Lenin

Über die Februarrevolution 1917

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenin über die Februarrevolution 1917

Text- und  Zitatensammlung

 

aus Anlass des 100. Jahrestags der Februarrevolution

23. Februar 1917 - 23. Februar 2017

(eigentlich 8. März nach dem heutigen Kalender)

 

zusammengestellt von Wolfgang Eggers

 

 

Erster Teil = Zitatensammlung

 

Zweiter Teil = Textsammlung

 

 

W. I. LENIN

 

 

Erster Teil

ZITATENSAMMLUNG

 

 

15. März 1917

Wir sind heute in Zürich ganz aus dem Häuschen: die „Züricher Post" und die „Neue Zürcher Zeitung" bringen ein Telegramm vom 15. III., wonach in Rußland am 14. III. nach dreitägigem Kampf die Revolution in Petrograd gesiegt hat und 12 Dumamitglieder an der Macht sind. Die Minister sollen alle verhaftet sein.

(Lenin, Band 35, Seite 271)

 

16. März 1917

Keinesfalls wieder nach dem Muster der II. Internationale! Keinesfalls zusammen mit Kautsky! Unbedingt ein revolutionäreres Programm und eine revolutionärere Taktik (Elemente dafür finden sich bei Karl Liebknecht,...)

Kampf gegen den Imperialismus, nach wie vor revolutionäre Propaganda und Agitation und Kampf mit dem Ziel der proletarischen Weltrevolution und der Eroberung der Macht durch die „Sowjets der Arbeiterdeputierten" (und nicht durch kadettische Gauner).
. . . Nach der „great rebellion" von 1905 - die „glorious revolution"
von 1917! ...

(Lenin, Band 35, Seite 273)

 

 

27. März 1917

Es lebe die russische Revolution, es lebe die beginnende proletarische
Weltrevolution!

(Lenin, Band 36, Seite 412)

 

 

Entweder zuzulassen, dass weitere Millionen Menschen zugrunde gehen und die ganze europäische Kultur endgültig zerstört wird, oder Übernahme der Macht in allen zivilisierten Ländern durch das Proletariat, Verwirklichung der sozialistischen Umwälzung.

Dem russischen Proletariat ist die große Ehre zuteil geworden, die Reihe von Revolutionen, die der imperialistische Krieg mit objektiver Unvermeidlichkeit hervorruft, zu beginnen. Der Gedanke jedoch, das russische Proletariat für das auserwählte revolutionäre Proletariat unter den Arbeitern der anderen Länder zu halten, ist uns absolut fremd. Wir wissen sehr gut, dass das Proletariat Russlands weniger organisiert, vorbereitet und klassenbewusst ist als die Arbeiter der anderen Länder. Nicht besondere Eigenschaften, sondern lediglich besondere geschichtliche Bedingungen haben das Proletariat Russlands auf eine gewisse, vielleicht sehr kurze Zeit zum Vorkämpfer des revolutionären Proletariats der ganzen Welt gemacht. (Lenin, Band 23, Seite 384)

 

 

Die wichtigste Vorbedingung für das „Wunder" des Umsturzes in Russland war der „große Aufruhr" der Jahre 1905-1907, der durch die heutigen Herren der Lage, die Gutschkows und Miljukows, so niederträchtig besudelt wurde und die jetzt über die „glorreiche Revolution" von 1917 frohlocken. Wenn aber die Revolution von 1905 den Boden nicht aufgewühlt, wenn sie nicht alle Klassen und Parteien in der Aktion vor Augen geführt, wenn sie nicht die Zarenbande in ihrer ganzen Barbarei und Wildheit entblößt hätte, wäre 1917 ein schneller Sieg unmöglich gewesen.

Dieses außerordentliche Zusammenfallen der Bedingungen erlaubte 1917 alle Schläge, die von verschiedensten gesellschaftlichen Kräften gegen den Zarismus gerichtet waren, zu vereinigen. Erstens: das englisch-französische Finanzkapital, das über die ganze Welt herrscht und die ganze Welt ausraubt, war 1905 gegen die Revolution und half dem Zarismus, die Revolution zu ersticken. (Milliardenanleihen 1906!) Jetzt nahm es tatkräftigen Anteil an der Revolution, indem es das Attentat der Gutschkows und Miljukows und der oberen Schichten des Militärs zur Absetzung Nikolaus II. organisiert hat.

Vom Standpunkte der Weltpolitik und des internationalen Finanzkapitals ist die Regierung Gutschkow-Miljukow ganz einfach der Kommis der Bankfirma England-Frankreich, ein Mittel der Verlängerung des imperialistischen Völkermordens.

Zweitens: Die Niederlagen der zaristischen Monarchie räumten gründlich mit dem alten Bestand der Offiziere auf und schufen neue, junge, bürgerliche Kaders.

Drittens: Die gesamte russische Bourgeoisie, die sich seit 1905 bis 1914 und besonders seit 1914 bis 1917 rapid organisiert hat, vereinigte sich mit dem Adel im Kampfe gegen den verfaulten Zarismus, in dem Wunsche, sich durch den Raub von Armenien, Konstantinopel, Galizien usw. zu bereichern. Endlich viertens – und das ist das wichtigste –: zu den imperialistischen Kräften gesellte sich eine tiefe und wild reißende proletarische Bewegung. Das Proletariat machte diese Revolution, forderte Frieden, Brot und Freiheit. Es hatte nichts gemein mit der imperialistischen Bourgeoisie, und es führte mit sich die Mehrheit der Armee, die doch aus Arbeitern und aus Bauern besteht!

Die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg hat begonnen. Darin liegt die Quelle des zwieträchtigen Charakters dieser Revolution, die die erste Etappe der ersten vom imperialistischen Kriege geborenen Revolution bildet.

Die Regierung Gutschkows und Miljukows, die junkerliche und kapitalistische Regierung, kann dem Volke weder Frieden noch Brot noch Freiheit geben. Sie ist eine Regierung der Weiterführung des räuberischen Krieges, die offen erklärt, dass sie den internationalen Verträgen, die der Zar abgeschlossen hat, treu bleiben wird. Diese Verträge sind Raubverträge. Diese Regierung könnte im besten Falle die Krisis verschieben, aber das Land vom Hunger befreien kann sie nicht. Sie ist nicht imstande, auch die Freiheit zu geben, wenn sie noch so viel Versprechungen macht; denn sie ist mit den Interessen des adeligen Grundbesitzes und des Kapitals versippt.

Deswegen wäre das dümmste, was man tun könnte, eine Taktik des Zutrauens und der Unterstützung gegenüber dieser Regierung einzuschlagen, angeblich im Interesse des „Kampfes mit der Reaktion". Für einen solchen Kampf ist eine Bewaffnung des Proletariates die einzig ernste, die realste Garantie sowohl gegenüber der zarischen Konterrevolution wie gegenüber den Versuchen der Gutschkows und Miljukows, die Monarchie wiederherzustellen. (Lenin, Band 23, Seite 368-369)

 

 

 

Frieden, Brot und volle Freiheit kann das Volk nur von einer Arbeiterregierung erhalten, die sich 1. auf die überwiegende Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung, auf die Landarbeiter und die armen Bauern und 2. auf das Bündnis mit den revolutionären Arbeitern aller kriegführenden Länder stützt.

Das revolutionäre Proletariat kann deshalb die Revolution vom 1. (14.) III. nur als einen ersten, bei weitem noch nicht vollständigen Sieg auf seinem großen Weg betrachten, es muss sich die Aufgabe stellen, den Kampf für die Erringung der demokratischen Republik und des Sozialismus weiterzuführen.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen das Proletariat und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands vor allem jene relative und unvollständige Freiheit ausnützen, die die neue Regierung gewährt und die nur durch weiteren, noch energischeren und hartnäckigeren revolutionären Kampf gesichert und erweitert werden kann. (Lenin, Band 23, Seite 304)

 

 

Lenin, Briefe aus der Ferne, 12. März 1917:

... unter dem Druck der (...) Massen stehend, ist die Regierung gezwungen, zu lügen, sich zu drehen und zu winden, Zeit zu gewinnen, möglichst viel zu `proklamieren` und zu versprechen (Versprechungen sind das Einzige, was sogar in Zeiten wahnwitziger Teuerung sehr billig ist), möglichst wenig davon durchzuführen, mit der einen Hand Zugeständnisse zu machen und sie mit der anderen wieder zurückzunehmen.

Unter bestimmten Umständen, in dem für sie günstigsten Fall, kann die neue Regierung, gestützt auf alle organisatorischen Fähigkeiten der gesamten russischen Bourgeoisie und der bürgerlichen Intelligenz, den Zusammenbruch etwas hinausschieben. Aber sogar in diesem Falle ist sie nicht imstande, dem Zusammenbruch zu entgehen, denn es ist UNMÖGLICH, sich den Klauen des furchtbaren, vom Weltkapitalismus gezeugten Ungeheurs, des imperialistischen Krieges und der Hungersnot zu entwinden, ohne den Boden der bürgerlichen Verhältnisse zu verlassen, ohne zu revolutionären Maßnahmen überzugehen, ohne an den großen geschichtlichen Heldenmut des russischen und internationalen Proletariats zu appellieren.

Daraus folgt: Wir werden die neue Regierung nicht mit einem Schlag stürzen können, oder wir werden, falls uns das gelingt (in revolutionären Zeiten erweitern sich die Grenzen der Möglichen tausendfach), die Macht nicht behaupten können, wenn wir der ausgezeichneten Organisation der gesamten russischen Bourgeoisie und der gesamten bürgerlichen Intelligenz nicht eine ebenso ausgezeichnete Organisation des Proletariats entgegenstellen, des Proletariats als Führer der ganzen unübersehbaren Masse der armen Bevölkerung in Stadt und Land, der Halbproletarier und der kleinen Eigentümer.“ (Lenin, Band 23, Seite 337).

 

Das Leben hat eine ganz neue Situation geschaffen. Der Hauptfehler, den die Revolutionäre begehen, ist, dass sie nach rückwärts schauen, auf die alten Revolutionen. Das Leben aber gibt uns allzu viel Neues, das man in den allgemeinen Ablauf der Ereignisse einfügen muss. (Lenin, Band 24, Seite 127)

 

Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre zuteil, zu beginnen, es darf aber nicht vergessen, daß seine Bewegung und seine Revolution nur ein Teil der internationalen revolutionären proletarischen Bewegung sind, die, wie zum Beispiel in Deutschland, von Tag zu Tag stärker und stärker wird. Nur unter diesem Gesichtswinkel können wir unsere Aufgaben bestimmen. (Lenin, Band 24, Seite 215)

 

 

Unsre Aufgabe ist, diejenigen zu befreien, die im Nachtrab einhertrotten. Für uns sind die Sowjets nicht als Form wichtig, uns ist wichtig, welche Klassen diese Sowjets vertreten. Deshalb gilt es, eine langwierige Arbeit zur Hebung des proletarischen Bewußtseins zu leisten... (Lenin, Band 24, Seite 218)

 

 

Wir sind für eine feste revolutionäre Staatsmacht. Mögen die Kapitalisten und ihr Gefolge noch so sehr schreien und von uns das Gegenteil behaupten, ihre Lüge bleibt eine Lüge.
Man muß nur angesichts der Phrasen klaren Kopf behalten, sich nicht verwirren lassen. Wenn von der „Revolution", vom „revolutionären Volk", von der „revolutionären Demokratie" usw. die Rede ist, so ist das in neun von zehn Fällen Lüge oder Selbstbetrug. Man muß fragen, am die Revolution welcher Klasse handelt es sich? um die Revolution gegen wen?
Gegen den Zarismus? In diesem Sinne sind heute in Rußland sowohl die Gutsbesitzer als auch die Kapitalisten in ihrer Mehrheit Revolutionäre. Nachdem das Werk getan ist, stellen sich auch die Reaktionäre auf den Boden der Errungenschaften der Revolution. Der häufigste, niederträchtigste und gefährlichste Betrug an den Massen besteht heute in den Lobeshymnen auf die Revolution in diesem Sinne.
Gegen die Gutsbesitzer? In diesem Sinne sind die meisten Bauern und sogar die meisten wohlhabenden Bauern, d. h. insgesamt sicherlich neun Zehntel der Bevölkerung Rußlands, Revolutionäre. Auch ein Teil der Kapitalisten dürfte bereit sein, zu Revolutionären zu werden, indem sie folgendermaßen kalkulieren: die Gutsbesitzer sind jetzt sowieso nicht zu retten, stellen wir uns also lieber auf die Seite der Revolution, um die Unantastbarkeit des Kapitals zu bewahren.
Gegen die Kapitalisten? Das eben ist die Hauptfrage. Das ist der springende Punkt, denn ohne die Revolution gegen die Kapitalisten ist das ganze Geschwätz über einen „Frieden ohne Annexionen" und über eine rasche Beendigung des Krieges durch einen solchen Frieden entweder Naivität und Unwissenheit oder Stumpfsinn und Betrug. Wäre nicht der Krieg, so könnte Rußland noch Jahre und sogar Jahrzehnte ohne eine Revolution gegen die Kapitalisten weiterbestehen. Angesichts des Krieges ist das objektiv unmöglich: entweder Untergang oder Revolution gegen die Kapitalisten. Das ist die Frage. So ist sie durch das Leben gestellt.
Mit der Revolution gegen die Kapitalisten sympathisiert instinktiv, gefühlsmäßig, aus innerem Trieb die Mehrheit der Bevölkerung Rußlands, sympathisieren die Proletarier und Halbproletarier, d. h. die Arbeiter und die armen Bauern. Doch fehlt ihnen noch die klare Erkenntnis und deshalb auch die Entschlossenheit. Diese zu entwickeln, ist unsere Hauptaufgabe. (Lenin, Band 24, Seite 355-356)

 

 

 

Als „revolutionäre Vaterlandsverteidigung" bezeichnet man eine Bemäntelung des Krieges, die sich darauf stützt, daß wir doch die Revolution gemacht hätten, daß wir doch ein revolutionäres Volk, eine revolutionäre Demokratie seien. Aber wie beantworten wir diese Frage? Was für eine Revolution haben wir gemacht? Wir haben Nikolaus gestürzt.
Die Revolution war nicht sehr schwer im Vergleich zu einer Revolution, die die ganze Klasse der Gutsbesitzer und Kapitalisten gestürzt hätte.
Wer ist nun nach unserer Revolution an der Macht? Die Gutsbesitzer und die Kapitalisten - dieselben, die in Europa schon längst die Macht inne haben.

Die neue „revolutionäre Vaterlandsverteidigung" bedeutet nichts anderes, als den schmutzigen und blutigen Krieg um der schmutzigen und abscheulichen Verträge willen mit dem hehren Begriff der Revolution bemänteln.
Den Krieg hat die russische Revolution nicht verändert, aber sie hat Organisationen geschaffen, die es in keinem einzigen Land gibt und die es in den Revolutionen des Westens kaum jemals gegeben hat. Die meisten Revolutionen beschränkten sich darauf, daß eine neue Regierung nach Art unserer Tereschtschenko und Konowalow gebildet wurde, während das Land im Zustand der Passivität und Desorganisation verblieb.
Die russische Revolution ging weiter. In dieser Tatsache liegt der Keim dafür, daß sie den Krieg besiegen kann. Diese Tatsache besteht darin, daß wir außer der Regierung der „beinahe-sozialistischen" Minister, der Regierung des imperialistischen Krieges, der Regierung der Offensive, der mit dem englisch-französischen Kapital liierten Regierung, daß wir außer ihr und unabhängig von ihr über ganz Rußland hin das Netz der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten haben. Das eben ist sie, die Revolution, die ihr letztes Wort noch nicht gesprochen hat. Das eben ist die Revolution, die es in Westeuropa unter solchen Bedingungen nicht gegeben hat.

Und darin eben liegt die Gewähr dafür, daß diese Revolution weiter gehen kann. Darin, daß die Klassen, die wirklich keinerlei Interesse an Annexionen haben.

Das sind die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, die in zahlreichen Gegenden Rußlands in ihrer revolutionären Arbeit sehr viel weiter gegangen sind als in Petrograd. Und das ist ganz natürlich, weil wir in Petrograd das zentrale Organ der Kapitalisten haben. (Lenin, Band 24, Seite 410 ff.)

 

 

Erstens, eine soziale Revolution war auch die Revolution vom 27. Februar.
Jede politische Umwälzung, wenn es sich nidit um einen Cliquenwechsel handelt, ist eine soziale Revolution - die Frage ist nur, die soziale Revolution welcher Xlasse? Die Revolution vom 27. Februar 1917 bedeutete den Übergang der Macht aus den Händen der fronherrlichen Gutsbesitzer, an deren Spitze Nikolaus II. stand, in die Hände der Bourgeoisie.
Es war die soziale Revolution der Bourgeoisie.
Durch eine plumpe und wissenschaftlich falsche Terminologie, indem sie die „soziale" mit der „sozialistischen" Revolution verwechselt, will die „Finansowaja Gaseta" dem Volke die offenkundige Tatsache verbergen, daß sich die Arbeiter und Bauern mit der bloßen Besitzergreifung der Macht durch die Bourgeoisie nicht zufriedengeben können.
Diese einfache und klare Tatsache verschweigen die Herren Kapitalisten und betrügen so sich selbst und das Volk.
Zweitens, als „in der Welt beispiellos" muß man auch den großen imperialistischen Krieg von 1914-1917 bezeichnen. „In der Welt beispiellos"
sind solche Verwüstung, solch blutige Greuel, solches Elend, solcher
Zusammenbruch der gesamten Kultur. Nicht irgend jemandes Ungeduld, nicht irgend jemandes Propaganda, sondern die objektiven Verhältnisse, die Beispiellosigkeit dieses Zusammenbruchs der gesamten Kultur - das erzwingt den Übergang zur Kontrolle der Produktion und Verteilung, der Banken, der Fabriken usw.
Anders ist, und das ist keine Übertreibung, der Untergang von Dutzenden
Millionen Menschen unausbleiblich.
Angesichts der Freiheit aber, die die „politische Umwälzung" vom 27. Februar gebracht hat, angesichts des Bestehens von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- usw. Deputierten kann eine derartige Kontrolle nur so aussehen, daß die Arbeiter und Bauern den überwiegenden Einfluß haben, daß die Minderheit der Bevölkerung sich der Mehrheit unterordnet. Wie man sich auch entrüsten mag, daran ist nichts zu ändern.
Drittens, und das ist die Hauptsache, selbst die sozialistische Revolution setzt keinesfalls voraus, daß „Dutzende Millionen Bürger auf alle ihre Besitzrechte verzichten". Selbst der Sozialismus (und die Kontrolle über die Banken und Fabriken ist noch kein Sozialismus) erfordert nichts Derartiges.
Das ist eine niederträchtige Verleumdung des Sozialismus. Kein Sozialist hat jemals vorgeschlagen, „Dutzenden Millionen Bürgern", d. h. den kleinen und mittleren Bauern, ihr Eigentum zu nehmen (= sie „zu veranlassen, auf alle ihre Besitzrechte zu verzichten").
Nichts dergleichen!
Alle Sozialisten haben stets einen solchen Unsinn zurückgewiesen.
Die Sozialisten wollen den „Verzicht" nur der Gutsbesitzer und Kapitalisten
erreichen. Um einen entscheidenden Schlag gegen jene Verhöhnung des Volkes zu führen, die sich z. B. die Bergbauindustriellen leisten, indem sie die Produktion desorganisieren und schädigen, genügt es, daß einige hundert - höchstens ein- bis zweitausend - Millionäre, die die Banken, den Handel und die Industrie beherrschen, „verzichten".
Das reicht vollkommen aus, um den Widerstand des Kapitals zu brechen.
Und selbst dieser "Handvoll von Reidhen braucht man nicht „alle"ihre Besitzrechte zu nehmen, man kann ihnen das Eigentumsrecht an vielen Gegenständen des persönlichen Gebrauchs und ein gewisses bescheidenes
Einkommen lassen.
Den Widerstand einiger hundert Millionäre zu brechen - das und nur das ist die Aufgabe. Unter dieser und nur unter dieser Bedingung kann der Zusammenbruch verhütet werden. (Lenin, Band 24, Seite 438 ff.)

 

Die Theorie des Klassenkampfes ist über Bord geworfen; es ist bequemer, über „Demokratie" in allgemeinen Phrasen zu drechseln, wobei man die Abc-Wahrheit des Marxismus, daß gerade innerhalb der „Demokratie" der Abgrund zwischen
den Kapitalisten und den Proletariern am tiefsten ist, mit Füßen tritt.

Immer wieder dasselbe: Verständigung mit den Kapitalisten, die in Wirklichkeit Betrug an den Arbeitern durch Verhandlungsspielerei mit ihren'Klassenfeinden bedeutet.

Gewiß, wenn die Worte „Revolution" und „Aufstand" groß geschrieben werden, so klingt das „furchtbar" schrecklich, ganz wie bei den Jakobinern. Es klingt energisch, und es kostet nicht viel. Denn das schreiben Leute, die in Wirklichkeit die Revolution abwürgen helfen und die Entfaltung des Aufstands der Werktätigen hemmen, Leute, die die russische Imperialistenregierung unterstützen, die ihr helfen, die Geheimverträge vor dem Volk zu verheimlichen, die sofortige Aufhebung des gutsherrlichen Grundbesitzes zu verschleppen und ihre militärische „Offensivpolitik" durchzuführen, die sie unterstützen, wenn sie die örtlichen gewählten Körperschaften grob zurechtweist, wenn sie den Anspruch erhebt, die Beamten einzusetzen oder die von der örtlichen Bevölkerung gewählten Beamten zu bestätigen, und so weiter und so weiter ohne Ende.
Ihr Herren Maulhelden! ihr Ritter der revolutionären Phrase! Der Sozialismus
fordert, daß man unterscheide zwischen der Demokratie der Kapitalisten und der Demokratie der Proletarier, zwischen der Revolution der Bourgeoisie und der Revolution des Proletariats, zwischen dem Aufstand der Reichen gegen den Zaren und dem Aufstand der Werktätigen ... gegen die Reichen ... Der Sozialismus fordert, daß man einen Unterschied mache zwischen der bei uns abgeschlossenen Revolution der Bourgeoisie (die Bourgeoisie ist jetzt konterrevolutionär) und der anwachsenden Revolution der Proletarier und der armen Bauern. Die erste Revolution ist für den Krieg, für die Aufrechterhaltung des gutsherrlichen Grundbesitzes, für die „Unterordnung" der örtlichen Selbstverwaltungen unter die Zentralgewalt, für die Geheimverträge. Die zweite
Revolution hat begonnen, dem Krieg ein Ende zu machen - durch die revolutionäre Verbrüderung, durch die örtliche Liquidierung der Macht der Gutsbesitzer, durch die Erhöhung der Zahl und die Festigung der Macht der Sowjets und durch die volle Verwirklichung des Prinzips der Wählbarkeit. (Lenin, Band 24, Seite 550 ff.)

 

 

Die russischen ministeriablen Volkstümler und Menschewiki haben sich verfangen und entlarven sich selber tagtäglich.
Gewöhnlich berufen sie sich auf das „letzte" Argument: Wir haben Revolution. Das aber ist ein durch und durch verlogenes Argument, denn unsere Revolution hat bisher nur der Bourgeoisie die Macht gegeben, genau wie in Frankreich und England, mit einer „ungefährlichen Minderheit" „von der Bourgeoisie gezähmter Sozialisten", gleichfalls wie in Frankreich und England. Was unsere Revolution morgen bringen wird - ob Rückkehr zur Monarchie, Festigung der Bourgeoisie, Übergang der Macht auf fortschrittlichere Klassen - , das wissen wir nicht, und niemand weiß es. Sich also auf die „Revolution" schlechthin zu berufen heißt in
gröbster Weise das Volk betrügen, heißt auch sich selber betrügen.
Die Frage der Annexionen ist ein guter Prüfstein für die in Lug und Trug verfangenen Volkstümler und Menschewiki. Sie sind ebenso darin verfangen wie Plechanow, Henderson, Scheidemann und Co. Sie unterscheiden sich nur in Worten voneinander, in der Praxis sind sie für den Sozialismus in gleicher Weise verloren. (Lenin, Band 24, Seite 572.)

 

 

 

Dort, wo der Bolschewismus die Möglichkeit hat, offen aufzutreten, dort gibt es keine Desorganisation.
Wo es keine Bolschewiki gibt oder wo man sie nicht reden läßt, dort gibt es Ausschreitungen, dort gibt es Zersetzung, dort gibt es falsche Bolschewiki...
Und gerade das brauchen unsere Feinde.

Hütet euch aber auch vor Provokateuren, die, getarnt als Bolschewiki,
versuchen werden, euch zu Unruhen und Revolten aufzurufen, um die eigene
Feigheit zu verbergen! Wisset, jetzt gehen sie mit euch, im ersten Augenblick
der Gefahr aber werden sie euch an das alte Regime verkaufen.

Genossen! Nur durch die Übergabe der Macht an die Demokratie in Rußland,
in Deutschland, in Frankreich, duräo den Sturz der bürgerlichen Regierungen
in allen Ländern kann der Krieg beendet werden.
Unsere Revolution hat den Anfang dazu gemadht — es ist unsere Aufgabe,
durch das Friedensangebot einer madbtvollkomtnenen Volksregierung Rußlands
an alle Regierungen Europas, durdh die Festigung des Bündnisses mit
der revolutionären Demokratie "Westeuropas der 'Weltrevolution einen neuen
Anstoß zu geben.
Dann aber wehe der bürgerlichen Regierung, die dennoch den Krieg fortsetzen
will.
Zusammen mit dem Volk des betreffenden Landes werden wir gegen sie
in den revolutionären Krieg ziehen. (Lenin; Band 24, Seite 576 ff.)

 

 

Der Kampf gegen den imperialistischen Krieg ist nur möglich als Kampf der revolutionären Klassen gegen die herrschenden Klassen im Weltmaßstab.

Der Krieg ist die Fortsetzung der bürgerlichen Politik und nichts weiter. Die herrschende Klasse bestimmt die Politik auch im Kriege. Der Krieg ist durch und durch Politik, dieselben Klassen fahren fort, ihre bisherigen Ziele zu verwirklichen, nur auf einem anderen Wege.

Der Imperialismus ist die letzte Entwicklungsstufe des Kapitalismus, auf der bereits die ganze Welt aufgeteilt ist und zwei Riesengruppen in einem Kampf auf Leben und Tod miteinander ringen. Entweder man dient der einen oder der anderen Gruppe, oder man muß beide Gruppen stürzen, einen anderen Weg gibt es nicht. (Lenin; Band 25, Seite 19, 20, 21)

 

Die russische Revolution hat in der ersten Etappe ihrer Entwicklung die Macht in die Hände der imperialistischen Bourgeoisie gelegt und neben dieser Macht die Sowjets der Deputierten geschaffen, in denen die kleinbürgerliche Demokratie die Mehrheit bildet. Die zweite Etappe der Revolution (6. Mai) hat die zynisch offenen Vertreter des Imperialismus, Miljukow und Gutschkow, formal .aus der Regierung entfernt und die Parteien, die die Mehrheit in den Sowjets haben, faktisch zu Regierungsparteien gemacht. Unsere Partei verblieb vor und nach dem 6. Mai in der Stellung einer oppositionellen Minderheit. Das war unvermeidlich, denn wir sind die Partei des sozialistischen Proletariats, die auf dem Boden des Internationalismus steht. Das sozialistische Proletariat, das während des imperialistischen Krieges eine internationalistische Haltung einnimmt, muß notwendigerweise zu jeder Regierung in Opposition stehen, die diesen Krieg führt, sei dies nun eine monarchistische, eine republikanische
oder eine Regierung „sozialistischer" Vaterlandsverteidiger. Die Partei des sozialistischen Proletariats wird unausbleiblich immer größere Massen der Bevölkerung um sich sammeln, die durch den in die Länge gezogenen Krieg zugrunde gerichtet werden und aufhören, den im Dienst des Imperialismus stehenden „Sozialisten" zu trauen, wie sie vorher das Vertrauen zu den waschechten Imperialisten verloren haben. Der Kampf gegen unsere Partei hat darum schon in den ersten Tagen der Revolution eingesetzt. (Lenin; Band 25, Seite 72)

 

 

WOHIN HABEN DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE UND DIE MENSCHEWIKI DIE REVOLUTION
GEBRACHT?


Sie haben die Revolution den Imperialisten unterworfen.
Die Offensive bedeutet Wiederaufnahme des imperialistischen Krieges.
Das Verhältnis, in dem die beiden miteinander kämpfenden gigantischen
Kapitalistenverbände zueinander stehen, hat sich im wesentlichen nicht
geändert. Rußland wird auch nach der Revolution vom 27. Februar unumschränkt
von den Kapitalisten beherrscht, die durch Bündnisse und die alten Geheimverträge des Zaren mit dem englisch-französischen imperialistischen
Kapital verbunden sind. Die Wirtschaft und die Politik des Krieges, der weitergeführt wird, sind die gleichen wie früher: dasselbe imperialistische
Bankkapital herrscht im Wirtschaftsleben; dieselben Geheimverträge, dieselbe Außenpolitik der Bündnisse der einen Imperialistengruppe gegen die andere. (Lenin; Band 25, Seite 109)

 

 

Die Revolution vom 27. Februar 1917 hat die Monarchie hinweggefegtund die liberale Bourgeoisie an die Macht gebracht, die in direktem Einverständnis mit den englischen und französischen Imperialisten handelnd nur eine kleine Palastrevolution machen wollte. Auf keinen Fall wollte sie weiter als bis zu einer konstitutionellen Zensusmonarchie gehen. Und als die Revolution dann aber weiterging, die Monarchie völlig vernichtete und die Sowjets (der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten) schuf, da wurde die liberale Bourgeoisie durch und durch konterrevolutionär.
Jetzt, vier Monate nach dem Umsturz, tritt der konterrevolutionäre Charakter der Kadetten, dieser führenden Partei der liberalen Bourgeoisie, klar zutage. Das sehen alle. Alle müssen diese Tatsache anerkennen.
Aber bei weitem nicht alle sind bereit, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sich ihre Bedeutung klarzumachen.
Rußland ist heute eine demokratische Republik, die nach freier Vereinbarung
politischer Parteien, die im Volke frei agitieren, regiert wird.
In den vier Monaten, die seit dem 27. Februar vergangen sind, haben sich alle einigermaßen wichtigen Parteien zusammengeschlossen und formiert, sie sind bei den Wahlen (zu den Sowjets und den örtlichen Körperschaften) in Erscheinung getreten und haben ihre Bindungen zu den verschiedenen Klassen offenbart.
In Rußland ist gegenwärtig die konterrevolutionäre Bourgeoisie an der Macht, der gegenüber die klänbürgerliche Demokratie, nämlich die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, zur „Opposition Ihrer Majestät" geworden ist. Das Wesen der Politik dieser Parteien besteht im Paktieren mit der konterrevolutionären Bourgeoisie. Die kleinbürgerliche Demokratie steigt zur Macht empor, indem sie sich zunächst die örtlichen Körperschaften erobert (wie sich die Liberalen unter dem Zarismus zuerst die Semstwos erobert haben). Diese kleinbürgerliche Demokratie will die Macht mit der Bourgeoisie teilen, nicht aber die Bourgeoisie stürzen, ebenso wie die Kadetten die Macht mit der Monarchie teilen, nicht aber die Monarchie stürzen wollten. Ebenso wie die Klassenverwandtschaft des Kapitalisten mit dem in den Verhältnissen des 20. Jahrhunderts lebenden Gutsbesitzer beide veranlaßt hatte, sich in brüderlicher Eintracht um den „angebeteten" Monarchen zu scharen, so hat auch die tiefe Klassenverwandtschaft der kleinen und großen Bourgeois das Paktieren der
kleinbürgerlichen Demokratie (der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki)
mit den Kadetten herbeigeführt.
Die Form des Paktierens hat sich geändert: unter der Monarchie war sie grob, der Zar ließ die Kadetten nur auf den Hinterhof der Reichsduma.
In der demokratischen Republik wurde das Paktieren europäisch verfeinert: man läßt die Kleinbürger in unschädlicher Minderheit eine unschädliche Rolle (für das Kapital) in der Regierung spielen. (Lenin; Band 25, Seite 124-125)

 

 

Während der Revolution ist Zögern mitunter gleichbedeutend mit glattem Verrat. Für die Verzögerung des Übergangs der Macht an die Arbeiter, Soldaten und Bauern, für die Verzögerung revolutionärer Maßnahmen zur Aufklärung der in Unwissenheit lebenden Landbevölkerung tragen die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki die volle Verantwortung.
Sie haben in dieser Hinsicht die Revolution verraten. Sie haben es dahin gebracht, daß die Arbeiter und Soldaten in ihrem Kampf gegen die konterrevolutionäre bürgerliche Presse und Agitation jetzt gezwungen sind, sich mit „Handwerklerei" zu begnügen, während sie die Möglichkeit und die Pflicht gehabt hätten, dafür Mittel des Staates einzusetzen. (Lenin; Band 25, Seite 146)

 

 

Entweder man unterdrückt diese Klasse mit Gewalt - dies propagieren die
Kadetten seit langem, schon seit dem 6. Mai - , oder man vertraut sich der Führung dieser Klasse an. Entweder man ist im Bunde mit dem imperialistischen
Kapital, dann muß man die Offensive durchführen, muß ein willfähriger Diener des Kapitals sein, muß sich unter dessen Joch beugen und muß die Utopien einer entschädigungslosen Aufhebung des Grundeigentums fahrenlassen (siehe die Reden Lwows gegen das Programm Tschernows, nach dem Bericht der „Birshowka") - oder man ist gegen das imperialistische Kapital, dann muß man unverzüglich allen Völkern genaue Friedensbedingungen vorschlagen, denn alle Völker sind durch den Krieg erschöpft, dann muß man den Mut haben und verstehen, das Banner der proletarischen Weltrevolution gegen das Kapital
zu erheben, muß dies nicht in Worten, sondern in Wirklichkeit tun und
die Revolution in Rußland selbst auf das entschiedenste vorantreiben.
(Lenin; Band 25, Seite 147-148)

 

 

Jeder klassenbewusste Arbeiter, jeder Soldat, jeder Bauer muss sich aufmerksam in die Lehren der russischen Revolution hineindenken, besonders jetzt, Ende Juli, wo es klar wurde, dass die erste Phase unserer Revolution mit einem Misserfolg geendet hat.

In der Tat, sehen wir zu, was die Massen der Arbeiter und Bauern erstrebten, als sie die Revolution machten? Was erwarteten sie von der Revolution? Man weiß, dass sie Freiheit, Frieden, Brot, Land erwarteten.

Was sehen wir aber jetzt?

Statt der Freiheit beginnt man die frühere Willkür wiederherzustellen. Für die Soldaten an der Front wird die Todesstrafe eingeführt, die Bauern werden vor Gericht gestellt, wenn sie den gutsherrlichen Boden eigenmächtig in Besitz nehmen. Die Druckereien der Arbeiterzeitungen werden zerstört. Die Arbeiterzeitungen werden ohne Gerichtsbeschluss verboten. Die Bolschewiki werden verhaftet, wobei gegen sie oft entweder gar keine oder offenkundig verleumderische Anklagen erhoben werden. (Lenin; Band 25, Seite 229-230)

 

 

 

Es geht nicht an, nur in der alten Weise gegen die Sozialrevolutionäre zu agitieren, nur so, wie wir es in den Jahren 1902 und 1903 sowie 1905-1907 getan haben. Wir dürfen uns nicht beschränken auf die theoretische Entlarvung der kleinbürgerlichen Illusionen von der „Sozialisierung des Grund und Bodens", der „ausgleichenden Bodennutzung", der „Nichtzulassung der Lohnarbeit" u. dgl. m.
Damals standen wir am Vorabend der bürgerlichen Revolution bzw. in der nichtvollendeten bürgerlichen Revolution, und die ganze Aufgabe bestand darin, diese Revolution vor allem bis zum Sturz der Monarchie weiterzuführen.
Heute ist die Monarchie gestürzt. Die bürgerliche Revolution ist insofern vollendet, als Rußland eine demokratische Republik geworden ist mit einer Regierung aus Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionären.
Der Krieg hat uns in drei Jahren um dreißig Jahre vorwärtsgebracht, hat in Europa die allgemeine Arbeitspflicht und die Zwangssyndizierung der Betriebe geschaffen, hat den fortgeschrittensten Ländern Hungersnot und unerhörte Verwüstungen gebracht und sie gezwungen, Schritte in der Richtung zum Sozialismus zu tun.
Nur das Proletariat und die Bauernschaft können die Monarchie stürzen - das war damals das Grundprinzip unserer Klassenpolitik. Und dieses Prinzip war richtig. Der Februar und März 1917 haben das ein übriges Mal bestätigt.

Nur das Proletariat, das die arme Bauernschaft (die Halbproletarier, wie es in unserem Programm heißt) führt, kann den Krieg durch einen demokratischen Frieden beenden, die Kriegswunden heilen und die unbedingt notwendig und unaufschiebbar gewordenen Schritte zum Sozialismus tun - das ist heute das Prinzip unserer Klassenpolitik.
Daraus folgt: Der Schwerpunkt der Propaganda und Agitation gegen die Sozialrevolutionäre muß auf die Tatsache verlegt werden, daß sie die Bauern verraten haben. Sie vertreten nicht die Masse der armen Bauern, sondern die Minderheit der wohlhabenden Landwirte. Sie führen die Bauernschaft nicht zum Bündnis mit den Arbeitern, sondern zum Bündnis mit den Kapitalisten, d. h. zur Unterwerfung unter diese. Sie haben die Interessen der werktätigen und ausgebeuteten Massen für Ministersessel und für den Block mit den Menschewiki und Kadetten verkauft.
Die durch den Krieg beschleunigte Geschichte hat einen so großen Schritt vorwärts getan, daß sich die alten Formeln mit neuem Inhalt gefüllt haben. „Nichtzulassung der Lohnarbeit", das bedeutete früher nur eine leere Phrase kleinbürgerlicher Intellektueller. Im heutigen Leben bedeutet es etwas anderes: Millionen armer Bauern erklären in 242 Wähleraufträgen, daß sie die Aufhebung der Lohnarbeit wollen, aber nicht wissen, wie das gemacht werden soll. Wir wissen, wie das zu machen ist.
Wir wissen, daß man das nur im Bündnis mit den Arbeitern, unter ihrer Führung und gegen die Kapitalisten erreichen kann, nicht aber durch „Verständigung" mit den Kapitalisten.
In dieser Weise muß jetzt die Grundlinie unserer Propaganda und Agitation gegen die Sozialrevolutionäre, die Grundlinie unserer Sprache der Bauernschaft gegenüber geändert werden.
Die Partei der Sozialrevolutionäre hat euch verraten, Genossen Bauern.
Sie hat die Hütten verraten und sich auf die Seite der Paläste geschlagen, wenn auch nicht der Zarenpaläste, so doch der Paläste, in denen die Kadetten, die schlimmsten Feinde der Revolution und besonders der Bauernrevolution, in ein und derselben Regierung mit den Tschernow, Peschechonow und Awksentjew sitzen. (Lenin; Band 25, Seite 286-287)

 

 

Ein halbes Jahr Revolution ist vergangen. Die (Hunger-)Katastrophe ist noch näher herangerückt. Es ist zur Massenarbeitslosigkeit gekommen. Man
bedenke: Das Land ist ohne Waren, das Land geht aus Mangel an Erzeugnissen, aus Mangel an Arbeitskräften zugrunde, obwohl genügende Mengen von Getreide und Rohstoffen vorhanden sind - und in einem solchen Land, in einem so kritischen Augenblick ist es zur Massenarbeitslosigkeit gekommen! Weldier Beweise bedarf es da noch, um zu zeigen, daß während des halben Jahres Revolution (die von manchen als große Revolution bezeichnet wird, die aber vorderhand wohl mit größerer Berechtigung als „faule" Revolution bezeichnet werden könnte) in einer demokratischen Republik, bei einer Fülle von Verbänden, Körperschaften und Institutionen, die sich stolz „revolutionär-demokratisch" nennen, praktisch absolut nichts Ernsthaftes gegen die Katastrophe, gegen die Hungersnot getan worden ist? Wir nähern uns immer rascher dem Zusammenbruch, denn der Krieg wartet nicht, und die durch ihn hervorgerufene Zerrüttung aller Gebiete des Volkslebens verschärft sich immer
mehr.
Dabei genügt ein ganz klein wenig Aufmerksamkeit und Nachdenken, um sich davon zu überzeugen, daß Mittel zur Bekämpfung der Katastrophe und des Hungers vorhanden sind, daß die Kampf maßnahmen völlig klar und einfach, voll durchführbar, den Volkskräften durchaus angemessen sind und daß diese Maßnahmen nur deshalb, ausschließlich deshalb nicht getroffen werden, weil ihre Verwirklichung die unerhörten Profite eines kleinen Häufleins von Gutsbesitzern und Kapitalisten beeinträchtigen würde.
In der Tat. Man kann sich dafür verbürgen, daß keine einzige Rede, kein einziger Artikel in einer Zeitung beliebiger Richtung, keine einzige Resolution einer beliebigen Versammlung oder Institution zu finden ist, wo nicht ganz klar und bestimmt die grundlegende und wichtigste Maßnahme zur Bekämpfung, zur Abwendung der Katastrophe und der Hungersnot anerkannt worden wäre. Diese Maßnahme ist: Kontrolle, Aufsicht, Rechnungsführung, Regulierung durch den Staat, richtige Verteilung der Arbeitskräfte in Produktion und Distribution, Haushalten mit den Kräften des Volkes, Vermeidung jedes überflüssigen Kraftaufwands, sparsames Umgehen mit den Kräften. Kontrolle, Aufsicht, Rechnungsführung - das ist das Entscheidende im Kampf gegen die Katastrophe
und gegen die Hungersnot. Das wird nicht bestritten und ist allgemein anerkannt. Aber gerade das ist es, was nicht getan wird aus Angst, die Allmacht der Gutsbesitzer und Kapitalisten, ihre maßlosen, unerhörten, skandalösen Profite anzutasten, Profite, die infolge der Teuerung und durch Heereslieferungen (für den Krieg aber „arbeiten" jetzt direkt oder indirekt beinah alle) eingeheimst werden, Profite, von denen jeder weiß, die jeder beobachtet, über die alle zetern.
Und der Staat tut nichts, rein gar nichts, um eine einigermaßen ernsthafte
Kontrolle, Rechnungsführung und Aufsicht zu verwirklichen. (Lenin; Band 25, Seite 331-333)

 

 

 

 

Der reaktionäre kapitalistische Staat, der Angst hat, die Grandfesten des Kapitalismus, die Grundfesten der Lohnsklaverei, die Grundfesten der ökonomischen Herrschaft der Reichen könnten untergraben werden, der Angst davor hat, die Aktivität der Arbeiter und überhaupt der Werktätigen zu fördern, der Angst davor hat, ihre Ansprüche zu „entfachen" - ein solcher Staat braucht nichts weiter als die Brotkarte. Ein solcher Staat läßt keinen Augenblick, bei keinem seiner Schritte das reaktionäre Ziel aus den Augen: den Kapitalismus zu festigen, seine Untergrabung zu verhindern, die „Regulierung des Wirtschaftslebens" im allgemeinen und die Regulierung des Verbrauchs im besonderen nur auf solche Maßnahmen zu beschränken, die unbedingt notwendig sind, um das Volk eben zu erhalten, ohne auch nur im entferntesten danach zu trachten, eine wirkliche Regulierung des Verbrauchs im Sinne der Kontrolle über die Reichen einzuführen, in dem Sinne nämlich, daß diesen
in Friedenszeiten Bessersituierten, Privilegierten, Satten und Übersättigten
während des Krieges größere Lasten auferlegt würden.
Die reaktionär-bürokratische Lösung der Aufgabe, die den Völkern durch den Krieg gestellt worden ist, beschränkt sich auf die Brotkarte, auf die gleichmäßige Verteilung der für die Ernährung des „Volkes" absolut notwendigen Produkte, ohne auch nur um Haaresbreite vom Bürokratismus und vom reaktionären Geist abzuweichen, nämlich von dem Ziel: keinesfalls die Aktivität der Armen, des Proletariats, der Masse des Volkes (des „Demos") zu fördern, keinesfalls eine Kontrolle ihrerseits über die Reichen zuzulassen und möglichst viele Hintertürchen offenzulassen, damit die Reichen sich durch Luxusgüter schadlos halten können. In allen Ländern, sogar, wir wiederholen es, in Deutschland
- von Rußland schon gar nicht zu reden - , sind eine Unmenge Hintertürchen
offengelassen worden, hungert das „einfache Volk", während die Reichen in Badeorte reisen und die kärgliche staatliche Ration durch allerlei „Zulagen" von anderswo ergänzen und nicht zulassen, daß man sie kontrolliert.
In Rußland, das eben erst die Revolution gegen den Zarismus im Namen der Freiheit und Gleichheit vollbracht hat, in Rußland, das mit einem Schlag seinen bestehenden politischen Institutionen nach eine demokratische Republik geworden ist, fällt die allen sichtbare Leichtigkeit, mit der die Reichen die „Brotkarten" umgehen, dem Volke besonders auf und ruft ganz besondere Unzufriedenheit, Erregung, Erbitterung und Empörung unter den Massen hervor. Es ist das außerordentlich leicht. „Unter der Hand" und zu ungemein hohen Preisen, besonders „bei Beziehungen' (die haben nur die Reichen), ist alles und in großen Mengen zu bekommen. Das Volk aber hungert. Die Regulierung des Verbrauchs ist auf den engsten, bürokratisch-reaktionären Rahmen beschränkt. Die Regierung macht sich nicht im mindesten Gedanken, ist nicht im geringsten bemüht, diese Regulierung auf einer wirklich revolutionär-demokratischen Grundlage zu organisieren.
Unter dem Schlangestehen leiden „alle", aber . . . aber die Reichen schicken ihre Dienstboten zum Schlangestehen und stellen dafür sogar besondere Dienstboten an! Da habt ihr den „Demokratismus"!
Eine revolutionär-demokratische Politik würde sich in Zeiten, da das Land unerhörte Leiden durchmacht, nicht mit Brotkarten begnügen, um die herannahende Katastrophe zu bekämpfen, sondern würde darüber hinaus erstens die Zwangsvereinigung der gesamten Bevölkerung in Konsumgenossenschaften herbeiführen, denn ohne eine solche Vereinigung kann die Kontrolle des Verbrauchs nicht lückenlos durchgeführt werden; sie würde zweitens die Arbeitspflicht für die Reichen einführen und die Reichen, ohne sie zu entlohnen, in den Konsumgenossenschaften mit Sekretärarbeiten oder anderen, ähnlichen Arbeiten beschäftigen;
drittens würde sie für eine gleichmäßige Verteilung wirklich aller Verbrauchsgüter unter der Bevölkerung sorgen, damit die Lasten des Krieges
tatsächlich gleichmäßig verteilt werden; viertens würde sie die Kontrolle so organisieren, daß die armen Klassen der Bevölkerung den Verbrauch der Reichen kontrollieren.
Auf diesem Gebiet wirklichen Demokratismus durchzusetzen und bei der Organisierung der Kontrolle gerade durch die am meisten darbenden Klassen des Volkes auf wirklich revolutionäre Weise vorzugehen, das wäre der denkbar größte Ansporn zur Anspannung aller vorhandenen intellektuellen Kräfte, zur Entfachung der wirklich revolutionären Energie des ganzen Volkes. Jetzt gebrauchen zwar die Minister des republikanischen und revolutionär-demokratischen Rußlands, genauso wie ihre Kollegen in allen übrigen imperialistischen Ländern, hochtrabende Worte über „gemeinsame Arbeit zum Wohle des Volkes", über „Anspannung aller Kräfte", doch sieht, spürt und empfindet gerade das Volk das Heuchlerische dieser Worte.

So ergibt es sich, daß man nicht vom Fleck kommt, daß der Zerfall unaufhaltsam vorwärtsschreitet, daß die Katastrophe herannaht, denn ein Militärzuchthaus für die Arbeiter á la Kornilow, á la Hindenburg, nach allgemeinem imperialistischem Muster kann unsere Regierung nicht einführen - noch sind die Traditionen und Erinnerungen, die Spuren, die Gewohnheiten und die Einrichtungen der Revolution im Volke zu lebendig;
wirklich ernsthafte Schritte auf dem revolutionär-demokratischen Wege jedoch will unsere Regierung nicht unternehmen, denn sie ist ganz und gar, von oben bis unten, in das Abhängigkeitsverhältnis zur Bourgeoisie verstrickt, in die „Koalition" mit ihr, sie hat Angst, die tatsächlichen Privilegien der Bourgeoisie anzutasten. (Lenin; Band 25, Seite 355 ff.)

 

Entweder im Interesse der Gutsbesitzer und Kapitalisten; dann handelt es sich nicht um einen revolutionär-demokratischen, sondern um einen reaktionär-bürokratischen Staat, eine imperialistische Republik; oder im Interesse der revolutionären Demokratie; dann ist das eben ein Schritt zum Sozialismus.

Stehenbleiben kann man nicht - weder in der Geschichte überhaupt noch besonders in Kriegszeiten. Man muß entweder vorwärts schreiten oder zurückgehen. Vorwärtsschreiten im Rußland des 20. Jahrhunderts, das die Republik und den Demokratismus auf revolutionärem Wege erobert hat, ist unmöglich, ohne zum Sozialismus zu, schreiten. (Lenin; Band 25, Seite 369.)

 

 

Um wirklich revolutionär zu sein, muß die Demokratie des heutigen Rußlands im engsten Bündnis mit dem Proletariat marschieren und den Kampf des Proletariats als der einzigen bis zum letzten revolutionären Klasse unterstützen.
Das ist das Ergebnis, zu dem man bei der Untersuchung der Frage gelangt, welches die Kampfmittel gegen die unabwendbare Katastrophe sein müssen, die unerhörte Ausmaße anzunehmen droht.
Der Krieg hat eine so unermeßliche Krise hervorgerufen, hat die materiellen und moralischen Kräfte des Volkes so angespannt, hat der ganzen modernen Gesellschaftsorganisation solche Schläge versetzt, daß sich die Menschheit vor die Wahl gestellt sieht: entweder untergehen oder ihr Schicksal der revolutionärsten Klasse anvertrauen, um auf dem schnellsten und radikalsten Wege zu einer höheren Produktionsweise überzugehen. '
Infolge einer Reihe historischer Ursachen - der größeren Rückständigkeit Rußlands, der ihm durch den Krieg verursachten besonderen Schwierigkeiten,
der weit vorangeschrittenen Fäulnis des Zarismus und der außerordentlich lebendigen Traditionen des Jahres 1905 - ist in Rußland die Revolution früher als in anderen Ländern ausgebrochen. Die Revolution bewirkte, daß Rußland in einigen Monaten seinem politischen System nach die fortgeschrittenen Länder eingeholt hat.
Aber das ist zuwenig. Der Krieg ist unerbittlich, er stellt mit schonungsloser
Schärfe die Frage: entweder untergehen oder die fortgeschrittenen Länder auch ökonomisch einholen und überholen.
Das ist möglich, denn vor uns liegt die fertige Erfahrung einer großen Anzahl fortgeschrittener Länder, liegen die fertigen Resultate ihrer Technik und Kultur. Wir finden eine moralische Stütze in dem wachsenden Protest gegen den Krieg in Europa, in der Atmosphäre der anwachsenden proletarischen Weltrevolution. Wir werden angespornt, angetrieben durch die während eines imperialistischen Krieges äußerst seltene revolutionär-demokratische Freiheit.
Untergehen oder mit Volldampf vorwärtsstürmen. So wird die Frage von der Geschichte gestellt. (Lenin; Band 25, Seite 375.)

 

 

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre nennen unsere Revolution prahlerisch die große Revolution, sie schreien laut schwülstige Phrasen über „revolutionäre Demokratie" in alle Welt hinaus, in Wirklichkeit aber tun sie nichts, um Rußland aus der ganz gewöhnlichen, ganz und gar kleinbürgerlichen Revolution herauszuführen, die, nachdem sie den Zaren gestürzt hat, alles andere beim alten läßt und nichts, absolut nichts Ernsthaftes zur politischen Aufklärung der Bauern, zur Beseitigung der bäuerlichen Unwissenheit unternimmt, dieser letzten (und stärksten) Stütze der Ausbeuter und Unterdrücker des Volkes. (Lenin; Band 25, Seite 388.)

 

 

Schließlich werden wir die Hauptergebnisse der Erfahrungen der russischen Revolution von 1905 und besonders der von 1917 zusammenfassen. Die letztere schließt anscheinend gegenwärtig (Anfang August 1917) die erste Phase ihrer Entwicklung ab, jedoch kann diese ganze Revolution überhaupt nur verstanden werden als ein Glied in der Kette der sozialistischen proletarischen Revolutionen, die durch den imperialistischen Krieg hervorgerufen werden. (Lenin; Band 25, Seite 396.)

 

 

Wir haben stets die Taktik von Leuten verurteilt - und als Marxisten müssen wir das -, die „von der Hand in den Mund" leben. Die Erfolge des Augenblicks genügen uns nicht, überhaupt genügen uns Berechnungen für die Minute oder den Tag nicht. Wir müssen uns stets kontrollieren durch das Studium der Kette der politischen Geschehnisse in ihrer Gesamtheit, in ihrem ursächlichen Zusammenhang, in ihren Ergebnissen.
Durch die Analyse der Fehler von gestern lernen wir die Fehler von heute und von morgen vermeiden.

Im Lande wächst unverkennbar eine neue Revolution heran, eine Revolution
anderer Klassen (als der Klassen, die die Revolution gegen den Zarismus vollbrachten). Damals war das eine Revolution des Proletariats, der Bauernschaft und der mit dem.englisch-französischen Finanzkapital verbündeten Bourgeoisie gegen den Zarismus.
Jetzt wächst die Revolution des Proletariats und der Mehrheit der Bauern heran, und zwar der armen Bauern, gegen die Bourgeoisie, gegen ihren Verbündeten, das englisch-französische Finanzkapital, gegen ihren Regierungsapparat, an dessen Spitze der Bonapartist Kerenski steht.

Jetzt stehen das Proletariat und die arme Bauernschaft, d. h. die Mehrheit
des Volkes, in einem solchen Verhältnis zur Bourgeoisie und zum
„alliierten" Imperialismus (wie auch zum Weltimperialismus), daß man die Bourgeoisie nidit „mit sidh reißen" kann. Mehr noch: die Oberschichten
des Kleinbürgertums und die wohlhabenderen Schichten des demokratischen
Kleinbürgertums sind sichtlich gegen eine neue Revolution. Diese
Tatsache tritt so klar zutage, daß es jetzt nicht notwendig ist, auf sie einzugehen.
Die Herren Liberdan, Zereteli und Tschernow illustrieren diese
Tatsache außerordentlich anschaulich.
Das Wechselverhältnis der Klassen ist ein anderes geworden, das ist
der springende Punkt.
Nicht mehr dieselben Klassen stehen „diesseits und jenseits der Barrikade".
Das ist die Hauptsache.
Das und nur das ist die wissenschaftliche Grundlage, die es erlaubt,
von einer neuen Revolution zu sprechen, die, rein theoretisch gesprochen,
die Frage abstrakt genommen, legal vor sich gehen könnte, wenn zum
Beispiel die von der Bourgeoisie einberufene Konstituierende Versammlung
eine Mehrheit gegen die Bourgeoisie, eine Mehrheit der Parteien der
Arbeiter und der armen Bauern ergäbe.
Das objektive Wechselverhältnis der Klassen, ihre (ökonomische und
politische) Rolle außerhalb der Vertretungskörperschaften des gegebenen
Typus und innerhalb dieser Körperschaften, das Anwachsen oder der
Niedergang der Revolution, das Verhältnis zwischen den außerparlamentarischen
und den parlamentarischen Kampfmitteln - das sind die wichtigsten,
grundlegenden, objektiven Faktoren, die berücksichtigt werden
müssen, wenn man die Taktik des Boykotts oder der Beteiligung nicht
willkürlich, auf Grund seiner „Sympathien", sondern marxistisch ableiten
will.
Die Erfahrung unserer Revolution zeigt anschaulich, wie man an die
Frage des Boykotts marxistisch herangehen muß. (Lenin; Band 26, Seite 35-37.)

 

 

Kein Zweifel, die letzten Septembertage brachten uns einen gewaltigen
Umschwung in der Geschichte der rassischen Revolution und allem Anschein
nach auch der Weltrevolution.
Die internationale Arbeiterrevolution begann mit dem Auftreten einzelner,
die selbstlos und mutig all das vertraten, was vom verfaulten offiziellen „Sozialismus" — in Wirklichkeit Sozialchauvinismus — an Ehrlichem übriggeblieben war. Liebknecht in Deutschland, Adler in Österreich, Maclean in England, das sind die bekanntesten Namen dieser vereinzelten Helden, die die schwere Rolle der Vorboten der Weltrevolution auf sich nahmen.
Die zweite Etappe in der geschichtlichen Vorbereitung dieser Revolution
war die Gärung in den breiten Massen, die zum Ausdruck kam
sowohl in der Spaltung der offiziellen Parteien als auch in der Herausgabe
illegaler Literatur und in Straßendemonstrationen. Der Protest
gegen den Krieg erstarkte - die Zahl der Opfer der Regierungsrepressalien
stieg. Die Gefängnisse der sich ihrer Gesetzlichkeit und sogar ihrer
Freiheit rühmenden Länder, die Gefängnisse Deutschlands, Frankreichs,
Italiens, Englands, füllten sich mit Dutzenden und Hunderten von Internationalisten,
Kriegsgegnern, Anhängern der Arbeiterrevolution.
Jetzt hat die dritte Etappe begonnen, die als Vorabend der Revolution
bezeichnet werden kann. Die Massenverhaftungen der Parteiführer im
freien Italien und besonders die ersten militärischen Aufstände in
Deutschland, das sind unzweifelhafte Anzeichen des großen Umschwungs,
Anzeichen des Vorabends der Revolution im Weltmaßstab. (Lenin; Band 26, Seite 59.)

 

 

Am 17. Februar 1917 stürzte das russische Proletariat zusammen mit dem durch den Gang der Kriegsereignisse aufgerüttelten Teil der Bauernschaft und zusammen mit der Bourgeoisie die Monarchie. Am 21. April 1917 stürzte es die Alleinherrschaft der imperialistischen Bourgeoisie und brachte kleinbürgerliche Politiker an die Macht, die mit der Bourgeoisie paktierten. Am 3. Juli erhob sich das städtische Proletariat spontan zu einer Demonstration und erschütterte die Regierung der Paktierer. Am 25. Oktober stürzte es diese Regierung und errichtete die Diktatur der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft.
Dieser Sieg mußte in einem Bürgerkrieg behauptet werden. (Lenin; Band 27, Seite 46.)

 

 

Wir feiern den Jahrestag der russischen Revolution zu einem Zeitpunkt, wo die Revolution schwere Tage durchmacht, wo viele drauf und dran sind, dem Kleinmut und der Enttäuschung anheimzufallen. Wenn wir aber um uns blicken, wenn wir uns an das erinnern, was die Revolution in diesem Jahr getan hat und wie die internationale Lage sich gestaltet, so bleibt bei niemand von uns, davon bin ich überzeugt, Platz weder für Verzweiflung noch für Kleinmut. Es kann keinen Zweifel daran geben, daß die Sache der internationalen sozialistischen Revolution, die im Oktober begonnen worden ist, trotz der Schwierigkeiten und Hindernisse, trotz aller Anstrengungen ihrer Feinde siegen wird.

Genossen, erinnern Sie sich, welche Wege die russische Revolution gegangen ist...

Wie im Februar, dank dem Zusammengehen des Proletariats und der Bourgeoisie, die erkannt hatte, daß unter dem Zarismus die Existenz sogar der bürgerlichen Gesellschaft unmöglich war, im Laufe von wenigen Tagen, dank dem Zusammenwirken der Arbeiter und des aufgeklärtesten Teils der Bauernschaft, nämlich der Soldaten, die alle Schrecken des Krieges erlebt hatten — wie es ihnen im Laufe von wenigen Tagen gelang, die Monarchie zu stürzen, die in den Jahren 1905,1906,1907 sich gegen unvergleichlich schwerere Schläge zur Wehr gesetzt und das revolutionäre Rußland in Blut ertränkt hatte. Und als nach dem Februarsieg die Bourgeoisie an die Macht kam, begann die Revolution sich mit unglaublicher Schnelligkeit weiterzuentwickeln.

Die russische Revolution schuf etwas, wodurch sie sich kraß von den Revolutionen in Westeuropa unterscheidet. Sie schuf eine revolutionäre Masse, die durch das Jahr 1905 zur selbständigen Aktion vorbereitet worden war; sie schuf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, die unendlich demokratischere Organe sind als alle früheren Organe und es ermöglichen, die rechtlose Masse der Arbeiter, Soldaten und Bauern zu erziehen, zu heben, sie mitzureißen; und dank diesen Umständen legte die russische Revolution in ein paar Monaten jene Etappe des Paktierens mit der Bourgeoisie zurück, die in Westeuropa ganze Jahrzehnte in Anspruch nahm. (Lenin; Band 27, Seite 152-153.)

 

 

Betrachten wir von diesem Standpunkt die Entwicklung unserer Revolution, so sehen wir klar, daß sie bisher eine Periode relativer und in bedeutendem Maße scheinbarer Selbständigkeit und zeitweiliger Unabhängigkeit von den internationalen Beziehungen durchgemacht hat. Der Weg, den unsere Revolution von Ende Februar 1917 bis zum 11. Februar dieses Jahres, an dem die deutsche Offensive begann, zurückgelegt hat, war im großen und ganzen ein Weg leichter und rascher Erfolge. Betrachten wir die Entwicklung dieser Revolution im internationalen Maßstab, vom Standpunkt der Entwicklung der russischen Revolution allein, so sehen wir, daß wir in diesem Jahr drei Perioden durchgemacht haben.

In der ersten Periode fegte die Arbeiterklasse Rußlands zusammen mit allem,
was in der Bauernschaft fortschrittlich, aufgeklärt, beweglich war, unterstützt
nicht nur von der Kleinbourgeoisie, sondern auch von der Großbourgeoisie, in ein paar Tagen die Monarchie hinweg. Dieser schwindelerregende Erfolg erklärt sich dadurch, daß das russische Volk einerseits aus den Erfahrungen des Jahres 1905 einen gigantischen Vorrat an revolutionärer Kampfkraft geschöpft hat, anderseits dadurch, daß Rußland, als ein besonders rückständiges Land, unter dem Krieg besonders schwer zu leiden hatte und besonders früh in einen Zustand geriet, wo es ganz unmöglich wurde, diesen Krieg unter dem alten Regime fortzusetzen.
Auf den kurzen, stürmischen Erfolg, die Entstehung einer neuen Organisation
— der Organisation der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten —, folgten für unsere Revolution lange Monate einer Übergangsperiode, einer Periode, in der die Macht der Bourgeoisie, die sofort durch die Sowjets untergraben war, von den kleinbürgerlichen Paktiererparteien — den Menschewiki und Sozialrevolutionären — unterstützt und gestärkt wurde. Dies war eine Regierungsmacht, die den imperialistischen Krieg, die imperialistischen Geheimverträge unterstützte und die Arbeiterklasse mit Versprechungen fütterte, eine Regierung, die absolut nichts tat und die die Zerrüttung förderte. In dieser für uns, für die russische Revolution so langen Periode sammelten die Sowjets ihre Kräfte;
es war eine Periode, lang für die russische Revolution und kurz vom Standpunkt
der internationalen Revolution, denn in den meisten zentralen Ländern nahm die Überwindung der kleinbürgerlichen Illusionen, die Überwindung des Paktierertums der verschiedenen Parteien, Fraktionen und Schattierungen eine Periode nicht von Monaten, sondern langen, langen Jahrzehnten in Anspruch — diese Periode, vom 20. April bis zur Wiederaufnahme des imperialistischen Krieges im Juni durch Kerenski, der einen imperialistischen Geheimvertrag in der Tasche trug, spielte eine entscheidende Rolle. In dieser Periode erlebten wir die Juliniederlage, erlebten wir den Kornilowputsch, und erst auf Grund der Erfahrungen des Massenkampfes, erst als die breitesten Massen der Arbeiter und Bauern nicht durch Predigten, sondern aus eigener Erfahrung die ganze Verfehltheit des kleinbürgerlichen Paktierertums erkannt hatten — erst dann, nach einer langen politischen Entwicklung, nach langer Vorbereitung und nach dem Wechsel in der Stimmung und den Ansichten der Parteigruppierungen entstand der Boden für den Oktoberumsturz, und es begann die dritte Periode
der russischen Revolution in ihrer ersten, von der internationalen Revolution
losgelösten oder zeitweilig getrennten Phase.
Diese dritte Periode, die Oktoberperiode, die Periode der Organisation ist die schwerste Periode und gleichzeitig eine Periode der größten und raschesten Triumphe. Seit dem Oktober marschierte unsere Revolution, die die Macht in die Hände des revolutionären Proletariats legte, dessen Diktatur errichtete und ihm die Unterstützung der gewaltigen Mehrheit des Proletariats und der armen Bauernschaft sicherte, seit dem Oktober bewegte sich unsere Revolution in einem triumphalen Siegeszug vorwärts, überall in Rußland begann der Bürgerkrieg in Gestalt des Widerstands der Ausbeuter, der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie, die von einem Teil der imperialistischen Bourgeoisie unterstützt wurden. (Lenin; Band 27, Seite 161 ff.)

 

 

Unsere Revolution hat erreicht, daß während des Krieges in einem feindlichen Land eine gewaltige revolutionäre Bewegung entsteht, hervorgerufen einzig dadurch, daß wir die Geheimverträge zerrissen, daß wir erklärt haben: Wir weichen vor keinerlei Gefahren zurück.
Wenn wir wissen, wenn wir erklären — nicht durch Worte, sondern durch die Tat —, daß nur die internationale Revolution Rettung aus dem internationalen Krieg, aus dem imperialistischen Völkergemetzel bringen kann, dann müssen wir in unserer Revolution auf dieses Ziel hinsteuern, ohne Rücksicht auf alle Schwierigkeiten, auf alle Gefahren. Und als wir diesen Weg betraten, da entbrannte zum erstenmal in der Welt während des Krieges in dem allerimperialistischsten, in dem diszipliniertesten Land, in Deutschland, im Januar ein Massenstreik, der hoch aufloderte. Gewiß, es gibt Leute, die da glauben, eine Revolution könne in einem fremden Land auf Bestellung, nach Übereinkunft entstehen. Diese Leute sind entweder Wahnwitzige oder Provokateure. In den letzten 12 Jahren haben wir zwei Revolutionen durchgemacht. Wir wissen, daß sie weder auf Bestellung noch nach Vereinbarung gemacht werden können, daß sie dann ausbrechen, wenn Millionen und aber Millionen zu dem Schluß kommen, man könne so nicht mehr weiterleben. Wir wissen, unter welchen Schwierigkeiten die Revolutionen von 1905 und 1917 geboren wurden, und wir haben niemals erwartet, daß die Revolution mit einem Schlag, auf einen Aufruf hin auch in anderen Ländern ausbrechen werde. Aber daß sie in Deutschland und Österreich heranzureifen beginnt, dazu hat die russische Oktoberrevolution viel beigetragen. (Beifall.) Heute lesen wir in unseren Zeitungen, daß in Wien, wo die Brotrationen noch kleiner sind als bei uns, wo keine Ausplünderung der Ukraine zu helfen vermag, wo die Bevölkerung sagt, sie habe noch niemals so entsetzlichen Hunger gelitten, daß dort ein Arbeiterrat entstanden ist. In Wien brechen schon wieder allgemeine Streiks
aus.
Und da sagen wir uns: Hier habt ihr den zweiten Schritt, hier habt ihr den zweiten Beweis, daß die russischen Arbeiter durch das Zerreißen der
imperialistischen Geheimverträge, durch die Vertreibung ihrer Bourgeoisie einen konsequenten Schritt als klassenbewußte Arbeiter und als Internationalisten
getan haben. Sie haben dadurch das Wachstum der Revolution in Deutschland und Österreich gefördert, so wie noch keine Revolution der Welt einer Revolution in einem feindlichen Staat geholfen hat, der sich im Kriegszustand, im Zustand allergrößter Erbitterung befindet.
Wollte man Ihnen voraussagen, wann die Revolution ausbrechen werde, wollte man Ihnen versprechen, daß sie morgen kommen werde, so hieße das Betrug üben. Erinnern Sie sich, besonders diejenigen von Ihnen, die beide russische Revolutionen mitgemacht haben: Wer von Ihnen konnte im November 1904 dafür bürgen, daß zwei Monate später hunderttausend Petrograder Arbeiter zum Winterpalast ziehen und eine große Revolution einleiten werden?
Erinnern Sie sich: Wie hätten wir im Dezember 1916 dafür bürgen können, daß zwei Monate später die Zarenmonarchie im Verlauf weniger Tage niedergeworfen sein wird? Wir in unserem Land, wo man zwei Revolutionen durchgemacht hat, wissen und sehen, daß man den Verlauf der Revolution nicht voraussagen, daß man sie nicht hervorrufen kann.
Man kann nur für die Revolution arbeiten. Wenn man konsequent arbeitet, wenn man selbstlos arbeitet, wenn diese Arbeit mit den Interessen der unterdrückten Massen, die die Mehrheit bilden, verbunden ist, dann kommt die Revolution, wo aber, wie, in welchem Augenblick, aus welchem Anlaß, das läßt sich nicht sagen.

(Lenin; Band 27, Seite 480-481.)

 

 

Die Frage, die von Kautsky verwirrt worden ist, ist von den Bolschewiki schon 1905 völlig geklärt worden. Ja, unsere Revolution ist eine bürgerliche, solange wir mit der Bauernschaft in ihrer Gesamtheit zusammengehen.
Darüber waren wir uns völlig im klaren, das haben wir seit 1905 Hunderte und Tausende Male gesagt, und niemals haben wir versucht, diese notwendige Stufe des historischen Prozesses zu überspringen und durch Dekrete zu beseitigen. Die krampfhaften Bemühungen Kautskys, uns in diesem Punkt „bloßzustellen", legen nur die Verworrenheit seiner Ansichten bloß und zeigen, daß er Angst hat, sich an das zu erinnern, was er 1905 geschrieben hat, als er noch kein Renegat war.
Aber im Jahre 1917, seit April, lange vor der Oktoberrevolution, bevor wir die Macht ergriffen, sagten wir dem Volk offen und klärten es darüber auf, daß die Revolution nunmehr dabei nicht stehenbleiben kann, denn das Land ist vorwärtsgegangen, der Kapitalismus hat Fortschritte gemacht, die Zerrüttung hat unerhörte Ausmaße angenommen, und das erfordert (ob man es will oder nicht) weitere Schritte vorwärts, zum Sozialismus hin. Denn anders vorwärtszukommen, anders das durch den Krieg erschöpfte Land zu retten, anders die Qualen der Werktätigen und Ausgebeuteten zu mildern ist unmöglich.
Es kam denn auch so, wie wir gesagt hatten. Der Verlauf der Revolution hat die Richtigkeit unserer Argumentation bestätigt. Zuerst zusammen mit der „gesamten" Bauernschaft gegen die Monarchie, gegen die Gutsbesitzer, gegen das Mittelalter (und insoweit bleibt die Revolution eine bürgerliehe, bürgerlich-demokratische Revolution). Dann zusammen mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zusammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus, einschließlich der Dorfreichen, der Kulaken, der Spekulanten, und insofern wird die Revolution zu einer sozialistischen Revolution. Der Versuch, künstlich eine chinesische Mauer zwischen dieser und jener aufzurichten, sie voneinander durch etwas anderes zu trennen als durch den Grad der Vorbereitung des Proletariats und den Grad seines Zusammenschlusses mit der Dorfarmut, ist die größte Entstellung und Vulgarisierung des Marxismus,
seine Ersetzung durch den Liberalismus. Das würde bedeuten, durch
quasigelehrte Hinweise auf die Fortschrittlichkeit der Bourgeoisie im Verhältnis zum Mittelalter eine reaktionäre Verteidigung der Bourgeoisie gegenüber dem sozialistischen Proletariat einzuschmuggeln.
Die Sowjets sind unter anderem gerade deshalb eine unermeßlich höhere Form und ein höherer Typus der Demokratie, weil sie die Masse der Arbeiter und Bauern zusammenschließen und in die Politik einbeziehen und dadurch ein. dem „Volke" (in dem Sinne, wie Marx 1871 von einer wirklichen Volksrevolution sprach) überaus nahes, äußerst empfindliches Barometer der Entwicklung und des Wachstums der politischen Reife, der klassenmäßigen Reife der Massen bilden. Die Sowjetverfassung ist nicht nach irgendeinem „Plan" ausgearbeitet, nicht in Amtstuben verfaßt und den Werktätigen durch bürgerliche Juristen aufgedrängt worden. Nein, diese Verfassung erwuchs aus denrEntwicklungsgang
des Klassenkampfes, in dem Maße, wie die Klassengegensätze heranreiften.
Gerade die Tatsachen, die Kautsky anzuerkennen gezwungen ist, beweisen das.
Anfangs vereinigten die Sowjets die Bauernschaft in ihrer Gesamtheit.
Infolge der Unreife, Rückständigkeit und Unwissenheit gerade der armen Bauern geriet die Führung in die Hände .der Kulaken, der Dorfreichen, der Kapitalisten, der kleinbürgerlichen Intellektuellen. Das war die Zeit der Herrschaft des Kleinbürgertums, der Menschewiki- und der Sozialrevolutionäre (die einen wie die anderen für Sozialisten halten können nur Dummköpfe oder Renegaten vom Schlage Kautskys). Das Kleinbürgertum schwankte unvermeidlich, unausbleiblich zwischen der Diktatur der Bourgeoisie (Kerenski, Kornilow, Sawinkow) und der Diktatur des Proletariats, denn die grundlegenden Eigentümlichkeiten seiner ökonomischen Stellung machen es zu irgendeinem selbständigen Handeln
unfähig. Beiläufig bemerkt, Kautsky sagt sich völlig vom Marxismus los, wenn er sich bei der Analyse der russischen Revolution auf den juristischen, formalen Begriff der „Demokratie" beschränkt, der der Bourgeoisie zur Tarnung ihrer Herrschaft und zum Betrug der Massen dient, und wenn er vergißt, daß „Demokratie" in Wirklichkeit manchmal die Diktatur der Bourgeoisie bedeutet, manchmal den ohnmächtigen Reformismus des Kleinbürgertums, das sich dieser Diktatur unterordnet usw. Nach Kautsky gab es in einem kapitalistischen Lande bürgerliche Parteien, gab es eine proletarische Partei (die Bolschewiki), die die Mehrheit des Proletariats, die proletarische Masse, hinter sich hatte, aber es
gab keine kleinbürgerlichen Parteien I Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre
hätten keine Klassengrundlage gehabt, wären nicht im Kleinbürgertum verwurzelt gewesen!
Die Schwankungen des Kleinbürgertums, der Menschewiki und der
Sozialrevolutionäre, haben den Massen die Augen geöffnet und sie in ihrer übergroßen Mehrheit - alle „unteren Schichten", alle Proletarier und Halbproletarier - von derartigen „Führern" abgestoßen. In den Sowjets erhielten die Bolschewiki das Übergewicht (in Petrograd und Moskau gegen Oktober 1917), bei den Sozialrevolutionären und den Menschewiki vertiefte sich die Spaltung.
Die siegreiche bolschewistische Revolution bedeutete das Ende der
Schwankungen, bedeutete die völlige Zerstörung der Monarchie und des
gutsherrlichen Grundbesitzes (bis zur Oktoberrevolution war er nicht zerstört). Die bürgerliche Revolution wurde von uns zu Ende geführt.
Die gesamte Bauernschaft ging mit uns. Ihr Antagonismus zum sozialistischen
Proletariat konnte nicht im Nu zutage treten. Die Sowjets vereinigten die Bauernschaft überhaupt. Die Klassenteilung innerhalb der Bauernschaft war noch nicht herangereift, trat noch nicht zutage. (Lenin; Band 28, Seite 300 ff.)

 

 

In Wirklichkeit stellte sich schon in der Revolution von 1905 heraus, daß die gewaltige Mehrheit der russischen Bauern, sowohl der Bauern aus den Dorfgemeinden als auch der Bauern mit eigenem Land, für die Nationalisierung
des gesamten Bodens ist. Die Revolution von 1917 hat das bestätigt und nach dem Übergang der Macht an das Proletariat auch verwirklicht.
Die Bolschewiki sind dem Marxismus treu geblieben und haben nicht versucht, die bürgerlich-demokratische Revolution „zu überspringen" (entgegen den Behauptungen Kautskys, der uns, ohne den Schatten eines Beweises, dessen beschuldigt). Die Bolschewiki haben vor allem den radikalsten, den revolutionärsten, dem Proletariat am nächsten stehenden bürgerlich-demokratischen Ideologen der Bauernschaft, nämlich den linken Sozialrevolutionären, geholfen, das durchzuführen, was faktisch Nationalisierung
des Bodens war. Das Privateigentum an Grund und Boden ist in Rußland seit dem 26. X. 1917, d. h. seit dem ersten Tage der proletarischen, sozialistischen Revolution, aufgehoben.
Damit ist das vom Standpunkt der Entwicklung des Kapitalismus vollkommenste
Fundament geschaffen worden (was Kautsky nicht bestreiten kann, ohne mit Marx zu brechen) und gleichzeitig auch das im Sinne des Übergangs zum Sozialismus geschmeidigste Agrarsystem. Vom bürgerlich- demokratischen Standpunkt aus gesehen, kann die revolutionäre Bauernschaft in Rußland nicht weitergehen: Etwas von diesem Standpunkt „Idealeres", etwas „Radikaleres" (von dem gleichen Standpunkt aus) als Nationalisierung des Bodens und Gleichheit in der Bodennutzung kann es nicht geben. Gerade die Bolschewiki, allein die Bolschewiki, haben den Bauern nur dank dem Siege der proletarisdwn Revolution dazu verholfen, die bürgerlich-demokratische Revolution wirklich zu Ende zu führen. Und allein dadurch haben sie das Höchste geleistet für die Erleichterung und Beschleunigung des Übergangs zur sozialistischen Revolution. (Lenin; Band 28, Seite 314-315.)

 

 

Genossen, es ist Ihnen allen sehr wohl bekannt, daß schon die Februarrevolution
- die Revolution der Bourgeoisie, die Revolution der Paktierer - den Bauern diesen Sieg über die Gutsbesitzer versprochen hatte und daß sie ihr Versprechen nicht gehalten hat. Erst der Oktoberumsturz, erst der Sieg der Arbeiterklasse in den Städten, erst die Sowjetmacht hat es ermöglicht, ganz Rußland von einem Ende bis zum anderen tatsächlich zu erlösen vom Krebsschaden des alten Erbes der Leibeigenschaft, von der alten fronherrlichen Ausbeutung, vom Großgrundbesitz und vom Joch der Gutsbesitzer, das auf der Bauernschaft als Ganzem, auf allen Bauern ohne Unterschied lastete.
Zu diesem Kampf gegen die Gutsbesitzer mußten sich zwangsläufig alle Bauern erheben, und sie erhoben sich auch. Dieser Kampf schloß die arme werktätige Bauernschaft, die nicht von der Ausbeutung fremder Arbeitskraft lebt, zusammen. Dieser Kampf vereinigte auch den wohlhabenden, ja sogar den reichsten Teil der Bauernschaft, der nicht ohne Lohnarbeit auskommt.
Solange unsere Revolution noch mit dieser Aufgabe beschäftigt war, solange wir noch alle Kräfte anspannen mußten, damit die selbständige Bewegung der Bauern mit Hilfe der Arbeiterbewegung in den Städten die Macht der Gutsbesitzer tatsächlich hinwegfegt und endgültig vernichtet - solange blieb die Revolution eine Revolution der gesamten Bauernschaft und konnte deshalb über den bürgerlichen Rahmen nicht hinausgehen.
Noch ließ sie den stärkeren, den neueren Feind aller Werktätigen, das Kapital, unangetastet. Daher lief sie Gefahr, ebenso auf halbem Wege stehenzubleiben wie die meisten Revolutionen in Westeuropa, wo es dank dem zeitweiligen Bündnis der Arbeiter in den Städten mit der gesamten Bauernschaft zwar gelang, die Monarchie zu stürzen, die Reste des Mittelalters hinwegzufegen, den gutsherrlichen Grundbesitz oder die Macht der Gutsbesitzer mehr oder weniger gründlich zu zerstören, wo es aber nie gelungen ist, die eigentlichen Grundlagen der Kapitalsherrschaft in ihrer Wurzel zu treffen. (Lenin; Band 28, Seite 341-342.)

 

 

 

Die Meinungsverschiedenheiten bei den deutschen Kommunisten laufen, soweit ich das beurteilen kann, auf die „Ausnutzung der legalen Möglichkeiten" (wie es bei den Bolschewiki in den Jahren 1910 bis 1913 hieß) hinaus, auf die Ausnutzung des bürgerlichen Parlaments und der reaktionären Gewerkschaften, des Gesetzes über die (von den Scheidemännern und Kautskyanern verstümmelten) Räte (Betriebsratgesetz*), auf die Frage, ob man sich an derartigen Einrichtungen beteiligen oder sie boykottieren soll.
Wir russischen Bolschewiki hatten in den Jahren 1906 und 1910 bis 1912 ebensolche Meinungsverschiedenheiten. Es ist klar, daß sich bei vielen jungen deutschen Kommunisten einfach ein Mangel an revolutionärer Erfahrung bemerkbar macht. Hätten sie ein paar bürgerliche Revolutionen (wie 1905 und 1917) erlebt, sie würden nicht so bedingungslos den Boykott predigen, würden nicht von Zeit zu Zeit in syndikalistische Fehler verfallen.
Das ist eine Wachstumskrankheit. Sie vergeht mit dem Wachstum der Bewegung, die sich ausgezeichnet entwickelt. Gegen diese offenkundigen Fehler muß man offen kämpfen und dabei bestrebt sein, die Meinungsverschiedenheiten nicht zu übertreiben, denn es muß allen klar sein, daß in naher Zukunft der Kampf um die Diktatur des Proletariats, um die Rätemacht, einen großen Teil dieser Meinungsverschiedenheiten aus der Welt schaffen wird.
Vom Standpunkt der marxistischen Theorie wie auch vom Standpunkt der Erfahrung dreier Revolutionen (1905, Februar 1917, Oktober 1917) halte ich es für unbedingt falsch, die Beteiligung am bürgerlichen Parlament, an einer reaktionären (Legienschen, Gompersschen usw.) Gewerkschaft, selbst an dem reaktionärsten, von den Scheidemännern verstümmelten, Arbeiter „rat" usw. abzulehnen.
Manchmal, in einem einzelnen Fall, in einem einzelnen Land, ist der Boykott richtig, wie es zum Beispiel richtig war, daß die Bolschewiki 1905 die zaristische Duma boykottierten. Aber dieselben Bolschewiki beteiligten sich an der viel reaktionäreren und direkt konterrevolutionären Duma von 1907. Die Bolschewiki beteiligten sich an den Wahlen zur bürgerlichen Konstituierenden Versammlung im Jahre 1917, im Jahre 1918 aber haben wir sie auseinandergejagt, zum Schrecken aller kleinbürgerlichen Demokraten, der Kautsky und sonstigen Renegaten des Sozialismus.

Einst waren wir eine Minderheit in den Sowjets, eine Minderheit in den
Gewerksdiaften, in den Genossensdiaften. Durdi beharrlidie Arbeit, durch langwierigen Kampf - sowohl vor der Eroberung der politischen Macht wie auch nach ihrer Eroberung - haben wir die Mehrheit in allen Arbeiterorganisationen erobert, dann auch in nichtproletarischen und später audi in kleinbäuerlichen Organisationen.
Nur Schufte oder Einfaltspinsel können glauben, das Proletariat müsse zuerst durch Abstimmungen, die unter dem Druck der Bourgeoisie, unter dem Joch der Lohnsklaverei vor sidi gehen, die Mehrheit erobern und könne erst dann die Madit ergreifen. Das ist der Gipfel der Borniertheit oder der Heuchelei, das hieße den Klassenkampf und die Revolution durch Abstimmungen unter Beibehaltung der alten Gesellschaftsordnung, unter der alten Staatsmacht, ersetzen.
Das Proletariat führt seinen Klassenkampf, ohne eine Abstimmung für den Beginn eines Streiks abzuwarten - obgleich für den vollen Erfolg des Streiks die Sympathie der Mehrheit der Werktätigen (und folglich auch der Mehrheit der Bevölkerung) notwendig ist. Das Proletariat führt seinen Klassenkampf und stürzt die Bourgeoisie, ohne irgendwelche vorhergehende Abstimmung (die von der Bourgeoisie durdigeführt würde und unter ihrem Druck stattfände) abzuwarten, wobei das Proletariat genau weiß, daß zum Erfolg seiner Revolution, zum erfolgreichen Sturz der Bourgeoisie die Sympathie der Mehrheit der Werktätigen (und folglich auch der Mehrheit der Bevölkerung) un bedingt erforderlich ist. (Lenin; Band 30, Seite 40 - 42.)

 

 

Die zweite Revolution in Rußland (von Februar bis Oktober 1917).
Der unglaublich überalterte und überlebte Zarismus hatte (mit Hilfe der
Schläge und Lasten des äußerst qualvollen Krieges) eine ungeheure Kraft der Zerstörung erzeugt, die sich gegen ihn richtete. In wenigen Tagen verwandelte
sich Rußland in eine demokratische bürgerliche Republik, die — unter den Verhältnissen des Krieges — freier war als ein beliebiges anderes Land der Welt. Die Regierung wurde nun — wie in den ausgesprochen „streng parlamentarischen" Republiken — von den Führern der oppositionellen und revolutionären Parteien gebildet, wobei der Ruf, Führer einer Oppositionspartei im Parlament, und sei es auch in dem allerreaktionärsten Parlament, gewesen zu sein, es einem solchen Führer erleichterte, später eine Rolle in der Revolution zu spielen.
Die Menschewiki und die „Sozialrevolutionäre" eigneten sich in wenigen Wochen alle Methoden und Manieren, alle Argumente und Sophismen der europäischen Helden der II. Internationale, der Ministerialisten und des sonstigen opportunistischen Gelichters vortrefflich an. Alles, was wir jetzt über die Scheidemänner und Noske, über Kautsky und Hilferding, über Renner und Austerlitz, über Otto Bauer und Fritz Adler, über Turati und Longuet, über die Fabier und die Führer der Unabhängigen Arbeiterpartei in England lesen, alles das scheint uns eine langweilige Wiederholung, ein Nachleiern bekannter und alter Melodien zu sein (und ist es in der Tat). Alles das haben wir schon bei den Menschewiki gesehen. Die Geschichte hat sich einen Scherz erlaubt und die Opportunisten eines rückständigen Landes genötigt, den Opportunisten einer Reihe von fortgeschrittenen Ländern zuvorzukommen.
Wenn alle die Helden der H- Internationale Bankrott erlitten und sich in der Frage nach der Bedeutung und Rolle der Sowjets und der Sowjetmacht blamiert haben, wenn sich in dieser Frage die Führer der drei jetzt aus der II. Internationale ausgetretenen sehr wichtigen Parteien (nämlich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands5, der französischen
Longuetisten und der englischen Unabhängigen Arbeiterpartei) besonders „glänzend" blamiert und verheddert haben, wenn sie alle sich als Sklaven der Vorurteile der kleinbürgerlichen Demokratie (ganz im Geiste der Kleinbürger von 1848, die sich „Sozial-Demokraten" nannten) erwiesen haben, so haben wir das alles schon am Beispiel der Menschewiki gesehen.
Die Geschichte hat sich den Scherz erlaubt, daß in Rußland 1905 Sowjets
entstanden, daß sie von Februar bis Oktober 1917 von den Menschewiki
verfälscht wurden, die Bankrott machten, weil sie die Rolle und Bedeutung der Sowjets nicht zu begreifen vermochten, und daß nunmehr die Idee der
Sowjetmacht in der ganzen Welt geboren worden ist und sich mit unerhörter
Schnelligkeit unter dem Proletariat aller Länder verbreitet, wobei die alten
Helden der II. Internationale infolge ihrer Unfähigkeit, die Rolle und Bedeutung
der Sowjets zu begreifen, überall ebenso Bankrott machen wie unsere
Menschewiki. Die Erfahrung hat bewiesen, daß in einigen sehr wesentlichen
Fragen der proletarischen Revolution alle Länder unvermeidlich dasselbe werden durchmachen müssen, was Rußland durchgemacht hat.
Ihren siegreichen Kampf gegen die parlamentarische (faktisch) bürgerliche
Republik und gegen die Menschewiki haben die Bolschewiki sehr vorsichtig
begonnen und gar nicht so einfach vorbereitet — entgegen den Auffassungen,
die man jetzt mitunter in Europa und Amerika antrifft. Zu Beginn der erwähnten Periode forderten wir nidht zum Sturz der Regierung auf, sondern schafften Klarheit darüber, daß ihr Sturz ohne vorherige Veränderungen in der Zusammensetzung und Stimmung der Sowjets unmöglich ist. Wir proklamierten nicht den Boykott des bürgerlichen Parlaments, der Konstituante, sondern sagten — seit der Aprilkonferenz (1917) unserer Partei sagten wir es offiziell im Namen der Partei —, daß eine bürgerliche Republik mit einer Konstituante besser ist als eine solche Republik ohne Konstituante, daß aber eine „Arbeiter- und Bauernrepublik", eine Sowjetrepublik, besser ist als jedwede bürgerlich-demokratische, parlamentarische Republik. Ohne diese vorsichtige, gründliche, umsichtige und langwierige Vorbereitung hätten wir weder den Sieg im Oktober 1917 erringen noch diesen Sieg behaupten können. (Lenin; Band 31, Seite 14 - 15.)

 

 

Die Revolution, die den Zarismus stürzte und die demokratische Republik schuf, bedeutete für diese Partei eine neue, gewaltige Probe: Die Partei ließ sich auf keine Vereinbarungen mit „ihren" Imperialisten ein, sondern bereitete deren
Sturz vor und stürzte sie auch. Nachdem diese Partei die politische Macht
ergriffen hatte, ließ sie von dem gutsherrlichen wie dem kapitalistischen
Eigentum keinen Stein auf dem anderen. Nachdem diese Partei die Geheimverträge der Imperialisten veröffentlicht und zerrissen hatte, schlug sie allen Völkern den Frieden vor und fügte sich der Gewalt der Räuber von Brest erst dann, als die englischen und französischen Imperialisten den Frieden vereitelt und die Bolschewiki alles menschenmögliche getan hatten, um die Revolution in Deutschland und in anderen Ländern zu beschleunigen.
Die absolute Richtigkeit eines solchen Kompromisses, das von einer solchen Partei unter solchen Umständen geschlossen wurde, wird mit jedem Tag klarer und offenkundiger für alle.
Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre in Rußland (ebenso wie alle Führer der II. Internationale in der ganzen Welt in den Jahren 1914 bis 1920) begannen den Verrat, indem sie direkt oder indirekt die „Vaterlandsverteidigung", d. h. die Verteidigung ihrer räuberischen Bourgeoisie rechtfertigten. Sie setzten den Verrat fort, indem sie mit der Bourgeoisie ihres Landes eine Koalition eingingen und im Verein mit ihrer Bourgeoisie gegen das revolutionäre Proletariat ihres Landes kämpften. Ihr Block, zuerst mit Kerenski und den Kadetten, dann mit Koltschak und Denikin in Rußland, wie auch der Block ihrer ausländischen Gesinnungsgenossen mit der Bourgeoisie ihrer Länder, war ein Übergang auf die Seite der Bourgeoisie gegen das Proletariat. (Lenin; Band 31, Seite 23.)

 

 

Die Februarrevolution von 1917 stürzte den Zarismus und schuf in Rußland eine bürgerliche Republik. (Lenin; Band 31, Seite 298.)

 

 

 

 

 

 

 

Zweiter Teil

Textsammlung

 

LENIN

TEXTSAMMLUNG ZUR FEBRUARREVOLUTION

 

 

 

LENIN WERKE - Band 24

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

April bis Juni 1917

Erste Etappe der Revolution.

Ausarbeitung des Kampfplanes zum Übergang von der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution.

Aprilkonferenz der SDAPR

628 Seiten

 

Band 25

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

Juni bis September 1917

Vorbereitung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution

556 Seiten

 

 

 

EINZELNE TEXTE:

 

 

 

 

Thesenentwurf

4. März 1917

 

 

TELEGRAMM AN DIE NACH RUSSLAND REISENDEN BOLSCHEWIKI

(Lenin, Band 23, Seite 306)

Unsere Taktik vollständiges Mißtrauen, keine Unterstützung der neuen Regierung; Kerenski besonders verdächtig; Bewaffnung des Proletariats die einzige Garantie; sofortige Wahlen zu der Petersburger Duma; keine Annäherung zu andern Parteien; telegrafieren Sie dieses nach Petrograd.

Uljanow

geschrieben am 6. (19.) März 1917.

 

Briefe aus der Ferne

März - April 1917

Lenin, Werke, Band 23, Seite 309 – 357, Briefe 1 - 5

Zweiter Brief „aus der Ferne“, geschrieben am 22. März [ 9. ] März 1917

 

 

An die Kameraden, die in der Kriegsgefangenschaft schmachten

[Geschrieben Mitte März 1917 (a. St.).

1917 als Flugblatt veröffentlicht.

 

 

Die Revolution in Russland und die Aufgaben der Arbeiter aller Länder

[Geschrieben am 25. (12.) März 1917 ]

 

Plan des in Zürich gehaltenen Referats

„Die russische Revolution, ihre Bedeutung und ihre Aufgaben"

[Geschrieben nicht später als am 27.März 1917. Zuerst veröffentlicht 1955 in der Zeitschrift „Istoritscheski Archiw" Nr. 2. Nach Lenin Werke, Band 36, Berlin 1962, S. 410-412]

Das Referat „ Die russische Revolution, ihre Bedeutung und ihre Aufgaben" hielt W. I. Lenin in deutscher Sprache am 27. März 1917 auf einer Versammlung von Schweizer Arbeitern im Züricher Volkshaus. Zu diesem Referat veröffentlichte die Züricher Sektion der Auslandsorganisation der SDAPR eine Ankündigung mit folgendem Wortlaut: „Am Dienstag, dem 27. März, um 5½ Uhr abends hält N. Lenin im großen Saal des Volkshauses ein Referat mit dem Thema: Die russische Revolution, ihre Bedeutung und ihre Aufgaben. Das Referat besteht aus zwei Teilen: der erste – über die historischen Hauptkräfte und -bedingungen der Revolution, der zweite – über ihre Aufgaben. Der erste Teil soll zeigen, welche Umstände solch ein ,Wunder', wie es der Sturz der Zarenmonarchie in einer Zeitspanne von acht Tagen ist, möglich machten. Der zweite Teil soll darlegen, warum das Proletariat Russlands zur Kommune kommen muss, wie seine ersten Schritte auf diesem Wege aussehen müssen und unter welchen Bedingungen ihm der Sieg garantiert ist. Wenn es das Publikum wünscht, findet nach dem Referat eine Diskussion statt." Im allgemeinen flossen die Mittel, die von Referaten einkamen, in die Parteikasse und wurden zum Unterhalt der Bibliothek und des Archivs der SDAPR sowie für andere Parteibelange verwandt. In der Ankündigung hieß es, dass 50 Prozent der Reineinnahme dieses Referats zugunsten politischer Emigranten, die an Tuberkulose erkrankt waren, verwendet werden.

 

1. Die erste Etappe der ersten Revolution.

2. Nicht die letzte Revolution, nicht die letzte Etappe.

3. In drei Tagen Sturz der monarchischen Regierung, die Jahrhunderte gedauert und mit Kämpfen 1905-1907 …

4. Wunder.

TEIL I

1. „Die Welt hat sich in drei Tagen verändert."

2. „Wunder".

3. Wie konnte man den Sturz in einer Zeitspanne von 8 Tagen vollbringen?

Die vier wichtigsten Bedingungen:

4. – (I) – Revolution 1905-07.

(((Hat den Boden aufgewühlt; hat alle Klassen und Parteien gezeigt; hat Nikolaus II. und Co. (Rasputin) bloßgestellt und isoliert.

5. — (II) — Zusammenwirken von drei Kräften in dieser Revolution :

— (α) das englisch-französische Finanzkapital.

6.--(β) die gesamte Bourgeoisie und die gutsherrlich-kapitalistische

Klasse in Russland (und die höheren Offiziere der Armee)

7.---(γ) das revolutionäre Proletariat und der revolutionäre Teil der Armee, der Soldaten.

8. Drei Kräfte jetzt:

- (αα ) die Zarenmonarchie; die Reste der Dynastie (die Konterrevolution im Süden).

9. – (ββ ) die neue Regierung und die Bourgeoisie.

10. – (γγ ) Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten – Frieden, Brot, Freiheit =

11. = Die drei Hauptforderungen

12.

13. Die neue Regierung kann sie nicht geben ...

14. Drei Linien im Sowjet der Arbeiterdeputierten:

15. Resolution über Kerenski etc.

16. Schwankungen Tschcheïdses.

17. Linie des ZK der SDAPR. Manifest des ZK

TEIL II

18. Was tun? Wohin gehen und wie? Zur Kommune? Dies beweisen.

19. Analyse der Situation. Schneller Wechsel der Situationen. (vorgestern – tiefste Illegalität.Aufruf zum revolutionären Kampf. Kampf gegen den Sozialchauvinismus

(gestern – ein Maximum an revolutionärem Heldentum während der Zusammenstöße.

(heute – Organisation der Übergangszeit... (morgen – wieder Zusammenstöße.

20. Organisation – Losung des Tages. Welche? Partei? Gewerkschaften? etc.

21. Sowjet der Arbeiterdeputierten. Quid est These Nr. 4.

22. Unser „Staat".

23. Pariser Kommune ... Ihr Wesen.

24. Die Lehre von Marx und Engels über den Staat der Übergangsperiode:

25. Proletarische Miliz. Was für eine ...

26. – Brauchen sie

27. – und wir

,Die Wiederherstellung der Polizei nicht zulassen)

28. Revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft...

29. Frieden? Wie (Gorki?)

30. – Unsere Friedensbedingungen (These Nr. 11 in Nr. 47)

31. Ein Schritt (Übergang) zum Sozialismus.

32. Es lebe die russische Revolution, es lebe die beginnende proletarische Weltrevolution!

 

 

Referat über die Aufgaben der SDAPR in der russischen Revolution

März 1917

 

 

Manifest des ZK der SDAPR

An Alle Bürger Russlands

[„Prawda" Nr. 1 vom 18. (5.) März 1917.

 

 

Abschieds-Brief

An die Schweizer Arbeiter

26. März [8. April ] 1917

 

 

Die Durchreise der russischen Revolutionäre durch Deutschland

Kommuniqué der Gruppe [1]

[Geschrieben am 31. März (13. April) 1917. Veröffentlicht am 14. April 1917 in der Zeitung „Politiken" Nr. 85. Nach dem Text der Zeitung. Übersetzung aus dem Schwedischen. Nach Werke, Ergänzungsband 1896-1917. Berlin 1972, S. 405-407]

Die Freitag früh in Stockholm angekommenen russischen Revolutionäre haben der Zeitung „Politiken" folgendes offizielles Kommuniqué über ihre Reise zur Veröffentlichung übergeben:

England, das offiziell die russische Revolution „freudigen Herzens" begrüßt hat, tat sein möglichstes, um eines der Ergebnisse der Revolution, die politische Amnestie, sofort zunichte zu machen. Die englische Regierung gestattet den im Ausland lebenden russischen Revolutionären, die gegen den Krieg auftreten, nicht die Durchreise nach Russland. Nachdem das unleugbar erwiesen war – diese Tatsache ist durch eine Vielzahl von Materialien belegt, die in allernächster Zeit veröffentlicht werden, und die russischen Sozialisten aller Richtungen haben das in einer einmütig angenommenen Resolution festgestellt –, beschloss ein Teil der russischen Parteigenossen zu versuchen, aus der Schweiz über Deutschland und Schweden nach Russland zurückzukehren. Fritz Platten, Sekretär der schweizerischen sozialdemokratischen Partei und Führer ihres linken Flügels, ein bekannter Internationalist und Antimilitarist, führte die Verhandlungen mit der deutschen Regierung. Die russischen Parteigenossen haben für ihren Zug das Exterritorialitätsrecht gefordert (keine Kontrolle der Pässe oder des Gepäcks; kein Zugang für irgendwelche Beamte zu ihrem Waggon). Mitreisen konnte jeder, unabhängig von seinen politischen Anschauungen, unter der Bedingung, dass die Russen selbst seine Kandidatur billigen. Die russischen Parteigenossen haben erklärt, dass sie dafür die Freilassung in Russland internierter österreichischer und deutscher Zivilpersonen verlangen werden.

Die deutsche Regierung akzeptierte die Bedingungen, und am 9. April reisten von Gottmadingen 30 russische Parteigenossen ab, Männer und Frauen, darunter Lenin und Sinowjew, Redakteure des „Sozial-Demokrat", Zentralorgan der russischen Sozialdemokratie; der Redakteur des „Natschalo" [2] in Paris, Micha Zchakaja; einer der Begründer der kaukasischen Sozialdemokratie, der seinerzeit Tschcheïdse in die Partei gebracht hat, sowie einige Mitglieder des jüdischen Arbeiterbundes. Leiter des Transports war Fritz Platten, der allein alle notwendigen Verhandlungen mit den Vertretern der deutschen Regierung führte, die den Zug begleiteten.

Während der dreitägigen Durchreise durch Deutschland haben die russischen Parteigenossen den Waggon nicht verlassen. Die deutschen Behörden haben die Abmachung vollkommen loyal eingehalten. Am 12. dieses Monats sind die Russen in Schweden angekommen.

Vor der Abreise aus der Schweiz wurde ein Protokoll über alle Vorbereitungen der Reise angefertigt. Henri Guilbeaux als Vertreter der französischen sozialdemokratischen Gruppe „Vie ouvrière" und Redakteur des „Demain" [3] ; einer der Führer der radikalen französischen Opposition in Paris, dessen Name gegenwärtig nicht genannt werden kann [4]; Paul Hartstein, Mitglied der radikalen deutschen Opposition; M. Bronski, Vertreter der russisch-polnischen Sozialdemokratie, sowie Fritz Platten unterzeichneten, nachdem sie sich mit diesem Dokument bekannt gemacht hatten, eine Erklärung, in der sie die Handlungsweise der russischen Parteigenossen voll und ganz billigten.

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Anmerkungen:

[1] Das vorliegende Kommuniqué übergab W. I. Lenin nach der Ankunft in Stockholm am 31. März (13. April) 1917 der Redaktion der Zeitung „Politiken" und über die Redaktion den Pressevertretern und der Öffentlichkeit. Die Zeitungen „Rjetsch" (Die Rede) und „Djen" (Der Tag), die den Text des Kommuniqués durch die Petrograder Telegrafenagentur erhalten hatten, veröffentlichten ihn am 5. (18.) April, allerdings ohne den letzten Absatz, in dem die Reise der russischen Emigranten durch Deutschland von Vertretern der internationalen Sozialdemokratie gebilligt wurde.

[2] „Natschalo" (Der Anfang) – menschewistisch-trotzkistische Zeitung, die von September 1916 bis März 1917 an Stelle des „Nasche Slowo" in Paris erschien. Nach der Februarrevolution in Russland erschien sie unter dem Namen „Nowaja Epocha" (Die neue Epoche).

[3] „Demain" (Morgen) – von Henri Guilbeaux gegründete Zeitschrift der französischen Internationalisten, die von Januar 1916 bis Oktober 1918 in Genf herausgegeben wurde. Die letzte Nummer, Nr. 31, erschien im September 1919 in Moskau als Organ der Moskauer Gruppe französischer Kommunisten.

[4]Gemeint ist Fernand Loriot.

 

 

 

Wie wir gereist sind

[1]

[„Prawda" Nr. 24, 18. (5.) April 1917. Nach Sämtliche Werke Band 20.1, Wien-Berlin 1928, S. 97-99]

Mitteilung der Genossen Lenin und Sinowjew an das Exekutivkomitee im Auftrag der aus der Schweiz eingetroffenen Genossen

In die sozialistische Presse sind bereits Nachrichten gedrungen, dass die englische und die französische Regierung es abgelehnt haben, die internationalistischen Emigranten nach Russland durchzulassen.

Die hier angekommenen 32 Emigranten verschiedener Parteien (darunter 19 Bolschewiki, 6 Bundisten, 3 Anhänger der Pariser internationalistischen Zeitung „Nasche Slowo" [2] halten es für ihre Pflicht, folgendes zu veröffentlichen:

Wir verfügen über eine Reihe von Dokumenten, die wir veröffentlichen werden, sobald wir sie aus Stockholm erhalten (wir haben sie dort gelassen, weil an der schwedisch-russischen Grenze die Agenten der englischen Regierung wirtschaften). Dokumente, die die traurige Rolle der genannten „verbündeten" Regierungen in dieser Frage vor aller Welt dartun werden. Zu diesem Punkt wollen wir nur folgendes feststellen: das Züricher Komitee für die Evakuation der Emigranten, in dem 23 Gruppen vertreten sind (darunter das Zentralkomitee, das Organisationskomitee, die Sozialrevolutionäre, der „Bund"[3] usw.), stellte in einer einstimmig angenommenen Resolution öffentlich die Tatsache fest, dass die englische Regierung beschlossen hat, den internationalistischen Emigranten die Möglichkeit zu nehmen, in ihre Heimat zurückzukehren und an dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg teilzunehmen.

Schon in den ersten Tagen der Revolution wurde den Emigranten diese Absicht der englischen Regierung klar. Damals tauchte bei der Beratung der Vertreter der Partei der Sozialrevolutionäre (M. A. Natanson), des Organisationskomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (L. Martow), des „Bund" (Kossowski) der Plan auf (er ging von L. Martow aus), die Genehmigung zur Durchreise der Emigranten durch Deutschland im Austausch gegen die in Russland internierten deutschen und österreichischen Gefangenen zu erwirken.

Es wurde eine Reihe von Telegrammen in diesem Sinne nach Russland geschickt, und gleichzeitig wurden durch Vermittlung schweizerischer Sozialisten Schritte zur Verwirklichung dieses Planes unternommen.

Die nach Russland geschickten Telegramme wurden zurückgehalten, augenscheinlich von unserer „Provisorischen Revolutionsregierung" (bzw. von ihren Anhängern).

Nachdem wir zwei Wochen auf eine Antwort aus Russland gewartet hatten, entschlossen wir uns, den erwähnten Plan selbst auszuführen. (Andere Emigranten beschlossen, einstweilen noch zu warten, denn sie hielten es noch nicht für erwiesen, dass die Provisorische Regierung keine Maßnahmen ergreifen würde, um die Durchlassung aller Emigranten zu erwirken.)

Die Angelegenheit lag in den Händen des Schweizer internationalen Sozialisten Fritz Platten. Dieser traf genaue schriftliche Vereinbarungen mit dem deutschen Gesandten in der Schweiz. Wir werden den Text dieser Vereinbarungen veröffentlichen. Ihre Hauptpunkte sind: 1. Es reisen alle Emigranten ohne Unterschied ihrer Stellung zum Krieg. 2. Der Wagen, in dem die Emigranten reisen, genießt die Rechte der Exterritorialität. Niemand hat das Recht, den Wagen ohne Plattens Erlaubnis zu betreten. Keine Kontrolle, weder der Pässe noch des Gepäcks. 3. Die Zurückkehrenden verpflichten sich, in Russland für den Austausch einer entsprechenden Anzahl österreichischer und deutscher Internierter zu agitieren.

Die Durchreisenden haben alle Versuche der deutschen Mehrheitssozialisten, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, entschieden abgelehnt. Platten begleitete uns während der ganzen Reise. Er wollte mit uns bis Petrograd fahren, wurde aber an der russischen Grenze (Torneo) zurückgehalten. Wir wollen hoffen, nur auf kurze Zeit. Alle Unterhandlungen wurden unter Beteiligung einer Reihe ausländischer internationaler Sozialisten und in vollster Solidarität mit ihnen geführt. Das Protokoll über die Reise wurde unterzeichnet: von zwei französischen Sozialisten, Loriot und Guilbeaux, einem Sozialisten der Liebknechtgruppe (Hartstein), dem Schweizer Sozialisten Platten, dem polnischen Sozialdemokraten Bronski, den schwedischen sozialdemokratischen Abgeordneten Lindhagen, Karlson, Ström, Türe Nerman und anderen.

„Wenn Karl Liebknecht jetzt in Russland wäre, würde ihn Miljukow nach Deutschland herauslassen; die Bethmann-Hollweg lassen euch russische Internationalisten nach Russland. Eure Aufgabe ist es, nach Russland zu fahren und dort sowohl gegen den deutschen als auch gegen den russischen Imperialismus zu kämpfen." So sagten uns die genannten internationalistischen Genossen. Wir glauben, dass sie recht hatten. Wir werden dem Exekutivkomitee des Arbeiter- und Soldatendeputiertenrates über unsere Reise einen Bericht erstatten. Wir hoffen, dass es die Befreiung einer entsprechenden Anzahl von Internierten, in erster Linie des namhaften österreichischen Sozialisten Otto Bauer, erwirken und die Rückkehr aller Emigranten, nicht nur der Sozialpatrioten, ermöglichen wird. Wir hoffen, dass das Exekutivkomitee dem unerhörten Zustand ein Ende machen wird, dass keine Zeitung, sofern sie weiter links als die „Rjetsch"[4] steht, über die Grenze gelassen wird und selbst das Manifest des Arbeiter- und Soldatendeputiertenrates [5] an die Arbeiter aller Länder nicht in die ausländische Presse gelangen kann.

 

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Anmerkungen

[1] Am 16. (3.) April 1917, in später Abendstunde, traf Lenin mit der ersten Emigrantengruppe aus der Schweiz in Petrograd ein. Am nächsten Tage, dem 17. (4.) April, machten Lenin und Sinowjew im Exekutivkomitee des Petrograder Rates diese Mitteilung über ihre Durchreise durch Deutschland. In der gleichen Sitzung des Exekutivkomitees referierte Surabow, ein linker Menschewik, „Über die Lage der Emigranten in der Schweiz". In den Protokollen des Exekutivkomitees des Petrograder Rates ist folgende Aufzeichnung über Surabows Referat aufbewahrt: „Eine Reihe politischer Emigranten hat keine Möglichkeit, von der Amnestie Gebrauch zu machen und in die Heimat zurückzukehren, besonders diejenigen, die sich in der Schweiz und in den Ländern des Südens aufhielten. Ganz abgesehen von den technischen Schwierigkeiten der Rückreise bilden hier noch die sogenannten „Kontrolllisten" ein Hemmnis, Listen, die von den Agenten des alten Regimes unter Mitwirkung von Vertretern des englischen und französischen Generalstabes zusammengestellt wurden, angeblich zum Kampf gegen militärische Spionage, in Wirklichkeit aber enthielten sie die Namen vieler prominenter Internationalisten, die den Standpunkt von Zimmerwald-Kienthal vertreten. Surabow, der ebenfalls auf dieser Liste stand, setzte, als er noch in Kopenhagen war, telegraphisch das Exekutivkomitee in der Person des Genossen Tschcheïdse davon in Kenntnis, und auf sein Drängen hin benachrichtigte der russische Gesandte in Kopenhagen den Außenminister Miljukow, dass die russischen Emigranten darauf bestehen, dass ihnen gegenüber diese Listen nicht angewendet würden. Miljukows Antwort, die in Bezug auf Surabow persönlich günstig lautete, bestätigte erneut die Weisung an die Konsulate, bei Erteilung der Erlaubnis zur Rückkehr sich nach den Listen zu richten. Genosse Surabow legte in seinen weiteren Ausführungen die Bitte der Schweizer Genossen dar, dafür zu wirken, dass das Exekutivkomitee einen Druck auf die Provisorische Regierung ausübe, damit sie Verhandlungen mit der deutschen Regierung aufnehme über die Durchlassung der politischen Emigranten durch Deutschland im Wege des Austausches gegen Internierte oder Kriegsgefangene." Im Namen der Emigrantengruppe, die durch Deutschland gereist war, erstattete Sinowjew Bericht. In den schon erwähnten Protokollen findet sich über seine Rede folgende Aufzeichnung: „Sinowjew berichtet über die Hindernisse, die von den englischen und französischen Behörden gemacht werden. Er schildert die Entstehungsgeschichte des Reiseplans durch Deutschland. Ursprünglich war beabsichtigt, dass dies durch Austausch gegen Internierte geschehen soll, aber das hätte eine Verschleppung bedeutet und die Abreise um Monate verzögert. Unter Mitwirkung des Schweizer Sozialisten Platten sei es gelungen, die Durchreise durch Deutschland zu beschleunigen, wobei die Durchreisenden sich verpflichteten, auf die Arbeitermasse einzuwirken, damit als Gegenleistung die gleiche Zahl deutscher Untertanen, die in Russland interniert sind, zurückgeschickt werde, in erster Linie der Sozialist Otto Bauer. Bei der Abreise sei ein schriftliches Abkommen getroffen worden, das Genosse Sinowjew einzureichen verspricht, sobald es mit der Post in Petrograd eintreffen werde. Er schlägt eine Resolution vor, die den Austausch politischer Emigranten gegen Internierte billigt." Nach der Diskussion, an der sich Lenin, Zeretelli, Bogdanow, Schljapnikow und Surabow beteiligt haben, fasste das Exekutivkomitee einen Beschluss, in dem „die Delegation beauftragt wird, bei der Regierung die Frage der politischen Emigration anzuschneiden, vorläufig keine Resolution über die Durchreise durch Deutschland anzunehmen, in den ,Iswestija' alles auf diese Frage bezügliche faktische Material abzudrucken und in der nächsten Nummer der ,Iswestija' eine Notiz über den vom Genossen Lenin am Tage der Ankunft über die Umstände der Reise durch Deutschland erstatteten Bericht zu veröffentlichen."

[2] „Nasche Slowo" („Unser Wort") – die von Trotzki in Paris während des Krieges herausgegebene Tageszeitung. Mitarbeiter des Blattes waren Manuilski, Antonow-Owssejenko, Losowski, Lunatscharski, Martow. Das Blatt erschien vom 29. Januar 1915 bis zum 15. September 1916, wo es von der französischen Regierung verboten wurde. Insgesamt erschienen 213 Nummern.

[3] „Bund" – abgekürzter Name des „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes in Litauen, Polen und Russland", einer jüdischen sozialdemokratischen Organisation. Der „Bund" wurde 1897 gegründet, trat 1898 bei der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands dieser als autonome Organisation bei. Als der 2. Parteitag der SDAPR (1903) sich zum Prinzip des straffen Zentralismus bekannte, schied der „Bund" aus der Partei aus. Die Wiedervereinigung erfolgte 1906 auf dem sogenannten Vereinigungsparteitag in Stockholm. Stand den Menschewiki nahe. Beteiligte sich an der Konferenz von Zimmerwald, wo er dem rechten Flügel angehörte. Im Kriege waren die meisten Bundisten entweder Sozialpazifisten oder ausgesprochene Sozialpatrioten. Im Prozess des Bürgerkrieges revolutionierte sich der „Bund" in Sowjetrussland unter dem Druck der proletarischen Massen immer mehr; 1921 verschmolz er sich mit der Kommunistischen Partei Russlands. Der „Bund" existiert heute noch als selbständige Organisation in Polen, wo er im wesentlichen eine „zentristische" Stellung einnimmt. Der II. Internationale hat er sich bisher nicht angeschlossen.

[4] „Rjetsch" – große Tageszeitung, erschien von 1906 bis 1917 in Petersburg unter der Redaktion Miljukows; Zentralorgan der Kadettenpartei.

[5] Es handelt sich um das am 27. (14.) März 1917 vom Petrograder Arbeiter- und Soldatendeputiertenrat erlassene Manifest „An die Völker der ganzen Welt". In diesem Manifest hieß es u. a.: „… Indem wir uns an alle durch den schrecklichen Krieg der Vernichtung und dem Ruin preisgegebenen Völker wenden, erklären wir, dass die Zeit gekommen ist, gegen die Eroberungsbestrebungen der Regierungen aller Länder den entschiedenen Kampf zu beginnen. Es ist an der Zeit, dass die Völker die Entscheidung der Frage über Krieg und Frieden in ihre eigenen Hände nehmen. Im Bewusstsein ihrer revolutionären Kraft erklärt die Demokratie Russlands, dass sie mit allen Mitteln der Eroberungspolitik ihrer herrschenden Klassen entgegenwirken wird, und fordert die Völker Europas auf zu gemeinsamen entschiedenen Aktionen zugunsten des Friedens … Wir wenden uns an unsere Brüder, die Proletarier der österreichisch-deutschen Koalition und in erster Linie an das deutsche Proletariat. Von den ersten Tagen des Krieges an redete man euch ein, dass wenn ihr die Waffen gegen das absolutistische Russland erhebt, ihr damit die europäische Kultur gegen den asiatischen Despotismus verteidigt Viele von euch sahen darin eine Rechtfertigung für die Unterstützung des Krieges. Heute fehlt auch diese Rechtfertigung: das demokratische Russland kann keine Bedrohung für die Freiheit und Zivilisation sein … Wir werden standhaft unsere eigene Freiheit gegen alle reaktionären Anschläge verteidigen, mögen sie von innen oder von außen kommen. Die russische Revolution wird vor den Bajonetten der Eroberer nicht zurückweichen und sie wird nicht gestatten, dass sie durch eine auswärtige militärische Gewalt erstickt wird. Aber wir rufen euch auf: Schüttelt ab das Joch eurer autokratischen Ordnung, ebenso wie das russische Volk die zarische Autokratie abgeschüttelt hat; weigert euch, als Werkzeug der Eroberung und der Vergewaltigung in den Händen der Könige, der Junker und der Bankiers zu dienen – und mit geschlossenen vereinten Kräften werden wir dem schrecklichen Gemetzel, das die Menschheit schändet und die großen Tage der Geburt der russischen Freiheit verdüstert, ein Ende bereiten…"

 

 

Aprilthesen

7. April 1917

 

 

 

Über die Doppelherrschaft

9. April 1917

 


Die Aufgaben des Proletariats in unserer

Revolution

[ Auszüge ]


10. April 1917, Petrograd 

 

 

 

 

Siebente Gesamtrussische Konferenz der

SDAPR (B)

[ „Aprilkonferenz“ ]

( vom 22. bis 29. April 1917)

 

 

 

Die Klassenverschiebung

10. Juli 1917

 

Zu den Losungen

Mitte Juli 1917

 

 

 

Die Lehren der Revolution

Ende Juli 1917


 

REDE IM MOSKAUER SOWJET DER ARBEITER-, BAUERN- UND ROTARMISTENDEPUTIERTEN

12. März 1918