Lenin

Über Bucharin

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Bucharin

(Sammlung von Texten und Zitaten - zusammengestellt von Wolfgang Eggers)

 

 

 

Vorwort zu N. Bucharins Broschüre

"Weltwirtschaft und Imperialismus"

Dezember 1915

 

 

"Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" (zum Bankwesen)

Januar - Juni 1916

Lenin, Werke Band 22, Seite 226

Die Folge ist einerseits eine immer größere Verschmelzung oder, nach einem treffenden Ausdruck von N. Bucharin, ein Verwachsen des Bankkapitals mit dem Industriekapital, und andererseits ein Hinüberwachsen der Banken in Institutionen von wahrhaft "universellem Charakter".

 

"Jugend-Internationale"

Dezember 1916

Lenin, Werke Band 23, Seite 165

Zu den Fehlern des genannten vortrefflichen Organs gehören in erster Linie die drei folgenden:
1. In der Frage der Abrüstung (oder „Entwaffnung") wird ein falscher Standpunkt eingenommen, den wir oben in einem besonderen Artikel kritisieren. [siehe Lenin, Werke Band 23, Seite 91 - 101] Wir haben Grund zu der Annahme, daß der Irrtum ausschließlich dem guten Willen entsprungen ist, die Notwendigkeit des Strebens nach „vollständiger Vernichtung des Militarismus" zu unterstreichen (was vollkommen richtig ist), wobei die Rolle der Bürgerkriege in der sozialistischen Revolution vergessen wird.
2. In der Frage des Unterschieds zwischen Sozialisten und Anarchisten in bezug auf ihre Stellung zum Staat ist in einem Artikel des Genossen Nota-bene [Lenin meint hier: BUCHARIN] (Nr. 6) ein sehr großer Fehler begangen worden (ebenso in einigen anderen Fragen, z. B. bei der Motivierung unseres Kampfes gegen die Losung der „Vaterlandsverteidigung"). Der Verfasser will eine „klare Vorstellung von dem Staate überhaupt" geben (neben der Vorstellung vom imperialistischen Raubstaat). Er zitiert einige Stellen aus Marx und Engels und kommt unter anderem zu folgenden zwei Schlußfolgerungen:
a) „ . . . es ist völlig verkehrt, den Unterschied zwischen den Sozialisten und Anarchisten darin zu suchen, daß die ersteren staatsfreundlich und die letzteren staatsfeindlich sind. Der Unterschied liegt aber darin, daß die revolutionäre Sozialdemokratie die neue gesellschaftliche Produktion als zentralisierte, das heißt technisch-progressivste formieren will, während die dezentralisierte anarchistische Produktion nur einen Rückschritt zur alten Technik und Betriebsform bedeuten würde." Das ist falsch. Der Verfasser stellt die Frage, worin der Unterschied in der Stellung der Sozialisten und der Anarchisten zum Staat besteht, und beantwortet nicht diese, sondern eine andere Frage, nämlich die Frage, wodurch sie sich in ihrer Stellung zur ökonomischen Grundlage der zukünftigen Gesellschaft voneinander unterscheiden. Gewiß ist das eine sehr wichtige und notwendige Frage. Daraus folgt aber nicht, daß man in dem Unterschied zwischen der Stellung der Sozialisten und der Anarchisten zum Staat das "Wesentliche vergessen darf. Die Sozialisten treten für die Ausnutzung des modernen Staates und seiner Institutionen im Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse ein sowie für die Notwendigkeit, den Staat als die eigentümliche Form des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus auszunutzen. Eine solche Übergangsform, ebenfalls ein Staat, ist die Diktatur des Proletariats.
Die Anarchisten wollen den Staat „abschaffen", ihn „sprengen", wie sich Genosse Nota-bene [Bucharin] an einer Stelle ausdrückt, der diese Ansicht fälschlich den Sozialisten zuschreibt. Die Sozialisten erkennen - der Verfasser hat die diesbezüglichen Worte von Engels leider sehr unvollständig zitiert - das „Absterben", das allmähliche „Einschlafen" des Staates nach der Expropriation der Bourgeoisie an.
b) „Für die Sozialdemokratie aber, die die Erzieherin der Massen ist oder wenigstens sein soll, ist es jetzt mehr als je notwendig, ihre prinzipielle Gegnerschaft zum Staat zum Ausdruck zu bringen . . . Der heutige Krieg hat gezeigt, wie tief die Wurzeln der Staatlichkeit in die Seelen der Arbeiterschaft hineingedrungen sind." So schreibt Genosse Nota-bene [Bucharin].
Um „prinzipielle Gegnerschaft" gegen den Staat „zum Ausdruck zu bringen", muß man sie in der Tat „klar" begreifen, dem Verfasser aber fehlt gerade diese Klarheit. Und der Satz, in dem von den „Wurzeln der Staatlichkeit" die Rede ist, ist schon ganz und gar verworren, unmarxistisch und unsozialistisch. Nicht die „Staatlichkeit" ist mit der Negation der Staatlichkeit zusammengeprallt, sondern die opportunistische Politik (d. h. die opportunistische, reformistische, bürgerliche Einstellung zum Staat) ist mit der revolutionären sozialdemokratischen Politik zusammengeprallt (d. h. mit der revolutionären sozialdemokratischen Stellung zum bürgerlichen Staat und zur Ausnützung des Staates gegen die Bourgeoisie zum Sturz der Bourgeoisie). Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Auf diese äußerst wichtige Frage hoffen wir noch in einem besonderen Artikel zurückzukommen.
3. In der „Prinzipienerklärung der internationalen Verbindung sozialistischer Jugendorganisationen", abgedruckt in Nr. 6 als „Entwurf des Sekretariats", sind nicht wenig einzelne Ungenauigkeiten enthalten, und die Hauptsache fehlt ganz und gar: eine klare Gegenüberstellung jener drei Hauptrichtungen (Sozialchauvinismus; „Zentrum"; Linke), die jetzt in der sozialistischen Bewegung der ganzen Welt miteinander kämpfen.
Noch einmal: Diese Fehler müssen widerlegt und erläutert werden, während man zugleich mit allen Kräften Kontakt und Verbindung mit den Organisationen der Jugend sucht und ihnen auf jede Art und Weise hilft; doch muß man es verstehen, in richtiger Weise an sie heranzutreten.

 

ZUR FRAGE DES PARTEIPROGRAMMS

Geschrieben nicht später als am 3. (16.) September 1917

Lenin, Werke Band 25, Seite 309 - 310


Die Mitteilung des Gen. Bucharin im „Spartak" [1] über die Einberufung eines „engeren" Parteitags, der das Programm annehmen soll, zeigt, wie diese Frage zur Lösung drängt.
Diese Frage ist wirklich unaufschiebbar.
Unsere Partei steht an der Spitze der anderen internationalistischen Parteien, das ist jetzt eine Tatsache.
Sie hat die Pflicht, die Initiative zu ergreifen und mit einem Programm aufzutreten, das auf die Probleme des Imperialismus Antwort gibt.
Es wäre ein Skandal und eine Schande, wenn wir das nicht täten.
Ich schlage dem ZK vor zu beschließen:
Jede Parteiorganisation ernennt sofort eine oder mehrere Kommissionen zur Vorbereitung des Programms und verpflichtet diese sowie alle Theoretiker, Publizisten u. a., ohne Aufschub diese Arbeit in Angriff zu nehmen und entweder einen eigenen Entwurf oder Abänderungsvorschläge und Zusatzanträge zu anderen Entwürfen innerhalb von höchstens 3-7 Tagen einzureichen.
Das ist bei beharrlicher Arbeit durchaus durchführbar.
Diese Entwürfe zusammenzufassen, drucken zu lassen oder in Schreibmaschinenabschriften an die wichtigsten Organisationen zu versenden, wird ein paar Wochen erfordern.
Dann ist sofort die Einberufung eines engeren Parteitags (ein Delegierter auf 4000 oder 5000 Mitglieder) bekanntzugeben. damit das Programm in einem Monat angenommen wird.
Unsere Partei ist verpflichtet, mit diesem Programm hervorzutreten, nur s o werden wir nicht in Worten, sondern in der Tat die III. Internationale voranbringen.
Alles andere sind Phrasen und Versprechungen, alles andere bedeutet Verschiebung bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Wenn wir die Initiative ergreifen, werden wir die Arbeit in jeder Hinsicht beschleunigen, und nur so können wir das Programm der III. Internationale vorbereiten.

_________

[1] "Spartak" (= Spartakus) - Zeitschrift des Moskauer Gebietsbüros, des Moskauer Stadtkomitees an (ab Nr. 2) des Moskauer Bezirkskomitees der SDAPR (B). Erschien vom 20. Mai (2. Juni) bis zum 29. Oktober (11. November) 1917

 

 

Reden gegen den Änderungsbeitrag Bucharins zur Resolution über das Parteiprogramm

6. - 8. . (19. - 21.) Oktober 1917

Lenin, Werke Band 26, Seite 156 -164

VII 

Vom allgemeinen oder theoretischen Teil des Programms gehen wir zum Minimalprogramm über. Wir stoßen hier sofort auf den äußerlich „sehr radikalen", doch sehr unvernünftigen Vorschlag der Genossen N. Bucharin und W. Smirnow, das Minimalprogramm überhaupt zu streichen. Die Teilung in ein Maximalprogramm und ein Minimalprogramm sei „veraltet", wozu brauche man es, wo es doch um den Übergang zum Sozialismus geht. Weg mit dem Mini­malprogramm, her mit dem Programm der Übergangsmaßnahmen zum Sozialismus.

Das ist der Vorschlag der beiden genannten Genossen, die sich je­doch aus irgendeinem Grunde nicht entschließen konnten, einen entsprechenden Entwurf vorzulegen (obwohl die Tatsache, daß die Revision des Parteiprogramms auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages gesetzt ist, diese Genossen geradezu verpflichtete, einen solchen Entwurf zu verfassen). Vielleicht sind die Urheber dieses „radikal" scheinenden Vorschlags selber unschlüssig geworden ... Wie dem auch sei, man muß sich mit ihrer Meinung auseinanderset­zen.

Krieg und Zerrüttung zwingen alle Länder, vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus überzuge­hen. Das ist die objektive Lage. Aber in revolutionären Verhältnis­sen, in einer Revolution geht der staatsmonopolistische Kapitalismus unmittelbar in den Sozialismus über. Man kann in der Revolution nicht vorwärtsgehen, ohne zum Sozialismus zu schreiten - das ist die objektive, durch Krieg und Revolution geschaffene Lage. UnsereAprilkonferenz hat ihr Rechnung getragen, indem sie die Losungen der „Sowjetrepublik" (die politische Form der Diktatur des Proletari­ats) und der Nationalisierung der Banken und Syndikate (die wich­tigste der Übergangsmaßnahmen auf dem Wege zum Sozialismus) aufstellte. Bis hierher stimmen alle Bolschewiki miteinander überein. Aber die Genossen W. Smirnow und N. Bucharin wollen weitergehen und das Minimalprogramm ganz streichen. Dies würde bedeuten, daß man dem weisen Rat des weisen Sprichworts zuwiderhan­delt, das da lautet:

„Rühme dich nicht, wenn du in die Schlacht ziehst, sondern erst, wenn du aus der Schlacht zurückkehrst!"

Wir ziehen in die Schlacht, d. h., wir kämpfen für die Eroberung der politischen Macht durch unsere Partei. Diese Macht wäre die Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft. Wenn wir diese Macht ergreifen, fürchten wir uns nicht, über die Schranken der bürgerlichen Ordnung hinauszugehen, sondern im Gegenteil, wir sagen klar, direkt, unzweideutig und in aller Öffentlichkeit, daß wir über diese Schranken hinausgehen, daß wir furchtlos zum Sozialis­mus schreiten werden und daß unser Weg eben über die Sowjetrepu­blik führt, über die Nationalisierung der Banken und Syndikate, die Arbeiterkontrolle, die allgemeine Arbeitspflicht, die Nationalisierung des Bodens, die Konfiskation des gutsherrlichen Inventars usw. usw. In diesem Sinne haben wir ein Programm der Übergangsmaßnahmen auf dem Wege zum Sozialismus gegeben.

Aber wir dürfen uns nicht rühmen, wenn wir in die Schlacht ziehen, wir dürfen das Minimalprogramm nicht streichen, denn das wäre gleichbedeutend mit leerer Prahlerei: Wir wollen nichts „von der Bourgeoisie fordern", sondern alles selbst verwirklichen, wir wollen uns nicht mit Kleinigkeiten innerhalb des Rahmens der bürgerlichen Ordnung befassen.

Das wäre leere Prahlerei, denn zuerst muß man die Macht erobern, wir aber haben sie noch nicht erobert. Zuerst müssen die Über­gangsmaßnahmen auf dem Wege zum Sozialismus in der Praxis durchgeführt, muß unsere Revolution bis zum Sieg der sozialistischen Weltrevolution weitergeführt werden, erst dann können und müssen wir, „aus der Schlacht zurückgekehrt", das Minimalprogramm als nunmehr überflüssig streichen.

Kann man jetzt die Gewähr dafür übernehmen, daß das Minimal­programm nicht mehr notwendig ist? Selbstverständlich nicht, aus dem einfachen Grunde, weil wir die Macht noch nicht erobert, den Sozialismus nicht verwirklicht haben, ja noch nicht einmal zum Anfang der sozialistischen Weltrevolution gelangt sind.

Man muß standhaft, mutig, ohne Schwankungen diesem Ziel zustreben, aber es ist lächerlich, zu sagen, es sei erreicht, wenn es ganz offenkundig noch nicht erreicht ist. Das Minimalprogramm jetzt schon streichen hieße erklären, verkünden (einfach gesagt, prahlen), „wir haben bereits gesiegt".

Nein, liebe Genossen, wir haben noch nicht gesiegt.

Wir wissen nicht, ob wir morgen oder etwas später siegen werden. (Ich persönlich bin geneigt, zu glauben, daß es morgen sein wird - ich schreibe dies am 6. Oktober 1917 - und daß wir uns mit der Machtergreifung verspäten können, aber auch morgen ist immerhin morgen und nicht heute.) Wir wissen nicht, wie bald nach unserem Sieg die Revolution im Westen kommen wird. Wir wissen nicht, ob es nach unserem Sieg nicht noch vorübergehende Perioden der Reak­tion und des Sieges der Konterrevolution geben wird - unmöglich ist das keineswegs -, und darum werden wir, wenn wir gesiegt haben, eine „dreifache Befestigungslinie" gegen eine solche Möglichkeit errichten.

Wir wissen das alles nicht und können es nicht wissen. Niemand kann das wissen. Und darum ist es auch lächerlich, das Minimalpro­gramm zu streichen, das unentbehrlich ist, solange wir noch im Rahmen der bürgerlichen Ordnung leben, solange wir diesen Rahmen noch nicht gesprengt haben, solange wir das Grundlegende für den Übergang zum Sozialismus nicht getan haben, den Feind (die Bourgeoisie) nicht geschlagen und, nachdem wir ihn geschlagen, nicht vernichtet haben. All das wird sein und vielleicht viel eher, als viele glauben (ich persönlich glaube, daß es morgen beginnen muß), aber es ist noch nicht da.

Nehmen wir das Minimalprogramm auf politischem Gebiet. Dieses Programm ist für eine bürgerliche Republik berechnet. Wir fügen hinzu, daß wir uns durch ihren Rahmen nicht beschränken lassen, sondern sofort für den höheren Typus der Sowjetrepublik kämpfen. Das müssen wir tun. Wir müssen mit ganzer Kraft, kühn und ent­schlossen zur neuen Republik voranschreiten, und ich bin überzeugt, daß wir gerade das tun werden. Aber man darf auf keinen Fall das Minimalprogramm streichen, denn erstens gibt es die Sowjetrepublik nochnicht; zweitens ist die Möglichkeit von „Restaurationsversu­chen" nicht ausgeschlossen, und diese müssen zuerst überwunden und zurückgeschlagen werden; drittens sind beim Übergang vom Alten zum Neuen vorübergehende „kombinierte Typen" möglich (wie das dieser Tage der „Rabotschi Put" richtig bemerkte), so zum Beispiel die Sowjetrepublik mitsamt der Konstituierenden Versammlung. Bringen wir zuerst all das hinter uns, dann ist immer noch Zeit, das Minimalprogramm zu streichen.

Dasselbe gilt für das wirtschaftliche Gebiet. Wir sind uns alle darüber einig, daß die Angst, zum Sozialismus voranzuschreiten, die größte Erbärmlichkeit undVerrat an der Sache des Proletariats ist. Wir sind uns alle darüber einig, daß die wichtigsten ersten Schritte auf diesem Wege solche Maßnahmen sein müssen wie die Nationali­sierung der Banken und Syndikate. Führen wir zuerst diese und andere ähnliche Maßnahmen durch, und dann werden wir weiter se­hen.Wir werden dann klarer sehen, denn die praktische Erfahrung, die millionenmal mehr wert ist als die besten Programme, wird unse­ren Horizont unermeßlich erweitern. Es ist möglich und sogar wahr­scheinlich, ja unzweifelhaft, daß es auch hier nicht ohne „kombinierte Typen" der Übergangszeit gehen wird; so können wir zum Bei­spiel die Kleinbetriebe mit ein oder zwei Lohnarbeitern weder sofort nationalisieren noch auch nur einer wirklichen Arbeiterkontrolleunterstellen. Mag ihre Rolle auch verschwindend klein, mögen sie auch durch die Nationalisierung der Banken und Trusts an Händen und Füßen gebunden sein, mag das alles sein, aber wozu das Mini­malprogramm streichen, solange es wenn auch nur kleine Winkel gibt, wo die bürgerlichen Verhältnisse weiterbestehen? Als Marxi­sten, die kühn zur größten Revolution der Welt voranschreiten und zugleich den Tatsachen nüchtern Rechnung tragen, haben wir nicht das Recht, das Minimalprogramm zu streichen.

Wollten wir das Minimalprogramm jetzt streichen, so würden wir damit beweisen, daß wir, noch ehe wir gesiegt haben, den Kopf verloren haben. Den Kopf aber dürfen wir weder vor dem Sieg noch während des Sieges noch nach dem Sieg verlieren, denn wenn wir den Kopf verlieren, verlieren wir alles.

Was die konkreten Vorschläge betrifft, so hat Gen. N. Bucharin eigentlich nichts gesagt, denn er wiederholt nur, was über die Nationalisierung der Banken und Syndikate schon längst gesagt wurde. Gen. W. Smirnow gibt in seinem Artikel eine sehr interessante und lehr­reiche Aufzählung in Frage kommender Umgestaltungen, die auf die Regulierung der Produktion und der Konsumtion der Produkte hi­nauslaufen. Das ist in allgemeiner Form beispielsweise in meinem Entwurf bereits enthalten, es steht dort dahinter ein „usw.". Jetzt schon darüber hinauszugehen und sich auf eine Konkretisierung der einzelnen Maßnahmen einzulassen, scheint mir unzweckmäßig. Nach den grundlegenden Maßnahmen vom neuen Typus, nach der Nationalisierung der Banken, nachder Inangriffnahme der Arbeiter­kontrolle wird vieles besser zu übersehen sein, und die Erfahrung wird eine Masse Neues lehren, denn es wird die Erfahrung von Millionen sein, eine Erfahrung, die im Aufbau neuer Wirtschaftsverhält­nisse unter der bewußten Teilnahme von Millionen erworben ist. In Artikeln, Broschüren, Reden das Neue zu umreißen, Pläne aufzustel­len, sie zu bewerten, die lokalen Teilerfahrungen der verschiedenen Sowjets oder Versorgungskomitees usw. zu verarbeiten - das alles ist selbstverständlich eine sehr nützliche Arbeit. Aber in das Programm eine übermäßige Detaillierung hineinzutragen ist verfrüht, ja es kann sogar schädlich sein, weil es uns in Einzelheiten die Hände bindet. Wir müssen freie Hand haben, um mit größerer Kraft das Neue schaffen zu können, wenn wir den neuen Weg erst ganz betreten haben werden.

VIII

Im Artikel des Gen. Bucharin ist noch eine andere Frage angeschnitten, auf die man eingehen muß.

„Die Revision unseres Parteiprogramms muß mit der Ausarbeitung eines einheitlichen Programms für die internationale Partei des Proletariats verbunden sein."

Das ist nicht ganz klar gesagt. Versteht man es so, daß der Verfasser uns von der Annahme eines neuen Programms abrät und diese Angelegenheit bis zur Schaffung eines einheitlichen internationalen Programms, des Programms der III. Internationale, aufschieben will, so müßte einer solchen Meinung auf das entschiedenste widersprochen werden. Denn ein Aufschub aus einem solchen Grunde (ich nehme an, daß es andere Gründe für einen Aufschub nicht gibt, z. B. hat niemand einen Aufschub wegen unzureichender Vorbereitung unserer Parteimaterialien für die Revision verlangt) würde einer Verschleppung der Gründung der III. Internationale, und zwar durch uns, gleichkommen. Die Gründung der III. Internationale darf natürlich nicht formal aufgefaßt werden. Solange die proletarische Revolution nicht wenigstens in einem Lande gesiegt hat, oder solange der Krieg nicht beendet ist, kann man nicht auf einen raschen und erfolgreichen Schritt vorwärts in der Sache der Einberufung einer großen Konferenz der revolutionären internationalistischen Parteien der verschiedenen Länder, auf ein Übereinkommen dieser Parteien über die formelle Bestätigung eines neuen Programms hoffen. Bis dahin aber muß die Sache durch die Initiative jener Parteien vorangetrieben werden, die jetzt in einer besseren Lage sind als die ändern und den ersten Schritt tun können, ohne ihn natürlich für den letzten zu halten, ohne das eigene Programm um jeden Preis den anderen „linken" (d. h. revolutionären internationalistischen) Programmen entgegenzustellen, sondern eben indem sie die Ausarbeitung eines gemeinsamen Programms vorbereiten. Außer Rußland gibt es heute kein Land in der Welt, wo die Internationalisten eine solche verhältnismäßige Versammlungsfreiheit hätten und wo es so viele über die internationalen Strömungen und Programme gut unterrichtete Genossen gäbe wie in unserer Partei. Darum müssen wir unbedingt die Initiative auf uns nehmen. Das ist unsere direkte Pflicht als Internationalisten.

Offenbar ist gerade das auch die Ansicht des Gen. Bucharin, denn er sagt zu Anfang seines Artikels, daß „der eben beendete Parteitag" (geschrieben im August) „die Umarbeitung des Programms für notwendig erkannt hat" und daß „zu diesem Zweck ein besonderer Parteitag einberufen werden wird". Aus diesen Worten kann man schließen, daß Gen. Bucharin gegen die Annahme eines neuen Programms auf diesem Parteitag nichts einzuwenden hat.

Wenn dem so ist, so gelangen wir in der aufgeworfenen Frage zu voller Einmütigkeit. Es wird sich wohl kaum jemand finden, der dagegen wäre, daß unser Parteitag nach Annahme des neuen Programms den Wunsch ausspricht, daß ein gemeinsames einheitliches Programm der III. Internationale geschaffen werde, und zu diesem Zweck bestimmte Schritte unternimmt, wie z. B. die Beschleunigung einer Konferenz der Linken, die Herausgabe eines Sammelbandes in mehreren Sprachen, die Bildung einer Kommission für die Sammlung des Materials über das, was von anderen Ländern zur „Sondierung" (nach dem richtigen Ausdruck des Genossen Bucharin) des Weges zum neuen Programm getan worden ist (die Tribunisten in Holland , die Linken in Deutschland. Die „Liga für sozialistische Propaganda" in Amerika hat Gen. Bucharin bereits genannt, man könnte noch auf die „Sozialistische Arbeiterpartei" Amerikas hinweisen und darauf, wie diese die Frage der Ablösung „des politischen Staates durch eine industrielle Demokratie" stellt).

Ferner muß ich einen Hinweis des Gen. Bucharin auf einen Mangel in meinem Entwurf als unbedingt richtig anerkennen. Gen. B. zitiert jene Stelle dieses Entwurfs (S. 23 der Broschüre17), wo von der gegenwärtigen Situation in Rußland, von der Provisorischen Regierung der Kapitalisten usw. die Rede ist. Gen. Bucharin hat recht, wenn er diese Stelle kritisiert und sagt, daß sie in eine taktische Resolution oder in eine Plattform gehöre. Ich schlage darum vor, entweder den ganzen letzten Absatz auf Seite 23 vollständig zu streichen oder ihn folgendermaßen zu fassen:

„In ihrem Bestreben, eine Staatsordnung zu schaffen, die am besten sowohl die wirtschaftliche Entwicklung und die Rechte des Volkes im allgemeinen sichern würde als auch im besonderen die Möglichkeit, den Übergang zum Sozialismus denkbar schmerzlos zu vollziehen, kann sich die Partei des Proletariats nicht auf... beschränken" usw.

Schließlich muß ich hier zu einem Punkt auf eine Frage antworten, die bei einigen Genossen aufgetaucht, aber, soweit ich weiß, in der Presse nicht aufgeworfen worden ist. Es ist das die Frage des Para­graphen 9 des politischen Programms, die Frage des Selbstbestimmungsrechts der Nationen. Der Punkt besteht aus zwei Teilen: der erste gibt eine neue Formulierung des Selbstbestimmungsrechts, der zweite enthält nicht eine Forderung, sondern eine Deklaration. Die Frage, die mir gestellt wurde, war die, ob eine Deklaration hier am Platze sei. Im allgemeinen gehören Deklarationen nicht ins Pro­gramm, aber eine Ausnahme von der Regel ist hier meines Erachtens unerläßlich. An Stelle des Wortes Selbstbestimmung, das oft zu fal­schen Auslegungen Anlaß bot, setze ich einen ganz präzisen Begriff: „Recht auf freie Lostrennung." Nach den Erfahrungen der halbjähri­gen Revolution des Jahres 1917 kann wohl kaum bestritten werden, daß die Partei des revolutionären Proletariats Rußlands, eine Partei, die sich in ihrer Arbeit der großrussischen Sprache bedient, ver­pflichtet ist, das Recht auf Lostrennung anzuerkennen. Nachdem wir die Macht errungen haben, würden wir unbedingt Finnland, der Ukraine, Armenien, jeder vom Zarismus (und von der großrussischen Bourgeoisie) unterdrückten Nationalität unverzüglich dieses Recht zuerkennen. Doch wir unserseits wollen die Lostrennung gar nicht. Wir wollen einen möglichst großen Staat, einen möglichst engen Bund einer möglichst großen Zahl von Nationen, die in Nachbar­schaft der Großrussen leben; wir wollen das im Interesse der Demo­kratie und des Sozialismus, im Interesse der Einbeziehung einer möglichst großen Zahl von Werktätigen verschiedener Nationen in den Kampf des Proletariats. Wir wollen eine revolutionär proletarische Einheit, Vereinigung, nicht Trennung. Wir wollen eine revolutionäreVereinigung, und darum stellen wir nicht die Losung der Vereinigung all und jeder Staaten überhaupt auf, denn die soziale Revolution setzt auf die Tagesordnung nur die Vereinigung jener Staaten, die zum Sozialismus übergegangen sind und übergehen, der sich befreienden Kolonien usw. Wir wollen einefreie Vereinigung, und darum sind wir verpflichtet, das Recht auf Lostrennung anzuerkennen (ohne das Recht auf Lostrennung kann die Vereinigung nicht als frei bezeichnet werden). Wir sind um so mehr verpflichtet, das Recht auf Lostrennung anzuerkennen, als sich infolge der Unterdrückungsmaßnahmen des Zarismus und der großrussischen Bour­geoisie bei den benachbarten Nationen eine Unmenge Erbitterung und Mißtrauen gegen die Großrussen schlechthin angehäuft hat, und dieses Mißtrauen kann nur durch Taten und nicht durch Worte zer­streut werden.

Aber wir wollen die Vereinigung, und das muß gesagt werden; das im Programm der Partei eines buntscheckigen Nationalitätenstaates zu sagen, ist so wichtig, daß man um dessentwillen vom Üblichen abweichen und einer Deklaration Raum geben muß. Wir wollen, daß die Republik des russischen (ich wäre sogar nicht abgeneigt zu sagen: des großrussischen, denn das ist richtiger) Volkes die anderen Nationen an sich ziehe. Aber wodurch? Nicht durch Gewalt, sondern ausschließlich durch freiwillige Vereinbarung. Andernfalls würden die Einheit und der brüderliche Bund der Arbeiter aller Länder untergraben. Zum Unterschied von den bürgerlichen Demokraten ist unsere Losung nicht die Brüderlichkeit der Völker, sondern die Brüderlichkeit der Arbeiter aller Nationalitäten, denn der Bourgeoisie aller Länder vertrauen wir nicht, wir betrachten sie als Feind.

Darum muß man hier eine Ausnahme von der Regel zulassen und in den Paragraphen eine Prinzipienerklärung aufnehmen.

 

 

Ausführungen in der Sitzung des ZK der SDAPR (B)

(Protokollarische Niederschrift)

19. Januar (1. Februar) 1918

Lenin, Werke Band 26, Seite 509 - 510

(2) Lenin schlägt zur Geschäftordnung vor, Bucharin möge Mitteilung über die Lage im Petrograder Komitee machen.

(6) Lenin weist darauf hin, daß man mit dem Parteiprogramm unmöglich bis zum 15. Februar fertig werden kann, und beantragt:
Die Beratung für den 20. Januar in folgender Zusammensetzung einzuberufen: 1. Das Zentralkomitee; 2. Vertreter der Meinungen, die klar zum Ausdruck gekommen sind, und zwar: Lenin, Sokolnikow, Bucharin, Obolenski, Stukow. Sollten zwischen Smirnow, Obolenski, Stukow und Pjatakow Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich ihrer Grundsätze bestehen, so entsenden sie 2 Vertreter, sonst einen; 3. das Petrograder Parteikomitee, vertreten durch Fenigstein; 4. ein Lette.
Bucharin und Lomow werden beauftragt, mit den Moskauern und mit Pjatakow zu sprechen. Jede Gruppe legt ihre Thesen vor.

 

 

Ausführungen in der Sitzung des ZK der SDAPR (B)

(Protokollarische Niederschrift)

18. Februar 1918

Lenin, Werke Band 26, Seite 522

2
Nach dem Beschluß, die Frage zu behandeln, beantragt N. I. Bucharin, eine größere Zahl von Rednern zu Wort kommen zu lassen.
Genosse Lenin spricht dagegen und schlägt vor, die Frage darauf zu beschränken, ob man ein telegrafisches Friedensangebot absenden soll oder nicht, und dafür und dagegen sprechen zu lassen.
Der Antrag Lenins wird angenommen

 

Reden in der Sitzung des ZK der SDAPR (B)

(Protokollarische Niederschrift)

18. Februar 1918 (Abendsitzung)

Lenin, Werke Band 26, Seite 525

Genosse Lenin. Bucharin hat nicht bemerkt, daß er auf die Position des revolutionären Krieges übergegangen ist. Der Bauer will keinen Krieg und wird keinen Krieg führen. Kann man jetzt dem Bauern sagen, daß er in einen revolutionären Krieg ziehen soll? Aber wenn man das will, dann durfte man die Armee nicht demobilisieren. Ein permanenter Bauernkrieg ist eine Utopie. Der revolutionäre Krieg darf keine Phrase sein. Wenn wir nicht vorbereitet sind, so müssen wir den Frieden unterzeichnen. Wenn wir die Armee demobilisiert haben, so ist es lächerlich, von einem permanenten Krieg zu reden. Man kann keinen Vergleich mit dem Bürgerkrieg ziehen.
Der Bauer wird sich auf einen revolutionären Krieg nicht einlassen und wird jeden davonjagen, der das offen fordert. Die Revolution in Deutschland hat noch nicht begonnen, und wir wissen, daß auch bei uns die Revolution nicht auf einen Schlag gesiegt hat. Hier ist gesagt worden, daß die Deutschen Livland und Estland nehmen werden, aber wir können sie um der Revolution willen aufgeben. Wenn sie den Abzug der Truppen aus Finnland verlangen - nun, so mögen sie das revolutionäre Finnland einnehmen. Wenn wir Finnland, Livland und Estland aufgeben, so ist die Revolution nicht verloren. Die Perspektiven, mit denen uns gestern Gen. Joffe geschreckt hat, werden die Revolution keineswegs zugrunde richten.
Ich schlage vor zu erklären, daß wir den Frieden unterzeichnen, den uns gestern die Deutschen angeboten haben; und wenn sie außerdem fordern, wir sollten uns nidit in die Angelegenheiten der Ukraine, Finnlands, Livlands und Estlands einmischen, so muß man unbedingt auch das annehmen. Unsere Soldaten taugen absolut nichts,- die Deutschen wollen Getreide - sie werden es nehmen und zurückkehren, nachdem sie die Existenz der Sowjetmacht unmöglich gemacht haben. Erklären wir die Demobilisierung für eingestellt, so bedeutet das unseren Sturz.

 

 

Eine ernste Lehre und eine ernste Verantwortung

15. März 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 64 ff


Unsere jammervollen „Linken", die gestern mit einer eigenen Zeitung „Kommunist" [1] (man sollte hinzufügen: Kommunist der vormarxschen Epoche) hervorgetreten sind, wollen sich der Lehre und den Lehren der Geschichte entziehen, drücken sich vor der Verantwortung.
Vergebliche Fisimatenten! Es wird ihnen nicht gelingen, sich zu drücken.
Es ist eine Tatsache, daß in dem Augenblick, wo die zur Kriegführung unfähige Feldarmee panisch flieht, Geschütze im Stiche läßt und nicht einmal Zeit findet, um die Brücken zu sprengen, die Verteidigung des Vaterlands und die Hebung seiner Wehrkraft nicht in Geschwätz vom revolutionären Krieg besteht (einem Geschwätz, das angesichts der panischen Flucht der Armee, von der die Anhänger des revolutionären Kriegs keine einzige Abteilung zurückgehalten haben, einfach eine Schande ist), sondern in geordnetem Rückzug zwecks Rettung der Überreste der Armee, in der Ausnutzung eines jeden Tages der Atempause für diesen Zweck.
Tatsachen sind ein hartnäckig Ding.
Unsere jammervollen „Linken", die sich vor den Tatsachen, vor den Lehren der Tatsachen, vor der Verantwortung drücken, suchen dem Leser die jüngste, ganz frische, historisch bedeutsame Vergangenheit zu verheimlichen und sie mit Berufung auf längst Vergangenes und Unwesentliches zu vertuschen.
N. Bucharin sucht jetzt sogar die Tatsache zu bestreiten, daß er und seine Freunde behauptet haben, der Deutsche werde nicht angreifen können. Aber sehr, sehr viele wissen, daß dies eine Tatsache ist, daß Bucharin und seine Freunde das behauptet haben, daß sie durch die Verbreitung einer solchen Illusion dem deutschen Imperialismus geholfen und das Heranwachsen der deutschen Revolution behindert haben, die jetzt dadurch geschwächt worden ist, daß der großrussischen Sowjetrepublik bei der panischen Flucht der Bauernarmee Tausende und aber Tausende Geschütze, Reichtümer im Wert von Hunderten und aber Hunderten Millionen weggenommen worden sind. Ich hatte das in den Thesen vom 7. Januar klipp und klar vorausgesagt. Wenn N. Bucharin jetzt zur „Verleugnung" gezwungen ist, um so schlimmer für ihn. Jeder, der sich der Worte Bucharins und seiner Freunde, den Deutschen sei eine Offensive unmöglich, erinnert, wird darüber die Achseln zucken, daß N. Bucharin seine eigenen Worte „verleugnen" mußte.
Wer sich ihrer aber nicht erinnert, wer sie nicht gehört hat, den verweisen wir auf ein Dokument, das jetzt ein klein wenig wertvoller, interessanter und lehrreicher ist als die Schreibereien K. Radeks vom Dezember. Dieses Dokument, das die „Linken" leider ihren Lesern verheimlicht haben, das sind die Resultate (erstens) der Abstimmungen vom 21. Januar 1918 in der Beratung des ZK unserer Partei zusammen mit der jetzigen „linken" Opposition und (zweitens) der Abstimmung des ZK vom 17. Februar 1918.
Als am 21. Januar 1918 die Frage behandelt wurde, ob man die Verhandlungen mit den Deutschen sofort abbrechen solle, da stimmte (von den Mitarbeitern des pseudolinken „Kommunist") nur Stukow dafür.
Alle übrigen waren dagegen.
Bei der Frage, ob die Unterzeichnung eines Annexionsfriedens zulässig sei, wenn die Deutschen die Verhandlungen abbrechen oder ein Ultimatum stellen, stimmten nur Obolenski (wann werden „seine" Thesen veröffentlicht werden? weshalb schweigt der „Kommunist" über sie?) und Stukow dagegen. Alle übrigen stimmten dafür.
Bei der Frage, ob man in einem solchen Fall den angebotenen Frieden unterzeichnen müsse, stimmten nur Obolenski und Stukow dagegen, die übrigen „Linken" enthielten sich der Stimme!! Das ist eine Tatsache.
Als am 17. Februar 1918 die Frage behandelt wurde, wer für den revolutionären Krieg sei, lehnten Bucharin und Lomow es ab, „angesichts einer solchen Fragestellung an der Abstimmung teilzunehmen". Dafür stimmte niemand. Das ist eine Tatsache!
Bei der Frage, ob man „mit der Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen so lange warten solle, bis die deutsche Offensive in genügendem Maße (buchstäblich so!) in Erscheinung treten und ihr Einfluß auf die deutsche Arbeiterbewegung sich zeigen werde", stimmten von den jetzigen Mitarbeitern der „linken" Zeitung dafür Bucharin, Lomow und Urizki.
Bei der Frage, „ob wir Frieden schließen, wenn die deutsche Offensive zur Tatsache wird, der revolutionäre Aufschwung in Deutschland und
Österreich aber nicht einsetzt", enthielten sich Lomow, Bucharin und Urizki der Stimme.
Tatsachen sind ein hartnäckig Ding. Die Tatsachen aber besagen, daß Bucharin eine deutsche Offensive für unmöglich gehalten, daß er Illusionen gesät hat, womit er praktisch, gegen seinen eigenen Wunsch, den deutschen Imperialisten geholfen, das Heranwachsen der deutschen Revolution behindert hat. Eben das ist das Wesen der revolutionären Phrase. Er wollte in ein Zimmer und geriet in ein anderes.
N. Bucharin wirft mir vor, daß ich die Bedingungen des jetzigen Friedens nicht konkret analysiere. Es ist aber nicht schwer zu verstehen, daß das für meine Argumentation und dem Wesen der Sache nach gar nicht notwendig war und nicht notwendig ist. Es genügte der Beweis, daß es für uns nur ein wirkliches, nicht zusammenphantasiertes Dilemma gibt: Entweder solche Bedingungen, die uns wenigstens auf einige Tage eine Atempause gewähren, oder die Lage Belgiens und Serbiens. Und das hat Bucharin nicht einmal für Petrograd widerlegt. Das hat sein Kollege M. N. Pokrowski zugegeben.
Daß aber die neuen Bedingungen schlimmer, schwerer, erniedrigender sind als die schlimmen, schweren und erniedrigenden Brester Bedingungen, daran tragen die Schuld gegenüber der großen Sowjetrepublik Rußland unsere jammervollen „Linken" Bucharin, Lomow, Urizki und Konsorten.
Das ist eine geschichtliche Tatsache, die durch die obenerwähnten Abstimmungen bewiesen ist. Diese Tatsache läßt sich durch keinerlei Ausflüchte aus der Welt schaffen. Man gab Ihnen die Brester Bedingungen, Sie aber antworteten darauf mit Aufschneiderei und Schwadronage und verschledhterten die Bedingungen. Das ist eine Tatsache. Und die Verantwortung dafür werden Sie nicht von sich abwälzen können.
In meinen Thesen vom 7. Januar 1918 habe ich mit voller Klarheit vorausgesagt, daß infolge des Zustands unserer Armee (dem mit Phrasendrescherei „gegen" die ermüdeten Bauernmassen nicht abgeholfen werden konnte) Rußland einen schlechteren Separatfrieden wird schließen müssen, wenn es den Brester Frieden nicht annimmt.
Die „Linken" sind der russischen Bourgeoisie in die Falle gegangen, die es nötig hatte, uns in einen Krieg zu verwickeln, der für uns am ailerungünstigsten ist.
Daß die „linken Sozialrevolutionäre" dadurch, daß sie für einen sofortigen Krieg eintreten, offenkundig in Gegensatz zur Bauernschaft geraten sind, ist eine Tatsache. Und diese Tatsache spricht dafür, daß die Politik der linken Sozialrevolutionäre unernst ist, ebenso wie die scheinbar „revolutionäre" Politik aller Sozialrevolutionäre im Sommer 1917 unernst war.
Daß die klassenbewußtesten und fortgeschrittensten Arbeiter den Rausch der revolutionären Phrase rasch überwinden, zeigt das Beispiel Petrograds und Moskaus. In Petrograd sind die besten Arbeiterbezirke, der Wiborger und der Bezirk Wassiljewski-Ostrow, bereits zur Besinnung gekommen.
Der Petrograder Sowjet der Arbeiterdeputierten ist nicht für einen sofortigen Krieg, er hat begriffen, daß man ihn vorbereiten muß, und bereitet ihn auch vor. In Moskau haben in der Stadtkonferenz der Bolschewiki am 3. und 4. März 1918 bereits die Gegner der revolutionären Phrase gesiegt.
Wer über Tatsachen nicht einfach hinweggeht, der weiß, daß das größte "Hindernis für einen Widerstand gegen die Deutschen sowohl in Großrußland als auch in der Ukraine und in Finnland im Februar 1918 unsere nicht demobilisierte Armee war. Das ist eine Tatsache. Denn sie konnte nicht anders als panikartig flüchten und riß dabei die Rotarmistenabteilungen mit sich.
Wir sind in die Epoche einer Reihe von Kriegen eingetreten. Wir gehen einem neuen vaterländischen Krieg entgegen. Wir gehen ihm entgegen unter den Bedingungen einer heranreifenden sozialistischen Revolution. Und auf diesem schweren Wege werden das russische Proletariat und die russische Revolution sich vom Schwadronieren, von der revolutionären Phrase befreien, werden es verstehen, auch die allerdrückendsten Friedensverträge anzunehmen und sich von neuem zu erheben.
Nieder mit dem Schwadronieren! Für ernste Arbeit, Disziplin und Organisation!

_____

[1]
„Kommunist" — Tageszeitung, fraktionelles Organ der „linken Kommunisten"; erschien im M ä r z 1918 in Petrograd als „Organ des Petersburger Komitees und des Petersburger Bezirkskomitees der SDAPR.". Auf Beschluß der Petrograder Stadtparteikonferenz vom 20. M ä r z 1918 wurde die Herausgabe der Zeitung eingestellt. Die Konferenz stellte fest, daß die in
der fraktionellen Zeitung „Kommunist" vertretene Politik des Petrograder Komitees durch und durch falsch war und in keiner Weise die Politik der Petrograder Organisation der Kommunistischen Partei sein konnte. Zum Organ der Petrograder Parteiorganisation erklärte die Konferenz an Stelle des „Kommunist" die „Petrogradskaja Prawda" (Petrograder Prawda).





Siebenter Parteitag der KPR (B)

(Schlusswort)

9. März 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 97 ff

 

Bemerkungen zu Bucharin über Krieg und Frieden

 

Siebenter Parteitag der KPR (B)

Referat über die Revision des Parteiprogramms

9. März 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 116 - 118

Denn wieviel Kulturwerte auch zerstört sein mögen — die Kultur aus dem geschichtlichen Leben zu streichen ist unmöglich, es wird schwer sein, sie wieder aufzubauen, aber niemals führt eine Zerstörung so weit, daß die Kultur völlig verschwindet. Dieser oder jener Teil, diese oder jene materiellen Überreste der Kultur sind nicht zu beseitigen, die Schwierigkeiten werden lediglich darin bestehen, sie zu erneuern. Das also ist die eine Auffassung: daß wir das alte Programm beibehalten und es durch eine Charakteristik des Imperialismus und des Beginns der sozialen Revolution ergänzen müssen.
Ich habe diesen Standpunkt in dem von mir veröffentlichten Programmentwurf zum Ausdruck gebracht. Einen anderen Entwurf hat Gen. Sokolnikow im Moskauer Sammelband veröffentlicht. Die andere Auffassung ist in unseren Besprechungen zum Ausdruck gebracht worden, besonders von Gen. Bucharin, und in der Presse von Gen. W. Smirnow im Moskauer Sammelband. Diese Auffassung bestand darin, man müsse den alten theoretischen Teil des Programms entweder ganz streichen oder doch fast beseitigen und ihn durch einen neuen ersetzen, der nicht die Entwicklungsgeschichte der Warenproduktion und des Kapitalismus charakterisiert, wie unser Programm das tat, sondern das jetzige höchste Entwicklungsstadium des Kapitalismus — den Imperialismus — und den unmittelbaren Übergang zur Ära der sozialen Revolution. Mir dünkt nicht, daß diese beiden Auffassungen radikal und prinzipiell auseinandergehen, ich werde jedoch meine Auffassung verfechten. Mir scheint, daß es theoretisch unrichtig wäre, das alte Programm zu streichen, das die Entwicklung von der Warenproduktion zum Kapitalismus charakterisiert. In ihm ist nichts Unrichtiges enthalten. So hat sich die Sache entwickelt, so entwickelt sie sich, denn die Warenproduktion hat den Kapitalismus geboren, dieser aber hat zum Imperialismus geführt. Das ist die allgemeine weltgeschichtliche Perspektive, und die Grundlagen des Sozialismus darf man nicht vergessen. Welches auch die weiteren Peripetien des Kampfes sein mögen, wie viele Zickzackwege wir auch im einzelnen zurückzulegen haben werden (und ihrer werden sehr viele sein; wir sehen an der Erfahrung, welche gigantischen Wendungen die Geschichte der Revolution vollzieht, und das zunächst nur bei uns; wieviel komplizierter und rascher wird sich die Sache entwickeln, wieviel toller wird das Entwicklungstempo werden und wieviel kompliziertere Schwenkungen werden kommen, wenn die Revolution zur europäischen Revolution wird) — um sich in diesem Zickzack, diesen schroffen Wendungen der Geschichte nicht zu verlieren und die allgemeine Perspektive zu behalten, um den roten Faden zu sehen, der die gesamte Entwicklung des Kapitalismus und den ganzen Weg zum Sozialismus verknüpft, den wir uns natürlich als einen geraden Weg vorstellen und vorstellen müssen, um den Anfang, die Fortsetzung und das Ende zu sehen — im Leben wird er niemals gerade sein, er wird außerordentlich kompliziert sein —, um sich in diesen Wendungen nicht zu verlieren, um in den Perioden des Zurückgehens, der Rückzüge, der zeitweiligen Niederlagen oder wenn uns die Geschichte oder der Feind zurückwirft, um sich hier nicht zu verlieren, wird es meines Erachtens wichtig und theoretisch das einzig Richtige sein, wenn wir unser altes, grundlegendes Programm nicht beiseite werfen.
Denn wir befinden uns jetzt bei uns in Rußland erst auf der ersten Übergangsstufe vom Kapitalismus zum Sozialismus. Die Geschichte hat uns nicht jene friedliche Situation gegeben, an die wir theoretisch für eine gewisse Zeit dachten und die für uns wünschenswert wäre, die uns ermöglichen würde, diese Übergangsstufen rasch durchzumachen. Wir sehen auf einmal, wie viele Schwierigkeiten der Bürgerkrieg in Rußland geschaffen hat und wie dieser Bürgerkrieg sich mit einer ganzen Reihe von Kriegen verknüpft. Die Marxisten haben niemals vergessen, daß die Gewaltanwendung unvermeidlich eine Begleiterscheinung des Zusammenbruchs des Kapitalismus auf der ganzen Linie und des Entstehens der sozialistischen Gesellschaft sein wird. Und diese Gewaltanwendung wird eine weltgeschichtliche Periode umfassen, eine ganze Ära verschiedenartigster Kriege — imperialistischer Kriege, Bürgerkriege im Innern des Landes, Verflechtung beider, nationaler Kriege, Befreiungskriege von Nationalitäten, zertreten von den Imperialisten, Kriege von verschiedenen Kombinationen imperialistischer Staaten, die unvermeidlich in der Epoche der gewaltigen staatskapitalistischen und militärischen Trusts und Syndikate diese oder jene Bündnisse eingehen. Diese Epoche ist eine Epoche gigantischer Zusammenbrüche, massenhafter militärischer gewaltsamer Entscheidungen und Krisen—sie hat begonnen, das sehen wir ganz deutlich—, es ist nur der Anfang. Deshalb haben wir keine Veranlassung, alles hinauszuwerfen, was sich auf die Charakteristik der Warenproduktion überhaupt, des Kapitalismus überhaupt bezieht. Wir haben soeben die ersten Schritte getan, um den Kapitalismus völlig abzuschütteln und den Übergang zum Sozialismus zu beginnen. Wieviel Etappen des Übergangs zum Sozialismus noch vor uns liegen, wissen wir nicht und können wir nicht wissen.

 

Siebenter Parteitag der KPR (B)

Reden gegen den Abänderungsantrag Bucharins zur Resolution über das Parteiprogramm

8. März 1918 (abends)

Lenin, Werke Band 27, Seite 134 - 135

I

Ich kann mich keineswegs mit dem Abänderungsantrag des Gen. Bucharin einverstanden erklären. Das Programm charakterisiert den Imperialismus und die begonnene Ära der sozialen Revolution. Daß die Ära der sozialen Revolution begonnen hat, steht absolut fest. Was will also Gen. Bucharin?
Die sozialistische Gesellschaft in entfalteter Form, d. h. den Kommunismus, charakterisieren. Hierbei unterlaufen ihm Ungenauigkeiten. Wir sind jetzt unbedingt für den Staat, will man aber eine Charakteristik des Sozialismus in entfalteter Form geben, wo kein Staat mehr sein wird, da kann man sich nichts anderes ausdenken, als daß der Grundsatz verwirklicht sein wird: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Bis dahin aber ist es noch weit, und das sagen heißt nichts weiter sagen, als daß der Boden unter unseren Füßen noch nicht fest ist. Dahin werden wir zu guter Letzt gelangen, wenn wir zum Sozialismus kommen.
Um zu verwirklichen, was wir gesagt haben, werden wir noch genug zu arbeiten haben. Wenn wir es vollbrächten, so wäre das ein gigantisches historisches Verdienst. Wir können keine Charakteristik des Sozialismus geben,- wie der Sozialismus aussehen wird, wenn er fertige Formen annimmt — das wissen wir nicht, das können wir nicht sagen. Sagen können wir, daß die Ära der sozialen Revolution begonnen hat, daß wir das und das getan haben, das und das tun wollen — das wissen wir, das werden wir sagen, und das wird den europäischen Arbeitern zeigen, daß wir sozusagen mit unseren Kräften keineswegs übertreiben: das haben wir angefangen, und das wollen wir tun. Aber jetzt wissen zu wollen, wie der vollendete Sozialismus aussehen wird — nein, das wissen wir nicht. Theoretisch, in theoretischen Werken, in Artikeln, in Reden, in Vorlesungen werden wir den Gedanken entwickeln, daß Kautsky den Kampf gegen die Anarchisten nicht richtig führt, aber ins Programm können wir das nicht aufnehmen, weil es noch keine Materialien für eine Charakteristik des Sozialismus gibt. Die Ziegel sind noch nicht hergestellt, aus denen der Sozialismus aufgebaut wird. Weiter können wir nichts sagen, und man muß möglichst vorsichtig und genau sein. Darin und nur darin wird die werbende Kraft unseres Programms bestehen. Prätendieren wir aber im geringsten auf Dinge, die wir nicht geben können, so wird das die Kraft unseres Programms schwächen. Man wird argwöhnen, daß unser Programm nur eine Phantasie sei. Das Programm ist eine Charakteristik dessen, was wir zu tun begonnen haben, und gibt die nächsten Schritte an, die wir tun wollen. Den Sozialismus zu charakterisieren sind wir nicht imstande, und diese Aufgabe war unrichtig formuliert worden.
II
Da die Formulierung nicht in schriftlicher Form vorlag, so ist natürlich ein Mißverständnis möglich. Aber Gen. Bucharin hat mich nicht überzeugt.
Der Name unserer Partei drückt klar genug aus, daß wir den vollen Kommunismus anstreben, daß wir solche abstrakten Sätze aufstellen wie: Jeder von uns wird nach seinen Fähigkeiten arbeiten und nach seinen Bedürfnissen empfangen, ohne jede militärische Kontrolle und Gewalt. Davon jetzt zu reden, wäre verfrüht. Mit dem Absterben des Staates hat es noch gute Weile. Bis dahin haben wir noch Zeit, mehr als zwei Parteitage abzuhalten, um sagen zu können: Da, seht, wie unser Staat abstirbt. Bis dahin aber ist es noch zu früh. Im voraus das Absterben des Staates zu proklamieren, wäre eine Verletzung der historischen Perspektive.

 

BEMERKUNG ZUM VERHALTEN DER „LINKEN KOMMUNISTEN"

2. Märzhälfte 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 191

Einige Genossen, die sich „linke Kommunisten" nennen, bezogen nach dem Abschluß des Brester Friedens die Stellung einer „Opposition" in der Partei, und als Folge davon artet ihre Tätigkeit immer mehr in eine völlig illoyale und unzulässige Verletzung der Parteidisziplin aus.
Gen. Bucharin weigerte sich, den Posten eines Mitglieds des ZK anzunehmen, auf den ihn der Parteitag berufen hatte.
Die Genossen Smirnow, Obolenski und Jakowlewa verließen ihre Posten als Volkskommissare bzw. als Geschäftsführer des Obersten Volkswirtschaftsrates.
Das sind völlig illoyale Handlungen, wie sie Genossen nicht zukommen, Handlungen, die die Parteidisziplin verletzen, und ein solches Verhalten war und bleibt ein Schritt zur Spaltung von Seiten der genannten Genossen .. .

 

Tagung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees

29. April 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 293 - 294

In der Zeitung „Lewy Kommunist" fand ich die Rezension eines so hervorragenden Publizisten wie Bucharin über mein Büchlein ["Staat und Revolution"], und zwar eine wohlwollende Rezension; aber alles, was wertvoll darin war, verlor für mich jeden Wert, als ich die Rezension ganz zu Ende gelesen hatte; ich sah, daß Bucharin das, was man sehen mußte, übersehen hat, und das geschah deshalb, weil er seine Rezension im April schrieb, aber zitierte, was bereits für den April veraltet war, was dem Gestern angehört, nämlich daß man den alten Staat zerschlagen muß; das haben wir bereits getan, das war die Aufgabe des gestrigen Tages, wir müssen aber vorwärtsschreiten und nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft blicken und einen Kommunestaat schaffen; er schrieb von dem, was bereits in den Sowjetorganisationen verkörpert ist, verschwieg aber, was die Rechnungsführung, die Kontrolle und die Disziplin betrifft. Wie gleicht die Geistesverfassung dieser Menschen, wie gleicht ihre Mentalität den Stimmungen der Kleinbourgeoisie: den Reichen zum Teufel jagen, eine Kontrolle aber braucht man nicht. So sehen sie die Sache; das bezaubert sie und das trennt den klassenbewußten Proletarier von der Kleinbourgeoisie und sogar von den extremsten Revolutionären; das ist es, wenn der Proletarier sagt:
Organisieren wir uns, nehmen wir uns zusammen, sonst werden diese Kleineigentümer, von denen es Millionen gibt, uns aus dem Sattel werfen.
Hier trennt sich der klassenbewußte Proletarier vom Kleinbürger, hier rückt die Revolution von der Kleinbourgeoisie ab. Und wie blind solche Menschen sind, davon reden sie nicht.
Ich erlaube mir, noch an einige meiner Zitate zu erinnern; ich habe gesagt, daß die Menschen ohne Gewalt auskommen können, wenn sie es gewohnt sein werden, so zu handeln; natürlich kann eine solche Gewohnheit nur das Ergebnis einer langen Erziehung sein.
Wenn die linken Kommunisten das hören, dann fassen sie sich an den Kopf und sagen: wieso haben wir das nicht bemerkt? Bucharin, weshalb haben Sie das nicht kritisiert? Wir haben unsere Stärke gezeigt bei der Niederwerfung der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie, und jetzt müssen wir unsere Stärke zeigen in der Selbstdisziplin und Organisation, weil das aus den vergangenen tausendjährigen Erfahrungen bekannt ist, und man muß dem Volke sagen, daß nur darin die Stärke unserer Sowjetmacht, unserer Diktatur, unserer proletarischen Autorität liegt. Die Kleinbürger aber verstecken sich vor dieser Wahrheit hinter dem Schild revolutionärer Phraseologie.
Man muß seine Kraft zeigen. Jawohl, die Kleinbesitzer, die Kleineigentümer sind bereit, uns Proletariern zu helfen, die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu stürzen. Sie mögen keine Organisation, keine Disziplin, sie sind ihre Feinde. Und hier müssen wir gegen diese Eigentümer, gegen diese Kleinbesitzer den entschiedensten, schonungslosesten Kampf führen, einen Kampf von anderem Maßstab, einen Kampf, der um so schwieriger ist, als er prinzipiell irrig zu sein scheint, obwohl erst hier der Sozialismus beginnt.
Und wenn ich mich gegen Leute wende, die behaupten, Sozialisten zu sein, und den Arbeitern versprechen, sie könnten haben, wieviel sie wollen und was sie wollen, so sage ich, daß der Kommunismus eine andere Arbeitsproduktivität voraussetzt als die jetzige. Unsere Arbeitsproduktivität ist zu niedrig, das ist eine Tatsache. Der Kapitalismus hinterläßt uns als Erbe, besonders in einem rückständigen Lande, eine Unmenge solcher Gewohnheiten, wonach alles, was dem Staat gehört, alles Gemeineigentum als etwas angesehen wird, was man böswillig beschädigen kann. Diese Denkweise der kleinbürgerlichen Masse spürt man auf Schritt und Tritt.
Und auf diesem Gebiet ist der Kampf sehr schwierig. Nur das organisierte Proletariat kann alles aushalten. Ich schrieb: „Bis die höhere Phase des Kommunismus eingetreten sein wird, fordert der Sozialismus die strengste Kontrolle seitens der Gesellschaft und seitens des Staates" .
Das habe ich vor dem Oktoberumsturz geschrieben und dabei bleibe ich auch jetzt.
Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir, nach Niederwerfung der Bourgeoisie, nach Brechung der Sabotage, die Möglichkeit erhalten haben, uns an dies Werk zu machen. Solange das nicht der Fall war, waren die Rotgardisten die Helden des Tages und die Helden der Revolution, die ihr großes historisches Werk verrichteten. Sie ergriffen die Waffen gegen den Willen der besitzenden Klassen. Sie haben dieses gewaltige historische Werk verrichtet. Sie ergriffen die Warren, um die Ausbeuter zu stürzen und ihr Gewehr in ein Werkzeug zum Schutz der Arbeiter zu verwandeln, um das Maß der Produktion und der Arbeit und das Maß des Verbrauchs zu überwachen.
Wir haben das nicht erreicht, darin aber besteht der Angelpunkt und die Grundlage des Sozialismus. Wenn jemandem eine solche Arbeit langweilig und uninteressant zu sein scheint, so den Vertretern der kleinbürgerlichen Trägheit.

Tagung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees

29. April 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 297 - 305

Zu einem Zehntel gehen wir mit Bucharin auseinander

Bucharins Vorwurf des Errichtens eines Staatskapitalismus

Die Arbeiter sind keine Kleinbürger. Sie haben keine Angst vor dem größten „Staatskapitalismus", sie schätzen ihn als ihr proletarisches Instrument, das ihre Staatsmacht, die Sowjetmacht, tatkräftig anwenden wird gegen den kleinbesitzerlichen Zerfall und Zusammenbruch. (Lenin)

 

 

Über "linke Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit

5. Mai 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 335

Höchst lehrreich ist noch folgender Umstand.
Als wir im Zentralexekutivkomitee mit dem Genossen Bucharin stritten (siehe Band 27, Seite 301/302), bemerkte er unter anderem: In der Frage der hohen Gehälter für Spezialisten stehen „wir" (offensichtlich wir „linken Kommunisten") „rechts von Lenin" [!], denn wir sehen hier keinerlei Abweichung von den Prinzipien, eingedenk der Worte von Marx, daß es unter gewissen Umständen für die Arbeiterklasse am zweckmäßigsten wäre, „die ganze Bande auszukaufen" (nämlich der Bande der Kapitalisten, d. h. der Bourgeoisie den Boden, die Fabriken, die Werke und sonstigen Produktionsmittel abzukaufen).
Diese außerordentlich interessante Bemerkung enthüllt erstens, daß Bucharin die linken Sozialrevolutionäre und Anarchisten um zwei Köpfe überragt, daß er keineswegs hoffnungslos im Sumpf der Phrasen versunken ist, sondern vielmehr bemüht ist, sich in die konkreten Schwierigkeiten des Übergangs — des qualvollen und schwierigen Übergangs — vom Kapitalismus zum Sozialismus hineinzudenken.
Zweitens enthüllt diese Bemerkung den Fehler Bucharins noch anschaulicher.

 

 

Über "linke Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit

5. Mai 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 357 - 338

Bucharin ist ein ausgezeichnet gebildeter marxistischer Ökonom. Deshalb erinnerte er sich daran, daß Marx im höchsten Grade recht hatte, als er die Arbeiter lehrte, daß es wichtig sei, die Organisation der Großproduktion gerade im Interesse eines leichtern Übergangs zum Sozialismus zu erhalten, und daß der Gedanke durchaus zulässig sei, die Kapitalisten gut zu bezahlen, sie auszukaufen, wenn (als Ausnahme: England war damals eine Ausnahme) die Umstände sich so gestalten, daß sie die Kapitalisten zwingen, sich friedlich zu fügen und in kultivierter, organisierter Weise, unter der Bedingung des Auskaufs, zum Sozialismus überzugehen.
Bucharin ist jedoch in einen Fehler verfallen, weil er sich nicht hineingedacht hat in die konkrete Eigenart der jetzigen Situation in Rußland — einer Situation, die einzigartig ist, da wir, das Proletariat Rußlands, mit unserer politischen Ordnung, mit der Stärke der politischen Macht der Arbeiter England, Deutschland oder jedem beliebigen anderen Land voraus sind, zugleich aber in bezug auf die Organisation eines wohlgeordneten Staatskapitalismus, in bezug auf die Höhe der Kultur, den Grad der Vorbereitung auf die materiell-produktionstechnische „Einführung" des Sozialismus hinter dem rückständigsten der westeuropäischen Staaten zurückstehen. Ist es etwa nicht klar, daß sich aus dieser eigenartigen Lage gegenwärtig gerade die Notwendigkeit eines „Auskaufs" eigener Art ergibt, den die Arbeiter den kulturell am höchsten stehenden, talentvollsten, organisatorisch fähigsten Kapitalisten anbieten müssen, die bereit sind, in den Dienst der Sowjetmacht zu treten und gewissenhaft zu helfen, die große und größte „staatliche" Produktion zu organisieren? Ist es etwa nicht klar, daß wir in dieser eigenartigen Lage bestrebt sein müssen, zweierlei Fehler zu vermeiden, von denen jeder auf seine Art ein kleinbürgerlicher Fehler ist? Einerseits wäre es ein nicht wiedergutzumachender Fehler, wenn man erklären wollte, da das Mißverhältnis zwischen unseren ökonomischen „Kräften" und unserer politischen Kraft eine anerkannte Tatsache ist, hätte man „folglich" die Macht nicht ergreifen sollen. So denken „Menschen im Futteral" *, die vergessen, daß es niemals eine „Übereinstimmung" geben wird, daß es sie in der Entwicklung der Natur ebensowenig geben kann wie in der Entwicklung der Gesellschaft, daß der vollständige Sozialismus nur entstehen wird aus der revolutionären Zusammenarbeit der Proletarier aller Länder, durch eine Reihe von Versuchen — von denen jeder, einzeln genommen, einseitig sein, an einer gewissen Nichtübereinstimmung leiden wird.

Nun komme ich zur „Produktionsdemokratie". Das ist sozusagen etwas für Bucharin. Wir wissen sehr wohl, daß jeder Mensch seine kleinen Schwächen hat. Auch ein großer Mensch hat seine kleinen Schwächen, und Bucharin macht keine Ausnahme. Findet sich ein verschrobenes Schlagwort, so ist er gleich Feuer und Flamme dafür, über die Produktionsdemokratie verfaßte er auf dem Plenum des geradezu mit Wollust eine Resolution. Und je mehr ich mich in diese „Produktionsdemokratie" hineindenke, desto klarer sehe ich, wie theoretisch falsch, wie wenig durchdacht sie ist. Kraut und Rüben, weiter nichts.
An diesem Beispiel muß noch einmal, zumindest in einer Parteiversammlung, gesagt werden: „Gen. N. I. Bucharin, weniger Sprachverschrobenheiten - das wird für Sie, für die Theorie und für die Republik von Nutzen sein." (Beifall.)

 

 

Über "linke Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit

5. Mai 1918

Lenin, Werke Band 27, Seite 345 - 347

Die zweite Bemerkung. In Nr. 1 des „Kommunist" ist eine für mich sehr schmeichelhafte Rezension des Gen. Bucharin über meine Broschüre „Staat und Revolution" veröffentlicht. Aber wie wertvoll mir auch die Meinung von Menschen wie Bucharin ist, so muß ich doch ehrlich gestehen, daß der Charakter der Rezension eine traurige und bezeichnende Tatsache offenbart: Bucharin betrachtet die Aufgaben der proletarischen Diktatur so, daß sein Gesicht der Vergangenheit und nicht der Zukunft zugewandt ist. Bucharin hat bemerkt und hervorgehoben, was es in der Frage des Staates Gemeinsames zwischen einem proletarischen und einem kleinbürgerlichen Revolutionär geben kann. Bucharin hat aber gerade das „nicht bemerkt", was den einen vom andern trennt.
Bucharin hat bemerkt und hervorgehoben, daß man den alten Staatsapparat „zerschlagen", „sprengen" muß, daß man die Bourgeoisie „endgültig erdrosseln" muß usw. Das kann ein wild gewordener Kleinbürger ebenfalls wollen. Und das hat unsere Revolution von Oktober 1917 bis Februar 1918 in den Hauptzügen bereits getan.
Was aber sogar der revolutionärste Kleinbürger nicht wollen kann, was der klassenbewußte Proletarier will, was unsere Revolution noh nicht getan hat — davon ist in meiner Broschüre ebenfalls die Rede. Und über diese Aufgabe, über die Aufgabe des morgigen Tages, hat sich Bucharin ausgeschwiegen.
Ich habe aber um so mehr Gründe, darüber nicht zu schweigen, erstens, weil man von einem Kommunisten mehr Aufmerksamkeit für die Aufgaben des morgigen Tages als für die des gestrigen Tages erwarten muß und zweitens, weil meine Broschüre vor der Eroberung der Macht durch die Bolschewiki geschrieben wurde, als man den Bolschewiki nicht mit vulgären spießerhaften Betrachtungen kommen konnte wie: „Nun ja, nachdem man die Macht ergriffen hat, beginnt man natürlich das Lied von der Disziplin anzustimmen..."
„Der Sozialismus wird in den Kommunismus hinüberwachsen..., denn die Menschen werden sich gewöhnen, die elementaren Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens ohne Gewalt und ohne Zwang einzuhalten."

(„Staat und Revolution" . Von den „elementaren Regeln" war also vor der Eroberung der Macht die Rede.)
„Erst dann beginnt die Demokratie abzusterben...", wenn die „Menschen sich nach und nach gewöhnen werden, die elementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften gepredigten Regeln des Zusammenlebens einzuhalten, sie ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne den besonderen Zwangsapparat, der sich Staat nennt, einzuhalten." ( von den „Vorschriften" war die Rede vor der Machteroberung.)
„Die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus" (jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten) „hat nicht die heutige Arbeitsproduktivität und nicht den heutigen Spießer zur Voraussetzung, der es fertigbrächte, etwa wie die Seminaristen bei Pomjalowski, für nichts und wieder nichts Magazine gesellschaftlicher Vorräte zu beschädigen und Unmögliches zu verlangen."
„Bis die höhere Phase des Kommunismus eingetreten sein wird, fordern die Sozialisten die strengste Kontrolle seitens der Gesellschaft und seitens des Staates über das Maß der Arbeit und das Maß der Konsumtion".
„Rechnungsführung und Kontrolle — das ist das Wichtigste, was zum Ingangsetzen, zum richtigen Funktionieren der kommunistischen Gesellschaft in ihrer ersten Phase erforderlich ist." Und diese Kontrolle muß man nicht nur über „die verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten, über die Herrchen, die die kapitalistischen Allüren gern bewahren möchten", einführen, sondern auch über diejenigen Arbeiter, die „durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind" und über „Müßiggänger, Herrensöhnchen, Gauner und ähnliche Hüter der Traditionen des Kapitalismus".


Es ist bemerkenswert, daß Bucharin gerade das nicht hervorgehoben hat.

 

VIII. Parteitag der KPR (B)

19. März 1919

Lenin, Werke Band 27, Seite 150 - 161

Bericht über das Parteiprogamm

 

Wird das Programm so geschrieben, wie es Gen. Bucharin wollte, so wird ein solches Programm falsch sein. (Lenin)

Gen. Bucharin verwies auf die englischen Komitees der Betriebsobleute. Das ist nicht ganz dasselbe wie die Sowjets. Sie entwickeln sich, aber sie sind noch im Mutterleibe. Wenn sie das Licht der Welt erblicken, dann "werden wir sehen". Aber sagen, dass wir die russischen Sowjets den englischen Arbeitern als Geschenk darbringen, das hält nicht der geringsten Kritik stand." (Lenin

 

 

Über die Gewerkschaften

30. Dezember 1920

Lenin, Werke Band 32, Seite 6 - 7; 9 - 10, ...

 

Ende 1920 / Anfang 1921

Lenin und die Gewerkschaftsdiskussion

(Sammlung von Artikeln aus Band 32)

Kritik an Bucharin und Trotzki

XI. Parteitag der KPR (B)

politischer Bricht des ZK

27. März 1922

Lenin, Werke Band 33, Seite 264 ff


Die dritte, ergänzende Lehre betrifft den Staatskapitalismus. Schade, daß Gen. Bucharin nicht auf dem Parteitag anwesend ist, ich hätte gern mit ihm ein wenig gestritten, aber ich werde das lieber bis zum nächsten Parteitag aufschieben. In der Frage des Staatskapitalismus machen, wie mir scheint, unsere Presse und unsere Partei überhaupt den Fehler, daß wir in intelligenzlerische Denkweise, in Liberalismus verfallen, darüber klügeln, wie man den Staatskapitalismus zu verstehen habe, und in alten Büchern nachschlagen. Aber dort ist von etwas ganz anderem die Rede: dort ist über den Staatskapitalismus geschrieben, der unter dem Kapitalismus vorkommt, aber es gibt kein einziges Buch, wo über den Staatskapitalismus geschrieben wäre, der unter dem Komununismus vorkommt.
Nicht einmal Marx kam auf den Gedanken, auch nur ein einziges Wort darüber zu schreiben, und starb, ohne ein einziges genaues Zitat und unwiderlegliche Hinweise hinterlassen zu haben. Deshalb müssen wir uns jetzt selber aus der Klemme ziehen. Aber wenn man im Geiste all das überblickt, was unsere Presse zur Frage des Staatskapitalismus zu sagen hat, wie ich es zu tun versuchte, als ich mich auf diesen Bericht vorbereitete, dann gewinnt man die Oberzeugung, daß man-dort weit am Ziel vorbeischießt, in eine ganz falsche Richtung schaut.
Staatskapitalismus — das ist nach der gesamten ökonomischen Literatur jener Kapitalismus, der im kapitalistischen System vorkommt, wenn sich die Staatsmacht diese oder jene kapitalistischen Betriebe direkt unterordnet. Aber unser Staat ist ein proletarischer Staat, er stützt sich auf das Proletariat, er gibt dem Proletariat alle politischen Vorrechte und zieht durch das Proletariat die Bauernschaft in ihrer Masse zu sich heran (Sie erinnern sich, daß wir diese Arbeit mit den Komitees der Dorfarmut begonnen haben). Deshalb stiftet der Staatskapitalismus bei vielen, sehr vielen Verwirrung. Um dem zu entgehen, muß man den Grundgedanken festhalten, daß der Staatskapitalismus in der Form, wie wir ihn bei uns haben, in keiner Theorie, in keiner Literatur analysiert wird, und zwar ans dem einfachen Grunde, weil alle mit diesem Wort verknüpften landläufigen Begriffe der bürgerlichen Staatsmacht in der kapitalistischen Gesellschaft angepaßt sind Wir haben jedoch ein Gemeinwesen, das ans dem kapitalistischen Geleise heransgesprongen, in das neue Geleise aber noch nicht gekommen ist, geführt aber wird dieser Staat nicht von der Bourgeoisie, sondern vom Proletariat Wir wollen nicht begreifen, daß, wenn wir „Staat" sagen, dieser Staat wir sind, das Proletariat, die Vorhut der Arbeiterklasse. Staatskapitalismus — das ist jener Kapitalismus, den wir einzuschränken, dessen Grenzen wir festzulegen wissen; dieser Staatskapitalismus ist mit dem Staat verbunden, der Staat aber — das sind die Arbeiter, das ist der fortgeschrittene Teil der Arbeiter, das ist die Vorhut, das sind wir.
Staatskapitalismus — das ist jener Kapitalismus, den wir in bestimmten Grenzen organisieren müssen und den wir bisher noch nicht zu organisieren verstehen. Das ist der springende Punkt. Und es hängt nur von uns ab, wie dieser Staatskapitalismus aussehen wird. Politische Macht haben wir genug, vollkommen genug; ökonomische Mittel stehen uns ebenfalls genug zur Verfügung, ungenügend aber ist die Sachkenntnis der Vorhut der Arbeiterklasse, die an die Spitze gestellt ist, um die Sache unmittelbar zu leiten, um die Grenzen festzulegen, um sich abzugrenzen, um sich die anderen unterzuordnen, nicht aber sich unterordnen zu lassen. Dazu bedarf es nur der Sachkenntnis, and die haben wir nicht.
Das ist doch eine Lage, wie sie in der Geschichte überhaupt noch nie dagewesen ist: Das Proletariat, die revolutionäre Vorhut, besitzt durchaus genug politische Macht, zugleich aber gibt es Staatskapitalismus. Der Kernpunkt der Frage besteht darin, zu begreifen, daß das jener Kapitalismus ist, den wir zulassen können und müssen, den wir in bestimmten Grenzen organisieren können und müssen, denn dieser Kapitalismus ist notwendig für die breite Bauernschaft und das Privatkapital, das so Handel treiben soll, daß die Bedürfnisse der Bauernschaft befriedigt werden. Das ganze muß so organisiert werden, daß der gewohnte Ablauf der kapitalistischen Wirtschaft und des kapitalistischen Umsatzes möglich ist, denn das braucht das Volk, sonst kann es nicht leben. Alles übrige ist für sie, für dieses Lager, nicht absolut notwendig, mit allem übrigen können sie sich abfinden. Versteht es, ihr Kommunisten, ihr Arbeiter, ihr, der klassenbewußte Teil des Proletariats, der es übernommen hat, den Staat zu regieren — versteht es, die Sache so zu machen, daß der Staat, den ihr in die Hände genommen habt, nach eurem Willen funktioniert! Wir haben nun ein Jahr hinter uns, der Staat ist in unseren Händen — aber hat er unter den Verhältnissen der Neuen ökonomischen Politik in diesem Jahr nach unserem Willen funktioniert? Nein. Das wollen wir nicht zugeben:
Er hat nicht nach unserem Willen funktioniert. Wie hat er denn funktioniert? Das Steuer entgleitet den Händen: Scheinbar sitzt ein Mensch da, der den Wagen lenkt, aber der Wagen fährt nicht dorthin, wohin er ihn lenkt, sondern dorthin, wohin ein anderer ihn lenkt — jemand, der illegal ist, der gesetzwidrig handelt, der von Gott weiß woher kommt, Spekulanten oder Privatkapitalisten, oder die einen und die andern zugleich —, jedenfalls fährt der Wagen nicht ganz so und sehr häufig ganz und gar nicht so, wie derjenige, der am Steuer dieses Wagens sitzt, sich einbildet.
Das ist das Grundlegende, was man in der Frage des Staatskapitalismus im Auge behalten muß. Auf diesem grundlegenden Gebiet muß man von vorn zu lernen anfangen, und nur dann, wenn wir uns das restlos aneignen und bewußt machen, können wir dafür bürgen, daß wir es erlernen werden.


 

Wir haben zu teuer bezahlt

9. April 1922

Lenin, Werke Band 33, Seite 264 ff

Unsere Vertreter haben nach meiner Überzeugung falsch gehandelt, als sie zu den folgenden zwei Bedingungen ihre Zustimmung gaben: erste Bedingung, daß die Sowjetmacht in der Strafsache gegen die 47 Sozialrevolutionäre nicht die Todesstrafe verhängen wird; zweite Bedingung, daß die Sowjetmacht den Vertretern aller drei Internationalen die Anwesenheit bei der Gerichtsverhandlung erlauben wird.

Zur Sache gehört nur, daß die Komintern unter dem Druck der Bevollmächtigten der II. und der zweieinhalbten Internationale der internationalen Bourgeoisie ein politisches Zugeständnis gemacht hat und daß wir im Austausch dafür keinerlei Zugeständnis erhalten haben.
Was für eine Schlußfolgerung ergibt sich daraus?
Vor allem die, daß Radek, Bucharin und die anderen Genossen, die die Kommunistische Internationale vertraten, falsch gehandelt haben.
Weiter. Folgt daraus, daß wir das von ihnen unterzeichnete Abkommen zerreißen sollen? Nein. Ich denke, daß eine derartige Schlußfolgerung unrichtig wäre und daß wir das unterzeichnete Abkommen nicht zu zerreißen brauchen. Wir haben bloß die Schlußfolgerung zu ziehen, daß sich die bürgerlichen Diplomaten diesmal geschickter gezeigt haben als die unseren und daß wir das nächste Mal — wenn die Bezahlung für den Einlaß in den Raum nicht im voraus vereinbart wird — geschickter feilschen und manövrieren müssen. Wir werden es uns zur Regel machen müssen, der internationalen Bourgeoisie keine politischen Zugeständnisse zu machen (so geschickt auch diese Zugeständnisse durch beliebige Vermittler verschleiert sein mögen), wenn wir dafür nicht mehr oder minder gleichwertige Zugeständnisse von der internationalen Bourgeoisie zugunsten Sowjetrußlands oder zugunsten anderer Kampftrupps des mit dem Kapitalismus ringenden internationalen Proletariats erhalten.


Über das Außenhandelsmonopol

13. Dezember 1922

Lenin, Werke Band 33, Seite 441 - 445

 

Über das Außenhandelsmonopol

An Genossen Stalin für die Plenartagung des ZK

Kritik an Bucharin

 

 

 

BRIEFE

 

AN A. SCHLJAPNIKOW

März 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 188 - 192

In Rußland gibt es auch Uneinigkeit? Oh, natürlich! Aber es ist nicht unsere Aufgabe, sie zu vergrößern. Mögen sich Tschcheidse und Co. Und Trotzki und Co. damit beschäftigen (das ist ihr „Beruf"), die Uneinigkeit zu vergrößern, unsere Aufgabe aber ist es, unsere eigene Linie zu verfolgen.
Nik. Iw. [Bucharin] ist ein Ökonom, der ernsthaft arbeitet, und dabei haben wir ihn stets unterstützt. Aber erstens ist er vertrauensselig gegenüber Klatschereien, und zweitens ist er politisch verdammt unbeständig.
Der Krieg hat bei ihm halbanarchistische Gedanken hervorgebracht.

Auf der Beratung, die die Berner Resolutionen annahm (Frühjahr 1915), legte er T h e s e n vor (ich habe sie!) - der Gipfel des Unsinns; eine Schande,- halber Anarchismus.
Ich griff ihn heftig an. Juri und Jewg. Bosch hörten es und waren mit mir zufrieden, weil ich kein Abrutschen nach links duldete (sie erklärten damals, sie seien mit N. Iw. [Bucharin] absolut nicht einverstanden).
Es vergeht ein halbes Jahr. Nik. Iw. [Bucharin] widmet sich dem Studium der Ökonomie. Er beschäftigt sich nicht mit Politik.
Und da tischt er uns in der Frage der Selbstbestimmung den gleichen Unsinn auf. Jewg. Bosch + Juri unterschreiben ihn!! (Lassen Sie sich von N. Iw. [Bucharin] ihre „Thesen" und meine Antwort an ihn geben.)
Dabei ist es eine wichtige Frage. Eine wesentliche Frage. Sie ist untrennbar verbunden mit der Frage der Annexionen - eine höchst aktuelleFrage.
Die Leute haben nicht nachgedacht. Sie haben nicht gelesen. Sie haben nicht studiert.

 

 

An G. Sinowjew

21. Mai 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 193 - 1927

Es bleibt mir nur übrig, ein letztes Mal zu wiederholen, warum ich nicht in den „Kommunist" gehe, warum ich es für parteifeindlich und schädlich halte, warum ich nach wie vor den im Brief der Redaktion des ZO dargelegten Standpunkt - Bruch mit den Herausgebern - vertrete.
Mit den Herausgebern hatten wir eine zeitweilige „Föderation" geschlossen, haben dies auch „Föderation" genannt und den klaren Vorbehalt gemacht, daß es sich um einen „Versuch" handelt, der zeitweiligen Charakter trägt. Als wir dieses zeitweilige Bündnis abschlössen, wandten sich die Herausgeber gegen die Schwankungen Bucharins (auf der Konferenz in Bern im März 1915), und es gab kein einziges Faktum, das auf den Zusammenschluß dieser Dreiergruppe (Herausgeber + Bucharin) mit abweichenden Ansichten hingedeutet hätte.
Nach Erscheinen des ersten Heftes der Zeitschrift vollzog sich bei ihnen dieser Zusammenschluß, und als ich nach langem vorhergehendem Briefwechsel ihre Richtung „imperialistischen Ökonomismus" nannte, schrieben Sie mir, Sie seien damit einverstanden. Das war im März 1916.
Die Lage der Partei und die internationale Lage ist jetzt so, daß das ZK weiterhin selbständig vorangehen muß,, ohne sich in den russischen und in den internationalen Angelegenheiten die Hände zu binden.
Die „Herausgeber", die sowohl als Publizisten wie als Politiker absolut nichts taugen (was die Redaktion des ZO in ihrem Brief vom Winter feststellen mußte), wollen uns durch einen Vertrag über Gleichberechtigung binden, d. h., wir sollen uns einverstanden erklären, einer Dame Gleichberechtigung zu gewähren, die nicht eine einzige Zeile geschrieben hat und reinweg nichts versteht, und einem „jungen Mann", der völlig unter ihrem Einfluß steht. Und sie benutzen diese Gleichberechtigung dazu, um mit unseren Meinungsverschiedenheiten mit Radek, mit Bucharin u. a. zu operieren!
Es ist einfach Wahnsinn, sich unter solchen Bedingungen auf Gleichberechtigung einzulassen, das hieße die ganze Arbeit verderben.

Daß Bucharin auf Schritt und Tritt in jene Anschauungen hineinstolpert, die er im März 1915 (auf der Konferenz) schriftlich dargelegt hat und die auch Sie abgelehnt haben, ist eine Tatsache. Sie haben diese Tatsache zugegeben, als Sie im März 1916 (ein Jahr danach) meiner Einschätzung „imperialistischer Ökonomismus" zustimmten.
Wenn Sie „Gleichberechtigung" gewähren, dann gewähren Sie vor der Partei den Schwankungen Bucharin Gleichberechtigung! Sie binden uns die Hände und fördern diese Schwankungen. Das ist eine Wahnsinnspolitik.
Auf keinen Fall lasse ich mich auf diese Wahnsinnspolitik ein. Das ist mein endgültiger Entschluß. Ich bin weiterhin der Meinung, daß allein die Herausgabe des „Sbornik Sozial-Demokrata" die Sache entwirrt (die Sie hoffnungslos verwirren wollen). Der „Sbornik Sozial-Demokrata" gruppiert eine Reihe äußerst nützlicher Mitarbeiter um uns (Warin, Safarow, die Letten u. a.), zieht Bucharin von den Herausgebern weg zu uns, schafft uns die Möglichkeit, die Partei (und die internationale Linke) zu führen, statt hinter d e r . . . Madame Herausgeberin herzutrotten.
Schreiben Sie mir genau, was Sie beschlossen haben. Formell steht die Sache jetzt so, daß die Redaktion des ZO mit dem „Kommunist" gebrochen hat und ihr letzter Versuch (selbst Ihre weniger weitgebenden Bedingungen) zurückgewiesen wurde. Man muß also publik machen, daß der „Kommunist" sein Erscheinen einstellt und der „Sbornik SozialDemokrata" erscheint.
Ich drücke Ihnen die Hand. Salut!
W. U.

 

AN A. SCHLJAPNIKOW

Juni 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 198 - 201

Hinsichtlich des „Kommunist" schreiben Sie mir, daß die Trennung von Tschcheidse keine Zweifel hervorruft. Bei wem? Bei Bucharin und Co.!
Aber ich habe doch geschrieben, daß sich dies nicht auf Bucharin und Co. bezieht, sondern auf Hadek und Co.
Der „Kommunist" war ein zeitweiliger Block, den wir mit zwei Gruppen oder Elementen gebildet hatten: 1. mit Bucharin und Co.; 2. mit Radek und Co. Solange man mit ihnen zusammengehen konnte, mußte man das tun. Jetzt darf man es nicht; und man muß sich zeitweise trennen oder richtiger ein Stück abrücken.
Weiter. Betreffs Bucharin und Co. Ich schicke Ihnen unbedingt (wenn auch nicht sofort, denn das hängt von einer Fahrt nach Bern ab) die „Thesen" Bucharins vom Frühjahr 1915. Dann werden Sie sehen, worum es geht:
1. Im Frühjahr 1915 schreibt Bucharin (auf der Konferenz!) Thesen, mit denen er offensichtlich in den Sumpf gerät. Die Japaner159 sind gegen ihn. (Darum lassen wir uns vorübergehend auf maximale Nachsicht im „Kommunist" ein, um eine zur Klärung der Sache geeignete Form zu finden: gelingt es, die Schwankungen Bucharins „kameradschaftlich" zu überwinden? Wird J. B., die sich Bolschewikin nennt, dabei helfen oder nicht?)
2. Im Sommer 1915 (oder gegen Herbst) unterschreiben Bucharin + die Japaner schon zu dritt die Thesen über die Selbstbestimmung. Diese sind unserer Überzeugung nach grundfalsch und eine Wiederholung der Fehler Bucharins.

3. Anfang 1916 kehrt Bucharin in der Frage des „holländischen Programms" (aus Nr. 3 des Bulletins der ISK) erneut zu den Gedanken der Frühjahrsthesen von 1915 zurück!!!
Die Schlußfolgerung? Ein Block ist auch hier unmöglich: man muß abwarten, bis die Bucharinschen Schwankungen aufhören. Die Zeitschrift ist als Organ der polnisch-Bucharinschen Schwankungen schädlich. Es wäre in einer solchen Lage schädlich, an der alten Firma festzuhalten und es nicht zu verstehen, eine andere Firma zu wählen („Sbornik Sozial-Demokrata") über die Selbstbestimmung schreibt heute Nadeshda Konstantinowfia. Wir sind nicht für Zerstückelung. Und die Frage der Annexionen? Haben sich Bucharin und Co. (wie auch Radek im Verein mit Rosa Luxemburg und Pannekoek) nicht überlegt, was es heißt, „gegen alte und neue Annexionen" (Formel in der Presse, von Radek stammend) zu sein??
Denn das ist doch gerade die „Selbstbestimmung der Nationen", nur mit anderen Worten ausgedrückt!


An G. Sinowjew

August 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 204

Bucharins Artikel ist ganz und gar unbrauchbar. [1] Auch nicht die Spur einer „Theorie des imperialistischen Staates". Es ist eine Zusammenstellung von Daten über das Wachstum des Staatskapitalismus, nichts weiter. Es wäre absurd, eine illegale Zeitschrift mit diesem völlig legalen Material zu füllen. Man muß ihn ablehnen (außerordentlich höflich, und dabei jede Unterstützung bei einer legalen Publikation zusichern).[*]
Aber man müßte wohl Juris Artikel abwarten - bis dahin nicht an Bucharin schreiben.
Auch mit dem Brief an Bucharin wegen ihrer „Fraktion" abwarten - sonst meint er, man habe wegen „Fraktionstätigkeit" abgelehnt.

_____


[*]

Privat, von mir aus, füge ich hinzu: Ich rate Bucharin, den Titel zu
ändern und nur den ökonomischen Teil zu belassen; denn der politische Teil
ist völlig unfertig, ungenügend durchdacht und untauglich

______

[1]

Gemeint ist ein Artikel Bucharins über den Staat, den er für den "Sbornik Sozial-Demokrata" geschrieben hatte. DER ARTIKEL WURDE NICHT VERÖFFENTLICHT !

 

 

An N. Bucharin

Anfang September 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 207 - 208

 

Lieber Genosse!
Leider können wir den Artikel „Zur Theorie des imperialistischen Staates" nicht bringen. Es hat sich herausgestellt, daß der zur Verfügung stehende Raum so stark für russische Materialien beansprucht wird, daß alle übrigen Themen eingeschränkt werden müssen und es an Geld fehlt. Es ist schwierig.
Aber nicht das ist die Hauptsache. Die Hauptsache sind einige Mängel des Artikels.
Der Titel entspricht nicht dem Inhalt. Der Artikel besteht aus zwei Teilen, deren Koppelung ungenügend durchdacht ist:

1. über den Staat im allgemeinen und

2. über den Staatskapitalismus und dessen Wachstum (besonders in Deutschland).

Der zweite Teil ist gut und nützlich, aber zu neun Zehnteln legal. Wir würden raten, ihn nach ganz geringfügiger Umarbeitung in einer der legalen Publikationen (wenn nicht in der „Letopis") unterzubringen, und wir wären bereit, alles von uns Abhängende zu tun, um eine solche Veröffentlichung durchzusetzen.
Der erste Teil berührt ein Thema von gewaltiger prinzipieller Wichtigkeit, aber er berührt es eben nur. Wenn wir einmal im Jahr einen Sammelband herausgeben, können wir nicht zu einer so grundlegenden Frage der Theorie etwas veröffentlichen, was ungenügend durchdacht ist. Wir lassen die Polemik gegen Gumplowicz etc. beiseite (diese könnte man ebenfalls besser zu einem legalen Artikel umarbeiten und ausbauen) und möchten auf mehrere außerordentlich ungenaue Formulierungen des Verfassers hinweisen.
Der Marxismus ist eine „soziologische" (???) „Staatstheorie",- der Staat ist die „allgemeine" (?) Organisation der herrschenden Klassen; die Zitate aus Engels werden gerade an den Stellen a b g e b r o c h e n , die besonders wichtig sind, wenn man darüber spricht. Der Unterschied zwischen Marxisten und Anarchisten in der Frage des Staates (S. 15/16) ist entschieden f al s c h definiert: wenn man davon spricht, kann man nicht so davon sprechen; man darf nicht so davon sprechen. Die Schlußfolgerung (beim Verfasser hervorgehoben): „die Sozialdemokratie muß ihre prinzipielle Gegnerschaft zur Staatsmacht verstärkt zum Ausdruck bringen" (S. 53); [vergleichen Sie.- das Proletariat schafft „eine eigene zeitweilige staatliche Machtorganisation" (S. 54) („staatliche Machtorganisation"!?)] - ebenfalls entweder äußerst ungenau oder falsch.
Unser Rat: a) den Teil über den Staatskapitalismus und ß) die Polemik gegen Gumplowicz und Co. für eine legale Publikation umarbeiten. Das übrige ausreifen lassen. Das ist unsere Überzeugung.


 

AN A. SCHLJAPNIKOW

1. Oktober 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 213

PS. Schreiben Sie offen, in welcher Stimmung Bucharin abreist. Wird er uns schreiben oder nicht? Wird er unsere Bitten erfüllen oder nicht?

 

 

AN INES ARMAND

18. Dezember 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 213

In Nr. 6 der „Jugend-Internationale" (haben Sie gesehen?) ist ein Artikel von Nota-bene. Wir (ich und Grigori) haben sofort Bucharin erkannt. Ich habe auf seinen bodenlosen Unsinn in Nr. 2 des Sbornik geantwortet. [Gemeint ist W. I. Lenins Artikel „Jugend-Internationale". (Siehe Werke, Bd. 23, S. 163-167.) ]

Heute schickt mir Grigori Nr. 25 der „Arbeiterpolitik". Dort ist derselbe Artikel (gekürzt, offensichtlich von der Zensur), gezeichnet von Bucharin. (Wir erhielten noch eine Nummer des „Nowy Mir" aus New York, die enthält eine Kritik - o weh! o weh! eine richtigeige — das ist ja das Malheur: ein Menschewik ist gegenüber Bucharin im Recht - oftensichtlich eine Kritik des gleichen Artikels Bucharins im „Nowy M. Und Radek — „Tyszkasche Methoden", schreibt mir heute Grigori - singt in Nr. 25 der „Arbeiterpolitik" ein Loblied auf Bucharin (eine „vielversprechende Kraft") und bringt en passant eine Notiz über die „drei Mitglieder der Redaktion des ,Kommunist'"!
Er zwängt sich in den Spalt unserer Meinungsverschiedenheiten: die übliche Politik des Lumpengesindels und Packs, das nicht soviel Kraft hat, sich offen mit uns auseinanderzusetzen, und zu Intrigen, hinterhältigen Angriffen und Gemeinheiten seine Zuflucht nimmt.
Da haben Sie ein anschauliches Bild davon, was Radek ist und was er tut (einen Menschen beurteilt man nicht danach, was er von sich sagt oder denkt, sondern danach, was er tut - denken Sie an diese marxistische Wahrheit?)

 

AN INES ARMAND

25. Dezember 1916

Lenin, Werke Band 35, Seite 240 - 241

Sie schreiben: „Würde denn selbst ein völliger Verzicht auf demokratische Forderungen den Verzicht auf politischen Kampf bedeuten? Ist etwa der unmittelbare Kampf um die Eroberung der Macht kein politischer Kampf?"
Darum geht es ja, daß bei Bucharin (teilweise auch bei Radek) so etwas Ähnliches herauskommt, und das ist falsch. „Unmittelbarer Kampf um die Eroberung der Macht" bei „völligem Verzicht auf demokratische Forderungen" - das ist etwas Unklares, nicht Durchdachtes, Verworrenes, und damit gerät Bucharin auch gerade in Konfusion.
Die sozialistische Revolution ist unmöglich ohne Kampf für die Demokratie. Das ist unbestreitbar, und darin liegt gerade die Schwäche von Radek + Bucharin, daß sie sich, obgleich sie damit nicht einverstanden sind (ebenso wie Sie), nicht dazu entschließen können, es zu bestreiten!!
Laß die Hauptsache (die sozialistische Revolution) nicht aus dem Auge; setze sie an die erste Stelle (Junins hat das nicht getan); stelle alle demokratischen Forderungen (Radek + Bucharin lassen unvernünftigerweise eine davon aus), indem du sie der sozialistischen Revolution unterordnest, sie mit ihr koordinierst, sie ihr beiordnest, und sei dessen eingedenk, daß der Kampf um die Hauptsache entbrennen kann, nachdem er mit dem Kampf um eine Teilfrage begonnen hat.
Meiner Meinung nach ist nur diese Vorstellung von der Sache richtig.

AN A.M. Kollontai

17. Februar 191#7

Lenin, Werke Band 35, Seite 263

Ich arbeite an einem Artikel (mit der Vorbereitung des Materials bin ich fast fertig) über die Stellung des Marxismus zum Staat. Ich bin zu Schlußfolgerungen gelangt, die noch schärfer gegen Kautsky sprechen als gegen Bucharin (haben Sie sein „Nota-bene" in Nr. 6 der „JugendInternationale" gesehen? und den „Sbornik Sozial-Demokrata" Nr. 2?).
Die Frage ist von größter Wichtigkeit; Bucharin ist bedeutend besser als Kautsky, aber Bucharins Fehler können diese „gerechte Sache" im Kampf gegen das Kautskyanertum zugrunde richten.

 

AN G. L. SCHKLOWSKI

20. Dezember 1912

Lenin, Werke Band 36, Seite 187

Das allerwichtigste ist gegenwärtig mitzuhelfen, die „Prawda" „in die "Höhe zu bringen".
Aber sie wird schlecht unterstützt. Allein der Wiener ( Bucharin) bemüht sich. In den anderen Städten aber nidbts! Niemand schickt regelmäßig Korrespondenzen. Niemand führt Sammlungen durch. Niemand sammelt interessante Bücher und Broschüren, die an den betreffenden Orten herauskommen, und schickt sie hierher . . .

 

AN N. I. Bucharin

November - Dezember 1913

Lenin, Werke Band 36, Seite 187

 

Lieber Genosse!
Ihren Artikel über das Buch von Struve hätten wir sehr gern veröffentlicht. Bei der zweiten Durchsicht haben wir jedoch gesehen, daß die Stelle, wo Sie von der Fronwirtschaft sprechen, in Parteikreisen unbedingt so aufgefaßt wird, als rieten Sie, aus dem Programm die Konfiskation der Gutsbesitzerländereien hinauszuwerfen. Hierüber muß man diskutieren.
Sollte man nicht lieber vorläufig diese Stelle streichen? Es scheint nicht, als wollten Sie jetzt mit einer Diskussion beginnen.
Sollten wir uns irren und Sie wollten eine Diskussion, so schreiben Sie bitte. Wenn Sie darauf bestehen, werden wir Ihren Artikel veröffentlichen.

 

 

 

AUSFÜHRUNGEN IN DER SITZUNG DES ZK DER SDAPR(B) VOM 29. NOVEMBER


(12. DEZEMBER) 1917
Protokollarische Niederschrift

Lenin, Werke Band 36, Seite 446


Zur Beratung steht die Frage der Zusammensetzung des Redaktionskollegiums der „Prawda". N. I. Bucharin schlägt vor, ihn von der Arbeit in der Wirtschaftsberatung zu entbinden, damit er sich der Arbeit in der „Prawda" voll und ganz widmen könne.
Gen. Lenin betont, daß der Wirtschaftsberatung bisher nicht genügend Beachtung geschenkt worden ist, obwohl sie eine der wichtigsten Faktoren des gegenwärtigen Staatsgefüges ist und deshalb Leute mit Kenntnissen braucht wie Gen. Bucharin. Er besteht daher darauf, daß Gen. Bucharin nicht in das Redaktionskollegium der „Prawda" aufgenommen wird.

 

 

 

AN N. I. Bucharin

Ende Sommer 1920

Lenin, Werke Band 36, Seite 518

Gen. Bucharin!
Meines Erachtens mu ß man in russischer Sprache „Two pages" etc. von de Leon mit den Anmerkungen und dem Vorwort von Fraina herausgeben.598 Ich werde auch etwas schreiben.
Wenn Sie einverstanden sind, treffen Sie Ihre Anordnungen über den Staatsverlag. Wenn nicht, sprechen wir darüber.
Lenin

 

 

N O T I Z FÜR N. I. B U C H A R I N
Die Frage ist ach; theoretisch interessant:
die proletarische Staatsmacht

hält

Materielle Basis

( Fabriken
( Eisenbahnen

(den Außenhandel.

Ergebnis: in ihren Händen ist der Warenfonds und seine Beförderung
en gros (per Eisenbahn).
Was macht die proletarische Staatsmacht mit diesem Fonds?
Sie verkauft ihn
a) den Arbeitern und Angestellten für Geld oder für ihre Arbeit
ohne Geld.
ß) den Bauern für Getreide.
Wie verkauft sie? Durch wen?
Durch den Kommissionär (= Händler) für Kommissionsprozente.
Sie bevorzugt die Genossenschaften (und bemüht sich, darin die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit zu organisieren).
Warum ist das unmöglich ? Und das ist Kapitalismus + Sozialismus.
geschrieben März-April 1921.

 

 

BEMERKUNGEN ZUR GESCHICHTE DER KPR
Notiz für N. I. Bucharin

1. Dezember 1921

 

 

1922
Z U R - F R A G E - D E S - K A M P F E S - G E G E N - D E N - K R I E G
An die Gen. Bucharin, Sinowjew und Molotow
(Für die Mitglieder des Politbüros)


Anläßlich der gestrigen Nachricht aus Hannover, daß der Internationale Metallarbeiter-Bund die Frage des Kampfes gegen den Krieg auf die Tagesordnung setzt und eine Entschließung angenommen hat, wonach auf einen Krieg mit Streik geantwortet werden soll634, schlage ich folgendes vor:
1. In der „Prawda" und in den „Iswestija" mehrere Artikel zu ver- öffentlichen, in denen an das Schicksal des Basler Manifests erinnert und die ganze Kinderei oder der ganze Sozialverrat, den die Metallarbeiter wiederholen, eingehend erläutert wird.
2. In der nächsten erweiterten Sitzung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale die Frage des Kampfes gegen den Krieg auf die Tagesordnung zu setzen und ausführliche Resolutionen anzunehmen, in denen erläutert wird, daß nur eine frühzeitig vorbereitete und erprobte revolutionäre Partei, die einen guten illegalen Apparat besitzt, den Kampf gegen den Krieg erfolgreich führen kann, wobei das Kampfmittel nicht Streik gegen den Krieg ist, sondern die Bildung revolutionärer Zellen in den kämpfenden Armeen, ihre Vorbereitung auf die Durchführung der Revolution.

4. II. 1922 Lenin