Weltrevolution, sollten sich doch die roten Arbeiter und Soldaten satt essen. Kiel war überfüllt. Nicht nur die Häuser und Schiffe, auch die Dächer, die Straßen und der Hafen. Und noch immer strömten neue Massen in die Stadt. Die Menschen standen fast übereinander, klebten auf Laternen und Häuserfronten, die jetzt zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder hell erleuchtet waren. Immer wieder ertönten die Klänge der Internationale. Tausende sangen sie mit, in allen Spra­chen. International waren die Hunderttausende von spalier­bildenden Menschen. International die Kapelle und inter­national die roten Truppen, die jetzt unter den Klängen roter Märsche herankamen. Russische Soldaten marschier­ten neben Kieler Werftarbeitern, die noch die Arbeitskleidung trugen, in der sie zur Verteidigung der roten Festung geeilt waren. Englische und französische Matrosen in Reih und Glied mit deutschen feldgrauen Infanteristen. Rote Kosaken neben deutschen Ulanen. Ratzeburger Jäger, 76 er und 85 er Infanteristen neben den Textilarbeitern von Neu­münster und den Schuhmachern und Schlächtergesellen aus Preetz. Dahinter einige Gruppen amerikanischer Sol­daten. Und wieder Engländer, Russen, Franzosen und Deut­sche, nebeneinander, hintereinander. Das sind die roten Ver­teidiger der Südfront, die der letzte Vorstoß der kapitalisti­schen Truppen bis hinter Bordesholm zurückgeworfen hatte. Jetzt kommen die ersten geschlossenen englischen Forma­tionen, sie rebellierten bei Voorde und überschritten die Eiderlinie nicht mehr als Feinde, sondern als Freunde un­ter wehenden roten Fahnen.
Und zum Schluss, lange nach Mitternacht, marschieren die Abteilungen der Hamburger Arbeiterwehr heran. Sie haben Neumünster von Süden her wieder eingenommen und sind auf der Eisenbahn weiter vorgerückt, um die letz­ten englischen Truppen gefangen zu nehmen. Trotz aller Eile kamen sie zu spät Überall stießen sie auf rote Fahnen und auf rote Armbinden. Hundemüde sind die Hamburger Ge­nossen. Seit Beginn des Aufstandes in Hamburg haben sie kaum einmal eine volle Stunde richtig schlafen können. Aber sie marschieren weiter unter den Klängen unserer Kampflieder. Sie haben es sich verdient. Sie müssen dabei sein beim Fest der Weltrevolution.
Extrablätter werden verteilt:
Die „Aurora" liegt draußen auf der Reede und verlangt einen Lotsen. Die „Aurora", das erste rote Schiff, das 1917 den Kampf für die Revolution aufgenommen und den Sieg der Revolution in Petrograd eingeleitet hatte. Die „Aurora" durfte beim Siegesfest der Weltrevolution nicht fehlen. Wes­halb kommt sie erst jetzt? Sie hat am Sund Wacht gehalten und dann in Trelleborg die Mannschaft des havarierten deutschen Kreuzers „Augsburg" aufgenommen. Recht so, „Aurora" und „Augsburg", die Helden von Petrograd und Hamburg, gehören zusammen. Auch Mitglieder der schwedischen Räteregierung sind an Bord.
Drei Uhr nachts. Immer noch ballen sich in den engen Straßen der Altstadt dichte Menschenmassen. Dicht gedrängt stehen Zehntausende von Menschen, die zusehen wollen, wie die ersten Helden der deutschen, russischen, dänischen und schwedischen Revolution ihren Einzug in den roten Kieler Hafen halten.
Alle Schiffe im Hafen sind hell erleuchtet Drüben auf den Höben von Möltenort, Kitzeberg, Heikendorf und Ellerbek brennen Freudenfeuer. Manchmal werden in ihrem flackern­den Schein die Silhouetten von Menschenmassen und Fah­nen sichtbar. Stadt und Hafen wurden, soweit es in der Eile möglich war, illuminiert. Jetzt flammen die Scheinwerfer bei Friedrichsort auf. Das Scheiriwerferspiel beginnt im ganzen Hafen. Im grellen Lichte vieler hundert Scheinwerfer, unter dem Aufblitzen der Salutschüsse und dem Aufleuchten unzähliger Leuchtraketen ziehen die rotgeschmückten Truppen der Revolution langsam herein. An der Reeling und in den Masten: Kopf an Kopf rote Matrosen. Ein Feuersignal flammt auf, und jetzt setzen auf einen Schlag alle Schiffskapellen ein und spielen die Internatio­nale. Feierlich dringen die Klänge über das Wasser. Hunderttausende fallen ein. Vielleicht sind es jetzt schon mehr als eine halbe Million Menschen, die diese Triumphstunden der Revolution miterleben. Musik und Gesang von allen Ufern und allen Schiffen durchdringen sich und verschmel­zen zu einem einzigen feierlichen Massenbekenntnis zur Menschheit von morgen, zum Gedanken der Vereinigung aller Werktätigen in der ganzen Welt, zum internationalen Sozialismus. Im Osten hellte sich schon der Horizont auf, als die letzten Akkorde machtvoll verhallten. Ein neuer Tag bricht an, der Menschheitsmorgen dämmert. Die Strahlen der Wintersonne kämpfen sich durch den Nebel. Sie können noch nicht wärmen. Aber verheißungsvoll sagen sie uns, dass die Wintersonnenwende vorbei ist, dass bald der Frühling uns erstehen, dass bald die Sonne für alle scheinen wird, dass wir uns nicht fürchten sollen vor den kalten und trüben Monaten, die wir bestehen und be­zwingen müssen, wenn wir den Menschheitsfrühling er­leben wollen. Noch ruht die Macht der Vergangenheit schwer auf uns. Viel Schutt und Asche muss weggeräumt, viel Ar­beit muss noch geleistet werden. Aber unter Asche, Schutt und Trümmern, unter Eis und Schnee sprießt doch das Neue, das Zukunftsträchtige. Mächtig und hoffnungsfreu­dig drängt es bereits zum Licht!

 

 

 

Zweiter Teil


Der Wiederaufbau

Vorwärts - 2. Januar 1919

Produzieren!
Die Arbeit für den Sozialismus beginnt

 

Der Sozialismus tritt seine Herrschaft an. Er wird die Menschheit aus dem Elend herausführen. Aber er über­nimmt eine böse Erbschaft: Große Gebiete Europas sind zerstört, es fehlt an Lebensmitteln und Rohstoffen, alle Industrien sind auf Kriegsbedarf eingestellt. Wir müssen unverzüglich mit der Arbeit am friedlichen Aufbau beginnen. Wir müssen produzieren, produzieren und nochmals produzieren. Wir müssen produzieren, auch wenn wir hungern. Es darf nicht gewartet werden, bis ge­nügend Lebensmittel herankommen. Jeder muss ab heute seine Pflicht an dem Platz tun, auf den er gestellt wird. Es muss sofort mit der Arbeit angefangen werden, auch wenn der Magen knurrt. Wenn jeder seine Pflicht tut, an der Drehbank, am Hochofen, in der Grube, in der Eisen­bahnwerkstatt, hinter dem Pflug, beim Landstraßenball, beim Waggonbau, in der Schiffswerft, am Schreibtisch und an der Nähmaschine, dann, aber nur dann, werden wir bald wieder alle satt zu essen haben.
Jede produktive Arbeit ist gleich wichtig. Alle unproduk­tiven Arbeiten müssen wir ausschalten. Millionen von Men­schen waren im Kapitalismus mit Arbeiten beschäftigt, die gesellschaftlich nicht notwendig waren. Alle diese Arbeiten müssen eingestellt werden. Alle Menschen müssen einer produktiven Beschäftigung zugeführt werden. Wir müssen rücksichtslos rationalisieren, müssen den schärfsten Kampf gegen den Bürokratismus sofort und auf der ganzen Linie aufnehmen.
Jeder, der eine Arbeit verrichtet, die durch Umstellung oder Rationalisierung überflüssig gemacht werden kann, und der nicht selbst dafür sorgt, dass dies geschieht, ist ein Feind der werktätigen Klasse und muss als solcher behan­delt werden, genau so wie der frühere Kapitalist oder der Akademiker, der nicht seine ganze Kraft für den sozialisti­schen Aufbau einsetzt.
Wer Sabotage übt oder sich am Eigentum des Volkes ver­greift, wird erschossen. Wir machen keinen Unterschied mehr zwischen dem Verbrecher, der sich mit Stemmeisen und Schweißapparat die Mittel zu einem arbeitslosen Leben besorgt, und dem Verbrecher, der dasselbe mit der Kupon­schere tun will und sich weigert, produktive Arbeit zu ver­richten.
Wir brauchen alle Kopfarbeiter, brauchen sie dringend. Wir müssen nicht nur Europas Wirtschaft auf ganz neuer Basis wieder aufbauen, wir müssen auch Sibirien, den Balkan, China, Indien, Mesopotamien und Afrika erschließen. Millionen russischer Bauern kennen noch keinen Pflug, keine Egge. Wir werden sie mit den modernsten landwirtschaftlichen Maschinen ausrüsten, dem persischen Weber, dem indischen Bauer, dem chinesischen Kuli und Handwerker die besten, modernsten Maschinen liefern. Wir sind aufs stärkste daran interessiert, dass die Arbeitsproduk­tivität überall auf ein Höchstmaß gehoben wird. Die Lebenshaltung der ganzen Bevölkerung des B.d.S.R.S. wird herabgedrückt, wenn irgendwo ein Bauer mit unvollkommenen Mitteln arbeitet, wenn irgendwo drei Arbeiter eine Arbeit verrichten, die auch von zwei Arbeitern geleistet werden könnte, wenn irgendwo ein Waggon mit Waren rollt, deren Transport bei besserer Organisation nicht notwendig gewesen wäre, wenn irgendwo ein Mensch Formulare ausfüllt, die abgeschafft werden können, wenn irgend­wo eine Fabrik errichtet wird, während Fabriken der glei­chen Art nur in ein oder zwei Schichten ausgenützt werden. Wir haben die politische Macht erobert und beginnen jetzt mit der wirtschaftlichen Revolution. Wir werden einen Faulenzer „Faulenzer" nennen, auch wenn er sich bisher Re­gierungsrat nannte, und einen Dummkopf „Dummkopf", auch wenn er Justizrat war. Einen Menschen, der von der Arbeit anderer Menschen lebt, nennen wir einen Verbrecher, auch wenn er sich Kaufmann nennt. Wir müssen versuchen, die asozialen Elemente zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu erziehen. Auch in unseren Kreisen gibt es Elemente, die bekämpft werden müssen. Im Kapitalismus konnte man es keinem Arbeiter übel nehmen, wenn er sich so gut wie möglich vor der Arbeit drückte und sich gegen jede Mehrbelastung wehrte. Er traf damit ja nur die Profitrate des jeweiligen Unternehmers, der ein Heer von Aufpassern und Antreibern unterhielt, um aus jedem Arbeiter das herauszuholen, was nur irgend möglich war. Jetzt aber ist es anders. Jetzt muss jeder geistige und kör­perliche Arbeiter auch ohne Aufsicht alles hergeben, was in seinen Kräften steht. Nur wenn die Arbeitsproduktivität steigt, sinkt die notwendige Arbeitszeit, steigen Lohn und Lebenshaltung des einzelnen und der Wohlstand der Allgemeinheit.
Wir sind um so reicher, je mehr und je billiger wir produ­zieren können. Und wir können viel, viel mehr produzieren als vor dem Kriege. Alle roten Fabrikleitungen werden auf­gefordert, umgehend anzugeben, für welche Fabrikationszweige sich ihr Werk eignet, wie viel bisher produziert worden ist, um wie viel Prozent die Vorkriegsproduktion voraussichtlich gesteigert werden kann, wenn
a) die Produktion auf wenige Artikel beschränkt wird,
b) wenn nur solche Artikel hergestellt werden, in welchen das Werk besonders leistungsfähig ist,
c) wenn jahraus, jahrein immer dasselbe produziert wird,
d) wenn der ganze Betrieb gründlich rationalisiert wird,
e) wenn in zwei Achtstundenschichten oder in drei Acht­stundenschichten oder in vier Sechsstundenschichten gearbeitet wird,
f) wenn auch Sonntags gearbeitet wird.
Alle Fabrikleitungen haben ferner anzugeben, wie viel gelernte oder ungelernte Arbeiter in jedem Falle notwendig sind, und ob der Mehrbedarf im Betriebe angelernt werden kann.
Fast das gesamte europäische Eisenbahnennetz ist in den letzten 5o Jahren entstanden. Ebenso alle modernen Werks­einrichtungen, Riesenstädte und Riesenflotten, gewaltige In­dustrie- und Hafenanlagen sind gebaut worden. Und in der­selben Zeit hat der europäische Kapitalismus für weit über hundert Milliarden Mark Kapital exportiert, für die er im Inlande keine Verwendung mehr hatte. Wir werden in den nächsten zehn Jahren über einen riesen­haft gesteigerten Verbrauch hinaus für weit über hundert Milliarden Mark neue Werte schaffen: Hunderttausende von Kilometern neue Eisenbahnlinien und Straßen bauen, die Wasserkräfte in der ganzen Welt nutzbar machen und die ganze sozialistische Welt elektrifizieren und systematisch nach neuen und günstigen Rohstoffquellen ab­suchen. Alle unrentablen und rückständigen Betriebe legen wir still, soweit sie nicht zu verbessern sind. Es ist keine kleine, aber auch keine unmögliche Aufgabe, die wir uns da stellen. Wenn wir die Arbeit einiger Millionen aus einer unproduktiven zu einer produktiven machen, so werden dadurch jährlich Milliarden von neuen Werten erzeugt, mit denen man in den folgenden Jahren immer neue Milliarden von neuen Werten herstellen kann. Dasselbe gilt von den Summen, die bisher für Luxusartikel ausgege­ben wurden. Die meisten Fabriken, die Kriegsmaterial her­stellten, müssen sofort auf den Bau von landwirtschaftlichen Maschinen, von Straßenbaumaschinen, von Automobilen und Traktoren umgestellt werden. Wir müssen in zwei Jahren soweit sein, dass wir jährlich mindestens eine halbe Million Lastautos und Traktoren bauen können. Allein in Russland warten auf uns 15o Millionen Bauern, die wir in unserem eigenen Interesse so bald wie möglich mit den modernsten Maschinen beliefern müssen. Zunächst einmal ist im ganzen Bereich des B. d. S. R. S. alles erreichbare Land unter den Pflug zu nehmen, damit der dringendste Bedarf an Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Roh­stoffen in den nächsten Jahren gedeckt wird. Dann aber wollen wir alle minderwertigen Böden aus der Bewirtschaftung herausziehen und in Wald oder Wiese ver­wandeln, soweit nicht besondere Anbauarten ihr Bearbeitung lohnend machen. In derselben Zeit ist eine rationelle Saatgutwirtschaft allgemein durchzuführen. Die Produktion von künstlichen Düngemitteln wird gesteigert. Eine ganz gewaltige Aufgabe ist ferner der Austausch des Viehbestandes. In Russland geben z. B. die meisten Kühe kaum ein Drittel soviel Milch wie eine gute deutsche Zuchtkuh. Der Exekutivrat hat deshalb schon jetzt ein Schlachtverbot für alle hochwertigen weiblichen Jungtiere und Kälber in Westeuropa erlassen. Der westeuropäische Fleischbedarf soll, soweit er nicht durch Schlachtung älterer Kühe oder Ochsen befriedigt wird, aus Russland und vom Balkan gedeckt werden, wo der gesamte minderwertige Viehbestand in den nächsten Jahren geschlachtet und durch gute westeuropäische Rassetiere ersetzt werden soll. Aus diesem einen Beispiel allein ist ersichtlich, weshalb der deutsche Arbeiter in der Waggonfabrik jetzt sofort und mit aller Intensität an die Arbeit gehen muss; auch wenn er hungert, schlechtes Brot ohne Butter isst und seine Kinder keine Milch haben. Je eher er an die Arbeit geht, je mehr er leistet, um so früher wird er genügend billiges Brot, bil­lige Butter und billige Milch für sich und seine Kinder ha­ben. Das gilt für alle Arbeiter, besonders aber für die Arbeiter der Gruben und der Schwerindustrie und für alle, die Rohstoffe fördern oder herstellen. Rohstoffe und schwerindustrielle Erzeugnisse brauchen wir in unbegrenzten Mengen. Wir können in den nächsten Jah­ren nie genug davon produzieren. Deshalb sind alle diese Werke der Gruppe I zugeteilt. Sie werden mit allen nötigen Waren bevorzugt beliefert; sie erhalten das notwendige Ka­pital zur Erneuerung, zum Ausbau und zur Rationalisierung. Es wird dort sofort die vierfache Sechsstundenschicht und die ununterbrochene Produktion eingeführt, da von diesen Betrieben die Versorgung aller weiteren Industrien abhängt. Hunderttausende von Arbeitern werden umlernen müssen, um in diesen lebenswichtigsten Teil der Wirtschaft arbeiten zu können. In den nächsten Jahren ist jedermann verpflichtet, jede Arbeit, die er verrichten kann, anzunehmen. Ist das nicht eine Einschränkung der persönlichen Freiheit, die sich mit dem System des Sozialismus nicht verträgt? Wer so etwas behauptet, der hat keine Ahnung vom Sozialismus. Sollen wir etwa den arbeitslosen Schuhmacher Jahre lang unbeschäftigt lassen, weil wir noch nicht genug Leder in Deutschland haben? In derselben Zeit liegt vielleicht das Leder in Sibirien und kann nicht transportiert werden, weil es an Straßen oder an Automobilen oder an Eisen­bahnen oder an Lokomotiven oder an Eisen oder an Koh­len fehlt.
Wäre es nicht ein Wahnsinn, wenn wir unseren Genossen Schuhmacher jahrelang ohne Gegenleistung mit ernährten, anstatt ihn dahin zu schicken, wo die Kohle, das Eisen, die Straßen, die Lokomobilen und die Traktoren produziert werden und wo wir durch den Übergang von der Achtstunden- zur Sechsstundenschicht die Produktion ungeahnt stei­gern können?
Und wenn unser Genosse Schuhmacher uns nun entgegnet, dass er lieber bei halbem Lohn arbeitslos bleiben wolle, als bei ganzem Lohn Straßen bauen, und dass er nur Interesse für Leder, aber nicht für Straßenbau habe, so werden wir ihm entgegnen: „Lieber Genosse! dein eigenes kleines per­sönliches Privatinteresse ist im Augenblick gar nicht maß­gebend. In den nächsten Jahren haben alle Privatinteressen zu verschwinden und zurückzutreten hinter dem großen Allgemeininteresse. Denn das liegt auch im Interesse jedes einzelnen, der etwas weiter sehen kann als bis an die nächste Straßenecke. Es liegt weder im Interesse der Allgemeinheit noch in dem des einzelnen Arbeiters, wenn Millionen von arbeitsfähigen Menschen von ihren Kollegen mit ernährt werden, ohne zu arbeiten. Arbeitslosenunterstützung ist eine schöne Sache. Im Kapitalismus haben wir sie immer verlangt, und im Sozialismus werden wir sie beibehalten. Aber jeder Fall, in dem sie sich als notwendig erweist, ist ein Armutszeugnis für uns, ist ein Zeichen, dass die Organisa­tion irgendwo nicht klappt. Nur wenn alle Menschen pro­duzieren, und zwar so viel und so rationell wie möglich, kommen wir vorwärts. Dabei ist es in den nächsten Monaten ganz gleichgültig, womit man die freigewordenen Hände beschäftigt, wenn die Tätigkeit, die man ihnen zuweist, nur produktiv ist. Wenn wir zum Beispiel infolge der jetzt noch herrschenden Rohstoffknappheit nicht alle Weber beschäf­tigen können, ist es da nicht besser, die Weber als Transportarbeiter dahin zu stellen, wo Straßenbaumaschinen ge­schaffen werden? Diese Maschinen werden in Turkestan Straßen herstellen. Und auf diesen Straßen werden Traktoren anrollen, an deren Herstellung deutsche arbeitslose Spin­ner mitgewirkt haben. Diese Traktoren aber werden die Felder in Turkestan bearbeiten, auf denen vor allem Baumwolle gedeiht. Und im nächsten Jahre werden Autos ange­rollt kommen, bei deren Bau gleichfalls arbeitslose deut­sche Garnmacher und Strickwarenarbeiter geholfen haben. Endlich wird die Baumwolle nach Deutschland kommen und es uns ermöglichen, die Genossen Weber und Strick­warenarbeiter und Garnmacher und Spinner wieder mit der Arbeit zu beschäftigen, die sie gelernt haben. Und so ist es mit allem!
In Russland, China und Indien wachsen jährlich Millionen von Menschen heran, die auf dem Lande nicht mehr nötig sind und in der Industrie noch nicht unterkommen können. Die Genossen in Russland, China und Indien, die nur über eine sehr schwache Industrie verfügen, sind natürlich außer­stande, diese Millionen gleich produktiv zu beschäftigen. Da­zu fehlt es an Fabriken, Maschinen und Arbeitsausrüstung. Aber wir können das Fehlende liefern, denn wir haben Fa­briken und Gruben und Werke, dank denen wir, wenn wir sie richtig ausnützen, in wenigen Jahren fast den ganzen Weltbedarf an modernster Arbeitsausrüstung decken kön­nen. Wenn das geschehen ist, werden wir die Löhne gewal­tig erhöhen und die Arbeitszeit in einem kaum vorstellba­ren Maße verkürzen können. Wenn es aber so weit kom­men soll, dann dürfen wir jetzt in der Hungerzeit nicht den Kopf verlieren und müssen trotz unserer Not produzieren, produzieren, produzieren.
Einige Neunmalkluge meinen, dass es billiger sei, die zur Zeit Arbeitslosen mit halbem Lohn zu unterstützen, als sie zu vollem Lohn arbeiten zu lassen und obendrein die Kosten der Arbeitsausrüstung aufzubringen. Gewiss, wenn wir eben­so kurzsichtig wären wie diese Genossen und nur mit einem Jahre rechnen würden, dann allerdings könnten wir in die­sem einen Jahre Geld sparen. Aber wir rechnen mit länge­ren Zeiträumen und sehen weiter als bis zu unserer eigenen Nasenspitze. Wir wissen, dass es auf die Dauer billiger ist, alle Menschen bei vollen Löhnen produktiv arbeiten zu lassen, auch wenn daraus dem einzelnen zunächst Unbequemlichkeiten erwachsen, auch wenn dadurch das allgemeine Lohnniveau in den ersten Jahren leidet. Um so schneller wird es später steigen, denn wir arbeiten nach sozialistischen und nicht nach kapitalistischen Prinzipien, und wir wissen, dass die Opfer, die wir zunächst bringen müssen, für uns selbst und für unsere Kinder gebracht werden. Des­halb ist es besser, alle Menschen produktiv zu beschäftigen, auch wenn die Resultate ihrer Arbeit vielleicht nicht sofort von Nutzen sind. Sofern sie nicht in anderen produktiven Erwerbszweigen unterkommen können, mögen sie Straßen bauen oder Flüsse regulieren oder Schachtarbeiten machen, auch wenn die dazugehörigen Häuser oder Staudämme oder Elektrizitätswerke oder Schleusen erst in späteren Jahren gebaut werden können. Lasst diese Genossen, wenn sie gesund sind, lieber bei vollem Lohn im Steinbruch arbeiten oder Holz fällen oder sonst wie produktiv arbeiten, als bei halbem Lohn untätig bleiben.
Wir müssen umlernen. Wir müssen lernen, mit ganz anderen Maßstäben zu rechnen als bisher. Und wenn wir auch zunächst alle noch darben und entbehren müssen, in weni­gen Jahren werden wir die Erfolge unserer Arbeit sehen.
An die Arbeit!
Produzieren! Produzieren! Produzieren!

 

 

Vorwärts - 9. Januar 1919

Das Parlament der Arbeit tagt

Die Gesetze, nach denen die sozialistische Welt geleitet wer­den soll, werden in den nächsten Tagen beraten. Der Gene­ralrat des B. d. S. R. S. ist noch nicht gewählt. Aber das ist auch nicht maßgebend: die Hauptentscheidungen fallen im Kongress der Internationale. Und was in der sozialistischen Internationale beschlossen wird, das wird durchgeführt. Die Narren und Utopisten, die immer noch glauben, dass wir nach der Machteroberung den Kapitalisten wieder die Freiheit einräumen würden, das Volk im Namen der Demokratie zu be­schwindeln, sollten sich endlich eines besseren belehren lassen. Gewiss: wir können den Kapitalismus nicht sofort überall gänzlich ausrotten. Wir haben noch nicht die Kräfte, um alles restlos zu organisieren. So lange wir dies nicht können, müssen wir dem kleinen und mittleren Kapitalisten noch Spielraum lassen, damit er, durch seine Profitsucht angeregt, die Lücken in unserem Produktionsapparat er­späht, die noch durch kleinkapitalistische Produktion oder durch mittelständischen Handel ausgefüllt werden können. Aber diese Lücken werden im Laufe der Jahre immer kleiner werden, je stärker und je schneller wir produzieren. Jedenfalls sind alle entscheidenden Kommandohöhen in un­serer Hand. Das Bank- und Versicherungswesen ist ebenso wie die Großindustrie restlos sozialisiert. Aber wir müssen wissen, wie weit wir gehen.
An alle Genossen, die fähig sind, eine leitende Stelle im Produktionsprozess einzunehmen, wird die nächste Zeit ungeheure Anforderungen stellen. Für diese Genossen, die kei­nen wesentlich höheren Lohn erhalten sollen als die übrigen Arbeiter, wird es in den nächsten Jahren keinen Sieben - oder Achtstundentag, sondern einen Vierzehn- oder gar Sechzehnstundentag geben. Wir werden in den nächsten Jahren beim Aufbau der sozialistischen Wirtschaft sicher viele Fehler machen. Aber wir würden noch mehr Fehler machen, wenn wir uns zuviel zumuteten. Deshalb ist es für uns besser, dem Kleinkapitalismus zunächst noch etwas Bewegungsfreiheit zu lassen, auch wenn er dabei einige Pro­fite machen sollte. Viele Genossen sind anderer Ansicht und verlangen, dass wir gänzlich reinen Tisch machen. Diese Genossen berufen sich dabei auf das Vorgehen unserer Genos­sen in Russland. Sie übersehen aber, dass dort die Dinge anders lagen. Der Kriegskommunismus, der bisher in Russland herrschte, war notwendig, um den Kapitalisten den Boden unter den Füßen wegzuziehen, um ihnen die Machtmittel zu nehmen, mit deren Hilfe sie den Bürgerkrieg gegen das Proletariat weiterführen konnten. Aus diesem Grunde nahm man ihnen über Nacht alle Fabriken, alle Häuser, alle Geschäfte und allen Boden weg, auch wenn man damit zunächst noch nichts anfangen konnte. Die Pro­duktion ist dabei fast ganz eingestellt worden. Das alles musste in der Zeit des Bürgerkrieges hingenommen werden. Der Kriegskommunismus war aber ebenso wenig Kommu­nismus, wie der Kriegssozialismus in Deutschland Sozialis­mus war. Wir müssen jedoch den Kriegskommunismus in den wirklichen Kommunismus, den Kriegssozialismus in den wirklichen Sozialismus verwandeln. Und wir müssen lernen, dass für die Übergangszeit zum Sozialismus andere Gesetze gelten als in der Zeit des Kriegskommunismus und des Bürgerkrieges. Das wissen die russischen Genossen ebenso gut wie wir westeuropäischen Sozialisten. Kriegskommunismus und Bürgerkrieg hätten in Russland vielleicht noch viele Jahre gedauert, wenn nicht durch unser Eingreifen die Revolution im Weltmaßstabe gesiegt hätte. Die Produktion wäre vielleicht ganz zum Erliegen gekommen. Weitere furchtbare Verwüstungen wären entstanden. Diese Gefahr ist nun behoben.
Und das Verschwinden dieser Gefahr ermöglicht es uns, liberaler zu sein. Aber nur in wirtschaftlicher, keinesfalls in politischer Hinsicht. Russland geht uns auch in dieser Hinsicht voran.
Noch in den letzten Tagen des alten Jahres hat Genosse Lenin in Moskau eine Sitzung des Parteiexekutivkomitees ein­berufen und dort gegen starken Widerstand durchgesetzt, dass mit Beginn dieses Jahres der Übergang zur Neuen Öko­nomischen Politik (NEP) vollzogen wird. Im Zeichen des Kriegskommunismus musste man den Kapitalisten möglichst alle wirtschaftlichen Machtmittel wegnehmen. Im Zeitalter der NEP versucht man, alle versteckten Waren auf den Markt zu locken, indem man gestattet, einige Profite zu machen. Diese Waren und die Arbeitskraft der Kleinkapitalisten werden dadurch in den Kreislauf der Übergangswirtschaft einbezogen und gestatten es uns, unsere Kräfte auf die wichtigsten Punkte zu konzentrieren. Wir geben den kleinen und mittleren Kapitalisten also eine gewisse Schonzeit auf wirtschaftlichem Gebiete. Wir können ihnen aber niemals, solange sie sich als Kapitalisten fühlen oder kapitalistisch denken, die politische Gleichberechtigung geben. Deshalb ist die Forderung von Presse- und Koali­tionsfreiheit für bürgerliche Parteien idealistisches Geschwätz, wenn sie aus unseren Reihen kommt. Die Bürgerlichen aber wissen sehr gut, was sie damit erreichen wollen. Wir haben in den nächsten Monaten große Widerstände zu überwinden. Vielleicht werden Jahre vergehen, bis wir wieder reichlich zu essen haben und uns gut bekleiden können. Das alles wäre auch nicht anders gewesen, wenn wir den Kapitalismus wieder hergestellt hätten. Wahr­scheinlich wäre es aber viel schlimmer gewesen, denn wir hätten auch die Profite für die Kapitalisten aufbringen und an die kapitalistischen Siegerstaaten Kriegsentschädigungen zahlen müssen. Aber die bürgerlichen Parteien und Zeitun­gen würden alle Missstände als Folgen der Sozialisierung ausgeben. Sie würden sich sehr sozial gebärden und viele Arbeiter mit demokratischen Redensarten dumm machen. Und was würde geschehen, wenn wir so grenzenlos leicht­sinnig wären, sie in irgendeinem Staat, in dem sie mit ihren Schwindelparolen Erfolg hatten, an der Macht zu beteiligen. Glaubt man. dass sie die Macht je wieder freiwillig aus der Hand gäben? Nein! Nur ein politischer Säugling kann so etwas glauben. Sie würden bald das wirtschaftliche Übergewicht politisch missbrauchen. Die demokratische Fassade würde nur eine neue Entrechtung des Proletariats verschleiern. Aber selbst wenn die Kapitalisten die ehrlichen Demokraten wären, die sie nicht sind und nie waren, welchen Sinn hätte es, ihnen die politische Freiheit zu geben? Kann man etwa vier Jahre lang kapitalistisch produzieren und dann, falls die nächste Wahl den Sozialisten die Mehr­heit bringt, vier Jahre lang sozialistisch, und dann nach weiteren vier Jahren mal wieder kapitalistisch, und so weiter? Das wäre Wahnsinn. Jeder Versuch, den Kapitalismus als vorherrschende Wirtschaftsform in Asien, Europa oder Afrika wieder einzuführen, muss daher mit allen Mitteln unterdrückt werden. Demokratie für alle, die ehrlich am Aufbau des Sozialismus mitarbeiten! Aber keine Demokratie für Verbrecher, die ihre eigenen persönlichen Interessen im Gegensatz zum Allgemeinwohl durchsetzen wollen! Erst wenn der Sozialismus nicht nur die vorherrschende, sondern die allein herrschende Wirtschaftsform in der ganzen Welt geworden ist, gibt es überhaupt eine wirkliche Demokratie. Für die Übergangszeit, in der wir uns jetzt befinden, kann es nur eine Demokratie innerhalb der sozialistischen Partei geben. Aber auch die hat ihre Grenzen. Wir sind jetzt die alleinherrschende Partei. Jeder, der politisch etwas erreichen will, wird versuchen, sich ein sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, um in unsere Partei aufgenommen zu werden. Das müssen wir verhindern. Jeden Kandidaten, der sich um die Aufnahme bemüht, muss man auf Herz und Nieren prüfen. Ebenso müssen die Mitglieder der Partei von Zeit zu Zeit geprüft werden. Es ist die höchste Ehre, Mitglied der sozialistischen Partei zu sein, aber diese Ehre verpflichtet. Wer nicht imstande ist, alle persönlichen Interessen hinter das Wohl der Partei und das Wohl des ganzen Proletariats zu stellen, gehört nicht zur Kerntruppe des Sozialismus, gehört nicht in die Partei. Erst wenn un­sere Macht sich gefestigt hat, werden wir in der Lage sein, die Todesstrafe für Saboteure aufzuheben. Für korrupte Parteiangehörige aber muss die Todesstrafe noch lange aufrechterhalten bleiben, denn sie sind schlimmere Feinde als die Kapitalisten. Um die Korruption in den Reihen unserer Mitglieder auf ein Mindestmaß einzuschränken, wird ein Einkommensmaximum (etwa 500 Goldmark im Monat) festgelegt, das von keinem Parteigenossen überschritten werden darf, selbst wenn er die höchsten Posten bekleidet. Aber auch dieses Höchstgehalt erhalten nur ganz wenige Genossen, die infolge ihrer Stellung besonders hohe Aufwendungen haben. Im allgemeinen dürfen führende Funktionäre nicht mehr als das Anderthalbfache des Lohnes eines qualifizierten Arbeiters verdienen; nur so kann die Homogenität der Partei gewahrt bleiben.
Das sind ungefähr die Richtlinien, die in den Ausschüssen aufgestellt worden sind. Wir zweifeln nicht daran, dass sie im Plenum angenommen werden.

 

 

Vorwärts - 16. Januar 1919

Zehn Millionen Freiwillige vor!

Die Arbeit kommt in Gang. Stockend zwar, aber es geht. Überall fehlt es jedoch an Rohstoffen. In den Kohlengruben wird fieberhaft gearbeitet, aber es fehlt an Kräften. In allen Gruben ist jetzt die dreifache Achtstundenschicht eingeführt worden. Die Produktionsmöglichkeiten sind trotzdem noch längst nicht voll ausgenützt. Zehntausende von Arbeitern sind noch nötig, damit das dreifache Schichtwechselsystem sich voll auswirkt. Hunderttausende aber sind nötig, um zur Sechsstundenschicht übergehen zu können. Zehntausende von Freiwilligen werden gebraucht, um den Wiederaufbau der im Kriege zerstörten Gruben und Fabriken zu beschleunigen. Weitere Tausende für die Erzgru­ben in Longwy, Briey und in Lothringen, ebensoviel zur völligen Ausnutzung der Eisenerzgruben in Bilbao und in Norwegen.
Aber das alles ist noch gar nichts gegen die Aufgaben, die im Osten zu erfüllen sind. Einige Millionen Arbeiter, Angestellte, Techniker und Lehrer müssen sofort anfangen, östliche Sprachen zu erlernen. Die Gewerkschaften und Betriebsräte beginnen bereits mit der Organisation des Unter­richts. Besonderer Wert wird auf die Erlernung folgender Sprachen gelegt: Russisch, Polnisch, Chinesisch (wenigstens die Anfangsgründe), Türkisch, Hauptsprachen Indiens, Indonesiens und Afrikas. Der Unterricht im Englischen und Französischen ist nicht halb so wichtig, denn in Gegenden, wo diese Sprachen besonders viel gesprochen werden, wird man vorzugsweise englische und französische Genossen entsenden. Wir werden Zehntausende von Arbei­tern nach England und Frankreich abgeben müssen, um die dortigen Produktionseinrichtungen voll ausnutzen zu können, dagegen Hunderttausende, wenn nicht Millionen, nach Russland, Asien und Afrika, um dort qualifizierter industrieller Produktion Eingang zu verschaffen. Umgekehrt werden, sobald sich bei uns Arbeitermangel bemerkbar macht, Hunderttausende von ungelernten russischen Arbeitern nach Deutschland kommen, die wir anlernen und in die Produktion einreihen müssen. Die Tankfabriken in Frankreich und England werden in vierfacher Tag- und Nachtschicht auf Traktorenbau umgestellt. In einem Monat sollen die ersten tausend Traktoren nach Russland abgehen, um große unbebaute Bodenflächen noch so recht­zeitig zu bearbeiten, dass sie mit Sommergetreide besät werden können. Für jeden Traktor brauchen wir drei Führer und drei Hilfsarbeiter, die einige landwirtschaftliche Kennt­nisse besitzen müssen. Die Zahl der Traktoren aber wird sich in einem Jahre um hunderttausend, in wenigen Jahren um jährlich eine halbe Million vermehren, und im gleichen Maße wird die Zahl der zu entsendenden landwirtschaftlichen Fachleute steigen. Sie alle müssen inzwischen Russisch lernen und sich die Elementarkenntnisse des Marxismus so weit aneignen, dass sie für den Sozialismus wer­ben können. Sie müssen überdies fähig sein, den russischen Bauern das Lesen und Schreiben beizubringen, damit so schnell wie möglich der Analphabetismus in Russland verschwindet.
Jeder Genosse muss versuchen, sich technisch soweit weiterzubilden, so dass er nachrückenden ungelernten Arbeitern Platz machen kann, indem er selbst eine qualifiziertere Arbeit verrichtet.
Für die Kalibergwerke brauchen wir sofort zehntausend neue Arbeiter, damit die landwirtschaftliche Produktion im nächsten Jahre gesteigert werden kann. Zehntausende von begabten jungen Arbeitern müssen sofort auf den Besuch der Baugewerks- und Maschinenbau­schulen, der Universitäten und der technischen Hochschulen vorbereitet werden; Zehntausende von intelligenten Landarbeitern und von Söhnen mittlerer und kleinerer Bauern auf den Besuch landwirtschaftlicher Schulen und Hochschulen.
Das ist ein kleiner Teil unserer Aufgaben. Tausende andre stehen uns noch bevor. Wartet nicht, Genossen, bis sie euch gezeigt werden, seht sie selbst! Jetzt ist die Hauptaufgabe der Gewerkschaften die Organisierung dieser Arbeiten. Streiks gibt es nicht mehr. Die Gesamtheit der Arbeiter, Bauern und Angestellten erhält soviel Lohn, wie sie produ­ziert, abgezogen die Summen, die zur Erweiterung der Produktion oder für allgemeine soziale Zwecke dienen. Stei­gerung der Produktion ist die Hauptaufgabe der Betriebs­räte, der Parteizellen, der roten Direktoren. Der beste Revolutionär ist jetzt nicht mehr der, der am besten agitiert, sondern der, der am meisten zur Vermeh­rung der Produktion und zur Verminderung des Bureaukratismus beiträgt. Gewiss, wir müssen auch weiter agitieren; aber agitieren heißt jetzt vor allem: arbeiten und ler­nen, volkswirtschaftliche Kenntnisse erwerben und verbreiten. Die beste Agitation ist die Vorbereitung der ungeheu­ren Arbeiten, die wir zu leisten haben. Ein wirklicher Revolutionär darf in den nächsten Jahren keine Stunde seiner Freizeit verlieren. Er muss lernen und sich darauf einstellen, jede neue Aufgabe mit stärkster Intensität anzufassen und zu bewältigen.
Revolutionär sein heißt jetzt: Arbeiten! Arbeiten an sich selbst und an anderen. Arbeiten an der eigenen Fortbildung und an der Aufklärung der anderen. Vor allem aber: Arbeiten an der Steigerung der Produktion.

 

 

Vorwärts - 23. Januar 1919

Die Beschlüsse des Generalrats

Der General rat des Bundes der Sozialistischen Räte-Staaten, der nach Ankunft der chinesischen und koreanischen Vertreter jetzt vollzählig versammelt ist, hat folgende Beschlüsse der sozialistischen Internationale unverändert angenommen:
1. Beschluss über die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden und an Bodenschätzen.
2. Beschluss über die Sozialisierung aller Bäder, Kurorte, Schlösser, Villen, Miethäuser, Finanzinstitute, Eisenbahnen und sonstigen Verkehrsmittel, Forschungsinstitute und al­ler anderen Betriebe mit mehr als hundert Beschäftigten.
3. Beschluss über die allgemeine Einführung des Achtstun­dentages und über die Einführung des Sieben- oder Sechs­stundentages in besonders gesundheitsschädlichen Beschäf­schäftigungszweigen und in Betrieben, deren Produktion zur Versorgung aller anderen Industrien besonders gesteigert werden muss.
4. Beschluss über den bezahlten Mindesturlaub von 14 Ta­gen für alle Arbeiter und Angestellten und den vierwöchigen Urlaub für alle Untertagearbeiter, für die Arbeiter in gesundheitsschädlichen Betrieben und für Jugendliche bis zur Vollendung des zwanzigsten Lebensjahrs.
5. Beschluss über die Errichtung von Arbeiterfakultäten an allen Hochschulen.
6. Beschluss über unentgeltliche Unterbringung aller beurlaubten Werktätigen in Kurorten und Erholungsheimen, soweit die vorhandenen Betten nicht durch Kranke belegt sind.
7. Beschluss über die Lehr- und Lernmittelfreiheit, die freie Beköstigung aller Kinder von werktätigen Eltern und über die Errichtung von Kinderheimen.
8. Beschluss über die Vorarbeiten zur Schaffung einer Einheitswährung.
9. Beschluss über die Richtlinien für die Friedensverhandlungen mit Amerika und Japan, die am 26.1.1919 in London beginnen.
10. Beschluss über die Fortführung der Verhandlungen mit Australien wegen Garantie einer ständigen Majorität der weißen Rasse und über das Zugeständnis einiger Reservatrechte für die weißen Arbeiter in Südafrika auf die Höchstdauer von 5 Jahren.
11. Beschluss über die Streichung aller früheren Schulden zwischen Gliedstaaten des B.d.S.R.S. und über die Auf­hebung aller Zollgrenzen innerhalb des B.d.S.R.S.
12. Beschluss über die Aufrechterhaltung des Privateigen­tums an Vieh, Geräten und Maschinen in klein- und mittel­bäuerlichen landwirtschaftlichen Betrieben.
13. Beschluss über die Einführung der Welthilfssprache Esperanto als Pflichtfach in allen Schulen und höheren Lehranstalten.

 

 

Vorwärts - 25. Januar 1919

Weitere Kürzung der Brotration

Es ist immer noch nicht gelungen, eine genaue Übersicht über die in diesem Erntejahre verfügbaren Getreidevorräte zu gewinnen. Die vorübergehende Besetzung Deutschlands durch die kapitalistischen Armeen hat eine Lockerung der Organisation hervorgerufen, die noch nicht gänzlich behoben ist. Die Umwandlung des Rohstoff- und Nahrungs­mittelversorgungsapparates in einen gemischten staatssozialistischen und genossenschaftlichen Betrieb, die Verschmelzung aller genossenschaftlichen und mittelständlerischen Einkaufsgesellschaften ist noch nicht beendet. Die Einglie­derung der „Edeka" in die G. E. G. ging zwar verhältnismäßig glatt vor sich; aber bei vielen landwirtschaftlichen Genossenschaften, die von reaktionären Landbündlern geleitet wurden, sind Schwierigkeiten entstanden, die jedoch bald behoben sein dürften. Ende Februar soll die Organisation der Zentraleinkaufsgesellschaft (Z.E.G.) durchgeführt sein. Die Z. E. G. wird nach und nach alle Aufgaben der früheren Kriegsgesellschaften übernehmen. Erst im März werden wir einen genauen Überblick über die vorhandenen Nahrungsmittel haben. Bis dahin tappen wir im Dunkeln und müssen uns auf alles gefasst machen. Die russischen Genossen, die selbst außerordentlich knapp sind, haben sich bereit erklärt, ein Zehntel alles requirierten Getreides nach Deutschland zu senden. Dies Angebot ist aber vom Rat der Volksbeauftragten abgelehnt worden, da es den russischen Arbeitern im Augenblick noch schlechter geht als uns. Sie sollen ihre Kraft auf zwei Punkte konzentrieren. Erstens: so­fort die industrielle Produktion überall wieder aufzuneh­men, wo es noch nicht geschehen ist. Zweitens: sofort umfangreiche Vorarbeiten zu treffen, dass die Bodenflächen, die infolge des Bürgerkrieges nicht mit Wintersaat bestellt wurden, in möglichst großem Umfange mit Sommersaat und Futtermitteln bestellt werden.
Aus Zentralrussland können wir also in diesem Erntejahr nichts erwarten. Dagegen ist mit Zuschüssen aus Polen, Ru­mänien, der Ukraine und dem Balkan zu rechnen, die frei­lich nicht hoch zu veranschlagen sind. England, Frank­reich und Spanien können uns im Notfall mit geringen Mengen unterstützen. Die Zentralräte dieser Länder haben bereits eine Kürzung der dortigen Rationen vorbereitet. Diese Maßnahme soll aber nur in Kraft treten, falls der Krieg mit Amerika und Japan weiter geht. In diesem Fall müssen im B. d. S. R. S. die schärfsten Zwangsmaßnahmen durchgeführt werden. Wir sind in der Lage, Amerika und Japan zu besiegen. Aber es würde weitere gewaltige Opfer von uns ver­langen. Die Opposition ist der Ansicht, dass wir diese Opfer auf jeden Fall auf uns nehmen müssen, um die ganze Erde sofort vom Kapitalismus zu befreien. Amerika ist aber schwer zu besiegen. Ja, wenn es die Offensive gegen die Revolution fortgesetzt und auf europäischem Boden weitergekämpft hätte, dann wäre es ein Leichtes gewesen. Jetzt aber müssten wir den Krieg auf den amerikanischen Kontinent hinübertragen und so lange offensiv führen, bis uns in den Vereinigten Staaten genügend revolutionäre Hilfstruppen erstünden. Wir müssten alle unsere Kräfte auf diesen Kampf, statt auf den wirtschaftlichen Aufbau, konzentrieren. Deshalb unterstützen wir die Ansicht des Genossen Lenin, der den Frieden mit Amerika unter gewissen Bedingungen annehmen will. ' Kommt der Friede zustande, so wird es schnell gelingen, unsere Nahrungssorgen zu beseiligen. Wir können dann unsere Kraft dem wirtschaftlichen Wiederaufbau widmen und gewinnen Zeit für die Industrialisierung. Warten wir ab, welche Vorschläge uns die Amerikaner morgen machen!

 

 

Vorwärts - 1. Februar 1919

Der Vertrag von London

Folgendes sind die wichtigsten Punkte der Friedensverträge mit den Vereinigten Staaten und Japan: Die Vertragschließenden verpflichten sich, jede revolutionäre oder gegenrevolutionäre Agitation in dem Gebiet des Vertragspartners zu unterlassen.
Der sozialistische Staatenbund anerkennt alle Vorkriegsinvestitionen der Regierung sowie von Körperschaften und Bürgern der Vereinigten Staaten von Amerika im Gebiet des jetzigen B.d.S.R.S.
Die Vereinigten Staaten anerkennen den Anspruch des B.d.S.R.S. auf das gesamte Eigentum europäischer Bürger, Körperschaften und Staaten in Nord-, Süd- und Mittelamerika.
Der sozialistische Staatenbund tritt in all diese Eigentumsrechte ein und setzt sich mit den früheren Eigentümern nach eigenen Gesetzen auseinander. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind prinzipiell bereit, diese Eigen­tumsrechte des B. d. S. R. S. käuflich zu erwerben. Die U. S. A. werden dadurch nach und nach Eigentümer aller früheren europäischen Besitzungen in allen Staaten des amerika­nischen Kontinents.
Der B. d. S. R. S. verpflichtet sich, ohne Erlaubnis der U. S. A. keine neuen Investitionen in Süd- und Mittelamerika vorzu­nehmen.
Die eingangs anerkannten amerikanischen Investitionen im Gebiet des B. d. S. R. S. werden gegen die europäischen Gut­haben aufgerechnet. Die Mehrbeträge zugunsten des B.d.S.R.S. werden von Amerika an den B. d. S. R. S. zurückgezahlt.
Die Kriegsschulden werden nicht anerkannt.
Die Vereinigten Staaten von Nordamerika verzichten offiziell auf die Philippinen und auf die Erwerbung irgendwelcher Territorien außerhalb Amerikas.
Der Sozialistische Staatenbund unterlässt jede Einmischung in die inneramerikanischen Verhältnisse, Amerika unterlässt jede Einmischung in die inneren Verhältnisse des B.d.S.R.S.
Der Sozialistische Staatenbund verzichtet offiziell auf Kanada, die Bermudas und die früheren englischen, französischen und holländischen Kolonien in Cayenne, die sämtlich von den U.S.A. annektiert werden. Japan verzichtet offiziell auf Korea.
Das in China, Korea und Sibirien angelegte japanische Kapital wird gegen die europäischen Investitionen in Japan aufgerechnet.

 

 

Vorwärts - 6. Februar 1919

Sollen wir ratifizieren?

Wir haben uns in den Meinungskampf über Ratifizierung oder Ablehnung der Friedensverträge nicht eingemischt. Da aber die Befürworter der Ablehnung in den letzten Tagen ausführlich zu Worte gekommen sind, werden wir jetzt doch einmal die Gründe erwähnen, die für eine Ratifizierung der Friedensverträge und gegen die Wiederaufnahme des Krieges sprechen. Mit Japan wäre leicht fertig zu werden. Aber Amerika erklärt sich mit dem früher so verhassten Japan solidarisch. Ein Krieg mit Amerika würde aber ganz gewaltige Opfer von uns verlangen und vielleicht Jahre dauern. Die Vereinigten Staaten können sich zunächst auf die reichen Hilfsquellen des ganzen Kontinents stützen, der vom Weltkrieg überhaupt nicht betroffen wurde. Wenn wir auch schließlich Süd- und Mittelamerika für den Sozialismus erobern und beim Endkampf, sofern wir ihn mit äußerster Schärfe führten, auf Bundesgenossen in der farbigen und proletarischen Bevölkerung der Union rechnen könnten; der Kampf würde auf jeden Fall schwer sein und sehr lange dauern. Die Jahre, die wir dazu brauchten, wären für den sozialistischen Aufbau verloren. Wir würden vielleicht Millionen unserer besten und tapfersten Genossen opfern und dabei vor Rückschlägen in unserem eigenen Bundesgebiet nicht sicher sein. Ist es nicht besser, all diese Kräfte für den sozialistischen Aufbau einzusetzen und uns dabei die kapitalistischen Hilfsquellen Amerikas nutzbar zu machen, selbst wenn wir den amerikanischen Kapitalisten dabei große Profite zugestehen müssen? Es ist doch bezeichnend, dass gerade die russischen Genossen, die schon mehr Erfahrungen gesammelt haben als wir, für den Friedensschluss eintreten.
Man wirft uns vor, dass wir dasselbe beabsichtigen, was die deutschen Reformisten nach Abschluss des Waffenstillstan­des machen wollten. Das stimmt aber nicht. Die Ebert, Scheidemann, Noske wollten sich mit dem deutschen und dem Ententekapital verbinden. Sie wollten nicht nur Deutschland auf scheindemokratisch-kapitalistischer Basis „wiederherstellen", soweit es die Ententekapitalisten zuließen, nein: Deutschland sollte zerstückelt werden und außerdem unge­heure Reparationszahlungen an die kapitalistischen Macht­haber der Entente leisten. Dieselben „Genossen" waren so­gar bereit, dem schändlichen Verlangen der Ententekapita­listen nachzukommen und die Revolution in Russland und in den Randstaaten zu bekämpfen. Sie waren ausnahmslos bereit, die Revolution, den Sozialismus zu verraten! Vergleichen wir einmal, wie es gekommen wäre, wenn sie ihre schändlichen Pläne durchgeführt hätten, und wie es voraussichtlich kommt, wenn wir jetzt mit Amerika Frieden schließen.
Im erstgenannten Fall wäre der Kapitalismus in ganz West - und Mitteleuropa wieder hergestellt worden. Die proletarische Revolution wäre nur in Russland siegreich geblieben, das sich, wenn überhaupt, nur unter ungeheuren Opfern seiner Gegner erwehrt hätte. Russland wäre durch den Bür­gerkrieg fast vollständig zerstört worden. Es hätte mit dem sozialistischen Aufbau erst nach vielen, vielen Jahren be­ginnen und nur sehr langsame Fortschritte machen können. Russland ist ein Land mit einer sehr schwachen Industrie und einer mittelalterlichen Landwirtschaft. Die Bevölkerung ist arm und besteht größtenteils aus Analphabeten. Um auf diesem denkbar ungeeigneten Gebiet gegen eine Welt von Feinden siegen zu können, müsste der Sozialismus wirklich noch größere Wunderkräfte entwickeln, als wir es erwarten.
Die proletarische Revolution ist indessen nicht mehr auf ein unentwickeltes, zurückgebliebenes Land beschränkt, sondern sie hat den größten Teil der Erde erfasst. Wir haben die Fabriken, Gruben und Bergwerke. Wir brauchen die Produktion nur zu steigern und neu zu organisieren, um sozia­listisch wirtschaften zu können. Russland allein aber müsste, auf sich allein gestellt, alle Grundlagen und Voraussetzungen erst mit unvollkommenen Mitteln schaffen. Russland müsste zunächst alles nachholen, was der Kapitalismus in Westeuropa in den letzten hundert Jahren auf Kosten der arbeitenden Klasse geleistet hat. Das wäre eine unausdenk­bar schwere Aufgabe, deren Lösung wir uns kaum vorstellen können.
Wie aber ist die Lage in Wirklichkeit? Eine kapitalistische Welt steht einer sozialistischen Welt im Konkurrenzkampf gegenüber. Wir anerkennen zwar die Ansprüche der Ameri­kaner an ihrem europäischen, asiatischen, afrikanischen und australischen Eigentum, aber wir leisten keine Repara­tionszahlungen. Und gleichzeitig treten wir die Erbschaft unserer früheren kapitalistischen Herren an. Die Differenz zwischen den europäischen Investitionen in Amerika und den amerikanischen in Europa ist erheblich größer als die Summe von 10 Milliarden Dollars, die Ame­rika uns als Pauschalentschädigung anbietet. Diese Rege­lung wäre also für Amerika ein glänzendes Geschäft, denn es erhielte an Stelle sehr zweifelhafter Kriegsforderungen reelle und gut fundierte Besitztitel. Der ganze amerikanische Kontinent käme finanziell restlos in die Hand des nordamerikanischen Kapitals. Die amerikanische Wirtschaft, die während des Krieges in das imperialistische Stadium eingetreten ist, wäre auf Jahre hinaus aller Sorgen entho­ben. Alle Produktionsüberschüsse könnten mühelos abgesetzt werden, die Industrie könnte weiter gewaltig ausgebaut werden. Amerika kann sich zum idealen kapitalisti­schen Staat entwickeln. Es verfügt über die allerbesten Bedingungen, die jemals für den Kapitalismus vorhanden waren oder vorhanden sein werden. Drüben „fair play" für den Kapitalismus, bei uns „fair play" für den Sozialismus. Ein gigantischer Wettstreit wird entbrennen. Wer wird sie­gen auf der Wirtschaftsfront? Wir sind nicht so optimi­stisch, um dem Kapitalismus in Amerika den baldigen Zu­sammenbruch zu prophezeien. Wir geben dem Kapitalis­mus eine unerhört gute Chance. Wir geben sie ihm aber nur, weil die Bedingungen, unter denen es geschieht, auch für uns günstig sind. Tausendmal günstiger als die Fortsetzung des Krieges mit militärischen Mitteln. Wir sind zu stark, um von Amerika besiegt werden zu kön­nen. Wir sind zu schwach, um Amerika leicht besiegen zu können. Deshalb empfehlen wir die Annahme des Friedens­vertrages mit Japan und Amerika.

 

 

Vorwärts - 15. Februar 1919

Der wirtschaftliche Wettkampf beginnt
Die Friedensverträge sind ratifiziert

Nach Ratifizierung der Friedensverträge sind sofort für fünf Milliarden Goldmark Bestellungen in Amerika auf­gegeben worden. Das ist eine große Summe, aber doch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein; denn diese fünf Mil­liarden Waren, die wir zunächst erhalten werden, verteilen sich auf fast die ganze Welt. So wie wir nach Brotgetreide schreien, so schreien die russischen und chinesischen Ge­nossen nach Maschinen und Eisenbahnen. Die 10 Milliarden, die wir in den nächsten zehn Jahren erhalten, entheben uns nicht der Notwendigkeit, ganz gewaltige Summen zu akkumulieren. Nach den vorläufigen Plänen des Obersten Wirtschaftsrates sollen in den nächsten zehn Jahren mindestens fünfhundert Milliarden Goldmark in den unentwickelten Bezirken des Bundesgebietes investiert werden. Das ist die Mindestsumme, die aufgebracht werden muss, bevor ein Vergleich der sozialistischen mit der kapitalistischen Welt möglich ist. So lange müssen wir mit äußerster Kraft ar­beiten und keine Opfer und Entbehrungen scheuen. Wir werden auf lange Zeit hinaus niedrigere Löhne zahlen als die amerikanischen Kapitalisten, wir werden noch eine gewisse Zeit darben müssen und trotzdem von jedem Ge­nossen äußerste Anstrengung verlangen. Wir werden jeden Tag in die Gehirne hämmern: mehr arbeiten, mehr produ­zieren, mehr rationalisieren! Millionen von Menschen müs­sen sich völlig umstellen. Wir verlangen von jedem, dass er seine Bequemlichkeit und seine vermeintlichen Sonderinter­essen zugunsten des Allgemeinwohls zurückstellt. Der Sozialismus wird die Menschheit nicht nur von der Ausbeu­tung durch andere Menschen befreien, sondern auch von der Last einer langen Arbeitszeit. Aber erst müssen über­all die wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Der Sozialismus wird die Produktivität der menschlichen Arbeit ganz gewaltig erhöhen, aber vorerst müssen alle Naturkräfte in unseren Dienst gestellt, muss das ganze Bundesgebiet mit den besten Maschinen und einem Höchst­maß von motorischen Kräften ausgestattet werden. Soll der Sozialismus die jetzige Arbeitszeit um die Hälfte verkürzen, so müssen alle Hand- und geistigen Arbeiter, die durch Ra­tionalisierung freigesetzt werden können, an ihrer eigenen Freisetzung mitarbeiten und sich mit Aufbietung aller Energie auf neue Arbeiten und Aufgaben vorbereiten. Jeder muss sich täglich und stündlich sagen: Alles was geschieht, geschieht in meinem Interesse. Alle Opfer, die gebracht werden, werden für mich und meine Kinder und nicht für eine Herrenklasse gebracht.
Genossen, erkennt diese Aufgabe! Rüttelt alle Lauen und Gleichgültigen auf! Spornt sie an, damit sie alle bewusst teilnehmen an der großen Arbeit, an der Industrialisierung und Elektrifizierung der Welt, am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft!

 

 

Vorwärts - 15. März 1919

Aufklären! Arbeiten! Rationalisieren!
Die neuen Wirtschaftsbezirke

Zwei wichtige Beschlüsse sind in den letzten Tagen gefasst worden. Das Prinzip der freiwilligen Zugehörigkeit der bis­herigen Bundesstaaten zum B.d.S.R.S. wurde durch einstimmigen Beschluss aufgehoben. Unser Bund trägt von heute ab den Namen: Sozialistische Union.
Die S. U. ist ein unteilbares Ganzes. Mit Ausnahme von geo­graphisch scharf abgegrenzten Gebieten wird die Untertei­lung nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgenom­men. Die völlige kulturelle und nationale Freiheit, die wir allen Menschen geben, gestattet es uns, die zufälligen Sprach­grenzen, die oft durch zusammengehörende Wirtschaftsge­biete laufen, zu ignorieren. Das lothringische Erz und die Ruhrkohle gehören zusammen. Die wirtschaftliche Vereinigung des ganzen Rheingebietes wird uns Rationalisierung und Erhöhung unserer Produktion bringen. Indem wir die Souveränität der deutschen, französischen, luxemburgischen, belgischen und holländischen Gebiete aufheben, machen wir die bisherigen unsinnigen Produktionsumwege überflüssig. Die Bedenken der Hamburger Genossen sind nicht stichhaltig. Es ist richtig: Millionen von Zentnern, die bis­her über Hamburg gegangen sind, werden in Zukunft ihren Weg über die früheren belgischen und holländischen Häfen nehmen. Aber unser Überseeverkehr wird in den nächsten Jahren so gewaltig steigen, dass die Hamburger Anlagen, wie sie heute sind, nicht einmal genügen werden. Spanien, Südostfrankreich, Italien, Albanien und Nordafrika werden für besondere wirtschaftliche Aufgaben in einer Mittelmeerföderation mit lockerer Gliederung vereinigt. Südbayern und Südböhmen gehören zur Donauföderation. Norwegen bleibt wegen der gleichstarken Beziehungen zu verschiedenen Wirtschaftsgebieten selbständig. Schweden über­nimmt die Industrialisierung von Finnland und Karelien und wird mit diesen Gebieten zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet vereinigt. Ein selbständiges Wirtschaftsgebiet wird gebildet aus Schlesien, Teilen von Mähren, Galizien, den Westkarpaten und dem südpolnischen Industrierevier. Dieses Wirtschaftsgebiet mit seinen großen Reichtümern erhält in nächster Zeit erhebliche Zuschüsse. Der schnelle Ausbau dieses Gebietes ist gleich wichtig für Russland wie für das Oder-, Weichsel- und Donaugebiet. Die Vorarbeiten für eine Verbindung der Weichsel, Oder und Donau sollen sofort aufgenommen werden.

Der kulturelle Aufbau
In allen Föderationen ist die sozialistische Erziehung obligatorisch, über die Unterrichtssprache entscheiden bis zum zwölften Lebensjahre die Eltern, von da ab das Kind selbst. Wo versprengte nationale Minderheiten in so geringer Zahl leben, dass sich die Errichtung einer eigensprachlichen Schule nicht lohnt, werden die Kinder oder Studierenden auf Allgememkosten in Kinderheimen untergebracht, in denen genügend Kinder derselben Sprachzugehörigkeit zusammenkommen. Alle Nationen wählen sich ein kulturelles Zentrum, das auch für alle Angehöri­gen derselben Sprachgemeinschaft zuständig ist, die Tausende von Kilometern entfernt, in Gebieten mit anders­sprachiger Bevölkerung leben. Auf Wunsch von zehntau­send werktätigen Angehörigen einer nationalen Minderheit ist eine eigensprachliche Universität zu errichten. Die Ko­sten müssen von dem Wirtschaftsgebiet getragen werden, in dem die Hochschule liegt.

Die Finanzhoheit
für das gesamte Gebiet der S. U. steht ausschließlich dem Zentralrat zu. Das gesamte sozialisierte Eigentum im gan­zen Bundesgebiete gehört ausschließlich der S.U., nicht dem einzelnen Wirtschaftsgebiete. Für die Dauer von zehn Jahren erhalten alle selbständigen Wirtschaftsgebiete volle Selbstverwaltung unter strenger Beobachtung folgender Gesetze :
Alle hoch entwickelten Industriegebiete haben bestimmte Akkumulalionsraten an die S. U. zu zahlen. Zur Festsetzung der Quote ist festzustellen, wie viel Produktionskapital und wie viel Pferdekräfte auf den Kopf der Bevölkerung entfal­len. Diese Pflichtabgaben und ihre unentgeltliche Verteilung an die unerschlossenen Bezirke sollen dazu beitragen, allen Gebieten der S.U. eine gleichmäßige Entwicklungsmöglichkeit zu sichern. Andrerseits sollen die einzelnen Gebiete durch gewisse Freiheiten angespornt werden, die Produktion so weitgehend wie möglich zu steigern. Sobald jedoch in einem Bezirk das durchschnittliche Lebenshaltungsniveau um mehr als 30 % überschritten wird, ist die Hälfte der Mehrproduktion dem Zentralrat der S. U. zur Verfügung zu stellen, der diese Mittel insbesondere den unent­wickelten Gebieten der Union zufließen lässt.

Die Mieten für Altwohnungen
sind im ganzen Bereich der S.U. bis spätestens 31.XII. 1920 auf Friedenshöhe zu bringen. Soweit der Mietertrag 10 Mark pro Kopf der Bevölkerung übersteigt, ist er an den Ausgleichsfonds der S.U. abzuführen. Die im Krieg zerstörten Gebietsteile sind von dieser Abgabe befreit und erhalten Zuschüsse aus dem Ausgleichsfonds.

 

 

Vorwärts - 31. März 1919

Einheitswährung und Stabilisierung

Der Zentralexekutivrat der Sozialistischen Union ist in den letzten Tagen heftig angegriffen worden, weil die Frage einer stabilen Einheitswährung noch nicht rascher gelöst worden ist. Nun: von morgen ab haben wir — zunächst nur für den Verkehr mit dem kapitalistischen Ausland — als sta­bile Einheitswährung die neue Mark. Ihr Wert entspricht genau dem eines Vierteldollars. Das ist keine Verbeugung vor dem Kapitalismus, sondern eine Rationalisierungsmaß­nahme auch für unseren inneren Geldverkehr und für unsere Statistiken, die in Zukunft von außerordentlichem Werte sein werden. Auch musste eine jedermann leicht verständliche Grundlage geschaffen werden. All diese Gründe sprachen dafür, von den gebräuchlichsten Vorkriegswäh­rungen nicht allzu sehr abzuweichen.
Nach der neuen Regelung wird der Goldwert der neuen Mark, die die Einheit der neuen Währung bilden soll, gleich einem Vierteldollar sein. Schilling und Mark werden gleichgesetzt. Zwanzig Mark sind also gleich einem Pfund oder gleich fünf Dollars. Trotz diesen Abweichungen vom Vorkriegskurswert wird hierdurch ein ziemlich genauer Vergleichsmaßstab mit der Produktion, den Löhnen und dem Geldumlauf der Vorkriegszeit gewonnen. Für die Staaten, die bisher romanische Währung hatten, ist dieser Vergleich etwas schwerer. Er wird aber durch folgende Maßnahme erleichtert: Nach Einführung der neuen Währung auch im Inlande sollen außer Ein-, Zwei-, Drei- und Fünfmark­stücken auch Viermarkstücke für Frankreich, Italien und die Donauländer herausgegeben werden. Diese Viermark­stücke entsprechen einerseits dem Dollar, andererseits hundert französischen Sous.
Unsere ungeduldigen Genossen werden nun sagen: das wäre ja alles ganz schön, wenn wir die feste Währung nur erst im Inlandsverkehr hätten, damit wir erst einmal richtig rechnen und wirtschaften könnten. Aber darin liegt gerade der große Fehlschluss. Erst müssen wir rechnen lernen, und dann können wir die neue Inlandswährung einführen. Wir haben den größten Wert darauf gelegt, dass überhaupt produziert wird, ohne die Kosten zu berücksichtigen. Das war richtig, denn wir haben damit die Produktion erst mal wieder in Gang gebracht. Jetzt aber müssen wir rechnen lernen. Wir dürfen nur soviel ausgeben, wie produziert wird. Ja, sogar noch weniger, denn wir sollen ja auch ungeheure Summen in Erzeugnissen unserer Arbeit an die unentwickelten Gebiete abgeben, von denen wir nur einen kleinen Teil in Form von Nahrungsmitteln und Rohstoffen zurückerhalten. Wir müssen uns neue Einnahmequellen schaffen, denn alle Zölle an den früheren nationalen Landesgrenzen sind fortgefallen. Wir sparen zwar jährlich viele Milliarden dadurch, dass wir nicht mehr stehende Heere und Kriegsflotten halten. Aber wir übernehmen auch große soziale Lasten. Allein um die Millionen dringend benötigter Wohnhäuser zu bauen, müssen wir jährlich viele Milliarden Mark akkumulieren.
Unsere Einnahmequellen sind vor allem:
1. Überschuss aus Mieteinnahmen.
Dieser Überschuss dürfte nach Erreichung der Friedensmiete in Westeuropa ungefähr zehn Milliarden Mark betragen.
2. Die zehnprozentige Produktionsabgabe, die an Stelle aller früheren Steuern von allen sozialisierten und privaten Unternehmungen erhoben wird. Dies ist unsere Haupteinnahmequelle. Der Ertrag ist vorläufig noch nicht abzu­schätzen.
3. Die zehnprozentige Besteuerung des privaten Kleinhandels.
4. Die Überschüsse der sozialisierten Handelsunternehmun­gen, die dadurch entstehen, dass der Durchschnittspreis zunächst nach den höchsten Gestehungskosten festgesetzt wird.
5. Die Zinsen und Amortisierungsquoten von denjenigen landwirtschaftlichen, gewerblichen und Handeisbetrieben, die noch nicht sozialisiert oder kollektiviert sind. Wir tre­ten in die Rechte aller früheren Gläubiger dieser Betriebe oder Privatpersonen ein. Die sehr erheblichen Summen sind mit 5% zu verzinsen und mit 5% zu amortisieren.
6. Die Grundrentenabgabe aller sozialisierten oder kollektivisierten Betriebe, die nach der Bodenklasse und den Trans­portverhältnissen bemessen wird.
7. Die zwanzigprozentige Steuer auf Wein und Inlandstabak sowie auf diejenigen Luxusartikel, die auch in den arbeitenden Klassen in größerem Maße Eingang gefunden haben und deren Konsum nicht schädlich ist. 8. Die fünfzigprozentige Steuer vom Verkaufspreis auf alle anderen Luxusartikel, sowie auf Bier, Zigarettentabak, Zi­garetten und Kaffee.
9. Die achtzigprozentige Steuer vom Verkaufspreis auf Branntwein und andere Spirituosen.
Die Zahlungen aus Amerika kommen als Einnahmequelle für Westeuropa nicht in Betracht. Alle Nahrungsmittel, Rohstoffe und Maschinen, die wir nach Ablauf dieses Jah­res erhalten, müssen wir innerhalb von drei Jahren an die Zentralbank der S. U. bezahlen. Diese Summen werden ebenso wie die Akkumulationsbeträge, die wir aufbringen, in den unentwickelten Gebieten der S. U. investiert.

Die Verteilung des neuen Geldes


auf die einzelnen Wirtschaftsgebiete soll erst im Laufe des nächsten Jahres erfolgen. Kein Wirtschaftsgebiet erhält neues Geld, ehe es seinen Etat in Ordnung gebracht hat. Bis Ende dieses Jahres muss der ganze Verwaltungs­ - und Wirtschaftsapparat der früheren Staaten ab­gebaut und der neue Apparat der Wirtschaftsgebiete auf­gebaut werden. Die Übernahme von geschlossenen Teilen des alten Apparates in den neuen Apparat ist nicht zulässig. Die Rationalisierung würde dadurch gefährdet, da viele Beamte, Angestellte und sonstige Bureaukräfte noch zu ka­pitalistisch denken, um von sich aus ihre Arbeit für über­flüssig zu erklären und sich freiwillig auf neue Aufgaben umzustellen. Deshalb ist der ganze Apparat völlig neu nach rationellen Gesichtspunkten aufzubauen. Diese Arbeit muss sofort in Angriff genommen werden, damit nichts im letzten Augenblick überhastet wird. Die Erfahrung in Russland hat gezeigt, dass man in dieser Hinsicht besonders überlegt vorgehen muss. Bürokräfte, die erst einmal ihren Einzug in die Amtsstube gehalten haben, sind nicht so leicht wieder daraus zu entfernen. In Russland wirkt sich das besonders schädlich aus, da dort außer einer Anzahl sehr intelligenter Köpfe Millionen von Menschen die Büros bevölkern, die kaum den Analphabetismus überwunden und nun eine kostspielige Überbureaukratisierung erzeugt haben, die nur un­ter sehr großem Kraftaufwand zu beseitigen sein wird. Um diesen Abbauprozess zu beschleunigen, sollen hunderttausend gewandte, umstellungsfähige und zuverlässige Genossen aus Westeuropa, die den Anforderungen eines modernen Bureaus gewachsen sind, in Russland eingesetzt werden, sobald sie die russische Sprache erlernt haben. Wir müssen den Prozess der Auslese und Ausbildung dieser Genossen mit allen Mitteln beschleunigen. Der Apparat der neuen Wirtschaftsgebiete darf nicht ersticken unter dem Bureauapparat, der die Nahrungsmittel- und Rohstoffverteilung durchführt. Seine Aufgaben sollen sobald wie möglich von den Genossenschaften und sozialisierten Gesellschaften übernommen werden. Die Zwangsbewirtschaftung soll mit Ablauf des Jahres überall auf das im normalen Sozialismus notwendige Maß eingeschränkt werden. Damit im nächsten Jahr etwas mehr Spielraum vorhanden ist, wird die Brotration vorläufig nur um 25% erhöht, obwohl nach den bisherigen Bestandsaufnahmen und Versandankündigungen eine größere Erhöhung möglich wäre. Wenn wir bis Ende dieses Jahres noch sparen, werden wir im nächsten Jahr die Rationierung teils gänzlich aufheben, teils soweit mildern, dass der Schleichhandel überflüssig wird. Wir haben im nächsten Jahr bedeutende Nahrungsmittelzuschüsse aus Dänemark, Schweden-Finnland, Polen, der Ukraine, Rumänien und Holland zu erwarten. Außer­dem werden alle verfügbaren Nahrungsmittelmengen in Nord- und Südamerika, die aufgekauft oder auf Grund des Zahlungsplans an uns geliefert werden, im nächsten Jahre noch nach Westeuropa geleitet, damit hier zunächst einmal normale Produktionsverhältnisse eintreten. Wir können aber
auch unter Berücksichtigung dieser Zuschüsse das gesteckte Ziel im nächsten Jahre nur dann erreichen, wenn wir mit einigen Reserven hinübergehen. In diesem Jahre müssen wir also noch etwas darben und zugleich mehr produzieren.
Vorwärts:
Mehr produzieren!! Schärfer rationalisieren!!

 

 

Vorwärts - 15. April 1919

Die Stabilisierung in Gefahr!
Schärfere Durchführung des Außenhandelsmonopols notwendig.

Wir haben eine Schlappe erlitten. Die Währung gleitet von neuem ab. Untersuchen wir die Ursachen: Die Lockerung des Außenhandelsmonopols hat infolge der zu geringen Selbstkontrolle zu schweren Schäden geführt. Eine Anzahl von sozialisierten deutschen Unternehmungen und Trusts hat auf eigene Faust in Amerika gekauft und Anleihepolitik getrieben. Dabei ist auch altes deutsches Geld in Zah­lung gegeben worden, das an der Börse in Wall Street den Kurs gedrückt hat. Die Mark war nach dem New Yor­ker Börsenstand bis vor einer Woche noch ungefähr vier Pfennige wert, während sie bei uns immerhin eine Kaufkraft von fünf bis sechs Pfennigen hatte. Dieser Stand kann nicht mehr zurückgewonnen werden. Wir müssten, um den alten Kursstand zurückzugewinnen, große Gold­mengen an der New Yorker Börse opfern, und das wollen wir nicht. Das können wir auch nicht, denn alle Edelmetalle sind durch das Dekret vom 2. April Eigentum der S. U. ge­worden und gehören nicht mehr den in Liquidation be­findlichen alten Einzelstaaten und auch nicht den neuen Wirtschaftsbezirken. Außerdem ist die Kursherabsetzung aus inneren Gründen nötig. Wir haben zuviel Geld in Umlauf gesetzt. Wir haben zu hohe Löhne gezahlt und immer noch zu wenig produziert. Das ist eine bittere Wahr­heit, Genossen, die ausgesprochen werden muss. Die Auf­klärung über die notwendige Erhöhung der Produktion muss von allen Funktionären energisch fortgesetzt werden. Wir müssen sonst unweigerlich zu einer Senkung der Löhne schreiten oder die Inflation fortsetzen, die dasselbe indirekt bewirkt. Wir befinden uns tatsächlich noch in dem Sta­dium, das wir eigentlich in Deutschland ganz vermeiden wollten, im Kriegskommunismus. Wir treiben Raubbau, so­lange wir mehr konsumieren als produzieren.
Am 1. Mai beginnt die Periode der sozialistischen Wett­bewerbe !
Von diesem Tage an wetteifern alle Betriebe in der Steigerung der Produktion. Sobald ein Betrieb die Arbeitsproduktivität unter dem Achtstundentag pro Kopf des beschäftigten Arbeiters soweit gesteigert hat, dass die Vorkriegsziffer, die mit längerer Arbeitszeit in demselben Werke erreicht wurde, überschritten wird, kann er den Siebenstundentag einführen (Achtstundentag mit drei Arbeitspausen). Abgesehen von dem Anreiz, der in der Verkürzung des Arbeitstages liegt, sollen sich die einzelnen Werkbelegschaften aus rein ideellen Gründen an dorn sozialistischen Wettbewerb beteiligen. Trotzdem werden für die ersten Betriebe, die bei siebenstündiger Arbeitszeit die Vorkriegsproduktion pro Kopf und Schicht um mehr als 10% überschreiten, Preise im Werte von hundert Millionen festgesetzt. Diese Preise bestehen in Rittergütern, Schlössern, Villen, Erholungshei­men usw., die den Arbeiterklubs der betreffenden Werke zur Verfügung gestellt werden. Außerdem werden Klubeinrichtungen, Musikinstrumente, Bibliotheken usw. als Preise ausgesetzt. Der deutsche Volkswirtschaftsrat hofft, dass bereits im Laufe der nächsten Monate die Produktion soweit gesteigert wer­den kann, dass das Missverhältnis zwischen Produktion und Konsum verschwindet und keine neue Währungsverschlechterung eintritt.
Von morgen ab soll die Währung auf der Basis „eine Papier­mark = zwei Goldpfennige" stabilisiert werden. Von der so­zialistischen Aufklärung und von der Steigerung der Produktion wird es abhängen, ob dieser Stand auf die Dauer gehalten werden kann.
Mehr produzieren!!! Schärfer rationalisieren!!!

 

 

Vorwärts - 22. April 1919

Die Nordeuropäische Föderation

Der nordeuropäische Sozialistenkongress hat beschlossen: Folgende Gebiete werden als ,,Nordeuropäische Föderation" zusammengefasst und stellen gemeinsame Wirtschaftspläne auf:
Nord- und Ostfrankreich, Rheingebiet, ganz Deutschland mit Ausnahme von Südbayern, Dänemark, Schweden-Finnland-Karelien. Südbaltikum, Polen, böhmisches Elbegebiet, Übergangsgebiet der Weichsel, Oder und March (Donau). Auf den ersten Blick erscheint es befremdlich, dass auch Finnland-Karelien und Polen in die N.E. F. einbezogen werden. Damit werden jedoch alle nordeuropäischen industriellen Überschussgebiete zusammengefasst, die für indu­strielle Kapitalabgabe an Russland in Frage kommen. Dieser Umstand und einige weitere Vorteile rechtfertigen die Angliederung derjenigen Bezirke, die früher mit Russland verbunden waren.
Die Nordeuropäische Föderation kann sich später mit den wichtigsten Nahrungsmitteln selbst versorgen, die östlichen Gebiete mit eigener Kraft industrialisieren und aus eigener Kraft das gewaltige Werk der Verbindung des Elb-, Weichsel- und Donausystems durchführen. Von die­sem Zentralpunkt aus soll der Ausbau des ganzen mittel­europäischen Wasserwirtschaftssystems in Angriff genom­men werden. Nach zehn Jahren soll kein Tropfen Wasser mehr ungenützt ins Meer laufen. Planmäßige Wasservor­ratswirtschaft soll dafür sorgen, dass das ganze bis dahin vollständig auszubauende Fluss und Kanalsystem ständig benutzbar ist. Die gestauten Wassermassen werden auf ihrem Wege vom Berg zum Meer Millionen und Abermil­lionen von Kilowatt liefern. Das Kanalsystem soll bis tief nach Russland hinein erweitert werden. Auch der Wolga-Donkanal, mit dessen Bau schon im nächsten Jahre begon­nen werden soll, wird in die Pläne der Nordeuropäischen Föderation einbezogen, da sie alle technischen Arbeiten dar­an zu leisten hat.
Die Nordeuropäische Föderation bildet zunächst das stärkste industrielle Kraftzentrum der Sozialistischen Union. Mit Ausnahme von England, der Donau-Balkanföderation und der Mittelmeerföderation, mit denen wir nur Aus­tauschverkehr haben, werden wir an alle anderen Wirt­schaftsbezirke große Zuschüsse abgeben. Wir müssen also in den nächsten zehn Jahren ständig bedeutend mehr pro­duzieren als wir selbst verbrauchen. Das ist aber für uns nichts Neues. Schon vor dem Kriege wurden alljährlich Mil­liarden europäischen Kapitals im Auslande angelegt. Auch damals mussten wir europäischen Proletarier diese gewalti­gen Summen über den Verbrauch der Arbeiter und Kapita­listen hinaus aufbringen. Aber sie wurden im Interesse der Kapitalisten erzeugt und angelegt. Jetzt aber wollen wir diese enormen Produktionsmengen erzeugen und freiwillig ohne Gegenleistung abgeben, da erst bei vollkommener In­dustrialisierung der Welt von einer völligen Durchführung des Sozialismus die Rede sein kann. Erst dann können wir anfangen zu ernten. Jetzt aber müssen wir das Feld be­arbeiten, müssen pflügen und säen, und das heißt: mehr produzieren!
Mit Ablauf dieses Jahres verschwinden die alten europäi­schen Staaten. Wir gehen dann in der großen Nordeuropäi­schen Föderation auf. Unser Eintritt in diesen großen Verband soll mit einer trotz Acht- oder Siebenstundentag um mindestens 10% über das Vorkriegsniveau gesteigerten Produktion verbunden sein. Von der Steigerung der Pro­duktion hängt alles für uns ab. Die Hebung des kulturellen Niveaus, die Verlängerung der Schulzeit, die Verkürzung der Arbeitszeit, die Erhöhung der Löhne, der Neubau von Wohnungen, der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete, das proletarische Hochschulstudium, die Festigung der alten deutschen Währung, die Einführung der neuen Einheits­währung, die bessere Versorgung mit Lebensmitteln und Bekleidung, die Anlage neuer Kinderheime und Arbeitererholungsheime, die völlige Arbeitsbefreiung und ausrei­chende Versorgung der schwangeren Frau und stillenden Mutter. Alles ist abhängig von der Produktionssteigerung.

Der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete
in Frankreich und Belgien soll auf kollektivistischer Grund­lage erfolgen. Dieser Beschluss ist sehr begrüßenswert. Gerade Frankreich hat ein starkes Mittelbauerntum, das in kritischen Zeiten den sozialistischen Aufbau gefährden könnte. Durch den kollektiven Aufbau großer Landstriche wird ein gesundes Gegengewicht geschaffen, das wir in Ostdeutschland durch den sozialisierten Großgrundbesitz bereits haben.

 

 

Vorwärts - 30. April 1919

Der Weltfeiertag der Arbeit

Am ersten Maifeiertage nach dem Siege der Revolution, werden die Arbeiter in der ganzen Welt für den Gedanken des Sozialismus demonstrieren. Es lag nahe, unseren Sieg an der militärischen Front zu feiern. Wir haben aber keine Zeit, uns bei Siegesfeiern aufzuhalten. Wir stehen mitten in einem neuen, ungleich schwereren Kampf, im Kampf auf der Wirtschaftsfront. Auch an dieser Front haben wir beachtliche Erfolge errungen. Aber wir sind noch weit, sehr weit vom Siege entfernt.
Der Charakter des Maifeiertages hat sich grundlegend gewandelt. Früher stellten wir Forderungen an andere. Jetzt aber müssen wir Forderungen an uns selbst stellen. Früher waren unsere Kampfmittel negativ: Streik, Obstruktion, Arbeitsruhe. Jetzt müssen wir lernen, unsere positiven Kampfmittel stärker anzuwenden. Unser stärkstes Kampfmittel aber ist die Arbeit und die richtige Organisierung der Arbeit. Der erste Mai soll ein Tag schonungsloser Selbstkritik sein. Die Diktatur der Aufbauperiode verlangt ständige Kritik aus den eigenen Reihen. In der Demokratie versuchte jede Partei, ihre eigenen Fehler möglichst zu verdecken, um Schädigungen des Ansehens nach außen zu vermeiden. Das ist anders jetzt. Wir müssen unsere Fehler erkennen und sie ausmerzen. Wir müssen Führer hervorbringen, die de­nen der Feudalaristokratie und des Bürgertums nicht nur gleichwertig, sondern überlegen sind. Gestehen wir offen ein, dass wir noch nicht so weit sind. Nichts liegt uns ferner, als die alte Führergarnitur immer noch durch die Brille unserer Witzblätter zu sehen und sie lächerlich zu finden. Die Anforderungen, die an unsere Führer gestellt werden, sind ganz, ganz andere, als die, welche Adel und Bürgertum an ihre Führer stellten. Wir wollen keinen Füh­rertyp schaffen, der sich künstlich von der Gesamtheit ab­sondert, sondern einen verantwortungsbewussten Menschentyp, der allen anderen als Vorbild dienen kann und soll. Niemand darf in die Partei, der unseren Mindestforderun­gen nicht entspricht. Niemand kann in der Partei geduldet werden, der eine ihm übertragene Funktion dazu benutzt, um sich selbst Vorteile oder Bequemlichkeiten zu verschaffen. Jeder, der sich der hohen Ehre, Mitglied der sozialisti­schen Partei zu sein, nicht würdig erweist, wird ausgeschlossen. Wir dürfen keine Parasiten in unseren Reihen dulden und auch keine verkalkten Mummelgreise, die sich nicht auf die neuen gewaltigen Aufgaben umstellen können.
Der Sozialismus ist kein Automat, in den man einen Parteibeitrag hineinsteckt, um recht viel herauszubekommen. Der Sozialismus ist das große Wecken aller schöpferischen Kräfte, die in der Welt und in den Menschen schlummern. Die Bahn für die neue Entwicklung ist frei. Jetzt gilt es alle Kräfte anzuspannen, um unser ungeheures Werk zu organisieren und zu vollenden. Kein Rückschlag darf uns entmutigen, keine Niederlage in Verwirrung bringen. Wir dürfen uns nicht scheuen, die Fehler, die wir gemacht haben, einzugestehen und den zeitweiligen Rückzug anzutre­ten, wenn wir zu weit vorgegangen sind. Wir haben aber schwere Fehler gemacht, haben eine Niederlage erlitten und müssen jetzt einen Rückzug antreten. Es ist ein Zeichen unserer Stärke, wenn wir das heute sa­gen können und wenn wir morgen, am Weltfeiertage, die harten Maßnahmen, zu denen wir gezwungen sind, in Kraft treten lassen.
Es sind schwere Fehler gemacht worden. Zu viele Parteige­nossen auf verantwortungsvollen Posten haben versagt. Sie waren ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Sie haben versucht, sich populär zu machen und aus Schwäche oder Unverstand dem Drängen unaufgeklärter Elemente nachgegeben, die in der Revolution weiter nichts als eine Lohnbewegung gesehen haben und die glaubten, ihre Aufgabe sei es vor allem, möglichst hohe Löhne und möglichst gute Arbeits­bedingungen herauszuholen. Es ist Aufgabe jedes Parteimitgliedes und vor allem jedes Funktionärs, solchen schädlichen Auffassungen aufs schärfste entgegenzutreten und den unaufgeklärten Elementen in unsern eigenen Reihen die Grundbegriffe sozialistischer Produktions-, Lohn- und Preispolitik beizubringen. Das ist bisher nur ungefähr zur Hälfte gelungen. Leider müssen jetzt aber die verständigen Genossen mit unter den Maßnahmen leiden, die im Gesamtinteresse unvermeidlich sind. Diese Maßnahmen sind sehr scharfer und einschneidender Natur. Wir haben im Durchschnitt zu hohe Löhne gezahlt. Höhere Löhne je­denfalls, als wir sie zahlen dürfen, wenn wir alle Arbeiter produktiv beschäftigen wollen, ohne von der Substanz zu zehren. Ein Teil der roten Direktoren muss durch verantwortungsbewusste Genossen ersetzt werden. Auch eine An­zahl Betriebsräte, die ihrer neuen Aufgabe nicht gewachsen waren, sind abzusetzen.
Der entstandene Schaden ist dadurch allerdings nicht mehr gutzumachen. Die Währung lässt sich nicht mehr auf dem Stande von zwei Goldpfennigen halten. Von morgen ab wird der Zwangskurs für eine Papiermark auf einen Pfennig festgesetzt. Das muss der letzte Rückzug gewesen sein! Wir brauchen für unsere zukünftige Planwirtschaft zuverlässige Ziffern und einen genauen Vergleichsmaßstab. Die Inflation muss aufhören. Wir werden deshalb auch vor dra­konischen Maßnahmen nicht zurückschrecken. Es ist uns gelungen, fast alle Demobilisierten wieder in die Produk­tion einzureihen und auch den größten Teil der im Kriege zu Männerarbeiten herangezogenen Frauen in den Betrieben zu halten. Einige unaufgeklärte Betriebsräte, die wahr­scheinlich keine Ahnung von unseren ungeheuren Aufgaben haben, waren so töricht, Frauen zu entlassen, um für Männer Platz zu machen. Das ist grundfalsch. Erstens widerspricht es unseren sozialistischen Prinzipien von der Gleichstellung der Geschlechter auch in der Produktion, ohne die eine Verwirklichung unserer Ideale überhaupt nicht möglich ist. Zweitens aber brauchen wir jeden arbeitsfähi­gen Mann und jede arbeitsfähige Frau, wenn wir die ungeheuren Aufgaben, die uns gestellt sind, bewältigen wollen. In dem Augenblick, in dem Millionen von Männern aus dem Kriege, aus der Gefangenschaft und aus dem Bürgerkriege zurückkamen, waren vorübergehend mehr Arbeitskräfte vorhanden, als beschäftigt werden konnten. Dieser Zustand ist heute jedoch überwunden. Jetzt handelt es sich nicht mehr darum, möglichst viel Leute unterzubringen. Es handelt sich darum, möglichst viel zu produzieren und in jedem Industriezweig möglichst scharf zu rationalisieren, um Arbeitskräfte freizusetzen. Freizusetzen, nicht damit sie arbeitslos zu Hause hocken, sondern damit wir den Riesenbedarf an Arbeitskräften in anderen wichtigen Industriezweigen decken können. Alle arbeitsfähigen Men­schen müssen produktiv beschäftigt werden. Kein Arbeitsplatz, der besser von einer Frau ausgefüllt werden kann, darf von einem Manne besetzt werden. Je mehr Menschen in die Produktion eingereiht werden, je schneller die Produktenmasse anwächst, um so eher können die Löhne erhöht, um so eher kann die Arbeitszeit gekürzt werden. Wir müssen das immer und immer wieder sagen. Wir müssen das mit äußerster Schärfe gerade in den nächsten Monaten sagen, in denen wir von allen neue Opfer verlangen. Die Löhne müssen vorläufig gesenkt werden. Was bisher von der Inflation besorgt wurde, muss jetzt mit klarem Bewusstsein von uns selbst gemacht werden. Die Mark ist von morgen ab nur noch einen Goldpfennig wert. Alle Löhne werden nach dem Goldwert berechnet. Als Lohn pro Arbeitstag wird gezahlt (in Prozenten des Vorkriegslohns pro Arbeitstag in demselben Gewerbe­zweig) :

Ab 1. Mai...... 50%
Ab 1. Juni..... 60%
Ab 1. Juli..... 70%
Ab 1. August.... 80 %
Ab 1. September... 90%

Ab 15. Dezember soll allgemein der Vorkriegslohn pro Arbeitstag trotz der verkürzten Arbeitszeit gezahlt werden. In allen Werken, in denen die Arbeitsleistung pro Kopf und Schicht über Vorkriegshöhe gestiegen ist, kann schon nach dem 1. September der volle Vorkriegslohn gezahlt werden. Die Verordnung des Volkswirtschaftsrats über den sozialistischen Wettbewerb bleibt in Kraft. Der Siebenstundentag kann auch weiterhin überall da eingeführt werden, wo die Produktion in der vorgeschriebenen Weise gesteigert worden ist. In der Lohnfrage werden aber keine Ausnah­men gemacht, da anders die Stabilisierung gefährdet würde. Die Vorschriften über die Miethöhe sind strikt durchzuführen, damit wir unser Bauprogramm und den Ausbau der Baurohstoffabrikation durchführen können. An Mieten sind immer genau soviel Prozent der Friedensmiete zu zahlen, wie Löhne gezahlt werden. Die Mieterräte haften persönlich für die pünktliche Ablieferung der Mieten. Die örtlichen Arbeiterräte setzen neben den Kommunalab­gaben auch die Höhe der Verwaltungskosten und die Höchstsumme der Reparaturrücklagen fest. Mindestens 60% des Gesamtmietbetrages ist an die Zentralbaubank abzuführen. Alle Rücklagen für Reparaturen sind in dieser Bank anzulegen.
Die Zentralbaubank übernimmt die Finanzierung des ge­samten Wohnungsbaus und aller Baurohstoffbetriebe. Die Verwendung der Mieteinnahmen für andere Zwecke ist verboten.
Die kürzlich angekündigten Steuern und Abgaben treten sofort in Kraft.

Die Aufgaben der nächsten zwei Jahre


Am 31. Dezember hören die alten Staaten auf zu existieren. Bis dahin müssen die neuen Wirtschaftsapparate und die Föderationen auf rationellster Basis organisiert sein. Bis dahin ist aber auch der alte Wirtschaftsapparat soweit wieder herzustellen, dass überall die Vorkriegsproduktivität erreicht wird. Alle Kriegsschäden sind möglichst schon in diesem Jahre auszubessern. Der Zustand der Eisenbahn und der sonstigen Verkehrszweige muss noch in diesem Jahre wieder auf Vorkriegshöhe gebracht werden. Über hundert­tausend Mann sind von der Eisenbahnverwaltung neu eingestellt worden, um die notwendigsten Reparaturen an dem Wagen- und Lokomotivpark mit äußerster Beschleunigung durchzuführen und um den Unterbau gründlich zu überholen. Weitere Zehntausende werden in den nächsten Wochen eingestellt, damit die Arbeiten noch in diesem Jahre zum Abschluss kommen.
1920 sollen alle Wirtschaftsgebiete und Föderationen ihren Wirtschaftsapparat und Verkehr auf die neuen Aufgaben umstellen. Die empfindlichsten Lücken im Verkehrsnetz der Föderationen sollen ausgefüllt werden. Die großen Wirtschaftspläne für den inneren Ausbau der einzelnen Fö­derationen und über die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen werden zur Zeit ausgearbeitet. Im 1. Januar 1921 sollen sie bereits in Kraft treten.
Das Ziel dieser großen Wirtschaftspläne ist die vollständige Industrialisierung der sozialistischen Welt. Nach den bisherigen Vorarbeiten werden diese Pläne von zwei leitenden Grundgedanken beseelt:

I. Stadium
Ausbau des Verkehrsnetzes, Ausbau der Wasserwirtschaft, Dienstbarmachung aller Wasserkräfte, Elektrifizierung, völlige Ausnutzung aller vorhandenen Produktionsanlagen ohne Rücksicht auf den Standort, keine neuen Produktionsanla­gen in solchen Industriezweigen, in denen der Bedarf durch Einführung des Zwei- Drei- oder Vierschichtenwechsels gedeckt werden kann. Investitionen vor allem in den Wirtschaftszweigen und in den Gebieten, in denen die menschliche Arbeit jetzt am wenigsten produktiv ist, wo mit den rückständigsten und veraltetesten Methoden gearbeitet wird und deshalb durch Einführung neuer Arbeitsmethoden und Maschinen die höchste Produktivitätssteigerung zu erreichen ist.

II. Stadium
Standortbestimmung nach sozialistischen Prinzipien. Wei­terer Ausbau der einzelnen Wirtschaftsgebiete mit dem Ziel möglichster Annäherung an den Zustand der Autarkie, soweit dies nicht den Grundsätzen der Rationalität widerspricht.
Wir wollen die europäische Industrie bis zur Höchstgrenze ihrer Leistungsfähigkeit ausnutzen. Der Mehrbedarf an Arbeitern soll aus den unindustrialisierten Gebieten herange­zogen werden. Auch die Million qualifizierter Arbeitskräfte, die bereits an den Westen, Süden und Osten abgegeben wurden, müssen wir ersetzen, ebenso die Millionen von Freiwilligen, die in alle Weltteile gehen, um am Aufbau der neuen Wirtschaft mitzuhelfen.
Einige Millionen Europäer werden nach Australien auswandern. Die Australier haben ihren Anschluss an die So­zialistische Union nur unter der Bedingung vollzogen, dass die numerische Überlegenheit der weißen Rasse gewahrt bleibt. Der Rassenhochmut, der aus dieser Bedingung spricht, verdient im Zeitalter des Sozialismus eigentlich keine Berücksichtigung. Wir haben aber nachgegeben, weil wir Australien nicht dem amerikanischen Kapitalismus ausliefern wollten. Wir werden die ungeheuren Reichtümer Australiens erschließen, große Bewässerungsanlagen durchführen und einige Millionen Menschen aus den überbevölkerten Gebieten Indiens und Chinas ansiedeln. Dieses Zugeständnis haben wir nach langen Verhandlungen den australischen Genossen abgerungen. Wir müssen aber, wenn wir die eingegangenen Bedingungen erfüllen wollen, einige Millionen Freiwillige aus Europa ansiedeln. Diese Ansiedlung wird größtenteils auf dem flachen Lande erfolgen. Die Genossen, die sich zur Ansiedlung in Australien melden, brauchen nicht zu fürchten, dort das Leben von Einsiedlern führen zu müssen. Die australische Landwirtschaft wird die modernsten Großbetriebsformen aufweisen, Kultureinrichtungen aller Art sind vorgesehen.
Auch in Südafrika ist noch nicht alles so, wie es sein sollte. Der übergroße Teil der südafrikanischen Proletarier, die der weißen Rasse angehören, ist noch nicht aufgeklärt genug, um die alten Rassenvorurteile abzulegen. Wir haben ihnen deshalb das Zugeständnis machen müssen, dass in den nächsten fünf Jahren kein weißer Arbeiter gezwungen wer­den darf, unter dem Kommando eines schwarzen Kollegen zu arbeiten. Hoffentlich gelingt es uns, durch Erziehungsmaßnahmen die weißrassigen Kollegen dazu zu bringen, dass sie freiwillig schon vor Ablauf dieser fünf Jahre auf ihre Vorrechte verzichten. Eine Verlängerung dieser Frist darf auf keinen Fall erfolgen. Der weiße Arbeiter, der die Ansicht vertritt, dass seine Rasse geistig regsamer und leistungsfähiger sei als die schwarze, kann ja durch persönliche Tüchtigkeit den Beweis erbringen, dass dies für seine Person gilt. Dann wird ihm niemand eine Führerstellung strittig machen. Dem intelligenten und strebsamen schwarzen Genossen, der mit Aufbietung all seiner Kraft sein Wissen und Können entwickelt, kann aber nicht zugemutet werden, sich einem weniger strebsamen und gebildeten weißen Genossen unterzuordnen. „Fair play" für Angehörige aller Rassen, ist unser Losungswort. Die Industrialisierung Süd - und Zentralafrikas wird allen intelligenten Arbeitern, schwarzen wie weißen, genügend Gelegenheit geben, sich ihren Fä­higkeiten entsprechend zu betätigen. Sie soll vorläufig in der Hauptsache der südafrikanischen Industrie überlassen bleiben, da wir im ersten Stadium des sozialistischen Aufbaus unsere Kräfte vor allem auf die Industrialisierung der dichtbevölkerten Gegenden konzentrieren müssen. Die Wiederherstellung und der Ausbau der europäischen Wirtschaft soll fast vollständig aus eigener Kraft erfolgen. Von den Summen, die Amerika an uns zahlen muss, geht nur ein sehr geringer Teil nach Europa. Wir bekommen nur einige Milliarden in Form von Lebensmitteln und drin­gend benötigten Rohstoffen und Maschinen. Der größte Teil der amerikanischen Lieferungen geht jedoch nach China, dessen Industrialisierung nach den Plänen Sun Yat-sens beschleunigt durchgeführt werden soll. Wir sind also im we­sentlichen auf uns selbst angewiesen. Der erste Mai muss benutzt werden, um diese Erkenntnis wieder einmal in die Köpfe hineinzuhämmern. Unsere Losungsworte am Weltfeiertag lauten in diesem Jahr:
Aufbau, Produktionssteigerung, Rationalisierung!

 

 

Vorwärts - 2. Mai 1919

Der Verlauf des 1. Mai

Berlin hat seit dem 9. November viel imposante Aufmärsche gesehen. Aber was war das alles gegen das Ungeheure, das wir gestern erleben durften? Berlin ist zur Welthauptstadt geworden. Gestern konnten wir beobachten, dass dies nicht etwa eine Redensart, sondern Wirklichkeit ist. Wir stehen noch mitten in unserem eigenen Wiederaufbau, wir mussten in diesen Tagen sogar einen Rückzug auf der Wirtschaftsfront antreten. Und dennoch, der Pulsschlag der gan­zen Welt war gestern in Berlin fühlbar. Was bedeutet dieser strategische Rückzug, wenn jedem Menschen so sinn­fällig gezeigt wird, dass es im ganzen vorwärts geht, unaufhaltsam vorwärts!
Ungefähr zwei Millionen Menschen sind gestern durch die Linden und den Tiergarten gezogen. Aber das waren nicht mehr undisziplinierte Individuen wie in den Tagen nach der Revolution, als wir das alte Joch abgeworfen hatten und nach den Formen der neuen Organisation suchten. Die Hunderttausende, die gestern aufmarschierten, gruppier­ten sich in festen Verbänden, und jeder Verband hatte seine besonderen, fest umrissenen Aufgaben. Schon früh um 7 Uhr begann der Aufmarsch der Arbeiter­sportler und der proletarischen Kulturvereine. Von 9 Uhr an nahmen zu beiden Seiten der „Linden" „Rote Falken'' und „Jungpioniere" Aufstellung. Später traten sie an die Häuserfront zurück, damit Kinder und Frauen den weiteren Aufmarsch mit ansehen konnten. Von 11 Uhr ab dröhnten beide Fahrdämme der Linden unter dem Tritt der bewaffneten Arbeiterbataillone, die, nach Betrieben und Industrieverbänden gegliedert, in Reihen zu 16 Mann vorbeimarschierten.
Darauf formierten sich die Marschkolonnen der roten Frauen- und Mädchenbünde, und schließlich zogen bis spät in die Nacht hinein die Hunderttausende auf, welche in die­sen Tagen an neue Arbeitsfronten gehen. Vom Westen her rückten 1000 Lastautos und 1000 Traktoren an, die nach Russland, Sibirien und Kaukasien geschickt werden. Von Osten her rückten in langen Reihen Lastautos mit Lebensmitteln an: auf ihnen Finnen, Polen, Russen, Ukrainer, Rumänen, Bulgaren und Serben. Dann kamen von Westen her die ersten Straßenbau- und Eisenbahnbaukolonnen, die zunächst in Westrussland und Polen eingesetzt werden. Ihren ganzen Tross führten sie mit sich, Lastautos mit Werkzeugen und Maschinen, Straßenrammen, Traktoren, Feldküchen, Zelte, Baracken, Sanitäts- und Büchereiautomobile.
Auf der anderen Fahrbahn marschierten hunderttausend Russen auf, die im Westen, in den zerstörten Gebieten, in den englischen und französischen Kohlengruben eingesetzt werden. Mitten unter ihnen französische Soldaten, die sich nun, gemeinsam mit jenen, deren „Gefangene" sie gestern noch waren, an den sozialistischen Aufbau ihrer Heimat machen.
Während vom Westen her zehntausend deutsche, englische und französische Lehrer, Ingenieure, Ärzte und geschulte Bureaukräfte anmarschierten, die nach dem Osten gehen, zogen von der Gegenseite zehntausend deutsche Freiwillige heran, die sich noch am selben Abend nach überseeischen Wirtschaftsfronten in Fahrt setzten.
Aber so gewaltig auch dieser Aufmarsch war, viel erfreulicher war für uns doch noch die Feststellung, dass unsere intensive Aufklärungsarbeit über die Notwendigkeiten sozialistischer Lohn- und Wirtschaftspolitik Erfolg hatte. Die übergroße Masse der werktätigen Bevölkerung erkennt die großen Zusammenhänge und sieht ein, dass wir uns nicht gestatten können, Raubbau zu treiben, und dass die Elektri­fizierung und Industrialisierung Osteuropas und Asiens für uns ebenso wichtig ist wie der Ausbau und die Umstellung der eigenen Wirtschaft. Einige besonders begeisterte Volkswirtschaftler bemühten sich auszurechnen, wie viel wir in den ersten Monaten bei niedrigen Löhnen akkumulieren können. Sie waren dabei allerdings durchweg etwas zu optimistisch. Sie übersehen bei ihren Berechnungen, dass ein großer Teil der Arbeiten, die wir jetzt verrichten, überhaupt nicht produktiv, und ein anderer Teil rein wiederherstellender Natur, also nur sehr bedingt produktiv ist. Der Anteil dieser Arbeiten an der Gesamtproduktion sinkt aber ständig, so dass wir die Löhne tatsächlich bald auf Vorkriegshöhe bringen können, wenn die Produktions­steigerung planmäßig durchgeführt wird. Schon in einem Monat werden die Traktoren, die gestern durch die ,,Linden" rollten, beginnen, jungfräulichen Bo­den für die neue Aussaat vorzubereiten, und im Herbst des nächsten Jahres werden wir das erste Getreide von den Kol­lektivwirtschaften erhalten. Das wird aber erst der Anfang der Agrarrevolution sein. Von uns, von unserer Produktion, hängt es ab, wann der letzte Bauer den Holzpflug hinlegt und seine kümmerliche Einzelwirtschaft verlässt, um den Traktor der Kollektivwirtschaft zu besteigen.

Der 1. Mai in Hamburg
Im ganzen Hamburger Städtegebiet wurde die Arbeit schon am 30. April mittags um 12 Uhr niedergelegt. Zehntau­sende waren am Nachmittag des 3o. April nach Brunsbüt­telkoog geeilt, um die Einfahrt der ersten Schiffe in den wiederhergestellten Nordostseekanal anzusehen. Zehn deutsche Schiffe mit Werkzeugen und Maschinen wurden als Geschenk der deutschen an die russischen revolutionären Arbeiter nach Petrograd abgesandt.
Am 1.Mai bildeten die 50000 Spitzbergen-Freiwilligen den Mittelpunkt des Festprogramms. Sie sollen den Som­mer über mit äußerster Anstrengung in den Kohlenbergen Spitzbergens arbeiten, um so zur Behebung des Brennstoff­mangels beizutragen. Es werden zunächst nur Baracken für den Sommeraufenthalt in Spitzbergen gebaut. Im Winter soll der größte Teil dieser Freiwilligen in denjenigen englischen Kohlenbergwerke eingesetzt werden, die man zur Zeit auf moderne und rationelle Arbeitsmethoden umstellt.
Der amerikanische Regierungsdampfer, der alle Wochen die auswanderungslustigen früheren Kapitalisten auf Kosten der amerikanischen Regierung abholt, musste zum ersten Mal halb leer abfahren. Eine Anzahl junger Ingenieure ging eine Stunde vor der Abfahrt von Bord und meldete sich geschlossen freiwillig nach Spitzbergen. Vor Cuxhaven begegnete das Schiff einem Transport deutscher Rückwan­derer aus Amerika, der ihnen signalisierte: „Lieber in Deutschland hungern als in Amerika für den Kapitalismus schuften! Macht's uns nach, hier seid ihr Gleiche unter Gleichen, drüben seid ihr Handlanger." Die Stimmung an Bord war schon vorher sehr bedrückt gewesen. Jetzt entschieden sich die meisten Passagiere, vor allem die jüngeren, dafür, in Europa zu bleiben. Wenn dieses Beispiel Schule macht, dann dürfte endlich das Gleichgewicht im gegenseitigen Auswanderungsverkehr hergestellt sein. Bis Ende Februar entfielen auf jeden Einwanderer aus Amerika zwei kapitalistisch Gesinnte, die Eu­ropa verließen. Im März war das Verhältnis schon 2:3, im April 4:5.
Bezeichnend für den Stimmungsumschwung in den Reihen der jüngeren Angehörigen des früheren Bürgertums ist der Ausspruch eines zurückgekehrten Technikers: „Was sollen wir in Amerika? Wir werden drüben auch zu Proletariern. Aber drüben sind die Proletarier die Parias der Gesellschaft, hier sind sie die Herren. Wenn ihr drei Jahre mit demselben Fanatismus weiter arbeitet, dann wird es dem europä­ischen Proletarier besser gehen als dem kleinen Kapitali­sten in Amerika."


Bericht aus Kiel


Der unermüdlichen Arbeit von Zehntausenden ist es gelungen, den Kanal in wenigen Monaten wieder zu säubern und stellenweise zu verbreitern. Die ersten zehn Schiffe, die den Kanal heute am Weltfeiertag der Arbeit passierten, gehen nach Petrograd. Tausend gelernte Arbeiter, Techniker, In­genieure und Werkmeister fahren heute nach Russland ab, um dort, wo ihre Kräfte am dringendsten gebraucht wer­den, für den Aufbau des Sozialismus zu arbeiten. Zweitausend junge Russen im Alter von 17—20 Jahren sind heute hier angekommen und auf einem als Wohnschiff her­gerichteten früheren Kriegsschiff untergebracht worden. Sie sollen auf den Werften ausgebildet werden. Alle Kriegs­schiffe, die älter als zehn Jahre sind, wurden bereits in Wohnschiffe verwandelt, und immer noch ist zu wenig Platz. Alle Helligen der Lenin-, Liebknecht- und Luxemburgwerft (früher Kaiserliche, Germania- und Howaldtswerft) sind voll belegt. Überall wird in drei Schichten ge­arbeitet. Nach Einreihung des letzten Russentransports so­wie der Arbeiter, die ihre Arbeit am Kanal beendigt haben, sind weitere Einstellungen nicht mehr möglich. Da wir aber Ende Mai, Anfang Juni weitere 8000—10000 Genossen aus Russland erwarten, soll am 1. Juni auf allen Werften der Sechsstunden tag eingeführt werden. Das bedeutet rationellste, volle Ausnutzung der Werksanlagen bei ununterbrochener Arbeit in vier Schichten.

Bericht aus Breslau


Am 1. Mai wurden die neuen Anlagen der Lenin-Luxemburg-Werke (früher Linke-Hofmann-Werke) eingeweiht. Obwohl in Breslau größte Wohnungsnot herrscht, mussten alle verfügbaren Bauhandwerker zum Erweiterungsbau der L. L. W. herangezogen werden. Die L. L. W. sollen in den nächsten Jahren Zehntausende von Lokomotiven und Hunderttausende von Waggons für Russland, Polen, den Balkan und die Türkei liefern. Es herrscht, obwohl bereits zweitausend polnische und tausend russische Hilfsarbeiter eingestellt wurden, immer noch ein fühlbarer Arbeitermangel. Nicht einmal die alten Werksanlagen können im Dreischichtenwechsel voll ausgenutzt werden. Eine Anzahl von hoch­qualifizierten Spezialarbeitern arbeitet freiwillig in zwei Elf­stundenschichten. Alle Säle und die Hälfte aller Schulen werden als Quartier für weitere zehntausend russische und pohlische Hilfsarbeiter eingerichtet. In einer Versammlung in der Jahrhunderthalle wurde darauf hingewiesen, dass es im Augenblick das Wichtigste sei, Lokomotiven und Waggons zu bauen, dass aber doch alles mögliche getan werden müsse, um die katastrophale Wohnungsnot in Breslau zu beheben.
In Oberschlesien standen alle Maifeierveranstaltungen noch stärker als in Breslau im Zeichen der Wohnungsfrage. Über 50000 polnische Arbeiter sind ohne große Schwierigkeiten in die Produktion eingereiht worden. Der Sechsstundentag bei gleichzeitiger Verschärfung des Arbeitstempos wurde in allen Gruben und wichtigen Betrieben eingeführt, so dass die Produktion bei Vierschichtenwechsel bereits wesentlich stieg.

Unruhen in Amerika


Nach den letzten Telegrammen ist es in einigen Städten Amerikas infolge Verbots der Maifeiern zu Unruhen ge­kommen. Über zehntausend Arbeiter sind gefangen genommen worden und sollen zwangsweise nach Europa abge­schoben werden. Nach einem anderen Telegramm sollen sich weitere Zehntausende, darunter viele Deutsche, zur Aus­wanderung nach Europa entschlossen haben. Der Oberste Volkswirtschaftsrat der S. U. hat beschlossen, all diese Ein­wanderer, soweit sie damit einverstanden sind, nach dem Osten zu leiten, der immer noch an einem empfindlichen Mangel an gelernten Arbeitern leidet.

 

 

Vorwärts - 14. Juli 1919

1789-1919

Einhundertdreißig Jahre sind seit dem Sturm auf die Bastille vergangen. Einhundertdreißig Jahre seit der Erklärung der Menschenrechte. Und jetzt erst können wir langsam daran denken, diese Erklärung in die Tat umzusetzen. Hundertdreißig Jahre lang hat das Bürgertum, teils offen, teils indirekt geherrscht. Und in dem Lande, in dem es schon früher zur Macht kam und sich am folgerichtigsten entwickeln konnte, in Amerika, herrscht es heute noch. Wir wollen nicht blind sein gegenüber dem, was in diesen 130 Jahren geschaffen wurde. Westeuropa, Nordamerika und ein Teil der übrigen Welt ist in dieser Zeit industrialisiert worden. Aus mittelalterlichen Wirtschaften sind gewaltige moderne Industriestaaten entstanden, die nicht nur Hunderte von Milliarden Mark im eigenen Lande angelegt, sondern auch Riesensummen im Auslande investiert haben. Schon in den ersten Jahrzehnten entstanden gewaltige Werte dank der kläglich bezahlten zwölf- und vierzehnstündigen Arbeit von hundert Millionen Proletariern, die unter den aller­erbärmlichsten Verhältnissen lebten. Nach dieser schreck­lichen Zeit des kapitalistischen Aufbaus, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, wurde es allmählich etwas besser. Der Kapitalismus, der sich im imperialistischen Stadium, im Zeitalter der kolonialen Überprofite, ungeheuer rasch entwickelte, gab dem Druck des Proletariats, das inzwischen gelernt hatte, sich in Gewerkschaften und Parteien zu organisieren, etwas nach, so dass seine Lebenshaltung sich ein wenig verbesserte.
Aber auf jeden europäischen Proletarier, der dem Bereiche des Hungers entfliehen konnte, entfielen zehn Inder, Chi­nesen oder Russen, die durch den eindringenden Kapitalismus aus ihrem altgewöhnten bescheidenen Leben herausgerissen und den Kapitalisten dienstbar gemacht wurden. Nach den Gesetzen des kapitalistischen Wachstums hätten diese tausend Millionen Menschen jetzt denselben Leidensweg antreten müssen, den das europäische Proletariat in der Frühzeit des europäischen Kapitalismus gegangen war. Und in stetig steigendem Maße hätten diese neuen exotischen Proletariermassen zu Konkurrenten, zu Totengräbern des Standards der europäischen und amerikanischen Proletarier werden müssen. Mit fast naturgesetzlicher Notwendigkeit wäre in Europa und Amerika eine Millionenarbeitslosigkeit eingetreten, die auf die Dauer bestimmt eine Verschlechterung des Lebenshaltungsniveaus hervorgerufen hätte. Der Weltkrieg hat diesen Entwicklungsgang unterbrochen. Aber er hätte ihn nicht aufgehalten, wenn nicht die proletarische Revolution dazwischengekommen wäre. Vielleicht hätten einige Siegerstaaten auf Kosten der Besiegten diese Folgen der imperialistischen Entwicklung einige Jahre, viel­leicht auch Jahrzehnte lang weniger verspürt. Einmal aber würde auch diese Staaten die Krise wieder erfasst haben, wenn nicht vorher ein neuer Weltkrieg ausgebrochen wäre, der wiederum nur für die Siegerstaaten auf kurze Zeit einen Ausweg geschaffen hätte.
Dieser Zyklus ist indessen durch die sozialistische Revolution unterbrochen worden.
Der Proletarier hat sein Machtwort gesprochen. Die Welt­geschichte nimmt einen anderen Lauf. Der Bastillesturm war die Verheißung eines neuen Mensch­heitsmorgens. Trotz seiner unbestreitbaren technischen Er­folge ist der Kapitalismus die Erfüllung uralter Menschheitsforderungen schuldig geblieben. Er versprach die Frei­heit. Er brachte die Freiheit, den Schwächeren auszubeuten. Er schuf den Liberalismus: „Jeder mag nach seiner Fasson selig werden!" In welche Fasson jeder hineingeboren und durch das wirtschaftliche Übergewicht hineingepresst wurde, das kümmerte ihn nicht. Und als die Gesetze der kapitali­stischen Wirtschaft, die Marx uns erkennen gelehrt hat, sich immer mehr auswirkten und Krisen und Kriege her­vorriefen, da gingen die Freiheiten des Ausbeutens und des Liberalismus wieder über Bord: Trusts und Kartelle bän­digten den „freien" Unternehmer, der Koalitionsfreiheit begegnete man mit Maschinengewehren, die Pressefreiheit liquidierten Inserate, Subventionen und Verbote, und der Liberalismus verendete in den Uniformen der kapitalistischen Millionenarmeen.
Heute hat das revolutionäre Proletariat den Kampf um die Freiheit angetreten. Es „meint" aber eine andere Freiheit. Nicht „Einer gegen Alle" und „Alle gegen einen" ist unsere Losung, sondern: „Einer für Alle" und „Alle für jeden". Noch sind wir nicht so weit. Solange die wirtschaft­lichen Verhältnisse schlecht sind, kann der Mensch nicht gut sein. Der Aufbau einer sozialistischen Weltwirtschaft muss aber mit den Menschen, wie sie heute sind — wir haben alle noch das Erbe der kapitalistischen Vergangenheit im Blut — vollzogen werden. Ohne Zwang, ohne Diktatur ist das unmöglich. Aber „es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken". Er wird, die sozialistische Wirtschaft aufbauend, die Fesseln individualistisch beschränkter Denkungsart Schritt für Schritt abstreifen, und im gleichen Tempo werden Zwang und Diktatur sich als entbehrlich erweisen. Erst wenn der Mensch die Bastille seiner engherzigen Eigeninteressen gestürmt hat, ist der Tag der Freiheit angebrochen.

In West- und Mitteleuropa ist die Vorkriegsproduktion erreicht


Nach den vorliegenden Berichten kann es als sicher angenommen werden, dass die Gesamtmasse der im Monat Juli hergestellten Waren nicht hinter der Gesamtwarenmasse des Monats Juli 1913 zurücksteht. Damit ist aber die Durch­schnittsproduktivität der Vorkriegszeit noch lange nicht erreicht. Die Zahl der Beschäftigten ist gegenüber der Vorkriegszeit bedeutend gestiegen. Der einzelne Werktätige er­zeugt also immer noch eine geringere Produktenmenge als 1913. Der erste Schritt aber ist getan. Eine ungleich größere Bedeutung erhält die oben fest­gestellte Tatsache, wenn wir uns die Art der Produktion ansehen. Die Herstellung einer Anzahl von Luxusgegenständen ist ganz eingestellt worden. Der Wohnungsbau hat noch nicht einmal 5o% der Vorkriegsziffern erreicht. In Anbetracht der Minderproduktion in den Vormonaten können wir damit rechnen, dass wir im Laufe dieses Wirtschaftsjahres noch nicht einmal 40% der Wohn­raumproduktion von 1913 erreichen. Im Bergbau ist es trotz aller Anstrengungen noch nicht gelungen, die Arbeitsleistung pro Kopf und Schicht auf mehr als 70% der Vorkriegsleistung zu bringen. Infolge der verkürzten Schichten und der großen Belegschaftsvermehrung ist jedoch die absolute Vorkriegsförderung bereits überschritten. Ganz gewaltige Fortschritte sind indessen durch rücksichtslose Umstellung in folgenden Industrien gemacht worden: Lokomotiv-, Waggon-, Automobil-, Traktoren-, Schiffs- und Maschinen­bau. Auch auf diesen Gebieten ist die Vorkriegsproduktivität pro Kopf und Schicht noch lange nicht erreicht. Durch allgemeine Einführung des Drei- und Vierschichtensystems, durch Neueinstellung von Hunderttausenden sind aber die absoluten Produktionsziffern der Vorkriegszeit weit überholt. Die Produktivität in diesen Industriezweigen wird von Monat zu Monat stark anwachsen. Das ist von ganz besonderer Bedeutung für Russland und den gesamten Osten. In Russland ist es trotz allgemeiner Einführung des Mehrschichtensystems, trotz Einreihung Hundertausender in die Produktion, trotz zahlreicher Subbotniks (freiwillige, unbezahlte Sonntagsarbeit) noch nicht gelungen, mehr als 60% der gesamten industriellen Vorkriegsproduktion zu erreichen. Die meisten Fabriken sind zwar mit unserer Hilfe wieder instand gesetzt worden. Es fehlt aber an allen Ecken und Enden. Unsere Pflicht ist es, mit Aufbietung unserer ganzen Kraft dieses Manko rasch auszugleichen. Die Rolle Russlands in der proletarischen Weltrevolution ähnelt sehr stark der Rolle, die Frankreich in der bürger­lichen Weltrevolution gespielt hat. Wie damals Frankreich, so hat diesmal Russland die meisten Opfer bringen und die Hauptlast des sozialen und politischen Kampfes tragen müs­sen. Wie damals Frankreich, so hat Russland den schwersten Teil des Kampfes ertragen und die größten Ver­wüstungen und Zerstörungen erlitten. Mitteleuropa, das in einer früheren Revolution, im Zeitalter der Bauernkriege und der Reformation, einmal eine ähnliche Rolle spielte, ist heute Nutznießer der harten Kämpfe in Russland, wie es nach 1789 Nutznießer der französischen Revolution war, deren bleibende Erfolge auch dem mitteleuropäischen Bür­gertum zugute kamen. Wir leben aber heute im Zeitalter der Solidarität und erkennen daher die besondere Pflicht, die uns daraus erwächst: Zurückstellung aller Sonderinter­essen! Alle Kraft für die Wiederherstellung und die Industrialisierung Russlands!
Unser Kampfruf lautet immer wieder: Rationalisierung und Steigerung der Produktion.
Dadurch helfen wir uns. Damit helfen wir Russland und damit wieder uns. In dieser Erkenntnis und in unsrer gesteigerten Arbeit manifestiert sich am deutlichsten der ungeheure Unterschied zwischen den Jahren 1789 und 1919.

 

 

Vorwärts - 11. August 1919

Mehr produzieren! Schärfer rationalisieren!
Erste Wirtschaftssiege!
Stabilisierungsanleihe
Der Brennstoffmangel beseitigt!

Es geht vorwärts auf allen Fronten. In Mitteleuropa haben wir dank unserer rücksichtslos scharfen Maßnahmen und der unermüdlichen Aufklärungsarbeit unserer Funktionäre die Vorkriegsproduktivität auch pro Kopf und Schicht erreicht. Eine neue Million von zugewanderten Russen ist in Deutschland, Frankreich, Belgien, England und Skandina­vien in die Produktion eingereiht worden. Mit unserer Hilfe wurden die wichtigsten Betriebe Russlands so weit wieder hergestellt, dass man noch in diesem Jahre die Gesamt­produktion der Vorkriegszeit für das letzte Vierteljahr zu erreichen hofft. Die rumänischen und kaukasischen Erdöl­gebiete werden noch in diesem Jahr (allerdings mit einer stark vermehrten Belegschaft) die Vorkriegsproduktion er­reichen. Die ersten größeren Kohlentransporte aus Spitzber­gen sind in Archangelsk und Murmansk und in den Ostseehä­fen eingetroffen. Den Kohlenbedarf Süd- und Mittelitaliens sowie den vorübergehenden Zuschussbedarf der Schwarzmeergebiete deckt England. Den Zuschussbedarf Frankreichs und Norditaliens liefert das Ruhrgebiet. In Oberschlesien wird mit Hochdruck an der Erweiterung der Produktionsanlagen gearbeitet. Zur Zeit werden Notbaracken für hunderttausend neue polnische Arbeiter errichtet. Im mesopo­tamischen Erdölgebiet sind umfangreiche Arbeiten neu in Angriff genommen worden. Die Baumwollanbaufläche in Indien soll im nächsten Jahre um 30%, in Turkestan sogar um über 100% gesteigert werden. Die Vergrößerung der Kaffeeanbaufläche auf den Südseeinseln soll vorläufig zurückgestellt werden, da das amerikanisch-brasilianische Kaffeekomitee uns gegen Abschluss eines langjährigen Abnahmevertrages ganz bedeutende Preisermäßigungen und langfristige Kredite zugestanden hat. Die hierdurch frei­werdenden Summen sollen für die Forcierung des Eisenbahnbaus in Indien verwandt werden, der vom englischen Eisentrust durchgeführt wird. Deutschland soll noch in diesem Jahre die größten Lücken in der Bagdadbahn ausfüllen, die Vorarbeiten für den persischen Bahnbau in Angriff nehmen und mit dem Bau einer Teilstrecke der sibirisch-turkestanischen Eisenbahn beginnen. In Osteuropa wurden bereits 3oo km neuer Eisenbahnen gebaut. 800 km sind in Angriff genommen, 2000 km sind das Ziel für dieses Jahr.
Der Bau von über hundert Elektrizitätswerken ist im Gange. Einige tausend Kilometer von Landstraßen sind bereits wie­derhergestellt worden. Über 1000 km neuer Landstraßen nach dem Osten sind bereits fertig, zehntausende sollen in den nächsten Monaten fertig werden. Das ist nur ein ganz kleiner Teil unseres Arbeitsprogramms.

Die Finanzierung dieser Arbeiten
ist nur möglich, wenn wir trotz Steigerung der Produktion an dem Lohnschema vom ersten Mai festhalten. Eine An­zahl von Gewerkschaften fordert die sofortige Einführung des Friedenslohns und die Senkung der Mieten. Das ist eine unsinnige und schädliche Forderung, der wir aufs schärfste entgegentreten. Wenn wir noch in diesem Jahre trotz un­zähliger sozialer Verbesserungen, trotz verkürzter Arbeits­zeit, trotz Kriegs- und Revolutionsfolgen, den Vorkriegs­lohn erreichen, so ist dies eine ganz gewaltige Errungen­schaft. Aber das wird nur dann der Fall sein, wenn wir weiterhin die Produktion von Monat zu Monat steigern und ohne Rücksicht auf Traditionen und veraltete Vorrechte die schärfsten Rationalisierungsmaßnahmen durchführen. Die bisher nur oberflächlich durchgeführte Reorganisation des Behördenapparats hat 200000 neue Arbeitskräfte freigemacht. Durch die Rationalisierung des Bank- und Versiche­rungsapparates haben wir 5o 000 neue Arbeitskräfte teils gewonnen, teils durch Frauen ersetzt. Die Zusammenlegung und Vereinfachung der Sozialversicherung brachte uns weitere 20000 neue Arbeitskräfte. Das ist aber erst der Anfang. Wir müssen noch viel mehr rationalisieren, noch viel mehr Arbeitskräfte freisetzen. Für den nächsten Monat wer­den wieder über 100000 Arbeitskräfte angefordert. Wir können nicht dauernd neue Menschen aus Russland importieren und in Notbaracken unterbringen, wir müssen uns daran gewöhnen, unsern Menschenbedarf selbst zu decken. Unser Verteilungsapparat ist zu teuer und viel zu schwerfällig. Er muss vereinfacht werden. Sehr viel Arbeit, die von Angestellten verrichtet wird, könnte nach gründlicher Rationalisierung ehrenamtlich geleistet werden. Wenn wir auf diesem Gebiete hunderttausend Menschen einsparen, so ist das für uns zehnmal mehr wert, als wenn wir die Löhne vorzeitig um 10% erhöhen würden. Das wird und muss jeder vernünftige Mensch einsehen. Der erste Schritt auf diesem Wege wird bereits am 1. September getan. Die Wochenlöhne werden von diesem Tage ab in allen größeren Betrieben nicht mehr an einem bestimmten Wochentag, sondern für je ein Sechstel der Belegschaft getrennt an allen Werktagen gezahlt. Dann hört die Überfüllung der Läden und Verteilungsstellen in den letzten Wochentagen auf. Die Arbeit verteilt sich gleichmäßig auf alle Tage. Je nach Lage der Dinge können in den einzelnen Orten die Verteilungsstellen oder die Belegschaften verringert werden. Voraussetzung für die Fortsetzung der Rationalisierungsmaßnahmen und für die Erweiterung der Produktion ist aber, dass genügend Spielraum in finanzieller Hinsicht vorhanden ist.

Eine Stabilisierungsanleihe
soll ab 1. September zur Zeichnung aufliegen. Ab 1. Sep­tember werden 90% der Vorkriegslöhne gezahlt. Damit ist die größte Not im Arbeiterhaushalt behoben. Ein Teil der Arbeiterschaft wird auch dann noch Mühe haben auszu­kommen. Jeder Proletarier aber, der es irgend kann, ist mo­ralisch verpflichtet, Stabilisierungsanleihe zu zeichnen und sich die Teilbeträge bis Ende Dezember vom Lohn abziehen zu lassen. Ganz besonders aber gilt dies für die Familien, in denen auch die Frau und die älteren Kinder mitarbeiten. Wir bauen unser eigenes Unternehmen auf, das größte Unternehmen, das es jemals in der Weltgeschichte gegeben hat. Dieses Unternehmen soll uns später einmal ungeheuren Nutzen brin­gen. Es ist also nur natürlich, dass wir alle zunächst einmal Opfer bringen. Die Kapitalisten haben ihre Unternehmen aufgebaut durch die Mehrarbeit der Proletarier. Eine an­dere Quelle haben wir zunächst auch nicht. Aber wir wol­len diese Mehrarbeit über den eigentlichen Konsum hinaus freiwillig leisten, denn wir wissen ja, dass wir später selbst die Nutznießer dieser Mehrarbeit sein werden. Unterstützt deshalb alle die Kampagne für die Stabilisierungsanleihe! Diese Kampagne muss mit unerhörter Wucht geführt wer­den, in den Belegschaften, in den Gewerkschaften, in den Arbeiterklubs und in allen sonstigen Arbeitervereinen. In den Konsumvereinen ist allerstärkste Propaganda dafür zu machen, dass jedes Mitglied bis zum Ende des Jahres seinen vollen Anteil von 50 Mark einzahlt. Auch damit dient er der Allgemeinheit.
Das Gebot der Stunde ist:
Rationalisieren! Mehr produzieren! Sparen!

 

 

Vorwärts - 15. September 1919

Rationalisieren! Sparen!
Getreidemangel in Russland
Schränkt den Verbrauch ein! Propagiert die Warenkampagne!

Mit dem Ende des Kriegskommunismus in Russland hat auch die zwangsweise Aufbringung von Getreide aufgehört. Der russische Bauer bekommt seine Erzeugnisse jetzt bezahlt. Er weigert sich aber in vielen Fällen, seine Waren gegen Geld herzugeben, da er sich oft nichts dafür kaufen kann. In Russland besteht furchtbarer Mangel an Waren aller Art. Diesen Mangel hat zwar die Zufuhr aus West­europa etwas gemildert, aber noch lange nicht behoben. Die aufgeklärten russischen Proletarier besitzen genug Selbstzucht, um auf alles Entbehrliche vorläufig zu verzichten; die russischen Bauern dagegen bleiben lieber auf ihren Vorräten sitzen oder bauen nur so viel an, wie sie selbst brauchen, solange sie im Austausch gegen ihre Erzeugnisse nicht andere Waren erhalten. Unsere Aufgabe ist es, diese Waren aufzubringen. Wir setzen das feste Vertrauen in die westeuropäischen Proletarier, dass sie die neue Aufgabe lösen, damit wir im nächsten Jahre genügend Brotgetreide haben und den kostspieligen Apparat der Zwangswirtschaft ab­bauen können. Wir müssen den russischen Bauern erst einmal für viele Milliarden Mark Waren liefern, damit sie so viel Getreide wie möglich abliefern und die Anbaufläche für die nächste Ernte so weit wie möglich vergrößern. Wenn sie erst einmal sehen, dass sie für das neue Geld auch wirklich die Waren bekommen, die sie brauchen, so werden sie bald auch gegen Geld verkaufen. Wie können wir unsere neue Aufgabe lösen?
1. Durch massenhafte Aufbringung von Waren in natura.
2. Indem wir unseren Konsum einschränken und dafür Sta­bilisierungsanleihe zeichnen.
Zu 1. In Russland herrscht zur Zeit ein fast primitiver Tauschverkehr. Es fehlt an allem, aber auch an allem. Des­halb werden wir in Westeuropa alle Waren sammeln, die irgendwie entbehrlich sind. Die Mitglieder der Partei und der Arbeiterjugend werden von Haus zu Haus gehen und sammeln. Alles, aber auch alles soll dabei angenommen wer­den. Haushalts- und Wirtschaftsgegenstände ebenso wiege­brauchte Werkzeuge und Bekleidungsgegenstände und vor allem Schuhwerk, auch gebrauchtes. Ein Volk von 150 Mil­lionen muss mit allem versehen werden, was es überhaupt gibt. Dazu kann und soll jeder sein Scherflein beitragen.
Zu 2. Wir werden dem russischen Bauern vor allem Düngemittel, Maschinen, Bekleidung und Werkzeuge liefern. Er soll sehen, dass er seine Erzeugnisse für Geld verkaufen kann und dass er für dieses Geld alle Waren kaufen kann, die er haben will. Das ist zunächst der einzige Weg, um ihn zur Mehrproduktion zu veranlassen. Viele Jahre wird es dauern, ehe der russische Bauer so weit aufgeklärt ist, dass er sozialistisch denken kann. So lange müssen wir ihn bei seinem Egoismus packen. Wir brauchen über diese altmodische Denkweise nicht einmal zu lächeln. Sehen wir uns doch einmal bei unseren eigenen Bauern um. Aber wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen: Auch in unseren eigenen Reihen gibt es noch genug asoziale Elemente, wie uns die Augustbewegung für sofortige Lohnerhöhung bewiesen hat, an der sich sogar prominente Gewerkschaftler und Parteigenossen beteiligten (die inzwischen allerdings wegen Disziplinbruchs bestraft und aus der Partei ausgeschlossen wurden).
Das bisherige Ergebnis der Stabilisierungsanleihe beweist uns, dass die Mehrzahl der europäischen Proletarier bereits sozialistisch denkt. In Deutschland allein sind schon über drei Milliarden gezeichnet worden. Dieser Betrag muss aber angesichts der neuen Aufgabe verdoppelt werden. Also Genossen, noch einmal ans Werk! Jedes Haus, jede Wohnung, jede Werkstatt muss noch einmal abgeklappert werden. Auch dem Einfältigsten muss es einleuchten, dass es sich lohnt, eine kleine Verbrauchseinschränkung bis Ende dieses Jahres zu ertragen, damit baldmöglichst genügend Lebensmittel vorhanden sind.
Lohnerhöhungen über 100% des Vorkriegslohns hinaus sowie Arbeitszeitverkürzungen dürfen in diesem Jahre auf keinen Fall mehr erfolgen. Andrerseits darf ab 1. Dezember in keinem öffentlichen oder privaten Betriebe weniger als 3,5o Mark für den vollen Arbeitstag gezahlt werden. Zu­widerhandlungen von privatkapitalistischer Seite werden außer mit Gefängnis mit Einziehung des Vermögens be­straft.
Von morgen ab erhält die Belegschaft verschiedener gut­geleiteter Werke trotz Siebenstundentag den Vorkriegslohn. Alle Parteigenossen, die in solchen Betrieben arbeiten, müssen laut Parteibeschluss, ebenso wie alle anderen Parteigenossen, die mehr als 150 Mark verdienen, mindestens 20% ihres Lohnes bis Ende des Jahres in Stabilisierungs­anleihe anlegen. Wer damit nicht einverstanden ist, mag aus der Partei austreten. Auf die Arbeiter, die nicht Parteimitglied sind, wollen wir keinen unmittelbaren Druck ausüben. Wir erklären jedoch heute schon, dass wir künftig niemand in die Partei aufnehmen werden, der in schweren Tagen nicht seine Pflicht getan hat. Wir verlangen viel, gewiss, die Partei wird sich nicht beliebt machen mit solchen Beschlüs­sen. Aber darauf kommt es auch nicht an. Es kommt einzig und allein darauf an, dass die Stabilisierung nicht gefährdet wird und die ungeheuren Arbeiten, die wir begonnen haben, ungestört ihren Fortgang nehmen können.

 

 

Vorwärts - 9. November 1919

Rationalisieren! Mehr produzieren! Sparen!
Ein Jahr Deutsche Revolution

Heute vor einem Jahr flatterten zum ersten Mal die roten Fahnen über dem befreiten Berlin. Heute vor einem Jahr reichten wir zum ersten Male den russischen Revolutionären die Bruderhand und gaben damit das Signal zur Weltrevo­lution. Voll Stolz können wir heute sagen, dass der Sieg der Weltrevolution vom deutschen Proletariat entschieden wurde. Wie traurig würde wohl heute die Welt aussehen, wenn wir damals den Reformisten und Opportunisten das Heft in der Hand gelassen und vor der Entente kapituliert hätten. Viel­leicht könnten wir in diesem Jahre etwas leichter leben. Viele Kämpfe und Entbehrungen wären uns vielleicht erspart geblieben. Aber was wäre aus der Revolution, was wäre aus Russland geworden? Russland ist heute immer noch unser wirtschaftlich schwächster Punkt. Wir freuen uns, dass wir Russland heute nicht mehr wie vor einem Jahre mit Soldaten und Maschinengewehren, sondern mit Maschinen, Lokomotiven, Waggons, Automobilen und Traktoren sowie mit sonstigen Waren aller Art helfen können. Der Erfolg wird derselbe sein wie damals. Unsere erste revolutionäre Tat vor einem Jahre war die Sprengung des eisernen Rin­ges, den der auch im Kriege internationale Kapitalismus um das rote Russland gelegt hatte. Eineinhalb Monate spä­ter brachten die Helden der russischen roten Armee an der Oder die Entscheidung im militärischen Endkampf mit dem Kapitalismus. Zehntausend deutsche, englische, französi­sche, belgische und italienische Traktoren defilierten vor­gestern am zweiten Jahrestage der Oktoberrevolution in den Straßen Moskaus und Petrograds und wurden von den revolutionären russischen Arbeitern mit endlosem Beifall emp­fangen. Von Breslau aus gehen heute wieder 100 neue Lo­komotiven und 2000 neue vollbeladene Waggons nach Russland ab. Morgen werden wieder 10000 neue Traktoren auf ihrem Wege nach Russland durch die ,,Linden" ziehen. Und am 27. Dezember, am Tage der Weltrevolution, werden auch in Paris, London und Mailand je 10000 Traktoren aufmarschieren, die für Russland bestimmt sind. Im Nordkaukasus und in Sibirien sind bereits die ersten großen Getreidefabriken entstanden. Die Getreidefabrik „Gigant" z.B. arbeitet mit 600 Traktoren und 1500 Traktorenführern. (Zehntausend solcher Getreidefabriken, — und unsere Nahrungsmittelsorgen sind für immer behoben.) Solche Er­folge beweisen, dass die großen Opfer des ersten Revolutionsjahres nicht umsonst gebracht wurden. In diesem Jahre war die Arbeit in ganz Europa auf die Hilfsmaßnahmen für Russland konzentriert. Alles wetteiferte, um dem Mutterland der Revolution, das die schwersten Opfer gebracht hat und wirtschaftlich am rückständigsten ist, seinen Dank abzustatten. Im nächsten Jahre aber beginnt die Arbeitsteilung. England, Südfrankreich und Italien scheiden ab 1.Januar aus dieser Front aus. Die Wirtschaftshilfe für Russland wird im nächsten Jahre fast gänzlich der Nord­europäischen Föderation überlassen bleiben. Wir sollen im nächsten Jahre für 6 Milliarden Mark Waren mehr nach Russland liefern, als wir von Russland erhalten. Das ist aber nur ein geringer Bruchteil der Summe, welche wir über die Konsumtion hinaus aufbringen müssen. Allein für Reparationsarbeiten sind über 3 Milliarden Mark im Etat der Nordeuropäischen Föderation eingesetzt. Ungefähr 5 Mil­liarden Mark sind für Neuanlagen vorgesehen, für 6 Mil­liarden Waren sollen wir über die Einfuhr hinaus an die Mittelmeerföderation, an die Donauföderation sowie nach Kleinasien, Mesopotamien, Indien und China abgeben. Von den amerikanischen Lieferungen erhalten wir dagegen nur geringe Bruchteile. Der Hauptteil soll nach Sibirien, China. Indien und Australien gehen. Wir sind also fast ganz auf unsere eigene Kraft angewiesen, und dennoch werden wir beweisen, dass wir das gesteckte Ziel nicht nur erreichen, sondern sogar überholen können. Ohne Opfer wird es auch im nächsten Jahre nicht gehen. Aber wir haben im ersten Revolutionsjahre gezeigt, dass die sozialistische Idee uns Opfer wert ist. Anders hätten wir den Stand von heute in Jahren noch nicht erreicht.
Heute am Jahrestage der Revolution wird in vielen Betrieben der Siebenstundentag (Achtstundentag mit einstündi­ger Unterbrechung) eingeführt. Eine Anzahl von lebenswichtigen Betrieben geht ab morgen zur vierfachen un­unterbrochenen Sechsstundenschicht über. Der Kampf für schärfste Anspannung aller Kräfte, für rücksichtslosen Abbau aller entbehrlichen Stellen, für Steigerung der Arbeits­leistung und der Produktion, für Senkung der Gestehungskosten wird fortgesetzt, auch wenn vorläufig keine sicht­baren Erfolge für den einzelnen Arbeiter mehr eintreten. Der Vorkriegstageslohn darf bis zum Ende dieses Jahres nur von den Arbeiterkategorien überschritten werden, die früher weniger als 4 Mark im Tag bekamen. Die Einführung des Sechsstundentages darf nur in solchen Betrieben erfolgen, in denen alle Arbeitsmöglichkeiten im Dreischichtensystem restlos erschöpft sind und in denen bei Einführung des Vierschichtensystems eine wesentliche Steigerung der Produktion eintritt. Die Stabilisierungsanleihe hat in Deutschland allein fast fünf Milliarden Mark aufgebracht. Die Pro­paganda der Sozialisierungsanleihe für das Jahr 1920 muss sofort beginnen.
So feiern wir den ersten Jahrestag der deutschen Revolu­tion !

 

 

Vorwärts - 15. Dezember 1919

Alle Kräfte angespannt:
Die Produktion des Jahres 1918 muss erreicht werden!

Als Erfolg unserer unermüdlichen Anstrengungen können wir feststellen, dass die durchschnittliche Tagesproduktion pro Kopf des beschäftigten Arbeiters trotz verkürzter Arbeitszeit auf über 120% der Vorkriegsproduktion gestie­gen ist. Wir können annehmen, dass infolge der Umstellung der Produktion, des rücksichtslosen Abbaus überflüs­siger Kräfte, der Rationalisierung und weitgehender Ar­beitsteilung sowie infolge der Einreihung von Millionen Arbeitskräften in den Arbeitsprozess der Tageswert unserer Produktion jetzt schon das anderthalbfache der Vorkriegsproduktion übertrifft. Die Gesamtproduktion des Jahres 13 ist jedoch noch nicht erreicht, da wir im ersten Halbjahr viel weniger produziert haben als vor dem Kriege. Das ist in Anbetracht der damals herrschenden Zustände zu entschuldigen. Alle alten Staaten haben aber vom Zentralwirtschaftsrat der S. U. die Anweisung erhalten, dass sie bis zum 31.Dezember unter allen Umständen die industrielle Vor­kriegsjahresproduktion erreichen müssen, und dass die land­wirtschaftliche Anbaufläche auf Vorkriegshöhe zu bringen ist. Wir sind in Deutschland nicht mehr sehr weit von diesem Ziel entfernt. Jeder Funktionär muss noch einmal in seinem Betriebe nachprüfen, ob nicht noch eine Arbeitsstelle eingespart werden kann, ob nicht noch eine Ratio­nalisierungsmöglichkeit vorhanden ist, ob nicht durch ar­beits- und kräftesparende Methoden noch eine Leistungsstei­gerung oder eine weitere Senkung der Gestehungskosten erreicht werden kann. Eine Anzahl größerer Betriebe leistet am nächsten Sonntag und am zweiten Weihnachtstag unbe­zahlte Überstunden. In den Lenin-Luxemburg-Werken in Breslau, deren Belegschaft schon seit langem in vier Sechs­stundenschichten arbeitet, wird schon seit September von jeder Schicht an einem Sonntag im Monat eine unbezahlte Achtstundenschicht geleistet. Das Werk hat den ersten Preis im sozialistischen Wettbewerb gewonnen. Der Volkswirtschaftsrat hat dem L.L.W.-Club gestern das Schloss Für­stenstein (ehemaliger Besitz des Fürsten Pleß) mit sämtlichem Land- und Forstbesitz und dem erstklassigen Marstall übereignet. Das Schloss wird als Wochenendheim für die L.L.W.-Arbeiter eingerichtet und soll in den Wochentagen je einer Abteilung von Frauen und Kindern der L. L.W.-Arbeiter als Erholungsaufenthalt dienen. Der L. L. W.­Klub, der bereits 2 Schlösser (Krieblowitz und Pilsnitz) so­wie 5 Landheime im Riesen-, Iser- und Glatzer Gebirge besitzt, übernimmt die Rennbahn Hartlieb in eigene Verwaltung und plant größere Neubauten. Auch im nächsten Jahr soll allmonatlich eine unbezahlte Sonntagsschicht geleistet werden. Ein Drittel des Ertrages soll dem sozialistischen Akkumulationsfonds zugeführt, ein Drittel in Sozialisierungsanleihe angelegt und das letzte Drittel zur Finanzierung der elektrischen Schnellbahn Breslau—Zobten ver­wandt werden, wo an den waldigen Hängen des Zobtenber­ges eine vorbildliche Arbeitersiedlung entsteht. Die Beleg­schaft der L. L. W. soll in den nächsten Jahren auf über 100000 Mann vermehrt werden. Der L..L.W.-Klub, der bereits die Patenschaft und Industrialisierung einer Anzahl von Dörfern übernommen hat, soll außerdem ab 1. Januar die Selbstverwaltung von 10 großen Gütern in der Umge­bung von Breslau übernehmen. Wir gratulieren den Bres­lauer Arbeitern zu ihrem Erfolg. Es ist ihnen gelungen, ihre Konkurrenten im sozialistischen Wettbewerb zu schla­gen. Wir hoffen, dass sie nach diesem Erfolg nicht müde werden und ihre Anstrengungen im nächsten Jahre verdop­peln. Breslau, unser Ausfallstor nach Osten und Südosten, soll in den nächsten fünf Jahren eine Zweimillionenstadt werden. Eine gewaltige Arbeit ist also noch zu leisten, Breslauer Genossen. Euer Start war gut. Haltet aus! Nur in härtester Arbeit wird es euch gelingen, die Spitze im sozialisti­schen Wettbewerb zu halten. Alle Städte und alle Betriebe der Nordeuropäischen Föderation werden im nächsten Jahre wetteifern, euch zu übertreffen. Das nächste Ziel aber ist: Die Produktion des Jahres 13 muss erreicht werden!

 

 

Vorwärts - 31. Dezember 1919

Rationalisieren! Mehr produzieren! Sparen!
Das Ende der Nationalstaaten

Mit dem heutigen Tage hören die alten Nationalstaaten auf zu existieren. Der größte Teil Deutschlands gehört von mor­gen ab zur Nord-Europäischen Föderation. Damit wird eine neue, gewaltige Rationalisierung unserer gesamten Wirtschaft eintreten. Über 1000 veraltete Betriebe werden allein im ehemaligen Deutschland stillgelegt. Etwa die Hälfte da­von soll umgestellt und gründlich rationalisiert werden. In vielen modernen Betrieben wird vom 2. Januar ab in vier Sechsstundenschichten gearbeitet. Man schätzt, dass mit der Auflösung der alten Staatsapparate im Bereiche unserer Föderation heute ungefähr 130000 Menschen für produktive Beschäftigung freigeworden sind. Ebensoviele werden noch nach Abschluss der Abwicklungsarbeiten zur Verfügung stehen. Die fast völlige Auflösung des Apparates der Sozial­versicherungsträger wird uns ebenfalls wertvolle neue Arbeitskräfte bringen. Ebenso der Abbau in unserem Verteilungsapparat.
Sehr viel muss aber noch getan werden, um den Abbau der Beamteninflation in den Rathäusern der kleinen und mittleren Städte zu beschleunigen. Der Sechsstundentag gibt uns die Möglichkeit, eine ganze Anzahl von Selbstverwal­tungsarbeiten ehrenamtlich erledigen zu lassen. Fast 75% der früher in den Gemeindebüros erledigten Arbeiten ist vollständig überflüssig geworden. Wohlfahrtsunterstützungen werden nur noch in wenigen, schlecht geleiteten deut­schen Städten gezahlt. Überall sonst sind die arbeitsfähigen Unterstützungsempfänger wieder in die Produktion einge­reiht worden. Nur die ständig Arbeitsunfähigen erhalten eine festgesetzte Dauerrente. Die Steuerreform setzt eben­falls viele tausend Arbeitskräfte frei. Auch der Apparat zur Liquidierung des Krieges wird zum größten Teil aufgelöst. Alle Kriegsbeschädigten mit einer Erwerbsfähigkeitsminde­rung bis zu 50% sind im Verlauf der Rationalisierungsar­beiten an geeignete Arbeitsplätze gestellt worden, die sie voll ausfüllen können. Sie erhalten für die Dauer eines Jahres noch einen festen Umlernungszuschlag. Im allge­meinen kann gesagt werden, dass unsere Parole „Arbeit, nicht Unterstützung" in vollem Umfange befolgt worden ist. Zur Durchführung dieser großen Aufgabe haben wir zwar das Lohnniveau etwas niedriger gehalten, als sonst notwendig gewesen wäre. Wir waren hart, manchmal sogar grausam. Fast tausend Saboteure mussten im letzten Jahre erschossen werden. Aber wir haben auch Gewaltiges er­reicht: fast alle arbeitsfähigen Menschen verrichten jetzt eine gesellschaftlich notwendige Arbeit. Die Jahresproduk­tion des Jahres 1913 wurde überschritten. Darauf können wir mit Recht stolz sein, wenn wir von morgen ab in dem neuen größeren Verband aufgehen. Aber auch im nächsten Jahre wird die Parole lauten: Rationalisieren! Mehr produzieren! Sparen!

 

 

Dritter Teil


Der Sozialismus marschiert!

 

Sondernummer – Vorwärts - 1. Januar 1920

Wirtschaft und Arbeit in der N.E.F.

Wir haben eine Anzahl leitender Genossen aufgefordert, über die wichtigsten Einrichtungen und Maßnahmen der N. E. F. auf wirtschaftlichem und sozialpolitischem Gebiet zu berichten. Die eingegangenen Antworten sind in vorliegender Sondernummer zusammengefasst:

Die Sozialversicherung
Die Reorganisation der Sozialversicherung ist abgeschlossen. Wir leugnen nicht, dass die Neuregelung für viele früher privilegierte Arbeiterschichten vorübergehend eine Verschlechterung bedeutet. Alle Arbeitnehmer müssen jetzt 10% ihres vollen Lohnes als Sozialversicherungsbeitrag zahlen. Derselbe Betrag ist von den sozialisierten Unterneh­mungen bzw. von den privaten Arbeitgebern zu zahlen. Die Alters- und Unfallrenten sind bedeutend erhöht worden. Heilbehandlung und Medikamente sind für alle Angehöri­gen der werktätigen Klasse vollkommen frei. Die Lauferei nach dem Krankenschein hat aufgehört. Die Verwaltungs­kosten, die fast 10% der Betriebseinnahmen verzehrten, wurden auf 1% heruntergedrückt. Jugendliche stehen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres unter regelmäßiger ärztlicher Aufsicht. Da das Krankengeld in Höhe von 70 bis 90% des Verdienstes bis zur Dauer von 6 Monaten vom Werk bzw. vom Privatarbeitgeber gezahlt werden muss, da außerdem in diesem Jahre die Altersgrenze von 65 Jahren infolge des Arbeitermangels noch aufrechterhalten bleibt, wird die Gesamtheit der Arbeitnehmer in diesem Jahre an Beiträgen weit mehr aufbringen als sie an Leistungen erhält. Der Beitragsüberschuss der Sozialversicherung der N.E.F. wird in diesem Jahre voraussichtlich 1,4 Milliarden Goldmark betragen. Sie wird bedeutend weniger ausgeben als einnehmen. Warum? Zum Zweck der Kapitalbildung? Gibt es dafür nicht geeignetere Objekte? Gewiss, aber wir müssen jede Möglichkeit der Kapitalbildung wahrnehmen. Wenn wir gerade auf dem Gebiete der Sozialversicherung so krasse Maßnahmen anwenden, so hat dies einen besonderen Zweck. Wir wollen hierdurch nicht etwa indirekt die Einkom­mensteuer wieder einführen, die für alle Werktätigen mit weniger als 200 Mark Monatseinkommen aufgehoben ist. Wir wollen aber in diesen ersten Jahren der stärksten Ka­pitalknappheit, in den Jahren, in denen wir Milliarden und aber Milliarden in neue Werke hineinstecken müssen, die erst viel später eine Erhöhung des individuellen Konsums ermöglichen, jährlich größere Summen aus der Sozialver­sicherung für produktive Zwecke entnehmen, um sie später doppelt und dreifach zurückzuzahlen. Vom 1. Januar 1921 ab werden die Altersrenten jährlich um 10% erhöht, die Altersgrenze alljährlich um ein Jahr herabgesetzt. Bald tritt dann der Zeitpunkt ein, an dem die Einnahmen vielleicht nicht mehr genügen, um die gesteigerten Ausgaben zu decken. Bis dahin aber ist die Industrialisierung der Welt einen großen Schritt weiter gekommen. (Vorausgesetzt na­türlich, dass wir das Tempo unserer Arbeit nach wie vor beschleunigen und die Löhne nicht übereilt erhöhen.) Dann können die Rückzahlungen an die Sozialversicherung begin­nen. Heute und morgen aber müssen wir jede Möglichkeit der Kapitalbildung ausnützen, auch wenn sie im ersten Augenblick unsozial erscheint.

Die Konsumgenossenschaften
Das Netz der Konsumgenossenschaften in der N.E.F. ist jetzt fast restlos ausgebaut. Ungefähr 90% der städtischen und 50% der ländlichen Bevölkerung werden von den Kon­sumgenossenschaften erfasst. Durch Dekret des Volkswirtschaftsrates der N. E. F. werden den Konsumgenossenschaf­ten im nächsten Jahre ganz bedeutende Vergünstigungen zugestanden. Alle gemeinnützigen Konsumgenossenschaften haben in diesem Jahre keinerlei Abgaben (mit Aus­nahme der Sozialbeiträge) zu leisten. Diese Vergünstigung genießen jedoch nur diejenigen Genossenschaften, die fol­gende Bedingungen voll erfüllen:
1. Die Genossenschaften fördern mit allen Kräften die Akkumulation von Sozialkapital.
2. Es werden keine Gewinnanteile ausgeschüttet (auch nicht für das abgelaufene Jahr).
3. Der Genossenschaftsanteil wird auf mindestens hundert Goldmark festgesetzt und muss in Wochenraten im Laufe des Jahres 1920 eingezahlt werden. Da die meisten Genos­senschafter bereits 5o Mark Genossenschaftsanteil eingezahlt haben, wird also in den meisten Fällen wöchentlich noch eine Mark einzuzahlen sein.
4. Genossenschafter ist jeder werktätige Mann und jede werktätige Frau. Doppelmitgliedschaften in Familien mit mehreren werktätigen Personen sind also nicht nur zulässig, sondern sogar Pflicht. Alle Genossenschaften bzw. Genossenschaftsverbände erhalten (soweit dies noch nicht ge­schehen ist) von Staats wegen so viel Produktionseinrichtungen zinslos zugewiesen, dass auf den Kopf des Mitgliedes ungefähr 10 Goldmark entfallen. Alle weiteren Kredite müssen von der Genossenschaft bzw. vom Genossenschaftsverband möglichst bald aus Eigenkapital oder Spargeldern an die Zentralbank der N.E.F. zurückbezahlt oder mit 6% verzinst werden.
5. Die Genossenschaften sind Bestandteile der sozialistischen Planwirtschaft. Sie übernehmen alle Aufgaben, die ihnen von den Planwirtschaftskommissionen zugewiesen werden. Die Genossenschaft haftet solidarisch für alle Schäden, die durch unnötige, d. h. bei sorgfältiger Disposition vermeidbare Produktions- und Transportumwege entstehen.
6. Zweck der Genossenschaft ist die möglichst spesenlose Verteilung aller Waren auf dem kürzesten Wege an die Einzelmitglieder und korporativen Mitglieder (Arbeiterklubs, Kommunen, Gewerkschaften, Betriebsbelegschaften usw.) Die Großhandelspreise sind gesetzlich vorgeschrieben. Der beste Konsumverein ist jener, der die meisten Waren unter möglichst weitgehender Ausschaltung bezahlter Arbeit mit möglichst geringem Aufschlag auf den Großhandels- oder Gestehungspreis an die Mitglieder oder Un­terabteilungen weiterleitet. Die Konsumvereine sind jedoch verpflichtet, ihre Eigenproduktion in den nächsten drei Jahren soweit auszubauen, dass sie in der Lage sind, ihre Mitglieder mit Frischmilch, Frischfleisch und Backwaren aus eigenen Betrieben zu versehen. Wenn die von Staats wegen zugewiesenen Betriebe hierfür nicht ausreichen und der fehlende Bedarf an Produktionseinrichtungen mit dem ver­fügbaren Genossenschaftskapital und den zulässigen Krediten nicht gedeckt werden kann, muss der Genossenschaftsanteil erhöht werden.
7. Die Genossenschaften sind verpflichtet, alle Kleinhändler und kleinen Gewerbetreibenden, die in der Genossenschaft aufgehen wollen, aufzunehmen und solange zu beschäftigen, bis ihnen eine andere produktive Beschäftigung zugewiesen wird. Eine Abfindungssumme für Aufgabe des Geschäftes darf im Regelfalle nicht gezahlt werden. Bis zur Höhe von 10000 Mark sind jedoch alle Einrichtungsgegenstände und einwandfreien Waren zu übernehmen. Die Einrichtungsgegenstände können je nach Beschaffenheit mit 10 bis maximal 80% des Anschaffungswertes veranschlagt werden. Die Waren sind mit 90% des Großhandelspreises zu bewerten. Die Bezahlung erfolgt nicht in bar, sondern in Sozialisierungsanleihe, die von dem neuen Genossen­schafter in voller Höhe des Kaufpreises gezeichnet und vom aufnehmenden Konsumverein an die Anleiheausgabestelle bezahlt werden muss. Restbeträge unter 100 Mark können in bar ausgezahlt werden.
8. Die Genossenschaften beteiligen sich mit 30% ihres Ei­genkapitals an den Bezirksgenossenschaftsverbänden.

Die Bezirksgenossenschaftsverbände
werden für je einen Wirtschaftsbezirk gebildet. Ihre Haupt­aufgabe ist die Organisation des Verkehrs zwischen der Z. E. G. und den einzelnen Genossenschaften und die Organisation des Warenverkehrs zwischen selbständigen Produktiv- und Konsumgenossenschaften des eigenen Wirtschaftsbezirks. Diese Tätigkeit soll jedoch möglichst nur vermittelnder Natur sein. Die Hauptaufgabe des Bezirksverbandes ist nicht die Organisierung eines Apparats zwischen Pro­duzenten und Konsumenten, sondern im Gegenteil die möglichst restlose Organisation des Warenverkehrs unter Vermeidung aller Zwischenstufen. Die Bezirksverbände übernehmen ferner Produktionsaufgaben, die den Rahmen einer einzelnen Genossenschaft, jedoch nicht den Rahmen des Bezirks überschreiten. Diese Aufgaben können industrieller, gewerblicher und landwirtschaftlicher Natur sein. Die Bezirksgenossenschaftsverbände erhalten von Staats we­gen geeignete Produktionseinrichtungen zugewiesen. Bis zur Höhe von 10 Mark pro Mitglied der angeschlossenen Genossenschaften ist das zugewiesene Produktionskapital zunächst nicht zu verzinsen. Der diesen Betrag übersteigende Teil des zugewiesenen Produktionskapitals muss mit 6% verzinst und baldmöglichst an die Zentralbank der N.E.F. zurückgezahlt werden.
Die Bezirksverbände organisieren ferner den Warenverkehr zwischen den im Bezirk gelegenen staatssozialistischen Be­trieben und den Genossenschaften.
Die Bezirksgenossenschaftsverbände entsenden 10 Delegierte in den Bezirkswirtschaftsrat.
Die Bezirksverbände haben weiterhin darüber zu wachen, dass keine überflüssigen Produktions- und Transportumwege innerhalb des Bezirks und im Verkehr mit anderen Wirtschaftsbezirken eintreten. Alle höheren Funktionäre haften mit dem 150 Mark überschreitenden Teil des Monatseinkommens für alle Schäden, die aus der Vernachlässigung dieser Pflichten entstehen. Die Schadenhaftung tritt nicht nur bei böswilligem Verschulden, sondern auch bei Fahrlässigkeit ein. Grobe Fahrlässigkeit wird bei Nichtparteimitgliedern mit Freiheitsstrafe, bei Parteigenossen mit Ausschluss und in besonders schweren Fällen mit dem Tode bestraft.
Die Bezirksgenossenschaftsverbände beteiligen sich mit der Hälfte ihres Eigenkapitals an der Zentraleinkaufsgesell­schaft.

Die Zentraleinkaufsgesellschaft
ist die Spitzenorganisation aller Produktions- und Konsum­genossenschaften. Sie übernimmt gleichzeitig staatliche Aufgaben der N.E.F. und solche Verwaltungsaufgaben, die durch das Außenhandelsmonopol der S.U. bedingt sind. Die Z. E. G. ist also Träger des Außenhandelsmonopols der S. U. und zugleich Verhandlungspartner im Verkehr mit anderen Föderationen oder selbständigen Wirtschaftsgebieten der S. U. Ein Teil der Bestimmungen für die Genossenschaften und Bezirksverbände gilt sinngemäß für die Z. E. G. Die Z. E. G. hat enorme Zuweisungen an Produktions- und Verteilungseinrichtungen erhalten. Unter anderem sind ihr alle jene Handelsunternehmungen zugewiesen worden, deren Filialennetz sich seinerzeit über ganze Staaten erstreckte (Kaisers Kaffee-Geschäft z. B.). Außerdem übernahm sie die Warenhäuser und Handelsgesellschaften, deren Kapital eine Million Goldmark überstieg. (Die Han­delsbetriebe mit einem Kapital von 10 bis 100000 Gold­mark sind den einzelnen Genossenschaften, die Betriebe mit einem Kapital von 100000 bis 1000000 Goldmark den Bezirksgenossenschaftsverbänden zugewiesen worden.) Ebenso wie bei den Genossenschaften und Bezirksgenossenschaftsverbänden bleibt von dem zugewiesenen Kapital ein Betrag von 10 Mark pro Mitglied der angeschlossenen Ge­nossenschaften zinsfrei; Stichtag für die Mitgliederzahl ist in allen Fällen der 1. Juli 1920. Der diesen Betrag übersteigende Teil muss mit 6% an die Zentralbank der N.E.F. verzinst und mit mindestens 5% amortisiert werden. Alle Betriebe der Z. E. G., der Bezirksverbände und der ein­zelnen Genossenschaften sind im Jahre 1920 von der zehnprozentigen Produktionsabgabe befreit. Der Wirtschaftsrat der N.E.F. hofft, dass diese Maßnahme genügen wird, um den gesamten privaten Handel im Bereiche der N.E.F. schon im laufenden Jahre zu erledigen. Die günstigen Über­nahmebedingungen für die Kleinhändler gelten nur in diesem Jahre. Die Kleinhändler, die nicht in diesem Jahre freiwillig in den Genossenschaften aufgehen, werden in den nächsten Jahren rücksichtslos niederkonkurriert. Die Großhandelspreise der meisten erfassbaren Konsumtionsartikel in der N.E.F. sind jetzt trotz Berücksichtigung der zehnprozentigen Produktionsabgabe zum größten Teil auf Vorkriegshöhe fixiert. Die Genossenschaften können also durch die Kapitalzuweisung und Abgabenbefreiung die Großhandelspreise der meisten Waren, die sie in Eigen­betrieben herstellen, auf 80—90 % der Vorkriegspreise drücken. Da die Großhandelspreise generell festgesetzt sind, wird die Spanne den Überschuss dieser Betriebe darstellen, der zur Amortisierung der Darlehen oder, mit Zustimmung des Wirtschaftsrats, zur Erweiterung der Produktionsan-
lagen verwandt werden soll. Gutgeleitete Genossenschaften können trotzdem die Kleinhandelspreise auf 75—90 % der Vorkriegspreise drücken.
Pflicht jedes werktätigen Mannes und jeder werktätigen Frau ist es, am Ausbau ihrer Genossenschaft mitzuarbeiten und ihren Genossenschaftsanteil sobald wie möglich einzuzahlen.

Die Arbeiterklubs
Über 23000 Arbeiterklubs sind bisher im Bereiche der N.E.F. entstanden. All diese Klubs haben ganz bedeutende Zuwendungen teils in barem Gelde, teils in Liegenschaften, Schlössern, Villen, Klubhäusern, Land- und Wochenend­heimen sowie in Einrichtungsgegenständen erhalten. Dabei waren leider große Ungerechtigkeiten unvermeidlich. Es gibt heute bereits sehr wohlhabende, daneben aber noch sehr arme Klubs. Diese Unterschiede müssen verschwin­den. Auch in Zukunft werden verschiedene Klubs bedeutende Zuwendungen von Betrieben oder Gewerkschaften er­halten. Im allgemeinen jedoch soll die Ausgestaltung des einzelnen Klubs von der Tüchtigkeit und Arbeitsfreudig­keit der eigenen Mitglieder abhängen. Dazu ist es notwendig, dass zuerst einmal eine möglichst gleiche Basis für alle Arbeiterklubs geschaffen wird. Alle Zuwendungen und Übereignungen, die vor dem 1. Januar 1920 erfolgten, sollen deshalb auf ihren Vorkriegswert geprüft werden. Jeder Klub soll soviel Eigenkapital erhalten, dass auf das einzelne Mit­glied 5o Mark (Vorkriegswert) entfallen. Der diese Summe übersteigende Betrag muss, wenn er nicht zurückgegeben wird, vom Klub mit 4% verzinst werden. Maßgebend für diese Berechnung ist die Zahl der Vollmitglieder am 1. Juli 1920. Jeder Arbeiter und jede Arbeiterin darf nur in einem Klub Vollmitglied sein. Von dieser Regelung wer­den nur die Klubs betroffen, welche alle kulturellen Bedürf­nisse der werktätigen Menschen befriedigen wollen. Für Klubs, die sich Spezialaufgaben gestellt haben, erfolgen noch besondere Anweisungen. Alle Klubs erhalten für ihre Vollmitglieder laufende Zuschüsse; für Hospitanten, die in einem anderen Klub ordentliches Mitglied sind, werden keine Zuschüsse gezahlt. Eine Ausnahme macht nur der Klub der Naturfreunde, dem grundsätzlich alle Werktätigen außer ihrem Mutterklub angehören sollen. Der Naturfreundeklub hat ganz bedeutende Zuweisungen von Land, Forst und ländlichem Hausbesitz erhalten. Außer der wechselnden Zuwendung für jedes ordentliche Klubmitglied (z. Zt. 90 Mark) erhält er für jedes Gastmitglied jährlich 5 Mark und hat außerdem Anspruch auf 5o Mark unverzinslichen Eigenbesitz für jedes Gastmitglied und auf 100 Mark für jedes Vollmitglied.
Das Mindesteintrittsgeld für jeden Klub wird auf 3 Mark, der Mindestmonatsbeitrag auf 1 Mark festgesetzt. Jeder Klub muss seine Mitglieder, ohne Eintritt zu erheben, mit Kino- und Theatervorstellungen sowie mit Musikvorträgen versorgen. Er muss alle vernünftigen Unterhaltungs­ - und Fortbildungsbestrebungen seiner Mitglieder befriedigen und ihnen jederzeit einen angenehmen Aufenthalt bie­ten. Alle Klubs mit mehr als 1000 Mitgliedern erhalten von jeder Buchneuerscheinung ein Gratisexemplar ihrer Sprache für ihre Bibliothek. Alle kleineren Klubs haben das Recht, je ein Exemplar aller Neuerscheinungen zum halben Preise zu erwerben. Alle Klubs müssen in der Lage sein, begabte Mitglieder, die sich künstlerisch oder wissenschaftlich fortbilden wollen, aus Klubmitteln zu fördern, solange sie noch nicht zum Eintritt in die Arbeiterfakultäten reif sind. Für diejenigen, die zweimal bei der Aufnahmeprüfung in eine Arbeiterfakultät durchgefallen sind, braucht der Klub keine Ausgaben mehr zu übernehmen.
Alle Arbeiterklubs, die diesen Anforderungen bis zum Ende des Jahres nicht entsprechen können, erhalten im nächsten Jahre keine Zuwendungen aus öffentlichen Mitteln mehr.
Sie werden dann entweder aufgelöst oder mit leistungs­fähigeren Klubs verschmolzen.

Die Gewerkschaften
95% aller Werktätigen in der Stadt und 65% aller Werk­tätigen auf dem Lande sind gegenwärtig in Gewerkschaften organisiert. Die Beiträge zu allen Gewerkschaften werden ab 1. April einheitlich auf 4 Mark monatlich festgesetzt. Die Hauptaufgaben der Gewerkschaften im Übergangsstadium zum Sozialismus sind:
Einrichtung und Unterstützung von Arbeiterklubs und kul­turelle Versorgung derjenigen Gewerkschaftsmitglieder, die keinem Klub angehören.
Errichtung von Wirtschaftsschulen für die Mitglieder. Verbreitung von volkswirtschaftlichen und technischen Kenntnissen in den Reihen der Mitglieder.
Auslese und Ausbildung von fähigen Mitgliedern für höhere Arbeitsplätze in der Wirtschaft.
Veranstaltung von Kursen über Betriebsleitung, psychotech­nische Prüfung (Berufseignung) und Rationalisierung. Anleitung und ständige Fortbildung der Betriebsräte und roten Direktoren.
Vorbereitung von begabten Mitgliedern und Jugendlichen für den Besuch der Baugewerksschulen und technischen Hochschulen.
Propaganda für ständige Leistungssteigerung unter Innehaltung der Arbeitszeit- und Arbeitsschutzbestimmungen. Allgemeine politische Schulung aller Mitglieder und besonders sorgfältige Schulung derjenigen Mitglieder, die gewillt und würdig sind, in die Partei einzutreten, bis zur Aufnahmeprüfung.
Die Gewerkschaften sind einer der wesentlichsten Organisationsfaktoren der neuen Gesellschaft. Sie haben gleichzeitig das Gesamtinteresse gegen unberechtigte Ansprüche des einzelnen und die Einzelinteressen gegen unbefugte Machtüberschreitungen von Staats - und Wirtschaftsorganen zu vertreten. Sie verbinden den Einzelmenschen mit der Partei und mit der Gesamtheit. Sie müssen einschreiten, wenn ein unfähiger roter Direktor oder ein ungeeigneter Spe­zialist durch Umgehung der Arbeiterschutzbestimmungen oder durch brutale Schinderei statt durch geeignete und klug durchdachte Maßnahmen eine Leistungssteigerung er­zielen will. Sie müssen aber ebenso einschreiten, wenn eine Erfolg versprechende Rationalisierungsmaßnahme an der Bequemlichkeit einzelner Leute zu scheitern droht, die sich von ihrem lieb- aber überflüssig gewordenen Arbeitsplatz nicht trennen wollen.
Gewerkschaften und Betriebsräte haben darüber zu wachen, dass alle Fortschritte der Gewerbehygiene so weit wie mög­lich angewandt werden, dass die sanitäre Versorgung allen Anforderungen der Neuzeit entspricht, dass die bestmög­lichen Licht- und Luftverhältnisse am Arbeitsplatz herrschen, dass in den Werkkantinen und Werkkommunen keine Korruption einreißt, dass genügend billige und erstklassige Lebensmittel herangeschafft werden, dass vor Beginn und nach Ende der Arbeitsschicht eine billige warme Mahlzeit verabreicht wird, dass immer genügend kalte und warme alkoholfreie Getränke zum Selbstkostenpreise vorhanden sind, dass vor und während der Arbeitszeit kein Alkohol ausgeschenkt wird, dass die Kinderkrippen und Kinder­heime in Ordnung sind.
Die Gewerkschaften haben entscheidend mitzubestimmen bei der Besetzung unzähliger Ehrenämter. Kurzum, die Aufgaben der Gewerkschaften im Übergangsstadium zur sozialistischen Gesellschaft umfassen fast alle Gebiete des modernen sozialen Lebens. Nur eine Aufgabe haben die Gewerkschaften nicht mehr,, eine Aufgabe, die früher den Hauptinhalt des Gewerk­schaftslebens bildet: den Kampf um den individuellen Ar­beitslohn.
Der direkte Arbeitslohn spielt im Leben des Werktätigen längst nicht mehr die Rolle wie im Kapitalismus. Viele Auf­gaben, die früher individuell gelöst werden mussten, sind jetzt schon von der Gesamtheit oder von Teilen der Gesamt­heit übernommen worden. Dieser Aufgabenkreis wächst ständig. Der Kollektivlohn wird immer mehr zunehmen auf Kosten des Individuallohns. Der Einzellohn bleibt voraussichtlich stehen, während der Kollektivlohn immer weiter wachsen wird.
Aber Kollektivlohn wie Einzellohn sind von dem Grad der Leistungssteigerung in der Produktion abhängig. In der ersten Zeit werden die Löhne freilich nicht ebenso schnell wachsen wie die Produktion, da wir zunächst die ganze Welt elektrifizieren und industrialisieren und in dieser Zeit sehr viel Arbeit in solchen Wirtschaftszweigen anlegen müssen, in denen sich die Erhöhung der Verbrauchsgütererzeugung erst später bemerkbar machen wird.
Nicht mehr, wie früher, Kampf gegen die Unternehmer und ihren Staat, sondern Aufklärung über volkswirtschaftliche Zusammenhänge, stetige Agitation für Rationalisierung und Leistungssteigerung bei gleichzeitiger Senkung der Ge­stehungskosten und Propaganda für fortlaufende Zeichnung von Sozialisierungsanleihe, — das sind die neuen Aufgaben unsrer Gewerkschaften.

Der Jahresrichtlohn
Als Durchschnittslohn für das Wirtschaftsjahr 1920 ist vom Zentralwirtschaftsrat der N.E.F. 1 Goldmark pro Stunde bei durchgehender sechsstündiger Arbeitszeit fest­gesetzt worden. Dieser Normallohn wird gezahlt an ledige gelernte Arbeiter und an verheiratete ungelernte Arbeiter ohne Kinder, wenn die Frau nicht selbst erwerbstätig ist. Der ledige ungelernte Arbeiter soll bei sechsstündiger Ar­beitszeit 90 Pfennig pro Stunde erhalten. Für die nicht erwerbstätige Frau und für jedes Kind wird eine Sozialzulage
von 10 Pfennig pro Stunde gezahlt.
per Mindeststundenlohn beträgt in der


Privatwirtschaft staatl. und genossenschaftl. Wirtschaft
Ab 1. Januar 80 Pf. 70 Pf.
Ab 1. Februar 90 Pf. 80 Pf.
Ab 1. März 100 Pf. 90 Pf.
Ab 1. April 100 Pf. 90 Pf. Für ungelernte ledige und 100 Pf. Für verheiratete ungelernte und ledige gelernte Arbeiter

Eine weitere Steigerung des Individuallohns nach dem 1. April ist nicht vorgesehen, obwohl man für dieses Jahr mit einer Verdoppelung der industriellen Produktion gegen­über 1913 rechnet. Alle Löhne werden ab 1. Mai um 10% gekürzt, wenn die vorgesehene Produktionssteigerung bis dahin nicht eingetreten ist und nicht mindestens für 10 Mil­liarden Goldmark Sozialisierungsanleihe im Gebiet der N.E.F. gezeichnet sind. Allen Kleingewerbe- und Klein­handeltreibenden, die nicht nach Maßgabe ihrer Leistungs­fähigkeit Sozialisierungsanleihe zeichnen, wird die Konzes­sion entzogen.
Vom Parteiexekutivausschuss sind folgende Richtlinien für die fortlaufende Zeichnung von Sozialisierungsanleihe fest­gesetzt worden: Ledige Parteiangehörige haben 20% ihres Einkommens in Sozialisierungsanleihe anzulegen. Dasselbe gilt für verheiratete Parteiangehörige, wenn beide Eheleute erwerbstätig sind. Verheiratete kinderlose Parteiangehörige müssen, wenn ein Ehepartner nicht erwerbstätig ist — das sollte es eigentlich nicht mehr geben! —, mindestens 15%, verheiratete Parteiangehörige mit Kindern mindestens 10% ihres Einkommens in Sozialisierungsanleihe anlegen. Von dem Einkommensteil von 150—200 Mark monatlich sind in jedem Falle mindestens 25%, von dem Einkommensteil von 200—300 Mark mindestens 50% in Soziali­sierungsanleihe anzulegen. Die Parteigenossen, die noch mehr verdienen, müssen für den ganzen 300 Mark überstei­genden Einkommensteil Anleihe zeichnen; der nächste in­ternationale Parteitag wird übrigens beschließen, dass das Parteimaximum herabzusetzen ist.
Die Erfüllung dieser Pflichten wird vielleicht manchem Parteigenossen schwer fallen. Aber es nützt nichts. Wir müs­sen der übrigen Bevölkerung mit gutem Beispiel voran­gehen. Jeder Sozialist muss für die Zukunft Opfer bringen und im Augenblick seine persönlichen Ausgaben einschrän­ken. Es darf für den Sozialisten jetzt kein persönliches Glück und Unglück geben. Wir müssen in den nächsten Jahren Produktionsfanatiker werden. Wir müssen uns glücklich schätzen, wenn wir unsere Produktionsziffern überholen, und es als schrecklichstes Unglück empfinden, wenn die Produktion irgendwo hinter unseren Plänen zu­rückbleibt.
Fünf Millionen Mitglieder und Kandidaten zählt unsere Partei im Bereiche der Nordeuropäischen Föderation. Wenn durchschnittlich nur 200 Mark von jedem Parteimitglied gezeichnet werden, so ist das eine Milliarde. Eine weitere Milliarde ist von verschiedenen Arbeitervereinen auf Anhieb korporativ gezeichnet worden. Damit ist ein Fünftel unse­res diesjährigen Programms erfüllt.

Der Sechsstundentag
Die Frau in der Produktion
Die Arbeiterfakultäten
Volkswirtschaftler behaupten, dass wir zu früh zum Sechsstundentag übergegangen sind und auch die Löhne zu früh erhöht haben. An diesen Behauptungen ist etwas Richtiges. In allen gutgeleiteten Betrieben, in denen die Belegschaft verständnisvoll an der Hebung der Arbeitsintensität mitarbeitete, ist bei allen früheren Arbeitszeitverkürzungen eine Leistungssteigerung pro Schicht erzielt worden. Beim Über­gang vom Dreischichten- zum Vierschichtensystem, bei der Einführung der ununterbrochenen Sechsstundenschicht an Stelle der durch drei Pausen unterbrochenen Siebenstun­denschicht ist die Leistung dagegen nicht in demselben Maße gewachsen. Es ist eine Leistungssteigerung von nur 10—20 % an Stelle der veranschlagten 25—30 % einge­treten. Das war noch tragbar, solange die Löhne hinter der tatsächlichen Produktion wesentlich zurückblieben. Die Steigerung des allgemeinen Lohniveaus hemmt jedoch unsere Akkumulation und damit unsere ökonomische Bewegungsfreiheit. Im Augenblick können die meisten Betriebe ohne Erhöhung der Gestehungskosten gerade noch die 10 prozentige Produktionsabgabe aufbringen. Bei allgemeiner Erreichung des Richtlohns wird jedoch selbst das kaum mehr möglich sein. Für die Dauer von einigen Monaten kann dieser Akkumulationsausfall durch die Erträge der Sozialisierungsanleihe gedeckt werden. Dann aber muss die Umstel­lung von einigen tausend weiteren Betrieben auf die modernsten Produktionsmethoden durchgeführt sein. Ebenso müssen bis dahin die Arbeiten der Normen- und Standardisierungskommissionen zum Abschluss kommen. Eine weitere Ursache der unbefriedigenden Akkumulation ist der Arbeitermangel. Wir dürfen vorläufig keine weiteren Arbeitskräfte mehr aus dem Osten heranziehen, denn die Wohnungsnot ist zu groß. Alle bis zu 50% erwerbsfähigen Männer haben wir bereits in die Produktion eingereiht. Über eine Million Männer, die das 65. Lebensjahr überschritten haben, arbeiten freiwillig. Wir müssen an die letzte große Reserve herangehen, die wir noch haben, an die Frauen. Und das ist gut so. Am Ende des vergangenen Jahres waren allein in Deutschland schon 2 Millionen Frauen mehr als im Kriege in der Produktion beschäftigt. In diesem Jahre sind im Bereich der Nordeuropäischen Föderation mindestens weitere 3 Millionen Frauen heranzu­ziehen, wenn wir unsere umgestellten Produktionseinrich­tungen im Vierschichtensystem restlos ausnützen wollen. Damit ist der erste Schritt zur wirklichen Emanzipation der Frau getan. Die Frau wird aufhören, Haussklavin zu sein. Sie wird im Laufe der Zeit dem Manne wirklich eben­bürtig werden. Die Sorge um die Kinder ist behoben. Die Kinder haben es in den Kinderheimen und Schulklubs viel besser als im Arbeiterhaushalt. Nach dem Bericht der Kontrollkommissionen sind in Mitteleuropa jetzt alle Kinderheime vorbildlich eingerichtet. Nur im ehemaligen Polen und in Oberschlesien sowie in Waidenburg lassen die sanitären Einrichtungen noch zu wünschen übrig. Die volle Kinderspeisung bis zur Vollendung des 15. Lebensjahres soll bis zum 1. Mai überall durchgeführt werden. Die größte Sorge der Frau, die Ernährung und Bewachung der Kinder, ist ihr also abgenommen. Aber auch die Aufgabe der Bedienung des Mannes hat den unwürdigen Cha­rakter der bezahlten Pflicht verloren und ist eine rein freiwillige Angelegenheit geworden. Die Lebenszelle des werktätigen Menschen ist nicht mehr der ärmliche Arbeiterhaus­halt, sondern der Klub. In ihm werden alle wesentlichen kulturellen Bedürfnisse befriedigt. Die werktätige Frau muss nun zeigen, dass sie mit ihrer Freizeit auch etwas Vernünf­tiges anzufangen weiß. Sie muss sich ebenso wie der werk­tätige Mann auf mindestens einem Gebiete des öffentlichen Lebens betätigen, das ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Arbeit ist genug vorhanden: im Betriebsrat, in der Werkkommune, im Klub, im Kinderheim, in der Pa­tei, in Gewerkschaften und Genossenschaften, in der Landagitation usw. Der Sechsstundentag gibt uns die Möglich­keit, wiederum eine ganze Anzahl von Verwaltungsarbeiten, die früher von Beamten geleistet wurden, ehrenamtlich auszuführen, wodurch wiederum Arbeitskräfte für die Produktion freigesetzt werden.
Der Unterschied zwischen Kopf- und Handarbeitern beginnt langsam zu verschwinden. Viele geistige Arbeiter leisten heute bereits ihre sechs Stunden Handarbeit im Betrieb und fühlen sich sehr wohl dabei, denn in ihrer freien Zeit können sie sich jetzt mit Arbeiten beschäftigen, die ihnen wirklich Vergnügen bereiten und ihren Neigungen entsprechen. Andere wieder leisten in ihrer freien Zeit Verwaltungs­arbeiten oder beschäftigen sich mit ihrer wissenschaftlichen Fortbildung.
Die Universitäten der N. E. F. sollen mit Beginn des neuen Semesters ungefähr 100000 Arbeiter aufnehmen, die sich auf das Universitätsstudium vorbereiten wollen. Die Teilnehmer an Vorbereitungskursen für die Arbeiterfakul­täten müssen in jeder Woche drei Tage je sechs Stunden lang arbeiten und erhalten den vollen Lohn. Auch die Mit­glieder der Arbeiterfakultäten erhalten von ihrem Mutter­werk den vollen Arbeitslohn und müssen dafür wöchentlich zwölf Stunden im Betrieb arbeiten.
Die Studenten der Universitäten erhalten Staatsstipendien und müssen wöchentlich sechs Stunden manuelle Arbeit lei­sten. Die Wahl des Betriebes steht ihnen frei. Für die Pro­fessoren und Dozenten wurde ebenso wie für alle juristi­schen und Verwaltungsbeamten eine manuelle Pflichtarbeits­zeit von sechs Stunden pro Monat festgesetzt. Der Unter­schied zwischen Akademikern und Nichtakademikern wird also langsam verschwinden. Jeder Handarbeiter kann sich auf das ordentliche Universitätsstudium vorbereiten oder nach Ablegung einer Prüfung und entsprechender Vorbereitung ein halbes Jahr lang kostenlos ein Volkshochschulheim besuchen.

Die Angleichung der Löhne und Gehälter
ist in der Nordeuropäischen Föderation weiter fortgeschrit­ten als in allen anderen Gebieten der S.U. Am schlimmsten steht es in dieser Beziehung immer noch in Russland, China und Indien, wo einer ungeheuren Zahl von Analphabeten und ungelernten Arbeitern eine verschwindend geringe Zahl von gelernten Arbeitern und hochqualifizierten Spezialisten gegenübersteht. Obwohl bereits viele Millionen Westeuropäer in diesen Ländern tätig sind, ist der Mangel an Facharbeitern und Spezialisten noch lange nicht behoben. Da­zu kommt, dass die Gesamtproduktivität dieser Gebiete im Durchschnitt nicht einmal 30% der westeuropäischen er­reicht. Die Löhne der ungelernten Arbeiter sind infolgedessen noch außerordentlich niedrig, während gewisse Facharbeiter und technische Spezialisten besser entlohnt werden als in Westeuropa. Von der Steigerung der westeuropäischen Produktion und von dem Ausmaß unserer technischen, finanziellen und wirtschaftlichen Hilfeleistung hängt es ab, wann diese ungesunden Zustände in den unerschlossenen Gebieten der S. U. verschwinden. Unverantwortlich ist es, wenn neuerdings, unter Berufung auf die Verhältnisse im Osten, in den Angestelltensektionen der Gewerkschaften Stimmen laut werden, die eine Gehalts­erhöhung für die Angestellten in leitender Stellung verlan­gen. Das Maximum für höchstqualifizierte technische Di­rektoren, das im Bereich der N.E.F. gegenwärtig noch an ungefähr 1000 Personen gezahlt wird, beträgt nach wie vor 1000 Mark monatlich. Ungefähr 10000 leitende Ange­stellte (Nichtparteimitglieder) beziehen noch Gehälter von über 500 Goldmark. Alle diese Direktoren und Angestellten dürfen in keinem Klub aufgenommen werden, gehen also der zahlreichen Vergünstigungen für Klubmitglieder ver­lustig. Deshalb haben sich auch viele leitende Angestellte, die nicht Parteimitglied sind, freiwillig mit der Reduzierung ihres Gehaltes auf 500 Mark einverstanden erklärt. Unge­fähr 80000 leitende Angestellte in der Nordeuropäischen Föderation erhalten über 400 Mark Monatsgehalt, ungefähr 200000 über 300 Mark. Die Hälfte der qualifizierten Angestelltenschaft und des Verwaltungs- und Lehrpersonals erhält 200 bis 250 Mark Monatsgehalt. Als Richtsatz für das Gehalt eines qualifizierten Angestell­ten sind monatlich 200 Goldmark vorgesehen (Stichtag
1. Juli 1920). Da an diesem Tage die staatlichen Zuwen­dungen an die Klubs verdoppelt werden sollen, dürfte sich die Reduzierung der Gehälter für die Mehrzahl der Ange­stellten in gehobener Stellung kaum fühlbar machen. Eine Massenabwanderung nach Amerika ist nicht mehr zu be­fürchten. Zweifellos sind die amerikanischen Löhne und Gehälter immer noch wesentlich höher als die der Union; aber in wenigen Jahren wird sich das grundlegend geändert haben. Ein Vergleich der Nominallöhne wird überdies im­mer schwieriger, da der Individuallohn bei uns eine immer geringere Rolle im Leben des werktätigen Menschen spielt. Wenn wirklich noch einmal 100000 Angestellte nach Ame­rika auswandern sollten, so werden wir mit Leichtigkeit in der Lage sein, sie zu ersetzen.

Die Gehälter der Auslandsvertretungen
Das Parteimaximum, das nominell immer noch 500 $ beträgt, ist praktisch durch die Anleihezeichnungspflicht bereits auf 300 $ herabgesetzt worden. Der nächste Par­teitag wird die Herabsetzung auf 300 $, wenn nicht auf
250 $ beschließen. Eine Ausnahme machen lediglich die Gesandten in Amerika. Der erste Bevollmächtigte der Soziali­stischen Union in Washington erhält ein Monatsgehalt von 1000 $, die ersten Wirtschaftsbevollmächtigten der Föderationen in Washington 5oo $. Die ersten Bevollmäch­tigten der S. U. in den größeren Staaten Südamerikas und in Mexiko erhalten 700 $, die Wirtschaftsbevollmächtigten der Föderationen 400 $. Die Gesandten der S.U. in den kleineren amerikanischen Staaten beziehen 500 $. Besondere Wirtschaftsvertretungen der einzelnen Föderationen sollen erst gar nicht eingerichtet werden. Diese Beschlüsse sind heftig umstritten worden. Man hat entgegengehalten, dass unsere Gesandten mit diesen Gehältern nicht repräsentieren können. Das sollen sie aber auch gar nicht. Sie sollen arbeiten und den amerikanischen Arbeitern zeigen, dass wir es mit der proletarischen Revolution ernst meinen und keine neuen Sonderrechte schaffen wollen. Die Gesandtschaftsklubs, die allen Mitgliedern der Gesandtschaft — vom Gesandten bis zum jüngsten Laufjungen — sowie allen Gästen offen stehen, sind in ganz Amerika jetzt vorbildlich eingerichtet und erhalten laufend besondere Zu­weisungen.
Der Antrag der Vereinigten Staaten von Nord­amerika auf Errichtung von Botschaften oder Gesandt­schaften in den Hauptstädten der Föderationen ist abgelehnt worden. Washington wird nach wie vor nur in Berlin diplomatisch vertreten sein.

Die Landwirtschaft
Westlich der Elbe herrscht die Kleinbetriebsform immer noch vor. Die nicht sehr zahlreichen Latifundien in West­deutschland sind fast restlos in den Besitz von Arbeiter­klubs übergegangen, die auch die landwirtschaftliche Nut­zung übernommen haben. Mit Ausnahme der zerstörten Gebiete, die kollektiv aufgebaut werden, sind in ganz Nordfrankreich, Belgien, Holland und Westdeutschland nur we­nige hundert staatliche Großbetriebe entstanden. Dagegen werden von Kommunen und Genossenschaften etwa 1000 landwirtschaftliche Großbetriebe bewirtschaftet. In der mit­teldeutschen Landwirtschaft und im böhmischen Eibgebiet sind die staatlichen Großbetriebe schon stärker vertreten als die genossenschaftlichen und Kommunalbetriebe. Beide bleiben aber zahlenmäßig noch weit hinter dem Kleinbetrieb zurück. In Ostelbien und in den früheren polnischen Gebieten überwiegt bereits der staatliche Großbetrieb, obwohl auch hier die selbständigen Kleinbetriebe zahlenmäßig zugenommen haben. Viele Klein- und Mittelbauern haben nach der Revolution so viel Land erhalten, dass sie jetzt eine genügende Ackernahrung haben. Etwa die Hälfte der neu ent­standenen genossenschaftlichen Großbetriebe hat sich gut bewährt und soll weiter bestehen und bevorzugt beliefert werden. Die andere Hälfte dagegen soll wegen ungenügen­der Schulung der Mitglieder aus dem produktivgenossenschaftlichen Betrieb in staatlichen Betrieb übernommen werden. Das Lebenshaltungsniveau der Landarbeiter sowohl in den staatlichen als auch in den genossenschaftlichen Betrieben ist schon beträchtlich gestiegen. Auch sind die zum größten Teil immer noch unbefriedigenden Wohnungsverhältnisse nicht mehr so ausschlaggebend, da alle früheren Herrenhäuser in Klubhäuser umgewandelt worden sind. Die Normalarbeitszeit in der Landwirtschaft wird für längere Zeit noch der Achtstundentag sein. In der Aussaat- und Erntezeit darf er noch überschritten werden, dafür ist die Mehrarbeitszeit im Winter anzurechnen. Der landwirtschaft­liche Richtlohn für den vollen Arbeitstag wird ab 1. April erhöht auf:
5 Mark für die ausgebildeten Bedienungsmannschaften der Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen,
4 Mark für Stallpersonal und ausgebildete landwirtschaftliche Arbeiter,
3 Mark für Hilfskräfte;
10% dieser Summen sind für Wohnung,
30% für volle Ernährung abzurechnen.
Durch diese Maßnahmen soll eine Annäherung an die Lebensbedingungen der städtischen Arbeiter erfolgen. Eine völlige Angleichung ist jedoch zur Zeit noch nicht möglich in Anbetracht der Konkurrenz der Klein- und Mittelbauern, die mit allen Familienangehörigen 14 bis 16 Stunden am Tag arbeiten und es immer noch vorziehen, sich und ihre Angehörigen auf mittelalterliche Art abzurackern, als im Kollektiv aufzugehen. Im Bereich der N.E.F. sind bisher erst 1000 Kollektivwirtschaften durch freiwillige Zusam­menlegung von Einzelwirtschaften entstanden. Dagegen ha­ben sich die landwirtschaftlichen Produktiv- und Berufsgenossenschaften bemerkenswert entwickelt. Die Sorge um den Nahrungsmittelspielraum hat uns bisher veranlasst, alle land­wirtschaftlichen Betriebe gleichmäßig mit Dünge- und Futtermitteln, Maschinen und Saatgut zu beliefern. Die nicht unbeträchtlichen Prämien für Vergrößerung der Anbaufläche sind auch an die Einzelbauern gezahlt worden. In Zukunft werden Kredite nur noch an Kollektivwirtschaften und Genossenschaften gegeben werden. Ein Zwang zur Bil­dung von Kollektivwirtschaften ist jedoch nicht vorgesehen. Jeder Bauer soll selbst über die Frage: „Einzelwirtschaft, Genossenschaft oder Kollektiv?" entscheiden. Der Kleinbetrieb dürfte vorläufig die vorherrschende ländliche Wirtschaftsform bleiben. Erst nach Wegfall des Schleichhandels mit seinen hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte, erst nach genügender Steigerung der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion wird sich die Mehrzahl der Mittelbauern zum Gedanken des Kollektivs bekehren. Deshalb heißt unsere Losung immer wieder: Steigerung der Produktion!

 

 

Vorwärts - 22. Januar 1920

Geht Deutschland unter?

Im abgelaufenen Jahre haben wir eine Erfahrung gemacht, von der viele überrascht waren. Es gibt immer noch Leute, die glauben, dass zwischen Nationalbewusstsein und Inter­nationalismus ein Unterschied besteht. Diese Herrschaften waren natürlich erstaunt, als sie sahen, dass manche früheren Angehörigen der „nationalen Front" sich mit Feuer­eifer auf die neuen Aufgaben stürzten und zu Kerntruppen der internationalen sozialistischen Revolution wurden. Wir denken hierbei nicht an Bierbankphilister und Stammtisch­strategen, und erst recht nicht an die Finanzgewaltigen und Großindustriellen, welche die „Nation" als Aushängeschild für ihre Profitmacherei benutzten, während sie tatsächlich, wenn es den Profit betraf, international waren. Wir denken vielmehr an die junge Frontgeneration, der es ernst war mit ihren Idealen, und die mit Begeisterung ihr Leben für die Vaterlandsidee einsetzte. Nachfolgend geben wir einem bürgerlichen Genossen das Wort, der wegen seiner Verdienste an der Aufbaufront vor Ablauf der Karenzzeit in die Partei aufgenommen wurde. Sein Bericht und sein Offener Brief sind die beste Antwort an unsere falschen Freunde, die sich jenseits des Gro­ßen Teiches unter die Fittiche des Kapitals geflüchtet haben und die jetzt über den „Untergang" Deutschlands jam­mern.

Mukden, den 23. XII. 1919
Es war im Oktober. Unsere Stoßbrigade war in stürmischem Elan bis tief ins Kleine Chingangebirge vorgedrungen. Dann aber hatten wir den Anschluss an die von Süden vorstoßenden Vermessungstrupps verpaßt. Die ganze Arbeit war umsonst geleistet. Erfroren, müde und missmutig kehrten wir nach Blagowestschensk zurück. Der Kommandeur fluchte. Im Frühjahr sollte der Bahnbau Blagowestschensk— Charbin beginnen. Durch unseren Misserfolg war die ganze Arbeit gefährdet. Wir prüften noch einmal die Pläne und stellten fest, dass wir richtig gearbeitet hatten. Der Fehler musste an den Südabteilungen liegen, die von Tsitsikar aus vorgehen und uns im kleinen Chingangebirge begegnen sollten.
Am nächsten Morgen startete ich mit zwei Kameraden zum Erkundungsflug. Wir fanden die Vermessungsabteilung 50 km östlich des bezeichneten Punktes in wüster, unwegsamer Gegend. Der Abteilungsführer verteidigte sich gegen unsere Vorwürfe und wies an Hand seines Arbeitsplans nach, dass man ihn tatsächlich in dieses für den Bahnbau völlig ungeeignete Tal geschickt hatte. Der leitende Ingenieur sollte angeblich in Sanhsing sein, um dort die Projektierungsarbeiten für das Sungarikraftwerk und die geplante Papierfabrik zu kontrollieren. Aber auch in Sanhsing konnten wir ihn nicht finden. Endlich gelang es uns, ihn telephonisch in Wladiwostok zu erreichen. Er wies unsere Angriffe entschieden zurück, behauptete, korrekt gearbeitet zu haben, und forderte uns auf, den Generalplan richtig zu studieren.
Vier Tage später waren wir wieder in Blagowestschensk. Der Originalplan war spurlos verschwunden. Dafür fand ich unter meinen Zeichnungen folgenden Brief.

New York, den 15. X.1919
Lieber A.!
Von Freunden erfuhr ich, dass auch Du von den Roten gezwungen worden bist, an ihren uferlosen Plänen mitzuwir­ken. Ich nehme wenigstens an, dass Du dazu gezwungen wurdest, denn von unserer gemeinsamen Schulzeit her weiß ich, dass Du sehr national denkst. Du hast den Krieg als Freiwilliger mitgemacht, bist dreimal freiwillig an die Front gegangen, — und jetzt solltest Du freiwillig für die roten Hunde arbeiten? Lächerlich! Wahrscheinlich hast Du bis­her nur den Anschluss an unsere geheime Organisation nicht gefunden, die über die ganze S. U. verbreitet ist. Ich kenne Deinen Aufenthaltsort ganz genau und bin über jede Deiner Bewegungen unterrichtet. Im nächsten Monat ist unsere Parole „Demokratie". Verwende das Wort unverfänglich in Deinem Bekanntenkreis. Wenn dann jemand in der Antwort das Wort „Freiheit" braucht, dann ist es einer der Unseren. Du kannst Dich ihm ruhig anvertrauen. Unbegrenzte Geld-
mittel stehen Dir zur Verfügung. Der Augenblick, in dem Deutschland in dem Mischmasch der Nordeuropäischen Fö­deration aufgehen soll, muss benutzt werden, um die natio­nalen Leidenschaften aufzuputschen. Beteilige Dich an der Arbeit! Appelliere an das Standesgefühl der Kommilitonen, die man als ehemalige „Bourgeois" zu Menschen zweiter Klasse gemacht hat, denen man das Wahlrecht vorenthält und den Zutritt zur herrschenden Partei verwehrt! Amerika ist jetzt der Hort der Freiheit, die Zuflucht aller Unterdrückten der ganzen Welt. Gestern abend fand hier eine große Versammlung der Freiheitsliga statt. Außer dem deutschen Kronprinzen sprachen Kerenski, Pilsudski, Tho­mas und Scheidemann. Scheidemann, dieser alte Vorkämp­fer der Freiheit, richtete einen glühenden Appell an das deutsche Volk und forderte es auf, sich gegen seine Be­drücker zu erheben. Er protestierte energisch gegen den Plan, Deutschland die Autonomie zu rauben, um es in der N.E. F. aufgehen zu lassen. „Täglich," sagte er, „erhalte ich Briefe von nationalgesinnten Deutschen, die gegen dies schändliche Vorhaben protestieren. Als Vertreter der letzten rechtmäßigen deutschen Regierung rufe ich alle deutschen Männer und Frauen auf zum Kampf gegen die Diktatur, — für die soziale Demokratie."
Ich hoffe, dass auch Du, lieber A., dem Rufe dieses echt deutschen Mannes Folge leistest, der, obwohl Sozialist, das Vaterland nicht im Stiche lässt, und uns Deine Kräfte zur Verfügung stellst. Lass bald etwas von dir hören.
Mit deutschem Gruß Dr. G.
P.S. Hast Du Nachricht von anderen Schulkameraden?

Meine Antwort:
Mukden, den 23. XII. 1919

Offener Brief an Herrn Dr. G., New York.
Dank für Ihren Brief vom 15. X. Er hat uns wertvolle Dienste geleistet. Die Verspätung meiner Antwort bitte ich damit zu entschuldigen, dass die Aufdeckung Ihrer weit verzweigten Verschwörung meine ganze Kraft in Anspruch nahm. Jetzt endlich ist auch das Haupt der Bande, der schurkische Oberingenieur, der es meisterhaft verstanden hat, unsere Pläne zu stören, an Bord eines japanischen Schiffes entdeckt und erschossen worden. Damit ist wohl Ihr Brief zur Zufriedenheit erledigt. Als höflicher Mensch will ich aber auch den Nachsatz beantworten. K. L. studiert an der deutschen Universität in Bozen. R. H. leitet die deutsche Fliegerschule in Peking. P. H. ist Leiter der geologischen Station und Vorsitzender des deutschen Klubs in Tiflis. W. J. lebt in Moskau und will sich im Frühjahr an einer Expedition nach Novvaja-Semlja beteiligen. P. Z. ist Straßenbauleiter und Herausgeber einer deutschen Zeitung in Kabul. Soll ich Ihnen auch noch die Adressen aller anderen Schulkollegen mitteilen, die von den schrecklichen Roten nach Kapstadt, Kairo, Stambul, Bombay und Kanton „verschleppt" wurden? Es hätte doch kei­nen Zweck. Sie alle — ob Parteimitglied oder nicht — fühlen sich auf ihren Plätzen sehr wohl, denn sie haben Gelegenheit, sich auszuwirken und nützliche Arbeit zu verrichten, und das ist wohl für jeden wertvollen Menschen die Hauptsache. Sie alle sind der seltsamen Ansicht, ihrer Nation mit dieser Arbeit besser zu dienen als die Deserteure in New York. Nur über einen waren Sie, Herr Doktor, bisher besser unterrichtet als wir, über Dr. F., dem ebenso wie Ihnen die Universitätsbank während des Krieges lieber war als der Schützengraben, und der — wie Sie — sein nationa­les Herz erst nach der Revolution entdeckte. Immerhin dürfte es Sie interessieren, dass er vor 14 Tagen in Berlin als Spion entlarvt und erschossen wurde. Ist es ein Zufall, dass gerade die wirklichen Frontkämpfer auch heute wieder in der vordersten Front des sozialisti­schen Aufbaus stehen, während sich die Helden der Etappe und der Stabsquartiere, die Parlamentarier und „Unabkömmlichen" in der so genannten Freiheitsliga treffen? Ganz bestimmt nicht. Die wirklich wertvollen Menschen stehen im Lager der Revolution. Wir waren unbefriedigt von unserem persönlichen Schicksal. Wir suchten ein höhe­res Ideal, ein überindividuelles Ziel, dem wir unsere Kraft widmen konnten, und wir glaubten es in der Nation gefun­den zu haben, in der Kameradschaft des Schützengrabens. Nach blutigen Kämpfen mit einem tapferen Gegner, der von denselben falschen Idealen beseelt war wie wir, ist oft­mals der Wunsch in uns aufgetaucht, unsere Kompanien nach rückwärts zu führen und mit dem Schiebergesindel in Deutschland aufzuräumen.
Sie freilich haben diese Empfindungen niemals kennen gelernt. Sie saßen ja damals auf dem Kommers und brüllten nach dem zehnten Salamander: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen."
Der Revolution, nicht Ihrem Gejohle, ist es zu verdanken, wenn dieses Wort in einem ganz anderen Sinne in Erfül­lung ging. Nicht der Korporal verkörpert heute die deutsche Nation. Aber gelernte deutsche Arbeiter, Ingenieure, Lehrer, Landwirte, Forstwirtschaftler und Techniker sind heute in der ganzen Welt als Kulturpioniere tätig. Sie hätten sehen müssen, mit welch überschwänglicher Freude meine Stoßbrigade in allen Orten Sibiriens und der Mandschurei begrüßt wurde. Und wenn unsere Dreher, Monteure und Tischler dann die Fabriken wieder instand gesetzt hatten, wenn die Maschinen wieder surrten, wenn wir zu neuer Ar­beit aufbrachen, dann standen die einheimischen Genossen noch lange und winkten den „Wundermännern", den deut­schen ,,Towarischs" nach.
In solchen Augenblicken waren wir stolz darauf, Deutsche zu sein. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte steht das deutsche Volk auf dem Platz, auf den es gehört. Was wäre aus Deutschland, was aus der Welt geworden, wenn dieses tüchtige Volk in früheren Jahrhunderten eine politische Führung gehabt hätte, wenn die prachtvolle Bauernrevolu­tion nicht von pfäffischen Verrätern, die sich an die Spitze der Bewegung stellten, verraten und auf ein religiöses Gleis geschoben worden wäre, wenn die Hansestädte, wenn das kleine welterobernde Holland an einer einigen deutschen Nation Rückhalt gefunden hätte! Damals wäre es Zeit gewesen für die nationale Revolution, ihr Herren Langschläfer, die ihr immer der Geschichte nachhinkt und dreihundert Jahre später eine Entwicklung anfangen wollt, die an­dere Völker beendet haben. Ihr wolltet das Rad der Ge­schichte um hundert Jahre rückwärts drehen — und hättet euch nicht einmal geschämt, dieses Regieren als „Revolu­tion" zu bezeichnen, — ihr armseligen Krämerseelen, ihr aufgewärmten Don Quijotes, ihr Hausknechte des internationalen Kapitals!
Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es wirklich eine deut­sche Nation. Und die steht am richtigen Fleck. An der Spitze der Weltrevolution, in der Avantgarde der befreiten Völker. Die Sterbestunde der alten Staaten war die Ge­burtsstunde der deutschen Nation. Jetzt erst reicht Deutsch­land — soweit die deutsche Zunge klingt.
Ihr ehemaliger Schulfreund A.

 

Vorwärts - 1. März 1920

Das Jahr des Wiederaufbaus
Rückblick auf das Jahr 1919

Die oberflächlichen Zahlen über die Produktion des Vorjahres liegen jetzt vor. Im Vergleich zu 1913 sind folgende Produktionsziffern erreicht worden:

Spanien 111% Holland 135%
England 131% Norwegen 141%
Österreich-Ungarn 94% Rumänien 98%
Griechenland 101% Übriger Balkan 73%
Russland 67% Frankreich 89%
Italien 119% Deutschland 103%
Belgien 87% Schweden 137%
Dänemark 110% Polen 86%

Für die übrigen Gebiete der S. U. liegen noch keine zuver­lässigen Ziffern vor. Es kann jedoch als sicher angenommen werden, dass auch dort ebenso wie in ganz Europa einschließlich Russland die Vorkriegsproduktion am Jahresschluss überschritten worden ist. Fast in allen Ländern war die industrielle Produktivität im letzten Vierteljahr an­nähernd doppelt so hoch wie im ersten. Die Dezemberpro­duktion überstieg die Produktion des Dezembers 1913 durchschnittlich um mehr als 50% (mit Ausnahme von Russland, das erst im Dezember die Vorkriegsproduktion wieder erreicht hat). Es ist also zu hoffen, dass wir in diesem Jahre (wenigstens für das Gebiet der N.E.F.) unser Ziel, die Verdoppelung der industriellen Vorkriegsproduk­tion, erreichen werden.
Die landwirtschaftliche Vorkriegsproduktion ist nur in England überschritten worden, das seine Anbaufläche sogar gegenüber dem letzten Kriegsjahr noch um 20% gesteigert hat. Die Anbaufläche für das Erntejahr 1920 ist fast überall ebenso groß wie 1913, teilweise sogar größer. Der Landwirtschaftsrat der N. E. F. hofft, dass durch besondere Begünstigung der Frühjahrssaatkampagne, durch weitere Prämien und Kredite und vermehrte Lieferung von Düngemitteln, Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen die landwirtschaftliche Vorkriegsproduktion überall erreicht werden kann. Der Landwirtschaftsrat der Balkan-Donauföde­ration stellt eine 20 prozentige, Russland eine 5 prozentige, die Mittelmeerföderation eine Steigerung von 8% in Aus­sicht. Überraschend ist für den ersten Augenblick der nied­rige Voranschlag für Russland. Er findet seine Erklärung darin, dass auch die landwirtschaftliche Produktion durch den Bürgerkrieg stark zurückgegangen ist. Der Zugviehbestand hat außerordentlich gelitten. Der größte Teil der von uns gelieferten Traktoren kam für die Herbstbestellung zu spät. Viele Traktoren sind durch falsche Behandlung gebrauchsunfähig geworden. Zudem arbeiten die mei­sten Traktoren in staatlichen und genossenschaftlichen Musterbetrieben, in denen zunächst einmal erstklassiges Saat­gut für die diesjährige Aussaat gezogen wird. Der russische Eigenverbrauch im laufenden Wirtschaftsjahr wird wahrscheinlich wesentlich höher sein als 1913. Trotz der er­warteten 5 prozentigen Überschreitung der Vorkriegsziffern wird deshalb die russische Getreideausfuhr um ungefähr 10% hinter der Vorkriegsausfuhr zurückbleiben.

Die Verhandlungen über die amerikanischen Lebensmittellieferungen sind in ein neues Stadium getreten. Alle Angebote aus Nord- und Südamerika be­treffend vermehrte Lieferung von Lebensmitteln mussten vom Wirtschaftsrat der N.E.F. bisher abgelehnt werden, da vom Zentralwirtschaftsrat der S.U. eine aktive Han­delsbilanz im Verkehr mit dem kapitalistischen Ausland streng vorgeschrieben ist. Infolgedessen musste die Ratio­nierung und damit auch der Schleichhandel (die Haupt­stütze des privaten Handels) zunächst noch fortbestehen. Die Ablieferungsbestimmungen und Zwangspreise, die den Klein- und Mittelbauern, der möglichst hohe Preise erzielen will, verbitterten, konnten nicht abgebaut werden, ebenso wenig der dazu notwendige große und kostspielige Appa­rat. Zehntausende von Arbeitskräften könnten einer produktiven Beschäftigung zugeführt werden, wenn diese „Kriegswirtschaft" ein Ende nähme. Vor allem aber wären endlich einmal normale Bedingungen für den Konkurrenzkampf mit dem Einzelhändler und dem Einzelbauern geschaffen. Aus all diesen Gründen hat der Zentralwirtschaftsrat endlich seinen Widerstand gegen die unbegrenzte Einfuhr amerikanischer Lebensmittel aufgegeben. In demselben Maße, in dem die Einfuhr aus Amerika unsere Ausfuhr übersteigt, soll unsere Ablieferungsquote für industrielle Erzeugnisse nach China und Indien erhöht werden. Die Leitung der Z. E. G. ist bevollmächtigt worden, mit den nord-, mittel - und südamerikanischen Lieferantenverbänden einen Vertrag abzuschließen, wonach der gesamte amerikanische Überschuss an Lebensmitteln für die nächsten drei Jahre zu einem festen Preise aufgekauft wird. Die Verhandlun­gen über die Preishöhe schweben noch.

Die Währungsreform
ist jetzt abgeschlossen. Die Einheitsmark ist ab 1. April in der ganzen S. U. das einzige gesetzliche Zahlungsmittel. Der Umtausch der alten nationalen Zahlungsmittel erfolgt gegen Umtauschschein noch bis zum 1. Mai zu folgendem Kurs: 1 Einheitsmark ist = 100 deutschen Vorkriegsmark = 1000 österreichischen Kronen = 100000 Rubeln = 2 englischen Schillingen = 10 französischen und belgi­schen Franken =10 Lire = 3 dänischen Kronen = 4 Pe­setas und = 1 holländischen Gulden. Der Umtausch von alten Währungssorten findet nur gegen Vorzeigung des Tauschbogens statt, der von den örtlichen Arbeiterräten ausgestellt wird. Dieser Tauschbogen ist von allen Personen, die noch über ein Vermögen von mehr als 10000 Goldmark verfügen, mit der Abgabe der Vermö­genserklärung spätestens am 30. April dieses Jahres an die örtlichen Arbeiterräte abzugeben. Die Höhe der umge­tauschten Zahlungsmittel ist auf dem Tauschbogen einzutragen. Unbefugter Umtausch von Zahlungsmitteln und die Beihilfe dazu werden ebenso wie die Verheimlichung von Vermögensbeständen mit dem Tode bestraft. Die Formulare zur Abgabe der Vermögenserklärung haben folgenden Wortlaut:

1. Welches Vermögen haben Sie am 1. November 1918 be­sessen?
Spezifikation (Haus- und Grundbesitz. Wertpapiere. Hypotheken. Guthaben bei Banken, Sparkassen usw. Sonstige Guthaben und Beteiligungen 1. innerhalb, 2. außerhalb des jetzigen Gebietes der S. U. Wertsachen. Einrichtungsgegenstände a) gewerblicher, b) privater Natur. Bares Geld (in welcher Währung?).
2. Wie viel von diesem Vermögen haben Sie zuletzt versteuert? Wo? Unter welcher Geschäftsnummer und Steuerrolle?
3. Welches Vermögen besitzen Sie jetzt noch? Spezifikation (wie unter 1).
4. Wie viel Stabilisierungsanleihe besitzen Sie?
5. Wie viel Sozialisierungsanleihe haben Sie bis jetzt ge­zeichnet?
a) Wie viel davon bezahlt?
b) Wie viel wollen Sie bis zum Zeichnungsschluss (15. Mai) noch freiwillig zeichnen?
6. Was können Sie über den Verbleib des beweglichen Teils Ihres früheren Vermögens aussagen, der nicht mehr in Ihrem Besitz ist und über den Sie keine Ablieferungsbe­scheinigung vorlegen?

 

 

Vorwärts - 15. April 1920

Die Produktionsabgabe gefährdet!
Ungenügende Produktionssteigerung und ungenügende Akkumulation in der staatlichen Industrie

Unsere Befürchtungen wegen der zu raschen Lohnerhöhung und der zu schnellen Verkürzung der Arbeitszeit haben sich leider als begründet erwiesen. Eine Anzahl von Betrieben hat die zehnprozentige Produktionsabgabe im Monat März nur noch durch Rückgriff auf frühere Reserven abführen können. Einige Betriebe hoffen das Manko in diesem Monat durch Produktionssteigerung und Senkung der Ge­stehungskosten ausgleichen zu können. Andere haben aber schon außerordentliche Kredite angefordert, da sie selbst nur einen Teil der Produktionsabgabe aufbringen können. Trotz der Einreihung von zwei Millionen Frauen in den Produktionsprozess sind in verschiedenen Werken noch nicht alle Produktionsmöglichkeiten ausgenützt. Ohne diese Voraussetzung ist bei der scharfen Kalkulation die Durch­führung unseres Programms nicht möglich. Die Propaganda für weitere Einsparung von Arbeitskräften, für weitere Steigerung der Produktion, für verstärkte Zeichnung von Sozialisierungsanleihe und für die Einbeziehung von noch mehr Frauen in den Produktionsprozess muss mit aller Energie verschärft werden, wenn die vorgesehenen Verschlechterungsmaßnahmen nicht am 1. Mai in Kraft treten sollen.
Genossen! Alle Kräfte angespannt, damit wir am Weltfeiertag der Arbeit einen neuen Sieg an der Wirtschaftsfront feiern können!

 

 

Vorwärts - 24. April 1920

7 1/2 Milliarden Anleihe gezeichnet! Morgen Beginn der Propagandawoche

Drei Viertel der aufzubringenden Summe sind bereits gezeichnet. Der Rest muss in der kommenden Woche aufge­bracht werden. Morgen beginnt die Propaganda auf dem flachen Lande. Alle Schulen, Fortbildungsschulen, Arbei­terfakultäten und Universitäten bleiben in der kommenden Woche geschlossen. Alle jugendlichen Arbeiter und Lehr­linge werden bis zum 30. April beurlaubt, damit sie sich an der Landpropaganda beteiligen können. Über zwei Millionen Radfahrer werden in der N.E.F. aufgeboten. Zehntausend Lastautos, Tausende von Flugzeugen und sämtliche Luftschiffe werden in den Dienst der Propaganda gestellt. Die Belegschaften aller Druckereien, Zeitungsbetriebe und Papierfabriken verrichten unbezahlte Überstunden, um Millionen von Flugblättern und Zeichnungsvordrucken unentgeltlich herzustellen. Die Eisenbahnangestellten leisten unbezahlte Überstunden, um den ungeheuren Verkehr in der nächsten Woche zu bewältigen. Der Eisenbahnverwaltungs­rat hat für die Propaganda zehn Millionen Freikarten zur Verfügung gestellt. Die Klubarbeiten und alle kulturellen Veranstaltungen, die nicht der Zeichnungspropaganda dienstbar gemacht werden können, ruhen in der nächsten Woche. Alle werktätigen Männer und Frauen haben sich nach Schluss der Arbeitszeit in den Dienst der Anleihepro­paganda zu stellen. Ihren Höhepunkt soll die Propaganda am 1.Mai erreichen. Von 7—11 Uhr vormittags werden noch einmal Radfahrer, Motorradfahrer, Flugzeuge, Automobile und Traktoren aller staatlichen und genossenschaftlichen Betriebe aufgeboten. Von 12—1 Uhr ruht der ge­samte private Telefonverkehr. Telefon und Telegraph stehen nur für die Durchsage der neuen Zeichnungsergeb­nisse zur Verfügung. In Berlin arbeiten am 1. Mai 40000 Büroarbeiter in drei Schichten; die erste Abteilung arbeitet von Mitternacht bis früh um 6 Uhr und stellt das Ergebnis des sozialistischen Wettbewerbs fest. Die zweite Abteilung (6—12 Uhr) bearbeitet die Meldungen über die Urabstim­mung vom 3o. April. Die dritte Abteilung (i3—19 Uhr) stellt die neuen Zeichnungsergebnisse zusammen. Um 13 Uhr beginnt in der ganzen Nordeuropäischen Föderation der Aufmarsch der uniformierten Abteilungen des Arbeiter-Flug-, Sport- und Wehrverbandes. Von 14 bis 15 Uhr stehen sämtliche Personen- und Lastautomobile und alle Luftfahrzeuge für die Propagandaumfahrten des F.S.W. zur Verfügung. In Berlin wird sich hieran sofort der üblich gewordene Arbeitsaufmarsch anschließen: Ost-Westrichtung 100000 ungelernte Arbeiter aus Russland, Polen, Rumänien, Balkan, Türkei, Arabien, Indien und China, die in der N.E.F. eine dreijährige Ausbildung durchmachen sollen. West-Ostrichtung 50000 russische Arbeiter, die nach einjähriger Ausbildung wieder in die Heimat gehen und 50000 deutsche Facharbeiter, die in Russland und an den überseeischen Wirtschaftsfronten eingesetzt werden. Dazu ein Zehntel der Berliner Aprilproduktion an Automobilen, Traktoren, Straßenbau- und landwirtschaftlichen Maschinen. Erst um 18 Uhr beginnen in die­sem Jahre die Veranstaltungen der Gewerkschaften. Um 18 Uhr beginnt die gegenseitige Kontrolle der Zeichnun­gen. Drei Tage lang haben alle Werktätigen ihre Zeich­nungsbescheinigungen bei sich zu führen. Jedermann ist moralisch verpflichtet, dem anderen seine Zeichnungspapiere unaufgefordert zu zeigen und sich von ihm die seinen zeigen zu lassen.
Der erste Mai wird also diesmal schon ein ganz, ganz anderes Gepräge haben als in der vorrevolutionären Zeit. Damals war unsere Losung:

Mann der Arbeit aufgewacht, Und erkenne Deine Kraft. Alle Räder stehen still, Wenn Dein starker Arm es will.

Diesmal ist unsere Losung:

„Alle Räder drehn sich schneller, Arbeitsmann, wenn Du es willst, Jetzt wird Dein eignes Leben heller, Wenn Du den Arbeitsplan erfüllst."

 

 

Vorwärts - 27. April 1920

Der Arbeiter-Flug-, Sport- und Wehrverband

tritt am 1. Mai im Bereich der N.E.F. in folgender Stärke an:
Jugendliche:
12,1 Millionen (männl. 7, weibl. 5,1),
Aktive Formationen:
9 Millionen Männer
3,6 Millionen Frauen
Ausgebildete Reserveformationen:
10,8 Millionen Männer
3 Millionen Frauen
Unausgebildete Reserven:
3,5 Millionen Männer
8,8 Millionen Frauen
Notreserven:
5,1 Millionen Männer
6,3 Millionen Frauen

Alle Verbände für Körperkultur sind jetzt restlos dem F.S.W. angeschlossen. Mit dem mächtigen Klub der Naturfreunde ist eine Vereinbarung über zweckmäßige Arbeitsteilung und -ergänzung getroffen worden. Milliardenwerte an Liegenschaften, Gebäuden, Spielplätzen, Turnhallen, Badeanstalten, Bootshäusern, Kleinschiffswerften, Sportbedarfs-, Fahrrad- und Motorradfabriken sind in den Besitz des F.S.W. übergegangen. Über drei Milliarden Goldmark wurden in diesem Jahre in der N.E.F. für Zwecke der Körperkultur bereitgestellt. Alle Schulturnhallen stehen dem F.S.W. unentgeltlich zur Verfügung. Seine Mitglieder er­halten auf allen sozialisierten Verkehrseinrichtungen eine fünfzigprozentige Preisermäßigung, bei Stellung von Sonderzügen auf Strecken über 100 km 75%. Alle Exerzierplätze, Flugplätze und Truppenübungsplätze sind in die Verwaltung des F.S.W. übergegangen. In allen Städten mit mehr als 10000 Einwohnern, die noch keine Flugplätze haben, werden welche angelegt. Alle freigewordenen Kaser­nen und sonstigen militärischen Gebäude sind in Ledigen­heime für Mitglieder des F.S.W. umgewandelt worden. Der F.S.W. hat die Verwaltung, sorgfältige Lagerung und Instandhaltung des gesamten Kriegsmaterials übernommen. Er hat alle jugendlichen Mitglieder so weit militärisch aus­zubilden, dass sie nur noch einen zweimonatigen Lehrgang in der roten Miliz durchmachen müssen. Die Leitung der roten Miliz ist jetzt schon zur Hälfte Sache des F.S.W. In zwei Jahren soll die Leitung der roten Miliz, in drei Jahren das gesamte Militärwesen den selbstgewählten ehrenamt­lichen Organen des F.S.W. übertragen werden. Der rote Kriegskommissar der N.E.F. soll dann nur noch ein Auf­sichts- und Vetorecht behalten. In Zweifelsfällen und bei Streitigkeiten zwischen der Leitung des F.S.W. und dem Kriegskommissar soll grundsätzlich der Parteitag entscheiden. In eiligen Fällen entscheidet das Partei-Exekutiv-Ko­mitee, dessen Beschlüsse vom nächsten Parteitag bestätigt oder abgeändert werden.
Die Rote Armee der N.E.F. wird bis Ende dieses Jahres auf einen festen Bestand von 250000 Mann reduziert. Sie wird 10000 Berufsoffiziere höherer Grade mit 25 jähriger und 20000 Offiziere mit 10 jähriger Dienstzeit behalten. Für weitere 20000 rote Offiziere, die bis zum Regiments­kommandeur ausgebildet werden sollen, ist eine Dienstzeit von 5 Jahren vorgesehen. Weitere 100000 rote Freiwillige absolvieren eine Dienstzeit von 2 Jahren und avancieren in dieser Zeit bis zum Hundertschaftsführer. 10000 beson­ders befähigte Genossen können daran anschließend einen halbjährigen Bataillonsführerkursus mitmachen. Diese 150000 Mitglieder der Führerarmee sind Freiwillige und werden sorgfältig aus den Reihen des F.S.W. ausgesucht, der auch die Mannschaften für Massenübungen stellt. Ganz anders aber werden die anderen 100000 Angehörigen der roten Armee aussehen. Sie werden aus Faulenzern und Drückebergern bestehen, die entweder gar nicht Mitglied des F.S.W. waren oder ihrer Ausbildungspflicht nicht in genügender Weise nachgekommen sind. Für diese pflichtvergessenen jungen Arbeiter ist eine einjährige Ausbildungszeit vorgesehen. Der revolutionäre Kriegsrat hofft jedoch, dass die Zahl dieser Drückeberger ständig abnehmen wird, so dass die stehende Rote Armee bald auf den Führerstamm von 150000 Mann reduziert werden kann. Alle anderen Arbeiter, die im F.S.W. vorgebildet sind, haben nur eine zweimonatige Dienstzeit in der Roten Miliz durchzumachen.
Angehörige der bürgerlichen Klasse sind weder zum Heeres- noch zum Milizdienst verpflichtet. Sie können jedoch nach zweijähriger Mitgliedschaft im F.S.W. als Freiwil­lige zugelassen werden, wenn sie mindestens zwei gute Bür­gen für ihre politische Zuverlässigkeit stellen und durch Ablegung einer Prüfung den Nachweis erbringen, dass sie die Grundbegriffe der sozialistischen Gesellschaftswissenschaft kennen.
Als militärische Zwangsmaßnahme für Frauen ist nur die Teilnahme an einem Gasabwehrkursus des F.S.W. vorge­sehen. Die militärische Ausbildung der Frauen wird sich im Regelfalle auf die freiwillige Teilnahme an Veranstaltungen und Übungen des F.S.W. beschränken. Eine Dienst­pflicht in der Roten Armee oder Miliz besteht für Frauen nicht; sie können jedoch als Freiwillige zugelassen werden. Alle weiblichen Mitglieder des F.S.W. sind jedoch verpflichtet, sich an den Vorarbeiten für die technische, wirtschaftliche und Gasmobilmachung zu beteiligen. Neun Zehntel aller polizeilichen Aufgaben sollen noch in diesem Jahre von ehrenamtlichen Funktionären des F.S.W. übernommen werden.
Auch auf wirtschaftlichem Gebiet hat der F.S.W. in Zu­kunft eine ungeheure Arbeit zu leisten. Am 1. Mai über­nimmt der Flug-, Sport- und Wehrverband die Verwaltung von weiteren 150 Fabriken und wird dadurch in die Lage versetzt, fast den ganzen Ausrüstungsbedarf seiner Mitglieder durch Eigenproduktion zu decken. Nach den Voran­schlägen soll dadurch eine ganz gewaltige Rationalisierung und Verbilligung eintreten. Die Werke werden vollkommen auf den Bedarf des F.S.W. umgestellt und restlos rationalisiert. Viele Werke produzieren jetzt bereits nur zwei Ar­tikel, die meisten jedoch nur einen und auch von diesem einen Artikel in jedem Monat nur ein Modell. Da diese Werke außerdem von der Produktionsabgabe befreit sind und im Vierschichtenwechsel restlos ausgenützt werden, ist der wirtschaftliche und finanzielle Erfolg geradezu ver­blüffend.
Die Gesamtausrüstung eines männlichen Jugendmitgliedes des Flug-, Sport- und Wehrverbandes ist:
1 Normaltransportkoffer mit 2 Handgriffen
1 Militärrucksack
1 Leib- und Tragriemen
1 Kartentasche
1 kompl. Kochgeschirr mit Kocher
1 Wolldecke
1 Zeltbahn
1 wattierter Lederkopfschutz
1 Schutzbrille
1 Paar Handschuhe
1 Paar schwere Marschschuhe
1 Paar Sportschuhe
1 Badehose
1 Sportdress nach Wahl
1 Breecheshose
1 Lederkniehose
1 lange Hose
2 Paar Socken
1 Paar wollene Überziehstrümpfe oder 1 Paar Ga­maschen
2 Paar Unterhosen 2 Unterhemden
1 Mütze
1 graugrünes Oberhemd
1 braunes Oberhemd
1 Wollsweater
1 gummierte Windjacke
1 Lodenjoppe
1 Wintermantel
1 Notizbuch mit Abreißblock
1 Füllfederhalter
1 Blei- und Kopierstift.
Der F.S.W. rüstet also seine jugendlichen Mitglieder mit fast allen Bedarfsartikeln für Sport und Wanderung, für Land, Luft und Wasser und sogar für den Kriegsfall aus. Diese ganze Ausrüstung wird an die jugendlichen Mitglie­der für 120 Mark geliefert und kann in 12 Monatsraten bezahlt werden. Der Selbstkostenpreis ist etwas höher. Die Leitung des F.S.W. hofft jedoch, durch weitere Rationalisierungsmaßnahmen die Gestehungskosten bis auf den Verkaufspreis drücken zu können. Der Unterschied wird vorläufig aus Etatsmitteln der Roten Armee bestritten und er­reicht längst nicht die Höhe der großen Ersparnisse, die durch die Heeresverminderung erzielt werden. Bis jetzt sind 100 freiwillige Radfahrwegabteilungen mit der neuen Ausrüstung versehen worden. Der F.S.W. hat die Ausführung des gesamten Bauprogramms für Radfahrwege übernommen. Die ganze Föderation soll mit einem dichten Netz von Radfahrwegen überzogen werden, die nur, wenn unbedingt notwendig, mit den Landstraßen verbunden sind, im übrigen aber ohne Berührung mit Fuß- und Fahrwegen quer durch Wald und Feld führen. 80% aller Arbeiten werden ehrenamtlich von den Radfahrwegabtei­lungen erledigt. Alle Mitglieder dieser Abteilungen sind mit stabilen Fahrrädern aus den Eigenunternehmungen des F.S.W. versehen, die sie zum Selbstkostenpreis von 48 Mark (Monatsrate 4 Mark) erhalten. Der Preis kann voraussichtlich Ende dieses Jahres noch gesenkt werden, da bis dahin das laufende Band in allen Betrieben des F.S.W. eingeführt wird. Jede Radfahrabteilung besitzt zwei große Lastautomobile, ein Transport- und Schrankauto, das hundert Normaltransportkoffer so verstauen kann, dass sie im Auto bequem geöffnet werden können, und ein Werkzeug- und Reparaturauto, das außerdem 5 Reserveräder und Ersatzteile mitführt. Der Arbeitsaktionsradius ist für Wochentage (3 Stunden Arbeitszeit) auf 25 km, für Sonntage (6 Stun­den Arbeitszeit) auf 40 km festgesetzt worden. Eine Über­schreitung dieses Aktionsradius darf auch auf ausdrück­lichen Wunsch der Mitglieder bei Arbeitsausfahrten nicht stattfinden. Bei Propaganda- und Sportausflügen ist an Wochentagen ein Aktionsradius von 50 km, an Sonntagen von 100 km zugelassen, aber nur für Mitglieder, die unter dauernder sportärztlicher Beobachtung stehen. Die Autos für den Materialtransport werden unentgeltlich vom staatlichen Automobiltrust gestellt. Alle sonstigen Ko­sten müssen von den örtlichen oder Kreisarbeiterräten ge­tragen werden.
Der Bau von Radfahrwegen ist in der ganzen Föderation bereits in vollem Gange.
Die Mitgliederzahl in den Radfahrabteilungen der F.S.W. steigt ständig.
Der F.S.W. ist eine wichtige Keimzelle der neuen Gesell­schaft und wird später eine große Rolle bei der Liquidie­rung des Staates zu erfüllen haben. Vorläufig aber ist es noch nicht so weit. Die Liquidierung des Staates, der Abbau der Diktatur und die Einführung der vollendeten Demokratie, das alles sind Fragen, die erst gelöst werden kön­nen, wenn es in Amerika keinen Kapitalismus mehr gibt. Augenblicklich aber geht es dem amerikanischen Kapitalismus gut, sehr gut sogar. Wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln, wenn wir ihn wirtschaftlich überholen wollen. Militärisch besteht keine Gefahr. Dafür bürgen der Flug-, Sport- und Wehrverband und seine Bruderorganisationen in den anderen Föderationen.
Die „Ossoaviakhim" in der Russischen Föderativen Sowjet-Republik hat bereits ganz gewaltige Erfolge erzielt. Ihr Einfluss auf dem flachen Lande ist aber, wie auf allen anderen Gebieten, noch sehr schwach. Die Gesamtmitgliederzahlen bleiben daher auch relativ weit hinter denen des F.S.W. der N.E.F. zurück.
In den nördlichen Staaten der Mittelmeerföderation ist die Mitgliedschaft im Flug-, Sport- und Wehrverband im Ver­hältnis zur Gesamtbevölkerung sogar größer als bei uns. In den arabischen, syrischen und nordafrikanischen Ge­bieten ist der F.S.W. in der kurzen Zeit seines Bestehens die wichtigste und bedeutungsvollste Organisation über­haupt geworden. Er leistet wertvolle Arbeit bei der Liquidierung des Feudalismus, des Analphabetismus und der Unsauberkeit. Die letzten Bandenaufstände, die von frühe­ren Fürsten geführt wurden, sind von den einheimischen Abteilungen des F.S.W. aus eigener Kraft niedergeschlagen worden. In diesen Gebieten muss der F.S.W. viele Auf­gaben mit übernehmen, die bei uns vom Staat, von örtlichen und Bezirksarbeiterräten, von der Partei, von Klubs und Gewerkschaften gelöst werden, da all diese Organisations­formen dort entweder noch ganz unbekannt oder in den wirtschaftlichen Verhältnissen zu wenig verwurzelt sind. In der Donau-Balkanföderation steht der F.S.W. zum Teil noch vor ähnlichen Aufgaben. Noch größer und schwieriger sind aber die Aufgaben der Bruderorganisation in Indien. Dort ist der F.S.W. der Hauptträger des Kampfes gegen das Kastenwesen. In China hat der F.S.W. dagegen überraschend schnell Fuß gefasst, da er dort gleich eine praktische Aufgabe zu lösen hatte: die Bekämpfung des Generals- und sonstigen Banditenunwesens. Eine Anzahl von Arbeiterorganisationen und „Roten Lanzen" (revolutionäre Bauernverbände) ist im allchinesischen F.S.W. aufgegangen, der als wichtigste Selbstschutzorganisation wertvolle Arbeit für die Befrie­dung Chinas geleistet hat.
Partei und F.S.W. (Beschluss der Exekutive) Parteikandidaten müssen vor der Aufnahme mindestens ein Jahr lang aktives F.S.W.-Mitglied sein. 90% aller höhe­ren Führer des F.S.W. müssen Parteimitglieder sein. Ausnahmen sind nur noch bis zum 1. Mai 1922 zulässig.

 

 

Vorwärts - 29. April 1920

Das Memorandum des Metallindustrieverbandes

Die Gewerkschaft der Metallarbeiter hat in einem Memorandum an die Partei und an den Zentralrat der N.E.F. zu den brennenden Fragen der Wirtschaftspolitik Stellung genommen. Die große Majorität, mit der dieses Memoran­dum von der Gesamtmitgliedschaft in der Urabstimmung angenommen wurde, ist ein Beweis für die vorbildliche Dis­ziplin der Metallarbeiter.
Die Verfasser des Memorandums weisen auf die Gefahren hin, die durch die übereilte Einführung des Sechsstunden­tages und durch die generelle Erhöhung des Lohnes auch in den weniger produktiven Betrieben und Wirtschaftszwei­gen entstehen können. Sie sind trotzdem der Ansicht, dass ein Rückzug möglichst vermieden werden muss. Nach Ansicht der Verfasser wird in den Monaten Mai bis Juni ein Defizit entstehen, so dass wir nicht in der Lage sein werden, alle Neuanlagen und Kapitalzuschüsse an andere Föderationen aus der laufenden Produktion zu decken. Sie warnen deshalb vor der beabsichtigten Überschreitung der Wirtschaftspläne in den nächsten drei Monaten und schreiben dann wörtlich:
„Bei Aufstellung der monatlichen Kontrollziffern wurden meistens von Anfang an so hohe Forderungen an jedes ein­zelne Werk gestellt, dass sie nur unter Anspannung aller Kräfte erreicht werden konnten. Jede Belegschaft setzte aber trotzdem ihren ganzen Ehrgeiz darein, diese Ziffern noch zu übertreffen, so dass es bald als selbstverständlich galt, dass die festgesetzten Ziffern um mindestens 10% zu überschreiten seien, und dass nur das, was noch über diesen 10% lag, als Mehrleistung zu bewerten sei. Das ging zu­erst ganz gut. Doch von Monat zu Monat wuchsen die Kon­trollziffern. Von Monat zu Monat stiegen aber auch die Löhne. Die Arbeitszeit wurde verkürzt. Die Kapitaldecke wurde knapper. Auch die überplanmäßige Produktion, für die oftmals nicht sofort Verwendung bestand, verursachte Mehrausgaben und unnütze Kapitalinvestierungen. Die Neuanlagen in der direkten und indirekten Produk­tionsmittelsphäre nehmen in so starkem Maße zu, dass für eine Steigerung der dem Konsum dienenden Produktion fast keine Mittel vorhanden sind. Bald wird ein schreiendes Missverhältnis zwischen unserer Produktionsfähigkeit für Konsumtionsmittel und der gestiegenen Kaufkraft ent­stehen, das erst nach Vollendung der Umstellungsarbeiten im Laufe des Monats Juli behoben werden kann. Dazu kommt die Tatsache, dass viele Werke in den nächsten drei Monaten infolge der höheren Lohnsummen bei verkürzter Arbeitszeit nicht in der Lage sein werden, die zehnprozen­tige Produktionsabgabe voll abzuführen, wenn nicht eine Erhöhung der Preise oder eine Verschlechterung der Qualität eintreten soll. Beides muss aber unbedingt vermieden werden. Wir schlagen deshalb vor, dass die Produktionsabgabe für den Monat Mai auf 7%, für Juni auf 8% und für Juli auf 9% ermäßigt wird. Eine Lohnkürzung oder obligatorische Arbeitszeitverlängerung halten wir aus den früher erwähnten Gründen nicht für wünschenswert. Zur Deckung des Einnahmeausfalls schlagen wir zwei Quellen vor:
a) Je eine Schicht freiwilliger unbezahlter Sonntagsarbeit aller Werktätigen in den Monaten Mai, Juni, Juli, August und September. Diese sozialistischen Sonntage sind auf die sonstigen freiwilligen Sonntagsarbeiten einzelner Beleg­schaften nicht anzurechnen. Das gesamte finanzielle Er­gebnis dieser Sonntagsarbeiten ist dem sozialistischen Ak­kumulationsfonds zuzuführen. Die Werke dürfen bei Feststellung des finanziellen Ergebnisses die gelieferten Mate­rialien nur zum Selbstkostenpreise ansetzen. Allgemeine Produktionskosten dürfen für diesen Tag vom Werk nicht angerechnet werden.
b) Verstärkte Aufbringung von Sozialisierungsanleihe. Für alle Gewerkschafter besteht in diesem Jahre die Pflicht, die Mindestsätze, welche die Partei für ihre Mitglieder für Zeichnung von Sozialisierungsanleihe festgesetzt hat, ebenfalls zu zeichnen. Eine besondere Zeichnungskampagne ist einzuleiten mit dem Ziel, dass alle Anleihezeichner Einzahlungen, die erst später geleistet werden sollten, bereits in den Monaten Mai bis Juli machen und ihre Zeichnung womöglich noch erhöhen, wobei der Mehrbetrag in den Monaten Mai bis Juni einzuzahlen ist.
Diese Anträge sind in einer Urabstimmung unter den Mitgliedern des Metallarbeiterverbandes gegen wenige Stim­men angenommen worden. Wir beantragen, dass sie auch in allen anderen Gewerkschaften oder Betrieben zur Abstimmung gelangen."
Das wird nun am 30. April geschehen. Wir hoffen, dass auch die Mitglieder aller anderen Industrieverbände dieselbe Einsicht zeigen wie die Metallarbeiter und dadurch die drohenden Schwierigkeiten abwenden. Damit ist aber erst ein Teil der Aufgaben, vor denen wir stehen, gelöst. Die Vermehrung der Energiequellen hat mit der Steigerung der Produktion nicht überall Schritt hal­ten können. Besonders in der vierten Schicht (7 Uhr abends bis 1 Uhr nachts) ist der Elektrizitätsmangel sehr stark. Die Einschränkung der Straßen- und Hausbeleuchtung, die wir als Notmaßnahme durchführen mussten, kann nicht noch weiter verstärkt werden, da das Klub- und Versamm­lungsleben, das sich vor allem in dieser Zeit abspielt, darunter leiden würde. Eine vorübergehende Hilfe war der Fortfall der vierten Schicht in solchen Betrieben, die durch feh­lerhafte Bearbeitung der Produktionspläne bisher zuviel produziert hatten. Auf diese Weise können wir uns in den nächsten Umstellungsmonaten wohl noch helfen. Bis zum Herbst müssen aber genügend Kraftspeicherungsanlagen aus Mitteln der Sozialisierungsanleihe gebaut sein. Auf kei­nen Fall aber darf in wichtigen Betrieben die erste Schicht (1 — 7 Uhr früh) ausfallen, wie dies in vereinzelten Fällen geschehen ist. Die Bequemlichkeit des einzelnen darf nicht zur Schädigung der Gesamtheit führen. Die Zeit von 1 bis 7 Uhr mit ihrem Energieüberfluss muss in allen dazu geeigneten Betrieben restlos ausgenützt werden. Noch eine wichtige Frage ist sofort zu lösen: Nach Meldun­gen der Arbeitsämter haben in den letzten Wochen in der N.E.F. über 50000 Arbeitslose Unterstützung bezogen, die durch Betriebsumstellungen freigesetzt worden sind. Ein Teil davon stammt aus Betrieben, die vorübergehend zum Zweck des Umbaus und der Rationalisierung stillgelegt wurden. Diese Arbeiter kann man also sehr bald wieder in den Produktionsprozess einreihen. Sie erhalten vorläufig nach einer neuen Verordnung für ihre Urlaubszeit den vollen Lohn, der vorschussweise vom Arbeitsamt gezahlt und später vom aufnehmenden Betrieb zurückerstattet wird. Ein Teil der unterstützten Arbeitslosen stammt jedoch aus stillgelegten Betrieben (veralteten oder Luxusartikelfabri­ken), die nicht wieder eröffnet werden. Soweit für diese Arbeiter nicht eine andere Arbeitsgelegenheit am Ort besteht, müssen sie sofort in die Bauindustrie übernommen werden, die immer noch unter starkem Arbeitermangel leidet. Alle gelernten Bauhandwerker und früheren Bauhilfsarbeiter, die während des Krieges und nach der Revolution in anderen Industriezweigen untergekommen sind, müssen sofort in die Bauindustrie zurückgeholt werden. Auch die Propaganda für freiwillige Umlerner ist — besonders unter den Jugendlichen — zu verstärken, ebenso die Lehrlings­sperre in Gewerben, die Arbeiterüberfluss aufweisen. Den führenden Genossen im Zentralwirtschaftsrat hat das Parteiexekutivkomitee eine Rüge erteilt, weil sie auf dem Gebiete der Arbeitsbeschaffung nicht genügend Initiative bewiesen haben. Das hat allerdings seine besonderen Gründe. Der Z. W.R. hat bei der Zentralbaubank während des Winters und Frühjahrs große Darlehen aufgenommen. Auch in den nächsten Monaten können infolge der ungenügenden Bautätigkeit längst nicht alle Mieteinnahmen in der Bauindustrie angelegt werden. Der Z.W.R. hofft daher, dass er im Laufe dieses Sommers nicht nur keine Rückzahlungen an die Zentralbaubank zu leisten braucht, sondern so­gar noch größere Summen erhalten wird, die er zur Behebung der Finanznot in den nächsten Monaten gut brau­chen kann. Das wäre allerdings eine sehr bequeme Lösung dieses Problems. Aber wir sind nicht für solche allzu be­quemen Lösungen der Ressortpolitiker. Unsere Parole lautet: aussprechen, was ist. Alle Fehler müs­sen aufgedeckt und rücksichtslos ausgemerzt werden. Das gewaltige sozialistische Aufbauwerk wird allen Menschen große Vorteile bringen. Wir müssen hart genug sein, auch von allen Menschen Opfer zu verlangen, vom höchsten Funktionär ebenso gut wie von dem freigesetzten Arbeits­losen, der einen neuen Beruf erlernen muss. Der erste Mai wird ein Festtag sein, wenn die Urabstim­mungen günstig ausfallen und die Propagandawoche für vermehrte Zeichnung von Sozialisierungsanleihe Erfolg hat. Der erste Mai wird ein Trauertag sein, wenn die Zeichnungen hinter dem Voranschlag zurückbleiben und die Urabstimmung in den Betrieben und Gewerkschaften negativ ausfällt. Sorgt dafür, dass der erste Mai ein Festtag wird! !

 

 

Vorwärts - 29. April 1920

Wer wird siegen im sozialistischen Wettbewerb?

Der sozialistische Wettbewerb, der morgen seinen Abschluss findet, ist in zweifacher Beziehung der letzte seiner Art. Es ist der letzte Wettbewerb, der mit bedeutenden Geld - und Wertprämien ausgestattet wurde, die auf das abgaben­freie Grundvermögen der Arbeiterklubs der siegreichen Werke nicht angerechnet werden. Es ist aber auch der letzte Wettbewerb zwischen einzelnen Werken. Am 1. Mai ist die Zusammenfassung aller sozialisierten Unternehmungen in Trusts beendet. Im zweiten Trimester wird der sozialistische Wettbewerb also schon zwischen den ein­zelnen Trusts ausgetragen. Die Trusts können allerdings so­zialistische Wettbewerbe unter den angeschlossenen Betrie­ben veranstalten. Es ist jedoch verboten, für diesen Zweck Wertprämien auszusetzen. Die siegreichen Werke oder ihre Arbeiterklubs dürfen lediglich Ehrenurkunden erhalten.
In der ganzen N.E.F. wird das Ergebnis des ersten sozialistischen Wettbewerbs im Rahmen der Föderation mit fieberhafter Spannung erwartet. Alle Partei- und Gewerk­schaftszeitungen bringen lange Abhandlungen und Voraussagen über die wahrscheinlichen Sieger. Sicher ist bis jetzt nur, dass die ersten Preise in der Textilbranche nach Sachsen fallen werden, wo mehrere gleich­wertige Gegner erbittert miteinander ringen. Aus den anderen vier Hauptindustriezweigen liegen bisher verschiedene Schätzungen vor, sie widersprechen einander so stark, dass wir es vorziehen, uns an dem allgemeinen Rätselraten nicht zu beteiligen.
Die Metallindustrie ist zum Zweck des sozialistischen Wettbewerbs in fünf Unterklassen eingeteilt. In der Sonderklasse (über 20000 Mann Belegschaft) dürf­ten die L.L.W.-Breslau wieder das Rennen gewinnen, ob­wohl dieses Werk durch die begonnene Elektrifizierung und Rationalisierung des Verkehrswesens zu starken Umstellungen genötigt worden ist.
In der A-Klasse hat die Liebknecht- (früher Germania-) werft in Kiel die besten Aussichten.
In den anderen Klassen mit ihrer Vielzahl von Betrieben lässt sich überhaupt noch nichts Bestimmtes sagen. Der Trust für die Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen hat im Einverständnis mit dem Zentral-Wirtschafts-Rat für alle landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften, deren Bildung am 1. Mai beschlossen wird, eine Ehrengabe ausgesetzt, bestehend aus:
1 Traktor, 1 Vierscharpflug, 1 Egge, 1 Sämaschine, 1 Mäh­maschine.
Der Düngemitteltrust hat zur Unterstützung der Kampagne für Kollektivwirtschaften ebenfalls bedeutende Preise bereitgestellt.
Der Landwirtschaftsrat hat beschlossen, allen bis zum Abend des 1. Mai neugebildeten Kollektivwirtschaften, in deren Bereich nicht ein früheres Gutshaus liegt, das sich zur Ein­richtung eines Klubs eignet, einen Zuschuss zur Erbauung eines neuen Klubhauses in Höhe der halben Kosten zu übermitteln.
Die Landagitation wird morgen und übermorgen noch verstärkt. Von Berlin gehen heute und morgen allein 700 Sonderzüge zur Landagitation ab.
In jedem Dorf der Nordeuropäischen Föderation finden morgen Versammlungen statt, in denen die landwirtschaftliche Industrialisierung und die Bildung von Kollektivwirtschaften propagiert wird.
Alle Flugzeuge und Luftschiffe in der ganzen N. E. F. wer­den morgen noch einmal eingesetzt, um alle ländlichen Ort­schaften mit Flugblättern zu versehen.

 

 

Vorwärts - 2. Mai 1920

Gewaltige Fortschritte!

Der Abstimmungssieg: Auf 10 Egoisten — 100 Sozialisten
Der Anleihesieg: 12 Milliarden Mark erreicht
Der Sieg auf dem Lande: 2734 neue Kollektiv­wirtschaften
Der Sieg an der Wirtschaftsfront: 5ooo neue Genossenschaften
Die Aprilproduktion überschreitet die Plan­ziffern
Der Sieg des F.S.W.: Zwei Millionen neue Mit­glieder

Der 1. Mai war ein Festtag, war ein Siegestag, wie ihn die Welt noch nie gesehen. Die Morgenstunden standen überall noch im Zeichen der Propaganda. Am Nachmittag aber stieg die Siegesstimmung mit jeder neuen Nachricht. Ein Freudentaumel erfasste ganz Europa, die ganze sozialisti­sche Welt. Das Proletariat feierte seinen Sieg, den Sieg über sich selbst, den Sieg der Selbstdisziplin. Welch ein ge­waltiger Fortschritt seit dem vorigen Jahr! Damals waren wir gezwungen, einen Rückzug anzutreten. Die revolutio­näre Selbstzucht war damals noch nicht stark genug, so dass wir zu Zwangsmaßnahmen schreiten mussten. Auch diesmal fiel der 1. Mai in eine Krisenzeit. Aber durch die Opferfreudigkeit und die heroischen Anstrengungen der Ar­beiterklasse ist diese Krise überwunden worden. Die gewal­tigen Arbeiten, die wir begonnen haben, können fortgesetzt werden ohne Verlängerung der obligatorischen Arbeitszeit und ohne Lohnkürzung.
Über 30 neue Elektrizitätswerke sind am 1. Mai eingeweiht worden, aber gleichzeitig wurden mindestens zehnmal so viel Grundsteine zu neuen Elektrizitätswerken gelegt. Über tausend Betriebe, die ihre Rationalisierungs- und Umstel­lungsmaßnahmen beendet haben, öffnen noch heute ihre Pforten für eine gesteigerte Produktion, aber dreimal so viel Werke werden in diesen Tagen zu demselben Zweck stillgelegt. Im nächsten Vierteljahr dürfte die Umstellung der stillgelegten Luxuswarenbetriebe, Brauereien und Bren­nereien in der Hauptsache vollzogen sein. In der ganzen N.E.F. sind von heute ab nur noch 10 große moderne Brennereien und 30 große Brauereien in Betrieb. Der Kon­sum alkoholischer Getränke ist leider trotz aller Propa­ganda erst auf 32% des Vorkriegskonsums zurückgegan­gen. Das Verbot des Ausschanks alkoholischer Getränke an Jugendliche bleibt bestehen. Jedem Gastwirt, in dessen Lo­kal sich ein Gast sinnlos betrinkt, wird die Konzession ent­zogen. Die Steuern auf Alkohol sind gestern nochmals er­höht worden; dafür ist die Herstellung von alkoholfreien Getränken seit gestern von allen Abgaben frei. Die früheren Luxusgaststätten sind jetzt ausnahmslos Arbeiterklubs oder Kinderheime. Durch diese Maßnahmen und durch weitere Begünstigung und Verbilligung der Herstellung und des Vertriebs alkoholfreier Getränke hoffen wir, den Alkoholis­mus besser bekämpfen zu können als durch völliges Verbot. Durch ein solches Verbot würde, wie die Erfahrung in anderen Ländern zeigt, die Entstehung von Geheimbrenne­reien und damit die Bildung von privatem asozialen Kapital begünstigt. Revolutionäre Selbstzucht ist auch hier die Pa­role. Mit der alten Generation wird die Alkoholseuche lang­sam aussterben. Die aufgeklärte Jugend verabscheut und bekämpft den Alkohol. Parteigenossen, die bereits eine Ver­warnung wegen Trunkenheit erhalten haben, werden im Wiederholungsfalle unweigerlich aus der Partei ausgeschlossen. Die Alkoholindustrie ist also die einzige Industrie, in der die Produktionsziffern ständig zurückgehen, und das ist gut so.
Die Wiederaufbauarbeiten im nördlichen Frankreich und in Belgien schreiten gut vorwärts. Die Industrie und die Gruben in diesen Bezirken sind fast völlig wiederhergestellt. Die landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften mit allen Ge­bäuden und Einrichtungsgegenständen sollen zum größten Teil noch im Laufe dieses Jahres ausgebaut werden. Die Dörfer und kleineren Ortschaften sollen Mitte nächsten Jah­res, die mittleren Städte Ende übernächsten Jahres, die größeren Städte im September 1923 nach den modernsten Städtebauplänen wiederaufgebaut sein. Der Wiederaufbaurat West hat am 1. Mai weitere zwei Mil­liarden von der Zentralbaubank erhalten. Hundert bewährte Baukolonnen sind verdoppelt, zwölf Baukolonnen mit schlechten Leistungen, die sich nicht zu korporativer Arbeit eigneten, aufgelöst worden. Die zwanzig besten Baukolon­nen, die mit den modernsten Arbeitsmethoden geradezu Hervorragendes geleistet haben, werden im Laufe dieses Jahres ständig verstärkt und zu Bauregimentern erweitert. Nach Vollendung des Wiederaufbaus sollen fünf Bauregimenter in Deutschland (Ruhrgebiet, Mitteldeutschland, Neu­berlin, Breslau, Oberschlesien), je zwei Bauregimenter und 20 Baukolonnen in der Donau-Balkan-Föderation und in der Mittelmeerföderation, die übrigen freigewordenen Bau­regimenter, -bataillone und -kolonnen in den östlichen Rand­gebieten der N. E. F. und in Russland eingesetzt werden. Die Kriegsschäden im Rheinland, in West- und Mittel­deutschland und in Böhmen sind zum größten Teil behoben. Der Wiederaufbau in Holstein, auf den dänischen Inseln und im Odergebiet wird in diesem Jahre beendet. Die Schweiz hat sich jetzt völlig auf die neuen Verhältnisse umgestellt und kann in diesem Jahre 100000 erholungsuchende Bauern, Arbeiter, Kinder und Frauen mehr aufnehmen als im vorigen Jahr.
Der Ausbau der Wasserkraftwerke in der Schweiz schreitet, ebenso wie in Süddeutschland und in Schweden-Norwegen, gut vorwärts. In Skandinavien herrscht bereits ein fühl­barer Arbeitermangel. In den nächsten Jahren sollen dort mehrere Millionen aus Deutschland, Polen und Russland an­gesiedelt werden, damit die neuen gewaltigen Energiemengen an Ort und Stelle in modernen Fabriken ausgenützt wer­den können. Noch in diesem Jahre beginnen zwei, im näch­sten Jahre fünf neu gebildete Bauregimenter in Skandinavien und in Finnland-Karelien mit dem Bau neuer Fabriken und Arbeiterwohnhäuser. Für die Beschäftigung der Bau­handwerker im Winter ist bereits gesorgt. In Spitzbergen sind bereits seit dem 15. März 12 Kohlenabbauregimenter und zwei Baubataillone tätig. Fünf Regi­menter können diesmal bereits in dem neuen „Haus der Arbeit" überwintern und die Förderung mit modernster Ausrüstung auch im Winter fortsetzen. Vier Regimenter gehen nach England weiter, wo bis dahin auch die letzten Gruben modernisiert und auf rationelle Arbeitsmethoden umgestellt sind. Die restlichen drei Regimenter und die bei­den Baubataillone werden im nächsten Winter in der Mittelmeerföderation eingesetzt. Die Baubataillone werden zu Re­gimentern verstärkt. Alle Mannschaften der Kohlenabbau­regimenter mit Ausnahme der Urlauber sollen bis dahin in die Lage versetzt sein, zu überwintern und weiterzuarbei­ten. Die Spitzbergen-Freiwilligen erhalten alle zwei Jahre ein halbes Jahr voll bezahlten Urlaub. Der Ausgang der sozialistischen Wettbewerbe hat eine eigenartige Note dadurch erhalten, dass in den grö­ßeren Betriebsklassen fast aller Föderationen und früheren Nationalstaaten die ehemaligen Rüstungsbetriebe an der Spitze marschieren, in Russland Lebedew, in England Armstrong, in Frankreich Schneider-Creuzot, in der Donauföde­ration Skoda. In Deutschland gelang es den Kruppwerken, dicht hinter Borsig und ganz knapp vor L. L. W., den dritten Platz zu belegen. Eine Ausnahme macht lediglich Italien, wo die Fiatwerke durch ihre gewaltige Automobilproduktion alle anderen Betriebe weit hinter sich zurückließen. Die Fiatwerke gewannen damit auch den großen Preis der Sozialistischen Union für stärkste Förderung des Automobil­baus, während der Sonderpreis für Steigerung der Trak­torenproduktion an die Kruppwerke fiel. Die deutschen und französischen Automobilfabriken konnten trotz größter Anstrengungen den Vorsprung der Fiatwerke nicht mehr einholen. Die Fiatwerke produzieren schon seit November vorigen Jahres nur noch einen Wagentyp. Die meisten Werke der N. E. F. bauten dagegen noch im Januar zwei oder gar drei Typen. Die Opelwerke hatten sogar fünf verschiedene Wagenarten im Bau. Nunmehr sind jedoch alle Automobil- und Traktorenfabriken auf die rationelle Herstellung eines einzigen Typs umgestellt worden, so dass der Vor­sprung der Italiener bald eingeholt werden dürfte. Der Sieg der ehemaligen Rüstungswerke ist unserer Meinung nach kein Zufall und auch nicht allein auf die mo­derne Ausrüstung dieser Werke zurückzuführen. Die Arbeiter und technischen Angestellten der früheren Rüstungsindustrie haben sich mit einem wahren Feuereifer auf die neuen Aufgaben umgestellt. In den Kruppwerken gab es in den letzten Monaten keinen Sonntag, der nicht durch frei­willige unbezahlte Arbeitsschichten ausgefüllt wurde. Die Arbeiter, die wochentags in vier Sechsstundenschichten ar­beiteten, verrichteten am Sonntag in drei Schichten unbezahlte Überarbeit, so dass jeder Arbeiter durchschnittlich nur einen Sonntag im Monat frei hatte. In Breslau herrscht über diese Tatsache, die von der Kruppschen Belegschaft bisher sorgfältig geheim gehalten wurde, starke Empörung. Die Arbeiter der L. L.-Werke, die den Kruppwerken ganz knapp unterlegen sind, be­zeichnen die Handlungsweise der Krupparbeiter als so­zialistisches Dumping und das verlorene Rennen als ein un­gerechtes Handikap. Ein Antrag der Waggonbauabteilung verlangt für die nächsten Monate die völlige Aufhebung des freien Sonntags. Diesem Antrage dürfte aber kaum stattgegeben werden. Bei einer täglichen Arbeitszeit von sechs Stunden kann in kritischen Zeiten die Leistung von zwei freiwilligen unbezahlten Sonntagsschichten im Monat bedenkenlos gestattet werden. Im Höchstfalle dürfen drei Sonntagsschichten pro Monat genehmigt werden. Ein Sonn­tag muss auf jeden Fall frei bleiben, auch wenn die da­von betroffenen Arbeiter es in ihrem sozialistischen Wett­eifer anders wollen.
Als die Nachricht von dem Verlust der Spitze im sozia­listischen Wettbewerb in der Stadt bekannt wurde, schlug die freudige Stimmung der Breslauer sofort in das Gegenteil um. An einigen Häusern wurden die roten Fahnen sogar auf Halbmast gesetzt. In einer überfüllten Abendversammlung wurde jedoch den Breslauer Arbeitern erklärt, dass sie keinen Anlass hätten, mit ihren Leistungen unzufrieden zu sein. Am 8. Mai 1913, also ein Jahr vor Kriegsausbruch, wurde die tausendste Lokomotive von den L.L.W. fertig gestellt. In der Nacht zum 1. Mai dieses Jahres leistete ein Teil der Belegschaft freiwillige unbezahlte Überstunden, um die fünftausendste Lokomotive noch bis zum 1. Mai fertig zu stellen. Durch die Umstellung der Produk­tion auf einen einzigen Typ, durch die Erweiterung der Werkanlagen, durch die Rationalisierung und die Einfüh­rung der vierfachen Sechsstundenschicht ist es den L. L.W. möglich, noch in diesem Jahre, also in acht Monaten, wei­tere 5ooo russische Einheitslokomotiven herzustellen. Die­ses Beispiel beweist am deutlichsten die Überlegenheit der sozialistischen Wirtschaf t. Dabei stehen die L.L.-Werke im Gebiet des früheren Deutschland im Lokomotivbau erst an fünfter Stelle (hinter Henschel & Sohn, Krupp, Borsig und Schwartzkopf). Im Waggonbau dagegen stehen die L. L. W. nach Fertigstellung der neuen Erweiterungsbauten an erster Stelle. In Zukunft werden nur noch zwei Arten von Personen- und Güterwaggons in Breslau produziert (Typ Russland und Typ Balkan). Dadurch wird eine weitere Steigerung der Produktion eintreten. Die Breslauer Arbeiter können also mit ihren Erfolgen zufrieden sein. Wie ein Pflaster auf die Wunde wirkte dann noch die Mitteilung, dass Bres­lau in der Betriebsgrößenklasse C den ersten Preis im sozia­listischen Wettbewerb erhalten hat. Der Preisträger ist das Feldbahnwerk „Lassalle" (früher Smoschewer), das große Lieferungen nach den Straßenbaufronten in Polen und Russland und nach dem Donau—Weichsel—Oder-Verbindungs­gebiet zu leisten hat.
Die Arbeiten in diesem Gebiet gehen rüstig vorwärts. Die Roharbeiten zu zwei Staustufen sind am 1. Mai einge­weiht worden. Im ganzen sind zwanzig Staustufen geplant. Das Kanalsystem wird so angelegt, dass es sofort nach Fertigstellung für 1000-Tonnen-Flußkanalschiffe befahrbar ist. Als Mindestwassertiefe ist zunächst 1,60 m vorgesehen. Nach völligem Ausbau des Staubecken- und Wasserwirtschaftssystems soll jedoch eine stetige Fahrwassertiefe von 1,80 m erreicht werden, so dass das ganze Fluss und Kanalsystem später auch für größere Flussschiffe befahrbar sein wird. Die Schleusen werden bereits entspre­chend angelegt. Drei Staubecken werden noch in diesem Jahre fertig; das Staubecken von Ottmachau dagegen erst Ende nächsten Jahres.
Die Leistungsfähigkeit der schlesischen Zementindustrie ist bereits verdreifacht worden, kann aber immer noch nicht alle Anforderungen erfüllen. Am 1. Mai wurden die Erwei­terungsbauten der Werke Neudorf und Silesia eingeweiht. In Groschowitz ist der Bau einer großen Zementfabrik in Angriff genommen worden. Die oberschlesische Produktion steigt ständig. Der Wohnungsbau wird stark gefördert, trotzdem kann der Bedarf noch nicht annähernd befriedigt werden.
Die mitteldeutschen Kanal- und Wasserwirtschaftsbauten sind durch die Fertigstellung neuer Bagger und anderer Maschinen und durch den Zuzug von weiteren 80000 rus­sischen und polnischen Landarbeitern stark gefördert wor­den. Der dringendste Bedarf des Ruhrgebiets ist durch den Zuzug von 50000 polnischen Arbeitern vorläufig gedeckt. Auch in der lothringischen Industrie und im Erzbecken von Longwy und Briey sind wieder 50000 polnische Ar­beiter eingestellt worden.
Das polnische Menschenreservoir ist nun bald erschöpft, da die Straßen-, Eisenbahn- und Wasserwirtschaftsbauten in Polen sehr viel Arbeitskräfte beanspruchen. Die landwirtschaft­liche Anbaufläche in Polen ist stark vergrößert worden. Im nächsten Erntejahre wird alles landwirtschaftlich nutzbare Land unter dem Pfluge sein. Die Anforderungen von polnischen Arbeitern aus dem wiederhergestellten nordfranzösischen Industriegebiet sowie aus Belgien und England konnten gerade noch befriedigt werden. In Zukunft werden wir immer mehr ungelernte Arbeiter aus Russland heranziehen müssen. Die Bekämpfung des Analphabetismus der russischen Landbevölkerung ist deshalb eine Frage, an der wir aufs allerstärkste interessiert sind. Im nächsten Jahr sollen weitere 10000 Lehrer nach Russland gehen. Für die freiwillige Übersiedlung nach Australien dagegen darf in Zukunft in West- und Mitteleuropa nicht mehr agitiert werden. Wir können niemand mehr entbehren. Angesichts dieser Menschenknappheit ist es geradezu ein Verbrechen, dass wir nach den Meldungen vom 30. April immer noch 30000 Arbeitslose unterstützen. Wir begrüßen deshalb die Verordnung des Zentralwirtschaftsrats, wo­nach nur noch für einen Monat Arbeitslosenunterstützung gezahlt werden darf. In diesem Monat muss sich der Ar­beitslose für eine andere Tätigkeit entscheiden, wenn er in seiner Branche keine Arbeit finden kann. Wir brauchen jede Kraft. Ist es nicht ein Wahnsinn, dass 30000 leistungs - und arbeitsfähige Menschen untätig herumlaufen, während Tausende von russischen Bauernsöhnen unter großen Kosten herangeholt und ausgebildet werden! Diese skandalösen Zustände müssen wir sofort ändern.

 

 

Vorwärts - 4. August 1920

Vor 6 Jahren
Wir und Amerika

Wir denken nur mit Beschämung an jene Zeit zurück, in der wir deutschen Proletarier versagt haben. Aber wir haben unser Unrecht, soweit das noch möglich war, nach dem 9. November 1918 wieder gutgemacht. Wir haben dafür gesorgt, dass sich die Ereignisse von 1914 nicht wiederholen können. Die Sozialistische Union steht fest. Wenn es den Kapitalisten Amerikas jemals einfallen sollte, uns anzu­greifen, so werden sie auf Granit beißen. Das wird heute wieder der Millionenaufmarsch des Flug-, Sport- und Wehrverbandes bezeugen. Wir sind gegen jeden Angriff gerüstet. Zudem kann Amerika auch aus innenpolitischen Gründen nicht an Krieg denken. Die Zahl der von Amerika Depor­tierten nimmt ständig zu, die Zeiten des amerikanischen Einwanderungsüberschusses sind — trotz den hohen Löhnen, die jetzt in Amerika gezahlt werden — längst vorbei. In die­sem Jahre sind allein im Bereich der N. E. F. ungefähr 100000 Menschen mehr aus Amerika eingetroffen, als wir an Amerika abgegeben haben. Natürlich denkt Amerika auch gar nicht an Krieg. Es will uns nicht mit Granaten, sondern mit Anleihen überschütten. Der amerikanischen In­dustrie geht es gut. Sie ist im Kriege ausgebaut worden und hat ungeheure Gewinne gemacht, die jetzt durch das Schul­denregelungsabkommen restlos realisiert worden sind. Ka­nada, Mittel- und Südamerika sind trotz allen Revolten fest in der Hand der Yankees. Die Schuldentilgung geht flott vorwärts. China allein hat bisher für 3 Milliarden Dollar mehr aus Amerika bezogen, als es in Landesprodukten ge­liefert hat. Aber den Amerikanern ging es immer noch zu langsam. Sie wollen angeblich so schnell wie möglich ihre Verbindlichkeiten loswerden. In Wirklichkeit möchten sie natürlich nur ihre Unternehmungen restlos ausnutzen und möglichst viel verdienen. Wir sind ihnen entgegengekom­men : Die Amerikaner bauen allein in China in den nächsten Jahren ein Eisenbahnnetz in der Länge von 200000 km (das entspricht dem halben Eisenbahnnetz der Vereinigten Staaten). Wir zweifeln nicht daran, dass sie diese Verpflich­tung ebenso wie alle anderen Lieferungsverträge erfüllen werden. Trotzdem waren wir überrascht, als sie uns das erste Anleiheangebot machten. Sie wollen uns über den Betrag ihrer Zahlungsverpflichtungen hinaus 5 Milliarden Dollars leihen, vielmehr: sie wollen uns dafür Waren lie­fern. Sollen wir dieses Angebot annehmen, oder sollen wir, wenn es seine Schulden beglichen hat, die finanziellen Be­ziehungen zu Amerika abbrechen? Die Meinungen sind geteilt. 20 Milliarden Mark sind eine Summe, die wir bei Durchführung der großen Pläne, die im nächsten Jahr­fünft verwirklicht werden sollen, gut verwenden könnten. Wir brauchen sie nicht unbedingt: wir könnten unseren Aufbau auch aus eigener Kraft durchführen und finanzie­ren. Aber weshalb sollen wir das amerikanische Angebot ab­lehnen?
Wir geben den Amerikanern damit allerdings die Möglich­keit, ihren Wirtschaftsapparat restlos auszunützen und die kapitalistische Wirtschaft zu höchster Blüte zu bringen. Aber wir können anderseits auch unseren Aufbau ungeheuer beschleunigen. Die Fünfjahrespläne, die jetzt zur Debatte stehen, könnten durchweg erweitert werden. (Was die achtprozentigen Zinsen anbetrifft, an denen sich manche Genossen stoßen, so wird ihre Aufbringung für unsere ausgebaute Wirtschaft eine Kleinigkeit sein. In fünf Jahren können wir die geliehenen Summen mit Leich­tigkeit zurückzahlen. Eine andere Frage ist es, ob den Ame­rikanern die Aufnahme dieser Summen dann überhaupt noch möglich ist. Aber das soll ja nicht unsere Sorge sein. Deshalb sind wir für Annahme des amerikanischen Angebots.)

Rückblick
In der kurzen Zeit seit Beendigung des Krieges ist Gewal­tiges geleistet worden. Der Wiederaufbau liegt bald hinter uns. Allerdings, unsere Erfolge sind mit großen Opfern aller Werktätigen bezahlt worden. So gewaltig aber auch unsere freiwillig gebrachten Opfer sein mögen, wie ver­schwindend gering sind sie doch gegen die Opfer, die von der ganzen Menschheit während des Krieges erzwungen wur­den. Ungefähr 10 Millionen Menschen sind den kapitalisti­schen „Vaterländern" geopfert worden. 350000 rote Sol­daten fielen nach dem 9. November im Kampf für den So­zialismus. So schmerzvoll auch dieser Verlust für uns ist, wir können doch stolz sagen, dass der Erfolg nicht zu teuer bezahlt worden ist. 10 Millionen Menschen fielen für ein Phantom, für ein Nichts. Jene 350000 dagegen starben für eine hellere Zukunft der Menschheit. Und ebenso ist es mit den anderen Opfern, die wir alle gebracht haben. Sie waren schwer, gewiss, aber nicht umsonst. Und nun stellen wir uns einmal vor, wie die Welt heute aussehen könnte, wenn all die Opfer, die im Kriege gebracht wurden, ebenso planmäßig wie im letzten Jahr für den sozialistischen Aufbau gebracht worden wären, wenn all die Energien, die der Krieg verschlang, zum Zweck des Aufbaus verwandt worden wären, wenn die 20 Millionen Menschen, die aus dem normalen Produktionsprozess her­ausgerissen wurden, und die 20 Millionen Menschen, die nur für die Zerstörung gearbeitet haben, für eine planmäßige Aufbauarbeit verwandt worden wären!
Die Welt wäre heute schon ein Paradies! Was war, lässt sich nicht ungeschehen machen. Wir haben bezahlt für unsern kritiklosen Glauben an den Kapitalismus und an unsere „Führer", die „im Augenblick der Gefahr das Vaterland nicht im Stich ließen". Und unsere Schuld ist noch immer nicht ganz getilgt. Darum, Genossen! Vor­wärts! Marsch! Erkämpfen wir unseren Kindern das Para­dies, das wir uns selbst verscherzt haben!

Was erreicht wurde
In der N. E. F. sind die Umstellungen der industriellen Produktion größtenteils beendet. Die Produktion ist weiter­hin gestiegen und damit auch unsre Konsumtionskraft, die sich in den Löhnen und den Ausgaben für soziale Zwecke, sowie in den Zuwendungen an die Arbeiter-, Jugend- und Bauernklubs und an die Kinderheime ausdrückt. Eine Er­höhung des Individuallohns ist nicht geplant: sie wider­spräche dem Prinzip der Kollektivierung des Konsums. Die noch immer nicht überwundene Wohnungsnot wird heute bereits nicht mehr so stark empfunden, da allen Werktätigen in Klubs, Tageserholungsheimen, Landhäu­sern, Erholungsheimen und Badeorten schöne und gut aus­gestattete Räume zur Verfügung stehen. Manche Klubs sind sogar schon in der Lage, ihren Mitgliedern und Gästen Reitpferde zur Verfügung zu stellen. Wann hätte je ein Arbeiter vor der Revolution Zeit und Mittel gehabt, diesen schönen und gesunden Sport auszuüben? Er leistete sich bestenfalls ein Fahrrad, und das in der Regel auch nur, um zur Arbeit zu fahren.
Was hätte wohl ein Arbeitgeber in der Vorkriegszeit einem Arbeitnehmer geantwortet, der trotz sechsstündiger Arbeits­zeit vier Wochen bezahlten Urlaub verlangt hätte, um ein Schweizer Sanatorium aufzusuchen? Wir finden das schon selbstverständlich. Was uns früher als Ideal erschien, ge­nügt uns heute schon nicht mehr. Und mit Recht: wir könnten ja wirklich schon viel weiter sein, wenn wir nur an uns selbst, nur an West- und Mitteleuropa zu denken hät­ten. Aber wir sind Sozialisten und denken nicht nur an uns, sondern auch an die anderen, an die Genossen in den armen, unentwickelten, zurückgebliebenen Ländern, denen wir beim Aufbau ihrer Wirtschaft helfen müssen. In den anderen Föderationen, mit Ausnahme der englischen und der Mittelmeerföderation, geht es natürlich langsamer vorwärts als bei uns.
Am gewaltigsten, noch größer als bei uns, sind die Fort­schritte in Australien. Dort sind bisher 3 Millionen Inder, 5 Millionen Chinesen und 3 Millionen Europäer angesie­delt worden, so dass die Majorität der weißen Bevölkerung plangemäß erhalten blieb. Und noch immer hält Australien daran fest, dass nicht mehr Exoten als Weiße einwandern dürfen. Auf Grund eines neuen Abkommens werden aller­dings die Inder arischer Abstammung den Europäern gleich­gesetzt, so dass die Schwierigkeiten für eine weitere Er­schließung Australiens damit behoben wären, wenn nicht eben dadurch Indien in neue Schwierigkeiten geriete. Die Inder sind im allgemeinen schwer zur Auswanderung zu be­wegen. Gerade diejenigen aber, die sich freiwillig zur Aus­wanderung melden, gehören dem fortgeschrittensten Teil der indischen Bevölkerung an. Durch ihre Abwanderung gehen also die wertvollsten Kräfte verloren, die zur Indu­strialisierung Indiens und zur Bekämpfung des Kasten­unwesens dringend im Lande selbst gebraucht werden. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass immer weitere Kreise der im übrigen sehr weit fortgeschrittenen australischen Genossen von den veralteten Rassevorurteilen abrücken und sich für stärkere Zulassung der chinesischen Einwanderer aussprechen. In der australischen Partei wird voraussicht­lich bald eine Mehrheit für diesen Standpunkt vorhanden sein. Für Japaner (es handelt sich meistens um Deportierte) besteht bereits völlige Einwanderungsfreiheit. Zu dieser Kon­zession entschloss sich die australische Partei, da der Zu­strom „weißer" Einwanderer aus Nord- und Südamerika von Monat zu Monat zunimmt. Leider sind diese Amerika­ner meistens im doppelten Sinn des Wortes ,,weiß": da die Sozialistische Partei Amerikas Auswanderung als Fahnen­flucht im Klassenkampf brandmarkt, handelt es sich fast durchweg um Unorganisierte (freigesetzte Landarbeiter und Bewohner der Slums, die mit den Behörden auf Kriegsfuß leben). Ob die Genossen in Australien viel Freude an diesen Brüdern „gleicher Farbe" erleben werden? Wir möchten es bezweifeln.
In der britischen Föderation (England, Schottland, Irland) geht es mit Riesenschritten vorwärts. Der katastro­phale Arbeitermangel verhindert allerdings eine völlige Aus­nutzung der englischen Industrie, so dass in England noch viele Millionen von Arbeitern freiwillig in drei Achtstunden­ bzw. Siebenstundenschichten arbeiten. Die Gegensätze zwi­schen England und Irland, die im Kapitalismus niemals gänzlich beseitigt werden konnten, sind jetzt völlig behoben. Die englische Kohlenproduktion, die vor dem Kriege ihren höchsten Stand mit 290 Millionen Tonnen erreichte, ist schon im Jahre 1919 auf 350 Millionen Tonnen gestiegen. Sie wird noch in diesem Jahre 400 Millionen Tonnen über­schreiten und soll im nächsten Jahre 500 Millionen Tonnen erreichen.
Durch die weitere Steigerung der Förderung auf Spitzber­gen, durch Ausbau der nordfranzösischen und Ruhrkohlen­bergwerke, durch gewaltige Forcierung der mitteldeutschen Braunkohlenförderung, durch Ausbau der oberschlesischen Gruben, verstärkte Arbeit im Donezbecken, sofortige Erschließung der gewaltigen sibirischen Kohlenvorkommen und der riesigen russischen Torflager, durch Verdoppelung der Erdölproduktion in Rumänien, im Kaukasus und in Mesopotamien und nicht zuletzt durch die neuen gewaltigen Wasserkraftwerke werden wir also bald in der Lage sein, unseren wachsenden Energiebedarf zu befriedigen. Wir haben diese gewaltigen Energiemengen aber auch bitter nötig, wenn wir die großen Aufgaben bewältigen wollen, vor die uns die Fünfjahrespläne stellen.
Russland, vor kurzem noch das industriell rückständigste Land, ist nahe daran, uns zu überflügeln: Es holt unsern Vorsprung mit Riesenschritten ein und schreckt nicht davor zurück, von seinen Arbeitern gewaltige Opfer zu verlangen. Russland will während des Fünfjahresplans ungefähr 100 Milliarden Mark investieren. Dazu kommen noch die 45 Mil­liarden Mark, die wir nach den vorliegenden Entwürfen lie­fern werden, sowie 15 Milliarden aus der britischen und 5 Milliarden aus der Donau-Balkanföderation (letztere trägt praktisch auch die N. E. F., da sie 7,5 Milliarden an die Do­nau-Balkanföderation liefern soll). Die Mittelmeerföderation erhält 3 Milliarden von uns und soll ebensoviel Waren an Russland liefern. Am Ausbau Australiens und Südafrikas sind wir mit je 2, am Aufbau Chinas und Indiens mit je 5 Milliarden beteiligt. Zu den Kosten der ersten Erschlie­ßung Zentralafrikas haben wir im nächsten Jahrfünft 3 Milliarden Mark beizutragen. Den Löwenanteil der Industriali­sierungskosten in den vorgenannten Gebieten hat England zu tragen. China erhält darüber hinaus noch die großen Lieferungen aus Amerika. Die Mittelmeerföderation wird ihre ganze Kraft auf Nordafrika, Syrien und Arabien kon­zentrieren, während wir die Hauptkosten der Erschließung Kleinasiens, Persiens und Mesopotamiens übernehmen. Wir sollen also, falls die Entwürfe, so wie sie jetzt vorliegen, angenommen werden, in den nächsten fünf Jahren für zirka 70 Milliarden Mark mehr Erzeugnisse an andere Föderationen abführen, als wir auf dem Wege des Austausches von ihnen erhalten. Eine gewaltige Aufgabe, aber wir können sie lösen, und wir werden unseren ganzen Ehrgeiz einsetzen, die gesteckten Ziele nicht nur zu erreichen, sondern über sie hinaus zu gelangen. Im Kapitalismus betrug die Akkumula­tion der Länder, die heute die N. E. F. umfasst, jährlich schätzungsweise 20 Milliarden. Dazu kamen jährlich mindestens 5 Milliarden Verluste durch Wirtschaftskämpfe. Diese Beträge allein sind doppelt so hoch wie die Summe, die wir akkumulieren müssen, um unsere Abgaben an an­dere Föderationen aufzubringen. Aber heute bereits ak­kumulieren wir, dank den Ersparnissen im Heerwesen, in der Flotte, der Polizei und der Verwaltung jähr­lich zirka 68 Milliarden. Und der Produktionsüberschuss wird in den nächsten fünf Jahren noch sehr erheb­lich steigen. Die Vorteile der Planwirtschaft, der rest­losen Rationalisierung und völligen Ausnutzung aller mo­dernen Betriebe werden sich erst in Zukunft richtig aus­wirken, so dass trotz den gewaltigen Abgaben und neuen Plänen (allein für Wohnungsbau sollen 20—25 Milliarden verausgabt werden) bald eine Lohnerhöhung oder Arbeits­zeitverkürzung erfolgen könnte. Die vorliegenden Pläne sehen jedoch weder in diesem noch im nächsten Jahre eine Erhöhung des Normalstundenlohns vor. Da aber die Fünf­jahrespläne, mit Ausnahme des russischen, keine neuen Sozialisierungsanleihen bringen, steigt in Wirklichkeit der Real­lohn erheblich. Die 10 prozentige Stabilisierungsanleihe wird sogar zum 1. Juli 1921 gekündigt und zurückbezahlt, soweit sie der Zeichner nicht freiwillig in eine 6 prozentige Anleihe konvertiert. Mit der 8 prozentigen Sozialisierungs­anleihe soll dasselbe je zur Hälfte per 1. Juli 1922 und 1923 geschehen. Aus den Reihen der radikalen Mitglieder und besonders aus den Reihen der Jugend sind schwere Vorwürfe gegen den Zentralwirtschaftsrat erhoben worden. Es wird behauptet, er habe durch die Politik der hochver­zinslichen Anleihen eine Art neuen Kapitalismus geschaf­fen. Diese Vorwürfe sind kaum gerechtfertigt. Ohne unsere Anleihepolitik hätten wir nie das erreichen können, was wir bis jetzt geschaffen haben. Der Anreiz der hohen Verzin­sung war zunächst notwendig, da die breiten Massen noch nicht sozialistisch geschult waren. Außerdem war es uns durch diese Anleihepolitik möglich, das versteckte Waren­kapital der kleineren und mittleren Kapitalisten für die Volkswirtschaft nutzbar zu machen. Wir haben dadurch dem wirklichen Kapitalismus und vor allem dem privaten Handel viel mehr geschadet, als wir es durch bloße Konfis­kationen jemals vermocht hätten. Das beste Beispiel ist Holland: Die holländische Wirtschaft und Währung hatte durch die Umwälzung so wenig gelitten, dass bei der Stabi­lisierung der Gulden einer Einheitsmark gleichgesetzt wer­den konnte. In Holland war aber auch der kleine und mitt­lere Kapitalismus noch um die Mitte des vorigen Jahres so stark, dass er beinahe als die vorherrschende Wirtschafts­form angesehen werden konnte. Obwohl in Holland wenig Zwangsmaßnahmen angewandt worden sind, ist es doch ge­lungen, den Anteil der privaten Produktion auf etwas über 20% und den Anteil des privaten Handels auf unter 40% des Gesamthandels herabzudrücken. Das ist immer noch unbefriedigend im Vergleich zu Deutschland und sogar im Vergleich zu Frankreich, dennoch ein beachtlicher Erfolg.
Unsere Anleihepolitik ist also ebenso notwendig wie erfolg­reich gewesen. Was aber im vorigen und zum Teil noch in diesem Jahre galt, gilt nicht mehr im nächsten Jahre. Wo sollen die Liliputkapitalisten, die auch nach der Vermögens­abgabe ihr ganzes in Anleihen angelegtes Kapital behalten haben, in Zukunft ihr Geld anlegen? Wenn sie nach Ame­rika auswandern, dürfen sie nur die Hälfte und im Höchst­falle 5000 Mark mitnehmen. Sie werden es also vorziehen, hier zu bleiben und sich mit 6% zufrieden geben. Der Zen­tralwirtschaftsrat rechnet damit, dass nach der Kündigung der Anleihen nur ungefähr 10%, höchstens 15% der ge­zeichneten Beträge zurückgezahlt werden müssen und der übrige Teil in 6 prozentige Anleihen konvertiert wird. Da die Parteimitglieder zur Konvertierung verpflichtet sind und die andern Arbeiter wahrscheinlich nicht nachstehen wol­len, erscheint uns dieser Voranschlag nicht zu optimistisch.

 

 

Vorwärts - 1. Oktober 1920

Der russische Fünfjahresplan in Kraft

Es ist bedauerlich, dass durch das vorzeitige Losschlagen der Russen eine gewisse Unklarheit in den Wirtschaftsplä­nen eintritt. Die Laufzeit aller anderen Fünfjahrespläne be­ginnt am 1. Januar. Die Genossen in Russland aber glau­ben, dass sie uns ebenso wie in der politischen auch in der wirtschaftlichen Revolution vorausgehen müssen. Wir geben zu, dass die Russen für ihr übereiltes Tempo triftige sach­liche Gründe haben. Russland ist auf fast allen Gebieten am weitesten zurück. Es will vor allem unseren technischen Vorsprung so bald wie möglich einholen. Auch spielt dort die Landwirtschaft noch eine so ausschlaggebende Rolle im Gesamtproduktionsprozess, dass es durchaus ver­nünftig erscheint, das Wirtschaftsjahr (also auch das erste Jahr des Fünfjahresplans) mit dem Erntejahr zusammen­fallen zu lassen. Das hervorstechende Merkmal des russi­schen Fünfjahresplans ist die in den ersten Jahren fast etwas übertriebene Investition in solchen Produktionsmitteln, die von der Konsumtionssphäre noch sehr weit entfernt sind. Trotz den gewaltigen Zuschüssen von Fertigwaren, die wir in den nächsten fünf Jahren an Russland zu leisten ha­ben, muss daher der Massenkonsum im Durchschnitt weit hinter dem west- und mitteleuropäischen zurückbleiben. Das russische Lohnniveau wird in den ersten drei Jahren noch tiefer unter dem unsrigen liegen, als es schon infolge der niedrigen Gesamtproduktivität der russischen Wirtschaft an sich notwendig wäre. Es geht den russischen Ar­beitern und Bauern heute schon besser als vor dem Kriege. Aber es geht ihnen noch lange nicht so gut wie dem Arbeiter in der N.E.F. Nicht nur, dass die meisten russi­schen Arbeiter noch sieben oder gar acht Stunden arbeiten und niedrigere Löhne als in Westeuropa erhalten, auch die Zahl und Ausrüstung der russischen Klubhäuser, Kinderheime, Tages- und Landerholungsheime sowie der Kurorte ist noch viel geringer als bei uns. Die vom russischen Kapi­talismus übernommene Erbmasse war eben in dieser wie in jeder Hinsicht sehr dürftig. Russland wird daher erst in einigen Jahren, nach Beendigung zahlreicher Neubauten an den Ufern des Schwarzen Meeres, in der Krim und im Kaukasus, daran denken können, jedem Arbeiter alle Jahre einen unentgeltlichen Ferienaufenthalt in einem Kurorte zu bieten, während wir schon im nächsten Jahre dazu in der Lage sind. Hier soll der Ferienaustausch einige Ab­hilfe schaffen: Für Arbeiter aus der N. E. F. werden im nächsten Jahre 100000 Plätze in russischen Kurorten frei­gehalten. Die russischen Arbeiter und Bauern erhalten da­gegen 500000 Freiplätze in Deutschland, in der Schweiz, in Dalmatien, an der Riviera und in Italien. Schwerkranke kommen natürlich nach wie vor in das Bad oder in den Luftkurort, wo sie am ehesten Heilung finden, einerlei, ob dieser Ort nun an der See, in Russland oder Ungarn, in der Schweiz, in Italien oder in Ägypten liegt. Wenn das arme Russland mit seiner schwachen Industrie, seiner zum großen Teil immer noch aus Analphabeten be­stehenden Bevölkerung und seinen unentwickelten Hilfs­mitteln den Fünfjahresplan voll erfüllt, so stellt es uns in den Schatten. Trotz den gewaltigen Aufgaben, die wir uns gestellt haben, reicht unser Fünfjahresplan im Verhältnis zu unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bei weitem nicht an den russischen heran. Haben wir unsere Leistungs­fähigkeit unterschätzt, oder haben die russischen Genossen die ihre überschätzt? Müßige Frage! Der gigantische Fünf­jahreswettbewerb innerhalb der Sozialistischen Union hat begonnen: Fünf Jahre lang heißt es, noch einmal alle per­sönlichen Wünsche zurückstellen zum Wohl des Ganzen. Dann aber ist die Verwirklichung des sozialistischen Ideals in greifbare Nähe gerückt.

 

 

Vorwärts - 15. Oktober 1920

Maritimes Wettrüsten?

Bei den Friedensverträgen mit Amerika und Japan ist es leider unterblieben, eine Abmachung über die Einstellung von Kriegsschiffbauten zu treffen. Jeder Gedanke an einen möglichen Krieg lag damals so fern, dass Rüstungsfragen überhaupt nicht erörtert wurden. Jetzt zeigen sich die Folgen: Amerika und Japan arbeiten — zuverlässigen Meldungen zu­folge — fieberhaft an der Verstärkung ihrer Kriegsflotten. Sie können unmöglich daran denken, gegeneinander Krieg zu führen, denn die Beute, um die sie ihn früher vielleicht geführt hätten, China, ist ja Unionsgebiet. Es kann sich also nur um Kriegsvorbereitungen gegen die Sozialistische Union handeln, so unsinnig dieser Gedanke auch ist. Die Treiber sind natürlich die Kriegslieferanten. Wir können dem nicht tatenlos zusehen. Das revolutionäre Kriegskomitee hat beschlossen, alle Kriegsschiffe, die weni­ger als 15 Jahre alt sind, instand zu setzen und gefechtsbereit zu halten. Außerdem werden alle Torpedo- und Untersee­boote sofort wieder instand gesetzt sowie durch Neubauten ergänzt. Das vollkommen neuzeitliche Scapa-Flow-Geschwa­der wird mit Dreijährig-Freiwilligen bemannt. Alle ande­ren Schiffe erhalten eine ständige Bemannung, die in den Werften und Fabriken der Hafenorte arbeitet, alle Jahre eine vierwöchige Übung mitmacht und bei Mobilmachung sofort zur Verfügung steht.
Europa und die Mittelmeergebiete lassen sich also ohne allzu hohe Kosten gegen jeden maritimen Angriff schützen. Anders steht es dagegen um Südafrika, China, Ostsibirien, Australien, Ozeanien und Indien. In Kapstadt soll ein Ge­schwader stationiert werden, dessen Bemannung sich aus Kapstädter Arbeitern rekrutieren wird. Auf den Philippinen muss dagegen zum Schutz gegen einen plötzlichen Überfall ein modernes aktives Geschwader liegen, das jederzeit im­stande ist, die Durchfahrten zwischen dem asiatischen und australischen Kontinent mit Unterstützung von Untersee­booten und Hilfskreuzern zu verteidigen. China, Ostsibirien und Indien sollen dagegen keine moderne maritime Vertei­digung erhalten, da uns das unverhältnismäßig hohe Kosten verursachen würde.
Der Zentralrat der S. U. hat in einer Note an die amerika­nische und japanische Regierung Verwahrung gegen die Neubauten eingelegt und sofortige Verhandlungen angebo­ten. Sollten die Kapitalisten sich weigern, die Schiffsbauten einzustellen, so werden wir ihrer gesamten Handelsflotte das Anlaufen unserer Häfen verbieten und den Handel mit dem kapitalistischen Ausland sofort einstellen. Natürlich werden wir, da eine solche Maßnahme die Fünfjahrespläne undurchführbar machen würde, alles daran setzen, um die Frage friedlich zu lösen.

 

 

Vorwärts - 20. November 1920

Das Ergebnis der Verhandlungen mit Amerika
Einstellung aller Kriegsschiff bauten Fünf Milliarden-Dollar-Anleihe

Also da lag der Hase im Pfeffer! Die Amerikaner wussten genau, dass sie gar nicht an einen Krieg denken können. Aber die Herren Rüstungspatrioten haben trotz der indu­striellen Hochkonjunktur immer noch nicht genug verdient. Deshalb mussten sie für einige hundert Millionen Dollars Kriegsschiffe bauen. Deshalb auch das dauernd wiederholte Angebot von Anleihen, obwohl wir nichts davon wissen wollten. Zuerst verlangten sie 10%, dann 8%, schließlich 7%, und jetzt sind sie froh, ihr Geld mit 6% loszuwerden. Kapitalistische Logik! Was hätten sie wohl gemacht, die Herren Amerikaner, wenn die sozialistische Revolution auf ein einziges Land beschränkt geblieben wäre? Nicht einen Pfennig Kredit hätte dieser sozialistische Staat erhalten, so­lange es noch andere Möglichkeiten der Kapitalsanlage gab. Aber das ist es ja gerade: die profitversprechenden Anlage­möglichkeiten werden knapp. Die Schulden an die Union sind fast abgedeckt. Die südamerikanischen Staaten und Mit­telamerika haben zwar auch Milliarden Dollars aufgenom­men, aber immer noch nicht genug, um für die ungeheuren Mehrwerte der blühenden nordamerikanischen Wirtschaft eine Anlagemöglichkeit zu bieten. In dieser beispiellosen Hochkonjunktur konnten die amerikanischen Kapitalisten ihren Arbeitern trotz Riesengewinnen immer höhere Löhne zahlen. Löhne von 5 Dollars pro Tag sind nichts Seltenes mehr, so dass sich Millionen von amerikanischen Arbeitern an der Kapitalakkumulation beteiligen. Aber wohin mit all dem Segen? Die Riesengewinne können nur realisiert wer­den, wenn große Warenmassen oder Kapitalmengen, für die es in der kapitalistischen Inlandswirtschaft keine ren­table Absatz- oder Anlagemöglichkeit mehr gibt, ins Aus­land gehen. Deshalb bieten die Kapitalisten uns, ihren Tod­feinden, Anleihen an, ja, drängen sie uns geradezu auf. Gut, wir werden sie nehmen. Wir werden unsern industriellen Aufbau damit beschleunigen. Aber was wird in Zukunft, wenn wir wirklich keine Anleihen mehr brauchen können? Werden die Kapitalisten dann Krieg machen, die Welt zerstören, um Platz zu schaffen für das Geld, in dem sie zu er­sticken drohen? 1914 soll uns eine Warnung sein: Wir dürfen uns nicht in Friedensillusionen wiegen.

 

 

Vorwärts - 4. Dezember 1920

Die Forderungen der kommunistischen Jugend

In der ganzen S. U. demonstrierte gestern die kommunisti­sche Jugend für die Parole:
Weg mit der kapitalistischen Anleihepolitik! Macht Ernst mit dem Kommunismus!
Die Forderungen der Jugend sind zum Teil berechtigt, zu einem andern Teil schießen sie weit über das im Augen­blick Erreichbare und Wünschenswerte hinaus. Sie wenden sich gegen die Annahme amerikanischer Anleihen und zu­gleich gegen die Verzinsung der Inlandsanleihen. Sie verlangen, dass der Individuallohn herabgesetzt und der größte Teil des Konsums kommunisiert wird. Gleichzeitig soll der Gesamtlohn, also Individual- plus Kollektivlohn, gesenkt werden, damit die sozialistische Akkumulation verstärkt wer­den kann.
Gestern abend haben Verhandlungen zwischen dem Exeku­tivkomitee der Internationale und den Delegierten der Ju­gend stattgefunden. Der Jugend wurde klargelegt, dass wir zunächst einmal die sozialistische Wirtschaft restlos auf­bauen müssen, bevor wir an die Verwirklichung des Kom­munismus denken können. Die Pflicht der Jugend ist es, bei der Lösung beider Aufgaben voranzugehen. Tatsächlich ist das Leben in den kommunistischen Jugendklubs des Flug-, Sport- und Wehrverbandes ein Beispiel für uns alle! Sie lernen kostenlos Motorrad fahren, fliegen und Auto fahren, schwimmen, reiten, fechten und schießen, haben Kanus, Ruder-, Segel- und Motorboote, Lastkraftwagen und Reit­pferde zu ihrer Verfügung. Überall, wo sie hinkommen, stehen ihnen Klub- und Landhäuser, Jugendherbergen, Bootshäuser, Autogaragen und Flughallen offen. Die Bi­bliotheken sind geradezu mustergültig organisiert. Die künstlerischen und populärwissenschaftlichen Veranstaltun­gen mancher Klubs werden von Nichtmitgliedern so überlau­fen, dass diese Klubs sogar erhebliche Barüberschüsse erzielen. Ihren Urlaub (dies Jahr sechs Wochen, im nächsten schon acht) verbringt die kommunistische Jugend auf Wan­derungen oder auf ehemaligen Truppenübungsplätzen. Viele wohnen dauernd in den Ledigenheimen der Jugendklubs, wo sie preiswert mit einfachem Essen und alkoholfreien Ge­tränken versorgt werden. In manchen dieser Klubs wurde bereits die Wäscheversorgung und die Reparatur von Klei­dung und Schuhwerk kommunisiert. Dem Alkohol und dem Tabak haben die meisten Mitglieder abgeschworen. Über­mäßiger Aufwand gilt als Laster. Der — allerdings ziem­lich hohe — Klubbeitrag ermöglicht ihnen freien Eintritt in Kinos, Theater, Ausstellungen und alle sonstigen Veran­staltungen.
Es ist deshalb nur selbstverständlich, dass die K.J. jetzt den Beschluss gefasst hat, alles irgend entbehrliche Geld, so­weit es nicht zum weiteren Ausbau der Klubeinrichtungen gebraucht wird, in einer selbstorganisierten freiwilligen In­dustrialisierungsanleihe anzulegen.
Aber die Jugendlichen sind damit nicht zufrieden: sie wol­len auch uns, die vom Kapitalismus verseuchte alte Genera­tion, umkrempeln. Sie wollen ihre Eltern und alle anderen Erwachsenen mit Verachtung strafen, wenn sie nicht auf eine Verzinsung ihrer Anleihebeträge verzichten. Sie verlangen die Umwandlung aller Anleihen in zinsfreie Obligationen. Diese Forderung ist aber vom Zentralwirtschaftsrat abge­lehnt worden. Dagegen wurde stärkste Propaganda für die freiwillige Konvertierung aller alten Anleihen beschlossen: jeder Anleihezeichner wird vor die Frage gestellt, ob er alte Anleihen bei Fälligwerden zuzüglich Zinsen ausgezahlt zu bekommen wünscht oder ob er sie in 6 prozentige bzw. in unverzinsliche Industrialisierungsobligationen konvertieren will. Die Forderung der kommunistischen Jugend nach Auflegung unverzinslicher Industrialisierungsobligationen wurde angenommen. Daneben soll aber auch eine 4 prozentige Industrialisierungsanleihe aufgelegt werden, damit die funktionslos gewordenen Kapitalien der Liliputkapitalisten aufgesaugt und auch die Arbeiter, die sich von kapitalisti­schen Gedankengängen noch nicht freigemacht haben, zur Zeichnung angeregt werden. In Wirklichkeit dürfte jedoch auch für den kapitalistisch denkenden Menschen die Zeich­nung von unverzinslicher Anleihe rentabler sein als die Zeichnung verzinslicher. Die verzinsliche Anleihe wird näm­lich in Markbeträgen nominiert, während die unverzinsliche auf Arbeitsstunden lautet: bei der Einzahlung wird ein Stundenlohn einer Mark gleichgesetzt. Die Zeichner von unverzinslicher Stundenanleihe werden nach Ablauf des Fünfjahresplans von so viel Pflichtarbeitsstunden befreit, wie sie Stundenanleihe gezeichnet haben. Die Pflichtarbeits­zeit beträgt augenblicklich im Monat 150 Stunden und wird nach Ablauf des Fünfjahresplans wahrscheinlich nur noch 100 Stunden betragen. Der Anleihezeichner, der jetzt 10 Stunden monatlich zeichnet, opfert damit also ein Fünfzehn­tel seiner Monatsarbeitsleistung, er wird aber in fünf Jahren ein Zehntel seiner monatlichen Arbeitsleistung zurückerhal­ten. Wer im nächsten Jahre 300 Stunden zeichnet, wird also im Jahre 1926 über seine Urlaubszeit hinaus (die dann wahrscheinlich zwei Monate betragen wird) weitere drei Monate von der Pflichtarbeit ohne Kürzung seines Einkom­mens befreit sein.
Dagegen ist der Zeichner von Markanleihe, der in der Zwi­schenzeit allerdings seine 4% Zinsen erhält, 1926 gezwungen, das zurückerhaltene Geld in teuren und hochbesteuerten Luxusartikeln anzulegen. Eine andere Anlagemöglichkeit gibt es dann für ihn nicht mehr. Von der Arbeitspflicht wird er nicht befreit, und die Gegenstände des notwendigen Bedarfs wird er entweder umsonst oder zu billigen Preisen erhalten. Sozialistisches Sparen ist also selbst nach kapi­talistischen Gesichtspunkten rentabler als kapitalistisches Sparen. Wir zweifeln nicht daran, dass weit mehr Stunden­anleihen als Markanleihen gezeichnet werden. Parteimitglie­der können natürlich nur Stundenanleihen zeichnen. Schon dadurch ist der Sieg der Stundenanleihe verbürgt, denn wir haben im letzten Jahre allein in der Partei und in den der Partei gleichgestellten Jugendverbänden 1500000 ordent­liche Mitglieder neu aufgenommen, denen nur ein Abgang von zirka 100000 durch Tod, von 10000 durch Austritt und von zirka 300000 durch Ausschluss gegenübersteht. Die Zahl der Parteikandidaten hat sich um fast 3 Mil­lionen vermehrt. Über 2 Millionen Anwärter haben sich ferner zu vorbereitenden Kursen angemeldet. Der Parteibeschluss über Anleihezeichnung wird sich also auf ungefähr 10 Millionen Menschen beziehen. Ganz sicher ist dieser Beschluss allerdings noch nicht, da er eine völlige Umgestal­tung aller Fünfjahrespläne (mit Ausnahme des russi­schen) bedingte. Mit Ausnahme des russischen Fünfjahres­plans wurden bekanntlich alle Pläne auf der natürlichen Akkumulation aufgebaut, die in den nächsten Jahren in­folge der gewaltigen Steigerung der Produktivkraft bei stehen bleibenden Individuallöhnen und unverkürzter Ar­beitszeit gigantische Dimensionen annehmen wird. In Russland liegen die Verhältnisse anders, die russischen Genossen wollen ihren Aufbau zum größten Teil aus eigener Kraft vollbringen und haben daher eine Sozialisierungsanleihe aus­gegeben, die von der Arbeiterschaft große Opfer verlangt. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn die Russen sich etwas mehr Zeit gelassen und sich mehr auf unsere Hilfe verlas­sen hätten. Aber sie haben ihren Willen durchgesetzt. Und wir werden ihnen, falls die neuen Anleihen Zustandekom­men, auf diesem Wege folgen. Unsere armen Genossen in den Planwirtschaftskommissionen tun uns allerdings leid. Sie werden in der Umstellungszeit statt sechs Stunden wahr­scheinlich 16 Stunden täglich arbeiten müssen, damit die Änderung der Produktionspläne ohne Reibungen vor sich geht. Um ihnen ihre schwere Arbeit etwas zu erleichtern, wird wahrscheinlich die Zeichnungsfrist auf einen Monat beschränkt.

 

 

Vorwärts - 12.Dezember 1920

Wegfall der Soziallohnzuschläge
Keine Frauenzulagen mehr! Staatlicher Kinderzuschuss!

Vom 1. Januar ab fallen alle Frauen- und Kinderzu­schläge zum Normallohn fort. Frauenzuschläge gibt es überhaupt nicht mehr, da für Frauen die gleichen Arbeitsmöglichkeiten bestehen wie für Männer und alle kranken Frauen ausreichend betreut werden. Die Schwangeren er­halten vom fünften Monat der Schwangerschaft an bis acht Wochen nach der Entbindung den vollen Arbeitslohn. Voraussetzung hierfür ist die einwandfreie Feststellung der Schwangerschaft durch den Arzt. Die Aufnahme in Schwan­geren-, Entbindungs- und Wöchnerinnenheimen erfolgt unentgeltlich. Schwangere Frauen sind von jeder Pflichtarbeit befreit, können sich jedoch freiwillig mit leichteren Arbei­ten beschäftigen, wenn der behandelnde Arzt es gestattet. Die Schulpflicht wird auf alle Kinder im Bereich der S.U. bis zur Vollendung des sechzehnten Lebensjahres aus­gedehnt. Am 1. Januar werden in der S.U. über 5000 neue Schulen und 195 neue Universitäten eröffnet; damit ist Platz geschaffen für alle Schulpflichtigen in der S. U., außer in einigen innerasiatischen und innerafrikanischen Gebieten.
Eine Erziehungsbeihilfe von 20 Mark monatlich wird ab 1. Januar an alle Eltern oder Erziehungsberechtigten für Kinder unter 16 Jahren gewährt, die nicht in stationä­ren Kinderheimen untergebracht sind. Die Zahlung dieser Erziehungsbeihilfe wird allerdings davon abhängig gemacht, dass die schulpflichtigen Kinder die Schule besuchen, und dass die Vier- bis Sechsjährigen mindestens drei Stunden täglich in die ambulanten Kinderheime gebracht werden. Lehrmittel werden unentgeltlich von Heimen und Schulen gestellt, ebenso Frühstück und Mittagessen.

 

 

Vorwärts - 12. Februar 1921

Zum Ergebnis der beiden Anleihen

Obwohl die Stärke der Propagandaaktion weit hinter der vorjährigen zurückstand, ist das Ergebnis der Industriali­sierungsanleihezeichnung durchaus zufrieden stellend. In der ganzen Sozialistischen Union sind über 47 Milliarden Stun­denanleihen gezeichnet worden. Der an 50 Milliarden feh­lende Rest wird korporativ von der Partei, von den Verbän­den der Genossenschaften, von den Gewerkschaften und von den Jugendabteilungen des Flug-, Sport- und Wehr­verbandes übernommen. Die Planwirtschaftskommissionen können also mit rund 5o Milliarden rechnen. Der Ertrag der internationalen Stundenanleihe wird voll­ständig von der Zentralplankommission der S. U. verwaltet und verteilt. Die Plankommission der Föderationen haben also damit nur insofern zu tun, als ihnen von der Zentral­kommission Lieferungsaufträge in Höhe der in der Födera­tion gezeichneten Beträge erteilt werden. Das Aufkommen aus der Markanleihe (im ganzen rund 11 Milliarden, davon in der N. E. F. ungefähr 3 Milliarden) fließt restlos den Föderationen zu.
Da eine Umarbeitung und Erweiterung der Fünfjahres­pläne nicht in der kurzen Zeit durchgeführt werden konnte, bleiben diese Pläne zunächst noch bestehen. Der Überschuss aus den Anleihen und die eventuellen Mehrerträge infolge überplanmäßiger Steigerung der Produktion sollen dazu verwandt werden, die planmäßigen Arbeiten zu beschleu­nigen, also eventuell noch in diesem Jahr mit Arbeiten zu beginnen, die eigentlich erst im nächsten Jahr in Angriff zu nehmen waren.
Die Steigerung der Produktion erfolgt vor allem zugunsten der Urproduktion von Rohstoffen. Eine überplanmäßige Steigerung von 20% im ersten Jahre ergäbe infolgedessen eine vielleicht 40 prozentige Steigerung im dritten und vier­ten Jahr des Fünfjahresplans.
Man hofft, dass es gelingen wird, den Gesamtplan schon bis zum 30. April 1925 durchzuführen. Die Verwirklichung des Fünfjahresplans würde danach nicht länger dauern als der Weltkrieg (4 Jahre und 4 Monate). Der 1. Mai 1925 würde zum gewaltigsten Siegestag, den die Menschheit je gefeiert hat. Die sozialistische Menschheit! Denn in Amerika und Japan — wo die Presse uns heute als Utopi­sten lächerlich macht — hat man dann bestimmt keine Lust, mit uns zu feiern!
Im einzelnen soll sich die Beschleunigung des Tempos fol­gendermaßen auswirken: Die industriellen Produktionsziffern des ersten Jahres sollen erreicht werden am 30. November 1921
die des zweiten Planjahres am 31. Oktober 1922
die des dritten Planjahres am 31. August 1923
die des vierten Planjahres am 30. Juni 1924
die des fünften Planjahres am 30. April 1925.
Alle diese Fristen sind errechnet ohne Einsetzung von wei­teren Anleihen in den nächsten Jahren. Bei Fortsetzung unserer Anleihepolitik könnten sie noch erheblich verkürzt werden. Sie könnten, sagen wir. Aber in Wirklichkeit kön­nen sie nicht. Wenn wir unsere Anleihepolitik auch im nächsten Jahre fortsetzten, dann gerieten wir in eine schwere Krise. Einerseits würden dann die Ziffern der Fünfjahres­pläne (mit Ausnahme des russischen, der ja die Anleihen mit einkalkuliert hat) vollkommen hinfällig. Andererseits müssten wir an unserer Überproduktion ersticken. Das ist zunächst unglaubwürdig: konnte doch die Schwer­industrie, obwohl in vielen Werken die Produktion bereits auf über 400% gestiegen ist, den gewaltig gestiegenen Bedarf nicht einmal voll befriedigen. Besonders in der Bau­rohstoffproduktion blieb unsere Erzeugung so weit hinter dem Bedarf zurück, dass wir gezwungen waren, während des ganzen Winters unter Anwendung besonders kostspie­liger Methoden die Anlage und den Ausbau von Ziegeleien, Zementwerken und sonstigen Baurohstoffbetrieben mit Hochdruck fortzusetzen. Die unzureichende Ziegel- und Kunststeinproduktion zwang uns, Unsummen für den Transport von Natursteinen in steinarme Gebiete auszugeben. In unsere Waldbestände mussten wir große Breschen legen, weil die Stahlbauindustrie noch lange nicht leistungsfähig genug ist. Im Gebiet des ehemaligen Deutschland werden die durch diesen Raubbau entstandenen Lücken bald ver­narben, da wir etwa dreimal so große Flächen aufforsteten und uns in den meisten Fällen darauf beschränken konn­ten, schlagreifes Holz zu fällen. Durch die rechtzeitige Er­schließung der polnischen und Karpatengebiete blieben wir vor allzu starkem Raubbau verschont. In den ohnehin waldarmen Gebieten Frankreichs, Italiens und Spaniens da­gegen hat die Waldarmut sehr bedenkliche Formen ange­nommen. Im nächsten Jahre wird nun das russische Ver­kehrssystem so weit ausgebaut sein, dass wir gewaltige Holz­mengen erhalten können. Allerdings werden diese Transporte in vielen Fällen auch nach sozialistischen Gesichts­punkten noch unrentabel sein, da wir wegen des noch im­mer ungenügenden Ausbaus des Verkehrssystems vielfach gezwungen sind, lange und kostspielige Verkehrswege in Anspruch zu nehmen. Trotzdem dürfen wir auf diese Quelle nicht verzichten. Die Abholzung nicht schlagreifer Wald­bestände ist in Mitteleuropa völlig verboten. In Frankreich und in der ganzen Mittelmeerföderation darf überhaupt kein Holz mehr geschlagen werden. Dort beginnen in diesem Jahre die großen Aufforstungsarbeiten, für die Mil­liarden zur Verfügung stehen. Hundertdreißigtausend rus­sische Freiwillige sollen dazu herangezogen werden. Diese Arbeiten sind sehr schwierig. Millionen und aber Millionen Kubikmeter Erde heißt es auf die kahlen Gebirge transpor­tieren, die durch Raubbau in früheren Jahrhunderten ver­ödeten. Kostspielige Berieselungsanlagen und sorgfältigste Pflege des Moosanbaus ist notwendig, damit sich an den kahlen Hängen, die früher von Wald bestanden waren, die ersten Ansätze einer neuen Vegetation halten können. Es gibt also noch genug Gebiete, auf denen eine weitere Steigerung der Produktion und große Investierungen not­wendig sind. Diese Investierungen müssen aber mehr und mehr aus laufenden Einnahmen aufgebracht werden. Die ständige Verbrauchseinschränkung durch fortlaufende Zeich­nung von Anleihen kann auf die Dauer nicht ohne Einwirkung auf den Absatz unserer Fertigfabrikate bleiben. Gewiss, wir können auf Vorrat produzieren. Wir können es uns leisten, größere Warenmengen aufzustapeln, als das im Kapitalismus möglich und rentabel war. Das würde aber, wenn es übertrieben wird, dem Gedanken der Planwirtschaft widersprechen. Nur bei schärfster Anspannung aller Kräfte, nur wenn ein Rad reibungslos ins andere greift, nur wenn all unsere Erzeugnisse sobald wie möglich ohne große Um­wege in den Kreislauf der Wirtschaft eingehen, können wir die Aufgaben lösen, die wir uns gestellt haben. Wenn wir aber zu viel Waren aufstapeln, die nicht sofort abgesetzt werden, so ist das im gegenwärtigen Zeitpunkt gleichbedeu­tend mit teilweisem Leerlauf der Konsumtionsmittelpro­duktion, — also Vergeudung. Bei Fortsetzung der Anleihe­politik ist das aber kaum zu vermeiden. Anleihe zeichnen heißt: gegenwärtige Konsumtion einschränken zugunsten zukünftiger Mehrkonsumtion oder Minderproduktion. Niemand kann mit Bestimmtheit voraussagen, in welchen Artikeln die Anleihezeichner ihre Produktion einschränken werden. Wenn bisher keine Überproduktion in verschiede­nen Warengattungen eingetreten ist, so kommt das da­her, dass wir zunächst einmal die durch den Krieg erschöpf­ten Bestände wieder auffüllen mussten. Und was in unserem Gebiet nicht dringend gebraucht wurde, mussten wir abge­ben, um den geradezu unstillbaren Warenhunger im Osten und in Übersee zu stillen. Dabei sind wir fast alles losgewor­den, was überhaupt da war. Das riesige Russland mit seinen 150 Millionen Bauern verschlang allein fast all unsere Warenüberschüsse.
Es machen sich aber doch schon die ersten Anzeichen von Warensättigung bemerkbar. In diesem Jahre wird der Absatz zwar noch nicht auf Schwierigkeiten stoßen, denn die Kaufkraft in allen neuerschlossenen Gebieten steigt enorm und wird voraussichtlich etwa in einigen Jahren die eu­ropäische erreichen. Noch sind die Fabrikationsanlagen in diesen Gebieten nicht soweit ausgebaut, dass sie einen nen­nenswerten Teil des Bedarfs decken können. Aber das än­dert sich sehr rasch. Im Prinzip sollen allerdings nur Fa­briken derjenigen Wirtschaftszweige in diesen Gebieten ge­baut werden, in denen wir keine überschüssige Produk­tionskapazität besitzen. In der Praxis lässt sich das aber nicht immer durchführen. Es würde auch volkswirtschaft­lich sinnlos sein, z. B. alle Eisenbahnschienen in Europa herstellen zu lassen und jährlich Millionen und Abermillio­nen für unnötige Transporte auszugeben, wenn man sie im Kaukasus oder in Sibirien per saldo billiger herstellen kann. Trotzdem wird unsere Metallindustrie auf Jahre hinaus nicht nur voll beschäftigt, sondern sogar kaum in der Lage sein, den Bedarf voll zu decken. Anders in der Textilindu­strie. Solange wir zum größten Teil auf amerikanische Baumwolle und australische Wolle angewiesen waren, lie­ßen wir natürlich die Rohstoffe für die Wäsche der russi­schen Arbeiter und Bauern auf ihrem Wege nach Osten über England, Sachsen oder über Lodz gehen und dort ver­arbeiten : Wolle für Anzüge ging nach Manchester, Paris, Lyon, Chemnitz, Neumünster, Berlin oder Breslau. Je stärker aber der Baumwollbau in Indien, Ägypten und Turkestan gefördert wird, je besser die osteuropäischen und innerasiatischen Verkehrsverbindungen nach dem Süden sind, um so unrentabler werden diese Umwege. Die nördlichen Strecken der Eisenbahn Sibirien—Turke­stan sollen bis zum Herbst, die südlichen fünfviertel Jahr darauf fertig werden. Die Arbeiten am Wolga-Donaukanai gehen ebenfalls so rasch vorwärts, dass der größte Teil des Baus noch im nächsten Jahre beendet werden kann. Die nordafghanische Bahn wird noch im nächsten Jahre, die mittelafghanische Bahn in zwei Jahren fertig gestellt. Auch die transpersische Bahn und die letzte Strecke der Berlin— Basra-Bahn sollen Ende des nächsten Jahres dem Verkehr übergeben werden. Das Kaspische Meer hört auf, ein Bin­nenmeer zu sein: es wird ein wichtiger Brennpunkt des Weltverkehrs. Sobald diese Pläne verwirklicht sind, müssen wir unsere Wirtschaft vollkommen umstellen und die Ar­beitszeit weiter verkürzen. Viele Arbeiten, die jetzt Europa leistet, können dann in diesen Gebieten ausgeführt werden. Alle schweren Waren, in denen verhältnismäßig wenig Ar­beit steckt, sollen dann soweit wie möglich in den Gegen­den produziert werden, wo man sie verbraucht. Erzeugnisse jedoch, in denen bei verhältnismäßig leichtem Gewicht sehr viel qualifizierte Arbeit steckt, werden auch künftig vor­zugsweise wir herstellen.
Bis dahin wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Die Leistungen unserer Textilfabriken finden vorläufig ihre Be­grenzung nur in den zur Verfügung stehenden Rohstoffen, obwohl wir den ganzen enormen Anbauüberschuss der ge­waltig gesteigerten amerikanischen Produktion aufnehmen. Der Anbau von Flachs, Hanf und anderen Textilpflanzen in unserem Bundesgebiet wird in diesem Jahre fast verdop­pelt. Selbst nach Fertigstellung der großen Erweiterungs­bauten in Westpolen und der großen neuen Textilfabriken im russischen Industrierayon wird unsere Textilindustrie bei vierundzwanzigstündiger Fabrikation in Schichtenwech­sel immer noch restlos ausgenützt werden können. Wir fühlen uns aber verpflichtet, schon jetzt auf die Gefahren hinzuweisen, die bei andauernder Steigerung des Tempos und bei Fortsetzung der Anleihepolitik entstehen können, denn das, was wir von der Textilindustrie gesagt haben, gilt natürlich in ebenso starkem oder in noch stär­kerem Maße von anderen Zweigen der Fertigwarenfabri­kation.
Auch sind wir der Ansicht, dass endlich angefangen werden muss, den Werktätigen die Vorteile des Sozialismus in dem Maße fühlbar zu machen, wie es uns der heutige Stand der Wirtschaft erlaubt. Die Arbeitszeit kann verkürzt, die Löhne können erhöht werden. Das wäre unseres Erachtens bei der jetzigen Lage durchaus zu rechtfertigen. Wir wissen, dass diese Auffassung nicht mit der des Föderations-Wirtschafts­rats und mit der des Zentralwirtschaftsrats übereinstimmt, fühlen uns jedoch verpflichtet, einer Meinung Ausdruck zu geben, die weiter verbreitet ist, als diese Behörden an­nehmen. Auf die Gefahr hin, dass die hier entwickelte Auf­fassung als reformistisch angesehen wird, stellen wir den Vorschlag zur Diskussion, vom nächsten Jahre ab keine weiteren Anleihen mehr aufzunehmen, was praktisch auf eine Erhöhung des Reallohns hinausliefe. Trotz allen Beteuerungen, dass die letzte Anleihe für die Werktä­tigen, mit Ausnahme der Parteiangehörigen, eine rein freiwillige Angelegenheit gewesen sei, muss doch gesagt werden, dass sie von weiten Kreisen als ein Abzug vom Lohn empfunden wurde, da die moralische Beeinflussung im Klub, in der Gewerkschaft, im Betriebe usw. ebenso wirkt wie direkter Zwang. Wer nicht zeichnet, wird oft schlimmer geächtet als ein Verbrecher. Es ist gewiss zu begrüßen, dass gegenseitige Kontrolle und revolutionäre Selbstdisziplin sich als so wirksam erwiesen haben. Wir müssen uns aber davor hüten, dies an sich gesunde Prinzip zu übertreiben. Den Einwänden des Wirtschaftsrates und der Plankommissionen begegnen wir von vornherein mit dem Argument, dass sie selbst vor nicht allzu langer Zeit ebenso gedacht und daher in die ursprünglichen Pläne keine Erträge aus Anleihen einkalkuliert haben. Die Änderung der Anleihepolitik ist letzten Endes doch nur auf die rus­sischen Genossen zurückzuführen, die mit Siebenmeilenstie­feln vorwärts gehen, weil sie sich nicht nachsagen lassen wollen, dass ihre Industrialisierung nur durch die Hilfe des Westens möglich gewesen sei.

 

 

Vorwärts - 20. Februar 1920

Ein Sturm der Entrüstung

Unser Leitartikel vom 12. Februar hat uns eine Flut von empörten Zuschriften eingetragen. Wir wollen nicht selbst dazu Stellung nehmen, sondern begnügen uns mit der Erklä­rung, dass der inkriminierte Artikel nicht von einem ständi­gen Mitglied unsrer Redaktion stammt, sondern von einem gelegentlichen Mitarbeiter, der selbst an verantwortlicher Stelle in einer Planwirtschaftskommission arbeitet. Wir gehen nicht so weit wie der französische Genosse, dessen Zuschrift wir nachfolgend veröffentlichen, sind aber doch der Ansicht, dass der Verfasser des strittigen Artikels aus der ökonomischen Lage falsche Schlüsse zieht und sich — so beachtenswert einige seiner Argumente sind — zum Wortführer kleinbürgerlicher Anschauungen macht. Rene Didier aus Longwy schreibt:
„Nieder mit den Defaitisten und Miesmachern! Um es vorneweg zu sagen: Der Genosse, der den Artikel vom 12. Februar verbrochen hat, scheint mir für die nächste „Reinigung" reif. Wohin sind wir gekommen, wenn solche Reformisten schon im Zentralorgan der Partei zu Wort kommen? Natürlich gibt es Kollegen, auch Genos­sen, die nur widerwillig ihrer Anleihezeichnungspflicht ge­nügen. Es gibt sogar Arbeiter, die am liebsten nur noch drei Tage in der Woche arbeiten möchten und den industriellen Aufbau Russlands und Asiens als eine Aufgabe an­sehen, die nur die Bewohner dieser Gebiete etwas angeht. Es gibt auch Arbeiter, die acht Stunden am Tage arbeiten möchten, um hohen Lohn zu bekommen. Sie wollen Luxusartikel oder gar ein eigenes Auto, wie es neuerdings in Amerika Mode geworden ist. Sollen sie doch nach Ame­rika gehen! Warum gehen sie denn nicht? Weil sie genau wissen, dass es dem amerikanischen Arbeiter trotz ständig steigenden Löhnen lange nicht so gut geht wie uns, dass auch der bestbezahlte amerikanische Arbeiter sich nicht ent­fernt das leisten kann, was dem Arbeiter in der S. U. in Klubs, Erholungsheimen und sonst geboten wird. Gewiss, der gutbezahlte amerikanische Arbeiter kann sich für sein Geld eine Menge Luxusartikel kaufen, die es bei uns glück­licherweise nicht gibt. Aber warum kommen dann, obwohl Gewerkschaften und Partei das Verlassen der Vereinigten Staaten als Desertion im Klassenkampf verurteilen, Tausende von amerikanischen Arbeitern zu uns? Weil sie genau wissen, dass es ihnen hier trotz niedrigeren Nominallöhnen heute schon besser geht als drüben, und morgen erst recht. Vor allem aber, weil sie nicht für das sterbende Wirtschaftssystem der Ausbeuter arbeiten wol­len, sondern lieber ihre Kraft dem Sozialismus widmen. Diese Bewegung unter den amerikanischen Arbeitern würde noch viel stärker sein, wenn wir den amerikanischen Kapi­talismus nicht durch unsere Anleihepolitik künstlich unter­stützten. Es ginge den amerikanischen Kapitalisten bestimmt nicht so gut, wenn wir ihnen nicht Gelegenheit gäben, ihre Produktion bei uns abzusetzen. Weshalb wirft man die ame­rikanischen Unterhändler nicht einfach raus, die uns jetzt schon wieder eine Anleihe von 5 Milliarden Dollars aufhalsen wollen? Wir könnten auch ohne amerikanische Anleihen fertig werden, sie aber würden an ihrem Mehrwert er­sticken. Deshalb sollten wir die Mittel zu einer gesteigerten Industrialisierung lieber aus eigener Kraft aufbringen und nicht davor zurückschrecken, für weitere Anleihen auch in den nächsten Jahren intensivste Propaganda zu machen. Die Löhne dürfen nicht erhöht, die Arbeitszeit darf noch nicht verkürzt werden. Alle Produktionsüberschüsse gehören dem Ausbau der sozialistischen Weltwirtschaft! Eine Verlangsamung des Tempos darf erst eintreten, wenn der Sozialismus wirklich auf der ganzen Welt gesiegt hat. Aber ein Viertel der Welt ist noch in Händen der Kapitalisten, und auf diesem Viertel geht es den Kapitalisten gut. Ich meine, kein Sozialist darf sich Ruhe gönnen, solange der Kapitalismus nicht endgültig erledigt ist. Ist das Opfer denn wirklich so groß, wenn man vom Arbeiter verlangt, dass er Anleihe zeichnet? Die Zuweisungen an die Klubs sind am 1. Januar wieder erhöht worden. Am 1. Mai soll eine neue Erhöhung erfolgen. Wenn es nach mir ginge, würde die Kommunisierung aller Bedarfsartikel viel mehr beschleunigt, so dass der Geldlohn bald überhaupt ver­schwände. Da wir aber noch nicht so weit sind, bin ich für verstärkte Anleihezeichnung."

 

 

Vorwärts - 15. März 1920

Die Stellungnahme des Volkswirlschaftsrates

Nachdem sich Genossen aus allen Föderationen zur Frage der beschleunigten Durchführung der Fünfjahrespläne und der weiteren Fortsetzung der Anleihepolitik geäußert ha­ben, nimmt der Zentral-Wirtschaftsrat der sozialistischen Union jetzt selbst Stellung dazu. Auf Grund der endgül­tigen Ziffern des vorigen Jahres und der Schätzungen für das erste Quartal 1921 kommt er zu der Überzeugung, dass wir unsere Kraftquellen, unsere Produktionsfähigkeit und das zur Akkumulation zur Verfügung stehende Ein­kommen zu gering veranschlagt haben, so dass schon allein dadurch eine wesentliche Beschleunigung der Arbeiten mög­lich wäre. Hinzu kommt noch eins: Für dieses Jahr war eine ganz gewaltige Senkung der Preise für Getreide und für alle übrigen landwirtschaftlichen Produkte geplant. Die selbständigen Landwirte, die eine große Gefahr für die sozialistische Wirtschaft zu werden drohten, sollten damit gezwungen werden, in den Kollektiven aufzugehen. Sie wä­ren buchstäblich verhungert, wenn sie versucht hätten, mit unsern Riesenbetrieben zu konkurrieren. Die Erfolge un­serer mit den modernsten Maschinen und Geräten ausge­statteten Großbetriebe sind jedoch so überwältigend, dass der Andrang zu den Kollektiven immer stärker wird. Trotz aller Produktionssteigerung sind wir nicht in der Lage, den vollen Bedarf an landwirtschaftlichen Maschinen usw. zu decken. Russland allein hat fast eine Viertelmillion Trak­toren verschlungen. Die großen Getreidefabriken, mit de­ren Errichtung im Sommer 1919 begonnen wurde, haben glänzende Erfolge gezeitigt. Eine einzige Getreidefabrik („Gigant" bei Rostow am Don), die mit 600 Traktoren und 7000 Mann eine Saatfläche von 64000 Hektar bestellt hat, konnte allein 5o 000 Tonnen Weizen ernten. Hunderte von solchen staatlichen Getreidefabriken wurden neu angelegt. Tausende von neuen Kollektivwirtschaften sind entstanden. Die Anbaufläche soll im Verlauf der diesjährigen Früh­jahrssaatkampagne auf 150000000 Hektar ausgedehnt werden. Dazu wird dringend der ganze Überschuss unserer Erzeugung benötigt, zumal wir auch in den östlichen Ge­bieten der N. E. F. noch Unmengen von Traktoren und land­wirtschaftlichen Maschinen brauchen und überdies in die­sem Jahre 50000 Traktoren an die Donau-Ralkan-Föderation liefern sollen. Wir haben also zunächst keinen Anlass, die Bildung von Kollektivwirtschaften noch mehr als bisher zu beschleunigen. Solange wir aber nicht alle Einzel­bauern kollektivieren können, dürfen wir sie nicht lebens­unfähig machen. Die Kampfpreise werden also noch nicht eingeführt. Da die jetzigen Getreidepreise nach dem schlech­testen Boden berechnet sind, macht die Getreidehandelsge­sellschaft der Föderation zur Zeit Milliardengewinne. Sie sollen so lange für die Verstärkung der Industrialisierung ausgegeben werden, bis in der Fabrikation landwirtschaftlicher Maschinen das Missverhältnis zwischen Produktion und Nachfrage beseitigt worden ist.
Dann allerdings wird die Stunde der Einzelbauern geschla­gen haben. Dann wird es bald keine Bauern im früheren Sinne mehr geben. Der alte Unterschied zwischen Stadt und Land wird verschwinden. Vorläufig spielen die Einzel­bauern noch eine Rolle in unserer Wirtschaft, und zwar nicht nur in Bezug auf den Getreidebau, sondern auch hin­sichtlich der Viehzucht. Solange die großen sozialistischen Musterviehzuchtbetriebe nicht genügend Schlachtvieh ab­geben können, sind die ländlichen Einzelwirtschaften unent­behrlich. Namentlich die schnelle Vermehrung des Schweine­bestandes wäre niemals möglich gewesen, wenn wir dem Einzelbauer nicht eine gewisse Schonzeit gegeben und ihn dadurch zu einem produktiven Faktor unserer Gesamt­wirtschaft gemacht hätten. Auch der Viehaustausch mit Russland wäre ohne die Inanspruchnahme der beiderseiti­gen Einzelbauern niemals so schnell vonstatten gegangen. Die mitteleuropäischen Bauern haben dabei ein gutes Ge­schäft gemacht, denn sie haben hohe Preise für ihr wert­volles Vieh erhalten. Die russischen Bauern machten aber dabei ein ebenso gutes Geschäft, denn sie haben ihr Schlacht­vieh gut bezahlt bekommen und zur Anschaffung des be­deutend besseren Zuchtviehs Zuschüsse erhalten. Wir ha­ben weit über eine Milliarde bei diesem Austausch zuge­setzt, dafür ist die russische Milchproduktion um 48% gestiegen. Diese Tatsache ist sehr erfreulich, bringt uns aber auch wieder neue Sorgen, denn wir sind nun gezwun­gen, über 100 Millionen Mark mehr als im Plan vorge­sehen, für die sofortige Anlage von neuen Molkereien und Kondensmilchfabriken auszuwerfen. Die gewaltige Um­wandlung aller Verhältnisse zeigt sich am besten in einem Fehler, den wir auf dem Gebiete der Pferdezucht gemacht haben. Eine unserer ersten Maßnahmen nach der Revolu­tion war die Aussetzung einer hohen Prämie für jedes geworfene Fohlen. (Nach der Stabilisierung 50—100 Mark.) Alle Pferdehalter haben natürlich ihre Stuten belegen las­sen, so dass sich der Pferdebestand ganz gewaltig vermehrt und den Friedensstand schon jetzt überschritten hat. Es ist nun leider versäumt worden, dieses Versprechen recht­zeitig zu kündigen, so dass wir, da wir nicht wortbrüchig werden wollen, gezwungen sind, die Prämie noch bis Ende dieses Jahres zu zahlen, obwohl wir, bis die im Dezember geborenen Fohlen spannfähig sind, vielzuviel Pferde haben werden. Auf der einen Seite zahlen wir also dem Bauern eine hohe Prämie für jedes geworfene Fohlen. Anderer­seits müssen wir froh sein, wenn uns die Kleinbauern die Pferde, die in der Industrie, im Verkehr und in den land­wirtschaftlichen Großbetrieben freigesetzt werden, zu nied­rigen Preisen abnehmen. Auch die veralteten und halbmo­dernen Maschinen und landwirtschaftlichen Geräte, die wir in gewaltigem Umfange durch bessere ersetzt und zu nied­rigen Preisen abgestoßen haben, wurden fast restlos von den bäuerlichen Einzelwirtschaften aufgesogen. Infolge der mannigfaltigen Vorteile, die den Einzelbauern hierdurch entstanden sind, infolge der Übergewinne und Anbauprä­mien in den Jahren der Getreide- und Fleischknappheit sowie infolge der teils unentgeltlichen, teils stark verbillig­ten Belieferung mit Düngemitteln, und weil die Gemüse­knappheit noch immer nicht restlos behoben ist, sind viele bäuerliche Mittelbetriebe durchaus noch in der Lage, die wachsende Konkurrenz der Großbetriebe zu ertragen, al­lerdings unter viel schlechteren Arbeitsbedingungen als in unseren modernen Großbetrieben. Das darf uns aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass hier eine grandiose Vergeudung von Volksvermögen und Arbeitskraft getrieben wird. Wir müssen deshalb die Industrialisierung der Land­wirtschaft stärker fördern, als es in den Plänen vorgesehen ist. Wir müssen die Anbaufläche in der ganzen S. U. wei­ter steigern, und möglichst viel Gebiete mit gutem Boden durch beschleunigte Anlage neuer Verkehrswege erschlie­ßen, damit wir alle unrentablen Böden der Bebauung ent­ziehen können.
Die eingehende Behandlung dieser einen Frage zeigt, dass es nicht nur möglich, sondern sogar sehr notwendig ist, unsere Produktionspläne weiter auszubauen und die Fristen zu verkürzen. Ursprünglich war geplant, unsere Produk­tionseinrichtungen so gut wie möglich auszunutzen, die Arbeiter aber nicht noch mehr zu belasten. Da uns nun aber durch die Initiative der Werktätigen selbst 50 Milliar­den Mark bzw. Stunden mehr zur Verfügung gestellt wur­den und uns voraussichtlich durch weitere Anleihen in den nächsten Jahren noch mehr Mittel zufließen, erscheint es möglich, das Programm der Fünfjahrespläne schon in vier Jahren zu bewältigen. An dem Prinzip der Freiwilligkeit der Anleihezeichnung wollen wir allerdings nicht rütteln (für Parteimitglieder ist die Zeichnung natürlich Pflicht). Wenn wir dagegen vor die Frage gestellt werden: kapitalistische oder sozialistische Anleihen? so antworten wir: Wir wer­den das eine tun und das andre nicht lassen. Die neue 5 Milliarden Dollar-Anleihe ist zu einem Zinsfuß von nur 5% abgenommen worden. Es ist nicht etwa Opportunismus, der uns bewogen hat, dem Drängen der amerikani­schen Bankiers nachzugeben. Es waren sehr wohlerwogene Gründe. Als wir anfingen zu wirtschaften, haben wir dem Kleinhändler, dem kleinen Handwerker und Fabrikanten in unserem Bundesgebiet gewisse Freiheiten eingeräumt. Wir konzentrierten uns zunächst darauf, die wichtigsten Punkte, die „Kommandostellen", zu besetzen und ließen den Über­bleibseln des Kapitalismus einen gewissen Spielraum. Sie wurden, ohne dass wir es wollten, zu einem Bestandteil un­serer Planwirtschaft. Man hat es uns oft genug vorgewor­fen. Aber jetzt können wir fragen: Wo sind die Kleinhänd­ler, wo die privaten Fabrikanten, die Schieber und Nepmänner geblieben? Nahezu verschwunden, aufgesogen! Ebenso hat man uns Vorwürfe gemacht, weil wir nicht gleich mit al­ler Schärfe gegen den größeren und mittleren Landwirt vor­gegangen sind. Bei den ersten zwangsweisen Versuchen der Kollektivisierung leisteten die Bauern energischen Widerstand und schreckten selbst vor Sabotagemaßnahmen nicht zurück. Nachdem wir sie aber immer reichlicher mit Wa­ren belieferten und sie für einige Zeit frei schalten und walten ließen, wurden sie zu wertvollen Bestandteilen un­serer Planwirtschaft. Die Frage der restlosen Kollektivisie­rung der Landwirtschaft ist jetzt nur noch eine Frage der industriellen Produktionssteigerung. Noch im vorigen Jahre ist es in Russland vorgekommen, dass die unaufgeklärten Bauern unsere Agitatoren, die für die Kollektivisierung Propaganda machten, mit Knüppeln wegjagten. Aber je mehr Traktoren, landwirtschaftliche Maschinen und Autos mit Werkzeugen, Waren und Düngemitteln anrollten, je mehr Straßen und Eisenbahnen gebaut wurden, um so schneller änderte sich das Bild. Wenn Ende vorigen Jahres Kollektivisierungspropaganda gemacht wurde, dann stan­den die Traktorenkolonnen und landwirtschaftlichen Ma­schinen vor dem Versammlungslokal. Dann kam der In­struktor, der das neue Kollektiv leiten sollte, gleich mit. Und jetzt ist es unmöglich, alle Anträge auf Bildung von Kollektivwirtschaften zu bewilligen, weil wir nicht genü­gend Traktoren, Maschinen und Autos liefern können. Wo wird, so fragen wir, in einigen Jahren der Einzelbauer geblieben sein? Verschwunden, aufgesogen! Ist es aber mit Amerika anders?
Wo wird das kapitalistische Amerika in 10 bis 15 Jahren sein, wenn wir das rasende Tempo unseres Aufbaus beibe­halten?
Verschwunden, aufgesogen von der weltumspannenden S.U! Zukunftsmusik? Gewiss, aber eine Zukunftsmusik, zu der wir heute schon die Instrumente bauen. Es steht außer Frage: den Amerikanern geht es glänzend.
Die Produktion steht auf schwindelnder Höhe. Die Löhne steigen. Die Gewinne gehen ins Ungemessene. Die amerikanischen Milliardäre lassen sich ihre Villen und Landhäuser mit dem Golde dekorieren, das wir ihnen für Kupfer und Baumwolle bezahlen mussten. Ihre Frauen behängen sich mit den Perlen und Diamanten, die wir ihnen hau­fenweise im Austausch gegen Maschinen geliefert haben. Sie zahlen in ihren neuen Modebädern Tausende von Dol­lars für einen Quadratmeter Boden. Die Abdeckung der übernommenen Schulden nimmt ein geradezu rasendes Tempo an, so dass die völlige Industrialisierung Chinas, der Mongolei, der Mandschurei und Ostsibiriens um Jahre früher, als vorgesehen, beendet sein wird. Aber das alles genügt noch lange nicht, um die ungeheuer gestiegene Pro­duktion Amerikas aufzunehmen. Weshalb sollen wir Ame­rikas Produktionsüberschüsse nicht ebenso in unsere Welt­planwirtschaft einbeziehen wie bisher die Arbeit und das Kleinkapital der Privathändler und Nepmänner, wie heute noch die Arbeit der Groß- und Mittelbauern? Wenn da­durch Amerika auch noch reicher und leistungsfähiger wird, — unsere Leistungsfähigkeit steigt in viel höherem Maße, falls wir unsere gewaltigen Pläne nicht nur in der vorgesehenen Art und Weise durchführen, sondern sogar erweitern und beschleunigen.
Die Kritiker unserer Anleihepolitik sagen: dadurch, dass wir jährlich für Milliarden Dollars mehr Waren aus Amerika im­portieren, als wir dorthin ausführen, verstärken wir die Le­bens- und Leistungsfähigkeit des amerikanischen Kapitalis­mus. Das trifft zu. Verfehlt aber wäre es zu glauben, dass der amerikanische Kapitalismus schon in den nächsten Jahren ohne diese Kapitalexpansion zugrunde gehen müsste. In Kanada und in Süd- und Mittelamerika gibt es immer noch genug Anlagemöglichkeiten, um den amerikanischen Imperialis­mus während der Zeit unsres Aufbaus über alle Schwierig­keiten hinweg zu helfen. Jetzt wird die Durchindustrialisierung und Durchkapitalisierung dieser Gebiete so nebenbei mit vorgenommen. Dem amerikanischen Kapitalismus würde es sicher auch nicht schlecht gehen, wenn die Revolution in Eurasien, Afrika und Australien nicht siegreich gewesen wäre. Eine solche Blütezeit, wie Amerika sie zur Zeit durch­lebt, ist jedoch nur unter den besonderen augenblickli­chen Verhältnissen möglich. Wir dürfen die Lebens- und Leistungsfähigkeit des amerikanischen Kapitalismus weder unterschätzen noch überschätzen. In Wirklichkeit ist un­sere Leistungsfähigkeit schon heute viel größer als die ame­rikanische, trotz dem ungeheuren Vorsprung, den Amerika im Kriege und im ersten Revolutionsjahre gewonnen hat. Wir sind dabei, ungeheure Summen in Werke und An­lagen zu stecken, deren Leistungsfähigkeit sich erst in Jahren auswirken wird. Wenn wir uns lediglich auf den Ausbau der europäischen Wirtschaft beschränkt hätten, dann könnten wir Amerika schon heute auch in den End­ziffern der Fertigwarenproduktion weit überholt haben. Da wir aber mehr Wert darauf legten, zunächst die unent­wickelten Gegenden der S. U. auszubauen, wirkt unsre Ar­beit sich noch nicht voll aus. Eine Ahnung von unserer Überlegenheit gewinnen wir schon heute, wenn wir die Riesensummen, die wir aus eigener Kraft investieren, den amerikanischen Lieferungen entgegenhalten, die im Ver­gleich dazu lächerlich gering sind.
Es gibt aber noch einen wichtigen Grund für unsere An­leihepolitik, der gerade von den französischen Genossen sehr oft und mit Recht angeführt wird. Ein großer Teil gerade der französischen Produktion war vor der Revolution auf die Befriedigung von Luxusbedürf­nissen gerichtet. Diese Produktion ist zu einem großen Teil überflüssig geworden und findet bei uns keinen Absatz mehr. Wir könnten diese Industrie ganz stilllegen und die darin beschäftigten Arbeiter anderweitig verwenden. Volks­wirtschaftlich richtiger ist es aber, auch diese Produktionskraft und das Kapital, das die Arbeitskraft der gelernten Arbeiter in diesen Industrien darstellt, restlos auszunut­zen und die Erzeugnisse nach Amerika auszuführen, wo sie infolge der erheblich gestiegenen Kaufkraft reißenden Absatz finden. Im Austausch hierfür erhalten wir wert­volle Rohstoffe und Maschinen. Ebenso steht es mit den Erzeugnissen einer ganzen Reihe von anderen Industrien, vor allen Dingen der chemischen Industrie. Solange Amerika seinen ganzen Produktionsüberschuss mühelos absetzt, solange wir mehr Waren von dort beziehen als wir hin liefern, hat die Mehrzahl der amerikanischen Kapitalisten gegen unsere Einfuhr nicht viel einzuwen­den. Im Augenblick aber, in dem das anders wird, wer­den sie sich gegen uns abschließen und den Kapitalüberschuss, den wir ihnen nicht mehr abnehmen, dazu benutzen, ihre Produktionseinrichtungen auch in denje­nigen Wirtschaftszweigen auszubauen, in denen wir jetzt den größten Teil des amerikanischen Marktes beliefern. Ebenso wären die Amerikaner im Verlauf einiger Jahre bei Investierung großer Kapitalien durchaus in der Lage, sich von dem größten Teil unseres gewaltigen Exports in Tee, Reis, Kautschuk und anderen Tropenerzeugnis­sen unabhängig zu machen, während wir andererseits in der Lage wären, uns gänzlich unabhängig von der amerikanischen Einfuhr zu machen. Dazu wird es wahr­scheinlich ohnehin kommen. Eine überschnelle Beschleuni­gung dieses Prozesses zwänge indessen beide Seiten zu welt­wirtschaftlich unnötigen Kapitalinvestierungen, das heißt zu Milliardenverlusten. Die Dynamik des kapitalistischen Sy­stems wird Amerika von allein auf diesen Weg drängen, vorläufig aber ist es daran interessiert, Anleihen bei uns unterzubringen, — und wir wollen sie nehmen, um unsern Aufbau zu beschleunigen.
Noch ein Wort zur inneren Anleihepolitik. Wir teilen die Bedenken, die in dem vielumstrittenen Artikel vom 12. Februar geäußert wurden, nicht. In diesem und im nächsten Jahre kann nach unseren Berechnungen eine bedeutende Überproduktion in keinem Wirtschaftszweige eintreten. Wenn sie aber später eintreten sollte, so schadet es nichts. Wir werden bis dahin reich genug sein, um uns die Anhäu­fung einiger Vorräte erlauben zu dürfen. Wenn durch eine zu starke Konsumeinschränkung infolge Anleihezeichnung eine Unterkonsumtion in leichtverderblichen Nahrungs - und Genussmitteln eintreten sollte, die sich allein durch Er­höhung der Zuwendungen an die Klubs nicht ausgleichen lässt, so werden wir diese Genussmittel kommunisieren. Wenn z. B. infolge dieser individuellen Konsumeinschrän­kung der Fall eintreten sollte, dass unsere gewaltig gestei­gerte Produktion von Südfrüchten trotz des neuerschlos­senen riesigen Marktes nicht rechtzeitig abgesetzt werden kann, dann werden wir die Naturalzuwendungen an Schul­klubs und Kinderheime so weit erhöhen, dass ein Ausgleich eintritt. Im übrigen ist es uns ja jederzeit möglich, die Löhne zu erhöhen oder die Preise zu senken. Wir haben es also gar nicht nötig, uns jetzt schon den Kopf über die Behebung einer partiellen Überproduktion oder Unterkon­sumtion zu zerbrechen. Unsre Löhne sind nicht hoch, lange nicht so hoch wie die der amerikanischen Arbeiter, aber sie sind gegenüber früher auch nach Zeichnung von Anleihen immer noch ausreichend und sogar reichlich. Für Kinder und Invaliden wird geradezu vorbildlich gesorgt. Kulturelle und sanitäre Einrichtungen stehen den Werktätigen ent­weder unentgeltlich oder zu sehr geringen Gebühren zur Verfügung, ebenso die Lieferung von alkoholfreien Ge­tränken. Die öffentlichen Theater und sonstigen Bildungs - ­und Kultureinrichtungen werden vom 1. Mai ab völlig aus öffentlichen Mitteln unterhalten. Nur die Klubs, die infolge schlechter Organisation einen Teil der beantragten Plätze nicht belegen, werden eine Strafe pro Platz zahlen müssen. In Zukunft müssen also nicht mehr die besetzten, sondern die leeren Stühle bezahlt werden. Der Filmkonsum wurde durch die Klubs schon fast restlos kommunisiert. Die Buch­produktion wurde durchschnittlich um 60—80% verbil­ligt. Die öffentlichen Büchereien und die der Klubs und Be­triebe vermehren ihren Bücherbestand zusehends. Trotzdem können sich die Buchfanatiker auch bei dem jetzigen Lohn Privatbüchereien anlegen, wenn sie nicht gerade starke Trin­ker oder Raucher sind. Auf die Trinker und Raucher wer­den wir in Zukunft ebenso wenig Rücksicht nehmen wie bisher. Es gibt immer noch vielzuviel Arbeiter, die 50 Pfen­nig für ein Glas Bier oder einen Schnaps und 5, 8 oder 10 Pfennige für eine Zigarette ausgeben. Die Millionen­überschüsse, die die Alkohol- und Tabakindustrie allein in der N. E. F. jetzt monatlich abwirft, zeigen aufs deutlichste, dass infolge der Verbilligung aller Gegenstände des not­wendigen Bedarfs auch für den Anleihezeichner immer noch Geld genug übrig bleibt, um Alkohol oder Tabak zu konsu­mieren. Obwohl es uns durch Rationalisierungsmaßnah­men gelungen ist, den Herstellungspreis für die billigste Zigarette auf unter einen Pfennig zu drücken, werden wir an dem Mindestpreis von 5 Pfennigen festhalten. Im Ge­gensatz zu dem erfreulicherweise stark zurückgehenden Al­koholkonsum (ausgenommen Wein) hält sich der Tabak­verbrauch auf fast unveränderter Höhe. Bei dieser Gelegenheit sei noch ein Wort zu zwei vielum­strittenen Fragen gesagt: Kaffee und Auto. Die Kaffeefrage verdient zweifellos eine andere Behandlung als die Alkohol- und Tabakfrage. Infolge der durch unser Außenhandelsmonopol bedingten Stellung, die uns eine völ­lige Abschließung ermöglicht und dadurch den ganzen bra­silianischen Kaffeeanbau ruinieren könnte, sowie infolge unserer Konkurrenzfähigkeit auf den Südseeinseln war es uns möglich, den Kaffeeankaufspreis bis auf die Gestehungs­kosten zu drücken, wobei wir uns allerdings verpflichtet haben, den ganzen brasilianischen Überschuss abzunehmen, wenn nicht ohne unsere Genehmigung eine weitere Aus­dehnung der Anbaufläche vorgenommen wird. Wir haben nicht nur diese gewaltigen Mengen mühelos verdaut, son­dern können weiter ohne Absatzschwierigkeiten den Kaffee­anbau im Bereich der S.U. mehr als verdoppeln. Der Kaffee­konsum ist vor allem in den östlichen Gebieten stark ge­stiegen, obwohl wir an dem hohen Richtpreise von A Mark für den gewöhnlichen und 3 Mark für den koffeinfreien Kaffee pro Pfund (früher war das Preisverhältnis umge­kehrt) festgehalten haben. Wir erzielen hierdurch Milliar­denüberschüsse. Eine von der Minderheit vorgeschlagene Erhöhung der Preise soll nicht stattfinden, da sich der ver­stärkte Kaffeekonsum als wertvolle Hilfe bei der Bekämpfung des Alkoholismus bewährt hat. Gegen eine Preisermäßigung spricht die Gefahr, die eine zu starke Erhöhung des Kaffeekonsums für die Volksgesundheit bedeute. Maß­gebend für unsere Kaffeepolitik ist aber auch der Handels­vertrag mit Brasilien, nach dessen Muster wir auch die Ver­träge mit den übrigen süd- und mittelamerikanischen Staa­ten abschließen werden, soweit sie sich noch genügend Unab­hängigkeit vom nordamerikanischen Kapital bewahrt haben. Nach dem neuen Handelsvertrag mit Brasilien zahlen wir nichts mehr bar, sondern ausschließlich mit Waren, und verkehren nur noch mit der brasilianischen Handelskam­mer, welche die Bestellung und Weiterleitung unserer Erzeugnisse übernimmt. Eventuelle Spitzenforderungen wer­den gutgeschrieben, aber nicht verzinst. Die brasilianische Regierung ist gewiss alles andere als so­zialistenfreundlich. Sie befindet sich aber durch unser Außenhandelsmonopol in einer Zwangslage. Wir nützen diese Zwangslage aus und zwingen Brasilien, staatskapitali­stische und sogar staatssozialistische Maßnahmen zu ergrei­fen. Die brasilianischen Kaffeebarone müssen die Gewerk­schaften der Plantagenarbeiter anerkennen, müssen ihnen Tariflöhne zahlen und sie menschenwürdig unterbringen.
In derselben Situation befinden sich Argentinien und Chile. Wir können auf die Einfuhr aus Argentinien verzichten, haben uns aber trotzdem bereit erklärt, den enormen Überschuss Argentiniens an pflanzlichen und tierischen Nah­rungsmitteln abzunehmen, wenn wir nach dem Beispiel des brasilianischen Handelsvertrages in Industrieprodukten be­zahlen können und wenn den argentinischen Arbeitern die­selben Mindestrechte gewährt werden wie den brasiliani­schen. Die argentinische Regierung und die Latifundienbesitzer haben sich bis vor kurzem verzweifelt gewehrt. Aber es hat ihnen nichts genützt: in wenigen Tagen wird der Handelsvertrag unterzeichnet sein. In Chile steht es ebenso. Wir könnten unsre Förderung und Erzeugung von Düngemitteln — allerdings bei bedeuten­den Investitionen — in einem Jahre verdoppeln. Trotz­dem sind wir nicht abgeneigt, so viel chilenische Landes­erzeugnisse abzunehmen, wie die Chilenen von unseren Er­zeugnissen einführen. Wir drücken auch hier die Preise bis knapp über die Gestehungskosten. Die chilenischen Roh­stoffe sind in Ostsibirien, in der Mandschurei und Mongolei und ganz besonders in Südchina gut zu brauchen. Sie kom­men uns bedeutend billiger, als wenn wir sie aus unseren europäischen Fabriken und Förderstellen transportierten. Auch der Transport aus den neuentdeckten russischen und sibirischen Riesenlagern würde uns noch teurer kommen. In den Küstengebieten würden auch die synthetisch her­gestellten Düngemittel weit teurer sein als die auf dem See­wege aus Chile kommenden, ganz abgesehen davon, dass wir hierzu erhebliche Kapitalinvestitionen machen müssten, die vorläufig besser und zweckmäßiger anderweitig vorgenommen werden. Chile kann also so viel Waren und Industrie­erzeugnisse von uns beziehen, wie es nur will. Es kann alles in Landeserzeugnissen bezahlen. Wir werden nach Abschluss eines sozialistischen Handelsvertrages alles restlos abneh­men, denn wir haben auch Verwendung für alle sonstigen chilenischen Reichtümer an Bodenschätzen. Wir werden aber auch ohne diese Dinge fertig werden. Chile kann da­gegen auf seine Ausfuhr nicht verzichten und wird ebenso wie Argentinien und Brasilien in den sauren Apfel beißen müssen, trotz dem Wutgeheul der Yankees und der chilenischen Kapitalisten.
In diesem Punkte werden wir hart bleiben. Auch mit Mexiko steht der Abschluss eines Handelsvertrages bevor. Die anderen süd- und mittelamerikanischen Staaten sind dagegen so fest in der Hand des nordamerikanischen Kapitals, dass sie kaum ähnliche Verträge abschließen wer­den, zumal sie sich nicht in einer solchen Zwangslage be­finden wie die ABC-Staaten.
Die nordamerikanische Presse ist außer sich. Sie behauptet, unser Vorgehen sei ein Bruch des Friedensvertrages. Dem ist aber nicht so: wir haben uns lediglich verpflichtet, keine Kapitalinvestitionen in Amerika vorzunehmen, aber niemals darauf verzichtet, sozialistische Handelspolitik zu treiben. Was wird bei dem ganzen Geschrei herauskommen? Die Amerikaner werden sich noch mehr als bisher mit ihren Lieferungen beeilen und uns sobald wie möglich eine neue Anleihe aufdrängen. Und wir? Wir werden sie nehmen, aber nur noch zu 4%. Oder seid ihr immer noch dagegen, ihr überradikalen Genossen?
Wir sind nun vom Kaffee über die Handelsverträge glück­lich wieder zu den Anleihen zurückgekehrt. Aber das war nötig, damit die Genossen, die unsere Handlungen in bester Absicht kritisieren, den ganzen Fragenkomplex überblicken, den man vor Augen haben muss, um sozialistische Wirt­schaftspolitik treiben zu können.
Für den Wirtschaftskrieg gelten teilweise dieselben Regeln wie seinerzeit für unseren militärischen Krieg gegen die kapitalistischen Regierungen. Ein strategischer Rückzug ist oft die Vorbedingung für den künftigen Sieg. Die Haupt­sache ist, dass wir das Heft in der Hand behalten. Und das tun wir. Wir setzen genau wie damals die gegnerischen Kräfte in unsere Rechnung ein. Und wir werden den Wirtschaftskrieg ebenso sicher gewinnen wie damals den militärischen Krieg.
Und nun die Autofrage. Weshalb werden die hohen Steuern auf private Automobile nicht abgebaut? Arbeiter, die ihre finanziellen Pflichten gegenüber der sozialistischen Gesell­schaft erfüllen, können sich im Augenblick kein Auto leisten. Nur Familien mit mehreren Vollverdienern wären dazu in der Lage. Aber auch die müssten die Anleihezeichnung einschränken und unverhältnismäßig viel Kraft und Zeit in ihr Auto stecken. Die Massenherstellung von Kleinautos im gegenwärtigen Augenblick schärfster Kräfteanspannung wäre verfehlt. Wir werden erst dann dazu übergehen, wenn wir jedermann ein eigenes Auto liefern können. Soweit sind wir noch nicht. Zunächst müssten wir das Straßennetz nach ganz neuen Gesichtspunkten anlegen. Das ist im Fünf­jahresplan nicht vorgesehen. Sorgt dafür, ihr Autoenthu­siasten, dass der Fünf jahresplan so schnell wie möglich ver­wirklicht wird, damit wir neue größere Pläne in Angriff nehmen können! Zeichnet so viel Anleihen wie nur irgend möglich! Ihr bezahlt damit schon heute euer Auto und sorgt gleichzeitig dafür, dass ihr es so schnell wie möglich erhal­tet. Vorläufig müsst ihr euch mit den Klubautos oder mit eurem Fahrrad begnügen, mit denen ihr auf den neuen herrlichen Radfahrwegen weit hinaus ins Land fahren könnt. Benutzt diese Gelegenheit ebenso wie alle anderen Erholungs­gelegenheiten, die euch jetzt so reichlich geboten werden! Stärkt eure Kräfte, damit ihr sie einsetzen könnt in dem ge­waltigen Kampf für den Aufbau der internationalen soziali­stischen Gesellschaft!

 

 

Vorwärts - 15. April 1921

Die Pläne sind umgearbeitet!
Am 30. April Urabstimmung
Fünfjahresplan in drei Jahren vier Monaten!

Am 30. April wird die Arbeiterschaft in der ganzen soziali­stischen Welt über die Pläne zur beschleunigten Abwick­lung des Fünfjahresplans abstimmen. Die neuen Pläne sind auf der Voraussetzung aufgebaut, dass in jedem Abschnitt des Fünfjahresplans wieder die gleiche innere Anleihesumme aufgebracht wird wie im ersten Abschnitt. Der gezeichnete Betrag für das Jahr 1921 soll aber bereits bis zum 3o. Sep­tember aufgebracht werden.
Das ist diesmal wirklich ein empfindliches Opfer, da der für acht Monate gezeichnete Betrag in fünf Monaten auf­gebracht werden muss. Im nächsten Abschnitt wird es dann besser, da sich die ganze Anleihesumme gleichmäßig auf neun Monate verteilt (1. Oktober 1921 bis 30. Juni 1922). Auch der dritte Abschnitt soll in neun Monaten erledigt werden (bis 31. März 1923), der vierte dagegen schon in acht Monaten (bis 30. November 1923) und der vierte so­gar in fünf Monaten (bis 30. April 1924). Durch die Ur­abstimmung am 30. April sollen die Werktätigen entschei­den, ob sie in allen Abschnitten die gleiche Anleihesumme zeichnen wollen wie im ersten Abschnitt. Aus diesem Grunde muss die Abstimmung diesmal öffentlich unter Namensnen­nung vor sich gehen. Teilnahme an der Abstimmung ist Pflicht. Alle Stimmen der Fernbleibenden werden als Ja­stimmen gezählt, mit der Konsequenz, dass alle Personen, die unentschuldigt der Abstimmung ferngeblieben sind, mit der Mindestanleihesumme belastet werden. Nur diejenigen, die mit „Nein" stimmen, sind von der Anleihezeichnungs­pflicht befreit. Es wird für sie allerdings das beste sein, wenn sie sich gleich entschließen, nach Amerika auszuwandern.
Das Weltproletariat rafft und streckt sich. Der Pflug, der die ganze Welt auflockert, wird noch schneller gezogen. Aber je mehr Opfer wir heute bringen, um so eher wird die Zeit der Ernte kommen. Sorgt alle dafür, dass die Ernte reichlich ausfällt, denn es ist eure Ernte! Die Zeiten sind vorbei, wo die Nichtstuer die Früchte der Arbeit anderer Menschen geerntet haben. Wer jetzt ernten will, muss selbst den Pflug ziehen und säen. Die Welt erzittert unter dem Tritt der Arbeiterbataillone, unter dem Stampfen der Dampf­hämmer, unter dem Fauchen der Traktoren. Und diese ganze Arbeit leistest du für dich, Prolet!

 

 

Vorwärts - 30. Juli 1921

Dürre und Missernte im Wolgagebiet!
Völlige Umstellung der russischen Wirtschaft

Die bisherigen Schätzungen über die Auswirkungen der ka­tastrophalen Dürre im Wolgagebiet sind leider durch die Wirklichkeit noch weit übertroffen worden. Die Ernteerträge im Dürregebiet sind fast gleich Null. Die Getreide- und Futtermitteltransporte, die ins Hungergebiet geleitet wer­den, kommen leider zu spät, um den Viehbestand, der ohne­hin schon stark dezimiert ist, zu retten. Alles minderwertige Vieh, einschließlich des Zugviehs, soll sofort geschlachtet und zur Ernährung verwendet werden. Die Trockenheit hält noch an. Die Aussichten für die Wintersaat sind sehr schlecht. Große Umstellungsmaßnahmen der russischen Wirtschaft müssen eingeleitet werden, um die unge­heuren Schäden, die ein zweites Jahr landwirtschaftlichen Produktionsausfalls in diesen sonst so fruchtbaren Gebie­ten für unsere Gesamtwirtschaft bedeuten würde, zu einem Teil auszugleichen.
Das ganze von der Dürre heimgesuchte Gebiet soll mit einem Schlage kollektivisiert werden. Die zu einem Teil schon fluchtartig verlassenen Einzelwirtschaften werden nicht wieder aufgebaut. In den neuzubildenden Riesenbetrieben kann die Arbeit allerdings zum größten Teil erst im näch­sten Frühjahr aufgenommen werden. Das Wolgagebiet soll das agrarische Musterland werden, das erste Land, in dem wir die sozialistischen Betriebs- und Gesellschaftsformen restlos verwirklichen. Alle Kräfte Russlands werden in den Dienst dieser großen Aufgabe gestellt. Die Kollektivisierungspropaganda in anderen Gebieten Russlands wird für zwei Jahre unterbrochen, um die Belieferung des Wolga­gebiets mit landwirtschaftlichem Bedarf sicherzustellen. Die Anlage riesiger Staatsgüter in den noch unbebauten Teilen des großen Reiches wird jedoch beschleunigt. Die Bebauung des kollektivierten Wolgagebiets wird, statt wie bisher 3o, nur noch 10 Millionen Menschen beanspruchen. Die Umgruppierungen sollen sofort beginnen, da Millionen von Ansässigen ohnehin im Wolgagebiet in diesem Jahr nicht produktiv beschäftigt werden können. In Sibirien, in Nordrussland, in der Kirgisensteppe und in Nordkaukasien werden in diesem Jahr gewaltige Landflächen zum ersten Male unter den Pflug genommen. Dorthin sollen einige Millionen Menschen aus dem Dürregebiet verpflanzt wer­den. Weitere Millionen beansprucht Wege-, Straßen-, Städte- und Eisenbahnbau im Wolgagebiet, der sofort mit äußerster Macht verstärkt wird. Der Ausbau der Industrie im Ural und in Sibirien wird beschleunigt und soll etwa eine Million Menschen aus dem Wolgagebiet auf­saugen. Einige Zehntausend werden zum beschleunigten Ausbau der Turksib-Bahn herangezogen, weitere Hunderttau­sende werden längs dieser Bahn und in Turkestan selbst ange­siedelt. Der Bau des Wolga—Don-Kanals wird beschleunigt und beansprucht ebenfalls Tausende von neuen Arbeitskräf­ten. Ebenso werden im Donezgebiet und beim Bau des Dnjeprostoj Tausende von weiteren Arbeitskräften einge­setzt. Vielleicht wandern auch einige tausend Russen nach Australien aus. Westeuropa erhält in diesem Jahre an­standslos alle benötigten Hilfskräfte und hat dafür eine erhöhte Menge Maschinen zu liefern. In ganz Russland ist für ein Jahr die wirtschaftliche Generalmobilmachung an­geordnet worden. Die Gewerkschaften haben erklärt, dass alle Arbeiter, die an Brennpunkten des großen Umstellungs­programms arbeiten, und von deren Arbeit das Schicksal dieser Pläne abhängt, die Verordnungen über die Mindest­arbeitszeit überschreiten dürfen. Unbezahlte Überarbeit soll in viel größerem Ausmaß als bisher geleistet werden.

 

 

Vorwärts - 23. Oktober 1921

Wir haben eine Schlappe erlitten!

Das ist jetzt nicht mehr zu leugnen. Alles Vertuschen nützt nichts. Es steht endgültig fest, dass wir in der N.E.F. bis zum 3o. September nur 92% des ersten Abschnitts im Fünf jahresplan erfüllen können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, die Differenz durch freiwillige sozialistische Sonn­tagsarbeit auszugleichen. Aber der Wirtschaftsrat unserer Föderation hat das Verbot trotz allem Drängen nicht auf­gehoben, obwohl es feststeht, dass in Russland, China und Indien immer noch in sehr großem Umfange Sobotniks ge­macht werden. Der Metallarbeiterverband hat sich jetzt be­schwerdeführend an den Zentralwirtschaftsrat der S. U. ge­wandt, damit er die Erlaubnis zur unbezahlten Sonntagsarbeit erteilt. Auch die Partei wird über diese Frage abstimmen. Ein zeitweiliges Verbot der freiwilligen un­bezahlten Sonntagsarbeit ist zweifellos notwendig gewesen, da sonst die Ruhetage überhaupt verschwunden wären. Diese Betrachtungsweise ist aber jetzt unangebracht. Wenn wir un­sere Scharte auswetzen wollen, dann müssen wir das Verbot der freiwilligen Sonntagsarbeit mindestens bis zum 1. Mai außer Kraft setzen. Es ist für alle Proletarier unseres hoch entwickelten Industrielandes niederdrückend, dass wir im sozialistischen Wettbewerb der Föderationen unterlegen sind. In jedem Wirtschaftsbezirk, in jedem Trust und in jedem Betrieb muss noch einmal rücksichtslos aufgeräumt werden. Unfällige Menschen an leitender Stelle haben zu verschwin­den. Der Leerlauf muss noch stärker als bisher bekämpft werden. Die Gestehungskosten müssen weiter gesenkt, die Produktion weiter gesteigert und rationalisert weiden. Wir sind zu faul geworden. Wir haben Fett angesetzt. Seht ein­mal nach in euren Betrieben und Verwaltungen! Vergleicht den Personalbestand mit den Listen und Statistiken. Allein bei der letzten Kontrolle sind über 1000 Fälle bekannt gewor­den, wo sich alte und neue Bürokraten einen ruhigen Posten mit einer Scheintätigkeit geschaffen haben. Ein Teil dieser bequemen Herren erschien in den Listen sogar als „Arbei­ter". Leider ist auch die Parteimitgliedschaft von dieser Korruptionserscheinung nicht ganz frei geblieben. Unter den bekannt gewordenen Fällen befanden sich mehr als 3oo Parteigenossen; sie wurden natürlich sofort ausgeschlossen. Insgesamt mussten wir im letzten Jahre über 10000 Partei­genossen wegen Korruption ausschließen und über 3oooo wegen leichterer Verfehlungen von den Parteirechten auf ein Jahr suspensieren. Eine neue allgemeine Parteireini­gung scheint uns dringend notwendig zu sein. Jeder Parteigenosse hat die Pflicht, mehr als in den letzten Monaten sein Augenmerk auf die Rationalisierung und Produktionssteigerung zu lenken. Unser kulturelles Leben hat im letzten Jahre einen außerordentlichen Aufschwung genommen. Das ist begrüßenswert. Wir dürfen darüber aber nicht die materielle Grundlage aller Kultur, die Pro­duktion, vernachlässigen. Immer muss daran gedacht wer­den, dass der Kampf mit dem Kapitalismus noch nicht ab­geschlossen ist. Wir arbeiten heute mit dem Kapitalismus in Amerika zusammen. Das ist aber kein endgültiger Friede, sondern nur ein Waffenstillstand. Der Ausbau der Stellun­gen geht auf beiden Seiten weiter, — eines Tages wird es zum offenen Gefecht kommen. Ob diese Auseinandersetzung blutig oder unblutig verlaufen wird, hängt nicht von uns ab. Auf jeden Fall müssen wir aber bis dahin mit dem Aus­bau unserer Hauptstellungen fertig sein: mit der Industria­lisierung und Elektrifizierung der ganzen Union. Bei der Lösung dieser Aufgabe haben wir, die am besten entwickelte Föderation, unsere Soll-Leistungen nicht erreicht und uns von anderen Föderationen überholen lassen. Das wird von allen Arbeitenden in der N. E. F. als eine Schande empfunden. Sie wollen die Scharte so schnell wie möglich wieder auswetzen. Das ist beim besten Willen nicht möglich ohne freiwillige Überarbeit. Die nordeuropäischen Arbeiter haben durch die beschleunigte Aufbringung der Anleihe große Opfer gebracht. Das waren aber doch ziemlich pas­sive Opfer. Weshalb gibt man ihnen nicht Gelegenheit, auch aktiv durch unentgeltliche Sonntagsarbeit den Aufbau zu beschleunigen? Ist das Verbot nicht eine übertriebene Sonn­tagsheiligung? Weshalb lernen wir nicht aus dem russi­schen Beispiel? Die Russen haben ihre Sollziffern über­schritten (allerdings ohne Verkürzung des Planjahres). Sie gehen jetzt, um ihre Industrieanlagen restlos auszunutzen, zur Fünftagewoche über und hoffen, dadurch im zweiten Jahre des Fünfjahresplans die Sollziffern um ein Drittel überschreiten zu können. Jeder russische Arbeiter wird also in Zukunft vier Tage arbeiten und einen Tag ruhen; aller­dings ist die Siebenstundenschicht immer noch die Regel.
Jede Schicht wird aber einen anderen Ruhetag haben, so dass die Werke ohne Unterbrechung arbeiten. Wir können dem russischen Beispiel nicht von heute auf morgen folgen. Aber das Mögliche muss sofort geschehen. Und darum fordern wir: Aufhebung des Verbots der freiwilligen Sonntagsarbeit!

 

 

Vorwärts - 6. November 1921

Verbot der Sonntagsarbeit gefallen!
Die sozialistischen Feiertage der Arbeit!

Das Verbot der freiwilligen Sonntagsarbeit ist gefallen. Wir feiern diesmal den g. November durch freiwillige unbe­zahlte Arbeit. Auch Weihnachten und Neujahr feiern wir durch freiwillige Überarbeit. Bis dahin leisten wir außer­dem an jedem zweiten Sonntag unbezahlte Arbeit. Ab Ja­nuar werden jeden Sonntag drei Achtstundenschichten ein­gelegt, so dass allen Arbeitern nur ein Ruhetag im Monat verbleibt. Das soll solange weitergehen, bis das Produktions­manko ausgeglichen ist und wir mit den planmäßigen Lie­ferungen an die anderen Föderationen nicht mehr im Rück­stand sind. Und wenn dieses Ziel erreicht ist, dann wird auch bei uns die Fünftagewoche eingeführt.

 

 

Vorwärts - 15. April 1921

Die Scharte ist ausgewetzt!

Die Planziffern sind überschritten. Die Fünftagewoche wird am 1.Mai eingeführt.

 

 

Vorwärts - 14. Juli 1922

Die N. E. F. an der Spitze

Die Nordeuropäische Föderation hat im zweiten Abschnitt des Fünfjahresplans die Spitze im sozialistischen Wettbe­werb der Föderationen erobert. Wir haben nicht nur den Fehlbetrag im ersten Abschnitt restlos gedeckt, sondern die Planziffern des zweiten Abschnittes sogar um 8% über­holt. Die Einführung der Fünftagewoche bei gleich bleibenden Stundenlöhnen bedeutete eine Verringerung des No­minallohns, die durch erhöhte Zuwendungen an die Klubs und durch beträchtliche Preissenkungen allerdings fast aus­geglichen wurde. Immerhin wird mit Rücksicht auf diese Tatsache in der N.E.F. von der Erlaubnis des Zentralrats, weitere Anleihen aufzulegen, kein Gebrauch gemacht. Wir sind auch so imstande, unsere innerföderativen Pläne in diesem Abschnitt restlos auszuführen und die anderen Fö­derationen sogar noch etwas über die Pläne hinaus zu be­liefern.

Der Endkampf mit den Mittelbauern beginnt
Alle neugebildeten Kollektivwirtschaften sind jetzt restlos mit den modernsten Maschinen und Geräten ausgestattet. Wir können innerhalb eines Jahres soviel Traktoren und Maschinen produzieren, dass kein Gebiet der S. U. mehr unbearbeitet bleiben muss. Dadurch wird voraussichtlich eine landwirtschaftliche Überproduktion eintreten, wenn auch die zunehmende Sabotage der Einzelbauern einen rückläu­figen Einfluss haben dürfte. Am 1. August werden die Preise für landwirtschaftliche Produkte soweit herabgesetzt, dass sie den Gestehungskosten auf hochmodernen Großfarmen mit dritter Bodenklasse gleichkommen. Sobald die Kollektivisierung der Landwirtschaft restlos durchgeführt ist, wer­den wir alle schlechteren Böden der landwirtschaftlichen Bebauung entziehen und dadurch eine weitere Senkung der durchschnittlichen Gestehungskosten herbeiführen. Zuvor aber wollen wir Reserven anlegen und die wichtigsten Le­bensmittel kommunisieren. Alle Klubs und Werkgemein­schaften erhalten schon ab 1. August kostenlos Frischmilch, Brot und Semmeln.
Auch die hartnäckigsten Einzelbauern werden unter die­sen Umständen den Kampf mit dem sozialistischen Groß­betrieb höchstens noch ein Jahr lang aushalten, so dass wir von Zwangsmaßnahmen völlig absehen können. Die letz­ten Überbleibsel des Kapitalismus in der S. U. werden ganz von selbst verschwinden.
In der S.U. Wann aber kommt Amerika dran? Das ist nur noch eine Frage der Zeit. Noch ein letztes Mal haben wir dem Drängen der Amerikaner nachgegeben und eine Anleihe aufgenommen unter der Bedingung, dass nicht nur diese, sondern auch die früheren Anleihen nur mit 4% verzinst werden. Schon jetzt haben die Amerikaner einzelne Zölle erhöht, aber das hat dem Absatz unsrer im­mer billiger werdenden Waren nicht im geringsten ge­schadet. Unsere Preissenkungsaktion schreitet immer wei­ter vorwärts. Die Produktionsabgabe wurde bereits auf 7% gesenkt und soll noch gegen Ende dieses Jahres auf 6% ermäßigt werden, um nach Ablauf des Fünfjahresplans auf 5% zu sinken. Wenn wir nicht noch größere Aufgaben zu erledigen hätten, könnten wir heute schon die amerikani­sche Konkurrenz, auch bei Verdoppelung der Zollsätze, ent­scheidend schlagen. Die Abnahme desjenigen Teils der ame­rikanischen Anleihe, der in Fertigfabrikaten geliefert wer­den soll, macht schon erhebliche Schwierigkeiten. Die Lücken in unserem Wirtschaftsapparat schließen sich immer schnel­ler. Auf fast allen Gebieten produzieren wir bedeutend schnel­ler und billiger als Amerika. Trotzdem nehmen wir die restlichen Beträge in diesem Jahre noch ab und gewähren den Amerikanern damit eine letzte Schonzeit. Um so schlim­mer wird dann der Umschwung sein. Im Augenblick aller­dings nimmt die amerikanische Hochkonjunktur immer noch zu. Die Spekulationssucht hat sogar Millionen von Ar­beitern erfasst. Die amerikanischen Kapitalisten scheinen zu glauben, dass das unbegrenzt so weitergeht. Sie täuschen sich :
Unaufhaltsam schreitet der sozialistische Aufbau vorwärts. Bald wird Amerika auf allen Gebieten überholt sein. Bald wird man im entlegensten Dorf Sibiriens, Indiens und In­nerasiens im Bewusstsein der überlegenen materiellen und geistigen Kultur sagen können: Armes Amerika.

 

Vorwärts - 11. August 1922

Zuviel Kohlen!

Obwohl unser Energie- und Brennstoffbedarf im Augen­blick immer noch wächst, kann doch heute schon mit Be­stimmtheit gesagt werden, dass wir nach Durchführung des Fünfjahresplans und nach Fertigstellung der gewalti­gen Elektrizitätswerke mit einem großen Brennstoffüberschuss rechnen dürfen. Der Übergang zur Ölfeuerung geht immer rascher vor sich. Durch neue Verfahren wird der Heizwert der Kohle immer besser ausgenutzt. Der unren­table Hausbrand wird bis gegen Ende des Fünfjahresplans bis zu 60% durch bessere Verfahren ersetzt. Es ist deshalb zu begrüßen, dass die Anlage neuer Kohlen­schächte bereits eingeschränkt wird. (Natürlich nicht in den großen sibirischen und innerasiatischen Lagern, die aus Gründen der Transportrationalisierung weiter ausge­baut werden.)
Zugleich wird die Stilllegung vieler unrentabler Kohlen­schächte erwogen. Das Waldenburger Revier z. B., das sehr große Zuschüsse erfordert, soll mit Ausnahme der relativ besten Schächte, die den örtlichen Bedarf decken, ganz still­gelegt werden.
Wir dürfen die Ölproduktion und den Ölverbrauch jedoch nicht ins Ungemessene steigern, sondern wir müssen auch an die kommenden Generationen denken. Der Zentralwirt­schaftsrat hat deshalb beschlossen, weitere 20 Millionen Mark auszuwerfen, um die Versuchsarbeiten zur Verflüssi­gung von Kohle zu beschleunigen.
Nach restloser Durchführung der Verkehrsrationalisierung wird eine gewaltige Kraftersparnis eintreten. Die rationel­len Großraum-Güterwagen mit ihren automatischen Ent - und Beladevorrichtungen werden am Ende des Fünfjahres­plans schon 20% des gesamten Wagenparks stellen. Das größte Kontingent aber stellen die neuen Einheitsbehälter­wagen: sie lassen sich vollständig auseinander nehmen und von allen Seiten ohne großen Kraftaufwand be- und ent­laden. Bei Umschlag vom Land- auf Fluss oder Seetrans­port wird der ganze Einheitsbehälter durch einen Kran vom Fahrgestell abgehoben und im Kahn oder Schiff verstaut. Alle neuen Flusskähne und Seeschiffe werden jetzt für Auf­nahme von Einheitsbehältern ausgebaut. Der Einheitsbehäl­ter kann sich aber auch aus eigener Kraft auf kleinen Rädern mit Hilfe eines Einsatzmotors fortbewegen, so dass sich selbst bei den längsten Transporten mit häufigem Um­schlag kein Behälterwechsel notwendig macht. Ein Teil des Getreidetransports aus Westrussland vollzieht sich heute schon folgendermaßen: Der Einheitsbehälter läuft am Silo voll und rollt aus eigener Kraft zur nächsten Bahnstation. Dort wird er auf das Fahrgestell gehoben und bis zur nächsten Umschlagstation des Mittellandkanals trans­portiert, von einem Kran erfasst und im Kahn verstaut. Am Zielhafen angelangt, rollt er aus eigener Kraft zur Mühle, wird vom Fahrstuhl hochgehoben und lässt das Getreide fallen. Es ist vorgesehen, dass ungefähr 30% mehr Behäl­ter als Fahrgestelle gebaut werden. Die praktische Erfah­rung muss uns aber erst lehren, ob dieses Verhältnis rich­tig ist. Die gewaltigen Anlagen des Dnjeprostoj werden Ende nächsten Jahres in Gebrauch genommen. Damit ist dann ein wichtiger Punkt des russischen Fünfjahresplans erreicht. Der wirtschaftliche Aufschwung Russlands wird dann ein viel schnelleres Tempo einschlagen. Das Dnjepr-Werk sollte eigentlich zusammen mit dem Oder-Weichsel-Donaukanal fertig werden. Die Russen investierten aber weit mehr eigene Mittel als vorgesehen in dieses Werk und haben dadurch einige Monate gewonnen. Allerdings sind bis dahin die gro­ßen Industriekombinate und Arbeitersiedlungen noch nicht alle fertig, so dass es eine Zeitlang gar nicht möglich sein wird, die gewaltigen Energiemengen zu verwerten. Die am Bau beteiligten Arbeiter haben jedoch beschlossen, zwei Monate lang täglich 8 Stunden zu arbeiten und sich nur 2 Ruhetage im Monat zu gönnen. Sie erhalten dafür nach Fertigstellung der Bauten einen Monat Sonder-Urlaub. Eine starke Rationalisierung, die sich jetzt erst auswirkt, hat der Fortfall des Zinswesens gebracht. In der ersten Zeit unserer Umstellung mussten wir das Zinssystem vom Kapitalismus übernehmen. Wir mussten alle Gelder, die in einem gewissen Augenblick funktionslos waren, auf­saugen, um keine Stockungen im Wirtschaftskreislauf ein­treten zu lassen. Das Geld war damals nicht nur Wertmes­ser, sondern auch der Verfügungstitel über Werte aller Art, die wir, wenn sie brachlagen, in der Anfangszeit des Über­gangsstadiums nur durch Zinsversprechen erfassen konn­ten. Wir mussten den Geldbesitzer (auch den korporativen) durch den Reiz des Zinses veranlassen, uns sein Geld, das heißt die Verfügung über entsprechende Warenmengen, so lange zu überlassen, bis er selbst wieder Verwendung da­für hatte. Je mehr aber die sozialistische Schulung der Gesamtbevölkerung und der Funktionäre in sozialisierten und genossenschaftlichen Unternehmungen wuchs, je mehr un­sere Planwirtschaft ausgebaut wurde, um so mehr verlor das Geld diese Funktion, so dass wir uns jetzt den teuren Luxus des Zinswesens ersparen können. Unsere ganze Ver­waltung und unser Überweisungsverkehr kann jetzt restlos maschinisiert werden. Das neue Vielfeldlochkartensystem und seine Koppelung mit dem Telegraphensystem ermög­lichen uns den Abbau von über fünfzehntausend Bureaukräf­ten. Der Augenblick war äußerst günstig, denn durch die Umstellung auf die Fünftagewoche ist unser Bedarf an Ar­beitskräften wieder stark gestiegen. Wir konnten zwar noch­mals eine Million Freiwilliger aus Russland und China in den Produktionsprozess einreihen. Aber das wird das letzte mal gewesen sein. In Russland gibt es jetzt schon fast keine Arbeitslosen mehr. Die russische Industrialisierung hat ein rasendes Tempo angenommen. Wenn nicht die Umstel­lung in der Wolga-Landwirtschaft fast 20 Millionen Ar­beiter freigesetzt hätte, dann wäre der russische Menschenüberfluss schon versiegt. Wir werden in Zukunft übrigens kaum noch Einwanderer benötigen. Asien kann sich schon im nächsten Jahre mit einem großen Teil der Güter selbst versorgen, die wir bisher liefern mussten; Russland erzeugt im nächsten Jahre über 200000 Traktoren und Automobile.
Das Mittelland-Kanalsystem ist mit Ausnahme einiger Strecken in Zentralrussland völlig ausgebaut. Das ganze europäische Wasserwirtschaftssystem wird bis Ende nächsten Jahres fertig gestellt sein.
Der Wohnungsbau, bisher unser Schmerzenskind, macht in letzter Zeit geradezu rasende Fortschritte. Das Regiment „Bebel", das im französischen Wiederaufbauge­biet zusammengestellt wurde, ist auf seiner Ostwanderung bereits bis an die Oder gelangt und hat in jeder größeren oder mittleren Stadt, die es passierte, mindestens einen Häuserblock hinterlassen. Es will seine Ostwanderung bis nach Wladiwostock fortsetzen und hofft, dass bis dahin auch Amerika für den Sozialismus erobert worden ist, da­mit es seine originelle Weltumwanderung fortsetzen kann. Das Regiment „Bebel" verfügt über 100 Automobile und über die modernsten Winterbaumaschinen. Die ganze Aus­rüstung des Regiments hat über 16 Millionen Mark ge­kostet. Die Spezialität des Regiments ist die Fabrikation eines besonderen Typs von Zweifamilienhäusern, von denen es 10 Stück in 4 Tagen herstellt. Das erste Bataillon über­nimmt die Ausschachtungsarbeiten und das Fundament. Das zweite Bataillon stellt in vier Sechsstundenschichten das Skelett her. Das dritte Bataillon vollendet den Rohbau und das vierte Bataillon den Putz und Innenausbau. Jede Arbeitsleistung ist bis in die geringste Kleinigkeit voraus­berechnet, kein überflüssiger Handgriff wird gemacht. Die­ser Rekord des Bauregiments „Bebel" dürfte jedoch nach Fertigstellung der neuen Kruppschen Hochbaumaschinen geschlagen werden. Mit deren Hilfe ist es möglich, in der gleichen Zeit achtstöckige Häuser herzustellen. Das erste Kruppsche Baukombinat, das in den nächsten Wochen fertig gestellt wird, kostet allerdings 3 4 Millionen, aber man hofft den Preis bei Serienfabrikation erheblich senken zu können.
Der Städtebau tritt jetzt in sein entscheidendes Sta­dium. Die größten Schwierigkeiten waren in Marxstadt, der größten Stadt der Welt, zu überwinden. Marxstadt soll das ganze Ruhrgebiet umfassen, das dadurch ein vollkommen neues Gesicht erhält. Das ganze Gebiet wird aufgelockert und nach einheitlichen Gesichtspunkten bebaut. Ganz Marx­stadt wird einem riesigen Park gleichen. Nur kleine Boden­flächen bleiben für den Anbau von Frischgemüse reser­viert. Alles andere Land wurde für Siedlungs- und Erho­lungszwecke aufgeteilt. Nur einige landwirtschaftliche Musterbetriebe lässt man für Schulzwecke bestehen.
Neu-Berlin wird sich in Form einer in Häuserblocks aufgeteilten Kreisstraße von 50 km Durchmesser rund um das heutige Berlin legen. Jedes Häuserquadrat wird acht Stock hoch sein und eine Seitenlänge von 1 km haben. Hamburg, das lange gefesselte, wird sich gleichfalls nach allen Richtungen hin gewaltig ausdehnen. Breslau wird das Musterbeispiel einer Trabantenstadt. Das oberschlesische Industrierevier wird zu einem einheit­lichen Stadtgebiet vereinigt.
Die Vorarbeiten gehen überall flott vorwärts. Das nächste Jahr wird das erste Jahr wirklich systematischen Städte­baus sein.

 

 

Vorwärts - 10. März 1923

Sozialistischer Städtebau
Ein Monat gewonnen! Dennoch geschlagen!

Die industriellen Sollziffern des dritten Abschnitts sind be­reits Ende Februar erreicht und zum Teil sogar überschrit­ten worden. Die N. E. F. ist aber von der russischen, von der sibirisch-mandschurischen, von der indischen und von der australisch-ozeanischen Föderation mit einer so großen Überlegenheit geschlagen worden, dass wir nur unter Auf­bietung aller Kräfte noch hoffen können, den ungeheuren Vorsprung dieser Föderationen wieder aufzuholen. Sogar die Donau-Balkanföderation hat uns offenbar um den Bruchteil eines Prozents geschlagen. Bestimmtes kann je­doch erst gesagt werden, wenn die genauen Endziffern vor­liegen. Fest steht dagegen, dass die Mittelmeerföderation und sogar die britische Föderation hinter uns zurückgeblie­ben sind. Symptomatisch für den Ausgang des dritten so­zialistischen Wettbewerbs der Föderationen ist der Um­stand, dass die höchste Steigerung der Produktionsziffern und die größte Überschreitung der Planziffern in den Län­dern eingetreten ist, die vor der Revolution am weitesten zurückgeblieben waren. Allerdings haben wir hieran das Hauptverdienst, da wir diese Föderationen weit mehr als zunächst vorgesehen durch Lieferung von Maschinen, Verkehrsmitteln, Industrieerzeugnissen und Fertigwaren unter­stützten. Auch die Zahl qualifizierter Kräfte, die freiwillig in diese Länder gingen, war größer als ursprünglich ge­plant. Allein aus dem ehemaligen Deutschland sind über 4 Millionen gelernte Arbeiter, Lehrer, Ärzte, Bureauange­stellte, Techniker, Ingenieure und hochqualifizierte Land­wirte in der ganzen sozialistischen Welt tätig. Ein großer Teil der gewaltigen Produktionssteigerung in diesen Län­dern ist auf das Konto dieser Pioniere zu schreiben. Den gewaltigsten Sprung nach vorwärts hat Russland im dritten Abschnitt des Fünfjahresplans gemacht. Das größte und geschlossenste sozialistische Wohn- und Arbeitsgebiet der Union, das Wolgaland, wird in diesem Jahre restlos ausgebaut. Die kühnsten Menschheitsträume sind dort be­reits Wirklichkeit. Trotz der gewaltigen Verbesserungen, die im Bereiche unserer Föderation durchgeführt worden sind, können wir, wenn wir einen Vergleich zwischen dem Wolgaland und West- und Mitteleuropa ziehen, nur sagen: wir wohnen in einem Schweinestall, die Wolgaleute in einem Palast. Für das reiche kapitalistische Amerika aber bleibt, wenn wir uns die Wohnhöllen der Werktätigen und nicht die Paläste der Kapitalisten ansehen, nur noch der Vergleich mit einer Dunggrube übrig. Zwischen einem Schweine­stall und einer Dunggrube bestehen allerlei Berührungs­punkte, — nur werden die amerikanischen Arbeiter immer noch in der Dunggrube hausen, wenn wir schon längst un­sere Paläste bezogen haben.
Kommt man aus dem blühenden Wolgagebiet nach Mos­kau, dann ist man überrascht. Welcher Gegensatz! Dort die spiegelblanken Asphalt- und Zementstraßen, die Wohnpaläste, die sozialistischen Städte und die blinkenden Schmuckkästen der landwirtschaftlichen Kollektive, — hier in der Hauptstadt holpriges Pflaster aus vorsintflutlichen Zeiten, baufällige Häuser, kleine, lichtarme Wohnungen, alte Straßen. Moskau ist zu kurz gekommen. Alle Energie ist in den Aufbau der Industrie, ins Wolgaland und in die großen Staatsgüter gesteckt worden, die jährlich Millionen Hektar neu unter den Pflug nehmen.
Die Moskauer sind sich immer noch nicht klar, was sie mit ihrer Stadt anfangen sollen. Wahrscheinlich werden sie an anderer Stelle ein ganz neues Moskau aufbauen und das alte Moskau als Museum stehen lassen. Nicht viel anders wirkt aber der Gegensatz, wenn man aus Indien, aus der Mandschurei oder gar aus Australien-Ozea­nien nach Berlin, der sozialistischen Hauptstadt kommt. Gewiss, es gibt bei uns kein Holperpflaster wie in Moskau. Wie weit, wie furchtbar weit sind wir aber dennoch hinter den Gebieten zurück, die in sozialistischem Sinne aufs modernste aufgebaut wurden! Wir sind stark zurückgeblieben, weil auch wir alle Kraft auf den Neuaufbau des Wolgage­biets konzentriert haben. Die Städtebaumaschinen, die schon im vorigen Jahre den Bau Neu-Berlins beginnen sollten, gingen alle ins Wolgagebiet. Um so schneller soll es aber jetzt vorwärts gehen.
Die neuen Städtebaumaschinen, die vor einer Woche ihre Arbeit begonnen haben, sind wahre Wunderwerke der Technik und viel besser und praktischer ausgestattet als die ersten. So ein Städtebaukombinat kostet über 40 Millionen Mark. Eine gewaltige Summe. Aber doch nur halb so viel wie ein moderner Panzerkreuzer. Atemberaubend ist es, der Arbeit dieser Maschinen zuzusehen: Die gewaltigen Trockenbagger mit ihren zahlreichen Hilfs­maschinen (wir konnten sie schon bei den neuen Ka­nalbauten bewundern) ziehen wie ein Riesenpflug 1000 m lange Furchen durchs Land. In 14 Tagen ist der Baugrund eines viermal 1000 m-Blocks ausgehoben. Dann kommen die Fundamentiermaschinen: wie Riesenlindwürmer kriechen sie die Furchen entlang. Die erste Maschine frisst unaufhörlich Eisen und Stahl und hinterlässt ein Gewirr von eingerammten Pfählen, Eisenstäben, Winkeleisen und Drahtflechtwerk.
Die zweite Maschine frisst Riesenmengen von Sand und Ze­ment und lässt eine glatte glänzende Spur hinter sich zu­rück. Das Fundament ist fertig. Bös sieht's aber an den Rändern der Baufurche aus, die von den Greifern, Klauen und Raupen der Lindwürmer wüst zerhackt wurden. Traktoren und Walzen glätten den Grund, auf dem dann ein breites Band aus Stahlplatten montiert wird. Und auf dieser „Schiene" rollt nun das gewaltigste Ungetüm her­an, das sich jemals über die Erde bewegt hat. Ist es ein Sagenungeheuer aus vorgeschichtlichen Zeiten? Oder eine fahrbare Riesenluftschiffhalle? Alle Vergleiche verblassen gegenüber dieser Wirklichkeit aus Eisen und Stahl, gegen­über dieser Manifestation des schöpferischen, sozialisti­schen Kollektivwillens. Das Staunen beginnt schon, wenn wir uns diesen Giganten von außen ansehen. Ein Fahr­stuhl, ein Aufzug neben dem anderen. Kräne, Winden, Laufbrücken, laufende Förderbänder. Unaufhörlich werden riesige Eisenträger von diesem Koloss verschluckt. Wir gehen ins Innere. Zuerst müssen wir eine Ausgleichskammer passieren. Dann noch eine, in der es schon bedeu­tend wärmer ist. Und jetzt stehen wir in der Riesenhalle. Wärme und Lärm, das sind die ersten Eindrücke. Einige halbnackte Arbeiter huschen vorbei. Dann sind sie verschwunden — das Eisen hat sie verschluckt. Kein Mensch ist mehr zu sehen; aber die ganze Halle ist lebendig, alles bewegt sich. Sinnlos scheinbar. Laufbrücken, Kräne, Auf­züge, Förderbänder. Die Wände bewegen sich, das Dach bewegt sich, die tausend Lampen bewegen sich, sogar der Boden scheint sich zu bewegen. Plötzlich kommt Sinn in das Chaos. Von der Decke herab senken sich schnell in gleichmäßigen Abständen gewaltige senkrecht hängende Eisenträger. Noch bevor sie den Boden berühren, schwen­ken von allen Wänden drehbare Arme aus, die den Fuß jedes Trägers umklammern. Auf beiden Seiten jedes Trä­gerfußes sitzt jetzt plötzlich ein Arbeiter mit Apparaten in der Hand. Ein ohrenbetäubender Lärm setzt ein. Aber nicht nur da unten. Auch über uns. Ohne, dass wir es gemerkt haben, sind von oben her die Querträger gekommen. An allen Pfeilerköpfen sitzen Arbeiter auf ausgeschwenkten Körben und bedienen die Schraub-, Schweiß- und Nietmaschinen. Schon senken sich wieder neue senkrechte Träger herab, — da scheint die Well unterzugehen, oder vielmehr; hochzugehen. Der Grund, auf dem wir stehen, geht plötz­lich in die Höhe. Die Arbeiter, die vor 20 Sekunden an der Bausohle die Niethämmer abstellten, bedienen jetzt schon die Schraub-, Niet- und Schweißmaschinen im nächsten Stock. Die Arbeiter aber, die eben noch an dieser Stelle saßen und die Querversteifungen befestigten, sitzen jetzt schon wieder zu unseren Köpfen und warten auf die neuen Querträger, die sich, scheinbar leicht wie Streichhölzer, her­absenken.
Kaum haben wir Zeit, zu begreifen, was um uns geschieht, da kommen schon wieder senkrechte Träger herab, und das Quadrat, auf dem wir stehen, bewegt sich wieder nach oben. Das Spiel beginnt von neuem.
Wir werden nicht müde zuzuschauen. Auf einmal sind wir im achten Stock, nahe unter der Decke des Baugiganten. Das Skelett ist fertig. Während wir den Fahrstuhl besteigen, der uns nach unten bringt, öffnen sich die Seitenwände der Baumaschine und schieben sich ineinander. Der ganze Koloss erzittert und schiebt sich zwanzig Meter nach rechts weiter. Die rechte Seitenwand ist schon geschlossen. Links geht es nicht so leicht, da die Abdichtungswand hier den neuen Querträgern angepasst werden muss. Einen Augenblick lang war es bitter kalt. Jetzt flutet schon wieder Wärme durch den Raum. In einigen Minuten beginnt die neue Schicht ihr Werk. Die Arbeiter, die wir auf ihrer Wanderung nach oben begleitet haben, ziehen sich aus, hän­gen ihre Bademäntel um und gehen durch einen festabge­dichteten Verbindungsgang in den Badewagen. Die Vier­stundenschicht ist zu Ende. Wir gehen in einen Kantinen­wagen. Gleich werden die gebadeten Genossen erscheinen und an derselben Stelle Mittag essen, wo eben noch die ab­lösende Schicht, die jetzt schon wieder im ersten Stock arbeitet, ein knappes, aber kräftiges Mahl eingenommen hat. Es wird in sechs Vierstundenschichten gearbeitet. Alle vier Stunden schiebt sich der Baugigant 20m weiter. In diesen vier Stunden wird kein Wort gesprochen, kein Befehl er­teilt, keine unnütze Handbewegung gemacht. In diesen vier Stunden verlässt kein Arbeiter seinen Arbeitsplatz. Achtmal fünfzehn Sekunden beträgt in diesen vier Stunden die Min­destruhezeit (während des Hinaufschraubens). Die meisten haben jedoch außerdem noch weitere achtmal zehn Se­kunden Ruhe, da für jeden Arbeitsgang zehn Sekunden über die Mindestzeit hinaus einkalkuliert sind. An jedem Arbeitsplatz ist eine Klingel. Sobald darauf gedrückt wird, ruhen alle Maschinen so lange, bis die unvorhergesehene Hemmung, wegen der geklingelt wurde, beseitigt ist. Nur bei solch unvorgesehenen Hemmungen, die jedoch äußerst selten eintreten, darf die vierstündige Arbeitszeit um eine Stunde überschritten werden. Die Arbeiterstoß­brigade, die diesen kollektiven Arbeitsprozess so musterhaft durchführt, hat schon mehrmals den Antrag gestellt, unbe­zahlte Überstunden zu machen. Dieser Antrag ist aber mit Recht abgelehnt worden. Diese intensive Tätigkeit ist ohne Schädigung des Arbeiters und des Werkes nur möglich, wenn sie auf vier Stunden beschränkt wird. Für alle Ar­beiter gilt dagegen die sechsstündige Anwesenheitspflicht. Sie müssen sich eine Stunde vor Arbeitsbeginn in der Kantine melden, damit sie völlig ausgeruht an die Arbeit gehen. Die Speisen und Getränke, die vor der Arbeit genossen wer­den, sind ärztlich vorgeschrieben. Erst eine Stunde nach Beendigung der Arbeit dürfen die Arbeiter die Speise-, Lese- oder Siestawagen verlassen und die Autos besteigen, mit denen sie in ihre Wohnviertel oder in ihren Klub beför­dert werden. Bezahlt werden 6 Stunden. Ein Wunderwerk sozialistisch er Technik ist dieser Baugigant Nr. 1. Aber noch wunderbarer ist sein Nachfolger, Gigant Nr. 2, der sich wie sein Schatten immer hinter ihm her be­wegt. Gigant Nr. 1 schluckt Eisen und lässt nach vier Stun­den 20 Meter fertiges Skelett der 1000 Meter-Achtstock­werkfront hinter sich zurück.
Gigant Nr. 2 aber frisst wie eine Riesenschlange 20 Meter dieses Skeletts, indem er sich über sie hinwegschiebt. Er schluckt riesige Mengen Mörtel, Zement, Platten und son­stige Baumaterialien und lässt nach vier Stunden den ferti­gen Rohbau hinter sich zurück. An seine Stelle tritt bald Gigant Nr. 3, der einen Teil des Innenausbaus und die Fen­ster einsetzt und nach weiteren vier Stunden 20 Meter ab­geputzte Häuserfront hinter sich lässt. Dann fangen die großen Heizkessel an, ihre Rüssel in die Fenster zu stecken. Sie trocknen den Gebäudeteil aus und ermöglichen gleichzeitig den weiteren Innenausbau und die Montage der Leitungen bei angenehmer Temperatur. So fressen sich die Giganten weiter und weiter. Wenn ein 1000 Meter-Quadratblock beendet ist, geht es zum näch­sten. Wenn sie sich um ganz Berlin herumgefressen haben, dann wird die letzte Wohnhöhle verlassen sein. Wir verlas­sen dann alle unseren Schweinestall und ziehen in das Haus der Arbeit.
Die Neuberliner 160 km-Straße wird alle Riesenbauten der Vergangenheit an Ausmaßen weit in den Schatten stellen. Die Straße selbst mit allen Bahnanlagen soll in drei bis vier Jahren beendet sein. Sie soll durchgängig mit 1000 Meter-Quadratblocks bebaut werden. Sobald allerdings genügend Wohnraum vorhanden ist, sobald alle Wohnhöhlen und engen Straßen innerhalb dieser Rundstraße entvölkert und abgerissen sind, wird die weitere Bautätigkeit zunächst ein­gestellt: wir wollen die gut erhaltenen Bauten Altberlins ausnutzen, solange die in der Nähe liegenden Betriebe noch nicht als veraltet abgerissen werden.
Neuberlin wird also größtenteils aus der Rundstraße mit ihren 1000 Meter-Quadratblocks bestehen, die sich an den engsten Stellen auf 100 Meter einander nähern. Die einzelnen Blocks werden untereinander durch Gänge unter den Straßen und durch zweistöckige Brücken über den Straßen verbunden sein.
Das Gelände innerhalb des Ringes wird sich mit fortschrei­tendem Abbruch Altberlins mehr und mehr in Parks, Sport-, Spiel- und Reitplätze verwandeln, in denen einzelne Gebäude und Straßen als Museen der Vergangenheit stehen bleiben werden.
Neue Bauten innerhalb des Ringes sind nicht geplant, auch keine Flachbauten. Liebhaber von Einfamilienhäusern müs­sen sich außerhalb der Rundstraße ansiedeln. Die Straße selbst wird Dreietagenstraße. Zuunterst laufen die sechs Schienenstränge der Rundbahn, in jeder Richtung drei. Je ein Strang ist für die Blitzbahnen bestimmt, die nur an den Haupthaltestellen (alle 40 km) halten. Die nächsten beiden Schienenstränge dienen dem Schnellver­kehr (alle 5 km eine Haltestelle). Auf den äußersten Linien beider Straßenseiten fahren die Züge, die an jeder Radialstraße zwischen den Häuserblocks, also alle 1000 Meter halten. Jeder Häuserblock hat seinen eigenen unterirdischen Bahnhof. Die Blitzzüge werden die Ringstadt in einer halben Stunde umfahren, die Schnellzüge in einer Stunde. Die anderen Züge werden erheblich mehr Zeit brauchen. Bei zweimaligem Umsteigen wird man also jeden Punkt der Stadt in höchstens 20 Minuten erreichen können.
Zu ebener Erde liegen die beiden je 20 Meter breiten Fahr­bahnen, die so viel Tageslicht erhalten, dass sie erst bei Be­ginn der Dämmerung beleuchtet zu werden brauchen. Dar­über zwei je zehn Meter breite Fußgängerwege, die alle hundert Meter durch Brücken verbunden sind. Ein Achtel der Ringstraße und die ersten zehn Häuser­blocks sollen bis zum ersten Mai fertig gestellt sein.

 

 

Vorwärts - 30. April 1923

Zum ersten Mai

Die ganze sozialistische Welt wird morgen 24 Stunden lang ihren Arbeitsrausch vergessen und den Sieg des sozialisti­schen Aufbaugedankens feiern. Die Arbeit ist zum Sport, zum Fest geworden. Ein wahrer Taumel hat die ganze Bevölkerung erfasst. Die Genossen in den Plankommis­sionen arbeiten ununterbrochen, um die Flut von Erzeug­nissen, die in unbezahlten Überstunden produziert werden, richtig und zweckmäßig zu dirigieren. Jetzt können alle Anforderungen fast restlos und in kürzester Frist erledigt werden. Jetzt macht es keine Schwierigkeit mehr, die Hun­derttausende der Freiwilligen, die an ihrem Arbeitsplatz selbst keine Gelegenheit zu nutzbringender Überarbeit ha­ben, an geeignete Plätze zu stellen. Weit über 100000 Ehrentafeln und Ehrenurkunden werden morgen ausgegeben. Überall sieht man sie jetzt schon, diese kleinen unschein­baren und doch so vielsagenden Ehrentafeln: „Diese Loko­motive wurde in unbezahlter Überarbeit von den Arbeitern der Borsigwerke erbaut." „Dieser Park wurde in 10 Feier­tagsschichten von Professoren und Studenten der___Uni­versität und von der Sektion des .... Industrieverbandes angelegt." „Dieses Bootshaus wurde in Feiertagsschichten erbaut von___" „In dieser Landstraße stecken 10000 un­bezahlte Stunden der Büroangestellten von___" „Dieser Spielplatz wurde von Lehrern und Schülern der___schule
angelegt." „An dieser Stelle war früher ein Schuttablade.
platz. Die schöne Grünanlage wurde geschaffen von___"
„Dieser Radfahrweg ist das Werk von___" „Dieses Klub­haus ist ein Geschenk der ersten westfälischen Baubrigade an die erste westfälische Dorfkommune." „Dieses 10000-t-Schiff ist den russischen Vorkämpfern der proletarischen Revolution gewidmet. Es ist das Produkt der einjährigen freiwilligen Sonderschichten aller Werktätigen der Werft."
Die Arbeit ist eine Freude geworden. Denn jeder sieht jetzt die Erfolge unsres Aufbaus. Gewaltiges wurde bei uns schon geschaffen, aber noch mehr — mit unserer Hilfe — in Russland, auf dem Balkan, in Kleinasien, Indien, Indonesien, Australien, in China und ganz besonders in der Mandschurei. Morgen wird ein durch das Los aus­gewählter chinesischer Bauer an der Spitze eines riesigen Triumphzuges in die neue Hauptstadt der Sibirisch-Mon­golisch-Mandschurischen Föderation einziehen. Die dor­tigen Genossen behaupten, dass er gerade der hundertmil­lionste Mensch sei, der in dieser Gegend angesiedelt wird. Ob sie sich nicht verzählt haben? Glauben wir ihnen! Sie haben sich ihren Triumph redlich verdient. Das China von heute lässt sich mit dem von 1918 überhaupt nicht mehr vergleichen. Die kühnsten Pläne Sun Yat-sens sind verwirklicht worden. Der gewaltige Aufbau, der im Osten vor sich geht, hat mit dem Fünfjahresplan kaum mehr etwas zu tun. Die Entwicklung nimmt in diesem Jahre ein Tempo an, das allen Vergleichen spottet. Es ist aus­geschlossen, den gewaltigen Vorsprung der fernöstlichen Fö­derationen in der Produktionssteigerung noch einzuholen. Wie ist dieser gewaltige Aufschwung zu erklären? Haben die Fünfjahrespläne nicht gestimmt? Nein, die Pläne waren anfänglich richtig; die gewaltige Steigerung der Produktivkraft, die nach Ablauf der ersten zwei Abschnitte eintreten musste, ist allerdings zu niedrig eingeschätzt worden. Aber nicht hierin liegt der entscheidende Fehler. Er wurde gemacht, als die erste Umarbeitung der Fünfjahrespläne auf Grund der Fünfzigmilliardenstundenanleihe pro Abschnitt vorgenommen wurde. Das Aufkommen dieser An­leihe ist größtenteils in den unentwickelten Gebieten in­vestiert worden, neben den Riesensummen, die ohnehin im ursprünglichen Fünfjahresplan vorgesehen waren. Der Lö­wenanteil dieser Anleihen wurde aber in den hoch entwickelten Industriestaaten aufgebracht. In den unentwickelten Ge­bieten beteiligten sich nur wenige Millionen an der Anleihe­zeichnung. Die Massen wurden entweder überhaupt nicht erfasst, oder sie waren nicht in der Lage, Anleihen in nen­nenswertem Umfange zu zeichnen, da ihr „Einkommen", wenn man so sagen darf, entsprechend der geringen Durch­schnittsproduktivität der Wirtschaft sehr niedrig war. Je schneller aber die Industrialisierung dieser Gebiete vor sich ging, je mehr Menschen in den Kreislauf der modernen sozialistischen Wirtschaft einbezogen wurden, um so schnel­ler stieg auch die Gesamtproduktivität. Millionen Menschen, noch vor kurzem in primitivsten Wirtschaftsverhältnissen lebend, sind jetzt mit den besten und modernsten Arbeits­mitteln ausgerüstet. Sie produzieren unter Leitung hervor­ragender Fachmänner, die wir gestellt haben, durchschnitt­lich schon ebensoviel oder gar mehr pro Kopf als wir; denn unsere Betriebe sind teilweise veraltet. Die Löhne sind zwar nur etwa halb so hoch wie bei uns, aber doch schon viel höher als noch vor wenigen Jahren, so dass sich das Lebensniveau der dortigen Arbeiter, die ja äußerst bedürfnislos sind, schon sehr gebessert hat. Milliarden und Abermilliarden konnten aber bei den niedrigen Löhnen überplanmäßig akkumuliert und investiert werden. Der schwerste Fehler der zweiten Fassung der Fünfjahres­pläne liegt in Folgendem: Die vier europäischen Föderatio­nen wurden bei der Zeichnungskampagne fast restlos erfasst und konnten den Arbeitern nicht noch größere Opfer zu­muten. Sie haben deshalb von der Möglichkeit föderativer Zusatzanleihen keinen Gebrauch gemacht. Sie werden es auch in den letzten Abschnitten nicht können, denn die Ab­schnitte werden immer kürzer, und die Zeichnungssumme ist für alle Abschnitte gleich. Die Anleihesummen restlos aufzubringen, wäre bei der Verkürzung der Planabschnitte überhaupt nicht möglich gewesen, wenn die Steigerung der Produktionskraft und der föderativen Einnahmen nicht die Kommunisierung einer weiteren Reihe von Produkten und die Erhöhung der Zuwendungen an die Klubs möglich ge­macht hätte. Nur wenn diese Maßnahmen noch verstärkt werden, sind wir überhaupt in der Lage, die geplante wei­tere Verkürzung des vierten Abschnitts vorzunehmen. Der vierte Abschnitt sollte eigentlich am 1. April beginnen und am 30. November beendet sein. Da er aber schon am 1 März begann, wäre er ohne Verkürzung sowieso schon Ende Oktober beendet. Aber es ist nun schon Ehrensache, dass auch dieser Abschnitt von acht auf sieben Monate verkürzt, also schon Ende September beendet wird. Damit hatten wir gerechnet. Jetzt verlangt man aber gar von uns, dass wir die Produktionsziffern des vierten Abschnitts schon Ende August erreichen. Da die Produktions- und die Fi­nanzierungspläne untrennbar zusammenhängen, bedeutet das, dass auch die Anleihesumme für den vierten Abschnitt in sechs Monaten aufgebracht werden soll. Schon das er­scheint uns unmöglich. Was soll aber erst im fünften Ab­schnitt werden? Zugegeben: die Produktionsziffern für diesen Abschnitt sind in der ersten Fassung des Fünfjahres­plans zu niedrig eingesetzt worden. Das wird aber mehr als ausgeglichen dadurch, dass der fünfte Abschnitt in der zweiten Fassung auf fünf Monate zusammengedrängt wor­den ist.
Jetzt soll aber dieser Abschnitt nochmals um einen Monat verkürzt werden, so dass das ganze Fünfjahrsprogramm statt in fünf in drei Jahren verwirklicht würde. Das ist pro­duktionstechnisch wohl möglich, aber finanziell undurch­führbar. Die volle Anleihesumme lässt sich in dieser kurzen Zeit nicht aufbringen. Unsere Genossen haben ungeheure Opfer für den sozialistischen Aufbau gebracht. In allen Köpfen rast der Produktionsteufel. Unzählige Hirne sinnen darüber nach, wie wir es fertig bringen, den Vorsprung der fernöstlichen Genossen wenigstens insoweit einzuholen, dass wir den Fünfjahresplan noch in diesem Jahre durchführen. Alle sind bereit, für dieses hohe Ziel ihr Letztes herzugeben. Aber bei alledem muss die Finanzierungsfrage im fünften und teilweise auch schon im vierten Abschnitt anders ge­regelt werden.
Unser Verhältnis zu den Tochterföderationen, die wir groß­gezogen haben, hat sich grundsätzlich gewandelt. Bald sind sie die Starken, und wir werden die Schwachen sein. Wir haben bei dem fieberhaften Tempo unserer Arbeit nicht Zeit gehabt, unseren ganzen Produktionsapparat zu erneuern. Unsere Werke, die größtenteils noch vom Kapitalismus übernommen wurden und die nach kapitalistischen Ge­sichtspunkten angelegt sind, lassen sich nicht vergleichen mit den neuen Industrieanlagen in den früheren kolonialen und halbkolonialen Ländern. Dort konnte man den Standort nach den Gesichtspunkten unserer Wirtschaftsweise wählen und alles höchstmodern einrichten. Der Ausbau dieser neuen Industriegebiete geht in rasendem Tempo vorwärts und lässt alle Kontrollziffern der Fünfjahrespläne weit hinter sich. Abgesehen von der gewaltigen Akkumulation infolge der niedrigeren Löhne stehen diesen Föderationen Milliarden­summen aus den neuen föderativen Zusatzanleihen zur Ver­fügung. Von der internationalen Industrialisierungsanleihe wurden im ersten Abschnitt des Fünfjahresplans in diesen Gebieten nur etwa 5—10% der Gesamtbevölkerung erfasst, im zweiten Abschnitt dagegen von der föderativen Zusatzanleihe schon etwa 25%. Im dritten Abschnitt waren es rund 50%, und jetzt im vierten Abschnitt werden es wahrscheinlich schon 75% sein. Im letzten Viertel dieses Jahres hofft man 90% aller erwachsenen Personen erfassen zu können. Man stelle sich vor, was das bei einer Bevölkerung von nahezu einer Milliarde Menschen bedeutet, die wir aus jahrtausendelangem Schlaf und ebenso langer Knechtschaft herausgerissen und in den allermodernsten Produktionsprozess eingereiht haben. Das Aufkommen aus der internatio­nalen Industrialisierungsanleihe verschwindet ja vollkommen gegenüber den föderativen Anleihen in diesen riesigen Gebieten.
Der Weltwirtschaftsrat befasst sich seit drei Tagen aus­schließlich mit der Frage, in welcher Weise der Fünfjah­resplan den veränderten Verhältnissen anzupassen ist.

 

 

Extrablatt – Vorwärts- 30. April 1923

Die Beschlüsse des Weltwirtschaftrates
Kommunisierung der Mieten! Keine Sozialbeiträge mehr!

Von morgen ab hören die Abgaben an andere Föderationen auf.
Im vierten Vierteljahr erhalten wir 10 Milliarden Mark Zuschuss von Russland-China-Indien.
Gezeichnete Anleihebeträge sind in den beiden kommenden Abschnitten von jedem Zeichner voll einzuzahlen. 10 Mark Mietsumme pro Person (also auch für jedes Kind) sind frei. Das heißt praktisch: die Mieten werden kommuni­siert, da ja normale Wohnungen nicht mehr kosten. Die Sozialbeiträge kommen ab 1. Oktober in Fortfall. Eine Reihe weiterer Verbesserungen, die planmäßig erst am Ende des Fünfjahresplans in Kraft treten sollten, werden vorzeitig eingeführt.

 

 

Vorwärts - 2. Mai 1923

Der Siegestag der Arbeit

In der ganzen S.U. wurden gestern rund 1000 neue Elektrizitätswerke feierlich eingeweiht, 6000 Fabriken in Betrieb genommen, 130 neue Bahnstrecken mit einer Länge von insge­samt 37000 Kilometern und
520 neue Kraft-Verkehrslinien dem Verkehr über­geben,
170 Talsperren, 300 Schleusen und 23000 km Kanäle eingeweiht.
Tausende und Abertausende von Parks, Grünflächen, Spiel­plätzen, Radfahr- und Wanderwegen, Klubhäusern, Erho­lungshäusern, Wochenend- und Ferienheimen, Badeanstal­ten, Krankenhäusern, Mutter- und Kinderheimen wurden gestern ihrer Bestimmung zugeführt. Der Flug-, Sport- und Wehrverband hat 10000 neue Flug­zeuge und ebensoviel Autos neu in Betrieb genommen und die Preise für die Ausrüstungsgegenstände nochmals her­abgesetzt. Hunderttausende von neuen Wohnungen in Klein­häusern oder Wohnpalästen wurden den „Mietern" über­geben.
Die Jungpioniere Berlins haben es sich nicht nehmen lassen, gestern die ganze Münzstraße und einzelne Mietkasernenblocks im Wedding und Neukölln, die vollkommen geräumt waren, in die Luft zu sprengen. Alle wei­teren Abbrucharbeiten werden, ebenfalls in unbezahlten Überstunden, von den Jungpionieren ausgeführt.
Zehn große Wohnpaläste wurden gestern allein in Berlin eingeweiht. Welch gewaltiger Unterschied! Die Arbeiter, die aus den allerschlimmsten Berliner Wohnhöhlen in diese ersten zehn Blocks der Großen Berliner Ringstraße ver­pflanzt werden, sehen jetzt, dass wir in den letzten Jahren uns nicht umsonst geplagt, dass wir nicht umsonst geschuf­tet und gespart haben.
Als Normalwohnraum steht jedem Erwachsenen und jedem mehr als zehn Jahre altem Kind ein Zimmer mit eingebau­ten Schränken zur Verfügung. Die Miete für ein Normal­zimmer beträgt 10 Mark; fällt also nach der neuen Verord­nung ab 1. Juli fort. Die Miete für Küche, Bad, Abstellkam­mer, Abort usw. beträgt zusammen 5 Mark. Alle Küchen sind mit Warmwasserleitung und mit elektrischem Wasser­kochbehälter versehen. Man drückt auf einen Knopf, worauf Warmwasser einläuft und bis zum Siedepunkt erhitzt wird. Die vollkommene elektrische Kücheneinrichtung wird zum Preise von 60 Mark geliefert.
Ein lediger Arbeiter, der eine Einzimmerwohnung bezieht, hat also zunächst 15 Mark und ab 1. Juli 5 Mark Miete zu zahlen; ein kinderloses Ehepaar für eine Zweizimmerwoh­nung zunächst 25 Mark und ab 1. Juli 5 Mark. Ein Ehepaar mit einem Kinde wohnt ab 1. Juli in einer Zweizimmerwohnung völlig mietefrei. Alle Einrichtungen des Wohnpalastes stehen ihnen und ihrem Kinde unentgeltlich zur Verfügung (mit Ausnahme der Klubeinrichtungen, die durch den Klubbeitrag abgegolten werden).
Der Innenraum jedes Quadratkilometerblocks ist von Park­anlagen, Spiel- und Sportplätzen, Planschbecken und einem Freibade ausgefüllt.
Auf den laufenden Transportbändern im zweiten Keller und im zweiten und dritten Stock sind auch die Nachbarblocks und die Blocks der gegenüberliegenden Straßenseite schnell und bequem zu erreichen. Wenn einmal der ganze Ring bebaut sein wird, was allerdings wohl noch ein Jahrzehnt dauern dürfte, kann man also in ungefähr sechs Stunden rund um die ganze Stadt rutschen, ohne auf die Straße zu gehen oder ein Gefährt zu benutzen.
Diese Ringstraße, die in ungefähr zehn Jahren fertig wer­den soll, wird ein Wunderwerk der Technik sein. Wir müs­sen uns aber heute schon darüber klar sein, dass sie nicht unser Ideal ist. Wir werden dieses Werk vollenden und als einen großen Erfolg sozialistischen Willens und sozialisti­scher Arbeit feiern. In Zukunft aber wollen wir andere Wege gehen. Die Städte müssen aufgelockert werden. Die Industrie (mit Ausnahme der an bestimmte Standorte ge­bundenen Schwerstindustrie) ist planmäßig zu dezentralisie­ren, so dass der Unterschied von Stadt und Land immer mehr verschwindet. Das ist nur eine der vielen Aufgaben, an die wir uns nach Durchführung des Fünfjahresplans machen werden. Aber der schwerste Teil unseres Weges wird doch hinter uns liegen, wenn am Ende dieses Jahres der letzte Hammerschlag verklingt und die Produktionsziffern und Arbeitspläne des Fünfjahresplans erreicht, ja vielfach sogar übertroffen sind.
Wie hat man in Amerika über uns gespottet, als wir die Fünfjahrespläne bekannt gaben. „Utopien, Phantastereien, wahnsinnige Experimente" nannte man unseren Versuch, alle schöpferischen Kräfte der S.U. wachzurufen und plan­mäßig dem großen Ziel des Sozialismus dienstbar zu machen. Und wie höhnte man uns erst, als die ersten Vorschläge zur beschleunigten Durchführung des Fünfjahresplans gemacht wurden! Als dann aber die Arbeiter in der ganzen sozialisti­schen Welt ein Viertel bis ein Drittel, ja manchmal sogar die Hälfte ihres Einkommens als Anleihe zeichneten, als die Produktionsziffern nicht nur innegehalten, sondern über­schritten und die Fristen noch weiter verkürzt wurden, als die Zahl der Anleihezeichner in Russland sich verzehnfachte und die Anleihesumme fast auf das Zwanzigfache anschwoll, als die Produktivkräfte in den zurückgebliebensten Ländern immer schneller wuchsen und auch hier Millionen und aber Millionen Menschen von dem Anleihefeldzug erfasst wur­den, da verstummte Hohn und Spott, und man versuchte, unsere Erfolge totzuschweigen. Das konnte gelingen, so­lange die Überlegenheit der sozialistischen Wirtschaft sich erst in der Vermehrung der Produktionsmittel, aber noch nicht im Konsum der Massen auswirkte. Dieser kritische Zeitpunkt ist aber jetzt überschritten. Immer deutlicher wird jetzt auch der Einfältigste unsere gewaltigen Erfolge er­kennen.
Mit Ablauf dieses Jahres, also schon nach drei Jahren (in Russland dreieinviertel Jahren) soll der Fünf jahresplan der Union überall restlos verwirklicht sein. Dann wird sich un­ser Erfolg in seiner ganzen Größe zeigen. Dann erst werden wir erkennen, welch gewaltiges Werk Energie und Opferfreudigkeit geschaffen haben.
Acht Monate trennen uns noch von diesem Zeitpunkt. Acht Monate lang müssen wir noch alle Kraft zusammennehmen und weitere Opfer bringen. Aber das Ziel ist schon näher gerückt. Ungeduld nützt nichts. Die Zähne zusammengebissen. Fester den Hammer gefasst! Der Endspurt beginnt! Seid ihr fertig? — Achtung! — Los!!!

 

 

Vorwärts - 2. September 1923

Wir hinken nach!

Nach den vorläufigen Schätzungen ist das Programm des vierten Abschnitts in der N. E. F. nicht voll erfüllt worden. An der Augustproduktion fehlen 3%. Wir treten in die letzte Runde mit einer winzigen Verspätung ein. Aber wir werden aufholen. Überall, wo es möglich ist, werden die Schichten verlängert, die Ruhetage ausgelassen. Noch eine letzte gewaltige Kraftanstrengung, dann ist das selbstge­steckte Ziel erreicht. Gewaltiger und immer gewaltiger er­braust das hohe Lied der befreiten Arbeit. Tausend Millio­nen Menschen sind am Werk. Ein Wille beseelt sie, ein Pulsschlag durchströmt sie, ein Ziel steht vor aller Augen: die letzte Schlacht im Kriege gegen Elend, Hunger und Rückständigkeit zu gewinnen. Vor Ablauf dieses Jahres muss das gewaltige Werk beendet werden. Bald erdröhnen die letzten Hammerschläge. Bald ist das Fundament der sozia­listischen Gesellschaft vollendet. Alle Maschinen: „Volldampf voraus!!!"

 

 

Vorwärts - 26. Dezember 1923

Am Ziel!
Sieg ! Sieg ! Sieg !
Eine Woche Arbeitsruhe
Ein Vierteljahr Urlaub
Sechstagewoche: Vier Arbeitstage! Zwei Ruhetage!

Wir haben es geschafft. Der Sozialismus hat seine Feuer­probe bestanden. Die erste große Saat ist durchgeführt. Die erste Ernte beginnt.
Fünf Jahre nach dem Siege an der militärischen Front feiern wir unseren Sieg an der Wirtschaftsfront. Jetzt können wir ausruhen und ein ruhigeres Tempo einschlagen. Morgen beginnt die erste „Fünftagewoche der Weltrevolu­tion." Sie wird durch Arbeitsruhe gefeiert. Am 1.Januar tritt die neue Kalenderreform in Kraft. Das Jahr hat jetzt 12 Monate zu je 30 Tagen oder 5 Wochen.
Die letzten 5 bzw. 6 Tage des Jahres bilden die Woche der Weltrevolution, in der nur die allernotwendigsten Arbeiten verrichtet werden dürfen.
Die durchgehende Arbeitswoche wird beibehalten. Auf je vier Arbeitstage entfallen aber jetzt zwei Ruhetage. Für je ein Drittel aller Werktätigen beginnt die Arbeitswoche am 1., 3. oder 5. Tage der Kalenderwoche. Die Anträge auf Wiedereinführung fester Sonntage wurden abgelehnt. Jeder Werktätige soll Gelegenheit haben, seine beiden Ruhetage in einem Landerholungsheim zu verbringen. Wir haben aber noch nicht genug Erholungsheime, um alle Werktätigen an einem Tage unterbringen zu können, ganz abge­sehen davon, dass es eine sinnlose Verschwendung wäre, Tausende von neuen Erholungs- und Wochenendheimen zu bauen, die nur an zwei Tagen belegt wären und an den anderen Tagen leer stünden. Die Einführung fester Ruhe­tage würde aber auch den Nachteil haben, dass wir unsere modernen Betriebe nicht voll ausnutzen könnten und durch diesen Ausfall gezwungen wären, eine Anzahl von Betrieben aufrechtzuerhalten, die nicht mehr auf der Höhe der Tech­nik stehen und deshalb stillgelegt werden sollen. Wegen der großen Umstellungen, die im nächsten Halbjahr erfolgen, müssen eine ganze Reihe von Betrieben ge­schlossen werden. Jeder Werktätige erhält ein Vierteljahr Urlaub (bisher nur einen Monat). Um den Urlaub angenehm verbringen zu können, ist er berechtigt, von seinem Anleihe­konto Beträge bis zur Höhe von zwei Monatseinkommen abzuheben.
Eine Barrückzahlung von Anleihegeldern über diesen Be­trag hinaus ist vorläufig nicht zulässig. Dagegen können Anleihepapiere bei Kauf von Fahrscheinen oder von Fahr­scheinheften, die in der ganzen S. U. gelten, in Zahlung ge­geben werden. Eine ganze Anzahl von Arbeitern wird große Reisen unternehmen. Der Rundreisebetrieb wird ab 1. Februar auf den südlichen und ab 1. Mai auch auf den nördlichen Reiserouten aufgenommen. Die Anmeldung muss un­ter Beifügung der Anleihepapiere in Höhe der Fahrpreise bis spätestens 1. Februar erfolgen. Im Jahre 1925 soll der Rundreiseverkehr noch weiter ausgebaut werden. An­meldungen für 1925 müssen bis zum 1. Oktober erfolgen.
Am meisten Voranmeldungen liegen bisher für die Route III vor. Flussfahrt donauabwärts bis Schwarzes Meer — Auto­fahrt durch den Kaukasus — Schiff-Fahrt: Kaspisches Meer
— Transpersienbahn — Schiff-Fahrt: Indien, ostafrikanische Küste, Suezkanal, Mittelmeer — Heimfahrt über Italien— Marseille, oder Genua, oder Venedig, oder Albanien. Auch für die Weltrundfahrt und für die Rundfahrt um die ganze S.U. liegen schon sehr viel Anmeldungen vor. Wir empfehlen diese großen Fahrten jedoch noch nicht. In einem Vierteljahr kann man den Reiz dieser Reisen nicht richtig auskosten. Bei allen Annehmlichkeiten, die in unse­ren neuen Kontinentalzügen und auf unseren Personendampfern geboten werden, sind diese Routen noch mit zuviel Strapazen verbunden. Wenigstens alle jüngeren Män­ner und Frauen sollten warten, bis die Union in der Lage ist, jedem Arbeiter nach zehnjähriger Beschäftigung ein halbes oder gar ein ganzes Jahr Urlaub zu geben.
Die Arbeiter, die mit ihrer Familie gar zu große Reisen unternehmen, verbrauchen fast die ganze Anleihe, die sie gespart haben. Das ist sehr unwirtschaftlich. Unsere Produktivität wird immer mehr steigen, je mehr wir mit dem Ausbau der Produktionsmittelfabriken fertig werden und uns der Schaffung von Konsumgütern zuwenden können. Die monatliche Arbeitszeit beträgt jetzt 120 Stunden und das Durchschnittseinkommen 120 Mark. Abgaben werden
— mit Ausnahme des Klubbeitrages — nicht mehr erhoben. Die Menge der kommunisierten Lebensmittel, die die Klubs und Werkgemeinschaften umsonst verabreichen, steigt zu­sehends. Auch die Fischnahrung wird ab 1. Januar kommunisiert. In allen Meeren und Gewässern der S. U. wird jetzt planvolle Fischzucht getrieben. Das Zentralfischzuchtinsti­tut der S. U. hofft, durch neue Zucht- und Auslesemethoden den Fischbestand bedeutend verbessern zu können. Für Schuhwerk und dauerhafte, einfache Bekleidung ge­nügt jetzt eine monatliche Ausgabe von 15—20 Mark pro Person. Selbst wer sich diesen oder jenen Luxus gestattet, kann also noch sparen. Und es ist kein Fehler, wenn er es tut, weder für ihn noch für die Gesamtheit. Für ihn ist es von Vorteil, weil die Kaufkraft unseres Geldes ständig steigt, und für die Gesamtheit, weil wir noch auf Jahre hinaus mehr produzieren als konsumieren müssen. Je mehr heute noch gespart wird, um so schneller wird der Zeitpunkt er­reicht sein, wo das Sparen überflüssig wird.

Partei und Diktatur


In den europäischen Föderationen kann eigentlich von Dik­tatur keine Rede mehr sein. Eine ganze Anzahl Räte sind bereits bis zu 40% von Parteilosen besetzt. In der gan­zen N. E. F. gibt es nur noch etwa eine Million Menschen ohne Wahlrecht. Die Karenzzeit für ehemalige Angehörige der besitzenden Klassen, die sich in den Produktionsprozess eingegliedert haben, soll ab 1. Mai von drei Jahren auf ein Jahr verringert werden. Für Landwirte, die einem Kollektiv angehören, ist die Karenzzeit bereits herabgesetzt wor­den. In einigen Jahren werden also außer den Geistlichen nur noch einige Spezialisten, die auf ihre hohen Gehälter nicht verzichten wollen, des Wahlrechts beraubt sein. Die Rätedemokratie wird dann fast vollkommen sein. Auch in Russland nimmt die Zahl der nicht Wahlberechtigten zu­sehends ab, ebenso in China, wo sie noch ungefähr vier Mil­lionen beträgt. Sehr hoch ist die Zahl der nicht Wahlbe­rechtigten dagegen in Tibet und einigen anderen innerasia­tischen Gebieten, wo die Propaganda gegen das Mönchsunwesen erst vor kurzem aufgenommen wurde. In Indien sind noch ungefähr 30% der Bevölkerung vom Wahlrecht ausgeschlossen, da hier nur Werktätige wahlberechtigt sind die sich verpflichtet haben, alle religiösen Streitigkeiten einzustellen und den Kampf gegen die restlose Liquidie­rung des Kastenunwesens aktiv zu unterstützen. Ab 1. Ja­nuar 1925 wird allen Männern unter 5o und allen Frauen unter 40 Jahren, die bis dahin nicht Lesen und Schreiben gelernt haben, sowie allen Personen, die nachweislich gegen die zehn Gebote der Volksgesundheit verstießen, das Wahl­recht entzogen. Das ist jedoch eine reine Erziehungsmaß­nahme und hat mit der Frage Demokratie und Diktatur nichts zu tun.
In Tibet und Indien bestand bisher die Bestimmung, dass in den Bezirksräten mindestens 60% Parteimitglieder sitzen müssen. Diese Bestimmung fällt ab 1. Januar 1924 und gilt für die übergeordneten Räte nur noch bis zum 1. Ja­nuar 1925.
Unter den Eingeborenen Asiens und Ozeaniens ist die Zahl der ausgebildeten Parteimitglieder schon so groß, dass sie die Parteiaufgaben restlos erfüllen können. Wir mussten in diesen Gebieten mit der Aufnahme von neuen Parteimitglie­dern doppelt vorsichtig sein und haben, um den Charakter der Partei reinzuhalten, lieber auf eine zu schnelle Vergrö­ßerung verzichtet und viele Parteiaufgaben dem F.S.W. und den Gewerkschaften überlassen, aus deren Reihen wir dann nach und nach eine Anzahl tüchtiger Parteigenossen gewinnen konnten.
In Australien und Südafrika bestehen leider immer noch an einigen Stellen getrennte Räte für weiße und farbige Werk­tätige. Sie verschwinden aber langsam. Zentralafrika ist leider immer noch sehr rückständig: nur bei etwa 20% der Bevölkerung sind die Bedingungen für volle Rätedemokratie gegeben, obwohl das aktive Rätewahl­recht hier nur den ehemaligen Häuptlingen und Medizinmännern vorenthalten ist. Das passive Wahlrecht wird je­doch nur denjenigen zugestanden, die einen halbjährigen Kursus an einer afrikanischen Schule oder einen längeren Kursus an einer Exotenschule in Paris, Rom, Berlin, Brüssel oder London durchgemacht haben. Der internationale Parteitag tritt am 22. Januar zusammen und wird sich vor allem mit der zentralafrikanischen Frage beschäftigen.

 

 

Vorwärts- 23. Januar 1924

Lenins Vermächtnis

Die Eröffnungssitzung des internationalen Parteitages wurde zu einer Trauerkundgebung für unseren großen Führer. Aber es war eine Trauerkundgebung besonderer Art. Eine Kundgebung ganz im Sinne Lenins. Nach Eröffnung der Sitzung wurde folgende Entschließung der deutschen Dele­gierten vorgelesen und einstimmig angenommen: „Es ist unmöglich, das Verdienst Lenins in Worten zu wür­digen. Sein Werk lebt. Der erste Abschnitt der proletari­schen Revolution und des sozialistischen Aufbaus liegt hin­ter uns. Lenin konnte unseren ersten großen Sieg an der Wirtschaftsfront miterleben und hatte gerade noch die Kraft, uns zuzurufen: ,Erlahmt nicht! Werdet nicht müde und bequem! Setzt den Wirtschaftskampf mit dem Kapitalis­mus rücksichtslos fort! Nehmt alle Energie zusammen! Hal­tet durch bis zum Endsieg!'
Ein Mann wie Lenin kann nur durch Taten gefeiert werden. Unsere Tat sei: Debattelose Annahme der Vorschläge Wla­dimir Iljitschs für den wirtschaftlichen Endkampf. Sofor­tige Inangriffnahme der Arbeit."
Nach Annahme dieser Entschließung wurden die Kommis­sionen zur Bearbeitung der neuen Pläne gewählt. Die Plankommissionen beginnen ihre Arbeit. Sie sind die einzigen, die auch während der vierundzwanzigstündigen Arbeitsruhe nicht feiern.

Der Pulsschlag der Welt stockt


Vierundzwanzig Stunden lang wird kein Zug fahren, kein Telefon läuten, kein Hammerschlag erdröhnen. Dann wer­den die sterblichen Reste unseres unsterblichen Führers aus Bad Kissingen nach Berlin überführt. Von dort wird das Auto mit dem großen Toten auf der „Ost-West-Chaussee" langsam nach Moskau rollen.
Wie sehr hat Wladimir Iljitsch gerade auf Fertigstellung dieses Werkes gedrängt! Die zwölf Meter breite Chaussee Moskau—Berlin ist der erste Teil des weltumspannenden Ringes, der im nächsten Jahre fertig gestellt sein soll. Eine Lücke klafft noch in diesem Ring, Amerika. Lenin konnte den Augenblick nicht mehr erleben, in dem sich der Ring schließen wird. Aber er hat uns noch sterbend den Weg dazu gewiesen: „Verstärkt das Tempo des sozialistischen Aufbaus!" Wir werden seinen letzten Willen erfüllen. Von Osten nach Westen ging der Weg der Revolution. Von Westen nach Osten kehrt unser Lenin nun nach Moskau zu­rück. Millionen und aber Millionen werden aufmarschieren, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Doch während er lang­sam dem Roten Platz zustrebt, tagen in Berlin schon die Plankommissionen.
Lenin ist tot!
Der Sozialismus marschiert!

 

 

Vierter Teil


Der Wirtschaftskrieg

 

Vorwärts - 15. März 1924

Die Pläne für den Wirtschaftskrieg

Genau zehn Jahre nach dem Beginn des imperialistischen Weltkrieges wird der sozialistische Wirtschaftskrieg begin­nen, und am zehnten Jahrestage der deutschen Revolution soll er beendet sein. Ebenso lange wie damals das sinnlose Zerstören dauerte, soll jetzt, zehn Jahre später, der gestei­gerte Kampf für den sozialistischen Aufbau dauern. Am 4. August 1914 begann der Todeskampf des Kapitalismus. Zehn Jahre später beginnt der Kampf um den sozialisti­schen Endsieg. Wir werden weitere Opfer bringen in die­sem neuen schöpferischen Krieg. Keine weitere Lohner­höhung, keine weitere Arbeitszeitverkürzung soll in dieser Zeit eintreten. Der geplante Übergang zur dreitägigen Ar­beitswoche wird noch nicht stattfinden. Die Rückzahlung von Anleihe wird beschränkt. Nur Anleihen, die vor minde­stens drei Jahren gezeichnet worden sind, werden zurück­gezahlt, und zwar nur bis zum Höchstbetrage von 120 Stun­denmark (Normalmonatslolm). Die für dieses Jahr getrof­fene Urlaubsregelung bleibt in Kraft. Vom 1. Januar ab beträgt jedoch der Höchsturlaub nur noch 2 Monate (1 Mo­nat ordentlicher Urlaub, 1 Monat Anleiherückzahlungsur­laub). Bis zum Ende des Wirtschaftskrieges wird die Voll­kommunisierung auf folgenden Gebieten restlos durchge­führt:
1. Fleisch bis zur ärztlich empfohlenen Höchstgrenze.
2. Sonstige Lebensmittel und giftfreie Genussmittel sowie alle alkoholfreien Getränke, die in Klubs, Werkspeisehäusern, Erholungs-, Wochenend- und sonstigen Heimen verzehrt werden.
3. Mieten.
4. Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel von der "Woh­nung bis zur Arbeitsstätte, bis zum Klub und bis zu den Wochenend- und Tageserholungsheimen.
5. Krankenhilfe und Krankenpflege.
6. Gesundheitspflege und hygienischer Bedarf.
Vom 1.Januar 1927 ab soll der jährliche Mindestbedarf an Kleidung und Schuhwerk unentgeltlich geliefert wer­den. Von diesem Tage ab wird die Produktivität unserer Wirtschaft ungefähr dreimal so hoch sein wie die ausge­zahlten Einzellöhne, so dass wir uns allmählich das Rech­nen mit Geldbeträgen abgewöhnen können. Nach Abzug der Milliardensummen für die Beschaffung der kommunisier­ten Gegenstände usw. bleiben also noch gewaltige Summen für die sozialistische Akkumulation übrig. Insgesamt sollen während des Wirtschaftskrieges für 1250 Milliarden Mark Investitionen erfolgen, die zu 60% aus der natürlichen Akkumulation und zu 40% aus Anleiheaufkommen stammen.
Man rechnet damit, dass diese 500 Milliarden Mark Anleihe aufzubringen sind, wenn jeder Werktätige durchschnitt­lich ein Sechstel seines Geldlohns zeichnet. Die beschränkte Rückzahlung alter Anleihen erfolgt aus laufenden Etatsmitteln.
Die Welt wird neu gegliedert. Für die gewaltigen neuen Aufbaupläne sind die alten Föde­rationen zu eng geworden. Vier neue große Wirtschafts­gebiete werden gebildet.
1. Eurasien (Osteuropa, Russland, Persien, westl. Vorder­indien).
2. Eurafrika.
3. Ostasien (Sibirien, China, östl. Indien).
4. Australozeanien.
Mit Ausnahme des letzten Wirtschaftsgebietes sollen die neuen großen Wirtschaftsprovinzen, die alle Zonen um­fassen, zu 90% autark werden und bis zum Abschluss des "Wirtschaftskrieges ihren Aufbau so weit vollenden, dass die Grundlagen der statischen Wirtschaft geschaffen sind. Alle veralteten Werke sollen bis dahin restlos durch neue ersetzt werden. Die neuen Werke sollen allen Anforderun­gen der sozialistischen Dauerwirtschaft entsprechen. Sie werden erbaut, wo die besten Voraussetzungen für die Aus­nutzung der natürlichen Kraftquellen vorhanden sind. Was bedeutet das für uns Europäer? Das bedeutet, dass in Eu­ropa fast überhaupt keine neuen Industrieanlagen mehr entstehen. Nach und nach wird ein großer Teil unserer Industrie nach Afrika verpflanzt. Über 200 Milliarden Mark werden in Zentralafrika investiert. Zentralafrika be­sitzt 43% aller Wasserkräfte der ganzen Welt (das Kon­gogebiet allein fast 30%). Diese Naturkraft wollen wir restlos ausnützen. An der westafrikanischen Küste entstellt das Hauptindustriegebiet der neuen Welt. Die neuen Fabriken werden den heutigen sehr wenig ähneln. In hellen, sauberen, luftigen Sälen werden wenige Arbeiter und Ingenieure den Gang der fast restlos automatisierten und mechanisierten Produktion überwachen. Die Stunden­leistung von 100000 Arbeitern wird gleich derjenigen von 3 Millionen vor dem Kriege sein. Alle Produktionsvor­gänge, in denen die Warme eine wesentliche Rolle spielt, sollen sich im Tropengebiet abwickeln, soweit Transport­überlegungen nicht dagegen sprechen. Auch die Getreide­produktion wird mehr und mehr nach tropischen und sub­tropischen Gebieten verlegt. Der Charakter der Landwirt­schaft wandelt sich in den nächsten Jahren grundlegend. Die vollständige Industrialisierung ist nur der Anfang. Der Gehalt des Bodens an Nährstoffen und Bakterien wird ständig untersucht und verbessert. Der Etat für bakteriologische und chemische Institute und Fabriken soll in den nächsten beiden Jahren um 100 Millionen Mark erhöht werden. Durch die bakteriologische und chemische Bodenbearbei­tung wird die jetzige Qualität des Bodens zu einer fast ne­bensächlichen Angelegenheit. Eine viel wichtigere Rolle als die ursprüngliche Bodenqualität haben in Zukunft die bei­den Faktoren: Sonne und Wasser. Die Getreidegroßproduk­tion ist in Zukunft unter Anwendung der modernsten Metho­den im Tropengebiet auch bei schlechterer Anfangsqualität des Bodens immer noch rationeller als auf gutem Boden in der gemäßigten Zone. Wir brauchen aber gar nicht auf den schlechten Boden im Tropengebiet zurückzugreifen. Wir müssen einen gewissen Waldbestand im Tropengebiet er­halten. Dieser Wald soll auf schlechtem Boden, der in den nächsten Jahren aufgeforstet wird, entstehen. Auf den gu­ten Böden wird dagegen der Urwald ausgerodet und macht hochmodernen Getreidefabriken Platz. Fast unsere ganze Getreidefabrikation und ein Teil unserer industriellen Produktion wird künftig im tropischen Afrika erfolgen. Nur wenige Millionen Menschen sind dann noch nötig, um die ganze Menschheit mit den Gegenständen des notwendigsten Bedarfs zu versorgen. Die Wohngebiete sollen dagegen auch in Zukunft größtenteils in der gemäßigten Zone lie­gen. Das Mittelmeergebiet wird zweifellos stärker besiedelt werden. In Italien sollen während des Wirtschaftskrieges neue Wohnstätten für 20 Millionen Menschen entstehen. Millionen werden nach Schluss des Wirtschaftskrieges der Lockung des Südens folgen und sich an den Ufern des Mit­telmeers ansiedeln. Vorläufig aber sind wir noch an un­sere Scholle gefesselt. Während der Dauer des Wirtschaftskrieges müssen wir unsere Produktionseinrichtungen restlos ausnützen, alle Kraft zusammennehmen und weitere Opfer bringen, damit wir unsere Pläne durchführen können. Die großen Mittelmeerpläne (Soermusplan) werden zunächst noch zurückgestellt. Die künstliche Abschließung des Mit­telmeers durch Staudämme bei Konstantinopel, Gibraltar und am Suezkanal ist eine Aufgabe, die wir leicht durchführen können. Anders steht es dagegen um die vollständige Verlegung aller Häfen im Mittelmeergebiet, die durch die natürliche Verdunstung des Mittelmeeres und die Senkung des Wasserspiegels notwendig würde. Hierzu wären große Kapitalinvestitionen notwendig, die wir uns sparen können. Die späteren Generationen wollen auch noch etwas zu tun haben. Die Forschungsarbeiten für diesen gewaltigen Plan werden jedoch fortgesetzt. Die Pläne für die Erschließung und teilweise Bewässerung der Sahara wurden auch noch zurückgestellt. Vorläufig sind nur zwei Vegetationsgürtel mit Eisenbahnen und Straßen durch die Sahara vorgesehen. Spätere Generationen können diese Wüste in ein fruchtbares Gebiet verwandeln, wenn sie wollen. Eine Notwendigkeit dafür besteht nicht. Wahrscheinlich würde die vollständige Aufforstung der Sahara und die Verwandlung ihrer 3o m unter dem Meeresspiegel liegenden Teile in ein Verdun­stungsgebiet sogar schädliche Folgen für das Klima Euro­pas haben.
Vielleicht werden die jüngeren von uns noch die Verwirk­lichung dieser Pläne erleben. Wir haben vorläufig Wichti­geres zu tun und mussten deshalb in den Plänen des Wirt­schaftskrieges diese Dinge unberücksichtigt lassen.
Was wird aus Nordeuropa?
Nordeuropa bleibt der Hauptwohnsitz von vielen Millio­nen. Der Anbau von Kartoffeln, Rüben und anderen Pflan­zen mit verhältnismäßig hohem Gewicht wird auch weiter­hin hier erfolgen, ebenso der Gemüse- und Obstanbau und die Viehzucht. Zum Getreideanbau sollen nur noch die besten Bodenarten benutzt werden. Die Wald- und Park­landschaft wird vorherrschen. Ganz Mesopotamien wird bis zur Beendigung des
Wirtschaftskrieges bewässert und in ein fruchtbares Gar­tenland verwandelt.
Der Himalaja wird das zweite Hauptkraftzentrum der Welt. Gewaltig sind schon die Energiemengen, die künftig am Südabhang des Himalaja gewonnen werden sollen. Aber diese riesigen Elektrizitätswerke sind ein Nichts im Verhält­nis zu denen, die im Gebirge selbst am Oberlauf des Indus und Brahmaputra entstehen sollen. Der ursprüngliche Plan sah von 5ooo m Höhe abwärts Staustufen in regelmäßigen Abständen mit einer durchschnittlichen Fallhöhe von 100 m vor. Dadurch würde eine fast restlose Ausnutzung der Energie möglich. Die beiden Flusstäler würden auf einer Strecke von rund tausend Kilometern in riesige Stauseen verwan­delt, in denen Straßen, Dörfer und Klöster verschwänden. Der neue Plan der indischen Genossen geht aber noch viel weiter. Seine Autoren behaupten, dass er wirtschaftlicher und trotz der Milliardenkosten billiger sei als der ursprüng­liche Plan. Die Energie des obersten Indus wollen sie in fünf gewaltigen Staustufen ausnützen. Oberhalb Skardo, in einer Höhe von 2700 m soll dann ein 2400 m tiefer senk­rechter Schacht in das Gebirge gebohrt werden. Von der Ebene aus, oberhalb von Sialkot soll gleichzeitig ein wage­rechter Tunnel durch das Gebirge vorgetrieben werden und am Schnittpunkt von Schacht und Tunnel soll tief im Innern des Gebirges das gigantische Elektrizitätswerk ent­stehen, das die Wasserkraft des oberen Indus in einem Fall von 2300 m ausnutzt Das unterhalb der Durchbruchs­stelle zufließende Wasser soll dann in kleineren Staustufen ausgenützt werden. Für den Brahmaputra liegt ein Parallel­projekt vor (Schachtausgangsstelle westlich des Yamdrok­tso, Tunnelausgang östlich Darjiling), eine Entscheidung über dieses Projekt wurde noch nicht getroffen. Nach den bisherigen Berechnungen scheint jedoch die Durchführung dieser Mammutpläne tatsächlich um einige hundert Millio­nen billiger zu sein als das Projekt der vielen Staustufen. Im Fall der Annahme soll die erste Sprengung am 4. August erfolgen.
Den Kernpunkt des russisch-asiatischen Aus­baus bilden die beiden großen Kanalprojekte. Zunächst wird die direkte Verbindung des Schwarzen Meers mit dem Kaspischen Meer hergestellt, damit der große Umweg über den Wolga-Donkanal fortfällt. Die ziemlich hohen Bau­kosten werden zu einem Teil durch Ausnutzung des Was­sergefälles amortisiert. (Der Spiegel des Kaspischen Sees liegt 26 m unter dem des Schwarzen Meers.) Der Kanal spielt aber auch eine große Rolle in der planmäßigen Be­wässerung des nordkaukasischen Gebietes mittels Verdunstungsanlagen. Dasselbe gilt von dem Verbindungs­kanal Kaspisches Meer—Aralsee. Der Aralsee liegt 74 m über dem Spiegel des Kaspischen Meeres, so dass auch hier eine Ausnutzung der Wasserkraft erfolgen kann. Der Kir­gisenkanal verbindet den Aralsee mit dem Ischin, dem Ob und dem mittelasiatischen Kanalsystem. Im Laufe des Wirtschaftskrieges soll noch der obere Irtysch mit dem Ob und mit dem Jenissei an der Mündung der oberen Tun-guska verbunden werden. Für später ist eine Verbindung der oberen, steinigen und der unteren Tunguska mit der Lena und eine Verbindung des Lenanebenflusses Maja mit dem Ochotskischen Meer geplant.
In zehn Jahren kann man vom Atlantischen bis zum Stil­len Ozean auf Flüssen und Kanälen fahren, ohne das of­fene Meer zu berühren. Ein Teil dieser „Schiff-Fahrt" wird allerdings unseren gewohnten Vorstellungen nicht entspre­chen. Einige Gebirgszüge werden nicht durch Kanäle, son­dern durch Förderbänder überwunden, auf denen kleinere, besonders festgebaute Schiffe eingeklemmt und bis zum nächsten Wasserarm transportiert werden. Diese Förderanlagen sind bedeutend billiger als die Kanalbauten, ver­brauchen aber größere Energiemengen. Durch rationelle Ausnutzung der Schwerkraft auf dem Talwege werden immerhin über 50% der beim Bergtransport angewandten Energie wiedergewonnen.
Die Ausführung dieser gewaltigen sibirischen Kanalpro­jekte erfordert so große Summen, dass die Wirtschaftlichkeit auf den ersten Augenblick zweifelhaft erscheint; sie ist jedoch eine Voraussetzung für die restlose Erschließung Sibiriens. Im Gegensatz zum europäischen Russland ist Si­birien sehr reich an Bodenschätzen, sie liegen aber teilweise sehr weit voneinander entfernt und müssen durch billige Verkehrswege miteinander verbunden werden. Die gro­ßen sibirischen Ströme sind die Einfallspforten nach Norden. Die Summen, die für Flusskanalisierung und Vergrößerung des Schiffsparks ausgegeben worden sind und weiter ausgegeben werden, sind aber auch nach sozialistischen Gesichtspunkten wenig rentabel angelegt, da ein Teil dieser Ströme fast während der Hälfte des Jahres nicht schiffbar ist. Durch die neuen Kanalbauten wird also nicht nur der Anschluss dieser Ströme an das Weltwasserstraßen­netz erreicht; wir haben dadurch auch die Möglichkeit, den Schiffspark während des ganzen Jahres voll auszunutzen und die Schiffe den Schäden der harten Wintermonate zu entziehen. Auf den sibirischen Flüssen werden zehn Schiffs-Fabriken zur Herstellung von Papier und Zellulose eingesetzt, die in den Sommermonaten nach Norden vorstoßen und sich im Winter südwärts zurückziehen, so dass die Produktion während des ganzen Jahres im Gang bleiben kann. Die Transportschiffe verkehren in den Sommermonaten zwischen Nordsibirien und den waldarmen Gebieten Zen­tralasiens und tauschen Holz- und Holzprodukte gegen Nahrungsmittel und Industrieerzeugnisse aus. Im Winter stoßen sie in das waldarme Mittelmeergebiet vor und keh­ren mit Südfrüchten beladen im Frühjahr zurück. 3oo Straßenbau- und Ausholzungskolonnen stoßen quer durch die Taiga in jedem Frühjahr nordwärts vor. In vier Jahren wird ganz Sibirien mit Ausnahme der großen
Naturschutzgebiete nach den modernsten Grundsätzen forstwirtschaftlich genutzt werden. Nordsibirien wird auch in Zukunft das Land ohne Eisenbahnen bleiben. Im Sommer beherrschen Automobile und Traktoren, im Winter die Propellermotorschlitten das Feld. In diesem Winter neh­men 30 Propellertraktoren-Schleppzüge ihre Tätigkeit auf. In vier Jahren sollen es 5000 sein. Am Jahrestage der Ok­toberrevolution wird die erste elektrische Schlittenlinie in Betrieb genommen. Die motorlosen Personen- und Last­schlitten werden auf dieser Linie von kleinen Elektrolauf­katzen gezogen, die sich an der Montageleitung entlang be­wegen. Alle Gerüstmontagen sind transportabel und können in jedem Sommer verlegt werden. Die neue 500 km lange Elektroschlittenlinie deckt den ganzen Holzbedarf der größ­ten Papierfabrik der Welt bei Naryn am Ob. Jedes Jahr wird sie um 1 km seitwärts verlegt. Der Urwald rechts und links der Linie wird durch Abholzkommandos, die mit den neuesten Baumfällmaschinen ausgerüstet sind, rasiert. Trak­toren und Raupenschlepper bringen das Holz bis an die Elektrolinie heran, auf der es dann im Winter bis in die Fabrik geschleppt wird. Im nächsten Sommer beginnt die Wiederbepflanzung des rasierten Gürtels. Sun Yat-sen, der rastlose Revolutionär, ist mit seinem gewaltigen Aufbauwerk immer noch nicht zufrieden. Seine früheren Riesenpläne, die von seinen Gegnern als eine Aus­geburt des Wahnsinns hingestellt wurden, sind längst über­holt. Er plant jetzt nicht weniger als die völlige Kultivie­rung und Erschließung ganz Zentralasiens, der Wüsten sowohl als auch der Hochebenen. Trotz der allgemeinen Hochachtung, der sich der große chinesische Revolutio­när erfreut, ist sein Antrag im Zentralwirtschaftsrat der S.U. mit 243 gegen 127 Stimmen abgelehnt worden. Die Durchführung seiner Pläne würde weit über 100 Milliar­den Mark kosten und in den nächsten Jahrzehnten keinen greifbaren Nutzen bringen. Diese gewaltige Aufgabe können wir ruhig späteren Generationen überlassen, denn die Nahrungsmittel- und Rohstoffbasis der sozialistischen Welt ist mehr als hinreichend. Die Durchführung dieser Pläne widerspricht auch dem Sinn des Wirtschaftskrieges. Im Wirtschaftskriege soll doch die sozialistische Wirtschaft unter Anspannung aller Kräfte so weit ausgebaut werden, dass Amerika hoffnungslos hinter uns zurückbleibt. Die Riesensummen, die wir in die Wüsten und Hochebenen stecken müssten, wären als Fehlinvestitionen zu betrachten, denn sie steigern unsere Wirtschaftskraft in absehbarer Zeit nicht. Der Zentralwirtschaftsrat musste also diesen Plan ablehnen. Zum Zeichen unserer unveränderten Hoch­achtung vor dem großen Revolutionär ist jedoch beschlos­sen worden, den Etatsbetrag für die gründliche Erfor­schung und erste Erschließung der Wüstengebiete und Hochebenen von 2 auf 3 1/2 Milliarden Stundenmark zu erhöhen. Außerdem soll die Hälfte der Raukosten für die Eisenbahnlinie und Autostraße Samarkand—Kanton aus dem Etat des Wirtschaftskrieges bestritten werden. Sun hat schließlich die Berechtigung unseres Standpunktes eingesehen. Er will trotzdem nicht locker lassen und ganz China für seinen neuen Plan mobilisieren. Die Voraus­setzungen dafür sollen in China selbst geschaffen werden. Innerhalb des allgemeinen Wirtschaftskrieges proklamiert er einen besonderen chinesischen Wirtschaftskrieg mit der Parole: China überholt Europa. Ob es ihm gelingt? Alle chinesischen Werktätigen müssen ebenso wie wir ein Sechs­tel ihres Lohnes als Anleihe zeichnen. Bei der Bedürfnislosigkeit der Chinesen und infolge der fast abgöttischen Verehrung, die Sun in China genießt, ist es immerhin möglich, dass er seine Pläne durchführt. Die durchschnitt­liche Produktivität der chinesischen Wirtschaft pro ange­wandte Arbeitskraft ist jetzt fast fünfmal so hoch wie vor dem Kriege. In den Produktionsziffern ist übrigens die Land­wirtschaft mit enthalten, in der nur eine Produktivitätssteigerung von etwa 88% erreicht worden ist. Die Indu­strialisierung Chinas wird auch weiterhin in rasendem Tempo fortgesetzt. Der Anteil der industriellen an der Ge­samtproduktion steigt nach wie vor. Das Lebenshaltungs­niveau der chinesischen Bevölkerung ist jedoch nur um 100 bis 200 % gestiegen, da alle Proletarier und werktäti­gen Bauern während des ganzen Fünfjahresplans sehr hohe Anleihesummen zeichnen mussten. Es wird also auch in Zukunft möglich sein, sehr große Mehrbeträge an An­leihen in China aufzubringen; damit rechnet Sun Yat-sen. Auf Malaga, Sumatra, Borneo, Java, Celebes, Neu-Guinea und auf den Philippinen wird am 4. August die dreitägige Arbeitswoche (drei Tage Arbeit, drei Tage Ruhe) einge­führt. In allen tropischen Gegenden darf diese Verordnung in der industriellen Produktion auf keinen Fall überschrit­ten werden. In der Landwirtschaft und auf den Plantagen sind in der Saison Ausnahmen zulässig, doch darf die Ge­samtzahl der Arbeitstage 180 im Jahr nicht überschrei­ten. Das Südseeparadies wird also Wirklichkeit. Die Hölle, zu der die kapitalistischen Sklavenhalter diese Gebiete einst gemacht haben, ist verschwunden. Auch Indien, früher das Land des allergrößten Elends und der schlimmsten Raub­wirtschaft und Ausbeutung, wird jetzt bald das Märchen­land sein, das es früher nur in der Phantasie der belogenen Europäer war.
Wir bauen neu die alte Welt. In harter, planmäßiger, zielbewusster Arbeit schaffen wir das Paradies auf Erden. Ham­mer und Sichel sind unser Zeichen, Turbine und Traktor unsere Waffen im Wirtschaftskrieg gegen den Kapita­lismus. Der Sozialismus marschiert!

 

 

Vorwärts - 15. April 1924

Amerika schließt sich ab
Unsre Antwort: Kündigung der Anleihen!

Die nordamerikanische Union erhöht nochmals die Zollsätze. Obwohl die kapitalistische Hochkonjunktur immer noch anhält, machen sich schon die ersten Anzeichen der Absatz- und Anleihekrise bemerkbar. Milliardensummen sind in Mittel- und Südamerika, in Kanada und vor allem in den Südstaaten der Union investiert worden, wo mit großer Geschwindigkeit ein neues Industrierevier aus dem Bo­den wächst. Gewaltige Produktionsanlagen sollen Amerika völlig von unserer Einfuhr unabhängig machen. Der Ka­pitalismus kann aber nur dann neue Investitionen vorneh­men, wenn nach kapitalistischen Gesichtspunkten eine Ren­tabilität gewährleistet ist, mit anderen Worten also, wenn genügend Mehrwert aus den beschäftigten Proletariern her­ausgeholt werden kann, und wenn eine Realisierungsmög­lichkeit durch Absatzsicherung besteht. Diese Absatzsiche­rung soll durch die neuen Zollschranken erreicht werden. Das ist natürlich vom Standpunkt der Gesamtwirtschaft aus sehr kurzsichtig. Wir werden nach wie vor nur so viel Waren aus Amerika beziehen, wie wir dort absetzen. Wäh­rend also der Absatz für die neuen Produktionsanlagen ge­sichert wird, geht gleichzeitig der Absatz derjenigen Unter­nehmer zurück, die bisher die für die S. U. bestimmten Waren geliefert haben. Ein Ausgleich soll allerdings durch die neuen Riesenanlagen erfolgen, die der amerikanische Kapitalismus in Süd- und Mittelamerika errichten will. Eine Zeitlang wird er hierdurch die drohende ökonomische Krise hinausschieben können. Der Zusammenbruch wird dann aber um so furchtbarer sein. Beschleunigen wird den Ein­tritt der Krise die Kündigung unserer Anleihen. Je ein Viertel der gesamten Anleihesumme wird zum 1. Januar 1925, zum 1. Juli 1925, zum 1. Januar 1926 und zum 1. Januar 1927 gekündigt. Wie wird Amerika das aushal­ten? In welcher Form wird es die Anleihesummen zurück­fordern? Wie sollen die gewaltigen Warenmassen zurück­genommen werden, ohne eine Massenarbeitslosigkeit in Amerika hervorzurufen? Die kapitalistische Regierung muss sich jetzt schon mit hohen Zollschranken gegen unsere Ein­fuhr wehren. Vergeblich! Wir haben bis jetzt die amerika­nischen Preise nicht wesentlich unterboten und dadurch Milliardensummen für unseren Aufbau gewonnen. Wenn wir jedoch die Verkaufspreise unserer Erzeugnisse für den amerikanischen Markt auf die Gestehungs- plus Transport­kosten herabsetzen, so können wir die inländische Konkur­renz auf dem amerikanischen Markt auch bei Zollsätzen von 50% auf fast allen Gebieten schlagen. Ob wir so vor­gehen, ist noch die Frage. Wir brauchen Amerika nicht mehr. Der sozialistische Aufbau geht unaufhaltsam vor­wärts. Bald hat die Sterbestunde des Kapitalismus auch auf dem amerikanischen Kontinent geschlagen.

 

 

Vorwärts - 3. August 1924

Die „Kriegserklärung"

Auch vor zehn Jahren zogen begeisterte Menschen durch die Straßen. Damals herrschte ein fast ebenso großer Jubel wie heute. Aber welch ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen 1914 und 1924! Damals schickte die Mensch­heit sich an, sich selbst zu zerfleischen. Millionen Menschen wurden dem Produktionsprozess entzogen und von den kapitalistischen Herrschern auf die Schlachtbank geführt. Trotzdem wurde die Produktion noch ausgedehnt.
Aber fast die Hälfte aller Menschen produzierte mittelbar oder unmittelbar für die Zerstörung. Milliardenwerte wur­den vernichtet, Milliardenwerte zum Zweck der Zerstörung produziert, 25 Millionen Menschen wurden getötet oder ver­wundet.
Heute marschieren wir abermals in den Krieg. Aber es ist ein anderer Krieg, den wir beginnen. Der Krieg des Aufbaus, der heilige Krieg des Sozialismus! Eine Milliarde Menschen marschieren heute unter den roten Ban­nern auf, um ihre Kampfentschlossenheit zu zeigen. Von den Lippen einer Milliarde erklingt heute der Schwur:
„Ich gelobe, meine ganze Kraft in den Dienst des sozialistischen Aufbaus zu stellen. All mein Sinnen und Trachten sei während des Wirtschaftskrieges dem gro­ßen Ziele geweiht. Alle persönlichen Wünsche will ich in dieser Zeit zurückstellen. An meinem Arbeitsplatz will ich dafür sorgen, dass die Produktion ge­steigert und verbilligt wird. In meiner Freizeit will ich freiwillig Aufgaben übernehmen, die zum Wohl der Allgemeinheit notwendig sind. Ich will dafür sor­gen, dass während des Wirtschaftskrieges alle haupt­amtlichen Kräfte aus dem Verwaltungs- und Vertei­lungsapparat entfernt und durch ehrenamtliche Kräfte ersetzt werden. In allen Gemeinschaften will ich dafür sorgen, dass keine kommunisierten Lebens- und Genussmittel vergeudet oder verdorben werden, dass alle geeigneten Abfälle der tierischen Ernährung zugeführt und alle sonstigen Abfälle sachgemäß verwendet wer­den. Ich will mit all meinen Kräften den Kampf ge­gen Schmutz und Unsauberkeit, gegen Schlendrian und Bürokratismus, gegen Rückständigkeit und Un­wissenheit unterstützen. Alle Missstände will ich be­kämpfen und sie — wenn keine Abhilfe geschaffen wird — ohne Rücksicht auf persönliche Freundschaft den Kontrollausschüssen melden. Ich will mich körperlich, geistig und moralisch gesund erhalten, mich weiter­bilden und allen Genossen und Kindern bei diesem Bestreben behilflich sein. Den schlimmsten Feind der Menschheit, den Eigennutz, will ich an mir und an­deren bekämpfen.
Ich will mich militärisch weiterbilden und an den Mo­bilmachungsvorbereitungen mitarbeiten. Ich schwöre, dass ich im Ernstfalle weder meine Kraft noch mein Leben schonen, sondern mich rücksichtslos einsetzen will im Kampf um die Verteidigung der Sozialistischen Union."
Dieses Bekenntnis ist beim größten Teil der Bevölkerung der S.U. kein Lippenbekenntnis mehr. Der kapitalistisch denkende Mensch stirbt bei uns allmählich aus. Der Eigen­nutz wird von allen als Todsünde empfunden, auch von denen, die ihn noch nicht restlos abgestreift haben. Jeder Mensch, der heute noch versucht, für seine Person beson­dere Vorteile irgendwelcher Art zu erlangen, fällt der allge­meinen Verachtung anheim. Die Eigentumsdelikte sind fast ganz verschwunden. Privateigentum bringt keine Vorteile mehr. Was sollte ein Verbrecher heute mit gestohlenem Geld anfangen? Er kann es ja kaum los werden! Alle Nahrungs- und Genussmittel stehen mit wenigen Ausnah­men allen Werktätigen zur Verfügung. Auch ein starker Raucher kann heute nicht sein ganzes Geld ausgeben. Lohnt es sich aber zu stehlen, um sich an teurem Schnaps bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken? Oder wird heute ein norma­ler Mensch etwa stehlen, um sich ein Dutzend besonders teurer Anzüge in den Schrank zu hängen, wenn durch den Besitz dieser Anzüge sein Ansehen bei den Mitmenschen eher fällt als steigt? Ein Mensch, der heute über einen grö­ßeren Besitz an Luxusgegenständen verfügt, degradiert sich in den Augen aller, denn er demonstriert nur seine moralische Minderwertigkeit. Er ist, auch wenn er nicht gestohlen hat, in den Augen aller anderen Menschen ein Verbrecher, der seine Pflichten gegenüber der Allgemein­heit nicht erfüllt und nicht so viel Anleihe gezeichnet hat, wie er konnte. Wer heute noch nach alter Mode geschnie­gelt und gebügelt statt im gesunden Waschanzug im Wo­chenendheim oder im Sommerlager erschiene, könnte sich vor dem Spott seiner Mitmenschen nicht mehr retten. Wird es heute noch jemand geben, der es wagt, mit einer goldenen Uhr, mit echten Ringen oder ähnlichem „Schmuck" zu protzen? Geltung hat heute nur derjenige, der Körper und Geist gesund erhält, ordentlich Anleihe zeichnet und seine ganze Kraft in den Dienst des sozialistischen Aufbaus stellt.
Am Ende des Wirtschaftskrieges wird nicht nur die vollkommene sozialistische Wirtschaft, sondern auch die sozia­listische Gesellschaft und der sozialistische Mensch stehen.

 

 

Vorwärts - 12. August 1924

Sun Yat-sen schlägt los

Gestehen wir es ruhig ein: China ist nicht nur im Begriff, uns einzuholen, es hat uns bereits überholt. Die Mobilisie­rung ist Sun Yat-sen in vollem Umfange gelungen. Wäh­rend wir uns vom Fünfjahresplan ausruhten und Kräfte sammelten für den Wirtschaftskrieg, hat China mit Hoch­druck weitergearbeitet. 20 Milliarden Sonderanleihen sind in diesem Jahr in China eingezahlt worden. Die Kapital­akkumulation ist noch bedeutend größer. Überall, wo es möglich ist, wird in Acht- statt in Sechsstundenschichten gearbeitet. Der zweite Feiertag in der Sechstagewoche wird nur dort innegehalten, wo noch nicht genügend Produk­tionsmittel vorhanden sind. Für alle Jugendlichen vom acht­zehnten bis zur Vollendung des fünfundzwanzigsten Lebensjahres ist in China die Arbeitspflicht eingeführt wor­den. Es haben sich aber auch Hunderttausende von älte­ren Genossen freiwillig gemeldet, um in den „Matten"-fabriken und in den Wüstengebieten zu arbeiten. In der Arbeitsarmee ist der Kommunismus fast restlos durchge­führt. Die Angehörigen der Arbeitsarmee erhalten nur noch ein Taschengeld von monatlich 10 Mark. Etappen­kolonnen der Arbeitsarmee haben jetzt auch den Gespinst­anbau, den Fronttransport und die Fabrikation von Pum­pen, Röhren, Windmotoren und „Wüstenmatten" über­nommen. Wie ist dieser ungeheure Erfolg möglich gewor­den in einem Lande, das vor kurzem noch vollkommen in mittelalterlichen Anschauungen befangen war? Die persön­liche Initiative Sun Yat-sens hat Wunder gewirkt. Sein Wort ist für jeden Chinesen ein Befehl. Die Begeisterung und Opferfreudigkeit für den neuen Aufbauplan ist in China, so unglaublich es auch klingen mag, noch weit grö­ßer als bei uns. Die Erfolge der bisherigen Arbeiten sind aber gerade in China trotz allen Opfern, die Sun von den Chinesen verlangt, so auffällig, dass niemand sich dem Aufbaufieber entziehen kann. Ganz China debattiert jetzt schon den neuesten Plan Sun Yat-sens. Sun hat dem australischen Zentralrat den Vorschlag gemacht, 100 Milliarden Mark für die restlose Erschließung Australiens auszugeben und 20 Millionen Chinesen in Australien anzusiedeln. Wir sind neugierig, ob die australischen Genossen endlich ihren Rassedünkel aufgeben werden.

 

 

Vorwärts - 1. September 1924

Eine Gnadenfrist für Amerika


Die Bemühungen der amerikanischen Kapitalisten um Zu­rücknahme der Anleihekündigung haben nun doch noch Erfolg gehabt. Sun Yat-sen will diese Riesensummen für seine erweiterten Pläne verwenden und die ganze Verpflichtung für zwei Jahre auf die Ostasiatische Föderation über­nehmen. Die übrigen Föderationen sollen ihren Anteil an den amerikanischen Krediten direkt (in Waren) an die Ost­asiatische Föderation zurückzahlen. Die Amerikaner be­mühten sich, 3% Zinsen herauszuholen. Sun war großzügig und gewährte ihnen 2%, obwohl sie vielleicht auch mit 1% abgeschlossen hätten; denn wo sollen sie mit den Waren hin? Alle Rückzahlungstermine werden um 3 Jahre verschoben.
Europafrika liefert an Ostasien während des Wirtschafts­krieges eine Million Traktoren und Lastautomobile und für 10 Milliarden Mark Röhren, Eisenbahnschienen, Lokomo­tiven und Waggons, Windmotoren, elektrische Maschinen und Drahtleitungen.
Auch Russindien will sich mit 100000 Traktoren und wei­teren 10 Milliarden Mark sowie durch Stellung von zwei Millionen Winterfreiwilligen an der gewaltigen Aufgabe beteiligen. In Sibirien sollen im nächsten Jahre zwei Millionen Hektar Steppenland mit Gespinstpflanzen bestellt werden, die sich zur Herstellung von so genannten Wüsten­matten eignen. Die größte Bedeutung für die Wüstenbe­pflanzung in Zentralasien ha aber die neue, von den russi­schen Genossen konstruierte Holzfasermatte. Russland wird während des Wirtschaftskrieges für fünf Milliarden solcher Holzfasermatten produzieren. China beteiligt sich da­für mit derselben Summe am beschleunigten Ausbau des transasiatischen Kanalsystems.

An der chinesischen Front
Im Flugzeug über der Wüste Gobi

Wenn es einem nicht bekannt wäre, so käme man nicht auf den Gedanken, dass Gobi eine Wüste ist. Niemals sahen wir ein so eindringliches Bild menschlicher Tätigkeit wie hier. Überall Bohrtürme, Schacht- und Straßenbaukolon­nen, Traktorenzüge und einmal sogar eine Eisenbahnlinie. In regelmäßigen Abständen wird ganz Zentralasien bis auf 2000 m Tiefe angebohrt. Wichtige Funde sind bisher ge­macht worden: Metalle, Salze, Kohle, Gold und sogar ein noch viel wertvollerer, — Wasser. Wasser! Leider nicht so viel, wie die Optimisten hofften. Wo immer man auf Was­ser stößt, wird es heraufgeholt, und wenn es aus 2000 m Tiefe ist. In drei Jahren ist Zentralasien das Land der Windmotore. Hunderttausende von Windmotoren heben das Wasser aus dem Erdinnern und aus den nordchinesischen und sibirischen Staubecken empor. In sechs Jahren soll Gobi das bestbewässerte Land der Welt sein. In zehn Jah­ren soll der natürliche Wasserreichtum so groß sein, dass die meisten Windmotoren ihrer jetzigen Funktion enthoben und in den Dienst der Elektrizitätserzeugung gestellt wer­den können. In drei Jahren schon, so versichern die Sach­verständigen, wird der Wolkenreichtum über der „Wüste" Gobi ebenso groß sein wie in Europa, wird es keine eisi­gen Nächte und glutheißen Tage mehr geben. Dann ist die weitere Erschließung ein Kinderspiel. Wie ein Kinderspiel sieht von unserer Höhe aus das lustige Treiben heute schon aus. Als wir aber landeten, sahen wir, dass hier nicht Kinder spielen, sondern junge Menschen mit fanatischem Eifer daran arbeiten, unserem Planeten ein neues, ein sozialisti­sches Gesicht zu geben.
Wir gehen neben einer Zeltstadt nieder. Eine Zeltstadt mit­ten in der Wüste! Der Regimentskommandeur empfängt uns; er erklärt, weshalb die Stadt gerade hier angelegt worden ist. Von zwölf Bohrungen, die auf 10 Kilometer im Quadrat niedergetrieben wurden, hat nur diese eine reichlich Wasser gegeben.
Im Umkreis von 5 km sind weitere zwölf Bohrungen an geologisch aussichtsreichen Stellen geplant. Der Regimentskommandeur hofft, so viel Wasser zu finden, dass der Anschluss dieses Gebietes an das Zentralröhrensystem unter­bleiben kann. Wir befragen ihn über die Aufgaben seines Regimentes.
„Weshalb wird es gerade hier, mitten in der Wüste, eingesetzt?"
„Unser Regiment ist ein Rohr- und Mattenkombinat. Die Mattenkolonnen werden nur in völlig vegetationslosen Ge­bieten eingesetzt. An den Randgebieten und auf den Landstrecken, wo schon geringe Ansätze einer Vegetation vorhanden sind, wird mit weniger kostspieligen Methoden ge­arbeitet. Wir müssen Wasser suchen und fördern, Oasen anlegen und Wolken fabrizieren." „Wolken fabrizieren?"
,,Ja, die zu starke Erhitzung am Tage und die furchtbare Abkühlung in der Nacht muss gemildert werden, damit erst einmal normale Vegetationsbedingungen entstehen. Die Hauptaufgabe fällt natürlich den zwölf Röhrenmattendivisionen zu. Sie legen zwölf Vegetationsstrecken durch die Wüste, zehn in nordsüdlicher, zwei in ostwestlicher Richtung. Diese zwölf Strecken sind das Vegetationsgerippe. Von dort aus werden dann nach und nach die Innenflächen der Vierecke bewässert und angebaut. Die Hauptsache ist aber zunächst die Wolkenfabrikation. Sobald wir genügend Wolken und Luftfeuchtigkeit haben, kann der planmäßige Anbau mittels Wechselmatten beginnen, durch den ungefähr 20% der Wüstenoberfläche erfasst werden sollen. Dann können wir auch die Gebiete mit spärlicher Vegetation weiter anbauen und aufforsten. Diese Gebiete sind viel größer als bisher angenommen wurde. Viele Landstrecken, die als vegetationslos galten, zeigen in der Regenzeit Vege­tationsspuren, sind also nach Veränderung des Klimas ohne allzu hohe Kosten anbaufähig."
In diesem Augenblick kommt ein Traktorenschleppzug an und hält dicht vor uns. Der riesige Raupenschlepper hat zwanzig Walzen mitten durch die Wüste herangeschleppt. Jede Walze hat einen Durchmesser von 4 m und ist 6 m breit. Vom Lager her naht eine Hundertschaft. Je fünf Mann beschäftigen sich mit einer Walze. Im Nu sind die Verbindungsstege ausgehakt, die Walzen gedreht und ab­montiert. Die 20 Ballen werden nebeneinander abgerollt. Je fünf Mann stoßen einen riesigen Mattenballen vor sich her. Auf dem Wüstensand, auf dem wir eben noch standen, wird in einigen Tagen die erste Vegetation sprießen. Wir sehen uns die Matten an. Sie sind sechs Zentimeter dick und bestehen scheinbar nur aus einem filzigen Schwamm. Der Führer erklärt uns aber, dass jede Matte auch Nähr­substanzen und Samen enthält. In Abständen von je 10 m werden quer über den neu gelegten 120 m breiten Matten­streifen durchlochte Wasserleitungen gelegt. Der Schwamm saugt das Wasser auf und verteilt es gleichmäßig über die ganze Fläche. Ein großer Teil des Wassers verdunstet. Bei starker Bewässerung sickert Wasser in den Boden. In eini­gen Tagen gehen die ersten der in der Matte enthaltenen Samen auf; sie finden in der Matte selbst genügend Nähr­stoffe. Dann beginnt das Wachstum des Mooses. Die Er­nährung des Mooses erfolgt durch Chemikalien, die dem Wasser beigemischt werden. Erst die dritte und vierte Sa­mensorte senkt nach dem Aufgehen die Wurzeln in den Boden. Drei bis vier Jahre lang schützt die Matte die jun­gen Pflanzen vor zu strenger Hitze am Tage und den Boden vor zu starker Abkühlung in der Nacht; dabei verdunstet unaufhörlich Wasser. Dann beginnt die Matte langsam zu verfaulen und düngt hierbei die Pflanzen, die sich unter ihrem Schutze festgesetzt haben. Nach Fertigstellung der zwölf durch Leitungen bewässerten Vegetationsbezirke wer­den täglich gewaltige Wassermengen verdunsten. Diese Ar­beit wird durch die Bohrmattenkolonnen und -regimenter unterstützt, die die unterirdischen Wasserschätze heben. „Wie lange ist die Arbeitszeit?"
„Acht Stunden. Meine Jungens arbeiten aber meistens frei­willig zwölf Stunden mit Unterbrechungen. Wir stehen im sozialistischen Wettbewerb mit dem zwölften Regiment. Und die Zwölften sind gute Arbeiter. Wir haben einen harten Stand."
„Ist denn diese lange Arbeitszeit gestattet?" „Nein, es darf eigentlich nicht länger als zehn Stunden ge­arbeitet werden, aber unsere Freiwilligen halten sich nicht daran. Wir haben Mühe, sie zur kulturellen Arbeit ins Versammlungszelt zu bekommen. Sie halten die praktische Arbeit für wichtiger. Das Aufbaufieber hat sie erfasst." Wir besichtigen noch die Bücherei und die Küchenräume. Es ist gleich 18 Uhr. Die Stunde Sun Yat Sens. Die Genossen gehen ins Lagerzelt, wo schon der Lautsprecher an­gestellt ist. Zehn Minuten später schweben wir wieder über der Wüste. In Abständen von 50—100 km sehen wir im­mer wieder neue Zeltstädte. Dann überfliegen wir einen Hauptarbeitsstreifen, der vorläufig nur durch die Häufig­keit der Zeltstädte zu erkennen ist. Bald werden die ersten Röhrenleitungen gelegt, und in einigen Jahren wird die Wüste anfangen zu leben. Die Menschheit ist jung gewor­den. Sie stellt sich, wie die Jugend stets, kühne, gewaltige Aufgaben. Aber sie werden gelöst. Mensch sein heißt — Schöpfer sein.

 

 

Vorwärts - 11. September 1924

Ultimatum Japans?

Der japanische Botschafter ist in Berlin vorstellig gewor­den und hat die Auslieferung der 3ooo japanischen Meu­terer verlangt, die auf Neuguinea landeten, nachdem sie den Kapitän und die Offiziere des Transportschiffes „Yatakama" überwältigt und das Schiff durch Umstellen zweier Buch­staben auf den Namen des japanischen Revolutionärs „Kata­yama" umgetauft hatten. Die Auslieferung ist natürlich verweigert worden. Das Schiff steht zur Verfügung der ja­panischen Regierung; der Zentralrat der S.U. verlangt jedoch vor Herausgabe des Schiffes eine Untersuchung über die amerikanischen „Werbemethoden" in Japan und sofor­tige Freilassung aller dort in Haft befindlichen Revolutionäre.
Die ganze Menschenladung des „Katayama" war zur Aus­wanderung nach Amerika gezwungen worden. Viele Arbeiter wurden sogar gewaltsam abtransportiert, obwohl sie sich allen Drohungen und Zwangsmaßnahmen zum Trotz ge­weigert hatten, einen Revers zu unterzeichnen, wonach sie freiwillig auswanderten.
Der japanische Menschenexport ist bereits der reinste Skla­venhandel. Er soll der immer stärker werdenden Abwanderung aus Amerika nach der S. U. entgegenwirken. Die ameri­kanische Regierung traut sich nicht, die Auswanderung wei­ßer Arbeitskräfte zu verbieten. Auch unter der farbigen Be­völkerung wird die Auswanderungsneigung immer stärker. Der Aufbau Afrikas hat schon Zehntausende von farbigen Arbeitern, Ingenieuren und Technikern angelockt. Unsere Werbung von Freiwilligen in Mittel - und Südamerika macht bereits böses Blut, denn die Bevölkerung Amerikas nimmt merkbar ab. Wie soll aber der amerikanische Kapitalismus seine Kapitalakkumulation unterbringen, wenn das Ausbeu­tungsmaterial fehlt? Immer mehr Chinesen wandern zurück, obwohl sie von den Yankees jetzt nicht mehr, wie früher, verachtet, sondern umschmeichelt und umworben werden. Japan ist noch das einzige Menschenreservoir des amerika­nischen Kapitalismus. Eine Zeitlang ging alles gut. Dank den großen Versprechungen und den glänzenden Werbe­methoden der Yankees wanderten dreimal soviel Japaner nach Amerika wie in die Sozialistische Union. Langsam änderte sich das Verhältnis. Die große Erdbebenkatastrophe des Jahres 1923 brachte einen völligen Umschwung. Un­sere großzügige Hilfe öffnete den japanischen Arbeitern die Augen und zeigte ihnen den Unterschied zwischen sozialistischer Solidarität und kapitalistischer „Unterstützung". Seit­dem haben sich die innerjapanischen Verhältnisse ständig verschlimmert. Die Agitation für die Auswanderung nach der S.U. wurde verboten und streng bestraft. Die Fiktion der Auswanderungsfreiheit wurde aber zunächst noch ge­wahrt. Wer sich durch Scherereien, Plackereien und Re­pressalien von seinem Vorhaben nicht abbringen Kess, er­hielt schließlich doch die Ausreiseerlaubnis. Das ist jetzt vorbei. Der Sklavenhandel, der am Anfang des amerikanischen Kapitalismus stand, ist auch das Sinn­bild der letzten kapitalistischen Epoche. Die versteckte Skla­verei weicht wieder der offenen. Der Kapitalismus zeigt unverhüllt seine brutale Fratze. Die reichen Übergewinne des amerikanischen Kapitalismus ermöglichten eine ständig steigende Kapitalakkumulation bei gleichzeitig steigenden Löhnen und bei steigender Kaufkraft der Gesamtbevölke­rung. Amerika hätte längst zu einer starken Verkürzung der Arbeitszeit und zu weiteren Lohnsteigerungen über­gehen können. Das widerspricht aber dem Wesen des kapi­talistischen Systems, das die konkurrierenden Betriebe und Konzerne nicht zwingen kann, diesbezügliche Vereinbarun­gen zu treffen und — dann auch zu halten. Amerika muss versuchen, den Kreis der Ausbeutung immer weiter zu zie­hen, damit die Verzinsung des ständig steigenden Kapitals gewährleistet wird. Die übrige Welt ist der amerikanischen Kapitalexpansion verriegelt. Die Anlagemöglichkeiten in Amerika sind trotz großen Neuanlagen im Süden fast rest­los erschöpft. Nur ein Menschenzuwachs in Amerika selbst kann noch neue Anlagemöglichkeiten bringen. Bald wird aber auch diese Reserve verloren gehen. Mit Naturnotwen­digkeit muss in Amerika eine Massenarbeitslosigkeit eintreten, sobald alle Möglichkeiten der Kapitalsanlage er­schöpft sind. Daran wird auch der Menschenhandel aus Japan nichts ändern. Die Stimmung in Japan gegen die Auswanderung nach Amerika nimmt übrigens immer mehr zu. Japan wird die Auswanderungsfreiheit nach der S. U. wiederherstellen müssen, oder es wird über kurz oder lang eine Revolution erleben. Wir bleiben jedenfalls hart und liefern die 3000 Rebellen auf keinen Fall aus.

 

 

Vorwärts - 12. Januar 1925

Klassenkämpfe in Japan

Der Klassenkampf in Japan nimmt immer schärfere For­men an. Die japanische Regierung hat sich deshalb genötigt gesehen, die Auswanderungsfreiheit offiziell wieder einzuführen. In Wirklichkeit benutzt sie jedoch diese Maßnahme nur dazu, einige tausend revolutionärer Arbeiter nach der S.U. abzuschieben. Japan und die nordamerikanische Union haben gleichzeitig die weitere Herausgabe der Konsulatszeitungen verboten. Die Konsulatszeitungen waren in den kapitalistischen Ländern unser einziges Mittel, objektive Nach­richten über die S. U. zu verbreiten. Diese Zeitungen wurden in Japan von über 300000, in Amerika von fast 2 Mil­lionen Menschen gelesen.

 

 

Vorwärts - 26. Januar 1925

Erneuerung der Handelsverträge?

Die Verhandlungen mit den ABC-Staaten und mit Mexiko sind immer noch nicht abgeschlossen. Wir sind nach wie vor bereit, diesen Staaten so viel Waren zu liefern, wie sie haben wollen, und den Gegenwert in Landesprodukten zu entnehmen. Wir wollen jedoch für diese Waren frei An­kunftshafen nicht mehr als die Gestehungskosten in unserem Bundesgebiet bezahlen. Die ABC-Staaten müssen also entweder Grundrente und Unternehmerprofit beschneiden oder die Löhne kürzen. Die Handelskammern dieser Staa­ten haben jetzt folgendes Projekt ausgearbeitet: Die billi­gen Waren aus der S. U. werden zu den höheren Verkaufs­preisen der nordamerikanischen Union abgesetzt. Die Dif­ferenzbeträge sollen dazu benutzt werden, den Lieferanten der für die S. U. bestimmten Waren ein Aufgeld zu bezah­len, das sie für den Verlust durch die Lieferungen an uns entschädigt. Die Befürworter dieses Projekts glauben, auf diese Weise ließen sich Rente und Unternehmerprofit auch bei Annahme unserer Bedingungen über Mindestlohnhöhe usw. aufrechterhalten. Die wahren Beherrscher Süd- und Mittelamerikas, die Herren der Wallstreet, haben ihre Zu­stimmung gegeben. Der Vertrag darf mit ihrer Erlaubnis auf zwei Jahre abgeschlossen werden. In dieser Zeit aber soll die süd- und mittelamerikanische Wirtschaft so weit umgestellt werden, dass sie von der Ausfuhr nach der S.U. unabhängig wird. Wir nähern uns dem Zustand der soziali­stischen und kapitalistischen Autarkie.

 

 

Vorwärts - 25. April 1925

Der Festtag der Donau-Balkan-Föderation

In keiner anderen Föderation ist die ganze Arbeit aller Ein­wohner so sehr auf einen Punkt konzentriert worden wie in der Donau-Balkan-Föderation. Keine andere Föderation hat sich so ausschließlich mit sich selbst beschäftigt wie diese.
Und trotzdem kann gesagt werden, dass in keiner anderen europäischen Föderation mehr gearbeitet wurde. Donau und Wasserwirtschaft, — das waren die Pole, um die sich das Leben in der Donau-Balkan-Föderation gedreht hat. In den Gebirgen begann die Arbeit. Zuerst wurden die Wasser­kräfte mit verhältnismäßig großer Fallhöhe ausgenutzt. Bald aber bewegten sich die Baukolonnen und die Armeen der Zeitfreiwilligen weiter talwärts. Den Abschluss des ersten Abschnittes bildete die Vereinigung des Donausystems mit dem Oder- und Weichselsystem. Während die Arbeit an den Nebenflüssen munter fortschritt, begann schon im obe­ren Abschnitt die Fesselung der Donau, deren Wasserkräfte jetzt von einer Meereshöhe von 6oo bis 220 m restlos aus­genutzt werden. Am 1. Mai 1919 fielen westlich Linz die ersten Sprengschüsse im Tal des großen Rodl. Am 1. Mai 1920 begannen die Wasser zu steigen. Monat um Monat, Jahr um Jahr stieg das Wasser und füllte das geräumte Tal. Am 1. Mai 1922 war die Moldau oberhalb Budweiß von 385 bis 550 m Seehöhe in steinerne Bänder gelegt. Am 1. Mai 1924 begegneten sich die Wasser der Elbe und der Donau 560 m über dem Meere. Die Donau war jetzt mit dem westlichen Mittelmeer, mit dem Atlantischen Ozean und zweifach mit Nord- und Ostsee verbunden. Am selben Tage wurden auch die 3—6 m hohen Staustufen oberhalb und unterhalb Wien—Pressburg und Budapest eingeweiht. Im Unterlauf 100 bis 76 m über dem Meere, südlich von Budapest bis Belgrad, wird nur etwa ein Drittel der Wasser­kraft durch eine Reihe von Doppelwasserradstauwerken aus­genutzt. Diese geringe Ausnutzung war unvermeidlich. Die Anlage fester Staudämme und Schleusen hätte unverhält­nismäßig hohe Kosten verursacht und wäre auch nach so­zialistischen Grundsätzen unrentabel gewesen. Der große Schlussstein in diesem gewaltigen Gebäude ist nun nach mehr als fünfjähriger Arbeit gesetzt worden. Von o bis 70 m Meereshöhe werden vier Siebentel der ganzen Wasserkraft durch drei Riesenwerke ausgenutzt. Durch den gewaltigen Staudamm bei Tschernawoda und den Kanal Tschernawoda—-Konstanza wird zwar nur eine Fallhöhe von
5 m gewonnen, aber bei den ungeheuren Wassermassen der unteren Donau wäre die Rentabilität auch dann außer Zwei­fel, wenn diese Riesenanlage nicht noch folgende gewaltige Vorteile brächte: Der Schifffahrtsweg wird um über 200 km verkürzt. Die nördliche Dobrudscha und das Donaudelta werden entwässert und mit Hilfe der großen Energiemen­gen des Tschernawodawerkes in ein elektrisch-agrarisches Musterland verwandelt. Die Bagger- und Kanalisierungs­arbeiten in der Donau von Tutrakan bis Orjechowa wurden Anfang vorigen Jahres beendet und brachten eine Senkung des Wasserspiegels auf 23 m bei Orjechowa. Von Orje­chowa bis Lom-Palanka konnte der Wasserspiegel um 4 bis
6 m gesenkt werden, während die Flusssohle durchschnitt­lich nur um 3—5 m gesenkt werden musste. Vor einem Jahre wurde der Abkürzungskanal Cetatea—Lom-Palanka in Betrieb genommen. Der Wasserspiegel dieses Kanals bei Cetatea liegt jetzt nur noch 32 m über dem Meeresspiegel, also 8 m tiefer als früher. Der Wasserspiegel oberhalb Ce­tatea liegt jedoch jetzt nach Fertigstellung des neuen Stau­damms 2 m höher als früher. Das Kraftwerk Cetatea ar­beitet also mit einer Fallhöhe von 10 m. Der große Donau­bogen Cetatea—Lom-Palanka ist stillgelegt und in eine Kette von Fischzuchtteichen verwandelt worden. Bei außerordent­lichem Hochwasser kann er als Reservebecken verwandt werden. Das wird jedoch nach menschlichem Ermessen kaum eintreten.
Von der Mündung und vom Meere her wurde der gewaltige Fluss in Fesseln geschlagen und gezwungen, uns dienstbar zu sein. Beendet wird nun dies Riesenwerk durch die Mam­mutkraftzentrale bei Brsha-Palanka. Von Mitte 1919 bis Anfang 1920 dauerte die Fehde, die innerhalb und außer­halb der Partei in der Donau-Balkan-Föderation geführt wurde. Nach den Angaben eines Statistikers soll dieser Streit über 150000 kg Papier verschlungen haben. Drei Par­teien standen sich in diesem Meinungskampf gegenüber. Die Turnupartei wollte bei Turnu—Severin einen Stau­damm errichten und das ganze Tal unter Wasser setzen. Die Tunnelpartei wollte den Donaubogen als Hauptschiff­fahrtsweg beibehalten und nur einen Teil der Wassermas­sen durch einen Tunnel von Doljni nach Brsha-Palanka leiten. Die siegreiche Kanalpartei hatte zuerst nur wenig Anhänger. Es stand zwar von Anfang an fest, dass das Ka­nalprojekt Dolnji—Brsha-Palanka die größte Energieaus­nutzung verspreche. Doch die Kosten erschienen unverhält­nismäßig hoch. Nun wurden aber an der unteren Donau für die Kanalisierung, für Flussbauten und für die beiden gro­ßen Staudämme gewaltige Steinmassen gebraucht, deren Gewinnung auch an anderen Stellen mit sehr hohen Ko­sten verbunden gewesen wäre. Bei der großzügigen Durch­führung des Kanalprojektes ließen sich diese Steinmassen so nebenbei mit gewinnen, so dass schließlich der Plan in noch viel großartigerer Form zur Ausführung kam, als es die Befürworter selbst zuerst verlangt hatten. Der große Donaubogen ist jetzt stillgelegt. Nordöstlich Dol­jni ist das frühere Flussbett nur noch für Boote befahrbar. Erst von Alt-Orsowa ab wird der Fluss durch das Wasser der Cerna auch für größere Barken wieder schiffbar. Das Eiserne Tor, früher der Schrecken der Schiffer, ist jetzt das Idealgebiet für unsere Paddelbootfahrer. Bei Doljni hält ein gewaltiger Staudamm den gewaltigen Strom auf und leitet ihn in den breiten durch das Gebirge gehauenen Kanal nach Brsha-Palanka, wo seine Energie in einem Fall von 70 auf 45 m Höhe ausgenutzt wird. Oberhalb Dolnji ist jetzt das ganze Gebirgstal vom Wasser ausgefüllt. Alle Ortschaf­ten sind darin verschwunden. Die Eisenbahnlinie und Auto­straße führt 80 km lang auf dem Grunde des Wassers durch einen hellerleuchteten Tunnel und kommt erst bei Dolnji wieder ans Tageslicht. Auf der Donaustrecke Brsha-Palanka bis Radujewatz mussten umfangreiche Bagger-, Kanalisierungs- und Verbreiterungsarbeiten zur Senkung des Wasserspiegels bei Brsha-Palanka durchgeführt wer­den, damit die projektierte Fallhöhe von 25 m erreicht wurde.
Das gigantische Werk ist vollendet. Am 1. Mai wird zum ersten Mal die gewaltige Wassermasse 25 m tief herab­stürzen und Elektrizität erzeugen. Zum ersten Mal wird das Schiffshebewerk in Tätigkeit treten. Zum ersten Mal werden eine Stunde lang alle Maschinen in den zehn neuen Riesen­fabriken laufen. Zum ersten Mal werden alle elektrischen Lampen in der neuen Donaustadt, der modernsten Stadt der Welt, erstrahlen. Hunderttausend neue Häuser werden bezogen. Eine Million Menschen haben einen neuen idealen Arbeitsplatz und eine ideale Wohnung erhalten. Die Donau-Balkan-Föderation ist restlos elektrifiziert. Gewaltige Naturkräfte wurden von der sozialistischen Menschheit bezwungen. Wir werden sie neuen und noch größeren Aufgaben dienstbar machen.

 

 

Vorwärts - 12. März 1926

Keine Verlängerung der amerikanischen Anleihen!

Die Bemühungen der amerikanischen Bankiers sind erfolg­los geblieben. Das erste Viertel der Anleihesumme, das am 1. Januar 1927 rückzahlbar ist, wird von diesem Tage ab nicht mehr verzinst. Trotz allen Aufforderungen haben die Amerikaner bisher nur ganz geringe Aufträge zur Abdec­kung der Anleihen erteilt (einige Milliarden für Diamanten, Edelmetalle, Seide, Reis und Tropenerzeugnisse). In der amerikanischen Finanzwelt haben sich zwei Parteien gebil­det. Die eine Partei ist an den Anleihen stark beteiligt und will die ganze fällige Summe ohne Rücksicht auf die ein­heimische Industrie in Waren zurücknehmen. Die andere Partei verlangt Annullierung der Anleihen zur Sicherung der amerikanischen Produktion und völligen Abbruch aller wirtschaftlichen Beziehungen zur S. U. Um der immer mehr anschwellenden Auswanderungsbewegung Einhalt zu tun, sind die Löhne abermals erhöht worden. Die kürzeste Arbeitszeit beträgt jedoch nach wie vor 40 Stunden pro Sie­bentagewoche. Diese Arbeitszeit wird nur einem verschwin­dend kleinen Bruchteil der amerikanischen Arbeiterschaft zugestanden. Bei uns beträgt dagegen die Höchstarbeits­zeit in der gemäßigten Zone 24 Stunden pro Sechstagewoche und in den Tropen 18 Stunden. Die allgemeinen Le­bensbedingungen sind überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Der Fall, dass ein farbiger Arbeiter seinen Wohnpalast in Zentralafrika verlässt, um in die amerikanischen Slums zu­rückzukehren, wird niemals eintreten. Von den 10 Millionen Negern, die in Nordamerika lebten, sind über 4 Mil­lionen jetzt schon in die Heimat ihrer Väter zurückgekehrt. Wird es den Amerikanern gelingen, die übrigen 6 Millionen zurückzuhalten? Die Amerikaner bereiten jetzt ein Gesetz vor, wonach das Vermögen von Auswanderern zugunsten des Staates (lies: des Bankkapitals) beschlagnahmt wird. Die Yankees täuschen sich jedoch, wenn sie glauben, durch diese Maßnahme die Auswanderungsbewegung eindämmen zu können. In der S.U. braucht man kein Vermögen, um seine Existenz zu finden.

 

 

Vorwärts - 4. August 1926

Stiche in den Globus

Der Tunnelbau Calais—Dover wird zwei Monate früher vollendet als im Generalkriegsplan vorgesehen. Durch die zunehmende Verwendung von Diamanten ist die Leistungsfähigkeit der Bohrmaschinen um etwa 30% gesteigert und ihre Lebensdauer fast ver­doppelt worden.

Die Himalaja-Kraftwerke
werden ebenfalls durch stärkere Verwendung von Diaman­ten vorplanmäßig beendet. Die Inder begnügen sich nicht mit der Ausnutzung der vorhandenen Wasserkräfte. Sie beginnen schon jetzt, an allen niederschlagsreichen Abhän­gen des Himalaja waagerechte Auffangrinnen anzulegen. Der russindische Windmotorentrust liefert jährlich 50000 Windmotoren; mehr als die Hälfte werden in den riesigen zentralasiatischen Hochebenen eingesetzt. Das Land der Stürme ist zum Land der Elektrizität geworden. Über 100 Tiefbohrungen werden zur Zeit in Zentralasien nieder­getrieben. Der Lauf der unterirdischen Ströme aus dem ,,abflusslosen" Gebiet ist jetzt zum größten Teile bekannt. Die leitenden Genossen hoffen, dass es in einigen Jahren gelingen wird, die gewaltigen, bisher ungenutzten Wasser­kräfte der Menschheit dienstbar zu machen.

Hinein ins Erdinnere!
Überall stoßen unsere Tiefbohrungen ins Erdinnere vor. An der alten Donaumündung begannen die Arbeiten am 1. Mai vorigen Jahres. Ein Mündungsarm wurde abge­sperrt und ausgepumpt. Der Anfangsschacht wurde mit einem Durchmesser von 100 m begonnen. In dieser Ausdeh­nung arbeitete man, bis man durch das Schwemmland hindurch war und auf Felsen stieß. Dann wurde mit 80 m Durchmesser weitergearbeitet. Jetzt, in 2000 m Tiefe, sind wir bei 5o m angelangt. Ein Weiterarbeiten mit den bisherigen Methoden ist jedoch nicht möglich. Wir müssen mit der eigentlichen Bohrung beginnen. 3ooo m unter der Erdoberfläche wird dann der gewaltige Kraft­werkfahrstuhl eingebaut, der nicht nur die gesamte Energie für die weiteren Bohrungen liefert, sondern sogar schon ge­waltige Energiemengen abgeben kann, sobald die hundert Seitenstollen ausgebaut sind. Auf dem Raume eines Qua­dratkilometers wird der ganze Grund systematisch nach Bodenschätzen abgesucht. Die Stollen werden dann mit Wasser gefüllt, das auf 80 Grad vorgewärmt und dem Tiefkraftwerk zugeführt werden soll. Die Fallhöhe des Nutzwassers von 3000 m wird im Fahrstuhlkraftwerk aus­genutzt.
Von 3000 m Tiefe ab wird nach folgendem System weiter­gearbeitet: Zwölf Röhrenbohrungen, die zusammen einen Kreis von 30 m Durchmesser bilden, werden gleichzeitig niedergetrieben. Begonnen wird mit Röhren von 2 m Durch­messer, die sich bei fortlaufender Bohrung bis zu 40 cm verjüngen. Während der Bohrungen wird ständig gespült. Der entstehende Dampf wird auf der 3ooo m Sohle auf­gefangen und an die Erdoberfläche geleitet. Neues Flusswasser stürzt 3ooo m hinab, wird in den Turbinen aus­genutzt, in den Seitenstollen auf 80 Grad Celsius vorge­wärmt und dann in die Bohrlöcher geleitet. Sobald 4000 m Tiefe erreicht sind, sollen alle Röhren gezogen werden. Der Grund der zwölf Bohrlöcher wird mit Sprengstoff gefüllt, das Fahrstuhlwerk an die Erdoberfläche geschafft und der Schacht teilweise mit Wasser gefüllt. Nach erfolgter Spren­gung und Verdampfung des Bremswassers beginnen die Zerkleinerungsmaschinen und Baggerkräne ihr Werk, um für die Zementierungsmaschinen Platz zu machen. In Höhenabständen von je 1000 m werden weitere Zwischenkraftwerke eingerichtet. In 10000 m Tiefe (voraussichtliche Wärme 300 Grad Celsius) soll das Hauptkraftwerk angelegt werden. Von dieser Sohle aus wird horizontal dauernd weiter gearbeitet.
Durch ständige Spülung mit Kühlwasser hofft man, die Temperatur in den Arbeitsstollen auf unter 50 Grad hal­ten zu können.
Im Laufe der Jahre werden sich 20 Hauptstollen und un­zählige Seitenstollen nach allen Richtungen hin Hunderte von Kilometern weit ins Erdinnere hineinfressen. An ein­zelnen Stellen werden neue Kraftwerke im Bauch der Erde entstehen, welche die bei den weiteren Tiefbohrungen ge­wonnenen Energiemengen verwerten. Welche Schätze wer­den wir im Erdinneren entdecken? Werden wir die feh­lenden Elemente finden? Viele Frage, die bisher keine Lö­sung fanden, können vielleicht schon in wenigen Jahren beantwortet werden. In 10000 m Tiefe schon ist der Wert der gewonnenen Energiemengen größer als derjenige der Investierungen, die zur Fortsetzung der Bohrarbeiten auf 20 Stellen notwendig sind. Damit wäre sogar nach kapita­listischen Grundsätzen eine Rentabilität gewährleistet. Die beiden Tiefschachtanlagen an der Mündung der Kura und des Terek in das Kaspische Meer sind bisher auf 1000 m Tiefe angelangt. Diese beiden Stellen wurden gewählt, weil wir hier 20 m unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres anfangen konnten und weil hier ebenso wie im Donaudelta eine gute Verwendungsmöglichkeit für die ge­waltigen Erdmassen vorhanden ist. In diesen Tagen begin­nen die Arbeiten an den Tiefschachtanlagen bei Konstanti­nopel und Gibraltar. Die Erd- und Gesteinsmassen sollen hier zur Zuschüttung der Meerengen verwendet werden. Der Soermusplan selbst (Senkung des Wasserspiegels des Mittelländischen Meeres zwecks Ausnützung der Fallenergie des zuströmenden Ozeanwassers) wird wahrscheinlich nach Beendigung des Wirtschaftskrieges durchgeführt.

Der Reichtum des Toten Meeres
Die Trockenlegung des Toten Meeres ist eine der Haupt­aufgaben, die sich die frühere Mittelmeerföderation ge­stellt hat. Im Jahre 1920 begannen die Arbeiten am Jor­danstaudamm bei Jericho. 1921 war der Wasserzufluss von Nord und Süd abgesperrt. Das Wasser des Jordan fand in den Bewässerungsanlagen eine bessere Verwen­dung, und der Spiegel des Toten Meeres senkte sich durch natürliche Verdunstung. 1923 begannen die Kreiselpum­pen ihr Werk und förderten das Wasser auf die großen Verdunstungspfannen. Millionen Tonnen Brom, Chlor, Natrium, Magnesium, Kalium und Kalzium werden jährlich gewonnen. Die Kraftanlagen und Verdunstungsgebiete wer­den ständig vergrößert. Bisher ist der Spiegel des Toten Meeres um 106 m gesenkt worden. Er liegt also jetzt schon 5oo m unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres. In zwei Jahren ist das Tote Meer verschwunden und hat seine fast unermesslichen Reichtümer freigegeben. Die gewaltigen Kraftanlagen, die rings um das Tote Meer entstanden sind, werden dann für eine noch größere Aufgabe frei: in einem Abstand von je 30 km werden sich drei Riesenschächte von je 1000 m Anfangsdurchmesser in die Erde hineinbohren, die alle 1000 m durch Tunnel miteinander verbunden werden sollen. Durch das Libanongebirge wird ein 5om breiter Ka­nal gelegt, der das Verdunstungswasser heranführen soll. Dieses wird also, noch bevor es in den Schacht hinabstürzt, in einem Fall von fast 800 m ausgenutzt. Ein Teil der Verdunstungspfannen wird bestehen bleiben und erst nach Senkung des Mittelmeerspiegels aufgeschüttet werden. So­bald das Senkungsgebiet von den geförderten Erdmassen ausgefüllt ist, werden die weiteren Erdmassen durch diesen Kanal ins Mittelmeer geführt.
Eine gewaltige Aufgabe! Was für Aufgaben können wir uns erst stellen, wenn wir den Aufbau der S. U. beendet haben?

 

 

Vorwärts - 11. August 1926

Amerika verbietet die Auswanderung

Nachdem in diesem Jahre allein aus der U.S.A. über eine Million Arbeiter ausgewandert sind, davon mehrere Hun­derttausend aus dem früheren Kanada, hat das Weiße Haus jegliche Auswanderung verboten. Das Verbot der Konsu­latszeitungen erwies sich als wirkungslos. Die Wahrheit über die Verhältnisse in der S.U. lässt sich nicht mehr verheimlichen. Auch in Mittel- und Südamerika wurde die Auswanderung verboten, weil sie in letzter Zeit „beängstigende Formen" annahm. Besonders die farbige Bevölkerung hat ein wahres Auswanderungsfieber erfasst. Dabei veranlasst die „Logik" der kapitalistischen Produk­tionsweise die widerspruchvollsten Maßnahmen: die bra­silianische Regierung ging bekanntlich den Herren im Nor­den voran und verbot schon vor einigen Wochen die Auswanderung. Als aber kurz darauf im Kolonisationsgebiet des Amazonenstroms der Generalstreik ausbrach, schob sie selbst zweitausend „landfremde Hetzer" in die Union ab. (Die streikenden Arbeiter verlangten unter gleichen Bedingungen zu arbeiten wie unsere Tropenarbeiter: auf jeden Arbeitstag einen Ruhetag und Einführung des Sechsstun­dentags.) Es ist daraufhin und dank den Bemühungen der reformistischen Gewerkschaftler tatsächlich gelungen, die Arbeiter durch eine Lohnzulage zu beschwichtigen. Nach Verhaftung der „Hetzer" (durchwegs oppositionelle Gewerkschaftsmitglieder) hatten die Behörden leichtes Spiel: Wer sich auf Grund der revolutionären Parole „Auswanderung ist Fahnenflucht" der Deportation widersetzte, wurde ohne Gerichtsverfahren ins Zuchthaus geschickt. Alle revo­lutionären Organisationen wurden verboten. Argentinien und Chile folgten diesem Beispiel.
Der Zentralrat der S. U. hat daraufhin sofort alle Bestellungen in den ABC-Staaten widerrufen und den völligen Abbruch der Handelsbeziehungen schon vor Ablauf der Handelsverträge angekündigt.
Besonders stark macht sich der Arbeitermangel in Argenti­nien bemerkbar. Die italienischen Saisonarbeiter bleiben aus. Über zwei Millionen Auswanderer (meist Italiener und Spanier), also mehr als ein Fünftel der ganzen Bevölkerung haben bereits das Land verlassen. Durch immer stär­kere Mechanisierung der Landwirtschaft mittels amerikani­scher Kredite konnte dieser Ausfall allerdings fast wett­gemacht werden. Im übrigen plant man Einschränkung der Produktion, um dem drohenden Absatzmangel vorzu­beugen.

 

 

Vorwärts - 13. September 1926

Keine Hungersnot in Asien!

Die Nahrungsmittelknappheit in Indien und China hat Anlass zu wilden Gerüchten gegeben. Die amerikanischen Zei­tungen, die über Asien erstaunlich gut unterrichtet sind, be­richten von großen Hungersnöten. Diese Meldungen sind natürlich stark übertrieben. Die Hauptursache der bestehen­den Nahrungsmittelknappheit ist ja gerade die Tatsache, dass einige Hundert Millionen Menschen, die sich früher in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal satt essen konnten, jetzt daran gewöhnt sind, besser und doppelt so viel zu essen als vor der Machtübernahme. Dadurch sind viele Millionen, die sonst bei einer Missernte wie der diesjährigen sicher Opfer des Hungertodes oder der Unterernäh­rung und Überarbeitung geworden wären, am Leben geblie­ben. Unsere hygienischen Maßnahmen sind zuerst auf harten Widerstand gestoßen. In den letzten Jahren jedoch haben sie sich allgemein eingebürgert. Dadurch sind weitere Millionen vor dem sicheren Tode gerettet worden. Die Bevölkerung nimmt rapid zu. Trotz gewaltiger Steigerung der Anbaufläche ist infolgedessen die Landwirtschaft Asiens, wie sich jetzt herausstellt, bei schlechter Ernte nicht imstande, den Mehrverbrauch zu decken. Es wurde zu optimistisch disponiert. In allen Gebieten der Union hat man beträchtliche Landstrecken aufgeforstet. Viele Millionen Hektar wurden mit Gespinstpflanzen bestellt, die zur Wü­stenbekämpfung gebraucht werden. Große Landflächen, die früher der Ernährung dienten, sind für den Anbau von Kulturpflanzen verwandt worden, die nur in tropischen und subtropischen Gebieten gedeihen. In der chinesischen Planwirtschaft sind nach dem Tode Sun Yat-sens besonders schwere Fehler begangen worden, die schleunigst korrigiert werden müssen. Aber auch die Zentralplankommission hat nach den Feststellungen des Kontrollausschusses große Fehler gemacht. Die Schuld an der Knappheit in Asien ist zu einem nicht geringen Teil auch in Europa zu suchen. Der Plan des Wirtschaftskrieges sah die Verwandlung großer Landstrecken in Westeuropa, die bisher der Nahrungsmittelerzeugung gedient hatten, in Wälder, Weiden, Gärten, Parks und Spielplätze vor. Diese Umwandlung hätte nicht so schnell vollzogen werden dür­fen, da der Aufbau der zentralafrikanischen Landwirtschaftsgebiete sich verzögerte.
Die Amerikaner triumphieren. Sie schreiben von roter Misswirtschaft und kündigen den baldigen Zusammenbruch der sozialistischen Experimente an.
Sie täuschen sich. Wir haben große Fehler gemacht, aber wir werden sie schleunigst korrigieren.
Die Herstellung von Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen wird weiter gesteigert. In Mittelasien, Sibirien und vor allem im fernen Osten sollen noch in diesem Herbst große Landstrecken erstmalig unter den Pflug genommen werden.
Trotz alledem sind Zwangsmaßnahmen nicht zu umgehen. Scharfe Rationierungsmaßnahmen treten in den dicht bevölkerten asiatischen Gebieten sofort in Kraft. Dazu brauchen wir Tausende von geschulten Bureaukräf­ten. Wir zweifeln nicht, dass sich nach Erscheinen des ersten Aufrufs sofort Zehntausende melden. Bisher haben wir wiederholt die Erfahrung gemacht, dass leichter zehntausend Freiwillige für Asien und Afrika zu finden sind als tausend für Rumänien oder ein anderes europäisches Land. Diesmal sieben wir jedoch ganz besonders scharf. Die Genossen müssen über gute soziologische und volkswirtschaftliche Kenntnisse verfügen. Sie müssen in der Lage sein, Aufklärung über die wirklichen Ursachen der Knappheit zu geben. Kenntnis einer asiatischen Sprache ist nicht unbedingt erforderlich. Vollkommene Beherr­schung des Esperanto ist jedoch Bedingung. Entgegen allen Erwartungen breitet sich die Welthilfssprache in Asien viel schneller als in Europa aus.
Die Freiwilligen nach Australien haben beschlossen, sich für die Notstandsgebiete in China und Indien zur Verfügung zu stellen.
Als dies bekannt wurde, hat die amerikanische Regierung das Auswanderungsverbot (allerdings nur für Weiße) auf­gehoben. Wir wissen nicht, was die Yankees plötzlich so menschenfreundlich stimmt. Nun, bei Gelegenheit werden sie schon ihre Rechnung präsentieren. Der Zuzug nach Au­stralien kommt uns jedenfalls sehr gelegen. Fast hunderttausend Amerikaner, darunter viel frühere Farmer, sind bereits nach Australien unterwegs. Die Mannes­mannröhrenwerke haben Auftrag erhalten, die Röhrenproduktion sofort zu steigern, damit die großen australischen Bewässerungsarbeiten schneller fortschreiten können. Auch die neuen Kanalbauten, die auf unvorhergesehene Schwierigkeiten gestoßen sind, werden beschleunigt. Die australische Landwirtschaft hat bei Überwindung der Nahrungsmittelknappheit eine außerordentlich bedeutungsvolle Aufgabe zu erfüllen. Nur bei schärfster Anspannung aller Kräfte sind die gestellten Ziele zu erreichen.

 

 

Fünfter Teil


Der Endkampf

 

Extrablatt – Vorwärts - 16. Okt. 1926

Unruhen in Australien

Aus Sidney wird gefunkt:
Bei den Einweihungsfeierlichkeiten des neuen zentralaustra­lischen Bewässerungsreviers ist es zu größeren Unruhen gekommen, bei denen es mehrere hundert Tote gegeben ha­ben soll. Auf unaufgeklärte Weise sind größere Mengen, Alkohol eingeschmuggelt worden, unter dessen Einfluss scheinbar die ersten Streitigkeiten entstanden. Auch in Sidney sind schwere Ausschreitungen vorgekommen. In den Nachtstunden zogen betrunkene Horden durch die Stadt und schlugen alle Chinesen und Japaner, die ihnen be­gegneten, nieder, während die Inder verschont wurden. Die Rädelsführer waren kürzlich eingewanderte amerikanische Arbeiter, die sich von den Rassenvorurteilen noch nicht be­freit haben. Die völlig überraschte Miliz war machtlos. Die Banden sollen angeblich schwer bewaffnet sein.

 

 

Extrablatt – Vorwärts - 17. Okt. 1926

Australien in Gefahr
Sidney, 16. X. 1926, abends 28 Uhr 20 (Funkspruch)

Die Stadt ist in der Gewalt der Aufständischen. An allen Häusern kleben Aufrufe folgenden Inhalts:
„Australier! Angehörige der weißen Rasse! Werft das rote Joch ab! Was hat euch die rote Herr­schaft schon gebracht? Einige Jahre hindurch ging es euch etwas besser. Aber jetzt soll die angekündigte Lohnerhöhung um sechs Monate verschoben werden. Die letzte Verkürzung der Arbeitszeit wird wieder rück­gängig gemacht. Man sagt, das sei eine vorübergehende Maßnahme zur Behebung des asiatischen Notstandes. Aber man wird schon wieder neue Ausreden erfinden, wenn diese nicht mehr zieht. Wir sollen Opfer bringen für die Gelben. Was gehen uns die Asiaten an? Wir sind stolz darauf, Angehörige der weißen Rasse zu sein. Wir wollen Australien wieder von den Gelben säubern.
Wir haben Brot, Fleisch, Wolle und Häute in Hülle und Fülle. Wenn die Roten es für ihre „farbigen Brü­der" brauchen, dann sollen sie es uns abkaufen. Amerika streckt uns die Bruderhand entgegen. Schlagen wir ein! Jeder weiße Mann, der sich für Amerika erklärt, erhält sofort 1000 Dollars ausgezahlt. Bald werden wir alle unser eigenes Auto haben, wie die amerikani­schen Arbeiter!
Amerikas Wirtschaft steht in höchster Blüte. Die ame­rikanischen Arbeiter müssen keine Opfer für die kom­menden Generationen bringen, wie man sie uns stän­dig zumutet. Wenn wir nur ein gutes Leben haben, was scheren uns die Nachkommen! Die sollen sehen, wie sie fertig werden! Wir mussten uns ja auch mit dem begnügen, was da war.
Genug der Zwangsarbeit und bureaukratischen Bevor­mundung!
Der Kapitalismus bringt die Freiheit. Wir verlangen Freihandel, Wiederherstellung des Privateigentums am Boden und an den Produktionsmitteln und Aus­weisung aller Asiaten.
Steckt die roten Brutstätten, die Gewerkschafts- und Klubhäuser, die roten Warenhäuser und Massenabfüt­terungsstellen in Brand! Schlagt die roten Hunde nie­der! Rottet sie aus, mit Stumpf und Stiel, mit Weib und Kind!
Australien gehört der weißen Rasse."
Genossen in Europa, Asien und Afrika: Helft uns! Austra­lische Sender antworten nicht mehr. Funkt uns, was ge­schehen? Krieg???

Sidney, den 17. X. 27, 4 Uhr 40 (Funkspruch)
Amerikanische Kriegsflotte vor Sidney. Truppen werden ausgebootet. Die Funkstation wird beschossen. Unser Schick­sal ist besiegelt. Es lebe der Sozialismus!

 

 

Vorwärts - 29. Oktober 1926

Australien verloren!
Amerikas Ultimatum

Amerika verlangt sofortige Einstellung aller Versuche zur Wiederhergewinnung Australiens. Wenn nicht innerhalb drei Tagen eine formelle Verzichtleistung vorliegt, wird der Krieg auf der ganzen Front eröffnet.

Was sollen wir tun?
Die Lage ist äußerst schwierig. Amerika hat sehr geschickt den Zeitpunkt gewählt, in dem unsere Hände durch die Not in China und Indien gebunden sind. Vielleicht hätten wir im nächsten Jahr schon Nahrungsmittelüberfluss gehabt. Wir waren zu leichtgläubig. Es ist ein schwerer Fehler, dass wir den Kapitalisten geglaubt und ihr Abrüstungsver­sprechen für bare Münze genommen haben. Nach Beendigung des afrikanischen Aufbaus, nach Überwindung der asiatischen Nahrungsmittelknappheit, würden wir den Amerikanern in jeder Hinsicht überlegen sein. Die amerikani­sche Produktion, die Handels- und Luftflotte halten keinen Vergleich mit den unsrigen aus. Aber wir haben uns stets nur auf friedlichen Fortschritt und auf reine Defensivmaß­nahmen beschränkt. Wir haben keine Offensivwaffen entwickelt. Ohne solche Waffen aber würde ein Krieg so bald nicht zu unserem Siege führen können. So schwer es uns auch fällt: zunächst müssen wir nach­geben. Voraussetzung hierfür ist natürlich die sofortige Einstellung des weißen Terrors, der augenblicklich in allen australischen Hafenstädten wahre Orgien feiert, und Amnestierung aller Gefangenen. Die Straßen der australischen Städte sind rot vom Blute unserer Genossen. Der australische Himmel rötet sich vom Feuerschein der angezündeten sozialisierten Gebäude. Wenn diese Schreckensszenen nicht sofort aufhören, wenn die amerikanische Regierung dem Gemetzel und den furchtbaren Gräueltaten nicht sofort Einhalt gebietet, wenn nicht sofort die viehische Abschlachtung wehrloser Frauen und Kinder aufhört, die kein anderes Verbrechen begangen haben, als dass sie eine andere Hautfarbe besitzen, dann müssen wir den Krieg führen, koste es, was es wolle!
In diesem Falle müssen wir uns in der ersten Zeit auf unvermeidliche Niederlagen gefasst machen. Wenn aber die Umstellung unserer Industrie auf Kriegsbedarf durchgeführt ist, dann hat die letzte Stunde des Kapitalismus ge­schlagen. Riesige Summen haben wir für chemische Forschungen ausgegeben. Diese Summen sollten helfen, das Leid der Menschheit zu mildern. Unsere Chemiker, die für all ihre Versuche unbeschränkte Geldmittel zur Verfügung hatten, haben aber der Natur auch furchtbare Geheimnisse entlockt. Wehe den Kapitalisten, wenn wir gezwungen sein sollten, diese Geheimnisse zu offenbaren und in den Dienst
der Kriegsindustrie zu stellen! Nur wenige Monate wären dazu nötig.
In unserer Antwortnote werden wir auf diese Perspektive hinweisen. Wir werden auch darauf hinweisen, dass die ersten so genannten „Unruhen" in Australien weiter nichts waren als bestellte Arbeit von amerikanischen Provokateu­ren, die unter der Maske von Auswanderern ins Land ge­kommen waren. Die amerikanischen Schlachtschiffgeschwa­der sind ja angeblich nur zufällig in der Nähe gewesen. Wie kommt es aber dann, dass sie gleich über hunderttausend Mann Landungstruppen zur Verfügung hatten? Wie kommt es, dass eine große amerikanische Zeitung schon über Unruhen berichtete, als es noch gar keine gab?

 

 

Vorwärts - 1. November 1926

Einlenken Amerikas?

Nach einer bisher unbestätigten Nachricht aus U.S.A. will die amerikanische Regierung auf unsere Vorschläge ein­gehen, den weißen Terror endlich unterbinden und die Aus­wanderungsfreiheit in Australien und Amerika wiederher­stellen.
Und Japan? Man müsste annehmen, dass die japanische Regierung energische Schritte gegen die Hinmetzelung ihrer Rassenangehörigen unternommen habe. Weit gefehlt! Der japanische Außenminister hat erklärt, dass das Einverneh­men zwischen den beiden kapitalistischen Staaten niemals so herzlich gewesen sei wie gerade jetzt. Aus dieser Er­klärung geht deutlich hervor, dass die ganze Rassenhetze nur vorgeschoben war, um neuen Raum für den Kapitalis­mus zu gewinnen. Es geht nicht um die Hautfarbe. Es geht um den Profit

 

 

Vorwärts - 9. November 1926

Ein trauriger Revolutionsfeiertag

Der achte Jahrestag der Revolution ist nicht geeignet, fröhliche Stimmung zu erzeugen. Wir haben eine schwere Niederlage erlitten, und wir müssen uns über ihre ganze Größe im klaren sein. Zu fest waren wir von unserer Sieghaftigkeit überzeugt. Wir glaubten, dass uns überhaupt nichts missbilligen könne. Wohl ist es richtig, dass wir auch früher alle Schwierigkeiten überwunden haben, aber doch nur, weil wir sie in Rechnung setzten und zur richtigen Zeit alle Anstrengungen machten, um diese Hindernisse zu überwinden. Diesmal sind wir aber hineingeschliddert, ohne uns über die Größe der Gefahr im klaren zu sein. Sträfliche Un­terlassungssünden haben wir begangen. Die Berichte ame­rikanischer Arbeiter über die Kriegsrüstungen wurden lei­der nicht ernst genommen. Waren wir nicht auf allen Fron­ten im Vormarsch? War nicht unsere Überlegenheit über das kapitalistische System so augenscheinlich, dass der endgültige Zusammenbruch des Kapitalismus uns nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien? Wir sind zu weit gegan­gen mit unseren großen Projekten. Die Tiefbohrungen und die Wüstenbekämpfung haben ungeheure Summen von Ka­pital und Arbeit verschlungen. Jetzt müssen wir einen Rück­zug antreten.
Der kommende Parteitag steht vor schweren Entscheidungen.

 

 

Vorwärts - 11. November 1926

Der Kampf auf dem Parteitag

Noch tobt der Kampf. Aber aus dem Dickicht der verschiedenartigsten Vorschläge heben sich schon die großen Richt­linien ab.
Ein Teil der Mitglieder gruppiert sich um das so genannte „Gemütlichkeitsmemorandum", wie die Denkschrift der rechten Gewerkschaftler scherzhaft genannt wurde. Die Denkschrift schlägt vor, das industrielle Entwicklungstempo zu verlangsamen, die Arbeitszeit weiter zu verkürzen und alle Kraft auf die weitere Verbesserung der Lebens­haltung zu konzentrieren.
Die Verfasser glauben, dass unsere Überlegenheit dadurch am deutlichsten gezeigt werden kann, und dass wir auch der revolutionären Entwicklung in U.S. A., Japan und Au­stralien so am besten dienen. Nach einer gewissen Abrun­dung unserer Produktion und nach langsamer Vollendung des afrikanischen Aufbaus — so argumentieren sie — kön­nen wir ja dem Einzelmenschen alles bieten, wonach er Verlangen trägt. Wozu brauchen wir immer neue Luft­schiffe, Traktoren, Flugzeuge, Schiffe, Eisenbahnen, Land­straßen, Automobile, Fabriken, Hütten und Kraftwerke? Ist es das, was der Mensch vom Leben verlangt? Sehnt er sich nicht vielmehr nach einem Leben in der Stille, unter grünen Bäumen, in ländlicher Abgeschiedenheit? In schroffem Gegensatz zu diesen Anschauungen stehen die Vertreter der zweiten Gruppe, denen das Entwicklungs­tempo immer noch zu langsam ist. Diese Ultralinken sind bereit, den Anspruch der jetzt lebenden Generation auf Glück und Ruhe völlig zu ignorieren. Sie wollen den Erd­ball restlos industrialisieren, wollen immer neue, immer gewaltigere Giganten aus Stahl und Beton auftürmen, wol­len alle Menschen zu ihrem Schöpferdrang (oder Schöpfer­wahnsinn?) bekehren.
Zuerst prallten die Vertreter der beiden Anschauungen mit äußerster Heftigkeit aufeinander. Langsam bildet sich jetzt eine dritte Richtung heraus, die einen Mittelweg gehen will.

 

 

Vorwärts - 16. November 1926

Beschlüsse des Parteitages
Ausgleich zwischen den Extremen

Beschluss betreffend: die künftige ,,Linie"
Das Tempo der Industrialisierung wird zunächst noch verschärft, um alle schwebenden Projekte beschleunigt zum Abschluss zu bringen. Die Mittel für Tiefbohrungen und Wüstenbekämpfung werden aber in den nächsten Jahren herabgesetzt. Sämtliche Pläne der Föderationen werden umgearbeitet mit dem Ziel, die S. U. in Gebiete von dreifa­cher Struktur einzuteilen:
1. in Hauptindustrie- und Kulturzentren, die aufs höchste industrialisiert und mit allen Annehmlichkeiten des Lebens versehen werden,
2. in reine Wohngebiete, in denen nur diejenigen Arbeiten verrichtet werden, die der unmittelbaren Versor­gung dienen, und die vorwiegend ländlichen Charakter tragen.
3. in so genannte primitive Gebiete, aus denen alle Errungenschaften der Technik verbannt sind (auch Auto­mobile). Das Überfliegen dieser Gebiete ist verboten. In diesen riesigen Menschennaturschutzparks sollen Pferde, Maultiere, Yaks und Lamas die einzige Transporterleichterung darstellen. Bei Abholzungsarbeiten in den Wäldern dürfen nur ausnahmsweise Traktoren verwandt werden. Die Naturfreunde werden 11 Mo­nate des Jahres in selbstgebauten Blockhütten hausen und ihr „Paradies" nur während des industriellen Pflichtmonats verlassen.
Der Parteitag hat diesen Beschluss nach langen Debatten gefasst, in der Zuversicht, dass damit ein Ausgleich ge­schaffen wird zwischen den Anhängern höchster techni­scher Kultur und den Freunden der Parole „Zurück zur Natur".
In wenigen Jahren angestrengter Arbeit ist das gesteckte Ziel zu erreichen.

Beschluss betreffend: Australien.
Es werden vorläufig keine Versuche zur Wiedergewinnung des australischen Festlandes unternommen. Eine offizielle Verzichterklärung wird auf keinen Fall geleistet.

Beschluss betreffend: Einwanderung von Par­teigenossen in die S.U.
Mitglieder der Parteiorganisation in Australien und Amerika haben auf jeden Fall im Lande zu bleiben; nur wenn zwingende Gründe dafür sprechen, darf die lokale Parteiorganisation Auswanderung in die S. U. bewilligen.

 

 

Vorwärts - 12. Dezember 1926

Amerikanischer 10 Milliarden-Auftrag

Die Kapitalisten wollen jetzt auch mit der Anlage von Erd­wärmekraftanlagen beginnen, und zwar, um das uns ge­liehene Kapital zu verwerten, ohne den amerikanischen Markt zu schädigen. Die Erdwerk-A.-G. soll mit einem Ka­pital von 10 Milliarden Dollars ausgestattet und ähnlich der Amazonas-A.-G. organisiert werden. (Die Amazonas-A.-G., vor vier Jahren mit einem Kapital von 1 Milliarde Dollars gegründet, hat ihr Kapital inzwischen viermal verdoppelt und beutet jetzt alle Energie- und Rohstoffquellen im rie­sigen Amazonasgebiet aus. Sie wurde zu dem Zweck ge­gründet, alle überschüssigen Kapitalmengen aufzusaugen und damit die bis Ende 1923 enorm gestiegene amerika­nische Produktionskapazität auch nach Verlust der außer­amerikanischen Expansionsmöglichkeiten restlos auszunut­zen und weiter zu erhöhen. Das ist, von kleineren Reibungen abgesehen, geglückt. Die Amazonas-A.-G. verleihe zuletzt 12 % Dividende. Die Aktien werden in Wall Street mit 233 notiert. Das Nominalkapital von 16 Milliarden wird also an der Börse mit 37280000000 Dollars bewertet.) Die erste Erdwärmeanlage soll südlich Antofagasta an der Westküste Südamerikas angelegt werden. Ganz nahe der Küste ist hier ein Meerestief von 7625 m vorhanden. Ein Zementschacht von 5o m Durchmesser soll auf den Meeres­grund herabgesetzt werden, wo dann die eigentliche Boh­rung beginnt. Zwei kilometerbreite Pontonbrücken stoßen von der Küste aus ins Meer vor. Sie sollen als Wellen­brecher dienen und zugleich die schwimmenden Fabri­ken tragen. Die Zementfabriken sollen zuerst täglich 2 m und später 10 m Schachtrand produzieren. Täglich wird sich also der Riesenschacht 10 m tiefer ins Meer hineinsen­ken. Die Bohrkrone, die sich in zweieinhalb Jahren in den Meeresboden einwühlen wird, besteht aus Stellit, Nirosta­stahl und Edelmetallen und ist mit Diamanten besetzt. Der zunächst schwimmende Schacht ist 20 m über der Sohle abgedichtet. Bis zur Tiefe von 2000 m ist das Gewicht der Tunnelwand stärker als das des verdrängten Wassers. In dieser Zeit muss der Schacht teilweise von den Riesenpon­tons getragen werden. Dann tritt ein Ausgleich ein, und später muss der Schacht zur Herstellung des Ausgleichs belastet werden. In 7625 m Tiefe beginnen dann die eigent­lichen Bohrungen. Es ist also gleich von Beginn der Boh­rung an mit einem erheblichen Nutzeffekt zu rechnen. Der amerikanische Kapitalismus hofft mit dieser gigan­tischen Unternehmung das Gespenst der Krise zu bannen.

Drolliges Zwischenspiel im Zentralwirtschaftsrat
Eine Abordnung von Berliner Jungpionieren verlangte ge­stern die völlige Kommunisierung der Süd- und Tropen­früchte, vor allem der Kokosnüsse. Die Sprecher der Ab­ordnung betonten, dass die Berliner Jungpioniere und Jungfalken dem Genuss aller unnatürlichen und gesundheitsschädlichen Süßigkeiten — mit Ausnahme von Scho­kolade — abgeschworen haben und Vorkämpfer des reinen Kommunismus seien. Die Selbstdisziplin sei bei ihnen so entwickelt, dass überhaupt keine Missbräuche mehr vor­kommen. Da aber viele Südfrüchte und vor allem die sehr begehrten Kokosnüsse nur gegen Geld abgegeben wer­den (wenn auch zu sehr niedrigen Preisen), sei hier eine Lücke im jugendkommunistischen System vorhanden, die sofort geschlossen werden müsse. Die Delegierten waren schließlich der Belehrung zugänglich, dass nur solche Nahrungs- und Genussmittel kommunisiert werden können, die im Überfluss vorhanden sind oder erzeugt werden können, wie Bananen, Apfelsinen usw.


Vorwärts - 12. Februar 1927

Es wird Licht im „dunklen Erdteil"

Der Traum August Bebels ist verwirklicht und übertroffen worden: wir haben die Landwirtschaft der ganzen Äquatorprovinz fast restlos elektrifiziert. Die Getreidefabrik „Bebel" bearbeitet jetzt schon über 1 Million Hektar und entspricht fast vollkommen dem Zukunftsbild, das August Bebel in seinem Buche „Die Frau und der Sozialismus" entworfen hat. Die Elektrizitätsmengen des unteren Kongo gestatteten es uns, die menschliche Arbeitskraft im eigentlichen Produktionsprozess fast ganz auszuschalten. Die elektrischen Bodenbearbeitungs-, Sä- und Erntemaschinen sind völlig automatisiert. In Abständen von je 1000 m durchziehen Schienen und stationäre elektrische Leitungen das Land. Ohne menschliche Bedienung pendeln zwischen diesen Lei­tungen die elektrischen Maschinen hin und her. unaufhör­lich, Tag und Nacht. Die 1000 PS Bodenbearbeitungsma­schinen mit einer Arbeitsbreite von 4 m legen diesen Weg 25 mal in der Stunde zurück. Sie fräsen, eggen, säen und versehen den Boden mit Dungstoffen und Bakterien. Am Endpunkt angelangt, werden sie von der Bedienungsma­schine automatisch geladen und gewendet, um ihren Weg fortzusetzen. In der zehntägigen Aussaatkampagne legen sie 6000 km zurück und bearbeiten 2400 ha. Je zwei Saat­maschinen werden auf dem Hauptverbindungsstrang von einer Hilfsmaschine bedient, die mit zwei Mann besetzt ist. Das Auffüllen und Wenden geschieht automatisch. Die Bemannung der Hilfsmaschine hat lediglich zu prüfen, ob die Saatmaschine noch in Ordnung ist. Kleine Reparatu­ren und Materialauswechselungen können von der Mann­schaft selbst vorgenommen werden. Jede Hilfsmaschine steht aber in telephonischer Verbindung mit der nächsten Werkstatt und kann sofort das Reparaturschnellauto oder eine neue Maschine herbeirufen.
Die 2000 PS - Erntemaschinen mähen und dreschen das Getreide und schälen den Boden. Das Stroh wird sofort zerkleinert, im Säurekessel aufgeweicht und als Dungstoff ausgestreut. Die Körner werden am Endpunkt in Einheits­behälter entleert.
Die Getreidefabrik „Bebel" erntet zweimal im Jahr. Die vorjährigen Versuche einer dreimaligen Ernte unter Anwendung elektrischer Bestrahlung haben noch kein befrie­digendes Resultat gebracht. Günstigere Ergebnisse zeitigten die Versuche mit Saatgutvorbereitung und Getreidepflanzung. Das tropische Zentrallandwirtschaftsinstitut hofft, dass es durch Vervollkommnung dieser Methoden möglich wird, zur fortlaufenden Bestellung überzugehen, so dass die technischen Einrichtungen das ganze Jahr hin­durch voll ausgenutzt werden können. Die Maschinen wer­den alle 10 Tage herausgezogen und überholt. Alle Ma­schinenteile, die irgendwie schadhaft sind, werden ausge­wechselt und verschrottet. Einige besonders stark in Anspruch genommene Teile verfallen ohne Rücksicht auf ihren Zustand der Einschmelzung. Die Erntemaschinen wechseln alle Stunden automatisch die Messer aus. Bei den neuesten Maschinen werden immer mehr Teile aus Leicht­metall verwandt.
Die große Aluminiumfabrik in Kamerun deckt jetzt be­reits den gesamten afrikanischen Bedarf. Die Lage dieser Fabrik ist in jeder Beziehung ideal. Gewaltige, günstig gelegene Bauxitvorkommen, starke Wasserkräfte, gute Ver­kehrswege, Lage mitten im Verbrauchs- und Weiterverarbeitungsgebiet.
Eine Erweiterung des Eisenbahnnetzes soll nach Vollen­dung der noch im Bau befindlichen Linien nicht mehr vorgenommen werden. Das jetzige Netz genügt völlig den höchsten Anforderungen. Das Wasserstraßennetz ist jedoch infolge unvorhergesehener Schwierigkeiten noch nicht so weit ausgebaut wie im Plan vorgesehen. Der Kongo ist ab 1. Mai in seinem ganzen Laufe schiffbar. Die Verbin­dung zum Tanganjikasee ist kanalisiert. Die Schiffstrocken­verbindung mit dem Sambesi wird dagegen erst Ende die­ses Jahres fertig gestellt. Das Kraft- und Hebewerk an den Viktoriafällen ist eröffnet. Die Energie kann jedoch erst zu einem kleinen Teil ausgenützt werden. Der Aufbau der oberen Sambesi-Industrie hat sich stark verzögert, da die Schwie­rigkeiten an den Kebrabasafällen im Mittellauf des Sam­besi immer noch nicht behoben sind. Der Ausbau der Ke­brabasawerke hat schon jetzt 40% mehr Zement verschlun­gen als der Plan vorsieht. Die Arbeiten im Verbindungs­gebiet des Njassasees mit dem unteren Sambesi wurden 6 Wochen vor dem im Plan festgesetzten Zeitpunkt be­endet, die Trockenverbindung für 1000-t-Einheitsschiffe zwischen Njassa- und Tanffaniikasee wird aber nicht vor Ende nächsten Jahres fertig. Die Stauwerke zwischen Kiwu - und Tanganjikasee beginnen dagegen schon am 1. April mit der Elektrizitätserzeugung. Der Schiffsverkehr wird am 1. Mai aufgenommen. Die Verbindung des Tanganjika- mit dem Viktoriasee wird Anfang 1928 fertig. Der östliche Großschifffahrtsweg ist jetzt auf der ganzen Strecke Vikto­riasee—Alexandria zum größten Teil ausgebaut. Auf der Strecke Viktoria—Kioga—Albertsee sind noch zwei Stau­stufen, zwei Schleusen und drei Elektrizitätswerke im Bau. Zwischen Faschoda und dem Albertsee müssen wir noch 100 km Flusslauf kanalisieren. In einem Jahre können die er­sten Flussschiffe von der Mündung des Kongo und des Sam­besi bis zur Mündung des Nils fahren. Und Ende nächsten Jahres, am Tage der Weltrevolution, wird der kürzere Nord-Südverbindungsweg eingeweiht. Afrika, noch vor kurzem der zurückgebliebenste Erdteil, wird die modernste Wirt­schaftsprovinz der S. U. Afrika ist schon jetzt das Land der Elektrizität. Aus dem dunklen Erdteil wurde der hellste Erdteil. Es arbeiten dort zur Zeit außer der eingeborenen Bevölkerung 16 Millionen Europäer, 15 Millionen Inder, 8 Millionen Chinesen, 600 000 weiße und über 4 Millionen schwarze Einwanderer aus Nordamerika, 1125000 Ein­wanderer aus Mittel- und Südamerika und 60000 japa­nische Einwanderer, ferner eine Million Arbeiter aus Java, Borneo, Celebes, Sumatra und den anderen Südseeinseln.

 

 

Vorwärts - 8. März 1927

Erdbeben in Japan

Japan ist wieder einmal von einem außergewöhnlich heftigen Erdbeben heimgesucht worden. Am schwersten wur­den die Bezirke Yosa, Naka, Takano und Kumanobetroffen. Nach den vorliegenden Meldungen sollen ungefähr 3000 Menschen tot und 15000 Gebäude zerstört sein. Die Leid tragenden sind zum größten Teil Proletarier, vor allem in der Provinz Tango, dem Hauptsitz der japanischen Seidenindustrie. Unbekümmert darum, dass in Japan immer noch der Kapitalismus besteht, werden wir auch diesmal wieder unsere proletarische Solidarität bekunden und in noch viel erheblicherem Umfange als 1923 unseren bedrängten Klas­sengenossen Hilfe leisten. Auf die erste Kunde vom Erd­beben haben sich sofort in allen größeren Städten Hilfs­komitees gebildet. Aus China sind bereits 100 Flugzeuge mit Ärzten, Helfern, Medikamenten und Nahrungsmitteln abgeflogen. Sibirien, Annam und Indien rüsten je drei, China fünf Hilfsschiffe aus. Heute werden weitere 1000 Großflugzeuge und 10 Luftschiffe Kurs auf Japan nehmen.

 

 

Vorwärts - 12. März 1927

Unruhen im Erdbebengebiet

Nach einem drahtlosen Bericht unseres Luftschiffes „Weitling" sind im Erdbebengebiet Unruhen ausgebrochen. Die japanischen Militärbehörden haben zwar nicht gewagt, die Hilfeleistung unserer Luftformationen zurückzuweisen. Sie versuchten jedoch, die Bevölkerung von unseren Helfern zu isolieren, um sie vor der „Vergiftung" mit sozialistischen Ideen zu bewahren. Die japanischen Proletarier in Tango zerrissen die Sperrketten des Militärs und verbrüderten sich mit unseren Helfern. Der größte Teil der Soldaten stellte sich auf die Seite der Bevölkerung. Ein Selbsthilfekomitee hat die Verteilung der Lebensmittel, die Leitung der Ret­tungsarbeiten und die Aufstellung einer proletarischen Po­lizei übernommen.
Der Flug-, Sport- und Wehrverband hat beschlossen, wei­tere 20 Luftschiffe und 10000 Flugzeuge zur Hilfelei­stung abzusenden. Von drei Punkten des asiatischen Fest­landes aus wird ein ständiger Flugverkehr mit dem Zen­trum des Erdbebengebietes aufgenommen. Alle freiwilligen Flugplatzmannschaften stehen in Alarmbereitschaft. Der Flugverkehr auf den Linien Berlin—Wladiwostok, Rom-Shanghai und Madagaskar—Kalkutta—Kanton wird ver­doppelt. Alle Reserveflugzeuge werden in Dienst gestellt.

 

 

Vorwärts - 17. März 1927

Japan untersagt die Landung weiterer Hilfsschiffe

Die japanische Arbeiterschaft droht mit Generalstreik, wenn das Verbot der Landung von Hilfskräften nicht zurück­gezogen wird. Die Hilfsmaßnahmen der Regierung selbst versagen völlig, während die Truppen überall mit größter Rücksichtslosigkeit gegen die verzweifelten Massen der Streikenden und Obdachlosen vorgehen. In ganz Japan wird zur Bildung von Arbeiterwehren aufgerufen. Der Flug-, Sport- und Wehrverband dirigiert weitere 15000 Flugzeuge nach Ostasien.

 

 

Vorwärts - 20. März 1927

Generalstreik in Japan

Unruhen in Yokohama. Der Aufstand breitet sich aus. Drei Regimenter gehen zu den Auf ständischen über. Unsere Hilfsmannschaften werden stürmisch begrüßt. Amerika inter­veniert wegen unsrer angeblich politischen Hilfeleistung. Der Flug-, Sport- und Wehrverband der S.U. beschloss heute Verdoppelung seiner Flugzeugproduktion und eine Umlage von 10 Mark pro Mitglied.

 

 

Vorwärts - 24. März 1927

Revolution in Japan!

Fast die Hälfte Japans ist schon in der Gewalt der Revolutionäre. Auch auf den kleineren Inseln sind Aufstände ausgebrochen. Stündlich treffen neue rote Luftstreitkräfte ein. Eine regelmäßige Schiffsverbindung mit dem asiati­schen Festland ist hergestellt. Unsere Hilfsmannschaften haben Befehl erhalten, sich am Kampf zu beteiligen. Die größten Schiffseinheiten der japanischen Flotte sind in der Gewalt der Revolutionäre. Vor Nagasaki sind zwei amerikanische leichte Kreuzer, die sich am Kampf gegen die Revo­lution beteiligen wollten, von einem japanischen Geschwader in den Grund gebohrt worden. Ohne das Eingreifen der Amerikaner hätte dieser Kampf wahrscheinlich mit der Niederlage der Aufständischen geendet. Die Amerikaner woll­ten die Stadt vollständig in Brand schießen. Dadurch wurde die Erinnerung an die amerikanischen Grausamkeiten in Australien unter den japanischen Mannschaften wachgerufen. Die roten Matrosen gewannen unter diesen Umstän­den fast kampflos das Übergewicht auf den Schiffen. Ein Teil der Offiziere beteiligte sich sogar am Kampf gegen die Amerikaner.
Auf Anordnung des revolutionären Kriegskomitees soll die Flotte nach Übernahme der Macht sofort für den Kampf gegen die australische Amerikaflotte mobilisiert werden. Wenn Amerika jetzt in den Krieg eingreift, dann ist das Schicksal der amerikanischen Flotte in Australien entschie­den. Zusammen mit unseren sonstigen Streitkräften besitzt die japanische Flotte ein solches Übergewicht, dass am Aus­gang des Kampfes kein Zweifel bestehen kann. Die Entsen­dung von amerikanischer Verstärkung käme in diesem Falle bestimmt zu spät.

 

 

Vorwärts - 25. März 1927

Die Lage in Australien
Geheimfunkspruch

Die Stimmung in der Bevölkerung wird für Amerika immer gefährlicher, obwohl man versucht, die neue Knechtschaft durch außerordentlich hohe Löhne schmackhaft zu machen. Bezeichnenderweise legen die neuen Behörden den Auswan­derern arischer Rasse keinerlei Schwierigkeiten in den Weg. Bisher sind mehr als 600000 weiße Arbeiter ausgewandert.
Fast zwei Millionen weitere Auswanderungsgesuche sind eingereicht und anstandslos genehmigt worden. Es fehlt jedoch an Transportmöglichkeiten. Die Arbeiter gelber und schwarzer Rasse sind dagegen durch die brutale Unterdrüc­kung so eingeschüchtert, dass sie es nicht wagen, Auswanderungsgesuche zu stellen. Man versucht mit allen Mitteln, die „Farbigen" als billige und willfährige Ausbeutungs­objekte im Lande zu behalten. Durch die amerikanische Herrschaft wird also genau das Gegenteil von dem ein­treten, was vorher als Ziel des Eingreifens angegeben wurde. Alle Auswandererberichte stimmen darin überein, dass die einheimische australische Arbeiterschaft so gut wie über­haupt nicht an den Rassenkämpfen teilgenommen hat. Die Amerikaner mussten bereits seit längerer Zeit planmäßig Konterrevolutionäre nach Australien geschickt haben, In der ersten Zeit nach der Überrumpelung, als alle soziali­stischen Depots planmäßig geplündert wurden, ließen sich leider auch einige Australier von dem kapitalistischen Fieber anstecken. Aber der Rausch verflog schnell. Allzu rasch tauchten die Aasgeier auf. Amerikanische Schieber und Spekulanten kauften von der neuen Regierung Häuser, Fabriken und Terrain zu Spottpreisen. Die amerikanischen Ban­ken schickten ihre Agenten. Eine Neugründung, die Amerikanisch-Australische Bank, riss für wenige Millionen un­geheure Ländereien an sich. Bald begannen die Preise zu steigen. Über Nacht wurden Millionen gewonnen. In diesem Stadium wurden auch viele frühere Sozialisten vom Gold­fieber ergriffen. Aber der Katzenjammer folgte. Die neuen Hausbesitzer, die unsere wunderbaren Wohnpaläste für ein Spottgeld gekauft hatten, forderten horrende Mieten. Lang­sam wurde eine kapitalistische Errungenschaft nach der anderen wieder eingeführt. Eine ungeheure Wut hat sich der Bevölkerung bemächtigt, die zusehen muss, wie all un­sere Werte für ein Spottgeld verramscht und Spekulationsobjekte in der Hand von Börsenjobbern wurden.
Die Partei ist aber außerstande, diese Verbitterung zu orga­nisieren. Der offene Terror hat zwar dank dem Druck der S.U. aufgehört; aber wie die Gerichte mit unsern Genossen verfahren, — das ist nichts anderes als kalter Terror. Die Ereignisse in Japan lieferten den Vorwand zu erneuten Mas­senverhaftungen und -erschießungen revolutionärer Japa­ner wegen angeblicher Spionage.

 

 

Vorwärts - 28. März 1927

Japan: Räterepublik!
Amerika fordert Nichteinmischung

Japan ist mit dem heutigen Tage ein Teil der Sozialistischen Union geworden. Der Zentralrat wird der amerikani­schen Regierung mitteilen, dass die Gesetze der Sozialistischen Union von heute nacht 24 Uhr ab in vollem Umfange auch in Japan gelten und dass jeder amerikanische Versuch zur Wiederherstellung der Unterdrückungsherrschaft in Japan den Krieg bedeutet.
Der Flug-, Sport- und Wehrverband hat der neugegründeten japanischen Schwesterorganisation 10000 Flugzeuge geschenkt und wird sofort 10000 Mann Ausbildungspersonal in Japan stationieren. Bis zum Ausbau der japanischen Roten Armee wird ein internationales sozialistisches Hilfs­korps in Stärke von 100000 Mann in Japan stationiert. Der F.S.W. verpflichtet alle seine Mitglieder zur Zahlung einer besonderen Verteidigungsabgabe von 3 Mark pro Mo­nat und beabsichtigt die Auflegung einer Verteidigungs­anleihe.
Die Ausarbeitung eines japanischen Wirtschaftsplans wird sofort in Angriff genommen. Die Emigrantenplankommis­sion der S. U., die auch die japanischen Wirtschaftsverhältnisse studierte, hat bereits wertvollste Vorarbeit in die­ser Richtung geleistet. Sie hat eine große Zahl von Mitarbeitern in die japanische Plankommission delegiert. Den Ehrenvorsitz übernahm Katayama.
Die Belegschaft der Junkerswerke in Dessau hat beschlos­sen, bis zum 1. Juni weiterhin unbezahlte Überstunden zu leisten. Am 1. Mai soll das hunderttausendste Flugzeug in Dessau fertig gestellt werden, das zugleich das millionste Flugzeug des Flug-, Sport- und Wehrverbandes sein wird. Ende dieses Jahres wird auf je 1000 Einwohner der S.U. ein Flugzeug kommen.

 

 

Vorwärts - 11. April 1927

Arbeitsfieber

Alle größeren Betriebe ahmen das Beispiel der Junkerswerke nach und verschärfen das Produktionstempo durch unbezahlte Überstunden und Feiertage. Die Kruppwerke wollen bis zum 1.Mai den zweimillionsten Traktor fertig stellen, die Lenin-Luxemburg-Werke die dreißigtausendste Lokomotive. Überall wird das Tempo beschleunigt. Der Sechsstundentag und die Viertagewoche sind an vielen Orten schon zur Ausnahme geworden und bilden nur noch in den Tropen die Regel, obwohl dort eigentlich die Dreitage­arbeitswoche vorgeschrieben ist. Dieser Arbeitsbereitschaft und diesem Opferwillen ist es vor allen Dingen zuzuschrei­ben, wenn Amerika jetzt plötzlich ganz still geworden ist und sich mit dem Umsturz in Japan abfindet. Wir haben die amerikanischen Kriegsdrohungen nicht für ernst ge­nommen, wir begrüßen aber den Enthusiasmus der brei­ten Massen, die sehr wohl begreifen, dass in der Steigerung unserer Produktivkraft die beste Gewähr für den End­sieg des Sozialismus liegt. Die Tatsache, dass in zwei Erdteilen noch der Kapitalismus besteht, zwingt uns, unsere Produktivkräfte immer weiter zu steigern, obwohl wir nach rein sozialistischen Gesichtspunkten schon längst innehalten und ganz bequem mit der halben Arbeitszeit auskommen könnten. Unsere Produktivkraft ist pro Kopf der Bevölke­rung jetzt schon fast doppelt so groß wie die amerikanische. Unsere Vorräte wachsen immer mehr. Ein immer größerer Teil unserer Arbeit dient der Vermehrung unserer Produk­tivkräfte. Wenn wir mit der gleichen Intensität weiterarbeiten, wird unsere Produktivkraft am Ende des Wirtschafts­krieges der amerikanischen um das Dreifache überlegen sein. Unsere Vorräte werden sich zu Bergen häufen, die wir in Jahren nicht verbrauchen können.
Unsere industrielle Produktion (mit Ausnahme des Ver­kehrswesens und der Elektrizitätserzeugung) könnte lange stilliegen, ohne dass irgendwo ein Mangel einträte. Weshalb arbeiten wir trotzdem in diesem rasenden Tempo weiter? Weil wir nicht ruhen und rasten dürfen, solange nicht das kapitalistische System zusammengebrochen ist! Auch die Amerikaner häufen Vorräte an und erweitern ihre Produk­tivkräfte immer mehr. Aber sie sind außerstande, uns nahe zu kommen, geschweige denn uns einzuholen. Alle Waren sind drüben mit Grundrente, Zins, Profit, Reklame- und Zirkulationsunkosten belastet. Wenn die kapitalistische Wirt­schaft auch noch niemals und in keinem Lande so geblüht hat wie jetzt in Amerika, so findet doch ständig eine wahnsinnige Kapitalvernichtung durch Konkurrenz, Konkurse usw. statt. Und das alles in Zeiten der Hochkonjunktur! Was wird geschehen, wenn die unvermeidliche Krise ein­tritt?

 

 

Vorwärts - 1. November 1927

Erfreuliche Zahlen

Bald wird in Europa die letzte Wohnung, die den Mindestansprüchen nicht genügt, von den bisherigen Inhabern ge­räumt sein. Ein schlechtes Erbe des kapitalistischen Sy­stems ist dann endgültig liquidiert. Zehn weitere Bauregimenter treten am 9. November die Reise nach Asien an. In Europa wird jetzt alle Kraft auf den Bau neuer Halbwochenheime, Ferienheime und Kurhäuser konzentriert. Nach Beendigung des Wirtschaftskrieges soll der Mindesturlaub zwei Monate, der Höchsturlaub (bei Anrechnung von Anleiherückzahlung) sechs Monate betragen. Wenn die Zahl der Ferienheime bis dahin nicht ganz gewaltig vermehrt ist, werden bürokratische Scherereien und gelegentliche Überfüllung kaum zu vermeiden sein.
Das europäische Straßennetz soll im kommenden Jahr um 14000 km verlängert werden.
Endlich beginnt auch die Massenfabrikation von Kleinautomobilen. Im nächsten Jahre sollen erstmalig
1 Million Sechssitzer,
2 Millionen Viersitzer und
4 Millionen Zweisitzer hergestellt werden. Der Preis beträgt voraussichtlich 1000, 800 und 600 Mark. Der Kauf eines Privatautos ist zunächst nur denjenigen Arbeitern gestattet, die noch für mehr als 1000 Mark selbstgezeichnete An­leihepapiere besitzen.
Die Überholung und Reparatur von Kleinautos in sozialisti­schen Werkstätten wird kommunisiert. Für Benzin und Öl sind jedoch die Gestehungskosten zu zahlen. Die Personenbeförderung auf allen Eisenbahnstrecken bis zu 100 km wird ab 1. Januar kommunisiert. Der Flug-, Sport- und Wehrverband hat beschlossen, die Verteidigungsabgabe so lange beizubehalten, bis ein Stand von 700 Luftschiffen, 1500000 Flugzeugen und 1800000 Großkraftwagen erreicht ist. Der F.S.W. zählt jetzt in der ganzen S.U. (einschließlich Japan) 432 Millionen Mit­glieder.

 

 

Vorwärts - 9. November 1927

Katanga
Das Herz der Welt

Millionen deutscher Arbeiter feiern den neunten Jahrestag der deutschen Revolution im Zentrum Afrikas. Die deut­schen Stoßbrigaden und Stoßdivisionen haben im Kongo­gebiet und vor allem in der Provinz Katanga einen großen Sieg errungen. Katanga, das industrielle Herz der Welt, ist beinahe völlig ausgebaut. Fast alle bedeutenden Eisenbahn­linien Afrikas stoßen in dieser wichtigsten Wirtschaftspro­vinz zusammen. Durch die Vollendung des Bahnbaus Groot­fontein—Livingstone ist Katanga auch mit der Walfischbai verbunden. Die Zentralbahn Kapstadt—Livingstone—Stan­leyville—Tripolis verbindet Katanga auf der kürzesten Linie (300 km kürzer als die Nillinie) mit dem Mittelmeer. Die zweite Kontinentalquerverbindung nach der Lobitobay ist seit dem 1. Oktober in Betrieb. Auf der Linie Kongomündung—Albertville am Tanganjikasee sind nur noch 300 km auszubauen, dann ist auch die dritte Transkontinentalbahn fertig gestellt. Die Arbeiten an der Strecke Duala—Jaunde— Bangui—Shambe—Addis Abbeba schreiten gut vorwärts. Bangui wird außerdem durch Anschluss an die Strecke Stanleyville—Mahagi—Pt. Florence—Mombas mit dem In­dischen Ozean verbunden. Mahagi erhält eine direkte Eisenbahnverbindung mit Addis Abbeba. Die Nigerbahn trifft sich am Tsadsee mit der Lagosbahn. Der Verkehr auf der Strecke Tsadsee—El Obeid—Khartum—Ft. Sudan wird am 1. Mai aufgenommen. Von diesem Tage an sind alle wich­tigen Punkte Afrikas vom zentralafrikanischen Bahnhof Katanga aus ohne Umsteigen zu erreichen. Viel wichtiger für die Entwicklung unseres Weltkraftzentrums ist jedoch die Vollendung der drei großen Wasser­wege Sambesi—Kongo—Nil und ihrer Verbindungen. Jetzt erst kann sich die Industrie in Katanga richtig entfalten: dort werden heute die vier größten Werke der Welt eingeweiht; in Elisabethville eine Kupferschmelze und an den drei großen Staustufen oberhalb Bakama eine elektrotechnische, eine Stellitfabrik und eine Fabrik zur Herstellung elektrischer Traktoren. Damit werden selbst die Riesenbetriebe des unteren Kongo in den Schatten gestellt. Am 1. Mai wird jedoch der untere Kongo den Rekord zurückerobern. An diesem Tage wird die große Luftstickstoffabrik eingeweiht, in der 10 Millionen Pferdestärken aus den Wasserkräften des unteren Kongo verwertet werden. Katanga hat jetzt die amerikanische Kupferproduktion übertrof­fen. Im nächsten Jahre wird die Kupfererzeugung 1 Mil­lion Tonnen erreichen. Fast drei Viertel der gesamten Produktion werden in Afrika selbst verwertet. Mehr als 100000 t erreichen über Tanganjikasee—Viktoriasee—Nil das Mittelländische und Schwarze Meer. Die Kupferpro­duktion Katangas wird aber bald von der Stellitfabrika­tion in den Schatten gestellt werden. Leichtmetalle und Stellit verdrängen das Eisen immer mehr aus der afrikani­schen Wirtschaft. Durch den Ausbau des Wasserverkehrs­systems werden die gewaltigen Kobaltlager Katangas mit den Molybdänfundstellen verbunden. Die Hauptgrundlage der Stellitproduktion bilden jedoch die reichen Chromschätze Rhodesiens. Rhodesiens Anteil an der Weltproduktion von Chromerzen betrug schon im Jahre 1924 70%. Seitdem ist die Produktion von 175000 auf 425000 t gesteigert wor­den. In zwei Jahren soll die Million erreicht sein. Noch nie­mals waren für eine neue Produktion so gute Bedingungen vorhanden wie für die Stelliterzeugung und Verwertung in Zentralafrika. Gewaltige Energiemengen, riesige Kobalt- und Chromlager, dazu noch Kohle in geringer Entfernung und verbunden durch billige Transportwege. Und ein fast un­begrenztes Absatzgebiet in nächster Nähe. In der ersten Zeit unseres afrikanischen Aufbaus haben wir große Material­verluste erlitten, da viele Maschinen und Maschinenteile aus gewöhnlichem Eisen oder Stahl hergestellt waren und unter der Einwirkung des tropischen Klimas rasch verwitterten. Die europäische Produktion von Nirostastahl konnte nur etwa die Hälfte des rasch wachsenden afrikanischen Be­darfs decken. Dieser Sorge sind wir nun enthoben. Stellit ist dem Nirostastahl mindestens ebenbürtig. Infolge des Zusammentreffens aller günstigen Produktionsfaktoren sind jedoch unsere Gestehungskosten für Stellit in Zentralafrika nur halb so hoch wie für Nirosta in Europa. Dazu kommt noch die Transportersparnis. Die Diamantenförderung ist in Katanga um 300%, in Süd- und Südwestafrika um 200% gestiegen. Die Gestehungskosten sind auf 15% gegenüber 1913 gesenkt worden, so dass wir jetzt zur in­dustriellen Diamantverwertung in großem Maße übergehen können. Auch hier fallen Förderungs-, Verarbeitungs- und Verwertungsgebiete fast zusammen.
Ein halbes Pfund Radium ist bisher in Katanga ge­wonnen worden. Der Preis für ein Gramm Radium betrug vor dem Kriege 630000 Mark. Wir haben die Gestehungs­kosten jetzt auf 60000 Mark, also auf weniger als ein Zehntel des früheren Verkaufspreises herabgedrückt. Die Uranlagerstätten Katangas sind allerdings viel günstiger ge­legen und viel reichhaltiger als die amerikanischen. Die große Senkung der Gestehungskosten ist jedoch auch zu einem nicht geringen Teile auf unsere überlegenen Metho­den der Gewinnung zurückzuführen.
Die Zinnproduktion Katangas ist in diesem Wirt­schaftsjahr um weitere 100% gestiegen und soll in den nächsten Jahren noch weiter erhöht werden. Die Aus­beutung der großen Gold- und Silberfundstätten wird erst in Angriff genommen, wenn (nach Fertigstellung der gro­ßen Stauwerke) an den Nebenflüssen überschüssige Energie vorhanden ist.
Die afrikanischen Eisenbahnen sind bereits restlos elektrifi­ziert. Die Eisenbahn spielt in Afrika eine viel größere, das Auto dagegen eine geringere Rolle als beispielsweise in Nord­sibirien und in der Mandschurei. Der Elektrobus ist dagegen viel stärker verbreitet als in anderen Teilen der S. U. Maßgebend für diese Entwicklung waren zwei Gründe: die volle Ausnutzung der gewaltigen Energiemengen sowie die Frage der Bequemlichkeit und Hitzebekämpfung. Im tropischen Afrika ist das Autofahren kein ungetrübter Genus. Unsere Eisenbahnen und Elektrobusse sind dagegen mit allem Kom­fort ausgestattet, fast wärmedicht und mit Kühlanlagen versehen.
Die Kanalverbindung Senegal—Niger, die nach dem Generalkriegsplan schon am 1. Juli d. J. hätte fertig sein müssen, ist immer noch nicht hergestellt, weil die neuen nordwestafrikanischen Bewässerungspläne es nötig machten, den Wasserspiegel der Stauseen am oberen Niger und Bakoy um durchschnittlich 30—70m, in einem Falle sogar um 100 m höherzulegen, als ursprünglich vorgesehen. Obwohl die Weit­zementproduktion auch in diesem Jahre wieder um 30% gestiegen ist, konnten für diesen Abschnitt nur ungefähr 10% mehr geliefert werden, denn der Ausbau des wichtigeren zentralafrikanischen Gebiets verschlang riesige Mengen Zement und Beton. Aus demselben Grunde wurden auch die angefangenen Arbeiten an dem Verbindungskanal und der Seenplatte südlich Timbuktu unterbrochen. Die Arbeiten sollen erst nach Ablauf des Wirtschaftskrieges wieder auf­genommen werden. Dieser Kanal, der bei Monti in den oberen Niger einmündet, wird dies Gebiet auf dem kürzesten Wege mit dem Ozean verbinden. Das bedeutet eine Ersparnis von vielen hundert Kilometern Wassertransportweg. Trotz der großen wirtschaftlichen Bedeutung dieses Pro­jektes müssen wir es, vor allem wegen Zementmangels, zu­rückstellen. Die Kanalisierung der Verbindung Benue— Tschadsee ist dagegen fast drei Monate früher beendet wor­den, als im Plan vorgesehen. Auf dieser Strecke haben nicht weniger als acht Stoßbrigaden verschiedener ehemaliger „Nationen" miteinander im sozialistischen Wettbewerb ge­standen. Dieser Wettstreit ist ein Symbol für den sozialisti­schen Wirtschaftskrieg. Dieselben Menschen, die sich auf Befehl ihrer kapitalistischen Herren vor zehn Jahren gegenseitig umbringen sollten, wetteifern jetzt mit friedlichen Mitteln und fördern dadurch den sozialistischen Aufbau.

 

 

Vorwärts - 4. August 1928

Amerikanische Zumutungen

Der amerikanische Außenminister übergab dem Botschafter der S. U. in Washington gestern zwei Noten. In der ersten wird nicht mehr und nicht weniger als ein Auflösungsbefehl der Internationale an ihre illegalen Sek­tionen in den Vereinigten Staaten gefordert. Die zweite Note beschäftigt sich mit den amerikanischen Plankomitees. Diese aus „ehemals in den Vereinigten Staa­ten ansässigen Elementen" gebildeten Komitees seien der eigentliche Kopf jener staatsfeindlichen „anarchistischen" (!) Sektionen der Internationale, die den „amerikanischen Wirt­schaftsfrieden unterwühlen und insgeheim den bewaffneten Umsturz organisieren".
Die amerikanische Regierung verlangt Verbot und Auflösung dieser Plankomitees.
Unser Botschafter gab sofort die Erklärung ab, dass er es ablehne, die Note betr. die illegalen Sektionen der Internationale weiterzuleiten, da die Internationale keine Einrichtung der S.U. sei.
Mit der zweiten Note wird sich der Zentralrat der S.U. in seiner nächsten Plenarsitzung beschäftigen.

 

 

Vorwärts - 12. August 1928

Unsere Antwort an Amerika

Amerikas Forderung, die amerikanischen Plankomitees aufzulösen, wurde abgelehnt.
Die Antwortnote betont, dass alle Mitglieder der amerikanischen Wirtschaftsräte in unserem Bundesgebiet ebenso ar­beiten wie alle anderen Werktätigen. Sie beschäftigen sich in ihrer Freizeit damit, die amerikanische Wirtschaft, die amerikanische Produktionskapazität usw. zu studieren. Sie stellen keine Umsturzpläne für Amerika auf, sondern sind der festen Überzeugung, dass der Kapitalismus auch in Amerika bald nicht mehr existenzfähig sein wird. Die amerikanischen Plankommissionen haben sich lediglich das Ziel gestellt, für den Augenblick, in dem Amerika sich der S. U. anschließt, alles vorzubereiten, damit sich die so­zialistische Umgestaltung der amerikanischen Wirtschaft und ihre Einordnung in die Weltplanwirtschaft möglichst reibungslos vollziehen kann.
Der Zentralrat sehe keinerlei Veranlassung, den amerikani­schen Einwanderern in den Arm zu fallen, wenn sie versuchen, schon heute die Richtlinien festzulegen, nach denen ein so­zialistisches Amerika zu leiten sei. Diese Praxis habe sich in Japan sehr gut bewährt. Die sozialistische Wirtschaft Ja­pans würde heute sicher nicht so gut funktionieren, wenn die japanische Emigration nicht schon jahrelang vorgearbeitet hätte.

 

 

Vorwärts - 23. September 1928

Amerika nimmt alles ab!

Die Amerikaner wollen plötzlich den ganzen Rest der Anleihesumme sofort zurück haben. Sie haben Milliardenbe­stellungen aufgegeben, die in Maschinen, Rohstoffen, Halbfertigfabrikaten und sogar in Automobilen, Traktoren, Flugzeugen usw. geliefert werden sollen. Außerdem wünschen sie Schiffe mit einem Gesamtraumgehalt von 3 Millionen Bruttoregistertonnen. Die Erschließung Südamerikas soll noch weiter verstärkt und beschleunigt werden. Zehn neue Erdwärmefabriken werden in Angriff genommen. Ein Zehntel der Lieferungen kann noch vor Ablauf dieses Jahres ohne Beeinträchtigung der Produktionspläne gelie­fert werden. Die geplanten Generalferien nach Schluss des Wirtschaftskrieges lassen sich leider nicht durchführen. Wir müssen noch einige Zeit mit der jetzigen Intensität weiter arbeiten. Aus Gewerkschaftskreisen ist folgender Antrag zur beschleunigten Ausführung des Lieferungsprogramms für Amerika eingebracht worden:
„Bis Ende März sollen alle Arbeiter in der gemäßigten Zone unter Beibehaltung der jetzigen Arbeitswoche (4 Ar­beits-, 2 Ruhetage) täglich 8 statt 6 Stunden arbeiten. Der Übergang zur neuen Arbeitswoche (3 Arbeits- und 3 Ruhe­tage) erfolgt erst am 1. Juli 1929. Dieses Programm macht es möglich, die ganzen Lieferungen an Amerika ohne Störung des Ausgleichsprogramms bis zum Ende des nächsten Halbjahres auszuführen."

 

 

Vorwärts - 1. Oktober 1928

Das Ausgleichsprogramm

Im Jahre 1929 sollen alle Lücken ausgefüllt werden, die der Wirtschaftskrieg noch gelassen hat. Das Jahr 1930 soll das erste nahezu statische Jahr unserer Wirtschaft werden. Die Produktion wird nicht mehr weiter ausgedehnt. Im Gegenteil! Tausende von Betrieben werden stillgelegt, dar­unter 10% aller Gruben. Die Ausnutzung der Weltwasserkräfte nähert sich Ende nächsten Jahres der theoretischen Höchstgrenze bis auf 21%. Für den Ausbau der kleineren Nebenflüsse zweiten und dritter Ordnung sind 3 Milliarden Mark vorgesehen, für den Ausbau aller Werke, welche das Hochwasser bisher nicht restlos ausnutzen konnten, 1 Mil­liarde und für die Ausnutzung geringer Gefälle bei größe­ren Flüssen in ebenem Gelände 6 Milliarden Mark. Für Tiefschachtanlagen werden 10 Milliarden Mark ausge­worfen. Weitere 10 Milliarden Mark werden für Wüstenbe­kämpfung und Aufforstungen ausgesetzt. Die letzten Lücken im transasiatischen Kanalsystem werden geschlossen. Die Tiefschachtanlagen an den beiden Ecken der arabischen Halbinsel werden im nächsten Jahre bis auf 9000 m Tiefe hinabgetrieben. Am 1. August wird der Damm vollendet, der das Rote Meer vom Indischen Ozean abschließt. Das Rote Meer, das fast gar keine Zuflüsse hat, ist ein ideales Verdunstungsmeer. Der Spiegel soll im Laufe der Zeit um 150 m gesenkt werden, so dass noch eine natürliche Fahrrinne bleibt. Die Schleusenwasserverluste des Suezkanals werden später durch Nilwasser ausgeglichen.

 

 

Vorwärts - 17. Oktober 1928

Die Autofabrik „Kongo"

Das Automobilstraßennetz der S.U. verlängert sich 1929 um 60000 km. Die Serienproduktion von Kleinautomobilen wird ausgedehnt auf
1,6 Millionen Sechssitzer,
4 Millionen Viersitzer und
9 Millionen Zweisitzer.
Der Preis sinkt auf 800, 600 und 400 Mark. Außerdem werden erstmalig 500000 Viersitzer mit vollkommener Campausrüstung geliefert; mit Anbauzelt, Schlaf- und Kochgelegenheit und allem denkbaren Komfort ausgerüstet, sollen sie den Reisenden von allen Unterkunftsmöglichkeiten unabhängig machen (Preis komplett 900 Mark). Die Zwei­sitzer werden alle von der neuen Autofabrik „Kongo" ge­liefert. Diese Fabrik ist wohl vorläufig das letzte Wort der Technik. Die Fordwerke, auf die Amerika eine Zeitlang mit Recht stolz war, sind eine mittelalterliche Bruchbude im Vergleich zu unserm neuen Kongowerk. Die Lage ist aller­dings unvergleichlich günstiger. Der Kongo, an dessen Ufer sie sich 5o km weit hinzieht, liefert die Energie, bringt Einzelteile, Stellit, Kupfer, Aluminium, Kautschuk, Glas und alle sonstigen Materialien herbei und nimmt die ferti­gen Automobile zur Verfrachtung auf. Der Arbeitsprozess; ist so weitgehend automatisiert, dass die Arbeiter fast nur noch Kontrollfunktionen ausüben. Jeder Arbeitsvorgang wird von zwei Personen beobachtet. Wenn alles klappt, kann es vorkommen, dass die Aufsichtspersonen, die ständig die Hand am Ausrückhebel haben, stundenlang nicht in Funk­tion treten. Sobald jedoch eine Hemmung eintritt, ändert sich das Bild vollständig. Durch einen Hebeldruck wird das in Arbeit befindliche und das nächstfolgende Stück aus dem Produktionsgang herausgenommen. Das übernächste Stück wird bereits auf den ersten oder zweiten Reservestrang ge­leitet, wo ein Aufseher den weiteren Arbeitsprozess über­wacht, während der andere die automatisch herbeigerufene Reparaturkolonne benachrichtigt. Die Fabrik hat ihre Ar­beit vorläufig mit einem Fünftel der Normalgeschwindigkeit aufgenommen. Im nächsten Jahre wird die Geschwindig­keit auf ein Viertel, ein Halb und schließlich auf zwei Drittel der Normalgeschwindigkeit gesteigert. Die Höchst­geschwindigkeit soll im Jahre 1930 erreicht werden. Jede Sekunde wird dann ein Auto die Fabrik verlassen. Wenn man den Ausfall durch Störungen mit 1:30 in An­satz bringt, wird also die Jahresproduktion 1930 ungefähr 30 Millionen Stück betragen. Die Arbeitszeit beträgt vier Stunden täglich, also jährlich 360 Stunden (Halbarbeits­woche, Halbjahresurlaub). Da pro Schicht 10000 Arbeiter beschäftigt werden, sind zur Aufrechterhaltung der un­unterbrochenen Produktion insgesamt 2 40000 Arbeiter notwendig, dazu etwa 10000 Ingenieure, Techniker und Verwaltungsfachleute.
Die Gestehungskosten pro Auto werden 1930 etwa 200 Mark betragen, der Wert der Gesamtproduktion also 6 Mil­liarden Mark. Davon entfallen 5oo Millionen Mark auf Personalkosten. Dieselbe Summe ist an den Anleiherück­zahlungsfonds und an die Zentralpensionskasse abzuführen. Alle Arbeiter und Angestellten erhalten nur noch einen In­dividuallohn bzw. ein Taschengeld von jährlich 720 Mark, das sie aber in den meisten Fällen kaum verbrauchen kön­nen. Wohnung, Wäsche, Ernährung, Bekleidung und kul­turelle Bedürfnisse sind restlos kommunisiert. Der Bedarf wird zum größten Teil aus den Eigenbetrieben des Kongotrusts gedeckt, mit Ausnahme des Fleisches, das aus Südafrika importiert wird und frei Kongomündung 20 Pf. das Pfund kostet. Brot aus den zentralafrikanischen Brotfabriken kostet den Trust 3 Pfg.. ein Ei 2 Pfg. Obwohl alles im Überfluss vorhanden ist, sind für die Versorgung der 125000 Arbeiter, die sich in den Wohnpalästen und Halbwochenheimen in der Nähe der Fabrik aufhalten, nur noch 50 Millionen Mark erforderlich. 70 Millionen Mark werden dagegen für die anderen 125000 Arbeiter ausgeworfen, die ihren halbjährigen Urlaub in den Ferien-, Kur- und Erholungsheimen des Kongotrusts verbringen. Diese Heime sind auf der ganzen Welt verstreut. Die meisten liegen in Skandinavien, am Mittelmeer, in der Schweiz, am Kauka­sus, in der Krim und auf den Südseeinseln. Für Versorgung und Instandhaltung der Heime und Wohnpaläste sind
100 Millionen Mark in Ansatz gebracht. Weitere 100 Mil­lionen Mark werden an den Weltverkehrstrust gezahlt. Der gewährt dafür allen Arbeitern des Kongotrusts freie Fahrt auf allen Verkehrslinien der S.U. Dasselbe Prinzip wird auch in allen anderen afrikanischen Betrieben eingeführt.

 

 

Vorwärts - 2. November 1928

Das Tote Meer verschwunden

Die Trockenlegung des Toten Meeres wurde am 1. November beendet. Die Annahme, dass sich auf dem Boden des Toten Meeres gewaltige Ablagerungen befinden, hat sich bestätigt. Sie sind sogar viel ergiebiger, als angenommen wurde. Es ist deshalb beschlossen worden, den ganzen Meeresgrund noch um 57 m abzubauen (850 m unter dem Meeresspiegel). In dieser Tiefe werden 2 Milliarden Quadratmeter Verdunstungspfannen eingerichtet, auf denen unter Ausnutzung der vorhandenen Verdunstungs- und Sonnenkraftmaschinen 10000 cbm Wasser aus dem Mit­telländischen Meer in der Sekunde verdunstet werden sol­len. Die Niederschläge des Dampfes werden den großen nordarabischen Bewässerungsfeldern zugeleitet. Das Kraftwerk wird zunächst 68 Millionen Kilowatt liefern. Es wird jedoch gleich für eine Leistung von 200 Millionen Kilowatt ausgebaut und genügt dann für die Ausnutzung der Wassermengen, die in den ersten Jahren von den Tief­schachtanlagen verschlungen werden.
Infolge der Austrocknung des Toten Meeres ist der Bedarf der Menschheit an verschiedenen wichtigen Chemikalien für mehr als 100 Jahre gedeckt.

 

 

Vorwärts - 30. April 1929

Endziel in Sicht!

Wir nähern uns dem Zeitpunkt, in dem der Übergang zum Vollsozialismus spruchreif wird.
Die Schwierigkeiten, die durch die Abtrennung Australiens entstanden, dürfen als überwunden gelten. Die Kapita­listen haben sich gründlich verrechnet. Nach dem Raub Australiens waren die größten landwirtschaftlichen Überschussgebiete der Erde mit relativ geringer Bevölkerungs­dichte im kapitalistischen Rahmen vereinigt. Die amerikanischen Nachbeter von Malthus glaubten ganz ernsthaft, dass wir bei dem rapiden Bevölkerungszuwachs in der S. U. bald die Grenze des Nahrungsmittelspielraums erreichen würden und dann auf die Gnade der Kapitalisten angewiesen wären. Aber wir haben aus den Rückschlägen gelernt; jetzt verfügen wir über einen großen Nahrungsmittelüberschuss, der sich noch in diesem Jahre wesentlich vergrößern wird. Wir sind von der australisch-argentinisch-amerikanischen Einfuhr unabhängig und können bald zur restlosen Kommunisierung aller Nahrungsmittel (bis auf einige Luxus­speisen) übergehen. Die letzten Ausnahmen von der kom­munisierten Wohnungswirtschaft werden morgen aufgehoben. Bald wird auch der letzte Winkel der S.U. mit sozia­listischen Waschanstalten ausgestattet sein. Die Güte der kommunisierten Bekleidungsgegenstände ist im letzten Jahr so sehr verbessert worden, dass kein nennenswerter Bedarf nach Luxuskleidung mehr besteht. Mit Rücksicht auf die japanische Wirtschaftsstruktur haben wir bisher an dem Verkauf von Seidenwaren zu verhältnismäßig hohen Prei­sen festgehalten. Dieser Notwendigkeit sind wir jetzt ent­hoben durch die vollendete Rekonstruktion der japanischen Industrie, durch die Verbesserung und Erweiterung unserer Kunstseiden-, Holzfaser- und Edelpapierindustrie sowie durch die neuen Seidenmischverfahren, die es uns gestatten, fast alle leichten Bekleidungsgegenstände in seidenähnlicher Qualität herzustellen. Vom 1. Januar 1930 ab sind Pelz­waren die einzige nicht kommunisierte Kleidung. Die restlose Kommunisierung des Verkehrswesens ist lei­der immer noch nicht möglich. Die vorplanmäßige allge­meine Einführung der paritätischen Arbeits- und Ruhewoche hat eine über Erwarten große Steigerung des Fern­verkehrs gezeitigt. Bei einer völligen Kommunisierung wäre eine weitere Zunahme zu befürchten, so dass bald die Grenze unserer Leistungsfähigkeit erreicht würde. Eine wesentliche Vergrößerung unseres Eisenbahnparks und Verlängerung des Schienennetzes wird jedoch im Hinblick auf in Aus­sicht stehende Verkehrsumwälzungen nicht mehr vorgenommen. Trotzdem wird am 1. August der hauptamtliche Bahnkontrollapparat fast restlos abgebaut. Von diesem Tage ab gibt es keine Kontrolleure, Fahrkarten und Schalter mehr. Der Nahverkehr wird gänzlich kommunisiert, der Fernver­kehr bis zur Gesamtlänge von 10000 km jährlich. Jeder Werktätige erhält zum 1. August einen neuen Personalaus­weis mit Fahrscheinbogen. Auf allen Fernbahnhöfen stehen Automaten, welche in die Fahrscheinbogen Ort, Datum und Zeit der Abfahrt und Ankunft lochen, die Kontrolle erfolgt durch Stichproben, Verrechnung vierteljährlich durch den Klub. Missbrauch wird als schwerer Betrug bestraft. Die Individuallöhne werden morgen, am 1. Juli und am 1. Dezember um je 10% gesenkt. Die gekürzten Be­träge sind an die Verrechnungsstellen der Kommunisierungskasse abzuführen.
Die Kommunisierung des Postverkehrs (wird wahrscheinlich am 1. September durchgeführt. Sie soll sich jedoch nur auf die gewöhnlichen Postsendungen erstrecken. Telegrammgebühren bleiben vorläufig bestehen, sie werden aber um 30% gesenkt.

 

 

Vorwärts - 5. Mai 1929

Drohende Überbevölkerung?

In der amerikanischen Presse wird immer wieder das Gespenst einer Übervölkerung der Welt an die Wand ge­malt. Auch in unseren eigenen Reihen sind angesichts des rapiden Bevölkerungszuwachses mehrmals Befürchtungen laut geworden. Allein der asiatische Geburtenüberschuss beträgt jetzt jährlich rund 20 Millionen. Als Folge verbes­serter Lebenshaltung, kürzerer Arbeitszeit und zunehmen­der Hygiene wird sich das durchschnittliche Lebensalter der Asiaten seit 1918 wahrscheinlich bald verdoppelt ha­ben. Wir müssen also mit einer weiteren starken Bevölke­rungszunahme in den nächsten Jahrzehnten rechnen. Trotz­dem besteht keinerlei Anlass zu Befürchtungen. Einer Verdoppelung, ja sogar einer Verdreifachung unserer Bevölkerungszahl können wir mit Ruhe entgegensehen, denn unsere Nahrungsmittelreserven würden dadurch nicht erschöpft. Viele hundert Millionen Hektar Land in Afrika und in den zentralasiatischen Tiefebenen können noch bewässert werden. Die arktischen Gebiete und die asiatischen Gebirge und Hochebenen werden immer besser durch Forstwirtschaft und Viehzucht ausgenützt. Die Verfahren zur Aufschließung des Holzes werden ständig verbessert. Bald können wir das Holz zu tierischer Nahrung verarbeiten. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, könnten wir durch Ausnutzung unserer Wälder für veredelte Holzfaserproduktion große Landstrecken, die jetzt mit Gespinstpflanzen bebaut werden, dem Ackerbau erschließen. Die Intensivierung der Landwirtschaft hat noch ungeahnte Perspektiven. Die Kunstdüngervorräte, die wir allein aus den Chemikalien des toten Meeres gewonnen haben, genügen für mehr als hundert Jahre, ganz abgesehen von den neuerschlossenen asiatischen Reichtümern an Chemikalien und von den Fortschritten der synthetischen Nahrungsmittelchemie. Die Reichtümer unserer Meere werden erst zu einem ganz ge­ringen Teil ausgenutzt. Wir erinnern nur an die ungeheuren Planktonmassen des Saragossameeres, die noch der Er­schließung harren. Und von der Sonnenenergie, die unse­rem Erdball zuströmt, wird auch erst ein verschwindender Bruchteil rationell verwertet.
Wir stehen also auf fast allen Gebieten noch am Anfang! Ist nun eine ständige starke Bevölkerungsvermehrung wün­schenswert oder gar notwendig? Viele Genossen sind der An­sicht, dass wir das stärkste Interesse an einer raschen Bevölke­rungszunahme der S.U. haben, um dadurch unser numeri­sches Übergewicht gegenüber dem kapitalistischen Sektor der Welt zu vergrößern. Andere empfehlen wieder eine starke Geburteneinschränkung.
Wir haben bereits gezeigt, dass eine Übervölkerung nicht zu befürchten ist. Die malthusianischen und neomalthusia­nischen Lehren waren nichts weiter als ein Versuch, das vom kapitalistischen System verursachte Elend auf die angeblich zu starke Bevölkerungsvermehrung zurückzufüh­ren. Der Nahrungsmittelspielraum pro Kopf der Bevölkerung ist in den kapitalistischen Ländern mindestens drei­mal so groß wie in der S. U. Trotzdem gibt es dort Arbeitslosigkeit, Not und Elend. Erscheinungen, die wir nicht mehr kennen. Warum? Weil die Reservearmee ein notwendiger Bestandteil des kapitalistischen Systems ist. Weil der Kapi­talismus auch unter günstigsten Verhältnissen außerstande ist, die Aufgaben zu erfüllen, die unter einem vernünftigen Wirtschaftssystem mit Leichtigkeit gelöst werden. So wenig Anlass wir aber auch haben, uns vor einer Überbevölkerung zu fürchten, ebenso wenig besteht Anlass, einer allzu starken Bevölkerungsvermehrung das Wort zu reden. Unsere Wirtschaftsführung strebt dem Ziele zu, möglichst nur erstklassige Böden in tropischen und subtropischen Gebieten intensiv zu bewirtschaften, um in der kalten und gemäßigten Zone immer mehr zur extensiven Wirtschaft übergehen zu können. Hierdurch wird der größtmögliche Ertrag mit dem geringsten Aufwand erzielt. Eine allzu starke Bevölkerungsvermehrung würde aber dieser Tendenz entgegenwirken und uns zwingen, auch zweit- und drittklas­sige Böden intensiv zu bewirtschaften. Daher ist es auch durchaus nicht gleichgültig, an welchem Zeitpunkt Australien zurückgewonnen und Amerika in den Rahmen der sozialistischen Union eingegliedert wird. Die Einbeziehung bzw. Wiedereingliederung der riesigen Land­striche Argentiniens, Brasiliens und Australiens in die so­zialistische Weltplanwirtschaft wird uns dem Endziel näher bringen und eine erhebliche Steigerung der Durchschnittsproduktivität zur Folge haben. Die Welt hat Platz genug für alle Menschen, heute und in Zukunft. Aber sie ist zu eng geworden für den raubgierigen Kapitalismus. Die Stunde des Endkampfes rückt näher. Schon machen sich Anzeichen einer großen Krise in den kapitalistischen Län­dern bemerkbar. Bald wird die Sterbeglocke des Kapitalis­mus läuten.

 

 

Vorwärts - 23. Juni 1929

Verschärfte Krise des Kapitalismus

Die Krise in den kapitalistischen Ländern verschärft sich zusehends. Die letzte Note der amerikanischen Regierung stellt eine offene Bankerotterklärung dar. Im vorigen Jahre kündigte Amerika pomphaft große Bestellungen an, zwecks Liquidierung unserer Anleihen. Der größte Teil der Be­stellungen wurde aber immer und immer wieder verzögert, bis endlich angesichts der zunehmenden Arbeitslosigkeit und Absatzstockung in Amerika alle weiteren Bestellungen inhibiert wurden. In der Note vom 19. Juni macht die Regierung der U. S. A. nochmals das Angebot, die Anleiheschuld zu annullieren gegen eine formelle Anerkennung Australiens als eines inte­grierenden Bestandteils der „Vereinigten Staaten von Amerika und Australien". Die amerikanische Regierung will sogar darüber hinaus eine Entschädigung für das konfis­zierte sozialistische Eigentum in Australien leisten. Der Bot­schafter hat bei Überreichung der Note durchblicken lassen, dass Amerika bereit sei, bis zu fünf Milliarden Dollar für die offizielle Verzichterklärung zu zahlen, wenn die S.U. sich verpflichte, diese Summen in Form von australisch-amerikanischen Landeserzeugnissen abzunehmen und gleichzeitig einen langfristigen Handelsvertrag abzuschließen. Wenn wir aber in der australischen Frage nicht nachgeben, will die amerikanische Regierung trotz katastrophaler Stei­gerung der Arbeitslosigkeit in kürzester Frist alle Lieferungen abrufen.

Die Note des Zentralrats
Die S.U. lehnt es ab, Schacher mit Land und Menschen zu treiben. Australien ist und bleibt ein rechtmäßiger Bestand­teil der Sozialistischen Union. Bis heute gibt es in Australien keine Volksvertretung, die Bevölkerung Australiens hat niemals durch eigene freie Willenskundgebung ihren Anschluss an die Vereinigten Staaten von Amerika gut­heißen. Die Beamten der angeblichen australischen Regie­rung sind Usurpatoren und Verbrecher. Wir fordern alle Einwohner des australischen Festlandes auf, den Weisun­gen dieser Verbrecher auf keinen Fall Folge zu leisten. Nach Widerübernahme der Macht in Australien wird die S. U. alle Personen rücksichtslos zur Verantwortung ziehen, welche der kapitalistischen Gewaltherrschaft aktiv oder pas­siv Vorschub geleistet oder Land und Produktionsmittel käuflich erworben haben.

 

 

Vorwärts - 3. Juli 1929

Sturmzeichen!

Den größten Umfang hat die kapitalistische Wirtschaftskrise in Argentinien angenommen. Die Fleisch- und Getreidevorräte häufen sich zu Bergen, obwohl der Getreide­pool schon mehrmals größere Mengen Nahrungsmittel vernichten ließ. In Australien sind die unabsetzbaren Vorräte noch größer. Die Auswirkungen waren aber bis vor kurzem nicht so krass. Durch die gemeinsame Stützungsaktion der amerikanischen Regierung und der Banken ist es eine Zeit lang gelungen, die kapitalistische Wirtschaft Australiens vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Aber die Kata­strophe ist nicht mehr aufzuhalten.
Der 1. Juli sollte ein Freudentag Australiens werden. An diesem Tage wurde mit riesigem Pomp die Einweihung des großen Nord-Südkanals gefeiert. In allen kapitalistischen Blättern wurde die schnelle Beendigung des Kanalbaus als eine Großtat amerikanischer Technik gefeiert. Die Zeitun­gen weisen darauf hin, dass wir in unserem sozialistischen Generalwirtschaftsplan in der Fassung vom Jahre 1925 die Fertigstellung des Kanals erst für das Jahr 1931 vorgesehen hatten.
Wie sehr berechtigt unsere vorsichtigen Schätzungen waren, zeigen die ungeheuren Schwierigkeiten, die beim Bau des Kanals aufgetreten sind und deren schnelle Überwindung von der kapitalistischen Presse so überschwänglich gefeiert wird. Der Kanal, der den Carpentariagolf über den Eyre- und Torressee mit der Spencerbucht verbindet, sollte den Schlussstein des australischen Bewässerungssystems bil­den. Er geht zum größten Teil durch Wüste und völlig ödes Land. Große Strecken porösen Bodens mussten überwunden werden. Auf einer Strecke von vielen Kilometern sind Sohle und Kanalwände vollständig betoniert. Neun gewal­tige Staubecken wurden angelegt, um eine dauernde Wasserversorgung auch in Zeiten lang anhaltender Dürre zu gewährleisten.
Wir sind weit davon entfernt, die Bedeutung dieses Baues, den wir selbst begonnen haben, zu unterschätzen. Die amerikanischen Zeitungen behaupten nun aber, dass der Bau ein Beweis für die Überlegenheit der kapitalistischen Kultur und Technik sei. Wie steht es damit? Die kostspieligen Untersuchungen, Vermessungs- und Plan­arbeiten waren bereits vor der Konterrevolution durchge­führt, auch Spezialfabriken, Transportanlagen, Wohnhäu­ser und Baracken bereits errichtet. Die Erdbewegungen, die nach dem Voranschlag bis zum 15. Oktober 1925 bis zu 12% durchgeführt sein sollten, waren jedoch im Rückstand. Das Bankenkonsortium, das insgeheim den ganzen Umsturz in Australien finanzierte, hat als Dank die ganzen Anlagen für ein Spottgeld von der amerikanischen Regierung erhal­len. Ein 200 km breiter Landstreifen beiderseits des Kanals ging in den Besitz der Gesellschaft über. Dazu wurden von der amerikanischen Regierung offiziell und geheim staatliche Subventionen gewährt, die mindestens das Drei - bis Vierfache der Kaufsumme von 100 Millionen Dollars betragen dürften. Die Millionenarmee der kleinen amerikanischen Sparer hat Riesensummen zur Finanzierung des Kanalbaus aufgebracht. Die ausgedehnten Landstriche, die durch Bewässerung erschlossen wurden, bildeten ein Speku­lationsobjekt von größtem Ausmaß.
Jetzt ist das gewaltige Werk beendet. Wenn Australien heute noch sozialistisch wäre, dann wären wir wieder einen großen Schritt weiter gekommen. In kapitalistischen Hän­den aber muss alles, was der Menschheit zum Segen gereichen könnte, zum Fluch werden.
Während in Australien noch große Reden geschwungen wurden, setzte in der Wall Street schon der Kladderadatsch
ein. Bei Eröffnung der Börse zeigten sich Sturmzeichen. Dann wurde die Börse auf 3 Tage geschlossen. Die Schließung der Börse, die dreitägige Ruhe an allen Schulen und öffentlichen Anstalten ist angeblich nur erfolgt, damit das ganze amerikanische Volk Zeit hat, sich an den Jubelfeiern zu beteiligen. Überall werden optimistische Reden gehalten, überall flattert das Sternenbanner, überall wird von „prosperity" gesprochen. Aber hinter dieser glänzenden Fassade verbirgt sich ein riesengroßer Katzenjammer. Das kunstvolle Gebäude der amerikanischen Bankenwelt steht vor dem Zusammenbruch. Wenn die neuerschlossenen Rie­senländereien in Kultur genommen werden, dann ist der vollständige Ruin der amerikanischen Farmerschaft nicht mehr aufzuhalten.
Drei amerikanische Finanzgruppen bekämpfen sich mit erbitterter Hartnäckigkeit. Wenn Wall Street darüber ab­stimmen könnte, — die australischen Berieselungsanlagen würden sofort stillgelegt. Die neuerschlossenen Gebiete würden niemals vom Pfluge berührt. Australien würde wieder zur Einöde. Die an der Erschließung Australiens interessierte austral-amerikanische Gruppe würde bestimmt in der Minderheit bleiben. Aber sie findet in der Regierung eine Stütze, da eine Stilllegung der großen Unternehmungen un­zweifelhaft eine neue australische Revolution auslösen
würde.
Aber auch die Mehrheit der Bankgewaltigen ist unter sich uneinig. Eine mächtige Finanzgruppe ist zwar für die Abdrosselung der australischen Produktion, aber gegen neue Zollerhöhungen und Einfuhrverbote.
Diese Gruppe besitzt starke Interessen in Argentinien, für dessen Landwirtschaft die geplanten amerikanischen Schutz­maßnahmen den Todesstreich bedeuten. Die dritte Gruppe, die vornehmlich den ländlichen Kredit finanziert, riskiert Kopf und Kragen, wenn es nicht ge­lingt, die drohende Katastrophe von der amerikanischen Landwirtschaft fernzuhalten. Infolge der riesenhaften Aus­dehnung des amerikanischen Abzahlungsgeschäfts sind aber auch alle anderen Banken in mehr oder minder starkem Maße am inländischen Kreditgeschäft beteiligt. Kompliziert werden diese Fehden noch durch die gemeinsame Beteiligung aller Banken an der Amazonas-A.-G. Der Zusammen­bruch der australischen Kurse würde auch die Amazonas-Aktien mit in den Abgrund reißen, und alle anderen Werte müssten folgen.
Die kapitalistische Götterdämmerung naht. Ein Gewitter steht drohend am Himmel. Wen wird der Hauptschlag treffen? Das ist die Frage, um die jetzt hinter den Kulissen gerungen wird.
Die Arbeitslosigkeit lähmt bereits das Leben in den ameri­kanischen Städten. Lohnkürzungen und Lohnunterbietun­gen sind an der Tagesordnung. Preisabbau auf der ganzen Linie soll folgen. So hofft man die Absatzkrise zu überwinden. Aber was wird wirklich geschehen? Bald sind Mil­lionen nicht mehr imstande, ihre Abzahlungsraten und Mie­ten zu zahlen. Der Farmer schuftet und schwitzt, um dem Untergang zu entgehen. Die Schlinge des Kapitals legt sich immer fester um seinen Hals. Einen Nachbarn nach dem anderen sieht er zusammenbrechen. Die Schulden werden immer höher. Wenn auch der Diskontsatz an der Börse heruntergeht: dem Farmer im Hinterland nützt es nichts, seine Schuldknechtschaft wird dadurch nicht verringert. Wer nicht im Konkurrenzkampf unterliegen will, muss im­mer neue, immer bessere Maschinen anschaffen. Und neue Maschinen kosten Geld. Die Wirtschaft wirft nichts mehr ab. Also nochmals zur Bank. Je höher die Schuldenlast, um so höher der Zinsfuß. Die Banken lassen sich ja auch das Risiko diskontieren. Immer schwebt das Damoklesschwert des Bankerotts über dem Farmer. Zur Konkurrenzbank kann er nicht gehen, denn „seine" Bank hat es in der Hand, ihm jeden Tag das Genick zu brechen.
Auch in Süd- und Mittelamerika kriselt es überall. Banden­kriege und Generalsinsurrektionen sind an der Tagesordnung. Selbst Angehörige der begüterten Kreise kokettieren mit der antiimperialistischen Bewegung. Die Machenschaften an der New Yorker Börse entscheiden über Tod und Leben der Südamerikaner. Wenn heute ein Aktienpaket in der Wall Street den Besitzer wechselt, dann wird morgen viel­leicht eine neue Kupfergrube in Bolivien stillgelegt. Wenn zwei Banken sich in New York befehden, dann knallt es in Peru oder Paraguay. Wenn eine Baissespekulation fehl­zuschlagen droht, dann helfen Maschinengewehrschüsse in Asuncion nach. Was bedeuten die paar Millionen, die eine südamerikanische Revolution kostet gegen die großen Kurs­gewinne, die derjenige erzielen kann, der rechtzeitig im Bilde ist.
„Los von U. S. A.!" das ist der Ruf, der immer ertönt, wenn ein neues Revolutiönchen begonnen wird. Aber das Ergeb­nis ist immer wieder dasselbe. Eine neue Junte kommt ans Ruder, und dahinter steckt wieder eine amerikanische Ban­kengruppe. Es gibt allerdings auch bürgerliche Kreise, die diese Parolen ernst nehmen und ernsthaft bestrebt sind, sich von der Hörigkeit der New Yorker Börse zu befreien. Aber dazu ist es zu spät. Unter der Oberfläche glimmt überall der Funke der wirklichen, der proletarischen Revo­lution. Eine Rebellion in Nikaragua löst an der Börse schon andere Gefühle aus als eine Insurrektion in Cuba. Aber Nikaragua ist klein, und die amerikanischen Bombengeschwader fliegen schnell. Mexiko mit seinem größeren Pro­letariat ist schon bedenklicher. Aber wirklich gefährlich wird dem amerikanischen Imperialismus erst die heranreifende Revolution in den ABC-Staaten werden. Wenn der drohende Blitz von der amerikanischen Börse etwa nach Argentinien abgelenkt werden sollte, dann gibt es dort eine ernsthafte Revolution. Das argentinische Proletariat hat eine Tradition. Die illegale Arbeit unserer Parteigenossen ist nicht vergeblich gewesen. Ein Funke genügt, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Schon morgen nach Wiedereröffnung der Börse wird sich zeigen, ob es gelungen ist, einen Blitzableiter zu finden. Eins aber ist heute schon sicher: die ganz Großen haben ihr Schäfchen rechtzeitig ins Trockene gebracht, hunderttau­send kleine Aktienbesitzer dagegen werden zu Bettlern. Hunderttausend Farmer müssen die Scholle verlassen. Wei­tere Millionen von Arbeitern werden auf die Straße gewor­fen. Ferner kann heute schon mit Bestimmtheit gesagt werden, dass die australische Landspekulation zusammenge­brochen ist. Größere Geländekomplexe sind in den letzten Wochen und Monaten verkauft worden. In den letzten Ta­gen aber haben sich keine Käufer mehr gefunden, obwohl die Bodenpreise sprunghaft fielen. Was nützt der beste jungfräuliche Boden mit guten Transport- und Beriese­lungsmöglichkeiten, wenn er in Zentralaustralien liegt und wenn nicht einmal der Farmer in der Nähe der großen Hafenstädte seine Waren loswerden kann? Uns kommen diese Sorgen fast komisch vor. Wir würden in diesem Fall automatisch größere Bodenflächen minderer Klasse auffor­sten oder aber eine Viehvermehrung vornehmen. Nicht so im Kapitalismus. Der einzelne Besitzer will sofort eine Rente von seinem Kapital haben oder er will wenigstens die in Zukunft zu erwartenden Gewinnaussichten jederzeit reali­sieren können. Wir als Sozialisten würden uns freuen, wenn wir halb Australien mit Wald bedecken könnten, denn der Wald ist der Jungbrunnen für die Menschheit und für die Natur. Der Wald speichert für uns und für die kommenden Generationen die Sonnenenergien auf. Er verbessert die Bodenqualität und das Klima und schafft uns eine ständige Landreserve. Überindustrialisierung, Zentralisation und Me­chanisierung, diese drei Begleiterscheinungen der moder­nen Kultur haben einen wahren Hunger nach Einsamkeit, Ruhe und Abgeschiedenheit hervorgerufen. In unseren großen Wirtschafts- und Kulturzentren ballen sich schöpfe­rische Ideen und korporatives Wollen zusammen. In diesen gewaltigen Kollektivorganismen kommt das menschliche Gefühls- und Empfindungsleben oft zu kurz. Andrerseits haben wir aber gerade durch die restlose Mechanisierung und Rationalisierung des Wirtschaftsprozesses erst die Möglichkeit individuellen Auslebens für den Einzelmenschen geschaffen. Schaffensfreude, Neigung zur Geselligkeit und zeitweiliger Wunsch nach Einsamkeit sind in fast allen Menschen in gleich starkem Maße vorhanden. Wo aber könnte die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit besser und angenehmer erfüllt werden als im Walde? Wir nehmen große Aufforstungen auch vor, wenn keiner­lei wirtschaftliche Erwägungen dafür sprechen. Zweck und Ziel sozialistischer Wirtschaft ist eben immer und überall der Mensch und sein Wohlbefinden. Wir wissen sehr wohl, dass auch die höchste materielle Kultur nicht gleichbedeu­tend mit persönlichem Glück ist. Unsre hochentwickelte kollektive Kultur ist nur die Voraussetzung für das individuelle Glück aller Menschen.
Für den Kapitalismus als System existieren solche Erwä­gungen nicht. Wald hat für den kapitalistisch wirtschaften­den Menschen nur dann einen Zweck, wenn er in klingende Münze umgesetzt werden kann. Das ist aber in immer geringerem Maße der Fall. Schon seit längerer Zeit konnte der aufmerksame Beobachter feststellen, dass in den kapita­listischen Ländern die Preise für neu aufgeforstete oder mit jungem Wald bestandene Bodenflächen ständig fallen. Die Kapitalisten glauben nicht mehr an ihre eigene Zu­kunft. Niemand glaubt mehr an die Dauer dieses Systems. Deshalb werden Werte, die schnell realisierbar sind, an den Börsen der kapitalistischen Welt immer mehr bevorzugt.
Diese Erscheinung zeigt sich besonders krass bei australischen Werten. Kein Mensch mehr will australische Terrains oder Fabriken kaufen. Die Kapitalrückwanderung nach dem Kontinent ist enorm. Der Boden brennt den Ka­pitalisten unter den Füßen. Sie möchten lieber heute als morgen nach „Gods own country" zurückkehren. Nur wol­len sie wenigstens einen Teil des investierten oder erspeku­lierten Geldes retten. Überall aber zeigen ihnen die Australier die kalte Schulter. „Morgen werden Fabriken und Bo­den wieder uns allen gemeinsam gehören", sagt sich jeder, „weshalb soll ich ihn da heute kaufen? Die Aussicht, dass die kapitalistische Wirtschaft weiter besteht, ist zu gering. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Sozialisten wieder zur Macht kommen und mich zur Verantwortung ziehen, wenn ich mich in Geschäfte mit den Yankees eingelassen habe." Sturmzeichen stehen am Himmel...

 

 

Vorwärts - 14. Juli 1929

Amerika will Krieg!

Die Kapitalisten wollen nicht kampflos den Schauplatz der Geschichte verlassen. Das steht nach den letzten Meldungen unabweisbar fest. Die großen amerikanischen Bestellungen haben nur den Zweck gehabt, unsere Produktivkräfte zu fesseln und den gegenseitigen Besitzstand an industriellen Hilfsmitteln zugunsten Amerikas zu verschieben. Die amerikanische Wirtschaft wird in fieberhaftem Tempo auf Kriegsbedarf umgestellt. Auch wir müssen uns sofort umstellen :
Ab heute befindet sich die ganze S. U. im Zustand der Mo­bilmachungsstufe A. Damit treten automatisch folgende Verordnungen in Kraft:
Verlängerung des Arbeitstages von 6 auf 8 Stunden bzw. von 4 auf 6 Stunden bei gleich bleibenden Löhnen. Verstärkung der gesamten Produktion.
Vergrößerung der landwirtschaftlichen Anbaufläche. Gesteigerte Produktion aller Erzeugnisse, die sowohl Kriegs­ als auch Friedenszwecken dienen können. Wiederinbetriebnahme und Umstellung aller stillgelegten Werke und Gruben.
Entsendung eines Expeditionskorps von 100000 Mann nach Grönland.
Räumung Irlands, Portugals und Nordwestafrikas von Kindern.
Aufstellung eines stehenden Heeres von 10 Millionen Mann. Sofortige Räumung aller Helligen und Bau von 1000 U-Booten.
Sofortiger Baubeginn eines zweiten Kanaltunnels England—Frankreich.
Anlage von weiteren Gasschutzstollen von 100 m Tiefe in der ganzen S.U.
Massenherstellung von Gasschutzkleidung und Gasschutzvorrichtungen.
Im kommenden Kriege wird es kein Hinterland geben. Die neuen Gasraketen, die von jedem Punkt aus jeden anderen beliebigen Ort der Erdoberfläche erreichen können, werden auf dem ersten Teil ihres Weges von flüssiger Luft und dann von komprimierten Giftgasen getrieben. Der todbringende Inhalt der Geschosse ist also zugleich Antriebsstoff, der sich in Schwaden auf das überflogene Gebiet hinab­senkt. Hauptkriegszentren werden wahrscheinlich die nördlichen Eisgebiete sein. Als Hauptabschussgebiete kommen für uns außerdem die Sahara, die Südseeinseln und die zentralasiatischen Hochebenen und Gebirge in Frage. Am meisten gefährdet sind die Küstenprovinzen, denn sie können durch explodierende Torpedos von Giftgasen über­flutet werden. Wir dürfen uns nicht über die ungeheure Gefahr hinwegtäuschen, die ein Krieg auch für uns bedeutet. Wir können dem drohenden Kriege nur entgehen, wenn wir uns entschlossen zeigen, alle Opfer, die der Ernst der Stunde von uns verlangt, sofort freiwillig zu bringen. Der Flug-, Sport- und Wehr-Verband hat beschlossen, die Verteidigungsabgabe auf monatlich 10 Mark zu erhöhen.

Vorwärts - 27. Juli 1929

Amerika leugnet Kriegsvorbereitungen
und verlangt Fortsetzung der Lieferungen

Der Zentralrat hat die Fortsetzung der Lieferungen abgelehnt und verlangt Zulassung von Kontrollkommissionen, welche alle amerikanischen Betriebe besuchen und mit den Arbeitern ungehindert sprechen können.

Letzte Nachrichten
In Amerika wurde das Auswanderungsverbot im vollen Umfang wieder in Kraft gesetzt. Aus Argentinien werden Unruhen gemeldet. Der Streik im australischen Kohlenrevier dehnt sich aus. Die Polizei geht mit Tränengas gegen die Streikenden vor. Die Hafenarbeiter sind in den Sympathiestreik getreten.

 

 

Vorwärts - 24. August 1929

Die Werbewoche des Flug-, Sport- und Wehrverbandes

Der F.S.W. musterte am 1. Mai 1928 5oo Millionen Mit­glieder und 150 Millionen Jugendlicher. Seitdem ist diese Zahl auf über 600 Millionen ordentliche und 200 Mil­lionen jugendliche Mitglieder gestiegen. Bis zum nächsten 1. Mai soll die Milliarde erreicht werden (750 plus 250 Millionen). Das bedeutet die nahezu restlose Organisierung aller Einwohner der S. U. Am weitesten entfernt von diesem Ziel sind wir in Indien und Zentralasien. In diesen Gegen­den müssen mindestens 5o Millionen neue Mitglieder ge­worben werden, wenn das Ziel der Werbewoche „Antwort an Amerika" erreicht werden soll. Zur Unterstützung der dortigen Werbeaktion gehen aus Russland und Mitteleuropa heute 200 Luftschiffe und 10000 Flugzeuge ab. Der F.S.W. besitzt jetzt 2000 Luftschiffe, 1650000 Groß­kraftwagen, 2 200 000 Flugzeuge und eine Sport - und Wan­derflotte mit einer Gesamttonnage von 6000000 t. Die persönliche Ausrüstung ist für jedes Mitglied fünffach vor­handen. Diese Gesamtausrüstung soll innerhalb eines Jah­res verdoppelt werden. Hierfür sind für das nächste Jahr 100 Milliarden Mark vorgesehen. 90 Milliarden aus der monatlichen Verteidigungsabgabe von 10 Mark und 10 Mil­liarden aus der natürlichen Akkumulation der F.S.W.-­Werke. Alle Mitglieder der F.S.W. sind verpflichtet, ab 1. September monatlich 10 Stunden an Verteidigungsarbei­ten (Stollenanlagen, Gasschutz usw.) teilzunehmen und ihre ganze übrige Zeit der Ausbildung zu widmen. Alle Vertei­digungsanlagen sind möglichst so herzurichten, dass sie eventuell auch produktiven oder gesellschaftlichen Zwecken dienen können.

 

 

Vorwärts - 25. August 1929

Revolution in Argentinien!

In Buenos Aires und Cordoba gelang es den Regierungstruppen mit großer Mühe, die Ruhe wieder herzustellen. In Rosario und in der ganzen Provinz Santa Fe blieben jedoch die Aufständischen siegreich. Die zahlreichen Italiener haben sich der Bewegung angeschlossen. Die Aufständischen verlangen Volksabstimmung über den Anschluss an die So­zialistische Union und drohen für den Fall der Ablehnung mit der Unabhängigkeitserklärung und mit selbständigem Anschluss des Staates Santa Fe an die S. U. Höchste Mobilmachungsstufe in Afrika. Die Zuspitzung der Lage macht den sofortigen Übergang zur höchsten Mobilmachungsstufe in ganz Afrika notwendig, obwohl die neuen Mobilmachungspläne noch nicht restlos ausgearbeitet sind. Gewisse Reibungs- und Kräfteverluste werden deshalb nicht zu vermeiden sein. Bei der großen Be­deutung, die Afrika unter den gegenwärtigen Verhältnissen zukommt, ist es jedoch unbedingt erforderlich, dass auch die letzten Reste des afrikanischen Wirtschafts- und Ver­kehrssystems sofort ausgebaut und alle im Bau befindlichen Fabriken unverzüglich fertig gestellt werden. Von morgen ab gilt für alle Werktätigen in Afrika das Gesetz der permanenten Arbeit. Jede Minute des Tages gilt jetzt dem sozialistischen Aufbau und der sozialistischen Verteidigung.
Am 1. September findet in Moskau, Italien und Spanien auf Antrag des F. S. W. eine Urabstimmung statt, die den freiwilligen Übergang zur höchsten Mobilmachungsstufe auch in Europa zum Ziele hat.

 

 

Vorwärts - 2. September 1929

Höchste Mobilmachungsstufe in der ganzen S.U.

In Moskau und in Italien ist der Antrag auf freiwillige Einführung der permanenten Arbeit fast einstimmig, in Spa­nien gegen 10% der abgegebenen Stimmen angenommen worden. Das Revolutionäre Kriegskomitee hat daraufhin an­geordnet, dass die höchste Mobilmachungsstufe vom 10. September ab in der ganzen S. U. gilt. Diese Maßnahme war notwendig, um Reibungen zu vermeiden, die bei unserer weit­gehenden Arbeitsteilung unweigerlich eingetreten wären. Bei Durchführung der permanenten Arbeit werden ohnehin an alle leitenden Wirtschaftsfunktionäre außerordentlich hohe Anforderungen gestellt, die sie nur unter zielbewusster Mit­arbeit aller Werktätigen erfüllen können. Worauf kommt es an? Unsere Rohstoff- und Energieerzeugung muss verdreifacht werden. Alle Theater, Kinos, Leseräume, Vergnügungsstätten usw. werden geschlossen und, wenn sie in der Nähe von Arbeitsstätten liegen, in Liege- und Schlafsäle umgewandelt. Der Druck von Büchern, Zeitschriften und der meisten Zeitungen und die Herstellung aller ent­behrlichen Waren wird eingestellt. Alle Verkehrseinrichtungen dienen nur noch den Zwecken der wirtschaftlichen Mobilmachung. Jedes Fleckchen Erde wird bestellt. Jede ausbesserungsbedürftige Straße wiederhergestellt. Viele tausend Kilometer neuer Straßen und Eisenbahnen müssen in Monatsfrist erstehen. Die Steigerung unserer allgemeinen Produktionskapazität ist eine noch wichtigere Aufgabe als die vermehrte Herstellung von Kriegs- und Gasschutz­material.

Buenos Aires in der Hand der Revolutionäre
Rotes Erkundungsluftschiff mit stürmischem Jubel emp­fangen. Provisorische Räteregierung fordert Unterstützung vom Zentralrat der S.U. 10 Luftschiffe und 100 Großflug­zeuge sind von Afrika aus unterwegs. Alle S.U.-Schiffe im Atlantischen Ozean werden aufgefordert, Brücke Kapstadt— Buenos Aires zu bilden, damit zweite Staffel von 20000 Flugzeugen abgehen kann.

Generalstreik in Australien!
In Melbourne und Sidney ruht die Arbeit. Die Zentralkommission der revolutionären Gewerkschaften und die Parteizentrale haben in gemeinsamer illegaler Sitzung den Gene­ralstreik für ganz Australien beschlossen.

 

 

Vorwärts - 3. September 1929

Sieg der Revolution in Argentinien
Ultimatum des Zentralrats

Argentinien ist von heute ab ein Glied der Sozialistischen Union. Der Zentralrat hat dem amerikanischen Botschafter mitgeteilt, dass er jede Einmischung in die argentinischen Verhältnisse als Angriff auf das Bundesgebiet der S.U., d. h. als Kriegserklärung, betrachten wird. Die Herren der Wallstreet haben sich wohl inzwischen davon überzeugt, dass der Krieg den Untergang des kapitalistischen Systems bedeutet. Millionen demonstrierten in den letzten Tagen in Amerika gegen den Krieg und für die Wiederherstellung der Auswanderungsfreiheit. In Nicaragua ist es dem nord­amerikanischen Militär noch einmal gelungen, den Auf­stand niederzuschlagen. In Mexiko genügten die einhei­mischen Truppen zur Unterdrückung des Aufstandes. Der Zentralrat der S. U. hat an die nordamerikanische Re­gierung ein Ultimatum mit dreitägiger Frist gestellt, in der sofortige Einstellung aller Rüstungen, Verschrottung des gesamten Kriegsmaterials und Zurückziehung aller Trup­pen aus Australien, Mittel- und Südamerika gefordert wird. Nach einem Funkspruch aus Brisbane ist der größte Teil von Ostaustralien in der Gewalt der Boten Armee.

 

 

Vorwärts - 6. September 1929

Letzte Meldungen

Amerika verzögert die Antwort und verlangt Verhandlungen. Zentralrat erklärt sein Einverständnis. Verhandlungsbeginn in London am 14. September. Nach einer noch unbestätigten Meldung ist die Revolution auch in Perth (Westaustralien) siegreich. Adelaide (Südaustralien) wird von amerikanischen Kriegsschiffen beschossen.

 

 

Vorwärts - 16. September 1929

Bombenattentate in der ganzen Union

An vielen Stellen der S.U. sind gestern Bombenanschläge erfolgt, die zweifellos auf amerikanische Anstiftung zu­rückzuführen sind. In Südfrankreich ist ein Teil des im vorigen Jahre fertig gestellten Südkanals verschüttet worden. Eine strategische Gefährdung ist dadurch nicht eingetreten, da die Verbindung zwischen dem Mittelländischen Meer und dem Atlantischen Ozean auf der größeren Nordstrecke aufrechterhalten bleibt. Der Hauptzweck des Südkanals war außer der Herstellung der kürzesten Verbindung die recht­zeitige Abführung von Hochwassern. Die Hochwassergefahr ist aber infolge unsrer umfangreichen Aufforstungsarbei­ten und dank den vielen neuen Talsperren nicht mehr erheblich.
In Portugal und Südspanien sind einige Angehörige der früheren herrschenden Klasse festgenommen worden, die Bombenanschläge organisiert und die Bevölkerung durch Flugblätter zum Widerstand gegen die permanente Arbeit aufgefordert haben. Dieser Aufruf hat nur in Lissabon und in einigen kleineren Städten Andalusiens geringen Erfolg gehabt. Auf Anordnung des Zentralrats werden in den näch­sten Monaten 100000 Freiwillige aus Mitteleuropa in Südspanien eingesetzt. Einzelne Teile Spaniens sind erst in den letzten Jahren aus dem Dornröschenschlaf des Mittelalters geweckt worden. Die exponierte Lage, welche die Pyrenäen­halbinsel im Kriegsfall einnimmt, zwingt uns, diesem Ge­biet erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ein Anschlag auf den Staudamm von Gibraltar hat Zerstörungen ange­richtet. Der Damm erfüllt jedoch nach wie vor seine strate­gische Aufgabe: den Schutz der Mittelmeereinfahrt. Eine Explosion am Suezkanal hat nur geringe Zerstörungen verursacht. Dagegen haben die Verschwörer in Indien an zwei Stellen größere Erfolge erzielt.
Bei Ambala wurde durch Sprengung ein Teil des Kanals verschüttet, der den Suilej (Nebenfluss des Indus) mit dem oberen Ganges verbindet. Eine von Delhi aus organisierte religiöse Aufstandsbewegung wurde von der gut revolutio­när gesinnten Arbeiterschaft Meeruts niedergeschlagen. Grö­ßerer Schaden wurde durch die Sprengung des Staudamms bei Benares angerichtet. Hier gelang es den Aufwieglern auch, Unruhe in weite Kreise der Bevölkerung zu tragen. Der Damm bei Benares, der das Gefälle des mittleren Gan­ges in einem Falle von 9 m ausnutzt, ist der jüngste und letzte Staudamm Indiens. Um die religiösen Gefühle der zurückgebliebenen Volksschichten Indiens zu schonen, hat man lange auf die Ausnutzung dieser Energie verzichtet. Da trotz aller Aufklärungsversuche das aus hygienischen Gründen äußerst verwerfliche Massenbaden an den so genannten heiligen Stellen unter der Einwirkung religiöser Fanatiker immer wieder periodenweise einsetzte, entschlossen sich die leitenden Stellen Indiens schließlich gerade aus diesem Grunde zur Anlage des Staudamms. Durch die im letzten Quartal erfolgte Hebung des Wasserspiegels ist zwar der beabsichtigte Zweck erreicht worden. Es blieb aber ein Unruheherd in der Bevölkerung zurück, der nun offenbar von amerikanischen Agenten geschickt ausgenutzt wird. Infolge der Sprengung des Staudamms ist die am 1. Mai eröffnete Riesenfabrik „Chattopaddhaya" vorläufig außer Betrieb gesetzt worden. Das Werk ist eine Spezialfabrik für Autoflugboote, die sich gleich gut auf dem Wasser, auf dem Lande und in der Luft fortbewegen. Nach den bisheri­gen Nachrichten muss mit dem Ausfall einer Monatspro­duktion (850000 Stück) gerechnet werden. Der Vorfall entbehrt nicht einer gewissen Komik, da der Pate und Leiter des Werkes, der verdiente Revolutionär Chatto, in der vor­revolutionären Zeit selbst Bombenspezialist war. Die Hälfte der Werkbelegschaft (100000 Mann) wird auf selbstgebauten Flugbooten mit 500000 Passagieren sofort den Marsch nach Argentinien antreten. Die andere Hälfte wird im Reparaturmonat neue Kräfte ausbilden und an den Erweiterungsbauten mitarbeiten, durch welche die Leistungsfähigkeit des Werkes wesentlich erhöht werden soll. Nach diesem Attentat ist die erst vor kurzem aufgenom­mene Produktion von Autoflugbooten, die in Zukunft unser Hauptverkehrsmittel sein werden, fast gänzlich zum Erlie­gen gekommen. Die Umstellung des Kongowerkes auf die Fabrikation von zweisitzigen Rollflugbooten wird erst in 14 Tagen beendet sein. Bis zur völligen Umstellung der großen Werke am Hoangho und in Ostsibirien werden noch zwei Monate und bis zur Eröffnung der zentralafrikani­schen Fabrik ,,Gigant" sogar noch drei Monate vergehen. Außer einigen kleineren europäischen Werken ist zur Zeit nur eine mittlere Fabrik am Kaspischen Meer auf den Bau von einsitzigen Rollflugbooten eingerichtet, die monatlich 100000 Stück liefern kann. Die kaspischen Boote haben jedoch nur einen Aktionsradius von 1000 km und besitzen wegen ihrer stabilen absturzsicheren Bauart keinen hohen Gefechtswert.
Was bezweckt Amerika mit diesen Anschlägen? Glaubt es damit auf die schwebenden Verhandlungen in London ein­zuwirken? Oder führt es diese Verhandlungen nur, um uns Sand in die Augen zu streuen; bedeuten diese Attentate, dass Wallstreet zum größten Verbrechen der Weltgeschichte be­reits fest entschlossen ist? Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein: Werktätige der Welt: seid bereit!

 

 

Extrablatt – Vorwärts - 16. Sept. 1929

Abbruch der Verhandlungen!
Appell an Amerikas Arbeiter!

Die amerikanischen Unterhändler haben erklärt, dass sie ohne persönliche Rücksprache mit dem Staatspräsidenten keine Bindung eingehen können. Die Delegation wird sich morgen abend einschiffen. Für heute abend hat sie die Ein­ladung zum „Appell an Amerika" angenommen. Durch diesen Appell sollen die Schrecken eines Krieges der ganzen Welt demonstriert werden. Der Vortrag wird von der Albert Hall auf alle Sender der S. U. übertragen und hoffentlich auch von allen amerikanischen Arbeitern gehört.

 

 

Sondernummer – Vorwärts - 20. September 1929

Der letzte Krieg!
Gekürztes Protokoll der Radioschlacht am Entscheidungstage

Aus der Rede in der Albert Hall:
..... es steht einwandfrei fest, dass die Bombenattentate von der amerikanischen Regierung organisiert worden sind. Nach den Regeln des Völkerrechts sind wir berechtigt, diese An­schläge als Kriegshandlungen anzusehen und auch unsererseits den Krieg zu eröffnen. Wir haben es nicht getan, sonst wären die hier anwesenden Herren Delegierten heute vielleicht die einzigen lebenden amerikanischen Staatsbürger. Ganz Amerika würde in Schutt und Asche liegen und von einer meterhohen Gasschicht bedeckt sein, die alles Leben zerfrisst. Gewiss, die Millionäre sind mit erstklassiger Gas­schutzkleidung versehen. Glauben sie aber wirklich, dass sie für all die unzähligen tödlich wirkenden Gasverbindungen die passenden Gegenmittel gefunden haben? Und wenn, was geschieht mit den Millionen, für die nicht genügend gassichere Schutzunterstände vorhanden sind? Was wird aus den Arbeitern, denen man bisher absichtlich die Wirkungen des modernen Gaskrieges verheimlichte? In der S.U. weiß jedes Kind, was der Krieg bedeutet und wie furchtbare Opfer er kosten wird. Darum, und nur darum — nicht aus Schwäche — ließen wir die Provokationen unerwidert und wenden uns auf diesem Wege an alle amerikanischen Ar­beiter.
Hört uns, Genossen! Lasst euch nicht missbrauchen! Wer­det nicht zu Selbstmördern! Besinnt euch auf eure Rechte und Pflichten, ehe es zu spät ist! Glaubt euren Herren nicht, wenn sie euch noch so viel versprechen und noch so viel vorlügen! Wir haben nichts zu verheimlichen und nichts zu verbergen, deshalb können wir wahr sein. Wir werden euch jetzt zeigen, wie stark wir sind, nein, wie stark ihr seid. Ihr, jawohl, ihr! Denn wir gehören zusammen. Wir haben beide denselben Feind, den Kapitalismus, der lieber die Welt in Flammen aufgehen lässt, als kampflos abzutreten.
(Der Saal wird verdunkelt. Lichtbilder werden gezeigt.)
Bild 1 Wüste. Wie Nadeln in einem Kissen ragen Tau­sende und aber Tausende von Raketen aus dem Sande her­vor.
Bild 2 Hochgebirgstal. Übersät mit vielen tausend abschussbereiten Raketen.
Bild 3 Gasdichter Unterstand. Ein Mensch im Gas­panzer. Vor ihm eine Schaltanlage. Was geschieht, wenn er auf den Knopf drückt? Bild 4 Eisfläche. Raketen. Raketen. Raketen. Was geschieht, wenn der Mann auf den Knopf drückt? Dann erheben sich tausend Raketen. In wenigen Minuten verlassen sie die Atmosphäre. Immer noch ansteigend eilen sie durch die Stratosphäre auf Amerika zu. In dem Augen­blick, in dem sie den siebzigsten Längengrad überqueren, öffnen sich die Ventile. Das unter hohem Druck kompri­mierte Gift entweicht und vergast. Quer über den ganzen Kontinent senkt sich der Tod herab auf Boston, Albany, Buffalo, Detroit, Chikago, Omana und Denver, und aus 4oooo m Höhe sausen die ersten tausend Raketen herab auf Sacramento, Oakland und San Franzisko. Im selben Augenblick überqueren 1000 Raketen, die auf den Hoch­ebenen Tibets abgeschossen wurden, den Kontinent von West nach Ost, öffnen die todbringenden Ventile über Los An­gelos und vernichten im Fallen New Orleans. Tausend sol­cher Todeslinien liegen jetzt unsichtbar über der Union. Wollt ihr warten, bis sie sichtbar werden? Wichtige Städte wie New York, Philadelphia, Washington, Baltimore, Sankt Louis, Memphis und Oklahoma werden hundertfach geschnitten. Eine Million Gasraketen, von denen hundert ge­nügen, um die Bevölkerung New Yorks zu vernichten, wer­den am ersten Tage abgeschossen. Und hunderttausend wer­den ihnen täglich folgen, ... denn
Bild 5 so wie hier in diesem englischen Bergwerk, das zur Giftgasfabrik umgebaut wurde, arbeiten unzählige Menschen für die Zerstörung. Sie arbeiten für die Zerstö­rung, aber sie wollen sie nicht, hört ihr es, Genossen in Amerika? Die Entscheidung liegt bei euch! Bild 6 Meeresküste. Aus tausend Mündungen grinsen die Kappen der Giftgastorpedos. Wenn ihr es nicht verhindert, amerikanische Genossen, werden sie den Ozean durchschwimmen und eure Küsten beim Zerschellen in Gischt und tödliche Nebel hüllen.
Film.....Auf der Leinwand sieht man 100 Flugzeuge
manövrieren. Sie formieren sich in Zehnerstaffeln. Steigen, wenden. Die Ordnung wird aufgelöst. Sie werden zusammenstoßen. Nein, das Knäuel entwirrt sich. Die Linie ist wiederhergestellt. Schnurgerade fliegen alle hundert. Gute Piloten, was? Nein, nur ein einziges von diesen hundert ist bemannt. Alle anderen werden elektrisch ferngesteuert. Alle anderen führen je eine Tonne komprimiertes Gift, das schlimmste Gift, das Menschenbirne erfinden konnten. Wenige Kubikmillimeter genügen, um den ganzen Körper eines Menschen mit eitrigen Blasen zu bedecken. Das Gift lässt dem Menschen gerade noch Zeit, die rasenden Schmerzen zu empfinden. Er sieht noch, wie sein Nebenmann die Luft mit den Händen krallt, wie die Augen aus dem Kopfe hervorquellen und zerfließen, wie Kinder tot zu Boden sinken, dann bricht auch sein Blick. Die Außenwelt ist tot. Aber inwendig frisst das Feuer weiter, schleicht in die Ein­geweide, zerfetzt die Lungen, zerwühlt die Schleimhäute, zerschneidet die Gedärme und bringt das Blut in den Adern zum Kochen. Eine Minute noch hat der Mensch, der der Herr der Erde sein könnte, Zeit, um nachzudenken, ob diese Höllenqualen notwendig waren. Denkt jetzt an diese Minute, Genossen! Denkt daran, ehe es zu spät ist! Denkt daran, solange ihr nicht nur fluchen, denkt daran, solange ihr noch handeln könnt. Denkt aber nicht nur an euch. Denkt auch an die vielen Millionen von Unschuldigen, die ihr jetzt noch durch eine kühne Tat retten könnt. Setzt lieber euer Leben im Bürgerkrieg aufs Spiel. Bringt, wenn es nötig ist, euer Leben zum Opfer, um das Leben von hundert Millionen zu retten. Ergreift das rote Banner! Hebt die Fahne der Rebellion empor! Empört euch gegen die Verbrecher, die eine aufblühende hoffnungsvolle Welt vernich­ten wollen, um ihre Vormachtstellung zu behaupten!"
Der Führer der amerikanischen Delegation, Mr. Young, unterbricht den Redner:
,,Halt, im Namen der amerikanischen Regierung protestiere ich gegen dieses Vorgehen. Das ist Revolution, das ist die Kriegserklärung. Die amerikanische Regierung will den Frieden."
„Wir sind besser unterrichtet, Mr. Young. Hier ist ein Funkspruch von amerikanischen Freunden: ,Heute Mittag wurde das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht und über die zwölfstündige Arbeitspflicht veröffentlicht. In einer Anzahl von Fabriken ist daraufhin sofort die Arbeit niedergelegt worden. Der sozialistische Bund ruft zum Generalstreik auf.' Wir unterstützen diesen Aufruf! Hört ihr es, Arbeiter in Amerika? Keinen Hammerschlag mehr für den Kapitalismus! Keine Welle mehr darf sich morgen drehen! Kein Zug darf mehr verkehren, keine Maschine laufen! Wir wissen genau, dass die amerikanische Regierung in diesem Augenblick mit den führenden Köpfen der Industrie und der Banken versammelt ist, und dass sie ebenso wie die ganze übrige Welt am Rundfunk den Ereignissen in diesem Saale lauscht. Wir fordern sie auf, sich zu äußern. Das Schicksal der Welt entscheidet sich in den nächsten Stunden. Mitglieder der amerikanischen Regierung: eine ungeheure Verantwortung ruht auf euren Schultern. Sagt, was ihr plant! Sagt, ob ihr bereit seid, alles zu tun, um das furchtbare Unheil, das der Menschheit droht, von ihr abzuwenden! Nehmt sofort direkte Funkverbindung mit uns auf! Wir stellen unsere Empfangsapparate ein. Wir warten ___wir warten........wir warten.
Lange, qualvoll lange Minuten vergehen. Die Menschen der ganzen Welt bereiten sich vor auf den Todesgang. Die Gasanzüge werden herausgeholt. In Amerika ist es jetzt 16 Uhr. Eine Maschine nach der anderen wird zum Stillstand gebracht. Bei uns bricht die Nacht herein. Aber unsere Maschinen laufen. Neben jedem Arbeitsplatz liegt die Gasausrüstung. In jedem Arbeitssaal sind die Lautsprecher eingeschaltet. Alles lauscht der Über­tragung aus der Albert Hall. Und Amerika kommt immer noch nicht. In Tausenden von Unterständen sitzen Männer, die den Tod in den Händen halten. Sie warten auf den Be­fehl, der den Kontakt zur Auslösung bringt. Nein... nein... sie warten nicht auf diesen Befehl. Sie warten auf etwas anderes. Sie denken mit Entsetzen an die Möglichkeit, dass sie den Finger auf den elektrischen Knopf legen müssen. Endlich, endlich meldet sich Amerika ..." „Hier Regierung der U.S.A. Sind bereit, Verhandlungen fortzusetzen, wenn Sie Flotte zurückziehen. Warum sagen Sie der Welt nicht auch, dass fünf rote Flotten vor 36 Stunden Kurs nach Amerika nahmen?"
„Hier Sozialistische Union. Jawohl, die roten Flotten sind unterwegs. Aber warum sagt ihr nicht, dass die amerikanische Flotte schon vor drei Tagen ausgelaufen ist?" „Hier U.S.A. Die Flotte ist zurückgekehrt." „Hier S. U. Ja, weil Meutereien an Bord ausbrachen! Aber die Meuterer sind gefangen gesetzt, und die Schiffe sind wieder ausgelaufen. Leugnet ihr das?.....Warum antwortet ihr nicht?.....Antwortet.....Es geht um Sein oder Nichtsein..... Ihr steht vor dem Richterstuhl der Menschheit.....Wollt ihr den Frieden?.....Gebt Antwort!!! ....."
„Achtung..... Achtung... Hier Sender Chicago... Wir sind revolutionäre Arbeiter... wir haben den Rundfunk besetzt ... wir wollen den Frieden ... wir wollen den Sozialismus ... man beschießt uns ... wir grüßen ...
Gewehrgeknatter, Handgranatenexplosion.
Hier Station Chicago... Ku Kux Klan... Rebellennest ausgehoben ... Chicago steht treu zur Regierung..." „Hier S. U. Wir warten auf Antwort... Wollt ihr den Frieden? Gebt ihr Rückzugsbefehl?"
„Hier U. S. A. Wir wollen den Frieden. Wir geben Antwort in 24 Stunden."
„Hier S. U. Unmöglich. Der Krieg ist unvermeidlich, wenn der Aufmarsch nicht eingestellt wird, wenn die Flotten nicht Rückzugsbefehl erhalten."
„Hier U.S.A. Wir kommen in einer Stunde wieder. Die Delegierten sollen nicht abfahren und die direkte Kabelverbindung wieder aufnehmen."
Die amerikanische Delegation verlässt den Saal.
„Hier S.U. Wir werden warten. Wir benutzen diese Stunde, um einen letzten Appell an das amerikanische Volk zu richten.
Hört uns, Genossen, wir senden auf allen Wellenlängen! Weshalb will eure Regierung den Krieg? Weil der Kapitalismus, im friedlichen wirtschaftlichen Wettkampf besiegt, in eine hoffnungslose Lage geraten ist. Eure Herrscher wissen, dass es den Menschen in der S.U. gut geht. Aber sie wissen auch, dass es uns in kurzer Zeit noch viel, viel besser gehen wird. Wir sind aus der Zeit des Aufbaus bald heraus. Wir haben gesät und immer wieder gesät. Jetzt ist die Erntezeit herangekommen. Wollt ihr uns helfen, amerikanische Genossen, diese schöne kostbare Ernte in die Scheuern zu bringen, oder wollt ihr, dass alles umsonst gewesen ist, dass alles der Vernichtung anheim fällt? Jetzt erst werden die Erfolge unseres jahrelangen planmäßigen Aufbaus greifbar. Seht hin nach Zentralasien, Spanien, Südfrankreich, Italien und Nordafrika! Wo vor zehn Jahren noch Wüstensand und kahles Gestein war, keimt jetzt das junge Grün. Harte Arbeit, viel Mühe und riesige Mengen Material hat das gekostet. Könnt ihr euch vorstellen, dass diese Pracht sich in den nächsten Jahren richtig entfaltet, dass dann aber niemand da sein wird, sie zu bewundern, weil die Menschen, die sie geschaffen haben, von Gasschwa­den hingemäht worden sind — durch eure Schuld? Schaut hin nach Sibirien! Was haben wir aus der Taiga gemacht! Vor wenigen Jahren war dieser Name noch ein Schreckenswort. Heute finden Millionen Menschen dort Erholung. Das ganze riesige Gebiet ist durchgeforstet. Wir haben Platz geschaffen für junges Grün und dabei Riesenmengen Holz gewonnen, weil mehr als wir in den nächsten Jahrzehnten brauchen werden. Milliarden Kubikmeter sind in Rohzellulose verwandelt und eingeweckt worden. Wir sind so reich, dass wir auf Jahre hinaus keine Verwendung für die Riesenmengen dieses wichtigen Ausgangsstoffes haben. In unseren Riesenlaboratorien sitzen teils berufsmäßig, teils ehrenamtlich jetzt schon mehr als hunderttausend Menschen. Täglich werden neue Verwertungsmöglichkeiten entdeckt. Der Berg unserer Vorräte wird dadurch nicht kleiner. Wollt ihr uns zwingen, diese Reichtümer buchstäblich zu verpulvern, um euch damit zu vernichten? Und so geht es auf allen Gebieten. Unsere Tiefbohrungen fressen sich immer weiter ins Erdinnere ein. Täglich werden neue Energiequellen und neue Reichtümer erschlossen. Wir haben Überfluss an Lokomotiven, Waggons und Großkraftwagen und produzieren dennoch wegen der drohenden Kriegsgefahr täglich Tausende und aber Tausende. Unsere Kohlenvorräte übersteigen zwei Milliarden Tonnen. Wir können jährlich produzieren: 2 Milliarden Tonnen Kohle,
200 Millionen Tonnen Rohstahl, 2 Millionen Tonnen Kupfer, je eine Million Tonnen Zinn, Zink, Blei, Stellit und Aluminium. Unsere Chemikalien-, Stickstoff- und Düngemittelvorräte reichen für Jahrzehnte. Der Krieg würde sie in wenigen Monaten fressen. Wir haben jetzt fast 40 Millionen Reitpferde, 1 Milliarde Rinder und Schafe, 600000000 Schweine. Der drohende Krieg zwingt uns, gewaltige Breschen in diese Bestände zu legen, denn alles ungeschützte tierische Leben wird von Giftgasen gefressen werden. Tag und Nacht arbeiten unsere Schlachthäuser, um unsere Konservenbestände zu erhöhen. Schaut hin nach den Tundren Sibiriens und Nordeuropas, die wichtige Bestandteile der Weltwirtschaft geworden sind! Jahr für Jahr vermehren sich unsere sorgfältig gehüteten Renntierherden. Nur alte und kranke Tiere durften in den letzten Jahren geschlachtet werden. Seht unsere tausend Pelztierfarmen! Seht auf das grün gewordene Zentralasien und auf die blühende Mandschurei! Betrachtet unsere Tropengebiete, in denen jeder Sonnenstrahl, jedes Fleckchen Erde und jeder Wassertropfen für die Menschheit nutzbar gemacht wird und in denen trotzdem Schönheit und Harmonie durch unser Wirken nicht zerstört, sondern erhöht worden sind! Spanien, Indien und die Südsee galten früher den Uneingeweihten sehr zu Unrecht als Paradies. Erst durch unsere Planarbeit und gegenseitige Hilfe wurden die märchenhaften Vorstellungen nicht nur Wirklichkeit, sondern sogar übertroffen.
Die weiten Landflächen Nord- und Mitteleuropas sind für unsere agrarische Produktion entbehrlich geworden. Eine Million Quadratkilometer sind heute Wald, Gärten, Parks und Spielplätze. Jedes Jahr werden eine Million Landwirte pensioniert. Die Landwirtschaft ist in unseren Breiten ein Sport, ein Vergnügen. Und trotzdem ist unsre landwirtschaftliche Produktion noch gestiegen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist die landwirtschaftliche Arbeit in Nord- und Mitteleuropa keine Pflichtarbeit mehr. Es wird nichts mehr für sie bezahlt. Jeder Betrieb, jeder Klub und jede Schule hält einen Spielplatz und einen Park in Ordnung und führt einen landwirtschaftlichen Betrieb. Bisher ist uns noch kein Fall bekannt geworden, in dem die Ar­beit hätte befohlen werden müssen. Immer fanden sich genug Freiwillige.
Wir lassen jetzt unsere Jugend zu Worte kommen. Wir wenden uns jetzt an die amerikanische Jugend und an die amerikanischen Mütter. Hört ihr es, Mütter in Amerika? In euren Händen liegt die Entscheidung! Wollt ihr, dass eure Kinder es von morgen ab ebenso gut haben wie unsere, oder wollt ihr dulden, dass die Jugend der ganzen Welt vom Krieg verschlungen wird? Genosse Strong hat das Wort." „Kameraden in Amerika!
Mein Vater ist im imperialistischen Kriege gefallen. Meine Mutter starb in Hull kurz nach der Revolution. 1920, ich war damals 10 Jahre alt, kam ich mit einem Transport von Austauschkindern nach Deutschland, wo ich der internationalen Arbeitsschule in Bordesholm zugeteilt wurde. Wir waren hundert Jungen und Mädel aus Deutschland, England, Frankreich und Russland. In einem mittleren Gutshof nisteten wir uns ein. Der Hof war verwildert. Der frühere Besitzer war nach Amerika geflohen. Jetzt steht er neben mir. Wir haben den Hof wieder hoch gebracht und eine Musterwirtschaft daraus gemacht, nich wohr, Vadder Mathes?"
„Jo, datt mutt man woll seggn, allns wat recht is, min Jung."
„Dieser Gutshof mit seinen Nebenbetrieben, das ist unsere Schule. Das was ihr drüben ,Lernen' nennt, kennen wir eigentlich nur im Winter. Aber ich glaube, wir lernen auch im Sommer mehr als ihr. Im Sommer beginnt jeder Tag mit dem Wettlauf zum See, an dem nur die beiden Gruppen, die zur Viehfütterung und zum Bereiten der Mor­gensuppe eingeteilt sind, nicht teilnehmen. Nachdem wir uns eine halbe Stunde im Wasser herumgebalgt, wird gefrühstückt. Und dann beginnt der Morgensport. Jede Gruppe hat jeden Tag eine andere Aufgabe: Grasmähen, Wege harken, Unkraut jäten, Kühe melken, Traktor- und Maschinenölen, Putzen der Reitpferde und der beiden Wa­genpferde, die wir aus Pietät noch solange behalten wollen, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Diese beiden Reli­quien sind schuld, dass wir den sozialistischen Wettbewerb mit dem Weberklub zweimal verloren haben. Die Mitglieder des Weberklubs bewirtschaften in ihrer freien Zeit ein eben­so großes Gut am Einfelder See und liefern ebenso wie wir ihre Überschüsse an die Zentralgenossenschaftsküche in Neumünster ah. Da sie ihre Wagenpferde längst abgeschafft haben, konnten sie mehr Milchvieh halten und mehr Milch abliefern. Wir haben aber dieses Manko durch vermehrten Hackfrucht- und Gartenbau und durch die Erträge unserer Imkerei ausgeglichen und jetzt schon drei Jahre nacheinander den sozialistischen Wettbewerb gewonnen, so dass wir Liese und Lotte, auf denen wir vor acht Jahren unsere ersten Reitversuche unternahmen, behalten konnten. Zum Reiten taugen die beiden Museumsgäule allerdings auch nicht mehr. Dafür haben wir jetzt fünf prachtvolle Reitpferde, die jeden Tag von zwei anderen Fünfergruppen betreut und geritten werden.
Außer in Erntezeiten schließt sich an den Nutzsport eine Stunde Bewegungssport an: Tennis, Schlagball, Golf, Leicht­athletik usw.
Nach dem Mittag schwingen wir uns auf unsere Elektroräder, und dann geht's hinaus ins Land auf den wundervol­len Radfahrwegen, die wir zum Teil selbst gebaut haben und unterhalten. Die Elektroräder sind richtige Fahrräder, die mit kleinen Sammelbatterien und winzigen Elektromo­toren ausgestattet sind. Sie können also ebenso gut als Tretwie als Motorräder gebraucht werden. Bei euch in Amerika kennt man sie nicht. Kein Wunder, das ständige Nachla­den der Batterien an jedem beliebigen Orte würde im Kapitalismus soviel Scherereien und soviel Unkosten verur­sachen, denn bei euch müsste eine solche Einrichtung ja ,rentabel' organisiert sein. Bei uns aber ist an jedem Hof, an jedem Klubgebäude, an jedem Erholungsheim und an jeder Jugendherberge eine elektrische Ladestation. Wir könnten durch die ganze S. U. fahren. Auf unseren täglichen Ausfahrten schalten wir aber die Motoren meistens nicht ein. Nicht um Strom zu sparen, sondern weil uns das Stram­peln mehr Vergnügen macht. Man bleibt auch gesunder da­bei. Darum fahren wir auch wenig Auto, obwohl wir es, ebenso wie das Fliegen, gelernt haben. Irgendwo im Walde wird Rast gemacht. Dann beginnt die internationale Stunde. Niemand darf in dieser Stunde in seiner Muttersprache reden. Sogar das Esperanto ist in die­ser Stunde verpönt. Ein acht Tage vorher bestimmter Re­ferent spricht über ein aktuelles Thema, zu dem sich ein Sprecher jeder Gruppe äußern muss.
Nach der Rückkehr werden zunächst mit vereinten Kräften die Wirtschaftsaufgaben erledigt, dann gehört jeder sich selbst. Er kann Sport treiben, kann im Lesesaal studieren oder im Schreibsaal an seinem Sommerpensum ar­beiten. Er kann basteln oder malen, Schach spielen, rudern, segeln oder zum nächsten Flugplatz fahren. Einen eigent­lichen Ruhetag kennen wir nicht, brauchen wir auch nicht, da wir uns die Arbeit so einrichten, dass sie uns Vergnü­gen macht. Wenn auf der Elbe oder auf der Kieler Föhrde wichtige Regatten stattfinden, an denen sich eine unserer Mannschaften beteiligt, dann stehen wir morgens eine Stunde früher auf, verrichten schnell die notwendigsten Arbeiten und lassen nur eine Gruppe für Notstandsarbeiten zurück. Außerdem hat jede Gruppe alle 20 Tage einen Tag Bewegungsfreiheit innerhalb der Grenzen Skagerrak—Ostsee—Rostock—Berlin—Harz—Köln. Vor Beendigung des zwanzigsten Lebensjahres muss außerdem jeder ge­sunde Schüler teilgenommen haben: an einer der drei großen Segelfahrten Kiel—Leningrad, Kopenhagen—Hammerfest oder Rund um England, sowie an einer Europarundfahrt und als Pilot am Indien—Afrikarundflug. An den Schulbesuch schließt sich eine einjährige Weltreise an. Ich war mit meiner Gruppe auf dieser Weltreise, amerikani­sche Jugendkameraden, als die Kriegsvorbereitungen eurer Regierung bekannt wurden. Wir haben uns sofort in den Dienst der sozialistischen Verteidigung gestellt. Wir gehören zum Raketenflugzeuggeschwader 19. In einer Stunde starten wir. In 15 Stunden sind wir in Amerika, tot oder lebend. Bis dahin muss die Frage: Krieg oder Frieden, sozialistischer Aufbau oder Weltzerstörung, entschieden sein. Werden wir unsere Weltreise durch Amerika friedlich fortsetzen können oder in Amerika untergehen, werden wir ein totes, verbranntes Amerika antreffen oder ein neues Amerika, das endlich den Weg zur großen sozialistischen Union gefunden hat? Wenn es sein muss, werden wir kämpfend untergehen. Wir wissen, wofür wir kämpfen und sterben. Wofür aber kämpft ihr, amerikanische Jugendkameraden, wofür sterbt ihr?"
„Achtung ... Achtung ... Hier Geheimsender Cincinnatti ... Bewaffneter Aufstand niedergeschlagen ... Generalstreik wird weitergeführt ... Regierung verbreitet Nachricht, dass S. U. den Krieg an Amerika erklärt hat. Bedrohung der U.S.A. durch Raketen wird als Lüge hingestellt ..."
„Achtung ... Hier S. U. Amerikaner, glaubt den Meldungen eurer Regierung nicht! Sie schildert euch den Krieg harmlos. Sie will euch in Sicherheit wiegen. Glaubt uns, kein Fleck der U. S. A. wird gasfrei bleiben, wenn durch Schuld eurer Regierung der Krieg ausbricht!"
Die amerikanischen Delegierten sind wieder im Saal erschienen. Sie wünschen eine nichtöffentliche Sitzung.
„Nein, Mr. Young, keine Geheimniskrämerei! Jetzt ist keine Zeit mehr für Geheimdiplomatie. Sagen Sie hier, frei und offen, vor aller Welt, was uns die Regierung der U.S.A. mitzuteilen hat!"
„Meine Herren! Meine Regierung betrachtet sich als angegriffen. In Australien konnten die Revolutionäre nur mit Hilfe von Luftstreitkräften der S. U. die Oberhand gewinnen. Von Argentinien aus fliegen 10000 rote Flugzeuge nordwärts. Im Gran Chaco sind riesige Automobilkolonnen nach Norden unterwegs. In Valparaiso sind 5ooo rote Flugzeuge gelandet. Die Besatzungen haben sich mit den aufständischen chilenischen Arbeitern verbündet und die Verbindung zwischen Nord- und Südchile zerstört. Über Rio de Janeiro und über der Amazonasmündung sind rote Luftschiffe erschienen. Die ganze Ozeanenge zwischen Freetown und Kap S. Roque wimmelt von roten Schiffen. Über Pernambuco und Bahia treffen ständig neue Luftgeschwader ein. Die roten Luftkommandeure haben die brasilianische Neutralität gebrochen, indem sie die örtlichen Befehlshaber der brasilianischen Küstenstädte funkentelegraphisch aufgefordert haben, die gefangenen Verbrecher freizulassen. Nach Meldungen amerikanischer Handelsschiffe bewegen sich die roten Flotten auf dem Atlantik weiter westwärts. Das alles fasst die amerikanische Regierung als Kriegseröffnung auf."
„Gestatten Sie, Mr. Young, dass ich einige Dinge richtig stelle! In Valparaiso, Santiago und Concepcion hatten sich Zehntausende von Arbeitern aus ganz Chile angesammelt, denen von der Regierung die Auswanderungserlaubnis verweigert wurde. Da Polizei und Militär mit den Arbeitern sympathisierten, rief die chilenische Regierung Hilfe von einem nordamerikanischen Kreuzer herbei. Gegen die Landung nordamerikanischer Truppen protestierten sogar einige chilenische Offiziere, während der größte Teil des Offizierskorps sich den Amerikanern anschloss. Es kam zum Kampf, der mit dem Siege der Chilenen endete. Ein Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet. Er übernahm die Regierungsmacht und rief die Hilfe der roten Luftflotte herbei.
In Brasilien verweigerten nahezu alle Arbeiter die Arbeit und wollten auswandern, man hat sie zu Tausenden gefangen genommen, ihnen hohe Freiheitsstrafen zudiktiert und sie dann an die Unternehmer zur Ausbeutung verkauft. Man hat sogar freie Indianer aus dem Urwald gefangen und in die Sklaverei verkauft. Und eine Regierung, welche die Sklaverei nicht nur duldet, sondern sogar selbst ausübt, ist unserer Ansicht nach keine Regierung, sondern eine Verbrecherbunde. Darin sind wir doch hoffentlich einig, Mr. Young, oder sollte in U. S. A. der Sezessionskrieg schon ganz in Vergessenheit geraten sein?
Ihre Mitteilungen bedürfen aber noch einer gewissen Ergänzung. Die Regierungsgewalt in Nikaragua ist jetzt vollkommen in die Hand der amerikanischen Militärs übergegangen. In Mexiko sind amerikanische Regierungstruppen zur Unterdrückung des Aufstandes eingerückt. In Columbia und Venezuela landen ständig neue amerikanische Truppen. Von Guyana aus dringen amerikanische Tankkolonnen auf brasilianischem Gebiet in Richtung auf den Amazonas vor. In Bolivia hat der nordamerikanische Kommandant, der bisher rein beratende Funktionen hatte, den Belagerungszustand erklärt und eine amerikanische Legion aufgestellt. Die Luftgeschwader der Vereinigten Staaten beherrschen den ganzen Norden Südamerikas. Wir fragen noch einmal vor aller Welt: Ist die amerikanische Regierung bereit, der Flotte Rückzugsbefehl zu geben und sich in die Verhältnisse Südamerikas nicht einzumischen?"

„Die Regierung der U.S.A. verlangt unverzügliche Räumung Südamerikas einschließlich Argentiniens von allen roten Truppen."
„Drahten Sie sofort, dass eine Räumung Argentiniens nicht erfolgen kann, da Argentinien als ein Teil der S. U. anzusehen ist. Wir sind jedoch bereit, uns in die südamerikanischen Verhältnisse nicht einzumischen, wenn die amerikanischen Truppen zurückgezogen und alle Gefangenen freigelassen werden und wenn vor allen Dingen die Auswanderungsfreiheit in vollem Umfange wiederhergestellt wird."
„Ganz unmöglich, dann gibt es keine Arbeiter mehr in Südamerika!"
„Und ohne Arbeiter gibt es keinen Profit und keinen Zins und kein arbeitsloses Leben. Deshalb gibt es in Nordamerika zwar 6 Millionen Arbeitslose, aber keine Auswanderungsfreiheit. Und deshalb gibt es für den bankerotten Kapitalismus keinen anderen Ausweg mehr als den Krieg, der von Anfang an verloren ist, und deshalb gibt es für euch, amerikanische Arbeiter, keinen anderen Ausweg als den: Schlagt eure Kapitalisten und ihre Helfershelfer nieder! Befreit euch von diesen Parasiten, bevor sie die ganze Welt in Flammen setzen!
„Meine Herren, das ist die Kriegserklärung! Sind Sie sich dessen bewusst?"
„Nein, der Krieg ist schon von der U. S. A. erklärt worden. In allen Städten der U. S. A. sind Demonstranten erschossen worden. In Milwaukee sind zehntausend Menschen, die waffenlos auf einem öffentlichen Platz für den Frieden demonstrierten, durch Giftgasgranaten getötet worden. In vielen Orten der U.S.A. haben die Arbeiter die Giftgasfabriken besetzt. Dort wo sie sich bewaffnet haben, gelang es ihnen, sich zu behaupten. An anderen Stellen aber, wo sie töricht genug waren, dem Versprechen der Kapitalisten zu glauben, sind sie erbarmungslos niedergemetzelt worden." „Ich habe soeben einen neuen Funkspruch meiner Regierung erhalten. Die U. S. A. ist nunmehr bereit, einen neuen Friedensvertrag abzuschließen, in dem völlige gegenseitige Abrüstung zugesichert wird."
„Und Südamerika? Und die Auswanderungsfreiheit?" „In Südamerika Status quo. Auswanderungsfreiheit für 100000 Arbeiter pro Jahr." „Und die übrigen 5900000 Arbeitslosen?" „Für die wird gesorgt werden."
„Und die Millionen anderen Arbeiter, die nicht mehr unter miserablen Verhältnissen für andere schuften wollen? Und die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung, die längst den Kapitalismus satt hat und sich nach dem Sozialismus sehnt? Werden Sie eine Volksabstimmung zulassen? Werden sofort Neuwahlen erfolgen?"
„Nein, der Senat hat beschlossen, die Legislaturperiode für den Präsidenten und für alle Körperschaften um 5 Jahre zu verlängern."
„Das ist Vergewaltigung. Die amerikanische Bevölkerung verlangt Kursänderung."
„Wir bedauern außerordentlich, den Stimmungen einzelner Leute nicht nachgeben zu können. Die Regierung wird fest bleiben."
„Dann muss sie gestürzt werden."
„Vielleicht, aber dann ist das Ihre Schuld. Dann ist es auch Ihre Schuld, wenn die amerikanische Regierung einige hundert Millionen Menschen mit ins Verderben reißt. Die sozialistische Union ist gut gerüstet. Aber auch wir haben Waffen. Schlimmere Waffen, als Sie ahnen! Von unseren Festungen aus, die mit auserlesenen Kerntruppen besetzt sind, können wir die halbe Welt vernichten." „Die amerikanische Regierung glaubt also noch immer Bedingungen stellen zu dürfen. Was verlangen die Herren von uns?"
„Keine Antastung der Monroedoktrin! Die Regierung der U. S. A. übt auf dem ganzen amerikanischen Kontinent die Polizeigewalt aus und verpflichtet sich, keinen Angriffskrieg zu führen. Gegenseitige Abrüstung ohne Kontrolle, im Vertrauen darauf, dass jede Regierung ihr Versprechen hält!"
„Ohne Kontrolle! Unmöglich, dies Vertrauen kann die amerikanische Regierung nicht mehr beanspruchen. Wir können die Welt nicht der ständigen Bedrohung durch eine Horde von ..."

„Achtung!!! Achtung!!! Achtung!!! Gasalarm!!! Gasalarm!!! Gasalarm!!!
Amerikanische Giftgastorpedos an den europäischen Küsten!!!
Militärischer Angriffsplan C, Variante 3 tritt in Kraft! Gasalarm für die ganze Welt! Gasanzüge anziehen! Gasmasken und Gastelefone umhängen! Amerika eröffnet den Krieg!!!
In ganz Amerika Bürgerkrieg. Noch keine Giftgasraketen auf amerikanischen Kontinent abschießen. Alle Flugzeug - und Schiffsgeschwader: Marsch! Alle nicht eingeteilten Schiffe: aufmarschieren zu Massentransporten Afrika-Südamerika unter dem Schutze des sechsten und siebenten Schiffs- und des zweihundertsten bis dreihundertsten Flugzeuggeschwaders in Linie Freetown—Kap S. Roque. Nordostbrasilien ist besetzt. Gefangene Arbeiter in Fortaleza— Pernambuco und Bahia befreit.
Wenn der amerikanische Vormarsch nach dem Süden nicht sofort eingestellt wird, legen wir Sperrfeuer auf den Äquator und auf den 5o. Längengrad. Angriffsflotte setzt Vormarsch westwärts fort. Zweite Linie errichtet schwimmen­den Festungs-, Minen- und Torpedofanggürtel Grönland— Azoren—Madeira. Dritte Abwehrlinie Island—Irland—Por­tugal, verstärkt durch russische Abteilung 37—50. Achtung! Portugal! Höchstalarm!!! Nach Fliegermeldung landen in wenigen Minuten Giftgastorpedos an eurer Küste. Lücke im Fangsystem. Befehl an Spanien: Gasmasken auf! Gastelefon einschalten!
Achtung, Achtung, australische Genossen, ihr müsst allein mit euren Gegnern fertig werden!
Kriegsleitung von jetzt ah Pamir. Wellenlänge 1 — 100 des Geheimcode 37.
An die Bewohner von Labrador, Halifax, Florida, Panama und Bermuda! Wir müssen Torpedoabschussstelle vernichten und Kanalzone sperren. In zehn Minuten landen 300000 Raketengeschosse, die mit den neuesten, schrecklichsten Giften gefüllt sind. Gegen dieses Gift gibt es keine Rettung, — wir selbst wissen kein Mittel dagegen. Flieht westwärts oder nehmt euch sofort das Leben, wenn ihr nicht die schrecklichsten Qualen erdulden wollt! Wir müssen euch opfern, um die Menschheit zu retten.

An die Arbeiterschaft Amerikas!
Genossen, wir können euch nur noch drei Stunden Zeit geben. Wenn die kapitalistische Pest bis dahin nicht vom Erdboden vertilgt ist, müssen wir 100 Millionen Menschen vernichten, um das Leben von 1000 Millionen zu retten. Nützt diese drei Stunden! Zerstört alle Brücken, Verkehrsmittel und Bahnhöfe! Steckt alle Häuser, Wälder, Dörfer, Städte, Fabriken, Lagerschuppen und Schiffe in Brand! Fangt mit eurem eigenen Eigentum an! Schont nicht eure eigenen Häuser! Wenn ihr siegt, werden wir euch in Jahresfrist die herrlichsten Wohnpaläste bauen. Wenn ihr aber nicht siegt, seid ihr in vier Stunden alle tot. Zündet die Städte an und flieht! Schont nur die Rundfunksender! Achtung! Achtung!!
Amerikanische Giftgasraketen bestreuen Ostsibirien und Nordafrika. Gasabwehrmittel 37, 49 und 101 anwenden.
An irischer Küste Gastorpedos abgefangen. Sperrfeuer auf Panamakanal.
Wir unterbrechen jetzt die Sitzung, ziehen um in Gaskeller. Amerikanische Delegierte fordern wir auf, mitzukommen. Amerikanische Regierung fordern wir auf, sich in zehn Minuten zu melden zur Wiederaufnahme von Verhandlungen. Amerikanische Arbeiter fordern wir auf, ihre Pflicht zu tun und Bericht zu erstatten."
„Achtung, Achtung, Achtung ... Hier Philadelphia ... Revolutionskomitee ... Wir haben die Giftgasfabriken gestürmt und die Raketenabschussstellen besetzt. Neue Regierungstruppen rücken an, wir sind zu schwach, wir werden unterliegen. Wir haben tausend Raketen im Meer versenkt, aber 10000 liegen noch da. Wir haben keine Zeit mehr. Die Regierungstruppen rücken vor. Gebt Feuer auf Philadelphia, gebt Feuer! Wenn ihr das neue sozialistische Amerika aufbaut, denkt an die Arbeiter von Philadelphia!" „Achtung, Achtung. Hier Chef der Marineleitung U.S.A. Halloh, Atlantikflotte. Halloh, Florida, Cuba, Panama, Port of Spain, Halloh Bermuda ... Lebt ihr noch? ... Meldet euch doch! ... Warum meldet ihr euch nicht??? Gebt Antwort!!!"
„Achtung! Hier zweites rotes Raketengeschwader, nördlich Bermuda. Habt Dank, Arbeiter von Philadelphia. Nehmt euch das Leben, schnell, in dreißig Minuten platzen die ersten tausend Raketen. Habt Dank." „Halt! Halt! Hier Rotes Oberkommando. Haltet ein, Genossen in Philadelphia! Wir stoppen Gasabschuss. Falls Lage unhaltbar, ergebt euch. Hilfe naht. Baltimore und New York funken Arbeitersieg."
„Achtung, Dach der Welt, Rotes Oberkommando. Wenn Raketenabschuss nicht sofort eingestellt wird, können wir den nordamerikanischen Kontinent nicht mehr schonen. In Südamerika nördlich des Äquators lebt kein Mensch mehr. In Mexiko und Nikaragua hat die Revolution gesiegt. Aus U.S. A. erhalten wir keine Nachricht. Beeilt euch Arbeiter in Amerika!"
Achtung! Achtung! Hier Verhandlungszentrum London. Das oberirdische London ist tot. In tiefen Kellern und Unterständen hausen Millionen dicke, abscheuliche Larven, in denen sich Menschen verstecken. Die amerikanische Regierung hat sich trotz mehrfacher Aufforderung nicht gemeldet. Sind die amerikanischen Delegierten da? Melden Sie sich doch! Man kann doch niemand hinter diesen Gaspanzern erkennen. Halloh, Genossen, die fünf Mann dort in der Ecke werden es sein. Führt sie zum Tisch. Steckt ihre Telefonkontakte in das Schaltbrett! Halloh, wer ist Mr. Young? Hand hoch! Sie zittern, Mr. Young, Sie haben das nicht gewollt? Das hat schon mal jemand gesagt, als es zu spät war. Aber diesmal geht es nicht so harmlos für die Herren ab wie anno 14. In wenigen Stunden ist ganz Nordamerika ein Leichenfeld, wenn Ihre Regierung sich nicht sofort ergibt und den Raketenabschuss einstellt. Mitglieder der amerikanischen Regierung, meldet euch! 100 Millionen Menschenleben sind in eurer Hand. Ein Druck auf den Knopf, und sie sind vernichtet. Wir, die Sieger, machen euch, den Besiegten, den zum Tode verurteilten, in letzter Minute ein Angebot: das ungeheuerlichste Angebot, das je in der Geschichte der Menschheit gemacht wurde. Wir fordern sofortige Kapitulation innerhalb zehn Minuten. Aber um 100 Millionen unschuldige Menschenleben zu schonen, gewähren wir euch so phantastische Bedingungen, wie sie noch niemals von hundertprozentigen Siegern den Besiegten gewährt wurden. Wir bieten euch tausendmal mehr, als ihr je durch Kriegsgewinn erreichen könntet. Ihr wolltet ein arbeitsloses Leben in Reichtum und Üppigkeit. Ihr sollt es haben. Wir dehnen unser Angebot auf das ganze amerikanische Volk aus, auf all die Millionen Todgeweihten. Unsere nächste Jahresproduktion von 30 Millionen Autoflugbooten gehört euch. All unsere Flugzeug- und Luftschifflinien, unsere Luxusdampfer, unsere Salonexpresszüge und Autoverbindungen stehen euch ohne Gegenleistung zur Verfügung. An jedem Orte der Welt erhaltet ihr freie Wohnung in unseren Wohnpalästen, Kurorten und Erholungsheimen. Überall reichliche Verpflegung und Kleidung. Unsere Sportplätze, Theater und Konzertsäle stehen euch offen. Dies Angebot gilt für alle Amerikaner ohne Unterschied, hört ihr! Aber einen Unterschied werden wir doch machen. Strafe muss sein. Allen Amerikanern, die sich rechtzeitig auf ihre Menschheitspflicht besonnen haben, steht es frei, jährlich die wenigen hundert Stunden zu arbeiten, die in Zukunft noch notwendig sind. Die anderen aber, die nur dem Zwang gehorchen, sollen davon ausgeschlossen sein. Sie dürfen in keiner Fabrik, in keinem Studio, in keinem Laboratorium arbeiten und auch an der gesellschaftlichen freiwilligen Arbeit nicht teilnehmen. Sie sollen als die Drohnen sterben, die sie sein wollten. Jetzt überlegt euch, Amerikaner, ob es noch einen Sinn hat, den Krieg fortzusetzen. Unser Angebot ist ernst gemeint, wir werden unser Wort halten. Entscheidet euch!!!"

„Minute um Minute vergeht. Qualvolles Warten an den Empfängern. Immer noch fallen Raketen. Keine Nachricht aus Amerika. Anscheinend versuchen einige Sender zu funken. Man kann nichts verstehen. Störungssender sind auf vielen Wellen am Werk. Der Raketenregen wird stärker. Wir können nicht länger warten ... Die Transkontinentalraketenbatterien schalten den Strom ein ... Die Raketenflugzeuggeschwader setzen zum Angriff an. Auch von Westen her nähern sich die ersten Raketenflugzeuge dem ameri­kanischen Kontinent. Das Ozeansperrfeuer liegt jetzt überall dicht vor der amerikanischen Küste. Unsere Sperrlinien berichten, dass immer mehr Torpedos abgefangen werden.
Aber die wurden schon vor einem Tage abgeschossen. Auch der Raketenregen hört nicht auf ... Wir wissen nicht, wie es jetzt drüben aussieht ... Vielleicht ist es schon entschieden ... aber wir können nicht mehr warten ... wir können nicht das Schicksal der ganzen Menschheit aufs Spiel setzen ... wir müssen handeln ... Immer noch keine Nachricht ... wir können nicht länger warten ...
Raketenbatterien......Achtung!!!!!!
Feuerwalze verlegen auf den ... Halt! Halt!
Man funkt ... Ist das Amerika? ... Welche Welle, Wellenmesser? Alle S.U.-Sender: Sendung einstellen!! Welle 711 sendet ... Welle 711? Ist das Symbol? Die Welle des siebenten November?
Ja! ja! Das ist Amerika!!! Scharf einstellen! ... scharf! scharf! ...
Musik, Musik! ... Sie spielen, hört ihr es, Genossen? Sie spielen:

Die Internationale. Umarmt euch Brüder! Die Welt ist unser!!"

 

 

Es ist anders gekommen!

Der größte Teil der organisierten Arbeiterschaft folgte 1918 der reformistischen Einheitsparole. Wir begnügten uns leider damit, unseren Unwillen über die Politik der Ebert und Scheidemann, der Wels und Wisseil in Protestresolutionen kundzutun, — die natürlich in den Papierkorb wanderten. Die Führer fragten nicht nach unserem Wil­len. Sie missbrauchten die Macht, die wir ihnen vertrauens­voll übereignet hatten. Auf ihren Plakaten sagten sie: Die Sozialisierung marschiert! In Wirklichkeit aber ließen sie die weißen Garden der Bourgeoisie marschieren ... So haben sie die Herrschaft des Kapitals wieder aufgerichtet.
Seitdem sind zwölf Jahre vergangen, in denen Reformisten und Kapitalisten Gelegenheit hatten, die Richtigkeit ihrer Theorien unter Beweis zu stellen. Das katastrophale Resultat ist bekannt.
Die demokratischen Illusionen sind verflogen. Die Welt steht vor der Entscheidung: Weltrevolution oder Weltreaktion. Sturmzeichen künden bereits die kommenden Kämpfe.
Die Herrschaft der bedrohten Bourgeoisie wird immer mehr zur offenen Diktatur, denn die Unhaltbarkeit des kapitalistischen Systems wird immer sichtbarer. Der Sozialismus aber ist keine bloße Vision mehr. Auf allerungünstigstem Boden, auf den Trümmern des alten Zarenreiches, beginnt er, Wirklichkeit zu werden. Auch für die übrige Welt ist er kein vages Zukunftsbild mehr. Selbst bei seinen Feinden beginnt die Erkenntnis, die sie so lange nicht wahrhaben wollten, sich Bahn zu brechen: Es gibt nur eine Dauerlösung der Weltwirtschaftskrise, — die Weltplanwirtschaft. Aber nur die sozialistische Revolution kann die Weltplanwirtschaft verwirklichen. Die Industrialisierung der Welt hat gewaltige Fortschritte gemacht. Die von Marx prophezeite Wirkung blieb nicht aus. Immer schwerere Krisen erschüttern die kapitalistische Welt. Auch Amerika, das noch vor wenigen Jahren von ewiger „prosperity" träumte, ist in den Strudel der kapitalistischen Niedergangsepoche gezogen worden. Die Weltrevolution ist tatsächlich im Gange. In allen Kolonien und halbkolonialen Ländern lodern die Flammen des Aufruhrs. Der Sieg der proletarischen Revolution in einem der großen hochindustriellen Länder genügt, um den entscheidenden Umschwung herbeizuführen. Dieser Umschwung wäre längst eingetreten, wenn sich der Sowjetunion ein hochindustrielles Land angeschlossen hätte, wenn der gewaltige Aufbau, der sich dort vollzieht, von einer höheren industriellen Basis aus in Angriff genommen worden wäre. Die Entscheidung wäre längst gefallen, wenn der sozialistische Gedanke nicht diskreditiert worden wäre durch die Führer, die sich zu unrecht noch immer Sozialisten nennen, wenn die Sozialdemokraten sich nicht auf die andere Seite der Barrikade gestellt hätten. Vielleicht hätte die Revolution zunächst nur auf Deutschland, Italien und auf die Rand-, Donau- und Balkanstaaten übergegriffen, während Westeuropa und Teile Afrikas und Asiens noch etwas länger unter der internationalen Kapitalsherrschaft verblieben wären.
Über solche Fragen zu streiten, hieße indessen, den Sinn des Buches verkennen. Es kam mir darauf an, durch Darstellung der Möglichkeiten, die damals bestanden, die Fehler zu zeigen, die gemacht wurden, und zugleich Interesse und Verständnis für die Probleme des revolutionären Endkampfes zu wecken.
Der Einblick in die versäumten Möglichkeiten des Jahres 1918 wird die Erkenntnis der heute bestehenden revolutionären Möglichkeiten erleichtern.
Einsicht in begangene Fehler ist die Voraussetzung für ihre Wiedergutmachung.