Lenin

Über das Kommunistische Manifest von Marx und Engels

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über

das Kommunistische Manifest

von Marx und Engels

 

aus Anlass des 170. Jahrestags des Kommunistischen Manifests

Januar 1848 - Januar 2018

(Sammlung von Zitaten - zusammengestellt von Wolfgang Eggers)

 

 

 

Werke, Band 1, Seite 133

Er [Michailowski] hat das "Kommunistische Manifest" gelesen und nicht bemerkt, dass dort die modernen Verhältnisse - die juristischen wie die politischen, die Familienverhältnisse wie die religiösen und philosophischen - materialistisch erklärt werden, dass selbst die Kritik an den sozialistischen und kommunistischen Theorien die Wurzeln dieser Theorien in bestimmten Produktionsverhältnissen sucht und findet.

 

Werke, Band 1, Seite 171

Marx hat seit Beginn seiner literarischen und revolutionären Tätigkeit mit größter Bestimmtheit an eine soziologische Theorie die Forderung gestellt, den tatsächlichen Prozess getreu wiederzugeben, und weiter nichts (man vergleiche beispielsweise die Ausführungen im "Kommunistischen Manifest" über das Kriterium der Theorie der Kommunisten:

"Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung." ["Kommunistisches Manifest" MEW, Band 4, Seite 474-475]

 

Werke, Band 1, Seite 267

Die Marxsche Theorie besteht in der Untersuchung und Erklärung der Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmter Länder, und ihre "Anwendung" auf Russland kann nur darin bestehen, UNTER AUSNUTZUNG der erarbeitetet Mittel der MATERIALISTISCHEN Methode und der THEORETISCHEN politischen Ökonomie die russischen Produktionsverhältnisse und ihre Entwicklung zu UNTERSUCHEN. (*) Diese Schlussfolgerung konnte (...) für niemand unklar sein, der das "Kommunistische Manifest" (...) gelesen hat, und allein für Herrn Michailowski hat es einer besonderen Erklärung bedurft.

 

Werke, Band 1, Seite 455-456

Herr Struve schreibt, Marx habe sich den Übergang vom Kapitalismus zu der neuen Gesellschaftsordnung in Form eines jähen Sturzes, eines Zusammenbruchs des Kapitalismus vorgestellt. (Er findet, daß „einige Stellen" bei Marx Grund zu dieser Annahme geben, während diese Ansicht in Wirklichkeit in allen Werken von Marx enthalten ist.) Seine Nachfolger kämpfen für Reformen. An den Ansichten des Marx der vierziger Jahre sei „eine wichtige Korrektur vorgenommen worden": an Stelle der „Kluft", die den Kapitalismus von der neuen Gesellschafts-Ordnung trennt, sei eine „ganze Reihe von Übergängen" anerkannt worden.

Wir können dies keinesfalls als richtig anerkennen. Die „Nachfolger von Marx" haben an seinen Ansichten keinerlei „Korrektur" (d. h.: Richtigstellung) vorgenommen, weder eine wichtige noch eine unwichtige.

Der Kampf für Reformen zeugt keineswegs von einer „Korrektur", bedeutet keinerlei Richtigstellung der Lehre von der Kluft und dem jähen Sturz, da dieser Kampf mit dem offen und eindeutig vertretenen Ziel geführt wird, eben bis zum „Sturz" zu gehen; daß dazu aber eine „ganze Reihe von Übergängen" - von der einen Phase des Kampfes, von der einen Stufe zur nächsten - notwendig ist, das hat Marx auch in den vierziger Jahren anerkannt, als er im „Manifest" schrieb, man dürfe die Bewegung in der Riditung zu einer neuen Gesellschaft nicht von der Arbeiterbewegung (und folglich auch nicht vom Kampfe für Reformen) trennen, und selbst zum Schluß eine Reihe praktischer Maßnahmen vorschlug.

Wenn Herr Struve darauf hinweisen wollte, daß sich die Ansicht von Marx entwickelt hat, so hat er natürlich recht. Aber dann haben wir es nicht mit einer „Korrektur" seiner Ansichten zu tun, sondern gerade umgekehrt: mit ihrer Durchführung, ihrer Verwirklichung.

 

Werke, Band 2, Seite 10

Die Zeit von 1845 bis 1847 verbrachte Engels in Brüssel und Paris, wo er wissenschaftliche Studien mit praktischer Tätigkeit unter den deutschen Arbeitern dieser beiden Städte verband. Hier knüpften Engels und Marx Beziehungen an zu dem geheimen deutschen „Bund der Kommunisten", der ihnen den Auftrag gab, die Grundprinzipien des von ihnen ausgearbeiteten Sozialismus darzulegen. So entstand das im Jahre 1848 veröffentlichte berühmte „Manifest der Kommunistischen Partei" von Marx und Engels. Dieses kleine Büchlein wiegt ganze Bände auf: Sein Geist beseelt und bewegt bis heute das gesamte organisierte und kämpfende Proletariat der zivilisierten Welt.

 

 

Werke, Band 2, Seite 336 - 337

Was die Stellung der Arbeiterklasse als Kämpfer gegen den Absolutismus zu allen übrigen politisch oppositionellen Gesellschaftsklassen und -gruppen anbelangt, so ist diese völlig eindeutig durch die im berühmten „Kommunistischen Manifest" dargelegten Grundsätze des Sozialdemokratismus festgelegt. Die Sozialdemokraten unterstützen die fortschrittlichen Gesellschaftsklassen gegen die reaktionären, die Bourgeoisie gegen die Vertreter des privilegierten und ständischen Grundbesitzes und gegen die Beamtenschaft, die Großbourgeoisie gegen die reaktionären Gelüste des Kleinbürgertums. Diese Unterstützung setzt keinerlei Kompromisse mit nichtsozialdemokratischen Programmen und Prinzipien voraus und erfordert sie nicht - es ist die Unterstützung eines Bundesgenossen gegen den gegebenen Feind, wobei die Sozialdemokraten diese Unterstützung gewähren, um den Sturz dieses gemeinsamen Feindes zu beschleunigen, ohne aber von den zeitweiligen Bundesgenossen etwas für sich zu erwarten und ohne ihnen irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Die Sozialdemokraten unterstützen jede revolutionäre Bewegung gegen die jetzige Gesellschaftsordnung, jede unterdrückte Völkerschaft, jede verfolgte Konfession, jeden erniedrigten Stand usw. in ihrem Kampf um Gleichberechtigung.

Die Unterstützung aller politisch oppositionellen Elemente wird in der Propaganda der Sozialdemokraten darin zum Ausdruck kommen, daß die Sozialdemokraten, wenn sie die Feindschaft des Absolutismus gegen die Sache der Arbeiterschaft nachweisen, zugleich auf die Feindschaft des Absolutismus gegen diese oder jene gesellschaftlichen Gruppen und somit auf die Solidarität der Arbeiterklasse mit diesen Gruppen in diesen oder jenen fragen, bei diesen oder jenen Aufgaben usw. hinweisen werden.

In der Agitation wird diese Unterstützung darin zum Ausdruck kommen, daß die Sozialdemokraten jede Erscheinungsform polizeilichen Drucks seitens des Absolutismus ausnutzen werden, um den Arbeitern zu zeigen, wie dieser Druck auf allen russischen Staatsbürgern überhaupt und auf den Angehörigen besonders verfolgter Stände, Völkerschaften, Konfessionen, Sekten usw. im einzelnen lastet und wie sich dieser Druck insbesondere auf die Arbeiterklasse auswirkt. Endlich findet diese Unterstützung in der Praxis ihren Ausdruck darin, daß die russischen Sozialdemokraten zur Erreichung der einen oder anderen Teilziele sich bereit finden, mit Revolutionären anderer Richtungen Bündnisse zu schließen, und diese Bereitschaft ist mehr als einmal durch die Tat bewiesen worden.

 

 

Werke, Band 2, Seite 497 - 498

Anläßlich der Worte des Herrn Novus, Marx habe sich nicht gefürchtet, und zwar zu Recht, vom „Idiotismus des Landlebens" zu sprechen, und in der „Beseitigung dieses Idiotismus" ein Verdienst des Kapitalismus und der Bourgeoisie gesehen, schreibt Herr Michailowski.

Ich weiß nicht, wo Marx diese groben (?) Worte eigentlich geschrieben hat..." Dieses Eingeständnis, eines der wichtigsten Werke von Marx (nämlich das „Manifest") nicht zu kennen, ist sehr charakteristisch! Aber noch charakteristischer ist das Folgende: „ . . . es ist jedoch längst bekannt, daß, auch wenn Alexander von Mazedonien ein großer Held war, es doch nicht nötig ist, Stühle zu zerbrechen. (...) Aber auch so bin ich überzeugt" (man höre und staune!), „daß der angeführte Ausdruck bei Marx einfach ein hitziger Ausfall ist.

Für Herrn Michailowski, der wiederholt erklärte, er sei mit der ökonomischen Doktrin von Marx einverstanden, ist sein völliges Unverständnis für diese Doktrin höchst bezeichnend, aus dem heraus er mit „Überzeugung" sagen kann, die von Novus zitierten Marx-Worte seien daraus zu erklären, daß Marx sich einfach gehenließ, daß er in seinen Ausdrücken eben nicht wählerisch war, daß das bloß ein Ausfall gewesen sei! Nein, Herr Michailowski, das ist ein schwerer Irrtum. Diese Worte von Marx sind kein Ausfall, sondern Ausdruck einer der grundlegenden und der wichtigsten Züge seiner ganzen Weltanschauung, sowohl der theoretischen als auch der praktischen. Diese Worte bringen klar die Erkenntnis zum Ausdruck, daß der Prozeß der Abwanderung der Bevölkerung aus der Landwirtschaft in die Industrie, aus den Dörfern in die Städte, der eines der charakteristischsten Kennzeichen der kapitalistischen Entwicklung bildet und sowohl im Westen als auch in Rußland beobachtet werden kann, fortschrittlich ist.

Lenin fügt die folgende Fußnote hinzu:

* Herr Novus nahm natürlich nicht an, daß Herr Michailowski mit den Werken von Marx so wenig vertraut ist, denn sonst hätte er den ganzen Satz von Marx zitiert:

"Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen." (Diese beiden Sätze aus dem „Manifest der Kommunistischen Partei" von Lenin deutsch zitiert. Der Übersetzer.') Zitat aus: MEW, Band 4, Seite 466)

 

Werke, Band 4, Seite 168

Völlig unrichtig sind vor allem die Vorstellungen der Verfasser des „Credo" von der Vergangenheit der westeuropäischen Arbeiterbewegung.

Es ist nicht wahr, daß die Arbeiterklasse im Westen am Kampf für die politische Freiheit und an den politischen Revolutionen nicht teilgenommen hat. Die Geschichte des Chartismus, die Revolution von 1848 in Frankreich, Deutschland und Österreich beweisen das Gegenteil. Es ist völlig falsch, daß „der Marxismus der theoretische Ausdruck der herrschenden Praxis war: des politischen Kampfes, der den ökonomischen überwog".

Im Gegenteil, der „Marxismus" trat auf, als der unpolitische Sozialismus („Owenismus", „Fourierismus", der „wahre Sozialismus") herrschte, und das „Kommunistische Manifest" wandte sich sofort gegen den unpolitischen Sozialismus.

 

Werke, Band 4, Seite 210

Wir alle sind uns darin einig, daß es unsere Aufgabe ist, den Klassenkampf des Proletariats zu organisieren.

Was aber ist Klassenkampf?

Wenn die Arbeiter einer einzelnen Fabrik, eines einzelnen Berufs den Kampf gegen ihren Unternehmer oder gegen ihre Unternehmer aufnehmen, ist das Klassenkampf?

Nein, das sind erst schwache Ansätze dazu.

Der Kampf der Arbeiter wird erst dann zum Klassenkampf, wenn alle fortschrittlichen Vertreter der gesamten Arbeiterklasse des ganzen Landes sich bewußt werden, eine einheitliche Arbeiterklasse zu sein, und den Kampf nicht gegen einzelne Unternehmer, sondern gegen die ganze Klasse der Kapitalisten und gegen die diese Klasse unterstützende Regierung aufnehmen. Erst dann, wenn der einzelne Arbeiter sich bewußt ist, ein Teil der ganzen Arbeiterklasse zu sein, wenn er in seinem tagtäglichen Kleinkampf gegen einzelne Unternehmer und einzelne Beamte den Kampf gegen die ganze Bourgeoisie und gegen die ganze Regierung sieht, erst dann wird sein Kampf zum Klassenkampf. „Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf" ["Kommunistisches Manifest", MEW; Band 4, Seite 471] — diese berühmten Worte von Marx dürfen nicht in dem Sinne verstanden werden, jeder Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer wäre stets ein politischer Kampf. Sie müssen so verstanden werden, daß der Kampf der Arbeiter gegen die Kapitalisten notwendigerweise in dem Maße politischer Kampf wird, als er zum Klassenkampf wird. Die Aufgabe der Sozialdemokratie besteht eben darin, durch Organisierung der Arbeiter, durch Propaganda und Agitation unter ihnen ihren spontanen Kampf gegen die Unterdrücker in einen Kampf der ganzen Klasse, in den Kampf einer bestimmten politischen Partei für bestimmte politische und sozialistische Ideale zu verwandeln. Durch lokale Arbeit allein kann eine solche Aufgabe nicht gelöst werden.

 

 

Werke, Band 4, Seite 211

Die russische Sozialdemokratie hat viel zur Kritik der alten revolutionären und sozialistischen Theorien getan; sie hat sich nicht auf Kritik und Theoretisieren beschränkt, sie hat bewiesen, daß ihr Programm nicht in der Luft hängt, sondern einer breiten spontanen Bewegung im Volke, nämlich im Fabrik- und Werkproletariat, entgegenkommt; ihr bleibt jetzt noch der nächste, besonders schwierige, dafür aber auch besonders wichtige Schritt zu tun übrig: eine unseren Verhältnissen angepaßte Organisation dieser Bewegung herauszuarbeiten. Die Sozialdemokratie reduziert sich nicht auf einfachen Dienst an der Arbeiterbewegung: sie ist die „Vereinigung von Sozialismus und Arbeiterbewegung" (um die Definition K. Kautskys zu gebrauchen, die die Hauptideen des „Kommunistischen Manifests" wiedergibt); es ist ihre Aufgabe, in die spontane Arbeiterbewegung bestimmte sozialistische Ideale hineinzutragen, sie mit sozialistischen Oberzeugungen, die auf dem Niveau der modernen Wissenschaft stehen müssen, zu verbinden, sie mit dem systematisdren politischen Kampf für die Demokratie als ein Mittel zur Verwirklichung des Sozialismus zu verbinden, mit einem Wort, diese spontane Bewegung mit der Tätigkeit der revolutionären Partei zu einem unauflöslichen Ganzen zu verschmelzen.

 

 

Werke, Band 4, Seite 281

Sozialdemokratie ohne politischen Kampf ist ein Fluß ohne Wasser, ist ein schreiender Widerspruch, ist eine Rückkehr entweder zum utopischen Sozialismus unserer Ururgroßväter, die die „Politik" mißachteten, oder zum Anarchismus oder aber zum Trade-Unionismus.

Die erste profession de foi des internationalen Sozialismus, das „Kommunistische Manifest", hat bereits die seitdem zu einer Binsenwahrheit gewordene Tatsache festgestellt, -daß jeder Klassenkampf ein politischer Kampf ist, daß die Arbeiterbewegung nur dann über den Keimzustand und das Kindheitsstadium hinauswächst, wenn sie zur Klassenbewegung wird, wenn sie zum politischen Kampf übergeht.

 

 

Werke, Band 4, Seite 323

Wir stehen unseren Anschauungen nach völlig auf dem Boden der grundlegenden Ideen des Marxismus (wie sie im „Kommunistischen Manifest" und in den Programmen der westeuropäischen Sozialdemokraten zum Ausdruck kommen); wir treten für die konsequente Entwicklung dieser Ideen im Geiste von Marx und Engels ein und lehnen entschieden jene halbschlächtigen und opportunistischen Korrekturen ab, die jetzt nach dem Beispiel Bernsteins so sehr zur Mode geworden sind. Wir sehen die Aufgabe der Sozialdemokratie in der Organisierung des proletarischen Klassenkampfes, in der Förderung dieses Kampfes, in der Aufzeigung seines notwendigen Endziels, in der Analyse der Bedingungen, die die Methoden der Führung dieses Kampfes bestimmen. „Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein." Wenn wir aber die Sozialdemokratie nicht von der Arbeiterbewegung trennen, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß sie die Aufgabe hat, die Interessen dieser Bewegung in allen Ländern, in ihrer Gesamtheit zu vertreten, daß sie keineswegs in eine blinde Anbetung dieser oder jener einzelnen Phase, in der sich die Bewegung zu dieser oder jener Zeit, an diesem oder jenem Ort befindet, verfallen darf.

Wir halten es für die Pflicht der Sozialdemokratie, jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung zu unterstützen, und sehen ihr Ziel in der Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, in der Expropriation der Expropriateure und in der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft. Wir lehnen entschieden jeden Versuch ab, den revolutionären Charakter der Sozialdemokratie, die die Partei der sozialen Revolution ist und allen auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung stehenden Klassen schonungslos feindlich gegenübersteht, abzuschwächen oder zu vertuschen.

 

 

Werke, Band 5, Seite 348 - 349

Die genannten Sozialisten aber beweisen sowohl durch ihre Reden wie durch ihr Handeln ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Liberalismus und zeigen dadurch, daß sie die wichtigsten Thesen des „Kommunistischen Manifestes", dieses „Evangeliums" der internationalen Sozialdemokratie, nicht verstanden haben. Man erinnere sich z. B. der Worte, daß die Bourgeoisie selbst das Material für die politische Erziehung des Proletariats liefert durch ihren Kampf um die Macht, durch die Kollisionen einzelner ihrer Schichten und Gruppen usw. Nur in politisch freien Ländern fällt dem Proletariat dieses Material von selbst zu (und auch das nur zum Teil).

Im versklavten Rußland dagegen müssen wir Sozialdemokraten an der Beschaffung dieses „Materials" für die Arbeiterklasse aktiv arbeiten, d. h., wir müssen die Aufgabe auf uns nehmen, eine allseitige politische Agitation, eine vom ganzen Volk ausgehende Enthüllungskampagne gegen die Selbstherrschaft zu führen. Und diese Aufgabe ist in Zeiten politischer Gärung besonders dringlich. Man darf nicht vergessen, daß das Proletariat, was die revolutionäre Erziehung anbelangt, in einem Jahr politischer Belebung mehr lernen kann als in mehreren Jahren der Stille. Darum ist die Tendenz der genannten Sozialisten, Umfang und Inhalt der politischen Agitation bewußt oder unbewußt einzuengen, besonders schädlich.

 

 

Werke, Band 6, Seite 24

Das Programm der Sozialdemokratischen Partei Rußlands muß mit einer Charakteristik des russischen Kapitalismus (und einer Anklage gegen ihn) beginnen — und dann erst den internationalen Charakter der Bewegung hervorheben, die der Form nach — um mit den Worten des „Kommunistischen Manifests" zu sprechen — notwendigerweise zunächst eine nationale ist.


Gemeint ist hier folgende Stelle aus dem „Manifest der Kommunistischen Partei":

„Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden." (Siehe Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. I, Berlin 1955, S. 34.)

 

 

Werke, Band 6, Seite 35 - 37

Lenins kritische Bemerkungen zum zweiten Programmentwurf Plechanows (März 1902)

Gegen die §§ XI und XII habe ich einen äußerst wichtigen prinzipiellen Einwand: sie stellen in ganz einseitiger und falscher Form das Verhältnis des Proletariats zu den Kleinproduzenten dar (denn „die werktätige und ausgebeutete Masse" besteht eben aus dem Proletariat und den Kleinproduzenten).

Sie widersprechen direkt den wichtigsten Leitsätzen sowohl des „Kommunistischen Manifests" als auch der Statuten der Internationale und der meisten heutigen sozialdemokratischen Programme, und sie öffnen Tür und Tor für volkstümlerische, „kritische" und alle möglichen kleinbürgerlichen Mißverständnisse.

.. .Es wächst die Unzufriedenheit der werktätigen und ausgebeuteten Masse" — das ist richtig, aber es ist völlig falsch, die Unzufriedenheit des Proletariats und die Unzufriedenheit der Kleinproduzenten zu identifizieren und in einen Topf zu werfen, wie es hier geschehen ist. Die Unzufriedenheit der Kleinproduzenten ruft sehr oft deren Bestreben hervor (und muß es unvermeidlich bei ihnen oder bei einem beträchtlichen Teil von ihnen hervorrufen), ihre Existenz als Kleineigentümer zu verteidigen, d. h. die Grundlagen des gegenwärtigen Systems zu verteidigen und sogar das Rad der Geschichte zurückzudrehen.

... Es verschärft sich ihr Kampf und vor allem der Kampf ihres führenden Vertreters — des Proletariats..." Eine Verschärfung des Kampfes erfolgt natürlich auch bei den Kleinproduzenten. Aber ihr „Kampf "richtet sich sehr oft gegen das Proletariat, denn die Interessen des Kleinproduzenten geraten schon auf Grund seiner Lage in sehr vielem in einen scharfen Qegensatz zu den Interessen des Proletariats. Allgemein gesprochen ist das Proletariat überhaupt nicht der „führende Vertreter" des Kleinbürgertums. Und ist das mitunter der Fall, so nur dann, wenn der Kleinproduzent die Unvermeidlichkeit seines Untergangs erkennt, wenn er „seinen eigenen Standpunkt verläßt, um sich auf den des Proletariats zu stellen". Der führende Vertreter des Kleinproduzenten von beute, der „seinen eigenen Standpunkt" noch nicht verlassen hat, ist sehr oft der Antisemit und der Agrarier, der Nationalist und der Volkstümler, der Sozialreformer und der „Kritiker des Marxismus". Und gerade jetzt, wo die „Verschärfung des Kampfes" der Kleinproduzenten begleitet wird von der „Verschärfung des Kampfes" der „sozialistischen Gironde" gegen den „Berg", ist es am wenigsten angängig, all und jede Verschärfung in einen Topf zu werfen.

... Die internationale Sozialdemokratie steht an der Spitze der Befreiungsbewegung der werktätigen und ausgebeuteten Masse..." Durchaus nicht. Sie steht nur an der Spitze der Arbeiterklasse, der Arbeiterbewegung, und wenn sich dieser Klasse andere Elemente anschließen, so sind das eben Elemente und nicht Klassen. Und voll und ganz schließen sie sich nur dann an, wenn sie „ihren eigenen Standpunkt verlassen".

...Sie organisiert deren Kampfkräfte..." Auch das ist nicht richtig. Die Sozialdemokratie organisiert nirgends die „Kampfkräfte" der Kleinproduzenten.

Sie organisiert nur die Kampfkräfte der Arbeiterklasse. Die im Entwurf gewählte Formulierung ist um so weniger glücklich, je weniger man Rußland im Auge hat, je mehr die Darstellung (vgl. § V) sich auf die „entwickelte" bürgerliche Gesellschaft beschränkt.

Summa summarum. Der Entwurf spricht in positiver Form von dem revolutionären Charakter des Kleinbürgertums (wenn es das Proletariat „unterstützt" — bedeutet das etwa nicht, daß es revolutionär ist?) und sagt kein Wort über seinen konservativen (und sogar reaktionären) Charakter.

Das ist ganz einseitig und falsch.

In positiver Form können (und müssen) wir auf den konservativen Charakter des Kleinbürgertums hinweisen, und nur in bedingter Form dürfen wir auf seinen revolutionären Charakter hinweisen. Nur eine solche Formulierung wird dem ganzen Geiste der Marxschen Lehre genau entsprechen. Das „Kommunistische Manifest" erklärt z. B. eindeutig:

Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüber stehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse... der kleine Industrielle, der Handwerker, der Bauer... sind nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär... Sind sie revolutionär" („sind sie"!), „so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, . . . so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen."

Man sage nicht, daß sich in dem halben Jahrhundert, das seit dem „Kommunistischen Manifest" vergangen ist, die Dinge wesentlich geändert hätten. Gerade in dieser Beziehung hat sich nichts geändert: auch die Theoretiker haben diese These stets und ständig anerkannt (so hat Engels 1894 gerade von diesem Standpunkt aus das französische Agrarprogramm verworfen. Er sagte rundheraus: Solange der Kleinbauer seinen Standpunkt nicht verläßt, gehört er nicht zu uns — sein Platz ist bei den Antisemiten, mögen diese ihn vertrösten, und er wird dann um so sicherer zu uns kommen, je mehr die bürgerlichen Parteien ihn betrügen werden), und faktische Bestätigungen dieser Theorie werden auch durch die Geschichte bis in unsere Zeit massenhaft gegeben, bis zu nos chers amis*, den Herren „Kritikern".

Beiläufig bemerkt. Im Entwurf ist der Hinweis auf die Diktatur des Proletariats, der ursprünglich vorhanden war, weggelassen. Wenn das auch zufällig, aus Versehen, geschehen sein mag, so bleibt doch die unzweifelhafte Tatsache bestehen, daß der Begriff „Diktatur" unvereinbar ist mit der positiven Anerkennung einer fremden Unterstützung des Proletariats.

Wüßten wir wirklich positiv, daß das Kleinbürgertum das Proletariat unterstützen wird, wenn das Proletariat seine, die proletarische Revolution vollbringt, so wäre es überflüssig, von „Diktatur" zu reden, denn dann wäre uns vollauf eine so überwiegende Mehrheit gesichert, daß wir auch ohne Diktatur sehr gut auskämen (wie die „Kritiker" auch glauben machen wollen). Die Anerkennung der Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats ist aufs engste und untrennbar verbunden mit der Feststellung des „Kommunistischen Manifests", daß nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse ist.

 

 

Werke, Band 6, Seite 188, 189, 190

 

Und unsere Sozialrevolutionäre verreißen den Marxismus sozusagen nach Strich und Faden:

Dogmatische Vorurteile... überlebte, vom Leben längst zerschlagene Dogmen ...

Was ist das doch für ein bequemes Wörtchen: „Dogma"! Es genügt, die Theorie des Gegners ein wenig zu entstellen, diese Entstellung mit dem Popanz des „Dogmas" zu verdecken — und fertig ist der Laden!

Der ganze moderne Sozialismus, beginnend mit dem „Kommunistischen Manifest", fußt auf der unbestreitbaren Wahrheit, daß die einzige wirklich revolutionäre Klasse der kapitalistischen Gesellschaft das Proletariat ist. Die übrigen Klassen können revolutionär sein und sind es auch manchmal, aber nur zum Teil und nur unter bestimmten Bedingungen.

Fragt sich, was soll man von Leuten halten, die diese Wahrheit in ein Dogma der russischen Sozialdemokraten einer bestimmten Epoche „verwandelt" haben und nun versuchen, dem naiven Leser einzureden, dieses Dogma beruhe „ausschließlich auf dem Glauben, daß der offene politische Kampf in ferner Zukunft liege" ?

 

 

Werke, Band 6, Seite 251 - 252

Was aber die ruhmreichen Traditionen des revolutionären Denkens anbelangt, so sollte Herr Struve lieber schweigen. Wir brauchen nur auf die berühmten Schlußworte des „ Kommunistischen Manifests" [*] hinzuweisen.

Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß Engels dreißig Jahre nach dem Erscheinen des „Manifests" [Siehe Karl Marx und Friedrich Engels, „Manifest der Kommunistischen Partei", in Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. I, Berlin 1955, S. 54.], als die deutschen Arbeiter eines Bruchteils jener Rechte beraubt wurden, die das russische Volk niemals besessen hat, Dühring folgende Abfuhr erteilte:

„Für Herrn Dühring ist die Gewalt das absolut Böse, der erste Gewaltsakt ist ihm der Sündenfall, seine ganze Darstellung ist eine Jammerpredigt über die hiermit vollzogne Ansteckung der ganzen bisherigen Geschichte mit der Erbsünde, über die schmähliche Fälschung aller natürlichen und gesellschaftlichen Gesetze durch diese Teufelsmacht, die Gewalt.

Daß die Gewalt aber noch eine andre Rolle in der Geschichte spielt, eine revolutionäre Rolle, daß sie, in Marx3 Worten, die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger geht, daß sie das Werkzeug ist, womit sich die gesellschaftliche Bewegung durchsetzt und erstarrte, abgestorbne politische Formen zerbricht—davon kein Wort bei Herrn Dühring."

 

 

Werke, Band 8, Seite 59

Die Frage nach der Stellung der Sozialdemokratie oder der Arbeiterdemokratie zur bürgerlichen Demokratie ist eine alte und zugleich ewig neue Frage. Sie ist alt, denn sie wird schon seit der Entstehung der Sozialdemokratie aufgeworfen. Ihre theoretischen Grundlagen wurden bereits in den frühesten Werken der marxistischen Literatur, im „Kommunistischen Manifest" und im „Kapital", klargelegt. Sie ist ewig neu, denn jeder Schritt in der Entwicklung eines jeden kapitalistischen Landes bringt eine besondere, originelle Kombination verschiedener Schattierungen der bürgerlichen Demokratie mit verschiedenen Strömungen in der sozialistischen Bewegung hervor.

 

 

Werke, Band 8, Seite 71

Wer uns etwa eines Widerspruchs zeihen wollte (einerseits Anerkennung der sozialistischen guten Vorsätze der Sozialrevolutionäre, anderseits Kennzeichnung ihrer sozialen Natur als bürgerlich-demokratisch), den wollen wir daran erinnern, daß schon im Kommunistischen Manifest Beispiele nicht nur des kleinbürgerlichen, sondern auch des Bourgeois-Sozialismus analysiert werden. Die guten Vorsätze, Sozialist zu sein, schließen ein bürgerlich-demokratisches Wesen nicht aus.

 

 

Werke, Band 10, Seite 45

Lernt von den Feinden, Genossen Arbeiter, die ihr mit der Bildung einer parteilosen Arbeiterorganisation sympathisiert oder diesem Wunsch auch nur gleichgültig gegenübersteht! Erinnert euch an das Kommunistische Manifest von Marx und Engels, das davon spricht, daß das Proletariat nicht nur durch seine zunehmende Vereinigung zur Klasse wird, sondern auch durch sein wachsendes Bewußtsein. Erinnert euch an das Beispiel solcher Länder wie England, wo der Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie überall vor sich geht und stets vor sich ging, das Proletariat dabei aber uneinig geblieben ist, die von ihm Gewählten von der Bourgeoisie bestochen worden sind, sein Bewußtsein durch die Ideologen des Kapitals korrumpiert und seine Kraft durch den Abfall der Arbeiteraristokratie von der Arbeitermasse zersplittert worden ist. Erinnert euch an all dies, Genossen Arbeiter, und ihr werdet zu der Überzeugung kommen, daß nur das sozialdemokratische Proletariat ein Proletariat ist, das seine Klassenaufgaben erkannt hat. Nieder mit der Parteilosigkeit!

Immer und überall war die Parteilosigkeit das Werkzeug und die Losung der Bourgeoisie. Wir können und müssen unter gewissen Umständen mit den unaufgeklärten Proletariern, mit den Proletariern, die unproletarische Lehren annehmen (das Programm der „Sozialrevolutionäre"), zusammengehen, aber nie und nimmer dürfen wir unser strenges Parteiprinzip lockern, nie und nimmer dürfen wir vergessen oder anderen zu vergessen erlauben, daß Feindseligkeit im Proletariat gegenüber der Sozialdemokratie ein Überrest bürgerlicher Anschauungen im Proletariat ist.

 

 

Werke, Band 12, Seite 182

Wir begrüßen von ganzem Herzen, daß die Menschewiki dazu übergehen, die prinzipiellen Grundlagen unserer taktischen Meinungsverschiedenheiten klarzustellen. Es war höchste Zeit.

Also die Kadetten sind die fortschrittliche städtische "Bourgeoisie, die Trudowiki die rückständige ländliche Bourgeoisie. Darauf läuft euer „Marxismus" hinaus.

Aber wenn dem so ist, warum sagt ihr das nicht offen und geradeheraus vor der ganzen Partei? Warum erklärt ihr nicht in dem Resolutionsentwurf für den Parteitag mit aller Bestimmtheit, daß die SDAPR im Namen des „Kommunistischen Manifests" verpflichtet ist, die Kadetten gegen die Trudowiki zu unterstützen?

 

 

Werke, Band 12, Seite 360

Ein Vergleich dessen, was Marx und Engels über Fragen der englischamerikanischen und über Fragen der deutschen Arbeiterbewegung geäußert haben, ist äußerst aufschlußreich. Zieht man in Betracht, daß Deutschland einerseits, England und Amerika anderseits verschiedene Stadien der kapitalistischen Entwicklung, verschiedene Formen der Herrschaft der Bourgeoisie als Klasse im ganzen politischen Leben dieser Länder darstellen, so gewinnt ein solcher Vergleich besonders große Bedeutung.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sehen wir hier ein Musterbeispiel materialistischer Dialektik, die Fähigkeit, je nach den konkreten Besonderheiten dieser oder jener politischen und ökonomischen Verhältnisse verschiedene Punkte, verschiedene Seiten einer Frage in den Vordergrund zu rücken und hervorzuheben. Vom Standpunkt der praktischen Politik und Taktik der Arbeiterpartei aus sehen wir hier ein Musterbeispiel dafür, wie die Schöpfer des „Kommunistischen Manifests" die Aufgaben des kämpfenden Proletariats je nach den verschiedenen Etappen der nationalen Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder bestimmten.

 

 

Werke, Band 17, Seite 36

Tolstois Lehre ist unbedingt utopisch und, ihrem Inhalt nach, reaktionär in der wahrsten und tiefsten Bedeutung dieses Wortes. Hieraus folgt jedoch keineswegs, daß diese Lehre nicht sozialistisch wäre, noch daß sie keine kritischen Elemente enthielte, die wertvolles Material zur Aufklärung der fortgeschrittenen Klassen zu liefern vermögen.

Es gibt Sozialismus und Sozialismus. In allen Ländern mit kapitalistischer Produktionsweise gibt es einen Sozialismus als Ausdruck der Ideologie derjenigen Klasse, die die Bourgeoisie abzulösen berufen ist, und es gibt einen Sozialismus entsprechend der Ideologie derjenigen Klassen, die von der Bourgeoisie abgelöst werden. Der feudale Sozialismus beispielsweise ist ein Sozialismus der letztgenannten Art, und der Charakter eines solchen Sozialismus wurde schon längst, vor mehr als 60 Jahren, von Marx zusammen mit anderen Arten des Sozialismus eingeschätzt.

Lenin verweist auf die Quelle:

Manifest der Kommunistischen Partei". (Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 482-484 und 491/492.)

 

 

Werke, Band 18, Seite 576

Das Wichtigste in der Marxschen Lehre ist die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft. Hat.nun der weitere Verlauf der Ereignisse in der ganzen Welt diese Lehre, wie sie von Marx dargelegt wurde, bestätigt?

Zum erstenmal formulierte sie Marx im Jahre 1844. Das im Jahre 1848 erschienene „Kommunistische Manifest" von Marx und Engels gibt bereits eine geschlossene, systematische, bis heute unübertroffene Darlegung dieser Lehre. Die Weltgeschichte läßt sich von dieser Zeit an deutlich in drei Hauptperioden einteilen: 1. von der Revolution 1848 bis zur Pariser Kommune (1871); 2. von der Pariser Kommune bis zur russischen Revolution (1905); 3. von der russischen Revolution an.

 

 

Werke, Band 19, Seite 4

Marx und Engels verfochten mit aller Entschiedenheit den philosophischen Materialismus und legten zu wiederholten Malen dar, wie grundfalsch jede Abweichung von dieser Grundlage ist. Am klarsten und ausführlichsten sind ihre Anschauungen in Engels' Werken „Ludwig Feuerbach" und „Anti-Dühring" niedergelegt, die - wie das „Kommunistische Manifest" - Handbücher jedes klassenbewußten Arbeiters sind.

 

 

 

Werke, Band 19, Seite 554

[ Lenin bezieht sich hier auf Briefe von Friedrich Engels an Karl Marx ]

Äußerungen von Engels, die sich auf alle Arten des vormarxschen Sozialismus beziehen:

Über den Proudhonschen Assoziationsplan wurde drei Abende diskutiert", schreibt Engels. „Anfangs hatte ich beinahe die ganze Clique, zuletzt nur noch Eisermann und die übrigen drei Grünianer gegen mich. Die Hauptsache dabei war, die Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution nachzuweisen..." (23. Oktober 1846.) „Zuletzt wurd' ich wütend... und attackierte die Straubinger geradezu . . . , wodurch ich" ihnen „einen offnen Angriff auf den Kommunismus entlockte . . . Ich erklärte also, ehe ich mich auf weitere Diskussion einließe, müsse abgestimmt werden, ob wir hier qua [als] Kommunisten zusammenkämen oder nicht... Dies erregte großes Entsetzen bei den Grünianern, sie seien hier ,für das Wohl der Menschheit' zusammen . . . übrigens müßten sie erst wissen, was Kommunismus eigentlich s e i . . . Ich gab ihnen eine höchst simple Definition, d i e . . . nichts enthielt, was Anlaß zu Abschweifungen und zur Umgehung der vorgeschlagenen Abstimmung geben könnte. Ich definierte also", schreibt Engels, „die Absichten der Kommunisten dahin: 1. die Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeois durchzusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privateigentums und Ersetzung desselben durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein andres Mittel zur Durchführung dieser Absichten anzuerkennen als die gewaltsame, demokratische Revolution." (Geschrieben anderthalb Jahre vor der Revolution von 1848.)

Die Diskussion endete damit, daß die -Versammlung mit 13 Stimmen gegen 2 Grünianer die Definition von Engels annahm. Diese Versammlungen waren von ungefähr 20 Schreinergesellen besucht. So wurde vor 67 Jahren in Paris der Grundstein der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands gelegt.

Ein Jahr später, im Brief vom 23. November 1847, berichtet Engels an Marx über den von ihm verfaßten Entwurf des „Kommunistischen Manifestes", wobei er sich unter anderem gegen die früher vorgesehene Katechismusform ausspricht. Engels schreibt: „Ich fange an: Was ist der Kommunismus? und dann gleich das Proletariat – Entstehungsgeschichte, Unterschied von früheren Arbeitern, Entwicklung des Gegensatzes des Proletariats und der Bourgeoisie, Krisen, Folgerungen . . . und schließlich die Parteipolitik der Kommunisten."

Dieser historische Brief von Engels über den ersten Entwurf einer Schrift, die in der ganzen Welt verbreitet, bis heute in allem Grundlegenden richtig, lebendig und aktuell ist, als wäre sie gestern geschrieben, zeigt anschaulich, daß man die Namen Marx und Engels mit Recht nebeneinander stellt als die Namen der Begründer des modernen Sozialismus.

 

 

Werke, Band 20, Seite 209

Sobald die Herren linken Volkstümler von den hohlen, allgemeinen Phrasen über die „werktätige Bauernschaft", Phrasen, deren alle überdrüssig geworden sind und die ihre Unkenntnis sowohl des „Kommunistischen Manifests" als auch des „Kapitals" zeigen, zu genauen Angaben übergehen, tritt sofort zutage, daß die linken Volkstümler die Bourgeoisie beschönigen.

Verhüllt wird der bürgerliche Charakter der gesamten Theorie von der „werktätigen Bauernschaft" durch Phrasen und Ausrufe, entlarvt wird er durch die Tatsachen und durch das Studium der Marxschen Theorie.

 

 

Werke, Band 20, Seite 374 und 375

Die Marxisten dagegen erklären in ihrem Programm direkt, daß sie sich „immer und stets allen Versuchen widersetzen werden, den Gang der ökonomischen Entwicklung zu hemmen.

Die klassenbewußten Arbeiter der ganzen Welt und darunter auch Rußlands überzeugen sich immer mehr von der Richtigkeit des Marxismus, denn das Leben selbst zeigt ihnen, daß nur die maschinelle Großproduktion die Arbeiter weckt, sie aufklärt und zusammenschweißt und die objektiven Bedingungen für eine Massenbewegung schafft.

Hat Herr Rakitnikow wirklich weder „Das Kapital" noch „Das Elend der Philosophie", noch das „Kommunistische Manifest" gelesen? Wenn er sie nicht gelesen hat, dann sollte er überhaupt nicht über Sozialismus sprechen, dann ist es lächerlich, damit Zeit zu verlieren.

Wenn er sie aber gelesen hat, so muß er wissen, daß die grundlegende Idee (Gedanke) von Marx in allen seinen Werken, ein Gedanke, der nach Marx durch die Erfahrung aller Länder bestätigt wurde, der Gedanke von dem fortschrittlichen Charakter des Kapitalismus im Vergleich zur Leibeigenschaft ist. Gerade in diesem Sinne „beschönigen" (nach dem plumpen und unklugen Ausdruck Rakitnikows) Marx und alle Marxisten die „kapitalistische Schlinge"!!

Nur Anarchisten oder Kleinbürger, die die Bedingungen der geschichtlichen Entwicklung nicht verstehen, können sagen: Ganz gleich, ob die fronherrliche oder die kapitalistische Schlinge - Schlingen sind beide!!

Das heißt, sich auf das Verurteilen beschränken und den objektiven Gang der ökonomischen Entwicklung nicht begreifen.

 

 

Werke, Band 20, Seite 463 - und 464

Man sagt, die Geschichte liebe die Ironie, liebe es, mit den Menschen Spaße zu treiben. Man wollte in ein Zimmer — und geriet in ein anderes.

Dies pflegt in der Geschichte stets und ständig mit Leuten, Gruppen und Richtungen vorzukommen, die ihr wahres Wesen nicht verstanden, nicht erkannt haben, das heißt sich nicht bewußt geworden sind, zu welchen Klassen sie in Wirklichkeit (und nicht in ihrer Einbildung) hinneigen. Ob dieses Nichtverstehen aufrichtig oder geheuchelt ist, das ist eine Frage, die den Biographen dieser oder jener Persönlichkeit interessieren mag: für den Politiker aber ist das jedenfalls eine zweitrangige Frage.

Wesentlich ist, wie Geschichte und Politik die Grüppchen und Richtungen entlarven und ihr unter der „auch-sozialistischen" oder „auchmarxistischen" Phrase verborgenes bürgerliches Wesen bloßlegen. In der Epoche der bürgerlich-demokratischen Revolutionen hielten sich überall, in der ganzen Welt Dutzende von Grüppchen und Richtungen für „sozialistisch" und gaben sich dafür aus (siehe beispielsweise die Aufzählung einiger von ihnen im dritten Abschnitt des „Kommunistischen Manifests" von Marx und Engels). Die Geschichte hat sie schnell, in nicht mehr als 10-20 Jahren und sogar in kürzerer Zeit entlarvt.

Siehe Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden,
Bd. I, Berlin 1960, S. 23-54.

 

Werke, Band 21, Seite 2

Der Verrat am Sozialismus, den die Mehrheit der Führer der II. Internationale (1889-1914) beging, bedeutet den ideologischen und politischen Zusammenbruch dieser Internationale. Die Hauptursache dieses Zusammenbruchs ist darin zu suchen, daß in ihr faktisch der kleinbürgerliche Opportunismus überwiegt, auf dessen bürgerlichen Charakter und auf dessen Gefährlichkeit die besten Vertreter des revolutionären Proletariats in allen Ländern schon seit langem hingewiesen haben. Die Opportunisten haben den Zusammenbruch der II. Internationale seit langem vorbereitet, indem sie die sozialistische Revolution verneinten und sie durch den bürgerlichen Reformismus ersetzten,- indem sie den Klassenkampf und seinen zu bestimmten Zeitpunkten notwendigen Umschlag in den Bürgerkrieg leugneten und die Zusammenarbeit der Klassen predigten; indem sie unter der Flagge des Patriotismus und der Vaterlandsverteidigung den bürgerlichen Chauvinismus predigten und die bereits im „Kommunistischen Manifest" dargelegte Grundwahrheit des Soziausmus, daß die Arbeiter kein Vaterland haben, ignorierten oder bestritten.

 

 

Werke, Band 21, Seite 25 - 26

Man kann nicht vom Vaterland sprechen - antworten wir den Opportunisten - und dabei den konkreten historischen Charakter des Krieges ignorieren. Dieser Krieg ist ein imperialistischer Krieg, d. h. ein Krieg in der Epoche des höchstentwickelten Kapitalismus, in der Endepoche des Kapitalismus. Die Arbeiterklasse muß sich zunächst „als Nation konstituieren"- so erklärt das „Kommunistische Manifest", zugleich mit einem Hinweis auf die Grenzen und 'Bedingungen, unter denen wir Nationalität und Vaterland als notwendige Formen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und folglich auch das bürgerliche Vaterland anerkennen. Die Opportunisten entstellen diese Wahrheit, indem sie das, was für die Entstehungsepoche des Kapitalismus gilt, auf seine Endepoche übertragen. Von dieser Epoche aber, von den Aufgaben des Proletariats im Kampf um die Zerstörung nicht des Feudalismus, sondern des Kapitalismus, sagt das Kommunistische Manifest klar und deutlich: „Die Arbeiter haben kein Vaterland." Man begreift, warum die Opportunisten sich fürchten, diese Wahrheit des Sozialismus anzuerkennen, ja es zumeist nicht einmal wagen, sich offen mit ihr auseinanderzusetzen. Die sozialistische Bewegung kann im alten Rahmen des Vaterlandes nicht siegen. Sie bringt neue, höhere Formen des menschlichen Zusammenlebens hervor, worin die berechtigten Bedürfnisse und fortschrittlichen Bestrebungen der werktätigen Massen jeder Nationalität zum erstenmal in internationaler Einheit, unter Wegfall der jetzigen nationalen Schranken befriedigt werden. Die jetzigen Versuche der Bourgeoisie, die Arbeiter durch heuchlerische Berufung auf die „Vaterlandsverteidigung" zu trennen und zu spalten, werden die klassenbewußten Arbeiter mit immer neuen und ständig wiederholten Versuchen beantworten, die Einheit der Arbeiter verschiedener Nationen im Kampf für den Sturz der Herrschaft der Bourgeoisie aller Nationen herzustellen.

Die Bourgeoisie betrügt die Massen, indem sie den imperialistischen Raubzug mit der alten Ideologie des „nationalen Krieges" verbrämt. Das Proletariat entlarvt diesen Betrug und verkündet die Losung der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg.

 

 

Werke, Band 21, Seite 36

Im Frühjahr 1847 schlössen sich Marx und Engels einer geheimen Propagandagesellschaft an, dem „Bund der Kommunisten", nahmen hervorragenden Anteil am II. Kongreß dieses Bundes (November 1847 in London) und verfaßten in seinem Auftrag das berühmte, im Februar 1848 erschienene „Manifest der Kommunistischen Partei". Mit genialer Klarheit und Ausdruckskraft ist in diesem Werk die neue Weltanschauung umrissen: der konsequente, auch das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens umfassende Materialismus, die Dialektik als die umfassendste und tiefste Lehre von der Entwicklung, die Theorie des Klassenkampfes und der welthistorischen revolutionären Rolle des Proletariats, des Schöpfers einer neuen, der kommunistischen Gesellschaft.

 

 

Werke, Band 21, Seite 46 - 47

Der Marxismus gab uns den Leitfaden, der in diesem scheinbaren Labyrinth und Chaos eine Gesetzmäßigkeit zu entdecken erlaubt: die Theorie des Klassenkampfes. Nur die Untersuchung der Gesamtheit der Bestrebungen aller Mitglieder einer gegebenen Gesellschaft oder einer Gruppe von Gesellschaften ermöglicht es, das Resultat dieser Bestrebungen wissenschaftlich zu bestimmen. Der Ursprung der gegensätzlichen Bestrebungen liegt aber in der Verschiedenheit der Lage und der Lebensbedingungen der Klassen, in die jede Gesellschaft zerfällt.

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft", schreibt Marx im „Kommunistischen Manifest" (mit Ausnahme der Geschichte der ursprünglichen Gemeinwesen, fügt Engels nachträglich hinzu), „ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigner, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen . . . Die aus dem Untergange der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt. Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.'"

Die folgende Stelle aus dem Marxschen „Kommunistischen Manifest" wird uns zeigen, welche Forderungen nach einer objektiven Analyse der Stellung jeder Klasse in der modernen Gesellschaft, im Zusammenhang mit der Analyse der Entwicklungsbedingungen jeder Klasse, Marx an die Gesellschaftswissenschaft stellte:

Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt. Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, denn sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen."

 

 

Werke, Band 21, Seite 61 - 62

Die Nationen sind ein unvermeidliches Produkt und eine unvermeidliche Form der bürgerlichen Epoche der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch die Arbeiterklasse konnte nicht erstarken, ins Mannesalter eintreten und sich formieren, ohne „sich selbst als Nation zu konstituieren", ohne „national" zu sein („wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie"). Aber die Entwicklung des Kapitalismus zerstört mehr und mehr die nationalen Schranken, hebt die nationale Absonderung auf und setzt an die Stelle der nationalen Antagonismen die der Klassen. In den entwickelten kapitalistischen Ländern ist es daher volle Wahrheit, daß „die Arbeiter kein Vaterland haben" und daß die „vereinigte Aktion" der Arbeiter wenigstens der zivilisierten Länder für das Proletariat „eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung" ist. („Kommunistisches Manifest".)

 

 

Werke, Band 21, Seite 64 , 65-66

Die Hauptaufgabe der Taktik des Proletariats bestimmte Marx in strenger Übereinstimmung mit allen Leitsätzen seiner materialistisch-dialektischen Weltanschauung. Nur die objektive Berücksichtigung der Gesamtheit der Wechselbeziehungen ausnahmslos aller Klassen einer gegebenen Gesellschaft, und folglich die Berücksichtigung der objektiven Entwicklungsstufe dieser Gesellschaft, wie auch der Wechselbeziehungen zwischen ihr und anderen Gesellschaften, kann als Grundlage für eine richtige Taktik der fortgeschrittenen Klasse dienen. Dabei werden alle Klassen und alle Länder nicht in ihrer Statik, sondern in ihrer Dynamik betrachtet, d. h. nicht im starren Zustand, sondern in der Bewegung (deren Gesetze den ökonomischen Existenzbedingungen jeder Klasse entspringen). Die Bewegung wiederum wird nicht nur vom Standpunkt der Vergangenheit betrachtet, sondern auch vom Standpunkt der Zukunft, und zwar nicht nach der platten Auffassung der „Evolutionisten", die nur langsame Veränderungen sehen, sondern dialektisch. Man soll nicht glauben, schrieb Marx an Engels, „daß in dergleichen großen Entwicklungen 20 Jahre mehr als ein Tag sind, obgleich nachher wieder Tage kommen können, worin sich 20 Jahre zusammenfassen" („Briefwechsel", Bd. HI, S. 127).28 Auf jeder Entwicklungsstufe, in jedem Moment muß die Taktik des Proletariats diese objektiv unvermeidliche Dialektik der menschlichen Geschichte berücksichtigen, indem sie einerseits die Epochen der politischen Stagnation oder der schneckenhaft langsamen, sogenannten „friedlichen'" Entwicklung ausnutzt, um das Bewußtsein, die Kraft und Kampffähigkeit der fortgeschrittenen Klasse zu entwickeln, und indem sie anderseits diese ganze Arbeit auf das „Endziel" der Bewegung der betreffenden Klasse ausrichtet und darauf einstellt, diese Klasse zur praktischen Lösung der großen Aufgaben in den großen Tagen zu befähigen, „worin sich 20 Jahre zusammenfassen". In dieser Frage sind zwei Erwägungen von Marx besonders wichtig: die eine im „Elend der Philosophie" über den ökonomischen Kampf und die ökonomischen Organisationen des Proletariats, die andere im „Kommunistischen Manifest" über seine politischen Aufgaben.

Das „Kommunistische Manifest" stellte zur Taktik des politischen Kampfes die grundlegende These des Marxismus auf: „Sie" (die Kommunisten) „kämpfen für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung."

 

 

Werke, Band 21, Seite 148 - 149

Die ganze ökonomische und diplomatische Geschichte der letzten Jahrzehnte zeigt, daß die beiden Gruppen der kriegführenden Nationen eben einen solchen Krieg systematisch vorbereitet haben. Die Frage, welche Gruppe den ersten militärischen Schlag geführt oder als erste den Krieg erklärt hat, ist bei der Festlegung der Taktik der Sozialisten ohne jede Bedeutung. Die Phrasen von der Verteidigung des Vaterlandes, von der Abwehr eines feindlichen Überfalls, vom Defensivkrieg - usw. sind auf beiden Seiten reiner Volksbetrug.

Den wirklich nationalen Kriegen, die insbesondere in die Epoche von 1789-1871 fielen, lag ein lang dauernder Prozeß nationaler Massenbewegungen zugrunde, ein Prozeß des Kampfes gegen den Absolutismus und Feudalismus, der Beseitigung nationaler Unterdrückung und der Schaffung von Nationalstaaten als Voraussetzung der kapitalistischen Entwicklung.

Die durch diese Epoche erzeugte nationale Ideologie hinterließ tiefe Spuren in der Masse des Kleinbürgertums und in einem Teil des Proletariats.

Das machen sich die Sophisten der Bourgeoisie und die hinter ihnen einhertrottenden Verräter am Sozialismus heute, in einer ganz anderen, der imperialistischen Epoche, zunutze, um die Arbeiter zu spalten und sie von ihren Klassenaufgaben und vom revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie abzulenken.

Mehr denn je bewahrheiten sich heute die Worte des „Kommunistischen Manifests": „Die Arbeiter haben kein Vaterland." Nur der internationale Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie kann seine Errungenschaften aufrechterhalten und den unterdrückten Massen den Weg zu einer besseren Zukunft erschließen.

 

 

 

Werke, Band 21, Seite 271 - 272

Die Erinnerung an das „Kommunistische Manifest" ist für David ebenso unangenehm wie für Semkowski der daran erinnernde Titel unserer Zeitschrift. „Die Arbeiter haben kein Vaterland" - diese These des Kommunistischen Manifests ist nach Davids Überzeugung „längst überwunden" (S. 176 u. a.).

Zur Nationalitätenfrage präsentiert David in einem ganzen, dem abschließenden, Kapitel den abgeschmackten bürgerlichen Unsinn von einem „biologischen Gesetz der Differenzierung" (!!) u. dgl. m.

International heißt nicht antinational, wir sind für das Recht der Nationen auf Selbstbehauptung, wir sind gegen die Vergewaltigung schwacher Nationen - versichert David und begreift nicht (richtiger gesagt, tut so, als begriffe er nicht), daß man gerade dann nicht nur ein antisozialistischer, sondern auch ein antinationaler Politiker ist, wenn man die

Teilnahme am imperialistischen Krieg rechtfertigt, wenn man in diesem Krieg die Losung „gegen die Niederlage" ausgibt. Denn der gegenwärtige imperialistische Krieg ist ein Krieg der Großmachtvölker (= der Völker, die eine ganze Reihe anderer Nationen unterdrücken) zum Zwedk der Unterwerfung neuer Nationen. Man kann im imperialistischen Krieg nur dann „nationaler" Politiker sein, wenn man sozialistischer Politiker ist, d. h. nur dann, wenn man das Recht der unterdrückten Nationen auf ihre Befreiung, auf Lostrennung von den sie lunterdrückenden Großmächten anerkennt. In der Epoche des Imperialismus gibt es für die Mehrzahl der Nationen der Welt keine andere Rettung als die revolutionäre Aktion des Proletariats der Großmachtnationen, die über die Schranken der Nationalität hinausgeht, diese Schranken durchbricht, die internationale

Bourgeoisie stürzt. Kommt es nicht zu diesem Sturz, so bleiben die Großmachtnationen weiterbestehen, das heißt, es bleibt die Unterdrückung von neun Zehnteln aller Nationen der Welt weiterbestehen. Kommt es aber zu diesem Sturz, so wird er in gewaltigem Ausmaß den Fall aller und jedweder nationalen Scheidewände beschleunigen, und er wird dadurch die „Differenzierung" der Menschheit im Sinne von Reichtum und Mannigfaltigkeit des geistigen Lebens und der ideellen Strömungen, Bestrebungen und Schattierungen nicht abschwächen, sondern millionenfach" steigern.

 

 

Werke, Band 21, Seite 310

Wer sich jetzt auf Marx' Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx' Worte „Die Arbeiter haben kein Vaterland" [Kommunistisches Manifest] vergißt - diese Worte, die sich gerade auf die Epoche der reaktionären, überlebten Bourgeoisie beziehen, auf die Epoche der sozialistischen Revolution -, der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche.

 

 

Werke, Band 21, Seite 396 und 397

Welche Argumente wurden nun von den Schwankenden gegen uns ins Feld geführt? Die Deutschen gaben zu, daß wir revolutionären Schlachten entgegengehen, aber - sagten sie - solche Dinge wie Verbrüderung in den Schützengräben, politische Streiks, Straßendemonstrationen und Bürgerkrieg dürfe man nicht in alle Welt ausposaunen. Das tue man, aber davon spreche man nicht. Und andere fügten hinzu, das sei Kinderei, das sei Blendwerk.

Ihr folgt dem schlechten Beispiel Kautskys, antworteten wir den Deutschen: In Worten bekennt ihr euch zur kommenden Revolution, faktisch aber verzichtet ihr darauf, den Massen offen von der Revolution zu sprechen, sie dazu aufzurufen und ganz konkret die Kampfmittel anzugeben, die von der Masse im Verlauf der Revolution erprobt und als richtig anerkannt werden. Vom Ausland her - den deutschen Philistern erschien es entsetzlich, daß man es wagt, vom Ausland her über revolutionäre Kampfmittel zu sprechen! - riefen Marx und Engels 1847 in dem berühmten „Manifest der Kommunistischen Partei" zur Revolution auf, sie sprachen klar und offen von der Anwendung der Gewalt und erklärten, daß sie es „verschmähen", ihre revolutionären Ziele, die Aufgaben und Methoden des Kampfes zu verheimlichen. Die Revolution von 1848 bewies, daß allein Marx und Engels mit der richtigen Taktik an die Ereignisse herangegangen waren.

 

 

Werke, Band 23, Seite 207

Neunundzwanzig Jahre sind seit meiner ersten Verhaftung in Rußland vergangen, In diesen 29 Jahren habe ich nicht aufgehört, revolutionäre Appelle an die Massen zu richten. Ich habe das von meinem sibirischen Gefängnis aus und später vom Ausland aus getan. Und ich fand in der revolutionären Presse des öfteren die gleichen „Anspielungen" wie in den Reden der zaristischen Staatsanwälte, „Anspielungen", daß es mir an Ehrlichkeit gebräche, da ich, der ich im Ausland lebte, revolutionäre Appelle an die Massen Rußlands richte.

Wenn zaristische Staatsanwälte solche „Anspielungen" machen, dann wird das niemanden wundern. Aber ich muß sagen, daß ich von Ledebour andere Argumente erwartet hätte. Ledebour hat wahrscheinlich vergessen, daß Marx und Engels, als sie 1847 ihr berühmtes „Kommunistisches Manifest" schrieben, ebenfalls vom Ausland aus revolutionäre Aufrufe an die deutschen Arbeiter richteten! Der revolutionäre Kampf ist oft nicht möglich ohne Emigration der Revolutionäre. Frankreich hat diese Erfahrung wiederholt gemacht. Und Bürger Souvarine täte besser daran, dem schlechten Beispiel Ledebours und . . . der zaristischen Staatsanwälte nicht zu folgen.

 

 

Werke, Band 24, Seite 271

„8. Ergänzung durch eine Charakteristik der Hauptströmungen des modernen Sozialismus."

Im Kommunistischen Manifest ist eine solche Ergänzung gegeben.

(aus Lenins Referat zur Frage der Revision des Parteiprogramms vom 28. April [11. Mai] 1917)

 

Werke, Band 25, Seite 412 - 413 und 414

Die Dialektik wird durch Eklektizismus ersetzt. Das ist, was den Marxismus anbelangt, die allgemein übliche, am weitesten verbreitete Erscheinung in der offiziellen sozialdemokratischen Literatur unserer Tage. Ein solches Ersetzen ist natürlich nichts Neues, es war sogar in der Geschichte der klassischen griechischen Philosophie zu beobachten. Bei der Verfälschung des Marxismus in Opportunismus pflegt die Verfälschung der Dialektik in Eklektizismus die Massen am leichtesten zu täuschen, sie gewährt eine scheinbare Befriedigung, berücksichtigt scheinbar alle Seiten des Prozesses, alle Entwicklungstendenzen, alle widerspruchsvollen Einflüsse usw., während sie in Wirklichkeit gar keine einheitliche, keine revolutionäre Auffassung des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses gibt.

Wir haben schon oben davon gesprochen und werden in der weiteren Darstellung ausführlicher zeigen, daß die Lehre von Marx und Engels von der Unvermeidlichkeit der gewaltsamen Revolution sich auf den bürgerlichen Staat bezieht. Dieser kann durch den proletarischen Staat (die Diktatur des Proletariats) nicht auf dem Wege des „Absterbens" abgelöst werden, sondern, als allgemeine Regel, nur durch eine gewaltsame Revolution. Die Lobrede, die Engels auf die gewaltsame Revolution hält und die den vielfachen Erklärungen von Marx durchaus entspricht (erinnern wir uns an den Schluß des „Elends der Philosophie" und des „Kommunistischen Manifests" mit der stolzen und offenen Erklärung, daß die gewaltsame Revolution unausbleiblich ist; erinnern wir uns an die Kritik des Gothaer Programms vom Jahre 187597, fast dreißig Jahre später, in der Marx den Opportunismus dieses Programms schonungslos geißelte) - diese Lobrede ist durchaus keine „Schwärmerei", durchaus keine Deklamation, kein polemischer Ausfall. Die Notwendigkeit, die Massen systematisch in diesen, gerade in diesen Auffassungen über die gewaltsame Revolution zu erziehen, liegt der gesamten Lehre von Marx und Engels zugrunde. Der Verrat an ihrer Lehre durch die heutzutage vorherrschenden sozialchauvinistischen und kautskyanischen Strömungen kommt besonders plastisch darin zum Ausdruck, daß man hier wie dort diese Propaganda, diese Agitation vergessen hat.

Die Ablösung des bürgerlichen Staates durch den proletarischen ist ohne gewaltsame Revolution unmöglich. Die Aufhebung des proletarischen Staates, d. h. die Aufhebung jeglichen Staates, ist nicht anders möglich als auf dem Wege des „Absterbens".

Eine ausführliche und konkrete Entwicklung dieser Auffassungen lieferten Marx und Engels, indem sie jede einzelne revolutionäre Situation studierten, die Lehren aus den Erfahrungen jeder einzelnen Revolution analysierten. Wir gehen nunmehr zu diesem fraglos wichtigsten Teil ihrer Lehre über.

Die ersten Werke des reifen Marxismus, „Das Elend der Philosophie" und das „Kommunistische Manifest", stammen aus der Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution von 1848. Infolgedessen besitzen wir hier neben einer Darlegung der allgemeinen Grundlagen des Marxismus bis zu einem gewissen Grade ein Spiegelbild der damaligen konkreten revolutionären Situation, und so wäre es zweckmäßig, zu untersuchen, was die Verfasser dieser Werke über den Staat ausführten, unmittelbar bevor sie ihre Schlußfolgerungen aus den Erfahrungen der Jahre 1848-1851 zogen.

Indem wir die allgemeinsten Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten, verfolgten wir den mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet."

Wir sahen schon oben, daß der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie ist.

Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren." (S. 31 und 37, siebente deutsche Ausgabe 1906.)"

Hier haben wir die Formulierung einer der bedeutsamsten und wichtigsten Ideen des Marxismus in der Frage des Staates, nämlich der Idee der „Diktatur des Proletariats" (wie Marx und Engels nach der Pariser Kommune sich auszudrücken begannen), ferner eine höchst interessante Definition des Staates, die gleichfalls zu den „vergessenen Worten" des Marxismus gehört. „Der Staat, das heißt das als herrschende Klasse organisierte Proletariat!"

Nicht nur, daß diese Definition des Staates niemals in der herrschenden Propaganda-und Agitationsliteratur der offiziellen sozialdemokratischen Parteien erläutert worden ist. Mehr als das. Sie ist geradezu vergessen worden, da sie mit dem Reformismus völlig unvereinbar ist, da sie den landläufigen opportunistischen Vorurteilen und kleinbürgerlichen Illusionen über eine „friedliche Entwicklung der Demokratie" ins Gesicht schlägt.

 

 

Werke, Band 25, Seite 418 - 419

Die parlamentarische Republik endlich sah sich in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den Repressivmaßregeln die Mittel und die Zentralisation der Regierungsgewalt zu verstärken.

Alle Umwälzungen vervollkommneten diese Maschine statt sie zu brechen" (von uns hervorgehoben).

Die Parteien, die abwechselnd um die Herrschaft rangen, betrachteten die Besitznahme dieses ungeheueren Staatsgebäudes als die Hauptbeute des Siegers." („Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte", S. 98 und 99, vierte Auflage, Hamburg 1907.)

In diesen großartigen Ausführungen macht der Marxismus im Vergleich zum „Kommunistischen Manifest" einen gewaltigen Schritt vorwärts.

Dort wird die Frage des Staates noch äußerst abstrakt, in ganz allgemeinen Begriffen und Wendungen behandelt. Hier wird die Frage konkret gestellt, und es wird eine äußerst genaue, bestimmte, praktisch greifbare Schlußfolgerung gezogen: Alle früheren Revolutionen haben die Staatsmaschinerie vervollkommnet, man muß sie aber zerschlagen, zerbrechen.

Im „Kommunistischen Manifest" sind die allgemeinen Ergebnisse der Geschichte zusammengefaßt, die uns veranlassen, im Staat ein Organ der Klassenherrschaft zu sehen, und uns zu dem unbedingten Schluß führen, daß das Proletariat die Bourgeoisie nicht stürzen kann, ohne vorher die politische Macht erobert, ohne die politische Herrschaft erlangt und den Staat in das „als herrschende Klasse organisierte Proletariat" verwandelt zu haben, und daß dieser proletarische Staat sofort nach seinem Sieg beginnen wird abzusterben, denn in einer Gesellschaft ohne Klassengegensätze ist der Staat unnötig und unmöglich. Hier wird nicht die Frage aufgeworfen, wie - vom Standpunkt der historischen Entwicklung aus gesehen - diese Ablösung des bürgerlichen Staates durch den proletarischen erfolgen soll.

 

Werke, Band 25, Seite 426 - 427

Die einzige „Korrektur", die Marx am „Kommunistischen Manifest" vorzunehmen für notwendig erachtete, machte er auf Grund der revolutionären Erfahrungen der Pariser Kommunarden.

Die letzte Vorrede zur neuen deutschen Auflage des „Kommunistischen Manifests", die von seinen beiden Verfassern unterzeichnet ist, datiert vom 24. Juni 1872. In dieser Vorrede erklären die Verfasser, Karl Marx und Friedrich Engels, daß das Programm des Kommunistischen Manifests „heute stellenweise veraltet" sei.

"Namentlich", fahren sie fort, "hat die Kommune den Beweis geliefert, dag die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann."

Die in einfache Anführungszeichen gesetzten Worte dieses Zitats haben seine Verfasser der Marxschen Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich" entnommen.

Somit maßen Marx und Engels der einen Haupt- und Grundlehre der Pariser Kommune eine so ungeheure Bedeutung bei, daß sie sie als wesentliche Korrektur zum „Kommunistischen Manifest" hinzufügten.

Es ist überaus bezeichnend, daß gerade diese wesentliche Korrektur von den Opportunisten entstellt worden ist und daß ihr eigentlicher Sinn sicherlich neun von zehn, wenn nicht gar neunundneunzig von hundert Lesern des „Kommunistischen Manifests" unbekannt ist. Ausführlicher sprechen wir von dieser Entstellung weiter unten in dem Kapitel, das sich speziell mit den Entstellungen befaßt. Vorläufig mag der Hinweis genügen, daß die landläufige, vulgäre „Auffassung" des von uns zitierten berühmten Ausspruchs von Marx darin besteht, daß Marx hier angeblich die Idee der allmählichen Entwicklung im Gegensatz zur Ergreifung der Macht unterstreiche und dergleichen mehr.

In Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt. Der Marxsche Gedanke besteht darin, daß die Arbeiterklasse „die fertige Staatsmaschine" zerschlagen, zerbrechen muß und sich nicht einfach auf ihre Besitzergreifung beschränken darf.

Am 12. April 1871, d. h. gerade während der Kommune,'schrieb Marx an Kugelmann:

Wenn Du das letzte Kapitel meines 'Achtzehnten Brumaire' nachsiehst, wirst Du finden, daß ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andere zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen" (hervorgehoben von Marx), „und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent. Dies ist auch der Versuch unserer heroischen Pariser Parteigenossen." (S. 709, „Neue Zeit", XX, 1, 1901/02.)

 

Lenin Werke, Band 25, Seite 492 - 493

Von ungleich größerer Bedeutung ist jedoch der Umstand, daß wir selbst in seiner Polemik gegen die Opportunisten, in seiner Fragestellung und seiner Art der Behandlung der Frage jetzt, dawir die Geschichte des neuesten Verrats Kautskys am Marxismus untersuchen, ein systematisches Hinneigen zum Opportunismus gerade in der Frage des Staates feststellen können.

Nehmen wir Kautskys erstes größeres Werk gegen den Opportunismus, sein Buch „Bernstein und das Sozialdemokratische Programm".

Bernstein wird von Kautsky ausführlich widerlegt. Charakteristisch aber ist folgendes.

Bernstein erhebt in seinen herostratisch berühmt gewordenen „Voraussetzungen des Sozialismus" gegen den Marxismus den Vorwurf des „Blanquismus" (ein Vorwurf, den seither die Opportunisten und die liberalen Bourgeois in Rußland Tausende von Malen gegen die Vertreter des revolutionären Marxismus, die Bolschewiki, wiederholten). Dabei geht Bernstein besonders auf den Marxscfaen „Bürgerkrieg in Frankreich" ein und versucht - wie wir gesehen haben, höchst erfolglos - , die Marxschen Ansichten über die Lehren der Kommune mit Proudhons Ansichten zu identifizieren. Besondere Beachtung findet bei Bernstein die Schlußfolgerung von Marx, die er in der Vorrede von 1872 zum „Kommunistischen Manifest" unterstrichen hat und die besagt, daß „die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann".

Bernstein hat dieser Aussprach so sehr „gefallen", daß er ihn in seinem Buch nicht weniger als dreimal wiederholt, um ihn in einem ganz entstellten, opportunistischen Sinne auszulegen. Marx will, wie wir gesehen haben, sagen, daß die Arbeiterklasse die ganze Staatsmaschine zerschlagen, zerbrechen, sprengen muß (der Ausdruck „Sprengung" wird von Engels gebraucht). Bernstein dagegen stellt es so hin, als hätte Marx mit diesen Worten die Arbeiterklasse vor revolutionärem Übereifer bei der Ergreifung der Macht warnen wollen.

Eine gröbere und abscheulichere Verdrehung des Marxschen Gedankens ist kaum vorstellbar.

Was tat nun Kautsky in seiner sehr eingehenden Widerlegung der Bernsteiniade?

Er vermied es, die ganze Tiefe der Entstellung des Marxismus durch den Opportunismus in diesem Punkt zu untersuchen. Er führte die oben zitierte Stelle aus der Engelsschen Einleitung zum „Bürgerkrieg" von Marx an und beschränkte sich darauf, zu sagen, daß nach Marx die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen kann, daß sie aber, allgemein gesprochen, sie in Besitz nehmen könne, weiter nichts. Davon, daß Bernstein Marx das gerade Gegenteil des wirklichen Marxschen Gedankens zuschrieb, daß Marx seit 1852 als Aufgabe der proletarischen Revolution das „Zerschlagen" der Staatsmaschinerie in den Vordergrund rückte, findet sich bei Kautsky, nicht ein Wort.

So kam es, daß der wesentlichste Unterschied zwischen Marxismus und Opportunismus hinsichtlich der Aufgaben der proletarischen Revolution bei Kautsky verkleistert wurde.

 

 

 

Lenin Werke, Band 25, Seite 504 - 505

Kautsky schreibt:

"Eroberung der Staatsgewalt durch Gewinnung der Mehrheit im Parlament und Erhebung des Parlaments zum Herrn der Regierung."

Das ist schon waschechter, trivialster Opportunismus, das ist die Preisgabe der Revolution in der Tat bei einem Bekenntnis zu ihr in Worten.

Kautskys Gedanke geht über eine „dem Proletariat entgegenkommende Regierung" nicht hinaus - das ist ein Schritt zurück zum Philistertum verglichen mit 1847. als das „Kommunistische Manifest" die „Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse" proklamierte.

Kautsky wird nichts übrigbleiben, als die von ihm geliebte „Einheit" mit den Scheidemännern, den Plechanow und Vandervelde zu verwirklichen, die alle bereit sind, für eine „dem Proletariat entgegenkommende" Regierang zu kämpfen.

Wir aber werden mit diesen Verrätern am Sozialismus endgültig brechen und werden für die Zerstörung der ganzen alten Staatsmaschinerie kämpfen, auf daß das bewaffnete Proletariat selbst die Regierung sei.

Das sind zwei grandverschiedene Dinge.

 

 

Lenin Werke, Band 27, Seite 132

REDE GEGEN DEN ABÄNDERUNGSANTRAG LARINS ZUR BENENNUNG DER PARTEI 8. MÄRZ (ABENDS)

Genossen, ich bin mit Gen. Larin darin einverstanden, daß die Umbenennung und die Streichung des Worts „Arbeiterpartei" wirklich ausgenutzt werden wird, aber darauf dürfen wir keine Rücksicht nehmen.

Wenn wir mit jedem Übel rechnen wollten, würden wir allzusehr in Kleinigkeiten verfallen. Wir kehren doch zu dem guten alten Muster zurück, das in der ganzen Welt bekannt ist. Wir alle kennen das „Manifest der Kommunistischen Partei", die ganze Welt kennt es, besteht doch die Korrektur nicht darin, daß das Proletariat die einzige konsequent revolutionäre Klasse ist, daß alle übrigen Klassen, darunter auch die werktätige Bauernschaft, nur insofern revolutionär sind, als sie zum Standpunkt des Proletariats übergehen. Das ist eine solche Grundlage, eine in der ganzen Welt so bekannte These des Kommunistischen Mamfests, daß es hier irgendwelche gutwilligen Mißverständnisse nicht geben kann, gegen böswillige Mißverständnisse, falsche Auslegungen aber ist man sowieso nicht gefeit. Das ist der Grund, warum wir zu dem alten, guten, unbedingt richtigen Muster zurückkehren müssen, das seine historische Rolle gespielt hat, das die ganze Welt, alle Länder durcheilt hat; mir scheint, daß kein Grund vorliegt, von diesem besten Muster abzuweichen.

 

 

Lenin Werke, Band 27, Seite 476

Um die sozialistische Revolution zustande zu bringen, um sie zu vollbringen, um das Volk von der Unterdrückung zu befreien — dazu muß man nicht sofort die Klassen aufheben —, müssen die klassenbewußtesten und bestorganisierten Arbeiter die Macht in ihre Hände nehmen. Die Arbeiter müssen zur herrschenden Klasse im Staat werden. Das ist eine Wahrheit, die die meisten von Ihnen schon in dem vor mehr als 70 Jahren verfaßten, in allen Ländern und Sprachen bekannten „Kommunistischen Manifest" von Marx und Engels gelesen haben, überall trat die Wahrheit zutage: Um die Kapitalisten zu besiegen, ist es nötig, daß für die Zeit des Kampfes gegen die Ausbeutung, solange noch Unwissenheit herrscht, solange man noch nicht an die neue Ordnung glaubt, die organisierten, städtischen Industriearbeiter die herrschende Klasse sind.

 

 

Lenin Werke, Band 28, Seite 239

Marx und Engels haben die Pariser Kommune aufs genauste analysiert, sie haben gezeigt, daß es das Verdienst der Kommune war, versucht zu haben-, die „fertige Staatsmaschine" zu zerschlagen, zu zerbrechen. Marx und Engels hielten diese Schlußfolgerung für so wichtig, daß sie 1872 an dem (teilweise) „veralteten" Programm des „Kommunistischen Manifests" nur diese Korrektur vornahmen. Marx und Engels haben gezeigt, daß die Kommune Heer und Beamtentum beseitigte, den Parlamentarismus vernichtete, den „Schmarotzerauswuchs Staat" zerstörte usw., aber der neunmalkluge Kautsky zieht die Schlafmütze über die Ohren und plappert immer wieder nach, was die liberalen Professoren schon tausendmal erzählt haben - das Märchen von der „reinen Demokratie".

Nicht umsonst hat Rosa Luxemburg am 4. August 1914 gesagt, die deutsche Sozialdemokratie sei jetzt ein stinkender Leidmam.

Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, „Vorwort zum .Manifest der Kommunistischen Partei" (deutsche Ausgabe 1872)", in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 18, Berlin 1964. S. 96. 239

 

 

Lenin Werke, Band 28, Seite 259 - 260

Entweder lehnt Kautsky jedweden Übergang der Staatsmacht in die Hände der Arbeiterklasse ab, oder er ist damit einverstanden, daß die Arbeiterklasse die alte, bürgerliche Staatsmaschine in ihre Hand nehme, läßt aber keineswegs zu, daß die Arbeiterklasse sie zerbreche, zerschlage und durch eine neue, proletarische ersetze. Wie man die Ausführungen Kautskys auch „auslegt" und „erläutert" - in beiden Fällen ist der Bruch mit dem Marxismus und der Übergang auf die Seite der Bourgeoisie offensichtlich.

Schon im „Kommunistischen Manifest" schrieb Marx, als er davon sprach, welchen Staat die siegreiche Arbeiterklasse braucht: " ... den Staat, d. h. das als herrschende Klasse organisierte Proletariat". Jetzt tritt ein Mann auf, der den Anspruch erhebt, nach wie vor Marxist zu sein, und erklärt, daß das in seiner Gesamtheit organisierte Proletariat, das den „Entscheidungskampf" gegen das Kapital führt, seine Klassenorganisation nicht zur Staatsorganisation machen darf. Der „Aberglaube an den Staat", von dem Engels 1891 schrieb, daß er in Deutschland „sich in das allgemeine Bewußtsein der Bourgeoisie und selbst vieler Arbeiter übertragen hat", das ist es, was Kautsky hier offenbart hat. Kämpft, Arbeiter - damit ist unser Philister „einverstanden" (auch der Bourgeois ist damit „einverstanden", weil die Arbeiter ja ohnehin kämpfen, und man muß sich nur überlegen, wie man ihrem Schwert die Spitze abbricht) - , kämpft, aber untersteht euch nicht zu siegen! Zerstört nicht die Staatsmaschine der Bourgeoisie, setzt nicht an die Stelle der bürgerlichen „Staatsorganisation" die proletarische „Staatsorganisation".

Wer ernstlich die marxistische Ansicht geteilt hat, daß der Staat nichts anderes ist als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine, andere, wer sich einigermaßen in diesen Satz hineingedacht hat, der hätte sich niemals zu solch einem Unsinn versteigen können, daß die proletarischen Organisationen, die fähig sind, das Finanzkapital zu besiegen, nicht in Staatsorganisationen umgewandelt werden dürfen. Gerade in diesem Punkt entpuppte sich der Kleinbürger, für den der Staat „immerhin" etwas außerhalb der Klassen oder über den Klassen Stehendes ist.

In der Tat, warum sollte es dem Proletariat, „einer Klasse", erlaubt sein, den Entscheidungskampf gegen das Kapital zu führen, das nicht nur über das Proletariat, sondern über das ganze Volk, das ganze Kleinbürgertum, die ganze Bauernschaft herrscht - warum sollte es aber dem Proletariat, „einer Klasse", nicht erlaubt sein, seine Organisation in eine staatliche umzuwandeln? Weil der Kleinbürger den Klassenkampf fürchtet und ihn nicht bis zum Ende, bis zur Hauptsache, führt.

 

 

Lenin Werke, Band 28, Seite 322

Vandervelde zitiert, ähnlich wie Kautsky, sehr eifrig Marx und Engels. Und ähnlich wie Kautsky zitiert er von Marx und Engels alles mögliche, außer dem, was für die Bourgeoisie absolut unannehmbar ist, was den Revolutionär von dem Reformisten unterscheidet. Über die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat finden sich Zitate, soviel man will, denn das ist durch die Praxis schon in einen ausschließlich parlamentarischen Rahmen gebracht worden. Darüber aber, daß Marx und Engels nach den Erfahrungen der Kommune es für notwendig hielten, das teilweise veraltete „Kommunistische Manifest" zu ergänzen, indem sie ganz klar auseinandersetzten, daß die Arbeiterklasse nicht einfach die fertige Staatsmaschine in Besitz nehmen kann, daß sie diese Maschine zerschlagen muß - davon findet sich nickt ein Sterbenswörtchen! Vandervelde und Kautsky übergehen - als hätten sie das verabredet - mit völligem Stillschweigen gerade das Wesentlichste aus den Erfahrungen der proletarischen Revolution, gerade das, was die Revolution des Proletariats von den Reformen der Bourgeoisie unterscheidet.

 

 

Lenin Werke, Band 28, Seite 375

 

Für die Bourgeoisie ist es vorteilhaft und unerläßlich, dem Volk das bürgerliche Wesen der heutigen Demokratie zu verhehlen, sie als Demokratie überhaupt oder als „reine Demokratie" .hinzustellen, und die Scheidemänner, ebenso wie die Kautsky, die das wiederholen, verlassen in Wirklichkeit den Standpunkt des Proletariats und gehen auf die Seite der Bourgeoisie über.

Als Marx und Engels zum letztenmal gemeinsam das Vorwort zum „Kommunistischen Manifest" unterzeichneten (das war im Jahre 1872), hielten sie es für notwendig, die Aufmerksamkeit der Arbeiter besonders darauf zu lenken, daß das Proletariat nicht die fertige (d. h. die bürgerliche) Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für seine eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann, sondern daß es sie zerbrechen, zerschlagen muß. Der Renegat Kautsky hat eine ganze Broschüre über die „Diktatur des Proletariats" verfaßt, in der er den Arbeitern diese wichtigste marxistische Wahrheit verhehlt und den Marxismus von Grund aus verfälscht. Und das Lob, das die Herren Scheidemann und Co. dieser Broschüre gespendet haben, ist natürlich vollauf verdient, als ein Lob, das Agenten der Bourgeoisie dem erteilen, der zur Bourgeoisie übergeht.

 

 

 

Lenin Werke, Band 31, Seite 307 - 308

Die ganze Erfahrung der neueren Geschichte und insbesondere der über ein halbes Jahrhundert währende revolutionäre Kampf des Proletariats aller Länder seit dem Erscheinen des „Kommunistischen Manifests" haben unwiderleglich bewiesen, daß nur die Weltanschauung des Marxismus die Interessen, die Auffassungen und die Kultur des revolutionären Proletariats richtig zum Ausdruck bringt.

Der Marxismus hat seine weltgeschichtliche Bedeutung als Ideologie des revolutionären Proletariats dadurch erlangt, daß er die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keineswegs ablehnte, sondern sich umgekehrt alles, was in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, aneignete und es verarbeitete. Nur die weitere Arbeit auf dieser Grundlage und in dieser Richtung, inspiriert durch die praktische Erfahrung

der Diktatur des Proletariats, dieses seines letzten Kampfes gegen jegliche Ausbeutung, kann als Aufbau einer wirklich proletarischen Kultur anerkannt werden.

Der Gesamtrussische Kongreß des Proletkult, der diesen prinzipiellen Standpunkt unwandelbar vertritt, weist alle Versuche, eine eigene, besondere Kultur auszuklügeln, sich in eigenen, abgesonderten Organisationen abzukapseln, die Arbeitsgebiete des Völkskommissariats für Bildungswesen und des Proletkult voneinander abzugrenzen oder eine „Autonomie" des Proletkult innerhalb der Institutionen des Volkskommissariats für Bildungswesen herzustellen usw., als theoretisch falsch und praktisch schädlich aufs entschiedenste zurück.

 

 

Lenin Werke, Band 31, Seite 448

Die Kommunistische Internationale hat für die Ostvölker die Losung ausgegeben:

Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!" Ein Genosse hat hier gefragt: „Wann hat das Exekutivkomitee eigentlich beschlossen, daß die Losungen geändert werden?" Ich kann mich dessen wirklich nicht entsinnen. Wenn man vom Wortlaut des „Kommunistischen Manifests" ausgeht, so ist das natürlich nicht richtig, aber das „Kommunistische Manifest" ist unter ganz anderen Verhältnissen geschrieben worden.

Vom Standpunkt der gegenwärtigen Politik ist es jedoch richtig. Die Verhältnisse haben sich zugespitzt. In ganz Deutschland gärt es, in ganz Asien gärt es. Sie haben gelesen, daß in Indien eine revolutionäre Bewegung im Entstehen begriffen ist. In China besteht ein grenzenloser Haß gegen die Japaner, auch gegen die Amerikaner. In Deutschland herrscht ein furchtbarer Haß gegen die Entente, der uns erst verständlich wird, wenn wir den Haß der deutschen Arbeiter gegen ihre Kapitalisten betrachten.

Die Kapitalisten haben Rußland direkt zum Vertreter der gesamten Masse der unterdrückten Bevölkerung der Erde gemacht.

 

 

Lenin Werke, Band 35, Seite 227 - 228

Brief an Ines Armand

Allgemein gesehen scheint mir, daß Sie irgendwie etwas einseitig und formalistisch urteilen. Sie haben ein Zitat aus dem „Kommunistischen Manifest" genommen (die Arbeiter haben kein Vaterland) und wollen es anscheinend vorbehaltlos, bis zur Ablehnung nationaler Kriege, anwenden.

Der ganze Geist des Marxismus, sein ganzes System verlangt, daß jede These nur a) historisch,- ß) nur in Verbindung mit anderen; v) nur in Verbindung mit den konkreten Erfahrungen der Geschichte betrachtet wird.

Vaterland ist ein historischer Begriff. Das Vaterland in der Epoche oder noch genauer: während des Kampfes für die Abschüttelung des nationalen Jochs - das ist das eine. Etwas anderes ist es zu einer Zeit, da die nationalen Bewegungen weit zurückliegen. Für die „drei Typen von Ländern" (Punkt 6 unserer Thesen über die Selbstbestimmung) kann die These vom Vaterland und seiner Verteidigung nicht unter jeder Bedingung in gleicher Weise anwendbar sein.

Im „Kommunistischen Manifest" heißt es, daß die Arbeiter kein Vaterland haben.

Mit Recht. Aber dort ist nidbt nur das gesagt. Dort ist außerdem gesagt, daß bei der Bildung von Nationalstaaten das Proletariat eine besondere Rolle spielt. Nimmt man die erste These (die Arbeiter haben kein Vaterland) und vergißt ihren Zusammenhang mit der zweiten (die Arbeiter konstituieren sich national als Klasse, aber nicht in dem Sinne wie die Bourgeoisie), so ist das grundfalsch.

Worin besteht nun dieser Zusammenhang? Meiner Meinung nach gerade darin, daß in der demokratischen Bewegung (in einer solchen Zeit, in einer solchen konkreten Situation) das Proletariat der demokratischen Bewegung die Unterstützung (und folglich auch die Vaterlandsverteidigung in einem nationalen Krieg) nicht verweigern kann.

Marx und Engels haben im „Kommunistischen Manifest" gesagt, daß die Arbeiter kein Vaterland haben. Aber derselbe Marx hat mehr als einmal zum nationalen Krieg aufgerufen: Marx im Jahre 1848, Engels im Jahre 18 5 9 (am Ende seiner Broschüre „Po und Rhein", wo direkt das Nationalgefühl der Deutschen entfacht wird, wo sie direkt zum nationalen 'Krieg aufgerufen werden). Engels erkannte 18 9 1 angesichts des damals drohenden und heranrückenden Krieges Frankreichs (Boulanger) + Alexanders III. gegen Deutschland ausdrücklich die „Vaterlandsverteidigung" an.

Waren Marx und Engels Wirrköpfe, die heute dies sagten und morgen etwas anderes? Nein. Meiner Meinung nach entspricht die Anerkennung der „Vaterlandsverteidigung" im nationalen Krieg durchaus dem Marxismus.

Im Jahre 1891 hätten die deutschen Sozialdemokraten in einem Krieg gegen Boulanger + Alexander III. das Vaterland tatsächlich verteidigen müssen. Das wäre eine besondere Variante des nationalen Krieges gewesen.

 

 

Lenin Werke, Band 35, Seite 227 - 228

Brief an Karl Radek

PS.

Soldat zu werden, rate ich Ihnen nidht. Den Feinden darf man nicht helfen. Sie werden den Scheidemännern einen Dienst erweisen.

Emigrieren Sie lieber. Das ist wirklich besser. Linke Kräfte werden jetzt ganz dringend gebraucht.

Die Opposition in Deutschland ist das Produkt der Gärung unter den Massen, die Bolschewiki aber sind die Orientierung einer kleinen Gruppe von Revolutionären."

Das ist nicht marxistisch.'

Das ist Kautskyanertum oder eine Ausflucht.

Was war 1847 das „Kommunistische Manifest" und seine Gruppe??

Ein Produkt der Gärung unter den Massen? oder die Orientierung einer kleinen Gruppe von Revolutionären?? Oder sowohl das eine als audh das andere?

Und wir, das Zentralkomitee? Oder hat die Sozialdemokratische Arbeiterfraktion Rußlands nicht bewiesen, daß Verbindungen zu den Massen vorhanden sind? Und der Petrograder „Proletarski Golos"? Oder gibt es in Rußland keine „Gärung unter den Massen" ?

Die Linken in Deutschland begehen einen historisdien Fehler, wenn sie unter dem Vorwand, daß „sie das Produkt der Gärung unter den Massen sind" (sie = Clara Zetkin, Laufenberg, Borchardt, Thalheimer, Käte Duncker!!! Haha!), ablehnen (anonym, im Namen der Gruppe „Stern" usw.

Die Arbeiter werden sich dann anschließen und über sie nach denken), mit einer Prinzipienerklärung aufzutreten.

Für die Verstärkung der „Gärung unter den Massen" sind eine linke Deklaration und ein linkes Programm notwendig. In Anbetracht einer solchen Gärung sind sie notwendig. f ü r die Umwandlung der „Gärung" in „Bewegung" sind sie notwendig. F ü r die Verstärkung der „Gärung" in der verfaulten Internationale sind sie notwendig.

Und zwar sofort!!!

Sie haben 1OOOmal unrecht!