Lenin

Über den Sozialchauvinismus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenin

Über den Sozialchauvinismus

 

Beilage zum “Sozial-Demokrat”, Nr. 42, vom 1. Juni 1915

Lenin, Band 21, Seite 192 - 196


Das interessanteste und neueste Material zu dieser aktuellen Frage hat die unlängst beendete Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Bern geliefert.

[ Die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz fand vom 26. bis 28. März 1915 in Bern statt. Sie wurde auf Anregung der Auslandsvertreterinnen der bolschewistischen Frauenorganisationen von Clara Zetkin, der Sekretärin des Internationalen Sozialistischen Frauenbüros, einberufen. An der Konferenz nahmen Vertreterinnen Englands, Deutschlands, Frankreichs, Hollands, der Schweiz, Italiens, Russlands und Polens, insgesamt 125 Delegierten, teil. Der russische Delegation gehörten N. K. Krupskaja und Inès Armand an. ]

Die Leser finden weiter unten einen Bericht über die Konferenz und den Text der angenommenen wie der abgelehnten Resolution. In diesem Artikel beabsichtigen wir nur auf eine Seite der Frage einzugehen.

Die Vertreterinnen der Frauenorganisationen beim Organisationskomitee, die Holländerinnen aus der Partei Troelstras, die Schweizerinnen aus den Organisationen, die die „Berner Tagwacht“ wegen ihres angeblich übermäßigen Radikalismus scharf bekämpfen, die französische Vertreterin, die in keiner auch nur einigermaßen wichtigen Frage von der bekanntlich auf sozialchauvinistischem Boden stehenden offiziellen Partei wollte, die Engländerinnen, die dem Gedanken einer klaren Scheidung zwischen Pazifismus und revolutionärer proletarischer Taktik feindlich gegenüberstehen – sie alle einigten sich mit den „linken“ deutschen Sozialdemokratinnen auf ein und dieselbe Resolution. Die Vertreterinnen der Frauenorganisationen beim Zentralkomitee unserer Partei trennten sich von ihnen; statt sich an einem solchen Block zu beteiligen, zogen sie es vor, einstweilen allein zu bleiben.

Worin bestand das Wesen der Differenzen ? Welches ist die prinzipielle und allgemein politische Bedeutung dieses Auseinandergehens ?

Auf den ersten Blick scheint die „mittlere“ Resolution, auf die sich die Opportunisten und ein Teil der Linken einigten, sehr angemessen und prinzipiell richtig zu sein. Der Krieg wird als imperialistischer bezeichnet, die Idee der „Vaterlandsverteidigung“ wurde verurteilt, die Arbeiter werden zu Massendemonstrationen aufgerufen, usw. usf. Man könnte glauben, unsere Resolution unterscheide sich davon lediglich durch einige schärfere Ausdrücke wie „Verrat“, „Opportunismus“, „Austritt aus den bürgerlichen Kabinetten“ u. dgl. m.

Zweifellos wird man auch gerade von diesem Ge4sichtspunkt aus kritisieren, dass sich die Delegierten der Frauenorganisationen beim Zentralkomitee unserer Partei abgegrenzt haben.

Betrachtet man indes die Sache aufmerksamer und beschränkt sich nicht auf die „formale“ Anerkennung dieser oder jener Wahrheit, so genügt das, um die völlige Haltlosigkeit einer solchen Kritik zu sehen.

Auf der Konferenz stießen zwei Weltanschauungen zusammen, zwei Auffassungen vom Krieg und von den Aufgaben der Internationale, zwei Taktiken der proletarischen Parteien. Die eine Ansicht: Es ist kein Zusammenbruch der Internationale erfolgt, es liegen keine tiefen und ernsthaften Hindernisse für die Rückkehr vom Chauvinismus zum Sozialismus vor, es gibt keinen starken „inneren Feind“ in Gestalt des Opportunismus, dieser hat keinen direkten, unzweifelhaften, offensichtlichen Verrat am Sozialismus begangen. Daraus die Schlussfolgerung: Wir wollen niemanden verdammen, wir werden denen „Amnestie“ erteilen, die die Stuttgarter und die Basler Resolution verletzt haben, wir werden uns auf den Rat beschränken, den Kurs mehr nach links zu nehmen und die Massen zu Demonstrationen aufzurufen.

Die andere Ansicht über alle hier erwähnten Punkte ist absolut entgegengesetzt. Es gibt nichts Schädlicheres und Verhängnisvolleres für die proletarische Sache als die Weiterführung der innerparteilichen Diplomatie gegenüber den Opportunisten und Sozialchauvinisten. Die Resolution der Mehrheit erwies sich ja für die Opportunistinnen und Anhängerinnen der jetzigen offiziellen Parteien eben deshalb als annehmbar, weil sie ganz und gar vom Geiste der Diplomatie durchdrungen ist. Den Arbeitermassen, die gegenwärtig gerade von den offiziellen Sozialpatrioten geführt werden, streut man mit solcher Diplomatie Sand in die Augen. Den Arbeitermassen wird der zweifellos irrige und schädliche Gedanke eingeflößt, dass die jetzigen sozialdemokratischen Parteien mit ihren jetzigen Leitungen imstande seien, den Kurs zu ändern und anstatt des falschen einen richtigen zu steuern.

Dem ist nicht so. Das ist ein sehr tiefer und sehr verhängnisvoller Irrtum. Die jetzigen sozialdemokratischen Parteien und ihre Leitungen sind nicht imstande, den Kurs ernsthaft zu ändern. In Wirklichkeit wird alles beim Alten bleiben, und die in der Resolution der Mehrheit ausgesprochenen „linken“ Wünsche werden fromme Wünsche bleiben – das begriffebn die Anhängerinnen der Partei Troelstras oder der jetzigen französischen Parteileitung mit sicherem politischem Instinkt, als sie für diese Resolution stimmten. Der Aufruf zu Massendemonstrationen könnte praktisch, in Wirklichkeit, nur bei aktivster Unterstützung durch die jetzigen Leitungen der sozialdemokratischen Parteien ernsthafte Bedeutung erlangen.

Ist eine solche Unterstützung zu erwarten ? Natürlich nicht. Jedermann weiß, dass ein solcher Aufruf bei den Parteileitungen auf erbitterten ( zumeist versteckten ) Widerstand stoßen und nicht im Geringsten Unterstützung finden wird.

Hätte man das den Arbeitern offen gesagt, dann wüssten sie die Wahrheit . Die Arbeiter wüssten, dass zur Verwirklichung der „linken“ Wünsche eine radikale Kursänderung der sozialdemokratischen Parteien notwendig, dass der hartnäckigste Kampf gegen die Opportunisten und ihre „zentristischen“ Freunde erforderlich ist. Nun aber hat man die Arbeiter mit den linken Wünschen eingelullt und es abgelehnt , laut und deutlich das Übel beim Namen zu nennen, ohne dessen Bekämpfung diese Wünsche unerfüllbar bleiben.

Die diplomatischen Führer, die Schrittmacher der chauvinistischen Politik in den jetzigen sozialdemokratischen Parteien werden die Schwäche, die Unentschlossenheit, die ungenügende Bestimmtheit der Mehrheitsresolution ausgezeichnet auszunutzen wissen. Als gewiefte Parlamentarier werden sie die Rollen untereinander verteilen; die Einen werden sagen: Die „ernsthaften“ Argumente von Kautsky und Co. Sind nicht beurteilt, nicht untersucht worden, lasst uns die Diskussion auf eine breitere Grundlage stellen; die Anderen werden sagen: Seht, hatten wir nicht Recht, als wir erklärten, es gäbe keine tiefen Meinungsverschiedenheiten, wo doch die Anhängerinnen der Partei Troelstras und der Partei Guesde-Sembats mit den linken Deutschen einen gemeinsamen Nenner gefunden haben ?

Die Frauenkonferenz durfte nicht den Scheidemann, Haase, Kautsky, Vandervelde, Hyndman, Guesde und Sembat, Plechanow usw. helfen, die Arbeitermassen einzuschläfern, sie musste vielmehr umgekehrt die Massen aufrütteln und dem Opportunismus entschlossen den Krieg erklären. Nur dann hätte das praktische Ergebnis nicht in der Hoffnung auf eine „Besserung“ der genannten „Führer“ bestanden, sondern in der Sammlung der Kräfte für einen schweren und ernsten Kampf.

Man nehme die Verletzung der Stuttgarter und Baseler Resolution durch die Opportunisten und „Zentristen“: hier stoßen wir auf den Kern der Frage ! Man vergegenwärtige sich einmal klipp und klar, ohne Diplomatie, wie die Sache war.

In Voraussicht des Krieges versammelt sich die Internationale und beschließt einstimmig, im Falle des Kriegsausbruchs dafür zu arbeiten, dass

„DIE BESEITIGUNG DER KAPITALISTISCHEN KLASSENHERRSCHAFT BESCHLEUNIGT“ wird, im Geiste der KOMMUNE, des OKTOBER und DEZEMBER 1905 ( genau die Worte des Baseler Manifests !!! ) zu arbeiten, in dem Sinne zu arbeiten, dass es als ein „Verbrechen“ empfunden wird, wenn „die Proletarier des einen Landes auf die Proletarier des anderen Landes schießen“.

Die Linie der Arbeit im internationalen, proletarischen, revolutionären Geist ist hier vollkommen klar – so klar, dass man es, wollte man die Legalität wahren, nicht klarer sagen konnte.

Da bricht der Krieg aus, eben der Krieg, eben auf der Linie, wie er in Basel vorausgesehen worden war. Die offiziellen Parteien handeln direkt im entgegengesetzten Sinn: nicht als Internationalisten, sondern als Nationalisten; bürgerlich und nicht proletarisch; nicht revolutionär, sondern erz-opportunistisch. Wenn wir den Arbeitern sagen: es ist direkter Verrat an der Sache des Sozialismus geübt worden, so fegen wir mit diesen Worten auf einen Schlag alle Ausflüchte und Ausreden, alle Sophismen à la Kautsky und Axelrod fort, weisen eindeutig auf die ganze Tiefe und Stärke des Übels hin, rufen eindeutig zum Kampf gegen dieses Übel auf, nicht aber zur Versöhnung mit ihm.

Wie aber steht es mit der Resolution der Mehrheit ? Keine Silbe von einer Verurteilung der Verräter, kein Sterbenswörtchen über den Opportunismus, eine einfache Wiederholung der Gedanken des Baseler Manifests !!! Als wäre nichts Ernstes geschehen, als wäre ein kleiner zufälliger Fehler unterlaufen und es genüge, den alten Beschluss zu wiederholen , als wäre eine nicht prinzipielle, nicht sehr tiefe Meinungsverschiedenheit entstanden und es genüge, den Riss zu verkleben !!!

Aber das ist doch eine direkte Verhöhnung der Beschlüsse der Internationale, eine Verhöhnung der Arbeiter. Die Sozialchauvinisten wollen im Grunde genommen gar nichts Anderes als eine einfache Wiederholung der alten Beschlüsse, damit in Wirklichkeit nur ja nichts geändert werde.

Das ist weiter nichts als eine stillschweigende und heuchlerisch verhüllte Amnestie für die sozialchauvinistischen Anhänger der Mehrheit der jetzigen Parteien. Wir wissen, dass es eine „Unmenge von Liebhabern“ gerade dieses Weges gibt, die sich auf ein paar linke Phrasen beschränken möchten. Solche Leute sind für uns keine Weggefährten. Wir sind einen anderen Weg gegangen und werden ihn weitergehen, wir wollen die Arbeiterbewegung und den Ausbau der Arbeiterpartei durch die Tat fördern, im Geiste der Unversöhnlichkeit gegenüber dem Opportunismus und Sozialchauvinismus.

Ein Teil der deutschen Delegierten scheute vermutlich vor einer eindeutigen Resolution aus Erwägungen zurück, die sich ausschließlich auf das Entwicklungstempo des Kampfes gegen den Chauvinismus innerhalb einer einzigen, nämlich ihrer eigenen Partei beziehen. Aber derartige Erwägungen waren offensichtlich unangebracht und irrig, da die internationale Resolution weder das Tempo noch die konkreten Bedingungen des Kampfes gegen den Sozialchauvinismus in den einzelnen Ländern betraf und auch nicht betreffen konnte; auf diesem Gebiet ist die Autonomie der einzelnen Parteien unanfechtbar. Es galt, von der internationalen Tribüne den unwiderruflichen Bruch mit dem Sozialchauvinismus in der ganzen Richtung, im ganzen Charakter der sozialdemokratischen Arbeit zu verkünden; statt dessen aber wiederholte die Resolution der Mehrheit noch einmal den alten Fehler, den Fehler der II. Internationale, die den Opportunismus und das Auseinanderklaffen von Wort und Tat diplomatisch zu verhüllen pflegte. Wir wiederholen: Diesen Weg werden wir nicht gehen.