1919

W. I. LENIN






Entwurf des Programms der KPR (B);

(1) Erste Skizze

März 1919

Lenin, Band 29, Seite 83 – 124





Plan: das Programm besteht aus folgenden Teilen:

1. Einleitung. Die proletarische Revolution hat in Russland begonnen und wächst überall schnell heran. Um sie zu verstehen, muss man die Natur des Kapitalismus und die Unvermeidlichkeit seiner Entwicklung zur Diktatur des Proletariats begreifen. - 2. Kapitalismus und Diktatur des Proletariats. Dazu ist unser altes, marxistisches, von Plechanow entworfenes Programm in seinem Hauptteil wiederzugeben, zugleich sind die „historischen Wurzeln“ unserer Weltanschauung klarzumachen. - 3. Imprialismus. Aus dem Programmentwurf V. 1917. 4. Die drei Strömungen in der internationalen Arbeiterbewegung und die neue Internationale. Umarbeitung des Entwurfs V. 1917. - 5. Die Hauptaufgaben der proletarischen Diktatur in Russland. Aus dem Entwurf XII.1917 I. 1918, - 6. Konkretisierung dieser Aufgaben auf politischem Gebiet (neu). - 7. Dasselbe auf nationalem, religiösen, pädagogischem Gebiet (neu). - 8. Dasselbe auf ökonomischem Gebiet (neu) . - 9. Dasselbe auf dem Agrargebiet (neu) . - 10. Dasselbe auf dem Gebiet des Arbeitsschutzes (schreibt Schmidt). - 11. und 12. Ergänzungen zu anderen Gebieten (noch nicht geschrieben).

In der ersten Skizze ist Vieles noch unfertig, besonders in redaktioneller Hinsicht, und statt einer programmatischen Formulierung ist manchmal provisorisch eine kommentierende gewählt.





      1. Die Revolution vom 25. 10. (7. ).) 1917 verwirklichte in Russland die Diktatur des Proletariats, das damit begonnen hat, mit Unterstützung der armen Bauernschaft bzw. des Halbproletariats die kommunistische Gesellschaft zu schaffen. Das Anwachsen der revolutionären Bewegung des Proletariats in allen fortgeschrittenen Ländern, die Entstehung und Entwicklung der sowjetischen Form dieser Bewegung, die überall zu verzeichnen ist, d.h., einer Form, die direkt auf die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats abzielt, insbesondere schließlich der Beginn und der Verlauf der Entwicklung der Revolution in Österreich-Ungarn und Deutschland, das alles hat deutlich gezeigt, dass die Ära der proletarischen, kommunistischen Weltrevolution angebrochen ist.

      2. Um die Ursachen, die Bedeutung und Ziele dieser Revolution richtig zu verstehen, ist es erforderlich, erstens das Wesen, die eigentliche Natur des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft, die Unvermeidlichkeit ihrer Entwicklung zum Kommunismus klarzustellen und zweitens die Natur des Imperialismus und der imperialistischen Kriege, die den Zusammenbruch des Kapitalismus beschleunigt und die proletarische Revolution auf die Tagesordnung gesetzt haben.

      3. Die Natur des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft, die noch in den meisten zivilisierten Ländern herrscht und deren Entwicklung unvermeidlich zur kommunistischen Weltrevolution des Proletariats führt und geführt hat, wurde in unserem alten marxistischen Programm in folgenden Sätzen charakterisiert. [ Die folgenden Programmpunkte sind dem alten marxistischen Programm der KPR (B) entnommen (4) - (11), die Lenin in seinem neuen Programm-Entwurf eingebaut - also übernommen - hatte – - Anmerkung der Komintern (SH) ] .

        (4) Die wichtigste Eigenart einer solchen Gesellschaft ist die Warenproduktion auf der Grundlage kapitalistischer Produktionsverhältnisse, bei denen der wichtigste und bedeutendste Teil der Mittel für die Produktion und Zirkulation der Waren einer ihrer Zahl nach kleinen Klasse von Menschen gehört, während die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung aus Proletariern und Halbproletariern besteht, die durch ihre ökonomische Lage gezwungen sind, ständig oder periodisch ihre Arbeitskraft zu verkaufen, d.h., sich den Kapitalisten als Lohnarbeiter zu verdingen und durch ihre Arbeit das Einkommen der oberen Gesellschaftsklassen zu schaffen.

        (5) Der Herrschaftsbereich der kapitalistischen Produktionsverhältnisse dehnt sich immer mehr aus, in dem Maße, wie die unaufhörliche Vervollkommnung der Technik, welche die wirtschaftliche Bedeutung der Großbetriebe erhöht, zur Verdrängung der selbständigen Kleinproduzenten führt, einen Teil von ihnen in Proletarier verwandelt, die Rolle der übrigen im gesellschaftlich-ökonomischen Leben beschränkt und sie mancherorts in eine mehr oder minder vollständige, mehr oder minder offene, mehr oder minder drückende Abhängigkeit vom Kapital bringt.

        (6) Derselbe technische Fortschritt gibt außerdem den Unternehmern die Möglichkeit, im Prozess der Warenproduktion und – zirkulation in immer größerem Umfang Frauen – und Kinderarbeit zu verwenden. Und da er andererseits zu einer relativen Verringerung des Bedarfs der Unternehmer an lebendiger Arbeitskraft führt, so bleibt notgedrungen die Nachfrage nach Arbeitskraft hinter dem Angebot von Arbeitskraft zurück, und infolgedessen steigt die Abhängigkeit der Lohnarbeit vom Kapital und der Grad ihrer Ausbeutung.

        (7) Eine solche Lage der Dinge innerhalb der bürgerlichen Länder und ihre sich ständig verschärfende Konkurrenz auf dem Weltmarkt gestalten den Absatz der Waren, die in stets wachsenden Mengen erzeugt werden, immer schwieriger und schwieriger. Die Überproduktion, die sich in mehr oder minder akuten industriellen Krisen äußert, denen mehr oder minder lange Perioden industrieller Stagnation folgen, ist die unvermeidliche Folge der Entwicklung der Produktivkräfte in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Krisen und die Periode industrieller Stagnation ruinieren ihrerseits die Kleinproduzenten noch mehr, vergrößern noch mehr die Abhängigkeit der Lohnarbeit vom Kapital, führen noch rascher zur relativen und mitunter auch zur absoluten Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse.

        (8) Die Vervollkommnung der Technik, die eine Steigerung der Arbeitsproduktivität und eine Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums bedeutet, bedingt somit in der bürgerlichen Gesellschaft ein Anwachsen der sozialen Ungleichheit, eine Vegrößerung des Abstands zwischen Besitzenden und Besitzlosen und eine Zunahme der Unsicherheit der Existenz, der Arbeitslosigkeit und der Entbehrungen aller Art für immer breitere Schichten der werktätigen Massen

(9) Aber in dem Maße, wie alle diese, der bürgerlichen Gesellschaft eigenen Widersprüche wachsen und sich entwickeln, wächst auch die Unzufriedenheit der werktätigen und ausgebeuteten Masse mit den bestehenden Zuständen, wächst die Zahl und die Geschlossenheit der Proletarier und verschärft sich ihr Kampf gegen ihre Ausbeuter. Zugleich schafft die Vervollkommnung der Technik, indem sie die Produktions- und Zirkulationsmittel konzentriert und den Arbeitsprozess in den kapitalistischen Betrieben vergesellschaftet immer rascher die materielle Möglichkeit der Ersetzung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse [ man denke heute an die Globalisierung dieser kapitalistischen Produktionsverhältnisse !! - Anmerkung der Komintern (SH) ], durch kommunistische, d.h., jener sozialen Revolution, die das Endziel der gesamten Tätigkeit der internationalen [ hervorgehoben von der Komintern SH ] Kommunistischen Partei als der bewussten Trägerin der Klassenbewegung des Proletariats ist.

      1. Die soziale Revolution des Proletariats, die das Privateigentum an den Produktions – und Zirkulationsmitteln durch das gesellschaftliche Eigentum ersetzt und den gesellschaftlichen Produktionsprozess im Interesse des Wohlstands und der allseitigen Entwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft planmäßig organisiert, wird die Klassenteilung der Gesellschaft beseitigen und so die ganze unterdrückte Menschheit befreien, denn sie wird jeder Art Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch den anderen ein Ende setzen.

      2. Die unerlässliche Vorbedingung dieser sozialen Revolution ist die Diktatur des Proletariats, d.h., die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, die es befähigen wird, jeden Widerstand der Ausbeuter zu unterdrücken. Die internationale Kommunistische Partei, die sich die Aufgabe stellt, das Proletariat zur Erfüllung seiner großen historischen Mission zu befähigen, organisiert es zu einer selbständigen politischen Partei, die sich allen bürgerlichen Parteien entgegenstellt, sie leitet seinen Klassenkampf in allen Erscheinungsformen, sie enthüllt ihm den unversöhnlichen Gegensatz zwischen den Interessen der Ausbeuter und den Interessen der Ausgebeuteten und macht ihm die geschichtliche Bedeutung und die notwendige Bedingung der bevorstehenden sozialen Revolution klar. Zugleich damit zeigt sie der gesamten übrigen werktätigen und ausgebeuteten Masse die Aussichtslosigkeit der Lage in der kapitalistischen Gesellschaft und die Notwendigkeit der sozialen Revolution im Interesse ihrer eigenen Befreiung vom Joch des Kapitals. Die Partei der Arbeiterklasse, die Kommunistische Partei, ruft in ihre Reihen alle Schichten der werktätigen und ausgebeuteten Bevölkerung soweit sie sich auf den Standpunkt des Proletariats stellen[ diese in Klammern gesetzten „alten“ Punkte 4 – 11 entnahm Lenin wörtlich vom alten Parteiprogramm Plechanows. Die folgenden Punkt 12 – 15 hat er in etwas veränderter Form aus dem Programm-Entwurf V. 1917 – Lenin, Band 24, Seite 459-460 und Band 27, S. 139 -145 - hinzugefügt und schließlich ergänzt durch die neuen Punkte 16 - 18 – Anmerkung der Komintern (SH) ] .

      1. Der Weltkapitalismus hat jetzt, ungefähr seit Beginn des 20. Jahrhunderts, die Stufe des Imperialismus erreicht. Der Imperialismus oder die Epoche des Finanzkapitals ist die Epoche einer so hoch entwickelten kapitalistischen Wirtschaft, dass die Monopolverbände der Kapitalisten – Syndikate, Kartelle, Trusts – entscheidende Bedeutung erlangt haben, das hoch konzentrierte Bankkapital hat sich mit dem Industriekapital verschmolzen, der Kapitalexport nach fremden Ländern hat sehr große Ausmaße angenommen, die ganze Welt ist territorial bereits unter die reichsten Länder aufgeteilt, und die ökonomische Aufteilung der Welt unter die internationalen Trusts hat begonnen.

      2. Imperialistische Kriege, d.h., Kriege um die Weltherrschaft, um Märkte für das Bankkapital, um die Versklavung der kleinen und schwachen Völkerschaften, sind bei einer solchen Lage der Dinge unvermeidlich. Und gerade ein solcher Krieg ist der erste große imperialistische Krieg 1914 – 1918.

      3. Die außerordentlich hohe Entwicklungsstufe des Weltkapitalismus überhaupt, die Ablösung der freien Konkurrenz durch den monopolistischen Kapitalismus, die Entwicklung eines Apparats für die gesellschaftliche Regulierung des Produktionsprozesses und der Verteilung der Produkte durch die Banken sowie durch die Kapitalistenverbände, die mit dem Wachstum der kapitalistischen Monopole verbundene Teuerung und die Zunahme des Drucks der Syndikate auf die Arbeiterklasse, die gewaltige Erschwerung ihres wirtschaftlichen und politischen Kampfes, die Schrecken, das Elend, der Ruin, die Verwilderung, die der imperialistische Krieg erzeugt – alles das macht die jetzt erreichte Entwicklungsstufe des Kapitalismus zur Ära der proletarischen, sozialistischen Revolution. Diese Ära hat begonnen [ hervorgehoben von der Komintern SH ] .

      4. Nur die proletarische, sozialistische Revolution vermag die Menschheit aus der Sackgasse herauszuführen, die der Imperialismus und die imperialistischen Kriege geschaffen haben [ hervorgehoben von der Komintern SH ] .. Wie groß auch immer die Schwierigkeiten der Revolution, ihre eventuellen zeitweiligen Misserfolge oder die Wellen der Konterrevolution sein mögen, der endgültige Sieg des Proletariats ist unausbleiblich. [ hervorgehoben von der Komintern SH ] .

      5. Der Sieg der proletarischen Revolution erfordert das vollste Vertrauen, das engste brüderliche Bündnis und die größtmögliche Einheit der revolutionären Aktionen der Arbeiterklasse aller fortgeschrittenen Länder.[ hervorgehoben von der Komintern SH ] . Diese Voraussetzungen sind nicht zu verwirklichen, wenn man nicht entschlossen und grundsätzlich mit der bürgerlichen Entstellung des Sozialismus bricht, die in den Oberschichten der allgemeinsten offiziellen „sozialdemokratischen“ und „sozialistischen“ Parteien den Sieg davongetragen hat, ihr nicht schonungslos den Kampf ansagt.

      6. Eine solche Entstellung ist einerseits die Strömung des Opportunismus und des Sozialchauvinismus, des Sozialismus in Worten, des Chauvinismus in Wirklichkeit, wobei man die Verteidigung der räuberischen Interessen „seiner“ nationalen Bourgeoisie allgemein wie auch insbesondere während des imperialistischen Krieges 1914 – 1918 durch die Losung der „Vaterlandsverteidigung“ bemäntelt. Diese Strömung entstand dadurch, dass fast alle fortgeschrittenen Länder durch die Ausplünderung der kolonialen und schwachen Völker der Bourgeoisie die Möglichkeit gaben, mit kleinen Teilen solchen Extraprofits die Oberschicht des Proletariats zu bestechen, ihr in Friedenszeiten eine erträgliche kleinbürgerliche Existenz zu sichern und die Führer dieser Schicht in ihren Dienst zu stellen. Die Opportunisten und Sozialchauvinisten sind als Lakaien der Bourgeoisie direkte Klassenfeinde des Proletariats.

      7. Eine bürgerliche Entstellung des Sozialismus ist andererseits die ebenso verbreitete und internationale Strömung des „Zentrums“, die zwischen den Sozialchauvinisten und den Kommunisten schwankt, die für die Einheit mit den Ersteren eintritt und den Versuch unternimmt, die bankrotte und verfaulte II. Internationale zu neuem Leben zu erwecken. Wirklich proletarisch und revolutionär ist nur die neue, die III. , die Kommunistische Internationale [ hervorgehoben von der Komintern SH ] , die faktisch durch die Bildung kommunistischer Parteien aus den früheren sozialistischen in einer Reihe von Ländern, besonders in Deutschland, begründet wurde und in den Massen des Proletariats aller Länder immer größere Sympathien erwirbt.





4. Schlußwort zum Bericht über das Parteiprogramm
(Auszug)

(19. März 1919)

Weiter muß ich auf die Frage der Selbstbestimmung der Nationen eingehen. Diese Frage hat durch unsere Kritiker eine übertriebene Bedeutung erlangt. Hier zeigte sich die Schwäche unserer Kritiker darin, daß eine Frage, der im allgemeinen Aufbau des Programms, in der Gesamtsumme der Programmforderungen im Grunde nicht einmal eine zweitrangige Bedeutung zukommt – daß diese Frage durch diese Kritik spezielle Bedeutung erlangt hat.

Als Gen. Pjatakow sprach, fragte ich mich verwundert, was das sei: eine Programmdiskussion oder ein Streit zwischen zwei Organisationsbüros. Als Gen. Pjatakow sagte, die ukrainischen Kommunisten handelten gemäß den Direktiven des ZK der KPR(B), habe ich nicht begriffen, in welchem Ton er sprach. Im Tone des Bedauerns? Ich verdächtige Gen. Pjatakow dessen nicht, aber der Sinn seiner Rede war: Wozu alle diese Selbstbestimmungen, wenn in Moskau ein ausgezeichnetes Zentralkomitee sitzt! Das ist ein kindlicher Standpunkt. Die Ukraine war von Rußland durch außergewöhnliche Verhältnisse getrennt worden, und die nationale Bewegung hat dort keine tiefen Wurzeln geschlagen. Soweit sie zum Vorschein kam, wurde sie von den Deutschen erledigt. Das ist eine Tatsache, aber es ist ein Ausnahmefall. Dort steht es selbst mit der Sprache so, daß man nicht mehr weiß, ob die ukrainische Sprache die Sprache der Massen ist oder nicht. Die werktätigen Massen anderer Nationen waren voller Mißtrauen gegen die Großrussen als eine Kulakennation, eine Unterdrückernation. Das ist eine Tatsache. Ein Vertreter der Finnen erzählte mir, daß unter der finnischen Bourgeoisie, die die Großrussen haßte, Stimmen laut werden: „Die Deutschen entpuppten sich als eine größere Bestie, die Entente ebenfalls, lieber her mit den Bolschewiki.“ Das ist ein gewaltiger Sieg, den wir in der nationalen Frage über die finnische Bourgeoisie errungen haben. Das wird uns keineswegs hindern, gegen sie als unseren Klassengegner mit den geeigneten Mitteln zu kämpfen. Die Sowjetrepublik, die sich in dem Land gebildet hat, dessen Zarenherrschaft Finnland unterdrückte, muß erklären, daß sie das Recht der Nationen auf Unabhängigkeit achtet. Mit der roten finnischen Regierung, die eine kurze Zeit bestand, schlössen wir einen Vertrag ab [1], wir machten ihr gewisse territoriale Zugeständnisse, um derentwegen ich des öfteren rein chauvinistische Einwände zu hören bekam: „Dort gibt es gute Fischgründe, und ihr habt sie abgetreten.“ Das sind solche Einwände, von denen ich sagte: Kratze manch einen Kommunisten, und du wirst auf einen großrussischen Chauvinisten stoßen.

Es scheint mir, dieses Beispiel Finnlands zeigt, ebenso wie das der Baschkiren, daß man in der nationalen Frage nicht damit argumentieren darf, wir brauchten um jeden Preis wirtschaftliche Einheit. Natürlich brauchen wir sie! Aber wir müssen sie durch Propaganda, durch Agitation, durch einen freiwilligen Bund zu erreichen suchen. Die Baschkiren mißtrauen den Großrussen, weil die Großrussen kulturell höher entwickelt sind und diesen Umstand ausnutzten, um die Baschkiren auszuplündern. Darum ist in diesen entlegenen Gegenden das Wort Großrusse für den Baschkiren gleichbedeutend mit „Unterdrücker“ und „Betrüger“. Damit muß man rechnen, dagegen muß man ankämpfen. Aber das ist eine langwierige Sache. Durch ein Dekret läßt sich das nicht beseitigen. Hier müssen wir sehr vorsichtig sein. Ganz besonders vorsichtig muß eine Nation wie die Großrussen sein, die in allen anderen Nationen erbitterten Haß gegen sich geweckt hat. Erst jetzt haben wir gelernt, das zu korrigieren, und auch das noch schlecht genug. Wir haben zum Beispiel im Kommissariat für Volksbildung oder in seiner nächsten Nähe Kommunisten, die sagen: Einheitsschule – darum wage niemand, in einer anderen Sprache zu unterrichten als der russischen! Meines Erachtens ist ein solcher Kommunist ein großrussischer Chauvinist. Er steckt in vielen von uns, und ihn muß man bekämpfen.

Deshalb müssen wir den anderen Nationen erklären, daß wir konsequente Internationalisten sind und den freiwilligen Bund der Arbeiter und Bauern aller Nationen anstreben. Das schließt Kriege keineswegs aus. Der Krieg, das ist eine andere Frage, die dem Wesen des Imperialismus entspringt. Wenn wir gegen Wilson Krieg führen und Wilson eine kleine Nation zu seinem Werkzeug macht, so sagen wir: Wir werden gegen dieses Werkzeug kämpfen. Wir haben uns niemals dagegen ausgesprochen. Wir haben niemals gesagt, die sozialistische Republik könne ohne bewaffnete Macht existieren. Unter gewissen Verhältnissen kann sich der Krieg als notwendig erweisen. Jetzt aber besteht in der Frage der Selbstbestimmung der Nationen der Kern der Sache darin, daß die einzelnen Nationen den gleichen geschichtlichen Weg gehen, aber auf höchst mannigfaltigen Zickzackwegen, auf den mannigfaltigsten Pfaden, und daß kulturell höher entwickelte Nationen diesen Weg eingestandenermaßen anders gehen als kulturell weniger entwickelte. Finnland ging einen anderen Weg. Deutschland geht einen anderen Weg. Gen. Pjatakow hat tausendmal recht, wenn er sagt, wir brauchten die Einheit. Aber für diese Einheit muß man kämpfen durch Propaganda, durch den Einfluß der Partei, durch die Schaffung einheitlicher Gewerkschaften. Doch auch hier kann man nicht nach einer Schablone verfahren. Würden wir diesen Punkt streichen oder ihn anders abfassen, so würden wir die nationale Frage aus dem Programm ausmerzen. Das wäre möglich, wenn es Menschen ohne nationale Eigentümlichkeiten gäbe. Aber solche Menschen gibt es nicht, und auf andere Weise können wir die sozialistische Gesellschaft nicht aufbauen.

Anmerkung des Verlags

1. Gemeint ist der am 1. März 1918 in Petrograd abgeschlossene Vertrag über die Festigung der Freundschaft und Brüderlichkeit zwischen der RSFSR und der Finnischen Sozialistischen Arbeiterrepublik.