Lenin

Über die ungarische Revolution 1919

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über die ungarische Revolution 1919

(Sammlung von Texten und Zitaten - zusammengestellt von Wolfgang Eggers)

 

 

 

FUNKTELEGRAMM

DES VIII. PARTEITAGS DER KPR (B)
ZUR BEGRÜSSUNG DER REGIERUNG DER
UNGARISCHEN RÄTEREPUBLIK
22. MÄRZ 1919

 

Lenin Werke, Band 29, Seite 183


An die Regierung der Ungarischen Räterepublik,
Budapest


Der VIII. Parteitag der Kommunistischen Partei Rußlands übermittelt
der Ungarischen Räterepublik seinen flammenden Gruß. Unser Parteitag
ist überzeugt, daß die Zeit nicht fern ist, da der Kommunismus in der ganzen
Welt siegen wird. Die Arbeiterklasse Rußlands wird Ihnen mit allen
Kräften zu Hilfe kommen. Das Proletariat der ganzen Welt verfolgt mit
gespannter Aufmerksamkeit Ihren weiteren Kampf und wird es den Imperialisten
nicht erlauben, die Hand gegen die neue Räterepublik zu erheben.
Es lebe die internationale kommunistische Republik!


Veröffentlicht am 25. März 1919
in der Zeitung „Nepszava" Nr. 71.
In russischer Sprache zuerst veröffentlicht 1927. Nach dem Text der Zeitung.
Aus dem Ungarischen.

 

 

VIII. Parteitag KPR (B)

 

Nur die Diktatur einer Klasse - des Proletariats - kann den Kampf gegen die Bourgeoisie um die Herrschaft entscheiden. Nur die Diktatur des Proletariats kann die Bourgeoisie besiegen. Nur das Proletariat kann die Bourgeoisie stürzen. Nur das Proletariat kann die Massen gegen die Bourgeoisie führen.

Es ist natürlich, daß am Anfang der Revolution - der proletarischen Revolution - die ganze Aufmerksamkeit ihrer Führer auf das Hauptsächliche, Grundlegende gerichtet ist: auf die Herrschaft des Proletariats und die Sicherung dieser Herrschaft durch den Sieg über die Bourgeoisie - die Sicherung dagegen, daß die Bourgeoisie von neuem an die Macht kommt. Ihre Herrschaft wird rasch untergraben, sie sieht solche Beispiele wie die ungarische Revolution - wir hatten gestern das Glück, Ihnen darüber Mitteilung machen zu können, und heute treffen bestätigende Nachrichten ein - , sie beginnt schon zu begreifen, daß ihre Herrschaft ins Wanken geraten ist. Sie hat die Freiheit des Handelns verloren. Aber wenn man heute die materiellen Mittel im Weltmaßstab in Rechnung stellt, muß man zugeben, daß materiell die Bourgeoisie jetzt noch stärker ist als wir.
Darum galten neun Zehntel unserer Aufmerksamkeit, unserer praktischen Tätigkeit dieser Hauptfrage und mußten ihr gelten, der Aufgabe, die Bourgeoisie zu stürzen, die Macht des Proletariats zu festigen, jede Möglichkeit der Rückkehr der Bourgeoisie an die Macht zu beseitigen.
Das ist vollkommen natürlich, gesetzmäßig, unvermeidlich. (ebenda. Seite 186 - 187)

* * *

Wenn in den ersten Monaten nach dem Oktober viele naive Leute so dumm waren, zu glauben, die Diktatur des Proletariats wäre etwas Vorübergehendes, Zufälliges, so müßten doch jetzt sogar die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre begreifen, daß es eine Gesetzmäßigkeit gibt in dem Kampf, der unter dem Ansturm der gesamten internationalen Bourgeoisie ausgefochten wird.

Unser Weg wird vor allem durch die Einschätzung der Klassenkräfte bestimmt. In der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt sich der Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Solange dieser Kampf noch nicht beendet ist, wird unsere Aufmerksamkeit vor allem darauf konzentriert sein, ihn zu Ende zu führen. Er ist noch nicht zu Ende geführt. In diesem Kampf ist es gelungen, schon vieles zu leisten. Jetzt hat die internationale Bourgeoisie in ihrem Handeln schon nicht mehr freie Hand. Der beste
Beweis dafür ist die ungarische proletarische Revolution
. (ebenda. Seite 188 - 189)

* * *

Zum ersten Mal in der Welt erkennen die Arbeiter und Bauern, dass sie die Sozialistische Sowjetrepublik verteidigen, die Macht der Werktätigen über die Kapitalisten, die Sache der proletarischen sozialistischen Weltrevolution.

Besonders bestärkt uns die Nachricht, vom Sieg der proletarischen Revolution in Ungarn. Wenn bisher die Sowjetmacht nur im Innern gesiegt hatte, unter den zum früheren Russischen Reich gehörenden
Völkern, wenn bis jetzt kurzsichtige Leute, Leute, die sich besonders schwer von dem Althergebrachten, von der alten Denkweise trennen (mögen sie auch zum Lager der Sozialisten gehören), glauben konnten, daß nur die Besonderheiten Rußlands diese unerwartete Wendung zur proletarischen Sowjetdemokratie hervorgerufen haben, daß sich vielleicht in den Besonderheiten dieser Demokratie wie in einem Zerrspiegel die alten Besonderheiten des zaristischen Rußlands widerspiegeln - wenn eine solche Meinung noch bestehen konnte, so ist sie nunmehr von Grund auf zerstört. Genossen, die Nachrichten, die heute eingetroffen sind, geben uns ein Bild von der ungarischen Revolution. Wir erfahren aus den heutigen Nachrichten, daß die Ententemächte an Ungarn ein ganz brutales Ultimatum wegen eines Truppendurchmarsches gestellt hatten.
Als die bürgerliche Regierung sah, daß die Ententemächte ihre Truppen durch Ungarn marschieren lassen wollten, daß auf Ungarn wiederum die unerhörte Last eines neuen Krieges fällt - da trat die bürgerlich-paktiererische Regierung selbst zurück, nahm selbst Verhandlungen mit den
Kommunisten, mit unseren in den Gefängnissen sitzenden ungarischen Genossen auf und gab selbst zu, daß es keinen anderen Ausweg gibt als die Übergabe der Macht an das werktätige Volk. ( Beifall.)

Genossen!

Wenn man von uns sagte, daß wir Usurpatoren seien, wenn Ende 1917 und Anfang 1918 die Bourgeoisie und viele ihrer Anhänger keine anderen Worte für unsere Revolution hatten als „Gewalt" und „Usurpation", wenn bis heute Stimmen laut werden, deren ganze Sinnlosigkeit wir schon oft bewiesen haben, nämlich daß sich die bolschewistische Macht durch Gewalt behaupte, wenn man früher solchen Unsinn wiederkäuen konnte, so bringt jetzt das Beispiel Ungarns dieses Gerede zum Verstummen. Selbst die Bourgeoisie hat erkannt, daß es keine andere Macht geben kann als die Sowjetmacht. Die Bourgeoisie eines kulturell höherstehenden Landes hat klarer als unsere Bourgeoisie am Vorabend des 25. Oktober erkannt, daß das Land zugrunde geht, daß immer schwerere Prüfungen das Volk heimsuchen, daß also die Macht in den Händen der Sowjets sein muß, daß also die Arbeiter und Bauern Ungarns, die neue proletarische Sowjetdemokratie das Land retten müssen.
Die Schwierigkeiten der ungarischen Revolution sind gewaltig, Genossen.
Dieses im Vergleich mit Rußland kleine Land kann viel leichter von den Imperialisten erdrosselt werden. Aber wie groß auch immer die Schwierigkeiten sein mögen, die Ungarn zweifellos noch bevorstehen, für uns bedeuten diese Ereignisse außer dem Sieg der Sowjetmacht auch einen
moralischen Sieg. Die radikalste, demokratischste, paktiererischste Bourgeoisie hat anerkannt, daß im Augenblick einer gewaltigen Krise, da dem vom Krieg erschöpften Land ein neuer Krieg droht, die Sowjetmacht eine historische Notwendigkeit ist, hat anerkannt, daß in einem solchen Land keine andere Macht bestehen kann als die Macht der Sowjets, als die Diktatur des Proletariats.


Genossen,

uns ist eine ganze Reihe von Revolutionären vorausgegangen, die ihr Leben der Befreiung Rußlands zum Opfer brachten. Die Mehrzahl dieser Revolutionäre traf ein schweres Los. Sie wurden vom Zarismus verfolgt, und es war ihnen nicht das Glück vergönnt, die siegreiche Revolution mitzuerleben. Uns aber ist ein noch höheres Glück beschieden. Wir haben nicht nur den Sieg unserer Revolution erlebt, wir haben nicht nur erlebt, wie sie sich bei allen unerhörten Schwierigkeiten festigte und neue Formen der Macht schuf, die uns die Sympathien der ganzen Welt gewinnen, sondern wir erleben auch, daß die Saat, die die russische Revolution gesät hat, in Europa aufgeht. Das gibt uns die absolute, unerschütterliche Überzeugung: So schwer auch die Prüfungen sein mögen, die über uns noch hereinbrechen können, so groß auch die Leiden sein mögen, die uns die verendende Bestie des internationalen Imperialismus noch zufügen kann, diese Bestie wird zugrunde gehen, und der Sozialismus wird in der ganzen Welt siegen. ( Lang andauernder Beifall.)


Ich erkläre den VIII. Parteitag der Kommunistischen Partei Rußlands
für geschlossen.

 


FUNKSPRUCH
ZUR BEGRÜSSUNG DER REGIERUNG
DER UNGARISCHEN RÄTEREPUBLIK

22. MÄRZ 1919


Hier ist Lenin. Meinen aufrichtigen Gruß der proletarischen Regierung der Ungarischen Räterepublik und insbesondere dem Genossen Bela Kun. Ihren Gruß habe ich dem Parteitag der Kommunistischen Partei Rußlands, Bolschewiki, übermittelt. Gewaltiger Enthusiasmus. Die Beschlüsse des Moskauer Kongresses der III., Kommunistischen Internationale sowie einen Bericht über die militärische Lage schicken wir Ihnen so bald als möglich. Eine ständige Funkverbindung zwischen Budapest und Moskau ist unbedingt notwendig.

Mit kommunistischem Gruß und Händedruck

Lenin.


Veröffentlicht am 23. März 1919
in der Zeitung „Nepszava" Nr. 70.
in russischer Sprache zuerst veröffentlicht 1927

Nach dem Text der Zeitung.
.Aus dem Ungarischen.

 



NIEDERSCHRIFT EINES FUNKTELEGRAMMS

AN BELA KUN

23. MÄRZ 1919

Lenin an Bela Kun in Budapest


Bitte mitzuteilen, welche reellen Garantien Sie dafür haben, daß die neue ungarische Regierung wirklich kommunistisch und nicht nur einfach sozialistisch, das heißt sozialverräterisch wird?
Haben die Kommunisten Mehrheit in der Regierung? Wann kommt der Rätekongreß zusammen? Worin besteht reell die Anerkennung der Diktatur des Proletariats durch die Sozialisten?
Es ist ganz sicher, daß eigenartige Verhältnisse ungarischer Revolution bloße Nachahmung unserer russischen Taktik in ihren Einzelheiten zu einem Fehler machen. Vor diesem Fehler muß ich warnen, aber ich möchte wissen, worin Sie reelle Garantien sehen.
Um sicher zu wissen, daß Sie persönlich mir antworten, bitte um Mitteilung, ob und in welchem Sinn ich mit Ihnen über Nationalversammlung gesprochen habe, als Sie mich das letzte Mal im Kreml besucht hatten.


Mit kommunistischem Gruß
Lenin


Zuerst veröffentlicht 1932.

nach dem von Lenin deutsch geschriebenen Manuskript

(Lenin, ebenda, Seite 207 - 213)

 

 

 


MITTEILUNG ÜBER EIN

FUNKGESPRÄCH
MIT BELA KUN

(auf Schallplatte aufgenommene Rede - gesprochen Ende März 1919)


Genossen Bela Kun kannte ich schon gut, als er noch Kriegsgefangener in Rußland war und häufig zu mir kam, um sich mit mir über den Kommunismus und die kommunistische Revolution zu unterhalten. Als daher die Meldung über die ungarische kommunistische Revolution eintraf, und zwar eine von Genossen Bela Kun unterzeichnete Meldung, wünschten wir mit ihm zu sprechen, um genauer festzustellen, wie es sich mit dieser Revolution verhält. Die ersten Meldungen über sie gaben gewissen Grund zu der Befürchtung, daß es sich um einen Betrug der sogenannten Sozialisten, der Sozialverräter handeln könnte, daß sie die Kommunisten hintergangen hätten, um so mehr, als diese im Gefängnis saßen. Und so sandte ich am Tag nach der ersten Meldung über die ungarische Revolution einen Funkspruch nach Budapest, bat Bela Kun, an den Apparat zu kommen, stellte ihm bestimmte Fragen, um nachzuprüfen, ob er selbst am Apparat war, und fragte ihn, welche realen Garantien es hinsichtlich des Charakters der Regierung, hinsichtlich ihrer wirkliehen Politik gäbe. Die
Antwort, die Genosse Bela Kun gab, war völlig zufriedenstellend und zerstreute alle unsere Zweifel. Es stellte sich heraus, daß die linken Sozialisten zu Bela Kun ins Gefängnis gekommen waren, um über die Regierungsbildung zu beraten. Und nur diese mit den Kommunisten sympathisierenden
linken Sozialisten sowie Leute des Zentrums haben die neue Regierung gebildet, während die rechten Sozialisten, die sozusagen unversöhnlichen und unverbesserlichen Sozialverräter, völlig aus der Partei ausgeschieden sind, ausgeschieden sind, ohne daß ihnen ein einziger Arbeiter gefolgt wäre. Die weiteren Nachrichten haben gezeigt, daß die Politik der ungarischen Regierung auch in kommunistischem Sinne äußerst konsequent War, so daß Bela Kun - während wir mit der Arbeiterkontrolle begannen und erst allmählich zur Sozialisierung der Industrie gelangten - dank seiner Autorität, sicher, daß die gewaltige Mehrheit der Massen hinter ihm steht, sofort ein Gesetz über den Übergang aller kapitalistisch geleiteten Industriebetriebe Ungarns in gesellschaftliches Eigentum durchbringen konnte. Zwei Tage sind vergangen, und wir haben uns völlig davon überzeugt, daß die ungarische Revolution sofort, ungewöhnlich rasch kommunistische Bahnen eingeschlagen hat. Die Bourgeoisie selber hat die Macht den Kommunisten Ungarns abgetreten. Die Bourgeoisie hat der ganzen Welt gezeigt, daß sie, wenn eine schwere Krise eintritt, wenn die Nation in Gefahr ist, nicht regieren kann. Es gibt nur eine einzige wirklich vom Volk getragene, vom Volk geliebte Macht - die Macht der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte.

Es lebe die Rätemacht in Ungarn !

 

(Auf Schallplatten aufgenommene Reden, Seite 230 - 231, Band 29)

 

Sie graben sich selber das Grab, und dort, bei ihnen, gibt es schon Menschen, die sie in dieses Grab legen und gut vergraben werden. (Beifall.) Das, weil die Sowjetbewegung in allen Ländern wächst; die ungarische Revolution hat gezeigt: wenn wir sagen, wir kämpfen nicht nur für uns, sondern für die Sowjetmacht in der ganzen Welt, hier fließe das Blut der Rotarmisten nicht nur wegen der hungernden Genossen, sondern für den Sieg der Sowjetmacht in der ganzen Welt - das Beispiel Ungarns hat gezeigt, daß das nicht nur eine Prophezeiung und ein Versprechen ist, sondern die lebendigste unmittelbare Realität.

In Ungarn verlief die Revolution ungewöhnlich originell. Der ungarische Kerenski, der dort Kärolyi heißt, trat selber zurück, und die ungarischen Paktierer - die Menschewiki und Sozialrevolutionäre - begriffen, daß man ins Gefängnis gehen müsse, wo der ungarische Genosse Bela Kun saß, einer der besten ungarischen Kommunisten. Sie kamen und erklärten ihm: „Sie müssen die Macht übernehmen!" (Beifall.) Die bürgerliche Regierung trat zurück. Die bürgerlichen Sozialisten, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre Ungarns, verschmolzen mit der Partei der ungarischen Bolschewiki und bildeten eine einheitliche Partei, eine einheitliche Regierung. Gen. Bela Kun, unser Genosse und ein Kommunist, der sich den Bolschewismus in der praktischen Arbeit in Rußland voll und ganz angeeignet hat, sagte mir, als ich mit ihm auf dem Funkwege sprach: „Ich habe keine Mehrheit in der Regierung, aber ich werde den Sieg davontragen, weil die Massen für mich sind und weil ein Rätekongreß einberufen wird." Das ist ein welthistorischer Umsturz.
Bislang hat man allen europäischen Arbeitern vorgelogen, wenn man von Sowjetrußland sprach: „Dort gibt es keinerlei Macht, sondern einfach Anarchie, das sind einfach Raufbolde." Unlängst hat der französische Minister Pichon über Sowjetrußland erklärt: „Das ist Anarchie, das sind Gewalttäter, Usurpatoren!" „Schaut nach Rußland", sagten die deutschen Menschewiki ihren Arbeitern, „Krieg, Hunger und Zerstörung!
Wollt ihr denn das für den Sozialismus?" Und sie haben damit die Arbeiter ins Bockshorn gejagt. Ungarn hat das Beispiel einer Revolution gezeigt, die auf ganz anderem Wege zustande kommt. Ungarn wird zweifellos einen schweren Kampf gegen die Bourgeoisie durchstehen müssen, das ist unvermeidlich. Aber es ist eine Tatsache: als diese Bestien, die englischen und französischen Imperialisten, die Revolution in Ungarn voraussahen, wollten sie diese liquidieren, ihr Zustandekommen verhindern.
Bei uns bestand die Schwierigkeit der Lage darin, daß wir die Sowjetmacht gegen den Patriotismus hervorbringen mußten. Wir mußten den Patriotismus zerschlagen und den Brester Frieden schließen. Das war ein verzweifeltes und grimmiges blutiges Unternehmen. In den Nachbarländern hat die Bourgeoisie gesehen, wer regieren muß. Wer denn anders als die Sowjets? Es ist das wie in alter Zeit; als die Könige, die Herzöge und Fürsten erkannten, daß ihre Macht schwächer wurde, sagten sie: „Es bedarf einer Verfassung, soll die Bourgeoisie kommen und regieren!"

Und wenn der König von Kräften kam, erhielt er eine Pension oder ein warmes Plätzchen. Dasselbe, was die Könige und Herzöge vor 50-60 Jahren erlebten, erlebt jetzt die Weltbourgeoisie. Als die englischen und französischen Imperialisten den ungarischen Kapitalisten unerhörte Forderungen
stellten, sagten diese: „Kämpfen können wir nicht. Uns wird das Volk nicht folgen, jedoch als ungarische Patrioten wollen wir Widerstand leisten. Welche Macht aber muß herrschen? Die Rätemacht." Die ungarische Bourgeoisie hat vor der ganzen Welt eingestanden, daß sie freiwillig zurücktritt und daß es nur eine Macht in der Welt gibt, die fähig ist, die Völker in schwerer Minute zu führen - das ist die Sowjetmacht.
(Beifall.) Eben darum wird die ungarische Revolution, weil sie auf ganz anderem Wege zustande gekommen ist als die unsere, der ganzen Welt zeigen, was in bezug auf Rußland verborgen war: daß der Bolschewismus mit einer neuen proletarischen Arbeiterdemokratie verbunden ist, die an die Stelle des alten Parlaments tritt. Das war die Zeit, da die Arbeiter betrogen, da sie durch den Kapitalismus geknechtet wurden.
An die Stelle des alten bürgerlichen Parlaments tritt die universelle Sowjetmacht, die die Sympathie aller Arbeiter errungen hat, weil sie die Macht der Werktätigen, der Millionen ist, die selber herrschen, selber regieren. Vielleicht regieren sie schlecht, wie wir in Rußland, aber wir befinden uns auch in unglaublich schwierigen Verhältnissen. In einem Staat, in dem die Bourgeoisie keinen so wütenden Widerstand leistet, werden die Aufgaben der Sowjetmacht leichter sein, sie wird arbeiten
können ohne die Gewaltanwendung, ohne den blutigen Weg, den uns die Herren Kerenski und die Imperialisten aufgezwungen haben. Wir werden auch einen schwierigeren Weg hinter uns bringen. Mögen auf Rußland mehr Opfer entfallen sein als auf andere Länder. Das ist nicht verwunderlich, da uns als Erbteil die alte Zerrüttung verblieb. Andere Länder kommen auf einem anderen, einem humaneren Weg zu demselben Ziel - zur Sowjetmacht. Eben darum wird das Beispiel Ungarns von entscheidender Bedeutung sein.
Die Menschen lernen aus der Erfahrung. Man kann nicht mit Worten das Recht der Sowjetmacht beweisen. Das Beispiel allein Rußlands war für die Arbeiter der ganzen Welt nicht verständlich. Sie wußten, daß dort der Sowjet existiert - sie sind alle für den Sowjet, aber sie scheuten die Schrecken des blutigen Kampfes. Das Beispiel Ungarns wird für die prole tarischen Massen, für das europäische Proletariat und die werktätige Bauernschaft entscheidend sein: In schwieriger Minute kann niemand
anders das Land regieren als die Sowjetmacht.
Wir erinnern uns, daß alte Leute sagen: „Die Kinder sind herangewachsen, sie haben es zu etwas gebracht, nun können wir ruhig sterben."
Wir beabsichtigen nicht, zu sterben, wir schreiten zum Sieg, aber wenn wir solche Kinder sehen wie Ungarn, wo schon die Sowjetmacht existiert, sagen wir, daß wir unsere Sache bereits nicht nur im russischen, sondern auch im internationalen Maßstab getan haben, daß wir bei den äußersten Schwierigkeiten standhalten werden, damit wir den vollen Sieg erringen, damit — und wir werden es erleben — nach der russischen und ungarischen Sowjetrepublik die internationale Sowjetrepublik Wirklichkeit werde.


( B e i f a l l . )
„Prawda" Nrr. 76 und 77, - 9. und 10.April 1919.

Nach dem Stenogramm.

 

(außerordentliche Sitzung des Plenums des Moskauer Sowjets, Lenin, Band 29, Seite 256 - 259)

 

 

Nur die äußerste Anspannung der Kräfte kann uns retten. Der Sieg ist jedoch durchaus möglich. Die Revolution in Ungarn ist der endgültige Beweis für das schnelle Wachstum der Sowjetbewegung in Europa und für ihren kommenden Sieg.

(Lenin; Band 29, Seite 260 - RESOLUTION ZU DEM BERICHT ÜBER DIE ÄUSSERE UND INNERE LAGE DER SOWJETREPUBLIK)

 

Bis heute war das Militärwesen eins der Instrumente zur Ausbeutung des Proletariats durch die Klasse der Kapitalisten und Gutsbesitzer, und bis heute wird in ganz Europa die Macht der Kapitalisten durch die Reste der alten, unter der Führung bürgerlicher Offiziere stehenden Armee
gestützt. Aber diese festeste Stütze der Bourgeoisie bricht zusammen, wenn die Arbeiter das Gewehr in die eigene Hand nehmen, wenn sie beginnen, ihre eigene gewaltige Armee des Proletariats zu schaffen, wenn sie beginnen, Soldaten zu erziehen, die wissen, wofür sie kämpfen, die die Arbeiter und Bauern, die Fabriken und Werke verteidigen, damit die Gutsbesitzer und Kapitalisten ihre Macht nicht zurückholen können.
Der heutige Festtag zeigt, welche Erfolge wir erzielt haben, welche neue Kraft im Schöße der Arbeiterklasse heranwächst. Wenn wir diese Parade betrachten, dann gewinnen wir die Überzeugung, daß die Sowjetmacht die Sympathie der Arbeiter aller Länder erobert hat, daß an die Stelle internationaler Kriege das brüderliche Bündnis internationaler Sowjetrepubliken treten wird.
Ich stelle Ihnen einen ungarischen Genossen vor, Tibor Szamuely, Kommissar für das Militärwesen der Ungarischen Räterepublik.

Es lebe das ungarische Proletariat!

 


Es lebe die internationale kommunistische Revolution!

(Lenin, Band 29, Seite 375)
„Iswestija WZIK" Nr.113, 27. Mai 1919

Nach dem Text der
Iswestija WZIX".

 

GRUSS AN DIE UNGARISCHEN ARBEITER


Genossen!

Die Nachrichten, die wir von den Führern der ungarischen Rätebewegung erhalten, erfüllen uns mit Begeisterung und Freude. Erst zwei Monate und einige Tage besteht die Rätemacht in Ungarn, aber im Sinne der Organisiertheit hat uns das ungarische Proletariat anscheinend schon überholt. Das ist verständlich, denn in Ungarn ist das allgemeine Kulturniveau der Bevölkerung höher, dann ist der Anteil der Industriearbeiter an der Gesamtbevölkerung weitaus größer (drei Millionen Einwohner
Budapests auf acht Millionen Einwohner des heutigen Ungarns), und schließlich war auch der Übergang zum Rätesystem, zur Diktatur des Proletariats in Ungarn unvergleichlich leichter und friedlicher.
Dieser letzte Umstand ist besonders wichtig. Die meisten sozialistischen Führer in Europa, sowohl sozialchauvinistischer als auch Kautskyscher Richtung, stecken so tief in rein spießbürgerlichen Vorurteilen, die die Jahrzehnte eines verhältnismäßig „friedlichen" Kapitalismus und bürgerlichen
Parlamentarismus hervorgebracht haben, daß sie die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats nicht verstehen können. Das Proletariat ist außerstande, seine weltgeschichtliche Befreiungsmission zu erfüllen, wenn es diese Führer nicht aus seinem Wege räumt, wenn es sie nicht davonjagt.
Diese Leute haben den bürgerlichen Lügen über die Sowjetmacht in Rußland ganz oder halb geglaubt und vermochten nicht, das Wesen der neuen, der proletarischen Demokratie, der Demokratie für die Werktätigen, der sozialistischen Demokratie, die in der Sowjetmacht verkörpert ist, von der bürgerlichen Demokratie zu unterscheiden, die sie sklavisch anbeten und „reine Demokratie" oder „Demokratie" schlechthin nennen.
Diese blinden, durch bürgerliche Vorurteile vernagelten Leute haben die weltgeschichtliche Wendung von der bürgerlichen zur proletarischen Demokratie, von der bürgerlichen zur proletarischen Diktatur nicht verstanden.
Sie verwechselten diese oder jene Besonderheit der russischen Sowjetmacht, ihrer geschichtlichen Entwicklung in Rußland mit der Sowjetmacht in ihrer internationalen Bedeutung.
Die ungarische proletarische Revolution macht sogar die Blinden sehend.
Die Form des Übergangs zur Diktatur des Proletariats ist in Ungarn eine ganz andere als in Rußland: freiwilliger Rücktritt der bürgerlichen Regierung, sofortige Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse, der Einheit des Sozialismus auf der Qrundlage des kommunistischen Programms. Das
Wesen der Sowjetmacht tritt jetzt desto klarer zutage: In der ganzen Welt kann es heute keine andere von den Werktätigen und dem Proletariat an ihrer Spitze unterstützte Macht geben als die Sowjetmacht, als die Diktatur des Proletariats.
Diese Diktatur setzt die schonungslos harte, schnelle und entschiedene Gewaltanwendung voraus, um den Widerstand der Ausbeuter, der Kapitalisten, Gutsbesitzer und ihrer Handlanger zu brechen. Wer das nicht verstanden hat, der ist kein Revolutionär, den muß man seines Postens als Führer oder Ratgeber des Proletariats entheben.
Aber nicht in der Gewalt allein und nicht hauptsächlich in der Gewalt besteht das Wesen der proletarischen Diktatur. Ihr Hauptwesen besteht in der Organisation und Disziplin der fortgeschrittensten Abteilung der Werktätigen, ihrer Avantgarde, ihres einzigen Führers, des Proletariats.
Sein Ziel ist, den Sozialismus zu errichten, die Teilung der Gesellschaft in Klassen aufzuheben, alle Mitglieder der Gesellschaft zu Werktätigen zu machen, jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen den Boden zu entziehen. Dieses Ziel kann nicht auf einmal verwirklicht werden, es erfordert eine ziemlich lange Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, einmal deshalb, weil die Neuorganisierung der Produktion eine schwierige Sache ist, dann auch deshalb, weil man für radikale Änderungen auf allen Gebieten des Lebens Zeit braucht, und schließlich deshalb, weil die gewaltige Macht der Gewöhnung an kleinbürgerliches und bürgerliches Wirtschaften nur in langem, beharrlichem Kampf überwunden werden kann. Deshalb spricht Marx auch von einer ganzen Periode
der Diktatur des Proletariats als der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus.
Während dieser ganzen Übergangszeit werden dieser Umwälzung sowohl die Kapitalisten und zugleich ihre zahlreichen Handlanger aus der bürgerlichen Intelligenz Widerstand leisten, die sich bewußt widersetzen, wie auch die gewaltige Masse der in kleinbürgerlichen Gewohnheiten und Überlieferungen allzusehr verstrickten Werktätigen, darunter der Bauern, die sich im allgemeinen unbewußt widersetzen. Schwankungen sind in diesen Schichten unvermeidlich. Der Bauer als Werktätiger neigt zum Sozialismus hin und zieht die Diktatur der Arbeiter der Diktatur der Bourgeoisie vor. Der Bauer als Getreideverkäufer neigt zur Bourgeoisie, zum freien Handel hin, d. h. strebt zurück zum „gewohnten", „althergebrachten" Kapitalismus.
Die Diktatur des Proletariats, die Macht einer Klasse, die Stärke ihrer Organisation und Disziplin, ihre zentralisierte Macht, die sich auf alle kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Errungenschaf ten des Kapitalismus stützt, ihre proletarische Vertrautheit mit der Mentalität eines jeden Werktätigen, ihre Autorität gegenüber den verstreut lebenden, weniger entwickelten, in der Politik weniger festen werktätigen Menschen aus dem Dorf oder aus der Kleinproduktion ist notwendig, damit das Proletariat die Bauernschaft und alle kleinbürgerlichen Schichten überhaupt führen kann. Da helfen keine Phrasen über „Demokratie" schlechthin, über „Einheit" oder „Einheit der Arbeitsdemokratie", über „Gleichheit" aller. „Menschen der Arbeit" und so weiter und so fort - Phrasen, zu denen die verspießerten Sozialchauvinisten und Kautskyaner so sehr neigen. Phrasendreschen streut nur Sand in die Augen, trübt das Bewußtsein, stärkt den alten Stumpfsinn, die Trägheit, die Schablone des Kapitalismus, des Parlamentarismus, der bürgerlichen Demokratie.
Die Aufhebung der Klassen ist das Werk eines langwierigen, schweren, hartnäckigen Klassenkampfes, der nadb dem Sturz der Macht des Kapitals, nach der Zerstörung des bürgerlichen Staates, nadb der Aufrichtung der Diktatur des Proletariats nicht verschwindet (wie sich das Flachköpfe vom alten Sozialismus und von der alten Sozialdemokratie einbilden), sondern nur seine Formen ändert und in vieler Hinsicht noch erbitterter wird.
Im Klassenkampf gegen den Widerstand der Bourgeoisie, gegen die Trägheit, die Schablone, die Unentschlossenheit und die Schwankungen des Kleinbürgertums muß das Proletariat seine Macht behaupten, seinen organisierenden Einfluß stärken, die „Neutralisierung" jener Schichten durchsetzen, die sich fürchten, die Bourgeoisie zu verlassen, und die dem Proletariat allzu unentschlossen folgen, muß das Proletariat die neue Disziplin, die kameradschaftliche Disziplin der Werktätigen, die dauerhafte Verbindung der Werktätigen mit dem Proletariat, ihren Zusammenschluß
um das Proletariat festigen, diese neue Disziplin, diese neue Grundlage der gesellschaftlichen Bindungen, die an die Stelle der Leibeigenschaftsdisziplin im Mittelalter, an die Stelle der Disziplin des Hungers, der Disziplin der „freien" Lohnsklaverei unter dem Kapitalismus tritt.
Um die Klassen aufzuheben, ist eine Periode der Diktatur einer Klasse notwendig, nämlich derjenigen unterdrückten Klasse, die befähigt ist, nicht nur die Ausbeuter zu stürzen, nicht nur schonungslos deren Widerstand zu unterdrücken, sondern die auch imstande ist, mit der ganzen bürgerlich-demokratischen Ideologie zu brechen, mit all den Spießerphrasen über Freiheit und Gleichheit schlechthin. (In Wirklichkeit bedeuten diese Phrasen, wie Marx längst gezeigt hat, „Freiheit und Gleichheit" der Warenbesitzer, „Freiheit und Gleichheit" des "Kapitalisten und des
Arbeiters.) Mehr noch. Nur diejenige unterdrückte Klasse ist fähig, durch ihre Diktatur die Klassen aufzuheben, die durch den jahrzehntelangen Streikkampf und den politischen Kampf gegen das Kapital geschult, vereinigt, erzogen und gestählt ist; nur die Klasse, die sich die gesamte städtische, industrielle, großkapitalistische Kultur zu eigen gemacht hat, besitzt die Entschlossenheit und Fähigkeit, sie zu behaupten, zu bewahren und alle ihre Errungenschaften fortzuentwickeln, sie dem ganzen Volke, allen Werktätigen zugänglich zu machen; - nur die Klasse, die all die Lasten, Prüfungen, Unbilden und großen Opfer zu ertragen vermag, die die Geschichte unvermeidlich dem auferlegt, der mit dem Vergangenen bricht und sich kühn den Weg zu einer neuen Zukunft bahnt - nur die Klasse, in der die Besten voller Haß und Verachtung gegen alles Spießbürgerliche und Philisterhafte sind, gegen diese Eigenschaften, die im Kleinbürgertum, bei den kleinen Angestellten, bei der „Intelligenz" so sehr in Blüte stehen - nur die Klasse, die die „stählende Schule der Arbeit"
durchgemacht hat und jedem Werktätigen, jedem ehrlichen Menschen Achtung vor ihrer Leistungsfähigkeit einzuflößen vermag.
Genossen ungarische Arbeiter! Ihr habt der Welt ein noch besseres Vorbild gegeben als Sowjetrußland, da Ihr es verstanden habt, mit einem Schlage alle Sozialisten auf der Basis einer wahrhaften proletarischen Diktatur zu vereinigen. Euch steht jetzt eine höchst dankbare und höchst
schwere Aufgabe bevor - auszuhalten im schweren Krieg gegen die Entente. Bleibt fest! Wenn sich Schwankungen bei den gestern zu Euch, zur Diktatur des Proletariats, gekommenen Sozialisten oder bei dem Kleinbürgertum zeigen, dann unterdrückt diese Schwankungen schonungslos!

Erschießung - das ist das verdiente Los des Feiglings im Krieg.
Ihr führt den einzig legitimen, gerechten, wahrhaft revolutionären Krieg, den Krieg der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, den Krieg der Werktätigen gegen die Ausbeuter, den Krieg für den Sieg des Sozialismus.
In der ganzen Welt ist alles, was es an Ehrlichem in der Arbeiterklasse
gibt, auf Eurer Seite.

Jeder Monat bringt die proletarische Weltrevolution
näher.


Bleibt fest! Der Sieg wird Euer sein!


27. V. 1919 Lenin
„Prawda" 9Vr. 115, 29. Mai 1919. Nach dem Manuskript.

Band 29, Seite 376 - 380

 

Die Helden der 'Berner Internationale'

Der Kapitalismus kann nicht anders zusammenstürzen als durch eine Revolution, die im Verlauf des Kampfes die früher unberührten Massen mobilisiert. Spontane Ausbrüche sind beim Anwachsen der Revolution unvermeidlich. Ohne sie hat es keine Revolution gegeben und kann es keine Revolution geben. Die Kommunisten reden der Spontaneität nidht das Wort, sie sind nicht für isolierte
Ausbrüche. Die Kommunisten lehren die Massen organisiertes, zielstrebiges, einmütiges, rechtzeitiges, reifes Handeln. Besser mit den kämpfenden Massen sein, die im Verlauf des Kampfes allmählich die Fehler korrigieren, als mit den Intelligenzlern, den Philistern, den Kautskyanern, die abseits stehend den „vollen Sieg" abwarten. (Seite 387)

Wenn aber 1914 das Unverständnis dafür, daß sich der imperialistische Krieg unvermeidlich in den Bürgerkrieg verwandeln muß, nur spießbürgerlicher Stumpfsinn war, so ist das jetzt, im Jahre 1919, schon etwas Schlimmeres. Das ist Verrat an der Arbeiterklasse. Denn der Bürgerkrieg sowohl in Rußland als auch in Finnland und Lettland, in Deutschland und Ungarn ist eine Tatsache. (Seite 388)

28. Mai 1919

Die Bourgeoisie der ganzen Welt organisiert und führt einen Bürgerkrieg gegen das revolutionäre Proletariat, sie unterstützt zu diesem Zweck Koltschak und Denikin in Rußland, Mannerheim in Finnland, die Lakaien der Bourgeoisie, die georgischen Menschewiki, im Kaukasus, die polnischen Imperialisten und polnischen Kerenskis in Polen, die deutschen Scheidemänner in Deutschland, die Konterrevolutionäre (Menschewiki und Kapitalisten) in Ungarn usw. usf.

Lenin, Band 30, Seite 14

Über die Diktatur des Proletariats

(Lenin, Band 30, Seite 81

Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg.
(Ignoranz und niederträchtige Feigheit der „Sozialisten". a) Rußland, Ungarn, Finnland, Deutschland.
( ß) Schweiz und Amerika.)

Hätte die Entente, die uns so haßte, wie die Bourgeoisie die sozialistische Revolution nur hassen kann, damals auch nur den zehnten Teil ihrer Armeen mit einigem Erfolg gegen uns einsetzen können, so wäre das Schicksal Sowjetrußlands zweifellos besiegelt gewesen, und Sowjetrußland hätte das Los Ungarns geteilt.

(Lenin, Band 30, Seite 197)

Dieses Übel besteht darin, daß die alten Führer, die den unaufhaltsamen Drang der Massen zum
Bolschewismus und zur Sowjetmacht sehen, in dem Lippenbekenntnis zur Diktatur des Proletariats und zur Sowjetmacht einen Ausweg suchen (und oft enden!); in Wirklichkeit aber bleiben sie entweder Feinde der Diktatur des Proletariats oder Menschen, die unfähig oder nicht gewillt
sind, die Bedeutung der Diktatur des Proletariats zu erfassen und sie zu verwirklichen.
Wie ungeheuer, wie unermeßlich groß die Gefahr eines solchen Übels ist, das zeigt besonders anschaulich die Niederlage der ersten Räterepublik in Ungarn (der ersten, die unterlegen ist, wird eine zweite, siegreiche folgen). Eine Reihe von Artikeln in der „Roten Fahne" („Die Rote Fahne", Wien), dem Zentralorgan der Kommunistischen Partei Österreichs, hat eine der Hauptursachen dieser Niederlage aufgedeckt: den Verrat der „Sozialisten", die sich in Worten auf die Seite Bela Kuns stellten und sich als Kommunisten ausgaben, in Wirklichkeit aber keine der Diktatur des Proletariats entsprechende Politik trieben, sondern schwankten, kleinmütig wurden, mit der Bourgeoisie anbändelten und die proletarische Revolution teilweise direkt sabotierten und verrieten. Die allmächtigen imperialistischen Räuber, die die Ungarische Räterepublik umzingelt harten (d. h. die bürgerlichen Regierungen Englands, Frankreichs usw.), verstanden es natürlich, diese Schwankungen innerhalb der Regierung der ungarischen Rätemacht auszunutzen, und erdrosselten sie bestialisch durch die Hand der rumänischen Henker.
Zweifellos war ein Teil der ungarischen Sozialisten aufridotig zu Bela Kun übergegangen und hatte sich aufridbtig zum Kommunismus bekannt.
Doch das Wesen der Sache ändert sich dadurch nicht im geringsten: ein Mensch, der sich „aufrichtig" zum Kommunismus bekannt hat, aber in Wirklichkeit anstatt einer schonungslos harten, unbeugsam entschlossenen, hingebungsvoll kühnen und heldenmütigen Politik (und nur eine solche Politik steht im Einklang mit der Anerkennung der proletarischen Diktatur) eine schwankende und kleinmütige Haltung einnimmt, ein solcher Mensch begeht durch seine Charakterlosigkeit, seine Schwankungen und seine Unentschlossenheit den gleichen Verrat wie ein direkter Verräter.
Persönlich ist der Unterschied zwischen einem Verräter aus Schwäche und einem Verräter aus Absicht und Berechnung sehr beträchtlich; in politischer Hinsicht gibt es einen solchen Unterschied nicht, denn von der Politik hängt faktisch das Schicksal von Millionen Menschen ab, und dieses
Schicksal ändert sich nicht, ob nun Millionen Arbeiter und armer Bauern von Verrätern aus Schwäche oder von Verrätern aus Eigennutz verraten werden.
Wieviele der Longuetisten, die die von uns untersuchten Resolutionen unterschrieben haben, Leute der ersten oder der zweiten der genannten Kategorien oder irgendeiner dritten Kategorie sind, kann man jetzt noch nicht wissen, und es wäre müßig, diese Frage entscheiden zu wollen.
Wichtig ist, daß diese Longuetisten als politische Richtung jetzt eben die Politik der ungarischen „Sozialisten" und „Sozialdemokraten" betreiben, die die Rätemacht in Ungarn zugrunde gerichtet haben. Die Longuetisten treiben genau dieselbe Politik, denn in Worten geben sie sich als Anhänger
der Diktatur des Proletariats und der Sowjetmacht aus, in Wirklichkeit aber verhalten sie sich weiter wie bisher. Sie fahren fort, die bisherige Politik kleiner Zugeständnisse an den Sozialchauvinismus, den Opportunismus, die bürgerliche Demokratie, die Politik des Schwankens, der Unentschlossenheit und Nachgiebigkeit, des Ausweichens und Verschweigens und dergleichen mehr sowohl in ihren Resolutionen zu verteidigen als auch in der Praxis durchzuführen. Diese kleinen Zugeständnisse
und Schwankungen, diese Unentschlossenheit und Nachgiebigkeit, dieses Ausweichen und Verschweigen ergeben in ihrer Gesamtheit unvermeidlich den Verrat an der Diktatur des Proletariats.
Diktatur ist ein großes, hartes, blutiges Wort, ein Wort, das den erbarmungslosen Kampf zweier Klassen, zweier Welten, zweier weltgeschichtlicher Epochen, einen Kampf auf Leben und Tod ausdrückt.
Mit solchen Worten darf man nicht leichtsinnig umgehen.

Die Diktatur des Proletariats anerkennen heißt: die tagtägliche Arbeit der Partei von Grund aus umgestalten, nach unten gehen, zu jenen Millionen Arbeitern, Landarbeitern und Kleinbauern, für die es ohne Sowjets, ohne den Sturz der Bourgeoisie eine Rettung aus dem Elend des Kapitalismus und der Kriege nicht gibt. Das den Massen, den Millionen und aber Millionen Menschen konkret, einfach, verständlich erläutern, ihnen sagen, daß ihre Sowjets die ganze Macht ergreifen müssen, daß ihre Vorhut, die Partei des revolutionären Proletariats, den Kampf leiten muß - das ist Diktatur des Proletariats.

(Lenin, Band 30, Seite 345 - 346 und 350)

Daß eine zentrale Staatsgewalt, daß Diktatur und Einheit des Willens notwendig sind, damit sich die Avantgarde des Proletariats, die Macht fest in den Händen haltend, zusammenschließen, den Staat auf eine neue Grundlage stellen und ihn weiterentwickeln kann - dagegen aufzutreten und Abhandlungen über dieses Thema zu schreiben ist nach den gesammelten Erfahrungen, nach allem, was in Rußland, Finnland und Ungarn geschehen ist, nach der einjährigen Erfahrung in den demokratischen Republiken, in Deutschland, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Demokratie hat sich selbst endgültig entlarvt. Das ist der Grund, weshalb sich in allen Ländern in den verschiedensten Formen die Anzeichen dafür mehren, daß die kommunistische Bewegung für die Rätemacht, für die Diktatur des Proletariats unaufhaltsam wächst.

(Lenin, Band 30, Seite 414)

Europa geht nicht auf die gleiche Weise zur Revolution wie wir, aber im wesentlichen geschieht in Europa dasselbe wie bei uns. Jedes Land muß auf seine Weise den Kampf im Innern führen, den Kampf gegen den eigenen Opportunismus, gegen die eigenen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die unter anderen Namen in größerem oder geringerem Maße in allen Ländern existieren. Und dieser Kampf hat bereits begonnen.
Und eben, weil sie diese Erfahrungen selbständig machen, kann man dafür einstehen, daß der Sieg der kommunistischen Revolution in allen Ländern unausbleiblich ist.

(Lenin, Band 30, Seite 415)

Wenn wir in unserem Land die Diktatur des Proletariats vollständig verwirklicht, seine Kräfte durch seine Avantgarde, die führende Partei des Proletariats, aufs engste zusammengefaßt haben, dann können wir die Weltrevolution erwarten. Und das ist in der Tat der Ausdruck des Willens, der proletarischen Kampfentschlossenheit, der proletarischen Entschlossenheit zu einem Bündnis von Millionen und aber Millionen Arbeitern in allen Ländern. Die Herren Bourgeois und die Quasisozialisten der II. Internationale haben das für eine Agitationsphrase erklärt. Nein, das ist die historische
Wirklichkeit, die durch die blutigen und schweren Erfahrungen des Bürgerkriegs in Rußland bestätigt worden ist; denn dieser Bürgerkrieg war ein Krieg gegen das Weltkapital, und dieses Kapital zerfiel von selbst im Kampf untereinander, verschlang sich selbst, während wir gestählter und stärker aus diesem Kampf hervorgingen, und das in einem Land, dessen Proletariat an Hunger -und Flecktyphus dahinstarb.

Auf den beispiellosen weißen Terror in Finnland folgte gerade im Berichtsjahr die Niederlage der ungarischen Revolution, die von den Vertretern der Entente auf Grund eines Geheimvertrags mit
Rumänien erdrosselt wurde, nachdem sie ihre eigenen Parlamente betrogen hatten.
Es war der gemeinste Verrat, eine Verschwörung der internationalen Entente, um durch den weißen Terror die ungarische Revolution zu erdrosseln, ganz abgesehen davon, wie sie sich mit den deutschen Paktierern auf jede Weise verständigten, um die deutsche Revolution zu erwürgen,
wie diese Leute, die Liebknecht für einen ehrlichen Deutschen erklärt hatten, zusammen mit den deutschen Imperialisten wie tolle Hunde über diesen ehrlichen Deutschen herfielen. Sie überboten dabei alles, was man sich vorstellen kann. Und jede derartige Unterdrückung von ihrer Seite trug nur dazu bei, uns zu kräftigen und zu stärken, während sie ihnen das Fundament untergrub.

Durch unsere Revolution wurde mehr als durch irgendeine andere das Gesetz bestätigt, daß die Stärke einer Revolution, die Wucht ihres Ansturms, die Energie, die Entschlossenheit und der
Triumph ihres Sieges gleichzeitig die Kraft des Widerstands der Bourgeoisie verstärken. Je mehr wir siegen, desto mehr lernen die kapitalistischen Ausbeuter, sich zusammenzuschließen, und zu desto entschiedeneren Angriffen gehen sie über.

Der Bolschewismus ist zu einer internationalen Erscheinung geworden, die Arbeiterrevolution hat das Haupt erhoben. Das Sowjetsystem, das wir im Oktober entsprechend dem Vermächtnis von 1905 auf Grund unserer eigenen Erfahrung schufen - dieses Sowjetsystem erwies sich als eine weltgeschichtliche Erscheinung.

 

(Lenin, Band 30, Seite 440 - 441 - 442)

 

 

TELEGRAMM AN BELA KUN


Budapest, an Bela Kun


Erst heute, am 13. V., erhielt ich Ihren Brief vom 22. IV.

Ich bin überzeugt, daß die Proletarier Ungarns trotz der ungeheuren Schwierigkeiten die Macht behaupten und festigen werden. Gruß der erstarkenden Roten Armee der ungarischen Arbeiter und Bauern. Der brutale Frieden der Entente stärkt überall die Sympathie für die Sowjetmacht. Ukrainische Truppen haben gestern die Rumänen besiegt und den Dnestr überschritten.
Ich sende Ihnen und allen ungarischen Genossen die besten Grüße.

Lenin
geschrieben am iß. Tdai 1919.
Zuerst veröffentlicht am 16. Mai 1919
in ungarischer Sprache in der Zeitung „Vörös Iljsäg" - Nr. 83.

 

 

AN BELA KUN


Chiffriert
Gen. Tschitscherin! Bitte übersetzen und an Bela Kun schicken.

18. VI. Lenin


Bela Kun, Budapest


Wir haben im Zentralkomitee der Partei in einem speziellen Tagesordnungspunkt Ihre Frage betreffs Entsendung des von Ihnen vorgeschlagenen Genossen beraten. Wir halten es nicht für möglich, ihn zu entsenden, und haben einen anderen geschickt, der bereits abgereist ist; er verspätet sich nur aus technischen Gründen und muß bald bei Ihnen eintreffen.
Von mir aus möchte ich noch hinzufügen, daß es natürlich richtig von Ihnen ist, mit der Entente in Verhandlungen einzutreten. Man muß Verhandlungen beginnen und führen, man muß unbedingt jede Möglichkeit wenigstens für einen vorläufigen Waffenstillstand oder Frieden ausnutzen, um dem Volk eine Atempause zu verschaffen. Trauen Sie aber der Entente nicht einen Augenblick, sie nasführt Sie und will nur Zeit gewinnen, um Sie und uns leichter erdrosseln zu können.
Versuchen Sie, durch Flugzeuge eine Postverbindung mit uns herzustellen.

Herzliche Grüße.


Lenin


geschrieben am 18. Juni 1919.
Veröffentlicht 1954 in ungarischer Sprache in dem Buch

Lenin über Ungarn", Budapest.

 

 

An Bela Kun

31 Juli 1919

Lieber Genosse Béla Kun !

Ich bitte Sie, sich nicht so sehr aufzuregen und nicht zu verzweifeln. Ihre Anschuldigungen bzw. Verdächtigungen gegenüber Tschitscherin und Rakowski entbehren absolut jeder Grundlage. Wir alle arbeiten im vollsten Einvernehmen. Wir wissen, in welch schwerer und gefahrvoller Lage sich Ungarn befindet, und wir tun alles, was in unserer macht steht. Aber rasche Hilfe ist zuweilen physisch unmöglich. Versuchen Sie, sich so lange wie möglich zu halten. Jede Woche ist kostbar. Versorgen Sie Budapest mit Vorräten, befestigen Sie die Stadt. Ich hoffe, Sie werden die Maßnahmen treffen, die ich den Bayern empfohlen habe (siege Grußschreiben an die Bayrische Räterepublik - Werke Band 29, Seite 314/315).

Beste Grüße und einen festen Händedruck. Halten Sie sich mit aller Kraft, der Sieg wird unser sein.

Ihr Lenin

 

 

 

 

KEIN EINZIGER KOMMUNIST DARF DIE LEHREN DER UNGARISCHEN RÄTEREPUBLIK VERGESSEN.

DIE VERSCHMELZUNG DER UNGARISCHEN KOMMUNISTEN MIT DEN SO GENANNTEN "LINKEN" SOZIALDEMOKRATEN IST DEM UNGARISCHEN PROLETARIAT TEUER ZU STEHEN GEKOMMEN.

aus: Leitsätze über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale, angenommen auf dem II. Kongress der Kommunistischen Internationale, am 6. August 1920