Lenin

Über Wilhelm Liebknecht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenin über Wilhelm Liebknecht

 

aus Anlass des 190. Geburtstags von Wilhelm Liebknecht

am 19. März 1826

(Sammlung von Texten und Zitaten - zusammengestellt von Wolfgang Eggers)

 

 

" ... studieren, propagandieren, organisieren ..."

 

 

 

 

Lenin, Band 1 Seite 300 (Ende 1894)

THEORETISCHE Arbeit wird dabei in der konkreten Untersuchung aller formen des wirtschaftlichen Antagonismus (...), in der Untersuchung ihres Zusammenhangs und ihrer folgerichtigen Entwicklung bestehen müssen; sie muß diesen Antagonismus überall bloßlegen, wo er durch die politische Geschichte, durch die Besonderheiten der Rechtsverhältnisse und durch eingewurzelte theoretische Vorurteile verhüllt wird. Sie muß ein in sich geschlossenes Bild unserer Wirklichkeit als eines bestimmten Systems von Produktionsverhältnissen geben, die Notwendigkeit der Exploitation und Expropriation der Werktätigen unter diesem System zeigen, sie muß den Ausweg aus diesen Zuständen zeigen, auf den die wirtschaftliche Entwicklung hinweist.

Lenin, Band 1 Seite 301, 302, 304

Mit dieser Betonung der Notwendigkeit, Wichtigkeit und gewaltigen Bedeutung der theoretischen Arbeit der Sozialdemokraten will ich keineswegs sagen, diese Arbeit müsse an die erste Stelle, vor die PRAKTISCHE gestellt werden, noch weniger will ich sagen, daß die zweite bis zum Abschluß der ersten aufgeschoben werden soll. (...)

Ganz anders ist es, wenn man die Aufgabe der Sozialisten darin sieht, die ideologischen Führer des Proletariats in seinem wirklichen Kampf gegen die tatsächlichen, die echten Feinde zu sein, die ein Hindernis auf dem wirklichen Weg der gegebenen sozialökonomischen Entwicklung sind. Unter dieser Bedingung verschmelzen theoretische und praktische Arbeit zu einer einzigen Arbeit, die der Veteran der deutschen Sozialdemokratie, Liebknecht, so treffend mit den Worten gekennzeichnet hat:

Studieren, Propagandieren, Organisieren.[ Diese Worte bei Lenin deutsch. Der Übers.]

Ohne die obenerwähnte theoretische Arbeit kann man kein ideologischer Führer sein, wie man es auch nicht sein kann, ohne diese Arbeit den Erfordernissen der Sache anzupassen, ohne die Resultate dieser Theorie unter den Arbeitern zu propagieren und ihnen zu helfen, sich zu organisieren.

Diese Aufgabenstellung bewahrt die Sozialdemokratie vor den Mängeln, an denen sozialistische Gruppen so oft leiden - vor Dogmatismus und Sektierertum.

Wo die Übereinstimmung mit dem wirklichen Prozeß der sozialökonomischen Entwicklung zum obersten und einzigen Kriterium einer Doktrin gemacht wird, da kann es keinen Dogmatismus geben; wenn die Aufgabe darin besteht, die Organisierung des Proletariats zu fördern, wenn folglich die Rolle der „Intelligenz" darin besteht, besondere, intellektuelle Führer überflüssig zu machen, kann es kein Sektierertum geben.

Die politische Tätigkeit der Sozialdemokraten besteht darin, an der Entwicklung und Organisierung der Arbeiterbewegung (...) zu arbeiten und sie aus dem heutigen Zustand zersplitterter, einer führenden Idee entbehrender Protestversuche, „Rebellionen" und Streiks herauszuführen zum organisierten Kampf der G E S A M T E N (...9) Arbeiter K L A S S E gegen das bürgerliche Regime, für die Expropriation der Expropriateure und für die Vernichtung der gesellschaftlichen Ordnung, die auf der Unterdrückung der Werktätigen fußt. Dieser Tätigkeit liegt die allgemeine Überzeugung der Marxisten zugrunde, daß der (...) Arbeiter der einzige und natürliche Repräsentant der gesamten werktätigen und ausgebeuteten Bevölkerung (...) ist.

Gerade der Arbeiterklasse wenden die Sozialdemokraten daher ihre ganze Aufmerksamkeit zu, auf sie richten sie ihre gesamte Tätigkeit aus. Wenn die fortgeschrittenen Repräsentanten der Arbeiterklasse sich die Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus zu eigen gemacht haben, wenn sie sich der historischen Rolle des (...) Arbeiters bewußt geworden sind, wenn diese Ideen weite Verbreitung erlangt, die Arbeiter feste Organisationen gegründet und diese den heute zersplitterten ökonomischen Kampf der Arbeiter in bewußt geführten Klassenkampf verwandelt haben - dann wird sich der (...) ARBEITER erheben, sich an die Spitze aller demokratischen Elemente stellen, den Absolutismus stürzen und das (...) PROLETARIAT (Schulter an Schulter mit dem Proletariat ALLER LÄNDER) auf dem direkten Wege des offenen politischen Kampfes der SIEGREICHEN KOMMUNISTISCHEN REVOLUTION entgegen führen.

 

 

Lenin, Band 4, Rezension über das Buch von S. N. Prokopowitsch, Seite 184

Überhaupt nicht ernst zu nehmen sind die Behauptungen des Herrn Prokopowitsch, Liebknecht habe in den sechziger Jahren seine Ideale bei verschiedenen Gelegenheiten abgeschworen, sie verraten und
dgl. mehr ...

 

 

Lenin, Band 4, Seite 213 - 214 ; "Unsere nächste Aufgabe"

Wenn wir von der Notwendigkeit sprechen, alle Kräfte der Partei — alle literarischen Kräfte, alle organisatorisdien Fähigkeiten, alle materiellen Mittel usw. — auf die Gründung und richtige Leitung eines Organs der ganzen Partei zu konzentrieren, so denken wir keineswegs daran, die anderen Arten der Tätigkeit, z. B. lokale Agitation, Kundgebungen, Boykott, Verfolgung von Spionen, Verfolgung einzelner Vertreter der Bourgeoisie und der Regierung, demonstrative Streiks usw. und dgl. Mehr, in den Hintergrund zu drängen. Im Gegenteil, wir sind davon überzeugt, daß alle diese Arten der Tätigkeit die Qrundlage bilden für die Tätigkeit der Partei, aber ohne ihre Zusammenfassung in einem Organ der ganzen Partei verlieren alle diese Formen des revolutionären Kampf es neun Zehntel ihrer Bedeutung, führen sie nicht zur Sammlung gemeinsamer Erfahrungen der Partei, zur Schaffung einer Parteitradition und Parteikontinuität.

Die Notwendigkeit, alle Kräfte auf die Organisierung eines regelmäßig erscheinenden und zuzustellenden Parteiorgans zu konzentrieren, ist bedingt durch die besondere Lage der russisdien Sozialdemokratie, die sich von der Lage der Sozialdemokratie anderer europäischer Länder und der alten russischen revolutionären Parteien unterscheidet. Die Arbeiter Deutschlands, Frankreichs usw. haben außer Zeitungen eine Menge anderer Mittel, ihre Tätigkeit öffentlich zur Geltung zu bringen, andere Mittel, die Bewegung zu organisieren: parlamentarische Tätigkeit und Wahlagitation, Volksversammlungen und Beteiligung an lokalen öffentlichen (ländlichen und städtischen) Einrichtungen, offene Betätigung von Berufsverbänden (Gewerkschaften, Innungen) usw. und dgl. mehr. Bei uns muß — solange wir noch nicht die politische Freiheit erkämpft haben — als Ersatz alles dessen, aber wirklich alles dessen, eine revolutionäre Zeitung dienen, ohne die bei uns keinerlei umfassende Organisation der gesamten Arbeiterbewegung möglich ist. An Verschwörungen glauben wir nicht, vereinzelte revolutionäre Aktionen zum Sturze der Regierung lehnen wir ab; als praktische Losung unserer Arbeit dienen uns die Worte eines Veteranen der deutschen Sozialdemokratie, Liebknechts: „Studieren, propagandieren, organisieren", und der Mittelpunkt dieser Tätigkeit kann und muß allein das Parteiorgan sein.

 

Lenin, Band 5, Seite 6 - 7 ; "Womit beginnen?"

Die Frage „Was tun?" drängt sich in den letzten Jahren den russischen Sozialdemokraten mit besonderer Kraft auf. Es handelt sich dabei nicht um die Wahl des Weges (wie das Ende der aditziger und Anfang der neunziger Jahre der Fall war), sondern darum, welche praktischen Schritte wir auf dem erkannten Wege tun sollen und auf welche Art wir sie tun sollen. Es handelt sich um das System und den Plan der praktischen Tätigkeit. Und man muß zugeben, daß diese für eine praktisch tätige Partei grundlegende Frage nach dem Charakter und den Methoden des Kampfes bei uns immer noch ungelöst ist, immer noch ernste Meinungsverschiedenheiten hervorruft, die einen bedauerlichen Mangel an ideologischer Festigkeit und ideologisches Schwanken offenbaren. Einerseits ist die Richtung des „Ökonomismus", die die politische Organisations- und Agitationsarbeit beschneiden und einengen will, noch lange nicht tot. Anderseits erhebt nach wie vor die Richtung eines prinzipienlosen Eklektizismus stolz ihr Haupt, die sich jeder neuen „Strömung" anpaßt und die es nicht versteht, die Erfordernisse des Tages von den Grundaufgaben und den ständigen Bedürfnissen der Bewegung in ihrer Gesamtheit zu unterscheiden.

Bekanntlich hat sich solch eine Richtung in der Zeitschrift „Rabotscheje Delo" eingenistet. Ihre letzte „programmatische" Erklärung — ein hochtrabender Artikel unter dem hochtrabenden Titel „Eine historische Wendung" (Nr. 6 des „Listok ,Rabotschewo Dela'" [Blatt der „Arbeitersache"]) — bestätigt besonders anschaulich die eben gegebene Charakteristik.

Gestern noch liebäugelte man mit dem „Ökonomismus", empörte man sich über die entschiedene Verurteilung der „Rabotschaja Mysl", „milderte" man die Plechanowsche Formulierung in der Frage des Kampfes gegen die Selbstherrschaft — und heute zitiert man bereits Liebknechts Worte: „Wenn die Umstände sich in 24 Stunden ändern, so muß man auch die Taktik in 24 Stunden ändern", heute spricht man schon von einer „festen Kampforganisation" für die direkte Attacke, für den Sturmangriff auf die Selbstherrschaft, von einer „umfassenden revolutionären politischen" (ei, wie energisch: sowohl revolutionären als auch politischen!) „Agitation in den Massen", von „unermüdlichem Aufruf zu Straßenprotesten", von der „Veranstaltung von Straßenkundgebungen ausgesprochen (sie!) politischen Charakters" usw. usf.

Wir könnten eigentlich unsere Freude darüber zum Ausdruck bringen, daß sich das „Rabotscheje Delo" so rasch das von uns bereits in der ersten Nummer der „Iskra" aufgestellte Programm zu eigen gemacht hat, das die Schaffung einer straff organisierten Partei vorsieht, deren Aufgabe es ist, nicht nur einzelne Zugeständnisse zu erkämpfen, sondern die Zwingburg der Selbstherrschaft selbst zu erobern; aber das Fehlen jedes festen Standpunkts bei diesen Leuten ist dazu angetan, einem die ganze Freude zu verderben.

Auf Liebknecht beruft sich das „Rabotscheje Delo" natürlich zu Unrecht. Man kann in 24 Stunden die Taktik der Agitation in irgendeiner besonderen Frage, die Taktik bei der Durchführung irgendeiner Teilaufgabe der Parteiorganisation ändern; aber in 24 Stunden, ja sei es sogar in 24 Monaten, seine Ansichten darüber ändern, ob überhaupt, stets und unbedingt eine Kampf organisation und politische Agitation in den Massen notwendig sind, das bringen nur Leute ohne jegliche Prinzipien fertig. Es ist lächerlich, sich auf den Unterschied in der Situation, auf den Eintritt einer neuen Periode zu berufen: an der Schaffung einer Kampf Organisation arbeiten und politische Agitation treiben ist unbedingt notwendig in jeder Situation, mag sie auch noch so „alltäglich, friedlich" sein, in jeder Periode, mag in ihr der „revolutionäre Geist" auch noch so „gesunken" sein; mehr als das: gerade in einer solchen Situation und in solchen Perioden ist die genannte Arbeit besonders notwendig, denn in der Zeit der Explosionen und Ausbrüche ist es schon zu spät, eine Organisation zu schaffen; sie muß in Bereitschaft stehen, um sofort ihre Tätigkeit entfalten zu können. „In 24 Stunden die Taktik ändern"! Ja, um die Taktik ändern zu können, muß man doch erst einmal eine Taktik haben; ist aber keine feste Organisation vorhanden, die den politischen Kampf in den verschiedensten

Situationen und Perioden gründlich aus der Erfahrung kennt, dann kann auch keine Rede sein von jenem systematischen, durch feste Prinzipien erhellten und unbeirrt durchzuführenden Tätigkeitsplan, der allein die Bezeichnung Taktik verdient. Wahrhaftig, man schaue sich das an: Da heißt es bereits, der „historische Moment" stelle unsere Partei vor eine „völlig neue" Frage — die des Terrors. Gestern war die Frage der politischen Organisation und Agitation „völlig neu", heute ist es die Frage des Terrors. Ist es nicht seltsam zu hören, wie Leute, die in solchem Maße ihre Herkunft vergessen, über eine grundlegende Änderung der Taktik räsonieren?

 

 

 

Lenin, Band 5, Seite 404 - 405 ; "Was tun?"

Auf die Frage „Wohin geben?" gibt das führende Organ die Antwort: Bewegung ist ein Prozeß der Veränderung des Abstands zwischen dem Ausgangspunkt und den folgenden Punkten der Bewegung. Dieser unvergleichliche Tiefsinn ist aber nicht nur ein Kuriosum (dann würde es sich nicht lohnen, besonders darauf einzugehen), sondern auch das Programm einer ganzen Richtung, nämlich: dasselbe Programm, das R. M. (in der „Sonderbeilage zur ,Rabotschaja Mysl'") mit den Worten zum Ausdruck brachte: Wünschenswert ist der Kampf, der möglich ist, und möglich ist der, der im gegebenen Augenblick vor sich geht. Das ist gerade die Richtung des grenzenlosen Opportunismus, der sich der Spontaneität passiv anpaßt.

„Die Taktik als Plan widerspricht dem Wesen des Marxismus!" Das ist doch eine Verleumdung des Marxismus, seine Verwandlung in dieselbe Karikatur, die die Volkstümler in ihrem Kampf gegen uns ins Feld führten. Das ist gerade ein Herabdrücken der Initiative und der Tatkraft der bewußten Funktionäre, während der Marxismus im Gegenteil der Initiative und der Tatkraft des Sozialdemokraten einen gewaltigen Anstoß gibt, ihm die weitesten Perspektiven eröffnet, ihm die machtvollen Kräfte von Millionen und aber Millionen der sich „spontan" zum Kampf erhebenden Arbeiterklasse zur Verfügung stellt (wenn man sich so ausdrücken darf)! Die ganze Geschichte der internationalen Sozialdemokratie strotzt von Plänen, die bald von dem einen, bald von dem anderen politischen Führer entworfen wurden, wobei der Weitblick und die Richtigkeit der politischen und organisatorischen Ansichten des einen sich bestätigten und die Kurzsichtigkeit und die politischen Fehler des anderen zutage traten.

Als sich in Deutschland ein so gewaltiger historischer Umschwung vollzog wie die Reichsgründung, die Eröffnung des Reichstags, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, da hatte Liebknecht den einen Plan für die gesamte sozialdemokratische Politik und Arbeit, Schweitzer einen anderen.

Als über die deutschen Sozialisten das Ausnahmegesetz verhängt wurde, da hatten Most und Hasselmann, die einfach zu Gewalt und Terror aufrufen wollten, den einen Plan, einen anderen hatten Höchberg, Schramm und (zum Teil) Bernstein, die den Sozialdemokraten zu predigen begannen, daß sie durch ihre unvernünftige Schärfe und ihre revolutionäre Haltung das Gesetz herausgefordert hätten und sich darum jetzt die Verzeihung der Regierung durch musterhaftes Betragen verdienen müßten; einen dritten Plan hatten diejenigen, die die Herausgabe eines illegalen Organs vorbereiteten und verwirklichten. Blickt man viele Jahre später zurück, nachdem der Kampf um die Wahl des Weges beendet und die Geschichte ihr endgültiges Urteil über die Tauglichkeit des gewählten Weges gefällt hat, dann ist es allerdings nicht schwer, tiefsinnige Aussprüche zu tun über das Wachsen der Parteiaufgaben, die zusammen mit der Partei wachsen. Aber in einer Zeit der Verwirrung, da die russischen „Kritiker" und Ökonomisten die Sozialdemokratie zum Trade-Unionismus degradieren, die Terroristen aber mit großem Eifer eine „Taktik als Plan" verfechten, die die alten Fehler wiederholt, sich in solcher Zeit auf einen solchen Tiefsinn beschränken, heißt sich ein „Armutszeugnis" ausstellen.

In einer Zeit, da viele russische Sozialdemokraten eben gerade an mangelnder Initiative und Tatkraft, an mangelndem „Ausmaß der politischen Propaganda, Agitation und Organisation" leiden, daran leiden, daß es an „Plänen" für eine möglichst umfassende revolutionäre Arbeit mangelt, in einer solchen Zeit sagen: „die Taktik als Plan widerspricht dem Wesen des Marxismus", heißt nicht nur theoretisch den Marxismus verflachen, sondern auch praktisch die Partei nach rückwärts zerren.

 

 

Lenin, Band 5, "Was tun?" Seite 437 - 438

Jeder Sekretär einer Trade-Union führt „den ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und gegen die Regierung" und hilft ihn führen. Man kann nicht genug betonen, daß das noch nivht Sozialdemokratismus ist, daß das Ideal eines Sozialdemokraten nicht der Sekretär einer Trade-Union, sondern der Volkstribun sein muß, der es versteht, auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen, der es versteht, an allen diesen Erscheinungen das Gesamtbild der Polizeiwillkür und der kapitalistischen Ausbeutung zu zeigen, der es versteht, jede Kleinigkeit zu benutzen, um vor aller Welt seine sozialistischen Überzeugungen und seine demokratischen Forderungen darzulegen, um allen und jedermann die welthistorische Bedeutung des Befreiungskampfes des Proletariats klarzumachen.

Man vergleiche zum Beispiel solche Männer wie Robert Knight (bekannter Sekretär und Führer des Verbandes der Kesselschmiede, einer der mächtigsten englischen Trade-Unions) und Wilhelm Liebknecht, und man versuche auf sie jene Gegenüberstellung anzuwenden, in die Martynow seine Meinungsverschiedenheit mit der „Iskra" faßt. Man wird sehen — ich beginne Martynows Artikel durchzublättern —, daß R. Knight viel mehr „an die Massen den Appell zu gewissen konkreten Aktionen" richtete (39), während W. Liebknecht sich viel mehr „mit der revolutionären Beleuchtung des ganzen bestehenden Regimes oder seiner Teilerscheinungen" befaßte (38/39); daß R. Knighj: „die nächsten Forderungen des Proletariats formulierte und auf die Mittel zu ihrer Verwirklichung hinwies" (41), während W. Liebknecht, der dies auch tat, nidit darauf verzichtete, „gleichzeitig die aktive Tätigkeit der verschiedenen oppositionellen Schichten zu leiten" und „ihnen ein positives Aktionsprogramm zu diktieren"* (41);

[ * Zum Beispiel diktierte Liebknecht während des Deutsch-Französischen Krieges der gesamten Demokratie ein Aktionsprogramm — und noch mehr taten es Marx und Engels im Jahre 1848.]

daß R. Knight bestrebt war, eben „nach Möglichkeit dem eigentlichen ökonomischen Kampf politischen Charakter zu verleihen" (42), und es ausgezeichnet verstand, „an die Regierung konkrete Forderungen zu stellen, die gewisse greifbare Resultate verheißen" (43), während W. Liebknecht sich viel mehr mit „einseitigen" „Enthüllungen" (40) befaßte; daß R. Knight der „Vorwärtsbewegung des unscheinbaren Tageskampfes" (61), W. Liebknecht aber „der Propaganda glänzender und vollendeter Ideen" mehr Bedeutung beimaß (61); daß W. Liebknecht aus der von ihm geleiteten Zeitung gerade „das Organ der revolutionären Opposition" machte, „das unsere Zustände enthüllt, vor allem die politischen Zustände, soweit sie mit den Interessen der verschiedensten Bevölkerungsschichten kollidieren" (63), während R. Knight „für die Arbeitersache in enger organischer Verbindung mit dem proletarischen Kampf arbeitete" (63) — wenn man „die enge und organische Verbindung" im Sinne jener Anbetung der Spontaneität versteht, wie wir sie oben an den Beispielen Kritschewskis und Martynows untersucht haben — und „die Sphäre seiner Einwirkung einengte", weil er natürlich ebenso wie Martynow davon überzeugt war, daß er „dadurch die Einwirkung selber komplizierte"(63). Kurz und gut, man wird sehen, daß Martynow de facto die Sozialdemokratie zum Trade-Unionismus degradiert, obgleich er das natürlich keineswegs deshalb tut, weil er etwa der Sozialdemokratie nicht das Beste wünscht, sondern einfach, weil er sich ein wenig beeilt hat, Plechanow zu vertiefen, anstatt sich die Mühe zu machen, Plechanow zu verstehen.

 

 

Lenin, Band 5, "Was tun?"; Seite 478 ; c) Die Organisation der Arbeiter und die Organisation der Revolutionäre

Und wie versteht diese millionenköpfige Menge es trotzdem, ihr „Dutzend" bewährter politischer Führer zu schätzen, wie fest hält sie zu ihnen! Im Parlament kam es wiederholt vor, daß Abgeordnete der feindlichen Parteien die Sozialisten hänselten: „Schöne Demokraten seid ihr! Nur in Worten habt ihr eine Bewegung der Arbeiterklasse,

in Wirklichkeit aber tritt immer dieselbe Führersippe auf. Immer derselbe Bebel, derselbe Liebknecht, jahraus, jahrein, von einem Jahrzehnt zum anderen. Eure angeblich gewählten Abgeordneten der Arbeiterschaft sind noch weniger absetzbar als die vom Kaiser eingesetzten Beamten!" Doch die Deutschen hatten nur ein verächtliches Lächeln für diese demagogischen Versuche übrig, die „Menge" gegen die „Führer" auszuspielen, in der Menge schlechte und eitle Instinkte zu entfachen, der Bewegung durch

Erschütterung des Vertrauens der Masse zu einem „Dutzend Schlauköpfen" die Widerstandsfähigkeit und Festigkeit zu rauben. Das politische Denken der Deutschen ist schon entwickelt genug, sie haben genügend politische Erfahrung gesammelt, um zu verstehen, daß es ohne ein „Dutzend" talentvoller (Talente aber kommen nicht zu Hunderten zur Welt), bewährter Führer, die mit den notwendigen Kenntnissen ausgerüstet sind, eine lange Schule durchgemacht haben und die ausgezeichnet zusammenarbeiten, in der heutigen Gesellschaft keinen beharrlichen Kampf einer Klasse geben kann. Die Deutschen haben auch in ihrer Mitte Demagogen gesehen, die einem „Hundert Dummköpfen" schmeichelten, indem sie sie über das „Dutzend Schlauköpfe" stellten, die der „schwieligen Faust" der Masse schmeichelten, sie (wie Most oder Hasselmann) zu unüberlegten „revolutionären" Aktionen anstachelten und Mißtrauen gegen die bewährten und standhaften Führer säten. Und nur dank dem unentwegten und unversöhnlichen Kampf gegen alle demagogischen Elemente innerhalb des Sozialismus ist der deutsche Sozialismus so gewachsen und erstarkt.

Zu einer Zeit, wo die ganze Krise der russischen Sozialdemokratie daraus zu erklären ist, daß die spontan erwachten Massen keine genügend geschulten, durchgebildeten und erfahrenen Führer besitzen, verkünden unsere Neunmalklugen mit der Tiefgründigkeit des dummen Hans: „Es ist schlimm, wenn die Bewegung nicht von unten kommt"!

 

 

 

Lenin, Band 6, Seite 306 - 312; "EINIGE GEDANKEN ZUM BRIEF VON 7 z. 6 f"

„Massen"literatur, „Dutzende Pud" — dieser Euer Kampfruf ist nichts anderes als ein ausgedadbtes Rezept, das Euch von außen her von Eurer eigenen Untätigkeit heilen soll. Glaubt mir, daß solche Rezepte nie und nimmer wirken werden! Wenn Ihr selber nicht energisch und beweglich werdet, so wird Euch niemand und nichts helfen können. Es ist recht töricht zu schreien: Gebt uns dies und das, stellt uns das und jenes zu, denn ihr selber müßt nehmen und zustellen. Es ist nutzlos, deswegen uns zu schreiben, denn wir können das von hier aus nicht tun, Ihr aber könnt und müßt es tun: ich spreche von der Zustellung der bei uns vorhandenen und von uns herausgegebenen Literatur.

Gewisse örtliche „Funktionäre'' (so nennt man sie wohl, weil sie nicht funktionieren), die nur einige Nummern der „Iskra" gesehen haben und nichts dazu tun, sie in Massen zu erhalten und zu verbreiten, denken sich einen einfachen Vorwand aus: Das ist nicht das Richtige. Gebt uns eine Massenliteratur für die Massen! Kaut uns alles vor und legt es uns in den Mund, hinunterschlucken werden wir es dann vielleicht selber.

Das ist alt! schreit Ihr. Jawohl. Alle Parteien, die eine gute volkstümliche Literatur haben, verbreiten alte Sachen — Guesde und Lafargue, Bebel, Bracke, Liebknecht usw. — jahrzehntelang. Hört Ihr: jahrzehntelang! Und nur die volkstümliche Literatur ist gut, nur die taugt etwas, die jahrzehntelang Dienste leistet. Denn die volkstümliche Literatur ist eine Reihe von Lehrbüchern für das Volk, Lehrbücher aber behandeln die Anfangsgründe, die sich in einem halben Jahrhundert nicht ändern. Die „volkstümliche" Literatur, die Euch „fasziniert" und die von der „Swoboda" und den Sozialrevolutionären monatlich pudweise herausgebracht wird, ist Schund und Schwindel.

Schwindler machen immer viel Aufhebens und Lärm, und gewisse einfältige Leute halten das für Energie.

Ihr werdet natürlich sagen, daß zum Beispiel die „Iskra", dieses unser Haupterzeugnis, mit den Massen gar nicht verbunden werden kann, daß das überhaupt unmöglich ist. Ich weiß, daß Ihr das sagen werdet. Ich habe das hundertmal gehört und stets geantwortet, daß das nicht wahr ist, daß das eine Ausflucht ist, Drückebergerei, Unfähigkeit und Schlafmützigkeit, der Wunsch, daß einem die gebratenen Tauben direkt in den Mund fliegen.

Überlegt doch bloß, in welch reizende Lage Ihr Euch bringt, wenn Ihr Euch bei uns über Eure eigene Ungeschicklichkeit beschwert??

Sich zu der Behauptung versteigen, daß örtliche Flugblätter die Kräfte der örtlichen Organisationen (die aus Maulaffen feilhaltenden „Funktionären" bestehen?) übersteigen, daß diese Flugblätter aus dem Ausland geliefert werden müssen, das ist wirklich die Höhe.

 

 

Lenin, Band 6, Seite 432 - 434; LES BEAUX ESPRITS SE RENCONTRENT (Was ungefähr heißt: Verwandte Seelen finden sich)

Zugleich mit dieser „Bedrängung" des Kleinbürgertums in Landwirtschaft und Industrie entsteht und entwickelt sich ein „neuer Mittelstand", wie die Deutschen sagen, eine neue kleinbürgerliche Schicht, die Intelligenz, deren Leben in der kapitalistischen Gesellschaft auch immer schwieriger wird und die in ihrer Masse diese Gesellschaft unter dem Gesichtspunkt des Kleinproduzenten betrachtet. Es ist ganz natürlich, daß das völlig unvermeidlich eine weite Verbreitung und ständige Neuentstehung kleinbürgerlicher Ideen und Lehren in den mannigfaltigsten Formen zur Folge hat. Es ist ganz natürlich, daß der russische „Sozialrevolutionär", völlig im Banne der Ideen der kleinbürgerlichen Volkstümlerrichtung, sich als „verwandte Seele" des europäischen Reformisten und Opportunisten erweist, der, wenn er konsequent sein will, unvermeidlich beim Proudhonismus landet.

Wir sind damit bei der wesentlichen Besonderheit angelangt, welche die heutigen Sozialrevolutionäre sowohl von den alten russischen Volkstümlern als auch zumindest von einigen europäischen Opportunisten unterscheidet — eine Besonderheit, die man nur als Abenteurertum bezeichnen kann. Das Abenteurertum denkt nicht an Konsequenz, es will nur den Moment einfangen, nur den Kampf der Ideen ausnutzen, um seine Ideenlosigkeit zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten.

Der alte russische Volkstümler wollte konsequent sein und bekannte sich zu seinem besonderen Programm, verteidigte und predigte es. David will konsequent sein und lehnt sich entschieden auf gegen die ganze „marxistische Agrartheorie", predigt entschieden die Umwandlung der Großbetriebe in Kleinbetriebe, bekennt sich dazu, ohne sich wenigstens davor zu fürchten, mutig zu seiner Meinung zu stehen, ohne sich davor zu fürchten, offen als Anhänger des Kleinbetriebs aufzutreten.

Unsere „Sozialrevolutionäre" sind... wie könnte man das möglichst milde ausdrücken?... viel „vernünftiger". Sie lehnen sich niemals entschieden gegen Marx auf — Gott behüte! Im Gegenteil, sie werfen fortwährend mit Zitaten von Marx und Engels um sich und versichern mit Tränen in den Augen, daß sie mit ihnen fast in allem einverstanden seien.

Sie ziehen auch nicht gegen Liebknecht und Kautsky ins Feld, im Gegenteil, sie sind tief und aufrichtig davon überzeugt, daß Liebknecht ein Sozialrevolutionär, bei Gott, ein Sozialrevolutionär war. Sie treten nicht als grundsätzliche Anhänger des bäuerlichen Kleinbetriebs auf, im Gegenteil, sie ereifern sich für die „Sozialisierung des Grund und Bodens", und nur versehentlich entschlüpft ihnen das Geständnis, daß diese allumfassende, russisch-holländische Sozialisierung alles bedeuten kann, was man will: den Übergang des Bodens in gesellschaftliches Eigentum und die Nutzung durch die Werktätigen (ganz wie bei David!) oder einfach den Übergang des Bodens in die Hände der Bauern oder schließlich, schon ganz „einfach": die unentgeltliche Zuteilung eines Stückchens Land...

 

 

Lenin, Band 7, Seite 284 - 285; Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück; 15. April 1903

Die Mentalität des Intellektuellen-Individualismus und des Zirkelwesens kam in Widerstreit mit der Forderung des offenen Auftretens vor der Partei. Man stelle sich bloß vor, daß in der deutschen Partei ein solcher Unsinn, ein solches Gezänk möglich wäre wie die Beschwerde über eine „falsche Beschuldigung des Opportunismus"! Proletarische Organisation und Disziplin haben dort längst mit der intelligenzlerischen Waschlappigkeit Schluß gemacht. Niemand begegnet z. B. Liebknecht anders als mit größter Hochachtung, wie aber würde man dort lachen, wollte er sich beschweren, daß man ihn (und Bebel) auf dem Parteitag 1895 „offen des Opportunismus beschuldigte", als er in der Agrarfrage in die schlechte Gesellschaft des notorischen Opportunisten Vollmar und seiner Freunde geraten war. Liebknechts Name ist natürlich mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung nicht deshalb untrennbar verknüpft, weil Liebknecht in einer verhältnismäßig unwichtigen Teilfrage in Opportunismus verfiel, sondern trotz dieser Tatsache.

Und genauso zwingt, sagen wir, der Name des Genossen Axelrod – trotz aller Gereiztheit des Kampfes - jedem russischen Sozialdemokraten Achtung ab und wird ihm stets Achtung abzwingen, aber nicht deshalb, weil Gen. Axelrod auf unserem zweiten Parteitag eine kümmerliche opportunistische Idee verteidigte und auf der zweiten Ligakonferenz altes anarchistisches Gewäsch auffrischte, sondern trotz dieser Tatsache. Nur das verknöchertste Zirkelwesen mit seiner Logik: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein, konnte wegen einer gegen die Mehrheit der Gruppe „Befreiung der Arbeit" erhobenen „falschen Beschuldigung des Opportunismus" zu Hysterie, Gezänk und Parteispaltung führen.

Doch offenbarte sich sein Fehler politisch gerade darin, daß Leute, die zweifellos zum Opportunismus neigen, um ihn herum eine immer festere „kompakte" Mehrheit zu bilden begannen.

Das ist buchstäblich derselbe Vorwurf und derselbe Spott, die 1895 auch Bebel und Liebknecht trafen, als Clara Zetkin zu ihnen sagte: „Es tut mir in der Seele weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh*" (d. h. Bebel in der Gesellschaft von Vollmar und Co.). Es ist wirklich sonderbar, daß Bebel und Liebknecht damals nicht an Kautsky und Clara Zetkin ein hysterisches Schreiben wegen falscher Beschuldigung des Opportunismus gerichtet haben...

 

Lenin, Band 9, Seite 260 - 269); "Parlamentsspielerei"; September 1905

Wir haben schon mehrfach (in Nr. 12 des „Proletari" vor dem Gesetz über die Reichsduma und in Nr. 14—17 nach dem 6. August) unsere Taktik gegenüber der Reichsduma entwickelt und müssen jetzt wieder darauf zurückkommen, um sie den von Parvus geäußerten neuen Ansichten (Sonderdruck des Artikels „Die Sozialdemokratie und die Reichsduma" aus Nr. 110 der „Iskra") gegenüberzustellen.

Nein, mein guter Parvus! Die Taktik des Parlamentarismus auf Rußland zu übertragen, solange es in Rußland kein Parlament gibt, bedeutet eine unwürdige Parlamentsspielerei zu treiben, bedeutet, sich aus einem Führer der revolutionären Arbeiter und aufgeklärten Bauern in einen Trabanten der Gutsbesitzer zu verwandeln. Zeitweilige Vereinbarungen legaler politischer Parteien, die es bei uns nicht gibt, durch geheime Abmachungen mit den Roditschew und Petrunkewitsch über ihre Unterstützung gegen Stachowitsch zu ersetzen, bedeutet Demoralisation unter die Arbeiter zu tragen.

Die offene und klare Losung der Semstwoleute und Oswoboshdenzen: Nieder mit der verbrecherischen Propagierung des Aufstands, für die Arbeit in der Duma und durch die Duma! müssen wir mit der offenen und klaren Losung beantworten: Nieder mit den bürgerlichen Verrätern an der Freiheit, den Herren Oswoboshdenzen und Co., nieder mit der Duma, es lebe der bewaffnete Aufstand!

In der Praxis wird ein Auftreten von Parvus und Martow vor den Semstwoleuten, um Petrunkewitsch gegen Stadiowitsch zu „unterstützen" (vorausgesetzt, daß sich dieses Auftreten ausnahmsweise verwirklichen läßt), kein offenes Auftreten vor den Volksmassen, sondern ein Auftreten übertölpelter Arbeiterführer vor einer Handvoll Verräter an den Arbeitern hinter den Kulissen sein. Theoretisch, oder vom Standpunkt der allgemeinen Grundlagen unserer Taktik, ist die Verbindung dieser Losungen jetzt, im gegebenen Augenblick, eine Abart des parlamentarischen Kretinismus. Für uns revolutionäre Sozialdemokraten ist der Aufstand keine absolute, sondern eine konkrete Losung.

Wir haben sie 1897 zurückgestellt, wir haben sie 1902 im Sinne einer allgemeinen Vorbereitung aufgestellt und erst 1905, nach dem 9. Januar, als direkte Aufforderung auf die Tagesordnung gesetzt. Wir vergessen nicht, daß Marx 1848 für den Aufstand war, aber 1850 die Phantastereien und Phrasen über einen Aufstand verurteilt hat, daß Liebknecht bis zum Krieg 1870/71 die Teilnahme am Reichstag verurteilt, nach dem Krieg aber selbst daran teilgenommen hat. Wir haben von vornherein, in Nr. 12 des „Proletari", festgestellt, daß es lächerlich wäre, wollte man geloben, in Zukunft nicht auf dem Boden der Duma zu kämpfen.

Wir wissen, daß nicht nur das Parlament, sondern auch die Parodie auf ein Parlament, solange die Vorbedingungen für einen Anfstand nicht gegeben sind, zum Hauptzentrum der gesamten Agitation werden kann, und zwar für die ganze Zeit, solange an einen Volksaufstand nicht zu denken ist.

Ist der Aufstand möglich und notwendig, so bedeutet das, daß die Regierung „das Bajonett auf die Tagesordnung gesetzt", den Bürgerkrieg eröffnet und den Belagerungszustand als Antikritik der demokratischen Kritik ins Feld geführt hat.

Unter solchen Umständen das „fast parlamentarische" Aushängeschild der Reichsduma ernst zu nehmen und im Dunkeln, im Flüsterton, unter vier Augen mit den Petrunkewitsch Parlamentsspielerei zu treiben, bedeutet die Politik des revolutionären Proletariats durch das Politikastertum komödiantenhafter Intellektueller zu ersetzen!

 

 

Lenin, Band 11, Seite 67 - 68, Falsche Betrachtungen „parteiloser" Boykottisten, September 1905

Aber ergibt sich aus dem Boykott die unbedingte Ablehnung der Bildung einer eigenen Parteifraktion in der Duma? Durchaus nicht. Diejenigen Boykottisten, die wie die „Mysl" dieser Meinung sind, irren sich. Wir mußten alles tun, und wir haben alles getan, um die Einberufung einer verfälschten Vertretung zu verhindern. Das stimmt. Aber wenn sie trotz aller unserer Anstrengungen einberufen wurde, dann können wir uns nicht der Aufgabe entziehen, sie auszunutzen. Darin Unlogik sehen können nur bürgerliche Politiker, die den revolutionären Kampf, den Kampf für den vollen Erfolg der Revolution nicht zu schätzen wissen. Erinnern wir uns des Beispiels von Liebknecht, der 1869 den Deutschen Reichstag anprangerte, geißelte und entschieden ablehnte, aber nach 1870 an ihm teilnahm. Liebknecht wußte die Bedeutung des revolutionären Kampfes für eine revolutionäre und nicht bürgerlich-verräterische Volksvertretung zu schätzen. Liebknecht schwor nicht kleinmütig seiner Vergangenheit ab.

Er sagte mit vollem Recht: Ich habe alles getan für den Kampf gegen einen solchen Reichstag, für den Kampf um das bestmögliche Ergebnis. Das Ergebnis war schlecht. Ich werde auch dieses auszunutzen verstehen, ohne mit meiner revolutionären Tradition zu brechen.

Also darf man aus dem Boykott nicht den Schluß ziehen, die Ausnutzung der Duma und die Bildung einer Parteifraktion in der Duma sei abzulehnen.

Die Frage steht anders: es bedarf der allergrößten Vorsicht (gerade so haben die Bolschewiki die Frage auf dem Vereinigungsparteitag gestellt, wovon sich jedermann überzeugen kann, wenn er ihren Resolutionsentwurf liest). Man muß überlegen, ob man jetzt die Duma durch die Arbeit in ihr selber ausnutzen kann, ob es dafür die geeigneten Sozialdemokraten und die geeigneten äußeren Bedingungen gibt.

Wir glauben, daß es sie gibt. Im Verhalten unserer Dumadeputierten haben wir einzelne Fehler aufgezeigt, aber im großen und ganzen haben sie eine richtige Position bezogen. Innerhalb der Duma hat sich eine Gruppierung herausgebildet, die der revolutionären Situation wirklich entspricht: rechts die Oktobristen und Kadetten, links die Sozialdemokraten und die Trudowiki (oder, richtiger, die Besten der Trudowiki). Eine solche Gruppierung können und müssen wir eben dazu ausnutzen, das Volk vor der gefährlichen Seite der kadettischen Duma zu warnen, müssen wir ausnutzen, um eine revolutionäre Bewegung zu entfalten, die nicht auf die Duma, die Dumataktik, die Dumaziele usw. beschränkt ist.

Bei einer solchen Gruppierung werden wir, wenn wir die Sache richtig anfassen, sowohl die parteilosen revolutionären Demokraten ausnutzen als auch zugleich mit voller Bestimmtheit und Entschiedenheit als sozialdemokratische, als proletarische Partei auftreten.

 

 

VORWORT ZUR RUSSISCHEN AUSGABE DER BROSCHÜRE:

W.LIEBKNECHT

"KEIN KOMPROMISS, KEIN WAHLBÜNDNIS!"

Dezember 1906

 

 

Lenin, Band 12, Seite 359 - 376

VORWORT

ZUR RUSSISCHEN ÜBERSETZUNG DES BUCHES „BRIEFE UND AUSZÜGE AUS BRIEFEN VON JOH. PHIL. BECKER, JOS. DIETZGEN, FRIEDRICH ENGELS, KARL MARX U. A.

AN F. A. SORGE UND ANDERE"

6. (.19.) April 1907


Die Sammlung der Briefe von Marx, Engels, Dietzgen, Becker und anderen Führern der internationalen Arbeiterbewegung des vorigen Jahrhunderts, die dem russischen Publikum hier vorgelegt wird, bildet eine notwendige Ergänzung unserer führenden marxistischen Literatur.

Durch alle diese Äußerungen zieht sich wie ein roter Faden aber etwas ganz anderes: die Warnung vor dem „rechten Flügel" der Arbeiterpartei, der schonungslose (mitunter, wie bei Marx in den Jahren 1877-1879, ungestüme) Krieg gegen den Opportunismus in der Sozialdemokratie.

Marx beklagt sich über die Kompromisse der deutschen Sozialdemokraten mit den Lassalleanern und mit Dühring (Brief vom 19. Oktober 1877) und verurteilt auch das Kompromiß „mit einer ganzen Bande halbreifer Studiosen und überweiser Doctores" („Doktor" ist im Deutschen ein wissenschaftlicher Grad, der unserem „Kandidaten" oder einem „Universitätsabsolventen erster Kategorie" entspricht), „die dem Sozialismus eine höhere, ideale' Wendung geben wollen, d. h. die materialistische Basis (die ernstes objektives Studium erheischt, wenn man auf ihr operieren will)" ersetzen wollen „durch moderne Mythologie, mit ihren Göttinnen der Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und fraternite" (Brüderlichkeit).

„Herr Dr. Höchberg, der die .Zukunft' herausgibt, ist ein Vertreter dieser Richtung und hat sich in die Partei .eingekauft' - ich unterstelle mit den edelsten' Absichten, aber ich pfeife auf .Absichten'. Etwas Miserableres wie sein Programm der .Zukunft' hat selten mit mehr bescheidner Anmaßung' das Licht erblickt." (Brief Nr. 70.)

In einem anderen Brief, geschrieben fast zwei Jahre später (am 19. September 1879), widerlegt Marx den Klatsch, daß er und Engels hinter Most stünden, und berichtet Sorge ausführlich über seine Haltung zu den Opportunisten in der deutschen sozialdemokratischen Partei. Die Zeitschrift „Zukunft" wurde von Höchberg, Schramm und Ed. Bernstein geleitet. Marx und Engels lehnten es ab, an einer solchen Publikation mitzuarbeiten, und als man von der Begründung eines neuen Parteiorgans unter Teilnahme des gleichen Höchberg und mit seiner materiellen Unterstützung zu sprechen begann, verlangten Marx und Engels zunächst — zur Kontrolle über dieses „Doktoren- und Studenten- etc. Pack und Kathedersozialistengesindel" —, daß der von ihnen benannte verantwortliche Redakteur Hirsch akzeptiert werde. Dann richteten sie ein Rundschreiben direkt an Bebel, Liebknecht und andere Führer der sozialdemokratischen Partei, worin sie drohten, gegen eine „solche" Herabwürdigung (deutsch „Verluderung" - ein noch kräftigeres Wort) „der Partei und der Theorie" offen zu kämpfen, wenn die Richtung Höchberg, Schramm und Bernstein sich nicht ändere.

Der „ungestüme" Angriff von Marx führte dazu, daß die Opportunisten zurückwichen u n d . . . sich dünne machten. Im Brief vom 19. November 1879 teilt Marx mit, daß man Höchberg aus der Redaktionskommission entfernt habe und daß alle einflußreichen Führer der Partei - Bebel, Liebknecht, Bracke usw. - seine Ideen desavouiert haben.

Der „Sozialdemokrat", das Parteiorgan der Sozialdemokratie, erschien nunmehr unter der Redaktion Vollmars, der damals auf dem revolutionären Flügel der Partei stand. Nach einem weiteren Jahr (am 5. November 1880) berichtet Marx, wie er und Engels ständig gegen die „miserable" Leitung dieses „Sozialdemokrat" gekämpft haben, „wobei es oft scharf hergeht". Liebknecht war im Jahre 1880 bei Marx und versprach eine „Besserung" in jeder Beziehung.

Liebknecht ist ein Versöhnler, klagt Engels, er vertuscht dauernd die Gegensätze durch Phrasen, kommt es aber zur Spaltung, wird er im entscheidenden Moment mit uns sein.

1889. Zwei internationale sozialdemokratische Kongresse in Paris. Die Opportunisten (mit den französischen Possibilisten107 an der Spitze) haben sich von den revolutionären Sozialdemokraten abgespalten. Engels (er war damals 68 Jahre alt) stürzt sich wie ein Jüngling in den Kampf.

Eine Reihe von Briefen (vom 12. Januar bis zum 20. Juli 1889) ist dem Kampf gegen die Opportunisten gewidmet. Nicht nur sie, sondern auch die Deutschen, Liebknecht, Bebel usw., bekommen wegen ihres Versöhnlertums ihren Teil ab.

Es freut ihn [Engels], daß die versöhnlerischen Pläne und Anträge Liebknechts und anderer gescheitert sind (20. Juli 1889). „Recht aber ist es unseren sentimentalen Versöhnungsbrüdern, daß sie für alle ihre Freundschaftsbeteuerungen diesen derben Tritt auf den Allerwertesten erhalten. Das wird sie wohl auf einige Zeit kurieren."


Lenin, Band 16, Seite 206 - 214

Notizen eines Publizisten

II) DIE „EINIGUNGSKRISE" IN UNSERER PARTEI


Beim Lesen dieser Überschrift wird mancher Leser wohl nicht gleich seinen Augen trauen. „Das fehlte gerade noch! Haben wir denn noch nicht genug Krisen in unserer Partei gehabt, daß man plötzlich noch mit einer neuen, mit einer Einigungskxisz kommt?"
Den Ausdruck, der so merkwürdig klingt, habe ich von Liebknecht entlehnt.
Er gebrauchte ihn 1875 in dem Brief (vom 21. April) an Engels, als er die Vereinigung der Lassalleaner und der Eisenacher schilderte. Marx und Engels nahmen damals an, daß aus dieser Vereinigung nichts Gutes herauskommen werde. Liebknecht wandte sich gegen ihre Befürchtungen und versicherte, daß die deutsche sozialdemokratische Partei, die jegliche Krisen erfolgreich überstanden habe, auch die „Einigungskrise" überstehen werde.

Trotzki hat schon in den ersten Worten seiner Resolution den vollendeten Geist des übelsten Versöhnlertums, eines „Versöhnlertums" in Anführungszeichen, eines Versöhnlertums der Zirkel und der Spießbürger hervorgekehrt, das die „gegebenen Personen", nicht aber die gegebene Linie, nicht den gegebenen Geist, nicht den gegebenen politisch-ideologischen Inhalt der Parteiarbeit sieht.
Hier liegt ja eben der ganze Abgrund des Unterschieds zwischen dem „Versöhnlertum" Trotzkis und Co. - das in Wirklichkeit den Liquidatoren und Otsowisten den allertreuesten Dienst erweist, deshalb aber in der Partei ein um so gefährlicheres Übel ist, je raffinierter, ausgesuchter und
phrasenhafter es sich in den Deckmantel angeblich die Partei hochhaltender und angeblich die Fraktionen verneinender Deklamationen hüllt - und der wirklichen Treue zur Partei, die in der Säuberung der Partei von Liquidatorentum und Otsowismus besteht.

Was ist für uns in Wirklichkeit gegeben als Aufgabe der Partei?
Sind es die „gegebenen Personen, Gruppen und Institutionen", die „gegeben" sind und die „versöhnt" werden sollen, unabhängig von ihrer Linie, unabhängig vom Inhalt ihrer Arbeit, unabhängig von ihrer Stellung zum Liquidatorentum und zum Otsowismus?
Oder ist für uns die Parteilinie gegeben, sind für uns die politisch-ideologische Richtung und der Inhalt unserer gesamten Arbeit gegeben, ist für uns die Aufgabe der Säuberung dieser Arbeit vom Liquidatorentum und vom Otsowismus gegeben - eine Aufgabe, die unabhängig von „Personen,
Gruppen und Institutionen", gegen das Sträuben der mit dieser Linie nicht einverstandenen oder sie nicht durchführenden „Personen, Institutionen und Gruppen" zu verwirklichen ist?
Es sind zweierlei Anschauungen über die Bedeutung und die Bedingungen des Zustandekommens überhaupt jeder Parteivereinigung möglich.
Den Unterschied dieser Anschauungen zu verstehen ist äußerst wichtig, denn sie werden im Verlauf der Entwicklung unserer „Einigungskrise" durcheinandergebracht und verwechselt, und ohne daß man beide Anschauungen auseinanderhält, ist es unmöglich, sich in dieser Krise zurechtzufinden.
Die eine Anschauung über die Vereinigung rückt die „Versöhnung" der „gegebenen Personen, Gruppen und Institutionen" in den Vordergrund.
Die Einheit ihrer Anschauungen über die Parteiarbeit, über die Linie dieser Arbeit, ist dabei eine zweitrangige Sache. Die Meinungsverschiedenheiten sollen verschwiegen und ihre Wurzeln, ihre Bedeutung und ihre objektiven Ursachen nicht aufgedeckt werden. Die Personen und Gruppen zu „versöhnen" - das ist die Hauptsache. Wenn sie in der Durchführung einer gemeinsamen Linie nicht einig sind, muß man diese Linie so auslegen, daß sie für alle annehmbar ist. Leben und leben lassen. Das ist das spießbürgerliche „Versöhnlertum", das unvermeidlich zur Zirkeldiplomatie führt. Die Quellen der Meinungsverschiedenheiten „zu verstopfen", sie zu verschweigen, „Konflikte" um jeden Preis „beizulegen", einander feindliche Richtungen zu neutralisieren - darauf ist die Hauptaufmerksamkeit eines derartigen „Versöhnlertums" gerichtet. Es ist verständlich, daß diese Zirkeldiplomatie bei dem Umstand, daß die Basis der Operationen der illegalen Partei im Ausland liegt, jenen „Personen, Gruppen und Institutionen" Tür und Tor öffnet, die bei allen möglichen Versuchen der „Versöhnung" und „Neutralisierung" die Rolle „ehrlicher Makler" spielen.

 

 

Lenin, Band 17, Seite 78, Paul Singer (Gestorben am 18. (31.) Januar 1911); 8 (21) Februar 1911

Und dieser Praktiker [Paul Singer], der den größten Teil seiner Zeit auf die alltägliche, technisch parlamentarische Kleinarbeit, auf allerhand „sachliche" Arbeit verwendete, war dadurch groß, daß er sich aus den Kleinigkeiten keinen Götzen schuf, nicht dem so üblichen und so trivialen Hang erlag, im Namen dieser „sachlichen" oder „positiven" Arbeit den scharfen und prinzipiellen Kampf mit einer Handbewegung abzutun. Im Gegenteil, Singer, der sein ganzes Leben dieser Arbeit gewidmet hatte, stand jedesmal, wenn die Frage nach dem grundlegenden Charakter der revolutionären Partei der Arbeiterklasse, nach ihren Endzielen, nach Blockbildungen (Bündnissen) mit der Bourgeoisie, nach Zugeständnissen an den Monarchismus usw. auftauchte - stets an der Spitze der standhaftesten und entschiedensten Kämpfer gegen alle Erscheinungen des Opportunismus. Unter dem Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten kämpfte Singer zusammen mit Engels, Liebknecht und Bebel an zwei Fronten:.sowohl gegen die „Jungen", die Halbanarchisten, die den parlamentarischen Kampf ablehnten, als auch gegen die gemäßigten „Legalisten um jeden Preis". Später bekämpfte Singer mit der gleichen Entschiedenheit die Revisionisten.


 

Lenin, Band 17, Seite 216 - 229

14 (1) September 1911

DER REFORMISMUS IN DER RUSSISCHEN SOZIALDEMOKRATIE

Der gewaltige Fortschritt des Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten und das rasche Wachstum der Arbeiterbewegung in allen zivilisierten Ländern haben zu einer großen Veränderung des früheren Verhältnisses der Bourgeoisie zum Proletariat geführt. Anstatt offen, prinzipiell und direkt alle Grundsätze des Sozialismus im Namen der absoluten Unantastbarkeit des Privateigentums und der freien Konkurrenz zu bekämpfen, geht die europäische und amerikanische Bourgeoisie, vertreten durch ihre Ideologen und Politiker, immer häufiger dazu über, die sogenannten sozialen Reformen gegen die Idee der sozialen Revolution zu verfechten.

Nicht Liberalismus gegen Sozialismus, sondern Reformismus gegen sozialistische Revolution - das ist die Formel der modernen „fortgeschrittenen", gebildeten Bourgeoisie. Und je höher die Entwicklung des Kapitalismus in einem bestimmten Land, je reiner die Herrschaft der Bourgeoisie, je größer die politische Freiheit, desto weiter ist das Anwendungsfeld der „neuesten" bürgerlichen Losung: Reformen gegen Revolution, stückweises Flicken des untergehenden Regimes zur Spaltung und Schwächung der Arbeiterklasse, zur Behauptung der Macht der Bourgeoisie gegen den revolutionären Sturz dieser Macht.

Vom Standpunkt der internationalen Entwicklung des Sozialismus muß die erwähnte Veränderung unbedingt als ein gewaltiger Schritt vorwärts betrachtet werden. Zunächst kämpfte der Sozialismus für seine Existenz, und gegen ihn stand die auf ihre Stärke vertrauende Bourgeoisie, die kühn und konsequent den Liberalismus als ein in sich geschlossenes System ökonomischer und politischer Anschauungen verteidigte. Der Sozialismus ist groß geworden, er hat schon in der ganzen zivilisierten Welt seine Daseinsberechtigung erfochten, er kämpft heute um die Macht, und die in Zersetzung begriffene Bourgeoisie, die die Unvermeidlichkeit ihres Untergangs erkennt, strengt alle Kräfte an, um diesen Untergang um den Preis halber und heuchlerischer Zugeständnisse hinauszuzögern, um auch unter den neuen Bedingungen ihre Macht zu behaupten.

Die Zuspitzung des Kampfes zwischen Reformismus und revolutionärer Sozialdemokratie innerhalb der Arbeiterbewegung ist das ganz unvermeidliche Resultat der dargelegten Veränderungen in der gesamten ökonomischen und politischen Situation aller zivilisierten Länder der Welt. Das Wachstum der Arbeiterbewegung zieht unvermeidlich eine gewisse Anzahl kleinbürgerlicher Elemente in den Kreis ihrer Anhänger, Elemente, die, der bürgerlichen Ideologie verfallen, sich mühevoll von ihr frei zu machen suchen und ständig von neuem in sie zurückfallen. Es ist unmöglich, sich die soziale Revolution des Proletariats ohne diesen Kampf vorzustellen, ohne eine klare prinzipielle Scheidung in einen sozialistischen „Berg" und eine sozialistische „Gironde" vor dieser Revolution – ohne den völligen Brach zwischen den opportunistischen, kleinbürgerlichen und den proletarischen, revolutionären Elementen der neuen historischen Kraft während dieser Revolution.

Als die einzige konsequent revolutionäre Klasse der modernen Gesellschaft muß das Proletariat der Führer sein, der Hegemon im Kampf des ganzen Volkes für die vollständige demokratische Umwälzung, im Kampf aller Werktätigen und Ausgebeuteten gegen die Unterdrücker und Ausbeuter. Das Proletariat ist nur insofern revolutionär, als es sich dieser Idee der Hegemonie bewußt ist und sie in die Tat umsetzt. Der Proletarier, der sich dieser Aufgabe bewußt geworden ist, ist ein Sklave, der sich gegen die Sklaverei erhoben hat. Der Proletarier, der sich der Idee der Hegemonie seiner Klasse nicht bewußt geworden ist oder diese Idee verleugnet, ist ein Sklave, der seinen Sklavenzustand nicht begreift; im günstigsten Fall ist er ein Sklave, der für die Verbesserung seines Sklavenzustands, nidbt aber für die Beseitigung der Sklaverei kämpft.

Die Sozialisten lehren, daß die Revolution unvermeidlich ist und daß das Proletariat alle Widersprüche im gesellschaftlichen Leben, jegliche Schwäche seiner Feinde oder der Zwischenschichten ausnutzen muß, um den neuen revolutionären Kampf vorzubereiten, um die Revolution auf breiterem Schauplatz, unter den Bedingungen einer höheren Entwicklung der Bevölkerung zu wiederholen. Die Bourgeoisie und die Liberalen lehren, daß Revolutionen unnötig und schädlich seien für die Arbeiter, die nicht zur Revolution „streben" dürfen, sondern als brave Kinder bescheiden an Reformen arbeiten sollen.


In einer von 5000 Personen besuchten Versammlung in Leipzig, am 8. Mai 1866, wurde einstimmig die Resolution Liebknechts und Bebeis angenommen, die die Einberufung eines aus allgemeinen, gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenen Parlaments, unterstützt durch allgemeine Volkswehr forderte und die Erwartung aussprach, „daß das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die jede erbliche Zentralgewalt verwerfen". Die Resolution Liebknechts und Bebels trug mithin einen völlig bestimmten republikanischen und revolutionären Charakter.

Also, der Führer der deutsdben Sozialdemokraten bringt während einer „Verfassungs"krise auf Massenversammlungen Resolutionen republikanischen und revolutionären Charakters durch. Ein halbes Jahrhundert später, als er in Erinnerung an seine Jugend der neuen Generation von den Geschehnissen längst vergangener Tage erzählt, betont er am meisten das Bedauern darüber, daß keine genügend zielbewußte Führung vorhanden war, die die revolutionären Aufgaben begriffen hätte (d. b., daß es keine revolutionäre sozialdemokratische 'Partei gegeben bat, die die Aufgabe der Hegemonie begriffen hätte), daß keine mächtige Organisation bestand, daß die revolutionäre Stimmung „verpuffte".

Dann müssen wir uns organisieren gerade „für die Revolution" (die sozialistische), gerade „in Erwartung" der Revolution, gerade wegen der „Hoffnung" (nicht einer vagen, sondern einer auf exakten und sich mehrenden Ergebnissen der Wissenschaft begründeten, einer „Hoffnung", die Gewißheit ist) auf die sozialistische Revolution.

Aber da liegt gerade des Pudels Kern: für den Reformisten ist das Geschwätz von der abgeschlossenen bürgerlichen Revolution (wie für Martow das Geschwätz von der Achillesferse u. dgl.) lediglich die sophistische Bemäntelung des Verzichts auf jede Revolution.

 

 

Lenin, Band 19, Seite 285 - 291

August Bebel

Die proletarischen Lebensbedingungen, das ernste und gründliche Studium der Gesellschaftswissenschaften drängen Bebel zum Sozialismus.

Er wäre auch allein zum Sozialismus gekommen, aber der 14 Jahre ältere und gerade aus dem Londoner Exil zurückgekehrte Liebknecht half ihm, diese Entwicklung zu beschleunigen.

Böse Zungen unter den Gegnern von Marx behaupteten damals, daß die Partei von Marx aus drei Mann bestehe: dem Haupt der Partei - Marx, seinem Sekretär - Engels und seinem „Agenten" - Liebknecht.

Wenn aber unkluge Menschen vor Liebknecht als dem „Agenten" der Emigranten oder im Ausland Lebenden zurückschreckten, so wußte Bebel in ihm das zu finden, was er brauchte: die lebendige Verbindung mit dem großartigen Auftreten von Marx im Jahre 1848, mit der damals gegründeten, zwar kleinen, aber wahrhaft proletarischen Partei, den lebendigen Vertreter marxistischer Anschauungen und marxistischer Tradition. - „Donnerwetter, von dem kann man was lernen!", so äußerte sich, wie man sagt, der junge Drechsler Bebel über Liebknecht.


In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bricht Bebel seine Verbindung mit den Liberalen ab, löst den sozialistischen Teil der Arbeitervereine von dem bürgerlich-demokratischen und stellt sich zusammen mit Liebknecht in die ersten Reihen der Eisenacher, der Partei der Marxisten, die lange Jahre hindurch gegen die andere Arbeiterpartei, die Lassalleaner, gekämpft hat.

Lassalle und die Lassalleaner, die die schwachen Chancen des proletarischen und demokratischen Weges sahen, waren schwankend in ihrer Taktik und paßten sich der Hegemonie des Junkers Bismarck an. Ihre Fehler liefen darauf hinaus, die Arbeiterpartei auf eine bonapartistisch-staatssozialistische Bahn zu lenken. Bebel undLiebknecht hingegen traten konsequent für den demokratischen und proletarischen Weg ein und kämpften gegen die geringsten Zugeständnisse an das Preußentum, an die Bismarcksche Politik, an den Nationalismus.

Und die Geschichte hat Bebel undLiebknecht recht gegeben, ungeachtet dessen, daß Deutschland nach dem Bismarckschen Programm geeint wurde. Nur die konsequent demokratische und revolutionäre Taktik Bebeis undLiebknechts, nur ihre „Unnachgiebigkeit" gegenüber dem Nationalismus, nur ihre Unversöhnlichkeit in bezug auf die Einigung Deutschlands und seine Erneuerung „von oben" haben dazu beigetragen, ein festes Fundament für eine wahrhaft sozialdemokratische Arbeiterpartei zu legen. Und es ging damals eben um das Jundatncnt der Partei.


Wenn das Liebäugeln der Lassalleaner mit dem Regime Bismarcks bzw. ihre „Anpassung" an dieses der deutschen Arbeiterbewegung keinen Abbruch tat, so nur dank dem sehr energischen, unerbittlich harten Widerstand, den Bebel und Liebknecht diesen Versuchen entgegensetzten.

Als aber die Frage historisch entschieden war, verstanden es Bebel und Liebknecht, fünf Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches, die beiden Arbeiterparteien zu vereinigen und in der vereinigten Partei die Hegemonie des Marxismus sicherzustellen.


Unter der Führung von Bebel und Liebknecht lernte die Partei, die illegale Arbeit mit der legalen zu verbinden. Als die legale Parlamentsfraktion der Sozialdemokratie in ihrer Mehrheit in der berühmten Frage der Abstimmung ]ür die Subventionierung der Schiffahrtsgesellschaft eine opportunistische Haltung bezog, trat der illegale „Sozialdemokrat" gegen die Fraktion auf und trug nach vierwöchigem Kampf den Sieg davon.

 

Lenin, Band 21, Seite 67

Karl Marx

In der Periode von 1864 bis 1870, als die Epoche zu Ende ging, in der die bürgerlich-demokratische Revolution in Deutschland zum Abschluß kam, die Epoche, in der die

Ausbeuterklassen in Preußen und Österreich dafür kämpften, diese Revolution auf die eine oder andere Weise von oben zum Abschluß zu bringen, verurteilte Marx nicht nur Lassalle, der mit Bismarck „geliebeleit" hatte, sondern wies auch Liebknecht zurecht, der in „Östreicherei" verfiel und den Partikularismus verteidigte; Marx forderte eine revolutionäre Taktik, die mit gleicher Schonungslosigkeit sowohl gegen Bismarck wie auch gegen die Austrophilen kämpfte - eine Taktik, die sich dem „Sieger", dem preußischen Junker, nicht anpaßte, sondern unverzüglich den revolutionären Kampf gegen ihn von neuem aufnahm, und zwar auf dem Boden, der durch die militärischen Siege der Preußen gegeben war.

(„Briefwechsel" mit Engels, III, 134, 136, 147, 179, 204, 210, 215, 418, 437, 440/441.)

 

Lenin, Band 21, Seite 106ff; 1. Februar 1915

DIE RUSSISCHEN SODEKUMS

Das Wort „Südekum" hat die Bedeutung eines Gattungsnamens erhalten:

Es bezeichnet den Typus des selbstzufriedenen, gewissenlosen Opportunisten und Sozialchauvinisten. Es ist ein gutes Zeichen, daß alle Welt mit Verachtung von den Südekums spricht. Aber es gibt nur ein Mittel, dabei nicht selbst in Chauvinismus zu verfallen. Dieses Mittel ist, nach Kräften bei der Entlarvung der russischen Südekums mitzuhelfen.

An ihre Spitze hat sich endgültig Plechanow mit seiner Broschüre „über den Krieg" gestellt. In seinen Betrachtungen ist die Dialektik restlos durch Sophistik ersetzt. Sophistisch wird der deutsche Opportunismus angeklagt, damit der französische und der russische Opportunismus bemäntelt werden kann. Das Ergebnis ist nicht Kampf gegen den internationalen Opportunismus, sondern seine Unterstützung.

Sophistisch wird die Epoche des Imperialismus (d. h. die Epoche, in der nach allgemeiner Auffassung der Marxisten die objektiven Bedingungen für den Sturz des Kapitalismus schon herangereift sind und in der es bereits sozialistische Proletariermassen gibt) mit der Epoche der bürgerlich-demokratischen nationalen Bewegungen, die Epoche der bereits spruchreif gewordenen Zerstörung der bürgerlichen Vaterländer durch die internationale Revolution des Proletariats mit der Epoche ihrer Entstehung und Festigung durcheinander geworfen.

Die Untersuchung sämtlicher Sophismen Plechanows würde eine Reihe von Artikeln erfordern, und bei vielen seiner lächerlichen Absurditäten ist noch fraglich, ob es sich lohnt, darauf einzugehen. Verweilen wir nur bei einem einzigen angeblichen Argument. Engels schrieb 1870 an Marx, Wilhelm Liebknecht mache den Antibismarckismus irrigerweise zu seinem atteirileitenden Prinzip.61 Plechanow freute sich, als er dieses Zitat fand: bei uns sei es ja dasselbe mit dem Antizarismus!

Versucht aber einmal, die Sophistik (d. h. das Herausgreifen der äußeren Ähnlichkeit verschiedener Fälle ohne den inneren Zusammenhang der Ereignisse) durch die Dialektik (d. h. durch das Studium aller konkreten Umstände des Ereignisses und seiner Entwicklung) zu ersetzen.

Die Einigung Deutschlands war notwendig, und Marx hat das vor wie nach dem Jahre 1848 stets anerkannt. Engels forderte das deutsche Volk noch 1859 direkt zum Krieg für die Einigung auf. Als die Einigung auf revolutionärem Wege nicht gelang, da vollzog Bismarck sie

auf konterrevolutionärem Wege, auf Junkerart. Der Anti-Bismarckismus als allein leitendes Prinzip wurde zur Absurdität, denn die Vollendung der notwendigen Einigung war eine Tatsache geworden. Und in Rußland?

Hat unser tapferer Plechanow den Mut gehabt, von vornherein zu verkünden, für die Entwicklung Rußlands sei die Eroberung von Galizien, Zargrad, Armenien, Persien usw. vonnöten? Hat er den Mut, das heute zu sagen? Hat er darüber nachgedacht, daß Deutschland von der Zersplitterung der Deutschen (die in den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts von Frankreich wie Rußland unterdrückt waren) zu ihrer Einigung überzugehen hatte, während in Rußland die Großrussen eine Reihe anderer Nationen nicht so sehr vereinigt als vielmehr geknebelt hatten? Plechanow, der darüber nicht nachgedacht hat, will einfach seinen Chauvinismus verdecken, indem er den Sinn des Engels-Zitats aus dem Jahre 1870 entstellt.

Die bürgerlichen Vaterländer werden bestehen, solange die internationale Revolution des Proletariats sie nicht zerstört.

In Wirklichkeit kann nur die Zerstörung der bürgerlichen Vaterländer den Arbeitern aller Länder die „Verbindung mit dem Boden", die Freiheit der Muttersprache, das Stück Brot und die Wohltaten der Kultur geben.

 

Lenin, Band 21, Seite 300 - 301

Sozialismus und Krieg

Der Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

Die Epoche von 1789 bis 1871 hinterließ tiefe Spuren und revolutionäre Erinnerungen. Vor dem Sturz des Feudalismus, des Absolutismus und der Fremdherrschaft konnte von einer Entwicklung des proletarischen Kampfes um den Sozialismus nicht die Rede sein. Sprachen die Sozialisten im Hinblick auf die Kriege einer solchen Epoche von der Berechtigung des „Verteidigungs"krieges, so hatten sie stets gerade diese Ziele, das heißt die Revolution gegen Mittelalter und Leibeigenschaft im Auge.

Die Sozialisten verstanden in diesem Sinne „gerechten" Krieg (wie sich Wilhelm Liebknecht einmal ausdrückte). Nur in diesem Sinne erkannten und erkennen jetzt noch die Sozialisten die Berechtigung, den fortschrittlichen und gerechten Charakter der „Vaterlandsverteidigung" oder des „Verteidigungs"krieges an.

Wenn zum Beispiel morgen Marokko an Frankreich, Indien an England, Persien oder China an Rußland usw. den Krieg erklärten, so wären das „gerechte" Kriege, „Verteidigungskriege, unabhängig davon, wer als erster angegriffen hat, und jeder Sozialist würde mit dem Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten über die Unterdrücker, die Sklavenhalter, die Räuber - über die „Groß"mächte - sympathisieren.

 

Lenin, Band 21, Seite 309 - 310

Sozialismus und Krieg

Falsche Berufungen auf Marx und Engels

Die russischen Sozialchauvinisten (an ihrer Spitze Plechanow) berufen sich auf die Taktik von Marx im Kriege von 1870; die deutschen Sozialchauvinisten (vom Schlage der Lensch, David und Co.) berufen sich auf die Erklärungen von Engels im Jahre 1891, in denen er von der Pflicht der deutschen Sozialisten spricht, im Falle eines gleichzeitigen Krieges gegen Rußland und Frankreich das Vaterland zu verteidigen,- die Sozialchauvinisten vom Kautskyschen Schlage schließlich, die den internationalen Chauvinismus allseits versöhnen und legitim machen möchten, berufen sich darauf, daß Marx und Engels, obwohl sie die Kriege verurteilten, sich dennoch, von 1854/1855 bis 1870/1871 und 1876/1877, stets auf die Seite des einen oder des anderen kriegführenden Staates stellten, sobald der Krieg einmal ausgebrochen war.

Alle diese Beruf ungen sind eine empörende Fälschung der Auf fassungen von Marx und Engels zugunsten der Bourgeoisie und der Opportunisten, genauso wie in den Schriften der Anarchisten GuiÜaume und Co. Die Auffassungen von Marx und Engels gefälscht werden, um den Anarchismus zu rechtfertigen. Der Krieg von 1870/1871 war von seiten Deutschlands historisch fortschrittlich, solange Napoleon III. nicht besiegt war, denn dieser hatte zusammen mit dem Zaren lange Jahre hindurch Deutschland bedrückt, indem er dessen feudale Zersplitterung unterstützte.

Sobald dann der Krieg zu einer Beraubung Frankreichs entartete (Annexion von Elsaß-Lothringen), verurteilten Marx und Engels die Deutschen ganz entschieden. Und auch zu Beginn dieses Krieges billigten es Marx und Engels, daß Bebel und Liebknecht sich weigerten, für die Kriegskredite zu stimmen, und rieten der Sozialdemokratie, sich nicht mit der Bourgeoisie zu vereinigen, sondern die selbständigen Klasseninteressen des Proletariats zu verfechten. Dieses Urteil über einen bürgerlichfortschrittlichen, nationalen Befreiungskrieg auf den jetzigen imperialistischen Krieg übertragen heißt die Wahrheit vergewaltigen. Dasselbe gilt in noch viel höherem Grade von dem Krieg 1854/1855 und von allen anderen Kriegen des 19. Jahrhunderts, denn damals gab es weder den modernen Imperialismus nodb zur Reife gediehene objektive Bedingungen für den Sozialismus, nodb auch sozialistische Massenparteien in allen kriegführenden Ländern, d. h., es fehlten gerade die Voraussetzungen, aus denen das Basler Manifest die Taktik der „proletarischen Revolution" im Zusammenhang mit einem Krieg zwischen den Großmächten ableitete.

Wer sich jetzt auf Marx' Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx3 Worte „Die Arbeiter haben kein Vaterland" vergißt - diese Worte, die sich gerade auf die Epoche der reaktionären, überlebten Bourgeoisie beziehen, auf die Epoche der sozialistischen Revolution -, der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche.


Lenin, Band 24, Seite 559; 31. Mai 1917

BRIEF AN DIE BEZIRKSKOMITEES DER PETROGRADER ORGANISATION DER SDAPR (BOLSCHEWIKI)

Wenn Sie, Genossen, schwerwiegende und ernste Gründe haben, dem ZK zu mißtrauen, so sagen Sie es offen. Das ist die Pflicht eines jeden Mitglieds unserer, einer demokratisch organisierten, Partei, und dann wird es Pflicht des ZK unserer Partei sein, über Ihr Mißtrauen besonders zu beraten, dem Parteitag darüber zu berichten, besondere Verhandlungen aufzunehmen, um dieses bedauerliche Mißtrauen einer Lokalorganisation gegen das ZK zu beseitigen.

Ist aber ein solches Mißtrauen nicht vorhanden, dann ist es ungerecht und falsch, zu verlangen, daß das ZK das ihm auf dem Parteitag zuerkannte Recht, die Arbeit in der Partei im allgemeinen und in der Hauptstadt im besonderen zu leiten, nicht ausüben soll.

Fordert denn unser ZK zuviel, fordert es übermäßiges, wenn es die Petersburger Zeitungen leiten will? Nein. In der deutschen Sozialdemokratischen Partei, in ihrer besten Zeit, als Wilhelm Liebknecht jahrzehntelang an der Spitze der Partei stand, war Wilhelm Liebknecht Redakteur des Zentralorgans der Partei. Das Zentralorgan erschien in Berlin. Die Berliner Organisation hatte niemals eine besondere Berliner Zeitung. Es bestand eine „Pressekommission" aus Arbeitern, und es gab einen lokalen Teil im Zentralorgan der Partei. Warum sollen wir von diesem guten Beispiel unserer Genossen in anderen Ländern abweichen?


Lenin, Band 25, Seite 455 und 457

STAAT UND REVOLUTION

„Der .Volksstaat' ist uns von den Anarchisten bis zum Überdruß in die Zähne geworfen worden", sagt Engels und meint in erster Linie Bakunin und dessen Ausfälle gegen die deutschen Sozialdemokraten. Engels erkennt diese Ausfälle insoweit für berechtigt an, als der „Volksstaat" ein ebensolcher Unsinn und ein ebensolches Abweichen vom Sozialismus ist wie auch der „freie Volksstaat". Engels ist bemüht, den Kampf der deutschen Sozialdemokraten gegen die Anarchisten zu korrigieren, diesem Kampf die prinzipiell richtige Linie zu geben, ihn von den opportunistischen Vorurteilen in bezug auf den „Staat" zu reinigen.

Aber leider! Der Brief von Engels hat 36 Jahre lang in einer Schreibtischschublade gelegen. Wir werden weiter unten sehen, daß auch nach der Veröffentlichung dieses Briefes Kautsky im wesentlichen die gleichen Fehler hartnäckig wiederholt, vor denen Engels warnte.

Bebel antwortete Engels mit einem Brief vom 21. September 1875, in dem er unter anderem schrieb, daß er mit Engels' Urteil über die Programmvorlage „vollkommen übereinstimme" und daß er Liebknecht Nachgiebigkeit vorgeworfen habe (Bebel, „Aus meinem Leben", Zweiter Teil, S. 334). Nimmt man jedoch Bebeis Broschüre „Unsere Ziele" zur Hand, so findet man in ihr vollkommen falsche Betrachtungen über den Staat:

„Der Staat soll also aus einem auf Klassenherrschaft beruhenden Staat in einen Volksstaat verwandelt werden." („Unsere Ziele", deutsche Ausgabe von 1886. S. 14.)

So zu lesen in der neunten (neunten!) Auflage der Bebeischen Broschüre! Kein Wunder, daß die so hartnäckig wiederholten opportunistischen Betrachtungen über den Staat der deutschen Sozialdemokratie in Fleisch und Blut übergingen, besonders da man die revolutionären Erläuterungen von Engels vor der Welt geheimhielt und da die ganzen Lebensverhältnisse für lange Zeit von der Revolution „entwöhnten".

* * *

Und wenn wir bedenken, welche Bedeutung das Erfurter Programm in der ganzen internationalen Sozialdemokratie gewonnen hat, daß es für die gesamte II. Internationale zum Vorbild geworden ist, so wird man ohne Übertreibung sagen dürfen, daß Engels hier den Opportunismus der gesamten II. Internationale kritisiert.

„Die politischen Forderungen des Entwurfes", schreibt Engels, „haben einen großen Fehler. Das, was eigentlich gesagt werden sollte, steht nicht drin" (hervorgehoben von Engels).

Und weiter wird auseinandergesetzt, daß die deutsche Reichsverfassung im Grunde einen Abklatsch der äußerst reaktionären Verfassung von 1850 bilde, daß der Reichstag nach einem Ausspruch Wilhelm Liebknechts nur das „Feigenblatt des Absolutismus" sei, daß auf Grundlage dieser Verfassung, die die Kleinstaaterei und den Bund der deutschen Kleinstaaten sanktioniert, eine „Umwandlung aller Arbeitsmittel in Gemeineigentum" durchführen zu wollen, „augenscheinlich sinnlos" sei.

„Daran zu tasten ist aber gefährlich", fügt Engels hinzu, der nur zu gut weiß, daß es unmöglich ist, in Deutschland im Programm die Forderung der Republik legal zu erheben. Aber mit dieser einleuchtenden Erwägung, mit der sich „alle" zufriedengeben, findet sich Engels nicht ohne weiteres ab. Er fährt fort: „Und dennoch muß so oder so die Sache angegriffen werden. Wie nötig das ist, beweist gerade jetzt der in einem großen Teile der sozialdemokratischen Presse einreißende Opportunismus. Aus Furcht vor einer Erneuerung des Sozialistengesetzes, aus der Erinnerung an allerlei unter der Herrschaft jenes Gesetzes gefallenen voreiligen Äußerungen soll jetzt auf einmal der gegenwärtige gesetzliche Zustand in Deutschland der Partei genügen können, alle ihre Forderungen auf friedlichem Wege durchzuführen."

 

Lenin, Band 33, Seite 337-338

Zum 10 jährigen Jubiläum der "Prawda"

Und wenn irgendwelche, man entschuldige den Ausdruck, „Spenglerjünger" daraus schließen sollten (bei den „superklugen" Führern der II. und der zweieinhalbten Internationale muß man auf jede Dummheit gefaßt sein), bei dieser Rechnung sei das Proletariat Europas und Amerikas in die revolutionären Kräfte nicht einbezogen, so geben wir zur Antwort:

Die eben erwähnten „superklugen" Führer argumentieren immer so, als ob sich aus dem Umstand, daß neun Monate nach der Empfängnis die Geburt des Kindes zu erwarten ist, die Möglichkeit ergäbe, sowohl Stunde und Minute der Geburt als auch die Lage des Kindes bei der Geburt sowie den Zustand der Gebärenden während der Geburt und den genauen Grad der Schmerzen und Gefahren, die Kind und Mutter durchzumachen haben, zu bestimmen. „Superkluge" Leute! Sie können durchaus nicht begreifen, daß vom Standpunkt der Entwicklung der internationalen Revolution der Übergang vom Qtartismas zn den vor der Bourgeoisie liebedienernden Henderson oder von Varlin zu Renaudel oder von Liebknecht und Bebel zu Südekum, Scheidemann und Noske nichts anderes ist als der „Übergang" eines Autos von einer glatten und ebenen, Hunderte Kilometer langen Chaussee in eine kleine schmutzige, stinkende Pfütze auf derselben Chaussee, in eine kleine, wenige Meter lange Pfütze.

Die Menschen machen ihre Geschichte selbst. Die Chartisten, die Varlin und Liebknecht machen sie jedoch mit ihrem Hirn und ihrem Herzen. Die Führer der II. und der zweieinhalbten Internationale dagegen „machen" sie mit ganz andern Körperteilen: sie düngen den Boden für neue Chartisten, für neue Varlins und neue Liebknecht.

In der gegenwärtigen äußerst schwierigen Situation wäre Selbstbetrug für die Revolutionäre von größtem Schaden. Obwohl der Bolschewismus zu einer internationalen Kraft geworden ist, obwohl es in allen zivilisierten und fortgeschrittenen Ländern schon wieder neue Chartisten, neue Varlins, neue Liebknechts gibt, die sich als legale (so legal, wie es vor zehn Jahren unter dem Zarismus unsere „Prawda" war) kommunistische Parteien entwickeln, so bleibt dennoch die internationale Bourgeoisie vorläufig immer noch unvergleichlich stärker als ihr Klassengegner. Diese Bourgeoisie, die ihr möglichstes getan hat, um die Geburt zu erschweren, um die Gefahren und Qualen der Geburt der proletarischen Macht in Rußland zu verzehnfachen, ist noch in der Lage, Millionen und aber Millionen Menschen durch weißgardistische und imperialistische Kriege usw. zu Qualen und Tod zu verdammen. Das dürfen wir nicht vergessen.

Mit dieser Besonderheit der gegenwärtigen Sachlage müssen wir unsere Taktik geschickt in Einklang bringen. Quälen, foltern und morden kann die Bourgeoisie einstweilen noch ungehindert. Aber den unvermeidlichen und — unter dem welthistorischen Gesichtspunkt betrachtet — gar nicht fernen endgültigen Sieg des revolutionären Proletariats kann sie nicht aufhalten.

2. V. 1922

"Prawda' Nr. 98, 5. Mai 1922