Kommunistische Internationale (Stalinisten-Hoxhaisten)

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Lenin

Über die Emigration (Schriftensammlung)

 

 

 

 

 

 

 

Lenin

Über die Emigration

Sammlung von Zitaten

- ausgewählt und zusammengestellt

von Wolfgang Eggers

 

 

 

 

Der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart

(II. Internationale)

geschrieben Ende August bis Anfang September 1907

veröffentlicht am 20. Oktober 1907 im „Proletari“, Nr. 17

wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) zum 140. Geburtstag Lenin – April 2010

Lenin, Band 13, Seite 71




Über die Resolution zur Aus – und Einwanderungsfrage wollen wir nur einige Worte sagen. Auch hier wurde in der Kommission versucht, zünftlerisch beschränkte Anschauungen zu verfechten, ein Verbot der Einwanderung von Arbeitern aus den rückständigen Ländern (Kulis aus China usw.) durchzubringen. Das ist der selbe Geist des Aristokratismus unter den Proletariern einiger „zuvilisierter“ Länder, die aus ihrer privilegierten Lage gewisse Vorteile ziehen und daher geneigt sind, die Forderungen internationaler Klassensolidarität zu vergessen. Auf dem Kongress selbst fanden sich keine Verfechter dieser zünftlerischen und spießbürgerlichen Beschränktheit. Die Resolution entspricht durchaus den Forderungen der revolutionären Sozialdemokratie.

 

 

Lenin, Band 13, Seite 81:

Auch in der Frage der Ein - und Auswanderung sind in der Kommission des Stuttgarter Kongresses die Meinungsverschiedenheiten zwischen Opportunisten und Revolutionären mit aller Deutlichkeit zu Tage getreten. Die Ersten trugen sich mit dem Gedanken, das Übersiedlungsrecht der rückständigen, unentwickelten Arbeiter, insbesondere der Japaner und Chinesen, zu beschränken . Der Geist zünftlerisch beschränkter Abgeschlossenheit, trade-unistischer Exklusivität war bei solchen Leuten stärker als das Bewusstsein der sozialistischen Aufgaben: Aufklärung und Organisierung der von der Arbeiterbewegung noch nicht erfassten Schichten des Proletariats. Der Kongress lehnte alle dahingehende Bestrebungen ab. Selbst in der Kommission gab es nur ganz vereinzelte Stimmen zu Gunsten einer Beschränkung der Übersiedlungsfreiheit, und die Resolution des Internationalen Kongresses ist von der Anerkennung des solidarischen Klassenkampfes der Arbeiter aller Länder bestimmt.

 

 

 

Lenin, Band 19, Seite 447 - 450

veröffentlicht in "Sa Prawda", Nr. 22 - vom 29. Oktober 1913

 

 

 

Lenin, Band 20, Seite 12 - 21

geschrieben Oktober - Dezember 1913

veröffentlicht 1913 in der Zeitschrift "Prosweschtschenije" Nr. 10, 11 und 12

Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage

 

Der Kapitalismus kennt in seiner Entwicklung zwei historische Tendenzen in der nationalen Frage.

Die erste Tendenz: Erwachen des nationalen Lebens und der nationalen Bewegungen, Kampf gegen jede nationale Unterdrückung, Herausbildung von Nationalstaaten.

Die zweit Tendenz: Entwicklung und Vervielfachung der verschiedenartigen Beziehungen zwischen den Nationen, Niederreißen der nationalen Schranken, Herausbildung der internationalen Einheit des Kapitals, des Wirtschaftslebens überhaupt, der Politik, der Wissenschaft usw.

Beide Tendenzen sind ein Weltgesetz des Kapitalismus.

Die erste überwiegt im Anfangsstadium seiner Entwicklung, die zweite kennzeichnet den reifen, seiner Umwandlung in die sozialistische Gesellschaft entgegengehenden Kapitalismus. Das nationale Programm der Marxisten rechnet mit beiden Tendenzen, es verficht erstens die Gleichberechtigung der Nationen und Sprachen, die Unzulässigkeit aller wie immer gearteten Privilegien in dieser Hinsicht (aber auch das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, wovon eigens weiter unten die Rede sein wird) und zweitens den Grundsatz des Internationalismus und des unversöhnlichen Kampfes gegen die Verseuchung des Proletariats mit bürgerlichem Nationalismus, und sei es auch in seiner verfeinertsten Form.

(..)

Bleibt nun nach Abstrich jeglicher Gewalt und jeglicher Rechtsungleichheit von dem Begriff des Assimilantentums noch etwas Reales übrig?

Unbedingt ja. Es bleibt jene welthistorische Tendenz des Kapitalismus zum Niederreißen der nationalen Schranken, zum Verwischen der nationalen Unterschiede, zur Assimilation der Nationen, die mit jedem Jahrzehnt immer mächtiger hervortritt und eine der größten Triebkräfte darstellt, die den Kapitalismus in Sozialismus verwandeln.

Wer die Bleichberechtigung der Nationen und Sprachen nicht anerkennt und nicht verteidigt, wer nicht jede nationale Unterdrückung oder Rechtsungleichheit bekämpft, der ist kein Marxist, der ist nicht einmal ein Demokrat. Das unterliegt keinem Zweifel. Aber ebensowenig unterliegt es einem Zweifel, dass ein Quasi-Marxist, der einen Marxisten einer anderen Nation wegen "Assimilantentum" nach Strich und Faden heruntermacht, in Wirklichkeit einfach ein nationalistischer Spießer ist.

Eine annähernde Vorstellung davon, in welchem Umfang sich der Prozess der Assimilation der Nationen unter den modernen Verhältnissen des fortgeschrittenen Kapitalismus überhaupt vollzieht, kann man sich zum Beispiel der Angaben über die Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Nordamerika machen. Europa hat in den zehn Jahren von a891 - 1900 3, 7 Millionen Menschen und in den zehn Jahren von 1901 bis 1909 7, 2 Millionen Menschen dorthin abgegeben. Bei der Volkszählung im Jahre 1900 wurden in den Vereinigten Staaten über 10 Millionen Ausländer gezählt. Der Staat New York, in dem es laut dieser Volkszählung über 78 000 Österreicher, 136 Engländer, 20 000 Franzosen, 480 000 Deutsche, 37 000 Ungarn, 425 000 Iren, 182 000 Italiener, 70 000 Polen, 166 000 Einwanderer aus Russland (größtenteils Juden), 43 000 Schweden usw. gab, gleicht einer Mühle, die die nationalen Unterschiede vermahlt. Und was im großen, internationalen Ausmaß in New York vor sich geht, geschieht auch in jeder großen Stadt und in jeder Fabriksiedlung.

Wer nicht in nationalistischen Vorurteilen versumpft ist, kann nicht umhin, in diesem, durch den Kapitalismus bewirkten Assimilationsprozess der Nationen einen gewaltigen geschichtlichen Fortschritt, die Beseitigung der nationalen Verknöcherung der verschiedensten Krähwinkel zu sehen, die es namentlich in rückständigen Ländern wir Russland gibt.

(...)

Zuerst die nationale Sache und dann die proletarische, sagen die bürgerlichen Nationalisten ...

Allem voran die Sache des Proletariats, sagen wir, denn sie sichert nicht nur die dauernden, grundlegenden Interessen der Arbeit und die Interessen der Menschheit, sondern auch die Interessen der Demokratie.

Die ... Arbeiter müssen gemeinsam und, solange sie in einem Staat leben, in engster organisatorischer Einheit und Verschmolzenheit für die allgemeine oder internationale Kultur der proletarischen Bewegung eintreten und in der Frage, in welcher Sprache sie propagiert wird und was für rein örtliche oder rein nationale Besonderheiten in dieser Propaganda berücksichtigt werden, absolute Toleranz üben. Das ist eine unbedingte Forderung des Marxismus. Jeder Propagierung der Trennung der Arbeiter einer Nation von einer anderen, alle Ausfälle gegen marxistisches "Assimilantentum", jede Gegenüberstellung der einen nationalen Kultur, als Ganzes genommen, und einer anderen, angeblich ein Ganzes darstellenden nationalen Kultur in Fragen, die das Proletariat betreffen, usw. ist bürgerlicher Nationalismus, gegen den unbedingt ein erbarmungsloser Kampf geführt werden muss.

(...)

Der Marxismus setzt an die Stelle jeglichen Nationalismus den Internationalismus, die Verschmelzung aller Nationen zu einer höheren Einheit.

(...)

Das Proletariat kann keinerlei Verankerung des Nationalismus unterstützen, im Gegenteil, es unterstützt alles, was dazu beiträgt, die nationalen Unterschiede zu verwischen, die Schranken zwischen den Nationen niederzureißen, alles, was den Zusammenhalt zwischen den Nationalitäten immer enger gestaltet, alles, was zur Verschmelzung der Nation führt.

 

 

Lenin, Band 20, Seite 138

(1913)

Ein liberaler Professor über die Gleichheit

Unter Gleichheit verstehen die Sozialdemokraten auf politischem Gebiet die Gleichberechtigung und auf dem ökonomischen Gebiet die Abschaffung der Klassen . (...) Die Klassen abzuschaffen bedeutet, alle Bürger in ein gleiches Verhältnis zu den Produktionsmitteln der gesamten Gesellschaft zu bringen, bedeutet, dass alle Bürger gleiche Arbeitsmöglichkeiten mit gesellschaftlichen Produktionsmitteln, auf gesellschaftlichem Grund und Boden, in gesellschaftlichen Fabriken und so weiter haben.

(...)

Kurz gesagt: Wenn die Sozialisten von Gleichheit sprechen, verstehen sie darunter stets die soziale Gleichheit, die Gleichheit der sozialen Stellung, keineswegs aber die Gleichheit der physischen und geistigen Fähigkeiten der einzelnen Personen.

 

 

Lenin, Band 21, Seite 363 - 364

Imperialismus und Sozialismus in Italien

veröffentlicht in "Kommunist" Nr. 1/2, 1915

 

Sache der Bourgeoisie ist es, für Privilegien und Vorrechte ihres nationalen Kapitals zu kämpfen und das Volk oder das gemeine Volk .. irrezuführen, indem sie den imperialistischen Kampf um das "Recht", andere auszuplündern, für einen nationalen Befreiungskampf ausgibt.

Vor dem Tripoliskrieg hat Italien - wenigstens in großem Ausmaß - andere Völker nicht ausgeplündert. Ist das etwa nicht eine unerträgliche Schmach für den Nationalstolz ? Die Italiener werden von anderen Nationen unterdrückt und erniedrigt. Die italienische Auswanderung betrug in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts rund 100 000 Personen jährlich, erreicht aber jetzt eine viertel Million, und das sind alles Bettler, die der nackte Hunger im wahrsten Sinne dieses Wortes aus ihrem Lande treibt, das sind alles Lieferanten von Arbeitskraft für die am schlechtesten bezahlten Industriezweige, diese ganze Masse bevölkert die engsten, ärmsten und schmutzigsten Viertel der amerikanischen und europäischen Städte. Die Zahl der im Ausland lebenden Italiener ist von 1 Million im Jahre 1881 auf 5 1/2 Millionen im Jahre 1910 gestiegen, wobei die große Masse auf die reichen und "großen" Länder entfällt, in denen die Italiener die gröbste und "niedrigste", die "ärmste und rechtloseste Arbeitermasse darstellen. Hier die Hauptländer, die sich der billigen italienischen Arbeitskraft bedienen: Frankreich - 400 000 Italiener im Jahre 1910 (240 000 im Jahre 1881); die Schweiz - 135 000 (41 000); [ in Klammern die Zahlen von 1881]; Österreich - 80 000 (40 000); Deutschland - 180 000 (7 000); die Vereinigten Staaten - 1 779 000 (170 000); Brasilien - 1 500 000 (82 000); Argentinien - 1 000 000 (254 000).

Das "glorreiche" Frankreich, das vor 125 Jahren für die Freiheit gekämpft hat und aus diesem Grunde seinen jetzigen Krieg um sein und Englands Sklavenhalter"recht auf Kolonien" einen "Befreiungs"krieg nennt, dieses Frankreich hält geradezu in besonderen Gettos Hunderttausende von italienischen Arbeitern, von denen sich das kleinbürgerliche Geschmeiß der "großen" Nation möglichst abzusondern sucht, die es in jeder Weise zu erniedrigen und zu beleidigen trachtet. Die Italiener werden verächtlich "Makkaroni" genannt..

Man muss anerkennen, dass der europäische Krieg der Menschheit ungeheuren Nutzen insofern gebracht hat, als er Hunderte Millionen von Menschen verschiedener Nation tatsächlich kategorisch vor die Frage stellte:

Entweder ihr verteidigt, mit dem Gewehr oder der Feder, direkt oder indirekt, in welcher Form auch immer, die Großmacht - und überhaupt die nationalen Privilegien oder Machtpositionen oder Ansprüche der "eigenen" Bourgeoisie, und das heißt dann, ihr seid Anhänger oder Lakaien;

oder ihr nutzt jeden und insbesondere den bewaffneten Kampf um die Großmachtprivilegien aus, um jede, vor allem aber die eigene Regierung mittels revolutionärer Aktionen des international solidarischen Proletariats zu entlarven und zu stürzen. Der Versuch, eine mittlere Linie zu beziehen, bedeutet in Wirklichkeit den verkappten Übergang auf die Seite der imperialistischen Bourgeoisie.

 

 

Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus

Lenin, Band 22, Seite 287 - 288

1917

Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus.

Zu den ... Besonderheiten des Imperialismus gehört die abnehmende Auswanderung aus den imperialistischen Ländern und die zunehmende Einwanderung (Zustrom von Arbeitern und Übersiedlung) in diese Länder aus rückständigeren Ländern mit niedrigeren Arbeitslöhnen. Die Auswanderung aus England sinkt, wie Hobson feststellt, seit 1884: Sie betrug in jenem Jahr 242 000 und 169 000 im Jahre 1900. Die Auswanderung aus Deutschland erreichte ihren Höhepunkt im Jahrzehnt 1881 - 1890, nämlich 1 453 000, und sank in den zwei folgenden Jahrzehnten auf 544 000 bzw. 341 000. Dafür stieg die Zahl der Arbeiter, die aus Österreich, Italien, Russland usw. nach Deutschland kamen. Nach der Volkszählung vom Jahre 1907 gab es in Deutschland 1 342 294 Ausländer, davon 440 800 Industriearbeiter und 257 329 Landarbeiter. In Frankreich sind die Arbeiter im Bergbau "zum großen Teil" Ausländer: Polen, Italiener und Spanier. In den Vereinigten Staaten nehmen die Einwanderer aus Ost - und Südeuropa die am schlechtesten bezahlten Stellen ein, während die amerikanischen Arbeiter den größten Prozentsatz der Aufseher und der bestbezahltesten Arbeiter stellen. Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte kategorien auszusondern und sie von der großen Masse des Proletariats abzuspalten.

Ursachen:

1. Ausbeutung der ganzen Welt durch das betreffende Land; 2. seine Monopolstellung auf dem Weltmarkt; 3. sein Kolonialmonopol

Wirkungen:

1. Verbürgerung eines Teils des englischen Proletariats; 2. ein Teil des Proletariats lässt sich von Leuten führen, die von der Bourgeoisie gekauft sind oder zumindest von ihr bezahlt werden.

 

 

 

 

Lenin, Band 23, Seite 141

geschrieben Anfang Dezember 1916 in deutscher Sprache

Die Aufgaben der Linksradikalen (oder der linken Zimmerwaldisten) in der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz

III. Besonders dringende demokratische Umgestaltungen und Ausnutzung des politischen Kampfes und des Parlamentarismus

 

18. Einführung der kostenlosen Zwangseinbürgerung der Ausländer in der Schweiz. Jeder Ausländer, nachdem er drei Monate in der Schweiz verbracht hat, wird zum Schweizer Bürger, wenn er nicht auf Grund besonderer Umstände um Verschiebung dieses Termins bittet ( und zwar nicht mehr als auf weitere drei Monate). Aufklärung der Massen über die besondere Dringlichkeit dieser Reform für die Schweiz sowohl vom allgemein-demokratischen Standpunkte als auch deswegen, weil die imperialistische Umgebung der Schweiz sie zu einem Staate mit dem höchsten Prozentsatz an Ausländern in ganz Europa gemacht hat. Neun Zehntel (genau:96%) der sich in der Schweiz befindenden Ausländer sprechen eine von den drei in der Schweiz verbreiteten Sprachen. Die politische Rechtlosigkeit der ausländischen Arbeiter und deren Lage als Fremde stärkt die politische Reaktion, die auch sonst im Wachsen ist, und schwächt die internationale Solidarität des Proletariats.

 

 

 

 

 

 

EMIGRATION VON REVOLUTIONÄREN

 

 

 

 

Eine Karrikatur auf den Bolschewismus

Lenin Band 15, Seite 394

Beilage zu Nr. 44 des "Proletari" - 4. (17.) April 1909

 

Die objektiven Tatsachen sagen uns, dass es in der Entwicklung nicht nur des Bolschewismus, sondern des ganzen russischen Marxismus überhaupt eine Periode der Karrikatur auf den Marxismus gegeben hat und dass der russische Marxismus im Kampf gegen diese Wachstumskrankheit, gegen die Krankheit der Erweiterung seiner Einflusssphäre erstarkt und herangewachsen ist. Der russische Marxismus wurde Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in den Arbeiten einer Gruppe von Emigranten (Gruppe "Befreiung der Arbeit") geboren.

 

 

 

30. August 1909

Brief an die Schüler der Parteischule auf Capri

Lenin, Band 15, Seite 479

Überlegen Sie selbst, für wen es leichter ist, einen Ort zu wählen, für die zugereisten Schüler oder für die hiesigen Lektoren. Sie sind eigens ins Ausland gereist, um an einer Schule zu lernen. Also kann es für Sie keine Hindernisse geben, hierher zu fahren, wo sich eine große Anzahl von Lektoren aufhält6 und wo man die Sache wirklich im Sinne der Partei gestalten kann.

Die Lektoren dagegen können nicht vom Parteizentrum nach der Insel Capri fahren. Ich möchte von mir sprechen. Ich kann die Redaktion des "Proletari" nicht im Stich lassen - ich kann die Redaktion des Zentralorgans nuicht hinwerfen - ich kann die in Paris gebildete Kommission zur Unterstützung des sozialdemokratischen Dumafraktion nicht aufsitzen lassen - ich muss im Klub des "Proletari" , der in den Arbeitervierteln von Paris gelegen ist, wo Hunderte und Tausende russischer Arbeiter leben, sprechen usw. Eine Reise der Parteipublizisten von Paris nach der Insel Capri ist absolut unmöglich.

Paris ist das bedeutendste Emigrantenzentrum, in dem ständig öffentliche Referate aller Fraktionen gehalten, Diskussionen geführt und verschiedenartige Zirkel veranstaltet werden, wo es zwei, drei ganz passable russische Bibliotheken gibt, wo sich Dutzende von sozialdemokratischen Funktionären mit langjähriger Parteierfahrung aufhalten usw. In Paris erscheinen 3 russische sozialdemokratische Zeitungen. Mit einem Wort, für jeden, der sich einigermaßen im Ausland auskennt, ist es sonnenklar: wer nach Paris fährt, um den Sozialdemokratismus zu studieren, der fährt, um wirklich den Sozialdemokratismus zu studieren. Wer aber nach Capri fährt, um zu studieren, fährt dort hin, um eine "besondere" fraktionelle "Wissenschaft" zu studieren.

 

 

 

Lenin, Band 17, Seite 530

Der Anonymus aus dem "Vorwärts" und die Sachlage in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands

geschrieben im März 1912

in deutscher Sprache veröffentlicht in Paris

 

Im "Vorwärts" vom 26. März erschien eine offizielle Mitteilung von der Konferenz der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands und ein anonymer Artikel, in dem der Verfasser, einer Resolution von Auslandsgruppen russischer Sozialdemokraten folgend, diese Konferenz mit einer Flut von Schmähworten überhäuft. Diese Konferenz bildete den Abschluss des vierjährigen kampfes der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands mit den Liquidatoren. Diese Konferenz kam zustande, trotz aller Quertreibereien der Liquidatoren, die die Wiederherstellung der Partei um jeden Preis verhindern wollten. Sie erklärte die Liquidatoren als außerhalb der Partei stehend. Es ist nur zu natürlich, dass die Liquidatoren und alle, die zu ihnen halten, jetzt über die Konferenz herfallen.

(...)

Auch wir in unserer Partei pflegen den Gebrauch, dass an Konferenzen die Organisationen teilnehmen, die in Russland wirken, und nicht allerlei "Richtungen" oder "Gruppen" im Ausland. Divergieren diese "Gruppen" mit den russischen Organisationen, so liegt in dieser Tatsache allein ihre stärkste Verurteilung - ihr Todesurteil, das sie mit Fug und Recht verdienen. Die Geschichte der russischen Emigration - gleich der aller übrigen Länder - strotzt von Fällen, wo solche "Richtungen" oder "Gruppen", der Arbeit der sozialdemokratischen Arbeiter in Russland einmal entfremdet, dem natürlichen Tode verfielen.

 

 

 

Lenin, Band 18, Seite 170

Wie P. B. Axelrod die Liquidatoren entlarvt.

veröffentlicht am 22. und 29. Juli 1912 in der "Newskaja Swesda" Nr. 18 und 19

 

Es gibt heute noch literarische Schmutzfinken, die sich speziell damit befassen, "aus jenen Zeiten" Sträuße von tausendundein Beschuldigungen unehrlichen Verhaltens und dgl mehr zu sammeln. Es gibt aber auch ernste Sozialdemokraten, und diese decken die ideologischen Wurzeln der Meinungsverschiedenheiten auf, die bei der Spaltung der einzelnen Gruppen,, unter den Bedingungen des Emigrantendaseins usw. unausbleiblich die Form heftiger und erbitterter Konflikte annehmen.

 

 

 

Lenin, Band 18, Seite 205

Zur gegenwärtigen Sachlage in der SDAPR

geschrieben 17. (30.) Juli und 20. August (2. September) 1912

veröffentlicht 1912 in Leipzig

 

Die legal erscheinenden, im marxistischen Geiste geführten russischen Blätter sind im gegenwärtigen Zeitpunkt das wichtigste offene Sprachrohr der russischen sozialdemokratischen Arbeiterschaft in ihrem Zusammenhange mit der Agitationsbewegung der Partei.

Die im Auslande erscheinenden, für Russland nicht legalen Blätter können sachgemäß keinen Anspruch auf dieselbe Bedeutung wier die oben genannten erheben, wenn auch ihre prinzipielle Wichtigkeit für die theoretische Klärung der Bewegung zweifellos außerordentlich groß ist. Man weiß ja, wie leicht und zuweilen leichtfertig solche Blätter von kleinen, im Auslande zerstreuten Gruppen der russischen Emigranten gegründet werden; diese Blätter führen ihr kümmerliches Dasein innerhalb solcher Gruppen und gelangen fast nie in die Hände der russischen Parteimitglieder. Es kann ihnen daher sachgemäß keine irgendwie nennenswerte Bedeutung für das Parteileben in Russland zuerkannt werden.

 

 

 

Lenin, Band 18, Seite 311

Noch ein Feldzug gegen die Demokratie

"Newskaja Swesda" Nr. 24 und 25, 2. und 9. September 1912

IV

 

Ja, es gibt viel Schweres in den Emigrantenkreisen. Hier, und nur hier, wurden in den düsteren Jahren, in den Jahren der Stagnation, die wichtigsten prinzipiellen Fragen der gesamten russischen Demokratie gestellt. In diesen Kreisen gibt es mehr Elend und Not als irgendwo anders. Hier ist der Prozentsatz der Menschen, die nur ein einziges Bündel kranker Nerven sind, unwahrscheinlich, grauenhaft hoch. Kann es anders sein inmitten solch gepeinigter Menschen ?

 

 

 

Lenin, Band 18, Seite 402

"Brennende Fragen" unserer Partei

geschrieben November 1912

veröffentlicht im August 1913 in der Zeitschrift "Pismo Dyskusyjne" Nr. 1

 

Bei einer Spaltung und überhaupt in einem erbitterten Kampf der Richtungen ist das Aufkommen solcher Gruppen, die ihre Existenz auf dem unaufhörlichen Überlaufen von der einen Seite auf die andere, auf kleinliche Intrigen gründen, unvermeidlich . Das ist ein unschöner, unangenehmer Zug im Leben unserer Partei, der durch die Bedingungen der revolutionären Arbeit in der Emigration besonders verschärft wird. Intrigantengruppen, Züge des Intrigantentums in der Politik mancher Gruppen, besonders solcher mit schwach entwickelten Beziehungen zu Russland, sind eine Erscheinung, die man kennen muss, um sich nicht täuschen zu lassen, um nicht Opfer verschiedener "Missverständnisse" zu werden.

 

 

 

Lenin, Band 21, Seite 181

Über die Vereinigung der Internationalisten

"Sozial-Demokrat" Nr. 41, 1. Mai 1915

 

Der Krieg hat den ganzen internationalen Sozialismus in eine tiefe Krise gestürzt. Wie dies jede Krise tut, hat auch die jetzige Krise des Sozialismus seine inneren Gegensätze tiefer und klarer enthüllt, viele falsche und konventionelle Hüllen abgerissen und in der schärfsten und krassesten Form gezeigt, was im Sozialismus morsch und überlebt ist und worin die Gewähr für seine weitere Entwicklung und für sein Fortschreiten zum Siege besteht.

In den Vordergrund tritt die Gruppierung entsprechensd der durch den Krieg aufgeworfenen Grundfrage, nämlich: Scheidung in "Internationalisten" und "Sozialpatrioten".

Keinerlei Misserfolg irgendwelcher Beratungen wird die Vereinigung der Internationalisten aufhalten, insofern ideologische Solidarität und der aufrichtige Wunsch vorhanden sind, den Sozialpatriotismus zu bekämpfen. ... nämlich sämtliche Gruppen auffordern und selbst sofort damit anfangen, 1. vollständige, genaue, unzweideutige, absolut klare Antworten auf die Frage nach dem Inhalt des Internationalismus auszuarbeiten ( denn auch die Vandervelde, Kautsky, Plechanow, Lensch und Haenisch nennen sich ja Internationalisten !), desgleichen zu den Themen Opportunismus, Zusammenbruch der II. Internationale, Aufgabe und Mittel des Kampfes gegen den Sozialpatriotismus usw.; 2. die Kräfte zu ernsthaften Kampf für bestimmte Prinzipienj zu sammeln, und zwar nicht nur im Ausland, sondern hauptsächlich in Russland.

In der Tat, wird irgend jemand zu leugnen wagen, dass es für den Sieg des Internationalismus über den Sozialpatriotismus einen anderen Weg nicht gibt und nicht geben kann ?

Hat nicht ein halbes Jahrhundert Geschichte des Emigrantentums in Russland ( und die dreißigjährige Geschichte der sozialdemokratischen Emigranten) gezeigt, dass alle Deklarationen, Konferenzen usw. im Ausland machtlos, unernst und fiktiv sind, wenn sie nicht von einer lang dauernden Bewegung dieser oder jener sozialen Schicht in Russland unterstützt werden ? Lehrt uns nicht auch der jetzige Krieg, dass alles Unreife oder Angefaulte, alles Konventionelle oder Diplomatische beim ersten Stoß zu Staub zerfällt ?

Mehr Misstrauen gegen prunkvolle Deklarationen und Konferenzen ! Mehr Energie für die Ausarbeitung von so präzisen Antworten und Ratschlägen an die Publizisten, Propagandisten, Agitatoren und alle denkenden Arbeiter, dass diese Ratschläge nicht unverstanden bleiben können ! Mehr Klarheit und Bestimmtheit bei der Sammlung der Kräfte für die langwierige Arbeit der Umsetzung dieser Ratschläge in die Tat !

 

 

 

Lenin, Band 21, Seite 397

Die revolutionären Marxisten auf der Internationalen Sozialistischen Konferenz vom 5. - 8. September 1915

"Sozial-Demokrat" Nr. 45/46 - 11. Oktober 1915

Der auf dieser Konferenz geführte ideologische Kampf wurde zwischen einer geschlossenen Gruppe von Internationalisten, revolutionären Marxisten, und schwankenden Beinahe-Kautskyanern ausgetragen, die den rechten Flügel der Konferenz bildeten.

Ihr folgt dem schlechten Beispiel Kautskys, antworteten wir den Deutschen: In Worten bekennt ihr euch zur kommenden Revolution, faktisch aber verzichtet ihr darauf, den Massen offen von der Revolution zu sprechen, sie dazu aufzurufen und ganz konkret die Kampfmittel anzugeben, die von der Masse im Verlauf der Revolution erprobt und als richtig anerkannt werden. Vom Ausland her - den deutschen Philistern erschien es entsetzlich, dass man es wagt, vom Ausland her über revolutionäre Kampfmittel zu sprechen ! - riefen Marx und Engels 1847 in dem berühmten "Manifest der Kommunistischen Partei" zur Revolution auf, sie sprachen klar und offen von der Anwendung der Gewalt und erklärten, dass sie es "verschmähen", ihre revolutionären Ziele, die Aufgaben und Methoden des Kampfes zu verheimlichen.

 

 

 

Lenin, Band 23, Seite 207

Offener Brief an Boris Souvarine

geschrieben in der zweiten Dezemberhälfte 1916

zuerst veröffentlicht am 27. Januar 1918 in der Zeitung "La Vérité", Nr. 48

 

Neunundzwanzig Jahre sind seit meiner ersten Verhaftung in Russland vergangen. In diesen 29 Jahren habe ich nicht aufgehört, revolutionäre Appelle an die Massen zu richten. Ich habe das von meinem sibirischen Gefängnis aus und später vom Ausland aus getan. Und ich fand in der revolutionären Presse des Öfteren die gleichen "Anspielungen" wie in den Reden der zaristischen Staatsanwälte, "Anspielungen", dass es mir an Ehrlichkeit gebräche, da ich, der ich im Ausland lebte, revolutionäre Appelle an die Massen Russlands richte. Wenn zaristische Staatsanwälte solche "Anspielungen" machen, dann wird das niemanden wundern. Aber ich muss sagen, dass ich von Ledebour andere Argumente erwartet hätte. Ledebour hat wahrscheinlich vergessen, dass Marx und Engels, als sie 1847 ihr berühmtes "Kommunistisches Manifest" schrieben, ebenfalls vom Ausland aus revolutionäre Appelle an die deutschen Arbeiter richteten ! Der reviolutionäre Kampf ist oft nicht möglich ohne Emigration der Revolutionäre. Frankreich hat diese Erfahrungen wiederholt gemacht. Und Bürger Souvarine täte besser daran, dem schlechten Beispiel Ledebours und ... der zaristischen Staatsanwälte nicht zu folgen.

 

 

 

Lenin, Band 23, Seite 374

Die Machenschaften der republikanischen Chauvinisten

30. III. 1917

veröffentlicht am 5. April 1917 im "Volksrecht" Nr. 81

 

 

"Unter dem alten Regime", und zwar in der Zeit vom April 1912 bis zum Juli 1914, erschien in Petersburg die sozialdemokratische Tageszeitung "Prawda". Diese Zeitung war faktisch das Organ des Zentralkomitees unserer Partei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Ich schrieb fast täglich aus Krakau, wo ich damals als politischer Emigrant lebte, für diese Zeitung. Die sozialdemokratischen Duma-abgeordneten, die unserer Partei angehörten und vom Zaren wegen ihrer Agitation gegen den imperialistischen Krieg nach Sibirien verbannt wurden, Badajew, Muranow, Petrowski, Schagow, Samoilow (bis zum Sommer 1014 gehörte auch Malinowski zu dieser Gruppe), kamen regelmäßig nach Krakau, und wir berieten dort, wie die Zeitung zu leiten ist. Es liegt auf der Hand, dass die Zarenregierung die "Prawda", die eine Auflage bis zu 60 000 Exemplaren hatte, nicht nur von allen Seiten mit Spitzeln umgab, sondern sich auch bemühte, unter ihre Angestellten Lockspitzel einzuschmuggeln. Zu den Lockspitzeln gehörte auch Tschernomasow, der in Parteikreisen "Miron" genannt wurde. Er erschlich sich das Vertrauen der Genossen und wurde 1913 Sekretär der "Prawda".

 

 

 

Lenin, Band 35, Seite 285

- 30. III. 1917

 

 

 

 

 

Lenin, Band 23, Seite 378 - 379

Beschluss des Auslandskollegiums des ZK der SDAPR

 

 

 

 

 

Lenin, Band 24, Seite 9 - 11

4. (17.) April 1917

 

 

 

 

 

 

Lenin, Band 24, Seite 110 - 112

"An die Soldaten und Matrosen"

 

 

 

 

 

 

Lenin, Band 24, Seite 158

Zur Rückkehr der Emigranten

"Prawda, Nr. 34 - 16. April 1917

 

Die heutigen Zeitungen veröffentlichen ein Telegramm mit der Unterschrift von P. B. Avelrod, L. Martow, Rjasanow, Lunatscharski, Natanson, in dem es heißt: "Wir konstatieren die absolute Unmöglichkeit, über England nach Russland zurückzukehren."

Ein anderes Programm, gezeichnet von dem Mitglied der II. Duma Mandelberg, von Professor Reichesberg, Felix Kon, Ustinow, Balabanowa, Andronnikow und anderen, lautet:

"Den Ausweg sehen wir in einem Abkommen zwischen der russischen und der deutschen Regierung ... über den Austausch der Internierten .... gegen die Freilassung einer entsprechenden Anzahl deutscher Zivil- gefangener, die in Russland interniert sind."

Sollten die Herrschaften von der "Russkaja Wolja" und dem "Jedinstwo" nicht auch diese Emigranten für deutsche Agenten erklären ?

 

 

 

 

 

Lenin, Band 24, Seite 186

Die Logik des Bürgers W. Tschernow

"Prawda, Nr. 37 - 4. Mai (21. April) 1917

 

 

 

 

 

 

 

Lenin, Band 31, Seite 10 - April/Mai 1917

Der "linke Radikalismus", die Kinderkrankheit des Kommunismus

II

Eine der Grundbedingungen des Erfolgs der Bolschewiki

 

Wodurch wird die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats aufrechterhalten ?

Wodurch wird sie kontrolliert ? Woduch gestärkt ?

Erstens durch das Klassenbewusstsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihrer Selbstaufopferung, ihren Heroismus.

Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nicht-proletarischen werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.

Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, dass sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.

Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittensten Klasse zu sein, deren Aufgabe es ist, die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten, die Disziplin nicht verwirklicht werden. Ohne diese Bedingungen werden die Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unweigerlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber andererseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langes Bemühen, durch harte Erfahrung erarbeitet; ihre Erarbeitung wird erleichtert durch die richtige revolutionäre Theorie, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt.

Wenn der Bolschewismus in den Jahren 1917 - 1920 unter unerhört schweren Bedingungen die strengste Zentralisation und eine eiserne Disziplin schaffen und erfolgreich verwirklichen konnte, so liegt die Ursache dafür ganz einfach in einer Reihe historischer Besonderheiten Russlands.

Einerseits ist der Bolschewismus im Jahre 1903 auf der festen Grundlage der marxistischen Theorie entstanden. Dass aber diese - und nur diese - revolutionäre Theorie richtig ist, haben nicht nur die internationalen Erfahrungen des ganzen 19. Jahrhunderts, sondern insbesondere auch die Erfahrungen mit den Irrungen und Wirrungen, mit den Fehlern und Enttäuschungen des revolutionären Denkens in Russland bewiesen. Im Laufe ungefähr eines halben Jahrhunderts, etwa von den vierziger und bis zu den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, suchte das fortschrittliche Denken in Russland, unter dem Joch des unerhört barbarischen und reaktionären Zarismus, begierig nach der richtigen revolutionären Theorie und verfolgte mit erstaunlichem Eifer und Bedacht jedes "letzte Wort" Europas und Amerikas auf diesem Gebiet. Den Marxismus als die einzig richtige revolutionäre Theorie hat sich Russland wahrhaft in Leiden errungen , durch ein halbes Jahrhundert unerhörter Qualen und Opfer, beispiellosen revolutionären Heldenmuts, unglaublicher Energie und hingebungsvollen Suchens, Lernens, praktischen Erprobens, der Enttäuschungen, des Überprüfens, des Vergleichens mit den Erfahrungen Europas.

DANK DEM VOM ZARISMUS AUFGEZWUNGENEN EMIGRANTENLEBEN VERFÜGTE DAS REVOLUTIONÄRE RUSSLAND IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19. JAHRHUNDERTS ÜBER EINE SOLCHE FÜLLE VON INTERNATIONALEN VERBINDUNGEN, ÜBER EINE SO VORTREFFLICHE KENNTNIS ALLER FORMEN UND THEORIEN DER REVOLUTIONÄREN BEWEGUNG DER WELT WIE KEIN ANDERES LAND AUF DEM ERDBALL (hervorgehoben vom Herausgeber).

Andererseits hat der Bolschewismus, der auf dieser granitnen theoretischen Grundlage entstanden war, eine fünfzehnfährige (1903 - 1917) praktische Geschichte hinter sich, die an Reichtum der Erfahrung nicht ihresgleichen kennt. Denn kein anderes Land hatte in diesen 15 Jahren auch nur annähernd soviel durchgemacht an revolutionärer Erfahrung, an rapidem und mannigfaltigem Wechsel der verschiedenen Formen der Bewegung: der legalen und illegalen, der friedlichen und stürmischen, der unterirdischen und offenen, der Zirkelarbeit und der Massenarbeit, der parlamentarischen und der terroristischen Form der Bewegung. In keinem anderen Lande war in einem so kurzen Zeitraum ein solcher Reichtum an Formen, Schattierungen und Methoden des Kampfes aller Klassen der modernen Gesellschaft konzentriert gewesen, und zwar eines Kampfes, der infolge der Rückständigkeit des Landes und des schweren Jochs des Zarismus besonders schnell heranreifte und sich besonders begierig und erfolgreich das entsprechende "letzte Wort" der amerikanischen und europäischen politischen Erfahrungen zu eigen machte.

III Die Hauptetappen in der Geschichte des Bolschewismus

Die Jahre der Vorbereitung der Revolution (1903 - 1905). Überall ist das Nahen des großen Sturmes zu spüren. In allen Klassen Gärung und Vorbereitung. Die Emigrantenpresse im Ausland wirft theoretisch alle Grundfragen der Revolution auf. Die Vertreter der drei Hauptklassen, der drei wichtigsten politischen Strömungen - der bürgerlich-liberalen, der kleinbürgerlich-demokratischen ( die sich hinter den Aushängeschildern der "sozial-demokratischen" und der "sozial-revolutionären" Richtung verbirgt) und der proletarisch-revolutionären _, nehmen im äußerst erbitterten Kampf der programmatischen und taktischen Auffassungen den kommenden offenen Kampf der Klassen vorweg und bereiten ihn vor... Die Klassen schmieden sich die nötigen ideologischen und politischen Waffen für die kommenden Schlachten.

(...)

Der erste imperialistische Weltkrieg ( 1914 - 1917). Der legale Parlamentarismus leistet der Partei des revolutionären Proletariats, den Bolschewiki, infolge des Umstands, dass das "Parlament" äußerst reaktionär ist, überaus nützliche Dienste. Die bolschewistischen Deputierten wandern nach Sibirien. In unserer Emigrantenpresse kommen alle Schattierungen der Auffassungen des Sozialimperialismus, des Sozialchauvinismus, des Sozialpatriotismus, des inkonsequenten und konsequenten Internationalismus, des Pazifismus und der revolutionären Ablehnung der pazifistischen Illusionen voll zum Ausdruck.

 

 

 

 

Lenin, Band 33, Seite 267 - 27. März - 2. April 1922

XI. Parteitag der KPR (B)

 

Ein Rückzug ist eine schwierige Sache, besonders für Revolutionäre, die anzugreifen gewohnt sind, besonders dann, wenn sie mehrere Jahre lang mit größtem Erfolg anzugreifen gewohnt waren, besonders wenn sie von Revolutionären anderer Länder umringt sind, die nur davon träumen, zum Angriff überzugehen. Angesichts unseres Rückzugs brachen manche von ihnen sogar in unstatthafter, kindischer Weise in Tränen aus, wie das auf der letzten Tagung des erweiterten Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale geschah. Aus den allerbesten kommunistischen Gefühlen und kommunistischen Bestrebungen heraus brachen einige Genossen in Tränen aus, weil die guten russischen Kommunisten, man stelle sich das nur vor, den Rückzug antraten. Vielleicht fällt es mir heute schon schwer, mich in diese westeuropäische Mentalität zu versetzen, obwohl ich doch eine stattliche Anzahl von Jahren als Emigrant in diesen schönen demokratischen Ländern gelebt habe. Aber vielleicht ist das von ihrem Standpunkt aus so schwer zu begreifen, dass man darüber in Tränen ausbrechen kann. Wir jedenfalls haben keine Zeit, uns mit Sentimentalitäten abzugeben. Uns war klar, dass es für uns, gerade weil wir viele Jahre lang so erfolgreich angegriffen und so viele ungewöhnliche Siege errungen hatten (und das alles in einem unglaublich verwüsteten Land, dem die materiellen Voraussetzungen fehlten), absolut notwendig war, den Angriff zu sichern, absolut notwendig war, nachdem wir so viel erobert hatten, den Rückzug anzutreten. Wir konnten nicht alle Stellungen halten, die wir im Sturm erobert hatten, andererseits hatten wir nur dank dem Umstand, dass wir, getragen von der Woge des Enthusiasmus der Arbeiter und Bauern, im Sturm unermesslich viel erobert hatten, so viel Raum, dass wir uns sehr weit6 zurückziehen konnten und uns auch gegenwärtig noch weit zurückziehen können, ohne das Wichtigste und Grundlegende auch nur im Geringsten aufzugeben.