1923

W. I. Lenin







Über unsere Revolution

16. und 17. Januar 1923

( geschrieben aus Anlass der Aufzeichnung N. Suchanows)

Werke Band 33, Seite 462 – 465

zum ersten Mal im Internet veröffentlicht am 22. 3. 2010

(Kopie im Dienste der Weltrevolution erwünscht)





I

Ich blättere dieser Tage in Suchanows Aufzeichnungen über die Revolution. Besonders auffallend ist die Pedanterie aller unserer kleinbürgerlichen Demokraten wie auch aller Helden der II. Internationale. Ganz abgesehen davon, dass sie außerordentlich feige sind, dass sogar die Besten unter ihnen sich hinte5r Vorbehalten verschanzen, sobald es sich um die kleinste Abweichung vom deutschen Vorbild handelt – ganz abgesehen von dieser Eigenschaft aller kleinbürgerlichen Demokraten, die sich während der ganzen Revolution zur Genüge an den Tag gelegt haben, springt ihre sklavische Nachäffung der Vergangenheit in die Augen.

Sie alle nennen sich Marxisten, fassen aber den Marxismus unglaublich pedantisch auf. Das Entscheidende im Marxismus haben sie absolut nicht begriffen: nämlich seine revolutionäre Dialektik. Sogar die direkten Hinweise von Marx, dass in Zeiten der Revolution größte Elastizität notwendig ist, haben sie absolut nicht begriffen und zum Beispiel nicht einmal die Hinweise in Marx' Briefwechsel, soweit ich mich erinnere, aus dem Jahre 1856 bemerkt, als Marx die Hoffnung aussprach, ein Bauernkrieg in Deutschland, der eine revolutionäre Situation herbeiführen könne, werde sich mit der Arbeiterbewegung vereinigen (Marx/Engels, Band 29, Seite 47).

Ja, selbst diesen direkten Hinweis meiden sie und gehen um ihn herum wie die Katze um den heißen Brei.

In ihrem ganzen Verhalten zeigen sie sich als feige Reformisten, die sich fürchten, von der Bourgeoisie abzurücken oder gar mit ihr zu brechen, und die gleichzeitig ihre Feigheit durch zügellose Phrasendrescherei und Prahlerei bemänteln. Aber sogar in rein theoretischer Hinsicht springt ihre völlige Unfähigkeit in die Augen, die folgenden Gedankengänge des Marxismus zu begreifen. Denn sie sahen bisher einen bestimmten Entwicklungsweg des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie in Westeuropa. Und nun können sie sich nicht vorstellen, dass dieser Weg nur mutatis mutandis [ mit entsprechenden Änderungen – Red.] als Muster betrachtet werden kann, nicht anders als mit gewissen Korrekturen ( die, vom Standpunkt der Weltgeschichte aus gesehen, ganz unerheblich sind).

Erstens: Eine Revolution, die mit dem ersten imperialistischen Weltkrieg zusammenhängt. In einer solchen Revolution mussten neue oder eben durch den Krieg modifizierte Züge in Erscheinung treten, denn noch niemals hat es auf der Welt einen solchen Krieg, unter solchen Verhältnissen, gegeben. Wir sehen bis heute, dass die Bourgeoisie der reichsten Länder außerstande ist, nach diesem Krieg 'normale' bürgerliche Verhältnisse herzustellen, unsere Reformisten aber, kleine Bourgeois, die sich als Revolutionäre aufspielen, waren und sind des Glaubens, dass normale bürgerliche Verhältnisse die (nicht zu überschreitende) Grenze bilden, wobei sie diese 'Norm' äußerst schablonenhaft und beschränkt auffassen.

Zweitens. Ihnen ist jeder Gedanke daran völlig fremd, dass bei allgemeiner Gesetzmäßigkeit der Entwicklung in der gesamten Weltgeschichte einzelne Etappen der Entwicklung, die eine Eigentümlichkeit entweder der Form oder der Aufeinanderfolge der Entwicklung darstellen, keineswegs auszuschließen, sondern im Gegenteil anzunehmen sind. Es kommt ihnen zum Beispiel gar nicht in den Sinn, dass Russland, das an der Grenze steht zwischen den zivilisierten Ländern und den erstmalig durch diesen Krieg endgültig in die Zivilisation einbezogenen Ländern, den Ländern des gesamten Ostens, den außereuropäischen Ländern – dass Russland infolgedessen gewisse Eigentümlichkeiten aufweisen konnte und musste, die natürlich auf der allgemeinen Linie der Entwicklung der Welt liegen, die aber die russische Revolution von allen vorangegangenen Revolutionen der westeuropäischen Länder unterscheiden und beim Übergang zu den Ländern des Ostens gewisse teilweise Neuerungen mit sich bringen.

Unendlich schablonenhaft ist zum Beispiel ihr Argument, das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen 'gelehrten' Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen. Und keinem kommt es in den Sinn, sich zu fragen: Könnte nicht ein Volk, dass auf eine revolutionäre Situation gestoßen ist, eine Situation, wie sie sich im ersten imperialistischen Kriege ergeben hat, könnte nicht dieses Volk, infolge der Aussichtslosigkeit seiner Lage, sich in einen Kampf stürzen, der ihm wenigstens irgendwelche Aussichten eröffnete, sich nicht ganz gewöhnliche Bedingungen für einer Weiterentwicklung der Zivilisation zu erringen ?

Russland hat in der Entwicklung der Produktivkräfte nich nicht die Höhe erreicht, bei welcher der Sozialismus möglich wäre.“ Mit diesem Leitsatz tun sich alle Helden der II. Internationale, und unter ihnen natürlich auch Suchanow, so wichtig, als wäre es der Stein der Weisen. Diesen unstrittigen Satz wiederkäuen sie auf tausenderlei Weise, und es scheint ihnen, als sei er entscheidend für die Beurteilung unserer Revolution.

Wie aber, wenn die Eigentümlichkeit der Situation Russland erstens in den imperialistischen Weltkrieg hineinstellte, in den alle einigermaßen einflussreichen westeuropäischen Länder verwickelt waren, und zweitens seine Entwicklung an der Grenze der beginnenden und teilweise bereits begonnenen Revolutionen des Ostens in Verhältnisse versetzte, unter denen wir gerade jene Verbindung eines 'Bauernkrieges' mit der Arbeiterbewegung verwirklichen konnten, von der, als einer der möglichen Perspektiven, ein solcher 'Marxist' wie Marx im Jahre 1856 in Bezug auf Preußen geschrieben hatte ?

Wie aber, wenn die völlige Ausweglosigkeit der Lage, wodurch die Kräfte der Arbeiter und Bauern verzehnfacht wurden, uns die Möglichkeit eines anderen Übergangs eröffnete, um die grundlegenden Voraussetzungen der Zivilisation zu schaffen, als in allen übrigen westeuropäischen Staaten ? Hat sich denn dadurch die allgemeine Linie der Entwicklung der Weltgeschichte geändert ? Hat sich denn dadurch das grundlegende Wechselverhältnis der Hauptklassen in jedem Staate geändert, der in den allgemeinen Gang der Weltgeschichte einbezogen wird und schon einbezogen worden ist ?

Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist (obwohl niemand sagen kann, wie dieses bestimmte 'Kulturniveau' aussieht, denn es ist in jedem westeuropäischen Staat verschieden), warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionärem Wege die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen, und dann schon, auf der Grundlage der Arbeiter – und Bauernmacht und der Sowjetordnung, vorwärts schreiten und die anderen Völker einholen.



17. Januar 1923

II

Für die Schaffung des Sozialismus, sagt ihr, ist Zivilisiertheit erforderlich. Ausgezeichnet. Nun, warum aber konnten wir nicht zuerst solche Voraussetzungen der Zivilisiertheit bei uns schaffen, wie es die Vertreibung der Gutsbesitzer und die Vertreibung der russischen Kapitalisten ist, um dann schon mit der Vorwärtsbewegung zum Sozialismus zu beginnen ? In welchen Büchern habt ihr denn gelesen, dass derartige Modifikationen der üblichen historischen Reihenfolge unzulässig oder unmöglich seien ?

Wie ich mich erinnere, hat Napoleon geschrieben: “On s'engage et puis .. on voit.“ In freier Übersetzung bedeutet das etwa: „Zuerst stürzt man sich ins Gefecht, das Weitere wird sich finden.“ Auch wir haben uns im Oktober 1917 zuerst ins Gefecht gestürzt und dann solche Einzelheiten der Entwicklung (vom Standpunkt der Weltgeschichte aus sind das zweifellos Einzelheiten) zu sehen bekommen wie den Brester Frieden oder die NÖP usw. gegenwärtig kann schon kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass wir im Wesentlichen den Sieg davongetragen haben,

Unseren Sachanows, von den rechts von ihnen stehenden Sozialdemokraten ganz zu schweigen, fällt es im Traum nicht ein, dass Revolutionen überhaupt nicht anders gemacht werden können. Unseren europäischen Spießbürgern fällt es im Traum nicht ein, die weiteren Revolutionen in den Ländern des Ostens, die unermesslich reicher an Bevölkerung sind und sich durch unermesslich größere Mannigfaltigkeit der sozialen Verhältnisse auszeichnen, ihnen zweifellos noch mehr Eigentümlichkeiten als die russische Revolution auftischen werden.

Sicherlich, ein auf Kautskysche Manier geschriebenes Lehrbuch war seinerzeit ein nützliches Ding. Aber es ist dennoch schon an der Zeit, den Gedanken fallen zu lassen, als hätte dieses Lehrbuch alle Formen der weiteren Entwicklung der Weltgeschichte vorausgesehen. Es wäre an der Zeit, Leute, die daran festhalten, einfach für Dummköpfe zu erklären.