1919





Die Dritte Internationale





und ihr Platz in der Geschichte



15. April 1919

Lenin: Band 29, Seite 294 – 302





Die Imperialisten der „Entente“länder blockieren Russland, bestrebt, die Sowjetrepublik als einen Ansteckungsherd von der kapitalistischen Welt zu isolieren. Diese Leute, die sich mit dem „Demokratismus“ ihrer Institutionen brüsten, hat der Hass gegen die Sowjetrepublik derart verblendet, dass sie nicht merken, wie sie sich selbst lächerlich machen. Man denke bloß: Die fortgeschrittenen, zivilisiertesten und „demokratischsten“ Länder, die, bis an die Zähne bewaffnet, militärisch uneingeschränkt die ganze Erde beherrschen, fürchten wie das Feuer eine Ansteckung durch Ideen , die von einem ruinierten, hungernden, rückständigen, ihrer Versicherung nach sogar halbwilden Lande ausgeht !

Schon allein dieser Widerspruch öffnet den werktätigen Massen aller Länder die Augen und hilft, die Heuchelei der Imperialisten Clemenceau, Lloyd George, Wilson und ihrer Regierungen zu entlarven.

Aber nicht nur die Tatsache, dass die Kapitalisten durch ihren Hass gegen die Sowjets verblendet sind, sondern auch ihr Gezänk untereinander hilft uns, weil es sie dazu treibt, sich gegenseitig Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Sie sind miteinander eine regelrechte Verschwörung des Schweigens eingegangen, weil sie nichts so sehr fürchten wie die Verbreitung wahrheitsgetreuer Nachrichten über die Sowjetrepublik im Allgemeinen und ihrer offiziellen Dokumente im Besonderen. Immerhin hat „Le Temps“, das führende Organ der französischen Bourgeoisie, die Nachricht von der Gründung der III. , der Kommunistischen Internationale in Moskau veröffentlicht.

Dafür sprechen wir dem führenden Organ der französischen Bourgeoisie, diesem Führer des französischen Chauvinismus und Imperialismus, unseren ergebensten Dank aus. Wir sind bereit, der Zeitung „Le Temps“ eine feierliche Adress zu übersenden als Ausdruck unserer Erkenntlichkeit dafür, dass sie uns so erfolgreich und geschickt hilft.

Daraus, wie die Zeitung „Le Zemps“ ihre Mitteilung auf Grund unseres Funkspruchs abfasste, sind völlig klar die Motive ersichtlich, von denen sich dieses Organ des Geldsacks leiten ließ. Sie wollte Wilson Nadelstiche versetzen, ihn reizen: Sehen Sie, was das für Leute sind, mit denen Sie Verhandlungen für möglich halten ! Die Neunmalklugen, die auf Bestellung des Geldsacks schreiben, merken nicht, wie ihr Versuch, Wilson mit den Bolschewiki zu schrecken, in den Augen der werktätigen Massen zur Reklame für die Bolschewiki wird. Noch einmal: Dem Organ der französischen Millionäre unseren ergebensten Dank !

Die Gründung der III. Internationale erfolgte in einer solchen internationalen Situation, dass keinerlei Verbote, keinerlei kleinliche und klägliche Kniffe der „Entente“imperialisten oder der Lakaien des Kapitalismus, wie die Scheidemänner in Deutschland, der Rebber in Österreich, verhindern konnten, dass sich die Kunde von dieser Internationale und die Sympathie für sie in der Arbeiterklasse der ganzen Welt ausbreiten. Diese Situation wurde geschaffen durch die allerorts täglich, ja stündlich unverkennbar heranreifende proletarische Revolution. Diese Situation wurde geschaffen durch die Sowjet-bewegung unter den werktätigen Massen, die bereits eine solche Kraft erlangt hat, dass sie tatsächlich international geworden ist.

Die I. Internationale (1864 – 1872) legte den Grundstein der internationalen Organisation der Arbeiter zur Vorbereitung ihres revolutionären Ansturms gegen das Kapital. Die II. Internationale (1889 – 1914) war eine internationale Organisation der proletarischen Bewegung, die in die Breite wuchs, was nicht ohne zeitweiliges Sinken des revolutionären Niveaus, nicht ohne zweitweiliges Erstarken des Opportunismus abging, der schließlich zum schmählichen Zusammenbruch dieser Internationale führte.

Die III. Internationale entstand faktisch im Jahre 1918, als der langjährige Prozess des Kampfes gegen den Opportunismus und Sozialchauvinismus, besonders während des Krieges, in einer Reihe von Nationen zur Bildung von kommunistischen Parteien geführt hatte. Offiziell ist die III. Internationale auf ihrem ersten Kongress, im März 1919 in Moskau gegründet worden. Un der charakteristischste Zug dieser Internationale, ihre Bestimmung: das Vermächtnis des Marxismus zu erfüllen und in die Tat umzusetzen, die uralte Idee des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zu verwirklichen – dieser charakteristischste Zug der III. Internationale trat sofort darin zu Tage, dass die neue, die dritte „Internationale Arbeiterassoziation“ schon jetzt in gewissem Maße mit der Union der Sozialistischen Sowejetrepubliken zusammenfällt .

Die I. Internationale legte den Grundstein zum internationalen proletarischen Kampf für den Sozialismus.

Die II. Internationale war die Epoche der Vorbereitung des Bodens für eine weite Ausbreitung der Bewegung unter den Massen in einer Reihe von Ländern.

Die III. Internationale übernahm die Früchte der II. Internationale, beseitigte ihren opportunistischen, sozialchauvinistischen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Unrat und begann , die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen.

Der internationale Bund der Parteien, die die revolutionäre Bewegung der Welt leiten, die Bewegung des Proletariats zum Sturze des kapitalistischen Jochs, hat jetzt eine Basis von beispielloser Festigkeit: mehrere Sowjetrepubliken , die in internationalem Maßstab die Diktatur des Proletariats, seinen Sieg über den Kapitalismus lebendig verkörpern.

Die weltgeschichtliche Bedeutung der III. , der Kommunistischen Internationale besteht darin, dass sie damit begonnen hat, die große Losung von Marx in die Tat umzusetzen, die Losung, die aus der hundertjährigen Entwicklung des Sozialismus und der Arbeiterbewegung die Bilanz zieht, die Losung, die ihren Ausdruck findet in dem Begriff: Diktatur des Proletariats.

Diese geniale Voraussicht, diese geniale Theorie wird zur Wirklichkeit.

Diese lateinischen Worte sind jetzt in alle Volkssprachen des heutigen Europas, mehr noch: in alle Sprachen der Welt übersetzt.

Eine neue Epoche der Weltgeschichte hat begonnen.

Die Menschheit wirft die letzte Form der Sklaverei ab: die kapitalistische oder Lohnsklaverei.

Indem sie sich von der Sklaverei befreit, gelangt die Menschheit zum ersten Mal zu wahrer Freiheit.

Wie konnte es geschehen, dass es eines der rückständigsten Länder Europas war, das als erste die Diktatur des Proletariats verwirklichte und eine Sowjetrepublik errichtete ? Wir gehen kaum fehl, wenn wir sagen, dass gerade dieser Widerspruch zwischen der Rückständigkeit Russlands und seinem „Sprung“ zur höchsten Form des Demokratismus, über die bürgerliche Demokratie hinweg zur sowjetischen oder proletarischen Demokratie, dass gerade dieser Widerspruch eine der Ursachen war (neben dem Druck der opportunistischen Gewohnheiten und philisterhaften Vorurteile, unter dem die meisten sozialistischen Führer standen ), die im Westen das Verständnis für die Rolle der Sowjets besonders erschwerten oder verzögerten.

Die Arbeitermassen der ganzen Welt erfassten instinktiv die Bedeutung der Sowjets als Kampfmittel des Proletariats und als Forum des proletarischen Staates. Doch die durch den Opportunismus korrumpierten „Führer“ beten nach wie vor die bürgerliche Demokratie an, die sie als „Demokratie“ schlechthin bezeichnen.

Ist es verwunderlich, dass die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats vor allem den „Widerspruch“ zwischen der Rückständigkeit Russlands und seinem „Sprung“ über die bürgerliche Demokratie hinweg zeigte ? Es wäre verwunderlich, wenn die Geschichte uns die Verwirklichung der neuen Form der Demokratie ohne eine Reihe von Widersprüchen geschenkt hätte.

Jeder Marxist, ja jeder mit der modernen Wissenschaft überhaupt vertraute Mensch würde die Frage: „Ist ein gleichmäßiger oder harmonisch-proportionaler Übergang der verschiedenen kapitalistischen Länder zur Diktatur des Proletariats wahrscheinlich ?“ zweifelsohne verneinend beantworten. In der Welt des Kapitalismus hat es niemals Gleichmäßigkeit, Harmonie oder Proportionalität gegeben noch geben können. Jedes Land hat bald diese, bald jene Seite oder Besonderheit, bald diese, bald jene Gruppe von Eigenschaften des Kapitalismus und der Arbeiterbewegung besonders ausgeprägt entwickelt. Der Entwicklungsprozess verlief ungleichmäßig.

Als Frankreich seine große bürgerliche Revolution vollzog und damit das ganze europäische Festland zu neuem geschichtlichen Leben erweckte, stand England an der Spitze der konterrevolutionären Koalition, obwohl es gleichzeitig kapitalistisch viel weiter entwickelt war als Frankreich. Die englische Arbeiterklasse jener Epoche aber nimmt genial vieles vom künftigen Marxismus vorweg.

Als England der Welt die erste breite, wirklich Massen erfassende, politisch klar ausgeprägte proletarisch-revolutionäre Bewegung, den Chartismus, gab, kam es auf dem europäischen Festland zu größtenteils schwachen bürgerlichen Revolutionen, in Frankreich jedoch brach der erste große Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie aus. Die Bourgeoisie zerschlug die verschiedenen nationalen Abteilungen des Proletariats einzeln und in den verschiedenen Ländern auf verschiedene Art.

England hat das Beispiel eines Landes geliefert, wo nach einem Ausdruck von Engels die Bourgeoise neben einer verbürgerlichten Aristokratie die am meisten verbürgerlichte Oberschicht des Proletariats geschaffen hat. Das führende kapitalistische Land war in Bezug auf den revolutionären Kampf des Proletariats um mehrere Jahrzehnte zurückgeblieben. Frankreich erschöpfte gleichsam die Kräfte des Proletariats in den beiden heldenmütigen Aufständen der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie in den Jahren 1848 und 1871, die in weltgeschichtlichem Sinne außergewöhnlich viel gegeben hat. Die Hegemonie in der Internationale der Arbeiterbewegung ging dann in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts an Deutschland über, als Deutschland ökonomisch sowohl hinter England als auch hinter Frankreich zurückstand. Als jedoch Deutschland ökonomisch diese beiden Länder überholt hatte, das heißt gegen Anfang des zweiten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts, da stand an der Spitze der in der ganzen Welt als Vorbild geltenden marxistischen Arbeiterpartei Deutschlands ein Häuflein abgefeimter Schurken, das denkbar schmutzigste Gesindel, das sich den Kapitalisten verkauft hat, von Scheidemann und Noske bis David und Legien, diese abscheulichsten Henker aus den Reihen der Arbeiterklasse im Dienste der Monarchie und der konterrevolutionären Bourgeoisie.

Die Weltgeschichte geht unaufhaltsam der Diktatur des Proletariats entgegen, aber sie geht bei Weitem nicht glatte, nicht einfache, nicht gerade Wege.

Als Karl Kautsky noch Marxist war und nicht jener Renegat des Marxismus, zu dem er als Streiter für die Einheit mit den Scheidemännern und für die bürgerliche Demokratie geworden ist, schrieb er ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Artikel „Die Slawen und die Revolution“. Indiesem Artikel legte er die historischen Bedingungen dar, die die Möglichkeit erkennen ließen, dass die Hegemonie in der internationalen revolutionären Bewegung an die Slawen übergeht.

So ist es gekommen. Zeitweilig – selbstverständlich nur für kurze Zeit – ist die Hegemonie in der revolutionären proletarischen Internationale an die Russen übergegangen, wie sie in verschiedenen Perioden des 19. Jahrhunderts die Engländer, dann die Franzosen und dann die Deutschen innegehabt haben.

Ich habe schon mehr als einmal gesagt: Im Vergleich zu den fortgeschrittenen Ländern hatten es die Russen leichter, die große proletarische Revolution zu beginnen , es wird ihnen aber schwerer werden, sie fortzusetzen und bis zum endgültigen Sieg im Sinne der vollständigen Organisierung der sozialistischen Gesellschaft zu führen.

Wir hatten es leichter zu beginnen, erstens weil die für das Europa des 20. Jahrhunderts außergewöhnliche, politische Rückständigkeit der Zarenmonarchie eine außergewöhnliche Kraft des revolutionären Ansturms der Massen auslöste. Zweitens führte die Rückständigkeit Russlands zu einer eigenartigen Verschmelzung der proletarischen Revolution gegen die Bourgeoisie mit der Bauernrevolution gegen die Gutsbesitzer. Damit fingen wir im Oktober 1917 an, und wir hätten damals nicht so leicht gesiegt, wenn wir nicht damit angefangen hätten. Marx hat schon 1856, in Bezug auf Preußen, auf die Möglichkeit einer eigenartigen Verbindung der proletarischen Revolution mit einem Bauernkrieg hingewiesen. Die Bolschewiki verfochten seit Anfang des Jahres 1905 die Idee der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Drittens hatte die Revolution des Jahres 1905 außerordentlich viel für die politische Schulung der Arbeiter – und Bauernmassen getan, sowohl in dem Sinne, dass sie deren Vorhut mit dem „letzten Wort“ des Sozialismus im Westen bekannt machte, als auch im Sinne der revolutionären Aktion der Massen. Ohne eine solche „Generalprobe“ wie im Jahre 1905 wäre im Jahre 1917 sowohl die bürgerliche Februarrevolution als auch die proletarische Oktoberrevolution unmöglich gewesen. Viertens gestatteten die geographischen Verhältnisse es Russland länger als anderen Ländern, sich gegen das militärische Übergewicht der fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten zu halten. Fünftens erleichterte das eigenartige Verhältnis des Proletariats zur Bauernschaft den Übergang von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution, es erleichterte den Einfluss der städtischen Proletarier auf die halb-proletarischen, armen Schichten der Werktätigen im Dorf. Sechstens erleichterten die lange Schule des Streikkampfes in der zutiefst revolutionären und sich rasch zuspitzenden Situation das Entstehen einer solchen eigenartigen Form der proletarischen revolutionären Organisation, wie es die Sowjets sind.

Die Aufzählung ist natürlich nicht vollständig. Aber wir können uns einstweilen auf sie beschränken.

Die sowjetische oder proletarische Demokratie wurde in Russland geboren. Im Vergleich zur Pariser Kommune war ein zweiter weltgeschichtlicher Schritt getan. Die Sowjetrepublik der Proletarier und Bauern erwies sich als die erste dauerhafte sozialistische Republik der Welt. Sie kann, als neuer Typus des Staates , schon nicht mehr untergehen. Sie steht schon heute nicht mehr allein.

Um den Aufbau des Sozialismus fortzusetzen, um ihn zu Ende zu führen, ist noch sehr, sehr Vieles erforderlich. Sowjetrepubliken in Ländern auf höherer Kulturstufe, mit größerem Gewicht und Einfluss des Proletariats haben alle Aussichten, Russland zu überholen, sobald sie den Weg der Diktatur des Proletariats einschlagen.

Die bankrotte II. Internationale liegt jetzt in den letzten Zügen und verwest bei lebendigem Leibe. Sie spielt faktisch die Rolle des Lakaien der internationalen Bourgeoisie. Das ist eine richtig gelbe Internationale. Ihre bedeutendsten ideologischen Führer vom Schlage Kautskys verherrlichen die bürgerliche Demokratie, die sie als „Demokratie“ schlechthin oder – was noch dümmer und noch gröber ist – als die „reine Demokratie“ bezeichnen.

Die bürgerliche Demokratie hat sich überlebt, wie sich auch die II. Internationale überlebt hat,, die eine historisch notwendige, nützliche Arbeit zu einer Zeit leistete, als die Vorbereitung der Arbeitermassen im Rahmen dieser bürgerlichen Demokratie auf der Tagesordnung stand.

Auch die demokratischste bürgerliche Republik war niemals etwas Anderes und konnte niemals etwas Anderes sein als eine Maschine zur Unterdrückung der Werktätigen durch das Kapital, ein Werkzeug der politischen Macht des Kapitals, die Diktatur der Bourgeoisie. Die demokratische bürgerliche Republik versprach der Mehrheit die Macht, proklamierte sie, konnte sie aber niemals verwirklichen, solange das Privateigentum am Grund und Boden und an den Produktionsmitteln bestand.

Freiheit“ in der bürgerlichen demokratischen Republik war in Wirklichkeit Freiheit für die Reichen . Die Proletarier und werktätigen Bauern konnten und mussten sie ausnutzen, um ihre Kräfte zum Sturz des Kapitals, zur Überwindung der bürgerlichen Demokratie vorzubereiten, aber von der Demokratie tatsächlich Gebrauch zu machen, konnten die werktätigen Massen unter dem Kapitalismus in der Regel nicht.

Die sowjetische oder proletarische Demokratie hat zum ersten Mal in der Welt eine Demokratie für die Massen, für die Werktätigen, für die Arbeiter und die Kleinbauern geschaffen.

Noch niemals hat es in der Welt eine solche Staatsmacht der Mehrheit der Bevölkerung gegeben, die tatsächliche Macht dieser Mehrheit, wie dies die Sowjetmacht ist.

Sie unterdrückt die „Freiheit“ der Ausbeuter und ihrer Helfershelfer, sie nimmt ihnen die „Freiheit“ auszubeuten, die „Freiheit“, sich am Hunger zu bereichern, die „Freiheit“, für die Wiederherstellung der Macht des Kapitals zu kämpfen, die „Freiheit“, mit der ausländischen Bourgeoisie gegen die Arbeiter und Bauern des eigenen Landes zu paktieren.

Mögen die Kautsky eine solche Freiheit verteidigen. Dazu muss man ein Renegat des Marxismus, ein Renegat des Sozialismus sein.

Nichts brachte den Bankrott der ideologischen Führer der II. Internationale, der Hilferding und Kautsky, so krass zum Ausdruck wie ihr völliges Unvermögen, die Bedeutung der sowjetischen oder proletarischen Demokratie, ihr Verhältnis zur Pariser Kommune, ihren Platz in der Geschichte, ihre Notwendigkeit als Form der Diktatur des Proletariats zu begreifen.

In Nr. 74 der Zeitung „Die Freiheit“, dem Organ der „Unabhängigen“ (lies: verspießerten, philisterhaften, kleinbürgerlichen) deutschen Sozialdemokratie, ist am 11. Februar 1919 ein Aufruf „An das revolutionäre Proletariat Deutschlands“ veröffentlicht worden.

Dieser Aufruf ist von der Leitung der Partei und ihrer ganzen Fraktion in der „Nationalversammlung“, der deutschen „Konstituante“, unterzeichnet.

Dieser Aufruf beschuldigt die Scheidemänner der Bestrebung, die Räte beseitigen zu wollen, und schlägt – ohne Scherz ! - vor, die Räte mit der Konstituante zu vereinigen , den Räten gewisse staatliche Rechte, einen gewissen Platz in der Verfassung einzuräumen.

Die Diktatur der Bourgeoisie mit der Diktatur des Proletariats versöhnen, sie miteinander vereinigen ! Wie einfach das ist. Welche eine genial-philisterhafte Idee !

Nur schade, dass sie unter Kerenski in Russland von den vereinigten Menschewiki und Sozialrevolutionären, diesen kleinbürgerlichen Demokraten, die sich für Sozialisten halten, schon erprobt worden ist.

Wer bei der Lektüre von Marx nicht begriffen hat, dass es in der kapitalistischen Gesellschaft in jedem kritischen Moment, bei jedem ernsten Zusammenstoß der Klassen allein entweder die Diktatur der Bourgeoisie oder die Diktatur des Proletariats geben kann, der hat weder von der ökonomischen noch von der politischen Lehre von Marx etwas verstanden.

Aber die genial-philisterhafte Idee der Hilferding, Kautsky und Co. von der friedlichen Vereinigung der Diktatur der Bourgeoisie und der Diktatur des Proletariats bedarf einer besonderen Untersuchung, will man die ökonomischen und politischen Albernheiten ausschöpfen, die in diesem höchst bemerkenswerten und höchst komischen Aufruf vom 11. Februar zusammengetragen sind. Das muss einem späteren Artikel vorbehalten bleiben. [ und zwar in dem Artikel in Band 29, Seite 381 – 390 - Anmerkung der Redaktion ]

Moskau, 15, April 1919