Lenin

Über das Parteiprogramm

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenin über das Programm
der Kommunistischen Partei
Rußlands (Bolschewiki)

 

W. I. Lenin: Zur Revision des Parteiprogramms

W. I. Lenin: Referat über die Revision des Parteiprogramms und die Abänderung des Namens der Partei

W. I. Lenin: Reden gegen den Änderungsbeitrag Bucharins zur Resolution über das Parteiprogramm

W. I. Lenin: Bericht über das Parteiprogramm

W. I. Lenin: Schlußwort zum Bericht über das Parteiprogramm

 

W. I. Lenin:

Zur Revision des Parteiprogramms 1917

 

Auf der Tagesordnung des vom Zentralkomitee zum 17. Oktober einberufenen außerordentlichen Parteitags der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (Bolschewiki) steht die Revision des Partei­programms. Bereits die Konferenz vom 24.-29. April1 hatte in einer Resolution auf die Notwendigkeit einer Revision hingewiesen und in acht Punkten ihre Richtung dargelegt.2 Dann erschien in Petrograd3 und Moskau4 je eine der Revision gewidmete Broschüre und in Nr. 4 der Moskauer Zeitschrift „Spartak"5 vom 10. August ein Artikel des Gen. N. 1. Bucharin zu diesem Thema.

Wir wollen die Erwägungen der Moskauer Genossen untersuchen.

 

I

 

Die Grundfrage bei der Revision des Parteiprogramms ist für die Bolschewiki, die sich alle darüber einig sind, daß eine „Charakteri­sierung des Imperialismus und der Epoche imperialistischer Kriege im Zusammenhang mit der herannahenden sozialistischen Revoluti­on" gegeben werden muß (§ 1 der Resolution der Konferenz vom 24.-29. April), die Frage, wie man das neue Programm abfassen soll: soll das alte Programm ergänzt werden durch die Charakterisierung des Imperialismus (diese Ansicht vertrat ich in der Petrograder Bro­schüre), oder soll der ganze Text des alten Programms umgearbeitet werden? (Diese Ansicht äußerte die auf der Aprilkonferenz gebildete Kommission, und sie vertreten die Moskauer Genossen.) So lautet für unsere Partei vor allem die Frage.

Wir haben zwei Entwürfe: der eine, von mir vorgelegte Entwurf ergänzt das alte Programm durch eine Charakterisierung des Imperia­lismus.6 Der andere, von Gen. W. Sokolnikow vorgelegte und auf den Bemerkungen des Dreierausschusses (gewählt von der auf der Aprilkonferenz gebildeten Kommission) fußende Entwurf arbeitet den ganzen allgemeinen Teil des Programms um. Auch ich habe (in der erwähnten Broschüre, S. 11 7) schon meine Ansicht über die theoretische Unrichtigkeit des von der Kommission entworfenen Planes der Umarbeitung geäußert. Betrachten wir jetzt die Ausführung dieses Planes im Entwurf des Gen. Sokolnikow.

Gen. Sokolnikow teilt den allgemeinen Teil unseres Programms in 10 Abschnitte und versieht jeden Abschnitt oder Absatz mit einer besonderen Nummer (siehe S. 11-18 der Moskauer Broschüre). Auch wir wollen uns an diese Nummerierung halten, um dem Leser die Auf­findung der entsprechenden Stellen zu erleichtern.

Der erste Absatz des jetzigen Programms besteht aus zwei Sätzen. Der erste besagt, daß die Arbeiterbewegung durch die Entwicklung des Austauschs international geworden ist. Der zweite, daß die russi­sche Sozialdemokratie sich als einen Trupp der Weltarmee des Prole­tariats betrachtet. (Weiter ist im zweiten Absatz von dem gemeinsa­men Endziel aller Sozialdemokraten die Rede.)

Gen. S. läßt den zweiten Satz unverändert, ersetzt aber den ersten durch einen neuen, indem er den Hinweis auf die Entwicklung des Austauschs ergänzt sowohl durch den „Kapitalexport" wie durch den Übergang des proletarischen Kampfes in die „sozialistische Weltre­volution".

Sofort kommt etwas Unlogisches, eine Verwechslung der Themen, ein Durcheinander zweier Typen der Programmstruktur heraus. Eins von beiden:Entweder man beginnt mit einer Charakterisierung des Imperialismus als Ganzes, dann kann man nicht den „Kapitalexport" für sich allein herausreißen, und dann kann man nicht, wie es Gen. S. tut, die Analyse des „Verlaufs der Entwicklung" der bürgerlichen Gesellschaft im zweiten Absatz unverändert dastehen lassen. Oder man läßt den Typus der Programmstruktur unverändert, d. h., man erklärt zunächst, warum unsere Bewegung international geworden und welches ihr gemeinsames Endziel ist, wie der „Verlauf der Ent­wicklung" der bürgerlichen Gesellschaft zu diesem Endziel führt.

Um die Unlogik, die Folgewidrigkeit der Programmstruktur bei Gen. S. anschaulicher aufzuzeigen, führen wir den Anfang des alten Programms ungekürzt an:

„Die Entwicklung des Warenaustauschs hat eine so enge Verbin­dung zwischen allen Völkern der zivilisierten Welt hergestellt, daß die große Freiheitsbewegung des Proletariats international werden mußte und schon seit langem international geworden ist."

Gen. S. ist hier mit zwei Dingen unzufrieden: 1. beschreibe das Programm, wenn es von der Entwicklung des Austauschs spricht, ein überholtes „Entwicklungsstadium"; 2. hinter das Wort „zivilisierten" setzt Gen. S. ein Ausrufezeichen und bemerkt, daß „die enge Ver­bindung zwischen Metropole und Kolonie" bei uns „nicht vorgese­hen ist".

„Werden Protektionismus, Zollkriege und imperialistische Kriege das Band der proletarischen Bewegung zerreißen?" fragt Gen. S. und antwortet: „Wenn wir dem Text unseres Programms glauben, ja, denn sie zerreißen die durch den Austausch geknüpften Verbindun­gen.

Eine recht sonderbare Kritik. Weder der Protektionismus noch ein Zollkrieg „zerreißen" den Austausch, sie verändern oder unterbre­chen ihn nur vorübergehend an einer Stelle, um ihn an anderer Stelle fortzusetzen. Der jetzige Krieg hat den Austausch nicht zerrissen, sondern nur an einigen Stellen erschwert, auf andere Stellen verlegt, aber als Weltzusammenhang bestehen lassen. Der anschaulichste Beweis dafür sind die Wechselkurse. Dies erstens. Zweitens lesen wir im Entwurf des Gen. S.: „Die Entwicklung der Produktivkräfte, die auf der Basis des Warenaustauschs und des Kapitalexports alle Völker in die Weltwirtschaft einbezogen hat" usw. Der imperialisti­sche Krieg unterbricht (stellenweise, vorübergehend) ebenso wie den Austausch auch den Kapitalexport; die „Kritik" des Genossen S. trifft somit auch ihn selbst.

Drittens war (im alten Programm) davon die Rede, warum die Ar­beiterbewegung „seit langem" international geworden ist. Es unter­liegt keinem Zweifel, daß sie das schon vor dem Kapitalexport als dem höchsten Stadium des Kapitalismus geworden war.

Schlußfolgerung: Gen. S. hat ein Stückchen der Definition des Im­perialismus (Kapitalexport) an offenbar falscher Stelle eingeflickt. Ferner gefallen die Worte „zivilisierte Welt" dem Genossen S. nicht, denn sie deuten nach seiner Meinung etwas Friedliches, Har­monisches an und lassen die Kolonien vergessen.

Das Gegenteil ist richtig. Wenn es von der „zivilisierten Welt" spricht, weist das Programm auf das Disharmonische, auf die Exi­stenz nichtzivilisierter Länder (das ist doch eine Tatsache) hin, wäh­rend es im Entwurf des Genossen S. viel harmonischer zugeht, denn dort ist einfach von der „Einbeziehung aller Völker in die Weltwirt­schaft" die Rede!! Als ob alle Völker gleichmäßig in die Weltwirt­schaft einbezogen wären! Als ob zwischen den „zivilisierten" undnichtzivilisierten Völkern nicht gerade auf Grund der „Einbeziehung in die Weltwirtschaft" Knechtschaftsverhältnisse bestünden!

Bei Genossen S. kommt geradezu eine Verschlechterung des alten Programms in beiden von ihm berührten Themen heraus. Die Inter­nationalität ist bei ihmschwächer betont. Es ist uns aber sehr wich­tig, zu zeigen, daß diese schon vor langer Zeit, sehr lange vor der Epoche des Finanzkapitals entstanden ist. Auch ergibt sich bei ihm in der Frage des Verhältnisses zu den Kolonien mehr „Harmonie". Es steht uns aber schlecht an, die unleugbare Tatsache zu verschweigen, daß die Arbeiterbewegung vorläufig leider nur die zivilisierten Län­der erfaßt hat.

Ich wäre gern bereit, dem Gen. S. zuzustimmen, wenn er einen klareren Hinweis auf die Ausbeutung der Kolonien forderte. Das ist wirklich ein wichtigerBestandteil des Begriffes Imperialismus. Aber gerade in dem von Gen. S. vorgeschlagenen ersten Absatz finden wir keinen einzigen diesbezüglichen Hinweis. Die verschiedenen Be­standteile des Begriffes Imperialismus sind bei ihm über verschiede­ne Stellen verstreut, zum Schaden sowohl der Folgerichtigkeit wieder Klarheit.

Wir werden gleich sehen, wie der ganze Entwurf des Gen. S. an einer solchen Zerrissenheit und Folgewidrigkeit leidet.

II

 

Der Leser werfe einen flüchtigen Blick auf den Zusammenhang und die Folgerichtigkeit der Themenstellung in den verschiedenen Absätzen des alten Programms (die Absätze nach der Nummerierung des Genossen S.):

1. Die Arbeiterbewegung ist seit langem international geworden. Wir sind einer ihrer Trupps.

2. Das Endziel der Bewegung wird durch den Verlauf der Entwick­lung der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt. Der Ausgangspunkt: das Privateigentum an den Produktionsmitteln und die Besitzlosig­keit der Proletarier.

3. Wachstum des Kapitalismus. Verdrängung der Kleinproduzen­ten.

4. Verschärfte Ausbeutung (Frauenarbeit, Reservearmee usw.).

5. Krisen.

6. Fortschritt der Technik und wachsende Ungleichheit.

7. Anwachsender Kampf der Proletarier. Die materiellen Voraus­setzungen der Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus.

8. Soziale Revolution des Proletariats.

9. Deren Bedingung: die Diktatur des Proletariats.

10. Die Aufgabe der Partei: den Kampf des Proletariats für die so­ziale Revolution zu leiten.

Ich füge noch ein Thema hinzu:

11. Der Kapitalismus hat sich zum höchsten Stadium (Imperialis­mus) entwickelt, und jetzt hat die Ära der proletarischen Revolution begonnen.

Man vergleiche damit die Reihenfolge der Themen - nicht einzel­ner Textkorrekturen, sondern gerade der Themen - im Entwurf des Genossen S. wie auch dieThemen seiner Zusätze über den Imperia­lismus: 1. Die Arbeiterbewegung ist international. Wir sind einer ihrer Trupps. (Eingefügt ist: Kapitalexport, Weltwirtschaft, Übergang des Kampfes in die Weltrevolution, d. h. ein Stückchen aus der Definiti­on des Imperialismus.)

2. Das Endziel der Bewegung wird durch den Verlauf der Entwick­lung der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt. Der Ausgangspunkt: das Privateigentum an den Produktionsmitteln und die Besitzlosig­keit der Proletarier. (In der Mitte ist eingefügt: die allmächtigen Banken und Syndikate, monopolistische Weltverbände, d. h. ein zweites Stückchen der Definition des Imperialismus.)

3. Wachstum des Kapitalismus. Verdrängung der Kleinproduzen­ten.

4. Verschärfte Ausbeutung (Frauenarbeit, Reservearmee, ausländi­sche Arbeiter usw.).

5. Krisen und Kriege. Eingefügt ist noch ein Stückchen der Defini­tion des Imperialismus: „Versuche einer Aufteilung der Welt"; die Monopolverbände und der Kapitalexport sind noch einmal wieder­holt; dem Wort Finanzkapital ist in Klammern die Erläuterung hin­zugefügt: „Produkt der Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital."

6. Fortschritt der Technik und wachsende Ungleichheit. Eingefügt ist noch ein Stückchen der Definition des Imperialismus: Teuerung, Militarismus. Die Monopolverbände werden nochmals wiederholt.

7. Anwachsender Kampf der Proletarier. Die materiellen Voraus­setzungen der Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus. In der Mitte eine Einfügung, die noch einmal wiederholt: „Monopolisti­scher Kapitalismus" und darauf hinweist, daß die Banken und Syndi­kate einen Apparat der gesellschaftlichen Regulierung usw. vorberei­ten.

8. Soziale Revolution des Proletariats. (Einfügung, daß sie der Herrschaft des Finanzkapitals ein Ende bereiten wird.)

9. Diktatur des Proletariats als deren Bedingung.

10. Die Aufgabe der Partei: den Kampf des Proletariats für die so­ziale Revolution zu leiten. (In der Mitte die Einfügung, daß die so­ziale Revolution auf der Tagesordnung steht.)

Mir scheint, aus dieser Gegenüberstellung geht klar hervor, daß ein „mechanischer" Charakter der Zusätze (den einige Genossen be­fürchteten) gerade im Entwurf des Genossen S. zu finden ist. Ver­schiedene Stückchen der Definition des Imperialismus sind ganz folgewidrig, wie ein Mosaik, über die verschiedenen Punkte ver­streut. Eine allgemeine und geschlossene Vorstellung vom Imperia­lismus wird nicht gewonnen. Es gibt übermäßig viel Wiederholun­gen. Die alte Disposition ist beibehalten. Der alte allgemeine Plan des Programms ist beibehalten: aufzuzeigen, daß das „Endziel" der Bewegung „bestimmt wird" durch den Charakter der modernen bür­gerlichen Gesellschaft und durch den Verlauf ihrer Entwicklung. Aber gerade der „Verlauf der Entwicklung" ist nicht herausgekom­men, herausgekommen sind Bruchstücke der Definition des Imperia­lismus, die meist nicht an der rechten Stelle eingefügt sind.

Nehmen wir den zweiten Absatz. Gen. S. läßt hier Anfang und En­de unverändert. Der Anfang besagt, daß die Produktionsmittel einer kleinen Anzahl von Leuten gehören, und das Ende, daß die Mehrheit der Bevölkerung aus Proletariern und Halbproletariern besteht. In der Mitte fügt Gen. S. einen besonderen Satz ein, wonach „im letzten Vierteljahrhundert die direkte oder indirekte Verfügung über die kapitalistisch organisierte Produktion in die Hände allmächtiger"Banken, Trusts usw. „übergegangen ist".

Das steht vor dem Satz über die Verdrängung der Kleinbetriebe durch die Großbetriebe!! Denn dieser steht erst im dritten Absatz. Aber die Trusts sind doch die höchste und späteste Erscheinungs­form gerade dieses Prozesses der Verdrängung der Kleinbetriebe durch die Großbetriebe. Geht es denn an, zuerst von dem Aufkom­men der Trusts und erst dann von der Verdrängung der Kleinbetriebe durch die Großbetriebe zu sprechen? Wird dadurch die logische Auf­einanderfolge nicht verletzt? Denn woher kommen wohl die Trusts? Ergibt sich nicht ein theoretischer Fehler? Wie und warum ist die Verfügung in ihre Hände „übergegangen"? Man kann das nicht verstehen, ohne sich vorher über die Verdrängung der Kleinbetriebe durch die Großbetriebe klargeworden zu sein.

Nehmen wir den dritten Absatz. Sein Thema ist die Verdrängung der Kleinbetriebe durch die Großbetriebe. Auch hier läßt Gen. S. den Anfang (daß die Bedeutung der Großbetriebe zunimmt) und das En­de (die Kleinproduzenten werden verdrängt) unberührt und fügt in der Mitte hinzu, daß die Großbetriebe „zu gigantischen Organismen verschmelzen, die eine ganze Reihe aufeinanderfolgender Stufen der Produktion und Zirkulation vereinigen". Aber dieser Zusatz gilt be­reits einem anderen Thema, und zwar der Konzentration der Produk­tionsmittel und der Vergesellschaftung der Arbeit durch den Kapita­lismus, der Schaffung der materiellen Voraussetzungen für die Ablö­sung des Kapitalismus durch den Sozialismus. im alten Programm wird dieses Thema erst im siebenten Absatz behandelt.

Gen. S. behält diesen allgemeinen Plan bei. Auch er spricht von den materiellen Voraussetzungen der Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus erst im 7. Absatz. Auch er läßt in diesem 7. Absatz den Hinweis auf die Konzentration der Produktionsmittel und auf die Vergesellschaftung der Arbeit stehen!

Das Ergebnis ist, daß ein Bruchstück aus dem Hinweis auf die Konzentration mehrere Paragraphen vor dem allgemeinen, zusam­menfassenden, vollständigen Paragraphen eingefügt wurde, der sich speziell mit der Konzentration befaßt. Das ist der Gipfel der Unlogik und ist nur dazu angetan, den breiten Massen das Verstehen unseres Programms zu erschweren.

III

 

Den fünften Absatz des Programms, der von den Krisen handelt, unterzieht Gen. S. „einer allgemeinen Umarbeitung". Er findet, daß das alte Programm „der Volkstümlichkeit zuliebe theoretisch sün­digt" und „von der Marxschen Krisentheorie abweicht".

Gen. S. ist der Meinung, daß das im alten Programm gebrauchte Wort „Überproduktion" „zur Grundlage der Erklärung" der Krisen gemacht wird und daß „eine solche Ansicht eher der Theorie von Rodbertus entspricht, der in der Erklärung der Krisen von der Unter­konsumtion der Arbeiterklasse ausging".

Ein Vergleich des alten Textes mit dem von Gen. S. vorgeschlage­nen neuen läßt leicht erkennen, wie außerordentlich mißglückt dieses Suchen nach einer theoretischen Ketzerei, wie sehr an den Haaren herbeigezogen hier Rodbertus ist.

Im alten Text wird nach dem Hinweis (im Absatz 4) auf den „technischen Fortschritt", auf die Erhöhung des Grades der Ausbeu­tung der Arbeiter, auf die relative Verringerung des Bedarfs an Ar­beitern gesagt: „Eine solche Lage der Dinge innerhalb der bürgerli­chen Länder usw. gestaltet den Absatz der Waren, die in stets wach­senden Mengen erzeugt werden, immer schwieriger und schwieriger. Die Überproduktion, die sich in Krisen ... und Perioden der Stagna­tion ... äußert, ist die unvermeidliche Folge..."

Es ist klar, daß hier die Überproduktion keineswegs zur „Grundla­ge der Erklärung" gemacht, sondern nur der Ursprung der Krisen und der Perioden der Stagnation beschrieben wird. Im Entwurf des Gen. S. lesen wir:

„Die allein auf die Profitjägerei gerichtete Entwicklung der Pro­duktivkräfte, die sich in diesen widerspruchsvollen Formen vollzieht, in denen die Produktionsbedingungen und die Konsumtionsbedin­gungen, die Bedingungen der Realisation des Kapitals und die Be­dingungen seiner Akkumulation aufeinander stoßen, führt unver­meidlich zu scharfen Industriekrisen und Depressionen und damit zu einer Absatzstockung der anarchisch in stets wachsender Menge produzierten Waren."

Gen. S. hat genau dasselbe gesagt, denn eine „Absatzstockung" der in „wachsender Menge" produzierten Waren ist eben Überprodukti­on. Gen. S. brauchte dieses in keiner Hinsicht falsche Wort nicht zu fürchten. Auch irrt er, wenn er schreibt, daß man an Stelle von „Überproduktion" „hier mit demselben oder sogar noch größerem Recht Unterproduktion setzen könnte" (S. 15 der Moskauer Broschü­re).

Man versuche einmal, „Absatzstockung" der „in stets wachsender Menge produzierten Waren" „Unterproduktion" zu nennen! Das wird schwerlich gelingen.

Der Rodbertusianismus besteht keineswegs in dem Gebrauch des Wortes „Überproduktion" (das nur allein einen der tiefsten Wider­sprüche des Kapitalismusgenau beschreibt), sondern in der Erklä­rung der Krisen ausschließlich aus der Unterkonsumtion der Arbei­terklasse. Das alte Programm aber leitet die Krisen nicht daraus ab. Es beruft sich auf „eine solche Lage der Dinge innerhalb der bürger­lichen" Länder, wie sie vorher, im vorhergehenden Absatz, gerade geschildert wird und die gekennzeichnet ist durch den „technischen Fortschritt" und die „relative Verringerung des Bedarfs an lebendiger Arbeitskraft". Daneben spricht das alte Programm noch von der „sich ständig verschärfenden Konkurrenz auf dem Weltmarkt".

Damit ist gerade das Grundlegende über das Aufeinanderstoßen der Bedingungen der Akkumulation und der Bedingungen der Reali­sation gesagt, und zwar bei weitem klarer. Die Theorie wurde hier nicht, wie dies Gen. S. irrtümlich glaubt, „der Volkstümlichkeit zu­liebe" „geändert", sondern klar und volkstümlich dargelegt. Das ist ein Vorzug.

Über Krisen kann man natürlich Bände schreiben, man kann eine konkretere Analyse der Bedingungen der Akkumulation geben, man kann von der Rolle derProduktionsmittel sprechen, von dem Aus­tausch des Mehrwerts und des variablen Kapitals in den Produkti­onsmitteln gegen das konstante Kapital in den Konsumtionsmitteln, von der Entwertung des konstanten Kapitals durch neue Erfindungen und so weiter und so weiter. Aber das versucht ja auch Gen. S.nicht!! Seine angebliche Verbesserung des Programms besteht ledig­lich in folgendem:

1. Er läßt den Übergang von Absatz 4 zu Absatz 5, von dem Hin­weis auf den technischen Fortschritt usw. zu den Krisen, bestehen, schwächt aber denZusammenhang zwischen den beiden Absätzen ab, indem er die Worte „eine solche Lage der Dinge" streicht.

2. Er fügt theoretisch klingende Phrasen über den Zusammenstoß zwischen Produktionsbedingungen und Konsumtionsbedingungen,

zwischen den Bedingungen der Realisation und den Bedingungen der Akkumulation hinzu, Phrasen, die zwar nichts Falsches enthalten, aber keinen neuen Gedanken bringen, denn der vorhergehende Ab­satz sagt das Grundlegende gerade zu dieser Frage klarer.

3. Er fügt die „Profitjägerei" hinzu, einen Ausdruck, der in ein Programm wenig paßt und der hier wohl gerade „der Volkstümlich­keit zuliebe" gebraucht wird, denn dieser selbe Gedanke ist bereits mehrfach zum Ausdruck gekommen, sowohl in den Worten über die „Bedingungen der Realisation" wie in den Worten über die „Wa­ren"produktion usw.

4. Er ersetzt das Wort „Stagnation" durch „Depression"; eine un­glückliche Änderung.

5. Er fügt dem alten Text das Wort „anarchisch" hinzu („anar­chisch in stets wachsender Menge produzierte Waren"). Dieser Zu­satz ist theoretisch falsch, denn gerade die „Anarchie" oder die „Planlosigkeit", wenn man den im Entwurf des Erfurter Programms gebrauchten und von Engels angefochtenen Ausdruck nimmt, cha­rakterisieren die Trusts nicht.8

Bei Gen. S. heißt es folgendermaßen:

„Die Waren werden anarchisch in stets wachsender Menge produ­ziert. Die Versuche der kapitalistischen Verbände (Trusts usw.), durch Einschränkung der Produktion die Krisen zu beseitigen, leiden Schiffbruch" usw...

Aber eben die Trusts produzieren die Waren nicht anarchisch, son­dern auf Grund von Berechnungen. Die Trusts begnügen sich nicht damit, die Produktion zu „beschränken". Versuche, die Krisen zu beseitigen, machen sie nicht, solche „Versuche" der Trusts kann es nicht geben. Bei Gen. S. gibt es eine Reihe von Ungenauigkeiten. Man müßte sagen: Obwohl die Trusts die Waren nicht anarchisch, sondern auf Grund von Berechnungen produzieren, sind die Krisen dennoch nicht zu beseitigen infolge der oben aufgezeigten Eigen­schaften des Kapitalismus, die auch bei den Trusts fortbestehen. Und wenn die Trusts in den Perioden des größten Aufschwungs und der Spekulation die Produktion einschränken, um sich „nicht zu übernehmen", so werden sie damit im besten Falle die größten Unter­nehmen vor Schaden bewahren, Krisen aber wird es trotzdem geben.

Wenn wir alles über die Krisen Gesagte zusammenfassen, kommen wir zu dem Schluß, daß der Entwurf des Gen. S. keine Verbesserung des alten Programms bringt. Im Gegenteil, der neue Entwurf enthält Ungenauigkeiten. Die Notwendigkeit einer Korrektur des alten Tex­tes ist unbewiesen geblieben.

IV

 

In der Frage der Kriege imperialistischen Charakters sündigt der Entwurf des Gen. S. in zweierlei Hinsicht durch theoretische Unrich­tigkeit.

Erstens gibt er keine Wertung des in Frage stehenden, des jetzigen Krieges. Er sagt, die imperialistische Epoche erzeuge imperialisti­sche Kriege. Das ist richtig und mußte natürlich im Programm gesagt werden. Aber das ist zuwenig. Es muß außerdem noch gesagt wer­den, daß gerade der jetzige Krieg, der Krieg 1914-1917, ein imperia­listischer Krieg ist. Die deutsche „Spartakusgruppe" hat in ihren in deutscher Sprache im Jahre 1915 erschienenen „Leitsätzen" die Be­hauptung aufgestellt, daß es in der Ära des Imperialismus keine na­tionalen Kriege geben könne.9Das ist eine offenkundig unrichtige Behauptung, denn der Imperialismus verschärft die nationale Unter­drückung, folglich sind nationale Aufstände und nationale Kriege (jeder Versuch, einen Unterschied zwischen Aufständen und Kriegen zu konstruieren, wäre zum Scheitern verurteilt) nicht nur möglich und wahrscheinlich, sondern geradezu unausbleiblich.

Der Marxismus fordert eine unbedingt genaue Wertung jedes ein­zelnen Krieges auf Grund konkreter Tatsachen. Es ist sowohl theore­tisch falsch wie auch praktisch unzulässig, die Frage des gegenwärti­gen Krieges mit allgemeinen Erörterungen zu umgehen. Denn dahin­ter verstecken sich die Opportunisten, die sich hier ein Schlupfloch schaffen: im allgemeinen ist der Imperialismus die Epoche imperiali­stischer Kriege, aber dieser Krieg war nicht ganz imperialistisch (so argumentierte z. B. Kautsky).

Zweitens verbindet Gen. S. „Krisen und Kriege" miteinander, ge­wissermaßen als zweieinige Begleiterscheinung des Kapitalismus im allgemeinen und des modernen Kapitalismus im besonderen. Auf S. 20/21 der Moskauer Broschüre findet sich im Entwurf des Gen. S. diese Verbindung von Krisen und Kriegen gleich dreimal. Und dabei handelt es sich nicht nur um die Unerwünschtheit von Wiederholun­gen im Programm. Es handelt sich um einen prinzipiellen Fehler.

Die Krisen, gerade in der Form der Überproduktion oder einer „Absatzstockung der Waren", wenn Gen. S. das Wort Überprodukti­on verpönt, sind eine Erscheinung, die ausschließlich dem Kapita­lismus eigen ist. Kriege aber sind sowohl dem auf der Sklaverei be­ruhenden wie dem fronherrschaftlichen Wirtschaftssystem eigen. Imperialistische Kriege hat es ebenso auf dem Boden der Sklaverei gegeben (der Krieg zwischen Rom und Karthago war auf beidenSeiten ein imperialistischer Krieg) als auch im Mittelalter und in der Epoche des Handelskapitalismus. Jeder Krieg, in dem beide krieg­führenden Lager fremde Länder oder Völker unterdrücken, in dem sie um die Aufteilung der Beute kämpfen, darum, „wer mehr unter­drücken und mehr plündern darf", muß imperialistisch genannt wer­den.

Wenn wir sagen, daß nur der moderne Kapitalismus, nur der Impe­rialismus imperialistische Kriege mit sich brachte, so ist das nicht falsch, denn dasvorhergehende Stadium des Kapitalismus, das Sta­dium der freien Konkurrenz oder das Stadium des vormonopolisti­schen Kapitalismus war vorwiegend durch nationale Kriege in Westeuropa charakterisiert. Sagt man aber, daß es in dem vorherge­henden Stadium überhaupt keine imperialistischen Kriege gegeben hat, so ist das schon falsch, so bedeutet das, daß man die ebenfalls imperialistischen „Kolonialkriege" vergißt. Das erstens.

Zweitens aber ist gerade die Verbindung von Krisen und Kriegen falsch, denn das sind Erscheinungen ganz verschiedener Ordnung, verschiedenen historischen Ursprungs und verschiedener Klassenbe­deutung. Man kann zum Beispiel nicht wie Gen. S. in seinem Ent­wurf sagen: „Die Krisen wie die Kriege ihrerseits ruinieren die Kleinproduzenten noch mehr, steigern noch mehr die Abhängigkeit der Lohnarbeit vom Kapital ..." Denn möglich sind Kriege im Interesse der Befreiung der Lohnarbeit vom Kapital, im Kampfe der Lohnarbeiter gegen die Kapitalistenklasse, möglich sind nicht nur reaktionär-imperialistische, sondern auch revolutionäre Kriege. „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik" der einen oder der anderen Klasse; und in jeder Klassengesellschaft, in der auf Sklaverei beru­henden, in der fronherrschaftlichen und in der kapitalistischen, hat es Kriege gegeben, die die Politik der unterdrückenden Klassen fort­setzten, aber es hat auch Kriege gegeben, die die Politik der unter­drückten Klassen fortsetzten. Aus demselben Grunde kann man auch nicht wie Gen. S. sagen: „Die Krisen und Kriege zeigen, daß sich das kapitalistische System aus einer Form der Entwicklung der Produk­tivkräfte in deren Hemmschuh verwandelt."

Daß der jetzige imperialistische Krieg durch seinen reaktionären Charakter und durch seine Lasten die Massen revolutioniert und die Revolution beschleunigt, das ist richtig und muß gesagt werden. Das ist auch richtig und kann gesagt werden im Hinblick auf die imperia­listischen Kriege überhaupt, als die für die Epoche des Imperialismus typischen Kriege. Aber das kann man nicht von allen „Kriegen" überhaupt sagen, und außerdem darf man auf keinen Fall Krisen und Kriege miteinander verbinden.

V

 

Wir müssen jetzt das Fazit in jener Hauptfrage ziehen, die nach dem einmütigen Beschluß aller Bolschewiki im neuen Programm in erster Linie beleuchtet und bewertet werden muß. Es ist dies die Fra­ge des Imperialismus. Gen. Sokolnikow vertritt die Meinung, daß es zweckmäßiger sei, diese Beleuchtung und Bewertung sozusagen stückweise zu geben, d. h. die verschiedenen Merkmale des Imperia­lismus auf die verschiedenen Paragraphen des Programms zu vertei­len; ich glaube, daß es zweckmäßiger wäre, dies in einem besonderen Paragraphen oder in einem besonderen Teil des Programms zu tun und dort alles zusammenzutragen, was über den Imperialismus ge­sagt werden muß. Den Mitgliedern der Partei liegen jetzt beide Ent­würfe vor, und der Parteitag wird entscheiden. Wir sind aber mit Gen. Sokolnikow vollkommen darin einverstanden, daß vom Impe­rialismus gesprochen werden muß; zu untersuchen bleibt, ob nicht Meinungsverschiedenheiten in der Frage bestehen, wie der Imperia­lismus zu beleuchten und zu bewerten ist.

Vergleichen wir von diesem Standpunkt aus die beiden Entwürfe zum neuen Programm. In meinem Entwurf sind fünf hauptsächliche Unterscheidungsmerkmale des Imperialismus angegeben: 1. Mono­polverbände der Kapitalisten; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital; 3. Kapitalexport nach fremden Ländern; 4. territoriale Aufteilung der Welt, eine Aufteilung, die bereits been­det ist; 5. ökonomische Aufteilung der Welt unter die internationalenTrusts. (In meiner Broschüre „Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus", die später erschienen ist als die „Materialien zur Revision des Parteiprogramms", sind diese fünf Merkmale des Impe­rialismus auf S. 85 angeführt.10) Im Entwurf des Gen. Sokolnikow finden wir im wesentlichen dieselben fünf Hauptmerkmale, so daß sich in unserer Partei offenbar eine sehr weitgehende prinzipielle Übereinstimmung in der Frage des Imperialismus herausgebildet hat, wie auch zu erwarten war, denn die praktische, sowohl die mündli­che wie die schriftliche Agitation unserer Partei in dieser Frage hat schon lange, seit Beginn der Revolution, die vollständige Einmütig­keit aller Bolschewiki in dieser Grundfrage offenbart.

Es bleibt zu untersuchen, welche Unterschiede der Formulierung in der Definition und Charakterisierung des Imperialismus zwischen den beiden Entwürfen bestehen. Beide Entwürfe enthalten einen konkreten Hinweis darauf, von welchem Zeitpunkt an eigentlich von einer Verwandlung des Kapitalismus in den Imperialismus gespro­chen werden kann, und daß ein solcher Hinweis notwendig ist, um überhaupt eine genaue und historisch richtige Einschätzung der wirt­schaftlichen Entwicklung geben zu können, dürfte wohl kaum bestritten werden. Gen. S. sagt: „im letzten Vierteljahrhundert"; bei mir heißt es: „ungefähr seit Beginn des 20. Jahrhunderts". In der eben zitierten Broschüre über den Imperialismus ist (z. B. auf S. 10/11 11) das Zeugnis eines Ökonomen angeführt, der die Kartelle und Syndikate speziell studiert hat und als Wendepunkt für den vol­len Sieg der Kartelle in Europa die Krise 1900-1903 angibt. Es scheint mir darum genauer, zu sagen: „ungefähr seit Beginn des 20. Jahrhunderts" als „im letzten Vierteljahrhundert". Dies wird auch schon darum richtiger sein, weil sowohl jener Spezialist, auf den ich mich soeben berief, wie überhaupt die europäischen Ökonomen meist deutsche Daten benutzen, Deutschland aber im Prozeß der Kartellbildung die übrigen Länder überholt hat.

Weiter. Von den Monopolen heißt es in meinem Entwurf: „Die Monopolverbände der Kapitalisten haben entscheidende Bedeutung erlangt." Im Entwurf des Genossen S. wiederholt sich der Hinweis auf die Monopolverbände mehrfach, aber unter allen diesen Hinwei­sen ist nur einer, der sich durch verhältnismäßige Bestimmtheit aus­zeichnet. Nämlich folgender:

„Im letzten Vierteljahrhundert ist die direkte oder indirekte Verfü­gung über die kapitalistisch organisierte Produktion in die Hände allmächtiger, untereinander vereinigter Banken, Trusts und Syndika­te übergegangen, die monopolistische Weltverbände gebildet haben, an deren Spitze ein Häuflein von Magnaten des Finanzkapitals steht."

Mir scheint, hier ist zuviel „Agitation", d. h. „der Volkstümlichkeit zuliebe" ist in das Programm etwas aufgenommen, was nicht hinein­gehört. In Zeitungsartikeln, in Reden, in populären Broschüren ist „Agitation" notwendig, aber das Parteiprogramm muß sich durch ökonomische Genauigkeit auszeichnen und darf nichts überflüssiges enthalten. Daß die Monopolverbände „entscheidende Bedeutung" erlangt haben, scheint mir die genaueste Formulierung zu sein, und damit ist alles gesagt. Indes enthält der angeführte Absatz aus dem Entwurf des Gen. S. nicht nur viel überflüssiges, sondern theoretisch anfechtbar ist auch der Ausdruck „die Verfügung über die kapitali­stisch organisierte Produktion". Nur über die kapitalistisch organi­sierte? Nein, das ist zu schwach. Auch die offenkundig nicht kapita­listisch organisierte Produktion, die kleinen Handwerker, die Bauern, die kleinen Baumwollproduzenten in den Kolonien usw. usw., sind von den Banken und überhaupt vom Finanzkapital abhängig gewor­den. Wenn wir vom „Weltkapitalismus" im allgemeinen sprechen (und nur von ihm kann man hier sprechen, wenn man nicht in Fehler verfallen will), so schließen wir, wenn wir sagen, die Monopolver­bände haben „entscheidende Bedeutung" erlangt, keinerlei Produ­zenten von der Unterstellung unter diese entscheidende Bedeutung aus. Den Einfluß der Monopolverbände auf die „kapitalistisch orga­nisierte Produktion" zu beschränken, ist falsch.

Ferner ist im Entwurf des Genossen S. über die Rolle der Banken zweimal dasselbe gesagt: einmal in dem eben angeführten Absatz und ein zweites Mal im Absatz über die Krisen und Kriege, wo fol­gende Definition gegeben ist: „Das Finanzkapital (das Produkt der Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital)". In mei­nem Entwurf heißt es: „Das hochkonzentrierte Bankkapital hat sich mit dem Industriekapital verschmolzen." Es genügt, wenn das imProgramm einmal gesagt ist.

Das dritte Merkmal: „Der Kapitalexport nach fremden Ländern hat sehr große Ausmaße angenommen" (so heißt es in meinem Entwurf). Im Entwurf des Gen. S. finden wir einmal einen einfachen Hinweis auf den „Kapitalexport", ein anderes Mal wird in einem ganz ande­ren Zusammenhang von den „neuen Ländern" gesprochen, die „An­lagegebiete für das auf der Suche nach Extraprofiten exportierte Ka­pital bilden". Man kann hier den Hinweis auf die Extraprofite und auf die neuen Länder schwerlich als richtig gelten lassen, denn einen Kapitalexport gibt es auch aus Deutschland nach Italien, aus Frank­reich nach der Schweiz usw. Man führt unter dem Imperialismus Kapital auch in die alten Länder aus, und nicht nur der Extraprofite wegen. Das, was in bezug auf die neuen Länder richtig ist, ist falsch in bezug auf den Kapitalexport im allgemeinen.

Das vierte Merkmal ist das, was Hilferding den „Kampf um das Wirtschaftsgebiet" genannt hat. Diese Bezeichnung ist nicht genau, denn sie bringt nicht zum Ausdruck, wodurch sich der moderne Im­perialismus vor allem von den früheren Formen des Kampfes um das Wirtschaftsgebiet unterscheidet. Um ein solches Gebiet kämpfte auch das alte Rom, kämpften die europäischen Staaten des 16.-18. Jahrhunderts, als sie sich Kolonien eroberten, kämpfte das alte Buß­land, als es Sibirien eroberte, usw. usf. Das Unterscheidungsmerkmal des heutigen Imperialismus besteht darin, daß (wie es in meinem Programmentwurf heißt) „die ganze Welt territorial bereits unter die reichsten Länder aufgeteilt ist", d. h., die Aufteilung der Erde unter den Staaten ist beendet. Gerade aus diesem Umstand folgt die besondere Schärfe des Kampfes um die Neuaufteilung der Welt, die be­sondere Schärfe der Zusammenstöße, die zu Kriegen führt.

Im Entwurf des Gen. S. ist das mit sehr vielen Worten, aber theore­tisch wohl kaum richtig ausgedrückt. Ich werde gleich seine Formu­lierung anführen, da sie aber zugleich auch die Frage der ökonomi­schen Aufteilung der Welt mit umfaßt, muß man vorher auch dieses letzte, fünfte Merkmal des Imperialismus berühren. In meinem Ent­wurf ist dieses Merkmal so formuliert:

,,...die ökonomische Aufteilung der Welt unter die internationalen Trusts hat begonnen." Die Daten der politischen Ökonomie und der Statistik gestatten es nicht, mehr zu sagen. Eine solche Aufteilung der Welt ist ein sehr wichtiger Prozeß, er hat aber eben erst begon­nen. Wegen dieser Aufteilung der Welt, wegen der Neuaufteilung kommt es zu imperialistischen Kriegen, sobald die territoriale Auf­teilung beendet ist, d. h. sobald kein „freies" Land mehr da ist, das man, ohne einen Krieg gegen den Rivalen zu führen, erobern kann.

Betrachten wir nun die Formulierung des Genossen S.:

„Aber das Herrschaftsgebiet der kapitalistischen Verhältnisse er­weitert sich ununterbrochen auch nach außen durch ihre Übertragung auf neue Länder, die für die monopolistischen Kapitalistenverbände Warenmärkte, Rohstoffquellen und Anlagegebiete für das auf der Suche nach Extraprofiten exportierte Kapital bilden. Ungeheure Massen akkumulierten Mehrwerts, die dem Finanzkapital (dem Pro­dukt der Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital) zur Verfügung stehen, werden auf den Weltmarkt geworfen. Der Wettbewerb der national mächtigen und zuweilen auch international organisierten Kapitalistenverbände um die Beherrschung des Mark­tes, um den Besitz oder die Kontrolle der Territorien schwächerer Länder, d. h. um das Vorzugsrecht auf ihre schonungslose Unter­drückung, führt unausbleiblich zu den Versuchen, die ganze Welt unter die reichsten kapitalistischen Staaten aufzuteilen, zu imperiali­stischen Kriegen, die allgemeines Elend, Zerrüttung und Verwilde­rung erzeugen."

Wir haben hier übermäßig viele Worte, Worte, die eine Reihe theo­retischer Fehler verdecken. Man kann nicht von „Versuchen", die Welt aufzuteilen, sprechen, denn die Welt ist bereits aufgeteilt. Der Krieg 1914-1917 ist nicht ein „Versuch der Aufteilung" der Welt, sondern ein Kampf um die Neuaufteilung der bereits aufgeteilten Welt. Der Krieg war für den Kapitalismus unvermeidlich geworden, weil der Imperialismus mehrere Jahre vorher die Welt aufgeteilt hatte, sozusagen nach dem alten Maß der Kräfte, das der Krieg „kor­rigieren" soll.

Den Kampf um Kolonien (um „neue Länder") ebenso wie den Kampf um den „Besitz der Territorien schwächerer Länder", all das hat es auch vor dem Imperialismus gegeben. Charakteristisch für den heutigen Imperialismus ist etwas anderes: nämlich, daß zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ganze Erde von dem einen oder anderen Staat besetzt, daß sie aufgeteilt war. Nur deshalb war die Neuauftei­lung der „Herrschaft über die Welt" auf der Basis des Kapitalismus nicht anders möglich als um den Preis eines Weltkrieges. Auch „in­ternational organisierte Kapitalistenverbände" hat es schon vor demImperialismus gegeben: jede Aktiengesellschaft mit Beteiligung von Kapitalisten verschiedener Länder ist ein „international organisierter Kapitalistenverband".

Charakteristisch für den Imperialismus ist etwas anderes, das es früher, vor dem 20. Jahrhundert, nicht gegeben hat, nämlich: die ökonomische Aufteilung der Welt unter die internationalen Trusts, die vertragsmäßige Aufteilung der Länder unter sie als Absatzgebie­te. Gerade das kommt im Entwurf des Genossen S. nicht zum Aus­druck, so daß die Macht des Imperialismus schwächer dargestellt wird, als sie ist.

Schließlich ist es theoretisch falsch, davon zu sprechen, daß die Massen des akkumulierten Mehrwerts auf den Weltmarkt geworfen werden. Das sieht der Realisierungstheorie Proudhons sehr ähnlich, nach der die Kapitalisten sowohl das konstante wie das variable Ka­pital leicht realisieren können, aber bei der Realisierung des Mehr­werts auf Schwierigkeiten stoßen. In Wirklichkeit können die Kapi­talisten ohne Schwierigkeiten und ohne Krisen weder den Mehrwert noch auch das variable und das konstante Kapital realisieren. Auf den Markt geworfen werden Warenmassen, die nicht nur akkumu­lierten Wert darstellen, sondern auch den Wert, der das variable und das konstante Kapital reproduziert. So werden z. B. auf den Welt­markt Massen von Eisenbahnschienen oder Eisen geworfen, die im Austausch gegen Konsumtionsmittel der Arbeiter oder gegen andere Produktionsmittel (Holz, Erdöl usw.) realisiert werden sollen.

VI

 

Indem wir hiermit die Analyse des Entwurfs des Genossen Sokol­nikow abschließen, müssen wir eine sehr wertvolle Ergänzung be­sonders hervorheben, die er vorschlägt und die man meines Erach­tens annehmen und sogar erweitern sollte. Und zwar schlägt er vor, dem Absatz, der vom technischen Fortschritt und von der zunehmen­ den Verwendung der Frauen- und Kinderarbeit handelt, hinzuzufügen: „wie auch die Arbeit ungelernter, aus rückständigen Ländern importierter ausländi­scher Arbeiter" (zu verwenden). Das ist eine wertvolle und notwen­dige Ergänzung. Gerade für den Imperialismus ist eine solche Aus­beutung der Arbeit schlechter bezahlter Arbeiter aus rückständigen Ländern besonders charakteristisch. Gerade darauf basiert in einem gewissen Grade der Parasitismus der reichen imperialistischen Län­der, die auch einen Teil ihrer eigenen Arbeiter durch eine höhere Bezahlung bestechen, während sie gleichzeitig die Arbeit der „billi­gen" ausländischen Arbeiter maßlos und schamlos ausbeuten. Die Worte „schlechter bezahlten" müßten hinzugefügt werden, ebenso wie die Worte: „und oft rechtlosen", denn die Ausbeuter der „zivili­sierten" Länder machen sich immer den Umstand zunutze, daß die importierten ausländischen Arbeiter rechtlos sind. Das läßt sich stän­dig nicht nur in Deutschland hinsichtlich der russischen, d. h. der aus Rußland zureisenden Arbeiter, sondern auch in der Schweiz hinsicht­lich der Italiener, in Frankreich hinsichtlich der Spanier und Italiener usw. beobachten.

Vielleicht wäre es zweckmäßig, im Programm die Sonderstellung des Häufleins der reichsten imperialistischen Länder, die sich durch die Ausplünderung der Kolonien und der schwachen Nationen para­sitär bereichern, stärker zu betonen und anschaulicher auszudrücken. Das ist eine äußerst wichtige Eigenart des Imperialismus, die übri­gens bis zu einem gewissen Grade die Entstehung tiefgehender revo­lutionärer Bewegungen in jenen Ländern erleichtert, die die Opferder imperialistischen Raubzüge sind, die vor der Gefahr stehen, durch die imperialistischen Giganten (wie Rußland) aufgeteilt und versklavt zu werden, eine Eigenart, die aber anderseits bis zu einem gewissen Grade die Entstehung tiefgehender revolutionärer Bewe­gungen in jenen Ländern erschwert, die viele Kolonien und fremde Länder auf imperialistische Weise ausplündern und so einen (ver­hältnismäßig) sehr großen Teil ihrer Bevölkerung zu Teilnehmern ander Aufteilung der imperialistischen Beute machen.

Ich würde darum vorschlagen, sagen wir an der Stelle meines Ent­wurfs, die eine Charakteristik des Sozialchauvinismus gibt (S. 22 der Broschüre 12), einen Hinweis auf diese Ausbeutung einer Reihe andrer Länder durch die reichsten Länder einzufügen. Die entsprechende Stelle des Entwurfs würde also folgendermaßen lauten (hervorgeho­ben die neuen Zusätze):

„Eine solche Entstellung ist einerseits die Strömung des Sozial­chauvinismus, des Sozialismus in Worten, des Chauvinismus in Wirklichkeit, wobei man die Verteidigung der räuberischen Interes­sen seiner' nationalen Bourgeoisie im imperialistischen Krieg wie auch die Verteidigung der privilegierten Lage der Bürger der rei­chen Nation, die aus der Ausplünderung der Kolonien und der schwachen Nationen ungeheure Einkünfte bezieht, durch die Lo­sung der Vaterlandsverteidigung' bemäntelt. Eine solche Entstellung ist anderseits die ebenso verbreitete und internationale Strömung des ‚Zentrums' usw."

Die Hinzufügung der Worte „im imperialistischen Krieg" ist we­gen der größeren Genauigkeit notwendig: die „Vaterlandsverteidi­gung" ist nichts anderes als eine Losung, die den Krieg rechtfertigt, ihn für legitim und gerecht erkennt. Es gibt verschiedene Kriege. Es kann auch revolutionäre Kriege geben. Es muß deshalb mit absoluter Genauigkeit gesagt werden, daß hier gerade vom imperialistischen Krieg die Rede ist. Das wird vorausgesetzt, sollte aber, um Fehldeu­tungen vorzubeugen, nicht vorausgesetzt, sondern klar und deutlich gesagt werden.

VII

 

Vom allgemeinen oder theoretischen Teil des Programms gehen wir zum Minimalprogramm über. Wir stoßen hier sofort auf den äußerlich „sehr radikalen", doch sehr unvernünftigen Vorschlag der Genossen N. Bucharin und W. Smirnow, das Minimalprogramm überhaupt zu streichen. Die Teilung in ein Maximalprogramm und ein Minimalprogramm sei „veraltet", wozu brauche man es, wo es doch um den Übergang zum Sozialismus geht. Weg mit dem Mini­malprogramm, her mit dem Programm der Übergangsmaßnahmen zum Sozialismus.

Das ist der Vorschlag der beiden genannten Genossen, die sich je­doch aus irgendeinem Grunde nicht entschließen konnten, einen entsprechenden Entwurf vorzulegen (obwohl die Tatsache, daß die Revision des Parteiprogramms auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages gesetzt ist, diese Genossen geradezu verpflichtete, einen solchen Entwurf zu verfassen). Vielleicht sind die Urheber dieses „radikal" scheinenden Vorschlags selber unschlüssig geworden ... Wie dem auch sei, man muß sich mit ihrer Meinung auseinanderset­zen.

Krieg und Zerrüttung zwingen alle Länder, vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus überzuge­hen. Das ist die objektive Lage. Aber in revolutionären Verhältnis­sen, in einer Revolution geht der staatsmonopolistische Kapitalismus unmittelbar in den Sozialismus über. Man kann in der Revolution nicht vorwärtsgehen, ohne zum Sozialismus zu schreiten - das ist die objektive, durch Krieg und Revolution geschaffene Lage. UnsereAprilkonferenz hat ihr Rechnung getragen, indem sie die Losungen der „Sowjetrepublik" (die politische Form der Diktatur des Proletari­ats) und der Nationalisierung der Banken und Syndikate (die wich­tigste der Übergangsmaßnahmen auf dem Wege zum Sozialismus) aufstellte. Bis hierher stimmen alle Bolschewiki miteinander überein. Aber die Genossen W. Smirnow und N. Bucharin wollen weiterge­hen und das Minimalprogramm ganz streichen. Dies würde bedeu­ten, daß man dem weisen Rat des weisen Sprichworts zuwiderhan­delt, das da lautet:

„Rühme dich nicht, wenn du in die Schlacht ziehst, sondern erst, wenn du aus der Schlacht zurückkehrst!"

Wir ziehen in die Schlacht, d. h., wir kämpfen für die Eroberung der politischen Macht durch unsere Partei. Diese Macht wäre die Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft. Wenn wir diese Macht ergreifen, fürchten wir uns nicht, über die Schranken der bürgerlichen Ordnung hinauszugehen, sondern im Gegenteil, wir sagen klar, direkt, unzweideutig und in aller Öffentlichkeit, daß wir über diese Schranken hinausgehen, daß wir furchtlos zum Sozialis­mus schreiten werden und daß unser Weg eben über die Sowjetrepu­blik führt, über die Nationalisierung der Banken und Syndikate, die Arbeiterkontrolle, die allgemeine Arbeitspflicht, die Nationalisierung des Bodens, die Konfiskation des gutsherrlichen Inventars usw. usw. In diesem Sinne haben wir ein Programm der Übergangsmaßnahmen auf dem Wege zum Sozialismus gegeben.

Aber wir dürfen uns nicht rühmen, wenn wir in die Schlacht zie­hen, wir dürfen das Minimalprogramm nicht streichen, denn das wäre gleichbedeutend mit leerer Prahlerei: Wir wollen nichts „von der Bourgeoisie fordern", sondern alles selbst verwirklichen, wir wollen uns nicht mit Kleinigkeiten innerhalb des Rahmens der bür­gerlichen Ordnung befassen.

Das wäre leere Prahlerei, denn zuerst muß man die Macht erobern, wir aber haben sie noch nicht erobert. Zuerst müssen die Über­gangsmaßnahmen auf dem Wege zum Sozialismus in der Praxis durchgeführt, muß unsere Revolution bis zum Sieg der sozialisti­schen Weltrevolution weitergeführt werden, erst dann können und müssen wir, „aus der Schlacht zurückgekehrt", das Minimalpro­gramm als nunmehr überflüssig streichen.

Kann man jetzt die Gewähr dafür übernehmen, daß das Minimal­programm nicht mehr notwendig ist? Selbstverständlich nicht, aus dem einfachen Grunde, weil wir die Macht noch nicht erobert, den Sozialismus nicht verwirklicht haben, ja noch nicht einmal zum An­fang der sozialistischen Weltrevolution gelangt sind.

Man muß standhaft, mutig, ohne Schwankungen diesem Ziel zu­streben, aber es ist lächerlich, zu sagen, es sei erreicht, wenn es ganzoffenkundig noch nicht erreicht ist. Das Minimalprogramm jetzt schon streichen hieße erklären, verkünden (einfach gesagt, prahlen), „wir haben bereits gesiegt".

Nein, liebe Genossen, wir haben noch nicht gesiegt.

Wir wissen nicht, ob wir morgen oder etwas später siegen werden. (Ich persönlich bin geneigt, zu glauben, daß es morgen sein wird - ich schreibe dies am 6. Oktober 1917 - und daß wir uns mit der Machtergreifung verspäten können, aber auch morgen ist immerhin morgen und nicht heute.) Wir wissen nicht, wie bald nach unserem Sieg die Revolution im Westen kommen wird. Wir wissen nicht, ob es nach unserem Sieg nicht noch vorübergehende Perioden der Reak­tion und des Sieges der Konterrevolution geben wird - unmöglich ist das keineswegs -, und darum werden wir, wenn wir gesiegt haben, eine „dreifache Befestigungslinie" gegen eine solche Möglichkeit errichten.

Wir wissen das alles nicht und können es nicht wissen. Niemand kann das wissen. Und darum ist es auch lächerlich, das Minimalpro­gramm zu streichen, das unentbehrlich ist, solange wir noch im Rahmen der bürgerlichen Ordnung leben, solange wir diesen Rah­men noch nicht gesprengt haben, solange wir das Grundlegende für den Übergang zum Sozialismus nicht getan haben, den Feind (die Bourgeoisie) nicht geschlagen und, nachdem wir ihn geschlagen, nicht vernichtet haben. All das wird sein und vielleicht viel eher, als viele glauben (ich persönlich glaube, daß es morgen beginnen muß), aber es ist noch nicht da.

Nehmen wir das Minimalprogramm auf politischem Gebiet. Dieses Programm ist für eine bürgerliche Republik berechnet. Wir fügen hinzu, daß wir uns durch ihren Rahmen nicht beschränken lassen, sondern sofort für den höheren Typus der Sowjetrepublik kämpfen. Das müssen wir tun. Wir müssen mit ganzer Kraft, kühn und ent­schlossen zur neuen Republik voranschreiten, und ich bin überzeugt, daß wir gerade das tun werden. Aber man darf auf keinen Fall das Minimalprogramm streichen, denn erstens gibt es die Sowjetrepublik nochnicht; zweitens ist die Möglichkeit von „Restaurationsversu­chen" nicht ausgeschlossen, und diese müssen zuerst überwunden und zurückgeschlagen werden; drittens sind beim Übergang vom Alten zum Neuen vorübergehende „kombinierte Typen" möglich (wie das dieser Tage der „Rabotschi Put" richtig bemerkte), so zum Beispiel die Sowjetrepublik mitsamt der Konstituierenden Versamm­lung.13 Bringen wir zuerst all das hinter uns, dann ist immer noch Zeit, das Minimalprogramm zu streichen.

Dasselbe gilt für das wirtschaftliche Gebiet. Wir sind uns alle dar­über einig, daß die Angst, zum Sozialismus voranzuschreiten, die größte Erbärmlichkeit undVerrat an der Sache des Proletariats ist. Wir sind uns alle darüber einig, daß die wichtigsten ersten Schritte auf diesem Wege solche Maßnahmen sein müssen wie die Nationali­sierung der Banken und Syndikate. Führen wir zuerst diese und an­dere ähnliche Maßnahmen durch, und dann werden wir weiter se­hen.Wir werden dann klarer sehen, denn die praktische Erfahrung, die millionenmal mehr wert ist als die besten Programme, wird unse­ren Horizont unermeßlich erweitern. Es ist möglich und sogar wahr­scheinlich, ja unzweifelhaft, daß es auch hier nicht ohne „kombinier­te Typen" der Übergangszeit gehen wird; so können wir zum Bei­spiel die Kleinbetriebe mit ein oder zwei Lohnarbeitern weder sofort nationalisieren noch auch nur einer wirklichen Arbeiterkontrolleunterstellen. Mag ihre Rolle auch verschwindend klein, mögen sie auch durch die Nationalisierung der Banken und Trusts an Händen und Füßen gebunden sein, mag das alles sein, aber wozu das Mini­malprogramm streichen, solange es wenn auch nur kleine Winkel gibt, wo die bürgerlichen Verhältnisse weiterbestehen? Als Marxi­sten, die kühn zur größten Revolution der Welt voranschreiten und zugleich den Tatsachen nüchtern Rechnung tragen, haben wir nicht das Recht, das Minimalprogramm zu streichen.

Wollten wir das Minimalprogramm jetzt streichen, so würden wir damit beweisen, daß wir, noch ehe wir gesiegt haben, den Kopf ver­loren haben. Den Kopf aber dürfen wir weder vor dem Sieg noch während des Sieges noch nach dem Sieg verlieren, denn wenn wir den Kopf verlieren, verlieren wir alles.

Was die konkreten Vorschläge betrifft, so hat Gen. N. Bucharin ei­gentlich nichts gesagt, denn er wiederholt nur, was über die Nationa­lisierung der Banken und Syndikate schon längst gesagt wurde. Gen. W. Smirnow gibt in seinem Artikel eine sehr interessante und lehr­reiche Aufzählung in Frage kommender Umgestaltungen, die auf die Regulierung der Produktion und der Konsumtion der Produkte hi­nauslaufen. Das ist in allgemeiner Form beispielsweise in meinem Entwurf bereits enthalten, es steht dort dahinter ein „usw.". Jetzt schon darüber hinauszugehen und sich auf eine Konkretisierung der einzelnen Maßnahmen einzulassen, scheint mir unzweckmäßig. Nach den grundlegenden Maßnahmen vom neuen Typus, nach der Nationalisierung der Banken, nachder Inangriffnahme der Arbeiter­kontrolle wird vieles besser zu übersehen sein, und die Erfahrung wird eine Masse Neues lehren, denn es wird die Erfahrung von Mil­lionen sein, eine Erfahrung, die im Aufbau neuer Wirtschaftsverhält­nisse unter der bewußten Teilnahme von Millionen erworben ist. In Artikeln, Broschüren, Reden das Neue zu umreißen, Pläne aufzustel­len, sie zu bewerten, die lokalen Teilerfahrungen der verschiedenen Sowjets oder Versorgungskomitees usw. zu verarbeiten - das alles ist selbstverständlich eine sehr nützliche Arbeit. Aber in das Programm eine übermäßige Detaillierung hineinzutragen ist verfrüht, ja es kann sogar schädlich sein, weil es uns in Einzelheiten die Hände bindet. Wir müssen freie Hand haben, um mit größerer Kraft das Neue schaffen zu können, wenn wir den neuen Weg erst ganz betreten haben werden.

VIII

 

Im Artikel des Gen. Bucharin ist noch eine andere Frage ange­schnitten, auf die man eingehen muß.

„Die Revision unseres Parteiprogramms muß mit der Ausarbeitung eines einheitlichen Programms für die internationale Partei des Prole­tariats verbunden sein."

Das ist nicht ganz klar gesagt. Versteht man es so, daß der Verfas­ser uns von der Annahme eines neuen Programms abrät und diese Angelegenheit bis zur Schaffung eines einheitlichen internationalen Programms, des Programms der III. Internationale, aufschieben will, so müßte einer solchen Meinung auf das entschiedenste widerspro­chen werden. Denn ein Aufschub aus einem solchen Grunde (ich nehme an, daß es andere Gründe für einen Aufschub nicht gibt, z. B. hat niemand einen Aufschub wegen unzureichender Vorbereitung unserer Parteimaterialien für die Revision verlangt) würde einer Ver­schleppung der Gründung der III. Internationale, und zwar durch uns, gleichkommen. Die Gründung der III. Internationale darf natür­lich nicht formal aufgefaßt werden. Solange die proletarische Revo­lution nicht wenigstens in einem Lande gesiegt hat, oder solange der Krieg nicht beendet ist, kann man nicht auf einen raschen und erfolg­reichen Schritt vorwärts in der Sache der Einberufung einer großen Konferenz der revolutionären internationalistischen Parteien der verschiedenen Länder, auf ein Übereinkommen dieser Parteien über die formelle Bestätigung eines neuen Programms hoffen. Bis dahin aber muß die Sache durch die Initiative jener Parteien vorangetrieben werden, die jetzt in einer besseren Lage sind als die ändern und den ersten Schritt tun können, ohne ihn natürlich für den letzten zu hal­ten, ohne das eigene Programm um jeden Preis den anderen „linken" (d. h. revolutionären internationalistischen) Programmen entgegen­zustellen, sondern eben indem sie die Ausarbeitung eines gemeinsa­men Programms vorbereiten. Außer Rußland gibt es heute kein Land in der Welt, wo die Internationalisten eine solche verhältnismäßige Versammlungsfreiheit hätten und wo es so viele über die internatio­nalen Strömungen und Programme gut unterrichtete Genossen gäbe wie in unserer Partei. Darum müssen wir unbedingt die Initiative auf uns nehmen. Das ist unsere direkte Pflicht als Internationalisten.

Offenbar ist gerade das auch die Ansicht des Gen. Bucharin, denn er sagt zu Anfang seines Artikels, daß „der eben beendete Parteitag" (geschrieben im August) „die Umarbeitung des Programms für not­wendig erkannt hat" und daß „zu diesem Zweck ein besonderer Par­teitag einberufen werden wird". Aus diesen Worten kann man schließen, daß Gen. Bucharin gegen die Annahme eines neuen Pro­gramms auf diesem Parteitag nichts einzuwenden hat.

Wenn dem so ist, so gelangen wir in der aufgeworfenen Frage zu voller Einmütigkeit. Es wird sich wohl kaum jemand finden, der dagegen wäre, daß unser Parteitag nach Annahme des neuen Pro­gramms den Wunsch ausspricht, daß ein gemeinsames einheitliches Programm der III. Internationale geschaffen werde, und zu diesem Zweck bestimmte Schritte unternimmt, wie z. B. die Beschleunigung einer Konferenz der Linken, die Herausgabe eines Sammelbandes inmehreren Sprachen, die Bildung einer Kommission für die Samm­lung des Materials über das, was von anderen Ländern zur „Sondie­rung" (nach dem richtigen Ausdruck des Genossen Bucharin) des Weges zum neuen Programm getan worden ist (die Tribunisten in Holland 14, die Linken in Deutschland. Die „Liga für sozialistische Propaganda" in Amerika15 hat Gen. Bucharin bereits genannt, man könnte noch auf die „Sozialistische Arbeiterpartei" Amerikas 16hin­weisen und darauf, wie diese die Frage der Ablösung „des politi­schen Staates durch eine industrielle Demokratie" stellt).

Ferner muß ich einen Hinweis des Gen. Bucharin auf einen Mangel in meinem Entwurf als unbedingt richtig anerkennen. Gen. B. zitiert jene Stelle dieses Entwurfs (S. 23 der Broschüre17), wo von der ge­genwärtigen Situation in Rußland, von der Provisorischen Regierung der Kapitalisten usw. die Rede ist. Gen. Bucharin hat recht, wenn er diese Stelle kritisiert und sagt, daß sie in eine taktische Resolution oder in eine Plattform gehöre. Ich schlage darum vor, entweder den ganzen letzten Absatz auf Seite 23 vollständig zu streichen oder ihn folgendermaßen zu fassen:

„In ihrem Bestreben, eine Staatsordnung zu schaffen, die am be­sten sowohl die wirtschaftliche Entwicklung und die Rechte des Volkes im allgemeinen sichern würde als auch im besonderen die Möglichkeit, den Übergang zum Sozialismus denkbar schmerzlos zu vollziehen, kann sich die Partei des Proletariats nicht auf... be­schränken" usw.

Schließlich muß ich hier zu einem Punkt auf eine Frage antworten, die bei einigen Genossen aufgetaucht, aber, soweit ich weiß, in der Presse nicht aufgeworfen worden ist. Es ist das die Frage des Para­graphen 9 des politischen Programms, die Frage des Selbstbestim­mungsrechts der Nationen. Der Punkt besteht aus zwei Teilen: der erste gibt eine neue Formulierung des Selbstbestimmungsrechts, der zweite enthält nicht eine Forderung, sondern eine Deklaration. Die Frage, die mir gestellt wurde, war die, ob eine Deklaration hier am Platze sei. Im allgemeinen gehören Deklarationen nicht ins Pro­gramm, aber eine Ausnahme von der Regel ist hier meines Erachtens unerläßlich. An Stelle des Wortes Selbstbestimmung, das oft zu fal­schen Auslegungen Anlaß bot, setze ich einen ganz präzisen Begriff: „Recht auf freie Lostrennung." Nach den Erfahrungen der halbjähri­gen Revolution des Jahres 1917 kann wohl kaum bestritten werden, daß die Partei des revolutionären Proletariats Rußlands, eine Partei, die sich in ihrer Arbeit der großrussischen Sprache bedient, ver­pflichtet ist, das Recht auf Lostrennung anzuerkennen. Nachdem wir die Macht errungen haben, würden wir unbedingt Finnland, der Ukraine, Armenien, jeder vom Zarismus (und von der großrussischen Bourgeoisie) unterdrückten Nationalität unverzüglich dieses Recht zuerkennen. Doch wir unserseits wollen die Lostrennung gar nicht. Wir wollen einen möglichst großen Staat, einen möglichst engen Bund einer möglichst großen Zahl von Nationen, die in Nachbar­schaft der Großrussen leben; wir wollen das im Interesse der Demo­kratie und des Sozialismus, im Interesse der Einbeziehung einer möglichst großen Zahl von Werktätigen verschiedener Nationen in den Kampf des Proletariats. Wir wollen eine revolutionär proletarische Einheit, Vereinigung, nicht Trennung. Wir wollen eine revolutionäreVereinigung, und darum stellen wir nicht die Losung der Vereinigung all und jeder Staaten überhaupt auf, denn die soziale Revolution setzt auf die Tagesordnung nur die Vereinigung jener Staaten, die zum Sozialismus übergegangen sind und übergehen, der sich befreienden Kolonien usw. Wir wollen einefreie Vereinigung, und darum sind wir verpflichtet, das Recht auf Lostrennung anzuer­kennen (ohne das Recht auf Lostrennung kann die Vereinigung nicht als frei bezeichnet werden). Wir sind um so mehr verpflichtet, das Recht auf Lostrennung anzuerkennen, als sich infolge der Unter­drückungsmaßnahmen des Zarismus und der großrussischen Bour­geoisie bei den benachbarten Nationen eine Unmenge Erbitterung und Mißtrauen gegen die Großrussen schlechthin angehäuft hat, und dieses Mißtrauen kann nur durch Taten und nicht durch Worte zer­streut werden.

Aber wir wollen die Vereinigung, und das muß gesagt werden; das im Programm der Partei eines buntscheckigen Nationalitätenstaates zu sagen, ist so wichtig, daß man um dessentwillen vom Üblichen abweichen und einer Deklaration Raum geben muß. Wir wollen, daß die Republik des russischen (ich wäre sogar nicht abgeneigt zu sa­gen: des großrussischen, denn das ist richtiger) Volkes die anderen Nationen an sich ziehe. Aber wodurch? Nicht durch Gewalt, sondern ausschließlich durch freiwillige Vereinbarung. Andernfalls würden die Einheit und der brüderliche Bund der Arbeiter aller Länder un­tergraben. Zum Unterschied von den bürgerlichen Demokraten ist unsere Losung nicht die Brüderlichkeit der Völker, sondern die Brü­derlichkeit der Arbeiter aller Nationalitäten, denn der Bourgeoisie aller Länder vertrauen wir nicht, wir betrachten sie als Feind.

Darum muß man hier eine Ausnahme von der Regel zulassen und in den Paragraphen eine Prinzipienerklärung aufnehmen.

IX

 

Die vorstehenden Zeilen waren bereits geschrieben, als Nr. 31 des „Rabotschi Put" mit dem Artikel des Gen. J. Larin „Die Arbeiterfor­derungen unseres Programms" erschien. Dieser Artikel ist als Beginn der Diskussion über die Programmentwürfe in unserem Zentralorgan zu begrüßen. Gen. Larin geht besonders auf einen Abschnitt des Pro­gramms ein, an dessen Bearbeitung ich keinen Anteil hatte und des­sen Entwurf nur in der Fassung der „Unterkommission für Arbeiter­schutz" vorhanden ist, einer Kommission, die auf der Konferenz vom 24.-29. April 1917 gebildet wurde. Gen. Larin schlägt eine Reihe von Ergänzungen vor, die meiner Ansicht nach durchaus annehmbar sind, die er aber leider nicht immer genau formuliert hat.

Mißlungen scheint mir bei Gen. Larin die Formulierung eines Punktes: „Die richtige (?) Verteilung der Arbeitskräfte auf Grund (?) der demokratischen (?) Selbstverwaltung der Arbeiter hinsichtlich der Verfügung (?) über ihre Person (?)." Nach meiner Ansicht ist das schlechter als die Formulierung der Unterkommission: „Die Arbeits­börsen müssen proletarische Klassenorganisationen sein" usw. (siehe S. 15 der „Materialien"). Ferner hätte Gen. Larin in der Frage der Mindestlöhne seinen Vorschlag ausführlicher ausarbeiten und genau formulieren, d. h. mit der Geschichte der Ansichten Marx' und des Marxismus zu diesem Punkt verbinden müssen.

Gen. Larin findet ferner, daß der politische und der die Agrarfragen behandelnde Teil des Programms „eine sorgfältigere Redigierung" verlangen. Es ist zu wünschen, daß unsere Parteipresse auch die Fra­gen der Formulierung der einen oder der anderen Forderung sofort zu diskutieren beginnt und das keinesfalls bis zum Parteitag ver­schiebt, denn erstens wird sonst der Parteitag nicht gut vorbereitet sein, und zweitens weiß jeder, der Gelegenheit hatte, an Programmen und Resolutionen zu arbeiten, wie oft die sorgfältige Ausarbeitung der Formulierung eines bestimmten Punktes prinzipielle Unklarhei­ten oder Meinungsverschiedenheiten aufdeckt und beseitigt.

Endlich schreibt Gen. Larin zur Frage des finanzwirtschaftlichen Teiles des Programms: „An seiner Stelle findet sich ein fast leerer Raum, nicht einmal die Annullierung der Kriegsanleihen und der Staatsschulden des Zarismus" (nur des Zarismus?), „der Kampf ge­gen die fiskalische Ausnützung der Staatsmonopole usw. sind er­wähnt." Sehr zu wünschen wäre, daß Gen. Larin mit seinen konkre­ten Vorschlägen nicht bis zum Parteitag zurückhält, sondern sie gleich jetzt vorlegt, da anders eine ernsthafte Vorbereitung nicht möglich ist. Was die Frage der Annullierung der Staatsschulden an­belangt (natürlich nicht nur des Zarismus, sondern auch der Bour­geoisie), so muß das Problem der kleinen Anleihezeichner sorgfältig überlegt werden, während man hinsichtlich des „Kampfes gegen die fiskalische Ausnützung der Staatsmonopole" überlegen muß, wie es um das Monopol der Produktion von Luxusartikeln bestellt ist und wie der geplante Punkt mit der Programmforderung nach Aufhebung aller indirekten Steuern verbunden werden soll.

Ich wiederhole: Um eine ernsthafte Vorbereitung des Programms zu gewährleisten, damit tatsächlich die ganze Partei daran mitarbei­tet, müssen sich alle Interessierten sofort an die Arbeit machen und sowohl ihre Überlegungen als auch die genauen Entwürfe bereits fertig formulierter Punkte, die Ergänzungen oder Abänderungen enthalten, veröffentlichen.

 

Aus: W. I. Lenin, Werke, Band 26, S. 135-165 

 

 

 

W. I. Lenin:

Referat über die Revision des Parteiprogramms und die Änderung des Namens der Partei -1918 

Genossen, wegen der Frage der Änderung des Parteinamens hat sich, wie Sie wissen, seit April 1917 in der Partei eine ziemlich weit­gehende Diskussion entwickelt, und deshalb ist es im Zentralkomitee sofort gelungen, einen Beschluß herbeizuführen, der wohl keine gro­ßen Streitigkeiten, ja vielleicht überhaupt keine, hervorruft: und zwar schlägt Ihnen das Zentralkomitee vor, den Namen unserer Partei abzuändern in Kommunistische Partei Rußlands, in Klammern - Bolschewiki. Diese Ergänzung halten wir alle für notwendig, weil das Wort „Bolschewik" Bürgerrecht erworben hat nicht nur im poli­tischen Leben Rußlands, sondern auch in der gesamten Auslands­presse, die die Entwicklung der Ereignisse in Rußland in den allge­meinen Zügen verfolgt. Daß die Bezeichnung „Sozialdemokratische Partei" wissenschaftlich unrichtig ist, wurde ebenfalls in unserer Presse bereits klargelegt. Als die Arbeiter ihren eigenen Staat ge­schaffen hatten, kamen sie zu der Erkenntnis, daß der alte Begriff des Demokratismus - des bürgerlichen Demokratismus - im Prozeß der Entwicklung unserer Revolution überholt worden ist. Wir sind zu einem Typus der Demokratie gekommen, der in Westeuropa nir­gendwo existiert hat. Er hatte seinen Prototyp lediglich in der Pariser Kommune. Von der Pariser Kommune aber hat Engels gesagt, daß sie kein Staat im eigentlichen Sinne des Wortes war.19 Mit einem Wort, sofern die werktätigen Massen selbst die Sache der Staatsver­waltung und der Schaffung einer bewaffneten Macht, die die gege­bene Staatsordnung stützt, in Angriff nehmen, insofern verschwindet der besondere Apparat für die Verwaltung, verschwindet der beson­dere Apparat für eine bestimmte staatliche Gewaltanwendung, und insofern können wir also auch nicht für die Demokratie in ihrer alten Form eintreten.

Anderseits müssen wir, indem wir mit den sozialistischen Umge­staltungen beginnen, uns ein klares Ziel stellen, auf das diese Umge­staltungen zu guter Letzt gerichtet sind, nämlich die Errichtung der kommunistischen Gesellschaft, die sich nicht nur auf die Expropria­tion der Fabriken, der Werke, des Bodens und der Produktionsmittel beschränkt, sich nicht nur auf die strenge Rechnungsführung und Kontrolle über die Produktion und die Verteilung der Produkte be­schränkt, sondern darüber hinausgeht zur Verwirklichung des Prin­zips: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Deshalb ist der Name „Kommunistische Partei" wissenschaftlich der einzig richtige. Der Einwand, das könne dazu führen, daß man uns mit den Anarchisten verwechselt, ist im Zentralkomitee sofort zu­rückgewiesen worden, weil die Anarchisten sich niemals einfach als Kommunisten bezeichnen, sondern mit gewissen Zusätzen. Was das betrifft, so gibt es alle möglichen Spielarten des Sozialismus, aber sie führen nicht zu einer Verwechslung der Sozialdemokraten mit den Sozialreformisten, mit den nationalen Sozialisten und ähnlichen Par­teien.

Anderseits ist das wichtigste Argument für die Umbenennung der Partei die Tatsache, daß die alten, die offiziellen sozialistischen Par­teien in allen fortgeschrittenen Ländern Europas sich bisher nicht von jenem Gift des Sozialchauvinismus und Sozialpatriotismus be­freit haben, der zum völligen Zusammenbruch des europäischen offiziellen Sozialismus im jetzigen Kriege geführt hat, so daß bisher fast alle offiziellen sozialistischen Parteien ein richtiger Hemmschuh, ein richtiges Hindernis für die revolutionäre sozialistische Arbeiter­bewegung waren. Und unsere Partei, die zweifelsohne in den Massen der Werktätigen aller Länder gegenwärtig außerordentlich große Sympathien genießt - unsere Partei ist verpflichtet, eine möglichst entschiedene, scharfe, klare, unzweideutige Erklärung abzugeben, daß sie die Verbindung mit diesem alten offiziellen Sozialismus zer­reißt, und da wird die Änderung des Namens der Partei ein Mittel sein, das am besten geeignet ist, das Ziel zu erreichen.

Weiter, Genossen: viel schwieriger ist die Frage des theoretischen Teils des Programms sowie seines praktischen und politischen Teils. Was den theoretischen Teil des Programms betrifft, so haben wir einige Materialien, nämlich den Moskauer und den Petersburger Sammelband über die Revision des Parteiprogramms20, die gedruckt vorliegen; in den beiden führenden theoretischen Organen unserer

Partei: „Prosweschtschenije"21, das in Petersburg, und „Spartak"22, der in Moskau erschien, sind Artikel veröffentlicht worden, die diese oder jene Richtung für die Abänderungen am theoretischen Teil un­seres Parteiprogramms zu begründen suchten. In dieser Hinsicht liegt ein gewisses Material vor. Es sind zwei Hauptauffassungen hervor­getreten, die einander meines Erachtens zum mindesten nicht we­sentlich, nicht grundsätzlich widersprechen; die eine Auffassung, die ich vertrat, besteht darin, daß wir keine Veranlassung haben, den alten theoretischen Teil unseres Programms zu streichen, ja, das wäre sogar unrichtig. Wir müssen diesen Teil nur durch eine Charakteri­stik des Imperialismus als der höchsten Entwicklungsstufe des Kapi­talismus ergänzen, ferner durch eine Charakteristik der Ära der so­zialistischen Revolution, ausgehend davon, daß diese Ära der soziali­stischen Revolution begonnen hat. Welches auch das Schicksal unse­rer Revolution, unseres Trupps der internationalen proletarischen Armee sein möge, welches auch die weiteren Peripetien der Revolu­tion sein mögen, auf jeden Fall ist die objektive Lage der imperiali­stischen Länder, die sich in diesen Krieg verstrickt haben, der die fortgeschrittensten Länder bis zur Hungersnot, zum Ruin, zur Ver­wilderung gebracht hat - eine objektiv ausweglose Lage. Und hier muß man das sagen, was Friedrich Engels vor dreißig Jahren, 1887, sagte, als er über die wahrscheinliche Perspektive eines europäischen Krieges urteilte. Er sprach davon, daß die Kronen zu Dutzenden in Europa über das Pflaster rollen werden und niemand sich findet, der sie aufhebt, er sprach davon, welche unglaubliche Zerrüttung in den europäischen Ländern eintreten werde und daß das Endergebnis der Schrecken des europäischen Krieges nur eines sein könne - er drück­te sich so aus, dann sei „der Sieg des Proletariats entweder schon errungen oder doch unvermeidlich"23. In dieser Beziehung hat sich Engels außerordentlich exakt und vorsichtig ausgedrückt. Zum Un­terschied von Leuten, die den Marxismus entstellen, die mit ihren verspäteten Pseudoklugheiten kommen, daß auf dem Boden der Zer­rüttung der Sozialismus nicht möglich sei, verstand Engels ausge­zeichnet, daß jeder Krieg, sogar in jeder fortgeschrittenen Gesell­schaft, nicht nur Zerrüttung, Verwilderung, Qualen und Leiden für die Massen schafft, die bis an den Hals in Blut stehen werden, daß man nicht garantieren könne, daß das zum Sieg des Sozialismus füh­ren werde; er sagte: „Der Sieg des Proletariats ist entweder schon

errungen oder doch unvermeidlich", d. h. also, daß hier noch eine Reihe von schwierigen Übergangsstufen möglich ist angesichts der gewaltigen Zerstörung der Kultur und der Produktionsmittel, daß aber das Resultat nur sein kann: Aufschwung der Avantgarde der werktätigen Massen, der Arbeiterklasse, und Übergang dazu, daß sie die Macht in ihre Hände nimmt zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft. Denn wieviel Kulturwerte auch zerstört sein mögen - die Kultur aus dem geschichtlichen Leben zu streichen ist unmög­lich, es wird schwer sein, sie wieder aufzubauen, aber niemals führt eine Zerstörung so weit, daß die Kultur völlig verschwindet. Dieser oder jener Teil, diese oder jene materiellen Überreste der Kultur sind nicht zu beseitigen, die Schwierigkeiten werden lediglich darin be­stehen, sie zu erneuern. Das also ist die eine Auffassung: daß wir das alte Programm beibehalten und es durch eine Charakteristik des Im­perialismus und des Beginns der sozialen Revolution ergänzen müs­sen.

Ich habe diesen Standpunkt in dem von mir veröffentlichten Pro­grammentwurf zum Ausdruck gebracht.24 Einen anderen Entwurf hat Gen. Sokolnikow im Moskauer Sammelband veröffentlicht. Die andere Auffassung ist in unseren Besprechungen zum Ausdruck ge­bracht worden, besonders von Gen. Bucharin, und in der Presse von Gen. W. Smirnow im Moskauer Sammelband. Diese Auffassung bestand darin, man müsse den alten theoretischen Teil des Pro­gramms entweder ganz streichen oder doch fast beseitigen und ihn durch einen neuen ersetzen, der nicht die Entwicklungsgeschichte der Warenproduktion und des Kapitalismus charakterisiert, wie unser Programm das tat, sondern das jetzige höchste Entwicklungsstadium des Kapitalismus - den Imperialismus - und den unmittelbaren Übergang zur Ära der sozialen Revolution. Mir dünkt nicht, daß diese beiden Auffassungen radikal und prinzipiell auseinandergehen, ich werde jedoch meine Auffassung verfechten. Mir scheint, daß es theoretisch unrichtig wäre, das alte Programm zu streichen, das die Entwicklung von der Warenproduktion zum Kapitalismus charakteri­siert. In ihm ist nichts Unrichtiges enthalten. So hat sich die Sache entwickelt, so entwickelt sie sich, denn die Warenproduktion hat den Kapitalismus geboren, dieser aber hat zum Imperialismus geführt. Das ist die allgemeine weltgeschichtliche Perspektive, und die Grundlagen des Sozialismus darf man nicht vergessen. Welches auch die weiteren Peripetien des Kampfes sein mögen, wie viele Zick­zackwege Wir auch im einzelnen zurückzulegen haben werden (und ihrer werden sehr viele sein; wir sehen an der Erfahrung, welche gigantischen Wendungen die Geschichte der Revolution vollzieht, und das zunächst nur bei uns; wieviel komplizierter und rascher wird sich die Sache entwickeln, wieviel toller wird das Entwicklungstem­po werden und wieviel kompliziertere Schwenkungen werden kom­men, wenn die Revolution zur europäischen Revolution wird) - um sich in diesem Zickzack, diesen schroffen Wendungen der Geschich­te nicht zu verlieren und die allgemeine Perspektive zu behalten, um den roten Faden zu sehen, der die gesamte Entwicklung des Kapita­lismus und den ganzen Weg zum Sozialismus verknüpft, den wir uns natürlich als einen geraden Weg vorstellen und vorstellen müssen, um den Anfang, die Fortsetzung und das Ende zu sehen - im Leben wird er niemals gerade sein, er wird außerordentlich kompliziert sein -, um sich in diesen Wendungen nicht zu verlieren, um in den Perioden des Zurückgehens, der Rückzüge, der zeitweiligen Nieder­lagen oder wenn uns die Geschichte oder der Feind zurückwirft, um sich hier nicht zu verlieren, wird es meines Erachtens wichtig und theoretisch das einzig Richtige sein, wenn wir unser altes, grundle­gendes Programm nicht beiseite werfen. Denn wir befinden uns jetzt bei uns in Rußland erst auf der ersten Übergangsstufe vom Kapita­lismus zum Sozialismus. Die Geschichte hat uns nicht jene friedliche Situation gegeben, an die wir theoretisch für eine gewisse Zeit dach­ten und die für uns wünschenswert wäre, die uns ermöglichen würde, diese Übergangsstufen rasch durchzumachen. Wir sehen auf einmal, wie viele Schwierigkeiten der Bürgerkrieg in Rußland geschaffen hat und wie dieser Bürgerkrieg sich mit einer ganzen Reihe von Kriegen verknüpft. Die Marxisten haben niemals vergessen, daß die Gewalt­anwendung unvermeidlich eine Begleiterscheinung des Zusammen­bruchs des Kapitalismus auf der ganzen Linie und des Entstehens der sozialistischen Gesellschaft sein wird. Und diese Gewaltanwendung wird eine weltgeschichtliche Periode umfassen, eine ganze Ära ver­schiedenartigster Kriege - imperialistischer Kriege, Bürgerkriege im Innern des Landes, Verflechtung beider, nationaler Kriege, Befrei­ungskriege von Nationalitäten, zertreten von den Imperialisten, Krie­ge von verschiedenen Kombinationen imperialistischer Staaten, die unvermeidlich in der Epoche der gewaltigen staatskapitalistischen und militärischen Trusts und Syndikate diese oder jene Bündnisse eingehen. Diese Epoche ist eine Epoche gigantischer Zusammenbrü­che, massenhafter militärischer gewaltsamer Entscheidungen und Krisen - sie hat begonnen, das sehen wir ganz deutlich -, es ist nur der Anfang. Deshalb haben wir keine Veranlassung, alles hinauszu­werfen, was sich auf die Charakteristik der Warenproduktion über­haupt, des Kapitalismus überhaupt bezieht. Wir haben soeben die ersten Schritte getan, um den Kapitalismus völlig abzuschütteln und den Übergang zum Sozialismus zu beginnen. Wieviel Etappen des Übergangs zum Sozialismus noch vor uns liegen, wissen wir nicht und können wir nicht wissen. Das hängt davon ab, wann die europäi­sche sozialistische Revolution im richtigen Maßstab anfangen wird, davon, wie leicht, rasch oder langsam sie mit ihren Feinden fertig werden und die freie Bahn der sozialistischen Entwicklung beschrei­ten wird. Das wissen wir nicht, das Programm einer marxistischen Partei aber muß von absolut genau festgestellten Tatsachen ausge­hen. Nur darin besteht die Stärke unseres Programms, das sich in allen Wechselfällen der Revolution bewährt hat. Nur auf dieser Basis müssen Marxisten ihr Programm aufbauen. Wir müssen von den absolut genau festgestellten Tatsachen ausgehen, die darin bestehen, daß die Entwicklung des Austauschs und der Warenproduktion in der ganzen Welt zu der vorherrschenden geschichtlichen Erscheinung geworden ist und zum Kapitalismus geführt hat, der Kapitalismus aber sich zum Imperialismus entwickelt hat - das ist eine absolut unwiderlegliche Tatsache, das muß man vor allen Dingen im Pro­gramm feststellen. Daß dieser Imperialismus die Ära der sozialen Revolution eröffnet, ist ebenfalls eine Tatsache, die für uns augen­scheinlich ist, über die wir uns klar äußern müssen. Wenn wir diese Tatsache in unserem Programm konstatieren, so erheben wir vor den Augen der ganzen Welt die Fackel der sozialen Revolution nicht nur im Sinne einer Agitationsrede - wir erheben sie als neues Programm, indem wir allen Völkern Westeuropas sagen: „Diese Schlußfolge­rung hier haben wir mit euch zusammen aus den Erfahrungen der kapitalistischen Entwicklung gezogen. Das war der Kapitalismus, so hat er sich zum Imperialismus entwickelt, und das ist die Ära der sozialen Revolution, die beginnt und in der zeitlich die erste Rolle uns zugefallen ist." Wir werden vor allen zivilisierten Ländern mit

diesem Manifest auftreten, das nicht bloß ein flammender Aufruf sein wird, das absolut genau begründet, aus Tatsachen hervorgehen wird, die alle sozialistischen Parteien anerkennen. Um so klarer wird der Widerspruch werden zwischen der Taktik dieser Parteien, die jetzt den Sozialismus verraten haben, und den theoretischen Voraus­setzungen, die wir alle teilen, die jedem klassenbewußten Arbeiter in Fleisch und Blut übergegangen sind: die Entwicklung des Kapitalis­mus und sein Übergang in Imperialismus. Am Vorabend der imperia­listischen Kriege gaben die Kongresse in Chemnitz und in Basel in Resolutionen eine Charakteristik des Imperialismus, die in schreien­dem Widerspruch zu der jetzigen Taktik der Sozialverräter steht.25 Deshalb müssen wir dieses Grundlegende wiederholen, um den werktätigen Massen Westeuropas um so klarer zu zeigen, wessen ihre Führer angeklagt werden.

Das ist der Hauptgrund, warum ich einen solchen Aufbau des Pro­gramms für den einzigen theoretisch richtigen halte. Die Charakteri­stik der Warenproduktion und des Kapitalismus wie alten Plunder hinauszuwerfen - das folgt nicht aus dem historischen Charakter dessen, was jetzt vor sich geht, denn wir sind über die ersten Stufen des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus nicht hinausge­gangen, und unser Übergang wird kompliziert durch die Besonder­heiten Rußlands, die es in den meisten zivilisierten Ländern nicht gibt. Es ist also nicht nur möglich, sondern unvermeidlich, daß diese Übergangsstadien in Europa andere sein werden; und deshalb wäre es theoretisch falsch, alle Aufmerksamkeit auf diejenigen nationalen, spezifischen Übergangsstufen zu konzentrieren, die für uns notwen­dig sind, aber für Europa nicht notwendig zu sein brauchen. Wir müssen mit der allgemeinen Grundlage der Entwicklung der Waren­produktion, des Übergangs zum Kapitalismus und der Entartung des Kapitalismus zum Imperialismus anfangen. Damit nehmen wir theo­retisch eine Stellung ein und stärken diese Stellung, die uns niemand, der nicht Verrat am Sozialismus begangen hat, streitig machen wird. Daraus ergibt sich ebenso unvermeidlich die Schlußfolgerung: Die Ära der sozialen Revolution beginnt.

Wir tun das und bleiben dabei auf dem Boden der unanfechtbar festgestellten Tatsachen. Ferner müssen wir eine Charakteristik des sowjetischen Staatsty­pus geben. Ich habe mich bemüht, meine theoretischen Ansichten in dieser Frage in dem Buch „Staat und Revolution"26 darzulegen. Mir scheint, daß die marxistische Auffassung vom Staat durch den herr­schenden offiziellen Sozialismus Westeuropas in höchstem Grade verfälscht worden ist, was durch die Erfahrungen der sowjetischen Revolution und die Schaffung der Sowjets in Rußland wunderbar anschaulich bestätigt worden ist. In unseren Sowjets gibt es noch viel Rohes, Unvollendetes, das unterliegt keinem Zweifel, das ist jedem klar, der sich ihre Arbeit näher angesehen hat, aber was an ihnen wichtig, was historisch wertvoll ist, was einen Schritt vorwärts in der weltumspannenden Entwicklung des Sozialismus darstellt, ist dies, daß hier ein neuer Typus des Staates geschaffen worden ist. In der Pariser Kommune gab es das einige Wochen lang, in einer einzigen Stadt, ohne daß man sich bewußt war, was man tat. Die die Kommu­ne schufen, verstanden sie nicht, sie schufen mit dem genialen In­stinkt der erwachten Massen, und keine einzige Fraktion der franzö­sischen Sozialisten war sich bewußt, was sie tat. Wir befinden uns in einer Situation, wo wir dank der Tatsache, daß wir auf den Schultern der Pariser Kommune und der vieljährigen Entwicklung der deut­schen Sozialdemokratie stehen, klar sehen können, was wir tun, wenn wir die Sowjetmacht schaffen. Trotz aller Ungeschlachtheit und Undiszipliniertheit, die es in den Sowjets gibt und die ein Über­bleibsel des kleinbürgerlichen Charakters unseres Landes sind - trotz alledem ist von den Volksmassen ein neuer Typus des Staates ge­schaffen worden. Er wird nicht seit einigen Wochen, sondern schon seit mehreren Monaten, nicht in einer einzigen Stadt, sondern in ei­nem gewaltigen Lande und von mehreren Nationen angewandt. Die­ser Typus der Sowjetmacht hat sich bewährt, wenn er auf ein in jeder Hinsicht so anders geartetes Land wie Finnland übergegriffen hat, wo es keine Sowjets gibt, wohl aber einen wiederum neuen, einen proletarischen Typus der Staatsmacht. So beweist das, was theore­tisch unbestritten ist, daß die Sowjetmacht ein neuer Typus des Staa­tes ist, ohne Bürokratie, ohne Polizei, ohne stehendes Heer, mit Er­setzung des bürgerlichen Demokratismus durch eine neue Demokra­tie - eine Demokratie, die die Vorhut der werktätigen Massen in den Vordergrund rückt, sie sowohl zum Gesetzgeber als auch zum Voll­strecker der Gesetze sowie zur militärischen Schutzwache macht und einen Apparat schafft, der die Massen umerziehen kann.

In Rußland ist das eben erst begonnen und schlecht begonnen wor­den. Wenn wir uns bewußt sind, was schlecht an dem ist, was wir begonnen haben, so werden wir es überwinden, falls die Geschichte uns die Möglichkeit gibt, an dieser Sowjetmacht eine halbwegs an­gemessene Zeit zu arbeiten. Mir scheint deshalb, daß die Charakteri­stik des neuen Staatstypus in unserem Programm einen hervorragen­den Platz einnehmen muß. Leider mußten wir am Programm arbeiten zu einer Zeit, wo wir von Regierungsgeschäften in Anspruch ge­nommen sind, in einer unglaublichen Hast, so daß wir nicht einmal imstande waren, unsere Kommission einzuberufen und einen offizi­ellen Programmentwurf auszuarbeiten. Was an die Genossen Dele­gierten verteilt worden ist, bezeichnen wir nur als erste Skizze27, und jeder wird das klar erkennen. In dieser Skizze wird der Frage der Sowjetmacht ein ziemlich großer Platz eingeräumt, und mir scheint, daß hier die internationale Bedeutung unseres Programms zum Aus­druck kommen muß. Es wäre, wie mir scheint, ganz falsch, wenn wir die internationale Bedeutung unserer Revolution auf Appelle, Lo­sungen, Demonstrationen, Aufrufe usw. beschränken wollten. Das genügt nicht. Wir müssen den europäischen Arbeitern konkret zei­gen, was wir in Angriff genommen haben, wie wir es in Angriff ge­nommen haben und wie es aufzufassen ist; das wird sie konkret auf die Frage bringen, wie man zum Sozialismus gelangt. Hier sollen sie sich ansehen: Die Russen nehmen eine gute Sache in Angriff, und wenn sie es schlecht machen, so werden wir es besser machen. Des­halb müssen wir möglichst viel konkretes Material bringen und sa­gen, was wir Neues zu schaffen versucht haben. In der Sowjetmacht haben wir einen neuen Staatstypus; versuchen wir seine Aufgaben, seine Konstruktion zu schildern, versuchen wir zu erklären, was die­ser neue Typus der Demokratie, in dem es so viel Chaotisches, Un­gefüges gibt, was sein lebendiger Odem ist - der Übergang der Macht an die Werktätigen, die Beseitigung der Ausbeutung, des Un­terdrückungsapparats. Der Staat ist ein Apparat zur Unterdrückung. Man muß die Ausbeuter unterdrücken, aber man kann sie nicht mit­tels der Polizei unterdrücken, nur die Masse selbst kann das tun, der Apparat muß mit den Massen verbunden sein, muß in der Form der Sowjets die Massen repräsentieren. Die Sowjets stehen den Massen viel näher, sie geben die Möglichkeit, näher an sie heranzukommen, sie geben uns größere Möglichkeit, diese Masse zu erziehen. Wir wissen sehr gut, daß der russische Bauer danach strebt, lernen zu können, aber wir wollen, daß er nicht aus Büchern, sondern aus den eigenen Erfahrungen lerne. Die Sowjetmacht ist ein Apparat, ein Apparat, dazu bestimmt, daß die Masse sofort anfange, die Staats­verwaltung und die Organisation der Produktion im gesamtnationa­len Maßstab zu erlernen. Das ist eine gigantisch schwierige Aufgabe. Historisch wichtig aber ist es, daß wir die Lösung dieser Aufgabe in Angriff nehmen, und zwar nicht nur vom Standpunkt unseres Landes allein, sondern daß wir auch die europäischen Arbeiter zu Hilfe ru­fen. Wir müssen unser Programm gerade von diesem allgemeinen Standpunkt aus konkret erklären. Das ist der Grund, weshalb wir glauben, den Weg der Pariser Kommune fortzusetzen. Das ist der Grund, weshalb wir überzeugt sind, daß die europäischen Arbeiter, nachdem sie diesen Weg beschritten haben werden, uns werden hel­fen können. Sie werden das, was wir tun, besser machen, wobei sich der Schwerpunkt vom formalen Gesichtspunkt auf die konkreten Bedingungen verschiebt. Wenn einstmals eine Forderung wie die Garantierung des Versammlungsrechts besonders wichtig war, so besteht unsere Auffassung vom Versammlungsrecht darin, daß jetzt niemand Versammlungen verhindern kann und daß die Sowjetmacht nur den Saal für Versammlungen zur Verfügung stellen muß. Für die Bourgeoisie wichtig war die allgemeine Proklamierung großspuriger Grundsätze: „Alle Bürger haben das Recht, sich zu versammeln, aber nur unter freiem Himmel, denn Räumlichkeiten werden wir euch nicht geben." Wir dagegen sagen: „Weniger Phrasen und mehr Ta­ten." Man muß die Paläste in Beschlag nehmen, und zwar nicht nur den Taurischen Palast, sondern auch viele andere - über das Ver­sammlungsrecht aber bewahren wir Stillschweigen. Und das muß auch für alle übrigen Punkte des demokratischen Programms gelten. Wir müssen selbst Richter sein. Die Bürger müssen in ihrer Gesamt­heit am Gerichtswesen und an der Verwaltung des Landes teilneh­men. Wichtig für uns ist die Heranziehung aller Werktätigen ohne Ausnahme zur Verwaltung des Staates. Das ist eine gigantisch schwierige Aufgabe. Den Sozialismus aber kann nicht eine Minder­heit - die Partei - einführen. Einführen können ihn Dutzende von

Millionen, wenn sie es lernen, das selbst zu tun. Wir sehen unser Verdienst darin, daß wir danach streben, der Masse zu helfen, das sofort selbst in Angriff zu nehmen, nicht aber es aus Büchern, aus Vorträgen zu lernen. Wenn wir diese unsere Aufgaben konkret und klar aussprechen, so werden wir alle europäischen Massen dazu bringen, diese Frage zu erörtern und sie praktisch zu stellen. Viel­leicht machen wir schlecht, was gemacht werden muß, aber wir füh­ren die Massen an das heran, was sie machen müssen. Wenn das, was unsere Revolution macht, kein Zufall ist - und davon sind wir tief überzeugt -, wenn es nicht das Produkt eines Beschlusses unse­rer Partei ist, sondern das unvermeidliche Produkt einer jeden Revo­lution, die Marx als Volksrevolution bezeichnet hat, d. h. als eine Revolution, die von den Volksmassen selbst mit ihren eigenen Lo­sungen, ihren eigenen Bestrebungen durchgeführt wird, und nicht durch Wiederholung des Programms der alten bürgerlichen Repu­blik - wenn wir die Frage so stellen, dann werden wir das Wesent­lichste erreichen. Hier kommen wir zu der Frage, ob man die Unter­scheidung zwischen dem Maximalprogramm und dem Minimalpro­gramm beseitigen soll. Ja und nein. Ich fürchte diese Beseitigung nicht, weil der Standpunkt, der noch im Sommer vertreten worden ist, jetzt nicht mehr eingenommen werden darf. Ich sagte „verfrüht", als wir noch nicht die Macht ergriffen hatten, jetzt aber, wo wir diese Macht ergriffen und sie erprobt haben, ist das nicht mehr verfrüht.28 Wir müssen jetzt an Stelle des alten Programms ein neues Programm der Sowjetmacht schreiben, dürfen uns aber keineswegs darauf fest­legen, den bürgerlichen Parlamentarismus nicht ausnutzen zu wollen. Zu glauben, daß wir nicht mehr zurückgeworfen werden, wäre eine Utopie.

Es ist historisch nicht zu bestreiten, daß Rußland die Sowjetrepu­blik geschaffen hat. Wir sagen: bei jedem Rückschlag werden wir, ohne auf die Ausnutzung des bürgerlichen Parlamentarismus zu ver­zichten - wenn die feindlichen Klassenkräfte uns auf diese alte Posi­tion zurückwerfen sollten --, das erstreben, was durch die Erfahrung gewonnen worden ist - die Sowjetmacht, den sowjetischen Staatsty­pus, einen Staat vom Typus der Pariser Kommune. Das muß im Pro­gramm zum Ausdruck gebracht werden. An Stelle des Minimalpro­gramms nehmen wir das Programm der Sowjetmacht auf. Die Charakteristik des neuen Staatstypus muß einen bedeutenden Platz in unserem Programm einnehmen.

Es ist klar, daß wir jetzt kein Programm ausarbeiten können. Wir müssen seine grundlegenden Sätze ausarbeiten und sie einer Kom­mission oder dem Zentralkomitee zur Ausarbeitung der grundlegen­den Thesen überweisen. Sogar noch einfacher: die Ausarbeitung ist möglich auf Grund der Resolution über die Brest-Litowsker Konfe­renz, die bereits Thesen enthält.29 Auf Grund der Erfahrungen der russischen Revolution muß eine solche Charakteristik der Sowjet­macht gegeben werden, und dann müssen die praktischen Umgestal­tungen vorgeschlagen werden. Hier müssen wir, scheint mir, im hi­storischen Teil feststellen, daß jetzt die Expropriation des Grund und Bodens und der Produktionsmittel begonnen hat.30 Wir stellen hier die konkrete Aufgabe, den Verbrauch zu organisieren, die Banken universal zu gestalten, sie in ein Netz von staatlichen Institutionen umzuwandeln, die das ganze Land erfassen und uns eine gesell­schaftliche Buchführung, Abrechnung und Kontrolle schaffen, die von der Bevölkerung selbst durchgeführt wird und den weiteren Schritten des Sozialismus zugrunde liegt. Ich glaube, daß dieser Teil, der schwierigste Teil, formuliert werden muß in Form von konkreten Forderungen unserer Sowjetmacht - was wir jetzt sofort tun wollen, welche Reformen wir durchzuführen beabsichtigen auf dem Gebiet der Bankpolitik, der Organisierung der Produktion, der Organisie­rung des Austauschs, der Rechnungsführung und Kontrolle, der Ein­führung der Arbeitsdienstpflicht usw. Wenn es gelingt, werden wir hinzufügen, welche Schritte, Schrittchen und halben Schrittchen wir in dieser Hinsicht getan haben. Hier muß ganz klipp und klar festge­stellt werden, was wir begonnen und was wir nicht zu Ende geführt haben. Wir alle wissen sehr gut, daß ein gewaltiger Teil dessen, was wir begonnen haben, noch nicht zu Ende geführt worden ist. Ohne auch nur im geringsten zu übertreiben, ganz objektiv, ohne den Bo­den der Tatsachen zu verlassen, müssen wir im Programm ausspre­chen, was ist und was wir zu tun beabsichtigen. Diese Wahrheit wer­den wir dem europäischen Proletariat zeigen und ihm sagen: dies muß getan werden - damit sie sagen: das und das machen die Russen schlecht, wir aber werden es besser machen. Und wenn dieser Drang die Massen ergreift, dann wird die sozialistische Revolution unbe­siegbar sein. Vor aller Augen geht der imperialistische, dieser durch und durch räuberische Krieg vor sich. Wenn der imperialistische Krieg vor aller Augen sein wahres Gesicht zeigt, sich in einen Krieg aller Imperialisten gegen die Sowjetmacht, gegen den Sozialismus verwandelt, so wird dies dem Proletariat des Westens einen weiteren neuen Anstoß geben. Wir müssen das entlarven, müssen den Krieg kennzeichnen als einen Zusammenschluß der Imperialisten gegen die sozialistische Bewegung. Das sind die allgemeinen Erwägungen, die ich Ihnen mitzuteilen für notwendig halte und auf Grund deren ich den praktischen Vorschlag mache, daß wir uns jetzt die hauptsäch­lichsten Ansichten in dieser Frage anhören, um dann vielleicht einige grundlegende Thesen gleich hier auszuarbeiten; wenn das aber für schwierig gehalten werden sollte, darauf zu verzichten und die Pro­grammfrage dem Zentralkomitee oder einer besonderen Kommission zu übergeben, die zu beauftragen wäre, auf Grund der vorhandenen Materialien und auf Grund der stenografischen Protokolle oder der ausführlichen Parteitagsberichte der Sekretäre ein Programm der Partei abzufassen, die jetzt gleich einen anderen Namen bekommen soll. Mir scheint, wir können das gegenwärtig durchführen, und ich glaube, alle werden sich damit einverstanden erklären, daß wir ange­sichts der mangelnden Vorbereitung unseres Programms in redaktio­neller Hinsicht - die durch die Ereignisse zu erklären ist -jetzt nichts anderes tun können. Ich bin überzeugt, wir können das in einigen Wochen schaffen. Wir haben genügend theoretische Kräfte in allen Richtungen unserer Partei, um in einigen Wochen ein Programm zu erhalten. Es kann darin natürlich viel Fehlerhaftes unterlaufen, ganz zu schweigen von redaktionellen und stilistischen Ungenauigkeiten, denn wir haben nicht Monate zur Verfügung, um uns hinzusetzen und diese Arbeit mit der Ruhe auszuführen, die für eine redaktionelle Arbeit notwendig ist.

Alle diese Fehler werden wir im Prozeß unserer Arbeit korrigieren, in der vollen Gewißheit, daß wir der Sowjetmacht die Möglichkeit geben, dies Programm zu verwirklichen. Wenn wir, ohne von der Wirklichkeit abzugehen, zum mindesten genau formulieren, daß die Sowjetmacht ein neuer Staatstypus, eine Form der Diktatur des Pro­letariats ist, daß wir der Demokratie andere Aufgaben gestellt haben, daß wir die Aufgaben des Sozialismus aus der allgemeinen abstrakten Formel der „Expropriation der Expropriateure" in solche konkre­ten Formeln umgesetzt haben wie die Nationalisierung der Banken31 und des Bodens, so wird das ein wesentlicher Teil des Programms sein.

Die Bodenfrage muß in dem Sinne umgeändert werden, daß wir hier an den ersten Schritten sehen, wie die Kleinbauernschaft, die sich auf die Seite des Proletariats stellen will, die ihm bei der soziali­stischen Revolution helfen will, wie sie trotz all ihrer Vorurteile, trotz all ihrer alten Anschauungen sich die praktische Aufgabe des Übergangs zum Sozialismus gestellt hat. Wir zwingen diese Lösung den ändern Ländern nicht auf, aber sie ist eine Tatsache. Die Bauern­schaft hat nicht mit Worten, sondern mit Taten gezeigt, daß sie dem Proletariat, das die Macht erobert hat, helfen will und hilft, den So­zialismus zu verwirklichen. Man unterstellt uns zu Unrecht, wir wollten den Sozialismus gewaltsam einführen. Wir werden den Bo­den gerecht verteilen, vorwiegend vom Standpunkt der Kleinwirt­schaft aus. Dabei werden wir Kommunen und großen Arbeiterartels den Vorzug geben. Wir unterstützen die Monopolisierung des Ge­treidehandels. Wir unterstützen - so sprach die Bauernschaft - die Expropriation der Banken und Fabriken. Wir sind bereit, den Arbei­tern bei der Verwirklichung des Sozialismus zu helfen. Ich glaube, man muß das Grundgesetz über die Sozialisierung des Bodens in allen Sprachen herausgeben. Diese Veröffentlichung wird erfolgen, wenn sie nicht schon erfolgt ist.32 Diesen Gedanken werden wir kon­kret im Programm aussprechen - man muß ihn theoretisch formulie­ren, ohne einen Schritt von den konkret festgestellten Tatsachen ab­zugehen. Im Westen wird das anders gemacht werden. Wir machen vielleicht Fehler, aber wir hoffen, daß das Proletariat des Westens sie korrigieren wird. Und wir wenden uns an das europäische Proletariat mit der Bitte, uns bei unserer Arbeit zu helfen.

Unser Programm können wir also in einigen Wochen ausarbeiten, und die Fehler, die wir machen werden, wird das Leben, werden wir selbst korrigieren. Sie werden federleicht wiegen im Vergleich zu den positiven Resultaten, die man erreichen wird.

Aus: W. I. Lenin Werke, Band 27, S. 113-126

 

 

W. I. Lenin:

Reden gegen den Abänderungsantrag Bucharins zur Resolution über das

Parteiprogramm -1918

 

 

I

 

Ich kann mich keineswegs mit dem Abänderungsantrag des Gen. Bucharin einverstanden erklären. Das Programm charakterisiert den Imperialismus und die begonnene Ära der sozialen Revolution. Daß die Ära der sozialen Revolution begonnen hat, steht absolut fest. Was will also Gen. Bucharin? Die sozialistische Gesellschaft in entfalteter Form, d. h. den Kommunismus, charakterisieren. Hierbei unterlaufen ihm Ungenauigkeiten. Wir sind jetzt unbedingt für den Staat, willman aber eine Charakteristik des Sozialismus in entfalteter Form geben, wo kein Staat mehr sein wird, da kann man sich nichts ande­res ausdenken, als daß der Grundsatz verwirklicht sein wird: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Bis dahin aber ist es noch weit, und das sagen heißt nichts weiter sagen, als daß der Boden unter unseren Füßen noch nicht fest ist. Dahin werden wir zu guter Letzt gelangen, wenn wir zum Sozialismus kommen. Um zu verwirklichen, was wir gesagt haben, werden wir noch genug zu arbeiten haben. Wenn wir es vollbrächten, so wäre das ein giganti­sches historisches Verdienst. Wir können keine Charakteristik des Sozialismus geben; wie der Sozialismus aussehen wird, wenn er fertige Formen annimmt - das wissen wir nicht, das können wir nicht sagen. Sagen können wir, daß die Ära der sozialen Revolution be­gonnen hat, daß wir das und das getan haben, das und das tun wol­len - das wissen wir, das werden wir sagen, und das wird den euro­päischen Arbeitern zeigen, daß wir sozusagen mit unseren Kräften keineswegs übertreiben: das haben wir angefangen, und das wollen wir tun. Aber jetzt wissen zu wollen, wie der vollendete Sozialismus aussehen wird - nein, das wissen wir nicht. Theoretisch, in theoreti­schen Werken, in Artikeln, in Reden, in Vorlesungen werden wir den

Gedanken entwickeln, daß Kautsky den Kampf gegen die Anarchi­sten nicht richtig führt, aber ins Programm können wir das nicht auf­nehmen, weil es noch keine Materialien für eine Charakteristik des Sozialismus gibt. Die Ziegel sind noch nicht hergestellt, aus denen der Sozialismus aufgebaut wird. Weiter können wir nichts sagen, und man muß möglichst vorsichtig und genau sein. Darin und nur darin wird die werbende Kraft unseres Programms bestehen. Prätendierenwir aber im geringsten auf Dinge, die wir nicht geben können, so wird das die Kraft unseres Programms schwächen. Man wird arg­wöhnen, daß unser Programm nur eine Phantasie sei. Das Programm ist eine Charakteristik dessen, was wir zu tun begonnen haben, und gibt die nächsten Schritte an, die wir tun wollen. Den Sozialismus zu charakterisieren, sind wir nicht imstande, und diese Aufgabe war unrichtig formuliert worden.

II

 

Da die Formulierung nicht in schriftlicher Form vorlag, so ist na­türlich ein Mißverständnis möglich. Aber Gen. Bucharin hat mich nicht überzeugt. Der Name unserer Partei drückt klar genug aus, daß wir den vollen Kommunismus anstreben, daß wir solche abstrakten Sätze aufstellen wie: Jeder von uns wird nach seinen Fähigkeiten arbeiten und nach seinen Bedürfnissen empfangen, ohne jede militä­rische Kontrolle und Gewalt. Davon jetzt zu reden wäre verfrüht. Mitdem Absterben des Staates hat es noch gute Weile. Bis dahin haben wir noch Zeit, mehr als zwei Parteitage abzuhalten, um sagen zu können: Da, seht, wie unser Staat abstirbt. Bis dahin aber ist es noch zu früh. Im voraus das Absterben des Staates zu proklamieren wäre eine Verletzung der historischen Perspektive.

Aus: W. I. Lenin Werke, Band 27, S. 134-135

 

 

W. I. Lenin:

Bericht über das Parteiprogramm - 1919

 

(Beifall) Genossen! Entsprechend der Aufteilung der Themen, die ich mit Gen. Bucharin vereinbart habe, fällt mir die Aufgabe zu, den Standpunkt der Kommission in einer Reihe konkreter Punkte zu er­läutern, die am meisten umstritten sind oder die die Partei gegenwär­tig am meisten interessieren.

Ich beginne kurz mit denjenigen Punkten, die Gen. Bucharin am Schluß seines Berichts berührt hat, den Punkten, über die es in der Kommission zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten gekom­men ist. Der erste Punkt betrifft den Charakter des Aufbaus des all­gemeinen Teils des Programms. Gen. Bucharin hat meines Erachtens hier nicht ganz richtig dargelegt, warum die Kommissionsmehrheit alle Versuche abgelehnt hat, das Programm auszuarbeiten unter Streichung all dessen, was über den alten Kapitalismus gesagt wor­den war. Gen. Bucharin äußerte sich in einer Weise, daß manchmal der Eindruck entstehen mußte, die Kommissionsmehrheit hätte sich gefürchtet vor dem, was man dazu sagen würde, hätte gefürchtet, man werde die Kommissionsmehrheit beschuldigen, dem Alten nicht genügend Ehrerbietung entgegengebracht zu haben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß bei einer solchen Darlegung der Standpunkt der Kommissionsmehrheit höchst lächerlich erscheint. Aber diese Darle­gung entspricht bei weitem nicht der Wahrheit. Die Kommissions­mehrheit hat solche Versuche abgelehnt, weil sie falsch wären. Sie entsprächen nicht der wahren Sachlage. Reinen Imperialismus ohne kapitalistische Grundlage hat es niemals gegeben, gibt es nirgends und wird es niemals geben. Es ist eine falsche Verallgemeinerung all dessen, was über Syndikate, Kartelle, Trusts, Finanzkapitalismusgesagt wurde, wenn man den Finanzkapitalismus so darstellen woll­te, als ob er sich auf keinerlei Grundlagen des alten Kapitalismus stütze.

Das ist falsch. Besonders falsch ist das für die Periode des imperia­listischen Krieges und für die Periode nach dem imperialistischen Krieg. Schon Engels schrieb in einer seiner Betrachtungen über den kommenden Krieg, er werde viel schlimmere Verwüstungen mit sich bringen als der Dreißigjährige Krieg, die allgemeine Verwilderung der Menschheit, den Bankrott unseres künstlichen Getriebes in Han­del und Industrie.34 Zu Beginn des Krieges prahlten die Sozialverräter und Opportunisten mit der Zählebigkeit des Kapitalismus und mach­ten sich über die „Fanatiker oder Halbanarchisten", wie sie uns nann­ten, lustig. „Seht", sagten sie, „diese Vorhersagen sind nicht einge­troffen. Die Ereignisse haben gezeigt, daß das nur für einen sehr kleinen Teil der Länder und nur für eine ganz kurze Zeitspanne rich­tig war!" Heute aber beginnt nicht nur in Rußland und nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Siegerländen gerade jene gewal­tige Zerstörung des modernen Kapitalismus, die dieses künstliche Getriebe überall abbaut und den alten Kapitalismus wiedererstehen läßt.

Als Gen. Bucharin davon sprach, man könne versuchen, ein abge­schlossenes Bild vom Zerfall des Kapitalismus und des Imperialis­mus zu geben, erwiderten wir in der Kommission, und ich muß auch hier erwidern: Versuchen Sie es, und Sie werden sehen, daß es nicht gelingen wird. Gen. Bucharin machte dort, in der Kommission, einen solchen Versuch und hat ihn dann selber aufgegeben. Ich bin völlig überzeugt, wenn das irgend jemand machen könnte, so vor allemGen. Bucharin, der sich mit dieser Frage sehr viel und sehr einge­hend beschäftigt hat. Ich behaupte, daß ein solcher Versuch nicht glücken kann, weil die Aufgabe falsch gestellt ist. In Rußland sehen wir augenblicklich die Folgen des imperialistischen Krieges und den Beginn der Diktatur des Proletariats. Gleichzeitig erleben wir in einer ganzen Reihe von Gebieten Rußlands, die voneinander stärker abge­schnitten waren als früher, auf Schritt und Tritt eine Wiedergeburt des Kapitalismus und sein erstes Entwicklungsstadium. Darüber kann man nicht hinweg. Wird das Programm so geschrieben, wie es Gen. Bucharin wollte, so wird ein solches Programm falsch sein. Es wird günstigstenfalls das Beste wiedergeben, was über Finanzkapita­lismus und Imperialismus gesagt worden ist, aber es wird nicht die Wirklichkeit wiedergeben, da es in dieser Wirklichkeit gerade eine solche Geschlossenheit nicht gibt. Ein aus verschiedenartigen Teilen zusammengesetztes Programm ist nicht elegant (doch das ist natür­lich belanglos), aber ein anderes Programm wird einfach falsch sein.

Diese Ungleichförmigkeit, dieses Aufbauen aus verschiedenartigem Material, wie unangenehm und unebenmäßig das auch immer sein mag, werden wir im Verlauf einer sehr langen Periode nicht umge­hen können. Sind wir einmal darüber hinaus, dann werden wir uns ein anderes Programm geben. Aber dann werden wir schon in der sozialistischen Gesellschaft leben. Zu behaupten, dort würde es ge­nauso zugehen wie heute, wäre lächerlich.

Wir leben in einer Zeit, wo eine ganze Reihe der elementarsten, grundlegenden Erscheinungen des Kapitalismus wiederaufgelebt sind. Man nehme nur den Zusammenbruch des Verkehrswesens, den wir so gut oder, richtiger gesagt, so übel am eigenen Leibe verspü­ren. Dasselbe gibt es auch in anderen Ländern, selbst in den Sieger­ländern. Und was bedeutet der Zusammenbruch des Verkehrswesens im imperialistischen System? - Er bedeutet Rückkehr zu den ur­sprünglichsten Formen der Warenproduktion. Wir wissen sehr gut, was Hamsterer sind. Dieses Wort war, wie es scheint, Ausländern bisher unverständlich. Und jetzt? Sprechen Sie einmal mit den Ge­nossen, die zum Kongreß der III. Internationale gekommen sind. Es stellt sich heraus, daß sowohl in Deutschland wie in der Schweiz derartige Worte aufzukommen beginnen. Und diese Kategorie wer­den Sie in keine Diktatur des Proletariats einordnen können, sondernSie werden bis zu den untersten Stufen der kapitalistischen Gesell­schaft und der Warenproduktion hinabsteigen müssen.

Dieser traurigen Wirklichkeit durch das Aufstellen eines glatten und einheitlichen Programms entrinnen zu wollen, bedeutet sozusa­gen, im luftleeren Raum zu operieren, im Wolkenkuckucksheim zu schweben, bedeutet, ein falsches Programm niederzuschreiben. Und es war durchaus nicht Ehrerbietung gegenüber dem Alten, wie Gen. Bucharin das höflich andeutete, die uns veranlaßte, hier Teile des alten Programms einzuschalten. Es entstand der Eindruck: Das Pro­gramm wurde 1903 unter Beteiligung Lenins geschrieben; zweifellos ein schlechtes Programm, da aber alte Leute nichts mehr lieben, als sich des Vergangenen zu erinnern, hat man aus Ehrerbietung vor dem Alten in einer neuen Epoche ein neues Programm verfaßt, worin man das Alte wiederholt. Wäre dem so, dann könnte man über solche wunderlichen Käuze nur lachen. Ich versichere, daß es nicht so ist. Jener Kapitalismus, der 1903 geschildert wurde, bleibt auch 1919 in der proletarischen Sowjetrepublik bestehen, gerade infolge der Zer­setzung des Imperialismus, infolge seines Zusammenbruchs. Ein solcher Kapitalismus ist zum Beispiel sowohl im Gouvernement Samara als auch im Gouvernement Wjatka zu finden, die beide nicht allzuweit von Moskau entfernt sind. In einer Epoche, wo der Bürger­krieg das Land in Stücke reißt, werden wir aus dieser Lage, aus die­ser Hamsterei nicht so bald herauskommen. Darum eben wäre ein anderer Aufbau des Programms falsch. Man muß aussprechen, was ist. Der Inhalt eines Programms muß absolut unanfechtbar, durch Tatsachen erhärtet sein, nur dann ist es ein marxistisches Programm.

Theoretisch begreift das Gen. Bucharin vollkommen, und er sagt, das Programm müsse konkret sein. Aber etwas begreifen ist eins, es tatsächlich durchführen ist etwas anderes. Das Konkretsein des Gen. Bucharin - das ist eine büchergelehrte Darlegung des Finanzkapita­lismus. In der Wirklichkeit beobachten wir verschiedenartige Er­scheinungen. In jedem landwirtschaftlichen Gouvernement beobach­ten wir neben der monopolisierten Industrie freie Konkurrenz. Nir­gendwo in der Welt hat der Monopolkapitalismus ohne freie Konkur­renz in einer ganzen Reihe von Wirtschaftszweigen existiert und wird er je existieren. Ein solches System aufstellen heißt ein vom Leben losgelöstes, ein falsches System aufstellen. Sagte Marx von der Manufaktur, sie sei ein Überbau über der massenhaften Klein­produktion gewesen35, so sind Imperialismus und Finanzkapitalismus ein Überbau über dem alten Kapitalismus. Zerstört man seine Spitze,so tritt der alte Kapitalismus zutage. Auf dem Standpunkt stehen, es gäbe einen einheitlichen Imperialismus ohne den alten Kapitalismus, heißt das Gewünschte für die Wirklichkeit nehmen.

Es ist das ein natürlicher Fehler, in den man sehr leicht verfallen kann. Hätten wir es mit einem einheitlichen Imperialismus zu tun, der den Kapitalismus durch und durch umgeformt hätte, dann wäre unsere Aufgabe hunderttausendmal leichter. Es würde sich dann ein System ergeben, wo alles allein dem Finanzkapital untergeordnet wäre. Dann brauchte man nur die Spitze zu entfernen und das übrige dem Proletariat zu übergeben. Das wäre außerordentlich angenehm, aber so etwas gibt es in der Wirklichkeit nicht. In der Wirklichkeit ist die Entwicklung derart, daß man ganz anders vorgehen muß. Der Imperialismus ist ein Überbau über dem Kapitalismus. Wenn er zerfällt, haben wir es mit dem Zerfall der Spitze und der Bloßlegung des Fundaments zu tun. Darum eben muß unser Programm, wenn es richtig sein will, aussprechen, was ist. Es gibt den alten Kapitalis­mus, der auf einer ganzen Reihe von Gebieten zum Imperialismusgeworden ist. Seine Tendenzen sind nur imperialistisch. Die Grund­fragen können nur vom Standpunkt des Imperialismus betrachtet werden. Es gibt keine bedeutende Frage der Innen- oder Außenpoli­tik, die anders als vom Standpunkt dieser Tendenz entschieden wer­den könnte. Nicht davon spricht jetzt das Programm. In Wirklichkeit existiert der gewaltige Untergrund des alten Kapitalismus. Der über­bau ist der Imperialismus, der den Krieg herbeigeführt hat, und die­ser Krieg ist der Ausgangspunkt für die Diktatur des Proletariats geworden. Diese Phase kann man nicht überspringen. Diese Tatsache charakterisiert das eigentliche Tempo der Entwicklung der proletari­schen Revolution in der ganzen Welt und wird auf viele Jahre hinaus eine Tatsache bleiben.

Die westeuropäischen Revolutionen werden vielleicht glatter ver­laufen, aber trotzdem wird die Reorganisierung der ganzen Welt, die Reorganisierung der meisten Länder viele, viele Jahre erfordern. Das bedeutet aber, daß wir in der Übergangsperiode, die wir durchma­chen, aus dieser mosaikartigen Wirklichkeit nicht herauskommen werden. Diese aus verschiedenartigen Teilen zusammengesetzte Wirklichkeit kann man nicht beiseite schieben, wie wenig elegant sie auch sein mag, nicht ein Gran davon darf man hinauswerfen. Falsch wäre ein Programm, das anders zusammengesetzt ist, als es die Wirklichkeit ist.

Wir sagen, daß wir zur Diktatur gekommen sind. Aber man muß wissen: wie.Die Vergangenheit hält uns fest, greift nach uns mit tausend Armen, sie läßt uns keinen Schritt vorwärts machen oder läßt uns diese Schritte so schlecht machen, wie wir es tun. Und wir sagen: Um zu verstehen, in welche Lage wir geraten, muß man sagen, wel­chen Weg wir gegangen sind, was uns bis an die sozialistische Revo­lution herangeführt hat. Herangeführt hat uns der Imperialismus,herangeführt hat uns der Kapitalismus in seinen ursprünglichen For­men der Warenwirtschaft. Das alles muß man verstehen, denn nur, wenn wir der Wirklichkeit Rechnung tragen, werden wir solche Fra­gen lösen können wie, zum Beispiel, unsere Stellung zur Mittelbauernschaft. In der Tat, wo konnte der Mittelbauer in einer Epoche eines rein imperialistischen Kapitalismus herkommen? Hat es ihn doch sogar in einfach kapitalistischen Ländern nicht gegeben. Wenn wir die Frage unserer Stellung zu dieser schier mittelalterlichen Er­scheinung (der Mittelbauernschaft) ausschließlich vom Standpunkt des Imperialismus und der Diktatur des Proletariats entscheiden wer­den, dann werden wir absolut nicht zu Rande kommen und uns arg die Köpfe einrennen. Müssen wir aber unsere Stellung gegenüber dem Mittelbauern ändern - dann muß man sich die Mühe machen, auch im theoretischen Teil zu sagen, wo er hergekommen ist und was er darstellt. Er ist ein kleiner Warenproduzent. Das ist jenes Abc des Kapitalismus, das wir aussprechen müssen, weil wir über dieses Abc noch immer nicht hinausgekommen sind. Das mit einer Handbewe­gung abtun und sagen: „Wozu müssen wir uns mit dem Abc beschäf­tigen, wenn wir den Finanzkapitalismus studiert haben!" - das ist im höchsten Maße unernst.

Dasselbe muß ich hinsichtlich der nationalen Frage sagen. Auch hier nimmt Gen. Bucharin das Gewünschte für die Wirklichkeit. Er sagt, man dürfe das Selbstbestimmungsrecht der Nationen nicht an­erkennen. Die Nation - das bedeute die Bourgeoisie mitsamt dem Proletariat. Wir Proletarier werden das Selbstbestimmungsrecht ir­gendeiner schnöden Bourgeoisie anerkennen! Das ist doch ganz und gar ungereimt! Nein, entschuldigen Sie, das reimt sich mit dem, was ist. Streichen Sie das, dann wird ein Phantasiegebilde herauskom­men. Sie berufen sich auf den Differenzierungsprozeß, der sich in­nerhalb der Nation vollzieht, auf den Prozeß der Scheidung von Pro­letariat und Bourgeoisie. Aber wir werden noch sehen, wie diese Differenzierung verlaufen wird.

Man nehme zum Beispiel Deutschland, das Muster eines fortge­schrittenen kapitalistischen Landes, das in der Organisiertheit des Kapitalismus, des Finanzkapitalismus, Amerika übertraf. In vielen Beziehungen, in der Technik, in der Produktion und in politischer Hinsicht, stand es hinter Amerika zurück, aber in bezug auf die Or­ganisiertheit des Finanzkapitalismus, in bezug auf die Verwandlung des monopolistischen Kapitalismus in einen staatsmonopolistischen Kapitalismus war Deutschland Amerika voraus. Man sollte meinen, das wäre ein Muster. Und was geschieht dort? Hat sich das deutsche Proletariat von der Bourgeoisie differenziert? Nein! Wurde doch nur von einigen Großstädten berichtet, daß die Mehrheit der Arbeiter dort gegen die Scheidemänner ist. Und wie ist das gekommen? Durch das Bündnis der Spartakusleute mit den Unabhängigen, den deutschen dreimal verfluchten Menschewiki, die alles durcheinan­derbringen und das Rätesystem mit der Konstituante verheiraten wollen! Das ist es doch, was in diesem Deutschland vorgeht! Und das ist doch ein fortgeschrittenes Land.

Gen. Bucharin sagt: „Wozu brauchen wir das Selbstbestimmungs­recht der Nationen?" Ich muß wiederholen, was ich ihm entgegnete, als er im Sommer 1917 vorschlug, das Minimalprogramm fallenzu­lassen und nur das Maximalprogramm beizubehalten. Ich antwortete damals: „Rühme dich nicht, wenn du in die Schlacht ziehst, sondern erst, wenn du aus der Schlacht zurückkehrst." Wenn wir die Macht erobert und dann noch ein bißchen gewartet haben, dann werden wir das machen.36 Wir haben die Macht erobert, haben ein bißchen ge­wartet, und jetzt bin ich einverstanden, das zu machen. Wir stehen nunmehr mitten im sozialistischen Aufbau, wir haben den ersten Ansturm, der uns bedrohte, zurückgeschlagen -jetzt wird das ange­bracht sein. Das gleiche gilt auch für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. „Ich will nur das Selbstbestimmungsrecht der werktätigen Klassen anerkennen", sagt Gen. Bucharin. Sie wollen also nur das anerkennen, was in Wirklichkeit in keinem einzigen Land außer in Rußland erreicht worden ist. Das ist lächerlich.

Man betrachte Finnland: ein demokratisches Land, das höher ent­wickelt ist, kulturell höher steht als wir. Dort vollzieht sich der Pro­zeß der Absonderung, der Differenzierung des Proletariats, vollzieht sich in eigenartiger Weise, weitaus qualvoller als bei uns. Die Finnen haben die Diktatur Deutschlands ausgekostet, jetzt machen sie die Diktatur der Ententemächte durch. Aber dank der Tatsache, daß wir das Selbstbestimmungsrecht der Nationen anerkannt haben, wurde der Differenzierungsprozeß dort erleichtert. Ich erinnere mich sehr gut der Szene, wie ich im Smolny Svinhufvud - was in unserer Spra­che „Schweinskopf` heißt -, dem Vertreter der finnischen Bourgeoi­sie, der die Rolle des Henkers gespielt hat, die Urkunde zu überge­ben hatte.37 Er drückte mir liebenswürdig die Hand, wir sagten uns gegenseitig Komplimente. Das war gewiß nicht angenehm! Aber es mußte getan werden, weil diese Bourgeoisie damals dem Volk, den werktätigen Massen weismachen wollte, die Moskowiter, die Chau­vinisten, die Großrussen wollten die Finnen versklaven. Man mußte das tun.

Und haben wir nicht gestern dasselbe hinsichtlich der Baschkiri­schen Republik tun müssen?38 Als Gen. Bucharin sagte: „Für manche vielleicht könnte man dieses Recht anerkennen", da habe ich mir sogar notiert, daß in diese seine Liste die Hottentotten, die Busch­männer, die Inder hineingeraten sind. Als ich diese Aufzählung hör­te, fragte ich mich: Wieso kommt es, daß Gen. Bucharin eine ganze Kleinigkeit vergessen hat, daß er die Baschkiren vergessen hat?Buschmänner gibt es in Rußland nicht, von den Hottentotten habe ich auch noch nicht gehört, daß sie Anspruch auf eine autonome Republik erhoben hätten, aber wir haben doch Baschkiren, Kirgisen, eine ganze Reihe anderer Völker, und ihnen können wir die Aner­kennung nicht versagen. Keinem der Völker, die innerhalb der Gren­zen des ehemaligen Russischen Reiches leben, können wir sie versa­gen. Nehmen wir sogar an, die Baschkiren stürzten die Ausbeuter, und wir würden ihnen dabei helfen. Aber das ist nur dann möglich, wenn die Umwälzung völlig herangereift ist. Und das muß vorsichtig getan werden, damit wir durch unsere Einmischung nicht eben jenen Prozeß der Differenzierung des Proletariats aufhalten, den wir be­schleunigen müssen. Was können wir aber hinsichtlich solcher Völ­ker tun, die, wie die Kirgisen, die Usbeken, die Tadshiken, die Turkinenen, bis auf den heutigen Tag unter dem Einfluß ihrer Mullasstehen? Bei uns in Rußland hat die Bevölkerung, nach langer Erfah­rung mit den Popen, uns geholfen, sie zu stürzen. Aber Sie wissen, wie schlecht sich noch das Dekret über die Zivilehe eingebürgert hat. Können wir zu diesen Völkern gehen und sagen: „Wir werden eure Ausbeuter stürzen"? Das können wir nicht, weil sie sich vollauf ihren Mullas unterwerfen. Man muß da die Entwicklung der betreffenden Nation abwarten, die Differenzierung des Proletariats von den bür­gerlichen Elementen, die unvermeidlich ist.

Gen. Bucharin will nicht warten. Er ist voller Ungeduld: „Warum denn? Da wir doch selber die Bourgeoisie gestürzt, die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats proklamiert haben, warum denn sollen wir so verfahren?" Das wirkt wie ein anfeuernder Appell,

enthält einen Hinweis auf unseren Weg, aber wenn wir nur das im Programm proklamieren werden, dann wird das kein Programm, sondern eine Proklamation sein. Wir können die Sowjetmacht, die Diktatur des Proletariats, die völlige Verachtung der Bourgeoisie gegenüber proklamieren, die sie tausendfach verdient, aber im Pro­gramm muß man mit absoluter Genauigkeit das aussprechen, was ist. Dann wird unser Programm unanfechtbar sein.

Wir stehen auf dem strengen Klassenstandpunkt. Was wir im Pro­gramm schreiben, ist die Anerkennung dessen, was in Wirklichkeit geschehen ist nach der Epoche, in der wir über die Selbstbestimmung der Nationen im allgemeinen geschrieben haben. Damals gab es noch keine proletarischen Republiken. Als sie entstanden waren, und nur in dem Maße, wie sie entstanden, konnten wir schreiben, was wir hier geschrieben haben: „Föderative Vereinigung der nach demSo­wjettypus organisierten Staaten." Sowjettypus bedeutet noch nicht Sowjets, wie sie in Rußland existieren, aber der Sowjettypus wird international. Nur das können wir sagen. Weitergehen, einen Schritt, um Haaresbreite weitergehen, wäre schon falsch und taugt daher nicht für das Programm.

Wir sagen: Man muß berücksichtigen, auf welcher Stufe des We­ges vom Mittelalter zur bürgerlichen Demokratie und von der bür­gerlichen zur proletarischen Demokratie die betreffende Nation steht. Das ist durchaus richtig. Alle Nationen haben das Recht auf Selbst­bestimmung - es lohnt nicht, von Hottentotten und Buschmännern speziell zu reden. Die riesige Mehrheit, sicherlich neun Zehntel der ganzen Bevölkerung des Erdballs, vielleicht sogar 95 Prozent, fällt unter diese Charakteristik, denn alle Länder befinden sich auf dem Wege vom Mittelalter zur bürgerlichen Demokratie oder von der bürgerlichen zur proletarischen Demokratie. Dieser Weg ist ganz unvermeidlich. Mehr darf man nicht sagen, denn das würde falsch sein, würde nicht dem entsprechen, was ist. Die Selbstbestimmung der Nationen über Bord zu werfen und an ihre Stelle die Selbstbe­stimmung der Werktätigen zu setzen ist grundfalsch, denn eine sol­che Konzeption berücksichtigt nicht, unter welchen Schwierigkeiten, auf welchen verschlungenen Pfaden die Differenzierung innerhalb der Nationen vor sich geht. In Deutschland geht sie anders vor sich als bei uns: in mancher Beziehung rascher, in mancher Beziehung langsamer und blutiger. Auf eine so ungeheuerliche Idee wie die Verbindung von Sowjets und Konstituante ist bei uns keine einzige Partei gekommen. Wir müssen doch Seite an Seite mit diesen Natio­nen leben. Schon behaupten die Scheidemänner von uns, wir wollten Deutschland erobern. Das ist natürlich lächerlich und unsinnig. Doch die Bourgeoisie hat ihre Interessen und ihre Presse, die das in Hun­derten Millionen Exemplaren in die ganze Welt hinausschreit, und Wilson unterstützt das in seinem Interesse. Die Bolschewiki haben, so sagt man, eine große Armee und wollen auf dem Wege der Erobe­rung ihren Bolschewismus nach Deutschland verpflanzen. Die bestenMenschen Deutschlands, die Spartakusleute, haben uns darauf hin­gewiesen, wie die deutschen Arbeiter gegen die Kommunisten auf­gehetzt werden: Seht doch, wie schlecht es bei den Bolschewiki ist! Und daß es bei uns sehr gut wäre, können wir nicht sagen. Und da versuchen unsere Feinde in Deutschland auf die Massen mit dem Argument einzuwirken, die proletarische Revolution in Deutschland bedeute die gleichen Mißstände wie in Rußland. Unsere Mißstände,das ist unsere langwierige Krankheit. Bei der Schaffung der proleta­rischen Diktatur in unserem Lande haben wir mit ungeheuren Schwierigkeiten zu kämpfen. Solange die Bourgeoisie oder das Kleinbürgertum oder auch nur ein Teil der deutschen Arbeiter beein­flußt werden von dem Schreckgespenst: „Die Bolschewiki wollen gewaltsam ihre Ordnung einführen" - solange wird die Formulierung „Selbstbestimmung der Werktätigen" die Lage nicht erleichtern. Wirmüssen die Sache so anpacken, daß den deutschen Sozialverrätern die Möglichkeit genommen wird zu sagen, die Bolschewiki wollten ihr Universalsystem aufzwingen - als ob man es auf den Spitzen der Rotarmistenbajonette nach Berlin tragen könne. Verneint man aber das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Nationen, dann kann das so herauskommen.

Unser Programm darf nicht von Selbstbestimmung der Werktäti­gen sprechen, weil das falsch ist. Es muß aussprechen, was ist. Ste­hen die Nationen nun einmal auf verschiedenen Stufen des Weges vom Mittelalter zur bürgerlichen Demokratie und von der bürgerli­chen zur proletarischen Demokratie, so ist dieser Satz unseres Pro­gramms vollkommen richtig. Auf diesem Wege gab es bei uns sehr viele Zickzackwendungen. Jede Nation muß das Selbstbestimmungs­recht erhalten, und das trägt zur Selbstbestimmung der Werktätigen bei. In Finnland zeigt der Prozeß der Scheidung des Proletariats von der Bourgeoisie eine bemerkenswerte Klarheit, Stärke und Tiefe. Jedenfalls wird dort nicht alles so verlaufen wie bei uns. Würden wir sagen, wir anerkennen keine finnländische Nation, sondern nur die werktätigen Massen, so wäre das hanebüchener Unsinn. Das, was ist, nicht anerkennen wollen, ist ein Unding: Es wird die Anerkennung selbst erzwingen. In den verschiedenen Ländern geht die Scheidung zwischen Proletariat und Bourgeoisie ihre eigenartigen Wege. Auf diesem Weg müssen wir aufs behutsamste vorgehen. Besonders be­hutsam müssen wir gegenüber verschiedenen Nationen sein, denn es gibt nichts Schlimmeres als Mißtrauen einer Nation. Bei den Polen geht es mit der Selbstbestimmung des Proletariats voran. Hier die letzten Zahlen über die Zusammensetzung des Warschauer Arbeiter­rats39: polnische Sozialverräter 333, Kommunisten 297. Das zeigt, daß dort nach unserem Revolutionskalender der Oktober schon nichtmehr fern ist. Es ist so etwa August oder September 1917. Aber er­stens ist noch kein solches Dekret veröffentlicht, laut welchem alle Länder sich nach dem bolschewistischen Revolutionskalender zu richten haben; und wäre es auch veröffentlicht, so würde man es nicht befolgen. Zweitens liegen die Dinge augenblicklich so, daß die Mehrheit der polnischen Arbeiter, die weiter fortgeschritten sind und kulturell höher stehen als unsere, auf dem Standpunkt der „sozialisti­schen" Vaterlandsverteidigung, auf dem Standpunkt des Sozialpa­triotismus steht. Da heißt es abwarten. Da kann man nicht von derSelbstbestimmung der werktätigen Massen reden. Wir müssen diese Differenzierung propagieren. Das tun wir, aber es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß man die Selbstbestimmung der polni­schen Nation sofort anerkennen muß. Das ist klar. Die polnische proletarische Bewegung geht denselben Weg wie die unsrige, geht den Weg zur Diktatur des Proletariats, aber nicht so wie in Rußland. Auch dort schreckt man die Arbeiter damit, daß die Moskowiter, dieGroßrussen, die die Polen stets unterdrückt haben, unter der Maske des Kommunismus ihren großrussischen Chauvinismus nach Polen tragen wollen. Der Kommunismus wird nicht auf dem Wege der Gewalt Wurzel fassen. Als ich einem der besten polnischen kommu­nistischen Genossen sagte: „Ihr werdet es anders machen", antworte­te er mir: „Nein, wir werden das gleiche machen, aber besser als ihr." Gegen ein solches Argument konnte ich absolut nichts einwenden. Man muß es ermöglichen, den bescheidenen Wunsch zu verwirkli­chen, die Sowjetmacht auf einem besseren Wege zu schaffen als bei uns. Man muß der Tatsache Rechnung tragen, daß der Weg dort in gewissem Maße ein eigenartiger Weg ist, und man darf nicht sagen: „Nieder mit dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen! Wir gewäh­ren das Selbstbestimmungsrecht nur den werktätigen Massen." Diese Selbstbestimmung geht einen sehr komplizierten und schwierigen Weg. Nirgendwo außer in Rußland gibt es sie, und in Voraussicht all der Entwicklungsstadien in den anderen Ländern soll man nichts aus Moskau dekretieren. Darum eben ist dieser Vorschlag prinzipiell unannehmbar.

Nunmehr gehe ich zu den weiteren Punkten über, die ich laut dem von uns aufgestellten Plan zu beleuchten habe. An die erste Stelle habe ich die Frage der Kleineigentümer und des Mittelbauern ge­stellt. Zu dieser Frage heißt es in Paragraph 47:

„Gegenüber der Mittelbauernschaft besteht die Politik der KPR darin, sie allmählich und planmäßig in die sozialistische Aufbauar­beit einzubeziehen. Die Partei stellt sich die Aufgabe, sie von den Kulaken zu lösen, sie durch aufmerksames Eingehen auf ihre Be­dürfnisse auf die Seite der Arbeiterklasse zu ziehen, wobei sie ihre Rückständigkeit mit Mitteln der ideologischen Einwirkung und kei­neswegs mit Unterdrückungsmaßnahmen bekämpft, in allen Fällen, die ihre Lebensinteressen berühren, ein praktisches Obereinkommen mit ihr anstrebt und ihr in der Wahl der Methoden zur Durchführung der sozialistischen Umgestaltungen Zugeständnisse macht."

Mir scheint, wir formulieren hier dasselbe, was die Begründer des Sozialismus über die Stellung zur Mittelbauernschaft wiederholt gesagt haben. Ein Mangel dieses Punktes ist nur, daß er nicht konkret genug ist. Im Programm könnten wir wohl kaum mehr sagen. Aber der Parteitag hat nicht nur Programmfragen zu behandeln, und der Frage der Mittelbauernschaft müssen wir doppelte und dreifache Aufmerksamkeit zuwenden. Wir haben Angaben darüber, daß bei den Aufständen, zu denen es in einigen Gegenden gekommen ist, ein allgemeiner Plan klar ersichtlich ist, und dieser Plan steht augen­scheinlich in Verbindung mit dem Kriegsplan der Weißgardisten, die für den Monat März eine allgemeine Offensive und die Organisie­rung einer Reihe von Aufständen beschlossen haben. Beim Präsidi­um des Parteitags liegt der Entwurf eines Aufrufs des Parteitags, der Ihnen vorgelegt werden wird.40 Diese Aufstände zeigen uns sonnen­klar, daß die linken Sozialrevolutionäre und ein Teil der Menschewi­ki - in Brjansk haben Menschewiki am Aufstand gearbeitet - die Rolle direkter Agenten der Weißgardisten spielen. Allgemeine Of­fensive der Weißgardisten, Aufstände in den Dörfern, Unterbrechung des Eisenbahnverkehrs - sollte es nicht etwa so gelingen, die Bol­schewiki zu stürzen? Hier tritt die Rolle der Mittelbauernschaft be­sonders klar, in ihrer ganzen Aktualität zutage. Auf dem Parteitag müssen wir nicht nur unser Entgegenkommen gegenüber der Mittel­bauernschaft besonders unterstreichen, sondern auch über eine ganze Reihe möglichst konkreter Maßnahmen nachdenken, die der Mittel­bauernschaft wenigstens irgend etwas unmittelbar geben. Solche Maßnahmen sind dringend erforderlich sowohl im Interesse der Selbsterhaltung als auch im Interesse des Kampfes gegen alle unsere Feinde, die wissen, daß der Mittelbauer zwischen uns und ihnen schwankt, und die bestrebt sind, ihn uns abspenstig zu machen. Ge­genwärtig ist unsere Lage so, daß wir gewaltige Reserven haben. Wir wissen, daß sowohl die polnische wie die ungarische Revolution heranwachsen, und zwar sehr rasch. Diese Revolutionen werden uns proletarische Reserven geben, werden unsere Lage erleichtern und unsere proletarische Basis - sie ist bei uns schwach - in gewaltigem Ausmaß festigen. Das kann in den nächsten Monaten geschehen, aber wir wissen nicht, wann es geschehen wird. Sie wissen, daß jetzt ein kritischer Augenblick eingetreten ist, und darum gewinnt heute die Frage der Mittelbauernschaft gewaltige praktische Bedeutung.

Weiter möchte ich auf das Thema der Genossenschaften einge­hen - das ist der Paragraph 48 unseres Programms. In gewissem Maße ist dieser Paragraph veraltet. Als wir ihn in der Kommission niederschrieben, existierten bei uns Genossenschaften, aber keine Konsumkommunen, einige Tage später jedoch wurde ein Dekret über die Verschmelzung aller Arten von Genossenschaften zu einer einheitlichen Konsumkommune beschlossen. Ich weiß nicht, ob die­ses Dekret veröffentlicht ist und ob die Mehrheit der Anwesenden es kennt. Wenn nicht, so wird dieses Dekret morgen oder übermorgen veröffentlicht werden. In dieser Beziehung ist dieser Paragraph schon veraltet, aber mir scheint nichtsdestoweniger, daß er notwen­dig ist, denn wir wissen alle sehr gut, daß der Weg vom Erlaß eines Dekrets bis zu dessen Ausführung ein recht langer ist. Mit den Ge­nossenschaften mühen und placken wir uns schon seit April 1918 ab, und obwohl wir einen beträchtlichen Erfolg erzielt haben, ist er doch noch nicht entscheidend. Wir haben den Zusammenschluß der Be­völkerung in Genossenschaften zuweilen in solchem Umfang er­reicht, daß die ländliche Bevölkerung in vielen Kreisen schon zu 98 Prozent in ihnen vereinigt ist. Aber diese Genossenschaften, die in der kapitalistischen Gesellschaft bestanden, sind ganz vom Geist der bürgerlichen Gesellschaft durchdrungen, und an ihrer Spitze stehen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, stehen bürgerliche Speziali­sten. Wir haben es noch nicht vermocht, sie uns unterzuordnen, hier ist unsere Aufgabe noch ungelöst. Unser Dekret macht einen Schritt vorwärts im Sinne der Schaffung von Konsumkommunen, es schreibt für ganz Rußland die Verschmelzung aller Arten von Ge­nossenschaften vor. Aber auch dieses Dekret, selbst wenn wir es im vollen Umfang durchführen werden, sieht das Weiterbestehen einer autonomen Sektion der Arbeitergenossenschaften innerhalb der zu­künftigen Konsumkommune vor, weil die Vertreter der Arbeiterge­nossenschaften, die die Sache aus der Praxis kennen, uns gesagt und bewiesen haben, daß die Arbeitergenossenschaften als die höher entwickelten Organisationen beibehalten werden müssen, da ihre Tätigkeit unentbehrlich ist. Bei uns gab es in der Partei in bezug auf die Genossenschaften nicht wenig Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen, es gab Reibungen zwischen den Bolschewiki in den Genossenschaften und den Bolschewiki in den Sowjets. Prinzipiell muß die Frage, wie mir scheint, zweifellos in dem Sinne entschieden werden, daß dieser Apparat als der einzige, für den der Kapitalismus unter den Massen den Boden bereitet hat, als der einzige, der unter den noch auf der Stufe des primitiven Kapitalismus stehenden Massen der Landbevölkerung funktioniert, um jeden Preis erhalten und entwickelt werden muß und jedenfalls nicht über Bord geworfen werden darf. Das ist eine schwere Aufgabe, weil an der Spitze der Genossenschaften in den meisten Fällen bürgerliche Spezialisten stehen, sehr häufig ausgesprochene Weißgardisten. Daher der Haß, der berechtigte Haß gegen sie, der Kampf gegen sie. Aber dieser Kampf muß natürlich mit Verstand geführt werden: Die konterrevo­lutionären Anschläge der Genossenschaftler müssen unterbunden werden, aber das darf kein Kampf gegen den Genossenschaftsap­parat sein. Diese konterrevolutionären Funktionäre müssen wir ab­sägen, den Apparat selbst aber müssen wir uns unterordnen. Die Aufgabe ist hier ganz die gleiche wie hinsichtlich der bürgerlichen Spezialisten - das ist eine andere Frage, auf die ich eingehen möchte.

Die Frage der bürgerlichen Spezialisten führt zu häufigen Reibun­gen und Differenzen. Als ich vor einigen Tagen im Petrograder So­wjet sprach, da galten einige der mir vorgelegten schriftlichen Fragen den Tarifen. Man fragte mich: Kann man denn in einer sozialisti­schen Republik bis zu 3000 Rubel zahlen? Wir haben diese Frage dem Wesen nach ins Programm aufgenommen, denn die Unzufrie­denheit auf dieser Basis hat beträchtliches Ausmaß angenommen. Die Frage der bürgerlichen Spezialisten ist in der Armee, in der In­dustrie, in den Genossenschaften, ist überall aktuell. Es ist das eine sehr wichtige Frage der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus. Wir können den Kommunismus nur dann aufbauen, wenn wir ihn mit den Mitteln der bürgerlichen Wissenschaft und Technik den Massen zugänglicher machen. Anders kann die kom­munistische Gesellschaft nicht aufgebaut werden. Um sie aber in dieser Weise aufzubauen, muß man den Apparat von der Bourgeoisie übernehmen, muß man alle diese Spezialisten zur Arbeit heranzie­hen. Im Programm haben wir diese Frage absichtlich eingehend ent­wickelt, um sie radikal zu lösen. Wir wissen sehr gut, was die kultu­relle Rückständigkeit Rußlands bedeutet, wie sie auf die Sowjet­macht zurückwirkt, die im Prinzip eine ungleich höhere, proletari­sche Demokratie, ein Vorbild dieser Demokratie für die ganze Welt gegeben hat, wie diese Kulturlosigkeit die Sowjetmacht herabdrückt und die Bürokratie Wiederaufleben läßt. Der Sowjetapparat ist den Worten nach allen Werktätigen zugänglich, in der Tat aber ist er, wie wir alle wissen, bei weitem nicht allen von ihnen zugänglich. Und das durchaus nicht, weil die Gesetze es verhinderten, wie das unter der Bourgeoisie der Fall war, im Gegenteil, unsere Gesetze fördern es. Aber mit Gesetzen allein ist es da nicht getan. Es bedarf einer Menge Erziehungs-, Organisations- und Kulturarbeit, und das kann nicht durch ein Gesetz binnen kurzer Zeit erreicht werden, das verlangt eine gewaltige, langwierige Arbeit. Diese Frage der bürgerli­chen Spezialisten muß auf dem gegenwärtigen Parteitag mit aller Bestimmtheit entschieden werden. Ein solcher Beschluß wird den Genossen, die den Verlauf des Parteitags zweifellos aufmerksam verfolgen, die Möglichkeit geben, sich auf seine Autorität zu stützen und zu sehen, auf welche Schwierigkeiten wir stoßen. Er wird den Genossen, die auf Schritt und Tritt diesen Fragen begegnen, helfen, sich zumindest an der propagandistischen Arbeit zu beteiligen.

Die Genossen, die auf dem Kongreß hier in Moskau den Sparta­kusbund vertraten, erzählten uns, daß in Westdeutschland, wo die Industrie besonders hoch entwickelt, wo der Einfluß der Spartakus­leute unter der Arbeiterschaft am stärksten ist, daß dort, obwohl die Spartakusleute noch nicht gesiegt haben, in sehr vielen der größten Betriebe die Ingenieure, die Betriebsleiter zu ihnen kamen und sag­ten: „Wir gehen mit euch." Bei uns gab es das nicht. Offenbar haben dort das höhere Kulturniveau der Arbeiter, die stärkere Proletarisie­rung des technischen Personals und vielleicht eine ganze Reihe ande­rer Ursachen, die uns unbekannt sind, Verhältnisse geschaffen, die sich von den unsrigen etwas unterscheiden.

Jedenfalls liegt hier eines der Haupthindernisse für unsere weitere Vorwärtsbewegung. Wir müssen sofort, ohne auf Unterstützung durch andere Länder zu warten, sofort und unverzüglich die Produk­tivkräfte entwickeln. Ohne bürgerliche Spezialisten ist das unmög­lich. Das muß ein für allemal gesagt werden. Natürlich sind die mei­sten dieser Spezialisten völlig von der bürgerlichen Weltanschauung durchdrungen. Man muß sie in eine Atmosphäre kameradschaftlicherZusammenarbeit versetzen, ihnen Arbeiterkommissare beigeben, sie mit kommunistischen Zellen umgeben und in eine solche Lage brin­gen, daß sie nicht aus der Reihe tanzen können, aber man muß es ihnen ermöglichen, unter besseren Bedingungen zu arbeiten als im Kapitalismus, denn diese von der Bourgeoisie erzogene Schicht wird sonst nicht arbeiten. Eine ganze Schicht mit dem Stock zur Arbeit zu zwingen ist unmöglich, das haben wir zur Genüge erfahren. Mankann sie zwingen, sich an der Konterrevolution nicht aktiv zu betei­ligen, man kann sie einschüchtern, so daß sie sich fürchten, nach einem weißgardistischen Flugblatt die Hand auszustrecken. In dieser Beziehung handeln die, Bolschewiki energisch. Das kann man tun, und das tun wir zur Genüge. Das haben wir alle gelernt. Aber eine ganze Schicht in dieser Weise zur Arbeit zu zwingen ist unmöglich. Diese Leute sind die Kulturarbeit gewohnt, sie haben sie im Rahmen der bürgerlichen Ordnung geleistet, d. h., sie haben die Bourgeoisie durch gewaltige materielle Errungenschaften bereichert, von denen sie dem Proletariat nur winzige Brocken zukommen ließen. Doch sie haben die Kultur vorangebracht, das war ihr Beruf. In dem Maße, wie sie sehen, daß aus der Arbeiterklasse organisierte, fortgeschritte­ne Schichten emporsteigen, die die Kultur nicht nur schätzen, son­dern auch ihre Verbreitung unter den Massen fördern, ändern sie ihr Verhalten uns gegenüber. Wenn ein Arzt sieht, daß das Proletariat im Kampf gegen Epidemien die Selbsttätigkeit der Werktätigen weckt, so verhält er sich uns gegenüber schon ganz anders. Es gibt bei uns eine große Schicht dieser bürgerlichen Ärzte, Ingenieure, Agrono­men, Genossenschaftler, und wenn sie in der Praxis sehen werden, daß das Proletariat immer breitere Massen in diese Arbeit einbezieht, dann werden sie moralisch besiegt und nicht nur politisch der Bour­geoisie entrissen sein. Dann wird unsere Aufgabe leichter werden. Dann werden sie von selbst in unseren Apparat hineingezogen wer­den, werden sie einen seiner Teile bilden. Dafür muß man Opfer bringen. Dafür sogar zwei Milliarden zu zahlen ist eine Lappalie. Es wäre Kinderei, dieses Opfer zu scheuen, denn das hieße die vor uns stehenden Aufgaben nicht begreifen.

Die Zerrüttung des Verkehrswesens, die Zerrüttung der Industrie und der Landwirtschaft untergräbt die ganze Existenz der Sowjetre­publik. Wir müssen hier die allerenergischsten Maßnahmen ergrei­fen, wodurch alle Kräfte des Landes bis aufs äußerste angespannt werden. Den Spezialisten gegenüber dürfen wir keine Politik kleinli­cher Schikanen befolgen. Diese Spezialisten sind nicht Helfershelfer der Ausbeuter, sie sind Kulturarbeiter, die in der bürgerlichen Ge­sellschaft der Bourgeoisie gedient haben und von denen alle Soziali­sten in der ganzen Welt gesagt haben, daß sie in der proletarischen Gesellschaft unsdienen werden. In dieser Übergangsperiode müssen wir ihnen möglichst gute Existenzbedingungen gewährleisten. Das wird die beste Politik, das wird das sparsamste Wirtschaften sein. Andernfalls können wir durch die Einsparung einiger Hundert Millionen so viel verlieren, daß dieses Verlorene nicht mit Milliarden wiederzuerlangen ist.

Als ich mich mit Gen. Schmidt, dem Kommissar für Arbeit, über die Frage der Tarife unterhielt, verwies er auf folgende Tatsachen. Er sagt, daß wir für die Angleichung der Löhne so viel getan haben, wie es in Jahrzehnten kein einziger bürgerlicher Staat getan hat und zu tun vermag. Man betrachte die Sätze der Vorkriegszeit: Ein unge­lernter Arbeiter verdiente einen Rubel am Tag, d. h. 25 Rubel monat­lich - ein Spezialist aber erhielt 500 Rubel im Monat, ganz abgese­hen von denen, die Hunderttausende bekamen. Ein Spezialist erhielt zwanzigmal soviel wie ein Arbeiter. Unsere heutigen Sätze bewegen sich zwischen 600 und 3000 Rubel, d. h., sie unterscheiden sich nur im Verhältnis 1:5. Für die Angleichung haben wir viel getan. Natür­lich, die Spezialisten sind jetzt bei uns überbezahlt, aber ihnen reich­lich für ihr Wissen zu zahlen lohnt sich nicht nur, es ist auch not­wendig und theoretisch unumgänglich. Im Programm ist diese Frage meines Erachtens eingehend genug behandelt. Man muß sie mit größtem Nachdruck betonen. Man muß sie hier nicht nur prinzipiell entscheiden, sondern man muß auch erreichen, daß alle Teilnehmer am Parteitag, wenn sie nach Hause zurückgekehrt sind, sich in den Berichten an ihre Organisationen, in ihrer ganzen Tätigkeit für die Verwirklichung dieses Beschlusses einsetzen.

Unter der schwankenden Intelligenz haben wir schon einen gewal­tigen Umschwung herbeigeführt. Wenn wir gestern von der Legali­sierung der kleinbürgerlichen Parteien gesprochen haben und heute Menschewiki und Sozialrevolutionäre verhaften, so verfolgen wir bei all solchen Schwankungen ein ganz bestimmtes System. Durch diese Schwankungen zieht sich eine äußerst feste Linie: die Konterrevolu­tion beseitigen, den bürgerlichen Kulturapparat ausnutzen. Die Menschewiki sind die schlimmsten Feinde des Sozialismus, denn sie hüllen sich in ein proletarisches Mäntelchen, aber die Menschewiki sind keine proletarische Schicht. In dieser Schicht gibt es nur eine verschwindend kleine proletarische Oberschicht, sie selbst besteht aus kleinen Intellektuellen. Diese Schicht wendet sich uns zu. Wir werden sie ganz, als Schicht, für uns gewinnen. Jedesmal, wenn sie zu uns kommen, sagen wir ihnen: „Willkommen". Bei jeder dieser Schwankungen kommt ein Teil von ihnen zu uns. So war es mit den Menschewiki und den Leuten von der „Nowaja Shisn" [Neues Le­ben], so war es mit den Sozialrevolutionären, so wird es mit all die­sen schwankenden Elementen sein, die uns noch lange stören wer­den, die da flennen, aus einem Lager ins andere überlaufen werden - von ihnen ist nichts andres zu erwarten. Aber bei jeder dieser Schwankungen werden wir Schichten der kulturellen Intelligenz für die Reihen der Sowjetfunktionäre gewinnen und jene Elemente be­seitigen, die fortfahren, die Weißgardisten zu unterstützen.

Eine weitere Frage, deren Behandlung nach der Aufteilung der Themen zu meiner Aufgabe gehört, ist die Frage des Bürokratismus und der Einbeziehung der breiten Massen in die Arbeit der So­wjets. Schon seit geraumer Zeit werden Klagen über Bürokratismus laut, zweifellos begründete Klagen. Im Kampf gegen den Bürokra­tismus haben wir getan, was noch kein Staat der Welt getan hat. Den Apparat, der durch und durch bürokratisch, der ein bürgerlicher Un­terdrückungsapparat war, der selbst in den freiesten bürgerlichen Republiken ein solcher bleibt - diesen Apparat haben wir bis auf den Grund zerstört. Nehmen wir zum Beispiel das Gerichtswesen. Hier war die Aufgabe allerdings leichter, hier brauchten wir keinen neuen Apparat zu schaffen, denn gestützt auf das revolutionäre Rechtsbe­wußtsein der werktätigen Klassen Recht sprechen, das kann jeder. Wir haben diese Sache noch lange nicht zu Ende geführt, aber in einer ganzen Reihe von Gebieten haben wir aus den Gerichten das gemacht, was sie sein müssen. Wir haben Organe geschaffen, über die nicht nur Männer, sondern auch Frauen, das rückständigste und unbeweglichste Element, ausnahmslos zu Richtern werden können.

Die Angestellten in den anderen Verwaltungszweigen sind in stär­kerem Maße verknöcherte Bürokraten. Hier ist die Aufgabe schwie­riger. Ohne diesen Apparat können wir nicht auskommen, jeder Verwaltungszweig schafft ein Bedürfnis nach einem solchen Appa­rat. Hier leiden wir darunter, daß Rußland nicht genügend kapitali­stisch entwickelt war. Deutschland wird offenbar leichter damit fer­tig werden, denn der bürokratische Apparat hat dort eine tüchtige Schule durchgemacht, er preßt das Letzte aus einem heraus, es be­steht aber auch der Zwang, wirklich zu arbeiten und nicht nur den Sessel zu drücken, wie es in unseren Kanzleien zu sein pflegt. Diese alten bürokratischen Elemente haben wir auseinandergejagt, umgeschichtet, und dann haben wir wieder angefangen, sie auf neue Plätze zu stellen. Zaristische Bürokraten begannen in die Sowjetbehörden hinüberzuwechseln und dort den Bürokratismus einzuführen, began­nen sich als Kommunisten aufzumachen und sich der erfolgreicheren Karriere wegen Mitgliedsbücher der KPR zu verschaffen. So kom­men sie, nachdem man sie zur Tür hinausgejagt hat, durchs Fenster wieder herein. Hier wirkt sich der Mangel an kulturellen Kräften am stärksten aus. Diese Bürokraten könnte man kassieren, aber mit ei­nem Schlage umerziehen kann man sie nicht. Hier ergeben sich für uns in erster Linie organisatorische, kulturelle und erzieherische Aufgaben.

Den Bürokratismus restlos, bis zum vollen Sieg zu bekämpfen ist erst dann möglich, wenn die ganze Bevölkerung an der Verwaltung teilnehmen wird. In bürgerlichen Republiken war das nicht nur un­möglich: das Gesetz selbst stand dem im Wege. In den besten bür­gerlichen Republiken, wie demokratisch sie auch sein mögen, gibt es Tausende vom Gesetz errichtete Schranken, die die Teilnahme der Werktätigen an der Verwaltung behindern. Wir haben diese Schran­ken hinweggeräumt, aber wir haben bisher nicht erreicht, daß die werktätigen Massen an der Verwaltung mitwirken könnten, denn außer den Gesetzen gibt es noch das Kulturniveau, das sich keinem Gesetz unterwerfen läßt. Dieses niedrige Kulturniveau bewirkt, daß die Sowjets, die nach ihrem Programm Organe der Verwaltung durch die Werktätigen sein sollen, in Wirklichkeit Organe der Ver­waltung für die Werktätigen sind, einer Verwaltung durch die fort­geschrittene Schicht des Proletariats, nicht aber durch die werktäti­gen Massen selbst.

Hier stehen wir vor einer Aufgabe, die nicht anders als durch langwierige Erziehungsarbeit gelöst werden kann. Gegenwärtig ist diese Aufgabe für uns ungeheuer schwierig, weil - wie ich schon mehrfach Gelegenheit hatte aufzuzeigen - die Arbeiterschicht, die die Verwaltung ausübt, außerordentlich, unglaublichdünnist. Wir brauchen Verstärkung. Allen Anzeichen nach wächst im Lande eine solche Reserve heran. Der gewaltige Wissensdurst und der gewalti­ge, zumeist außerhalb der Schule erzielte Fortschritt in der Bildung, der riesige Fortschritt in der Bildung der werktätigen Massen unter­liegt nicht dem geringsten Zweifel. Dieser Erfolg ist nicht in den Rahmen irgendwelcher Schulen einzuordnen, aber er ist gewaltig. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß wir in der nächsten Zukunft eine gewaltige Reserve erhalten werden, die die in der Arbeit überan­strengten Vertreter der dünnen proletarischen Schicht ablösen wird. Aber heute jedenfalls ist unsere Lage in dieser Beziehung äußerst schwierig. Die Bürokratie ist besiegt. Die Ausbeuter sind beseitigt. Aber das Kulturniveau ist nicht gehoben, und darum nehmen die Bürokraten die alten Plätze ein. Die Bürokraten können nur ver­drängt werden, wenn das Proletariat und die Bauernschaft in einem viel größeren Umfang als bisher organisiert werden und zugleich die Maßnahmen zur Heranziehung der Arbeiter zur Verwaltungstätigkeit wirklich zur Durchführung gelangen. Diese Maßnahmen im Rahmen jedes einzelnen Volkskommissariats sind Ihnen allen bekannt, und ich werde auf sie nicht weiter eingehen.

Der letzte Punkt, den ich berühren muß, ist die führende Rolle des Proletariats und die Entziehung des Wahlrechts. Unsere Verfas­sung sieht die Bevorzugung des Proletariats gegenüber der Bauern­schaft vor und entzieht den Ausbeutern das Wahlrecht. Darüber sind die reinen Demokraten Westeuropas am meisten hergefallen. Wir antworteten und antworten ihnen darauf, sie haben die wichtigsten Grundsätze des Marxismus vergessen, haben vergessen, daß es sich bei ihnen um die bürgerliche Demokratie handelt, während wir zur proletarischen Demokratie übergegangen sind. Es gibt kein einziges Land in der Welt, das auch nur den zehnten Teil dessen getan hätte, was die Sowjetrepublik in den vergangenen Monaten für die Arbeiter und die armen Bauern getan hat, um sie zur Verwaltung des Staates heranzuziehen. Das ist die absolute Wahrheit. Niemand wird leugnen können, daß wir für eine wirkliche und nicht nur auf dem Papier stehende Demokratie, für die Heranziehung der Arbeiter und Bauern so viel getan haben, wie die besten demokratischen Republiken im Laufe von Jahrhunderten nicht getan haben und nicht tun konnten. Das hat die Bedeutung der Sowjets bestimmt, dank dieser Tatsache sind die Sowjets zur Losung des Proletariats aller Länder geworden.

Aber das bewahrt uns in keiner Weise davor, daß wir über das un­zureichende Kulturniveau der Massen stolpern. Die Frage der Ent­ziehung des Wahlrechts für die Bourgeoisie betrachteten wir keines­wegs von einem absoluten Standpunkt, denn theoretisch ist es durchaus möglich, daß die Diktatur des Proletariats zwar die Bourgeoisie auf Schritt und Tritt unterdrückt, ihr aber das Wahlrecht nicht ent­zieht. Das ist theoretisch durchaus denkbar, und wir stellen unsereVerfassung auch nicht als Vorbild für andere Staaten hin. Wir sagen nur, wer da denkt, zum Sozialismus übergehen zu können, ohne die Bourgeoisie zu unterdrücken, der ist kein Sozialist. Wenn es aber notwendig ist, die Bourgeoisie als Klasse zu unterdrücken, so ist es nicht notwendig, ihr Wahlrecht und Gleichstellung zu entziehen. Wir wollen keine Freiheit für die Bourgeoisie, wir erkennen keine Gleichheit der Ausbeuter und Ausgebeuteten an, aber in unseremProgramm behandeln wir diese Frage derart, daß Maßnahmen wie die Festlegung einer Ungleichheit von Arbeitern und Bauern keines­wegs durch die Verfassung vorgeschrieben sind. Das wurde in die Verfassung aufgenommen, nachdem es sich praktisch eingebürgert hatte. Es waren nicht einmal die Bolschewiki, die die Sowjetverfas­sung ausarbeiteten, es waren die Menschewiki und Sozialrevolutio­näre, die das noch vor der bolschewistischen Revolution taten und so gegen sich selbst handelten. Sie haben die Verfassung so ausgearbei­tet, wie das Leben selbst es verlangte. Die Organisierung des Proleta­riats vollzog sich viel schneller als die der Bauernschaft, was die Arbeiter zur Stütze der Revolution machte und ihnen faktisch eine Vorzugsstellung gab. Die weitere Aufgabe ist die, von dieser Vor­zugsstellung allmählich zu ihrer Gleichstellung überzugehen. Weder vor noch nach der Oktoberrevolution hat irgend jemand die Bour­geoisie aus den Sowjets hinausgejagt. Die Bourgeoisie hat sich sel­ber ausgeschaltet.

So liegen die Dinge mit dem Wahlrecht der Bourgeoisie. Unsere Aufgabe ist es, die Frage mit voller Klarheit zu stellen. Wir ent­schuldigen uns durchaus nicht für unser Verhalten, sondern zählen nur exakt die Tatsachen auf, wie sie sind. Unsere Verfassung mußte, wie wir das aufzeigen, diese Ungleichheit festlegen, weil das Kultur­niveau niedrig, weil die Organisation bei uns schwach ist. Jedoch machen wir das nicht zum Ideal, sondern im Gegenteil, im Pro­gramm verpflichtet sich die Partei, systematisch an der Aufhebung dieser Ungleichheit zwischen dem besser organisierten Proletariat und der Bauernschaft zu arbeiten. Diese Ungleichheit werden wir aufheben, sobald es uns gelungen sein wird, das Kulturniveau zuheben. Dann werden wir ohne solche Beschränkungen auskommen können. Schon heute, nach nur 17 Monaten Revolution, sind diese Beschränkungen praktisch von sehr geringer Bedeutung.

Das sind die wichtigsten Punkte, Genossen, auf die bei der allge­meinen Erörterung des Programms einzugehen ich für notwendig hielt. Die weitere Erörterung überlasse ich der Diskussion. (Beifall)

Aus: W. I. Lenin Werke, Band 29, S. 150-171

 

 

 

W. I. Lenin:

Schlußwort zum Bericht über das Parteiprogramm - 1919

 

(Beifall) Genossen! Ich konnte in diesem Teil der Frage mit Gen. Bucharin nicht ebenso ins einzelne gehend, nach vorhergehender Beratung, eine Aufteilung vornehmen, wie wir das hinsichtlich des Berichts getan haben. Vielleicht wird das auch gar nicht notwendig sein. Mir scheint, daß die Debatten, die sich hier entwickelten, haupt­sächlich eins gezeigt haben: daß es keinen einigermaßen bestimmten und formulierten Gegenvorschlag gibt. Es wurde viel über Teilfra­gen, über Bruchstücke gesprochen, aber es gab keinen Gegenvor­schlag. Ich werde auf die hauptsächlichsten Einwände eingehen, die sich vor allem gegen den einleitenden Teil richteten. Gen. Bucharin sagte mir, er gehöre zu jenen, die den Gedanken vertreten, es sei möglich, in der Einleitung die Charakteristik des Kapitalismus und die Charakteristik des Imperialismus zu einem zusammenhängenden Ganzen zu vereinigen, da jedoch etwas Derartiges nicht vorliege, würden wir den vorliegenden Entwurf annehmen müssen.

Viele von den Diskussionsrednern vertraten den Standpunkt - be­sonders entschieden tat das Gen. Podbelski -, daß der Entwurf in der Form, wie er Ihnen vorliegt, falsch sei. Die Beweise des Gen. Pod­belski waren höchst sonderbar. So zum Beispiel, daß in Paragraph 1 die Revolution als die Revolution von dem und dem Datum bezeich­net sei. Aus irgendeinem Grund machte das auf Gen. Podbelski den Eindruck, daß diese Revolution sogar nummeriert wäre. Ich kann sa­gen, daß wir es im Rat der Volkskommissare mit sehr vielen nummerierten Schriftstücken zu tun haben, was oft ermüdend ist, warum soll man aber diesen Eindruck auch hierauf übertragen? In der Tat, was hat das mit einer Nummerierung zu tun? Wir bestimmen den Tag des Festes und feiern ihn. Wie kann man denn bestreiten, daß eben am 25. Oktober die Macht ergriffen wurde? Wollten Sie versuchen, das irgendwie zu ändern, so wird das eine Künstelei sein. Wenn Sie die Revolution als Oktober-November-Revolution bezeichnen, so er­möglichen Sie damit, zu sagen, daß die Sache nicht an einem Taggetan worden ist. Aber natürlich dauerte sie viel längere Zeit an, nicht nur den Oktober, nicht nur den November und selbst nicht nur ein Jahr. Gen. Podbelski fiel darüber her, daß in einem Paragraphen von der bevorstehenden sozialen Revolution die Rede ist. Aus die­sem Grunde sah er im Programm beinahe so etwas wie eine versuch­te „Beleidigung Ihrer Majestät" - der sozialen Revolution. Wir ste­hen mitten in der sozialen Revolution, und da spricht man von ihr als von etwas Bevorstehendem! Ein solches Argument ist offenkundig nicht stichhaltig, denn in unserem Programm handelt es sich um die soziale Revolution im Weltmaßstab.

Es wird uns gesagt, daß wir an die Revolution ökonomisch heran­gehen. Ist das nötig oder nicht? Manche Genossen haben sich hier im Überschwang der Gefühle dazu verstiegen, von einem Weltwirt­schaftsrat und von der Unterordnung aller nationalen Parteien unter das Zentralkomitee der KPR zu reden. Gen. Pjatakow ging beinahe so weit. (Zwischenruf Pjatakows: „Glauben Sie etwa, das wäre schlecht?") Wenn er jetzt die Bemerkung macht, daß das gar nicht übel wäre, so muß ich darauf antworten: Stünde etwas Derartiges im Programm, so wäre es nicht notwendig, das zu kritisieren, denn die Verfasser eines solchen Antrags hätten sich selbst erledigt. Diese Genossen haben im Überschwang der Gefühle außer acht gelassen, daß wir im Programm von dem ausgehen müssen, was ist. Einer dieser Genossen, mir scheint, es war Suniza, der das Programm sehr entschieden als dürftig usw. kritisierte, einer dieser überschwengli­chen Genossen hat gesagt, er könne sich nicht damit einverstanden erklären, daß das sein solle, was ist, er schlage vor, daß das sein sol­le, was nicht ist. (Heiterkeit.) Ich glaube, daß diese Formulierung der Frage auf Grund ihrer offenkundigen Unrichtigkeit mit Recht zum Lachen reizt. Ich sagte nicht, es solle nur das sein, was ist. Ich sagte, daß wir von dem absolut Feststehenden ausgehen müssen. Wir müssen den Proletariern und den werktätigen Bauern sagen und be­weisen, daß die kommunistische Revolution unvermeidlich ist. Hat hier irgend jemand erklärt, das brauche nicht gesagt zu werden? Hät­te irgend jemandversucht, einen solchen Antrag zu stellen, so würde man ihm bewiesen haben, daß das nicht stimmt. Niemand hat der­gleichen gesagt, und niemand wird es sagen, denn die Tatsache ist nicht zu bezweifeln, daß unsere Partei zur Macht gelangt ist, gestützt

nicht nur auf das kommunistische Proletariat, sondern auch auf die ganze Bauernschaft. Werden wir uns wirklich nur darauf beschrän­ken, allen diesen Massen, die heute mit uns gehen, zu sagen: „Sache der Partei ist nur die Durchführung des sozialistischen Aufbaus. Die kommunistische Revolution ist vollzogen, verwirklicht nun den Kommunismus"? Ein solcher Standpunkt ist von Grund auf unhalt­bar, ist theoretisch falsch. Unsere Partei hat auf direktem und noch mehr auf indirektem Weg Millionen von Menschen in sich aufge­nommen, die sich jetzt über die Frage des Klassenkampfes, über die Frage des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus klar­werden.

Man kann heute sagen - und das wird natürlich in keiner Weise übertrieben sein -, daß nirgendwo, in keinem anderen Land die werktätige Bevölkerung der Frage der Umwandlung des Kapitalis­mus in den Sozialismus ein solches Interesse entgegengebracht hat wie jetzt bei uns. Darüber macht man sich bei uns weitaus mehr Ge­danken als in irgendeinem anderen Land. Und da soll die Partei wirk­lich keine Antwort auf diese Frage geben? Wir müssen wissenschaft­lich aufzeigen, wie der Weg dieser kommunistischen Revolution verlaufen wird. In dieser Hinsicht sind alle übrigen Vorschläge Halbheiten. Ganz streichen wollte das niemand. Es wurde unbe­stimmt gesagt: Vielleicht kann man kürzen, vielleicht braucht man nicht das alte Programm zu zitieren, weil es falsch ist. Wenn es aber falsch war - wie konnten wir so viele Jahre hindurch in unserer Ar­beit von ihm ausgehen? Vielleicht werden wir ein allgemeines Pro­gramm haben, wenn die Sowjet-Weltrepublik geschaffen sein wird, aber bis dahin werden wir sicherlich noch einige Programme schrei­ben. Sie aber jetzt zu schreiben, wo es nur die eine Sowjetrepublik an Stelle des alten Russischen Reiches gibt, wäre verfrüht. Selbst Finn­land, das zweifellos einer Sowjetrepublik entgegengeht, hat sie noch nicht verwirklicht - Finnland, das sich von allen anderen Völkern des ehemaligen Russischen Reiches durch ein höheres Kulturniveau unterscheidet. Daher wäre es ein großer Fehler, heute im Programm einen abgeschlossenen Prozeß zum Ausdruck bringen zu wollen. Das wäre etwa so, als wollten wir heute ins Programm den Weltwirt­schaftsrat aufnehmen. Wir selbst haben uns indes an dieses häßliche Wort „Sownarchos" (Volkswirtschaftsrat, d. Übers.) noch nicht gewöhnen können. Ausländern soll es sogar manchmal passieren, daß sie im Kursbuch nach einer solchen Eisenbahnstation suchen. (Hei­terkeit.) Diese Worte können wir nicht der ganzen Welt dekretieren.

Um international zu sein, muß unser Programm die Klassenmo­mente berücksichtigen, die ökonomisch für alle Länder charakteri­stisch sind. Für alle Länder ist charakteristisch, daß sich der Kapita­lismus in sehr vielen Gegenden erst entwickelt. Das trifft auf ganz Asien zu, auf alle die Länder, die zur bürgerlichen Demokratie über­gehen, ebenso auf eine ganze Reihe von Gebieten Rußlands. Gen. Rykow, der auf wirtschaftlichem Gebiet die Tatsachen sehr gut kennt, sprach von der neuen Bourgeoisie, die es bei uns gibt. Das stimmt. Sie entsteht nicht nur aus den Reihen unserer Sowjetange­stellten - in geringfügigem Maße kann sie auch von da kommen -, sie entsteht aus der Mitte der Bauernschaft und der Kleingewerbe­treibenden, die vom Joch der kapitalistischen Banken befreit und heute vom Eisenbahnverkehr abgeschnitten sind. Das ist eine Tatsa­che. Wie wollen Sie um diese Tatsache herumkommen? Das hieße nur, sich in Illusionen wiegen oder ungenügend durchdachte Bü­cherweisheit in die Wirklichkeit hineintragen, die viel komplizierter ist. Sie zeigt uns, daß selbst in Rußland die kapitalistische Waren­wirtschaft lebt, funktioniert, sich entwickelt, eine Bourgeoisie her­vorbringt, wie auch in jeder kapitalistischen Gesellschaft.

Gen. Rykow sagte: „Wir kämpfen gegen die Bourgeoisie, die bei uns deshalb entsteht, weil die Bauernwirtschaft vorläufig noch nicht verschwunden ist, diese Wirtschaft aber Bourgeoisie und Kapitalis­mus hervorbringt." Wir haben darüber keine genauen Angaben, aber daß sich ein solcher Prozeß vollzieht, steht außer Zweifel. In der ganzen Welt existiert die Sowjetrepublik vorläufig nur in den Gren­zen des ehemaligen Russischen Reiches. In einer ganzen Reihe von Ländern wächst sie heran, ist sie im Werden, aber noch in keinem anderen Land gibt es sie. Wenn wir darum in unserem Programm Anspruch auf etwas erheben, wofür der Boden noch nicht da ist, so ist das Phantasie, ist das der Wunsch, der unangenehmen Wirklich­keit zu entrinnen, die uns zeigt, daß die Geburtswehen bei der Her­ausbildung der sozialistischen Republik in anderen Ländern zweifel­los schlimmer sind als jene, die wir durchgemacht haben. Uns fiel das leicht, weil wir am 26. Oktober 1917 das zum Gesetz erhoben, was die Bauern in den Sozialrevolutionären Resolutionen gefordert hatten. Das gibt es in keinem anderen Lande. Der schweizerische und der deutsche Genosse haben darauf hingewiesen, daß in der Schweiz die Bauern gegen die Streikenden zu den Waffen gegriffen haben, wie noch niemals, und daß in Deutschland im Dorf keinerlei Lüft­chen im Sinne der Entstehung von Räten der Landarbeiter und der Kleinbauern zu verspüren ist. Bei uns hatten nach den ersten Mona­ten der Revolution die Sowjets der Bauerndeputierten fast das ganze Land erfaßt. Wir, ein rückständiges Land, haben sie geschaffen. Hier ist ein gigantisches Problem, das die kapitalistischen Völker noch nicht gelöst haben. Und was sind wir denn für eine kapitalistische Musternation? Bis 1917 gab es bei uns noch Überreste der Leibei­genschaft. Doch noch keine einzige kapitalistisch organisierte Nation hat gezeigt, wie diese Frage praktisch zu lösen ist. Wir sind unter Ausnahmeverhältnissen zur Macht gelangt, als das Joch des Zaris­mus dazu zwang, mit großem Elan einen grundlegenden und schnel­len Wechsel vorzunehmen, und wir haben es verstanden, uns unter diesen Ausnahmeverhältnissen mehrere Monate lang auf die gesamte Bauernschaft als Ganzes zu stützen. Das ist eine geschichtliche Tat­sache. Mindestens bis zum Sommer 1918, bis zur Schaffung der Komitees der Dorfarmut, hielten wir uns als Macht deshalb, weil wir uns auf die gesamte Bauernschaft als Ganzes stützten. Das ist in kei­nem kapitalistischen Lande möglich. Diese grundlegende ökonomi­sche Tatsache vergessen Sie, wenn Sie von einem gründlichen Um­bau des ganzen Programms sprechen. Wenn Sie diese Tatsache über­sehen, wird Ihr Programm nicht auf einem wissenschaftlichen Fun­dament ruhen.

Wir sind verpflichtet, von jenem allgemein anerkannten marxisti­schen Grundsatz auszugehen, daß ein Programm auf wissenschaftli­chem Fundament aufgebaut sein muß. Es muß den Massen erklären, wie die kommunistische Revolution entstanden ist, warum sie un­ausbleiblich ist, worin ihre Bedeutung, ihr Wesen, ihre Kraft besteht, was sie zu lösen hat. Unser Programm muß eine Zusammenfassung für Agitationszwecke sein, wie es alle Programme waren, wie es zum Beispiel das Erfurter Programm41 war. Jeder Paragraph dieses Pro­gramms enthielt Hunderttausende von Reden und Artikeln für Agita­toren. Jeder Paragraph unseres Programms enthält das, was jeder Werktätige wissen, sich aneignen und begreifen muß. Wenn er nicht begreift, was Kapitalismus ist, wenn er nicht versteht, daß Kleinbau­ernschaft und Kleingewerbe unvermeidlich und unbedingt diesen Kapitalismus ständig hervorbringen, wenn er das nicht versteht, so ist sein Kommunismus keinen roten Heller wert, mag er sich auch hundertmal als Kommunist bezeichnen und den radikalsten Kommu­nismus zur Schau tragen. Wir schätzen den Kommunismus nur dann, wenn er ökonomisch fundiert ist. Die sozialistische Revolution wird sogar in einigen fortgeschrittenen Ländern sehr vieles ändern. Die kapitalistische Produktionsweise besteht in der ganzen Welt weiter, oft in ihren weniger entwickelten Formen, obwohl der Imperialismus den Zusammenschluß und die Konzentration des Finanzkapitals be­wirkt hat. In keinem noch so fortgeschrittenen Land ist der Kapita­lismus ausschließlich in seiner vollkommensten Form vorzufinden. Sogar in Deutschland gibt es nichts dergleichen. Als wir Material in bezug auf unsere konkreten Aufgaben sammelten, teilte uns der das Statistische Zentralbüro leitende Genosse mit, in Deutschland hätte der Bauer den Organen des Ernährungswesens 40 Prozent seinerKartoffelüberschüsse vorenthalten. Im kapitalistischen Staat, wo der Kapitalismus seine höchste Entwicklung erreicht hat, bleiben kleine Bauernwirtschaften mit freiem Kleinverkauf, mit Kleinspekulation bestehen. Diese Tatsachen darf man nicht vergessen. Gibt es aber unter den 300.000 hier vertretenen Parteimitgliedern viele, bei denen in dieser Frage volle Klarheit herrscht? Es wäre lächerliche Einbil­dung anzunehmen, da das alles uns, die wir das Glück hatten, den Entwurf zu schreiben, bekannt ist, so hätte auch die Masse der Kommunisten das alles erfaßt. Nein, sie brauchen diese Anfangs­gründe, sie brauchen sie hundertmal mehr als wir, denn es kann kei­nen Kommunismus geben bei Menschen, die sich noch nicht einge­prägt haben, die sich noch nicht darüber Klarheit verschafft haben, was Kommunismus und was Warenwirtschaft ist. Jeden Tag, bei jeder Frage der praktischen Wirtschaftspolitik, bei jeder Frage, die das Ernährungswesen, die Landwirtschaft oder den Obersten Volks­wirtschaftsrat betrifft, stoßen wir auf diese Tatsachen der kleinen Warenwirtschaft. Und da soll im Programm davon nicht die Rede sein! Wenn wir so handelten, würden wir nur zeigen, daß wir nicht imstande sind, diese Frage zu lösen, daß der Erfolg der Revolution in unserem Lande durch Ausnahmeverhältnisse zu erklären ist.

Zu uns kommen Genossen aus Deutschland, um sich über die For­men der sozialistischen Ordnung klarzuwerden. Und wir müssen so handeln, daß wir den ausländischen Genossen unsere Kraft beweisen, daß sie sehen, wir gehen in unserer Revolution nicht im geringsten über den Rahmen der Wirklichkeit hinaus, wir müssen ihnen unwi­derlegbares Material geben. Es wäre lächerlich, unsere Revolution als eine Art Ideal für alle Länder hinzustellen, sich einzubilden, siehätte eine Reihe genialer Entdeckungen gemacht und eine Unmenge sozialistischer Neuerungen eingeführt. Ich habe so etwas von nie­mandem gehört und behaupte, daß wir es von niemandem hören werden. Wir haben praktische Erfahrungen in den ersten Schritten zur Zerstörung des Kapitalismus in einem Land, in dem Proletariat und Bauernschaft in einem besonderen Verhältnis zueinander stehen. Weiter nichts. Wenn wir uns wie ein Frosch aufblasen und wichtigmachen, wird die ganze Welt über uns lachen, werden wir bloße Aufschneider sein.

Auf dem Boden des marxistischen Programms haben wir die Partei des Proletariats erzogen, und ebenso muß man die Millionen und aber Millionen Werktätiger erziehen, die es bei uns gibt. Wir haben uns hier als die ideologischen Führer versammelt, und wir müssen den Massen sagen: „Wir haben das Proletariat erzogen und sind da­bei stets und vor allem von einer genauen ökonomischen Analyse ausgegangen." Diese Aufgabe ist nicht Sache eines Manifestes. Das Manifest der III. Internationale ist ein Aufruf, eine Proklamation, es will die Aufmerksamkeit darauf lenken, was vor uns steht, es ist ein Appell an das Gefühl der Massen. Bemühen Sie sich, wissenschaft­lich zu beweisen, daß Sie eine ökonomische Basis haben und daß Sie nicht auf Sand bauen. Sind Sie dazu außerstande, dann machen Sie sich nicht an die Ausarbeitung eines Programms. Um das zu tun, ist es unsere Pflicht, das zu überprüfen, was wir in 15 Jahren durchge­macht haben. Wenn wir vor 15 Jahren sagten: Wir gehen der bevor­stehenden sozialen Revolution entgegen, und wenn wir nunmehr bei ihr angelangt sind, schwächt uns das etwa? Das stärkt und festigt uns. Alles läuft darauf hinaus, daß der Kapitalismus in den Imperia­lismus übergeht, der Imperialismus aber zum Beginn der sozialisti­schen Revolution führt. Das ist langweilig und lang, und noch kein einziges kapitalistisches Land hat diesen Prozeß bis zu Ende durch­laufen. Aber im Programm muß dieser Prozeß vermerkt sein.

Das ist es, warum die theoretischen Einwände, die hier erhoben wurden, nicht im geringsten einer Kritik standhalten. Ich zweifle nicht: wenn man 10 bis 20 in der Darlegung ihrer Gedanken erfahre­ne Literaten auf drei bis vier Stunden täglich an die Arbeit setzte, so würden sie im Laufe eines Monats ein Programm zustande bringen, das besser und geschlossener wäre. Es ist aber lächerlich zu verlan­gen, das solle in ein oder zwei Tagen geschehen, wie das Gen. Pod­belski sagte. Wir haben mehr als ein, zwei Tage und sogar mehr als zwei Wochen gearbeitet. Ich wiederhole: Könnte man für einen Mo­nat eine Kommission aus 30 Mann wählen und sie einige Stunden täglich arbeiten lassen, und zwar so, daß sie nicht durch Telefonanru­fe gestört werden, so würden sie uns zweifellos ein fünfmal besseres Programm vorlegen. Doch der Kern der Sache wurde hier von nie­mand bestritten. Ein Programm, das nichts über die Grundlagen der Warenwirtschaft und des Kapitalismus sagt, wird kein internationales marxistisches Programm sein. Damit das Programm international sei,genügt es nicht, daß es die Sowjet-Weltrepublik oder die Aufhebung der Nationen proklamiert, so wie Gen. Pjatakow proklamierte: wir brauchen keine Nationen, wir brauchen den Zusammenschluß aller Proletarier. Natürlich, das ist eine ausgezeichnete Sache, und so wird es kommen, nur in einem ganz anderen Stadium der kommunisti­schen Entwicklung. Mit sichtlicher Überlegenheit sagt Gen. Pjata­kow: „1917 waren Sie zurückgeblieben, jetzt haben Sie Fortschritte gemacht." Wir haben Fortschritte gemacht, als wir in das Programm das aufnahmen, was nunmehr der Wirklichkeit entsprach. Als wir sagten, die Nationen seien auf dem Wege von der bürgerlichen De­mokratie zur proletarischen Macht, sprachen wir das aus, was ist, 1917 aber war das nur etwas, was Sie wünschten.

Wenn es zwischen uns und den Spartakusleuten jenes volle kame­radschaftliche Vertrauen geben wird, dessen es für den einheitlichen Kommunismus bedarf, jenes kameradschaftliche Vertrauen, das mit jedem Tag entsteht, das vielleicht in einigen Monaten geschaffen sein wird, dann wird es auch im Programm niedergelegt werden. Aber das zu proklamieren, solange es das noch nicht gibt, bedeutet, sie zu Dingen drängen, zu denen sie durch eigene Erfahrung noch nicht gelangt sind. Wir sagen, daß der Sowjettypus internationale Bedeutung erlangt hat. Gen. Bucharin verwies auf die englischen Komitees der Betriebsobleute. Das ist nicht ganz dasselbe wie die Sowjets. Sie entwickeln sich, aber sie sind noch im Mutterleibe. Wenn sie das Licht der Welt erblicken, dann „werden wir sehen". Aber sagen, daß wir die russischen Sowjets den englischen Arbeitern als Geschenk darbringen, das hält nicht der geringsten Kritik stand.

Weiter muß ich auf die Frage der Selbstbestimmung der Nationen eingehen. Diese Frage hat durch unsere Kritiker eine übertriebene Bedeutung erlangt. Hier zeigte sich die Schwäche unserer Kritiker darin, daß eine Frage, der im allgemeinen Aufbau des Programms, in der Gesamtsumme der Programmforderungen im Grunde nicht ein­mal eine zweitrangige Bedeutung zukommt - daß diese Frage durch diese Kritik spezielle Bedeutung erlangt hat.

Als Gen. Pjatakow sprach, fragte ich mich verwundert, was das sei: eine Programmdiskussion oder ein Streit zwischen zwei Organisati­onsbüros. Als Gen. Pjatakow sagte, die ukrainischen Kommunisten handelten gemäß den Direktiven des ZK der KPR(B), habe ich nicht begriffen, in welchem Ton er sprach. Im Tone des Bedauerns? Ich verdächtige Gen. Pjatakow dessen nicht, aber der Sinn seiner Rede war: Wozu alle diese Selbstbestimmungen, wenn in Moskau ein aus­gezeichnetes Zentralkomitee sitzt! Das ist ein kindlicher Standpunkt. Die Ukraine war von Rußland durch außergewöhnliche Verhältnisse getrennt worden, und die nationale Bewegung hat dort keine tiefen Wurzeln geschlagen. Soweit sie zum Vorschein kam, wurde sie von den Deutschen erledigt. Das ist eine Tatsache, aber es ist ein Aus­nahmefall. Dort steht es selbst mit der Sprache so, daß man nicht mehr weiß, ob die ukrainische Sprache die Sprache der Massen ist oder nicht. Die werktätigen Massen anderer Nationen waren voller Mißtrauen gegen die Großrussen als eine Kulakennation, eine Unter­drückernation. Das ist eine Tatsache. Ein Vertreter der Finnen er­zählte mir, daß unter der finnischen Bourgeoisie, die die Großrussen haßte, Stimmen laut werden: „Die Deutschen entpuppten sich als eine größere Bestie, die Entente ebenfalls, lieber her mit den Bol­schewiki." Das ist ein gewaltiger Sieg, den wir in der nationalen Frage über die finnische Bourgeoisie errungen haben. Das wird uns keineswegs hindern, gegen sie als unseren Klassengegner mitdengeeigneten Mitteln zu kämpfen. Die Sowjetrepublik, die sich in dem Land gebildet hat, dessen Zarenherrschaft Finnland unterdrückte, muß erklären, daß sie das Recht der Nationen auf Unabhängigkeit achtet. Mit der roten finnischen Regierung, die eine kurze Zeit be­stand, schlössen wir einen Vertrag ab, wir machten ihr gewisse terri­toriale Zugeständnisse, um derentwegen ich des öfteren rein chauvi­nistische Einwände zu hören bekam: „Dort gibt es gute Fischgründe, und ihr habt sie abgetreten." Das sind solche Einwände, von denen ich sagte: Kratze manch einen Kommunisten, und du wirst auf einengroßrussischen Chauvinisten stoßen.

Es scheint mir, dieses Beispiel Finnlands zeigt, ebenso wie das der Baschkiren, daß man in der nationalen Frage nicht damit argumentie­ren darf, wir brauchten um jeden Preis wirtschaftliche Einheit. Natür­lich brauchen wir sie! Aber wir müssen sie durch Propaganda, durch Agitation, durch einen freiwilligen Bund zu erreichen suchen. Die Baschkiren mißtrauen den Großrussen, weil die Großrussen kulturell höher entwickelt sind und diesen Umstand ausnutzten, um dieBaschkiren auszuplündern. Darum ist in diesen entlegenen Gegenden das Wort Großrusse für den Baschkiren gleichbedeutend mit „Unter­drücker" und „Betrüger". Damit muß man rechnen, dagegen muß man ankämpfen. Aber das ist eine langwierige Sache. Durch ein Dekret läßt sich das nicht beseitigen. Hier müssen wir sehr vorsichtig sein. Ganz besonders vorsichtig muß eine Nation wie die Großrussen sein, die in allen anderen Nationen erbitterten Haß gegen sich ge­weckt hat. Erst jetzt haben wir gelernt, das zu korrigieren, und auch das noch schlecht genug. Wir haben zum Beispiel im Kommissariat für Volksbildung oder in seiner nächsten Nähe Kommunisten, die sagen: Einheitsschule - darum wage niemand, in einer anderen Spra­che zu unterrichten als der russischen! Meines Erachtens ist ein sol­cher Kommunist ein großrussischer Chauvinist. Er steckt in vielen von uns, und ihn muß man bekämpfen.

Deshalb müssen wir den anderen Nationen erklären, daß wir kon­sequente Internationalisten sind und den freiwilligen Bund der Arbei­ter und Bauern aller Nationen anstreben. Das schließt Kriege kei­neswegs aus. Der Krieg, das ist eine andere Frage, die dem Wesen des Imperialismus entspringt. Wenn wir gegen Wilson Krieg führen und Wilson eine kleine Nation zu seinem Werkzeug macht, so sagen wir: Wir werden gegen dieses Werkzeug kämpfen. Wir haben uns niemals dagegen ausgesprochen. Wir haben niemals gesagt, die so­zialistische Republik könne ohne bewaffnete Macht existieren. Unter gewissen Verhältnissen kann sich der Krieg als notwendig erweisen. Jetzt aber besteht in der Frage der Selbstbestimmung der Nationen der Kern der Sache darin, daß die einzelnen Nationen den gleichen geschichtlichen Weg gehen, aber auf höchst mannigfaltigen Zick­zackwegen, auf den mannigfaltigsten Pfaden, und daß kulturell höher entwickelte Nationen diesen Weg eingestandenermaßen anders ge­hen als kulturell weniger entwickelte. Finnland ging einen anderen Weg, Deutschland geht einen anderen Weg. Gen. Pjatakow hat tau­sendmal recht, wenn er sagt, wir brauchten die Einheit. Aber für diese Einheit muß man kämpfen durch Propaganda, durch den Ein­fluß der Partei, durch die Schaffung einheitlicher Gewerkschaften. Doch auch hier kann man nicht nach einer Schablone verfahren. Würden wir diesen Punkt streichen oder ihn anders abfassen, so würden wir die nationale Frage aus dem Programm ausmerzen. Das wäre möglich, wenn es Menschen ohne nationale Eigentümlichkeiten gäbe. Aber solche Menschen gibt es nicht, und auf andere Weise können wir die sozialistische Gesellschaft nicht aufbauen.

Ich denke, Genossen, man muß das hier vorgelegte Programm zur Grundlage nehmen, es an eine Kommission verweisen, die durch Vertreter der Opposition oder, richtiger, durch Genossen, die hier sachliche Vorschläge gemacht haben, ergänzt wird. Diese Kommis­sion hätte uns vorzulegen: 1. eine Liste der Korrekturen zu dem Ent­wurf und 2. jene theoretischen Einwände, über die man sich nicht verständigen kann. Ich glaube, daß das die sachlichste Fragestellungist, die uns am schnellsten zu einer richtigen Entscheidung führen wird. (Beifall.)

Aus: W. I. Lenin Werke, Band 29, S. 172-182