Lenin

Über das deutsche Sozialistengesetz von 1878 - 1890

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LENIN

 

ÜBER DAS SOZIALISTENGESETZ

Zitate zusammengestellt von Wolfgang Eggers

 

Trotz der Regierungsverfolgungen nahm die Kraft der deutschen Sozialisten zu.

(1895, Band 2, Seite 13)

 

 

In der Epoche des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialisten (von 1878 bis 1890) arbeitete die deutsche politische Polizei nicht schlechter, wahrscheinlich sogar besser als die russische, und dennoch vermochten es die deutschen Arbeiter dank ihrer Organisiertheit und Diszipliniertheit zu erreichen, dass die wöchentlich erscheinende illegale Zeitung regelmäßig aus dem Ausland herein gebracht und allen Abonnenten ins Haus geliefert wurde, so dass sogar Minister nicht umhin konnten, die sozialdemokratische Post (die "rote" Post) zu bewundern.

... Haben es doch die deutschen Arbeiter unter dem Sozialistengesetz verstanden, alle möglichen Tarnungen für ihre politischen und sozialistischen Versammlungen ausfindig zu machen.

(Band 4, Seite 218 und 219)

 

 

... die Folgen des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialisten analysieren ... wie "das beispiellose Anwachsen der deutschen Sozialemokratie" begleitet war von einer in der Geschichte des Sozialismus einzig dastehenden Energie im Kampf nicht nur gegen die theoretischen Verirrungen (Mühlberger, Dühring, die Kathedersozialisten), sondern auch gegen die taktischen (Lasalle) usw. usf.

(Band 5, Seite 367, "Was tun?")

 

 

Zum ersten Mal, seit eine Arbeiterbewegung besteht, wird der Kampf nach seinen drei Seiten hin - nach der theoretischen, der politischen und der praktisch-ökonomischen (Widerstand gegen die Kapitalisten) - im Einklang und Zuammenhang und planmäßig geführt. In diesem so zu sagen konzentrischen Angriffe liegt gerade die Stärke und Unbesiegbarkeit der deutschen Bewegung.

Die deutschen Arbeiter werden gerüstet dastehen, wenn entweder unerwartet schwere Prüfungen oder gewaltige Ereignisse von ihnen erhöhten Mut, erhöhte Entschlossenheit und Tatkraft erheischen." (Friedrich Engels, MEW Band 18, Seite 516/517)
Engels' Worte haben sich als prophetisch erwiesen. Wenige Jahre später wurden die deutschen Arbeiter unerwartet von einer schweren Prüfung, dem Sozialistengesetz, betroffen. Die deutschen Arbeiter sind dieser Prüfung tatsächlich gerüstet entgegengetreten und haben es verstanden, aus ihr siegreich hervorzugehen.
Dem russischen Proletariat stehen noch unermeßlich härtere Prüfungen bevor, ihm steht der Kampf gegen ein Ungeheuer bevor, mit dem verglichen das Sozialistengesetz in einem konstitutionellen Lande als wahrer Zwerg erscheint. Die Geschichte hat uns jetzt die nächste Aufgabe gestellt, welche die revolutionärste von allen nächsten Aufgaben des Proletariats irgendeines anderen Landes ist. Die Verwirklichung dieser Aufgabe, die Zerstörung des mächtigsten Bollwerks nicht nur der europäischen, sondern (wir können jetzt sagen) auch der asiatischen Reaktion, würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen. Und wir haben das Recht anzunehmen, daß wir uns diesen Ehrennamen, den sich schon unsere Vorgänger, die Revolutionäre der siebziger Jahre, verdient haben, erwerben werden, wenn wir es verstehen,
unsere tausendmal mehr in die Tiefe und in die Breite gehende Bewegung mit ebenso rückhaltloser Entschlossenheit und Tatkraft zu erfüllen.

(Band 5, Seite 382 und 383, "Was tun?")

 

 

Das Ideal eines Sozialdemokraten ist der Volkstribun sein muß, der es versteht, auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen, der es versteht, an allen diesen Erscheinungen das Gesamtbild der Polizeiwillkür und der kapitalistischen Ausbeutung zu zeigen, der es versteht, jede Kleinigkeit zu benutzen, um vor aller Welt seine sozialistischen Überzeugungen und seine demokratischen Forderungen darzulegen, um allen und jedermann die welthistorische Bedeutung des Befreiungskampfes des Proletariats klarzumachen.

(Band 5, Seite 406 - 407, "Was tun?")

 

 

Was das System der Vertrauensleute betrifft, das von den deutschen Sozialdemokraten jetzt aufgegeben worden ist, so hing es voll und ganz mit dem Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten zusammen. Je weiter dieses Gesetz in die Vergangenheit rückte, desto natürlicher und unvermeidlicher wurde der Übergang zum Aufbau der gesamten Partei auf dem System der unmittelbaren Verbindung zwischen den Organisationen ohne die Mittlerschaft von Vertrauensleuten.

(Band 9, Seite 287)

 

- Den Bolschewiki hat der Zufall in die Hände gearbeitet, sagt der Spießbürger und schüttelt den Kopf über alle diese unerwarteten Ereignisse. - Sie haben Glück gehabt!
Solche Reden erinnerten mich an eine Stelle aus den kürzlich veröffentlichten Briefen von Engels an Sorge. Am 7. März 1884 schrieb Engels an Sorge:

„Vor 14 Tagen hatte ich einen Neffen aus Barmen hier, Freikonservativer, dem sagte ich: Wir sind jetzt in Deutschland so weit, daß wir die Hände in den Schoß legen können und unsere Feinde für uns arbeiten lassen. Ob ihr das Sozialistengesetz abschafft, verlängert, verschärft oder mildert, ist einerlei, was ihr auch tut, es arbeitet uns in die Hände. - Ja, sagte er, die Umstände arbeiten merkwürdig für euch. - Allerdings, sagte ich, das täten sie auch nicht, wenn wir sie nicht schon vor 40 Jahren richtig erkannt und danach gehandelt hätten. - Keine Antwort." (MEW, Band 36, Seite 123)
Die Bolschewiki können sich natürlich nicht auf 40 Jahre berufen – wir vergleichen hier etwas Kleines mit etwas sehr Großem - , sie können sich jedoch berufen auf Monate und Jahre der von ihnen bereits im voraus definierten sozialdemokratischen Taktik in der bürgerlichen Revolution.
Die Bolschewiki haben praktisch im Laufe der wichtigsten und entscheidendsten Etappen der Petersburger Wahlkampagne die Wände in den Schoß gelegt, und die Umstände haben für uns gearbeitet. Alle unsere Feinde, von dem ernst zu nehmenden und erbarmungslosen Feind Stolypin bis zu den „Feinden" mit papiernem Schwert, den Revisionisten, haben für uns gearbeitet.

(Band 12, Seite 91)

 

 

Es war die Zeit in der deutschen sozialdemokratischen Partei, die Mehring in seiner „Geschichte" „Ein Jahr der Verwirrung" nannte. Nach dem „Ausnahmegesetz" fand die Partei nicht sofort den richtigen Weg. Sie verfiel zunächst in den Anarchismus Mosts und in den Opportunismus von Höchberg und Konsorten. „Diese Burschen", schreibt Marx über Höchberg, „theoretisch Null, praktisch unbrauchbar, wollen dem Sozialismus (den sie sich nach den Universitätsrezepten zurechtgemanscht) und namentlich der sozialdemokratischen Partei die Zähne ausbrechen, die Arbeiter aufklären oder, wie sie sagen, ihnen ,Bildungselemente' durch ihre konfuse Halbwisserei zuführen und vor allem die Partei in den Augen des Spießbürgers respektabel machen. Es sind arme konterrevolutionäre Zungendrescher."
Der „ungestüme" Angriff von Marx führte dazu, daß die Opportunisten zurückwichen u n d . . . sich dünne machten. Im Brief vom 19. November 1879 teilt Marx mit, daß man Höchberg aus der Redaktionskommission entfernt habe und daß alle einflußreichen Führer der Partei - Bebel, Liebknecht, Bracke usw. - seine Ideen desavouiert haben.
In seinem Brief an Sorge vom 20. Juni 1882 behandelt Engels diesen Kampf bereits als etwas Vergangenes: „In Deutschland gehen die Sachen im ganzen vortrefflich. Zwar haben die Herren Literaten der Partei versucht, eine reaktionär-bürgerlich-zahm-gebildete Schwenkung durchzuführen, aber sie ist glänzend gescheitert. Die Infamien, denen die sozialdemokratischen Arbeiter überall ausgesetzt sind, haben diese überall viel revolutionärer gemacht, als sie noch vor drei Jahren gewesen . . . Diese Leute" (die Literaten der Partei) „möchten um jeden Preis das Sozialistengesetz durch Milde und Sanftmut, Kriecherei und Zahmheit weg betteln, weil es mit ihrem literarischen Erwerb kurzen Prozeß macht.
Sobald das
Gesetz beseitigt... wird die Spaltung wahrscheinlich offen werden und die Vierecks, Höchbergs einen separaten rechten Flügel bilden, wo man dann von Fall zu Fall mit ihnen verhandeln kann, bis sie endlich definitiv auf den Arsch fallen. Wir haben das schon gleich nach Erlaß des Sozialistengesetzes erklärt, als Höchberg und Schramm im Jahrbuch' eine unter den Umständen ganz infame Beurteilung der bisherigen Parteitätigkeit losließen und ein mehr jebildetes" („jebildetes" statt „gebildetes" - Engels zielt auf die Berliner Aussprache deutscher Literaten), „wohlanständiges, salonfähiges Betragen der Partei verlangten . . ."
Die im Jahre 1882 gemachte Voraussage der Bernsteiniade sollte sich 1898 und in den folgenden Jahren glänzend bestätigen.
Seitdem, besonders nach dem Tode von Marx, ist Engels, man kann es ohne Übertreibung sagen, unermüdlich dabei, das von den deutschen Opportunisten Verbogene „geradezubiegen".
Ende 1884. Engels verurteilt das „kleinbürgerliche Vorurteil" der deutschen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, die für die Dampfersubvention (siehe in Mehrings „Geschichte") gestimmt hatten. Engels teilt Sorge mit, daß ihm dies Korrespondenz genug mache (Brief vom 31. Dezember 1884).
1885. Engels gibt eine Einschätzung der ganzen Geschichte mit der „Dampfersubvention" und schreibt (am 3. Juni), daß „es fast zur Spaltung kam", die „Spießbürgergelüste" der sozialdemokratischen Abgeordneten seien „kolossal" gewesen. „Eine kleinbürgerlich-sozialistische Fraktion ist in einem Lande wie Deutschland unvermeidlich", sagt Engels.
1887. Engels antwortet Sorge, der ihm geschrieben hat, daß die Partei sich blamiere, wenn Leute wie Viereck (ein Sozialdemokrat vom Schlage Höchbergs) als Abgeordnete gewählt werden. Das geht nicht anders - rechtfertigt sich Engels - , die Arbeiterpartei müsse die Kandidaten nehmen, wo sie sie findet und wie sie sie findet. „Die Herren vom rechten Flügel wissen, daß sie nur infolge des Sozialistengesetzes noch toleriert werden und sofort an die Luft fliegen an dem Tag, wo die Partei wieder Bewegungsfreiheit erhält." Es ist Engels überhaupt lieber, „wenn die Partei besser ist als ihre Parlamentshelden - als umgekehrt" (3. März 1887).

(Band 12, Seite 365 - 366)

 

 

Der Brief vom 23. April 1887 [MEW Band 36, Seite 643, Engels]: „In Deutschland Verfolgung über Verfolgung" (gegen die Sozialisten). „Es scheint, Bismarck will alles fertig haben, damit "bei Ausbruch der Revolution in Rußland, die jetzt wohl nur noch eine Frage von Monaten, auch in Deutschland gleich losgeschlagen werden kann."

(Band 12, Seite 365 - 366; 6. April 1907 )

 

 

Eine festgefügte illegale Organisation der zentralen Parteistellen, systematische illegale Publikationstätigkeit und vor allem örtliche und besonders Betriebsparteizellen, die von den fortgeschrittensten, mit den Massen unmittelbar verbundenen Arbeitern selbst geleitet werden - dies ist die Grundlage, auf der wir einen unerschütterlich festen Kern der revolutionären und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung entwickelt und aufgebaut haben.
Auf den ersten Blick scheint zwischen diesem System der Parteiarbeit und demjenigen der Deutschen unter dem Sozialistengesetz (1878-1890) eine große Ähnlichkeit zu bestehen. Den Weg, den die deutsche Arbeiterbewegung in dreißig Jahren nach der bürgerlichen Revolution zurücklegte (1848-1878), durchlief die russische Arbeiterbewegung in drei Jahren (Ende 1905 bis 1908). Doch hinter dieser äußerlichen Ähnlichkeit verbirgt sich ein tiefer innerer Unterschied. Die dreißig Jahre nach der bürgerlich-demokratischen Revolution in Deutschland haben die objektiv notwendigen Aufgaben dieser Revolution in vollem Umfang gelöst. Durch das Bestehen des konstitutionellen Parlaments seit Beginn der sechziger Jahre, durch die dynastischen Kriege, die zum Zusammenschluß des größten Teils der deutschen Länder geführt haben, durch die Schaffung des Reiches mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts hat sie sich historisch überlebt. In Rußland dagegen haben die noch nicht vollen drei Jahre, die seit dem ersten großen Sieg und der ersten großen Niederlage der bürgerlich-demokratischen Revolution verflossen sind, nicht nur keine Lösung ihrer Aufgaben gebracht, hingegen aber zum erstenmal die breiten Massen des Proletariats und der Bauernschaft sich dieser Aufgaben bewußt werden lassen, überlebt haben sich in diesem Zeitraum von etwas über zwei Jahren die Illusionen über die Verfassung und der Glaube an die demokratische Zielsetzung der liberalen Lakaien des Schwarzhunderterzarismus.

(Band 15, Seite 7 )

 

 

Somit ist eine spezielle antimilitaristische Tätigkeit nicht nur besonders notwendig, sondern auch, praktisch zweckmäßig und fruchtbringend. Insofern daher Vollmar gegen sie zu Felde zog, indem er auf die Polizeibedingungen in Deutschland, die so etwas unmöglich machen, auf die Gefahr der Zerschlagung der Parteiorganisationen unter solchen Umständen hinwies, lief die Frage auf eine konkrete Analyse der Verhältnisse des betreffenden Landes hinaus. Das aber ist eine Frage der Tatsachen, nicht des Prinzips. Freilich trifft auch hier die Bemerkung von Jaures zu, die deutsche Sozialdemokratie, die in ihrer Jugend, in der schweren Zeit des Sozialistengesetzes, der eisernen Faust Bismarcks standgehalten habe, brauche jetzt, wo sie ungleich größer und stärker geworden sei, die Verfolgungen durch die heutigen Machthaber nicht zu fürchten. Aber hundertmal im Unrecht ist Vollmar, wenn er sich bemüht, seine Behauptung mit Argumenten der prinzipiellen Unzweckmäßigkeit einer speziellen antimilitaristischen Propaganda zu stützen.

(Band 15, Seite 193 )

 

 

Man erinnere sich der Deutschen. Unter dem Sozialistengesetz kam es bei ihnen so weit, daß die Fraktion eine Reihe krasser parteifeindlicher, opportunistischer Schritte tat (Bewilligung der Dampfersubvention usw.).
Die Partei gab im Ausland ein wöchentlich erscheinendes Zentralorgan heraus und schmuggelte es regelmäßig nach Deutschland ein. Trotz erbitterter polizeilicher Verfolgungen, trotz einer Situation, die – infolge objektiver Bedingungen - viel weniger revolutionär war als die gegenwärtige in Rußland, war die damalige Organisation der deutschen Sozialdemokraten ungleich breiter und stärker als die heutige Organisation unserer Partei. Die deutsche Sozialdemokratie begann einen langwierigen Kampf gegen ihre Fraktion und führte ihn bis zum Sieg. Die einfältigen Anhänger der „Jungen", die sich, statt an der Verbesserung der Arbeit der Fraktion mitzuwirken, in hysterischen Ausfällen gefielen, nahmen bekanntlich ein recht schlimmes Ende. Der Sieg der Partei aber kam in der Unterwerfung der Fraktion zum Ausdruck.

(Band 15, Seite 296 - 296 )

 

 

Die Ausnutzung der Dumatribüne gehört, wie bereits dargelegt wurde, als notwendiger Bestandteil zu dieser Erziehungs- und Vorbereitungsarbeit. Die Resolution der Konferenz über die Dumafraktion weist unserer Partei jenen Weg, der - wenn man nach Beispielen in der Geschichte sucht - den Erfahrungen der deutschen Sozialdemokraten unter dem Sozialistengesetz am nächsten kommt. Die illegale Partei muß es verstehen, muß es lernen, die legale Dumafraktion auszunutzen, sie muß diese zu einer Parteiorganisation erziehen, die auf der Höhe ihrer Aufgaben steht. Eine gänzlich falsche Taktik und übelste Abweichung von der durch die Erfordernisse des Augenblicks gebotenen beharrlichen Arbeit des Proletariats wäre es, jetzt die Frage der Abberufung der Fraktion zu stellen.

(Band 15, Seite 351 )

 

 

Für einen Anarchisten lautet die Schlußfolgerung, daß man alle Arbeiterdeputierten abberufen müsse. Die Anarchisten schimpfen über die sozialdemokratischen Parlamentarier, um mit ihnen zu brechen, sie schimpfen, aber sie weigern sich, für den Aufbau einer proletarischen Partei, für die Entwicklung einer proletarischen Politik, für die Heranbildung proletarischer Parlamentarier zu arbeiten. Und in der Praxis werden die Anarchisten durch ihre Phrasen zu treuesten Handlangern des Opportunismus, zu seiner Kehrseite.
Die Sozialdemokraten ziehen aus den Fehlern einen anderen Schluß.
Sie sagen, daß sogar ein Bebel nicht zu einem Bebel werden konnte ohne langwierige Arbeit der Partei an der Entwicklung einer wirklich sozialdemokratischen Vertretung. Man möge uns nicht damit kommen: „Wir haben keine Bebel in der Fraktion." Man wird nicht als Bebel geboren, zu einem Bebel entwickelt man sich. Die Bebel fallen nicht vom Himmel, wie Minerva dem Haupte des Jupiter entsprang, sondern sie werden von der Partei und der Arbeiterklasse hervorgebracht. Wer sagt: Wir haben keine Bebel, der kennt die Geschichte der deutschen Partei nicht, der weiß nicht, daß es eine Zeit gegeben hat, während des Sozialistengesetzes, da August Bebel opportunistische Fehler beging, die Partei diese Fehler korrigierte und Bebel die Richtung wies.

(Band 15, Seite 392 )

 

Aber wie groß die Schwierigkeiten auch sein mögen, eine würdige parlamentarische Vertretung zu erlangen ist trotzdem möglido. Dies beweisen zum Beispiel auch die Erfahrungen der deutschen Sozialdemokratie zu Zeiten einer „wütenden und immer stärker werdenden Reaktion", so unter dem Sozialistengesetz.

(Band 16, Seite 17 )

 

 

Ausnutzung jeder möglichen legalen Institution durch die illegale Partei, darunter auch der sozialdemokratischen Dumafraktion, um Stützpunkte für die revolutionäre sozialdemokratische Arbeit unter den Massen zu schaffen. Wir verwiesen auf die Ähnlichkeit dieser organisatorischen Aufgabe mit derjenigen, die unsere deutschen Genossen in der Periode des Sozialistengesetzes zu lösen hatten, und sprachen von einer „üblen Abweichung von der beharrlichen Arbeit des Proletariats", was sich in der Ablehnung der sozialdemokratischen Dumatätigkeit äußerte oder im Verzicht auf die direkte und offene Kritik der Linie unserer Dumafraktion, in der Verneinung oder Herabwürdigung der illegalen sozialdemokratischen Partei, in den Versuchen, sie durch eine formlose legale Organisation zu ersetzen, unsere revolutionären Losungen zu beschneiden usw.

(Band 16, Seite 142 )

 

 

Im Jahre 1878, als die Bourgeoisie dem reaktionären Minister Bismarck, dem Minister der Gutsbesitzer (der „Junker", wie die Deutschen sagen), half, das Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten durchzuführen, die Arbeitervereine aufzulösen, die Arbeiterzeitungen zu verbieten und mit tausenderlei Verfolgungen über das klassenbewußte Proletariat herzufallen - trat Singer endgültig der sozialdemokratischen Partei bei.
Singer war weder Theoretiker noch Publizist, noch ein glänzender Redner. Er war vor allem und vornehmlich praktisdber Organisator der illegalen Partei zur Zeit des Ausnahmegesetzes, ferner Berliner Stadtverordneter und Parlamentarier nach Aufhebung dieses Gesetzes. Und dieser Praktiker, der den größten Teil seiner Zeit auf die alltägliche, technischparlamentarische Kleinarbeit, auf allerhand „sachliche" Arbeit verwendete, war dadurch groß, daß er sich aus den Kleinigkeiten keinen Götzen schuf, nicht dem so üblichen und so trivialen Hang erlag, im Namen dieser „sachlichen" oder „positiven" Arbeit den scharfen und prinzipiellen Kampf mit einer Handbewegung abzutun. Im Gegenteil, Singer, der sein ganzes Leben dieser Arbeit gewidmet hatte, stand jedesmal, wenn die Frage nach dem grundlegenden Charakter der revolutionären Partei der Arbeiterklasse, nach ihren Endzielen, nach Blockbildungen (Bündnissen) mit der Bourgeoisie, nach Zugeständnissen an den Monarchismus usw. auftauchte - stets an der Spitze der standhaftesten und entschiedensten Kämpfer gegen alle Erscheinungen des Opportunismus. Unter dem Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten kämpfte Singer zusammen mit Engels, Liebknecht und Bebel an zwei Fronten:.sowohl gegen die „Jungen", die Halbanarchisten, die den parlamentarischen Kampf ablehnten, als auch gegen die gemäßigten „Legalisten um jeden Preis". Später bekämpfte Singer mit der gleichen Entschiedenheit die Revisionisten.

(Band 17, Seite 77 und 78 )

 

 

Der Typus unserer Parteiorganisation kann - bis zu einer gewissen Grenze natürlich - mit dem der deutschen zur Zeit des sozialistischen Ausnahmegesetzes verglichen werden: legale Parlamentsfraktion, allerlei legale Arbeitervereinigungen - als unerläßliche Bedingung jedoch die illegale Parteiorganisation als Basis. Für jeden Marxisten ist es natürlich klar, daß wie das Liquidatorentum, so auch der Otsowismus kleinbourgeoise Strömungen darstellten, die die bürgerlichen Mitläufer aus der sozialdemokratischen Partei ableiteten.
„Friede" oder „Aussöhnung" mit diesen Strömungen waren von vornherein ausgeschlossen. Die sozialdemokratische Partei mußte entweder selber zugrunde gehen oder sich gänzlich dieser Strömungen entledigen.
Keine einzige sozialdemokratische Partei in der Welt bildete sich - insbesondere in einer Epoche bürgerlicher Revolutionen - ohne schweren Kampf und eine Reihe von Spaltungen mit den bürgerlichen Mitläufern des Proletariats.

(Band 17, Seite 533 )

 

 

Das nach dem Bismarckschen Programm geeinte, auf preußische und junkerliche Art erneuerte Deutschland beantwortete die Erfolge der Arbeiterpartei mit dem Sozialistengesetz. Die Partei der Arbeiterklasse wurde der legalen Möglichkeiten beraubt und für vogelfrei erklärt.
Schwere Zeiten brachen an. Zu den Verfolgungen des Feindes kam eine innere Krise hinzu - Schwankungen in den Grundfragen der Taktik. Zuerst erhoben die Opportunisten ihr Haupt, die sich durch die Aufhebung der Legalität einschüchtern ließen und zu jammern anfingen, die uneingeschränkten Losungen fallenließen und sich selber vorwarfen, sie wären allzuweit gegangen usw. Ein Vertreter dieser opportunistischen Strömung, Höchberg, erwies indessen der Partei, die noch schwach war und sich nicht sofort auf ihre eigenen Füße stellen konnte, finanzielle Unterstützung.
Marx und Engels brandmarkten zornig von London aus die schändlichen opportunistischen Schwankungen. Bebel zeigte sich als wirklicher Parteiführer. Er erkannte rechtzeitig die Gefahr, erkannte, wie richtig die Kritik von Marx und Engels war, und verstand es, die Partei auf den Weg des unversöhnlichen Kampfes zu lenken. Eine illegale Zeitung, „Der Sozialdemokrat", wurde gegründet, die zuerst in Zürich, dann in London erschien, wöchentlich nadi Deutschland gebracht wurde und an die 10000 Abonnenten hatte. Mit den opportunistischen Schwankungen wurde entschieden Schluß gemacht.
1890, nach 12jähriger Dauer, fiel das
Sozialistengesetz. Von neuem brach eine Parteikrise nus, die ungefähr denselben Charakter trug wie die in der Mitte der siebziger Jahre. Einerseits waren die Opportunisten, mit Vollmar an der Spitze, bereit, die Legalität zum Anlaß zu nehmen, um die uneingeschränkten Losungen und die unversöhnliche Taktik aufzugeben. Anderseits machten die sogenannten „Jungen" in „Radikalismus" und glitten zum Anarchismus ab. Wenn diese Parteikrise nur sehr kurz und nicht ernsthafter Natur war, so gebührt das große Verdienst hierfür eben Bebel und Liebknecht, die beiden Schwankungen den energischsten Widerstand entgegensetzten.
Für die Partei begann eine Periode des raschen Wachstums in die Breite und in die Tiefe, der Entfaltung nicht nur der politischen, sondern auch der gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen, der Bildungs- und sonstigen Organisation der proletarischen Kräfte. Die gigantische praktische Arbeit, die auf allen diesen Gebieten von Bebel als Parlamentarier, Agitator und Organisator geleistet wurde, läßt sich nicht ermessen. Gerade durch diese Arbeit errang Bebel die Stellung des unbestrittenen und allgemein anerkannten Führers der Partei, der den Arbeitermassen am nächsten stand und von ihnen am meisten geliebt wurde.


(Band 19, Seite 288 - 289 )

 

 

Das ist eine Meinungsverschiedenheit nicht organisatorischer Art, nicht darüber, wie die Partei aufzubauen ist, sondern es ist ein Auseinandergehen in der Frage der Existenz der Partei. Hier kann weder von irgendeiner Versöhnung noch von irgendeiner Verständigung, noch von irgendeinem Kompromiß auch nur die Rede sein.
Im heutigen Rußland, wo nicht einmal die Partei der gemäßigtesten Liberalen legalisiert ist, kann unsere Partei nur als illegale Partei existieren.
Die Originalität, die Eigenart unserer Lage - die etwas an die Lage der deutschen Sozialdemokraten unter dem
Sozialistengesetz erinnert (obwohl die Deutschen auch damals hundertmal mehr legale Möglichkeiten besaßen als wir heute in Rußland) - besteht in folgendem. Unsere illegale sozialdemokratische Arbeiterpartei besteht aus illegalen Arbeiterorganisationen (oft „Zellen" genannt),die von einem mehr oder weniger dichten Netz l e g a l e r Arbeitervereine umgeben sind (Versicherungskassen, Gewerkschaften, Bildungsvereine, Sportvereine, Abstinenzvereine usw.).
In der Hauptstadt gibt es mehr legale Vereine, in der Provinz gibt es oft überhaupt keine.
Die illegalen Organisationen haben zuweilen eine ziemlich breite Basis, zuweilen eine ganz enge, sie beschränken sich zuweilen sogar auf „Vertrauensleute".
Mittels der legalen Vereine wird eine gewisse 7 arnung der illegalen Organisationen und eine breite, legale Propaganda der Idee des Zusammenschlusses der Arbeiter unter den Massen ermöglicht. Die Vereinigung der führenden Organisationen der Arbeiterklasse in ganz Rußland, die Schaffung eines Zentrums (ZK), die Ausarbeitung klarer Resolutionen der Partei in allen Fragen - all das geschieht natürlich gänzlich illegal und erfordert die größte Konspiration und das Vertrauen erprobter, fortschrittlicher Arbeiter.
Wer in der legalen Presse gegen die „Illegalität" auftritt oder für eine „legale Partei" eintritt, der desorganisiert unsere Partei direkt, und wir müssen solche Leute als unversöhnliche 7 ein de unserer Partei betrachten.

(Band 20, Seite 510 )

 

 

Marx, der die Ausnutzung legaler Kampfmittel in Epochen der politischen Stagnation und der Herrschaft der bürgerlichen Legalität sehr wohl zu würdigen wußte, verurteilte in den Jahren 1877/1878, nach Erlaß des Sozialistengesetzes, sehr scharf die „Revolutionsphrasen" eines Most, aber nicht minder heftig, wenn nicht noch heftiger, wandte er sich gegen den Opportunismus, der sich damals eine Zeitlang der offiziellen sozialdemokratischen Partei bemächtigt hatte, als diese nicht sofort Festigkeit, Standhaftigkeit, revolutionäre Haltung und Bereitschaft an den Tag legte, als Antwort auf das Ausnahmegesetz zum illegalen Kampf überzugehen. (Briefwechsel von Marx und Engels, IV, 397, 404, 418, 422, 424; vgl. auch die Briefe an Sorge.)

(Band 21, Seite 68 )

 

 

Wenn das Elend zu groß wird, wenn die Verzweiflung übermächtig wird, wenn der Bruder den Bruder im feindlichen Waffenrock erkennt, könnte noch sehr Unerwartetes eintreten, könnten sich die Waffen gegen die Kriegshetzer wenden, könnten die plötzlich einig gewordenen Völker den aufgezwungenen Haß vergessen. Lassen wir das Prophezeien, aber wenn uns der europäische Krieg einen Schritt näher der europäischen sozialen Republik bringt, so war er doch nicht so ganz sinnlos, wie es heute den Anschein hat."
Wessen Stimme ist das? Vielleicht die eines deutschen Sozialdemokraten?
Ach wo! Sie sind jetzt, an ihrer Spitze Kautsky, „arme konterrevolutionäre Zungendrescher" [MEW, Band 34, Seite 412] geworden, wie Marx jene deutschen Sozialdemokraten nannte, die sich gleich nach Erlaß des Sozialistengesetzes so „zeitgemäß" benahmen, wie sich Haase, Kautsky, Südekum und Co. heute benehmen.
Nein, unser Zitat ist einer Zeitschrift kleinbürgerlicher christlicher Demokraten entnommen.

(Band 21, Seite 82 )

 

 

Doch kehren wir zur Frage des Staates zurück. Engels gibt hier dreierlei besonders wertvolle Hinweise: erstens in der Frage der Republik, zweitens über den Zusammenhang zwischen der nationalen Frage und der Staatsordnung und drittens über die lokale Selbstverwaltung.
Was die Republik betrifft, so hat Engels sie zum Schwerpunkt seiner Kritik am Entwurf des Erfurter Programms gemacht. Und wenn wir bedenken, welche Bedeutung das Erfurter Programm in der ganzen internationalen Sozialdemokratie gewonnen hat, daß es für die gesamte II. Internationale zum Vorbild geworden ist, so wird man ohne Übertreibung sagen dürfen, daß Engels hier den Opportunismus der gesamten II. Internationale kritisiert.
„Die politischen Forderungen des Entwurfes", schreibt Engels, „haben einen großen Fehler. Das, was eigentlich gesagt werden sollte, steht nicht drin" (hervorgehoben von Engels).
Und weiter wird auseinandergesetzt, daß die deutsche Reichsverfassung im Grunde einen Abklatsch der äußerst reaktionären Verfassung von 1850 bilde, daß der Reichstag nach einem Ausspruch Wilhelm Liebknechts nur das „Feigenblatt des Absolutismus" sei, daß auf Grundlage dieser Verfassung, die die Kleinstaaterei und den Bund der deutschen Kleinstaaten sanktioniert, eine „Umwandlung aller Arbeitsmittel in Gemeineigentum" durchführen zu wollen, „augenscheinlich sinnlos" sei.
„Daran zu tasten ist aber gefährlich", fügt Engels hinzu, der nur zu gut weiß, daß es unmöglich ist, in Deutschland im Programm die Forderung der Republik legal zu erheben. Aber mit dieser einleuchtenden Erwägung, mit der sich „alle" zufriedengeben, findet sich Engels nicht ohne weiteres ab. Er fährt fort: „Und dennoch muß so oder so die Sache angegriffen werden. Wie nötig das ist, beweist gerade jetzt der in einem großen Teile der sozialdemokratischen Presse einreißende Opportunismus. Aus Furcht vor einer Erneuerung des Sozialistengesetzes, aus der Erinnerung an allerlei unter der Herrschaft jenes Gesetzes gefallenen voreiligen Äußerungen soll jetzt auf einmal der gegenwärtige gesetzliche Zustand in Deutschland der Partei genügen können, alle ihre Forderungen auf friedlichem Wege durchzuführen."
Daß die deutschen Sozialdemokraten aus Furcht vor einer Wiedereinführung des Ausnahmegesetzes handelten, diese grundlegende Tatsache rückt Engels in den Vordergrund und bezeichnet sie ohne Umschweife als Opportunismus; gerade weil in Deutschland Republik und Freiheit fehlen, erklärt er die Träume von einem „friedlichen" Weg für völlig sinnlos. Engels ist vorsichtig genug, sich nicht die Hände zu binden. Er gibt zu, daß man sich in Republiken oder sonst in Ländern mit weitgehender Freiheit eine friedliche Entwicklung zum Sozialismus „vorstellen kann" (nur „vorstellen" I), aber in Deutschland, wiederholt er, in Deutschland, wo die Regierung fast almächtig und der Reichstag und alle anderen Vertretungskörper ohne wirkliche Macht, in Deutschland so etwas proklamieren und noch dazu ohne Not, heißt das Feigenblatt dem Absolutismus abnehmen und sich selbst vor die Blöße binden."
Die offiziellen Führer der deutschen sozialdemokratischen Partei, die diese Hinweise „zu den Akten" gelegt hatte, erwiesen sich in ihrer überwiegenden Mehrheit denn auch in der Tat als Schirmer des Absolutismus.
„Eine solche Politik kann nur die eigene Partei auf die Dauer irreführen. Man schickt allgemeine, abstrakte politische Fragen in den Vordergrund und verdeckt dadurch die nächsten konkreten Fragen, die Fragen, die bei den ersten großen Ereignissen, bei der ersten politischen Krise sich selbst auf die Tagesordnung setzen.
Was kann dabei herauskommen, als daß die Partei plötzlich im entscheidenden Moment ratlos ist, daß über die entscheidendsten Punkte Unklarheit und Uneinigkeit herrscht, weil diese Punkte nie diskutiert worden sind...
Dies Vergessen der großen Hauptgesichtspunkte über den augenblicklichen Interessen des Tages, dies Ringen und Trachten nach dem Augenblickserfolg ohne Rücksicht auf die späteren Folgen, dies Preisgeben der Zukunft der Bewegung um der Gegenwart der Bewegung willen mag .ehrlich' gemeint sein, aber Opportunismus ist und bleibt es, und der .ehrliche' Opportunismus ist vielleicht der gefährlichste von allen...
Wenn etwas feststeht, so ist es dies, daß unsere Partei und die Arbeiterklasse nur zur Herrschaft kommen kann unter der Form der demokratischen Republik. Diese ist sogar die spezifische Form für die Diktatur des Proletariats, wie schon die große französische Revolution gezeigt hat."

Engels wiederholt hier in besonders plastischer Form jenen Grundgedanken, der sich wie ein roter Faden durch alle Werke von Marx zieht, nämlich, daß die demokratische Republik der unmittelbare Zugang zur Diktatur des Proletariats ist.

(Band 25, Seite 456 - 459 )

 

 

Die Provisorische Arbeiter- und Bauernregierung Rußlands, die dieses Friedensangebot an die Regierungen und an die Völker aller kriegführenden Länder richtet, wendet sidi gleichzeitig insbesondere an die klassenbewußten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit und der größten am gegenwärtigen Krieg beteiligten Staaten: Englands,- Frankreichs und Deutschlands. Die Arbeiter dieser Länder haben der Sache des Fortschritts und des Sozialismus die größten Dienste erwiesen - in den großen Vorbildern der Chartistenbewegung in England, in den Revolutionen von weltgeschichtlicher Bedeutung, die das französische Proletariat vollbracht hat, und schließlich im heroischen Kampf gegen das Sozialistengesetz sowie in der für die Arbeiter der ganzen Welt mustergültigen langwierigen und beharrlichen disziplinierten Arbeit zur Schaffung proletarischer Massenorganisationen in Deutschland. Alle diese Vorbilder proletarischen Heldentums und geschichtlicher Schöpferkraft sind für uns eine Bürgschaft, daß die Arbeiter der genannten Länder die ihnen jetzt gestellte Aufgabe, die Menschheit von den Schrecken des Krieges und seinen Folgen zu befreien, erkennen werden, daß diese Arbeiter uns durch ihre allseitige, entschiedene, rückhaltlos energische Tätigkeit helfen werden, die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen.

Mit dem Vorschlag, unverzüglich einen Waffenstillstand zu schließen, wenden wir uns zugleich an die klassenbewußten Arbeiter jener Länder, die für die Entwicklung der proletarischen Bewegung viel getan haben.
Wir wenden uns an die Arbeiter Englands, wo es die Chartistenbewegung gegeben hat, an die Arbeiter Frankreichs, die wiederholt in Aufständen die ganze Stärke ihres Klassenbewußtseins bewiesen haben, und an die Arbeiter Deutschlands, die den Kampf gegen das
Sozialistengesetz bestanden und mächtige Organisationen geschaffen haben.

(Band 26, Seite 241 - 243 )

 

 

DIE ENTWICKLUNG DER ARBEITERCHÖRE IN DEUTSCHLAND

16. Januar 1913


Die Arbeitergesangvereine Deutschlands feierten vor kurzem ein eigenartiges Jubiläum:

Bei insgesamt 165 000 Mitgliedern der Arbeitergesangvereine hat die Zahl der Arbeitersänger 100 000 erreicht. Die Zahl der Arbeiterinnen, die diesen Vereinen angehören, beträgt 11 000.
Die Arbeiterchöre haben ein eigenes Presseorgan, die „Arbeiter-Sänger-Zeitung", die erst seit 1907 regelmäßig erscheint.
Die ersten Anfänge der Arbeitergesangvereine reichen bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Im Leipziger „Gewerblichen Bildungsverein" wurde eine Gesangsabteilung gegründet, zu deren Mitgliedern übrigens auch August Bebel gehörte.
Ferdinand Lassalle maß der Bildung von Arbeiterchören große Bedeutung bei. Auf sein Drängen gründeten im Jahre 1863 Mitglieder des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins"250 in Frankfurt am Main eine Arbeitervereinigung mit dem Namen „Sängerbund". Dieser Bund versammelte sich in der finsteren, dumpfigen Nebenstube eines Frankfurter Gasthauses. Das Zimmer wurde mit Talglichtern erleuchtet.
Der Bund zählte zwölf Mitglieder. Als Lassalle auf einer seiner Agitationsreisen in Frankfurt übernachtete, sangen ihm diese zwölf Arbeitersänger im Chor das Lied des bekannten Dichters Herwegh, den Lassalle lange gebeten hatte, ein Arbeiterlied für Chorgesang zu dichten.
Im Jahre 1892, also bereits nach Aufhebung des Sozialistengesetzes, waren die Arbeiterchöre in Deutschland in 180 Gesangvereinen mit 4300 Mitgliedern zusammengeschlossen. Im Jahre 1901 war die Zahl der Mitglieder auf 39 717, 1907 auf 93 000 und 1912 auf 165 000 gestiegen.
In Berlin zählen die Arbeitergesangvereine 5352, in Hamburg 1628, in Leipzig 4051, in Dresden 4700 Mitglieder usw.
Vor kurzem berichteten wir, daß die Arbeiter Frankreichs und anderer
romanischer Länder den fünfundzwanzigsten Todestag Eugene Pottiers (1816-1887), des Verfassers der berühmten „Internationale", begingen.*
In Deutschland ist die Propagierung des Sozialismus durch das Arbeiterlied bedeutend jünger, und die deutsche Regierung der „Junker" (Gutsbesitzer,
Schwarzhunderter) legt dieser Propaganda weit mehr gemeine Polizeihindernisse in den Weg.


Doch keine Polizeischikanen können verhindern, daß in allen großen Städten der Welt, in allen Arbeitersiedlungen und immer häufiger auch in den Katen der Landarbeiter einhellig das proletarische Lied von der nahen Befreiung der Menschheit aus der Lohnsklaverei erklingt.


geschrieben rieben nach dem 16. Januar 1913.
Zuerst veröffentlicht 1954 in der Zeitschrift „Kommunist" Nr. 6.

Lenin, Band 6, Seite 199 - 200