W. I. Lenin





Sozialismus und Krieg







I. Kapitel:


Die Grundsätze des Sozialismus

und der Krieg 1914/1915





Die Stellung der Sozialisten zu Kriegen

Die Sozialisten haben die Kriege unter den Völkern stets als eine barbarische und bestialische Sache verurteilt. Aber unsere Stellung zum Krieg ist eine grundsätzlich andere als die der bürgerlichen Pazifisten (der Friedensfreunde und Friedensprediger) und der Anarchisten. Von den ersteren unterscheiden wir uns durch unsere Einsicht in den unabänderlichen Zusammenhang der Kriege mit dem Kampf der Klassen im Innern eines Landes, durch die Erkenntnis der Unmöglichkeit die Kriege abzuschaffen, ohne die Klassen abzuschaffen und den Sozialismus aufzubauen, ferner auch dadurch, daß wir die Berechtigung, Fortschrittlichkeit und Notwendigkeit von Bürgerkriegen voll und ganz anerkennen, d.h. von Kriegen der unterdrückten Klasse gegen die unterdrückende Klasse, der Sklaven gegen die Sklavenhalter, der leibeigenen Bauern gegen die Gutsbesitzer, der Lohnarbeiter gegen die Bourgeoisie. Von den Pazifisten wie von den Anarchisten unterscheiden wir Marxisten uns weiter dadurch, daß wir es für notwendig halten, einen jeden Krieg in seiner Besonderheit historisch (vom Standpunkt des Marxschen dialektischen Materialismus) zu analysieren. Es hat in der Geschichte manche Kriege gegeben, die trotz aller Greuel, Bestialitäten, Leiden und Qualen, die mit jedem Krieg unvermeidlich verknüpft sind, fortschrittlich waren, d.h. der Entwicklung der Menschheit Nutzen brachten, da sie halfen, besonders schädliche und reaktionäre Einrichtungen (z.B. den Absolutismus oder die Leibeigenschaft) und die barbarischsten Despotien Europas (die türkische und die russische) zu untergraben. Wir müssen daher die historischen Besonderheiten eben des jetzigen Krieges untersuchen.



Die historischen Typen von Kriegen in der Neuzeit

Die große Französische Revolution eröffnete eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit. Von dieser Zeit bis zur Pariser Kommune, von 1789 bis 1871, stellten die bürgerlich-fortschrittlichen nationalen Befreiungskriege einen besonderen Typus von Kriegen dar. Mit anderen Worten: Der Hauptinhalt und die historische Bedeutung dieser Kriege waren die Beseitigung des Absolutismus und des Feudalismus, ihre Untergrabung die Abwerfung eines national fremden Jochs. Sie waren daher fortschrittliche Kriege, und alle aufrechten, revolutionären Demokraten, ebenso wie alle Sozialisten, wünschten bei solchen Kriegen stets den Sieg desjenigen Landes (d.h. derjeniger Bourgeoisie), das zur Beseitigung oder Untergrabung der gefährlichsten Stützpfeiler des Feudalismus, des Absolutismus und der Unterdrückung fremder Völker beitrug. Die Revolutionskriege Frankreichs z.B. enthielten ein Element der Ausplünderung und der Eroberung fremder Territorien durch die Franzosen, aber das ändert durchus nichts an der grundlegenden historischen Bedeutung dieser Kriege, die den Feudalismus und Absolutismus in dem ganzen alten in die Fesseln der Leibeigenschaft geschlagenen Europa zerstörten oder doch erschütterten. Im deutsch-französischen Krieg wurde Frankreich durch Deutschland beraubt, aber das ändert nichts an der grundlegenden historischen Bedeutung dieses Krieges, der Millionen und aber Millionen Deutsche von feudaler Zersplitterung und von der Unterdrückung durch zwei Despoten, den russischen Zaren und Napoleon III., befreite.



Der Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

Die Epoche von 1789 bis 1871 hinterließ tiefe Spuren und revolutionäre Erinnerungen. Vor dem Sturz des Feudalismus. des Absolutismus und der Fremdherrschaft konnte von einer Entwicklung des proletarischen Kampfes um den Sozialismus nicht die Rede sein. Sprachen die Sozialisten im Hinblick auf die Kriege einer solchen Epoche von der Berechtigung des „Verteidigungs”krieges, so bauen sie stets gerade diese Ziele, das heißt die Revolution gegen Mittelalter und Leibeigenschaft im Auge. Die Sozialisten verstanden unter einem „Verteidigungs”krieg stets einen in diesem Sinne „gerechtenKrieg (wie sich Wilhelm Liebknecht einmal ausdrückte). Nut in diesem Sinne erkannten und erkennen jetzt noch die Sozialisten die Berechtigung, den fortschrittlichen und gerechten Charakter der „Vaterlandsverteidigung” oder des „Verteidigungs”krieges an. Wenn zum Beispiel morgen Marokko an Frankreich, Indien an England, Persien oder China an Rußland usw. den Krieg erklärten, so wären das gerechte Kriege, Verteidigungs kriegc, unabhängig davon, wer als erster angegriffen hat, und jeder Sozialist würde mit dem Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten über die Unterdrücker, die Sklavenhalter, die Räuber - über die „Groß”mächte - sympathisieren.

Aber stellen wir uns einmal vor, ein Sklavenhalter, Besitzer von 200 Sklaven, läge im Krieg mit einem anderen Sklavenhalter, Besitzer von 200 Sklaven, um die „gerechtere” Neuaufteilung der Sklaven. Es ist klar, daß die Anwendung der Begriffe „Verteidigings”krieg oder „Vaterlandsverteidigung” auf einen solchen Fall historisch verlogen und praktisch ein glatter Betrug wäre, begangen von gerissenen Sklavenhaltern am einfachen Volk, an den Kleinbürgern, an der unaufgeklärten Masse. Ganz genauso werden im gegenwärtigen Krieg, den die Sklavenhalter führen, um die Sklaverei aufrechtzuerhalten und zu verstärken, die Völker von der heutigen imperialistischen Bourgeoisie mittels der „nationalen” Ideologie und des Begriffs der Vaterlandsverteidigung betrogen.



Der gegenwärtige Krieg ist ein imperialistischer Krieg

Fast alle erkennen an, daß der heutige Krieg ein imperialistischer Krieg ist, aber zumeist verfälscht man diesen Begriff oder wendet ihn jeweils nur auf eine Seite an oder unterstellt schließlich trotzdem die Möglichkeit, daß dieser Krieg die Bedeutung eines bürgerlich-fortschrittlichen, eines nationalen Befreiungskrieges haben könne. Der Imperialismus stellt die erst im 20. Jahrhundert erreichte höchste Entwicklungsstufe des Kapitalismus dar. Dem Kapitalismus ist es zu eng geworden in den alten Nationalstaaten, ohne deren Bildung er den Feudalismus nicht stürzen konnte. Der Kapitalismus hat die Konzentration bis zu einem solchen Grade entwickelt, daß ganze Industriezweige von Syndikaten, Trusts, Verbänden kapitalistischer Milliardäre in Besitz genommen sind und daß nahezu: der ganze Erdball unter diese „Kapitalgewaltigen” aufgeteilt ist, sei es in der Form von Kolonien, sei es durch die Umstrickung fremder Länder mit den tausendfachen Fäden finanzieller Ausbeutung. Der Freihandel und die freie Konkurrenz sind ersetzt durch das Streben nach Monopolen, nach Eroberung von Gebieten für Kapitalanlagen, als Rohstoffquellen usw. Aus einem Befreier der Nationen, der er in der Zeit des Ringens mit dem Feudalismus war, ist der Kapitalismus in der imperialistischen Epoche zum größten Unterdrücker der Nationen geworden. Früher fortschrittlich, ist der Kapitalismus jetzt reaktionär geworden, er hat die Produktivkräfte so weit entwickelt daß der Menschheit entweder der Übergang zum Sozialismus oder aber ein jahre-, ja sogar jahrzehntelanger bewaffneter Kampf der „Groß”mächte uni die künstliche Aufrechterhaltung des Kapitalismus mittels der Kolonien, Monopole, Privilegien und jeder Art von nationaler Unterdrückung bevorsteht.



Der Krieg zwischen den größten Sklavenhaltern um die Aufrechterhaltung und Festigung der Sklaverei



Um die Bedeutung des Imperialismus zu erläutern, seien hier exakte Angaben über die Aufteilung der Welt unter die sog. „großen” (das heißt in der Räuberei großen Stils erfolgreichen) Mächte angeführt.



Aufteilung der Welt unter die „großen” Sklavenhaltermächte

Kolonien

Metropolen

Insgesamt

1876

1914

1914

1914

Groß”mächte

qkm

Einw.

qkm

Einw.

qkm

Einw.

qkm

Einw.

Millionen

Millionen

Millionen

Millionen

England

22,5

251,9

33,5

393,5

  0,3

  46,5

  33,8

   440,0

Rußland

17,0

  15,9

17,4

  33,2

  5,4

136,2

  22,8

   169,4

Frankreich

  0,9

    6,0

10,6

  55,5

  0,5

  39,6

  11,1

     95,1

Deutschland

  2,9

  12,3

  0,5

  64,9

    3,4

     77,2

Japan

  0,3

  19,2

  0,4

  53,0

    0,7

     72,2

V. Staaten von
Nordamerika

  0,3

    9,7

  9,4

  97,0

    9,7

   106,7

Sechs „Groß”mächte

40,4

273,8

65,0

523,4

16,5

437,2

  81,5

   960,6

Kolonien, die nicht den Großmächten (sondern
Belgien, Holland und anderen Staaten) gehören

  9,9

  45,3

    9,9

     45,3

Drei „halbkoloniale” Länder
(Türkei, China und Persien)

14,5

   361,1

Insgesamt

105,9

1,367,1

Andere Staaten und Länder

  28,0

   289,9

Der ganze Erdball (ohne Polargebiet)

133,9

1.657,0



Hieraus wird ersichtlich, wie die Völker, die von 1789 bis 1871 im Kampf um die Freiheit zum größten Teil an der Spitze der übrigen Völker standen, sich nunmehr, nach 1876, auf dem Boden des hochentwickelten und überreifen” Kapitalismus in Unterdrücker und Beherrscher der Mehrheit aller Erdbewohner und aller Nationen der Welt verwandelt haben. Von 1876 bis 1914 haben die sechs „Groß”mächte 25 Millionen Quadratkilometer an sich gerissen, d.h. ein Gebiet, das zweieinhalbmal so groß ist wie ganz Europa! Sechs Mächte halten mehr als eine halbe Milliarde (523 Millionen) Bewohner der Kolonien unter ihrem Joch. Auf je 4 Einwohner der „Groß”mächte kommen 5 in „ihren” Kolonien. Und jeder weiß, daß die Kolonien mit Feuer und Schwert erobert worden sind, daß die Kolonialbevölkerung wie Vieh behandelt wird, daß sie mit tausenderlei Methoden ausgebeutet wird (mittels Kapitalexport, Konzessionen usw., durch Betrug beim Verkauf der Waren, Unterwerfung unter die Machtorgane der „herrschenden” Nation und so weitet und so fort). Die englische und die französische Bourgeoisie betrügen das Volk, wenn sie behaupten, sie führten den Krieg für die Freiheit der Völker und Belgiens: in Wirklichkeit führen sie ihn, um die von ihnen massenhaft zusammengeraubten Kolonien behalten zu können. Die deutschen Imperialisten würden Belgien usw. sofort freigeben, wenn die Engländer und Franzosen ihre Kolonien „brüderlich” mit ihnen teilen wollten. Das Eigenartige der Lage besteht darin, daß in diesem Krieg die Geschicke der Kolonien durch den Krieg auf dem Kontinent entschieden werden. Vom Standpunkt der bürgerlichen Gerechtigkeit und nationalen Freiheit (oder des Existenzrechts der Nationen>

wäre Deutschland unbedingt im Recht gegen England und Frankreich, denn es ist bei der Teilung der Kolonien übervorteilt worden, seine Feinde halten unvergleichlich mehr Nationen unter ihrer Botmäßigkeit als es selbst, und im Reiche seines Verbündeten, in Österreich, genießen die unterdrückten Slawen zweifellos größere Freiheit als im zaristischen Rußland, diesem wahren „Völkergefängnis”. Aber Deutschland selbst kämpft nicht für die Befreiung, sondern für die Unterdrückung der Nationen. Es ist nicht Sache der Sozialisten, dem jüngeren und kräftigeren Räuber (Deutschland) zu helfen, die älteren, sattgefressenen Räuber auszuplündern. Die Sozialisten haben den Kampf zwischen den Räubern auszunutzen, um sie allesamt zu beseitigen. Zu diesem Zweck müssen die Sozialisten vor allem dem Volk die Wahrheit sagen, nämlich, daß dieser Krieg in dreifachem Sinne ein Krieg der Sklavenhalter für die Verstärkung der Sklaverei ist. Er wird geführt 1. zur Festigung der Kolonialherrschaft durch „gerechtere” Aufteilung und weitere, mehr „solidarische” Ausbeutung der Kolonien; 2. zur verstärkten Unterdrückung der fremden Nationen in den Ländern der „Groß”mächte selbst denn sowohl Österreich wie auch Rußland (Rußland in viel stärkerem und höherem Grade als Österreich) halten sich nur mittels dieser Unterdrückung, die sie durch den Krieg noch verschärfen; 3. zur Festigung und Verlängerung der Lohnsklaverei, denn das Proletariat wird durch ihn gespalten und niedergehalten, während die Kapitalisten davon profitieren, da sie sich am Krieg bereichern, die nationalen Vorurteile schüren und die Reaktion stärken, die in allen, selbst in den freiesten und republikanischen Ländern ihr Haupt erhoben hat.



Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern”

(nämlich: gewaltsamen) „Mitteln”

Dieser berühmte Ausspruch stammt von Clausewitz einem der geistvollsten Militärschriftsteller. Die Marxisten haben diesen Satz mit Recht stets als theoretische Grundlage ihrer Auffassungen von der Bedeutung eines jeden konkreten Krieges betrachtet. Marx und Engels haben die verschiedenen Kriege stets von diesem und keinem anderen Standpunkt aus beurteilt.

Man wende diese Auffassung nun auf den gegenwärtigen Krieg an. Man wird sehen, daß die Regierungen und die herrschenden Klassen Englands wie Frankreichs, Deutschlands wie Italiens, Österreichs wie Rußlands jahrzehntelang, nahezu ein halbes Jahrhundert lang, eine Politik des Kolonialraubs, der Unterjochung fremder Nationen, der Unterdrückung der Arbeiterbewegung getrieben haben. Genau diese Politik, und nur diese, wird im gegenwärtigen Krieg fortgesetzt. Insbesondere hat sowohl in Österreich als auch in Rußland die Politik der Friedens- wie der Kriegszeit die Versklavung der Nationen, nicht ihre Befreiung zum Inhalt. Umgekehrt sehen wir in China, Persien Indien und in anderen abhängigen Ländern im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Politik des Erwachens von Dutzenden und Hunderten Millionen Menschen zum nationalen Leben, ihrer Befreiung vom Joch der reaktionären Groß”mächte. Auf solchem historischen Boden kann der Krieg auch heute ein bürgerlich-fortschrittlicher, ein nationaler Befreiungskrieg sein.

Man braucht den gegenwärtigen Krieg nur von dem Standpunkt aus zu betrachten, daß in diesem Krieg die Politik der

Großmächte und der maßgebenden Klassen in ihnen fortgesetzt wird, um sofort den himmelschreiend antihistorischen, verlogenen und heuchlerischen Charakter der Ansicht zu erkennen, daß man in diesem Krieg die Idee der „Vaterlandsverteidigung” rechtfertigen könne.

Das belgische Beispiel

Die Sozialchauvinisten des Dreiverbands (jetzt Vierverbands), (in Rußland Plechanow und Co.) berufen sich mit Vorliebe auf das belgische Beispiel. Aber dieses Beispiel spricht gegen sie. Die deutschen Imperialisten haben die Neutralität Belgiens schamlos gebrochen, wie es die kriegführenden Staaten, die im Bedarfsfall alle Verträge und eingegangenen Verpflichtungen brechen, stets und überall getan haben. Angenommen, alle an der Einhaltung der internationalen Verträge interessierten Staaten hätten Deutschland den Krieg erklärt mit der Forderung, Belgien zu räumen und zu entschädigen. In diesem Fall wäre die Sympathie der Sozialisten natürlich auf seiten der Feinde Deutschlands. Aber der Haken ist gerade der, daß der „Drei(bzw. Vier)verband” den Krieg nicht um Belgiens willen führt; das ist aller Welt bekannt, und nur Heuchler suchen es zu vertuschen. England will die deutschen Kolonien und die Türkei plündern, Rußland Galizien und die Türkei, Frankreich strebt nach Elsaß-Lothringen, ja sogar nach dein linken Rheinufer; mit Italien ist ein Vertrag geschlossen über die Teilung der Beute (Albanien, Kleinasien); mit Bulgarien und Rumänien wird gleichfalls um die Teilung der Beute geschachert. Auf der Basis des gegenwärtigen Krieges zwischen den gegenwärtigen Regierungen kann man Belgien nicht anders helfen als dadurch, daß man mithilft, Österreich oder die Türkei usw. zu erdrosseln! Was hat das mit „Vaterlandsverteidigung” zu tun?? Darin besteht doch gerade die Besonderheit des imperialistischen Krieges, eines Krieges zwischen reaktionär-bürgerlichen, historisch überlebten Regierungen, eines Krieges, der geführt wird zwecks Unterdrückung anderer Nationen. Wer die Teilnahme an diesem Krieg gutheißt der verewigt die imperialistische Unterdrückung der Nationen. Wer dafür eintritt, die Schwierigkeiten, in denen sich die Regierungen jetzt befinden, für den Kampf um die soziale Revolution auszunutzen, der verficht die wirkliche Freiheit wirklich aller Völker, die nur im Sozialismus durchführbar ist.



Wofür kämpft Rußland?

In Rußland fand der kapitalistische Imperialismus moderner Prägung seinen klaren Ausdruck in der Politik des Zarismus gegenüber Persien, der Mandschurei und der Mongolei, aber im großen und ganzen überwiegt in Rußland der militärische und feudale Imperialismus. Nirgends in der Welt gibt es eine solche Unterdrückung der Mehrheit der Landesbevölkerung wie in Rußland: Die Großrussen machen nur 43 Prozent der Bevölkerung aus, d.h. weniger als die Hälfte, alle anderen aber sind als „Fremdstämmige” entrechtet. Von den 170 Millionen Einwohnern Rußlands sind rund 100 Millionen unterdrückt und entrechtet. Der Zarismus führt den Krieg, um Galizien zu erobern und die Freiheit der Ukrainer endgültig zu erwürgen, um Armenien, Konstantinopel usw. zu erobern. Der Zarismus sieht im Krieg ein Mittel, die Aufmerksamkeit von der wachsenden Unzufriedenheit im Innern des Landes abzulenken und die anschwellende revolutionäre Bewegung zu unterdrücken. Gegenwärtig entfallen im Russischen Reich auf zwei Großrussen zwei bis drei rechtlose Fremdstämmige”; mittels des Krieges sucht der Zarismus die Anzahl der von Rußland unterdrückten Nationen zu erhöhen, ihn Unterdrückung zu verstärken und so auch den Freiheitskampf der Großrussen selbst zu lähmen. Die Möglichkeit, fremde Völker zu unterdrücken und auszuplündern, verstärkt den ökonomischen Stillstand, denn als Profitquelle dient statt der Entwicklung der Produktivkräfte nicht selten die halbfeudale Ausbeutung der Fremdstämmigen”. Auf seiten Rußlands trägt der Krieg also einen ausgesprochen reaktionären und freiheitsfeindlichen Charakter.



Was ist Sozialchauvinismus?

Sozialchauvinismus ist das Eintreten für die Idee der Vaterlandsverteidigung in diesem Kriege. Aus dieser Idee ergibt sich weiter der Verzicht auf den Klassenkampf während des Krieges, die Bewilligung der Kriegskredite usw. In Wirklichkeit treiben die Sozialchauvinisten eine antiproletarische, eine bürgerliche Politik, denn was sie verfechten, ist in Wirklichkeit nicht die „Verteidigung des Vaterlandes” im Sinne des Kampfes gegen eine Fremdherrschaft, sondern das „Recht” dieser oder jener „Groß”mächte, Kolonien auszuplündern und fremde Völker zu unterdrücken. Die Sozialchauvinisten machen den Volksbetrug der Bourgeoisie mit, indem sie dieser nachsprechen, der Krieg werde geführt, um die Freiheit und Existenz der Nationen zu verteidigen, und damit gehen sie auf die Seite der Bourgeoisie über, wenden sie sich gegen das Proletariat. Zu den Sozialchauvinisten gehören sowohl diejenigen, die die Regierungen und die Bourgeoisie einer der kriegführenden Mächtegruppen rechtfertigen und ihre Politik beschönigen, als auch diejenigen, die wie Kautsky den Sozialisten aller kriegführenden Mächte gleichermaßen das Recht auf „Vaterlandsverteidigung” zusprechen. Da der Sozialchauvinismus in Wirklichkeit die Privilegien, Machtpositionen, Raubzüge und Gewalttaten der „eigenen” (oder überhaupt einer jeden) imperialistischen Bourgeoisie verteidigt, ist er gleichbedeutend mit völligem Verrat an allen sozialistischen Grundsätzen und an dem Beschluß des Internationalen Sozialistenkongresses von Basel.



Das Basler Manifest

Das 1912 in Basel einstimmig angenommene Manifest über den Krieg hatte genau den Krieg zwischen England und Deutschland, samt ihren jetzigen Verbündeten, im Auge, der 1914 dann auch ausbrach. Das Manifest erklärt unumwunden, daß kein Volksinteresse einen solchen Krieg rechtfertigen kann, der „zum Vorteile des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien” und fußend auf der imperialistischen Raubpolitik der Großmächte geführt wird. Das Manifest erklärt unumwunden. daß der Krieg „für die Regierungen” (alle ohne Ausnahme) gefährlich ist, es vermerkt ihre Furcht „vor einer proletarischen Revolution” und verweist mit aller Bestimmtheit auf das Beispiel der Kommune von 1871 und der Ereignisse von, Oktober-Dezember 1905, d.h. auf da; Beispiel der Revolution und des Bürgerkriegs. Das Basler Manifest fixiert somit gerade für den jetzigen Krieg die im internationalen Maßstab zu befolgende Taktik des revolutionären Kampfes der Arbeiter gegen die eigenen Regierungen, die Taktik der proletarischen Revolution. Das Basler Manifest wiederholt die Worte der Stuttgarter Resolution, daß die Sozialisten verpflichtet sind, im Falle des Kriegsausbruchs die durch den Krieg herbeigeführte „wirtschaftliche und politische Krise” auszunutzen, um „die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen”, d.h. die durch den Krieg verursachte schwierige Lage der Regierungen und die Empörung der Massen für die sozialistische Revolution auszunutzen.

Die Politik der Sozialchauvinisten, die den Krieg mit bürgerlich-„freiheitlichen” Argumenten rechtfertigen, die „Vaterlandsverteidigung” für zulässig halten, für die Kredite stimmen, in die Kabinette eintreten usw. usf., ist direkter Verrat am Sozialismus, ein Verrat der sich, wie wir noch sehen werden, nur durch den Sieg des Opportunismus und der nationalliberalen Arbeiterpolitik innerhalb der Mehrheit der europäischen Parteien erklären läßt.



Falsche Berufungen auf Marx und Engels

Die russischen Sozialchauvinisten (an ihrer Spitze Plechanow) berufen sich auf die Taktik von Marx im Kriege von 1870; die deutschen Sozialchauvinisten (von, Schlage der Lensch, David und Co.) berufen sich auf die Erklärungen von Engels im Jahre 1891, in denen er von der Pflicht der deutschen Sozialisten spricht, im Falle eines gleichzeitigen Krieges gegen Rußland und Frankreich das Vaterland zu verteidigen; die Sozialchauvinisten von, Kautskyschen Schlage schließlich, die den internationalen Chauvinismus allseits versöhnen und legitim machen möchten, berufen sich darauf, daß Marx und Engels, obwohl sie die Kriege verurteilten, sich dennoch, von 1854/1855 bis 1870/1871 und 1876/1877, stets auf die Seite des einen oder des anderen kriegführenden Staates stellten, sobald der Krieg einmal ausgebrochen war.

Alle diese Berufungen sind eine empörende Fälschung der Auffassungen von Marx und Engels zugunsten der Bourgeoisie und der Opportunisten. genauso wie in den Schriften der Anarchisten Guillaume und Co. die Auffassungen von Marx und Engels gefälscht werden, um den Anarchismus zu rechtfertigen. Der Krieg von 1870/1871 war von seiten Deutschlands historisch fortschrittlich, solange Napoleon III. nicht besiegt war, denn dieser hatte zusammen mit dem Zaren lange Jahre hindurch Deutschland bedrückt, indem er dessen feudale Zersplitterung unterstützte. Sobald dann der Krieg zu einer Beraubung Frankreichs entartete (Annexion von Elsaß-Lothringen), verurteilten Man und Engels die Deutschen ganz entschieden. Und auch zu Beginn dieses Krieges billigten es Marx und Engels, daß Bebel und Liebknecht sich weigerten. für die Kriegskredite zu stimmen, und rieten der Sozialdemokratie, sich nicht mit der Bourgeoisie zu vereinigen, sondern die selbständigen Klasseninteressen des Proletariats zu verfechten. Dieses Urteil über einen bürgerlich-fortschrittlichen, nationalen Befreiungskrieg auf den jetzigen imperialistischen Krieg übertragen heißt die Wahrheit vergewaltigen. Dasselbe gilt in noch viel höherem Grade von dem Krieg 1854/1855 und von allen anderen Kriegen des 19. Jahrhunderts, denn damals gab es weder den modernen Imperialismus noch zur Reife gediehene objektive Bedingungen für den Sozialismus, noch auch sozialistische Massenparteien in allen kriegfühtenden Ländern, d.h., es fehlten gerade die Voraussetzungen, aus denen das Basler Manifest die Taktik der proletarischen Revolution” im Zusammenhang mit einem Krieg zwischen den Großmächten ableitete.

Wer sich jetzt auf Marx’ Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx Worte „Die Arbeiter haben kein Vaterland” vergißt - diese Worte die sich gerade auf die Epoche der reaktionären, überlebten Bourgeoisie beziehen, auf die Epoche der sozialistischen Revolution - der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche.



Der Zusammenbruch der II. Internationale

Sozialisten aller Länder erklärten im Jahre 1912 zu Basel feierlich, daß sie den kommenden europäischen Krieg als das verbrecherische und erzreaktionäre Werk sämtlicher Regierungen ansehen, das den Zusammenbruch des Kapitalismus beschleunigen müsse, da es unweigerlich die Revolution gegen ihn auf den Plan rufe. Der Krieg kam, die Krise brach aus. An Stelle der revolutionären Taktik schlug die Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien eine reaktionäre Taktik ein und stellte sich auf die Seite der eigenen Regierungen und der eigenen Bourgeoisie. Dieser Verrat am Sozialismus bedeutet den Zusammenbruch der II. Internationale (1889-1914), und wir müssen uns darüber Rechenschaft ablegen, was diesen Zusammenbruch verursacht, was den Sozialchauvinismus erzeugt, was ihm Stärke verliehen hat.



Sozialchauvinismus ist vollendeter Opportunismus

Während der ganzen Epoche der II. Internationale spielte sich überall in den sozialdemokratischen Parteien ein Kampf zwischen den, revolutionären und dem opportunistischen Flügel ab. In einer Reihe von Ländern kam es darüber zur Spaltung (England, Italien, Holland, Bulgarien). Kein einziger Marxist zweifelte daran, daß der Opportunismus Ausdruck einer bürgerlichen Politik in der Arbeiterbewegung ist, daß er den Interessen des Kleinbürgertums und dem Bündnis einer geringfügigen Minderheit von verbürgerten Arbeitern mit „ihrerBourgeoisie entspricht einem Bündnis, das sich gegen die Interessen der Masse der Proletarier, der Masse der Unterdrückten richtet.

Die objektiven Verhältnisse am Ende des 19. Jahrhunderts brachten dem Opportunismus einen besonderen Kraftzuwachs dadurch, daß sie die Ausnutzung der bürgerlichen Legalität in einen Kniefall vor ihr verwandelten, daß sie eine schmale Schicht von Bürokraten und Aristokraten der Arbeiterklasse entstehen und viele kleinbürgerliche „Mitläufer” in die Reihen der sozialdemokratischen Parteien eindringen ließen.

Der Krieg beschleunigte die Entwicklung, indem er den Opportunismus zum Sozialchauvinismus, das geheime Bündnis der Opportunisten mit der Bourgeoisie zu einem offenen machte. Dazu kam noch, daß die Militärbehörden überall den Belagerungszustand verhängten und der Masse der Arbeiter einen Maulkorb anlegten, während die alten Arbeiterführer fast vollzählig ins Lager der Bourgeoisie überliefen.

Die ökonomische Grundlage des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und dieselbe: die Interessen einer ganz geringfügigen Schicht von privilegierten Arbeitern und Kleinbürgern, die ihre privilegierte Stellung, ihr Recht” auf Brocken vom Tische der Bourgeoisie verteidigen, auf Brocken von den Profiten, die „ihre” nationale Bourgeoisie durch die Ausplünderung fremder Nationen, durch die Vorteile ihrer Großmachtstellung usw. einstreicht.

Der ideologisch-politische Inhalt des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und derselbe: Zusammenarbeit der Klassen statt Klassenkampf, Verzicht auf revolutionäre Kampfmittel, Unterstützung der „eigenen” Regierung in einer für sie schwierigen Lage statt Ausnutzung dieser Schwierigkeiten für die Revolution. Nimmt man alle europäischen Länder zusammen, faßt man nicht einzelne (wenn auch noch so autoritative) Personen ins Auge, so wird sich zeigen, daß gerade die opportunistische Strömung zum Hauptstützpfeiler des Sozialchauvinismus geworden ist, während im Lager der Revolutionäre fast überall ein mehr oder minder folgerichtiger Protest gegen ihn laut wird. Nimmt man zum Beispiel die Gruppierung der Richtungen auf dem Stuttgarter Internationalen Sozialistenkongreß von 1907, so wird man sehen, daß der internationale Marxismus gegen den Imperialismus, der internationale Opportunismus aber schon damals für den Imperialismus war.



Einheit mit den Opportunisten heißt Bündnis der Arbeiter mit der „eigenen” nationalen Bourgeoisie

und Spaltung dir internationalen revolutionären Arbeiterklasse

In der abgelaufenen Epoche, vor dem Kriege, galt der Opportunismus häufig zwar als eine „Abweichung”, als ein „Extrem”, aber doch als ein legitimer Bestandteil der sozialdemokratischen Partei. Der Krieg zeigte, daß das in Zukunft unmöglich ist. Der Opportunismus ist „ausgereift”, er hat seine Rolle als Emissär der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung ausgespielt. Die Einheit mit den Opportunisten ist ZU einer einzigen Heuchelei geworden, - wie das Beispiel der deutschen Sozialdemokratie zeigt. In allen wichtigen Fällen (zum Beispiel bei der Abstimmung vom 4. August) warten die Opportunisten mit ihrem Ultimatum auf, das sie dann mit Hilfe ihrer weitverzweigten Beziehungen zur Bourgeoisie, ihrer Mehrheit in den Gewerkschaftsleitungen usw. durchsetzen. Einheit mit den Opportunisten bedeutet jetzt in der Praxis Unterwerfung der Arbeiterklasse unter die eigene nationale Bourgeoisie, Bündnis mit dieser Bourgeoisie zur Unterdrückung fremder Nationen und zum Kampf für die Großmachtprivilegien, also Spaltung des revolutionären Proletariats aller Länder.

Wie schwer der Kampf mit den in vielen Organisationen herrschenden Opportunisten in einzelnen Fällen auch sein mag, welch verschiedenartige Formen der Prozeß der Reinigung der Arbeiterparteien von den Opportunisten in den einzelnen Ländern auch annehmen mag, dieser Prozeß ist unvermeidlich und fruchtbar. Der reformistische Sozialismus stirbt ab; der wiedererstehende Sozialismus „wird revolutionär, intransigent und insurrektionell sein”, wie sich der französische Sozialist Paul Golay treffend ausgedrückt hat.



Das „Kautskyanertum”

Kautsky, die größte Autorität der II. Internationale, ist ein .üßerordentlich typisches und anschauliches Beispiel dafür, wie die Anerkennung des Marxismus in Worten dazu geführt hat, ihn in Wirklichkeit in „Struvismus” oder „Brentanoismus” [3] verwandeln. Wir sehen dies auch am Beispiel Plechanows. Mittels offenkundiger Sophismen wird der Marxismus seiner lebendigen revolutionären Seele beraubt, man akzeptiert vom Marxismus alles, ausgenommen die revolutionären Kampfmittel, ihre Propagierung und Vorbereitung, die Erziehung der Massen gerade in dieser Richtung. Kautsky „versöhnt” prinzipienlos den Grundgedanken des Sozialchauvinismus, die Anerkennung der Vaterlandsverteidigung in diesem Krieg, mit einer diplomatischen, ächeinbaren Konzession an die Linken in Form der Stimmenthaltung bei der Votierung der Kredite, der Unterstreichung seiner oppositionellen Einstellung in Worten usw. Kautsky, der im Jahre 1909 ein ganzes Buch über die herannahende Epoche der Revolutionen und über den Zusammenhang von Krieg und Revolution schrieb, Kautsky, der im Jahre 1912 das Basler Manifest über die revolutionäre Ausnutzung des kommenden Krieges unterzeichnete, rechtfertigt und beschönigt jetzt in allen Tonarten den Sozialchauvinismüs und schließt sich, gleich Plechanow, der Bourgeoisie an, indem er jeden Gedanken an die Revolution, jeden Schritt zum unmittelbar revolutionären Kampf verspottet.

Die Arbeiterklasse kann ihre welthistorische revolutionäre Mission nicht erfüllen ohne rücksichtslosen Kampf gegen dieses Renegatentum, diese Charakterlosigkeit, diese Liebedienerei vor dem Opportunismus und diese beispiellose theoretische Verflachung des Marxismus. Das Kautskyanertum ist kein Zufall, sondern ein soziales Produkt der Gegensätze in der II. Internationale, der Verbindung von Treue zum Marxismus in Worten mit Unterwerfung unter den Opportunismus in Taten.

In den verschiedenen Ländern tritt diese grundlegende Verlogenheit des Kautskyanertums in verschiedenen Formen in Erscheinung. In Holland verficht Roland-Holst, die die Idee der Vaterlandsverteidigung ablehnt, die Einheit mit der Partei der Opportunisten. In Rußland tritt Trotzki, der diese Idee ebenfalls ablehnt gleicherweise für die Einheit mit der opportunistischen und chauvinistischen Gruppe Nascha Sarja ein. In Rumänien ist es Rakowski, der dem Opportunismus als dem Schuldigen am Zusammenbruch der Internationale den Krieg erklärt, gleichzeitig aber bereit ist, die Idee der Vaterlandsverteidigung als gerechtfertigt anzuerkennen. Dies alles sind Erscheinungsformen jenes Übels, das die holländischen Marxisten (Gorter, Pannekoek) als „passiven Radikalismus” bezeichnet haben und das auf nichts anderes hinausläuft als auf Ersetzung des revolutionären Marxismus durch Eklektizismus in der Theorie und auf sklavische Unterwürfigkeit oder Ohnmacht vor dem Opportunismus in der Praxis.



Die Losung der Marxisten ist die Losung der revolutionären Sozialdemokratie

Der Krieg hat zweifellos eine Krise schwerster Art heraufbeschworen und die leiden der Massen ungeheuerlich verschärft. Der reaktionäre Charakter dieses Krieges, die unverschämte Lüge der Bourgeoisie aller Länder, die ihre Raubziele unter dem Mäntelchen „nationaler” Ideologie versteckt - all dies ruft auf dem Boden der objektiv revolutionären Situation unweigerlich revolutionäre Stimmungen in den Massen hervor. Es ist unsere Pflicht, diese Stimmungen bewußt zu machen, zu vertiefen und ihnen Gestalt zu geben. Diese Aufgabe findet ihren richtigen Ausdruck nur in der Losung: Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg, und jeder konsequente Klassenkampf während des Krieges, jede ernsthaft durchgeführte Taktik von „Massenaktionen” muß unvermeidlich dazu führen. Man kann nicht wissen, ob eine starke revolutionäre Bewegung im Zusammenhang mit dem ersten oder mit dem zweiten imperialistischen Krieg der Großmächte, ob sie während des Krieges oder nach dem Kriege auf flammen wird, jedenfalls aber ist es unsere unbedingte Pflicht, systematisch und unentwegt in eben dieser Richtung zu wirken.

Das Basler Manifest beruft sich ausdrücklich auf das Beispiel der Pariser Kommune, d.h. auf das Beispiel der Umwandlung eines Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg. Vor einem halben Jahrhundert war das Proletariat noch zu schwach, die objektiven Voraussetzungen für den Sozialismus waren noch nicht herangereift, an eine Koordinierung und ein Zusammenwirken der revolutionären Bewegungen in allen kriegführenden Ländern war noch nicht zu denken, die Begeisterung eines Teils der Pariser Arbeiter für die „nationale Ideologie” (für die Tradition von 1792) war die von Marx schon damals vermerkte kleinbürgedliche Schwäche, an der sie litten, und eine der Ursachen für das Scheitern der Kommune. Ein halbes Jahrhundert später sind die Bedingungen. die die damalige Revolution schwächten, in Wegfall gekommen, und heutzutage wäre es unverzeihlich von, einem Sozialisten, wollte er sich abfinden mit dem Verzicht darauf, eben im Geiste der Pariser Kommunarden zu handeln.



Das Beispiel der Verbrüderung in den Schützengräben

Bürgerliche Zeitungen aller kriegführenden Länder haben Beispiele gebracht für die Verbrüderung von Soldaten der kriegführenden Nationen sogar in den Schützengräben. Die drakonischen Verbote, die von den Militärbehörden (in Deutschland, in England) gegen solche Verbrüderungen erlassen wurden, haben bewiesen, daß ihnen die Regierungen und die Bourgeoisie ernsthafte Bedeutung beimaßen. Wenn trotz der unumschränkten Herrschaft des Opportunismus in den leitenden Kreisen der sozialdemokratischen Parteien Westeuropas und trotz der Unterstützung des Sozialchauvinismus durch die gesamte sozialdemokratische Presse, durch alle Autoritäten der II. Internationale Fälle von Verbrüderung möglich waren, so zeigt uns das, daß man den gegenwärtigen verbrecherischen, reaktionären Sklavenhalterkrieg sehr wohl abkürzen und eine internationale revolutionäre Bewegung organisieren könnte, wenn wenigstens die Linkssozialisten aller kriegführenden Länder systematisch auf dieses Ziel hinwirken würden.



Die Bedeutung der illegalen Organisation

Die prominentesten Anarchisten der ganzen Welt haben sich in diesem Krieg nicht weniger als die Opportunisten durch Sozialchauvinismus (im Geiste Plechanows und Kautskys) beschmutzt. Eines der nützlichen Resultate dieses Krieges wird unzweifelhaft darin bestehen, daß er den Opportunismus ebenso wie den Anarchismus vernichten wird.

In keinem Falle und unter keinen Umständen dürfen die sozialdemokratischen Parteien darauf verzichten, selbst die geringste legale Möglichkeit zur Organisierung der Massen und zur Propagierung des Sozialismus auszunutzen, zugleich aber müssen sie mit der Anbetung der Legalität brechen. „Schießen Sie gefälligst zuerst, meine Herren Bourgeois”, schrieb Engels in Anspielung auf den Bürgerkrieg und auf die Notwendigkeit daß wir die Legalität durchbrechen, nachdem sie von der Bourgeoisie durchbrochen worden ist. Die Krise hat gezeigt, daß die Bourgeoisie in allen, selbst in den freiesten Ländern die Legalität durchbricht und daß es unmöglich ist die Massen zur Revolution zu führen, ohne eine illegale Organisation für die Propagierung, Erörterung, Einschätzung und Vorbereitung der revolutionären Kampfmittel zu schaffen. In Deutschland zum Beispiel wird alles, was an Ehrlichem von den Sozialisten getan wird, gegen den niederträchtigen Opportunismus und gegen das heuchlerische „Kautskyanertum” getan, und zwar illegal. In England wird man für gedruckte Aufrufe zur Verweigerung des Heeresdienstes ins Zuchthaus geschickt.

Die Ablehnung der illegalen Propagandamethoden und ihre Verhöhnung in der legalen Presse als vereinbar zu betrachten mit der Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei, ist Verrat am Sozialismus.



Über die Niederlage der „eigenen” Regierung im imperialistischen Krieg

Die Verfechter des Sieges der eigenen Regierung im gegenwärtigen Krieg und die Anhänger der Losung „weder Sieg noch Niederlage” stehen gleicherweise auf dem Standpunkt des Sozialchauvinismus. Die revolutionäre Klasse kann in einem reaktionären Krieg nicht anders als die Niederlage der eigenen Regierung wünschen, sie kann den Zusammenhang zwischen militärischen Mißerfolgen der Regierung und der Erleichterung ihrer Niederringung nicht übersehen. Nur ein Bourgeois, der in dem Glauben lebt daß der von den Regierungen angezettelte Krieg unweigerlich auch als ein Krieg der Regierungen enden werde, und der das auch wünscht, findet die Idee „lächerlich” oder „widersinnig , daß die Sozialisten aller kriegführenden Länder mit dem Wunsch nach der Niederlage aller ihrer „eigenen” Regierungen auftreten sollen. Gerade ein solches Auftreten würde dagegen den geheimen Wünschen jedes klassenbewußten Arbeiters entsprechen und in der Linie unseres Handelns liegen, das auf Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg abzielt.

Zweifellos hat die von einem Teil der englischen, deutschen und russischen Sozialisten getriebene ernsthafte Agitation gegen den Krieg die „militärische Kampfkraft” der betreffenden Regierungen „geschwächt”, aber diese Agitation war ein Verdienst dieser Sozialisten. Die Sozialisten müssen den Massen klarmachen, daß es für sie keine Rettung gibt außer in der revolutionären Niederwerfung der „eigenen” Regierungen und daß die Schwierigkeiten dieser Regierungen im gegenwärtigen Krieg eben für diesen Zweck ausgenutzt werden müssen.





Über den Pazifismus und die Friedenslosung

Friedensfreundliche Stimmung in den Massen ist häufig der Ausdruck dafür, daß Protest und Empörung aufkommen und daß der reaktionäre Charakter des Krieges erkannt wird. Diese Stimmung auszunutzen ist Pflicht aller Sozialdemokraten. Sie werden sich an jeder Bewegung und an jeder Demonstration, die auf diesem Boden erwächst aufs leidenschaftlichste beteiligen, aber sie werden das Volk nicht betrügen, indem sie den Gedanken zulassen, daß ohne eine revolutionäre Bewegung ein Frieden ohne Annexionen, ohne Unterjochung von Nationen, ohne Raub, ohne den Keim neuer Kriege zwischen den jetzigen Regierungen und herrschenden Klassen möglich sei. Ein solcher Volksbetrug käme nur der Geheimdiplomatie der kriegführenden Regierungen und ihren konterrevolutionären Plänen zugute. Wer einen dauerhaften und demokratischen Frieden will, der muß für den Bürgerkrieg gegen die Regierungen und die Bourgeoisie sein.



Vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen

Das verbreitetste Mittel der Bourgeoisie, das Volk im gegenwärtigen Krieg zu betrügen, ist die Verschleierung der räuberischen Kriegsziele durch die Ideologie der „Völkerbefreiung”. Die Engländer versprechen Belgien, die Deutschen Polen die Befreiung usw. In Wirklichkeit wird dieser Krieg, wie wir gesehen haben, von den Unterdrückern der Mehrzahl der Nationen der Welt geführt, um diese Unterdrückung zu festigen und zu erweitern.

Die Sozialisten können ihr großes Ziel nicht erreichen, ohne gegen jede Art von nationaler Unterdrückung zu kämpfen. Sie müssen daher unbedingt fordern, daß die sozialdemokratischen Parteien der unterdrückenden Länder (insbesondere der sog. „Groß”mächte) das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationen anerkennen und verfechten, und zwar ausdrücklich im politischen Sinne des Wortes, d.h. als Recht auf politische Lostrennung. Ein Sozialist, der einer großstaatlichen oder kolonienbherrschenden Nation angehört und dieses Recht nicht verteidigt, ist ein Chauvinist.

Die Verteidigung dieses Rechts ist keineswegs ein Ansporn zur Bildung von Kleinstaaten, sie führt im Gegenteil zu weit freierer, furchtloserer und daher breiterer und allgemeinerer Bildung von Großstaaten und Staatsbünden, die für die Masse von größerem Nutzen sind und der ökonomischen Entwicklung besser entsprechen.

Die Sozialisten der unterdrücken Nationen müssen ihrerseits unbedingt für den völligen (auch organisatorischen) Zusammenschluß der Arbeiter d unterdrückten und der unterdrückenden Nationen kämpfen. Die Idee der rechtlichen Absonderung der Nationen voneinander (die sog. „national-kulturelle Autonomie” Bauers und Renners) ist eine reaktionäre Idee.

Der Imperialismus ist die Epoche der fortschreitenden Unterdrückung der Nationen der ganzen Welt durch eine Handvoll „Groß”mächte, und darum ist der Kampf für die internationale sozialistische Revolution gegen den Imperialismus unmöglich ohne Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen. Ein Volk, das andre unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipieren.” (Marx und Engels.) Ein Proletariat, das sich auch nur mit dem kleinsten Gewaltakt „seiner” Nation gegen andere Nationen abfindet, kann nicht sozialistisch sein.







II. Kapitel:


Klassen und Parteien in Rußland



Die Bourgeoisie und der Krieg

In einer Beziehung ist die russische Regierung hinter ihren europäischen Ebenbildern nicht zurückgeblieben: genau wie diese wußte sie die Düpierung „ihres” Volkes in grandiosem Ausmaß durchzuführen. Ein gewaltiger, ein ungeheuerlicher Apparat von Lügen und Fabeln wurde auch in Rußland in Bewegung gesetzt, um die Massen mit Chauvinismus zu verseuchen und die Vorstellung zu erwecken, daß die Zarenregierung einen gerechten” Krieg führe, die slawischen Brüder uneigennützig verteidige usw.

Die Gutsbesitzerklasse und die Oberschichten der Handels- und Industriebourgeoisie unterstützten eifrig die kriegslüsterne Politik der Zarenregierung. Ganz zu Recht erwarten sie für sich gewaltige materielle Vorteile und Privilegien aus der Teilung des türkischen und des österreichischen Erbes. Eine ganze Reihe von Kongressen dieser Herrschaften schweigt schon im Vorgeschmack der Profite, die bei einem Sieg der Zarenarmee in ihre Taschen fließen würden. Überdies könnte, wie die Reaktionäre sehr gut begreifen, wenn überhaupt etwas, so nur eins den Sturz der Romanowschen Monarchie noch aufschieben und die neue Revolution in Rußland noch verzögern ein für den Zaren siegreicher äußerer Krieg.

Breite Schichten der städtischen mittleren Bourgeoisie, der bürgerlichen Intelligenz, der freien Berufe usw. waren – wenigstens zu Anfang des Krieges – gleichfalls vom Chauvinismus angesteckt. Die Partei der liberalen Bourgeoisie Rußlands – die Kadetten – ging mit der Zarenregierung durch dick und dünn. Im Bereich der Außenpolitik sind die Kadetten schon längst eine Regierungspartei. Der Panslawismus, den die zaristische Diplomatie schon manches Mal als Mittel zu ihren grandiosen politischen Schwindeleien benutzt hat, ist zur offiziellen Ideologie der Kadetten geworden. Der russische Liberalismus ist zum Nationalliberalismus entartet. Er wetteifert in „Patriotismus” mit den Schwarzhundertern und stimmt stets mit Freuden für den Militarismus, Marinismus u. dgl. m. Im Lager des russischen Liberalismus ist so ziemlich dieselbe Erscheinung zu beobachten wie in den siebziger Jahren in Deutschland, als der „freisinnige” Liberalismus in Zersetzung geriet und die Nationalliberale Partei aus sich ausschied. Die russische liberale Bourgeoisie hat endgültig den Weg der Konterrevolution betteten. Die Auffassung der SDAPR in dieser Frage hat sich voll und ganz bestätigt. Die Ansicht unserer Opportunisten, daß der russische Liberalismus noch eine treibende Kraft der Revolution in Rußland sei, wurde durch das Leben selbst widerlegt.

In der Bauernschaft vermochte die herrschende Clique mit Hilfe der bürgerlichen Presse, der Geistlichkeit usw. gleichfalls eine chauvinistische Stimmung hervorzurufen. Aber in dein Maße, wie die Soldaten vom Schlachtfeld zurückkehren werden, wird auch die Stimmung auf dem Lande zweifellos zuungunsten der Zarenmonarchie umschlagen. Die mit der Bauernschaft in Berührung stehenden bürgerlich-demokratischen Parteien konnten der chauvinistischen Weile nicht standhalten. Die Partei der Trudowiki in der Reichsduma weigerte sich, für die Kriegskredite zu stimmen. Aber durch den Mund ihres Führers Kerenski gab sie eine „patriotische” Erklärung ab, die der Monarchie äußerst gelegen kam. Die gesamte legale Presse der „Volkstümler” richtete sich in großen und ganzen nach den Liberalen. Sogar der linke Flügel der bürgerlichen Demokratie – die sog. Partei der Sozialrevolutionäre, die dem Internationalen Sozialistischen Büro angeschlossen ist – steuerte im gleichen Fahrwasser. Der Vertreter dieser Partei im ISB, Herr Rubanowitsch, tritt als offener Sozialchauvinist auf. Die Hälfte der Delegierten dieser Partei auf der Londoner Konferenz der „Entente”Sozialisten stimmte für die chauvinistische Resolution (bei Stimmenthaltung der anderen Hälfte). In der illegalen Presse der Sozialrevolutionäre (Zeitung Nowosti u. a.) haben die Chauvinisten das Übergewicht. Die Revolutionäre „aus bürgerlichem Milieu”, d.h. die bürgerlichen Revolutionäre, die keine Verbindung mit der Arbeiterklasse haben, erlitten in diesem Krieg katastrophal Schiffbruch. Das klägliche Los der Kropotkin, Burzew und Rubanowitsch ist außerordentlich charakteristisch.



Die Arbeiterklasse und der Krieg

Die einzige Klasse in Rußland, der man die chauvinistische Seuche nicht einzuimpfen vermochte, ist das Proletariat. Vereinzelte Exzesse zu Anfang des Krieges betrafen nur die allerunaufgeklärtesten Arbeiterschichten. Die Beteiligung von Arbeitern an den deutschfeindlichen Krawallen in Moskau wurde stark übertrieben. Im großen und ganzen erwies sich die Arbeiterklasse Rußlands als immun gegen den Chauvinismus.

Das erklärt sich aus der revolutionären Lage im Lande und aus den allgemeinen Lebensbedingungen des russischen Proletariats.

Die Jahre 1912-1914 standen im Zeichen des Beginns eines neuen grandiosen revolutionären Aufschwungs in Rußland. Wir wurden aufs neue Zeugen einer gewaltigen Streikbewegung, wie sie die Weit noch nicht gesehen hatte. An, revolutionären Massenstreik nahmen im Jahre 1913 nach den minimalsten Berechnungen anderthalb Millionen teil, im Jahre 1914 überstieg die Zahl schon 2 Millionen und näherte sich dem Stand von 1905. Am Vorabend des Krieges kam es in Petersburg bereits zu den ersten Barrikadenkämpfen.

Die illegale Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands erfüllte ihre Pflicht vor der Internationale. Die Fahne des Internationalismus wankte nicht in ihrer Hand. Unsere Partei hat längst den organisatorischen Bruch mit den opportunistischen Gruppen. und Elementen vollzogen. Der Opportunismus und der Legalismus um jeden Preis hing unserer Partei nicht wie ein Bleigewicht an den Füßen. Und dieser Umstand half ihr, die revolutionäre Pflicht zu erfüllen – ebenso wie der Bruch mit der opportunistischen Partei Bissolatis den italienischen Genossen half.

Die allgemeine Lage in unserem Lande begünstigt keineswegs das Gedeihen des „sozialistischen” Opportunismus in den Arbeitermassen. Wir sehen in Rußland eine ganze Reihe von Schattierungen des Opportunismus und Reformismus unter den Intellektuellen, im Kleinbürgertum usw. In den politisch aktiven Arbeiterschichten bildet er jedoch eine verschwindende Minderheit. Die Schicht der privilegierten Arbeiter und Angestellten ist bei uns sehr schwach. Ein Legalitätsfetischismus konnte bei uns nicht aufkommen. Die Liquidatoren (die von Axelrod, Potressow, Tscherewanin, Maslow u.a. geführte Partei der Opportunisten) hatten vor dem Kriege keinerlei ernsthafte Stütze in den Arbeitermassen. Die Wahlen zur IV. Reichsduma ergaben, daß alle 6 Arbeiterabgeordnete Gegner des Liquidatorentums waren. Die Auflageziffern und die Geldsammlungen der legalen Arbeiterpresse in Petrograd und Moskau zeigten unwiderleglich, daß vier Fünftel der klassenbewußten Arbeiter gegen den Opportunismus und das Liquidatorentum sind.

Mit Kriegsausbruch verhaftete und verbannte die Zarenregierung Tausende und aber Tausende von führenden Arbeitern, Mitgliedern unserer illegalen SDAPR. Dieser Umstand samt der Verhängung des Belagerungszustands im Lande, der Unterdrückung unserer Zeitungen usw. hemmten die Bewegung. Aber die illegale revolutionäre Tätigkeit unserer Partei wird trotzdem fortgesetzt. In Petrograd gibt das Komitee unserer Partei ein illegales Blatt, Proletarski Golos, heraus.

In Petrograd werden Artikel aus dem im Ausland erscheinenden Zentralorgan Sozial-Demokrat abgedruckt und in die Provinz versandt. Es erscheinen illegale Flugblätter, die auch in den Kasernen verbreitet werden. Außerhalb der Stadt werden in verschiedenen abgelegenen Winkeln illegale Arbeiterversammlungen abgehalten. In letzter Zeit haben in Petrograd wuchtige Metallarbeiterstreiks eingesetzt. Im Zusammenhang mit diesen Streiks erließ unser Petrograder Komitee mehrere Auf rufe an die Arbeiterschaft.



Die Sozialdemokratische Arbeiterfraktion Rußlands in der Reichsduma

und der Krieg

Im Jahre 1913 vollzog sich unter den sozialdemokratischen Abgeordneten der Reichsduma eine Spaltung. Auf der einen Seite standen 7 Anhänger des Opportunismus, unter Führung von Tschcheidse. Sie vettraten 7 nichtproletarische Gouvernements, in denen 214.000 Arbeiter gezählt wurden. Auf der anderen Seite standen 6 Abgeordnete, alle von der Arbeiterkurie, gewählt in den wichtigsten Industriezentren Rußlands, in denen 1.008.000 Arbeiter gezählt wurden.

Die Hauptdifferenz bestand darin: Taktik des revolutionären Marxismus oder Taktik des opportunistischen Reformismus. Praktisch offenbarten sich die Differenzen am meisten im Bereich der außerparlamentarischen Massenarbeit. Diese Arbeit mußte in Rußland illegal geleistet werden, wollten ihre Träger auf revolutionären, Boden bleiben. Die Fraktion Tschcheidse blieb die treuen Bundesgenossin der Liquidatoren, die die illegale Arbeit verwarfen, und verteidigte die Liquidatoren in allen Aussprachen mit Arbeitern, in allen Versammlungen. Darüber kam es zur Spaltung. Die 6 Abgeordneten bildeten die Sozialdemokratische Arbeiterfraktion Rußlands. Ein Jahr Tätigkeit zeigte unwiderleglich, daß die erdrückende Mehrheit der russischen Arbeiter fest hinter ihr steht.

Zu Kriegsbeginn traten die Differenzen außerordentlich anschaulich hervor. Die Fraktion Tschcheidse beschränkte sich auf den parlamentarischen Boden. Sie stimmte nicht für die Kredite, weil sie sonst unter den Arbeitern einen Sturm der Empörung gegen sich heraufbeschworen hätte. (Wir haben gesehen, daß in Rußland sogar die kleinbürgerlichen Trudowiki nicht für die Kredite stimmten.) Aber sie trat auch nicht mit einem Protest gegen den Sozialchauvinismus hervor.

Ganz anders verhielt sich die SDA-Fraktion Rußlands, die die politische Linie unserer Partei zum Ausdruck brachte. Sie ging mit dem Protest gegen den Krieg mitten hinein in die Arbeiterklasse, sie trug die antiimperialistische Propaganda in die breiten Massen der russischen Proletarier.

Und sie fand sehr starken Anklang bei den Arbeitern, was der Regierung einen solchen Schrecken einjagte daß sie sich veranlaßt sah, unter offenem Bruch ihrer eigenen Gesetze unsere Genossen Abgeordneten zu verhaften und zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien zu verurteilen. Gleich in der ersten amtlichen Bekanntgabe der Verhaftung unserer Genossen erklärte die Zarenregierung:

Eine ganz besondere Stellung nahmen in dieser Beziehung einige Mitglieder der sozialdemokratischen Vereinigungen ein, die es sich zum Ziel ihrer Tätigkeit gesetzt hatten, durch Agitation gegen den Krieg mittels geheimer Aufruf e und mündlicher Propaganda die militärische Macht Rußlands zu unterwühlen.

Auf den bekannten Appell Vanderveldes, den Kampf gegen den Zarismus „zeitweilig” einzustellen – es ist jetzt aus Äußerungen des zaristischen Gesandten in Belgien, des Fürsten Kudaschew, bekannt geworden, daß Vandervelde diesen Appell nicht allein, sondern unter Mitwirkung des genannten zaristischen Gesandten verfaßte – erteilte einzig und allein unsere Partei durch den Mund ihres ZK eine ablehnende Antwort. Das führende Zentrum der Liquidatoren stimmte Vandervelde zu und erklärte offiziell in der Presse, daß es sich „in seiner Tätigkeit dem Krieg nicht widersetzt.

Die Zarenregierung legte unseren Genossen Abgeordneten vor allem zur Last, daß sie diese ablehnende Antwort an Vandervelde unter den Arbeitern propagiert hatten.

Der zaristische Staatsanwalt Herr Nenarokomow, stellte unseren Genossen vor Gericht die deutschen und die französischen Sozialisten als Vorbild hin. „Die deutschen Sozialdemokraten”, sagte er, „stimmten für die Kriegskredite und zeigten sich als Freunde der Regierung. So handelten die deutschen Sozialdemokraten, aber ganz anders handelten die traurigen Ritter der russischen Sozialdemokratie ... Die Sozialisten Belgiens und Frankreichs vergaßen einmütig ihre Zwistigkeiten mit den anderen Klassen, stellten den Parteihader beiseite und traten ohne Zaudern unter die Fahnen.” Aber die Mitglieder der SDAFR hätten sich den Weisungen des ZK ihrer Partei gefügt und ganz anders gehandelt ...

Die Gerichtsverhandlungen entrollten ein imposantes Bild von der breiten illegalen Agitation gegen den Krieg, die von unserer Partei unter den Massen des Proletariats betrieben wurde. Es gelang dem zaristischen Gericht selbstverständlich bei weitem nicht, die ganze Tätigkeit unserer Genossen auf diesem Gebiet zu enthüllen”. Aber auch das, was enthüllt wurde, zeigte, wieviel im Verlauf der kurzen Zeit von ein paar Monaten getan worden war.

Vor Gericht wurden illegale Aufrufe unserer Gruppen und Komitees gegen den Krieg und für die internationalistische Taktik verlesen. Von den klassenbewußten Arbeitern ganz Rußlands zogen sich Fäden zu den Mitgliedern der SDAFR, und diese half den Arbeitern nach Maßgabe ihrer Kräfte, den Krieg vorn Standpunkt des Marxismus zu beurteilen.

Genosse Muranow der Arbeiterabgeordnete des Gouvernements Charkow sagte vor Gericht:

Da ich wußte, daß ich nicht dazu vom Volk in die Reichsduma geschickt worden war, um einen Dumasessel zu drücken. reiste ich in der Provinz umher, um die Stimmungen der Arbeiterklasse kennenzulernen.” Ferner gab er vor Gericht zu, die Funktionen eines illegalen Agitators unserer Partei übernommen und im Ural ein Arbeiterkomitee in den Werchne-Isseter Werken sowie an anderen Orten organisiert zu haben. Der Prozeß zeigte, daß die Mitglieder der SDAFR nach Kriegsausbruch zu Propagandazwecken fast ganz Rußland bereisten, daß Muranow, Petrowski, Badajew u.a. zahlreiche Arbeiterversammlungen veranstalteten, in denen Beschlüsse gegen den Krieg gefaßt wurden usw.

Die Zarenregierung bedrohte die Angeklagten mit der Todesstrafe. Angesichts dieser Drohung traten vor Gericht nicht alle so mutig auf wie Genosse Muranow. Sie suchten den zaristischen Staatsanwälten ihre Verurteilung zu erschweren. Das nutzen jetzt die russischen Sozialchauvinisten schamloserweise aus, um den Kern der Frage, nämlich was für einen Parlamentarismus die Arbeiterklasse braucht, zu vertuschen.

Der Parlamentarismus wird anerkannt von den Südekum und Heine, Sernbat und Vaillant, Bissolati und Mussolini, Tschcheidse und Plechanow. Der Parlamentarismus wird auch anerkannt von unseren Genossen aus der SDA-Fraktion Rußlands, von den bulgarischen und italienischen Genossen, die mit den Chauvinisten gebrochen haben. Aber es ist ein Unterschied zwischen Parlamentarismus und Parlamentarismus. Die einen benutzen die Parlamentstribüne. um sich bei ihren Regierungen anzubiedern oder im besten Falle ihre Hände in Unschuld zu waschen, wie es die Fraktion Tschcheidse tut. Die anderen nutzen den Parlamentarismus aus, um bis zu Ende Revolutionäre zu bleiben, um ihre Pflicht als Sozialisten und Internationalisten auch unter den schwierigsten Verhältnissen zu erfüllen. Den einen bringt die parlamentarische Tätigkeit Ministersessel ein, den anderen bringt sie Gefängnis, Verbannung und Zuchthaus ein. Die einen dienen der Bourgeoisie, die anderen dem Proletariat. Die einen sind Sozialimperialisten, die anderen sind revolutionäre Marxisten.





III. Kapitel


Der Wiederaufbau der Internationale



Wie ist die Internationale wiederaufzubauen?

Zuvor aber einige Worte darüber, wie die Internationale nicht wiederhergestellt werden darf.



Die Methode der Sozialchauvinisten und des Zentrums

Oh, die Sozialchauvinisten aller Länder sind große „Internationalisten”! Sie sind schon seit Kriegsausbruch von der Sorge um die Internationale fast zu Boden gedrückt. Einerseits versichern sie, alles Gerede von einem Zusammenbruch der Internationale sei bloße „Übertreibung”. In Wirklichkeit sei nichts Besonderes geschehen. Man höre Kautsky: Die Internationale ist einfach ein „Friedensinstrument” – Was Wunder, wenn dieses Instrument in Kriegszeiten nicht so recht brauchbar sei. Anderseits haben die Sozialchauvinisten aller Länder ein sehr einfaches – und, was das wichtigste dabei, zugleich internationales – Mittelchen ausgeheckt, um aus dieser Klemme herauszukommen. Ein gar nicht kompliziertes Mittelchen: Man muß nur das Ende des Krieges abwarten, bis dahin haben die Sozialisten eines jeden Landes ihr „Vaterland” zu verteidigen und „ihre” Regierung zu unterstützen, nach Kriegsende aber wird man sich gegenseitig „amnestieren” und anerkennen, daß alle in Recht gewesen sind, daß wir in Friedenszeiten leben wie Brüder, während wir in Kriegsseiten – genau auf Grund der und der Resolutionen – die deutschen Arbeiter dazu auffordern. ihre französischen Brüder zu morden, und umgekehrt.

Darin stimmen gleicherweise Kautsky wie Plechanow, Victor Adler wie Heine überein. Victor Adler schreibt: „Wenn wir diese Zeit der Ungeheuerlichkeiten überstanden haben werden, wird es erste Pflicht sein, einander nicht beim Wort zu nehmen.” Kautsky behauptet, von keiner Seite seien bisher Äußerungen von ernst zu nehmenden Sozialisten bekannt geworden, die befürchten ließen, das Schicksal der Internationale sei in Frage gestellt. Plechanow sagt: „Es wird unangenehm sein”, (den deutschen Sozialdemokraten) „die Hände zu schütteln, die noch vom Blute unschuldig Hingemordeter triefen.” Aber sofort plädiert er für „Amnestie”: „Hier”, schreibt er, wird es durchaus am Platze sein, die Stimme des Herzens der Vernunft unterzuordnen. Um ihrer großen Sache willen wird die Internationale sogar verspätete Reue berücksichtigen müssen.” Heine attestiert in den Sozialistischen Monatsheften Vandervelde, seine Hgadlungsweise sei „mutig und stolz”, und hält ihn der deutschen Linken als Beispiel vor.

Mit einem Wort, wenn der Krieg zu Ende ist setze man eine Kommission ein, bestehend aus Kautsky, Plechanow, Vandervelde und Adler, und im Handumdrehen werden sie eine „einstimmige” Resolution im Geiste der gegenseitigen Amnestie vorlegen. Damit wäre der ganze Streit glücklich vertuscht. Statt den Arbeitern zu helfen, über das Geschehene ins reine zu kommen, wird man sie mit der Schaustellung einer papierenen „Einheit” betrügen. Und die Vereinigung der Sozialchauvinisten und Heuchler aller Länder wird man Wiederherstellung der Internationale nennen.

Man darf sich nicht verhehlen: die Gefahr einer solchen „Wiederherstellung” ist sehr groß. Die Sozialchauvinisten aller Länder sind gleichermaßen daran interessiert. Sie alle wünschen gleichermaßen nicht, daß die Arbeitermassen ihres Landes sich selbst Klarheit verschaffen über die Frage: Sozialismus oder Nationalismus. Sie alle sind gleichermaßen daran interessiert gegenseitig ihre Sünden zu verdecken. Sie alle können nichts anderes vorschlagen, als was der Virtuose der „internationalen” Heuchelei, Kautsky, vorschlägt.

Indessen legt man sich von dieser Gefahr zuwenig Rechenschaft ab. Wir haben in dem einen Kriegsjahr eine Reihe von Versuchen erlebt, die internationalen Beziehungen wiederherzustellen. Wir wollen gar nicht von den Konferenzen in London und in Wien sprechen, auf denen ausgesprochene Chauvinisten zusammenkamen, um den Generalstiben und der Bourgeoisie ihrer respektives „Vaterländer” hilfreich beizustehen. Was wir im Auge haben, sind die Konferenzen in Lugano, in Kopenhagen, die Internationale Frauenkonferenz und die Internationale Jugendkonferenz. Diese Zusammenkünfte waren von den besten Wünschen beseelt. Aber sie sahen absolut nicht die hier aufgezeigte Gefahr. Sic unterließen es, die Kampfeslinie der Internationalisten festzulegen. Sie wiesen das Proletariat nicht auf die Gefahr hin, die ihm vom sozialchauvinistischer, Weg zur „Wiederherstellung” der Internationale droht. Sie beschränkten sich in besten Falle auf die Neubestätigung alter Resolutionen, ohne die Arbeiter darauf aufmerksam zu machen, daß die Sache des Sozialismus ohne den Kampf gegen die Sozialchauvinisten hoffnungslos verloren ist. Sie taten in besten Falle nicht mehr als auf der Stelle treten.



Der Stand der Dinge in der Opposition

Es besteht kein Zweifel daran, daß für alle Internationalisten der Stand der Dinge in der deutschen sozialdemokratischen Opposition von allergrößtem Interesse ist. Die offizielle deutsche Sozialdemokratie, die in der II. Internationale die stärkste und die führende Partei gewesen ist hat der internationalen Arbeiterorganisation auch den empfindlichsten Schlag versetzt. Zugleich aber damit regte sich in der deutschen Sozialdemokratie auch die stärkste Opposition. Unter den großen europäischen Parteien war es die deutsche, in welcher die Genossen, die der Fahne des Sozialismus treu geblieben waren, zuerst die laute Stimme des Protests erhoben. Mit Freuden lasen wir Zeitschriften wie die Lichtstrahlen und Die Internationale. Mit noch größerer Freude erfuhren wir von der Verbreitung illegaler revolutionärer Aufrufe in Deutschland wie zum Beispiel des Aufrufs Der Hauptfeind steht im eigenen Land. Das zeugte davon, daß unter den deutschen Arbeitern der Geist des Sozialismus lebendig ist daß es in Deutschland noch Männer und Frauen gibt fähig, den revolutionären Marxismus zu verteidigen.

Im Schoße der deutschen Sozialdemokratie offenbarte sich am anschaulichsten die Spaltung des heutigen Sozialismus. Wir sehen dort mit aller Deutlichkeit drei Strömungen: die chauvinistischen Opportunisten, die nirgends sonst auf eine so tiefe Stufe des Verfalls und des Renegatentums gesunken sind wie in Deutschland; das Kautskysche „Zentrum”, das sich hier als ganz unfähig erwiesen hat irgendeine andere Rolle zu spielen als die, den Opportunisten Helferdienste zu leisten; schließlich die Linke, die allein die wirkliche Sozialdemokratie in Deutschland vertritt.

Vor allem interessiert uns natürlich der Stand der Dinge in der deutschen Linken. In ihr sehen wir unsere Genossen, in ihr erblicken wir die Hoffnung aller internationalistischen Elemente.

Wie liegen nun hier die Dinge?

Die Zeitschrift Die Internationale hatte völlig recht als sie erklärte, daß die deutsche Linke immer noch einen Gärungsprozeß durchmacht, daß noch große Umgruppierungen bevorstehen und daß es in ihren Reihen entschlossenere und weniger entschlossene Elemente gibt.

Wir russischen Internationalisten maßen uns selbstverständlich nicht im geringsten an, uns in die inneren Angelegenheiten unserer Genossen von der deutschen Linken einzumischen. Wir begreifen, daß nur sie allein kompetent sind, ihre Kampfmethoden gegen die Opportunisten gemäß den Bedingungen von Ort und Zeit zu bestimmen. Wir betrachten es lediglich als unser Recht und als unsere Pflicht, offen unsere Meinung über den Stand der Dinge zu sagen.

Wir sind überzeugt, daß der Verfasser des Leitartikels in der Internationale voll und ganz im Recht war, als er erklärte, daß das Kautskysche „Zentrum” der Sache des Marxismus größeren Schaden zufügt als der offene Sozialchauvinismus. Wer jetzt die Gegensätze vertuscht, wer unter der Maske des Marxismus den Arbeitern jetzt das predigt, was das Kautskyanertum predigt, der schläfert die Arbeiter ein, der ist schädlicher als die Südekum und Heine, die die Frage hart auf hart stellen und die Arbeiter zwingen, sich selbst zu orientieren.

Die Fronde gegen die „Instanzen”, die sich Kautsky und Haase in letzter Zeit erlauben, darf niemand in die Irre führen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen und den Scheidemännern sind keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten. Die einen glauben, Hindenburg und Mackensen hätten schon gesiegt und man dürfe sich bereits den Luxus eines Protests gegen Annexionen erlauben. Die anderen sind der Meinung, Hindenburg und Mackensen hätten noch nicht gesiegt und man müsse infolgedessen „bis zum Ende durchhalten”.

Das Kautskyanertum führt gegen die „Instanzen” nur einen Scheinkampf – und zwar zu keinem anderen Zweck, als um nach dem Krieg vor den Arbeitern den prinzipiellen Streit vertuschen und die Sache mit einer geschwollenen, unbestimmt links gehaltenen Resolution Nr.1001, worin ja die Diplomaten der II. Internationale solche Meister sind, verkleistern zu können.

Es ist Idar, daß die deutsche Opposition in ihrem schweren Kampf gegen die „Instanzen” auch diese nichtprinzipielle Fronde des Kautskyanertums ausnutzen muß. Aber der Prüfstein für jeden Internationalisten muß nach wie vor die ablehnende Haltung gegenüber dem Neokautskyanertum sein. Nur der ist wahrhaft ein Internationalist, der gegen das Kautskyanertum kämpft und begreift, daß das „Zentrum”, auch nach der scheinbaren Schwenkung seiner Führer, in Prinzipienfragen der Verbündete der Chauvinisten und Opportunisten bleibt.

Von größter Bedeutung ist unsere Haltung gegenüber den schwankenden Elementen in der Internationale überhaupt Solche Elemente .- vorwiegend Sozialisten von pazifistischer Färbung – gibt es ebenso in den neutralen wie in einigen kriegführenden Ländern (in England zum Beispiel die Unabhängige Arbeiterpartei). Diese Elemente können unsere Mitläufer werden. Ein Zusammengehen mit ihnen gegen die Sozialchauvinisten ist geboten. Man darf aber nicht vergessen, daß sie nur Mitläufer sind, daß diese Elemente bei der Wiederherstellung der Internationale im Wichtigsten und Wesentlichen nicht mit uns, sondern gegen uns marschieren werden, daß sie mit Kautsky, Scheidemann, Vandervelde und Sembat zusammengehen werden. Auf internationalen Konferenzen darf man sein Programm keinesfalls auf das beschränken, was für diese Elemente annehmbar ist Sonst geraten wir selbst in die Gefangenschaft dieser schwankenden Pazifisten. So war es zum Beispiel auf der Internationalen Frauenkonferenz in Bern. Die deutsche Delegation, die die Auffassungen der Genossin Clara Zetkin unterstützte, spielte auf dieser Konferenz faktisch die Rolle des „Zentrums”. Die Frauenkonferenz sagte nur das, was annehmbar war für die Delegierten aus der opportunistischen holländischen Partei Troelstras und für die Delegierten aus der ILP (Unabhängige Arbeiterpartei), die – wir wollen das nicht vergessen – auf der Londoner Konferenz der „Entente”-Chauvinisten für die Resolution Vanderveldes gestimmt hat. Wir bezeugen der ILP unsere größte Hochachtung für den mannhaften Kampf, den sie während des Krieges gegen die englische Regierung führt. Wir wissen aber, daß diese Partei nie auf dem Boden des Marxismus gestanden hat und auch jetzt nicht auf diesem Boden steht. Und wir halten es gegenwärtig für die Hauptaufgabe der sozialdemokratischen Opposition, die Fahne des revolutionären Marxismus zu entrollen, den Arbeitern unsere Auffassung von den imperialistischen Kriegen fest und bestimmt zu sagen, die Losung revolutionärer Massenaktionen auszugeben, d.h. die Epoche der imperialistischen Kriege zum Beginn einer Epoche von Bürgerkriegen zu machen.

Revolutionäre sozialdemokratische Elemente gibt es trotz alledem in vielen Ländern. Sie sind in Deutschland vorhanden, in Rußland, in Skandinavien. (eine einflußreiche Richtung, deren Vertreter Gen. Höglünd ist), auf dem Balkan (die bulgarische Partei der Tesnjaki), in Italien, in England (ein Teil der Britischen Sozialistischen Partei); in Frankreich Vaillant selbst hat in der Humanité eingestanden, daß er Protestbriefe von Internationalisten erhielt (obzwar er keinen einzigen davon vollständig veröffentlichte), in Holland (die Tribunisten [8] usw. Diese marxistischen Elemente – sollten sie auch zu Anfang zahlenmäßig noch so schwach sein – zusammenzuschließen, in ihrem Namen an die heute in Vergessenheit geratenen Lehren des revolutionären Sozialismus zu erinnern, an die Arbeiter aller Länder die Aufförderung zu richtet, mit den Chauvinisten zu brechen und sich unter dem alten Banner des Marxismus zu sammeln – das ist die Aufgabe des Tages.

Die Konferenzen mit sogenannten Aktionsprogrammen haben bisher nur dazu geführt, daß auf ihnen mehr oder minder vollständig das Programm des simplen Pazifismus proklamiert wurde. Marxismus ist nicht Pazifismus. Für die schnellste Beendigung des Krieges zu kämpfen ist notwendig. Aber nur wenn gleichzeitig zu revolutionärem Kampf aufgerufen wird, erhält die „Friedens”forderung proletarischen Sinn. Ohne eine Reihe von Revolutionen ist der sogenannte demokratische Frieden eine spießbürgerliche Utopie. Ein wirkliches Aktionsprogramm wäre nur ein marxistisches Programm, das den Massen eine erschöpfende und klare Antwort auf das Geschehene gibt sie über das Wesen des Imperialismus und über den gegen ihn zu führenden Kampf aufklärt offen ausspricht, daß der Zusammenbruch der II. Internationale durch den Opportunismus herbeigeführt worden ist und offen zur Errichtung einer marxistischen Internationale ohne und gegen die Opportunisten aufruft. Nur ein solches Programm, das bezeugen würde, daß wir weder den Glauben an uns selbst noch den Glauben an den Marxismus verloren haben, daß wir dem Opportunismus den Kampf auf Leben und Tod ansagen, würde uns früher oder später die Sympathien wirklich breiter proletarischer Massen sichern.



Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands

und die III. Internationale

Die SDAPR hat schon längst mit ihren Opportunisten gebrochen. Die russischen Opportunisten sind jetzt auch noch Chauvinisten geworden. Das bestärkt uns nur noch in der Meinung, daß der Bruch mit ihnen im Interesse des Sozialismus notwendig ist. Wir sind überzeugt daß die gegenwärtigen Differenzen zwischen Sozialdemokraten und Sozialchauvinisten absolut nicht geringer sind, als es die Differenzen zwischen Sozialisten und Anarchisten waren, auf Grund deren sich die Sozialdemokraten von diesen letzteren trennten. Der Opportunist Monitor hat in den Preußischen Jahrbüchern ganz richtig gesagt, daß für die Opportunisten und für die Bourgeoisie die jetzige Einheit vorteilhaft ist, denn sie zwingt die Linken, sich den Chauvinisten unterzuordnen, und hindert die Arbeiter, sich in den Streitfragen richtig zu orientieren und ihre wahrhaft proletarische, wahrhaft sozialistische Partei zu schaffen. Wir sind zutiefst überzeugt, daß beim heutigen Stand der Dinge der Bruch mit den Opportunisten und Chauvinisten die erste Pflicht eines Revolutionärs ist – genauso wie die Trennung von den Gelben, den Antisemiten, den liberalen Arbeiterverbänden usw. notwendig war, damit man die zurückgebliebenen Arbeiter rascher aufklären und sie in die sozialdemokratische Partei einreihen konnte.

Die Dritte Internationale müßte unserer Ansicht nach gerade auf einer solchen revolutionären Basis geschaffen werden. Ob der Bruch mit den Sozialchauvinisten zweckmäßig ist, das steht für unsere Partei nicht in Frage. Diese Frage ist für die Partei unwiderruflich entschieden. Eine Frage ist für sie nur, ob sich dieser Bruch im internationalen Maßstab in allernächster Zeit vollziehen läßt.

Es ist ganz klar, daß eine internationale marxistische Organisation nur dann zustande kommen kann, wenn in verschiedenen Ländern die Bereitschaft vorhanden ist, selbständige marxistische Parteien zu schaffen. Deutschland als das Land der ältesten und stärksten Arbeiterbewegung ist dabei von ausschlaggebender Bedeutung. Die nächste Zukunft wird lehren, ob die Bedingungen für die Schaffung einer neuen marxistischen Internationale bereits herangereift sind. Wenn ja, so wird unsere Partei mit Freuden in eine solche vom Opportunismus und Chauvinismus gesäuberte III. Internationale eintreten. Wenn nicht, so wird das nur beweisen, daß zu einer solchen Säuberung noch eine mehr oder minder lange Evolution erforderlich ist. Und dann wird unsere Partei innerhalb der alten Internationale den äußersten oppositionellen Flügel bilden – solange nicht in den verschiedenen Ländern die Basis für eine auf dem Boden des revolutionären Marxismus stehende Internationale Arbeiterassoziation geschaffen sein wird.

Wir wissen nicht und können nicht wissen, wie die Entwicklung in den nächsten Jahren auf der internationalen Arena weitergehen wird. Was wir aber sicher wissen und wovon wir unerschütterlich überzeugt sind, ist dies, daß unsere Partei in unserem Land unter unserem Proletariat unermüdlich in der vorgezeichneten Richtung arbeiten und in ihrem tagtäglichen Kampf bemüht sein wird, die russische Sektion einer marxistischen Internationale zu schaffen.

Auch wir in Rußland haben keinen Mangel an offenen Sozialchauvinisten und Gruppen des „Zentrums”. Diese Leute werden gegen die Schaffung einer marxistischen Internationale ankämpfen. Wir wissen, daß Plechanow auf der gleichen prinzipiellen Basis steht wie Südekum und diesem schon jetzt die Hand entgegenstreckt. Wir wissen, daß das von Axelrod geleitete sogenannte „Organisationskomitee” das Kautskyanertum auf russischem Boden predigt. Unter dem Vorwand der Einheit der Arbeiterklasse predigen diese Leute die Einheit mit den Opportunisten und durch sie mit der Bourgeoisie. Aber alles, was wir über den gegenwärtigen Stand der Arbeiterbewegung in Rußland wissen, gibt uns die volle Bürgschaft dafür, daß das klassenbewußte Proletariat Rußlands wie bisher auf seiten unserer Partei bleiben wird.





IV. Kapitel


Die Geschichte der Spaltung und die heutige Lage der Sozialdemokratie in Rußland



Die oben dargelegte Taktik der SDAPR gegenüber dem Krieg stellt das unvermeidliche Resultat einer dreißigjährigen Entwicklung der Sozialdemokratie in Rußland dar. Man kann diese Taktik ebenso wie die heutige Lage der Sozialdemokratie in unserem Land unmöglich richtig verstehen, wenn man sich nicht in die Geschichte unserer Partei vertieft. Darum müssen wir die Grundtatsachen dieser Geschichte dem Leser auch hier in Erinnerung bringen.

Als ideologische Strömung entstand die Sozialdemokratie im Jahre 1883, als im Ausland durch die Gruppe „Befreiung der Arbeit” zum erstenmal die sozialdemokratischen Anschauungen in ihrer Anwendung auf Rußland systematisch dargelegt wurden. Bis zu Beginn der neunziger Jahre blieb die Sozialdemokratie eine ideologische Strömung, ohne Verbindung mit einer Massenbewegung der russischen Arbeiterschaft. Zu Anfang der neunziger Jahre machten der gesellschaftliche Aufschwung, die Gärung und die Streikbewegung unter den Arbeitern die Sozialdemokratie zu einer aktiven politischen Kraft untrennbar verbunden mit dem (ökonomischen wie politischen) Kampf der Arbeiterklasse. Und seit dieser Zeit beginnt auch die Spaltung der Sozialdemokratie in „Ökonomisten” und „Iskristen”.



Die „Ökonomisten” und die alte Iskra
(1894-1903)

Der „Ökonomismus” war eine opportunistische Strömung in der russischen Sozialdemokratie. Sein politisches Wesen gipfelte in dem Programmsatz: „Den Arbeitern der ökonomische, den Liberalen der politische Kampf.” Seine theoretische Hauptstütze war der sog. „egale Marxismus” oder „Struvismus”, der sich zu einem von jeder revolutionären Tendenz gereinigten und den Bedürfnissen der liberalen Bourgeoisie angepaßten „Marxismus” „bekannte”. Unter Berufung darauf, daß die Arbeitermassen in Rußland nicht entwickelt seien, und in dem Wunsch, „mit der Masse zu gehen”, wollten die „Ökonomisten” die Aufgaben und den Schwung der Arbeiterbewegung auf den ökonomischen Kampf und auf die politische Unterstützung des Liberalismus beschränken und stellten sich weder selbständige politische noch irgendwelche revolutionäre Aufgaben.

Die alte Iskra (1900-1903) führte im Namen der Prinzipien der revolutionären Sozialdemokratie siegreich den Kampf gegen den „Ökonomismus” durch. Die ganze Elite des klassenbewußten Proletariats stellte sich auf die Seite der Iskra. Einige Jahre vor der Revolution trat die Sozialdemokratie mit dem denkbar konsequentesten und unversöhnlichsten Programm hervor. Und der Kampf der Klassen, das Auftreten der Massen in der Revolution von 1905 bestätigten die Richtigkeit dieses Programms. Die „Ökonomisten” paßten sich der Zurückgebliebenheit der Massen an. Die Iskra bildete eine Avantgarde der Arbeiter heran, die befähigt war, die Massen vorwärtszuführen. Die heutigen Argumente der Sozialchauvinisten (Notwendigkeit, der Masse Rechnung zu tragen; fortschrittlicher Charakter des Imperialismus; „Illusionen” der Revolutionäre usw.) sind alle schon von den Ökonomisten vorgebracht worden. Die opportunistische Verdrehung des Marxismus in „Struvismus” hat das sozialdemokratische Rußland schon vor 20 Jahren kennengelernt.



Menschewismus und Bolschewismus
(1903-1908)

Die Epoche der bürgerlich-demokratischen Revolution ließ einen neuen Kampf der Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie entbrennen, der eine direkte Fortsetzung des vorhergegangenen war. Der „Ökonomismus” wandelte sich zum „Menschewismus”. Die Verfechtung der revolutionären Taktik der alten Iskra ergab den „Bolschewismus”.

In den Sturmjahren 1905-1907 war der Menschewismus eine opportunistische Strömung, die von den liberalen Bourgeois unterstützt wurde und die Schrittmacherin bürgerlich-liberaler Tendenzen in der Arbeiterbewegung war. Anpassung des Kampfes der Arbeiterklasse an den Liberalismus – das war das Wesen dieser Richtung. Der Bolschewismus dagegen stellte den sozialdemokratischen Arbeitern die Aufgabe, die demokratisch gesinnte Bauernschaft allen Schwankungen und Verrätereien des Liberalismus zum Trotz zum revolutionären Kampf zu mobilisieren. Und die Arbeitermassen gingen, wie die Menschewiki selbst wiederholt zugegeben haben, während der Revolution in allen größeren Aktionen mit den Bolschewiki

Die Revolution von 1905; unterzog die unversöhnlich revolutionäre sozialdemokratische Taktik in Rußland einer Prüfung, stärkte, vertiefte und stählte sie. Das offene Auftreten der Klassen und Parteien brachte wiederholt den Zusammenhang des sozialdemokratischen Opportunismus (des „Menschewismus”) mit dem Liberalismus an den Tag.



Marxismus und Liquidatorentum
(1908-1914)

Die konterrevolutionäre Epoche stellte die Frage der opportunistischen und der revolutionären Taktik der Sozialdemokratie wiederum – diesmal aber in ganz neuer Form – auf die Tagesordnung Die Hauptgruppe des Menschewismus brachte entgegen den Protesten vieler seiner besten Vertreter die Strömung des Liquidatorentnms hervor – Lossagung vom Kampf für eine neue Revolution in Rußland, Verzicht auf illegale Organisation und Tätigkeit verächtliches Gespött über unterirdische Arbeit , über die Losung der Republik usw. In Gestalt der Gruppe legaler Publizisten der Zeitschrift Nascha Sarja (die Herren Potressow, Tscherewanin usw.) bildete sich ein von der alten sozialdemokratischen Partei unabhängiger Kern, den die liberale russische Bourgeoisie, getrieben von dem Wunsch, die Arbeiter des revolutionären Kampfes zu entwöhnen, auf tausenderlei Art unterstützte anpries und hätschelte.

Die Januarkonferenz der SDAPR im Jahre 1912, die trotz heftigsten Widerstandes einer ganzen Reihe von Auslandsgruppen und -grüppchen die Partei wiederherstellte, schloß diese opportunistische Gruppe aus der Partei aus. Während mehr als zwei Jahren (von Anfang 1911 bis Mitte 1914) tobte ein hartnäckiger Kampf zwischen den beiden sozialdemokratischen Parteien: dem auf der Januarkonferenz 1912 gewählten ZK und dem „Organisationskomitee”, das die Januarkonferenz nicht anerkannte und die Partei auf anderem Wege, unter Aufrechterhaltung der Einheit mit der Gruppe Nascha Sarja wiederherstellen wollte. Ebenso hartnäckig war der Kampf zwischen den beiden täglich erscheinenden Arbeiterzeitungen (Prawda und Lutsch sowie ihren Nachfolgern) und zwischen den beiden sozialdemokratischen Fraktionen der IV. Reichsduma (der „SDAFR” der „Prawdisten” oder Marxisten und der „sozialdemokratischen Fraktion” der Liquidatoren mit Tschcheidse an der Spitze).

Während die „Prawdisten”, die den revolutionären Geboten der Partei treu blieben, den (besonders nach dem Frühjahr 1911) beginnenden Aufschwung der Arbeiterbewegung unterstützten und die legale Organisation, Presse und Agitation mit der illegalen vereinigten, die erdrückende Mehrheit der klassenbewußten Arbeiterschaft um sich scharten, waren die Liquidatoren, die als politische Kraft einzig durch die Gruppe Nascha Sarja wirkten, auf die allseitige Unterstützung der liberalen bürgerlichen Elemente angewiesen.

Die öffentlichen Geldsammlungen der Arbeitergruppen für die Blätter beider Parteien – in jener Epoche die den russischen Verhältnissen angepaßte (und legal allein zulässige, von jedermann frei kontrollierbare) Form von sozialdemokratischen Mitgliedsbeiträgenzeigten anschaulich, daß die Kraft und der Einfluß der „Prawdisten” (Marxisten) proletarischen Ursprungs waren, während die Liquidatorcn (und ihr „OK”) aus bürgerlich-liberalen Quellen gespeist wurden. Nachstehend über diese Geldbeiträge einige knappe Angaben, die ausführlich in dem Buch Marxismus und Liquidatorentum und gekürzt in der deutschen sozialdemokratischen Leipziger Volkszeitung am 21. Juli 1914 veröffentlicht worden sind.

Anzahl und Summe der Beiträge für die Petersburger Tageszeitungen der Marxisten (Prawdisten) und der Liquidatoren vom 1. Januar bis 13. Mai 1914:



 

Prawdisten

Liquidatoren

Anzahl der
Beiträge

Summe
in Rubel

Anzahl der
Beiträge

Summe
in Rubel

Von Arbeitergruppen

2.873

18.934

671

5.296

Nicht von Arbeitergruppen

   713

  2.650

453

6.760



Unsere Partei vereinigte somit in Jahre 1914 vier Fünftel der klassenbewußten Arbeiterschaft Rußlands um die revolutionäre sozialdemokratische Taktik. Für das ganze Jahr 1913 belief sich die Anzahl der von Arbeitergruppen geleisteten Beiträge bei den Prawdisten auf zi8i, bei den Liquidatoren auf 66i. Für die Zeit vom 1. Januar 1913 bis 15. Mai 1914 erhalten wir folgende Zahlen: 5.054 Beiträge von Arbeitergruppen für die „Prawdisten” (d.h. für unsere Partei) und 1.332, d.h. 20,8 Prozent, für die Liquidatoren.



Marxismus und Sozialchauvinismus
(1914/1915)

Der große europäische Krieg 1914/1915 gab allen europäischen, darunter auch den russischen Sozialdemokraten die Möglichkeit, ihre Taktik an einer weltweiten Krise zu prüfen. Der reaktionäre und räuberische Charakter des Sklavenhalterkrieges offenbart sich auf seiten des Zarismus noch unvergleichlich anschaulicher als auf seiten der anderen Regierungen. Nichtsdestoweniger schwenkte die Hauptgruppe der Liquidatoren (die einzige Gruppe außer unserer Partei, die ernsthaften Einfluß in Rußland besitzt und zwar dank ihren Beziehungen zum Liberalismus) zum Sozialchauvinismus ab. Da diese Gruppe Nascha Sarja ziemlich lange Zeit das Monopol der Legalität besaß, konnte sie unter den Massen Propaganda in dem Sinne treiben, man solle „sich dem Krieg nicht widersetzen”, der Sieg des Drei(jetzt Vier)verbands sei erwünscht, der deutsche Imperialismus mache sich „jedes Maß überschreitender Sünden” schuldig u.dgl m. Plechanow, der seit 1903 wiederholt Beispiele seiner äußersten politischen Charakterlosigkeit gegeben hatte und mehrmals zu den Opportunisten hinübergewechselt war, nahm, von der ganzen bürgerlichen Presse Rußlands mit Lob überschüttet, die gleiche Haltung in noch ausgeprägterer Form ein. Plechanow sank sogar so tief, daß er den vom Zarismus geführten Krieg für einen gerechten Krieg erklärte und in der italienischen Regierungspresse Interviews veröffentlichte, wodurch er Italien in den Krieg hineinziehen half!!

Daß wir das Liquidatorentum richtig einschätzten und recht daran taten, die Hauptgruppe der Liquidatoren aus unserer Partei auszuschließen, war somit voll bestätigt worden. Das reale Programm der Liquidatoren und die reale Bedeutung ihrer Richtung besteht heute nicht nur in Opportunismus schlechthin, sondern auch darin, daß sie die Großmachtprivilegien und -positionen der großrussischen Gutsbesitzer und Bourgeois verteidigen. Das ist die Richtung einer nationalliberalen Arbeiterpolitik. Das ist das Bündnis eines Teils radikaler Kleinbürger und eines verschwindend Meinen Teils privilegierter Arbeiter mit ihrer nationalen Bourgeoisie gegen die Masse des Proletariats.



Der gegenwärtige Stand der Dinge in der russischen Sozialdemokratie

Wie schon erwähnt, haben weder die Liquidatoren noch eine ganze Reihe von Auslandsgruppen (die von Plechanow, Alexinski, Trotzki u.a.), noch auch die sogenannten „nationalen” (d.h. nicht großrussischen) Sozialdemokraten unsere Januarkonferenz von 1911 anerkannt. Unter den unzähligen Schmähungen, mit denen man uns bedachte, hörte man am häufigsten die Beschuldigung des „Usurpatorentums” und der „Spalterei”. Unsere Antwort darauf bestand in der Anführung von genauen und objektiv nachprüfbaren Zahlen, die bewiesen, daß unsere Partei vier Fünftel der klassenbewnßten Arbeiterschaft Rußlands um sich vereinigt hat Das ist nicht wenig, wenn man all die Schwierigkeiten der illegalen Arbeit in einer konterrevolutionären Epoche berücksichtigt.

Wäre die „Einheit” in Rußland auf Grund der sozialdemokratischen Taktik ohne Ausschluß der Gruppe Nascha Sarja möglich, warum haben unsere zahlreichen Gegner sie dann nicht einmal unter sich verwirklicht? Seit Januar 1912 sind volle dreieinhalb Jahre verflossen, und während dieser ganzen Zeit haben es unsere Gegner trotz aller Bemühungen nicht fertiggebracht, eine sozialdemokratische Partei gegen uns zu schaffen. Diese Tatsache ist die beste Verteidigung unserer Partei.

Die ganze Geschichte der gegen unsere Partei kämpfenden sozialdemokratischen Gruppen ist eine Geschichte der Zersetzung und des Verfalls. Im März 1912 „vereinigten sie sich” alle ohne Ausnahme zum Kampf gegen uns. Aber schon im August 1912, als der sogenannte „Augustblock” gegen uns ins Leben gerufen wurde, begann bei ihnen der Zerfall. Ein Teil der Gruppen fällt von ihnen ab. Sie bringen es nicht fertig, eine Partei und ein ZK zu schaffen. Sie bilden nur ein OK „zur Wiederherstellung der Einheit”. Aber in Wirklichkeit erwies sich dieses OK als ein unwirksamer Deckmantel für die Liquidatorengruppe in Rußland. In der ganzen Periode des gewaltigen Aufschwungs der Arbeiterbewegung in Rußland und der Massenstreiks in den Jahren 1912-1914 bleibt vom ganzen Augustblock als einzige unter den Massen wirkende Gruppe die Gruppe Nascha Sarja übrig, die ihre Kraft aus ihren Beziehungen zum Liberalismus schöpft. Anfang 1914 treten die lettischen Sozialdemokraten formell aus dem „Augustblock” aus (die polnischen Sozialdemokraten waren ihm gar nicht beigetreten), und Trotzki, einer der Führer des Blocks, tritt, obzwar nicht formell, aus dem Block aus, indem er abermals eine eigene Gruppe gründet. Im Juli 1914 wurde auf der Brüsseler Konferenz unter Beteiligung des Exekutivkomitees des ISB, Kautskys und Vanderveldes der sog. „Brüsseler Block” gegen uns gebildet, dem die litten nicht beitraten und aus dem die polnische sozialdemokratische Opposition sofort wieder ausschied. Nach Kriegsausbruch zerfällt dieser Block. Die Nascha Sarja, Plechanow, Alexinski und der Führer der kaukasischen Sozialdemokraten An werden zu offenen Sozialchauvinisten, die eine deutsche Niederlage als wünschenswert predigen. Das OK und der „Bund” verteidigen die Sozialchauvinisten und die Grundlagen des Sozialchauvinismus. Die Fraktion Tschclieidse obgleich sie gegen die Kriegskredite gestimmt hatte (in Rußland stimmten sogar bürgerliche Demokraten, die Trudowiki, gegen die Kriegskredite), bleibt ein treuer Verbündeter der Nascha Sarja. Unsere extremen Sozialchauvinisten, Plechanow, Alexinski und Co., sind mit der Fraktion Tschcheidse vollauf zufrieden. In Paris wird das Blatt Nasche Slowo (früher Golos) gegründet, hauptsächlich unter Beteiligung von Martow und Trotzki, die gern die platonische Verteidigung des Internationalismus mit der unbedingten Forderung nach Einheit mit der Nascha Sarja, dem OK oder der Fraktion Tschcheidse verbinden möchten. Nach Erscheinen von 250 Nummern sieht sich dieses Blatt genötigt, seinen Zerfall selbst einzugestehen: ein Teil der Redaktion neigt zu unserer Partei; Martor bleibt dem OK treu, das dem Nasche Slowo öffentlich „Anarchismus” vorwirft (wie auch die Opportunisten in Deutschland, David und Co., die Internationale Korrespondenz,, Legien und Co. den Gen. Liebknecht des Anarchismus bezichtigen); Trotzki verkündet seinen Bruch mit dem OK, will aber mit der Fraktion Tschcheidse zusammengehen. Hier das Programm und die Taktik der Fraktion Tschcheidse, dargelegt von einem ihrer Führer. In Nr. 5, Jahrgang 1915, des Sowremenny Mir, einer Revue, die den Standpunkt Plechanows und Alexinskis vertritt, schreibt Tschchenkeli: Die Behauptung, die deutsche Sozialdemokratie sei imstande gewesen, das Losschlagen ihres Landes zu verhindern, habe das aber nicht getan, bedeutet entweder den stillen Wunsch, nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Vaterland solle auf den Barrikaden elend zugrunde gehen, oder es bedeutet, daß man die vor der Nase liegenden Dinge durch ein anarchistisches Teleskop betrachtet.”

In diesen paar Zeilen ist das ganze Wesen des Sozialchauvinismus ausgedrückt: prinzipielle Rechtfertigung der Idee der Vaterlandsverteidigung” im gegenwärtigen Krieg ebenso wie – mit gütiger Erlaubnis der Militärzensoren – Verspottung der Propagierung und Vorbereitung der Revolution. Es kommt doch gar nicht darauf an, ob die deutsche Sozialdemokratie imstande war, den Krieg zu verhindern, und auch nicht darauf, ob Revolutionäre überhaupt die Garantie für den Sieg der Revolution übernehmen können. Die Frage ist die, ob man wie ein Sozialist handelt oder buchstäblich in den Umarmungen der imperialistischen Bourgeoisie „erstickt”.



Die Aufgaben unserer Partei

Die russische Sozialdemokratie entstand vor der bürgerlich- demokratischen Revolution (1905) in unserem Lande und erstarkte während der Revolution und der Konterrevolution. Die Rückständigkeit Rußlands erklärt die außergewöhnliche Fülle von Strömungen und Schattierungen die der kleinbürgerliche Opportunismus bei uns aufweist, während der Einfluß des Marxismus in Europa und die Solidität der legalen sozialdemokratischen Parteien vor dem Krieg unsere Muster-Liberalen beinahe zu Anhängern einer „vernünftigen”, „europäischen” (nichtrevolutionären), „legalen” „marxistischen” Theorie und Sozialdemokratie machten. Die russische Arbeiterklasse konnte ihre Partei nicht anders als in einem entschlossenen dreißigjährigen Kampf gegen alle Spielarten des Opportunismus aufbauen. Die Erfahrung des Weltkriegs. der den schmählichen Zusammenbruch des europäischen Opportunismus herbeiführte und das Bündnis unserer National- liberalen mit dem sozialchauvinistischen Liquidatorentum festigte, bestärkt uns noch mehr in der Überzeugung, daß. unsere Partei auch fernerhin diesen konsequent revolutionären Weg gehen muss (A).



Fußnote

[A] Sowremenny Mir, 1915, Nr.5, S.148. Trotzki erklärte unlängst, er betrachte es als seine Aufgabe, die Autorität der Fraktion Tschcheidse in der Internationale zu heben. Zweifellos wird Tschchenkeli seinerseits ebenso energisch bestrebt sein, die Autorität Trotzkis in der Internationale zu heben.





(1915)Vorwort zur ersten (ausländischen) Ausgabe

Der Krieg dauert schon ein Jahr. Unsere Partei legte ihre Stellung n ihm schon in den ersten Kriegsmonaten in einem Manifest des ZK fest, das im September 1914 verfaßt und am r. November 1914 in Nr.33 des Zentralorgans unserer Partei, des Sozial-Demokrat, veröffentlicht wurde (nachdem es an die Mitglieder des ZK und an die verantwortlichen Vertreter unserer Partei in Rußland gesandt worden war und ihre Zustimmung gefunden hatte). Dann brachte der Sozial-Demokrat in Nr.40 vom 29. März 1915 die Beschlüsse der Berner Konferenz, in denen unsere Grundsätze und unsere Taktik noch exakter dargelegt werden.

Gegenwärtig steigt die revolutionäre Stimmung der Massen in Rußland offenkundig an. Symptome derselben Erscheinung machen sich auch in anderen Ländern allerorten bemerkbar, trotz der Unterdrückung der revolutionären Bestrebungen des Proletariats durch die Mehrheit der offiziellen sozialdemokratischen Parteien, die sich auf die Seite ihrer Regierungen und ihrer Bourgeoisie gestellt haben. Eine solche Sachlage erfordert besonders gebieterisch die Herausgabe einer Broschüre, die die Bilanz der sozialdemokratischen Taktik gegenüber dem Kriege zieht. Wir drucken die obengenannten Parteidokumente vollständig ab und versehen sie mit kurzen Erläuterungen, wobei wir bestrebt sind, auf alle wichtigen Argumente einzugehen, die zugunsten der bürgerlichen wie der proletarischen Taktik in Denckschriften und in Parteiversammlungen vorgebracht worden sind.



Vorwort zur zweiten Ausgabe

Die vorliegende Broschüre wurde im Sommer 1915 unmittelbar vor der Zimmerwalder Konferenz geschrieben. Sie erschien auch in deutscher und französischer Sprache und wurde In norwegischer Sprache in Organ der norwegischen sozialdemokratischen Jugend vollständig abgedruckt. Die deutsche Ausgabe der Broschüre wurde illegal nach Deutschland gebracht - nach Berlin, Leipzig, Bremen und anderen Städten –, wo sie von Anhängern der Zimmerwalder Linken und der Gruppe Karl Liebknechts illegal verbreitet wurde. Die französische Ausgabe wurde illegal in Paris gedruckt und dort von französischen Zimmerwaldern verbreitet Die russische Ausgabe kam in seht beschränkter Anzahl nach Rußland und wurde in Moskau von Arbeitern handschriftlich vervielfältigt.

Wir drucken diese Broschüre als Dokument erneut vollständig ab. Der Leser darf nie außer acht lassen, daß die Broschüre im August 1915 geschrieben wurde. Das ist insbesondere bei den Stellen in Auge zu behalten, wo von Rußland die Rede ist; Rußland war damals noch das zaristische Rußland der Romanows ...