1911

W. I. Lenin







PAUL SINGER

Gestorben am 18. (31.) Januar 1911

Lenin Werke, Band 17, Seite 76 - 79







Am 5. Februar dieses Jahres trug die deutsche Sozialdemokratie einen ihrer ältesten Führer, Paul Singer, zu Grabe. Die gesamte Arbeiterbevölkerung Berlins, viele Hunderttausende waren dem Ruf der Partei gefolgt und zur Trauerdemonstration erschienen, waren gekommen, um das Andenken eines Mannes zu ehren, der seine Kraft, sein ganzes Leben in den Dienst der Befreiung der Arbeiterklasse gestellt hatte. Niemals hat die Dreimillionenstadt Berlin solche Massen gesehen: Nicht weniger als eine Million Menschen nahmen an dem Zug teil oder säumten die Straßen. Niemals ist einem Mächtigen dieser Welt die Ehre einer solchen Bestattung zu Teil geworden. Man kann Zehntausenden von Soldaten befehlen, bei der Überführung der sterblichen Überreste irgendeines Königs oder eines durch die Niedermetzelung von äußeren und inneren Feinden berühmt gewordenen Generals in den Straßen Spalier zu bilden, aber man kann nicht die Bevölkerung einer Riesenstadt auf die Beine bringen, wenn nicht in den Herzen der ganzen Millionenmasse der Werktätigen die Verbundenheit mit ihrem Führer, mit der Sache des revolutionären Kampfes eben dieser Masse gegen das Joch der Regierung und der Bourgeoisie glüht.

Puls Singer gehörte selbst zur Bourgeoisie, stammte aus einer Kaufmannsfamilie, war ziemlich lange ein reicher Fabrikant gewesen. Er hatte sich zu Beginn seiner politischen Tätigkeit der bürgerlichen Demokratie angeschlossen. Aber zum Unterschied von der Masse der bürgerlichen Demokraten und Liberalen, die aus Furcht vor den Erfolgen der Arbeiterbewegung sehr rasch ihre Freiheitsliebe vergessen, war Singer ein glühender, aufrichtiger, bis zu Ende konsequenter und furchtloser Demokrat.

Von den Schwankungen, der Feigheit, den Verrätereien der bürgerlichen Demokratie ließ er sich nicht mitreißen, sondern sie riefen seinen Widerstand hervor, schufen in ihm die immer festere Überzeugung, dass nur die Partei der revolutionären Arbeiterklasse imstande ist, den großen Freiheitskampf zu Ende zu führen.

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die deutsche liberale Bourgeoisie sich von der in Deutschland anwachsenden Revolution feige abwandte, mit der Regierung der Junker schacherte und sich mit der Allgewalt des Königs abfand, wandte sich Singer entschlossen dem Sozialismus zu. Im Jahre 1870, als die gesamte Bourgeoisie von den Siegen über Frankreich berauscht war und die breiten Massen der Bevölkerung sich von der niederträchtigen, den Menschenhass predigenden „liberalen“ Propaganda des Nationalismus und Chauvinismus mitreißen ließen, unterzeichnete Singer den Protest gegen die Lostrennung Elsass-Lothringens von Frankreich. Im Jahre 1878, als die Bourgeoisie dem reaktionären Minister Bismarck, dem Minister der Gutsbesitzer ( der „Junker“, wie die Deutschen sagen), half, das Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten durchzuführen, die Arbeitervereine aufzulösen, die Arbeiterzeitungen zu verbieten und mit tausenderlei Verfolgungen über das klassenbewusste Proletariat herzufallen – trat Singer endgültig der sozialdemokratischen Partei bei.

Seitdem ist die Lebensgeschichte Singers untrennbar mit der Geschichte der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei verbunden. Er widmete sich selbstlos dem mühevollen Werk des revolutionären Aufbaus. Er gab der Partei alle seine Kräfte, seinen ganzen Reichtum, seine ganzen hervorragenden organisatorischen Fähigkeiten, alle Talente des Praktikers und Führers. Singer gehörte zu jenen wenigen, man kann sagen, jedenen außerordentlich seltenen, aus der Bourgeoisie hervorgegangenen Menschen, die durch die lange Geschichte des Liberalismus, die Geschichte des Verrats, der Feigheit, des Schachers mit der Regierung, der Liebedienerei der bürgerlichen Polikaster nicht geschwächt, nicht demoralisiert, sondern gestählt, zu Revolutionären bis ins Mark gemacht werden. Es gibt selten solche Menschen, die aus dem Lager der Bourgeoisie kommen und sich dem Sozialismus anschließen; und nur solchen seltenen, durch Jahre langen Kampf erprobten Menschen soll das Proletariat vertrauen, wenn es sich eine Arbeiterpartei schmieden will, die imstande ist, die moderne bürgerliche Sklaverei zu stürzen. Singer war ein unerbittlicher Feind des Opportunismus in den Reihen der deutschen Arbeiterpartei, und bis ans Ende seiner Tage blieb er der unversöhnlichen, revolutionären sozialdemokratischen Politik unerschütterlich treu.

Singer war weder Theoretiker noch Publizist, noch ein glänzender Redner. Er war vor allem und vornehmlich praktischer Organsator der illegalen Partei zur Zeit des Ausnahmegesetzes, ferner Berliner Stadtverordneter und Parlamentarier nach Aufhebung dieses Gesetzes. Und dieser Praktiker, der den größten Teil seiner Zeit auf die alltägliche, technisch-parlamentarische Kleinarbeit, auf allerhand „sachliche“ Arbeit verwendete, war durchaus groß, dass er sich aus den Kleinigkeiten keinen Götzen schuf, nicht dem so üblichen und so trivialen Hang erlag, im Namen dieser „sachlichen“ oder „positiven“ Arbeit den scharfen und prinzipiellen Kampf mit einer Handbewegung abzutun. Im Gegenteil, Singer, der sein ganzes Leben dieser Arbeit gewidmet hatte, stand jedesmal, wenn die Frage nach dem grundlegenden Charakter der revolutionären Partei der Arbeiterklasse, nach ihren Endzielen, nach Blockbildungen (Bündnissen) mit der Bourgeoisie, nach Zugeständnissen an den Monarchismus usw. auftauchte – stets an der Spitze der standfestesten und entschiedensten Kämpfer gegen alle Erscheinungen des Opportunismus. Unter dem Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten kämpfte Singer zusammen mit Engels, Liebknecht und Bebel an zwei Fronten: sowohl gegen die „Jungen“, die Halbanarchisten, die den parlamentarischen Kampf ablehnten, als auch gegen die gemäßigten „Legalisten um jeden Preis“. Später bekämpfte Singer mit der gleichen Entschiedenheit die Revisionisten.

Er hat den Hass der Bourgeoisie verdient, der ihn bis ins Grab begleitete. Die bürgerlichen Hasser Singers ( die deutschen Liberalen und unsere Kadetten) weisen schadenfroh darauf hin, dass mit seinem Tode einer der letzten Vertreter der „heroischen“ Periode der deutschen Sozialdemokratie dahingehe, das heißt jener Periode, wo bei den Führern der Glaube an die Revolution, das Einstehen für eine prinzipiell revolutionäre Politik so stark, frisch und unmittelbar war. An Singers Stelle – sagen diese Liberalen – treten gemäßigte, ordnungsliebende Führer, „Revisionisten“, Leute mit bescheidenen Ansprüchen und kleinlicher Berechnung. Kein Zweifel, das Anwachsen der Arbeiterpartei lockt nicht selten viele Opportunisten in ihre Reihen. Kein Zweifel, aus der Bourgeoisie kommende Leute bringen in unseren Tagen dem Proletariat viel häufiger ihre Zaghaftigkeit, engstirniges Denken oder ein Hang zur Phrase mit als unerschütterliche revolutionäre Gesinnung. Doch sollen die Feinde nicht vorzeitig frohlocken ! Die Arbeiter massen sowohl in Deutschland als auch in den anderen Ländern schließen sich immer mehr zu einer Armee der Revolution zusammen, und diese Armee wird ihre Kräfte in naher Zukunft entfalten, denn die Revolution wächst heran, in Deutschland wie in den anderen Ländern.

Die alten revolutionären Führer sterben dahin – es wächst und erstarkt die junge Armee des revolutionären Proletariats.

Rabotschaja Gaseta“, Nr. 3, 8. (21.) Februar 1911.