Lenin

Über Finnland

 

 

 

 

 

 

 

 

1918

Die Arbeiter-Revolution in Finnland

(Vorbemerkung)

Die Revolution in Finnland begann Mitte Januar 1918 im industriellen Süden des Landes und erfasste ein Reihe der größten Zentren: Helsinki, Viipuri und andere.

Der Revolution war im November ein vom Zentralen Revolutionären Arbeiterrat geleiteter politischer Generalstreik viraus gegangen, der am 31. Oktober (13. November) 1917 ausbrach und eine Woche andauerte.

Am 15. (28.) Januar besetzte die finnische Rote Garde die Hauptstadt Finnlands, Helsinki, wo am 16. (29.) Januar eine revolutionäre Regierung - der Rat der Volksbeauftragten (oder Kommissare) Finnlands - gebildet wurde.

Die bürgerliche Regierung Svinhufvud ersuchte die schwedische und die deutsche Bourgeoisie um Hilfe. Nachdem sie im Norden Finnlands festen Fuß gefasst und weißgardistische Kulakenverbände gebildet hatte, begann sie Ende Januar mit Unterstützung der Deutschen, der Schweden und des russischen weißen Offizierskorps den Angriff gegen den Süden. Im Mai, nach drei-monatigem erbittertem Bürgerkrieg, wurde die Arbeiterrevolution in Finnland mit Hilfe des gelandeten 20 000 Mann starken deutschen Expeditionskorps unterdrückt. Die bürgerliche Regierung, der es gelungen war, Nordfinnland mit seiner groß-bäuerlichen und wohlhabenden Bauernschaft in ein Aufmarschgebiet der Konterrevolution zu verwandeln und eine weißgardistische Armee zu schaffen, hatte selber den Bürgerkrieg ausgelöst, indem sie in verschiedenen Teilen des Landes Überfälle auf einzelne Abteilungen der Roten Garde organisierte.

Die finnischen Arbeiter und die von ihnen geschaffene Rote Garde führten einen heroischen Kampf, doch wurde ihre Widerstandskraft durch die verräterische Taktik des rechten Flügels der finnischen Sozialdemokratie geschwächt, während es eine revolutionäre proletarische Partei damals in Finnland noch nicht gab.

Mit den vereinigten Kräften der finnischen Weißgardisten und der deutschen Truppen wurde die proletarische Revolution im April/Mai 1918 grausam unterdrückt. In Finnland begann der weiße Terror. Zehntausende revolutionärer Arbeiter wurden erschossen.

 

 

Niemand kann die historische Wahrheit leugnen:

Seine Unabhängigkeit erhielt Finnland von den Bolschewiki im November 1917.

Dekret des Rats der Volkskommissare vom 18. (31.) Dezember 1917 über die Anerkennung der Unabhängigkeit Finnlands.

Dieses Dekret wurde Svinhufvud, dem Präsidenten der finnischen bürgerlichen Regierung, von Lenin persönlich überreicht.

Am 22. Dezember 1917 (4. Januar 1918) wurde das Dekret über die Unabhängigkeit Finnlands in der Sitzung des Gesamtrussischen ZEK bestätigt.

 

 

 

 

 

 

FINNLAND UND RUSSLAND

„Prawda" "Nr. 46, 15. (2.) Mai 1917,

Lenin, Gesammelte Werke, Band 24, Seite 329 - 332


Die Frage des Verhältnisses Finnlands zu Rußland ist zu einer brennenden Frage geworden. Die Provisorische Regierung hat es nicht verstandenr das finnische Volk, das einstweilen nodb nicht die Lostrennung, sondern lediglich weitgehende Autonomie fordert, zufriedenzustellen.
Die undemokratische, annexionistische Politik der Provisorischen Regierung wurde dieser Tage von der „Rabotschaja Gaseta" formuliert und „verteidigt". Sie hat das in einer Art und Weise getan, daß sie ihren Schützling gar nicht besser hätte „hereinlegen" können. Diese Frage ist winklich eine Grundfrage, eine Frage, die für den ganzen Staat von Bedeutung ist, und es ist daher notwendig, mit größter Aufmerksamkeit auf sie einzugehen.
„Das Organisationskomitee ist der Ansicht", schreibt die „Rabotschaja Gaseta" Nr. 42, „daß die Frage der gegenseitigen Beziehungen zwischen Finnland und dem Russischen Staat als Ganzes nur durch ein Übereinkommen zwischen dem Landtag Finnlands und der Konstituierenden Versammlung gelöst werden kann und soll. Bis dahin aber müssen die finnischen Genossen" (das Organisationskomitee hat mit den finnischen Sozialdemokraten eine Besprechung gehabt) „dessen eingedenk sein, daß ein Erstarken der separaten Tendenzen in Finnland die zentralistischen Bestrebungen der russischen Bourgeoisie stärken könnte."
Das ist der Standpunkt der Kapitalisten, der Bourgeoisie, der Kadetten, aber keinesfalls des Proletariats. Das Programm der Sozialdemokratischen Partei, namentlich seinen § 9, der allen dem Staate angehörenden Nationen das Selbstbestimmungsrecht zuerkennt, haben die menschewistischen
Sozialdemokraten über Bord geworfen. Sie haben sich in Wirklichkeit von diesem Programm losgesagt und sind faktisch genauso wie in der Frage der Ersetzung des stehenden Heeres durch die allgemeine
Volksbewaffnung usw. auf die Seite der Bourgeoisie übergetreten.
Die Kapitalisten, die Bourgeoisie, und darunter auch die Partei der Kadetten, haben die politische Selbstbestimmung der Nationen, d. h. ihr Recht auf Lostrennung von Rußland, niemals anerkannt.
Die Sozialdemokratische Partei hat in § 9 ihres im Jahre 1903 angenommenen Programms dieses Recht anerkannt.
Wenn das Organisationskomitee die finnischen Sozialdemokraten auf ein „Übereinkommen" zwischen dem Landtag Finnlands und der Konstituierenden Versammlung „vertröstet", so heißt das eben, daß es in dieser Frage auf die Seite der Bourgeoisie übergegangen ist. Um sich davon restlos zu überzeugen, genügt es, sich die Stellung aller Hauptklassen und -parteien deutlich vor Augen zu führen.
Der Zar, die Rechten, die Monarchisten sind nicht für ein Übereinkommen zwischen dem Landtag und der Konstituierenden Versammlung, sondern für die direkte Unterwerfung Finnlands unter die russische Nation.
Die republikanische Bourgeoisie ist für ein Übereinkommen zwischen dem Landtag Finnlands und der Konstituierenden Versammlung. Das klassenbewußte Proletariat und die ihrem Programm treu gebliebenen Sozialdemokraten sind für das Recht der Lostrennung Finnlands wie aller anderen nicht vollberechtigten Völkerschaften von Rußland. Das ist das unbestreitbare, klare, präzise Bild der Lage. Unter der Losung eines „Übereinkommens", die rein gar nichts entscheidet - denn was soll geschehen, wenn ein Übereinkommen nicht zustande kommt? - betreibt die Bourgeoisie dieselbe zaristische Unterwerfungspolitik, dieselbe Annexionspolitik.
Schließlich wurde doch Finnland von den russischen Zaren annektiert auf Grund von Abmachungen mit Napoleon, dem Würger der französischen Revolution usw. Wenn wir wirklich gegen Annexionen sind, müssen wir sagen: Recht auf Eostrennung für Tinnland! Wenn wir das gesagt und verwirklicht haben, dann - und nur dann! - wird ein „Übereinkommen" mit Finnland ein wirklich freiwilliges, freies Übereinkommen, d. h. wirklich ein Übereinkommen und kein Betrug sein.
Übereinkommen treffen können nur Gleiche. Damit ein Übereinkommen ein wirkliches Übereinkommen sei und nicht eine durch Worte getarnte Unterwerfung, ist die wirkliche Gleichberechtigung beider Seiten notwendig, d. h., sowohl Rußland als auch Finnland müssen das Recht haben, nicht einverstanden zu sein. Das ist sonnenklar.
Nur das „Recht auf Lostrennung" bringt dies zum Ausdruck: nur ein Finnland, das die Freiheit hat, sich loszutrennen, ist wirklich imstande, mit Rußland darüber „übereinzukommen", ob es sich lostrennen soll. Wer ohne diese Voraussetzung, ohne Anerkennung des Rechtes auf Lostrennung,
über ein „Übereinkommen" Phrasen drischt, der betrügt sich und das Volk.
Das Organisationskomitee hätte den Finnen klipp und klar sagen müssen, ob es das Recht auf Lostrennung anerkennt oder nicht. Es hat diese Frage nach Art der Kadetten verwischt und sich damit von dem Recht auf Lostrennung losgesagt. Es hätte die russische Bourgeoisie angreifen müssen, weil sie den unterdrückten Nationen das Recht auf Lostrennung verweigert, was gleichbedeutend ist mit Annexionismus. Das Organisationskomitee greift aber statt dessen die Finnen an, indem es sie warnt, daß „separate" (es müßte heißen: separatistische) Tendenzen die
zentralistischen Bestrebungen stärken würden!! Mit anderen Worten, das Organisationskomitee droht den Finnen mit einem Erstarken der annexionistischen großrussischen Bourgeoisie - gerade das haben die Kadetten stets getan, gerade unter dieser Flagge betreiben die Roditschew und Co. ihren Annexionismus.
Da haben wir eine anschauliche praktische Erläuterung zur Frage der Annexionen, von denen heute „alle" reden, wobei sie sich aber fürchten, die Frage unumwunden und präzis zu stellen. Wer gegen das Recht auf Lostrennung ist, der ist für Annexionen.
Die Zaren betrieben die Annexionspolitik plump und ungeschminkt, indem sie im Einvernehmen mit anderen Monarchen ein Volk gegen ein anderes austauschten (die Teilung Polens, das Abkommen mit Napoleon über Finnland usw.), genauso wie die Gutsbesitzer untereinander die leibeigenen Bauern austauschten. Die republikanisch gewordene Bourgeoisie betreibt genau dieselbe Annexionspolitik, aber raffinierter und versteckter, indem sie ein „Übereinkommen" verspricht, jedoch die einzige
reale Garantie wirklicher Gleichberechtigung bei einem Übereinkommen, nämlich das Recht auf Lostrenmmg, vorenthält. Das Organisationskomitee trottet im Schlepptau der Bourgeoisie einher und stellt sich praktisch auf ihre Seite. (Die „Birshowka", die alles Wesentliche aus dem Artikel der „Rabotschaja Gaseta" nachdruckte und die Antwort des Organisationskomitees an die Finnen lobte, hat daher vollkommen recht, wenn sie diese Antwort als eine den Finnen erteilte „Lektion in russischer Demokratie" bezeichnet. Die „Rabotschaja Gaseta" hat diesen Bruderkuß der „Birshowka" verdient.)
Die Partei des Proletariats („Bolschewiki") hat auf ihrer Konferenz - in der Resolution zur nationalen Frage - erneut das Recht auf Lostrennung bestätigt.


Die Gruppierung der Klassen und Parteien ist klar.
Die Kleinbürger lassen sich durch das Schreckgespenst der erschrockenen Bourgeoisie ins Bockshorn jagen - darin liegt der ganze Kern der Politik der menschewistischen Sozialdemokraten und der Sozialrevolutionäre.
Sie „fürchten" die Lostrennung. Die klassenbewußten Proletarier fürchten sie nicht. Sowohl Norwegen wie Schweden haben gewonnen, als Norwegen sich 1905 auf Grund freier Entscheidung von Schweden lostrennte: gewachsen ist das Vertrauen beider Nationen zueinander, sie haben sich freiwillig einander genähert, verschwunden sind die unsinnigen und schädlichen Reibungen, erstarkt ist die Anziehungskraft zwischen beiden Nationen in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Beziehung
wie im täglichen Leben, fester geworden ist das brüderliche Bündnis der Arbeiter beider Länder.
Genossen Arbeiter und Bauern! Findet euch nicht ab mit der Annexionspolitik der russischen Kapitalisten, der Gutschkow, Miljukow, der Provisorischen Regierung gegenüber Finnland, Kurland, der Ukraine usw.! Fürchtet euch nicht, das Recht auf Lostrennung für alle diese Nationen
anzuerkennen. Nicht durch Gewalt soll man die anderen Völker für einen Bund mit den Großrussen gewinnen, sondern nur durch ein wirklich freiwilliges, wirklich freies Übereinkommen, das ohne das Recht auf Lostrennung unmöglich ist.
Je freier Rußland sein wird, je entschiedener unsere Republik das Recht auf Lostrennung für die nicht großrussischen Nationen anerkennt, desto stärker werden die anderen Nationen nach einem Bündnis mit uns streben, desto weniger Reibungen wird es geben, desto seltener wird es zu einer tatsächlichen Lostrennung kommen, desto kürzer wird die Zeitspanne sein, für die sich einige Nationen lostrennen werden, desto enge und fester wird im Endergebnis das brüderliche Bündnis der proletarischbäuerlichen Republik Rußland mit den Republiken beliebiger anderer Nationen sein.


„Prawda" "Nr. 46, 15. (2.) Mai 1917,

 

Die Annexion Belgiens, Serbiens usw. hört dadurch
nicht auf, Annexion zu sein, wenn an die Stelle Wilhelms die
deutschen Kadetten treten - genauso wie die Annexionen von Chiwa,
Buchara, Armenien, Finnland, der Ukraine usw. nicht aufgehört haben,
Annexionen zu sein, weil Nikolaus von den russischen Kadetten, den
russischen Kapitalisten abgelöst wurde.

Lenin, Volume 24, Seite 339 - Ein trauriges Dokument 16. (3.) Mai 1917

 

 

BRIEF AN DEN VORSITZENDEN
DES GEBIETSKOMITEES DER ARMEE, DER FLOTTE
UND DER ARBEITER FINNLANDS
I.T.SMILGA


An Genossen Smilga.

Ich benutze die günstige Gelegenheit, um mich mit Ihnen ausführlicher
zu unterhalten.

1


Die allgemeine politische Lage beunruhigt mich sehr. Der Petrograder Sowjet und die Bolschewiki haben der Regierung den Krieg erklärt. Aber die Regierung hat das Heer und bereitet sich systematisch vor (Kerenski ist im Hauptquartier, es ist klar, daß er sich mit den Kornilowleuten über Truppen zur Niederwerfung der Bolschewiki verständigt, und zwar sachlich).
Und was tun wir? Nehmen wir nur Resolutionen an? Wir verlieren Zeit, setzen „Termine" fest (am 20. Oktober ist der Sowjetkongreß - ist es nicht lächerlich, die Sache so aufzuschieben? Ist es nicht lächerlich, sich,darauf zu verlassen?). Eine systematische Arbeit, um ihre militärischen Kräfte auf den Sturz Kerenskis vorzubereiten, betreiben die Bolschewiki nicht.
Die Ereignisse haben vollauf die Richtigkeit des Vorschlags bestätigt, den ich in der Zeit der Demokratischen Beratung machte, nämlich daß die Partei den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung setzen muß* (* Siehe den vorliegenden Band, S. 1-3. Die Red.)
Die Ereignisse zwingen dazu. Die Geschichte hat jetzt zur wichtigsten politisdhen Frage die militärische Frage gemacht. Ich fürchte, die Bolschewiki, die in „Tagesfragen", in kleinen laufenden Angelegenheiten aufgehen und darauf „hoffen", daß „die Welle Kerenski hinwegfegen wird",
vergessen das. Eine solche Hoffnung ist naiv, das ist, als wollte man sich aufs „vielleicht" verlassen. Wollte sich die Partei des revolutionären Proletariats so verhalten, so kann das ein Verbrechen sein.
Meines Erachtens muß man in der Partei für eine ernste Behandlung der Frage des bewaffneten Aufstands agitieren - zu diesem Zweck sollte man auch diesen Brief auf der Maschine abschreiben und den Petrograder und Moskauer Genossen zustellen.

2


Weiter über Ihre Rolle. Es scheint, das einzige, was wir ganz in unseren Händen haben können und was eine ernste militärische Rolle spielt, das sind die finnländischen Truppen und die Baltische Flotte. Ich denke, Sie müßten Ihren hohen Posten ausnutzen, die ganze Kleinarbeit, die ganze
Routinearbeit auf Ihre Gehilfen und Sekretäre abwälzen, Sie sollten keine Zeit mit „Resolutionen" vergeuden, sondern Ihre ganze Aufmerksamkeit der militärisdien Vorbereitung der finnländischen Truppen + Flotte auf den bevorstehenden Sturz Kerenskis widmen. Man muß ein Gebeimkomitee
aus den zuverlässigsten Militärs bilden und mit ihm alle Seiten der Sache bespredien, die genauesten Informationen über die Zusammensetzung und die Standorte der Truppen bei Petrograd und in
Petrograd, über den Transport der finnländisdien Truppen nadi Petrograd, über die Bewegung der Flotte usw. sammeln (und selbst nachprüfen).
Wir können uns als die Genarrten erweisen, wenn wir das nidit tun: mit prächtigen Resolutionen und mit den Sowjets, aber ohne die Macht !
Ich denke, daß es Ihnen möglidi sein wird, wirklidi zuverlässige und erfahrene Militärs zu finden, nach Ino

[ Anmerkung:]

Fort Ino - Befestigung an der russisch-finnischen Grenze, die zusammen mit Kronstadt die Zugänge nach Petrograd schützte. Gemäß dem Vertrag zwischen der RSFSR und der Finnischen Sozialistischen Arbeiterrepublik fiel Fort Ino 1918 an die RSFSR. Nach der Niederschlagung der finnischen Revolution versuchten die Weißgardisten, das Fort einzunehmen. Auf Anordnung des Kommandanten der Festung Kronstadt wurde das Fort im Mai 1918 gesprengt.

und anderen wichtigen Punkten zu fahren, die Sache ernsthaft abzuwägen und zu studieren, ohne sidi auf die bei uns allzusehr zur Qewohnheit gewordenen prahlerisdien allgemeinen Phrasen zu verlassen.
Daß wir auf keinen J all den Abtransport von Truppen aus Finnland zulassen dürfen, ist klar. Es ist besser, alles zu wagen, den Aufstand, die Ergreifung der Macht - um sie dem Sowjetkongreß in die
Hände zu legen. Ich lese heute in den Zeitungen, daß schon in zwei Wochen die Gefahr einer Truppenlandung gleich Null sein wird. Folglich ist nur ganz wenig Zeit zur Vorbereitung geblieben.


3


Weiter. Die „Macht" in Finnland muß ausgenutzt werden für eine systematische Propaganda unter den Kosaken, die sich hier in Finnland befinden. Einen Teil von ihnen haben Kerenski und Co. absichtlich, z. B. aus Wiborg, aus Angst vor der „Bolschewisierung" abtransportiert und nach Uusikirkko und Perkjärvi, zwischen Wiborg und Terijoki, in eine (vor den Bolschewiki) sichere Isolierung gebracht. Man muß alle Informationen über die Standorte der Kosaken studieren und die Entsendung von Agitatorentrupps aus den besten Kräften der Matrosen und Soldaten Finnlands zu ihnen organisieren. Das ist notwendig. Dasselbe gilt für die Literatur.

4


Weiter. Natürlich erhalten sowohl Matrosen wie Soldaten Urlaub. Man muß aus den zeitweilig aufs Land Beurlaubten Agitatorentrupps zusammenstellen, die systematisch alle Gouvernements bereisen und auf dem Lande agitieren, und zwar sowohl im allgemeinen als auch für die Konstituierende Versammlung. Ihre Lage ist außerordentlich günstig, denn Sie können sofort beginnen, den Block mit den linken Sozialrevolutionären zu verwirklichen, der allein uns die feste Macht in Rußland und die Mehrheit in der Konstituierenden Versammlung sichern kann. Solange man noch herumstreitet, bilden Sie sofort bei sich einen solchen Block, organisieren Sie die Herausgabe von Flugblättern (stellen Sie fest, was dafür und für ihren Transport nach Rußland in technischer Hinsicht getan werden kann), und dann wird es notwendig sein, daß jede Agitatorengruppe für das Land aus mindestens zwei Leuten besteht: einem Bolschewik und einem linken Sozialrevolutionär. Auf dem Lande herrscht vorläufig die „Firma" der Sozialrevolutionäre, und Sie müssen Ihr Glück nutzen (bei Ihnen gibt es linke Sozialrevolutionäre), um im Klamen dieser Firma auf dem Lande einen Block der Bolschewiki mit den linken Sozialrevolutionären, der Bauern mit den Arbeitern und nicht mit den Kapitalisten zustande zu bringen.

5


Meines Erachtens muß man zur richtigen Orientierung der Geister sofort folgende Losung in Umlauf setzen: Die Macht muß sofort in die Hände des Petrograder Sowjets übergehen, der sie dem Sowjetkongreß übergeben wird. Denn wozu soll man noch drei Wochen des Krieges und der „kornilowschen Vorbereitungen" Kerenskis hinnehmen. Die Propagierung dieser Losung durch die Bolschewiki und die linken Sozialrevolutionäre in Finnland kann nur von Nutzen sein.


6


Da Sie in Finnland an der Spitze der „Macht" stehen, so fällt Ihnen noch eine sehr wichtige, wenn auch bescheidene Aufgabe zu: den illegalen Literaturversand aus Schweden zu organisieren. Tun wir das nicht, so ist alles Gerede über die „Internationale" eine Phrase. Das zu organisieren ist durchaus möglich: erstens durch Bildung einer eigenen Organisation aus Soldaten an der Grenze; zweitens, wenn man das nicht kann, dadurch, daß man regelmäßige Reisen wenigstens eines zuverlässigen
Menschen an jenen Ort organisiert, an dem ich mit Hilfe des Mannes, bei dem ich vor dem Eintreffen in Helsingfors einen Tag gewohnt habe (Rovio kennt ihn), anfing, den Transport in Gang zu bringen. Vielleicht müßte man mit Geld etwas aushelfen. Leiten Sie das unbedingt in die Wege!

7


Ich denke, wir müßten uns treffen, um über diese Dinge zu sprechen.
Sie würden, wenn Sie kämen, kaum einen Tag verlieren, wenn Sie aber kommen, nur um mich zu sehen, so veranlassen Sie Rovio, bei Huttunen telefonisch anzufragen, ob die „Schwägerin" Rovios (die „Schwägerin" sind Sie) die „Schwester" Huttunens (die Schwester bin ich) treffen kann.
Denn es kann sein, daß ich sehr plötzlich abreise.
Bestätigen Sie mir unbedingt den Empfang dieses Briefes (verbrennen Sie ihn) durch denselben Genossen, der diesen Brief Rovio übergeben wird und der b al d zur ü ckf äh r t.
Für den Fall, daß ich lange hier bleiben sollte, müssen wir die Postverbindung organisieren: Sie könnten dabei behilflich sein, indem Sie den Eisenbahnangestellten Sendungen für den Wiborger
S o w j e t (Innenkuvert: für Huttunen) übergeben.



8


Schicken Sie mir durch denselben Genossen einen Ausweis (möglichst formell: auf dem Formular des Gebietskomitees, mit der Unterschrift des Vorsitzenden, gestempelt, entweder mit Maschine oder aber sehr deutlich geschrieben) auf den Namen Konstantin Petrowitsch Iwanow, in dem es heißt, daß der Vorsitzende des Gebietskomitees für diesen Genossen bürgt, daß er alle Sowjets, sowohl den Wiborger Sowjet der Soldatendeputierten als audi die übrigen, bittet, ihm volles Vertrauen
entgegenzubringen, ihm Hilfe und Unterstützung zu gewähren.
Ich brauche das für jeden Fall, denn möglich ist sowohl ein „Konflikt" wie eine „Begegnung".

9


Besitzen Sie vielleicht das Moskauer Sammelbändchen „Zur Revision des Parteiprogramms"? Versuchen Sie, es bei irgend jemand in Helsingfors aufzutreiben, und schicken Sie es mir durch denselben Genossen.


10


Vergessen Sie nicht, Rovio ist ein ausgezeichneter Mensch, aber ein Faulpelz. Man muß hinter ihm her sein und ihn zweimal am Tag erinnern. Sonst tut er nichts.


Mit Gruß K. Iwanow
geschrieben am 27. September
(10. Oktober) 1917.
Zuerst veröffentlicht am 7. November 1925
in der „Prawda" Nr. 255.

 

 

Wichtig für uns ist nicht, wo die Staatsgrenze verläuft, sondern daß das Bündnis zwischen den Werktätigen aller Nationen zum Kampf gegen die Bourgeoisie aller Nationen erhalten bleibt.
Wenn die finnische Bourgeoisie Waffen bei den Deutschen kauft, um sie gegen ihre eigenen Arbeiter zu richten, so bieten wir diesen Arbeitern das Bündnis mit den russischen Werktätigen an. Mag die Bourgeoisie einen schändlichen, erbärmlichen Streit und Schacher um die Grenzen anfangen, die Arbeiter aller Länder und aller Nationen aber werden sich solcher schändlichen Dinge wegen nicht entzweien.
Wir „erobern" jetzt - ich gebrauche ein schlechtes Wort - Finnland, aber nicht so, wie es die internationalen kapitalistischen Räuber tun. Wir erobern Finnland, indem wir ihm die volle Freiheit einräumen, im Bunde mit uns oder mit anderen zu leben, und zugleich den Werktätigen aller
Nationalitäten die volle Unterstützung gegen die Bourgeoisie aller Länder garantieren. Dieses Bündnis gründet sich nicht auf Verträge, sondern auf die Solidarität der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter.

Rede auf dem Ersten Gesamtrussischen Kongress der Kriegsflotte - 25. November 1917

Lenin, Band 26, Seite 340 - 341

 

Gegen die bürgerliche finnische Republik, die einstweilen eine bürgerliche Republik geblieben ist, haben wir keinen einzigen Schritt im Sinne einer Beschränkung der nationalen Rechte und der nationalen Unabhängigkeit des finnischen Volkes unternommen, und wir werden auch keinerlei
Schritte unternehmen, die die nationale Unabhängigkeit irgendeiner der Nationen beschränken könnten, die der Russischen Republik angehören oder ihr angehören wollen.

Lenin, Band 26, Seite 358 - 3. (16.) Dezember 1917

 

 

3. Für den Übergang von der bürgerlichen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung, für die Diktatur des Proletariats, ist die Republik der Sowjets (der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten) nicht nur eine Form demokratischer Einrichtungen von höherem Typus (im Vergleich zur gewöhnlichen bürgerlichen Republik mit einer Konstituierenden Versammlung als ihrer Krönung), sondern sie ist auch die einzige Form, die imstande ist, den schmerzlosesten Übergang zum Sozialismus zu sichern.

12. Die letzten Ereignisse in der Ukraine (teilweise auch in Finnland, in Belorußland und ebenso im Kaukasus) weisen gleichfalls auf die Neugruppierung der Klassenkräfte hin, die im Prozeß des Kampfes zwischen dem bürgerlichen Nationalismus der Ukrainischen Rada, des Finnischen Landtags usw. einerseits und der Sowjetmacht, der proletarisch-bäuerlichen Revolution jeder dieser nationalen Republiken anderseits erfolgt.

Thesen über die Konstituierende Versammlung - 12. (25.) Dezember 1917

Lenin, Band 26, Seite 377 und 379

 

 

 

21. Ein wirklich revolutionärer Krieg wäre gegenwärtig ein Krieg der sozialistischen Republik gegen die bürgerlichen Länder mit dem klar gestellten und von der sozialistischen Armee vollauf gebilligten Ziel, die Bourgeoisie in den anderen Ländern zu stürzen. Aber im gegenwärtigen Augenblick können wir uns offenkundig ein solches Ziel noch nicht stellen. Objektiv würden wir jetzt für die Befreiung Polens, Litauens und Kurlands Krieg führen. Aber kein Marxist kann, ohne mit den Grundsätzen des Marxismus und des Sozialismus überhaupt zu brechen, bestreiten, daß die Interessen des Sozialismus höher stehen als die Interessen des Selbstbestimmungsrechts der Nationen. Unsere sozialistische Republik hat alles, was sie konnte, getan und tut auch weiter alles zur Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts Finnlands, der Ukraine u. a. Aber wenn die Dinge sich konkret so gestaltet haben, daß die Existenz der sozialistischen Republik im gegenwärtigen Augenblick gefährdet wird um der Frage der Verletzung des Selbstbestimmungsrechts einiger Nationen willen (Polens, Litauens, Kurlands u. a.), so versteht es sich von selbst, daß die Interessen der Erhaltung der sozialistischen
Republik höher stehen.

Lenin, Band 26, Seite 449 - 450

Zur Geschichte der Frage eines unglückseligen Friedens - 24. (11.) Februar 1918

 

 

Wir sehen jetzt, daß unsere Ideen in Finnland, in der Ukraine gesiegt haben und im Dongebiet siegen, das Klassenbewußtsein der Werktätigen wecken und sie zu einem festen Bund zusammenschließen. Wir haben ohne Diplomaten, ohne die von den Imperialisten angewandten alten Methoden gehandelt, aber ein gewaltiges Resultat erzielt — den Sieg der Revolution und den Zusammenschluß der Sieger mit uns zu einer einzigen machtvollen revolutionären Föderation. Wir herrschen, nicht indem wir teilen - wie es das grausame Gesetz des alten Rom verlangte - , sondern indem wir alle Werktätigen
durch die unzerreißbaren Ketten ihrer Lebensinteressen, ihres Klassenbewußtseins vereinen. Und unser Bund, unser neuer Staat ist fester als die Gewaltherrschaft, die durch Lüge und Waffengewalt die den Imperialisten unentbehrlichen künstlichen Staatengebilde zusammenhält.

Kaum hatten zum Beispiel die finnischen Arbeiter und Bauern die Macht in ihre
Hände genommen, da wandten sie sich an uns und brachten ihre Treue zur proletarischen Weltrevolution zum Ausdruck, in Begrüßungsworten, aus denen ihre unerschütterliche Entschlossenheit sprach, mit uns zusammen den Weg der Internationale zu gehen. Das ist die Grundlage unserer Föderation, und ich bin fest überzeugt, daß sich die verschiedenen einzelnen Föderationen freier Nationen immer mehr und mehr um das revolutionäre Rußland sammeln werden. Ganz freiwillig, ohne Lüge und ohne Waffen, wird diese Föderation wachsen, sie ist unbesiegbar.

Die beste Bürgschaft für ihre Unbesiegbarkeit sind die Gesetze, ist die Staatsordnung, die wir bei uns schaffen. Soeben haben Sie das Gesetz über die Sozialisierung des Bodens gehört. Ist dieses Gesetz etwa keine Bürgschaft dafür, daß die Einheit der Arbeiter und Bauern heute unzerstörbar ist, daß wir angesichts einer solchen Einheit imstande sein werden, alle Hindernisse auf dem Wege zum Sozialismus zu überwinden?
Und diese Hindernisse, ich verschweige das nicht, sind ungeheuer groß.
Die Bourgeoisie wird alle Hebel in Bewegung setzen, wird va banque spielen, um unsere Einheit zu zerstören. Es werden sich Lügner, Provokateure, Verräter und vielleicht auch rückständige Menschen finden, aber uns kann von nun an nichts schrecken, denn wir haben unsere neue Staatsmacht
geschaffen, denn in unseren Händen befindet sich die Selbstverwaltung des Staates. Jedem konterrevolutionären Versuch werden wir mit unserer ganzen Macht begegnen. Aber die wichtigste Grundlage für die Stabilität der neuen Ordnung, das sind die organisatorischen Maßnahmen, die wir im Namen des Sozialismus durchführen werden. In dieser Beziehung steht uns eine gewaltige Arbeit bevor. Denken Sie daran, Genossen, daß die internationalen imperialistischen Räuber, die die Nationen in den Krieg trieben, das ganze wirtschaftliche Leben der Welt von Grund auf zerrüttet haben. Sie haben uns ein schweres Erbe hinterlassen — wir müssen wiederaufbauen, was sie zerstörten.
Gewiß, die Werktätigen hatten keine Erfahrung im Regieren, aber das schreckt uns nicht. Dem siegreichen Proletariat hat sich die Erde erschlossen, die jetzt zum Gemeingut des Volkes geworden ist, und es wird imstande sein, eine neue Produktion und Konsumtion nach sozialistischen Grundsätzen aufzubauen. Früher war das ganze menschliche Denken, der menschliche Genius nur darauf gerichtet, den einen alle Güter der Technik und Kultur zu geben und den anderen das Notwendigste vorzuenthalten - Bildung und Entwicklung. Jetzt dagegen werden alle Wunder der Technik, alle Errungenschaften der Kultur zum Gemeingut des Volkes, und von jetzt an wird das menschliche Denken, der menschliche Genius niemals mehr ein Mittel der Gewalt, ein Mittel der Ausbeutung sein. Das wissen wir. Und lohnt es etwa nicht, für diese gewaltige geschichtliche
Aufgabe zu arbeiten, dafür alle Kräfte einzusetzen? Die Werktätigen werden dieses titanische geschichtliche Werk vollbringen, denn in ihnen schlummern die großen Kräfte der Revolution, der Wiedergeburt und der Erneuerung.
Wir stehen nicht mehr allein. In den letzten Tagen sind bedeutsame Ereignisse vor sich gegangen, nicht nur in der Ukraine und im Dongebiet, nicht nur im Reiche unserer Kaledin und Kerenski, sondern auch in Westeuropa.
Sie kennen bereits die Telegramme über die Lage der Revolution in Deutschland. Die Feuerzungen des revolutionären Brandes schlagen immer stärker über der ganzen verfaulten alten Weltordnung zusammen.
Es war keine vom Leben losgelöste Theorie, keine Phantasie von Stubengelehrten, daß wir durch die Schaffung der Sowjetmacht ebensolche Versuche auch in anderen Ländern hervorrufen würden. Denn, ich wiederhole das, es gab für die Werktätigen keinen anderen Ausweg aus diesem blutigen Gemetzel. Jetzt werden diese Versuche bereits zu sicheren Errungenschaften der internationalen Revolution. Wir schließen den historischen Sowjetkongreß unter dem Zeichen der immer mehr anwachsenden Weltrevolution, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die Werktätigen aller Länder sich zu einem einzigen, die ganze Menschheit umfassenden Staat zusammenschließen werden, um mit vereinten Kräften das neue Gebäude des Sozialismus zu errichten. Der Weg zu diesem Aufbau führt
über die Sowjets als eine der Formen der beginnenden Weltrevolution.

Lenin, Band 26, Seite 479 - 481

18. (31.) Januar 1918 - Dritter Gesamtrussischer Kongress

 

In Finnland ist die
Lage der bürgerlichen Konterrevolutionäre hoffnungslos, die Erbitterung
der Arbeiter gegen sie ist ungeheuer.

aus: "Funkspruch an alle"

Lenin, Band 26, Seite 511

 

In Finnland konsolidiert sich der Sieg der
finnischen Arbeiterregierung zusehends, die Truppen der konterrevolutionären
weißen Garde sind nach Norden abgedrängt, und der Sieg der
Arbeiter über sie ist gewiß.

aus: "Funkspruch an alle"

Lenin, Band 26, Seite 512

 

 

Die Geschichte wird sagen, ihr habt die Revolution ausgeliefert. Wir konnten einen Frieden unterzeichnen, der die Revolution nicht im geringsten bedrohte. Wir haben nichts, wir werden nicht einmal imstande sein, bei unserem Rückzug Sprengungen vorzunehmen. Wir haben getan, was wir konnten, wir haben die Revolution in Finnland unterstützt, jetzt aber können wir es nicht. Jetzt ist keine Zeit für einen Notenaustausch, man muß mit dem Abwarten aufhören. Jetzt ist es zu spät, „Fühler auszustrecken", denn es ist jetzt klar, daß die Deutschen zur Offensive übergehen können. Gegen die Anhänger des revolutionären Krieges zu streiten ist unmöglich, aber gegen die Anhänger des Abwartens kann man und muß man streiten. Man muß den Deutschen Frieden anbieten.
Genosse Lenin. Bucharin hat nicht bemerkt, daß er auf die Position des revolutionären Krieges übergegangen ist. Der Bauer will keinen Krieg und wird keinen Krieg führen. Kann man jetzt dem Bauern sagen, daß er in einen revolutionären Krieg ziehen soll? Aber wenn man das will, dann durfte man die Armee nicht demobilisieren. Ein permanenter Bauernkrieg ist eine Utopie. Der revolutionäre Krieg darf keine Phrase sein. Wenn wir nicht vorbereitet sind, so müssen wir den Frieden unterzeichnen. Wenn wir die Armee demobilisiert haben, so ist es lächerlich, von einem permanenten
Krieg zu reden. Man kann keinen Vergleich mit dem Bürgerkrieg ziehen.
Der Bauer wird sich auf einen revolutionären Krieg nicht einlassen und wird jeden davonjagen, der das offen fordert. Die Revolution in Deutschland hat noch nicht begonnen, und wir wissen, daß auch bei uns die Revolution nicht auf einen Schlag gesiegt hat. Hier ist gesagt worden, daß die Deutschen Livland und Estland nehmen werden, aber wir können sie um der Revolution willen aufgeben. Wenn sie den Abzug der Truppen aus Finnland verlangen - nun, so mögen sie das revolutionäre Finnland
einnehmen. Wenn wir Finnland, Livland und Estland aufgeben, so ist die Revolution nicht verloren. Die Perspektiven, mit denen uns gestern Gen. Joffe geschreckt hat, werden die Revolution keineswegs zugrunde richten.
Ich schlage vor zu erklären, daß wir den Frieden unterzeichnen, den uns gestern die Deutschen angeboten haben; und wenn sie außerdem fordern, wir sollten uns nidit in die Angelegenheiten der Ukraine, Finnlands, Livlands und Estlands einmischen, so muß man unbedingt auch das annehmen. Unsere Soldaten taugen absolut nichts,- die Deutschen wollen Getreide - sie werden es nehmen und zurückkehren, nachdem sie die Existenz der Sowjetmacht unmöglich gemacht haben. Erklären wir die
Demobilisierung für eingestellt, so bedeutet das unseren Sturz.

Reden in der Sitzung des ZK der SDAPR (B) - 18. Februar 1918

Lenin, Band 26, Seite 525 - 526

 

Wenn man uns sagt, daß die Bolschewiki ein so utopisches Zeug wie die Einführung des Sozialismus in Rußland ausgeheckt haben, daß das eine unmögliche Sache sei, so antworten wir darauf: Wie wäre es möglich gewesen, daß sich die Sympathie der Mehrheit der Arbeiter, Bauern und Soldaten Utopisten und Phantasten zuwandte? Hat nicht gerade deshalb die Mehrheit der Arbeiter, Bauern und Soldaten sich auf unsere Seite gestellt, weil sie aus eigener Anschauung die Ergebnisse des Krieges kennen, weil sie sahen, daß die alte Gesellschaft keinen Ausweg bietet, daß die Kapitalisten mit allen Wundern der Technik und Kultur einen Vernichtungskrieg begonnen haben, daß die Menschen vertieren, verwildern und Hunger leiden. Das haben die Kapitalisten getan, und deshalb stehen wir jetzt vor der Frage: entweder Untergang oder vollständige Zerschlagung dieser alten bürgerlichen Gesellschaft. Das ist der tiefe Sinn unserer Revolution.

Dann Finnland, wo der Landtag im Namen der Nation sprach, wo die Bourgeoisie von uns die Anerkennung der Unabhängigkeit forderte.

Wir werden all die Nationen, die der Zarismus durch Unterdrückung festhielt, nicht gewaltsam innerhalb Rußlands oder eines einheitlichen Russischen Staates festhalten. Wir haben darauf gerechnet, daß wir die anderen Nationen, die Ukraine, Finnland, nicht durch Gewalt, nicht durch Zwang anziehen werden, sondern dadurch, daß sie ihre eigene sozialistische Welt, ihre eigenen Sowjetrepubliken schaffen. Wir sehen jetzt, daß in Finnland jeden Tag eine Arbeiterrevolution erwartet wird; in jenem Finnland, das bereits seit 12 Jahren, seit 1905, sich der vollen Freiheit im Innern erfreute und das Wahlrecht für demokratische Körperschaften besaß. Von 1905 bis 1917 fielen in dieses Land, das sich durch sein Kulturniveau, seine Wirtschaftsstruktur und seine Vergangenheit unterscheidet, Funken jenes Brandes, den die Bolschewiki künstlich entfacht haben sollen, und dort beginnt, wie wir sehen, die sozialistische Revolution. Diese Erscheinung beweist, daß wir nicht durch den Parteikampf geblendet sind, daß wir nicht nach einem Plan gehandelt haben, sondern daß allein die ausweglose Lage der gesamten Menschheit nach dem Kriege diese Revolution hervorgebracht und die sozialistische Revolution unbesiegbar gemacht hat.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 26, Seite 494 - 495

 

 

Die Woche vom 18. bis zum 24. (11.) Februar 1918 wird als einer dei größten historischen Wendepunkte in die Geschichte der russischen — und der internationalen — Revolution eingehen.

Am 17. Februar 1917 stürzte das russische Proletariat zusammen mit dem durch den Gang der Kriegsereignisse aufgerüttelten Teil der Bauernschaft und zusammen mit der Bourgeoisie die Monarchie. Am 21. April 1917 stürzte es die Alleinherrschaft der imperialistischen Bourgeoisie und brachte kleinbürgerliche Politiker an die Macht, die mit der Bourgeoisie paktierten. Am 3. Juli erhob sich das städtische Proletariat spontan zu einer Demonstration und erschütterte die Regierung der Paktierer. Am 25. Oktober stürzte es diese Regierung und errichtete die Diktatur der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft.

Dieser Sieg mußte in einem Bürgerkrieg behauptet werden. Dieser erforderte ungefähr drei Monate, von dem Sieg über Kerenski bei Gatschina, den Siegen über die Bourgeoisie, die Offiziersschüler, einen Teil der konterrevolutionären Kosakenschaft in Moskau, Irkutsk, Orenburg, Kiew, bis zum Sieg über Kaledin, Kornilow und Alexejew in Rostow am Don.

Die Feuersbrunst des proletarischen Aufstands flammte in Finnland auf.

Der Brand griff auf Rumänien über.

Die Siege an der inneren Front waren verhältnismäßig leicht, denn der Feind besaß weder ein technisches noch ein organisatorisches Übergewicht und hatte außerdem keine ökonomische Basis unter den Füßen, keine Stütze in den Massen der Bevölkerung. Die Leichtigkeit der Siege mußte zwangsläufig vielen Führern zu Kopf steigen. Es verbreitete sich die Stimmung: „Uns kann keiner."

Man übersah geflissentlich die ungeheure Zersetzung der sich rasch demobilisierenden Armee, die die Front verließ. Man berauschte sich an der revolutionären Phrase. Man übertrug diese Phrase auf den Kampf gegen den Weltimperialismus. Man nahm das zeitweilige „Freisein" Rußlands vom Ansturm des Imperialismus für etwas Normales, während in Wirklichkeit diese „Freiheit" nur durch eine Pause im Kriege des deutschen Räubers mit dem englisch-französischen Räuber zu erklären war.

Man nahm den Beginn von Massenstreiks in Österreich und Deutschland für eine Revolution, die uns angeblich bereits von der ernsten Gefahr befreit hätte, die uns vom deutschen Imperialismus drohte. Anstatt sich ernstlich, sachlich, konsequent um Unterstützung der deutschen Revolution, die auf einem besonders schweren und mühsamen Weg ins Leben tritt, zu bemühen, winkte man geringschätzig ab: „Was können uns die deutschen Imperialisten schon anhaben, zusammen mit Liebknecht werden wir sie sofort beiseite fegen!"

Die Woche vom 18. bis 24. Februar 1918, von der Einnahme Dwinsks bis zur Einnahme Pskows (das später wieder zurückerobert wurde), die Woche der militärischen Offensive des imperialistischen Deutschlands gegen die Sozialistische Sowjetrepublik, war eine bittere, kränkende, harte, aber notwendige, nützliche, wohltätige Lehre. Wie unendlich lehrreich war der Vergleich der beiden Gruppen von Telegrammen und telefonischen Meldungen, die in dieser Woche im Regierungszentrum einliefen!

Einerseits eine hemmungslose Orgie der „resolutiven" revolutionären Phrase, Steinbergscher Phrase, könnte man sagen, wenn man sich des Glanzstücks in diesem Stil, der Rede des „linken" (hm... hm...) Sozialrevolutionärs Steinberg in der Sonnabendsitzung des Zentralexekutivkomitees erinnert. Anderseits die quälend schmachvollen Meldungen von der Weigerung der Regimenter, die Stellungen zu halten, von der Weigerung, wenigstens die Narwalinie zu halten, von der Nichtbefolgung des Befehls, beim Rückzug alles und jedes zu vernichten; gar nicht zu reden von der Desertion, dem Chaos, der Kopflosigkeit, Unbeholfenheit, Schlamperei.

Eine bittere, kränkende, harte — eine notwendige, nützliche, wohltätige Lehre!

Aus dieser historischen Lehre wird der klassenbewußte, denkende Arbeiter drei Schlußfolgerungen ziehen: bezüglich unserer Stellung zur Vaterlandsverteidigung, zur Wehrkraft des Landes, zum revolutionären, sozialistischen Krieg; bezüglich der Bedingungen unseres Zusammenstoßes mit dem Weltimperialismus; bezüglich der richtigen Stellung der Frage unserer Beziehungen zur internationalen sozialistischen Bewegung.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 27, Seite 46 - 47

 

 

Hier haben wir die größte Schwierigkeit der russischen Revolution, ihr größtes historisches Problem: die Notwendigkeit, die internationalen Aufgaben zu lösen, die Notwendigkeit, die internationale Revolution auszulösen, den Übergang zu vollziehen von unserer Revolution als einer eng nationalen zur Weltrevolution. Diese Aufgabe erstand vor uns in ihrer ganzen unglaublichen Schwere. Ich wiederhole, daß sehr viele unserer jungen Freunde, die sich für Linke halten, das Wichtigste vergessen, nämlich: warum wir im Laufe der Wochen und Monate des größten Triumphes nach dem Oktober die Möglichkeit hatten, so leicht von einem Triumph zum andern zu eilen. Indessen war das nur möglich, weil eine besondere internationale Konstellation uns zeitweilig gegen den Imperialismus deckte. Er hatte andere Sorgen als uns. Uns wiederum schien es, daß auch wir andere Sorgen hatten als den Imperialismus.
Den einzelnen Imperialisten aber war es nur deswegen nicht um uns zu tun, weil die ganze gewaltige soziale, politische und militärische Macht des modernen Weltimperialismus um diese Zeit durch den Krieg gegeneinander in zwei Gruppen gespalten war. Die imperialistischen Räuber, die sich in diesen Kampf verwickelt hatten, waren unglaublich weit gegangen, sie hielten einander mit tödlichen Griffen umklammert, es war so weit gekommen, daß keine dieser Gruppen einigermaßen bedeutsame Kräfte gegen die russische Revolution zu konzentrieren vermochte. Ein solcher Augenblick bot sich uns gerade im Oktober: unsere Revolution erfolgte gerade — das klingt paradox, ist aber richtig — zu dem glücklichen Zeitpunkt, als unerhörte Leiden über die große Mehrzahl der imperialistischen Länder hereingebrochen waren in Gestalt der Vernichtung von Millionen Menschenleben, als der Krieg die Völker durch unerhörte Leiden erschöpft hatte, als im vierten Kriegsjahr die kriegführenden Länder in eine Sackgasse geraten, an einem Scheideweg angelangt waren, wo sich objektiv die Frage erhob: können die bis zu einem solchen Zustand gebrachten Völker weiter Krieg führen? Nur dank dem Umstand, daß unsere Revolution mit diesem glücklichen Augenblick zusammenfiel, wo keine der beiden gigantischen Räubergruppen imstande war, sich sofort auf die andere zu stürzen oder aber sich gegen uns zusammenzuschließen, nur diesen Zeitpunkt der internationalen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse konnte unsere Revolution sich zunutze machen und hat sie sich zunutze gemacht, um ihren glänzenden Triumphzug durch das Europäische Rußland anzutreten, nach Finnland überzugreifen.

Lenin, Band 27, Seite 78 - 79

 

Ich überlasse es euch, von einer auf dem Schlachtfeld ausgelösten Weltrevolution zu schwärmen, denn kommen wird sie. Alles wird zu seiner Zeit kommen, jetzt aber beginnt mit der Selbstdisziplin, ordnet euch um jeden Preis unter, damit wir eine musterhafte Ordnung bekommen, damit die Arbeiter wenigstens eine Stunde am Tage kämpfen lernen. Das ist etwas schwieriger, als sich ein schönes Märchen auszudenken. So ist die Lage heute, damit helft ihr der deutschen Revolution, der internationalen Revolution.

Wie viele Tage unsere Atempause dauern wird, wissen wir nicht, aber wir haben sie. Wir müssen die Armee recht schnell demobilisieren, denn sie ist ein krankes Organ, vorläufig aber werden wir der finnländischen Revolution helfen.

Solange die sozialistische Revolution nicht in allen Ländern gesiegt hat, kann die Sowjetrepublik in die Sklaverei geraten.

Lernt vom Deutschen Disziplin, sonst sind wir ein verlorenes Volk und werden uns ewig in der Sklaverei befinden.

Wenn wir diesen Frieden unterschreiben, so stellen wir, wie jeder vernünftig denkende Mensch versteht, unsere Arbeiterrevolution nicht ein; jeder versteht, daß wir, indem wir den Frieden mit den Deutschen unterzeichnen, unsere militärische Unterstützung nicht einstellen: wir schicken den Finnen Waffen/ aber keine Truppen, die sich als untauglich erweisen.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 27, Seite 91 - 94

 

 

 

Alles, was getan werden kann, haben wir getan. Durch Unterzeichnung des Vertrags haben wir Petrograd gerettet, wenigstens für einige Tage. (Die Sekretäre und Stenografen sollen sich nicht einfallen lassen, das aufzuschreiben.)
Der Vertrag enthält die Bestimmung, daß unsere Truppen aus Finnland zurückgezogen werden, Truppen, die offenkundig unbrauchbar sind; es ist uns jedoch nicht verboten, Waffen nach Finnland einzuführen.
Wenn Petrograd vor einigen Tagen gefallen wäre, so wäre es von einer Panik erfaßt worden, und wir hätten nichts herausschaffen können, in diesen fünf Tagen aber haben wir unseren finnischen Genossen geholfen — ich will hier nicht sagen, in welchem Umfang, das wissen sie selber.
Die Behauptung, daß wir Finnland verraten hätten, ist eine ganz kindische Phrase. Wir haben ihnen gerade dadurch geholfen, daß wir uns rechtzeitig vor den Deutschen zurückzogen. Rußland wird niemals untergehen, auch wenn Petrograd fällt, hier hat Gen. Bucharin tausendmal recht, aber wenn man so wie Bucharin manövriert, kann man eine gute Revolution zugrunde richten. (Heiterkeit.)
Wir haben weder Finnland noch die Ukraine verraten.

Kein einziger klassenbewußter Arbeiter wird uns einen solchen Vorwurf machen.

Wir helfen, womit wir können. Wir haben aus den Reihen unserer Truppen keine einzige gute Kraft abgezogen und werden das auch nicht tun. Wenn ihr sagt, daß Hoffmann uns ertappen und fangen wird — natürlich, das ist möglich, das bezweifle ich nicht, aber in wieviel Tagen er das tun wird —
das weiß er nicht, und niemand weiß das. Außerdem sind eure Betrachtungen, daß er ertappt, daß er fängt, Betrachtungen über das politische Kräfteverhältnis, auf das ich noch zu sprechen komme.
Nachdem ich dargelegt habe, warum ich den Vorschlag Trotzkis absolut nicht akzeptieren kann — so kann man keine Politik treiben —, muß ich sagen, daß ein Beispiel dafür, wie sehr die Genossen auf unserem Parteitag der Phrase den Rücken gekehrt haben, an der Urizki faktisch festhält, Radek gegeben hat. Für diese Rede kann ich ihm auf keinen Fall den Vorwurf der Phrase machen. Er hat gesagt: „Keine Spur von Verrat, von Schmach, denn es ist klar, daß ihr vor einer erdrückenden militärischen Übermacht zurückgewichen seid." Das ist eine Einschätzung, die die ganze Auffassung Trotzkis zerschlägt. Wenn Radek sagte: „Wir müssen die Zähne zusammenbeißen und unsere Kräfte vorbereiten", so ist das richtig — das unterschreibe ich voll und ganz: nicht bramarbasieren, sondern
die Zähne zusammenbeißen und sich vorbereiten.
Man beiße die Zähne zusammen, bramarbasiere nicht, sondern bereite die Kräfte vor. Der revolutionäre Krieg kommt, darüber gibt es bei uns keine Meinungsverschiedenheiten; Meinungsverschiedenheiten gibt es bezüglich des Tilsiter Friedens — soll man unterzeichnen?

Das schlimmste ist die kranke Armee, jawohl, und deshalb muß das ZK eine feste Linie haben und nicht Meinungsverschiedenheiten oder eine mittlere Linie, die auch Gen. Bucharin unterstützt hat. Ich schildere die Atempause nicht in rosigen Farben,- niemand weiß, wie lange die Atempause dauern wird, auch ich weiß es nicht. Lächerlich sind die Bemühungen, aus mir herausholen zu wollen, wie lange die Atempause dauern wird. Dank der Tatsache, daß wir die Haupteisenbahnlinien behalten haben, helfen wir sowohl der Ukraine als auch Finnland. Wir nutzen die Atempause aus, indem wir manövrieren und zurückgehen.

 

Lenin Band 27, Seite 102 - 103

[ Siebenter Parteitag der KPR (B) ]

 

Mir scheint, daß die marxistische Auffassung vom Staat durch den herrschenden offiziellen Sozialismus Westeuropas in höchstem Grade verfälscht worden ist, was durch die Erfahrungen der sowjetischen Revolution und die Schaffung der Sowjets in Rußland wunderbar anschaulich bestätigt worden ist. In unseren Sowjets gibt es noch viel Rohes, Unvollendetes, das unterliegt keinem Zweifel, das ist jedem klar, der sich ihre Arbeit näher angesehen hat, aber was an ihnen wichtig, was historisch wertvoll ist, was einen Schritt vorwärts in der weltumspannenden Entwickung des Sozialismus darstellt, ist dies, daß hier ein neuer Typus des Staates geschaffen worden ist. In der Pariser Kommune gab es das einige Wochen lang, in einer einzigen Stadt, ohne daß man sich bewußt war, was man tat. Die die Kommune schufen, verstanden sie nicht, sie schufen mit dem genialen Instinkt der erwachten Massen, und keine einzige Fraktion der französischen Sozialisten war sich bewußt, was sie tat. Wir befinden uns in einer Situation, wo wir dank der Tatsache, daß wir auf den Schultern der Pariser Kommune und der vieljährigen Entwickung der deutschen Sozialdemokratie stehen, klar sehen können, was wir tun, wenn wir die Sowjetmacht schaffen. Trotz aller Ungeschlachtheit und Undiszipliniertheit, die es in den Sowjets gibt und die ein Überbleibsel des kleinbürgerlidien Charakters unseres Landes sind — trotz alledem ist von den Volksmassen ein neuer Typus des Staates geschaffen worden. Er wird nicht seit einigen Wochen, sondern schon seit mehreren Monaten, nicht in einer einzigen Stadt, sondern in einem gewaltigen Lande und von mehreren Nationen angewandt. Dieser Typus der Sowjetmacht hat sich bewährt, wenn er auf ein in jeder Hinsicht so anders geartetes Land wie Finnland übergegriffen hat, wo es keine Sowjets gibt, wohl aber einen wiederum neuen, einen proletarischen Typus der Staatsmacht. So beweist das, was theoretisch unbestritten ist, daß die Sowjetmacht ein neuer Typus des Staates ist, ohne Bürokratie, ohne Polizei, ohne stehendes Heer, mit Ersetzung des bürgerlichen Demokratismus durch eine neue Demokratie — eine Demokratie, die die Vorhut der werktätigen Massen in den Vordergrund rückt, sie sowohl zum Gesetzgeber als auch zum Vollstrecker der Gesetze sowie zur militärischen Schutzwache macht und einen Apparat schafft, der die Massen umerziehen kann.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 27, Seite 120

 

 

Man sagt, wir hätten die Ukraine und Finnland verraten — oh, welche Schmach! Aber die Dinge gestalteten sich so, daß wir von Finnland abgeschnitten sind, mit dem wir früher, vor der Revolution, einen stillschweigenden und jetzt einen formellen Vertrag geschlossen haben. Man sagt, wir gäben die Ukraine preis, die Tschernow, Kerenski und Zereteli zugrunde richten wollen; man sagt uns: ihr Verräter, ihr habt die Ukraine verraten! Ich sage: Genossen, ich habe genug gesehen und erlebt in der Geschichte der Revolution, um mich nicht durch feindliche Blicke und Schreiereien von Leuten irremachen zu lassen, die sich dem Gefühl überlassen und nicht urteilen können. Ich will Ihnen ein einfaches Beispiel anführen.
Stellen Sie sich vor, daß zwei Freunde nachts unterwegs sind und plötzlich von zehn Leuten überfallen werden. Wenn diese Schufte einen von beiden abschneiden, was bleibt dann dem anderen übrig? — zu Hilfe eilen kann er nicht; wenn er die Flucht ergreift, ist er dann etwa ein Verräter?
Und stellen Sie sich vor, daß es sich nicht um Personen oder Bereiche handelt, in denen Fragen des unmittelbaren Gefühls entschieden werden, sondern daß fünf Armeen zu je hunderttausend Mann sich treffen, die eine Armee von zweimal hunderttausend Mann einkreisen, und eine andere Armee soll der eingekreisten Armee zu Hilfe kommen. Wenn diese Armee jedoch weiß, daß sie bestimmt in eine Falle gerät, so muß sie sich zurückziehen; sie kann nicht anders als sich zurückziehen, auch wenn
zur Deckung des Rückzugs die Unterzeichnung eines schändlichen, gemeinen Friedens notwendig sein sollte, man schimpfe, wie man will, aber unterschreiben muß man doch. Man darf sich nicht von dem Gefühl eines Duellanten leiten lassen, der den Degen zieht und ausruft: Ich muß sterben, weil man mich zwingt, einen demütigenden Frieden zu unterzeichnen.
Wir alle wissen doch, daß wir, welche Beschlüsse man auch fassen mag, keine Armee haben und daß keinerlei Gesten uns der Notwendigkeit entheben werden, uns zurückzuziehen und Zeit zu gewinnen, damit die Armee Luft holen könne; damit wird sich jeder einverstanden erklären, der der Wirklichkeit ins Auge sieht und sich nicht selbst mit revolutionären Phrasen betrügt.
Wenn wir das wissen, so ist es unsere revolutionäre Pflicht, auch einen schweren, furchtbar schweren Gewaltfrieden zu unterzeichnen, denn wir werden dadurch die Lage sowohl für uns als auch für unsere Bundesgenossen verbessern. Haben wir denn verloren dadurch, daß wir am 3. März den Friedensvertrag unterzeichnet haben? Jeder, der die Dinge vom Standpunkt der Massenbeziehungen und nicht vom Standpunkt eines sich duellierenden Edelmanns betrachtet, wird verstehen, daß man, wenn man ohne Armee bzw. mit dem kranken Überrest einer Armee einen Krieg aufnimmt und diesen Krieg als revolutionären Krieg bezeichnet, einen Selbstbetrug, einen schweren Betrug am Volke verübt. Es ist unsere Pflicht, dem Volke die Wahrheit zu sagen: jawohl, der Frieden ist sehr schwer, die Ukraine und Finnland gehen zugrunde, aber wir müssen auf diesen Frieden eingehen, und das ganze bewußte werktätige Rußland wird auf ihn eingehen, weil es die ungeschminkte Wahrheit kennt, weil es weiß, was Krieg heißt, weil es weiß, daß es Selbstbetrug ist, wenn man alles auf eine
Karte setzt, in der Hoffnung, daß jetzt gleich die deutsche Revolution ausbrechen werde. Durch die Unterzeichnung des Friedens haben wir das bekommen, was unsere finnländischen Freunde von uns erhalten haben — eine Atempause, Hilfe, aber keinen Untergang.

Lenin, Band 27, Seite 173 - 174

 

Denken Sie daran und überlegen Sie sich, in welchem Massenmaßstab sich der Kampf entfaltet, der gegen den internationalen Imperialismus geführt wird, denken Sie darüber nach, wie schwer der Übergang zu dieser Lage ist, was die Russische Republik durchmachte, als sie an die Spitze aller
übrigen Trupps der sozialistischen Armee trat.
Ich weiß natürlich, daß es neunmalkluge Leute gibt, die sich für sehr gescheit halten und sich sogar Sozialisten nennen, die behaupten, man hätte die Macht nicht ergreifen dürfen, solange die Revolution nicht in allen Ländern ausgebrochen ist. Diese Leute ahnen nicht, daß sie mit solchem
Gerede der Revolution den Rücken kehren und auf die Seite der Bourgeoisie übergehen. Wollte man warten, bis die werktätigen Klassen die Revolution im internationalen Maßstab durchführen, so müßten alle in Erwartung erstarren. Das ist Unsinn. Die Schwierigkeit der Revolution ist allen
bekannt. Nachdem sie in einem Land mit glänzendem Erfolg begonnen hat, wird sie vielleicht qualvolle Perioden durchmachen, denn endgültig siegen kann man nur im Weltmaßstab und nur durch die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter aller Länder. Unsere Aufgabe besteht darin, durchzuhalten und Vorsicht zu üben, wir müssen lavieren und zurückweichen, bis Verstärkungen zu uns stoßen. Der Übergang zu dieser Taktik ist unvermeidlich, wie immer auch Leute darüber spotten mögen, die sich zwar Revolutionäre nennen, aber von der Revolution keine blasse Ahnung haben.
Damit schließe ich die allgemeinen Darlegungen und gehe zu dem über, was in den letzten Tagen Unruhe und Panik verursacht und es den Konterrevolutionären ermöglicht hat, ihre auf die Unterwühlung der Sowjetmacht gerichtete Arbeit von neuem zu beginnen.
Ich habe schon gesagt, daß die äußere, juristische Form und Hülle aller internationalen Beziehungen, die die Sozialistische Sowjetrepublik unterhält, einerseits der Brest-Litowsker Vertrag und anderseits die allgemeinen Gesetze und Gepflogenheiten bilden, die die Lage eines neutralen Landes inmitten anderer, kriegführender Länder bestimmen, und diese Lage bedingte die Schwierigkeiten, die in letzter Zeit in Erscheinung getreten sind. Aus dem Brest-Litowsker Vertrag ergab es sich von selbst, daß sowohl mit Finnland und der Ukraine als auch mit der Türkei ein vollständiger Frieden abgeschlossen werden muß, indessen dauert der Krieg mit jedem dieser Länder an, und das ist nicht auf die innere Entwicklung des Landes, sondern auf den Einfluß der herrschenden Klassen dieser Länder zurückzuführen.
Unter diesen Umständen lag der zeitweilige Ausweg einzig und allein in der zeitweiligen Atempause, die wir durdi die Unterzeichnung des Brester Friedens erhielten; das war jene Atempause, über deren angebliche Unmöglichkeit so viele leere und unnütze Worte geredet wurden, die sich aber trotzdem als möglich erwies und die im Laufe von zwei Monaten ihre Resultate gezeitigt hat, die der Mehrheit der russischen Soldaten zugute gekommen ist, die ihnen die Möglichkeit gegeben hat, heimzukehren
und nachzusehen, was bei ihnen zu Hause vor sich gegangen war, sich die Errungenschaften der Revolution zunutze zu machen, zu Nutznießern des Bodens zu werden, sich umzuschauen und neue Kräfte für die ihnen bevorstehenden neuen Opfer zu schöpfen.
Es ist begreiflich, daß diese zeitweilige Atempause ihrem Ende entgegenzugehen schien, als sowohl in Finnland und in der Ukraine als auch in der Türkei die Lage sich zuspitzte, als wir an Stelle des vollständigen Friedens nur einen Aufschub wiederum der brennenden ökonomischen Frage erhielten: Krieg oder Frieden?

Lenin, Band 27, Seite 366 - 367

 

Was die Frage des Friedens und Finnland betrifft, so wird die Lage charakterisiert durch die Worte: Fort Ino und Murman. Das Fort Ino, das Petrograd schützt, gehört wegen seiner territorialen Lage zum Gebiet des finnischen Staats. Als wir mit der Arbeiterregierung Finnlands Frieden schlossen, da erkannten wir, die Vertreter des sozialistischen Rußlands, Finnlands volles Recht auf sein gesamtes Territorium an, jedoch wurde mit gegenseitiger Zustimmung beider Regierungen das Fort Ino „zwecks Verteidigung der gemeinsamen Interessen der sozialistischen Republiken", wie es in dem abgeschlossenen Vertrag heißt, Rußland belassen.

[ Anmerkung:]

Am 22. Dezember 1917 (4. Januar 1918) hatte die Sowjetregierung Finnland als unabhängigen Staat anerkannt. Mitte Februar 1918 schlug die revolutionäre Regierung der sozialistischen Republik Finnland der Sowjetregierung vor, einen Freundschaftsvertrag zu schließen. Zur Ausarbeitung eines Vertragsentwurfs wurde eine Russisch-Finnische Koordinierungskommission gebildet. Der von ihr vorgelegte Vertragsentwurf wurde in einer Reihe von Sitzungen des Rats der Volkskommissare erörtert. Lenin brachte viele Abänderungsanträge ein. (Siehe Lenin-Sammelband XXI, 1933, S. 241 bis 243, russ.) Der Vertrag mit dem revolutionären Finnland wurde am 10. März 1918 verkündet.

Es ist klar, daß unsere Truppen diesen Frieden in Finnland unterschrieben, diese Bedingungen
unterzeichneten. Es ist klar, daß das bürgerliche und konterrevolutionäre Finnland nicht umhinkonnte, deswegen zu rebellieren. Man begreift, daß die reaktionäre und konterrevolutionäre Bourgeoisie in Finnland auf diese Festung Anspruch erhob. Man begreift, daß sich deswegen die Frage wiederholt zuspitzte und daß die Lage nach wie vor äußerst gespannt ist. Die Sache hängt an einem Haar. Man begreift, daß eine noch größere Zuspitzung die Frage von Murman hervorrief, auf das die Engländer und Franzosen Anspruch erhoben, weil sie Dutzende von Millionen in den Hafenbauten investiert haben, um sich das militärische Hinterland in ihrem imperialistischen Krieg gegen Deutschland zu sichern. Sie achten die Neutralität so großartig, daß sie alles mitgehen heißen, was
nicht niet- und nagelfest ist. Dabei dient als hinreichender Grund für ihre Übergriffe der Umstand, daß sie einen Panzerkreuzer haben, wir aber nichts, um ihn zu vertreiben. Man begreift, daß sich die Frage deshalb unbedingt zuspitzen mußte. Es gibt eine äußere Hülle, es gibt eine juristische
Ausdrucksform, die durch die internationale Stellung der Sowjetrepublik bedingt ist und voraussetzt, daß keine bewaffnete Macht irgendeines kriegführenden Staates neutrales Territorium betreten darf, ohne entwaffnet zu werden. Die Engländer haben in Murman militärische Kräfte gelandet, und wir haben keine Möglichkeit gehabt, sie mit gleicher militärischer Macht daran zu hindern. Das Ergebnis ist, daß man uns Forderungen stellt, deren Charakter einem Ultimatum nahekommt: Wenn ihr eure Neutralität nicht schützen könnt, werden wir auf eurem Territorium Krieg führen.
Aber schon ist eine Arbeiter- und Bauernarmee geschaffen. Sie hat in den Kreisen und Gouvernements die bäuerliche Bevölkerung vereinigt, die zu ihrer den Gutsbesitzern entrissenen Scholle zurückgekehrt ist — sie weiß, was es zu verteidigen gilt. Es ist eine Armee geschaffen, die angefangen hat, die Sowjetmacht aufzubauen, und die die Avantgarde sein wird, wenn auf Rußland die Invasion einstürmt; wir werden dem Feind begegnen wie ein Mann. Meine Zeit ist abgelaufen, und ich gestatte mir, mit der Verlesung eines Telegramms zu schließen, das wir von Gen. Joffe, dem
Botschafter der Sowjetrepublik in Berlin, durch Funkspruch erhalten haben. Dieses Telegramm unseres Botschafters wird Ihnen einerseits bestätigen, daß ich die internationalen Beziehungen hier richtig geschildert habe, und anderseits, daß unsere Außenpolitik, die Politik der Sowjetrepublik, eine ernste Politik, eine Vorbereitung auf die Vaterlandsverteidigung ist, eine konsequente Politik, die es nicht gestattet, auch nur einen Schritt zu tun, der den extremen Parteien der imperialistischen Mächte des Westens und Ostens Vorschub leisten könnte. Diese Politik hat eine ernste Grundlage und gibt sich keinen Illusionen hin. Stets bleibt es möglich, daß von heute auf morgen eine militärische Macht auf uns einstürmt, und wir Arbeiter und Bauern sagen uns and der ganzen Welt — und werden es zu beweisen wissen —, daß wir uns wie ein Mann zur Verteidigung der Sowjetrepublik erheben werden, und deshalb wird, hoffe ich, die Verlesung dieses Telegramms ein passender Abschluß meiner Rede sein und uns zeigen, in welchem Geiste die Vertreter der Sowjetrepublik im Ausland zum Nutzen der Sowjets, aller Sowjetinstitutionen und der Sowjetrepublik tätig sind:


„Die letzten eingegangenen Funktelegramme melden heute, daß die deutsche
Kriegsgefangenenkommission Freitag, den 10. Mai, abreist. Wir haben bereits von der deutschen Regierung eine Note erhalten, mit dem Vorschlag, eine Sonderkommission zur Erörterung aller Rechtsfragen hinsichtlich unseres Eigentums in der Ukraine und in Finnland zu bilden. Ich habe mich mit einer solchen Kommission einverstanden erklärt und habe Sie gebeten, geeignete Bevollmächtigte, Militärs und Juristen, hierherzusenden. Heute hatte ich eine Unterredung anläßlich der weiteren Vormärsche, der Forderung, Fort Ino zu räumen, und der Haltung der Russen zu Deutschland. Ich erhielt die Antwort:

Die deutsche Oberste Heeresleitung erklärt, daß keine weiteren Vormärsche mehr stattfinden werden, daß die Rolle Deutschlands in der Ukraine und in Finnland beendet ist, daß Deutschland einverstanden ist, unsere Friedensverhandlungen mit Kiew und Helsingfors zu fördern, und deshalb mit den genannten Regierungen in Verbindung tritt.

Zur Frage des Forts Ino bei den Friedensverhandlungen mit Finnland:

Laut Vertrag müssen Forts geschleift werden, Deutschland meint, daß man bei Feststellung der Grenzen unseren Vertrag mit den Roten annehmen kann, die Weißen haben noch keine Antwort gegeben.
Offiziell erklärt die deutsche Regierung:

Deutschland steht fest auf dem Boden des Brester Vertrags, wünscht mit uns in friedlichen Beziehungen zu leben, hat keinerlei aggressive Pläne und wird keinerlei Offensive gegen uns unternehmen.
Deutschland verspricht, russische Staatsbürger, entsprechend meiner Forderung, den anderen Neutralen gleichzustellen."

Bericht über die Außenpolitik

Lenin, Band 27, Seite 373 - 375

 

Entweder werden die fortgeschrittenen, klassenbewußten Arbeiter siegen, nachdem sie die Masse der Armen um sich vereinigt, eine eiserne Ordnung, eine schonungslos strenge Macht, eine wirkliche Diktatur des Proletariats hergestellt haben, werden den Kulaken zwingen, sich zu unterwerfen, indem sie eine geregelte Verteilung des Getreides und des Brennstoffs im gesamtstaatlichen Maßstab herbeiführen;
— oder die Bourgeoisie wird mit Hilfe der Kulaken, mit der indirekten Unterstützung charakterloser und verworrener Menschen (der Anarchisten und der linken Sozialrevolutionäre) die Sowjetmacht stürzen und einen russisch-deutschen oder russisch-japanischen Kornilow einsetzen, der dem Volk den sechzehnstündigen Arbeitstag, ein Achtelpfund Brot die Woche, Massenerschießungen von Arbeitern, Folterungen in den Kerkern, so wie in Finnland, wie in der Ukraine, bringen wird.
Entweder — oder.
Einen Mittelweg gibt es nicht.

Lenin, Band 27, Seite 388

 

Wir durchleben jetzt jenen Zeitabschnitt, wo in allen westeuropäischen Ländern die Revolution heranreift und wo den Arbeiterarmeen Deutschlands die völlige Ausweglosigkeit ihrer Lage klar wird. Wir wissen, daß dort, im Westen, den Werktätigen nicht das verfaulte Regime eines Romanow und müßiger Prahlhänse gegenübersteht, sondern eine bis auf den letzten Mann organisierte Bourgeoisie,
die sich auf alle Errungenschaften der modernen Kultur und Technik stützt. Eben darum war es für uns so leicht, die Revolution zu beginnen, aber schwerer, sie weiterzuführen, und eben darum ist es dort, im Westen, schwerer, die Revolution zu beginnen, sie wird jedoch leichter fortzuführen sein. Unsere Schwierigkeit ist dadurch bedingt, daß wir alles mit den Kräften des russischen Proletariats vollbringen und die Stellung halten müssen, bis unser Verbündeter, das internationale Proletariat aller Länder, genügend erstarkt ist. Mit jedem Tage wird es fühlbarer, daß es keinen anderen Ausweg gibt.

Vielleicht wird die breite Arbeitermasse nicht mit einemmal begreifen, daß wir vor einer Katastrophe stehen. Wir brauchen einen Kreuzzug der Arbeiter gegen die Desorganisation und die Hinterziehung von Getreide.
Ein Kreuzzug ist nötig, damit die Arbeitsdisziplin, über die Sie einen Beschluß gefaßt haben, über die innerhalb der Fabriken und Werke gesprochen wurde, sich über das ganze Land ausdehne, damit die breitesten Massen begreifen, daß es keinen anderen Ausweg gibt. In der Geschichte unserer Revolution bestand die Stärke der klassenbewußten Arbeiter stets darin, der bittersten, gefahrvollsten Wirklichkeit ganz offen ins Auge zu sehen, sich keine Illusionen zu machen, sondern die Kräfte genau abzuschätzen.
Wir können nur auf die klassenbewußten Arbeiter rechnen; die übrige Masse, die Bourgeoisie und die Kleineigentümer, sind gegen uns, sie glauben nicht an die neue Ordnung, sie greifen jede Gelegenheit auf, um die Not des Volkes zu verschärfen. Als Beispiel kann dienen, was wir in der Ukraine und in Finnland sehen: unerhörte Bestialitäten und Ströme von Blut, mit denen die Bourgeoisie und ihre Anhänger, von den Kadetten bis zu den Sozialrevolutionären, die Städte überschwemmen, die sie mit
Unterstützung ihrer Verbündeten besiegen. Alles das zeigt, was dem Proletariat in der Zukunft bevorsteht, wenn es seine historische Aufgabe nicht erfüllt.

Rede auf dem Kongress der Arbeitskommissare

Lenin, Band 27, Seite 395 - 397

Eine Welle von Kulakenaufständen breitet sich über Rußland aus. Den Kulaken erfüllt wilder Haß gegen die Sowjetmacht, er ist bereit, Hunderttausende Arbeiter zu erdrosseln und niederzumetzeln. Gelänge den Kulaken der Sieg, so würden sie, das wissen wir sehr gut, erbarmungslos Hunderttausende Arbeiter niedermachen, mit den Gutsbesitzern und

Kapitalisten ein Bündnis eingehen, für die Arbeiter erneut ein Zuchthausregime schaffen, den Achtstundentag aufheben und die Betriebe wiederum unter das kapitalistische Joch bringen.

So geschah es in allen früheren europäischen Revolutionen, wenn es den Kulaken infolge der Schwäche der Arbeiter gelang, von der Republik wieder zur Monarchie, von der Macht der Werktätigen zur Alknacht der Ausbeuter, der Reichen, der Schmarotzer zurückzukehren. So geschah es vor unser aller Augen in Lettland, in Finnland, in der Ukraine, in Georgien. Überall haben sich die gierigen, vollgefressenen, entmenschten

Kulaken mit den Gutsbesitzern und den Kapitalisten gegen die Arbeiter, gegen die arme Bevölkerung überhaupt verbunden. Überall hat das Kulakentum mit unerhörter Mordlust gegen die Arbeiterklasse gewütet.

Überall hat es ein Bündnis mit ausländischen Kapitalisten gegen die Arbeiter des eigenen Landes geschlossen.

GENOSSEN ARBEITER! AUF ZUM LETZTEN, ENTSCHEIDENDEN KAMPF! - Lenin, Gesammelte Werke, Band 28, Seite 41


In Europa aber, wo ein kluger und umsichtiger Kapitalismus herrscht, der über eine mächtige und straffe Organisation verfügt, vollzieht sich die Befreiung vom nationalistischen Taumel langsamer. Und trotzdem sieht man, daß der imperialistische Krieg eines langsamen, qualvollen Todes stirbt.

Nur werden uns die Kulturländer Beispiele eines weit härteren Bürgerkriegs bieten, als Rußland-sie geboten hat. Das bestätigt Finnland, das demokratischste aller Länder Europas, ein Land, das als erstes das Wahlrecht für die Frauen eingeführt hat - dieses Land hat mit den Rotarmisten in grausamster und erbarmungslosester Weise abgerechnet, und diese haben sich nicht leicht ergeben. Dieses Bild zeigt, was für ein hartes Los dieser Kulturländer harrt.

Ihr seht selbst, wie absurd die gegen die Bolschewiki erhobene Beschuldigung war, die Zersetzung der russischen Armee sei ihr Werk gewesen.

Wir sind nur eine einzelne Abteilung, die etwas weiter als die anderen Arbeiterabteilungen vorgestoßen ist, und das nicht etwa, weil sie besser ist als die anderen, sondern weil die stupide Politik unserer Bourgeoisie es der Arbeiterklasse Rußlands ermöglicht hat, ihr Joch rascher abzuschütteln.

Wenn wir jetzt für die sozialistische Gesellschaftsordnung in Rußland kämpfen, so kämpfen wir für den Sozialismus in der ganzen Welt. In allen Ländern, auf allen Arbeiterkundgebungen, in allen Arbeiterversammlungen ist jetzt nur von den Bolschewiki die Rede, und die Arbeiter kennen uns und wissen, daß wir jetzt für die Sache der ganzen Welt arbeiten, daß wir für sie alle arbeiten.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 28, Seite 69

 

 

Der Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung und des kapitalistischen Krieges ist unvermeidlich. Die deutschen Imperialisten konnten die sozialistische Revolution nicht abwürgen.
Die Niederwerfung der Revolution im roten Lettland, Finnland und in der Ukraine bezahlte Deutschland mit der Zersetzung seiner Armee.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 28, Seite 73

 

Marx sagte: Zwischen Kapitalismus und Kommunismus liegt die revolutionäre Diktatur des Proletariats. Je mehr das Proletariat die Bourgeoisie zu Boden drücken wird, um so wütender wird deren Widerstand sein. Wir wissen, wie man 1848 in Frankreich gegen das Proletariat gewütet hat, und wenn man uns Härte vorwirft, so ist uns unverständlich, wie die Menschen den elementarsten Marxismus vergessen können.
Wir haben den Aufstand der Offiziersschüler im Oktober nicht vergessen, und wir dürfen nicht vergessen, daß eine Reihe von Aufständen vorbereitet wird. Einerseits müssen wir es lernen, schöpferisch zu arbeiten, und anderseits müssen wir den Widerstand der Bourgeoisie brechen.

Die finnische Weiße Garde hat sich bei all ihrer „Demokratie" nicht gescheut, Arbeiter zu erschießen.

In den breiten Massen hat sich der Gedanke fest verwurzelt, daß die Diktatur, wie hart und schwer sie auch sei, notwendig ist. Einen anderen Weg zur Befreiung der Massen als die gewaltsame Niederhaltung der Ausbeuter gibt es nicht.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 28, Seite 73

 

 

Seit der Zeit, da diese Worte geschrieben wurden, sind noch keine 5 Monate vergangen, und es muß gesagt werden, daß das Heranreifen der proletarischen Weltrevolution im Zusammenhang mit dem Übergang der Arbeiter verschiedener Länder zum Kommunismus und Bolschewismus in dieser Zeit außerordentlich rasch vor sich gegangen ist.
Damals, am 20. August 1918, hatte nur unsere, die bolschewistische Partei, entschieden mit der alten, der II. Internationale der Jahre 1889 bis 1914 gebrochen, die während des imperialistischen Krieges 1914-1918 so schändlich Bankrott gemacht hatte. Nur unsere Partei hatte rückhaltlos den neuen Weg beschriften vom Sozialismus und Sozialdemokratismus, der sich durch das Bündnis mit der raublüsternen Bourgeoisie mit Schmach und Schande bedeckt hatte, zum Kommunismus, vom kleinbürgerlichen Reformismus und Opportunismus, von denen die offiziellen sozialdemokratischen
und sozialistischen Parteien bis ins Mark durchsetzt waren und durchsetzt sind, zur wahrhaft proletarischen, revolutionären Taktik.
Heute, am 12. Januar 1919, sehen wir schon eine ganze Reihe kommunistischer proletarischer Parteien, nicht nur in den Grenzen des ehemaligen Zarenreichs, zum Beispiel in Lettland, Finnland, Polen, sondern auch in Westeuropa, in Österreich, Ungarn, Holland und schließlich in Deutschland. Als der deutsche „Spartakusbund" mit so weltbekannten und weltberühmten, der Arbeiterklasse so treu ergebenen Führern wie Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Franz Mehring endgültig seine Verbindung mit Sozialisten vom Schlage Scheidemanns und Südekums abbrach, mit diesen Sozialchauvinisten (Sozialisten in Worten, Chauvinisten in der Tat), die durch ihr Bündnis mit der raublüsternen imperialistischen Bourgeoisie Deutschlands und mit Wilhelm II. ewige Schmach auf sich geladen haben, als der „Spartakusbund" den Namen „Kommunistische Partei Deutschlands" annahm, da war die Gründung einer wahrhaft proletarischen, wahrhaft internationalistischen, wahrhaft
revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, Tatsache geworden. Formell ist diese Gründung noch nicht vollzogen, aber faktisch besteht die III. Internationale heute schon.

 

Lenin, Band 28, Seite 441 - 442

 

 

„Ich will nur das Selbstbestimmungsrecht der werktätigen Klassen anerkennen", sagt Gen. Bucharin. Sie wollen also nur das anerkennen, was in Wirklichkeit in keinem einzigen Land außer in Rußland erreicht worden ist. Das ist lächerlich.


Man betrachte Finnland:

ein demokratisches Land, das höher entwickelt ist, kulturell höher steht als wir. Dort vollzieht sich der Prozeß der Absonderung, der Differenzierung des Proletariats, vollzieht sich in eigenartiger Weise, weitaus qualvoller als bei uns. Die Finnen haben die Diktatur Deutschlands ausgekostet, jetzt machen sie die Diktatur der Ententemächte durch. Aber dank der Tatsache, daß wir das Selbstbestimmungsrecht der Nationen anerkannt haben, wurde der Differenzierungsprozeß dort erleichtert. Ich erinnere mich sehr gut der Szene, wie ich im Smolny Svinhufvud - was in unserer Sprache „Schweinskopf" heißt - , dem Vertreter der finnischen Bourgeoisie, der die Rolle des Henkers gespielt hat, die Urkunde zu übergeben hatte.30 Er drückte mir liebenswürdig die Hand, wir sagten uns gegenseitig Komplimente. Das war gewiß nicht angenehm! Aber es mußte getan werden, weil diese Bourgeoisie damals dem Volk, den werktätigen Massen weismachen wollte, die Moskowiter, die Chauvinisten, die Großrussen wollten die Finnen versklaven. Man mußte das tun.

Unser Programm darf nicht von Selbstbestimmung der Werktätigen sprechen, weil das falsch ist. Es muß aussprechen, was ist. Stehen die Nationen nun einmal auf verschiedenen Stufen des Weges vom Mittelalter zur bügerlichen Demokratie und von der bürgerlichen zur proletarischen Demokratie, so ist dieser Satz unseres Programms vollkommen richtig. Auf diesem Wege gab es bei uns sehr viele Zickzackwendungen.
Jede Nation muß das Selbstbestimmungsrecht erhalten, und das trägt zur Selbstbestimmung der Werktätigen bei. In Finnland zeigt der Prozeß der Scheidung des Proletariats von der Bourgeoisie eine bemerkenswerte Klarheit, Stärke und Tiefe. Jedenfalls wird dort nicht alles so verlaufen wie
bei uns. Würden wir sagen, wir anerkennen keine fmnländische Nation, sondern nur die werktätigen Massen, so wäre das hanebüchener Unsinn.
Das, was ist, nicht anerkennen wollen, ist ein Unding: Es wird die Anerkennung selbst erzwingen.

Lenin, Band 29, Seite 156; VIII. Parteitag der KPR(B) - 18. - 23. März 1919

 

 

Wir müssen wissenschaftlich aufzeigen, wie der Weg dieser kommunistischen Revolution verlaufen wird. In dieser Hinsicht sind alle übrigen Vorschläge Halbheiten. Ganz streichen wollte das niemand. Es wurde unbestimmt gesagt: Vielleicht kann man kürzen, vielleicht braucht man nicht das alte Programm zu zitieren, weil es falsch ist. Wenn es aber falsch war - wie konnten wir so viele Jahre hindurch in unserer Arbeit von ihm ausgehen? Vielleicht werden wir ein allgemeines Programm haben, wenn die Sowjet-Weltrepublik geschaffen sein wird, aber bis dahin werden wir sicherlich noch einige Programme sdireiben. Sie aber jetzt zu schreiben, wo es nur die eine Sowjetrepublik an Stelle des alten Russischen Reiches gibt, wäre verfrüht. Selbst Finnland, das zweifellos einer Sowjetrepublik entgegengeht, hat sie noch nicht verwirklicht - Finnland, das sich von allen anderen Völkern des ehemaligen Russischen Reiches durch ein höheres Kulturniveau unterscheidet. Daher wäre es ein großer Fehler, heute im Programm einen abgeschlossenen Prozeß zum Ausdruck bringen zu wollen. Das wäre etwa so, als wollten wir heute ins Programm den Weltwirtschaftsrat aufnehmen.

Lenin, Band 29, Seite 174; VIII. Parteitag der KPR(B) - 18. - 23. März 1919

 

Ein Vertreter der Finnen erzählte mir, daß unter der finnischen Bourgeoisie, die die Großrussen
haßte, Stimmen laut werden: „Die Deutschen entpuppten sich als eine größere Bestie, die Entente ebenfalls, lieber her mit den Bolschewiki."
Das ist ein gewaltiger Sieg, den wir in der nationalen Frage über die finnische Bourgeoisie errungen haben. Das wird uns keineswegs hindern, gegen sie als unseren Klassengegner mit den geeigneten Mitteln zu kämpfen.
Die Sowjetrepublik, die sich in dem Land gebildet hat, dessen Zarenherrschaft Finnland unterdrückte, muß erklären, daß sie das Recht der Nationen auf Unabhängigkeit achtet. Mit der roten finnischen Regierung, die eine kurze Zeit bestand, schlössen wir einen Vertrag ab, wir machten ihr gewisse territoriale Zugeständnisse, um derentwegen ich des öfteren rein chauvinistische Einwände zu hören bekam: „Dort gibt es gute Fischgründe, und ihr habt sie abgetreten." Das sind solche Einwände, von
denen ich sagte: Kratze manch einen Kommunisten, und du wirst auf einen großrussischen Chauvinisten stoßen.
Es scheint mir, dieses Beispiel Finnlands zeigt, ebenso wie das der Baschkiren, daß man in der nationalen Frage nicht damit argumentieren darf, wir brauchten um jeden Preis wirtschaftliche Einheit. Natürlich brauchen wir sie! Aber wir müssen sie durch Propaganda, durch Agitation, durch
einen freiwilligen Bund zu erreichen suchen.

Lenin, Band 29, Seite 180 - 181;

VIII. Parteitag der KPR(B) - 18. - 23. März 1919

 

 

Die Ökonomik der kapitalistischen Gesellschaft ist derart, daß nur das Kapital oder das es stürzende Proletariat die herrschende Kraft sein kann.
Andere Kräfte gibt es in der Ökonomik dieser Gesellschaft nicht.

Um die Macht des Kapitals in Rußland wiederherzustellen, muß man sich auf die Traditionen stützen, auf das Vorurteil des Bauern und nicht auf sein Urteil, auf die alte Gewöhnung an den freien Handel, den Widerstand der Arbeiter aber muß man gewaltsam unterdrücken. Es gibt keinen anderen Ausweg. Die Koltschakleute haben recht vom Standpunkt des Kapitals, sie sind in ihrem ökonomischen und politischen Programm durchaus konsequent, sie begreifen, wo der Anfang und wo das Ende ist, sie verstehen den Zusammenhang zwischen dem freien Handel der Bauern und der willkürlichen Erschießung von Arbeitern. Dieser Zusammenhang besteht, wenn auch Bürger Scher ihn nicht begreift. Der freie Getreidehandel ist das ökonomische Programm der Koltschakleute, die Erschießung Zehntausender Arbeiter (wie in Finnland) ist das notwendige Mittel zur Verwirklichung dieses Programms, weil der Arbeiter nicht freiwillig aufgeben wird, was er errungen hat.

Lenin, Band 29, Seite 356 und 357

 

In allen mit uns Krieg führenden Staaten wachsen die uns freundschaftlich gesinnten Kräfte. Nehmen wir die kleinen Staaten - Finnland, Lettland, Polen, Rumänien. Alle Versuche, dort eine Koalition des Groß- und Kleinbürgertums zum Kampf gegen uns zu schmieden, brachen zusammen, und keine Macht außer der unseren wird dort möglich sein.

Lenin, Band 29, Seite 483

 

Viertens: Die Frage des „Terrorismus" ist offenbar die Hauptfrage in Kautskys Buch. Das geht aus dem Titel hervor. Das geht auch aus den Worten Stampfers hervor: Kautsky „hat... zweifellos recht mit der Feststellung, daß das Grundprinzip der Kommune nicht der Terrorismus war, sondern das allgemeine Wahlrecht". In meinem Buch „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" habe ich genügend Material zum Beweis dafür angeführt, welch ein Hohn auf den Marxismus derartige
Auslassungen über das „Grundprinzip" sind. Hier ist meine Aufgabe eine andere. Um zu zeigen, welchen Wert die Auslassungen Kautskys über den „Terrorismus" haben, wem, welcher "Klasse diese Auslassungen dienen, möchte ich im vollen Wortlaut einen kleinen liberalen Artikel anführen.
Bei diesem Artikel handelt 'es sich um eine Zuschrift an die Redaktion der liberalen amerikanischen Zeitschrift „Die Neue Republik" („The New Republic", June 25-th 1919). Diese Zeitschrift, die im großen und ganzen einen kleinbürgerlichen Standpunkt einnimmt, unterscheidet sich von dem
Geschreibsel der Herren Kautsky vorteilhaft dadurch, daß sie diesen Standpunkt weder als revolutionären Sozialismus noch als Marxismus deklariert.


Hier der volle Wortlaut dieser Zuschrift an die Redaktion:


„Mannerheim und Koltschak"


Herr Redakteur!

Die alliierten Regierungen haben es abgelehnt, die Sowjetregierung in Rußland anzuerkennen, weil, wie sie sagen:


1. die Sowjetregierung germanophil (pro-german, auf der Seite Deutschlands stehend) ist bzw. war;


2. die Sowjetregierung auf dem Terrorismus basiert;


3. die Sowjetregierung undemokratisch ist und nicht das russische Volk repräsentiert.


Indessen haben die alliierten Regierungen schon längst die heutige weißgardistische Regierung Finnlands unter der Diktatur des Generals Mannerheim anerkannt, obwohl folgendes offensichtlich ist:


1. Deutsche Truppen haben den Weißgardisten bei der Niederwerfung der sozialistischen Republik Finnland geholfen, und General Mannerheim hat den Kaiser mehrfach telegrafisch seiner Sympathie und Hochachtung versichert, während die Sowjetregierung durch ihre Propaganda unter den Truppen an der russischen Front die deutsche Regierung energisch unterminiert hat. Die finnische Regierung war unvergleichlich germanophiler als die russische.


2. Die heutige Regierung Finnlands hat bei ihrem Machtantritt innerhalb
weniger Tage 16700 Anhänger der ehemaligen sozialistischen Republik kaltblütig
hinrichten lassen und weitere 70000 in Lager gesperrt und dort dem
Hungertod preisgegeben, während in Rußland innerhalb des am 1. November
1918 abgelaufenen Jahres nach offiziellen Mitteilungen insgesamt 3800 Todesurteile
vollstreckt wurden, darunter an vielen korrupten sowjetischen Beamten
sowie an Konterrevolutionären. Die finnische Regierung war unendlich terroristischer
als die russische.


3. Nachdem die weißgardistische Regierung nahezu 90000 Sozialisten ermordet oder verhaftet und darüber hinaus noch ungefähr 50000 über die Grenze nach Rußland abgeschoben hatte - und Finnland ist ein kleines Land mit nur ungefähr 400 000 Wählern -, sah sie in der Durchführung von Wahlen
schon keine Gefahr mehr. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln wurden in der Mehrzahl Sozialisten gewählt, aber General Mannerheim hat, ähnlich wie die Alliierten nach den Wahlen in Wladiwostok, kein einziges ihrer Mandate bestätigt.
Demgegenüber hat die Sowjetregierung all denen, die sich ihren Lebensunterhalt nicht durch nützliche Arbeit verdienen, das Stimmrecht aberkannt.
Die finnische Regierung war bedeutend undemokratischer als die russische.
Und genauso verhält es sich mit dem großen Champion der Demokratie und der neuen Ordnung, Admiral Koltschak in Omsk, den die alliierten Regierungen unterstützt, versorgt und ausgerüstet haben und den sie jetzt offiziell anzuerkennen beabsichtigen.
Jedes Argument also, welches die Alliierten gegen die Anerkennung der Sowjets vorgebracht haben, kann in stärkerem Maße und mit besserem Gewissen gegen Mannerheim und Koltschak angewandt werden. Während diese jedoch anerkannt sind, zieht sich die Blockade um das hungernde Rußland immer enger zusammen.
Washington Stuart Chase"


Dieser kleine Artikel eines bürgerlichen Liberalen entlarvt vortrefflich die ganze Gemeinheit und den Verrat, den die Herren Kautsky, Martow, Tschernow, Branting und die übrigen Helden der Berner gelben Internationale am Sozialismus begehen.
Erstens ist es gelogen, was Kautsky und alle diese Helden in der Frage des Terrorismus und der Demokratie über Sowjetrußland sagen. Zweitens beurteilen sie die Ereignisse nicht vom Standpunkt des sich im Weltmaßstab, und zwar in äußerst scharfer Form tatsächlich abspielenden Klassenkampfes, sondern vom Standpunkt jammernder Spießbürger und Philister: Was alles sein könnte, wenn es nicht den Zusammenhang zwischen bürgerlicher Demokratie und Kapitalismus gäbe, wenn es auf der Welt keine Weißgardisten gäbe, wenn diese nicht von der Bourgeoisie der ganzen Welt unterstützt würden usw., usf. Drittens: Ein Vergleich des amerikanischen Artikels mit den Auslassungen von Kautsky und Co. ergibt mit aller Deutlichkeit, daß Kautskys objektive Rolle die eines Lakaien der Bourgeoisie ist.

Die internationale Bourgeoisie unterstützt die Mannerheim und Koltschak, um die Sowjetmacht zu erdrosseln, von der sie verleumderisch behauptet, sie sei terroristisch und undemokratisch. Das sind die Tatsachen.
Und wenn Kautsky, Martow, Tschernow und Co. ihr Lied von Terrorismus und Demokratismus herunterleiern, sind sie lediglich Helfershelfer der Bourgeoisie. Es ist dasselbe Lied, dessen sich die internationale Bourgeoisie bedient, um die Arbeiter zu betrügen und die Arbeiterrevolution abzuwürgen. Die persönliche Ehrlichkeit der „Sozialisten", die dieses Lied „aufrichtig", d. h. aus purem Stumpfsinn herunterleiern, ändert nicht das geringste an der objektiven Rolle dieses Liedes. Die „ehrlichen Opportunisten", die Kautsky, Martow, Longuet und Co., sind (durch ihre grenzenlose Charakterlosigkeit) zu „ehrlichen" 'Konlerrevolutionären geworden.
Das sind die Tatsachen.
Der amerikanische Liberale hat begriffen - nicht auf Grund seiner theoretischen Kenntnisse, sondern indem er lediglich die Ereignisse aus einer genügend weiten, d. h. eben aus der internationalen Perspektive aufmerksam beobachtete -, er hat begriffen-. Die Bourgeoisie der ganzen Welt organisiert und führt einen Bürgerkrieg gegen das revolutionäre Proletariat, sie unterstützt zu diesem Zweck Koltschak und Denikin in Rußland, Mannerheim in Finnland, die Lakaien der Bourgeoisie, die georgischen Menschewiki, im Kaukasus, die polnischen Imperialisten und polnischen
Kerenskis in Polen, die deutschen Scheidemänner in Deutschland, die Konterrevolutionäre
(Menschewiki und Kapitalisten) in Ungarn usw. usf.
Kautsky aber jammert wie ein echter reaktionärer Spießer immer noch über die Schrecken und Greuel des Bürgerkriegs! Hier fehlt nicht nur jede Spur revolutionären Bewußtseins, jede Spur realistischen historischen Denkens (denn es könnte wahrhaftig nicht schaden, endlich die Unvermeidlichkeit der Umwandlung des imperialistisdaen Krieges in den Bürgerkrieg zu begreifen), hier haben wir es direkt mit Handlangerdiensten für die Bourgeoisie, mit ihrer Unterstützung zu tun, hier steht Kautsky faktisch auf der Seite der Bourgeoisie in dem Bürgerkrieg, der in der ganzen Welt entweder bereits tobt oder ganz offensichtlich in Vorbereitung ist.

Lenin, Band 30, Seite 14 [ "Wie die Bourgeoisie die Renegaten ausnutzt" ]

 

Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg - Russland, Ungarn, Finnland, Deutschland

("Über die Diktatur des Proletariats")

Lenin, Gesammelte Werke, Band 30, Seite 81

Es gibt kein Land, es existiert kein einziges Fleckchen mehr auf dem Erdball, wo das englische, französische und amerikanische Finanzkapital nicht faktisch unumschränkt herrschte. Darauf fußte der neue Versuch, den sie unternahmen: Die kleinen Staaten, von denen Rußland umringt ist und von denen sich viele, wie Polen, Estland, Finnland, Georgien, die Ukraine usw., erst während des Krieges
befreit haben und ihre Unabhängigkeit erklären konnten, zu zwingen, mit englischem, französischem und amerikanischem Geld gegen Rußland Krieg zu führen.

Wir wissen ausgezeichnet, daß auf Finnland, Estland und die anderen kleinen Länder mit allen Mitteln dahingehend eingewirkt wurde, daß sie gegen Sowjetrußland Krieg führen sollen.

Das englische Kapital fiel über Finnland her und stellte ihm ein Ultimatum: „Die ganze Welt blickt auf Finnland", sagten die englischen Kapitalisten, „das Schicksal Finnlands hängt ganz davon ab, ob es sich seiner Bestimmung bewußt wird und hilft, die schmutzige, trübe, blutige Welle des Bolschewismus einzudämmen und Rußland zu befreien." Als Lohn für dieses „erhabene und sittliche Werk", für diese „edle Kulturtat", versprach man Finnland soundso viel Millionen Pfund Sterling, ein
bestimmtes Stück Land, die und die Wohltaten. Und wie war das Resultat?
Es gab eine Zeit, als die Truppen Judenitschs wenige Werst vor Petrograd standen, als Denikin nördlich von Orjol stand, da die geringste Hilfe, die sie bekommen hätten, das Schicksal Petrograds in kürzester Zeit und mit ganz geringen Opfern rasch zugunsten unserer Feinde entschieden hätte.
Mit aller Macht übte die Entente einen Druck auf Finnland aus, Finnland aber steckt bei der Entente bis über die Ohren in Schulden. Und nicht nur das: Es kann ohne die Unterstützung dieser Länder nicht einen Monat leben. Wie also ist das „Wunder" geschehen, daß wir in der Auseinandersetzung mit einem solchen Gegner den Sieg davontrugen? Und wir haben ihn davongetragen. Finnland trat nicht in den Krieg ein, und sowohl Judenitsch als auch Denikin wurden zu einem Zeitpunkt geschlagen, da ihr
gemeinsamer Kampf den ganzen Kampf auf die sicherste und rascheste Art zugunsten des internationalen Kapitalismus entschieden hätte. Wir haben diese härteste, diese furchtbare Prüfung in der Auseinandersetzung mit dem internationalen Imperialismus bestanden. Wie haben wir das erreicht?
Wie war solch ein „Wunder" möglich? Es war möglich, weil die Entente so handelte, wie alle kapitalistischen Staaten handeln, die ausschließlich mit Betrug und Druck vorgehen. Dadurch rief sie mit jeder ihrer Handlungen einen derartigen Widerstand gegen sich hervor, daß wir den Nutzen davon hatten. Wir waren schlecht bewaffnet, erschöpft, und wir sagten den von der finnischen Bourgeoisie unterdrückten finnischen Arbeitern: „Ihr dürft gegen uns nicht Krieg führen." Die Entente stand da in der vollen Rüstung ihrer Waffen, in ihrer äußeren Macht, sie verfügte über Lebensmittel, die sie diesen Ländern bieten konnte, und verlangte von ihnen, daß sie gegen uns kämpfen. Wir haben in dieser Auseinandersetzung den Sieg davongetragen. Wir haben gesiegt, weil die Entente eigene Truppen, die sie gegen uns hätte einsetzen können, nicht mehr hatte; sie mußte die kleinen Völker für sich kämpfen lassen, die kleinen Völker aber, und zwar nicht nur die Arbeiter und Bauern, sondern sogar ein beträchtlicher Teil der Bourgeoisie, die vorher die Arbeiter niedergeschlagen hatte, sind letzten Endes nicht gegen uns marschiert.
Als die Entente-Imperialisten ihnen von Demokratie und Unabhängigkeit erzählten, waren diese Völker so unverschämt - vom Standpunkt der Entente, von unserem Standpunkt aus jedoch so einfältig —, diese Versprechungen ernst zu nehmen und die Unabhängigkeit wirklich als Unabhängigkeit, nicht aber als Mittel zur Bereicherung der englischen und französischen Kapitalisten aufzufassen. Sie glaubten, Demokratie bedeute, frei zu leben, und nicht, daß sämtliche amerikanischen Milliardäre ihr Land ausplündern dürften und daß jeder mit dem Offizierspatent ausgestattete Adelssprößling sich flegelhaft benehmen und zu einem unverschämten Spekulanten werden dürfe, der für mehrere hundert Prozent Gewinn die schmutzigsten Geschäfte betreibt. Das ist es, was uns den Sieg brachte! Die Entente, die diese kleinen Länder, jedes dieser 14 Länder unter Druck setzte, stieß auf Widerstand. Die finnische Bourgeoisie, die mit Hilfe des weißen Terrors Zehntausende finnischer Arbeiter niedergeschlagen hat und die weiß, daß ihr das nicht vergessen wird, daß ihr auch die deutschen Bajonette, die ihr das ermöglichten, nicht mehr zur Verfügung stehen - diese finnische Bourgeoisie haßt die Bolschewiki mit aller Kraft, so wie nur ein Räuber die Arbeiter hassen kann, die ihn gestürzt haben. Trotzdem sagte sidi diese finnische Bourgeoisie: „Wenn wir den Weisungen der Entente Folge leisten, so heißt das jede Hoffnung auf Unabhängigkeit endgültig verlieren." Diese Unabhängigkeit aber haben ihnen die Bolschewiki im November 1917 gegeben, als Finnland eine
bürgerliche Regierung hatte. So wurden breite Kreise der finnischen Bourgeoisie in ihrer Meinung schwankend. Wir haben die Auseinandersetzung mit der Entente gewonnen, weil sie auf die kleinen Nationen rechnete, sie aber gleichzeitig von sich abstieß.
Diese Erfahrung bestätigt in gewaltigem, welthistorischem Maßstab das, was wir stets gesagt haben. Es gibt zwei Kräfte auf der Welt, die das Schicksal der Menschheit bestimmen können. Die eine Kraft ist der internationale Kapitalismus, der, wenn er siegt, seine Macht in unerhörten Bestialitäten betätigt; das zeigt die Entwicklungsgeschichte jeder kleinen Nation. Die andere Kraft ist das internationale Proletariat, das mit Hilfe der proletarischen Diktatur, die es Demokratie der Arbeiter nennt, für die sozialistische Revolution kämpft.

Obwohl wir keinerlei Verträge hatten, während England, Frankreich und Amerika über alle möglichen Wechsel, alle möglichen Verträge verfügten, handelten die kleinen Länder so, wie wir es wollten; nicht weil es der polnischen, finnischen, litauischen oder lettischen Bourgeoisie Spaß machte, um der schönen Augen der Bolschewiki willen eine solche Politik zu machen - das ist natürlich Unsinn -, sondern weil wir mit unserer Einschätzung der welthistorischen Kräfte recht hatten: entweder trägt das bestialische Kapital den Sieg davon, und dann wird es — sei es auch in einer noch so demokratischen Republik — allen kleinen Völkern der Welt die Kehle zuschnüren, oder es siegt die Diktatur des Proletariats, und das ist die einzige Hoffnung aller Werktätigen und aller kleinen, unterdrückten, schwachen Völker. Es zeigte sich, daß wir nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis der Weltpolitik recht hatten. Als es bei uns zu dieser Auseinandersetzung um die Truppen
Finnlands und Estlands kam, blieben wir die Sieger, obwohl sie uns mit ganz geringen Kräften hätten vernichten können. Obwohl die Entente ihren finanziellen Druck, ihre militärische Macht, ihre Lebensmittellieferungen mit allem Nachdruck geltend machte, alles in die Waagschale warf, um Finnland zum Vorgehen gegen uns zu zwingen, sind wir dennoch in dieser Auseinandersetzung Sieger geblieben.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 30, Seite 201- 204

 

„Möge zuerst das revolutionäre Proletariat die Bourgeoisie stürzen, das Joch des Kapitals abschütteln, den bürgerlichen Staatsapparat zerschlagen - dann wird das siegreiche Proletariat rasch die Sympathien und die Unterstützung der Mehrheit der werktätigen nichtproletarischen Massen
für sich gewinnen können, indem es sie auf Kosten der Ausbeuter zufriedenstellt", sagen wir. Das Gegenteil wird eine seltene Ausnahme in der Geschichte sein (doch auch bei einer solchen Ausnahme kann die Bourgeoisie zum Bürgerkrieg Zuflucht nehmen, wie das Beispiel Finnlands gezeigt hat.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 30, Seite 263

 

Der Zarismus, die Gutsbesitzer und die Kapitalisten unterdrückten eine ganze Anzahl von Völkern der Randgebiete - Lettland, Finnland u. a. In diesen Ländern haben sie durch die jahrhundertelange Unterdrückung Haß gezüchtet. Das Wort „Großrusse" wurde zum meistgehaßten Wort bei all diesen Völkern, die man im Blut erstickt hatte. Und nun setzt die Entente, nachdem sie mit ihren eigenen Soldaten im Kampf gegen die Bolschewiki gescheitert war, ihre Hoffnung auf die kleinen Staaten: versuchen wir es, Sowjetrußland mit ihrer Hilfe zu erdrosseln! Churchill, der die gleiche Politik treibt wie Nikolaus Romanow, will Krieg führen und führt Krieg, ohne sich im geringsten um das Parlament
zu kümmern. Er prahlte damit, daß er 14 Staaten gegen Rußland mobilisieren werde - das war 1919 - und daß im September Petrograd und im Dezember Moskau erobert würden. Er hat jedoch den Mund ein wenig gar zu voll genommen. Er setzte seine Hoffnung darauf, daß Rußland in diesen kleinen Ländern überall verhaßt ist, vergaß aber, daß man in diesen kleinen Ländern eine sehr klare Vorstellung davon hat, wer Judenitsch, Koltsdiak und Denikin sind. Es gab eine Zeit, da nur wenige Wochen sie vom endgültigen Sieg zu trennen schienen. Zur Zeit des Feldzugs von Judenitsch, als dieser unwejt von Petrograd stand, erschien in den „Times", der reichsten englischen Zeitung, ein Artikel - ich habe diesen Leitartikel selbst gelesen -, in dem man Finnland anflehte, ihm befahl, forderte: helft Judenitsch, auf euch schaut die ganze Welt; ihr werdet Freiheit, Zivilisation und Kultur in der ganzen Welt retten. Kämpft gegen die Bolschewiki!
So sprach England, das das bis über die Ohren verschuldete Finnland völlig in der Tasche hatte, zu Finnland, das nicht zu mucksen wagt, weil es ohne England nicht für eine Woche Brot hat.
So versuchte man, alle diese kleinen Staaten zum Kampf gegen die Bolschewiki zu treiben. Auch das scheiterte zweimal, denn die Friedenspolitik der Bolschewiki erwies sich als ernstgemeint und wurde von ihren Feinden für aufrichtiger gehalten als die Friedenspolitik aller übrigen Länder; und eine ganze Reihe von Ländern sagte sich: Wie sehr wir auch jenes Großrußland, das uns unterdrückt hat, hassen, so wissen wir doch, daß es Judenitsch, Koltschak und Denikin waren, die uns unterdrückt haben, und nicht die Bolschewiki. Das frühere Oberhaupt der weißgardistischen finnischen Regierung hat nicht vergessen, daß es im November 1917 persönlich aus meinen Händen das Dokument entgegennahm, in dem wir ohne den geringsten Vorbehalt erklärten, daß wir die Unabhängigkeit
Finnlands bedingungslos anerkennen.
Damals schien das eine bloße Geste zu sein. Man glaubte, der Aufstand der Arbeiter Finnlands werde das vergessen machen. Nein, solche Dinge geraten nicht in Vergessenheit, wenn sie durch die ganze Politik einer bestimmten Partei bestätigt werden. Und sogar die finnische bürgerliche Regierung erklärte: „Überlegen wir einmal: Wir haben in den 150 Jahren der Unterdrückung durch die russischen Zaren immerhin manches gelernt.
Wenn wir gegen die Bolschewiki kämpfen, so helfen wir damit Judenitsch, Referat auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der werktätigen Kosaken Koltschak und Denikin in den Sattel. Wer aber sind diese Herrschaften? Kennen wir sie etwa nicht? Sind das nicht dieselben zaristischen Generale,
die Finnland, Lettland, Polen und eine ganze Reihe anderer Völker unterdrückt haben? Und wir sollen diesen unseren Feinden gegen die Bolschewiki beistehen? Nein, warten wir ab."
Sie wagten es nicht, direkt abzulehnen: denn sie sind abhängig von der Entente. Sie unterstützten uns nicht direkt, sie warteten ab, schoben die Sache hinaus, schrieben Noten, schickten Delegationen, setzten Kommissionen ein, nahmen teil an Konferenzen und - konferierten so lange, bis Judenitsch, Koltschak und Denikin geschlagen waren und die Entente auch die zweite Kampagne verloren hatte. Wir waren die Sieger geblieben.
Wenn alle diese kleinen Staaten gegen uns marschiert wären - und man hatte ihnen Hunderte Millionen Dollar, die besten Kanonen und Waffen gegeben, sie verfügten über englische Instrukteure mit Kriegserfahrungen-, wenn sie gegen uns marschiert wären, so hätten wir zweifelsohne eine
Niederlage erlitten. Das ist jedem vollkommen klar. Aber sie marschierten nicht, weil sie zugeben mußten, daß die Bolschewiki ehrlicher waren als die anderen. Wenn die Bolschewiki erklären, daß sie die Unabhängigkeit eines jeden Volkes anerkennen, daß das zaristische Rußland auf der Unterdrückung anderer Völker aufgebaut war und daß die Bolschewiki niemals für diese Politik eingetreten sind, eintreten oder jemals eintreten werden, daß sie niemals einen Krieg zur Unterdrückung eines Volkes führen werden - wenn sie das sagen, schenkt man ihnen Glauben. Das haben wir nicht von den lettischen oder polnischen Bolschewiki, sondern von der polnischen, lettischen, ukrainischen usw. Bourgeoisie erfahren.
Darin äußerte sich die internationale Bedeutung der bolschewistischen Politik. Das war eine Prüfung nicht in der russischen, sondern in der internationalen Arena. Das war eine Prüfung nicht mit Worten, sondern mit Feuer und Schwert. Das war eine Prüfung im letzten entscheidenden Kampf. Die Imperialisten waren sich darüber im klaren, daß sie keine eigenen Soldaten hatten, daß man den Bolschewismus nur erdrosseln kann, wenn man internationale Kräfte zusammenfaßt, aber alle diese internationalen Kräfte wurden geschlagen.


Was ist eigentlich Imperialismus?

Es ist Imperialismus, wenn einige der reichsten Staaten die ganze Welt unterdrücken, wenn sie wissen, daß sie anderthalb Milliarden Menschen in der ganzen Welt beherrschen, wenn sie sie unterdrücken, und wenn diese anderthalb Milliarden Menschen spüren, was englische Kultur, französische Kultur und amerikanische Zivilisation heißt, nämlich'rauben, jeder so gut er kann. Jetzt sind bereits drei ViertelFinnlands von amerikanischen Milliardären aufgekauft. Die Offiziere, die aus England und Frankreich in unsere Randstaaten kamen, um deren Truppen zu instruieren, haben sich aufgeführt wie die unverschämten russischen Adligen in einem besiegten Land. Sie haben alle nach rechts und nach links spekuliert. Und je mehr die finnischen, polnischen und lettischen Arbeiter hungern, um so stärker wird der Druck, den die Handvoll englischer, amerikanischer und französischer Milliardäre und deren Handlänger auf sie ausüben. Und das geschieht in der ganzen Welt.
Nur die Russische Sozialistische Republik hat das Banner des Krieges für die wirkliche Befreiung erhoben, und die Sympathie der ganzen Welt wendet sich ihr zu. Wir haben durch unsere Politik gegenüber den kleinen Ländern die Sympathie aller Völker der Erde erobert.

Lenin, Gesammelte Werke, Band 30, Seite 380-381

 

 

In dem Deutschland, wo jetzt die deutschen Menschewiki und Sozialrevolutionäre am Ruder sind, auf die niemand hört, in dem Deutschland, wo der deutsche Kornilow, bis an die Zähne bewaffnet, die Reaktion vorbereitet, in jener deutschen Republik, wo in den Straßen der Städte 15000 Arbeiter niedergemetzelt worden sind. Und das nennt sich demokratische Republik!" Und die deutschen Menschewiki und Sozialrevolutionäre haben noch die Kühnheit, zu sagen, die Bolschewiki seien nichtswürdige Kerle, sie hätten das Land in den Bürgerkrieg gestürzt, während bei ihnen dort sozialer Frieden herrsche und nur 15 000 Arbeiter in den Straßen getötet worden seien!
Sie behaupten, daß es bei uns zu Bürgerkrieg und Blutvergießen gekommen sei, weil wir ein zurückgebliebenes Land sind. Aber bitte, warum sehen wir dasselbe auch in solchen nicht zurückgebliebenen Ländern wie Finnland ? Warum herrscht in Ungarn ein weißer Terror, über den die
ganze Welt empört ist? Warum hat man in der deutschen Republik, wo nach dem Sturz des Kaisers die Menschewiki und Sozialrevolutionäre an der Macht sind, warum hat man dort Luxemburg und Liebknecht ermordet?
Und warum ist dort nicht der Menschewik stark, sondern der Kornilow, und auch die Bolschewiki, die zwar unterdrückt werden, deren Stärke aber in ihrer Überzeugung von der Richtigkeit ihrer Sache und in ihrem Einfluß auf die Massen liegt?
Da habt ihr die internationale Revolution, von der man behauptete, daß die Bolschewiki sie nur benutzen, um das Volk zu betrügen. In Wirklichkeit aber haben sich alle Hoffnungen auf Verständigung als purer Unsinn erwiesen.

Lenin, Band 30, Seite 385

 

Daß eine zentrale Staatsgewalt, daß Diktatur und Einheit des Willens notwendig sind, damit sich die Avantgarde des Proletariats, die Macht fest in den Händen haltend, zusammenschließen, den Staat auf eine neue Grundlage stellen und ihn weiterentwickeln kann - dagegen aufzutreten und Abhandlungen über dieses Thema zu schreiben ist nach den gesammelten Erfahrungen, nach allem, was in Rußland, Finnland und Ungarn geschehen ist, nach der einjährigen Erfahrung in den demokratischen Republiken, in Deutschland, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Demokratie hat sich selbst endgültig entlarvt. Das ist der Grund, weshalb sich in allen Ländern in den verschiedensten Formen die Anzeichen dafür mehren, daß die kommunistische Bewegung für die Rätemacht, für die Diktatur des Proletariats unaufhaltsam wächst.

Lenin, Rede zum Jahrestag der Gründung der III. Internationale, Band 30, Seite 414

 

Die Herren Bourgeois und die Quasisozialisten der II. Internationale haben das für eine Agitationsphrase erklärt. Nein, das ist die historische Wirklichkeit, die durch die blutigen und schweren Erfahrungen des Bürgerkriegs in Rußland bestätigt worden ist; denn dieser Bürgerkrieg war ein Krieg gegen das Weltkapital, und dieses Kapital zerfiel von selbst im Kampf untereinander, verschlang sich selbst, während wir gestählter und stärker aus diesem Kampf hervorgingen, und das in einem Land, dessen Proletariat an Hunger -und Flecktyphus dahinstarb. In diesem Land haben
wir immer neue Massen der Werktätigen für uns gewonnen. Was den IX. Parteitag der XPRCB) 441
Paktierern früher eine Agitationsphrase zu sein schien, worüber die Bourgeoisie zu lachen pflegte, hat dieses Jahr unserer Revolution, und besonders das Berichtsjahr, endgültig zu einer unbestreitbaren historischen Tatsache werden lassen, die uns die Möglichkeit gibt, mit absoluter Überzeugung zu erklären: Wenn wir das vollbracht haben, so wird dadurch bestätigt, daß wir in der ganzen Welt ein Fundament haben, das unendlich breiter ist als das irgendeiner früheren Revolution. Wir haben einen internationalen Bund, der nirgendwo eingetragen ist, der kein Statut hat, vom Standpunkt des „Staatsrechts" nichts, in Wirklichkeit aber, in der sich zersetzenden kapitalistischen Welt, alles bedeutet. Jeder Monat, in dem wir rms Positionen eroberten oder uns einfach gegen einen ungeheuer mächtigen Feind behaupteten, bewies der ganzen Welt, daß wir recht haben, und führte uns neue Millionen Menschen zu.
Das schien ein schwieriger Prozeß zu sein, und er war von gewaltigen Niederlagen begleitet. Auf den beispiellosen weißen Terror in Finnland folgte gerade im Berichtsjahr die Niederlage der ungarischen Revolution, die von den Vertretern der Entente auf Grund eines Geheimvertrags mit Rumänien erdrosselt wurde, nachdem sie ihre eigenen Parlamente betrogen hatten.

Lenin, IX. Parteitag, Band 30, Seite 440 - 441

 

 

Mag die Bourgeoisie toben, bis zum Irrsinn wüten, übertreiben, Dummheiten machen, sich an den Bolschewiki im voraus rächen und weitere Hunderte, Tausende, Hunderttausende von Menschen hinzumorden suchen, die gestern zu Bolschewiki geworden sind oder es morgen sein werden (in Indien, in Ungarn, in Deutschland usw.); indem die Bourgeoisie das tut, bandelt sie, wie alle von der Geschichte zum Untergang verurteilten Klassen gehandelt haben. Die Kommunisten müssen wissen,
daß die Zukunft auf jeden Fall ihnen gehört, und daher können (und müssen) wir die größte Leidenschaftlichkeit in dem gewaltigen revolutionären Kampf mit möglichst kaltblütiger und nüchterner Einberechnung der Tobsuchtsanfälle der Bourgeoisie verbinden. Die russische Revolution ist 1905 grausam niedergeschlagen worden; die russischen Bolschewiki sind im Juli 1917 geschlagen worden; durch abgefeimte Provokationen und geschickte Manöver haben die Scheidemänner und Noske im Verein mit der Bourgeoisie und den monarchistischen Generalen über 15 000 deutsche
Kommunisten hingemordet; in Finnland und in Ungarn wütet der weiße Terror. Aber in allen Fällen und in allen Ländern stählt und entwickelt sich der Kommunismus; er hat so tiefe Wurzeln geschlagen, daß die Verfolgungen ihn nicht schwächen, nicht entkräften, sondern stärken.

Lenin, aus: "Der 'linke' Radikalismus ...", Band 31, Seite 89

 

Einige Mitglieder Ihrer Delegation befragten mich voller Befremden über den roten Terror, das Fehlen von Presse- und Versammlungsfreiheit in Rußland, die Verfolgung von Menschewiki und menschewistischen Arbeitern durch uns usw. Ich antwortete darauf, daß die wahren Schuldigen
am Terror die Imperialisten Englands und ihre „Alliierten" sind, die den weißen Terror in Finnland und Ungarn, in Indien und Irland durchgeführt haben und noch durchführen, die Judenitsch, Koltschak, Denikin, Pilsudski und Wrangel unterstützt haben und noch unterstützen. Unser roter Terror dient der Verteidigung der Arbeiterklasse gegen die Ausbeuter, der Unterdrückung des Widerstands der Ausbeuter, auf deren Seite sich die Sozialrevolutionäre, die Menschewiki und eine verschwindende
Zahl menschewistischer Arbeiter stellen. Die Presse- und Versammlungsfreiheit in der bürgerlichen Demokratie ist die Freiheit der Reichen, sich gegen die Werktätigen zu verschwören, die Freiheit der
Kapitalisten, Zeitungen zu bestechen und aufzukaufen. Ich habe das in der Presse schon so oft erläutert, daß es mich langweilte, es wiederholen zu müssen.

Lenin, Band 31, Seite 130

 

5. Die weltpolitische Lage hat jetzt die Diktatur des Proletariats auf die Tagesordnung gesetzt, und alle Ereignisse der Weltpolitik ballen sich notwendigerweise um einen Mittelpunkt zusammen, nämlich um den Kampf der Weltbourgeoisie gegen die Russische Sowjetrepublik. Diese gruppiert um sich unvermeidlich einerseits die Rätebewegungen der fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder, anderseits alle nationalen Befreiungsbewegungen der Kolonien und der unterdrückten Völker, die sich durch bittere Erfahrung davon überzeugen, daß es für sie keine andere Rettung gibt als den Sieg der Sowjetmacht über den Weltimperialismus.


6. Folglich darf man sich jetzt nicht darauf beschränken, die gegenseitige Annäherung der Werktätigen verschiedener Nationen in bloßen Worten anzuerkennen oder zu proklamieren, sondern muß eine Politik treiben, durch die das engste Bündnis aller nationalen und kolonialen Befreiungsbewegungen mit Sowjetrußland verwirklicht wird, und muß die Formen dieses Bündnisses entsprechend der jeweiligen Entwicklungsstufe der kommunistischen Bewegung unter dem Proletariat eines jeden Landes oder der bürgerlich-demokratischen Befreiungsbewegung der Arbeiter
und Bauern in den zurückgebliebenen Ländern oder unter den zurückgebliebenen Nationalitäten bestimmen.

7. Die Föderation ist eine Übergangsform zur völligen Einheit der Werktätigen verschiedener Nationen. Die Föderation hat bereits in der Praxis ihre Zweckmäßigkeit bewiesen, sowohl in den Beziehungen der RSFSR zu anderen Sowjetrepubliken (der Ungarischen, der Finnischen und der Lettischen in der Vergangenheit; der Aserbaidshanischen und der Ukrainischen in der Gegenwart) als auch innerhalb der RSFSR in bezug auf die Nationalitäten, die früher weder eine eigene staatliche
Existenz noch eine Autonomie hatten (z. B. die Baschkirische und die Tatarische Autonome Republik in der RSFSR, die 1919 bzw. 1920 gegründet worden sind).


8. Die Aufgabe der Komintern besteht diesbezüglich sowohl in der Weiterentwicklung als auch im Studium und in der praktischen Überprüfung dieser neuen, auf der Basis der Sowjetordnung und der Sowjetbewegung entstehenden Föderationen. Wenn man die Föderation als Übergangsform zur völligen Einheit anerkennt, muß man ein immer engeres föderatives Bündnis anstreben und dabei berücksichtigen: erstens, daß es ohne ein ganz enges Bündnis der Sowjetrepubliken unmöglich ist,
deren Existenz zu behaupten, denn sie sind von den militärisch unvergleichlich stärkeren imperialistischen Mächten der ganzen Welt umgeben; zweitens, daß ein enges wirtschaftliches Bündnis der Sowjetrepubliken notwendig ist, weil anders die Wiederherstellung der durch den Imperialismus zerstörten Produktivkräfte und die Sicherung des Wohlstands der Werktätigen nicht durchführbar ist; drittens, daß die Tendenz zur Schaffung einer einheitlichen, nach einem gemeinsamen Plan vom Proletariat aller Nationen zu regelnden Weltwirtschaft als Ganzes, eine Tendenz, die bereits unter dem Kapitalismus ganz deutlich zutage getreten ist, unter dem Sozialismus unbedingt weiterentwickelt und ihrer Vollendung entgegengeführt werden muß.

Entwurf der Thesen zur nationalen und zur kolonialen Frage, Lenin, Band 31, Seite 134 - 135

 

Der Kommunismus hat sich in allen fortgeschrittenen Ländern entwickelt, gefestigt und zur Partei zusammengeschlossen. Die Sache der internationalen Revolution hat in dieser Zeit eine Reihe von Niederlagen in kleinen Ländern erlitten, in denen die Bewegung mit Hilfe, der größten Raubstaaten niedergeschlagen wurde. So half z. B. Deutschland, die finnische Revolution zu erdrosseln, und die kapitalistischen Kolosse England, Frankreich und Österreich unterdrückten die Revolution in Ungarn.
Aber indem sie das taten, vertausendfachten sie in ihren eigenen Ländern die Elemente der Revolution.

Rede zum 3. Jahrestag der Oktoberrevolution, Lenin, Band 31, Seite 393 - 394

 

 

Der vorliegende Brief wurde geschrieben im Zusammenhang mit dem Aufschwung der revolutionären Arbeiterbewegung in Finnland, der unter dem Einfluss der Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland eingesetzt hatte.

Kuusinen entpuppte sich nicht nur als Feind des revolutionären finnischen Proletariats, sondern auch als Verräter innerhalb der Kominternführung. Er wurde schließlich zum treuen Lakai der Chruschtschow-Revisionisten, insbesondere was die Verbrechen an Stalin anbelangt.

BRIEF AN DIE GENOSSEN KUUSINEN, SIROLA
UND DIE ANDEREN MITGLIEDER DER
SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI
FINNLANDS


Werte Genossen!

Mit größter Freude höre ich von meinen fmnländischen Freunden die Mitteilung, daß Sie an der Spitze des revolutionären Flügels der finnischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei stehen und die Sache der proletarischen, sozialistischen Revolution verfechten. Ich bin überzeugt, im Namen des revolutionären Proletariats Rußlands sagen zu dürfen, daß das große organisatorische Talent der finnischen Arbeiter, ihre höhere Bildung und längere politische Schule demokratischer Institutionen ihnen helfen wird, die sozialistische Reorganisation Finnlands erfolgreich durchzuführen. Wir rechnen auf brüderliche Hilfe der revolutionären Sozialdemokratie Finnlands.

Es lebe die internationale sozialistische Revolution!
Mit besten Grüßen.

N. Lenin
11. XI. 1917
geschickt von Petrograd nach Helsinki.
Zuerst veröffentlicht am 21. Januar 1931
in der „Prawda" Nr. 21.

Lenin, Band 35, Seite 302

 

BRIEF AN DAS POLITBÜRO
BETREFFEND EINE RESOLUTION
DES IX. GESAMTRUSSISCHEN SOWJETKONGRESSES
ÜBER DIE INTERNATIONALE LAGE


Ich bitte, die Frage zu erörtern, ob der Sowjetkongreß nicht eine spezielle Resolution gegen die Abenteuerpolitik Polens, Finnlands und Rumäniens (über Japan ist es aus einer Reihe von Gründen besser zu schweigen) annehmen soll. In der Resolution ist eingehend zu erklären, daß (außer der
sowjetischen) keine einzige Regierung Rußlands die imperialistische Politik des Zarismus sowie der von den Menschewiki und Sozialrevolutionären unterstützten Provisorischen Regierung gegenüber den Randgebieten des ehemaligen Russischen Reiches als Verbrechen betrachtet hat und es auch nicht als solches betrachten konnte. In der Resolution ist ausführlich darauf einzugehen, in wie hohem Grade wir durch Taten gezeigt haben, daß wir sowohl die Selbstbestimmung der Nationen als auch die friedlichen Beziehungen zu den Staaten, die früher zum Russischen Reich gehörten, zu schätzen wissen. Ausführlich ist zu sagen, daß wir voll und ganz mit der Friedensliebe nicht nur der Arbeiter und Bauern aller erwähnten Länder, sondern auch eines sehr großen Teils der einsichtigen Vertreter der Bourgeoisie und der Regierungen rechnen. Betreffs der Abenteurerelemente soll man mit der schärfsten Drohung schließen, daß wir uns, wenn das abenteuerliche Spiel mit den Banden vom Schlage der1 einstigen Banden Sawinkows kein Ende nimmt, wenn unsere friedliche Arbeit weiterhin gestört wird, zu einem Volkskrieg erheben und diejenigen, die sich an Abenteuern und am Banditentum beteiligen, ein für allemal vernichten werden.
Eine Kongreßresolution solchen Inhalts hätte den Vorteil, daß wir sie massenhaft in allen Sprachen verbreiten könnten.


Lenin


22. XII. 1921

Lenin, Band 33, Seite 122