Lenin über Maxim Gorki

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenin über Maxim Gorki

aus Anlass des 80. Todestags von Maxim Gorki

am 18. Juni 1936

(Sammlung von Texten und Zitaten - zusammengestellt von Wolfgang Eggers)

 

 

Lenin zu Gorki:

"Mit Ihrem Talent haben Sie der Arbeiterbewegung Russlands - und nicht nur allein Russlands - so gewaltigen Nutzen gebracht. Sie werden ihr noch soviel Nutzen bringen..." (Paris 1909)

 

 

 

 

 

Lenin, Band 5 Seite 329, 330 ( 20. Dezember 1901)

Und schon sehen wir, daß es immer wieder aus den verschiedensten Anlässen zu Demonstrationen kommt, sowohl in Nishni-Nowgorod als auch in Moskau und in Charkow. Die Erregung wächst überall, und immer dringender wird die Notwendigkeit, sie zu einem einzigen Strom gegen die Selbstberrsdbajt zusammenzufassen, die überall Willkür, Unterdrückung und Gewalt sät. Die kleine, aber erfolgreich verlaufene Demonstration am 7. November in Nishni-Nowgorod galt dem Abschied von Maxim Gorki. Ein Schriftsteller von europäischem Ruf, dessen einzige Waffe — wie der Redner der Nishni-Nowgoroder Demonstration richtig bemerkte — im freien Wort bestand, wird von der autokratischen Regierung ohne Untersuchung und Gerichtsverfahren aus seiner Vaterstadt ausgewiesen. „Die Zarenschergen beschuldigen ihn, einen schlechten Einfluß auf uns ausgeübt zu haben", sagte der Redner im Namen aller Russen, in denen auch nur ein Funken von Streben nach Licht und Freiheit lebendig ist, „wir aber erklären, daß es ein guter Einfluß war: Die Zarenknechte verüben ihre Untaten im geheimen, wir aber werden ihre Untaten aufdecken und publik machen. Bei uns prügelt man Arbeiter, die ihr Recht auf ein besseres Leben verteidigen, bei uns prügelt man Studenten, die gegen die Willkür protestieren, bei uns unterdrückt man jedes ehrliche und mutige Wort!" — Die Demonstration, an der sich auch Arbeiter beteiligten, schloß mit der feierlichen Deklamation eines Studenten:

„Die Willkür fällt, es erhebt sich das Volk, das machtvolle, freie und starke!"

In Moskau wurde Gorki von Hunderten Studenten auf dem Bahnhof erwartet, und die erschreckte Polizei verhaftete ihn unterwegs im Eisenbahnwagen, verbot ihm (trotz der vorher speziell erteilten Erlaubnis) die Einreise nach Moskau und zwang ihn, sich direkt von der Nishni-Nowgoroder Bahn zur Kursker zu begeben. Die Demonstration gegen die Ausweisung Gorkis kam nicht zustande, aber aus Anlaß des Verbots einer Gedächtnisfeier für N. A. Dobroljubow, dessen Todestag sich am 17. November zum vierzigsten Male jährte, fand am 18. ohne jede Vorbereitung eine kleine Demonstration von Studenten und „außenstehenden Personen" (wie sich unsere Minister auszudrücken pflegen) vor dem Hause des Generalgouverneurs statt. Der Vertreter der absolutistischen Staatsgewalt in Moskau wurde von Leuten ausgepfiffen, denen, wie allen gebildeten und denkenden Menschen in Rußland, der Schriftsteller teuer ist, der die Willkür leidenschaftlich haßte und den Volksaufstand gegen die „inneren Türken" — gegen die autokratische Regierung — leidenschaftlich herbeisehnte.

Das Exekutivkomitee der Moskauer Studentenorganisationen wies in seinem Bulletin vom 23. November mit Recht darauf hin, daß diese unvorbereitete Demonstration ein deutliches Anzeichen der Unzufriedenheit und des Protestes ist.

 

 

Lenin, Band 8; Seite 30

AN A. A. BOGDANOW

10. Januar 1905

Lieber Freund! Endlich haben wir mit der Herausgabe des „Wperjod" begonnen, und ich möchte mich mit Ihnen etwas ausführlicher über ihn unterhalten. Übermorgen erscheint Nr. 2. Wir wollen ihn wöchentlich herausbringen. Die publizistischen Kräfte reichen aus. Die Stimmung ist ausgezeichnet und die Schaffenskraft bei allen groß (ausgenommen vielleicht Wassili Wassiljewitschis, der ein bißchen Trübsal bläst). Wir sind überzeugt, daß die Sache klappen wird, wenn wir nur nicht bankrott gehen. Pro Nummer sind 400 frs (150 Rubel) notwendig, aber wir haben nur 1200 frs. In den ersten Monaten brauchen wir verteufelt viel Hilfe, denn wenn die Herausgabe nicht regelmäßig erfolgt, dann wird das für die ganze Position der Mehrheit ein schwerer, kaum wiedergutzumachender Schlag sein. Vergessen Sie das nicht und treiben Sie (besonders bei Gorki) wenigstens etwas auf.

 

 

Lenin Band 8 - Wperjod Nr. 5; "Wie Trepow haust", 7. Februar 1905

Gegen die verhafteten Mitglieder der Deputation, Hessen, Arsenjew,
Karejew, Peschechonow, Mjakotin, Semewski, Kedrin, Schnitnikow,
Iwantschin-Pissarew und Gorki (der in Riga festgenommen und nach
Petersburg gebracht wurde), wurde die ganz absurde Beschuldigung erhoben,
sie hätten beabsichtigt, am Tage nach der Revolution eine „provisorische
Regierung Rußlands" zu bilden. Selbstverständlich fällt diese Beschuldigung
in sich zusammen. Viele der Verhafteten (Arsenjew, Kedrin,
Schnitnikow) sind bereits freigelassen. Im Ausland begann unter der gebildeten
bürgerlichen Gesellschaft eine energische Kampagne zugunsten
Gorkis, und ein Gesuch an den Zaren um die Freilassung Gorkis wurde
von vielen hervorragenden deutschen Wissenschaftlern und Schriftstellern
unterschrieben. Jetzt haben sich ihnen Wissenschaftler und Schriftsteller
aus Österreich, Frankreich und Italien angeschlossen.

 

 

 

 

 

Lenins Brief an Gorki

25. Februar 1908

 

 

Lenin, Band 16, Seite 61 ff

GESPRÄCH MIT DEN PETERSBURGER BOLSCHEWIKI

Proletari, 3. Oktober 1909

Euer „Feldzug", Genossen, ist die Tortsetzung unseres Feldzugs, nicht aber dessen Widerlegung.

Doch wir haben niemanden für abgespalten erklärt, sagt ihr. Ausgezeichnet. Um unsere, die üble Methode zu „widerlegen", versucht einmal, im Ausland das zu tun, was ihr in Petersburg getan habt. Versucht zu erreichen, daß Maximow und seine Anhänger (und sei es am Ort der traurig berühmten Jeroginschen „Schule") die Flugschrift Maximows („Bericht an die Genossen Bolschewiki") ihrem ideologischen Inhalt nach „in jeder Hinsicht für unsinnig" erklären, versucht zu erreichen, daß Maximow und seine Kumpanei sich dieser Flugschrift „schämen", daß die ominöse „Schule" eine Flugschrift mit direkt entgegengesetztem ideologischen Inhalt herausbringt.* Wenn ihr das erreicht, dann widerlegt ihr tatsächlich unsere Methoden des Kampfes, und wir erkennen gern „eure" Methoden als die besseren an.

In Petersburg gibt es eine aktuelle, dringliche Aufgabe für die gesamte Partei: die Wahlen. Dort hat das sozialdemokratische Proletariat die Ultimatisten unverzüglich zur Ordnung gerufen, und so zur Ordnung gerufen, daß diese sofort gehorchten: die Parteiergebenheit überwog, die Nähe der proletarischen Masse übte einen guten Einfluß aus; sofort wurde allen klar, daß mit der ultimatistischen Resolution die Aufgaben nicht erfüllt werden können. Unverzüglich wurde den Ultimatisten ein Ultimatum gestellt,

und die Petersburger Ultimatisten haben (zu ihrer Ehre muß man das sagen) auf das Ultimatum der Bolschewiki mit der Unterordnung unter die Partei, mit der Unterordnung unter die Bolschewiki und nicht mit dem Kampf gegen die Bolschewiki geantwortet (zumindest während der Wahlen,- ob sie den Kampf auch nach den Wahlen einstellen, das wissen wir noch nicht).

Maximow und Co. sind Ultimatisten nicht nur einer Laune nach. Sie versuchen, aus dem Ultimatismus eine ganze Linie zu konstruieren. Sie errichten ein ganzes System einer ultimatistischen Politik (wir sprechen schon nicht von ihrer Freundschaft mit den Gottbildnern, woran die Petersburger Ultimatisten wahrscheinlich unschuldig sind), sie schaffen auf dieser Grundlage eine neue Richtung, sie haben den systematischen Krieg gegen den Bolschewismus begonnen. Freilich werden audi diese Inspiratoren der Otsowisten eine Niederlage erleiden (und erleiden sie schon); um aber unsere Fraktion und Partei von der otsowistisch-ultimatistischen Krankheit schneller zu befreien, waren hier entschiedenere Maßnahmen nötig, und je entschlossener wir unseren Kampf gegen die offenen und versteckten Otsowisten führen, desto schneller befreien wir die Partei von dieser Krankheit.

_____

* Hier, nebenbei, eine Illustration für die Verwischung der Spuren durch Maximow und die ominöse „Schule". Die Schule brachte eine vom 26. August 1909 datierte Flugschrift heraus mit dem Programm der Schule, mit einem Brief Kautskys (der sehr milde den Ratschlag gibt, die philosophischen Meinungsverschiedenheiten „nicht in den Vordergrund zu rücken", und erklärt, daß er „die scharfe Kritik an der sozialdemokratischen Dumafraktion für nicht gerechtfertigt hält" - vom „Ultimatismus" schon gar nicht zu sprechen!), mit einem Brief Lenins (siehe Werke, Bd. 15, S. 471/472. Die Red.) und mit einer Resolution des Rates der Schule. Dieser komische Rat erklärt, daß „sie (die Schule) den gemeinsamen Zielen und Aufgaben der Gesamtpartei dient und absolut nichts zu tun hat mit den fraktionellen Streitigkeiten". Lesen wir die Unterschriften dieser Flugschrift. Lektoren: Maximow, Gorki, Ljadow, Lunatscharski, Michail, Alexinski. überlegt nur: die Schule mit einem solchen Lehrkörper „hat absolut nichts zu tun" mit den „fraktionellen Streitigkeiten"! Hört, liebe Genossen: . . . flunkert, aber haltet Maß! - Man wird uns sagen: die Schule hat auch andere Lektoren „eingeladen". Erstens hat sie eingeladen, da sie genau wußte, daß die anderen fast niemals hinkommen können. Zweitens hat die Schule eingeladen, aber... „Doch die Schule konnte ihnen (den anderen Lektoren) keine Mittel für ihre Reise und für ihren Unterhalt während des Lektionszyklus gewähren." (Flugschrift vom 26. August 1909.) Ist das nicht köstlich? Wir sind absolut keine Fraktionsmacher, aber Mittel für die Reise „gewähren können wir" niemand außer den „Unsrigen". . .

 

 

 

MÄRCHEN DER BÜRGERLICHEN PRESSE

ÜBER EINEN AUSSCHLUSS GORKIS

Lenin , Band 16, Seite 98. Proletari" Nr. 50
28.November (11. Dezember) 1909.

Schon seit mehreren Tagen weiden sich die bürgerlichen Zeitungen Frankreichs („L'Edair" [Der Blitz], „Le Radical"), Deutschlands („Berliner Tageblatt") und Rußlands („Utro Rossii" [Der Morgen Rußlands], „Retsch", „Russkoje Slowo" [Das russische Wort], „Nowoje Wremja") an einer höchst sensationellen Neuigkeit:

Ausschluß Gorkis aus der sozialdemokratischen Partei.

Im „Vorwärts" wurde dieser Unsinn bereits dementiert.

Die Redaktion des „Proletari" hat ebenfalls mehreren Zeitungen ein Dementi geschickt, die bürgerliche Presse iber ignoriert das und setzt die Klatschereien fort.

Die Quelle dieser Klatschereien ist klar: irgend so ein Schreiberling, der mit halbem Ohr von Meinungsverschiedenheiten über Otsowismus und Gottbildnertum gehört hatte (eine Frage, die schon bald ein Jahr offen in der Partei überhaupt und im „Proletari" insbesondere diskutiert wird), hat Bruchstücke von Meldungen unverschämt verdreht und an erfundenen „Interviews" und ähnlichem „fein verdient".

Das Ziel dieser Verleumdungskampagne ist nicht minder klar. Die bürgerlichen Parteien möchten gern, daß Gorki aus der sozialdemokratischen Partei austritt. Die bürgerlichen Zeitungen geben sich die größte Mühe, die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der sozialdemokratischen Partei zu schüren und sie verzerrt darzustellen.

Die bürgerlichen Zeitungen bemühen sich vergebens. Genosse Gorki hat sich durch seine großen Kunstwerke zu fest mit der Arbeiterbewegung Rußlands und der ganzen Welt verbunden, um ihnen anders als durch Verachtung zu antworten.

 

 

Notizen eines Publizisten

Lenin, Band 16, Seite 205-206

Wir haben die erste Abweichung der neuen Plattform von der Taktik, die in der Resolution der Dezemberkonferenz von 1908 niedergelegt ist, untersucht. Wir haben gesehen, daß das eine Abweichung in der Richtung der otsowistischen Ideen, in der Richtung von Ideen ist, die weder mit einer marxistischen Analyse der gegenwärtigen Lage noch mit den grundlegenden Voraussetzungen der Taktik der revolutionären Sozialdemokraten überhaupt das geringste gemein haben. Wir müssen uns nunmehr an die Untersuchung des zweiten originellen Zuges der neuen Plattform machen.

Dieser besteht in der von der neuen Gruppe verkündeten Aufgabe der „Schaffung einer neuen proletarischen" Kultur und ihrer „Verbreitung unter den Massen": „in der Entwicklung der proletarischen Wissenschaft, in der Festigung der wahrhaft kameradschaftlichen Beziehungen unter den Proletariern, in der Ausarbeitung einer proletarischen Philosophie, in der Einstellung der Kunst auf die proletarischen Bestrebungen und Erfahrungen"" (S. 17).

Hier haben wir ein Musterbeispiel jener naiven Diplomatie, der man sich in der neuen Plattform bedient, um das Wesen der Sache zu bemänteln!

Nun, ist das etwa nicht naiv, wenn man zwischen „Wissenschaft" und „Philosophie" die „Festigung der wahrhaft kameradschaftlichen Beziehungen" einschaltet? In die Plattform werden von der neuen Gruppe die ihr vermeintlich zugefügten 'Kränkungen, ihre gegen die anderen Gruppen (und zwar gegen die orthodoxen Bolschewiki in erster Linie) gerichteten Beschuldigungen aufgenommen, sie hätten die „wahrhaft kameradschaftlichen Beziehungen" verletzt. Gerade das ist der reale Inhalt dieses belustigenden Punktes.

Die „proletarische Wissenschaft" steht hier ebenfalls „traurig und nicht am Platze" da. Erstens kennen wir jetzt nur eine proletarische Wissenschaft - den Marxismus. Die Verfasser der Plattform vermeiden aus irgendwelchen Gründen systematisch diese einzig genaue Bezeichnung und setzen überall die Worte „wissenschaftlicher Sozialismus" (S. 13, 15, 16, 20, 21). Bekanntlich erheben auf diese Bezeichnung bei uns in Rußland auch die direkten Gegner des Marxismus Anspruch. Zweitens muß, wenn man in die Plattform die Aufgabe der Entwicklung der „proletarischen Wissenschaft" mit aufnimmt, klar gesagt werden, welchen ideologischen, theoretischen Kampf unserer Zeit man hier eigentlich im Auge hat und auf wessen Seite sich die Verfasser der Plattform eigentlich stellen. Sich darüber auszuschweigen ist eine naive Schlauheit, denn das Wesen der Sache ist jedem klar, der die Literatur der Sozialdemokratie aus den Jahren 1908 und 1909 kennt. In unserer Zeit hat sich auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Philosophie und der Kunst der Kampf der Marxisten gegen die Machisten entfaltet. Es ist zumindest lächerlich, dieser allgemein bekannten Tatsache gegenüber die Augen zu verschließen. „Plattformen" sollen nicht geschrieben werden, um Meinungsverschiedenheiten zu vertuschen, sondern um sie auszutragen.

In ganz ungeschickter Weise verraten sich nun unsere Verfasser durch die zitierte Stelle der Plattform. Es ist allen bekannt, daß man in Wirklichkeit unter „proletarischer Philosophie" eben den "Madhismus im Auge hat, und jeder verständige Sozialdemokrat wird das ,;neue" Pseudonym sofort erraten. Es hatte also keinen Zwedc, dieses Pseudonym auszuhecken. Es nützt nichts, sidi hinter ihm zu verstecken. In der Tat ist der einflußreichste Kern von Publizisten der neuen Gruppe ein machistischer, der die nicht-machistische Philosophie als eine nicht-„proletarische" betrachtet.

Man hätte denn auch, wenn man davon in der Plattform reden wollte, sagen sollen: die neue Gnippe vereinigt Leute, die gegen die nicht-„proletarischen", d. h. nicht-machistischen Theorien in Philosophie und Kunst den Kampf führen werden. Das wäre ein direktes, wahrheitsgemäßes, offenes Vorgehen einer allen bekannten ideologischen Strömung, eine Aufnahme des Kampfes gegen die anderen Strömungen. Wenn man dem ideologischen Kampf wichtige Bedeutung für die Partei beimißt, so geht man eben mit einer direkten Kriegserklärung vor und versteckt sich nicht.

Wir wollen alle zu einer bestimmten, klaren Antwort auf die versteckte Ansage des philosophischen Kampfes gegen den Marxismus aufrufen, die in der Plattform enthalten ist. Bemänteln doch alle Phrasen über „proletarische Kultur" in der 7at gerade den Kampf gegen den Marxismus. Die „Originalität" der neuen Gruppe besteht darin, daß sie die Philosophie in die Parteiplattform hineingetragen hat, ohne direkt zu sagen, welche Strömung in der Philosophie sie eigentlich verficht. Übrigens wäre es nicht angängig zu sagen, der reale Inhalt, den die zitierten Worte der Plattform haben, sei gänzlich negativ. Hinter ihnen verbirgt sich auch ein gewisser positiver Inhalt. Der positive Inhalt läßt sich init einem Wort ausdrücken: Maxim Gorki.

In der Tat, es hat keinen Zweck, die Tatsache zu verheimlichen, die die bürgerliche Presse bereits ausposaunt (und dabei verdreht und verzerrt) hat, daß nämlich Maxim Gorki zu den Anhängern der neuen Gruppe gehört. Gorki aber ist unbedingt der bedeutendste Vertreter der proletarischen Kunst, der vieles für sie getan hat und noch mehr für sie tun kann.

Jede Fraktion der sozialdemokratischen Partei kann mit Recht auf die Zugehörigkeit Gorkis zu ihr stolz sein, auf Grund dessen aber in die Plattform die „proletarische Kunst" mit aufzunehmen bedeutet, dieser Plattform ein Armutszeugnis auszustellen, bedeutet, die Gruppe auf einen literarischen Zirkel zu reduzieren, der sich selbst gerade des „Autoritätsdusels" überführt... Die Verfasser der Plattform sprechen sehr viel gegen die Anerkennung von Autoritäten, aber sie erläutern nicht direkt, was damit gemeint ist. Die Dinge liegen so, daß ihnen die Verfechtung des Materialismus in der Philosophie und die Bekämpfung des Otsowismus durch die Bolschewiki als ein Unternehmen einzelner „Autoritäten" (ein Wink mit dem Zaunpfahl!) erscheint, denen die Feinde des Machismus sozusagen „blind vertrauen". Derartige Ausfälle sind natürlich höchst kindisch. Mit Autoritäten gehen aber gerade die „Wperjod" -Leute nicht gut um. Gorki ist eine Autorität auf dem Gebiet der proletarischen Kunst, das steht fest. Zu versuchen, diese Autorität zur Festigung des Machismus und Otsowismus „auszunutzen" (natürlich im ideologischen Sinne), heißt ein Musterbeispiel dafür zu liefern, wie man mit Autoritäten nicht umgehen darf.

Auf dem Gebiet der proletarischen Kunst ist Maxim Gorki ein ungeheures Plus, trotz seiner Sympathie für den Machismus und den Otsowismus.

Auf dem Gebiet der Entwicklung der sozialdemokratischen proletarischen Bewegung ist die Plattform, die in der Partei eine Gruppe von Otsowisten und Machisten absondert und als spezielle Aufgabe dieser Gruppe die Entwicklung einer angeblich „proletarischen" Kunst stellt, ein Minus, denn diese Plattform legt es darauf an, im Wirken einer großen Autorität gerade das festzuhalten und auszunutzen, was ihre schwache Seite darstellt, was als negative Größe in die Summe des von ihr dem Proletariat gebrachten ungeheuren Nutzens eingeht.

 

 

 

 

BRIEFE AUS DER FERNE

B R I E F 4

WIE ERRINGEN WIR DEN FRIEDEN?

Lenin, Band 23, Seite 348 - 349;

12. (25.) März 1917


Soeben (am 12. [25.] März) lese ich in der „Neuen Zürcher Zeitung" (Nr. 517 vom 24. März) folgende telegrafische Meldung aus Berlin:

„Über Schweden wird gemeldet: Maxim Gorki sandte sowohl an die Regierung als auch an den Exekutivausschuß einen begeistert geschriebenen Begrüßungstext. Er feiert den Sieg des Volkes über die Machthaber der Reaktion und fordert alle Söhne Rußlands auf, zum Aufbau des neuen russischen Staatsgebäudes beizutragen. Gleichzeitig fordert er die Regierung auf, ihr Befreiungswerk durch den Abschluß eines Friedensschlusses zu krönen. Es solle kein Frieden um jeden Preis sein; dazu habe Rußland jetzt weniger Ursache denn je. Es solle ein Frieden sein, der es Rußland ermögliche, ehrenvoll vor den übrigen Völkern der Erde zu bestehen. Die Menschheit habe genug geblutet, die neue Regierung würde sich nicht nur um Rußland, sondern um die ganze Menschheit das größte Verdienst erwerben, wenn es ihr gelingen sollte, einen raschen Friedensschluß herbeizuführen."

So wird M. Gorkis Brief wiedergegeben.

Ein bitteres Gefühl überkommt einen beim Lesen dieses von landläufigen Spießervorurteilen strotzenden Briefes. Bei Zusammenkünften, die der Schreiber dieser Zeilen mit Gorki auf der Insel Capri hatte, wies er ihn auf seine politischen Fehler hin und machte ihm Vorwürfe. Gorki parierte diese Vorwürfe mit seinem unnachahmlich liebenswürdigen Lächeln und der offenherzigen Erklärung: „Ich weiß, daß ich ein schlechter Marxist bin. Und dann sind wir Künstler ja alle ein wenig unzurechnungsfähig."

Dagegen läßt sich schwer argumentieren.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß Gorki ein Künstler mit überragen" dem Talent ist, der der internationalen proletarischen Bewegung viel Nutzen gebracht hat und weiter bringen wird.

Aber warum muß sich auch Gorki mit Politik befassen?

Meiner Ansicht nach bringt der Brief Gorkis sehr weit verbreitete Vorurteile nicht nur des Kleinbürgertums, sondern auch des unter seinem Einfluß stehenden Teils der Arbeiterklasse zum Ausdruck. Alle Kräfte unserer Partei, alle Anstrengungen der klassenbewußten Arbeiter müssen darauf gerichtet sein, diese Vorurteile hartnäckig, beharrlich und allseitig zu bekämpfen.

Die zaristische Regierung hat den gegenwärtigen Krieg als einen imperialistischen, als einen Raub- und Plünderungskrieg begonnen und geführt, mit der Absicht, die schwachen Völker auszuplündern und zu würgen.

Die Regierung der Gutschkow und Miljukow ist eine Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten, sie ist gezwungen und auch willens, eben diesen Krieg fortzusetzen. Diese Regierung zum Abschluß eines demokratischen Friedens aufzufordern ist dasselbe, als wenn man Bordellwirten Tugend predigen wollte.

Erläutern wir unseren Gedankengang.

Was ist Imperialismus?

In meiner Broschüre „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus",die dem Verlag „Parus" noch vor der Revolution eingesandt, von ihm angenommen und in der Zeitschrift „Letopis"

[„Letopis" (Annalen) — Monatsschrift für Literaturwissenschaft und Politik, die von Maxim Gorki in Petrograd gegründet wurde,- erschien von Dezember 1915 bis August 1917.]

angekündigt worden war, habe ich diese Frage folgendermaßen beantwortet:

„Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist" (Kap. VII der genannten Broschüre, die, als noch die Zensur bestand, in der „Letopis" unter dem Titel: IV. Iljin, „Der neueste Kapitalismus" angekündigt wurde).

Die Friedensreden, mit denen man sich an die bürgerlichen Regierungen wendet, sind in Wirklichkeit Volksbetrug.

Um den Frieden (und erst recht einen wirklich demokratischen, wirklich ehrenwollen Frieden) zu erringen, muß die Macht im Staat nicht den Gutsbesitzern und Kapitalisten, sondern den Arbeitern und den armen "Bauern gehören.

Für soldie Friedensbedingungen würde der Sowjet der Arbeiterdeputierten meiner Meinung nach bereit sein, gegen jede beliebige bürgerliche Regierung und gegen alle bürgerlichen Regierungen der Weltkrieg zu führen, weil das ein wirklich gerechter Krieg wäre, weil alle Arbeiter und die Werktätigen aller Länder zum erfolgreichen Ausgang dieses Kriegs beitragen würden.

Urteilt selbst, wird der Krieg weitergehen können, wird sich die Herrschaft der Kapitalisten in der Welt behaupten können, wenn das russische Volk, dem die lebendigen Traditionen der großen Revolution des „Jahres 1905" geholfen haben und helfen, die volle Freiheit erringt nnd die ganze Staatsmacht den Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten übergibt?

Zürich, den 12. (25.) März 1917.

 

 

Über die Aufgaben der SDAPR in der russischen Revolution

Lenin, Band 23, Seite 371;

16. oder 17.
(29. oder 30.) März 1917.

Lenin griff auch den sozialpazifistischen Aufruf Gorkis an und äußerte sein Bedauern darüber, daß der große Künstler sich mit Politik befaßt und dabei die Vorurteile des Kleinbürgertums wiederholt.

 

 

 

ÜBER DIE SCHAFFUNG VON BEDINGUNGEN, DIE DIE WISSENSCHAFTLICHE ARBEIT DES AKADEMIEMITGLIEDS I. P. PAWLOW UND SEINER MITARBEITER GEWÄHRLEISTEN

Lenin, Band 32, Seite 56;

Moskau, Kreml
24. Januar 1921


Beschluß des Rats der Volkskommissare

In Anbetracht der ganz außerordentlichen wissenschaftlichen Verdienste des Akademiemitglieds I. P. Pawlow, die von ungeheurer Bedeutung für die Werktätigen der ganzen Welt sind, hat der Rat der Volkskommissare beschlossen:

1. Auf Grund der Vorlage des Petrograder Sowjets eine Sonderkommission mit weitgehenden Vollmachten in folgender Zusammensetzung zu bilden: Gen. M. Gorki, Gen. Kristi, Leiter der Petrograder Hochschulen, und Gen. Kaplun, Mitglied des Kollegiums der Abteilung Verwaltung beim Petrograder Sowjet. Die Kommission wird beauftragt, in kürzester Frist maximal günstige Bedingungen zu schaffen, die die wissenschaftliche Arbeit des Akademiemitglieds Pawlow und seiner Mitarbeiter gewährleisten.

 

 

 

BRIEFE AN MAXIM GORKI

 

AN A.M. GORKI
Mittwoch, den 14. VIII. 1907

Band 34, Seite 357


Lieber Alexej Maximytsch!

Meschkowski und ich sind heute hier angekommen und fahren morgen nach Stuttgart. Es wäre sehr, sehr wichtig, daß auch Sie dorthin kämen.

Lenin wurde auf Beschluß des ZK der SDAPR vom 16. (29.) Juli 1907 zum Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart (August 1907) delegiert. A. M. Gorki hat am Stuttgarter Kongreß nicht teilgenommen.

Erstens wurden Sie vom ZK offiziell (mit beratender Stimme) bestätigt. Zweitens wäre es sehr schön, sich zu sehen, denn sonst werden wir vielleicht auf lange Zeit nicht mehr zusammenkommen.
Drittens sind es von Ihnen kaum 24 Stunden Fahrt, und es wird nidbt länger dauern als eine Woche (das ist nicht London!). Es wäre durchaus nicht zu spät, wenn Sie am Sonntag oder auch erst am Montag abreisten.
Mit einem Wort, alles, aber auch alles spricht für Ihr Kommen. Wirklich, kommen Sie, wenn Sie gesund sind. Lassen Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, die internationalen Sozialisten bei der Arbeit zu sehen.
Das ist etwas ganz, ganz anderes, als nur schlechthin mit ihnen bekannt zu sein und ein wenig zu plaudern. Der nächste Kongreß ist erst in drei Jahren. Ja, und mit all unseren Angelegenheiten kommen wir brieflich nie richtig ins reine, wenn wir uns nicht treffen. Mit einem Wort, kommen Sie unbedingt.

Auf Wiedersehen!
Herzlichen Gruß an Maria Fjodorowna.
Geschickt nach der Insel Capri.
Zuerst veröffentlicht 193O.

 

 

 

1908

164

AN A.M. GORKI

9. 1.1 908. Genf

Band 34, Seite 360 - 361


Lieber AI. M.!

Dieser Tage bin ich mit meiner Frau hier angekommen.

Wir haben uns unterwegs beide erkältet. Hier richten wir uns ein, so gut es eben geht, zunächst provisorisch, und deshalb ist alles schlecht, über Ihren Brief habe ich mich sehr gefreut; wirklich, man müßte mal einen Abstecher nach Capri machen! Irgendwie finde ich bestimmt Zeit, Sie zu besuchen. Aber jetzt ist es leider unmöglich. Wir sind mit dem Auftrag hergekommen, die Zeitung auf die Beine zu stellen: den „Proletari" von Finnland hierher zu verlegen. Noch steht es nicht endgültig fest, ob wir uns für Genf oder für eine andere Stadt entscheiden werden.

Auf jeden Fall müssen wir uns beeilen, es macht eine Menge Scherereien, alles neu einzurichten. Man müßte den Besuch bei Ihnen auf den Sommer oder das Frühjahr legen, wenn die Sache schon in Gang ist! Wann ist es bei Ihnen auf Capri besonders schön?

Wie steht es mit der Gesundheit? Wie fühlen Sie sich? Kommen Sie mit der Arbeit gut voran? In Berlin hörte ich auf der Durchreise, daß Sie mit Lunatscharski eine Tournee durch Italien gemacht haben und auch in Rom waren. Gefällt Ihnen Italien? Kommen Sie viel mit Russen zusammen?

Ich glaube, es wäre am besten, Sie dann zu besuchen, wenn Sie keine größere Sache in Arbeit haben, damit wir umherschlendern und miteinander plaudern können.

Haben Sie mein Buch (den ersten Band meiner Artikelsammlung „12 Jahre")257 erhalten? Ich hatte Auftrag gegeben, es Ihnen aus Petersburg zuzusenden.

Herzlichsten Gruß an M. Fjodwna.

Auf Wiedersehen!

Ihr N. Lenin

Meine Adresse: Mr. Wl. Oulianoff

17. Rue des Deux Ponts. 17. (chez Kupfer). Geneve.

Geschickt nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

165

AN A. M.GORKI UND M. F. ANDREJEWA

15. 1. 1908

Band 34, Seite 362 - 363


Lieber A. M. und liebe M. F.!

Ich habe heute Ihren Eilbrief erhalten. Hol's der Teufel, es ist ungeheuer verlockend, zu Ihnen nach Capri zu kommen! Sie haben das so schön ausgemalt, daß ich, bei Gott, unbedingt kommen und mir Mühe geben werde, auch meine Frau zum Mitfahren zu bewegen. Nur weiß ich noch nicht, wann: jetzt muß ich mich unbedingt mit dem „Proletari" befassen, ihn auf die Beine stellen und die Arbeit um jeden Preis in Gang bringen. Das wird minimum ein, zwei Monate in Ansprach nehmen. Aber gemacht werden muß es. Im Frühjahr aber kommen wir, weißen Capreser trinken, Neapel anschauen und mit Ihnen plaudern, übrigens habe ich angefangen, Italienisch zu lernen, und als Lernender bin ich gleich über die von Maria Fjodorowna geschriebene Adresse hergefallen: „expresso" statt „espresso"! Her mit dem Wörterbuch!

Nun, und was den Transport des „Proletari" betrifft, das haben Sie sich selber eingebrockt. Jetzt kommen Sie von uns so leicht nicht wieder los! M. F-na müssen wir gleich eine Menge Aufträge geben:

1. Unbedingt den Sekretär des Verbands der Schiffahrtsangestellten und -arbeiter (es muß einen solchen Verband geben!) auf den Schiffen, die auf den Linien nach Rußland verkehren, ausfindig machen.

2. Durch ihn in Erfahrung bringen, von wo und wohin Schiffe abgehen ,- wie oft. Er soll uns unbedingt wöchentlich eine Transportmöglichkeit verschaffen.

Wieviel wird das kosten? Er soll uns einen akkuraten Mann besorgen (gibt es akkurate Italiener?). Brauchen sie für die Zustellung der Zeitung eine Adresse in Rußland (sagen wir, in Odessa), oder könnten sie eine geringe Anzahl bei irgendeinem italienischen Schankwirt in Odessa zeitweilig aufbewahren? Das ist für uns äußerst widitig.

3. Sollte es M. F-na unmöglich sein, das alles selbst in die Wege zu leiten, zu bewerkstelligen, ausfindig zu machen, zu erklären, zu kontrollieren usw., so soll sie uns unbedingt direkt mit diesem Sekretär in Verbindung bringen: wir werden uns dann brieflich mit ihm verständigen.

In dieser Angelegenheit tut Eile not: wir hoffen, in 2-3 Wochen den „Proletari" hier herauszubringen, und er muß sofort abgeschickt werden.

Nun - bis zum Wiedersehen auf Capri! Und daß Sie mir gesund bleiben, A.M.!

Ihr W. Uljanow

Geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

Auszug – Gorki betreffend


159

W.I. LENIN UND N. K. KRUPSKAJA

AN M. A. ULJANOWA

22. Januar 1908

    Lenin, Band 37, Seite 314


Was Capri betrifft, so fand ich gleich nach der Ankunft einen Brief von Gorki vor, der mich nachdrücklich nach dort einlädt. Nadja und ich wollen das Angebot unbedingt annehmen und nach Italien reisen (auf Capri blühen jetzt die Narzissen, wie die Gorkis schreiben), aber nicht jetzt. Erst müssen alle Angelegenheiten geregelt werden, und dann kann man auf Reisen gehn.

 

 

 

167

AN A.M. GORKI

2. II. 1908

Band 34, Seite 366 - 367


Lieber A.M.!

Ich schreibe Ihnen in zwei Angelegenheiten.

Erstens in der Sache Semaschko. Wenn Sie ihn nicht persönlich kennen, so hat es keinen Sinn, daß Sie in die folgende Angelegenheit eingreifen.

Wenn Sie ihn kennen, dann hat es Sinn.

L. Martow hat in der Berner sozialdemokratischen Zeitung eine „Erklärung" veröffentlicht, in der es heißt, Semaschko sei nicht als Delegierter, sondern nur als Journalist auf dem Stuttgarter Kongreß gewesen.

Kein Wort über seine Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei.

Das ist eine infame Büberei eines Menschewiken gegen einen Bolschewiken, den man ins Gefängnis gesperrt hat. Ich habe als Vertreter der SDAPR im Internationalen Büro meine offizielle Erklärung bereits abgeschickt.

[ N. A. Semaschko ist Ende Januar 1908 in Genf verhaftet worden. Lenins Erklärung wurde in der Zeitung „Berner Tagwacht" Nr. 29 vom 5. Februar 1908 veröffentlicht.]

Wenn Sie Semaschko persönlich kennen oder ihn in Nishni-Nowgorod gekannt haben, so schreiben Sie unbedingt ebenfalls an diese Zeitung, daß Sie über Martows Erklärung empört sind, daß Sie Semaschko als Sozialdemokraten persönlich kennen, daß Sie überzeugt sind, er hat mit den Dingen, die von der internationalen Polizei aufgebauscht werden, nichts zu tun. Ich führe unten die Adresse der Zeitung und den vollen Wortlaut der Martowschen Erklärung an, die Ihnen M. F. übersetzen wird. An die Redaktion schreiben Sie bitte selbst russisch und bitten M. F., eine deutsche Übersetzung beizulegen.

Die zweite Sache. Wir drei (Bogdanow, ich und der „Praktiker"), die wir aus Rußland hierher geschickt wurden, um den „Proletari" auf die Beine zu stellen, sind jetzt alle beisammen. Alles ist soweit, dieser Tage erscheint die Voranzeige.

[Die Voranzeige - als Einzelflugblatt herausgebracht, kündigte das Wiedererscheinen der bolschewistischen Zeitung „Proletari" an. In der Voranzeige wurden die Verlegung der Zeitung von Rußland nach Genf, ihre Erscheinungstermine, die Zusammensetzung des Mitarbeiterstabes und die Bedingungen des Abonnements mitgeteilt.]

Wir nennen Sie als Mitarbeiter. Schreiben Sie bitte ein paar Zeilen, ob Sie uns für die ersten Nummern etwas schicken können (etwa in der Art der Betrachtungen über das Kleinbürgertum in der „"Nowaja Shisn" oder Teile der Erzählung, die Sie gerade schreiben 261, u. dgl. m.).

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Herzlichen Gruß an M. F-na!

Ihr W. Vljanow

Die „Berner Tagwacht" Nr. 24 vom 30. Januar 1908 (Adresse der Redaktion: Kapellenstraße 6. Bern. Organ der Sozialdemokratie) bringt folgende Notiz:

„Erklärung. In einigen Zeitungen stand zu lesen, daß der unlängst in Genf verhaftete Dr. Simaschko ein Delegierter der Genfer Gruppe der russischen Sozialdemokratie in Stuttgart gewesen sei. Demgegenüber erkläre ich, daß Dr. Simaschko nicht Mitglied der russischen Sektion auf dem genannten Kongresse war und kein Delegiertenmandat besessen hat. Er war dort nur als Journalist tätig.

Martoff, Delegierter der russischen Sozialdemokratie auf dem Stuttgarter Kongreß." *

[*Wortlaut der Erklärung bei Lenin deutsch. Der Übers.]

Das ist alles. Die Gemeinheit besteht hier darin, daß es indirekt so herauskommt, als wolle man nichts mehr von ihm wissen, als wolle sich die Sozialdemokratie von Semaschko lossagen!

Geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

168

AN A.M. GORKI

7. II. 1908

Band 34, Seite 368 - 371


Lieber A. M.!

Wegen Ihrer Erklärung werde ich mich mit A. A. beraten:

meiner Ansicht nach hat es keinen Sinn, sie zu veröffentlichen, da Sie ihn nicht persönlich kennen.262

An welchen bolschewistischen Sammelband haben Sie Ihren Artikel über den Zynismus gesandt? Ich bin erstaunt, denn über die bolschewistischen Sammelbände schreibt man mir fleißig, aber davon habe ich nichts gehört. Ich hoffe, an den Petersburger. Schicken Sie mir bitte den Brief an Sienkiewicz, wenn Sie eine Kopie haben (mit Vermerk, wann gesandt) - aber Sienkiewicz wird ihn sicher veröffentlichen, da es sich um eine Enquete handelt.

Ihre Pläne sind sehr interessant, und ich würde gern kommen. Aber sicher sind Sie mit mir einer Meinung, daß ich eine Parteiangelegenheit, eine Sache, die unverzüglich in Gang gebracht werden muß, nicht einfach stehen- und liegenlassen kann.

Lenin war mit den Arbeiten zur Herausgabe der Zeitung „Proletari" beschäftigt,
die Ende 1907 von Finnland nach Genf verlegt worden war.

Eine neue Sache auf die Beine zu bringen ist schwer. Ich kann sie nicht stehen- und liegenlassen. In ein, zwei Monaten oder so ähnlich werden wir sie in Gang gebracht haben, und dann kann ich mich leicht für ein, zwei Wochen frei machen.

Ich bin tausendmal mit Ihnen einverstanden, daß ein systematischer Kampf gegen die politische Niedergangsstimmung, das Renegatentum, das Geflenne usw. geführt werden muß. Was die „Gesellschaft" und die „Jugend" betrifft, so glaube ich nicht, daß es bei uns Meinungsverschiedenheiten gibt. In unserer Partei nimmt die Bedeutung der Intellektuellen ab: von überall wird berichtet, daß die Intelligenz die Partei fluchtartig verläßt. Soll es sich fortscheren, dieses Gesindel. Die Partei säubert sich vom kleinbürgerlichen Unrat. Immer mehr machen sich die Arbeiter ans Werk. Es wächst die Rolle des Berufsrevolutionärs aus der Arbeiterschaft.

Das alles ist großartig, und ich bin überzeugt, daß Ihre „Hiebe" in dem gleichen Sinne verstanden werden müssen.

Jetzt - wie einwirken, was für eine „Literatur machen" ? Sammelbände oder den „Proletari"? Die leichteste Antwort wäre natürlich: nicht oder, sondern und — das wäre eine einwandfreie, aber wenig praktische Antwort.

Selbstverständlich muß es legale Sammelbände geben; unsere Genossen in Petersburg arbeiten daran im Schweiße ihres Angesichts, und nach London, als ich in Quakala

Quakala - scherzhafte Benennung der finnischen Ortschaft Kuokkala, in
der sich Lenin von Mai bis November 1907 aufgehalten hat.

saß, habe auch ich daran gearbeitet.

Wenn möglich, muß man alle Kräfte anspannen, um sie zu unterstützen und diese Sammelbände fortzusetzen.

Meine seit London bis November 1907 (ein halbes Jahr!) gewonnenen Erfahrungen haben mich jedoch überzeugt, daß man eine regelmäßig erscheinende legale Literatur jetzt nicht schaffen kann. Ich bin überzeugt, daß die Partei jetzt ein regelmäßig erscheinendes politisches Organ braucht, das konsequent und energisch den Kampf gegen Verfall und Niedergeschlagenheit führt - ein Partetorgan, eine politische Zeitung.

Viele Genossen in Rußland glauben nicht an ein Auslandsorgan. Aber das ist ein Fehler, und nicht umsonst hat unser Kollegium beschlossen, den „Proletari" hierher zu verlegen. Es ist schwer, die Zeitung in Gang zu bringen, sie fest auf die Beine zu stellen, sie zu neuem Leben zu erwecken - das läßt sich nicht bestreiten. Aber es muß getan werden, und es wird getan werden.

Warum sollte man in der Zeitung keine Literaturkritik bringen? Zu wenig Platz? Ich kenne natürlich das System Ihrer Arbeit nicht. Leider war es immer so, daß wir bei unseren Begegnungen mehr geplaudert als uns nutzbringend unterhalten haben. Wenn Ihnen kleine, kurze, periodisch (wöchentlich, zweiwöchentlich) erscheinende Artikel nicht liegen, wenn Sie sich bei einer größeren Arbeit wohler fühlen, dann werde ich natürlich nicht raten, sie zu unterbrechen. Sie wird mehr Nutzen bringen!

Wenn Sie aber zu gemeinsamer Arbeit an einer politischen Zeitung Lust haben - warum sollten Sie dann nicht das Genre fortsetzen und zu einer ständigen Einrichtung machen, das Sie mit den „Betrachtungen über das Kleinbürgertum" in der „Nowaja Shisn" begonnen und meines Erachtens gut begonnen haben? Ich habe Ihnen darüber „mit Vorbedacht" gleich in einem der ersten Briefe geschrieben, denn ich meinte: wenn es ihn lockt, dann greift er zu. Und mich dünkt, im letzten Brief greifen Sie irgendwie zu. Oder irre ich mich? Um wieviel würde durch eine Zeitung, die nicht so einseitig ist wie früher, sowohl die Parteiarbeit als auch die Arbeit des Schriftstellers gewinnen, wenn sie mit der Parteiarbeit, mit einer systematischen, ständigen Einwirkung auf die Partei enger verknüpft ist! So, daß man nicht mehr einzelne „Attacken" reitet, sondern einen geschlossenen Angriff auf der ganzen Linie unternimmt, pausenlos und lückenlos, daß die bolschewistischen Sozialdemokraten nicht nur einzelne Gruppen aller möglichen Schafsköpfe angreifen, sondern alles samt und sonders so erobern, wie die Japaner die Mandschurei den Russen abgenommen haben.

Von den drei Themen, die Sie für die Sammelbände planen (Philosophie, Literaturkritik und taktische Fragen der Gegenwart), würden anderthalb auf die politische Zeitung, auf den „Proletari", entfallen: die taktischen Fragen der Gegenwart und die gute Hälfte der Literaturkritik.

Ach, spezielle, lange literaturkritische Artikel, die in den verschiedenen halbparteilichen und außerparteilichen Zeitschriften verstreut sind, bringen nichts ein! Besser wäre es, wir versuchten einen Schritt weiterzugehen und von diesen alten intelligenzlerischen, herrschaftlichen Allüren abzukommen, das heißt, auch die Literaturkritik enger mit der Parteiarbeit, mit der Führung durch die Partei zu verbinden. So machen es die erfahrenen sozialdemokratischen Parteien in Europa. So müssen auch wir es machen, ohne Furcht vor den Schwierigkeiten, die sich bei solch einer Sache aus den ersten Schritten kollegialer Zeitungsarbeit ergeben.

Größere literaturkritische Arbeiten gehören in Bücher, zum Teil in Zeitschriften.

Regelmäßig erscheinende, periodische Artikel im Rahmen der politischen Zeitung, in Verbindung mit der Parteiarbeit, ähnlich wie die „Nowaja Shisn" es begonnen hat - sagen Sie, haben Sie Lust dazu oder nicht?

Das dritte Sujet ist die Philosophie. Ich bin mir wohl bewußt, für dieses Gebiet mangelhaft vorbereitet zu sein, und das hindert mich, öffentlich aufzutreten. Aber als einfacher Marxist lese ich aufmerksam unsere Parteiphilosophen, lese ich aufmerksam den Empiriomonisten Bogdanow und die Empiriokritiker Basarow, Lunatscharski u. a. - und sie

veranlassen mich, meine ganze Sympathie Pledbanow zuzuwenden! Man muß schon physische Kraft haben, um sich nicht von einer Stimmung hinreißen zu lassen, wie Plechanow das tut! Seine Taktik ist der Gipfel der Banalität und Gemeinheit. In der Philosophie vertritt er die gerechte Sache. Ich bin für den Materialismus gegen die „Empirio-"

Lenin meint die Gruppe der Empiriokritiker und Empiriomonisten, Anhänger der reaktionären, idealistischen Philosophie von Mach und Avenarius: A. Bogdanow, W. Basarow, A. W . Lunatscharski.

usw.

Darf man, soll man die Philosophie verbinden mit einer Richtung der Parteiarbeit? mit dem Bolschewismus? Ich glaube, das darf man jetzt nicht tun. Sollen unsere Parteiphilosophen noch eine Zeitlang an der Theorie arbeiten, sich streiten u n d . . . zu einem Schluß kommen. Ich wäre zunächst dafür, soldie philosophischen Streitigkeiten wie die zwischen Materialisten und „Empirio-" von der reinen Parteiarbeit zu trennen.

Ich erwarte Ihre Antwort, vorerst aber muß ich schließen.

Ihr Lenin

Geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1934.

 

 

AN A. M. GORKI

Geschrieben zwisdhen dem 27. Februar und 16. März 1908.

Band 36, Seite 136


Lieber A. M.!

Ich habe Ihnen schon recht lange nicht geschrieben.

Unsere Reise verzögert sich immer wieder: Das Haupthindernis ist jetzt, daß aus Brüssel jede Nachricht fehlt. Freunde haben mir von dort geschrieben,

daß ich zur Sitzung des Büros (Internationales Sozialistisches) erwartet werde. Ich habe beim Sekretär angefragt, wann ich kommen soll (denn ich müsse nach Italien). Eine Antwort habe ich noch nicht erhalten. Brüssel aber darf ich nicht verpassen.

Haben Sie den "Proletari" bekommen? Welche Absichten haben Sie bezüglich des „Proletari"? Und An. Wass.? Ich bedaure, daß er es abgelehnt hat, über die Kommune zu schreiben. Unser dritter Redakteur ist Innokenti.

Schreiben Sie, ob Sie und An. Wass. irgendwelche Pläne für den „Proletari" haben.

Ich drücke Ihnen die Hand.

Ihr Lenin

Geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924

im Lenin-Sammelband I.

 

170

AN A.M. GORKI

13. II. 1908

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 374 - 375


Lieber AI. M-tsch!

Ich glaube, manches in den von Ihnen aufgeworfenen Fragen hinsichtlich unserer Meinungsverschiedenheiten ist einfach ein Mißverständnis. Natürlich habe ich überhaupt nicht daran gedacht, „die Intelligenz davonzujagen", wie es die einfältigen Syndikalisten tun, oder ihre Notwendigkeit für die Arbeiterbewegung zu leugnen. In all diesen Fragen kann es keine Meinungsverschiedenheiten zwischen uns geben; davon bin ich fest überzeugt, und da wir jetzt nicht zusammenkommen können, müssen wir sofort anfangen, zusammenzuarbeiten. In der Arbeit werden wir uns am leichtesten und am besten endgültig einigen.

Ihr Plan, kleinere Sachen für den „Proletari" zu schreiben (die Voranzeige wurde Ihnen zugeschickt), freut mich ganz außerordentlich. Wenn Sie aber an einer größeren Sache arbeiten, so lassen Sie sich davon selbstverständlich nicht ablenken.

Wegen Trotzki wollte ich Ihnen voriges Mal antworten, vergaß es aber.

Wir (d. h. die hiesige Redaktion des „Proletari", AI. AI., ich und „Inok" - ein sehr guter Kollege von den russischen Bolschewiki) beschlossen sofort, ihn zur Mitarbeit am „Proletari" aufzufordern. Wir schrieben einen Brief, wählten ein Thema aus und schlugen es ihm vor. In allgemeinem Einverständnis unterschrieben wir mit „Redaktion des ,Proletari'", weil wir die Sache auf kollegialeren Boden stellen wollten (zwischen mir persönlich und Trotzki hat es zum Beispiel 1903-1905, als er Menschewik war, einen

großen Krieg, eine fürchterliche Rauferei gegeben). Ob nun Trotzki über diese Form beleidigt war, weiß ich nicht, aber er hat uns einen Brief geschickt, der nicht von ihm selbst geschrieben war: „Im Auftrage des Gen. Trotzki" wurde der Redaktion des „Proletari" mitgeteilt, daß er es ablehne, etwas zu schreiben, er sei beschäftigt.

Das ist meiner Ansicht nach Pose. Auch auf dem Londoner Parteitag benahm er sich wie ein Poseur. Ich zweifle, ob er mit den Bolschewiki gehen w i r d . . .

Die Menschewiki haben hier eine von Plechanow, Axelrod, Dan, Martow und Martynow unterzeichnete Voranzeige für die Monatsschrift „Golos Sozial-Demokrata" veröffentlicht. Ich verschaffe sie mir und schicke sie Ihnen. Der Kampf kann sich zuspitzen. Trotzki aber will „über den kämpfenden Fraktionen" stehen . . .

Was allerdings den Materialismus als Weltanschauung betrifft, so glaube ich, daß ich mit Ihnen grundsätzlich nicht einverstanden bin. Und zwar nicht in bezug auf die „materialistische Geschichtsauffassung" (die verneinen unsere „Empirio-" nicht), sondern in bezug auf den philosophischen Materialismus. Daß an der Spießbürgerlichkeit der Angelsachsen und Germanen und am Anarchismus der Romanen der „Materialismus" schuld sei - das bestreite ich entschieden. Der Materialismus als Philosophie wird bei ihnen überall recht Stiefmütterlich behandelt. „Die Neue Zeit", das konsequenteste und bestfundierte Organ, verhält sich gleichgültig zur Philosophie, war niemals ein leidenschaftlicher Parteigänger des philosophischen Materialismus und hat in letzter Zeit ohne den geringsten Vorbehalt die Empiriokritiker veröffentlicht. Daß aus dem Materialismus, den Marx und Engels gelehrt haben, seelenlose Kleinbürgerlichkeit hergeleitet werden könne, das ist falsch, falsch! Alle kleinbürgerlichen Strömungen in der Sozialdemokratie kämpfen vor allem gegen den philosophischen Materialismus, sie tendieren zu Kant, zum Neukantianismus, zur kritischen Philosophie. Nein, die Philosophie, die Engels im „Anti-Dühring" begründete, läßt Kleinbürgerlichkeit nicht einmal über die Schwelle. Plechanow schadet dieser Philosophie, indem er den Kampf hier mit dem Fraktionskampf verknüpft - aber kein russischer Sozialdemokrat sollte doch den Plechanow von heute mit dem Plechanow von ehedem verwechseln.

AI. AI. ist eben erst von hier weggegangen. Ich werde ihn immer wieder an das „Treffen" erinnern. Wenn Sie darauf bestehen - für einige Tage ließe sich das einrichten, und zwar bald.

Ich drücke Ihnen die Hand.

Lenin

Geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröftentlidit 1924.

 

 

171

ANA.M. GORKI

16. III. 1908

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 376


Lieber A.M.!

Wie ärgerlich, daß es mit meiner Reise zu Ihnen nicht klappen will. Aus Brüssel habe ich Antwort erhalten268, und von dieser Seite steht nichts im Wege. Aber ich habe weder Geld noch Zeit und kann die Zeitung nicht einfach im Stich lassen.

Bei Ihnen ist, danach zu urteilen, daß Sie wirklich und wahrhaftig eine Ziege besitzen, die Stimmung gut, der Geist in der rechten Verfassung und das Leben normal. Aber bei uns klappt es nicht so recht. Wegen dieser Philosophie stehe ich mit AI. AI. gewissermaßen auf Kriegsfuß. Die Zeitung vernachlässige ich wegen meiner philosophischen Passion: heute lese ich einen Empiriokritiker und schimpfe wie ein Marktweib; morgen einen anderen und fluche wie ein Fuhrknecht. Und Innokenti schilt, und zwar mit Recht, weil der „Proletari" vernachlässigt wird. Es herrscht keine Einigkeit.

Nun, anders kann es auch gar nicht sein. Mit der Zeit wird's schon werden.

Es wäre großartig, wenn Sie für den „Proletari" schreiben könnten, ohne daß die größeren Arbeiten darunter leiden.

Ich drücke Ihnen die Hand; herzlichen Gruß an A. Wass. und an Maria

Fjodorowna.

Ihr Lenin

Geschickt von Qenf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

172

AN A. M. GORKI

An AI. M-tsch persönlich

24. III. 1908

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 377 - 379


Lieber A. M.!

Ihren Brief bezüglich meines Streits mit den Machisten habe ich erhalten. Ich verstehe und achte Ihre Gefühle durchaus, und ich muß sagen, daß mir die Petersburger Freunde etwa im selben Sinne schreiben.

Aber ich bin zutiefst überzeugt, daß Sie sich irren.

Sie müssen und werden natürlich auch verstehen, daß ein Parteimitglied, einmal zu der Überzeugung gelangt, daß eine bestimmte Lehre völlig falsch und schädlidh ist, die Verpflichtung hat, gegen diese Lehre aufzutreten.

Ich hätte keinen Lärm geschlagen, wenn ich mich nicht restlos davon überzeugt hätte (und in dem Maße, wie ich mich mit den Quellen bekannt mache, aus denen Basarow, Bogdanow und Co. ihre Weisheit geschöpft haben, vertieft sich diese Überzeugung mit jedem Tag), daß ihr Buch durch und durch, von Anfang bis Ende, von den Zweigen bis zur Wurzel, bis zu Mach und Avenarius, unsinnig, schädlich, philiströs und pfäffisch ist. Plechanow ist ihnen gegenüber im Grundsätzlichen völlig im Recht, versteht aber nicht oder will es nicht oder ist zu träge, das konkret, ausführlich, einfach darzulegen, ohne das Publikum durch philosophische Finessen unnötig abzuschrecken. Und ich werde das um jeden Preis auf meine Art sagen.

Was kann es denn hier für eine „Versöhnung" geben, lieber A. M.?

Ich bitte Sie, es ist lächerlich, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Der Kampf ist absolut unvermeidlich. Und ein Parteimitglied darf seine Anstrengungen nicht darauf richten, dies zu vertuschen oder zu verschleppen oder sich darum herumzudrücken, sondern darauf, daß die praktisch notwendige Parteiarbeit nicht leidet. Dafür müssen Sie sorgen, und 9/10 der russischen Bolschewiki werden Ihnen dabei helfen und herzlich dafür danken.

Wie das zu machen ist? Durch „Neutralität"? Nein. Neutralität in einer solchen Frage kann es nicht geben und wird es nicht geben. Wenn man von Neutralität reden kann, dann allenfalls in bedingtem Sinn: man muß diesen ganzen Streit von der Fraktion trennen. Bisher habt ihr „außerhalb" geschrieben, nicht in den Publikationen der Fraktion; schreibt auch weiterhin so. Nur so wird die Fraktion nicht engagiert, nicht hineingezogen, wird sie nicht gezwungen, morgen oder übermorgen eine Entscheidung zu treffen, eine Abstimmung vorzunehmen, d. h. den Streit chronisch, langwierig und ausweglos zu machen.

Das sind die Gründe, weshalb ich dagegen bin, daß man Philosophie, gleichviel welche, in die Zeitschrift aufnimmt.

Es handelt sich um eine Zeitschrift, die A. M. Gorki herauszugeben beabsichtigte, die jedoch nicht erschien.

Ich weiß, man schilt mich deswegen: will anderen den Mund verbieten und hat ihn selber noch nicht auf getan! Aber überlegen Sie einmal in aller Ruhe.

Eine Zeitschrift mit Philosophie. Nr. 1 - drei Artikel von Basarow, Bogdanow und Lunatscharski gegen Plechanow. Ein Artikel von mir, in dem gesagt wird, daß die „Beiträge zur Philosophie des Marxismus" Berdjajewsches Gewäsch und Pfaffentum sind.

Nr. 2 - dreimal drei Artikel, in gereiztem Ton, von Bogdanow, Basarow und Lunatscharski gegen Plechanow und Lenin. Ein Artikel von mir, in dem von einer anderen Seite bewiesen wird, daß die „Beiträge zur Philosophie des Marxismus" Pfaffentum sind.

Nr. 3 - Geschrei und Geschimpfe!

Ich kann sechs oder auch zwölf Artikel gegen die „Beiträge zur Philosophie des Marxismus" schreiben, je einen Artikel gegen jeden der Autoren und gegen jede Seite ihrer Anschauungen. Kann das lange so gehen? Wie lange? Wird dies die Spaltung nicht unvermeidlich machen infolge endloser Zuspitzung und Erbitterung? Wird dies die Fraktion

nicht durch eine Entscheidung binden: entscheide doch, werde dir endlich klar, beende doch die „Diskussion" durch ein Votum . . .

Denken Sie recht gründlich darüber nach, wenn Sie die Spaltung fürchten.

Werden es die Praktiker übernehmen, Bücher mit einem solchen „Kampf" zu verbreiten? Ist der andere Weg nicht besser: schreibt wie bisher außerhalb, nicht in den Publikationen der Fraktion. Rauft euch außerhalb, die Fraktion wartet zunächst ab. Wenn eine Möglichkeit besteht, die unvermeidliche Erbitterung abzuschwächen, dann meiner Ansicht nach nur so.

Sie schreiben: Die Menschewiki gewinnen durch den Streit. Sie irren sich, Sie irren sich gründlich, A. M.! Die Menschewiki gewinnen, wenn sich die bolschewistische Fraktion von der Philosophie der drei Bolschewiki nicht abgrenzt. Dann gewinnen sie endgültig. Wenn hingegen der philosophische Streit außerhalb der Fraktion ausgetragen wird, dann werden die Menschewiki endgültig auf die Politik beschränkt, und das ist ihr Tod.

Ich sage: Den Streit von der Fraktion trennen. Natürlich, diese Trennung an lebendigen Menschen vornehmen ist recht schwer und schmerzhaft.

Das erfordert Zeit. Das erfordert sorgsame Genossen. Hier werden die Praktiker helfen, hier müssen Sie helfen - hier handelt es sich um „Psychologie", hier ist Ihr Wort maßgebend. Ich glaube, Sie könnten hier viel helfen - natürlich nur, wenn Sie nach der Lektüre meines Buches gegen die „Beiträge"

Gemeint ist das Buch „Materialismus und Empiriokritizismus", das Lenin damals schrieb.

nicht ebenso über mich in Wut geraten wie ich über die „Beiträge".

Überlegen Sie sich das mit der Zeitschrift recht gründlich und antworten Sie mir recht bald. Ich bin ein wenig im Zweifel, ob es Sinn hat, daß wir jetzt zusammen zu Ihnen kommen? Wozu überflüssigerweise die Nerven strapazieren? „Langes Abschiednehmen"*... und ohne Streit geht es doch nicht ab. Wäre es nicht besser, die Sache mit der Zeitschrift einfacher zu entscheiden, ohne lange Unterhandlungen und feierliche Zusammenkünfte, die zu nichts führen? Ich stelle Ihnen diese Fragen nur, um mich mit Ihnen zu beraten.

Herzlichen Gruß an M. F. Nach Capri komme ich ganz bestimmt und werde auch versuchen, meine Frau dazu zu bewegen, nur möchte ich das gern unabhängig von dem philosophischen Streit tun.

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Ihr Lenin

PS. Ich lege eine wichtige Mitteilung über einen Spitzel bei, der sich bei Ihnen aufhält.

geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

* Russisches Sprichwort: langes Abschiednehmen kostet unnütz Tränen. Der Übers.




 

173

AN A.M.GORKI

Geschrieben in der ersten Aprilhälfte 1908.

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 380


Warum hören wir nichts von Ihnen, lieber A. M.? Sie schrieben, Sie hätten die große Arbeit schon längst beendet und wollten uns beim „Proletari" helfen. Wann denn? Wie wäre es, wenn Sie ein kleines Feuilleton über Tolstoi oder dgl. übernähmen? Schreiben Sie, ob Sie das machen wollen.

AI. AI. ist zu Ihnen gefahren. Ich kann die Zeitung nicht im Stich lassen und mich auch nicht von der Arbeit losreißen. Aber das ist nur ein Aufschub, ich komme doch noch.

Wie finden Sie den „Proletari""? Verwahrlost ist er. Ich habe meine Zeitung noch nie so negligiert: ganze Tage lang lese ich die vermaledeiten Machisten, und die Artikel für die Zeitung schreibe ich in unglaublicher Hast.

Nun, ich drücke Ihnen die Hand.

Ihr Lenin

An M. F-na tausend Grüße!

Ich komme auf dem Fahrrad zu ihr!

Tragen Sie auch Anat. Wass-tsch auf, für den „Proletari" zu schreiben!

Lassen Sie mich ein wenig philosophisch schimpfen und helfen Sie inzwischen dem „Proletari"!

geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

175

AN A.M.GORKI

16. IV. 1908

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 382 - 283


Lieber AI. M.!

Ich habe heute Ihren Brief erhalten und will gleich antworten. Mein Kommen ist nutzlos und schädlich: ich kann nicht und werde nicht mit Leuten sprechen, die sich darauf verlegt haben, die Vereinigung des wissenschaftlichen Sozialismus mit der Religion zu predigen. Die Zeit der Hefte

„Hefte" - „Betrachtungen eines einfachen Marxisten über Philosophie" - eine Arbeit, die Lenin 1906 anläßlich des Erscheinens von A. Bogdanows „Empiriomonismus" (III. Folge) schrieb. Ausführlicher spricht Lenin über die „Betrachtungen" im Brief an A. M . Gorki vom 25. Februar 1908. (Siehe Werke, Bd. 13, S. 457/458.)

ist vorüber. Streiten darf man nicht, es ist dumm, nutzlos, die Nerven zu strapazieren. Man muß die Philosophie von den Partei-(Fraktions-) Angelegenheiten trennen: hierzu verpflichtet auch der Beschluß des BZ.

BZ - Bolschewistisches Zentrum - wurde 1907 von der bolschewistischen Fraktion des V. (Londoner) Parteitags der SDAPR gewählt.

Ich habe schon eine ganz offizielle Kriegserklärung

Lenin meint seinen im Sammelband „Karl Marx (1818-1883)" veröffentlichten Artikel „Marxismus und "Revisionismus", in dem er zum erstenmal in der Presse die Philosophie Bogdanows, Basarows u. a. scharf kritisierte. (Siehe Werke, Bd. 15, S. 17-28.)

in Druck gegeben.

Diplomatie ist hier nicht mehr am Platze - ich spreche natürlich von Diplomatie nicht im schlechten, sondern im guten Sinne.

Eine „gute" Diplomatie Ihrerseits, lieber A. M. (wenn Sie sich nicht auch zu Gott bekehrt haben), müßte darin bestehen, unsere gemeinsamen Angelegenheiten (d. h. mich einbegriffen) von der Philosophie zu trennen.

Ein Gespräch über andere Dinge als die Philosophie käme jetzt nicht zustande: das wäre ein gekünsteltes Gespräch, übrigens, sollten wirklich diese anderen Dinge, nicht die philosophischen, sondern zum Beispiel der „Vrdletari", ein Gespräch gerade jetzt und gerade bei Ihnen erfordern, so könnte ich kommen (ich weiß nicht, ob ich das Geld dafür auftreibe.- gerade jetzt gibt es Schwierigkeiten), doch ich wiederhole: nur unter der Bedingung, daß ich über Philosophie und über Religion nicht spreche.

Wenn ich frei bin und die Arbeit beendet habe, komme ich unbedingt zu Ihnen, um zu plaudern.

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Ihr Lenin

Herzlichen Gruß an M. F-na: sie ist wohl nicht für Gott, wie?

Geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.


 

176

ANA.M.GORKI

19. IV. 1908

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 384 - 385


Lieber A.M.!

Ich habe das Telegramm von Ihnen und M. F. erhalten und schicke heute oder morgen früh meine Absage. Ich wiederhole noch einmal, daß es keinesfalls zulässig ist, den philosophischen Streit von Schriftstellern mit der Sache der Partei (d. h. der Traktion) zu vermengen. Das habe ich schon An. Wass-tsch

Dieser Brief wurde nicht gefunden.

geschrieben, und um allen Mißdeutungen oder falschen Schlußfolgerungen aus meiner Ablehnung der Reise vorzubeugen, wiederhole idb es für alle Genossen. Wir müssen unsere Fraktionssache

nach wie vor einmütig betreiben; die Politik, die wir während der Revolution betrieben und in die Tat umgesetzt haben, hat niemand von uns bereut.

Also ist es unsere Pflicht, sie vor der Partei zu verteidigen und zu behaupten. Das können wir nur alle gemeinsam tun, und das müssen wir im „Proletari" und in der ganzen Parteiarbeit tun.

Wenn dabei A über B oder B über A wegen der Philosophie herfällt, so müssen wir das gesondert tun, das heißt - ohne Nachteil für die Sache.

Ich bitte Sie und die Genossen eindringlich, es nicht im bösen Sinne auszulegen, daß ich abgelehnt habe zu kommen. Ich bitte sehr um Entschuldigung, aber bei der ganzen Lage der Dinge und der Verfassung, in der sich die Redaktion befindet, kann ich nicht fahren.

Ich drücke allen fest die Hand.

Ihr Lenin

Von An. Wass. erwarten wir baldmöglichst den versprochenen Artikel über den Streik in Rom.

Von allen Schriftstellern erwarten wir Hilfe für den „Proletari".- wir alle tragen die Verantwortung vor den Genossen in Rußland, die mit ihm unzufrieden sind.

AI. Al-tsch soll sich ordentlich um Geld bemühen!! In Rußland schreit man nach Geld.

Geschickt von Genf nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924

 

 

 

183

AN A.M. GORKI

16. XI. 1909

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 396 - 397


Lieber Alexej Maximowitsch!

Ich war die ganze Zeit der felsenfesten Überzeugung, Sie und Gen. Michail wären die hartgesottensten Fraktionäre der neuen Fraktion, und ein Versuch meinerseits, eine freundschaftliche Unterhaltung mit Ihnen zu beginnen, wäre sinnlos. Heute bin ich zum erstenmal mit Gen. Michail zusammengekommen, wir haben ganz offen über Parteifragen und auch über Sie geplaudert, und ich habe festgestellt, daß ich mich gründlich geirrt hatte. Bei Gott, der Philosoph Hegel hatte recht: Das Leben schreitet in Widersprüchen voran, und die lebendigen Widersprüche sind um vieles reicher, mannigfacher und inhaltsvoller, als es dem menschlichen Verstand anfänglich scheint. Ich hatte in der Schule lediglich das Zentrum der neuen Fraktion gesehen. Wie sich herausstellte, war das falsch, nicht in dem Sinne, daß sie nicht das Zentrum der neuen Fraktion wäre (die Schule war dieses Zentrum und ist es auch heute), sondern in dem Sinne, daß das nicht alles, daß das nicht die ganze Wahrheit ist. Subjektiv haben bestimmte Leute die Schule zu solch einem Zentrum gemacht, objektiv war sie es auch, darüber hinaus aber hat die Schule aus dem echten Arbeiterleben echte fortgeschrittene Arbeiterelemente geschöpft. Es hat sich ergeben, daß sich auf Capri außer dem Gegensatz zwischen der alten und der neuen Fraktion ein Gegensatz entwickelt hat zwischen einem Teil der sozialdemokratischen Intelligenz und den aus Rußland gekommenen Arbeitern, die die Sozialdemokratie, koste es, was es wolle, und komme, was da mag, auf den rechten Weg bringen werden, aller Auslandsstreiterei und -Zänkerei, allen „Historien" usw. u. dgl. zum Trotz. Solche Menschen wie Michail sind die Gewähr dafür.

Und weiter hat sich gezeigt, daß sich in der Schule ein Gegensatz zwischen Elementen der capresischen sozialdemokratischen Intelligenz entwickelt hat.

Aus den Worten Michails entnehme ich, lieber A. M., daß Ihnen jetzt sehr schwer ums Herz ist. Sie mußten die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie gleich von einer solchen Seite, in solchen Erscheinungen, in solchen Formen kennenlernen, die in der Geschichte Rußlands und Westeuropas schon mehr als einmal kleingläubige Intellektuelle dahin gebracht haben, an der Arbeiterbewegung und an der Sozialdemokratie zu zweifeln. Ich bin gewiß, daß dies mit Ihnen nicht geschehen wird, und nach dem Gespräch mit Michail möchte ich Ihnen fest die Hand drücken.

Durch Ihr künstlerisches Talent haben Sie der Arbeiterbewegung Rußlands - und nicht allein Rußlands - solch gewaltigen Nutzen gebracht, und Sie werden ihr noch so viel Nutzen bringen, daß Sie sich auf keinen Fall den niederdrückenden Stimmungen hingeben dürfen, die durch einzelne Episoden des Kampfes im Ausland entstanden sind. Es gibt Umstände, unter denen das Leben der Arbeiterbewegung unvermeidlich zu diesem Kampf im Ausland, zu Spaltungen, Zänkereien und Streitigkeiten der Zirkel führt — aber nicht deshalb, weil die Arbeiterbewegung innerlich schwach oder die Sozialdemokratie innerlich fehlerhaft wäre, sondern weil jene Elemente, aus denen sich die Arbeiterklasse ihre Partei schmieden muß, allzu verschieden und allzu ungleichartig sind. Aber sie wird ihre Partei auf jeden Fall schmieden, sie wird eine ausgezeichnete revolutionäre Sozialdemokratie in Rußland schmieden, und das schneller, als es mitunter vom Standpunkt des dreimal verfluchten Emigrantenlebens scheint, wird sie richtiger schmieden, als man sich das vorstellt, wenn man nach einigen äußeren Erscheinungen und einzelnen Episoden urteilt. Solche Menschen wie Michail sind die Gewähr dafür.

Ich drücke Ihnen und Maria Fjodorowna fest die Hand, denn jetzt habe ich die Hoffnung, daß wir noch einander nicht als Feinde begegnen werden.

Ihr Lenin

Wl. Oulianoff.

4. Rue Marie Rose. 4. Paris. XIV.

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924

 

 

184

AN A.M. GORKI

Geschrieben nicht vor dem 20. November 1909.

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 398 - 400


Lieber A. M.!

Was mein Kommen betrifft - da sind Sie im Unrecht.

Wirklich, wozu soll ich mich mit Maximow, Lunatscharski usw. herumstreiten?

Sie schreiben doch selber: Macht den Streit unter euch aus – und laden mich ein, vor den Leuten zu streiten. Das ist doch nicht das Richtige.

Und daß die Arbeiter abgestoßen werden, stimmt auch nicht. Ja, wenn sie unsere Einladung annehmen und zu uns kommen, dann werden wir uns mit ihnen unterhalten und für die Ansichten einer Zeitung286 kämpfen, die gewisse Fraktionäre (ich habe das schon vor langem von Ljadow u. a. gehört) ein höchst langweiliges und auf niedrigem Niveau stehendes Blatt schimpfen, das niemand brauche und das weder an das Proletariat noch an den Sozialismus glaube.

Das mit der neuen Spaltung reimt sich bei Ihnen nicht. Einerseits sind beide Nihilisten (und „slawische Anarchisten" - nein, mein Lieber, die nichtslawischen Europäer haben sich doch in Zeiten wie den unseren hundertfach heftiger geschlagen, gestritten und gespalten!), anderseits aber wird die Spaltung nicht weniger tief sein als die zwischen Bolschewiki und Menschewiki. Wenn es an dem „Nihilismus" von „Hitzköpfen" liegt, an der mangelnden Bildung usw. eines Menschen, der nicht an das glaubt, was er schreibt, u. dgl., so heißt das, daß die Spaltung nicht tief geht, ja, daß es nicht einmal eine Spaltung ist. Ist aber die Spaltung tiefer als die zwischen Bolschewiki und Menschewiki, so heißt das, daß es nicht am Nihilismus und nicht an den Schriftstellern liegt, die nicht an das glauben, was sie schreiben. Das reimt sich nicht, wirklich nicht! Was die jetzige Spaltung betrifft, sind Sie im Irrtum, und Sie sagen mit Recht*: „Die Menschen verstehe ich, aber ihre Taten verstehe ich nicht."

* Ergänzung zu dem „mit Recht": Ich mache einen Vorbehalt. Wenn man die Taten nicht versteht, kann man auch die Menschen nicht anders als . . .

Das, was Ihnen und Maximow am „Proletari" unaufrichtig, nutzlos usw. erscheint, erklärt sich aus der völlig anderen Auffassung vom ganzen gegenwärtigen Zeitabschnitt (und vom Marxismus natürlich). Wohl an die zwei Jahre treten wir auf der Stelle und käuen Fragen wieder, die Maximow noch immer „strittig" erscheinen und die das Leben längst gelöst hat. Und würden wir fortfahren, über sie zu „streiten", so träten wir auch heute nutzlos auf der Stelle. Gehen wir aber auseinander, so zeigen wir den Arbeitern klar, offen und bestimmt zwei Auswege. Die sozialdemokratischen Arbeiter werden die Wahl leicht und rasch treffen, denn die Taktik, die revolutionären Worte der Jahre 1905/1906 zu konservieren (in Büchsen), anstatt die revolutionäre Methode auf die neue, andere Situation, auf die veränderte Epoche anzuwenden, die andere Methoden und andere Formen der Organisation erheischt, ist eine tote Taktik. Das Proletariat geht den Weg zur Revolution und wird zu ihr gelangen - aber nicht so wie vor 1905: denen, die daran „glauben", daß es den Weg zur Revolution geht und zu ihr gelangen wird, die aber dieses „nicht so" nicht begreifen - denen muß unsere Position unaufrichtig, nutzlos, langweilig, auf Unglauben an das Proletariat und an den Sozialismus begründet usw. usf. erscheinen. Die sich hieraus ergebende Meinungsverschiedenheit ist zweifellos tief genug, um — zumindest im Ausland - die Spaltung unvermeidlich zu machen. Aber sie reicht auch nicht im entferntesten an die Tiefe der Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki heran, wenn von der Tiefe der Spaltung in der Partei, in der Sozialdemokratie, bei den Marxisten die Rede ist.

Sie wundern sich, daß ich Michails Hysterie, Undiszipliniertheit (nicht Sie sollten das sagen, und Michail hat keinen Grund, sich das anzuhören) und andere üble Eigenschaften nicht sehe. Da hatte ich nun Gelegenheit, ihn in einer kleinen Sache zu prüfen: ich hatte geglaubt, wir, Sie und ich, würden miteinander nicht ins Gespräch kommen, es wäre zwecklos, Ihnen zu schreiben. Unter dem Eindruck des Gesprächs mit Michail habe ich sofort geschrieben, ohne lange zu überlegen, ohne sogar den Brief noch einmal zu lesen, ohne die Sache zu überschlafen. Tags darauf überlegte ich: da hast du aber eine Dummheit gemacht, hast Michail Glauben geäußerlich verstehen. D. h., man kann die psychologische Verfassung dieses oder jenes am Kampf Beteiligten begreifen, nicht aber den Sinn des Kampfes, nicht seine Bedeutung für die Partei, nicht seine politische Bedeutung schenkt. Und dann zeigte sich, daß Michail, wie sehr er sich auch hinreißen läßt, doch insoweit recht behielt, als Sie und ich dennoch miteinander ins Gespräch gekommen sind - natürlich nicht ohne Schwierigkeiten, nicht ohne vernichtende Kritik am „Proletari", aber was soll man da schon machen!

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Lenin

geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

190

AN A.M. GORKI

An AI Max-tsdj

11. IV. 1910

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 398 - 400


Lieber A. M.!

Erst heute gelang es mir, Ihren und M. F.s über M. S. Botkina gesandten Brief in die Hand zu bekommen. Damit ich's nicht vergesse:

Sie können mir sowohl an meine Privatadresse schreiben (Oulianoff. 4. Rue Marie Rose. 4. Paris. XIV) als auch an die Parteiadresse – in diesem Falle nehmen Sie besser 2 Kuverts und schreiben auf das innere: für Lenin persönlich (110. Avenue d'Orleans. Mr. Kotliarenko. Paris. XIV).

Ich werde zusehen, daß ich die gewünschten Publikationen noch morgen an Sie absenden kann.

Ob ich auf Sie geschimpft habe und wo? Wahrscheinlich im „Diskussionny Listok" Nr. 1 (wird als Beilage zum ZO herausgegeben).

Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 16, S. 205/206

Ich schicke Ihnen das Blatt. Sollten diejenigen, die Ihnen das mitgeteilt haben, nicht das im Auge gehabt haben - an etwas anderes kann ich mich im Augenblick nicht erinnern. Ich habe in dieser Zeit nichts weiter geschrieben.

Jetzt zur Vereinigung. Sie fragen, ob es Tatsache oder eine Anekdote ist? Da muß ich weit ausholen, denn meiner Überzeugung nach steckt in dieser Tatsache sowohl etwas „Anekdotisches" (mehr kleinlicher Art) als auch etwas Ernstes.

Zur Vereinigung der Partei führten und führen ernste, tiefgreifende Faktoren: auf ideologischem Gebiet die Notwendigkeit, die Sozialdemokratie vom Liquidatorentum und vom Otsowismus zu reinigen; auf praktischem Gebiet die furchtbar schwierige Lage, in der sich die Partei und die gesamte sozialdemokratische Arbeit befindet, sowie das Heranreifen eines neuen Typs des sozialdemokratischen Arbeiters.

Auf dem Plenum des ZK (dem „langen Plenum" - drei Wochen dauerte die Quälerei, sämtliche Nerven gingen dabei kaputt, hunderttausend Teufel sollen es holen!) kamen zu diesen ernsten und tiefgreifenden Faktoren, deren sich bei weitem nicht alle bewußt sind, noch kleine und kleinliche Dinge hinzu, kam eine Stimmung „allgemeiner Versöhnung" (ohne den klaren Gedanken, mit wem, wozu, wie), kam der Haß auf das Bolschewistische Zentrum hinzu wegen seines schonungslosen ideologischen Kampfes, kamen Gezänk und bei den Menschewiki der Wunsch, Skandal zu machen, hinzu - und was dabei herauskam, war ein Kind mit Eiterbeulen.

Und jetzt müssen wir uns damit abquälen. Entweder - wenn's gut geht - öffnen wir die Beulen und lassen den Eiter heraus, kurieren das Kind und ziehen es groß.

Oder - wenn's schlecht endet - das Kind stirbt. Dann bleiben wir eine Zeitlang kinderlos (das heißt, wir stellen die bolschewistische Fraktion wieder her) und bringen danach ein gesünderes Kind zur Welt.

Bei den Menschewiki sind es die Plechanowleute, sind es die Parteitreuen und die Arbeiter, die zu einer ernsthaften Vereinigung schreiten (nicht ganz bewußt, zögernd, hin und wieder etwas schwankend, aber sie schreiten zu ihr, und, was die Hauptsache ist, sie müssen es tun). Die „Golos"-Leute aber drehen und wenden sich, stiften Verwirrung, richten Schaden an. Bei ihnen bildet sich in Rußland ein starkes, legales, opportunistisches Zentrum (Potressow und Co. auf literarischem Gebiet: siehe „Nascha Sarja" Nr. 2 - was für ein Schuft ist doch dieser Potressow! - und Michail, Roman, Juri + die 16 Autoren des „Offenen Briefes" in Nr. 19/20 des „Golos" - in der praktischen, der Organisationsarbeit).

Das Plenum des ZK wollte alle vereinigen. Jetzt scheiden die „Golos"- Leute aus. Diese Eiterbeule muß entfernt werden. Ohne Gezänk, Skandal, Plackerei, Schmutz und „aufgerührten Schlamm" geht's eben nicht.

Wir sitzen jetzt mitten drin in diesem Gezänk. Entweder das russische ZK stutzt den „Golos"-Leuten die Flügel und entfernt sie aus den wichtigen Institutionen (wie dem Zentralorgan u. dgl. m.), oder wir werden die Fraktion wiederherstellen müssen.

Plechanow gab in Nr. 11 des „Dnewnik" eine Einschätzung des Plenums, die deutlich gezeigt hat, daß bei ihm jetzt der aufrichtige und ernsthafte Wunsch, gegen den Opportunismus zu kämpfen, über den kleinen und kleinlichen Wunsch, die opportunistischen „Golos"-Leute gegen die Bolschewiki auszunützen, die Oberhand gewonnen hat. Auch hier gibt es heillose Scherereien, aber das legalistische liquidatorische Zentrum der Menschewiki, das sich in Rußland gebildet hat, führt unvermeidlich dazu, daß sich die ernsthaften Sozialdemokraten von den Menschewiki abwenden.

Jetzt zu den „Wperjod"-Leuten. Eine Zeitlang schien es mir, als gebe es auch innerhalb dieser Gruppe zwei Strömungen: die eine zur Partei, zum Marxismus, zur Lossage von Machismus und Otsowismus – und eine entgegengesetzte. Der ersteren würde die Vereinigung der Partei den Weg frei machen, um die offenkundigen Widersinnigkeiten des Otsowismus usw. in einer angemessenen, für sie nicht unangenehmen, parteimäßigen Art zu korrigieren. Aber die zweite Strömung scheint bei ihnen die Oberhand zu gewinnen. Alexinski (in der Politik ein richtiges Kind, aber ein bockiges Kind, das eine Dummheit nach der anderen macht) ist mit Skandal sowohl aus der Redaktion des „Diskussionny Listok" als auch aus der Schulkommission der Partei ausgetreten. Wahrscheinlich werden sie doch ihre eigene Schule einrichten, wieder eine Fraktionsschule, wieder für sich. Wenn es dazu kommt, werden wir wiederum kämpfen und ihnen die Arbeiter abzwingen.

Und so kommt es, daß das „Anekdotische" bei der Vereinigung jetzt überwiegt, daß es in den Vordergrund tritt und zu Gekicher, Gespött u. dgl. Anlaß gibt. Man sagt, der Sozialrevolutionär Tschernow habe über die Vereinigung bei den Sozialdemokraten sogar ein Vaudeville mit dem Titel „Der Sturm im Wasserglas" geschrieben, und selbiges Vaudeville gelange dieser Tage in einer (sensationslüsternen) Gruppe der Emigrantenkolonie zur Aufführung.

Mittendrin zu sitzen in diesem „Anekdotischen", in diesem Gezänk und Skandal, dieser Plackerei und diesem „aufgerührten Schlamm", ist ekelhaft; das alles mit ansehen zu müssen ist gleichfalls ekelhaft. Sich aber von seinen Stimmungen unterkriegen lassen ist unverzeihlich. Das Emigrantendasein ist heute hundertmal drückender als vor der Revolution.

Emigrantendasein und Gezänk sind untrennbar miteinander verbunden.

Aber das Gezänk wird wegfallen; das Gezänk wird zu 9/10 im Ausland bleiben; das Gezänk ist Beiwerk. Die Entwicklung der Partei aber, die Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung geht weiter und wird all die verteufelten Schwierigkeiten der jetzigen Situation überwinden.

Die Reinigung der sozialdemokratischen Partei von ihren gefährlichen „Abweichungen", von Liquidatorentum und Otsowismus schreitet unaufhaltsam vorwärts; im Rahmen der Vereinigung ist sie bedeutend weiter vorangekommen als früher. Im Grunde genommen haben wir mit dem Otsowismus schon vor dem Plenum ideologisch aufgeräumt. Mit dem Liquidatorentum sind wir damals nicht ganz fertig geworden, den Menschewiki war es eine Zeitlang gelungen, die Schlange zu verbergen, jetzt aber hat man sie ans Tageslicht gezogen, jetzt können alle die Schlange sehen, jetzt gehen wir an ihre Vernichtung und werden sie vernichten!

Und diese Reinigung ist durchaus nicht nur eine rein „ideologische" Aufgabe, durchaus nicht nur eine reine „Literaturangelegenheit", wie dieser Schafskopf (oder Gauner) Potressow meint, der sich ebenso für die Machisten einsetzt, wie sich die Menschewiki auf dem Plenum für die „Wperjod"-Leute eingesetzt haben. Nein, diese Reinigung ist untrennbar verbunden mit der breitesten Arbeiterbewegung, die es heute lernt, die sozialdemokratische Arbeit in unseren schweren Zeiten zu organisieren, dies eben lernt durch die Negation, und durch die Negation des Liquidatorentums und des Otsowismus findet sie den richtigen Weg.

Nur der Schwätzer Trotzki bildet sich ein, man könne diese Negation umgehen, das sei überflüssig, das gehe die Arbeiter nichts an, nicht das Leben, sondern eine Presse böser Polemiker habe die Fragen des Liquidatorentums und des Otsowismus aufgeworfen.

Ich kann mir vorstellen, wie schwer der Anblick dieses schwierigen Wachstums der neuen sozialdemokratischen Bewegung für einen Menschen sein muß, der das schwierige Wachstum Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre nicht gesehen und miterlebt hat. Damals gab es nur einige Dutzend, wenn nicht nur einige wenige solcher Sozialdemokraten.

Jetzt sind es Hunderte und Tausende. Daher die Krisis und die Krisen. Aber die Sozialdemokratie in ihrer Gesamtheit ist dabei, sie vor aller Augen zu überwinden, und wird sie in Ehren überwinden.

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Ihr Lenin

Geschicktvon Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröftentlidbt 1924.

 

 

194

AN A. M. GORKI

14. XI. 1910

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 426 - 427


Lieber A. M.!

Lange, lange ist von Ihnen und M. F. keine Nachricht gekommen. Die Nachrichten aus Capri fehlen mir sehr. Was ist der Grund?

Es kann doch nicht sein, daß Sie über die Briefe Buch führen, wie das manche Leute, so sagt man, mit Visiten tun.

Bei uns hier ist alles beim alten. Ein Haufen von Kleinkram und allen möglichen Unannehmlichkeiten, die mit dem Kampf der verschiedenen „Domänen" innerhalb der Partei zusammenhängen. Brrr!... Und wie schön muß es auf Capri sein . . .

Um uns von dem Gezänk zu erholen, sind wir darangegangen, den seit langem bestehenden Plan, die „Rabotsdbaja Gaseta" herauszugeben, in die Tat umzusetzen. Wir haben mit Mühe und Not 400 frs zusammengebracht.

Gestern ist endlich Nr. 1 erschienen. Ich schicke sie Ihnen zusammen mit der Ankündigung

Die „Ankündigung der Herausgabe der ,Rabotsä>aja Gaseta1" siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 16, S. 291-299.

und der Sammelliste. Die mit diesem Unternehmen (und mit der „Annäherung" zwischen den Bolschewiki und Plechanow) sympathisierenden Mitglieder der capresisch-neapolitanischen Kolonie werden gebeten, der Sache jegliche Unterstützung zu erweisen.

Die „Rabotsdbaja Gaseta" wird gebraucht, und mit Trotzki, der zugunsten der Liquidatoren und der otsowistischen „Wperjod"-Leute intrigiert, ist eine Zusammenarbeit unmöglich. Plechanow und ich haben schon in Kopenhagen energisch gegen Trotzkis hundsgemeinen Artikel im „Vorwärts" protestiert. Und welche neue Infamie hat er in der „Neuen Zeit" über den historischen Sinn des Kampfes unter den russischen Sozialdemokraten veröffentlicht!

Während des Internationalen Sozialistenkongresses in Kopenhagen (28. August bis 3. September 1910) protestierte W. I. Lenin gemeinsam mit G. W. Plechanow beim Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands dagegen, daß der „Vorwärts", das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, einen anonymen Artikel mit verleumderischen Behauptungen über die Lage in der russischen Sozialdemokratie, dessen Verfasser Trotzki war, veröffentlicht hatte.
Gegen Trotzkis Verleumdungen wandte sich Lenin im „Sozial-Demokrat" Nr. 17 vom 25. September (8. Oktober) 1910 mit dem Artikel „Wie manche Sozialdemokraten die Internationale über die Lage in der SDAPR informieren" und auch im „Diskussionny Listok" (Diskussionsblatt) Nr. 3 vom 29. April (12. Mai) 1911 mit dem Artikel „Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland". (Siehe Werke, Bd. 16, S. 288-290, 381-399.)

Und Lunatscharski im belgischen „Le Peuple" - haben Sie das gesehen?

Wir sind dabei, eine kleine legale Zeitschrift zum Kampf gegen die „'Nasdia Sarja" und die „Shisn" auf die Beine zu bringen, ebenfalls unter Mitwirkung Plechanows. Wir hoffen Nr. 1 bald herauszubringen.

So schaut's bei uns aus. Schritt für Schritt, ganz allmählich, mit Mühe, aber dennoch arbeiten wir uns aus dem Gezänk heraus und gelangen auf die freie Bahn.

Was gibt es Neues bei Ihnen? Haben Sie an Strojew geschrieben, und was hat er Ihnen geantwortet? Wir schrieben ihm einen ersten Brief „zur Kontaktaufnahme"; er hat ihn erhalten und geantwortet, er habe nicht verstanden, wer eigentlich schreibt. Wir haben noch einmal geschrieben.

Er schweigt. Ein höllischer Mangel an Kräften, und die Alten sind in alle Winde verstreut.

Beinah waren wir in Petersburg schon so weit, zusammen mit der Dumafraktion eine Wochenzeitung herauszubringen (die dortigen Menschewiki tendieren glücklicherweise nicht zu den Liquidatoren, sondern zu Plechanow), aber dann kam die Sache wieder ins Stocken, weiß der Teufel wodurch.

Es handelt sich um die Herausgabe der bolschewistischen legalen Zeitung „Swesda".

Schreiben Sie, wie es Ihnen geht. Kommen Sie mit der Arbeit gut voran?

Wird etwas aus der Zeitschrift, von der wir im Sommer gesprochen haben? Wie steht's mit dem „Snanije"306?

Auf M. F. bin ich böse, und zwar mit Recht. Sie hat versprochen zu schreiben. Nichts. Sie hatte versprochen, Erkundigungen einzuziehen über

die Pariser Bibliothek zur Geschichte der russischen Revolution. Nichts rührt sich. Das ist nicht schön.

Ich drücke Ihnen die Hand.

Ihr Lenin

Trias Bericht aber wird wahrscheinlich noch gedruckt. Die Redaktion des ZO hat es beschlossen. Ist das vielleicht ein Gezänk in dieser Redaktion, nicht auszuhalten...

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1930.


 

195

AN A. M. GORKI

22. XI. 1910

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 428 - 430


Lieber A. M.!

Vor ein paar Tagen, als ich Ihnen die „Rabotschafa Gaseta" schickte, schrieb ich Ihnen und fragte an, was aus der Zeitschrift geworden ist, von der wir uns im Sommer unterhielten und über die Sie mir zu schreiben versprachen.

Heute lese ich in der „Retsch" eine Anzeige über den „Sowremennik", herausgegeben „unter engster und ausschließlicher" (so steht es schwarz auf weiß! Unsinn zwar, aber um so prätentiöser und vielsagender) „Mitwirkung Amphiteatrows" und Ihrer ständigen Mitarbeit.

Was ist das? Wie ist das zu verstehen? Eine „große, monatlich erscheinende" Zeitschrift mit Rubriken für „Politik, Wissenschaft, Geschichte, Gesellschaft" - das ist doch ganz und gar nicht dasselbe wie die Sammelbände, die die besten Kräfte der schönen Literatur zu konzentrieren suchten. Eine solche Zeitschrift muß doch entweder eine ganz bestimmte, ernsthafte und konsequente JUdbtung haben, oder sie wird sich und ihre Mitarbeiter unweigerlich lächerlich machen. Der „Westnik Jewropy" hat eine Richtung, eine schlechte, seichte, stümperhafte Richtung zwar, aber doch eine Richtung, die einem bestimmten Element, bestimmten Schichten der Bourgeoisie dient und die auch bestimmte Kreise der Professoren, der Beamtenintelligenz sowie der sogenannten Intelligenz aus den Kreisen der „anständigen" (richtiger: der anständig sein wollenden) Liberalen vereinigt.

Die „Russkaja Mysl" hat eine Richtung, eine widerliche Richtung zwar, aber doch eine Richtung, die der konterrevolutionären liberalen Bourgeoisie sehr gute Dienste leistet. Das „Russkoje Bocjatstwo" hat eine Richtung, eine volkstümlerische, volkstümlerisch-kadettische Richtung zwar, aber doch eine Richtung, die seit Jahrzehnten ihren Kurs verfolgt und bestimmten Bevölkerungsschichten dient. Auch der „Sowremenny Mir" hat eine Richtung, häufig eine menschewistisch-kadettische Richtung zwar (jetzt tendiert sie zum parteitreuen Menschewismus), aber doch eine Richtung. Eine Zeitschrift ohne Richtung ist widersinnig, sinnlos, skandalös und schädlich. Was für eine Richtung aber kann es bei „ausschließlicher Mitwirkung" Amphiteatrows geben? G. Lopatin ist doch nicht imstande, eine Richtung zu geben, und wenn das Gerede (man sagt, es sei auch in die Presse gelangt) von einer Mitarbeit Katschorowskis stimmt, so ist das eine „Richtung", aber eine Richtung von Schwachköpfen, eine Sozialrevolutionäre Richtung.

Als wir uns im Sommer unterhielten und ich Ihnen sagte, ich hätte schon begonnen, Ihnen einen bekümmerten Brief über die „Beichte" zu schreiben, ihn aber wegen des damals beginnenden Bruches mit den Machisten nicht abgeschickt, da entgegneten Sie: „Sie hätten ihn doch schicken sollen!" Dann warfen Sie mir vor, daß ich die Parteischule auf Capri nicht aufgesucht hätte, und sagten, die Abspaltung der Machisten-Otsowisten hätte Sie, bei einem anderen Verlauf der Dinge, weniger Nerven und weniger Kraft gekostet. Eingedenk dieser Gespräche habe ich mich jetzt entschlossen, Ihnen zu schreiben, ohne Aufschub und ohne eine Bestätigung abzuwarten, unter dem frischen Eindruck der Neuigkeit.

Ich glaube, eine umfangreiche politische und ökonomische Zeitschrift unter ausschließlicher Mitwirkung Amphiteatrows ist noch viel, viel schlimmer als die separate Fraktion der Machisten-Otsowisten. Das Schlimme an dieser Fraktion war und ist, daß die ideologische Strömung vom Marxismus, von der Sozialdemokratie wegführte und wegführt, wobei sie jedoch nicht so weit geht, den Bruch mit dem Marxismus zu vollziehen, sondern lediglich Verwirrung stiftet.

Die Amphiteatrowsche Zeitschrift (wie gut hat sein „Krasnoje Snamja" daran getan, zur rechten Zeit einzugehen!) ist eine politische Aktion, ein politisches Unternehmen, dem selbst die leiseste Erkenntnis dessen abgeht, daß ein allgemeiner „Radikalismus" in der Politik nicht genügt, daß es nach 1905 unzulässig, unmöglich, undenkbar ist, ernstlich von Politik zu reden, ohne seine Stellung zum Marxismus und zur Sozialdemokratie klarzulegen.

Eine böse Sache. Ich bin sehr betrübt.

Ihr Lenin

M. F-na salut et fraternite!*

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924

 

 

197

AN A. M. GORKI

3. 1. 1911

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 433 - 436


Lieber A. M.!

Schon längst wollte ich auf Ihren Brief antworten, aber das Gezänk hier hat sich verschärft*

* Der Schurke Trotzki vereinigt die „Golos"- und „Wperjod"-Leute gegen uns. Krieg!

(daß es 100000 Teufel holten!), und deshalb kam ich nicht dazu.

Dabei möchte ich mich gern mit Ihnen unterhalten.

Vor allem, um es nicht zu vergessen: Tria ist mit Shordanija und Ramischwili zusammen verhaftet. Man berichtet das als feststehende Tatsache.

Schade um den feinen Burschen. Ein Revolutionär.

Zum „Sowremennik". Ich lese heute in der „Retsch" die Inhaltsangabe des ersten Heftes und komme aus dem Schimpfen nicht heraus. Wodowosow über Muromzew... Kolossow über Michailowski, Lopatin „Nicht die Unsrigen" usw. Wie soll man da nicht schimpfen? Und dann noch Sie, als wollten Sie sich lustig machen: „Realismus, Demokratie, Aktivität".

Meinen Sie, das seien gute Worte? Üble Worte sind's, von sämtlichen bürgerlichen Füchsen in der Welt benutzt, angefangen von den Kadetten und Sozialrevolutionären bei uns zu Hause bis zu Briand oder Millerand hierzulande, Lloyd George in England usw. üble und geschwollene Worte, und auch der Inhalt verspricht sozialrevolutionär-kadettisdi zu sein. Nicht schön.

Was Tolstoi betrifft, so teile ich völlig Ihre Meinung, daß die Heuchler und Gauner einen Heiligen aus ihm machen werden. Auch Plechanow ist wütend über das verlogene Geschwätz und über die Kriecherei vor Tolstoi, und wir sind uns hierin einig. Er knöpft sich die „Nascha Sarja" dieser Sache wegen im ZO vor (nächste Nummer), und ich tue es in der „Mysl"

Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 16, S. 375-380.

(heute kam Nr. 1 an. Gratulieren Sie uns - unsere, eine marxistische Zeitschrift in Moskau! War das heute eine Freude bei uns!). Die „Swesda" Nr. 1 (erschienen am 16. XII. in St. Petersburg) bringt ebenfalls ein gutes Feuilleton von Plechanow, mit einer blöden Anmerkung, für die wir der Redaktion bereits die Meinung gesagt haben . . .

Dieser Blödian Jordanski hat das vermutlich mit Bontsch zusammen verfaßt!

Aber wie kann der „Sowremennik" gegen die „Legende von Tolstoi und seiner Religion" kämpfen! Etwa - Wodowosow und Lopatin? Sie belieben zu scherzen.

Daß man dazu übergegangen ist, die Studenten zu verprügeln, ist meiner Ansicht nach tröstlich, aber Tolstoi darf man weder „Passivismus" noch Anarchismus, weder Volkstümlerei noch Religion hingehenlassen.

Was die Donquichotterie in der internationalen Politik der Sozialdemokratie betrifft, haben Sie, glaube ich, nicht recht. Die Revisionisten behaupten doch seit langem, die Kolonialpolitik sei fortschrittlich, sie verbreite den Kapitalismus, und darum sei es verfehlt, „ihn der Habgier und Grausamkeit zu bezichtigen", denn „ohne diese Eigenschaften" sei das Kapital gleichsam „gelähmt".

Donquichotterie und Lamentieren wäre es, wenn die Sozialdemokraten den Arbeitern sagten, es gebe irgendwo eine Rettung ohne die Entwicklung des Kapitalismus, nicht über die Entwicklung des Kapitalismus. Aber wir sagen das nicht. Wir sagen: Das Kapital frißt euch, es wird die Perser auffressen, wird alle auffressen und wird so lange fressen, bis ihr es stürzt. Das ist die Wahrheit. Und wir vergessen nicht hinzuzufügen:

Nur im Wachstum des Kapitalismus liegt das Unterpfand des Sieges über ihn.

Die Marxisten verteidigen keine einzige reaktionäre Maßnahme wie das Verbot von Trusts, die Einschränkung des Handels u. dgl. m. Doch jedem das Seine-, mögen die Chomjakowund Co. Eisenbahnen quer durch Persien bauen, mögen sie die Ljachow

Ljadhow, W. P. - Oberst in der zaristischen Armee, der sich bei der Unterdrückung der nationalen revolutionären Bewegung im Kaukasus und im Iran hervorgetan hatte.

dorthin schicken - Sache der Marxisten aber ist es, den Arbeitern die Augen zu öffnen. Das Kapital frißt und verschlingt, würgt und erwürgt, wehrt euch.

Der Widerstand gegen die Kolonialpolitik und die internationale Räuberei durch die Organisierung des Proletariats, durdh die Verteidigung der Freiheit für den proletarischen Kampf hemmt nicht die Entwicklung des Kapitalismus, sondern beschleunigt sie, da er den Kapitalismus zwingt, zivilisiertere und technisch höherstehende Methoden anzuwenden. Es gibt Kapitalismus und Kapitalismus. Es gibt den Kapitalismus der Oktobristen und Schwarzhunderter, und es gibt den Volkstümler-Kapitalismus (den „realistischen, demokratischen", voller „Aktivität"). Je mehr wir den Kapitalismus vor den Arbeitern der „Habgier und Grausamkeit" überführen, um so schwerer wird sich der Kapitalismus der ersten Art halten können, um so sicherer ist sein Übergang zum Kapitalismus der zweiten Art. Das aber kommt uns, kommt dem Proletariat gelegen.

Sie glauben, ich hätte mich in Widersprüche verwickelt? Am Anfang des Briefes hätte ich die Worte „Realismus, Demokratie, Aktivität" übel gefunden, und jetzt fände ich sie gut? Hier gibt es keinen Widerspruch: übel für den Proletarier, gut für den Bourgeois.

Die Deutschen haben eine Musterzeitschrift der Opportunisten, die „Sozialistischen Monatshefte". Dort fallen lange schon Herren vom Schlage eines Schippel und Bernstein über die internationale Politik der revolutionären Sozialdemokratie her und schreien, daß deren Politik an das „Lamento mitleidiger" Leute erinnere. Das ist ein Trick opportunistischer Gauner, lieber Freund. Lassen Sie sich doch diese Zeitschrift aus Neapel besorgen und ihre Artikel übersetzen, wenn Sie sich für internationale Politik interessieren. Sicherlich gibt es auch bei Ihnen in Italien solche Opportunisten - bloß Marxisten gibt es in Italien nicht, das ist das Abscheuliche an diesem Lande.

Das internationale Proletariat bedrängt das Kapital zwiefach: dadurch, daß es das oktobristisdie Kapital in demokratisches verwandelt und dadurch, daß es - indem es das oktobristische Kapital von sich wegtreibt – es zu den Wilden verpflanzt. Das aber erweitert die Basis des Kapitals und bringt es seinem Tode näher. In Westeuropa gibt es schon fast kein oktobristisches Kapital mehr, beinahe das ganze Kapital ist demokratisch. Das oktobristische Kapital ist aus England und Frankreich nach Rußland und nach Asien gewandert. Die russische Revolution und die Revolutionen in Asien sind der Kampf für die Verdrängung des oktobristischen Kapitals und seine Ablösung durch das demokratische Kapital. Aber das demokratische Kapital ist ein Spätling. Weiter geht sein Weg nicht. Weiter ist es aus mit ihm.

Wie fanden Sie die „Swesda" und.die „Mysl? Erstere ist meiner Ansicht nach farblos. Aber die zweite ist ganz unser Blatt und freut mich maßlos. Nur wird man ihr schnell den Garaus machen.

Wie ist's, könnten Sie nicht im Snanije ein Buch von mir über die Agrarfrage unterbringen? Sprechen Sie einmal mit Pjatnizld. Ich finde keinen Verleger, nichts zu machen. Es ist schier zum Verzweifeln.

Lenin meint anscheinend seine Arbeit „Die Agrarfrage in Rußland am Ausgang des 19. Jahrhunderts", die er 1908 für das Lexikon der Gebrüder Granat geschrieben hatte. Aus Gründen der Zensur wurde diese Arbeit nicht im Lexikon veröffentlicht, und Lenin wollte sie, wie aus dem Brief ersichtlich ist, im Verlag „Snanije" herausgeben. Die Arbeit konnte zu jener Zeit nicht herausgebracht werden. Zum erstenmal erschien sie 1918 in Moskau als Broschüre im Verlag „Shisn i Snanije" (Leben und Wissen).
(Siehe Werke, Bd. 15, S. 59-139.)

Ich lese Ihr Postskriptum: „Mir zittern und frieren die Hände" – und bin empört. Diese miserablen Häuser auf Capri! Das ist doch ein Skandal!

Sogar bei uns gibt es Dampfheizung, und es ist recht warm, aber Ihnen „frieren die Hände". Das darf man sich nicht gefallen lassen.

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Ihr Lenin

Ich habe aus Bologna eine Einladung erhalten, an die Schule zu kommen (20 Arbeiter). Habe abgesagt.

Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 16, S. 333/334.

Mit den „Wperjod"-Leuten will ich nichts zu tun haben. Die Arbeiter holen wir wieder hierher.

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924


 

AN A.M. GORKI

Geschrieben Ende April 1911.

Lenin, Werke, Bd. 36, Seite 152 - 153


Lieber A. M !

Wie steht-s mit der Gesundheit? M. F. schrieb, Sie wären mit Husten usw. zurückgekommen. Hoffentlich sind Sie wieder wohlauf.

Wir haben mit der „Mysl" Pech.

Es handelt sich um die legale bolschewistische Zeitschrift „Mysl", die von der zaristischen Regierung verboten wurde. Sie erschien in Moskau von Dezember 1910 bis April 1911.

Aus der „Retsch" und anderen Zeitungen wissen Sie sicher, worum es sich handelt. Man muß das Unternehmen jetzt nach Petersburg verlegen und von neuem anfangen. Wir haben aber keine legalen zuverlässigen Leute.

Könnten Sie uns nicht helfen, wenn Sie mit der „Mysl" sympathisieren?

Oder vielleicht könnte Pjatnizki helfen? Die Sache ist die, daß wir vorläufig noch Geld haben, um solch eine kleine Zeitschrift herauszugeben (selbstverständlich vorausgesetzt, daß wir alle gratis arbeiten und Außenstehenden 20 Rbl. für den Bogen zahlen! Wie Sie sehen, ist das nicht üppig). Folglich brauchen wir jetzt ausschließlich technische Hilfe: Man muß einen Verleger finden, der die Zeitschrift herausbringen würde, o h n e e i n e Ko p e k e e i g e n e n G e l d e s

a u s z u g e b e n ( w o b e i wir die strengste Legalität so weitgehend anerkennen, daß wir sowohl dem Verleger als auch dem Sekretär der Redaktion + einem Juristen das Recht zubilligen, alles irgendwie Gefährliche zurückzuhalten - vier Nummern haben wir herausgebracht, ohne den geringsten Anlaß zu gerichtlichen Schikanen zu geben. Nr. 5 wurde wegen Kautsky

W. I. Lenin meint die russische Übersetzung der Broschüre K. Kautskys „Jaktisdhe Strömungen in der deutschen Sozialdemokratie", Berlin 1911, deren Anfang in N r . 5 der Zeitschrift „Mysl" vom April 1911 veröffentlicht worden war. Das diente zum Anlaß, die Zeitschrift zu verbieten.

beschlagnahmt!! Natürlich ist das Schikane. Bei Kautsky gibt es nichts, was nicht legal wäre).

Warum sollte uns Pjatnizki oder sonst jemand nicht bei einer so ungefährlichen Sache helfen? Sollte sich kein Verleger finden, so kann man vielleicht einen Sekretär auftreiben — einen legalen Menschen, dem wir für die Scherereien mit der Druckerei und der Expedition monatlich 50 Rbl. zahlen würden. Dazu braucht man einen ehrlichen und gewissenhaften Menschen, nichts weiter. Wir haben keine legalen Leute - außer Arbeitern (diese kommen dafür nicht in Frage), das ist unser Malheur.

Die zweite Sache.

Wir haben hier eine bereits bezahlte Übersetzung der neuesten Artikel Kautskys gegen Maslow.

Es handelt sich um den Artikel K. Kautskys „^Malthusianismus und Sozialismus", der in den Nummern 18, 19, 20 der Zeitschrift „Die Neue Zeit" vom Februar 1911 veröffentlicht wurde.

Eine legale Sache. Etwas, was wir brauchen, denn Maslow hat eine Unmenge zusammengesponnen und die russischen Leser belogen. Das Ganze sind 3-5 Druckbogen.

Könnte man das nicht ohne Honorar (unsere Übersetzung ist ja schon bezahlt) zum Selbstkostenpreis herausgeben? Ist Pjatnizki (oder sonst jemand) für so etwas der geeignete Mann oder nicht?

Die dritte Sache.

J. M. Nachamkis (auch Tiewsorow, Steklow genannt - Verfasser eines guten Buches über Tschernyschewski)

Gemeint ist das Buch J. M . Steklows „CV. Q. Cfsdbernysdhewski, sein Zehen und Wirken (1828-1889)", das im Jahre 1909 erschien.

ist wegen seiner Beziehungen zur sozialdemokratischen Fraktion von Petersburg nach hier ausgewiesen worden, sucht dringend Arbeit und bittet anzufragen, ob man nicht Peary, „Die Entdedkung des 'Nordpols" herausgeben könnte.

Er glaubt, das Buch werde guten Absatz finden.

Was gibt es bei Ihnen Neues hinsichtlich der „Pläne"? Schreiben Sie darüber.

Den Arbeitern aus unserer Schule

Die Parteischule in Longjumeau bei Paris wurde vom bolschewistischen Parteizentrum im Frühjahr 1911 für Funktionäre organisiert, die aus Rußland kamen. Die Lektionen in dieser Schule wurden von
I. F. Armand, N. A. Semaschko u. a. gehalten. Die Schule besuchten unter anderem G. K. Ordshonikidse, J. D. Sewin, I. I. Schwarz und die Arbeiter I. S. Belostozki, A. I. Dogadow, I. W. Prisjagin. Sie haben an Lektionen und Seminaren teilgenommen. Nach Beendigung der Schule leisteten sie in Rußland umfangreiche Parteiarbeit.

aber müssen Sie antworten. Das sind prächtige Burschen. Einer ist Dichter. Der arme Kerl schreibt in einem fort Gedichte, und es ist niemand da, der ihn anleiten, ihm helfen, ihn belehren und beraten könnte.

Ich drücke Ihnen die Hand.

Ihr Lenin

Robert E.Peary : ) „La decouverte du pole nord". Paris. Hervorragend illustriert. Die Klischees kann man hier billig erstehen. Etwa 15 Druckbogen zu je 40000 Druckzeichen. (Ich war eben bei Steklow, der mir diese; Einzelheiten mitgeteilt hat.)


Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924 im Lenin-Sammelband 1.

 

 

 

199

AN A. M. GORKI

27. V. 1911

Lenin, Werke, Bd. 34, Seite 442 - 444


Lieber A.M.!

Dieser Tage erhielt ich einen Brief von Poletajew. Er schreibt unter anderem: „Wir haben einen Brief von Gorki bekommen. Er schlägt N. I. vor, ins Ausland zu kommen, um einen Plan für die Vereinigung auszuarbeiten, die um irgendein Organ herum vorgenommen werden soll, und fügt hinzu, er habe über diese Sache mit Ihnen und mit dem Menschewik M. gesprochen" (ich nehme an, mit Martow).

Poletajew schreibt weiter, daß N. I. für diesen Plan wohl kaum der rechte Mann sei und daß, wenn überhaupt, noch jemand anderes fahren solle. Pokrowski werde wohl schwerlich reisen.

Als ich das in Poletajews Brief las, kriegte ich einen Schreck - bei Gott, einen richtigen Schreck.

Eine Vereinigung unserseits mit Menschewiki vom Schlage Martows ist absolut aussichtslos, wie ich Ihnen hier schon sagte. Wollten wir um eines so aussichtslosen Planes willen eine „Konferenz" veranstalten, so käme nichts weiter als eine Blamage heraus (ich für meine Person werde nicht einmal zu einer Besprechung mit Martow kommen).

Nach Poletajews Brief zu urteilen, ist die Teilnahme der Dumafraktion vorgesehen; ist das nötig? Handelt es sich um eine Zeitschrift - so hat die Dumafraktion nichts damit zu tun. Handelt es sich um eine Zeitung, so muß man im Auge behalten, daß wir mit der „Swesda" reichlich viel Reibereien hatten und noch haben: die Leute haben keine Linie, sie haben Angst, mit uns zusammenzugehen, haben Angst, mit den Liquidatoren zu gehen, sind unschlüssig, tun sich wichtig, schwanken hin und her.

Überdies, wenn man eine Vereinigung zwischen den Plechanowleuten + uns + der Dumafraktion plant, so besteht die Gefahr, daß Plechanow das Ubergewicht erhält, denn in der Dumafraktion überwiegen die Menschewiki. Ist es wünschenswert und vernünftig, Plechanow das Übergewicht zu geben?

Ich fürchte sehr, daß Jordanski für solche Pläne nicht der rechte Mann ist (denn er hat eine „eigene" Zeitschrift, und er wird entweder bremsen oder alles in „seine" Zeitschrift hinüberziehen und sie als seine = halbliberale weiterführen).

Um Enttäuschungen und hoffnungslosem Gezänk aus dem Wege zu gehen, muß man meiner Ansicht nach mit einer „Vereinigung" sehr vorsichtig sein. Wahrhaftig, jetzt darf man sich nicht vereinigen, man muß sich abgrenzen! Sollte sich ein Verleger für eine Zeitschrift oder eine Zeitung finden, so müssen Sie persönlidh den Vertrag mit ihm abschließen (oder sich von ihm, wenn möglich, ohne Vertrag Geld geben lassen); organisiert man aber eine „Konferenz", so gibt das ein heilloses Durcheinander.

Wahrhaftig, ein heilloses Durcheinander.

Ich schreibe Ihnen das, weil ich gern verhindern möchte, daß Sie Zeit verlieren, sich die Nerven ruinieren usw. für etwas, was nur ein Durcheinander ergibt. Ich selbst weiß aus der bitteren Erfahrung der Jahre 1908-1911, daß eine „Vereinigung" jeizt unmöglich ist. Bei uns in der „Mysl" z. B. hatte Plechanow öfters seine Launen - er ist z. B. mit meinem Artikel über die Streiks und über Potressow unzufrieden

Siehe W.I.Lenin, Werke, Bd. 16, S. 401-430, und Bd. 17, S. 44-66.

und meint, ich hätte „ihn" angegriffen! Das haben wir zwar eingerenkt, und einstweilen kann und muß man mit Plechanow arbeiten, aber offizielle Vereinigungen und Konferenzen sind verfrüht und können alles verderben.

Beeilen Sie sich nicht mit der Konferenz!

Bei uns wird mit Bestimmtheit davon gesprochen, daß es ein Rundschreiben Stolypins mit der Anweisung gibt, alle sozialdemokratischen Organe zu verbieten. Das wird schon stimmen. Vor der IV. Duma wird man vermutlich die Zügel noch zehnmal straffer anziehen.

Die legalen Möglichkeiten werden offenbar in nächster Zukunft geringer werden. Man muß die illegale Arbeit tüchtig vorantreiben.

M. F. schrieb, Sie seien gänzlich aus dem „Snanije" ausgeschieden. Also völliger Bruch mit Pjatnizki, und mein voriger Brief ist zu spät gekommen?

Ich drücke Ihnen die Hand.

Ihr Lenin

PS. Die „Sowremennaja Shisn" in Baku hat man auch beschlagnahmt und abgewürgt!

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

AN A.M. GORKI

15. IX. 1911

Lenin, Werke, Bd. 36, Seite 159 - 160


Lieber A. M.!

Das letzte Mal schrieb ich Ihnen wohl vor zwei Monaten , - zu Beginn der Schule

Den Brief, den Lenin erwähnt, siehe Werke, Bd. 34, S. 442-444.

(die jetzt schon beendet ist, die Hörer sind abgefahren).

Eine Antwort habe ich nicht erhalten und dachte, vielleicht haben sich die „Verhandlungen" in die Länge gezogen oder vielleicht hat sich etwas radikal verändert. Dieser Tage war Leschtschenko hier und erzählte von Capri, und ich habe mit Freuden vernommen, daß die Vertagung der von Ihnen beabsichtigten Zusammenkünfte bis „nach dem Jahrmarkt"

Offensichtlich wurde mit „Jahrmarkt" die Beratung der Mitglieder des Zentralkomitees der SDAPR vom 28. Mai bis 4. Juni (10. bis 17." Juni) 1911 in Paris gemeint.

schuld ist. Was die Pläne anbelangt, sagte Leschtschenko, so sind sie auf Capri die alten geblieben: sowohl eine solide Zeitschrift als auch eine große Zeitung und außerdem wohl noch eine Kopekenzeitung.

Ja, ja, das käme jetzt sehr zupaß. Die Liquidatoren kaufen (so erzählt man in Petersburg, von wo wir heute einen Brief bekommen haben) die Kiewskaja Kopejka auf und verlegen sie nach Petersburg. Es wäre äußerst wichtig, wenn man dem etwas entgegenzusetzen hätte.

Bisher haben wir lediglich die letzten Gelder für die Neuausgabe der „Swesda" auftreiben können. Ich rechne sehr auf Ihre Unterstützung:

schicken Sie uns doch einen Artikel. Eine Unterstützung ist besonders am Anfang wichtig, denn es wird nicht leicht sein, die Ausgabe, die unterbrochen

wurde, wieder in Gang zu bringen.

Haben Sie Kamenews Broschüre bekommen und gelesen? Ich hoffe, sie wird eine gewisse Voreingenommenheit zerstreuen, die Sie offenbar gegen

den Verfasser empfinden.

In den Parteiangelegenheiten herrscht bei uns ein tüchtiges Durcheinander, aber immerhin, es geht der Lösung entgegen. Plechanow dreht und wendet sich - das ist vor einer Lösung bei ihm immer so, eine Art Krankheit.

Martow hat Kautsky und Qara Zetkin die (maschinegeschriebene) Übersetzung seiner Broschüre übersandt, wodurch er uns sehr geholfen hat: Kautsky wie Klara Zetkin haben die Broschüre in Grund und Boden kritisiert. Ersterer nannte sie „abscheulich", letztere - „schmutzig".

Nun, alles Gute. Schicken Sie was für die „Swesda".

Schreiben Sie ein paar Zeilen, wenn Sie Lust dazu haben.

Herzlichen Gruß an Maria Fjodorowna.

Ihr Lenin

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1925 im Lenin-Sammelband III.

 

 

Eine Reihe von folgenden Briefen an A. M. Gorki, zeigt, wie W. I. Lenin darum kämpfte, die Kräfte der Partei auf dem Boden der Beschlüsse der Prager Konferenz zusammenzuschließen, und wie er gegen den von Trotzki organisierten parteifeindlichen Augustblock kämpfte.

 

 

1 9 1 2

AN A. M. GORKI

Geschrieben im Februar 1912.

Lenin, Werke, Bd. 35, Seite 1


Lieber A.M.!

Demnächst senden wir Ihnen die Konferenzbeschlüsse.

Gemeint sind die Resolutionen der Prager Parteikonferenz von 1912. Die Resolutionen und die „Mitteilung" über die Konferenz wurden im Februar 1912 vom ZK der SDAPR in Paris als Broschüre herausgegeben. (Siehe „Die KPdSU in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", 7. Auflage, Teil I, Moskau 1954, S. 266-287, russ.)

Endlich ist es gelungen, dem Liquidatorengesindel zum Trotz, die Partei und ihr Zentralkomitee wiederherzustellen. Ich hoffe, Sie werden sich zusammen mit uns darüber freuen.

Wollen Sie nicht ein Maiflugblatt schreiben? Oder eine kleine Flugschrift im Geiste des 1. Mai? Kurz und „herzerhebend", ja? Machen Sie es wie in alten Zeiten - denken Sie an 1905 - und geben Sie kurz Bescheid, wenn Sie Lust haben, etwas zu schreiben. In Rußland gibt es zwei oder drei illegale Druckereien, und das ZK würde wahrscheinlich mehrere zehntausend Exemplare nachdrucken. Gut wäre es, wenn wir eine revolutionäre Flugschrift von der Art der „Märchen" in der „Swesda"2

In der Zeitung „Swesda" wurden 1911 und 1912 sieben „Märchen" von A. M. Gorki aus der Serie „Italienische Märchen" veröffentlicht. (Siehe Maxim Gorki, „Märchen der Wirklichkeit", Berlin 1951.)

hätten. Ich bin sehr, sehr froh, daß Sie der „Swesda" helfen.

Wir haben es verdammt schwer mit ihr — sowohl die inneren als auch die äußeren und die finanziellen Schwierigkeiten sind unermeßlich -, aber dennoch halten wir uns vorläufig.

Ich drücke Ihnen die Hand.

Lenin

PS. Der „Sowremennik" war also gescheit genug einzugehen! Da hat er gut daran getan.

geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1925

 

 

2

AN A.M. GORKI

Geschrieben Februar-März I912.

Lenin, Werke, Bd. 35, Seite 2


Lieber A. M.!

Ich freue mich sehr, daß Sie einverstanden sind, es mit der Abfassung eines Maiflugblattes zu versuchen.

Die Konferenzbeschlüsse lege ich bei.

Das „Shiwoje Delo" habe ich gesehen. Ein widerliches liquidatorisches Blatt, das mit verdeckten Karten spielt. Eine liberale Predigt; sind froh, daß die Polizei es verhindert, die Frage der Partei offen aufzurollen.

Die „Swesda" wird entweder als Wochenzeitung oder täglich als Kopekenzeitung weiter erscheinen. Mit Ihren großartigen „Märchen" haben Sie der „Swesda" sehr, sehr geholfen, und darüber habe ich mich außerordentlich gefreut, so daß die Freude - um es geradeheraus zu sagen - größer war als der Kummer über Ihr „Techtelmechtel" mit den Tschernow und den Amphiteatrow... Brr! Offen gestanden bin ich froh, daß es bei denen „zum Krachen kommt".

Aber daß Sie nicht wissen, wovon Sie leben sollen und wo Sie Ihre Sachen herausbringen können, das ist schlimm. Weiß Gott, Sie hätten den Blutegel Pjatnizki längst davonjagen und einen ehrlichen Menschen, einen einfachen Verwalter beim „Snanije" anstellen sollen (vielleicht ist es schon zu spät, ich weiß es nicht)!!! Ja, wenn das Wörtchen wenn nicht wär... Das wäre eine Goldgrube... Roshkows „Irkutskoje Slowo" bekomme ich sehr selten zu Gesicht.

Der Bursche ist Liquidator geworden. Und Tschushak ist ein ausgemachter Blödian, ein Erznarr, mit Prätentionen.

lhr Lenin

Maria Fjodorowna vielen Dank für den Brief nach Moskau und tausend Grüße!

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1927.


 

15

AN A. M. GORKI

Krakau. 1. August 1912

Krakau. Österreich.

Zwierzyniec. 218. Wl. Ujanow.

Lenin, Werke, Bd. 35, Seite 28 - 29


Lieber A.M.!

Ich habe Ihren Brief und den der Sibirier erhalten. Meine Adresse ist jetzt nicht Paris, sondern Krakau - siehe oben.

Mir ist nicht ganz klar, aus welcher Partei Sie mich eigentlich hinausjagen wollten - etwa aus der Sozialrevolutionären?

Nein, Scherz beiseite, eine unschöne Manier haben Sie sich angeeignet, eine spießige, eine Bourgeoismanier - alles abzutun mit der Bemerkung: „Ihr seid ja alle Querulanten." Sehen Sie sich doch einmal die neue Sozialrevolutionäre Literatur an: „Potschin", „Iswestija Sagranitschnoi Oblastnoi Organisazii" - vergleichen Sie mit der „Rewoluzionnaja Mysl", mit der „Rewoluzionnaja Rossija" - , und dann noch mit Ropschin etc. Denken Sie an die „Wechi" und die Polemik (quasi-Polemik) Miljukows und Gredeskuls (der heute entdeckt hat, daß Rußland keine zweite Revolution braucht) gegen die „Wechi" usw. usw.

Vergleichen Sie das alles zusammengenommen — die ganze Summe der geistigen Strömungen in den Jahren 1908-1912 bei den Sozialrevolutionären, Trudowiki, Bessaglawzen und Kadetten - mit dem, was bei den Sozialdemokraten war und ist (irgendwann wird sich bestimmt jemand - ein Historiker wahrscheinlich - dieser Arbeit unterziehen). Sie werden sehen, daß sich alle, buchstäblich alle NichtSozialdemokraten mit eben denselben, buchstäblich eben denselben Fragen befaßten, um derentwillen sich bei uns von der Partei Grüppchen zum Liquidatorentum und Otsowismus hin abspalteten.

Über „Gezänk" bei den Sozialdemokraten schreien mit Vorliebe die Bourgeois, die Liberalen und die Sozialrevolutionäre, die die „heiklen Fragen" nidbt ernst nehmen, hinter den anderen einhertrotten, diplomatisch lavieren und in Eklektizismus machen. Der Unterschied zwischen den Sozialdemokraten und ihnen allen liegt darin, daß sich bei den Sozialdemokraten hinter dem Gezänk der Kampf zwischen Gruppen verbirgt, ein Kampf, der tiefgehende und klare ideologische Wurzeln hat, während bei jenen die Auseinandersetzungen äußerlich geglättet, innerlich hohl, kleinlich und erbärmlich sind. Niemals und um keinen Preis würde ich den heftigen Kampf der Strömungen bei den Sozialdemokraten gegen die geleckte Hohlheit und Armseligkeit der Sozialrevolutionäre und Co. eintauschen.

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Ihr Lenin

PS. Gruß an M. F.!

PS. In Rußland aber haben wir einen revolutionären Aufschwung, nicht irgendeinen anderen, sondern eben einen revolutionären. Und es ist uns doch gelungen, eine Tageszeitung, die „Prawda", herauszubringen - unter anderem gerade dank jener Konferenz

Es handelt sich um die Prager Parteikonferenz von 1912

(im Januar), über die die Dummköpfe kläffen.

Geschickt nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.


 

17

AN A. M. GORKI

Geschrieben im August 1912.

Lenin, Werke, Bd. 35, Seite 32 - 33


Lieber A. M.!

Wenn Sie zugeben, daß „unser Gezänk in einem unversöhnlichen Unterschied der ideologischen Wurzeln seine Ursache hat", daß es bei den Sozialrevolutionären ebenso ist (daß es auch bei den Kadetten so ist — „Wechi" -, das haben Sie nicht hinzugefügt, aber da gibt es keinen Zweifel), daß sich eine reformistische (ein treffendes Wort!) Partei herausbildet - dann darf man nicht sowohl zum Liquidator als auch zu dessen Gegner sagen: „Ihr seid ja beide Querulanten."

Dann ist es an denen, die die ideologischen Wurzeln des „Gezänks" erkannt haben, ohne sich an ihm zu beteiligen, der Masse zu helfen, die Wurzeln aufzufinden, nicht aber die Masse dafür zu entschuldigen, daß sie die Auseinandersetzungen als „Privatsache der Generale" betrachtet.

Wir „Führer haben kein einziges verständliches Buch, keine einzige vernünftige Broschüre geschrieben" . . . Das stimmt nicht. Wir haben geschrieben, wie wir"s verstehen. Nicht weniger verständlich, nicht weniger vernünftig als früher. Und wir haben viel geschrieben. Es ist vorgekommen, daß wir gegen verschiedene Leute ohne jedes „Gezänk" schrieben (gegen die „Wechi", gegen Tschernow; gegen Roshkow

Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 16, S. 117-125, und Bd. 17, S. 302-313.

usw.).

[Bekommen Sie alle Nummern der „Newskaja Swesda" zu Gesicht?]

. . . „Das Ergebnis hiervon: in Rußland gibt es heute unter den Arbeitern sehr viele prächtige... junge Menschen, aber sie sind so fanatisch gegen das Ausland eingestellt" . . . das stimmt tatsächlich, daran sind aber nicht die „Führer" schuld, sondern das liegt daran, daß Rußland und die Emigrantenzentren voneinander abgeschnitten oder, richtiger, auseinandergerissen sind. Das Auseinandergerissene muß man zusammenknüpfen; doch über die Führer herfallen ist zwar billig und populär, bringt aber wenig Nutzen... „daß sie den Arbeitern von der Teilnahme an der Konferenz abraten" . . .

An welcher Konferenz? An der jetzt von den Liquidatoren einberufenen?

Davon raten doch auch wir ab! Liegt hier nicht ein Mißverständnis bei Ihnen vor?

Ich habe gelesen, daß Amphiteatrow, ich glaube sogar, in einer Warschauer Zeitung, für den Boykott der IV. Duma eingetreten ist? Haben Sie diesen Artikel? Schicken Sie ihn mir bitte, ich sende ihn zurück.

Und in der Baltischen Flotte brodelt es! In Paris hat mich ein Genosse besucht (das bleibt unter uns), den eine Versammlung von Matrosen und Sozialdemokraten speziell delegiert hatte. Keine Organisation - es ist einfach zum Heulen!! Wenn Sie Verbindung zu Offizieren haben, so müssen alle Anstrengungen gemacht werden, um etwas auf die Beine zu stellen. Bei den Matrosen herrscht eine kämpferische Stimmung, aber sie können wieder alle umsonst zugrunde gehen.

Die Artikel in den „Saprossy Shisni" sind Ihnen aber vorbeigelungen.

Nebenbei bemerkt, eine seltsame Zeitschrift, liquidatorisch-trudowikischwechistisch.

Übrigens, genau die „nichtständische reformistische" P ar te i . . .

Sie fragen, weshalb ich in Österreich bin. Das ZK hat sein Büro nach hier verlegt (das bleibt unter uns): die Grenze ist nahe, wir nutzen sie aus, es ist näher nach Petersburg, in zwei Tagen haben wir die Zeitungen von dort, für die dortigen Zeitungen zu schreiben ist unvergleichlich leichter geworden, die Zusammenarbeit klappt besser. Gezänk gibt es hier weniger, das ist ein Plus. Aber es gibt keine gute Bibliothek, das ist ein Minus. Ohne Bücher ist es schwer.

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Ihr Lenin

Gruß an M. F.

Geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

Auszug – Gorki betreffend


227

AN A.I. ULJANOWA-JELISAROWA

Lenin, Band 37, Seite 418

Geschrieben im Herbst 1912.

Geschickt von Krakau nach Saratow.

Zuerst veröffentlicht 1930

in der Zeitschrift „Vroietarskaja.Jlewohzija" Nr. 4.


Ab und zu erhalte ich Nachricht von Gorki, der uns jetzt weniger unfreundlich gesonnen ist als vorher.


19

AN A. M. GORKI

Geschrieben Anfang Oktober I912.

Lenin, Werke, Bd. 35, Seite 36


Lieber A. M.!

Wie steht es mit Ihrer Gesundheit? Das letztemal berichteten Sie nichts Gutes - erhöhte Temperatur und dgl. Sind Sie wieder ganz auf dem Posten? Schreiben Sie ein paar Zeilen - ich wäre Ihnen sehr dankbar.

Nichts und immer wieder nichts von Ihnen in der „Prawda". Schade.

Man müßte die Zeitung unterstützen.

Wir stecken jetzt „bis über die Ohren" in den Wahlen. Der Absentismus ist verdammt groß. Auch in der Arbeiterkurie. Aber dennoch sind überall Sozialdemokraten gewählt worden. Vom Ausgang der Wahlen hängt sehr vieles für den Aufbau der Partei ab.

Haben Sie von der Liquidatorenkonferenz gehört?

In welcher Zeitschrift werden Sie Ihre Sachen drucken lassen? Was ist mit dem „Snanije" ?

Ich drücke Ihnen fest die Hand und wünsche Ihnen rasche und gute Genesung.

Gruß an M. F.

Ihr Lenin

PS. Meine Adresse ist nicht Paris, sondern Krakau: Ulica Lubomirskiego. 47. Krakau.

PS. Haben Sie den „Lutsch" gesehen? Haben Sie nicht gehört, was für ein Unternehmen der „Den" ist? Man sagt, es sei ein Organ Wittes...

Geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1927

 

 

20

AN A.M. GORKI

geschrieben am 17. Oktober 1912.

Lenin, Werke, Bd. 35, Seite 37 - 38


Lieber A. M.!

Dieser Tage erhielt ich von der Redaktion der „Prawda" aus Petersburg einen Brief, in dem man mich bittet, Ihnen mitzuteilen, daß sich die Redaktion über Ihre ständige Mitarbeit außerordentlich freuen würde. „Wir möchten Gorki 25 Kopeken pro Zeile anbieten, fürchten aber, er könnte sich beleidigt fühlen", schreiben sie mir.

Meiner Ansicht nach gibt es hier absolut keinen Grund, beleidigt zu sein. Niemand kann auch nur auf den Gedanken kommen, Ihre Mitarbeit könnte durch Erwägungen über das Honorar bestimmt werden.

Genauso weiß jeder, daß die Arbeiterzeitung „Prawda", die gewöhnlich 2 Kopeken pro Zeile, meist aber gar nichts zahlt, überhaupt nicht imstande ist, jemanden durch Honorare anzulocken.

Daran jedoch, daß die Mitarbeiter einer Arbeiterzeitung ein wenn auch geringes, aber doch regelmäßiges Entgelt bekommen, ist „außer Gutem" nichts Schlimmes. Die Auflage beträgt jetzt 20 000-25 000. Es wird Zeit, an eine geregelte Entlohnung der Mitarbeiter zu denken. Was ist denn Schlimmes daran, wenn nach und nach alle, die an der Arbeiterzeitung mitwirken, anfangen etwas zu verdienen? Und was kann an diesem Angebot beleidigend sein?

Ich bin überzeugt, daß die Befürchtungen der Petersburger Redaktion der „Prawda" ganz unbegründet sind und daß Sie ihr Angebot nicht anders als kameradschaftlich aufnehmen werden. Schreiben Sie ein paar Zeilen, entweder direkt an die Redaktion oder an mich.

Morgen sind in Petersburg die Wahlen der Wahlmänner (für die Arbeiterkurie). Der Kampf mit den Liquidatoren ist entbrannt. In Moskau und Charkow haben die Parteitreuen gesiegt.

Haben Sie den „Lutsch" gesehen, und bekommen Sie ihn überhaupt?

Die haben aber die Karten vertauscht und spielen jetzt die „Biedermänner"!

Ich habe die Anzeige über den „Krugosor" gesehen.

„Krugosor" (Rundblick) - literarisch-politische Monatsschrift bürgerlichliberaler
Richtung; wurde in Petersburg herausgegeben. Es erschienen
zwei Nummern: im Januar und im Februar 1913. A. M. Gorki wurde als
Mitarbeiter der Zeitschrift genannt, arbeitete jedoch nicht daran mit.

Ist das Ihr Unternehmen, oder sind Sie dort Gast?

Ich drücke Ihnen fest die Hand und wünsche Ihnen vor allem Gesundheit.

Gruß an M. F.

Ihr Lenin

47. Ulica Lubomirskiego. Krakau.

geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

AN DIE REDAKTION DER „PRAWDA"

Geschrieben nach dem 2. November 1912.

Geschickt von Krakau nach Petersburg

Lenin, Werke, Bd. 36, Seite 174

(Auszug Gorki betreffend)


Werter Kollege!

Ich habe auf Ihre Bitte hin an Gorki geschrieben und von ihm heute Antwort erhalten. Er schreibt:

Schicken Sie beiliegende Notiz an die ,Prawda'. Von Honorar kann keine Rede sein, das ist Unsinn. An der Zeitung werde ich mitarbeiten und ihr demnächst Manuskripte einsenden. Ich konnte das bisher nur deshalb nicht tun, weil ich furchtbar beschäftigt bin, ich arbeite täglich an die zwölf Stunden, das Kreuz tut mir weh."

Wie Sie sehen, ist Gorki sehr freundschaftlich gestimmt.

* Beiliegend ein Brief Gorkis an den „Sowremenny Mir"

„Sowremenny Mir" (Die Welt der Gegenwart) - Monatsschrift für Literatur, Wissenschaft und Politik, die von 1906 bis 1918 in Petersburg erschien.
Engste Mitarbeiter der Zeitschrift waren Menschewiki. In der Periode des Blocks mit der Plechanowschen Gruppe der parteitreuen Menschewiki und zu Beginn des Jahres 1914 arbeiteten an der Zeitschrift auch Bolschewiki mit. Während des imperialistischen Weltkriegs 1914-1918 wurde die Zeitschrift zu einem Organ der Sozialchauvinisten.

über Aushändigung der „Märchen" an Sie. Greifen Sie rasch zu.

Ich hoffe, Sie werden sich zu ihm ebenso verhalten und sorgsam darauf achten, daß ihm die „Prawda" pünktlich zugeschickt wird. Mit der Expedition hapert es manchmal, so daß man von Zeit zu Zeit unbedingt kontrollieren und zwar selbst kontrollieren muß.

Wenn Sie seine freundschaftliche Stimmung erhalten wollen, so schicken Sie (mir zur Weiterleitung an ihn) auch Neuerscheinungen, die ihn interessieren könnten, und das eine oder andere Manuskript.

Alles Gute.

I h r . . .

 

 

 

25

AN A.M. GORKI

Geschrieben am 22. oder 23. Dezember 1912.

Lenin, Werke, Bd. 35, Seite 45 - 46


Lieber AI. M.!

Schon lange habe ich keine Nachricht von Ihnen. Wie geht es Ihnen? Sind Sie gesund?

Heute habe ich Nr. 187 der „Prawda" mit dem Abonnement für 1913 erhalten. Die Zeitung ist in einer schwierigen Lage: nach dem Rückgang der Auflage im Sommer geht es sehr langsam bergauf, und das Defizit bleibt bestehen. Vorübergehend wurden sogar die Zahlungen an zwei ständige Mitarbeiter eingestellt, was unsere Lage überaus erschwert hat.

Wir beabsichtigen eine verstärkte Abonnentenwerbung unter den Arbeitern, um mit den einlaufenden Geldern die Zeitung zu konsolidieren und zu erweitern, sonst bleibt mit Beginn der Duma gar kein Platz mehr für Artikel.

Ich hoffe, Sie werden sich auch an der Abonnentenwerbung beteiligen, um die Zeitung wieder „flottmachen" zu helfen. In welcher Form? Wenn Sie ein Märchen oder sonst etwas Passendes haben, so wäre eine entsprechende Ankündigung eine sehr gute Werbung. Wenn nicht, schicken Sie Ihr Versprechen, in nächster Zeit, und zwar im Jahre 1913, etwas zu schreiben. Schließlich wären einfach ein paar Zeilen von Ihnen in Form eines "Briefes an die Arbeiter über die Wichtigkeit, die Arbeiterzeitung (durch Abonnement, Verbreitung, Sammlungen) aktiv zu unterstützen, gleichfalls eine ausgezeichnete Werbung.

Schreiben Sie bitte, so oder so, direkt an die Redaktion der „Prawda" (Jamskaja, 2, St. Petersburg) oder hierher an mich. Uljanow. (47. Lubomirskiego. Krakau.)

Krieg wird es wahrscheinlich nicht geben; wir bleiben also vorläufig hier und machen uns den erbitterten Haß der Polen gegen den Zarismus „zunutze".

Die Liquidatoren reiten jetzt eine Attacke gegen revolutionäre Streiks!

So tief sind sie gesunken. Man spricht von Streik und Demonstration am 9. Januar.

Von den Arbeiterabgeordneten der drei Dumas (der II., III. und IV.) sind zum erstenmal alle sechs Abgeordneten der wichtigsten Gouvernements auf seiten der Partei. Es ist schwer, aber dennoch geht es vorwärts.

Haben Sie gesehen, wie die „Sawety" (in der Antwort auf einen Brief von Natanson und Co. an die Redaktion) im Namen der „Freiheit des Gedankens und der Kritik" Ropschin „verteidigen"? Das ist ja schlimmer als alles Liquidatorentum - ein verworrenes, feiges, verschlagenes und nichtsdestoweniger systematisches Renegatentum!

Wir schwimmen „gegen den Strom" . . . Für die revolutionäre Agitation unter den Massen muß man jetzt gegen sehr viele „Auch-Revolutionäre" kämpfen... Die Arbeitennassen sind revolutionär gestimmt, zweifellos, aber die neue demokratische Intelligenz (darunter auch die Arbeiterintelligenz) mit einer revolutionären Ideologie wächst nur langsam heran, bleibt zurück, kommt vorläufig noch nicht nach.

Herzlichsten Gruß!

Schreiben Sie bitte ein paar Zeilen.

Ihr Lenin

PS. Gruß an M. F.!

Sie läßt ja überhaupt nichts mehr von sich hören..

geschickt nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

1 9 1 3


26

AN A. M. GORKI

Anfang Januar 1913.

Lenin, Band 35, Seite 47 - 50



Lieber A. M.!

Auch ich beglückwünsche Sie zum neuen Jahr und wünsche Ihnen alles, alles Gute, vor allem aber Gesundheit! Malinowski

Malinowski wurde später als Provokateur entlarvt.

, Petrowski und Badajew sind augenblicklich hier bei uns. Gestern erhielt ich Ihren Brief, den ich ihnen vorlas; sie haben sich alle außerordentlich gefreut. Malinowski wollte zu Ihnen kommen, aber wegen der Entfernung wird wohl nichts draus. Ach, wenn Sie doch etwas näher sein könnten . . . Wie schön wäre es, wenn Ihre Gesundheit es erlaubte und Sie in einen der hiesigen galizischen Kurorte, etwa Zakopane, übersiedelten, sich in den Bergen einen gesunden Ort aussuchten und so Rußland um zwei Tage näher sein könnten! Man könnte häufiger Arbeiter hierherkommen lassen, könnte wieder eine Arbeiterschule einrichten,

Die Arbeiter-Parteischule, von der Lenin schreibt, sollte im Sommer oder
Herbst 1913 in Poronin (Galizien) für die Mitglieder der sozialdemokratischen
Fraktion der IV. Reichsduma und andere Parteiarbeiter organisiert
werden. Das Vorhaben wurde nicht verwirklicht.

der Grenzübergang ist nicht schwierig, die Fahrt von Petersburg kostet 12 Rubel, der Verkehr mit Arbeitern Moskaus und des Südens ist gleichfalls möglich... Ich bin im Zusammenhang mit M. F.s Reise ins Träumen gekommen... Wunderbar hat sie sich das ausgedacht, wirklich wunderbar.

Schreiben Sie unbedingt bei Gelegenheit, ob es ihr gelungen ist, sich zu legalisieren (sicher.gelingt es). Schreiben Sie außerdem, wie Malinowski sie in Petersburg oder in Moskau finden kann, über Tichonow?

Wenn wir kein Geld zur Erweiterung und Stabilisierung der „Prawda" auftreiben können, geht sie ein. Das Defizit beträgt jetzt täglich 50-60 Rubel.

Man müßte die Auflage erhöhen, die Ausgaben einschränken, die Zeitung erweitern. 200 Nummern haben wir durchgehalten - das ist ein Rekord. Wir beeinflussen immerhin 20 000-30 000 Arbeiterleser systematisch im marxistischen Geiste, das ist eine sehr große Sache, und es wäre schrecklich schade, wenn sie einginge. Wir überlegen mit den Abgeordneten hin und her und erwägen alle Möglichkeiten, wie die „Prawda" aus der schwierigen Lage herauskommen könnte, fürchten aber, daß es ohne finanzielle Unterstützung von außen nicht geht.

Malinowski, Petrowski und Badajew lassen Sie herzlichst grüßen und senden Ihnen die besten Wünsche. Es sind feine Kerle, besonders der erste. Ja, mit solchen Menschen kann man wahrhaftig eine Arbeiterpartei aufbauen, wenn auch die Schwierigkeiten unglaublich groß sind. Der Krakauer Stützpunkt hat sich als nützlich erwiesen: unsere Übersiedlung nach Krakau hat sich (vom Standpunkt der Sache) vollauf „bezahlt gemacht".

Die Abgeordneten bestätigen, daß die revolutionäre Stimmung in den Arbeitermassen unbedingt stärker wird. Wenn man jetzt eine gute proletarische Organisation schafft, in der die liquidatorischen Verräter nicht stören können - Teufel noch einmal, was kann man da beim Wachsen der Bewegung von unten für Siege erringen...

Was Sie von den Briefen aus Rußland berichten, ist außerordentlich interessant und kennzeichnend. Menschewistische Arbeiter sagen, Marx sei für Rußland überlebt!! Und das ist kein Einzelfall. Die Liquidatoren tragen so viel Demoralisation, so viel Verrätergeist, so viel Renegatentum in die Bewegung hinein, daß man sich's kaum vorstellen kann. Und dabei noch Tausende Intrigen für eine „Vereinigung" mit ihnen: das einzige Mittel, die ganze Sache zuschanden zu machen, den mit Mühe begonnenen Aufbau der Partei zu hintertreiben, besteht darin, wieder anzufangen mit den Intrigen = „Vereinigung" mit den Liquidatoren. Nun, wir werden weiterkämpfen...

Ich bin von ganzem Herzen bereit, Ihre Freude über die Rückkehr der „Wperjod"-Leute zu teilen, wenn... ja, wenn Ihre Annahme richtig ist, daß, wie Sie schreiben, „der Machismus, die Gottbildnerei und all diese Geschichten sich für immer festgefahren haben". Wenn das stimmt, wenn die „Wperjod"-Leute das begriffen haben oder jetzt begreifen, teile ich Ihre Freude über ihre Rückkehr von Herzen. Aber ich betone: „wenn", denn das liegt vorläufig noch mehr im Bereich der Wünsche als der Tatsachen. Erinnern Sie sich unserer „letzten Begegnung" mit Bogdanow, Basarow und Lunatscharski im Frühjahr 1908 auf Capri? Erinnern Sie sich, daß ich damals sagte, wir werden uns für 2-3 Jahre trennen müssen, und M. F., die den Vorsitz führte, hat damals noch heftig protestiert, mich zur Ordnung gerufen usw.! Wie sich herausgestellt hat, sind es 4 1/2, fast 5 Jahre geworden. Und das ist noch wenig für eine solche Periode tiefsten Zerfalls, wie es die Jahre 1908-1911 waren. Ich weiß nicht, ob Bogdanow, Basarow, Wolski (ein halber Anarchist), Lunatscharski und Alexinski fähig sind, aus den schweren Erfahrungen von 1908 bis 1911 die Lehren zu ziehen. Haben sie begriffen, daß der Marxismus eine ernstere und tiefgründigere Sache ist, als ihnen das schien, daß es nicht angeht, seinen Spott mit ihm zu treiben, wie das Alexinski tat, oder ihn wie ein totes Ding zu behandeln, wie das die übrigen taten? Wenn sie es begriffen haben, so seien sie tausendmal gegrüßt, und unter alles Persönliche (was der heftige Kampf unvermeidlich mit sich gebracht hat) wird augenblicklich ein Strich gezogen.

Wenn sie es aber nicht begriffen, wenn sie keine Lehren daraus gezogen haben, dann nehme man es mir nicht übel: da hilft keine Freundschaft, der Strauß wird ausgefochten. Gegen Versuche, den Marxismus zu verunglimpfen oder in die Politik der Arbeiterpartei Verwirrung zu tragen, werden wir auf Tod und Leben kämpfen.

Ich bin sehr froh, daß der Weg zur allmählichen Rückkehr der „Wperjod" -Leute gerade über die „Prawda" gefunden wurde, von der sie nicht unmittelbar Schläge bezogen haben. Das freut mich sehr. Aber gerade im Interesse einer bleibenden Annäherung muß man an diese Annäherung jetzt langsam, vorsichtig herangehen. So habe ich auch an die „Prawda" geschrieben. Hierauf müssen auch die Freunde einer Wiedervereinigung der „Wperjod" -Leute mit uns ihre Anstrengungen richten:

eine vorsichtige, durch die Erfahrung zu prüfende Rückkehr der „Wperjod"-Leute vom Machismus, vom Otsowismus und von der Gottbildnerei kann verdammt viel geben. Die kleinste Unvorsichtigkeit und „ein Rückfall in die machistische, otsowistische etc. Krankheit" - und der Kampf flammt noch erbitterter auf . . . Bogdanows neue „Philosophie

der lebendigen Erfahrung" habe ich nicht gelesen: wahrscheinlich derselbe Machismus in neuem Gewände...

Mit Sergej Moissejew in Paris haben wir ausgezeichnete Verbindung, wir kennen ihn schon lange und arbeiten mit ihm zusammen.

Das ist ein echter Parteigenosse und Bolschewik. Das sind die Leute, mit denen wir die Partei aufbauen, aber sie sind verdammt rar geworden.

Noch einmal drücke ich Ihnen die Hand, ich muß doch endlich Schluß machen, denn der Brief ist auch so schon ungebührlich lang.

Bleiben Sie gesund!

Ihr Lenin

N. K. läßt von Herzen grüßen!

(Bei uns hier sind noch einige gute Parteiarbeiter aus Rußland zusammengekommen. Wir veranstalten eine Beratung.


Gemeint ist die Beratung des ZK der SDAPR mit Parteifunktionären, die
aus konspirativen Gründen „Februar"beratung genannt wurde. Die Beratung
fand vom 26. Dezember 1912 bis 1. Januar 1913 (8. bis 14. Januar
1913) in Krakau statt.

Ach, das Geld fehlt, sonst würden wir vom hiesigen Stützpunkt aus verdammt viel ausrichten!)

Ich schreibe heute an die „Prawda", damit man dort nach Rückfrage bei Tichonow eine Notiz bringt, daß Tichonow und Sie den belletristischen Teil der „Prawda" leiten. So ist es doch? Schreiben auch Sie ihnen, wenn sie das nicht bringen.

geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1925.



 

28

AN A.M. GORKI

Ende Januar 1913

Lenin, Band 35, Seite 52 - 55



Lieber A. M.!

Selbstverständlich habe ich nichts dagegen, daß Sie meinen Brief an Tichonow gesandt haben.

Lunatscharskis Feuilleton „Zwischen Furcht und Hoffnung" beginnt mich nach dem, was Sie mir davon erzählen, zu interessieren. Könnten Sie es mir schicken, wenn Sie es gerade nicht brauchen? Ich schicke es auf Wunsch sofort zurück.

Über die Sammlungen für die Moskauer Zeitung haben wir uns sehr gefreut.

Es handelt sich um die Vorbereitung zur Herausgabe der legalen bolschewistischen Moskauer Zeitung „Nasch Put", deren erste Nummer am 25. August (7. September) 1913 erschien.

Diese Sache wird unser Abgeordnetentrio aus dem Moskauer Gebiet in die Hand nehmen: Malinowski, Schagow und Samoilow. Das ist schon abgemacht. Aber Vorsicht ist geboten: bevor die „Prawda" nicht gesichert ist, darf man nicht an die Herausgabe der Moskauer Zeitung gehen. Wir haben den Plan, eine „Moskowskaja Prawda" zu gründen.

An Tichonow schreiben Sie bitte, er möchte nur mit Badajew und Malinowski sprechen, mit diesen beiden aber unbedingt.

Besonders haben mich in Ihrem Brief die Worte gefreut: „Aus allen Plänen und Absichten der russischen Intelligenz geht völlig unzweifelbar hervor, daß das sozialistische Denken mit verschiedenartigen Strömungen durchsetzt ist, die ihm von Grund auf feind sind: da gibt es Mystik und Metaphysik und Opportunismus und Reformismus und die Überbleibsel der Volkstümlerideologie. Alle diese Strömungen sind umso feindlicher, als sie äußerst unb estimmt bleiben und, da sie keine eigene Tribüne haben, nicht genügend klare Formen annehmen können."

Ich hebe die Worte hervor, die mir ganz besonders gefallen haben. Das ist es gerade: „Von Grund auf Feind", und dies um so mehr, als sie unbestimmt bleiben. Da fragen Sie nach Stepanow (I. I.). Wie hat er (ein feiner Kerl, fleißig, beschlagen usw.) sich in der Epoche des Zerfalls und der Schwankungen (1908-1911) gezeigt? Er wollte die Aussöhnung mit den „Wperjod" -Leuten. Das heißt aber doch, daß er selbst geschwankt hat.

Er schrieb mir Briefe, man müsse endgültig die Idee einer demokratischen Revolution in Rußland aufgeben, bei uns werde die Sache ohne Revolution, nach österreichischer Manier vor sich gehen. Ich habe ihn wegen dieser Plattheiten einen Liquidator gescholten.

Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 34, S. 401-404.

Er hat es übelgenommen.

Und dann platzte Carin mit diesen selben Ideen in der Presse heraus.

Jetzt schreibt Stepanow demonstrativ nicht bei uns, sondern für Roshkows „Nowaja Sibir" in Irkutsk

„Nowaja Sibir" (Neues Sibirien) - politisch-literarische Tageszeitung liberaler Richtung; erschien von Dezember 1912 bis Februar 1913 in Irkutsk. Der Liquidator N . Roshkow war faktisch Redakteur der Zeitung.

Und wissen Sie, was Roshkow für eine „Strömung" eröffnet hat? Haben Sie seinen Artikel in der „Nascha Sarja" vom Jahre 1911 und meine Antwort in der „Swesda" gelesen?

Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 17, S. 302-313.

Aber Roshkow hat sich auf seinen Erzopportunismus versteift. Und Stepanow? Allah mag aus ihm klug werden. Das ist es eben: eine „äußerst unbestimmte" und verworrene Position. Ich würde Stepanow jetzt nie ein auch nur einigermaßen selbständiges Ressort anvertrauen: man muß bei ihm auf die unmöglichsten Sprünge gefaßt sein. Aber als Mitarbeiter könnte er wahrscheinlich nützlich sein. Er gehört zu denen, die „sich nicht zurechtgefunden haben". Ihm die „Organisation" eines Ressorts zu übertragen, hieße sowohl ihn als auch das Ressort mit Sicherheit zugrunde richten.

Sie schreiben: „Es wird Zeit, daß wir unsere eigene Zeitschrift erhalten, aber wir haben nicht die genügende Anzahl von Leuten, die richtig am selben Strang ziehen."

Den zweiten Teil dieses Satzes akzeptiere ich nicht. Die Zeitschrift würde eine genügende Anzahl von Leuten zwingen, am selben Strang zu ziehen, wenn wir nur erst die Zeitschrift, wenn wir nur erst den Stamm haben.

Den Stamm haben wir, aber die (solide) literarisch-publizistische Zeitschrift haben wir aus äußeren Gründen nicht: das Geld fehlt. Wäre Geld da, so bin ich sicher, wir könnten auch jetzt eine solide Zeitschrift zuwege bringen, denn zu einem Stamm von Mitarbeitern kann man gegen Bezahlung viele hinzuziehen, indem man Themen in Auftrag gibt und die Arbeit verteilt.

Solange kein Geld da ist, sollten wir meiner Ansicht nach nicht nur Zukunftspläne schmieden, sondern auch aus dem Vorhandenen etwas aufbauen, das will besagen - aus dem „Prosweschtschenije". Das ist natürlich nur ein kleiner Fisch, aber erstens wächst ja alles Große aus Kleinem.

Zweitens ist ein kleiner Fisch besser als eine große Schabe.

Es ist an der Zeit, es ist schon längst an der Zeit, daß wir beginnen, uns einzuspielen, wenn wir eine große Anzahl von Leuten haben wollen, die „am selben Strang ziehen".

„Es wird Zeit, daß wir unsere eigene Zeitschrift erhalten." Ein Stamm von Autoren ist da. Die Richtigkeit der Linie ist durch die Erfahrungen von 12 (oder sogar 20) Jahren und besonders durch die Erfahrungen der letzten 6 Jahre bestätigt. Um diesen Stamm muß man Kräfte sammeln, ihn damit zugleich im einzelnen genauer herausbilden, ihn entwickeln und erweitern. Anfangen mußten wir mit dem Illegalen und mit der „Prawda".

Aber dabei stehenbleiben wollen wir nicht. Und weil Sie nun schon gesagt haben, „es wird Zeit, daß wir unsere eigene Zeitschrift erhalten", so gestatten Sie, daß ich Sie beim Wort nehme: entweder man entwirft sofort einen Plan, um das Geld für eine solide Zeitschrift mit dem und dem Programm, mit der und der Redaktion, mit dem und dem Mitarbeiterkollegium aufzubringen, oder man beginnt nach demselben Plan, das „ProswesMsdhenije" zu erweitern.

Oder besser: nicht entweder — oder, sondern: sowohl — als auch.

Ich erwarte Ihre Antwort. Aus Wien haben Sie wahrscheinlich schon einen Brief über das „Proswesdbtsdbenije" erhalten. Wir hoffen zuversichtlich, die Zeitschrift in kleinem Umfang für 1913 stabilisieren zu können. Wenn Sie wollen, daß „wir unsere eigene Zeitschrift erhalten", dann lassen Sie uns gemeinsam vorgehen.

Über die Daschnaken habe ich nichts gehört. Aber ich halte das Gerücht für Unsinn. Das hat die Regierung in Umlauf gebracht, dieTürkisch-Armenien schlucken möchte.

Die PPS-Leute sind zweifellos für Österreich und werden sich auf seiner Seite schlagen. Ein Krieg zwischen Österreich und Rußland wäre für die Revolution (in ganz Osteuropa) sehr nützlich, aber es ist kaum anzunehmen, daß uns Franz Joseph und unser Freund Nikolaus dieses Vergnügen bereiten.

Sie bitten um häufigere Information. Mit Vergnügen - nur antworten Sie. Ich sende Ihnen (vorläufig vertraulich) die Resolutionen unserer kürzlich durchgeführten Beratung (die meiner Ansicht nach sehr gut gewesen ist und noch eine Rolle spielen wird).

Siehe „Die KPdSU in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", 7. Auflage, Teil I, Moskau 1954, S. 288-300, russ.

Man sagt, Resolutionen seien von allen Literaturerzeugnissen die langweiligsten.

Ich bin ein zu sehr an Resolutionen gewöhnter Mensch. Schreiben Sie, wieweit die Resolutionen für Sie lesbar sind (besonders die über revolutionäre Streiks und über die Liquidatoren).

Was hat das Gerücht von einer Amnestie in Rußland Schlimmes angerichtet?

Ich weiß nicht. Schreiben Sie bitte.

N.K. läßt grüßen.

Ich drücke Ihnen fest die Hand.

Ihr Lenin

geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.



 

34

AN A.M.GORKI

Geschrieben in der zweiten Februarhälfte 1913.

Lenin, Band 35, Seite 65 - 67

 



Lieber A. M.!

Was machen Sie nur für Dummheiten, mein Lieber? Sie sind überarbeitet, übermüdet, haben Nervenschmerzen. Das ist ganz und gar nicht in Ordnung. Auf Capri, noch dazu im Winter, wenn der „Besucherstrom" doch wahrscheinlich abgeebbt ist, müßten Sie ein geregeltes Leben führen.

Ohne Aufsicht haben Sie sich wohl gehenlassen? Wahrhaftig, das ist nicht schön. Nehmen Sie sich zusammen und führen Sie ein recht strenges „Regiment" ein, wirklich! Heutzutage krank sein ist absolut unzulässig.

Haben Sie etwa angefangen, nachts zu arbeiten? Als ich auf Capri war, hieß es doch, nur ich hätte Unordnung hereingebracht, vorher seien Sie rechtzeitig schlafen gegangen. Sie müssen sich ausruhen und ein strenges Regime einführen, unbedingt.

Trojanowski und seiner Frau werde ich Ihren Wunsch nach einem Zusammentreffen übermitteln. Das wäre wirklich schön. Es sind gute Menschen. Bei der Arbeit haben wir sie noch wenig gesehen; aber alles, was wir bis jetzt wissen, spricht für sie. Sie sind auch bemittelt. Sie könnten vieles tun und der Zeitschrift gut helfen. Frau Trojanowskaja reist bald nach Rußland.

Ungemein hat es mich und uns alle hier gefreut, daß Sie sich des „Prosweschtschenije" annehmen. Und ich muß gestehen, ich hatte schon gedacht: Sobald ich nur über unser kleines Journal oder Journalchen schreibe, wird A. M. sofort alle Lust vergehen. Ich leiste tausendmal Abbitte für solche Gedanken.

Das wird in der Tat ausgezeichnet, wenn wir nach und nach Belletristen heranziehen und das „Prosweschtschenije" vorwärtsbringen! Ausgezeichnet!

Ein neuer, proletarischer Leser — wir machen die Zeitschrift billig -, Sie lassen nur demokratische Belletristik herein, ohne Gejammer, ohne Renegatentum. Wir werden die Arbeiter zusammenschließen. Und es sind prächtige Arbeiter. Bei uns haben sich jetzt die sechs Dumaabgeordneten von der Arbeiterkurie so an die außerparlamentarische Arbeit gemacht, daß es eine Lust ist. Hier ist es, wo man eine echte Arbeiterpartei zusammenschweißen wird! Nie hat man es in der dritten Duma so weit bringen können. Haben Sie im „Lutsch" (Nr. 24) den Brief der vier Abgeordneten über ihren Austritt gesehen?

Gemeint ist der Brief der bolschewistischen Abgeordneten der IV. Reichsduma über ihren Austritt aus dem Mitarbeiterkollektiv der Liquidatoren-' zeitung „Lutsch".

Ist doch ein prächtiger Brief, nicht?

Und in der „Prawda" - haben Sie gelesen? Alexinski schreibt gut und randaliert vorläufig nicht! Erstaunlich! Er hat ein „Manifest" eingesandt (warum er zur „Prawda" kam). Es ist nicht veröffentlicht worden. Und doch randaliert er vorläufig nicht. Er-staun-lich! Bogdanow hingegen randaliert: in Nr. 24 der „Prawda" steht eine Erzdummheit. Nein, mit dem ist nichts anzufangen! Ich habe seinen „Ingenieur Manny" gelesen.

Derselbe Machismus = Idealismus, so versteckt, daß es weder die Arbeiter noch die einfältigen Redakteure in der „Prawda" verstanden haben.

Nein, das ist ein hoffnungsloser Machist, ebenso wie Lunatscharski (vielen Dank für seinen Artikel). Wenn man Lunatscharski ausgehend von der Ästhetik ebenso von Bogdanow loslösen könnte, wie sich Alexinski ausgehend von der Politik von ihm loszulösen beginnt... ja, wenn das Wörtchen wenn nicht w ä r . . .

Was die Lehre von der Materie und ihrer Struktur betrifft, so bin ich mit Ihnen völlig einer Meinung, daß man darüber schreiben muß und daß dies ein gutes Mittel ist gegen das „Gift, das die amorphe russische Seele in sich einsaugt". Aber zu Unrecht nennen Sie dieses Gift „Metaphysik".

Man muß es Idealismus und Agnostizismus nennen.

Bezeichnen doch die Machisten den Materialismus als Metaphysik!

Und gerade eine Menge der bekanntesten zeitgenössischen Physiker sucht gelegentlich der „Wunder" des Radiums, der Elektronen usw. den lieben Gott — sowohl den allergröbsten als auch den allerraffiniertesten – in Form des philosophischen Idealismus einzuschmuggeln.

Hinsichtlich des Nationalismus stimme ich völlig mit Ihnen überein, daß man sich damit ernsthafter befassen muß. Hier hat sich ein prächtiger Georgier an die Arbeit gemacht und schreibt für das „Prosweschtschenije" einen großen Artikel, für den er sämtliche österreichische und andere Materialien zusammengetragen hat!

Lenin meint die Arbeit J. W . Stalins an dem Artikel „Nationale Frage und Sozialdemokratie".

Wir werden das forcieren. Aber daß Sie unsere Resolutionen (ich schicke sie Ihnen gedruckt) „leeres Gewäsch, Kanzleiwust" zu schimpfen belieben, geschieht zu Unrecht. Nein. Das ist kein leeres Gewäsch. Bei uns haben auch im Kaukasus die sozialdemokratischen Georgier + Armenier + Tataren + Russen mehr als zehn Jahre zusammen in einer sozialdemokratischen Organisation gearbeitet. Das ist keine Phrase, sondern die proletarische Lösung der nationalen Frage.

Die einzige Lösung. So war es auch in Riga: Russen + Letten + Litauer,- nur die Separatisten - der „Bund" - sonderten sich ab. Desgleichen in Wilna.

Es gibt zwei gute sozialdemokratische Broschüren zur nationalen Frage: von Strasser und von Pannekoek. Soll ich sie schicken? Falls sie bei Ihnen aufzutreiben sind, wer übersetzt sie Ihnen aus dem Deutschen?

Nein, so etwas Scheußliches wie in Österreich wird es bei uns nicht geben. Das lassen wir nicht zu! überdies sind wir, die Großrussen, bei uns stärker vertreten. Zusammen mit den Arbeitern werden wir den „österreichischen Geist" nicht hereinlassen.

Was Pjatnizki

Es handelt sich um K. P. Pjatnizki, der in dem Petersburger Verlag „Snanije" (Wissen) arbeitete.

angeht, bin ich für gerichtliche Klage. Nur keine Umstände machen. Sentimentalität wäre unverzeihlich. Die Sozialisten sind durchaus nicht gegen die Ausnutzung des staatlichen Gerichts. Wir sind f ü r die Ausnutzung der Legalität. Marx und Bebel haben sich sogar gegen ihre sozialistischen Gegner an das staatliche Gericht gewandt. Man

muß wissen, w i e man das macht, aber gemacht werden muß es. Pjatnizki muß bestraft werden, und damit Schluß. Sollte man Ihnen daraus einen Vorwurf machen, so spucken Sie allen, die das tun, in die Visage. Nur Heuchler werden Ihnen daraus einen Vorwurf machen.

Pjatnizki nachgeben, ihm das hingehenlassen aus Angst vor dem Gericht, wäre unverzeihlich.

Nun, ich habe mehr als genug geschwatzt. Schreiben Sie, wie es mit Ihrer Gesundheit steht.

Ihr Lenin

PS. Wir kennen einen Petersburger Foma. Er ist jetzt in Narym. Einen Foma aus dem Ural? Können wir uns eigentlich nicht entsinnen. Auf dem Parteitag 1907 war der Petersburger Foma.

geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.


 

36

AN A. M. GORKI

Geschrieben nach dem 6. März 1913.

Lenin, Band 35, Seite 69


Lieber A. M.!

Heute habe ich das „Manifest"

Das „Manifest" war im Zusammenhang mit dem dreihundertjährigen Bestehen des Hauses Romanow veröffentlicht worden.

gelesen...

Schriftstellern, so scheint es, ist volle Amnestie gewährt. Sie müssen

v e r s u c h e n, h e i m z u k e h r e n - s e l b s t v e r s t ä n d l i c h e r s t ,

n a c h d e m S i e i n E r f a h r u n g g e b r a c h t h a b e n , o b m a n S i e

n i c h t w e g e n d e r „ S c h u l e "

Es handelt sich um die Schule, die 1909 von den „Wperjod"-Leuten unter Mitwirkung A. M. Gorkis auf der Insel Capri eingerichtet worden war.

u s w . a m S c h l a f i t t c h e n kriegen wird. Wahrscheinlich wird man Sie deswegen nicht belangen können.

Hoffentlich sehen Sie die Dinge nicht so, daß man die Amnestie nicht „annehmen" dürfe? Das wäre eine falsche Auffassung: ein Revolutionär kann heutzutage von Rußland aus mehr tun, und unsere Abgeordneten unterschreiben sogar das „feierliche Gelöbnis".

Bei Ihnen jedoch geht es gar nicht um eine Unterschrift, sondern um die Ausnutzung der Amnestie. Schreiben Sie mir Ihre Meinung und Ihre Absichten. Sie besuchen uns doch, wenn Sie fahren - es liegt ja am Wege!

Für einen revolutionären Schriftsteller bedeutet doch die Möglichkeit, Rußland (das neue Rußland) zu durchstreifen, die Möglichkeit, danach einen hundertfach wuchtigeren Schlag gegen die Romanow und Co. Zu führen...

Haben Sie meinen letzten Brief erhalten? Ich habe lange keine Nachricht von Ihnen. Sind Sie gesund?

Ihr Lenin

PS. Haben Sie den Brief von N. K. mit dem Material erhalten?

geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.



 

39

AN A. M. GORKI

Geschrieben in der ersten Maihälfte I913

Lenin, Band 35, Seite 74 - 75


Lieber A. M.!

Wie steht's mit einem Artikelchen oder einer Erzählung für dasMaiheft des „Prosweschtschenije"? Man schreibt mir von dort, daß man zehn bis fünfzehn tausend herausgeben könnte (was wir doch für ein Tempo haben!), wenn etwas von Ihnen drin wäre. Schreiben Sie, ob etwas zu erwarten ist. Dann druckt es die „Prawda" nach, und das gibt schon 40 000 Leser. J a . . . mit dem „Prosweschtschenije" könnte es gut vorangehen, denn es gibt, hol's der Teufel, keine einzige konsequente Zeitschrift für Arbeiter, für Sozialdemokraten, für die revolutionäre Demokratie — überall machen sich elende Waschlappen breit.

Wie steht es mit Ihrer Gesundheit? Haben Sie sich erholt, und werden Sie im Sommer ausruhen? Es tut wirklich not, daß Sie einmal ordentlich ausspannen!

Ich habe Sorgen. Meine Frau ist an Basedow erkrankt. Die Nerven!

Auch ich bin mit den Nerven etwas herunter. Für den Sommer sind wir aufs Land gefahren, nach Poronin, einem Dorf bei Zakopane. (Meine Adresse: Herrn Wl. Uljanow. Poronin. Qalizien. Austria.) Eine schöne Gegend. Und gesund. Ungefähr 700 Meter hoch. Wie wäre es, hätten Sie nicht Lust zu einem Abstecher? Es werden interessante Arbeiter aus Rußland da sein. Zakopane (7 Werst von uns) ist ein bekannter Luftkurort.

Haben Sie die „Fabeln" von Demjan Bedny gelesen? Wenn nicht, schicke ich sie. Wenn ja, schreiben Sie, wie sie Ihnen gefallen.

Erhalten Sie regelmäßig die „Prawda" und den „Lutsch"? Unsere Sache geht vorwärts - allem zum Trotz, und die Arbeiterpartei formiert sich als revolutionäre sozialdemokratische Partei gegen die liberalen Renegaten, die Liquidatoren. Unser Tag wird kommen. Bei uns ist jetzt eitel Freude über den Sieg, den die Arbeiter in Petersburg bei der Wahl zum Vorstand des neuen Metallarbeiterverbandes über die Liquidatoren errungen haben.

„Ihr" Lunatscharski ist gut!! Einfach prachtvoll! Bei Maeterlinck soll es „wissenschaftlichen Mystizismus" geben . . . Oder sind Lunatscharski und Bogdanow schon nicht mehr die Ihren?

Spaß beiseite. Bleiben Sie gesund. Schreiben Sie bitte ein paar Zeilen.

Ruhen Sie sich besser aus.

Ihr Lenin

Uljanow. Austria. Poronin (Galizien).

Wie hat Ihnen die Jubiläumsnummer der „Prawda"

Gemeint ist N r . 92 der „Prawda" vom 23. April 1913. In dieser Nummer war W. I. Lenins Artikel „Einiges über Ergebnisse und Tatsachen" veröffentlicht. (Siehe Werke, Bd. 19, S. 44-47.)

gefallen?


Geschickt von Poronin nach der Insel Capri.

Zuerst veröftentliäit 1924.

 

 

42

AN A.M.GORKI

Geschrieben nicht später als am 22. Juni I913.

Lenin, Band 35, Seite 78 - 80


Lieber AI. Max.!

Heute erhielten wir einen Brief aus Petersburg, daß unser Plan, die sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuholen (höchst konspirativ: außer Ihnen soll niemand ein Wort erfahren) seiner Verwirklichung nahe ist. Außer den sechs Anhängern der „Prawda" werden, wie man schreibt, möglicherweise auch Tuljakow, Burjanow, Chaustow und vielleicht sogar Mankow kommen. Wahrscheinlich wird man auch noch den einen oder anderen Arbeiter (nicht Abgeordnete) hinzuziehen können. Schreiben Sie bitte, ob Sie (für eine Reihe von Lektionen, Diskussionen oder Seminaren, ganz wie Sie wollen) kommen können oder nicht. Es wäre schön! 7 km von hier (mit der Bahn) liegt Zakopane - ein sehr guter Kurort. Was das Reisegeld betrifft, so werden wir es (wie man schreibt) aller Wahrscheinlichkeit nach auftreiben, über Zakopane als Kurort können wir alle Auskünfte einholen und Ihnen schicken.

Wenn es Ihnen gesundheitlich möglich ist, machen Sie sich doch für kurze Zeit auf die Reise, wahrhaftig! Nach London

A. M. Gorki war Delegierter auf dem V. (Londoner) Parteitag der SDAPR, der vom 30. April bis 19. Mai (13. Mai bis 1. Juni) 1907 stattfand.

und nach der Capri-Schule kämen Sie wieder mit Arbeitern zusammen.

Malinowski wollte zu Ihnen fahren, aber es ging nicht, er hatte keine Zeit. Er und alle anderen Abgeordneten senden Ihnen einen herzlichen Gruß.

Ich erwarte Ihre Antwort.

Ihr Lenin


Die Zeitungen sind voll von Nachrichten über den „Konflikt". Ich glaube, die „Prawda" wird man uns abwürgen. Maklakow wird das auf jeden Fall durchsetzen, ohne die Duma, gegen die Duma oder sonstwie, aber er setzt das durch!

Die „Prawda" wurde am 5. (18.) Juli 1913 verboten; ab 13. (26.) Juli des gleichen Jahres erschien die „Prawda" unter dem Namen „Rabotschaja Prawda".
Maiäakow, 9V. A . - Innenminister.

Dann verlegen wir uns wieder auf die illegale Literatur - bloß am Geld fehlt's.

Wie ist es, rückt der „Kaufmann" noch nichts heraus? Es ist Zeit.

Gerade die richtige Zeit.

Adresse: Herrn Wl. Uljanow. Poronin. (Galizien). Autriche.


Geschickt von Poronin nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

44

AN A.M.GORKI

25. VII. 1913

Lenin, Band 35, Seite 83


Lieber A. M.!

Ich wollte Ihnen schon die ganze Zeit schreiben, habe es aber wegen der Operation meiner Frau aufgeschoben. Vorgestern war endlich die Operation, und jetzt ist sie schon auf dem Wege der Besserung.

Die Operation erwies sich als ziemlich schwierig - ich bin sehr froh, daß es uns gelangen ist, sie bei Kocher operieren zu lassen.

Jetzt zum Geschäftlichen. Sie schreiben, daß Sie im August in Berlin sind. Wann im August? Anfang oder Ende des Monats? Wir wollen am 4. August von hier abreisen. Wir haben Fahrkarten über Zürich-München-Wien, und in all diesen Städten haben wir Aufenthalt. (Möglicherweise wird uns der Arzt am 4. noch nicht weglassen — dann schieben wir es noch auf.)

Könnten wir uns nicht irgendwo treffen? Ihr Weg führt doch sicher über Bem, über Zürich oder über München?

Es wäre sehr notwendig, daß wir uns treffen. Das Verbot der „Prawda" schafft eine verdammt schwierige Lage. Vielleicht könnten wir uns irgend etwas ausdenken. Und dann könnten Sie in Berlin viel für uns, d. h. für die „Prawda", tun.

Deshalb bitte ich Sie sehr, mir sofort, wenn auch nur in aller Kürze, zu schreiben, ob wir uns Anfang August hier oder in den erwähnten Städten treffen können. Sollte das nicht möglich sein, so werde ich Ihnen dann ausführlicher über alle Dinge schreiben, namentlich über die Schule (es hat uns verdammt geschadet, daß der Organisator hochgegangen ist; wir suchen einen anderen).

Ich drücke Ihnen fest die Hand und wünsche Ihnen alles erdenklich Gute, vor allem Gesundheit für die Reise. Also antworten Sie bitte sofort

Ihr Lenin

Adresse: Herrn Lüjanow. 4. Gesellschaftsstraße 4. (Svizzera) Bern.

Geschickt von Bern nadh der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.

 

 

48

AN A. M. GORKI

30. September 1913

Lenin, Band 35, Seite 87 - 88


Lieber A. M.!

Ich habe mich ein wenig mit der Antwort verspätet und bitte um Entschuldigung. Wie schrecklich habe ich mich in Bern und nachher geärgert!! Ich überlege: Wenn Sie in Verona sind (Ihr Telegramm betreffs Bebel war aus Verona)

Es handelt sich um ein an das ZK der SDAPR gerichtetes Telegramm A. M. Gorkis anläßlich des Todes von August Bebel; das Telegramm wurde in Nr. 4 der „Sewernaja Prawda" vom 4. August 1913 veröffentlicht.

- oder war's so was Ähnliches wie Rom...??-, hätte ich doch aus Bern nach Verona kommen können!!

Aber damals kam von Ihnen monatelang kein Wort...

Was Sie von Ihrer Krankheit schreiben, beunruhigt mich furchtbar.

Tun Sie recht daran, ohne ärztliche Behandlung auf Capri zu leben? Die Deutschen haben ausgezeichnete Sanatorien (z. B. in St. Blasien, in der Nähe der Schweiz), wo Lungenleiden behandelt und völlig ausgeheilt werden, man erzielt eine vollständige Verkapselung, füttert die Patienten heraus, gewöhnt sie dann systematisch an Kälte, härtet sie gegen Erkältungen ab und entläßt brauchbare, arbeitsfähige Menschen.

Und Sie wollen von Capri im Winter - nach Rußland???? Ich habe schreckliche Angst, daß das Ihrer Gesundheit schadet und Ihre Arbeitsfähigkeit untergräbt. Gibt es denn in diesem Italien erstklassige Ärzte??

Wirklich, fahren Sie doch einmal zu einem erstklassigen Arzt in die Schweiz (- Ich kann Namen und Adressen in Erfahrung bringen.) oder nach Deutschland - unterziehen Sie sich 2 Monate lang einer ernstlichen Behandlung in einem guten Sanatorium. Denn Gemeineigentum unnütz vergeuden, d. h. krank sein und seine Arbeitsfähigkeit untergraben, ist in jeder Beziehung unzulässig.

Ich habe gehört (vom Redakteur des „Prosweschtschenije", der Ladyshnikow

Ladyshnikow gab die Werke A. M. Gorkis in Berlin heraus.

getroffen hat), daß Sie mit der „Prawda" unzufrieden sind. Weil sie zu trocken ist? Das stimmt. Aber es ist nicht einfach, diesen Mangel sofort zu beheben. Die Leute fehlen. Mit großer Mühe haben wir es ein Jahr nach dem Beginn nur zu einer leidlichen Redaktion in Petersburg gebracht.

(Ihren Brief an das „Proswesdhtsdbenije" habe ich weitergeleitet.)

Schreiben Sie, was Sie für Pläne haben und wie es mit der Gesundheit steht. Ich bitte Sie inständig, sidh einer ernsthaften Behandlung zu unterziehen - wahrhaftig, Sie können völlig geheilt werden, aber die Sache vernachlässigen ist geradezu gewissenlos und verbrecherisch.


Ihr Lenin


PS. Wir hatten hier ein ganz Teil tüchtiger Leute, ein Teil wird noch kommen, und haben Sie „'Nasch Put " gesehen? Ist das nicht ein Erfolg? Schon die zweite Zeitung. Und auch die dritte bringen wir auf die Beine - im Süden.

Adresse: Uljanow. Poronin (Galizien). Austria. (Im Winter werde ich in Krakau sein: Lubomirskiego. 51.)

Geschickt von Poronin nach der Insel Capri.

Zuerst veröftenüidbt 1924

 

 

AN A.M. GORKI

geschrieben Anfang November 1913.

Lenin, Band 36, Seite 242


Lieber Alexej Maximytsch!

Ich schicke Ihnen heute eingeschrieben unter Kreuzband den Anfang des Romans, der an das „Proswesdhtsdsenije" abgeht. Wir denken, Sie haben nichts dagegen. Sollten Sie jedoch wider Erwarten dagegen sein, so telegrafieren Sie an das „Prosweschtschenije":

„Woitinski zurückstellen" oder „Woitinskis Roman nicht bringen".

Die Novelle W . Woitinskis „Wogen" wurde auszugsweise unter der Überschrift „Ein Lichtstrahl in der Nacht" in der Zeitschrift „Prosweschtschenije" Nr. 4, Jahrgang 1914, veröffentlicht. Aus W.I.Lenins Brief an A. M. Gorki vom 15. November 1913 (siehe den vorliegenden Band, S.243) ist ersichtlich, daß A. M. Gorki gegen den Abdruck einer Novelle Woitinskis im „Prosweschtschenije" war. Deshalb läßt sich schwer sagen, ob in den Briefen von der Novelle „Wogen" oder von irgendeinem anderen
Manuskript W. Woitinskis die Rede ist.

Die Nachricht, daß Sie von einem „Bolschewik", wenngleich einem ehemaligen, nach einem neuen Verfahren behandelt werden, hat mich wahrhaftig recht beunruhigt. Gott bewahre uns vor den Genossen Ärzten überhaupt und vor Ärzten, die Bolschewiki sind, insbesondere! Wahrhaftig, in 99 von 100 Fällen sind die Genossen Ärzte „Esel", wie mir einst ein guter Arzt gesagt hat. Ich versichere Ihnen, daß man sich (abgesehen von geringfügigen Fällen) nur von erstklassigen Kapazitäten behandeln lassen sollte. Die Erfindungen eines Bolschewiken am eigenen Leibe ausprobieren - das ist schrecklich!! Höchstens unter Kontrolle neapolitanischer Professoren . . . wenn diese Professoren tatsächlich etwas können . . . Wissen Sie, wenn Sie im Winter reisen, so konsultieren Sie auf jeden Fall einen erstklassigen Arzt in der Schweiz und in Wien. Es wäre unverzeihlich, wenn Sie das nicht täten! Wie geht es Ihnen jetzt gesundheitlich?-

Ihr N. Lenin

PS. Bei uns gehen die Dinge gut voran; in Petersburg schließen sich die Arbeiter parteimäßig in sämtlichen legalen Vereinen zusammen, darunter auch in den Versicherungsgesellschaften. Hier waren interessante und auch tüchtige Burschen.

Adresse: Wl. Uljanow. Ulica Lubomirskiego. 51. Krakow. Krakau [Galizien]. .

Geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924 im Lenin-Sammelband I.

 

 

AN A.M. GORKI

Geschrieben am 15. November 1913.

Lenin, Band 36, Seite 243


Lieber A. M.!

Den Roman

Es handelt sich um ein Manuskript W. Woitinskis. (Siehe den vorliegenden Band, S. 242.)

und Ihren Brief habe ich erhalten. Meiner Meinung nach sollte man den Roman zurückstellen, da Sie nicht dafür sind. Ich lege einen Brief von Kamenew bei, der den Roman gelesen hat.

(Ich habe ihn noch nicht gelesen.)

Wir werden nach Petersburg schreiben, daß man ihn zurückstellt. Meinen Brief an Sie von gestern lege ich bei:

Siehe W.I.Lenin, Werke, Bd. 35, S.98-101.

Seien Sie mir nicht böse, daß mich die Wut gepackt hat. Womöglich habe ich Sie nicht richtig verstanden? Vielleicht war das „eine Zeitlang" ein Scherz? Und das, was

Sie über die Gottbildnerei geschrieben haben, war vielleicht auch nicht ernst gemeint??

Lassen Sie sich um Gottes willen möglichst gut kurieren.

Ihr Lenin


Geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924 im Lenin-Sammelband 1.


 

 

57

AN A. M. GOR KI

geschrieben am 13. oder 14.? November 1913.

Lenin, Band 35, Seite 98 - 101


Lieber Alexej Maximowitsch!

Was stellen Sie bloß an? Einfach entsetzlich, wahrhaftig!

Gestern las ich in der „Retsch" Ihre Antwort auf das „Geheul" wegen Dostojewski

Es handelt sich um den in der Presse erschienenen Protest A. M. Gorkis gegen die Inszenierung von F. M. Dostojewskis reaktionären Roman „Die Anmerkungen 549 Dämonen" im Moskauer Künstlertheater. Die bürgerliche Presse verteidigte Dostojewskis Werk.

und wollte mich schon freuen, aber heute trifft die Zeitung der Liquidatoren ein, und dort ist ein Absatz Ihres Artikels abgedruckt, der in der „Retsch" fehlte.

Dieser Absatz lautet:

„Die ,Gottsucherei' aber muß eine Zeitlang" (nur eine Zeitlang?) „eingestellt werden - das ist eine nutzlose Beschäftigung: es gibt nichts zu suchen, wo man nichts hingelegt hat. Wer nicht säet, wird auch nicht ernten. Ihr habt keinen Gott, ihr habt ihn noch" (noch!) „nicht erschaffen. Götter sucht man nicht - man erschafft sie; das Leben wird nicht erdacht, sondern erschaffen."

Daraus ergibt sich, daß Sie nur „eine Zeitlang" gegen „Gottsucherei" sind!! Daraus ergibt sich, daß Sie nur deshalb gegen die Gottsucherei sind, um sie durch die Gottbildnerei zu ersetzen!!

Nun, ist es denn nicht entsetzlich, daß so etwas bei Ihnen herauskommt?

Die Gottsucherei unterscheidet sich von der Gottbildnerei oder von der Gottmacherei oder der Gotterschafferei u. dgl. m. nicht um ein Tüpfelchen mehr, als sich ein gelber Teufel von einem blauen unterscheidet. Von Gottsucherei zu sprechen, nicht um gegen alle Teufel und Götter, gegen jede geistige Leichenschändung aufzutreten (jeder Gott ist Leichenschändung, mag es auch der allerreinste, idealste, nicht zu suchende, sondern zu erschaffende Gott sein, das ist einerlei), sondern um einen blauen Teufel einem gelben vorzuziehen, das ist hundertmal schlimmer als überhaupt nichts sagen.

In den freiesten Ländern, in solchen Ländern, wo ein Appell „an die Demokratie, an das Volk, an die Öffentlichkeit und an die Wissenschaft" ganz unangebracht wäre — in solchen Ländern (Amerika, die Schweiz usw.) ist man besonders eifrig dabei, das Volk und die Arbeiter gerade mit der Idee eines reinen, vergeistigten, zu erschaffenden Gottes zu verdummen.

Gerade deshalb, weil jede religiöse Idee, jede Idee von jedem Gott, selbst jedes Kokettieren mit einem Gott eine unsagbare Abscheulichkeit ist, die von der demokratischen Bourgeoisie besonders tolerant (und oft sogar wohlwollend) aufgenommen wird - gerade deshalb ist sie die gefährlichste Abscheulichkeit, die widerlichste „Seuche". Millionen von Sünden, Gemeinheiten, Gewalttaten und Seuchen physischer Art werden von der großen Menge viel leichter erkannt und sind daher viel weniger gefährlich als die raffinierte, vergeistigte, in die prächtigsten „ideellen" Gewänder gekleidete Idee von einem Gott. Ein katholischer Pfaffe, der Mädchen schändet (wovon ich soeben zufällig in einer deutschen Zeitung las), ist gerade für die „Demokratie" weit weniger gefährlich als ein Pfaffe ohne Priesterrock, ein Pfaffe ohne grobschlächtige Religion, ein von Ideen erfüllter und demokratischer Pfaffe, der die Erzeugung und Erschaffung eines Gottes predigt. Denn jenen Pfaffen zu entlarven, zu verdammen und davonzujagen ist leicht - diesen aber kann man nicht so einfach davonjagen, ihn zu entlarven ist tausendmal schwerer, und kein „schwächlicher und wehleidig wankelmütiger" Spießer wird damit einverstanden sein, ihn zu „verdammen".

Und Sie, der Sie die „Schwächlichkeit und wehleidige Wankelmütigkeit" der (russischen - warum der russischen? ist die italienische etwa besser??) Spießerseele kennen, verwirren diese Seele mit dem süßlichsten, unter Zuckerguß und allerlei bunten Hüllen sorgfältig verborgenen Gift!!

Das ist wirklich entsetzlich.

„Genug nun der Selbstbespeiungen, die bei uns die Selbstkritik ersetzen."

Ist aber die Gottbildnerei nicht die übelste Art der Selbstbespeiung??

Jeder Mensch, der sich mit der Erschaffung eines Gottes beschäftigt oder eine solche Erschaffung auch nur duldet, bespeit sich selbst auf die übelste Weise, denn statt mit „Taten" befaßt er sich gerade mit Selbstbetrachtung und Selbstbespiegelung, wobei eben ein solcher Mensch die schmutzigsten, stupidesten, knechtischsten Züge oder Züglein seines „Ichs" „betrachtet", die durch die Gottbildnerei vergöttlicht werden sollen.

Vom gesellschaftlichen und nicht vom persönlichen Standpunkt aus ist jedwede Gottbildnerei eben die verliebte Selbstbetrachtung des stumpfsinnigen Spießbürgertums, des schwächlichen Pfahlbürgertums, der träumerischen „Selbstbespeiung" der Philister und Kleinbürger, die „verzweifelt und müde" sind (wie Sie das sehr richtig von der Seele zu sagen geruhten - nur hätten Sie nicht „rassische", sondern Spießerseele sagen sollen, denn ob jüdische, italienische, englische - das ist alles Jacke wie "Hose, überall ist das schäbige Spießertum gleich widerlich, das „demokratische Spießertum" aber, das sich mit geistiger Leichenschändung beschäftigt, ist doppelt widerlich).

Ich lese mich in Ihren Artikel hinein, versuche herauszufinden! wie sich bei Ihnen dieser Irrtum einschleichen konnte, und ich finde keine Antwort.

Was ist das? Sind es Reste der „Beichte", die Sie selbst nicht billigten?? Nachklänge davon??

Oder etwas anderes - zum Beispiel ein mißglückter Versuch, sich zum allgemeindemokratischen Standpunkt hinabzubeugen, anstatt den proletarischen Standpunkt einzunehmen? Vielleicht wollten Sie, um mit der „Demokratie überhaupt" ins Gespräch zu kommen, ein wenig (entschuldigen Sie den Ausdruck) säuseln, wie man mit Kindern säuselt?

Vielleicht wollten Sie „zwecks populärer Darlegung" für Spießer auf einen Augenblick dessen oder deren, der Spießer, Vorurteile gelten lassen??

Aber das ist doch eine in jedem Sinne und in jeder Beziehung falsche Methode!

Ich schrieb oben, daß in den demokratischen Ländern der Appell eines proletarischen Schriftstellers „an die Demokratie, an das Volk, an die Öffentlichkeit und an die Wissenschaft" ganz unangebracht wäre. Nun, und bei uns in Rußland?? Ein solcher Appell ist nicht ganz angebracht, denn irgendwie schmeichelt er ebenfalls den spießbürgerlichen Vorurteilen.

So einen bis zur Verschwommenheit allgemeinen Appell — den würde bei uns sogar Isgojew von der „Russkaja MysI" mit beiden Wänden unterschreiben.

Warum solche Losungen wählen, die z w a r S i e vortrefflich von Isgojewgeschwafel zu unterscheiden wissen, der Leser ab er nicht zu unterscheiden weiß?? Warum für den Leser einen demokratischen Schleier über die Dinge breiten, statt klar zu unterscheiden zwischen Spießbürgern (den schwächlichen, wehleidig wankelmütigen, müden, verzweifelten, sich selbst betrachtenden, Gott betrachtenden, Gott schaffenden, Gott gewährenlassenden, sich selbst bespeienden, stupid-anarchistischen - ein prachtvolles Wort!! und so fort und so fort) - und den Proletariern (die nicht nur in Worten mutig zu sein verstehen und die auch die „Wissenschaft und Öffentlichkeit" der Bourgeoisie von ihrer eigenen, die bürgerliche Demokratie von der proletarischen zu unterscheiden wissen) ?

Wozu tun Sie das?

Es ist verdammt ärgerlich.

Ihr W. L.


PS. Wir haben den Roman eingeschrieben unter Kreuzband abgeschickt.

Haben Sie ihn erhalten?

PPS. Kurieren Sie sich ernsthaft, wirklich, damit Sie im Winter reisen können, ohne sich zu erkälten (im Winter ist es gefährlich).

Ihr W. Uljanow


Geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.


 

58

AN A.M. GORKI

Geschrieben in der zweiten Novemberhälfte 1913.

Lenin, Band 35, Seite 98 - 101


In der Frage nach Gott, dem Göttlichen und allem, was damit zusammenhängt, ergibt sich bei Ihnen ein Widerspruch - nach meiner Ansicht derselbe, auf den ich in unseren Gesprächen während unseres letzten Zusammenseins auf Capri hingewiesen habe: Sie haben mit den „Wperjod"- Leuten gebrochen (oder so gut wie gebrochen) und dabei die ideologischen Grundlagen der „Wperjod" -Richtung übersehen.

So auch jetzt. Sie sind „verärgert", Sie „können nicht verstehen, wie der Ausdruck ,eine Zeitlang' durchschlüpfen konnte" - so schreiben Sie -, und gleichzeitig verteidigen Sie die Idee von Gott und der Gottbildnerei.

„Gott ist der Komplex jener von Stamm, Nation und Menschheit entwickelten Ideen, die die sozialen Gefühle wecken und organisieren, zu dem Zweck, die Persönlichkeit mit der Gesellschaft zu verbinden, den animalischen Individualismus zu zügeln."

Diese Theorie hängt offenkundig mit der Theorie oder den Theorien von Bogdanow und Lunatscharski zusammen.

Und sie ist offenkundig falsch und offenkundig reaktionär. Wie die christlichen Sozialisten (die schlimmste Art des „Sozialismus" und seine schlimmste Entstellung) wenden Sie eine Methode an, die (ungeachtet Ihrer besten Absichten) den Hokuspokus des Pfaffentums wiederholt: aus der Gottesidee wird herausgenommen, was aus der Geschichte und dem Leben in sie eingegangen ist (Geisterglauben, Vorurteile, Heiligsprechung der Unwissenheit und Unterwürfigkeit einerseits, der Leibeigenschaft und der Monarchie anderseits), wobei in die Gottesidee statt der aus der Geschichte und aus dem Leben bezogenen Realität eine sanftmütige spießbürgerliche Phrase hineingelegt wird (Gott = „Ideen, die die sozialen Gefühle wecken und organisieren").

Sie wollen damit „Gutes und Schönes" sagen, auf „Wahrheit und Gerechtigkeit" hinweisen und dergleichen mehr. Aber dieser Ihr gutgemeinter Wunsch bleibt Ihre persönliche Angelegenheit, ein subjektiver „frommer Wunsch". Nachdem Sie ihn einmal niedergeschrieben haben, ist er in die Masse gedrungen, und sein Sinn wird nicht durch Ihren gutgemeinten Wunsch, sondern durch das "Verhältnis der gesellsdhaftlichen Kräfte", durch das objektive Verhältnis der Klassen bestimmt. Kraft dieses Verhältnisses e r g i b t sich (gegen Ihren Willen und unabhängig von Ihrem Bewußtsein), daß Sie die Idee der Klerikalen, der Purischkewitsch, Nikolaus' II. und der Herren Struve rosa übertüncht und verzuckert haben, denn aktisch hilft die Gottesidee diesen Herren, das Volk in Sklaverei zu halten. Da Sie die Gottesidee übertünchten, übertünchten Sie die Ketten, mit denen jene die unwissenden Arbeiter und Bauern fesseln. Seht - werden die Pfaffen und ihre Kumpane sagen - , was für eine schöne und tiefgründige Idee das ist (die Gottesidee), das wird sogar von „euren" Führern, ihr Herren Demokraten, anerkannt - und wir (die Pfaffen und deren Kumpane) dienen dieser Idee.

Es ist falsch, daß Gott ein Komplex von Ideen ist, die die sozialen Gefühle wecken und organisieren. Das ist Bogdanowscher Idealismus, der den materiellen Ursprung der Ideen vertuscht. Gott ist (historisch wie im Leben) vor allem ein Komplex von Ideen, die von der dumpfen, sowohl durch die äußere Natur als auch durch die Klassenunterdrückung bewirkten Niedergedrücktheit des Menschen erzeugt wurden-von Ideen, die diesen Zustand der Niedergedrücktheit festigen, die den Klassenkampf einschläfern. Es gab in der Geschichte eine Zeit, da trotz dieses Ursprungs und dieser tatsächlichen Bedeutung der* Gottesidee der Kampf der Demokratie und des Proletariats in Gestalt des Kampfes einer religiösen Idee gegen eine andere geführt wurde.

Aber auch diese Zeit ist längst vorüber.

Jetzt ist sowohl in Europa als auch in Rußland jegliche, selbst die verfeinertste, die bestgemeinte Verteidigung oder Rechtfertigung der Gottesidee eine Rechtfertigung der Reaktion.

Ihre ganze Definition ist durch und durch reaktionär und bürgerlich.

Gott = ein Komplex von Ideen, die „die sozialen Gefühle wecken und organisieren, zu dem Zweck, die Persönlichkeit mit der Gesellschaft zu verbinden, den animalischen Individualismus zu zügeln".

Warum ist das reaktionär? Weil es die pfäffisch-fronherrschaftliche Idee von der „Zügelung" des Animalischen übertüncht. In Wirklichkeit hat nicht die Gottesidee den „animalischen Individualismus" gezügelt; ihn hat sowohl die Urhorde als auch die Urkommune gezügelt. Die Gottesidee hat die „sozialen Gefühle" stets eingeschläfert und abgestumpft, da sie Lebendes durch Totes ersetzte und stets die Idee der Sklaverei (der schlimmsten, der ausweglosen Sklaverei) war. Nie hat die Gottesidee „die Persönlichkeit mit der Gesellschaft verbunden", sondern stets die unterdrückten Klassen durch den Glauben an die Göttlichkeit der Unterdrücker gefesselt.

Bürgerlich ist Ihre Definition (und unwissenschaftlich, unhistorisch), weil sie mit summarischen, allgemeinen, „robinsonhaften" Begriffen schlechthin - und nicht mit bestimmten Klassen einer bestimmten historischen Epoche operiert.

Die Gottesidee bei einem wilden Syrjänen etwa (auch bei einem Halbwilden) und die Gottesidee bei Struve und Co. sind zweierlei. In beiden Fällen stützt die Klassenherrschaft diese Idee (und wird von dieser Idee gestützt). Der „Volks"begriff vom lieben Gott und vom Göttlichen ist Stumpfsinn, Unterwürfigkeit und Unwissenheit des „Volks", ist genau dasselbe wie die „Vorstellung des Volks" vom Zaren, vom Waldschrat, vom Prügeln der Ehefrauen. Wie Sie die „Vorstellung des Volks" von Gott „demokratisch" nennen können, ist mir absolut unverständlich.

Daß der philosophische Idealismus „immer nur die Interessen der Persönlichkeit im Auge hat", ist nicht richtig. Hat Descartes die Interessen der Persönlichkeit mehr im Auge gehabt als Gassendi? Oder Fichte und Hegel mehr als Feuerbach?

Daß „die Gottbildnerei ein Prozeß der Weiterentwicklung und Ansammlung sozialer Prinzipien im Individuum und in der Gesellschaft" sei - das ist geradezu entsetzlich!! Wenn in Rußland Freiheit herrschte, die ganze Bourgeoisie würde Sie ja für solche Dinge, für diese Soziologie und Theologie von rein bürgerlichem Typus und Charakter auf den Schild heben.

Nun, vorläufig genug, der Brief ist ohnehin lang geworden. Ich drücke Ihnen nochmals fest die Hand und wünsche Ihnen Gesundheit.

Ihr W. L.


Geschickt von Krakau nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1924.


im folgenden Brief erwähnt Lenin Gorki

79

Auszug aus Lenins Brief
AN A. SCHLJAPNIKOW

Für Alexander

geschrieben am 31. Oktober 1914

Lenin, Band 35, Seite 146

Armer Gorki! Wie schade, daß er sich so herabgewürdigt hat, indem er
den ekelhaften Wisch der russischen liberalen Herrchen unterschrieb.

Lenin meint den Aufruf „Von Schriftstellern, Malern und Schauspielern"
liberaler Richtung, der in der Zeitung der rechten Kadetten „Russkije
Wedomosti" erschienen war.

Zu diesen Leuten sind Meschkowski wie auch Plechanow u. a. abgerutscht
(Maslow und Smirnow gehören auch dazu).

 

5. Dezember 1914.

AN DEN AUTOR DES „LIEDES VOM FALKEN"

Lenin, Ergänzungsband 1, Seite 348 - 349


Voller Schmerz wird jeder klassenbewußte Arbeiter die Unterschrift Gorkis neben der Unterschrift P. Struves unter dem chauvinistisch-pfäffischen Protest gegen die deutsche Barbarei lesen.

Gemeint ist der im Geiste bürgerlichen Patriotismus verfaßte Aufruf „Von Schriftstellern, Malern und Schauspielern", der den vom zaristischen Rußland gegen Deutschland geführten Krieg rechtfertigte. Diesen Aufruf hatte neben anderen bekannten Schriftstellern und Künstlern auch Maxim Gorki unterzeichnet.
Er wurde am 28. September (11. Oktober) 1914 in Nr. 223 des „Russkoje Slowo" und in anderen bürgerlichen Zeitungen veröffentlicht.

In einem Gespräch über den Kniefall Schaljapins sagte Gorki einmal:

„Man darf ihn nicht gar so streng verurteilen: Wir Künstler haben eine andere Mentalität." Mit anderen Worten: Der Künstler handelt oft unter dem Einfluß einer Stimmung, die bei ihm eine solche Stärke erreicht, daß sie keine anderen Erwägungen aufkommen läßt.

Mag es so sein. Mag man Schaljapin nicht so streng verurteilen dürfen. Er ist Künstler und nur das. Er steht der Sache des Proletariats fremd gegenüber: Heute ist er ein Freund der Arbeiter, morgen ein Erzreaktionär . . . je nach Stimmung.

Gorki aber betrachten die Arbeiter als einen der Ihren. Sie haben immer geglaubt, daß ihm die Sache des Proletariats genauso am Herzen liegt wie ihnen, daß er sein Talent in den Dienst dieser Sache gestellt hat.

Darum richten sie an Gorki auch Grußbotschaften, darum ist ihnen sein Name teuer. Und dieses Vertrauen der klassenbewußten Arbeiter erlegt Gorki eine gewisse Verpflichtung auf - seinen guten Namen zu hüten und ihn nicht zur Unterzeichnung aller möglichen billigen chauvinistischen Proteste herzugeben, die weniger klassenbewußte Arbeiter in die Irre führen können. Sie sind in vielen Dingen noch nicht imstande, sich selbst zurechtzufinden, und der Name Gorkis kann sie irreleiten.

Struves Name wird keinen Arbeiter irreleiten, der Name Gorkis aber kann das.

Und auch die klassenbewußten Arbeiter, die die ganze Verlogenheit und Abgeschmacktheit dieses heuchlerischen Protestes gegen die „deutschen Barbaren" begreifen, werden dem Verfasser des „Liedes vom Falken" einen Vorwurf nicht ersparen können. Sie werden ihm sagen: „In einer so schwierigen, verantwortungsvollen Zeit, wie sie das russische Proletariat jetzt durchlebt, haben wir erwartet, daß Sie Hand in Hand mit den fortgeschrittensten Kämpfern des Proletariats gehen werden, und nicht mit Herrn Struve und Co.!"

„Sozial-Demokrat" Nr. 34

 

 

 

1 9 1 5

 

Auszug – Gorki betreffend


AN A. G. SCHLJAPNIKOW

19. IX. 1915

Lenin, Band 36, Seite 335


Lieber Alexander!

(...) Unsere Haltung gegenüber den revolutionären Chauvinisten (vom Schlage Kerenskis und eines Teils der sozialdemokratischen Liquidatoren oder Patrioten) kann meiner Ansicht nach nicht durch die Formel „Unterstützung" ausgedrückt werden. Zwischen den revolutionären Chauvinisten (Revolution, um Deutschland zu besiegen) und den revolutionären proletarischen Internationalisten (Revolution, um das Proletariat anderer Länder wachzurütteln und in der allgemeinen proletarischen Revolution zu vereinen) ist die Kluft viel zu tief, als daß hier von Unterstützung die Rede sein könnte. Wir müssen jeden Protest ausnutzen (sogar einen zaghaften und unklaren, à la Gorki), wir nutzen auch die revolutionäre Arbeit der Chauvinisten aus und werden von Fall zu Fall nichts gegen „gemeinsame Aktionen" haben (entsprechend den Resolutionen unserer Partei von 1907, Londoner Parteitag, und 1913, unsere Beratung),

Gemeint sind: 1. die Resolution über die Stellung zu den nichtproletarischen Parteien, die auf dem Londoner Parteitag der SDAPR 1907 angenommen worden war (siehe „Die KPdSU in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", 7. Auflage, Teil I, Moskau 1954, S. 164/165, russ.); 2. die Resolution über die Volkstümler, die 1913 auf der „Sommer"beratung des ZK der SDAPR mit Parteifunktionären angenommen worden war (siehe „Die KPdSU in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", 7. Auflage, Teil I, Moskau 1954, S. 316/317, russ.).

aber mehr auch nicht. In der Praxis jetzt: Wir werden keine gemeinsamen Aufrufe und Manifeste mit den revolutionären Patrioten herausgeben, werden Duma„blocks" mit ihnen vermeiden, werden bei Reden auf Kongressen, Kundgebungen usw. eine „Vereinigung" mit ihnen vermeiden. Technische gegenseitige Dienste jedoch werden, wenn die

Patrioten dazu bereit sind, sicher möglich sein (wie vor 1905 mit den Liberalen), und wir werden sie nicht ausschlagen. Die Beziehungen müssen offen, klar sein: ihr wollt den Zarismus stürzen, um Deutschland zu besiegen, wir, um die internationale Revolution des Proletariats durchzuführen.


Ich drücke Ihnen fest die Hand und wünsche Ihnen alles Gute.

Ihr Lenin


Heschickt von Sörenberg (Schweiz) nach Stockholm.

Zuerst veröffentlicht 1924 im Lenin-Sammelband II.

 

 

1 9 1 6

 

98

AN A. M. GORKI

11. 1. 1916

Lenin, Band 35, Seite 187


Sehr geehrter Alexej Maximowitsch!

Ich sende Ihnen an die Adresse der „Letopis", aber nicht für die „Letopis", sondern für den Verlag das Manuskript einer Broschüre mit der Bitte, sie herauszubringen.

Bei der Zeitschrift „Letopis" bestand der Verlag „Parus" (Das Segel), an den auch Lenins Arbeit „Neue Daten über die Entwicklungsgesetze des Kapitalismus in der Landwirtschaft. I. Folge. Kapitalismus und Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika" eingesandt wurde. (Siehe Werke, Bd. 22, S. 1-100.)

Ich habe mich bemüht, die neuen Daten über Amerika, die meiner Überzeugung nach zur Popularisierung des Marxismus und zu seiner faktischen Begründung besonders geeignet sind, so populär wie möglich darzulegen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, diese wichtigen Daten klar und verständlich für die neuen Leserschichten darzulegen, deren es in Rußland immer mehr werden und die eine Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklung der Welt brauchen.

Ich möchte das fortsetzen und später auch eine II. Folge - über Deutschland - herausbringen.

Ich beginne jetzt mit der Arbeit an einer Broschüre über den Imperialismus.

Es handelt sich um das Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus". (Siehe Werke, Bd. 22, S. 189-309.)

Infolge der Kriegszeiten bin ich dringend auf Verdienst angewiesen und möchte deshalb bitten, wenn es möglich ist und Ihnen keine allzu große Mühe bereitet, die Herausgabe der Broschüre zu beschleunigen.

Hochachtungsvoll. W. Lenin

Adresse: Mr. Wl. Ulianoff. Seidenweg 4-a. Berne. (Suisse).

Geschickt nach Petrograd.

Zuerst veröffentlicht 1925.

 

 

Auszug aus einem Brief von Lenin – Gorki betreffend


105

AN A. SCHLJAPNIKOW

geschrieben nach dem 3. Oktober 1916.

    Lenin, Band 35, Seite 209 - 213


Basarow hat in der „Letopis" einen Bock geschossen. Bogdan ow faselt in der „Letopis" anderen Blödsinn, aber ebenfalls Blödsinn. Dort bildet sich ein höchst verdächtiger Block von Machisten und OK-Leuten heraus. Ein abscheulicher Block! Man wird ihn kaum zerschlagen können... Vielleicht sollte man versuchen, einen Block mit den Machisten gegen die OK-Leute zu bilden? Das wird wphl kaum gelingen!! Gorki verhält sich in der Politik immer recht charakterlos und gibt sich Gefühlen und. Stinimungen hin.

(...)

Von mir persönlich muß ich sagen, daß ich etwas verdienen muß. Sonst krepiere ich glatt, wirklich!! Die Teuerung ist höllisch, und ich weiß nicht, wovon ich leben soll. Man muß bei dem Verleger der „Letopis", dem zwei meiner Broschüren

Gemeint sind W. I. Lenins Schriften „Neue Daten über die Entwicklungsgesetze des Kapitalismus in der Landwirtschaft" und „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus". (Siehe Werke, Bd. 22, S. 1-100 und S. 189-309.)

zugeschickt wurden, mit Gewalt Geld* herauspressen (er soll zahlen, sofort und möglichst viel!).

Ebenso mit Bontsch. Ebenso wegen Übersetzungen. Wenn das nicht zustande kommt, dann kann ich mich wahrhaftig nicht mehr über Wasser halten, das ist mein vollster Ernst, glauben Sie's mir.

____

* Wegen des Geldes sollte Belenin mit Katin und mit Gorki selbst sprechen, natürlich nur, wenn das keine Umstände macht.

 

 

 

Auszug aus einem Brief von Lenin – Gorki betreffend


113

AN INES ARMAND

Geschrieben am 18. Dezember 1916

Lenin, Band 35, Seite 237


Mein Manuskript über den Imperialismus" ist in Petrograd angekommen, und heute schreiben sie, der Herausgeber (und das ist Gorki! Oh, dieser Kindskopf!) sei sehr ungehalten über die scharfen Äußerungen gegen . . . gegen wen, glauben Sie wohl? . . . gegen Kautsky! Er will mir schreiben!!! Lächerlich und ärgerlich zugleich.

Das ist eben mein Schicksal. Ein Waffengang nach dem andern – gegen politische Dummheiten und Banalitäten, gegen den Opportunismus usw.

So geht das seit 1893. Daher auch der Haß der Hohlköpfe. Nun, ich würde trotzdem mein Schicksal nicht gegen einen „Frieden" mit den Hohlköpfen eintauschen.

Zuerst veröffentlicht 1949 in der Zeitschrift „Bolschewik" Nr. 1.

 

 

1917

 

Auszug – Gorki betreffend

Lenin, Band 36, Seite 412

Geschrieben nicht später als am 27. März 1917.

PLAN DES IN ZÜRICH GEHALTENEN REFERATS:

„DIE RUSSISCHE REVOLUTION,

IHRE BEDEUTUNG UND IHRE AUFGABEN"

 

Gemeint ist die These Nr. 11 in W. I. Lenins Artikel „Einige Thesen", die
im Zentralorgan der Partei „Sozial-Demokrat" Nr. 47 vom 13. Oktober
1915 veröffentlicht wurden. (Siehe Werke, Bd. 21, S. 410/411.)



29. Frieden? W i e (Gorki?)

30. — Unsere Friedensbedingungen (These Nr. 11 in Nr. 47)

509

31. Ein Schritt (Übergang) zum Sozialismus.

32. Es lebe die russische Revolution, es lebe die beginnende proletarische Weltrevolution!


 

AN A.M. GORKI

Für A. M. Gorki

Geschrieben vor dem 8. Februar 1919.

Lenin, Band 36, Seite 354


Sehr geehrter Alexej Maximowitsch!

Ich sende Ihnen eingeschrieben unter Kreuzband die Broschüre meiner Frau: „Volksbildung und Demokratie".

Das Buch N . K. Krupskajas „Volksbildung und "Demokratie" wurde nicht, wie vorgesehen, vom Verlag „Parus" (Das Segel) herausgebracht. Es erschien erst 1917 im Verlag „Shisn i Snanije" (Leben und Wissen).

Die Verfasserin beschäftigt sich schon lange mit Pädagogik, seit über zwanzig Jahren. Der Broschüre liegen sowohl persönliche Beobachtungen als auch Materialien über die moderne Schule in Europa und Amerika zugrunde. Aus dem Inhaltsverzeichnis ersehen Sie, daß der erste Teil auch einen Abriß der Geschichte der demokratischen Anschauungen enthält.

Das ist ebenfalls sehr wichtig, denn gewöhnlich werden die Anschauungen der großen Demokraten der Vergangenheit nicht richtig oder von einem falschen Standpunkt aus dargelegt. Ich weiß nicht, ob Sie selbst Zeit finden, die Broschüre zu lesen und ob Sie sich dafür interessieren.

Die Abschnitte 2 und 12 könnten als Einblick dienen. Die Veränderungen im Schulwesen der jüngsten, der imperialistischen Epoche sind an Hand von Materialien der letzten Jahre beschrieben und geben sehr interessante Aufschlüsse für die Demokratie in Rußland.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie - direkt oder indirekt – bei der Herausgabe dieser Broschüre behilflich sein würden. Die Nachfrage nach Literatur auf diesem Gebiet ist jetzt in Rußland sicher sehr gestiegen.

Beste Grüße und Wünsche.

W. Uljanow

Wl. Uljanow. Seidenweg 4-a. Bern.


Geschickt von Bern nach Petersburg.

Zuerst veröffentlicht 1925 im Lenin-Sammelband III.

 

 

 

217

AN A.M.GORKI

18. VII. 1919

Lenin, Band 35, Seite 385


Lieber A.M.I

Kommen Sie hierher zur Erholung - ich fahre häufig für zwei Tage aufs Land, wo ich Sie großartig unterbringen kann, für kurze Zeit oder auch für länger.

Wirklich, kommen Sie!

Telegrafieren Sie, wann: wir lassen Ihnen ein Abteil reservieren, damit Sie es auf der Reise bequemer haben. Sie brauchten wahrhaftig ein klein wenig Luftveränderung. Ich warte auf Antwort!

Während des Bürgerkriegs und besonders 1919, dem Jahr, das für das Land das schwerste war, riet W. I. Lenin A. M. Gorki mehrere Male eindringlich, von seiner angestrengten Arbeit auszuruhen, sich zu kurieren, die Umgebung zu wechseln - aus Petrograd nach einem Ort überzusiedeln, der sich besser für die schöpferische Arbeit und zur Erholung eignete.

Ihr Lenin

Geschickt nach Petrograd.

Zuerst veröffentlicht am 29. März 1928 in der „Prawda" Nr. 75.

 

 

Auszug – Gorki betreffend


268

AN N.K. KRUPSKAJA

9. VII. 1919

Lenin, Band 37, Seite 475


Liebe Nadjuschka!

(...)

Ich habe schon ein Telegramm nach Kasan aufgegeben, und da keine Antwort kam, habe ich ein zweites nadi Nishni geschickt, von wo heute geantwortet wurde, die „Krasnaja Swesda" müsse am 8. VII. in Kasan sein und werde dort mindestens 24 Stunden anlegen. Ich habe in dem Telegramm angefragt, ob auf der „Krasnaja Swesda" nicht eine Kajüte für Gorki zur Verfügung gestellt werden kann. Er wird morgen hier eintreffen, und mir liegt sehr daran, ihn aus Petrograd wegzuholen, wo er übernervös und mutlos geworden ist. Ich hoffe, Du und die anderen Genossen, Ihr werdet Euch freuen, die Fahrt mit Gorki zu machen. Er ist ein sehr lieber Mensch; etwas kapriziös, aber das ist ja belanglos.

Dein W. Uljanow


Zuerst veröftentlidrt 1931 in dem Sammelband: W. I. Lenin, „Briefe an die Angehörigen".

 

Auszug – Gorki betreffend

 

269

TELEGRAMM AN N. K. KRUPSKAJA

Kasan. Uljanowa

  1. Juli 1919.

    Lenin, Band 37, Seite 477


Habe heute mit Gorki gesprochen und ihn dringend gebeten, auf Eurem Dampfer mitzufahren, habe deswegen schon nach Nishni telegrafiert, aber Gorki lehnt kategorisch ab.

Lenin


Zuerst veröffentlicht 1945 im Lenin-Sammelband XXXV.

 

 

Auszug – Gorki betreffend

270

TELEGRAMM AN N. K. KRUPSKAJA

Kasan. Uljanowa

15. Juli 1919.

    Lenin, Band 37, Seite 478


Gorki habe ich zu der Fahrt nicht überreden können, obwohl ich ihm nachdrücklich zugeredet habe.

Dein W. Ulj.

Zum ersten Mal veröffentlicht

 

 

218

AN A.M. GORKI

31. VII. 1919

Lenin, Band 35, Seite 386 - 390


Lieber Alexej Maximytsch!

Je mehr ich mich in Ihren Brief vertiefe, je mehr ich nachdenke über den Zusammenhang zwischen den Schlußfolgerungen in diesem Brief und dem, was in ihm dargelegt ist (und was Sie bei unseren Begegnungen erzählt haben), desto mehr komme ich zu der Überzeugung, daß sowohl dieser Brief als auch Ihre Schlußfolgerungen und alle Ihre Eindrücke ganz und gar krankhaft sind.

Petrograd ist in letzter Zeit einer der wundesten Punkte. Das ist auch begreiflich, denn seine Einwohner haben am meisten durchgemacht, die Arbeiter haben mehr als anderswo ihre besten Kräfte hergegeben, die Hungersnot ist schwer, die militärische Bedrohung gleichfalls. Ihre Nerven halten offensichtlich nicht stand. Das ist kein Wunder. Sie aber sind eigensinnig, wenn man Ihnen sagt, Sie müßten Ihr Domizil verändern, denn es ist in jeder Beziehung unvernünftig, sich die Nerven bis zur Krankhaftigkeit zerrütten zu lassen, unvernünftig schon vom Standpunkt simpelster Zweckmäßigkeit, von anderen Gesichtspunkten ganz zu schweigen.

Wie Ihre Gespräche mit mir, so enthält auch Ihr Brief eine Vielzahl krankhafter Eindrücke, die Sie zu krankhaften Schlußfolgerungen führen.

Sie beginnen mit der Ruhr und der Cholera, und sofort ist eine irgendwie krankhafte Erbitterung da: „Brüderlichkeit, Gleichheit". Unbewußt, aber es kommt so heraus, als sei der Kommunismus schuld - an der Not, dem Elend und den Krankheiten der belagerten Stadt!!

Dann kommen irgendwelche mir unverständlichen boshaften Spitzen gegen eine „Hintertreppen"literatur (welche?- weshalb in Verbindung mit Kalinin?). Und die Schlußfolgerung: Die „verschwindenden Reste der vernünftigen Arbeiter" sagen angeblich, man habe sie „verraten", „dem Bauern ausgeliefert".

Da hört doch alles auf. Soll etwa Kalinin die Arbeiter an den Bauern verraten haben? So kommt es heraus.

Das können sich entweder nur ganz grüne, dumme Arbeiter ausgedacht haben, mit „linken" Phrasen an Stelle des Kopfes, oder zermürbte, erschöpfte, hungrige, kranke, oder aber die „Überreste der Aristokratie", die es aasgezeichnet verstehen, alles und jedes zu verdrehen, die jede beliebige Kleinigkeit ausgezeichnet ausnutzen, um ihrer geifernden Wut gegen die Sowjetmacht Luft zu machen. Von diesen Überresten sprechen Sie auch gleich darauf im Brief. Und deren Stimmung übt einen krankhaftenEinfluß auf Sie aus.

Sie schreiben, daß Sie „Menschen aus den verschiedensten Schichten" sehen. Sehen ist eins, etwas anderes ist es, ständig in allen Dingen des täglichen Lebens die Berührung zu fühlen. Einer solchen Berührung sind Sie vor allem mit diesen „Überresten" ausgesetzt - schon allein infolge Ihres Berufs, der Sie zwingt, Dutzende erboster bürgerlicher Intellektueller zu „empfangen", wie auch infolge des Milieus, in dem Sie leben.

Die „Überreste", behaupten Sie, „bringen der Sowjetmacht etwas wie Sympathie entgegen", während aus der „Mehrheit der Arbeiter" Diebe, nur des Vorteils wegen in die Partei eingetretene „Kommunisten" u. Dgl. hervorgehen! Und Sie versteigen sich zu der „Schlußfolgerung", daß man die Revolution nicht mit Hilfe von Dieben, daß man sie nicht ohne die Intelligenz machen kann.

Das ist eine durch und durch krankhafte Gemütsverfassung, die sich im Umgang mit den erbosten bürgerlichen Intellektuellen verschlimmert hat.

Es wird alles getan, um die Intelligenz (die nichtweißgardistische) zum Kampf gegen die Diebe heranzuziehen. Und mit jedem Monat steigt in der Sowjetrepublik der Prozentsatz der bürgerlichen Intellektuellen, die den Arbeitern und Bauern aus ehrlichem Herzen helfen und nicht nur nörgeln und Gift und Galle speien. In Petrograd kann man das nicht „sehen", denn Petrograd ist eine Stadt mit einer außerordentlich großen Zahl bürgerlicher Elemente (und „Intellektueller"), die ihre Stellung (und den Kopf) verloren haben, aber für ganz Rußland ist dies eine unbestreitbare Tatsache.

In Petrograd oder von Petrograd aus kann sich davon nur überzeugen, wer politisch außergewöhnlich gut informiert ist, wer besonders große politische Erfahrung besitzt. Bei Ihnen trifft das nicht zu. Und Sie befassen sich nicht mit Politik und nicht mit Beobachtungen, wie am politischen Aufbau gearbeitet wird, sondern haben einen besonderen Beruf, der Sie in das Milieu erboster bürgerlicher Intellektueller führt, die nichts begriffen, nichts vergessen, nichts hinzugelernt haben, die im besten Fall - im seltensten, allerbesten Fall - verwirrt und verzweifelt sind, die jammern, immer wieder mit den alten Vorurteilen kommen, die verängstigt sind und sich selber Angst machen.

Will man beobachten, so muß man unten beobachten, wo man überblicken kann, wie am Aufbau des neuen Lebens gearbeitet wird, in einer Arbeitersiedlung der Provinz oder auf dem Lande - dort braucht man nicht eine Fülle kompliziertester Daten politisch zu erfassen, dort braucht man nur zu beobachten. Statt dessen haben Sie sich auf die Position eines professionellen Redakteurs von Übersetzungen usw. begeben, auf eine Position, wo man den neuen Aufbau des neuen Lebens nicht beobachten kann, eine Position, wo alle Kräfte vertan werden auf das krankhafte Genörgel einer kranken Intelligenz, auf die Beobachtung der „früheren" Hauptstadt in einer Situation furchtbarer militärischer Bedrohung und bitterster Not.

Sie haben sich auf eine Position begeben, wo Sie außerstande sind, das Neue im Leben der Arbeiter und Bauern, das sind neun Zehntel der Bevölkerung Rußlands, unmittelbar zu beobachten; wo Sie gezwungen sind, Bruchstücke aus dem Leben der früheren Hauptstadt zu beobachten, aus der die Blüte der Arbeiter an die Front und aufs Land gegangen ist und wo unverhältnismäßig viele stellungslose und arbeitslose Intellektuelle zurückgeblieben sind, die Sie speziell „belagern". Rät man Ihnen aber, wegzufahren, so lehnen Sie dies hartnäckig ab.

Es ist begreiflich, daß Sie sich krank gemacht haben: das Leben ist für Sie nicht nur schwer, schreiben Sie, es ist Ihnen auch „aufs äußerste zuwider"!!! Wie kann es anders sein! Sich in solch einer Zeit als Redakteur von Übersetzungsliteratur (die passendste Beschäftigung für einen Künstler, um Menschen zu beobachten!) an dem wundesten Punkt festzusetzen! Sie können hier als Künstler unmöglich das Neue in der Armee, das Neue auf dem Lande und das Neue in der Fabrik beobachten und studieren. Sie haben sich selber um die Möglichkeit gebracht, das zu tun, was einen Künstler befriedigen würde — ein Politiker kann in Petrograd arbeiten, Sie aber sind kein Politiker. Heute sinnlos eingeschlagene Scheiben, morgen eine Schießerei, Geschrei aus dem Gefängnis, dann ein paar Fetzen aus dem Gerede der müdesten von den in Petrograd zurückgebliebenen Nichtarbeitern, ferner Millionen Eindrücke, vermittelt von der Intelligenz, einer hauptstädtischen Intelligenz ohne Hauptstadt, dann wieder Hunderte Klagen gekränkter Menschen, und in der Zeit, die Ihnen nach der Redakteurtätigkeit noch verbleibt, ist es Ihnen unmöglich, etwas vom Aufbau des Lebens zu sehen (er vollzieht sich in besonderer Weise und am wenigsten in Petrograd) - wie soll man sich da nicht in einen Zustand bringen, in dem einem das Leben aufs äußerste zuwider wird?

Das Land lebt in einem fieberhaften Kampf gegen die Bourgeoisie der ganzen Welt, die für ihren Sturz furchtbare Rache übt. Das ist natürlich.

Weil wir die erste Sowjetrepublik errichtet haben, hageln auf uns die ersten Schläge von allen Seiten nieder. Das ist natürlich. Hier muß man entweder aktiver Politiker sein, oder man muß, wenn einem der Sinn nicht nach Politik steht, als Künstler beobachten, wie das Leben auf neue Art aufgebaut wird, nicht im Zentrum der wütenden Attacken auf die Hauptstadt, des wütenden Kampfes gegen Verschwörungen, der geifernden Wut der hauptstädtischen Intelligenz, sondern auf dem Lande oder in einer Fabrik in der Provinz (oder an der Front). Dort ist es leicht, durch einfache Beobachtung das sich zersetzende Alte vom aufkeimenden Neuen zu trennen.

Das Leben ist Ihnen zuwider geworden, die „Differenz" mit dem Kommunismus „wird tiefer". Worin die Differenz besteht, ist unmöglich zu begreifen. Nicht der geringste Hinweis auf eine Differenz in der Politik oder in den Ideen. Es ist dies die Differenz zwischen der Stimmung von Menschen, die Politik treiben oder völlig aufgehen in einem Kampf von unvorstellbarer Heftigkeit, und der Stimmung eines Menschen, der sich künstlich in eine solche Position hineinmanövriert hat, daß er das neue Leben nicht beobachten kann und die Eindrücke von der Fäulnis einer riesigen Hauptstadt der Bourgeoisie die Oberhand gewinnen.

Ich habe Ihnen meine Gedanken über Ihren Brief offen gesagt. Die Gespräche (mit Ihnen) haben mich schon lange auf diese Gedanken gebracht, aber Ihr Brief hat den Eindrücken aus unseren Gesprächen Form und endgültig Gestalt gegeben, hat das Ganze zum Abschluß gebracht.

Ich möchte meinen Rat nicht aufdrängen, aber ich muß Ihnen sagen:

Ändern Sie radikal die Umgebung, das Milieu wie auch den Wohnort und die Beschäftigung, sonst könnte Ihnen das Leben endgültig zuwider werden.

Ich drücke Ihnen fest die Hand

Ihr Lenin

geschickt nach Petrograd.

Zuerst veröffentlicht 1925.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gorkis Erinnerungen an Lenin

"Wladimir Iljitsch Lenin ist tot - aber die Erben seines Geistes und Willens leben."