Lenin gegen den Trotzkismus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenin gegen den Trotzkismus

(Sammlung von Texten und Zitaten - zusammengestellt von Wolfgang Eggers)

 

 

 

"Der internationale Kampf gegen den Neo-Revisionismus wird nicht auf dem Boden des trotzkistischen Revolutionismus geführt, sondern auf dem Boden des Leninismus."

(Komintern [SH])

 

 

 

 

 

Lenin, Band 8, Seite 283 und 284

"SOZIALDEMOKRATIE UND PROVISORISCHE REVOLUTIONÄRE REGIERUNG"

Geschrieben Ende März - Anfang April 1905.
Veröffentlicht am 5. und 12. April (23. und 30. März) 1905
im „Wperjod" Nr. 13 und 14.

Wenn der Schwätzer Trotzki jetzt (leider neben Parvus) schreibt, daß „der Priester Gapon eine einmalige Erscheinung" sei, daß es „für einen zweiten Gapon keinen Platz gibt", so lediglich deshalb, weil er eben ein Schwätzer ist. Gäbe es in Rußland keinen Platz für einen zweiten Gapon, so würde es bei uns auch keinen Platz für eine wirklich „große", ihre Aufgaben bis zu Ende durchführende demokratische Revolution geben. (...) Mit dem Revolutionismus eines vom Klassenboden losgerissenen Demokraten, der mit Phrasen prunkt und auf gangbare und billige Losungen (..) erpicht ist, wollen wir es gar nicht erst aufnehmen; wir werden uns im Gegenteil diesem Revolutionismus gegenüber stets kritisch verhalten, werden die wahre Bedeutung der Worte, den wahren Inhalt der idealisierten großen Ereignisse aufdecken und eine nüchterne Einschätzung der Klassen und der Schattierungen innerhalb der Klassen in den heißesten Situationen der Revolution lehren. (...)

Um zu einer großen zu werden, um an die Jahre 1789—1793, nicht 1848—1850, zu erinnern und sie noch zu übertreffen, muß sie gigantische Massen zu aktivem Leben, zu heroischen Anstrengungen, zu „gründlicher geschichtlicher Aktion" aufrütteln, muß sie sie aus fürchterlicher Finsternis, aus beispielloser Bedrückung, aus unsäglicher Verwilderung und hoffnungsloser Stumpfheit emporheben. Die Revolution ist schon dabei, sie aufzurütteln, und sie hebt sie auch empor — die Regierung selbst erleichtert dies durch ihren krampfhaften Widerstand; aber selbstverständlich kann von einem reifen politischen Bewußtsein, von einem sozialdemokratischen Bewußtsein dieser Massen und ihrer zahlreichen „urwüchsigen" Volks- oder gar Bauernführer keine Rede sein. Sie können nicht sofort, ohne eine Reihe revolutionärer Prüfungen durchgemacht zu haben, Sozialdemokraten werden, nicht nur infolge ihrer Unwissenheit (eine Revolution klärt, wir wiederholen es, mit märchenhafter Geschwindigkeit auf), sondern deshalb, weil sie ihrer Klassenlage nach keine Proletarier sind, weil die objektive Logik der historischen Entwicklung sie im gegenwärtigen Zeitpunkt vor die Aufgaben durchaus nicht einer sozialistischen, sondern einer demokratischen Umwälzung stellt.

Und an dieser Umwälzung wird das revolutionäre Proletariat mit aller Energie teilnehmen, es wird die jämmerliche Nachtrabpolitik der einen wie die revolutionäre Phrase der andern zurückweisen, wird in den schwindelerregenden Wirbel der Geschehnisse klassenmäßige Bestimmtheit und Klassenbewußtsein hineintragen, wird unentwegt und mutig vorwärtsschreiten, wird die revolutionär-demokratische Diktatur nicht fürchten, sondern sie vielmehr leidenschaftlich herbeisehnen, wird für die Republik und die volle republikanische Freiheit, für ernsthafte ökonomische Reformen kämpfen, damit eine wirklich weite und des 20. Jahrhunderts wirklich würdige Arena für den Kampf um den Sozialismus geschaffen wird.

Lenin, Band 12, Seite 453 - 454

V. Parteitag der SDAPR

30. April - 19. Mai (13. Mai - 1. Juni) 1907

2. (15.) MAI

Ein paar Worte über Trotzki.

Er sprach für das „Zentrum", er brachte die Ansichten des „Bund" zum Ausdruck. Er zog gegen uns los, weil wir eine „unannehmbare" Resolution eingebracht hätten. Er drohte offen mit der Spaltung, mit dem Auszug der Dumafraktion, die durch unsere Resolution beleidigt wäre. Ich unterstreiche diese Worte. Ich fordere Sie auf, unsere Resolution aufmerksam durchzulesen.

Eine Beleidigung darin zu sehen, daß Fehler in ruhigem Ton, ohne jede in scharfe Form gekleidete Rüge festgestellt werden, aus diesem Anlaß von Spaltung zu sprechen, ist das nicht ungeheuerlich?? Zeigt das nicht die Krankheit unserer Partei, Angst vor dem Eingeständnis von Fehlern?

Angst vor Kritik an der Dumafraktion?

Allein schon die Möglichkeit, die Frage so zu stellen, zeigt, daß es in unserer Partei etwas gibt, was nicht parteigemäß ist. Dieses nicht Parteigemäße besteht in den Beziehungen der Dumafraktion zur Partei. Die Dumafraktion muß mehr vom Parteigeist durchdrungen, enger mit der Partei verbunden, stärker auf die ganze proletarische Arbeit abgestimmt sein. Dann wird man nicht mehr über Beleidigung schreien hören, und die Drohungen mit der Spaltung werden aufhören.

Als Trotzki sagte: Ihre unannehmbare Resolution ist ein Hindernis für die Durchführung Ihrer richtigen Gedanken, rief ich ihm dazwischen:

Legen Sie,doch eine eigene Resolution vor!" Trotzki antwortete: Nein, zuerst ziehen Sie Ihre zurück. Nicht wahr, das ist eine schöne Position des „Zentrums" ? Für unseren (nach Trotzkis Meinung) Fehler („taktloses" Verhalten) bestraft er die ganze Partei, indem er ihr seine „taktvolle" Darlegung derselben Prinzipien vorenthält! Warum habt ihr eure Resolution nicht durchgebracht? wird man uns in den Parteiorganisationen fragen. Weil das Zentrum sich durch sie gekränkt fühlte und aus Gekränktheit die Darlegung seiner eigenen Prinzipien ablehnte!! ( B e i f a l l der B o l s c h e w i k i und e i n e s T e i l s des Z e n t r u m s . ) Das ist keine prinzipielle Position, sondern es ist die Prinzipienlosigkeit des Zentrums.

Wir sind zum Parteitag gekommen mit zwei der Partei längst bekannten taktischen Linien. Es ist unklug und einer Arbeiterpartei unwürdig, Meinungsverschiedenheiten zu verhüllen und sie zu verheimlichen. Stellen wir beide Standpunkte recht klar einander gegenüber. Bringen wir sie in Anwendung auf alle Fragen unserer Politik zum Ausdruck. Ziehen wir das klare Fazit unserer Parteierfahrungen. Nur so werden wir unsere Pflicht erfüllen und den Schwankungen in der Politik des Proletariats ein Ende machen. ( B e i f a l l d e r B o l s c h e w i k i u n d e i n e s T e i l s d e s Z e n t r u m s . )

 

Lenin, Band 16, Seite 347, 349

Offener Brief an alle parteitreuen Sozialdemokraten

Das Januarplenum 1910 hat in der Geschichte unserer Partei eine sehr große Bedeutung. Es hat die taktische Linie der Partei für die Periode der Konterrevolution endgültig festgelegt, indem es in Weiterentwicklung der Dezemberresolutionen von 1908 festgestellt hat, daß sowohl das Liquidatorentum als auch der Otsowismus Ausdruck des Einflusses der Bourgeoisie auf das Proletariat sind. Des weiteren brachte das Plenum die Frage der Liquidierung der Fraktionen in unserer Partei — d. h. die Notwendigkeit der Herstellung einer wirklichen Einheit der sozialdemokratischen Arbeiterpartei - mit der Festlegung der politisch-ideologischen Aufgaben der Partei in der gegenwärtigen historischen Periode in Zusammenhang.

Nach dem Plenum, das die Frage der Fraktionen und ihrer Liquidierung mit aller Klarheit stellte, das diese Frage erstmalig im Zusammenhang mit der politisch-ideologischen Linie dieser Fraktionen selbst, d. h. Erstmalig auf dem realen Boden der Berücksichtigung der wirklidben Annäherung in der Arbeit und nicht auf dem Boden leerer Beteuerungen, formaler Versprechen und dergleichen anderer Phrasen stellte - nach dem Plenum und der einjährigen Erprobung seiner Ergebnisse ist es bereits nicht mehr zulässig, das alte heuchlerische Versteckspiel fortzusetzen.

Man muß offen auftreten. Man muß den Mut haben zu sagen, was ist.

Wenn das ZK willens ist, der Partei unverblümt und offen zu sagen, was ist, wird diese einfache Erklärung in seinen Händen eine Waffe von größter Durchschlagskraft sein, hundertmal gewichtiger, als es irgendwelche Resolutionen, Beteuerungen, Verurteilungen, Ausschlüsse u. dgl. m. sein können.

Zu sagen, was ist, heißt anzuerkennen, daß der Versuch einer Liquidierung alter Fraktionen leider durch die „Golos"- und „Wperjod"-Leute zunichte gemacht worden ist, daß aber die Annäherung des Hauptkerns, die Annäherang der wirklich parteitreuen Elemente aus den beiden Hauptfraktionen, die Annäherung der parteitreuen Elemente aus den Reihen der nationalen und der nichtfraktionellen Sozialdemokraten an sie einen Schritt vorangekommen ist. Wenn Trotzki und ihm ähnliche Anwälte der Liquidatoren und Otsowisten diese Annäherung für „politisch inhaltslos" erklären, so bescheinigen derartige Reden nur die ganze Prinzipienlosigkeit Trotzkis, die ganze reale Feindschaft seiner Politik gegenüber der Politik einer wirklichen (und sich nicht nur auf Versprechungen beschränkenden) Liquidierung der Fraktionen. Diese Liquidierung nach der einjährigen Erprobung der Ergebnisse des Plenums zu versprechen, bedeutet einfach Hochstapelei. Wenn aber die Liquidierung der Fraktionen eine Phrase ist, so ist die Annäherung der Hauptströmungen in den beiden Hauptfraktionen eine Tatsache. Aus dieser Tatsache entstehen keinerlei „Blocks", keinerlei hochtrabende Beteuerungen, keinerlei Versprechungen, daß die Meinungsverschiedenheiten verschwinden, sondern daraus ergibt sich die reale Möglichkeit, die Partei in der Tat aufzubauen, gestützt auf die Zusammenarbeit eines Teils der Menschewiki und eines Teils der Bolschewiki.Wenn das ZK willens ist, mit ganzer Konsequenz den Weg einer solchen Anerkennung und einer solchen Arbeit zu gehen, wenn es willens ist, alle zentralen Institutionen zu Organen dieser Annäherung zu machen, diese Institutionen von der unwürdigen und schädlichen „Liebedienerei" gegenüber den „Golos"-Leuten oder von der „Einladung" der „Golos"-Leute gänzlich frei zu machen und die Möglichkeit einer Arbeit ohne Intrigen zu schaffen, so werden wir diese Politik, die wir in der Tat seit dem Frühjahr 1909, d. h. bereits seit fast zwei Jahren durchführen, aus ganzem Herzen und mit allen Kräften unterstützen.

Wenn das ZK nicht willens ist, diese unvermeidliche Schlußfolgerung aus den Lehren des Plenums und aus dessen Ergebnissen zu ziehen, dann möge es getrost die Führung der Parteiarbeit... und der Arbeit zur Wiederherstellung der Einheit an die Vereinigung der „Golos"-Leute, der „Wperjod"-Leute und Trotzkis abgeben. Das wird offener und ehrlicher sein, wir aber halten uns dieser Vereinigung fern, die ihre Parteifeindlichkeit in der Praxis unter Beweis gestellt hat.Gerade die „Golos"- und „Wperjod"-Leute haben sofort nach dem Plenum die Spaltung faktisch vollzogen, richtiger: sie haben nie aufgehört, entgegen ihren Versprechungen auf dem Plenum, an der Spaltung zu arbeiten - gerade sie haben die Spaltung während des ganzen Jahres fortgesetzt, haben sie verstärkt, haben die Unabhängigkeit von der Partei der Gruppe Potressow und Co., der Gruppe der Publizisten, der Begründer der „machistischen" Schule usw. usf. unterstützt. Weiterhin zuzulassen, daß solche Spalter in den Parteizentren verbleiben, bedeutet, die Sache der Partei endgültig zunichte zu machen. Die bisherige Lage beizubehalten, wo diese Spalter ihre Anwesenheit in den Parteizentren ausgenutzt haben, um jede Arbeit zu hemmen, um Herrn Potressow oder den Führern der „machistischen" Schule zu Gefallen die Partei von innen heraus zu zersetzen, bedeutet, der Sache der Parteivereinigung einen großen und nicht wiedergutzumachenden Schaden zuzufügen.

Schon von alters her sagt man: Es werden nicht alle, die da sagen, „Herr, Herr!" in das Himmelreich eingehen. Und wir müssen nach den Erfahrungen des Plenums wiederholen: Es sind nicht alle, die da billige Phrasen über die Parteitreue dreschen, in der Tat parteitreue Sozialdemokraten.

Die „Golos"- und „Wperjod"-Leute haben nach dem Plenum die Partei gespalten. Das ist eine Tatsache. Trotzki war in dieser Angelegenheit ihr Anwalt. Das ist gleichfalls eine Tatsache.

Um der Spaltung Einhalt zu gebieten, um zu verhindern, daß sie sich noch weiter ausbreitet, gibt es kein anderes Mittel, als die Annäherung derer, die in der Tat nach dem Plenum Parteiarbeit geleistet haben, d. h. der parteitreuen Menschewiki und Bolschewiki, zu stärken, zu festigen und in aller Form zu bestätigen.

Indem wir alle parteitreuen Menschewiki, alle nichtfraktionellen parteitreuen Sozialdemokraten und Bolschewiki sowie alle nationalen sozialdemokratischen Organisationen von unserer Ansicht über die Lage in der Partei in Kenntnis setzen, fordern wir die bolschewistischen Gruppen in Rußland auf, unverzüglich zu beginnen, sich um die „Rabotschaja Gaseta" zu scharen und an die Vorbereitung von Beratungen und Konferenzen zu gehen, die zur Wiederherstellung der Partei notwendig sind und die infolge der bestehenden Lage unvermeidlich mit ganz bescheidenen, inoffiziellen und nicht formalen Versuchen beginnen müssen.

Wir fordern auch die Auslandsgruppen der Bolschewiki auf, sich so umzubilden, daß jede Verbindung zu den „Wperjod" -Leuten, die ihre Parteifeindlichkeit voll und ganz bewiesen haben, aufhört, und ohne Behinderung seitens dieser Verteidiger des Otsowismus eine systematische Arbeit zur Festigung der Partei, zur Annäherung an die parteitreuen Sozialdemokraten anderer Fraktionen, zur Organisierung von gemeinsamen Klubs, Lektionen, Referaten u. dgl. m. zu beginnen und vorbereitende Schritte für eine wirkliche Vereinigung all derer im Ausland zu unternehmen, die nicht mit dem „Wperjod" und dem „Qolos" gehen. Wenn dort, wo sich „Golos"-Leute befinden, zwangsläufig zwei parallele Gruppen bestehen, so geht es nicht an, daß die Bolschewiki in ihren Gruppen weiterhin parteifeindliche „Wperjod"-Leute dulden. Diese mögen sich bei den „Golos"-Leuten eine Bleibe suchen.

Die Redaktion der „Rabotschaja Gaseta"

Geschrieben in der zweiten Novemberhälfte (erste Dezemberhälfte) 1910.

Zuerst veröffentlicht am 21. Januar 1932 in der „Prawda" Nr.21.

 

 

Lenin, Band 16, Seite 381

Geschrieben Ende 1910.
Veröffentlicht am 29. April (12. Mai) 1911 im "Diskussionny Listok".
„ Diskussionny Listok" Nr. 3.

DER HISTORISCHE SINN DES INNERPARTEILICHEN KAMPFES IN RUSSLAND


Das in der Überschrift bezeichnete Thema wird in Artikeln Trotzkis und Martows in den Nummern 50 und 51 der „Neuen Zeit" angeschnitten.

Martow legt die Anschauungen des Menschewismus dar. Trotzki, der sich hinter besonders klingenden Phrasen versteckt, trottet hinter den Menschewiki her. Für Martow läuft die „russische Erfahrung" darauf hinaus, daß die „blanquistische und anarchistische Unkultur über die marxistische Kultur" (lies: der Bolschewismus über den Menschewismus) „den Sieg davongetragen hat". „Die russische Sozialdemokratie redete allzu eifrig russisch" - zum Unterschied von den „allgemein europäischen" Methoden der Taktik. Trotzkis „Geschichtsphilosophie" ist die gleiche. Die Ursache des Kampfes sei die „Anpassung der marxistischen Intelligenz an die Klassenbewegung des Proletariats". In den Vordergrund würden „sektiererischer Geist, Intelligenzlerindividualismus, ideologischer Fetischismus" gerückt. „Der Kampf um den Einfluß auf das politisch unreife Proletariat" - das sei der Kern der Sache.

I

Die Theorie, die in dem Kampf des Bolschewismus gegen den Menschewismus einen Kampf um den Einfluß auf das unreife Proletariat erblickt, ist nicht neu. Wir begegnen ihr seit 1905 (wenn nicht seit 1903) in unzähligen Büchern, Broschüren und Artikeln der liberalen Presse. Martow und Trotzki tischen den deutschen Genossen marxistisch verbrämte liberale Anschauungen auf.

Gewiß, das russische Proletariat ist politisch viel weniger reif als das westeuropäische. Aber von allen Klassen der russischen Gesellschaft hat gerade das Proletariat in den Jahren 1905-1907 die größte politische Reife offenbart. Die russische liberale Bourgeoisie, die sich bei uns ebenso gemein, feige, dumm und verräterisch benommen hat wie die deutsche im Jahre 1848, haßt ja gerade darum das russische Proletariat, weil es sich 1905 als politisch reif genug erwiesen hat, dieser Bourgeoisie die Führung der Bewegung zu entreißen, den Verrat der Liberalen schonungslos zu entlarven.

Es sei eine „Illusion" zu glauben - erklärt Trotzki - , der Menschewismus und der Bolschewismus hätten „in den Tiefen des Proletariats feste Wurzeln gefaßt". Das ist ein Musterbeispiel jener klingenden, aber hohlen Phrasen, die unser Trotzki meisterhaft beherrscht. Nicht in den „Tiefen des Proletariats", sondern in dem ökonomischen Inhalt der russischen Revolution liegen die Wurzeln der Differenzen zwischen den Menschewiki und den Bolschewiki. Indem Martow und Trotzki diesen Inhalt ignorieren, haben sie sich die Möglichkeit genommen, den historischen Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland zu erfassen. Das Wesentliche besteht nicht darin, ob die theoretischen Formulierungen der Differenzen in diese oder jene Schichten des Proletariats „tief" eingedrungen sind, sondern darin, daß die ökonomischen Bedingungen der Revolution von 1905 das Proletariat in ein feindliches Verhältnis zur liberalen Bourgeoisie gebracht haben, und zwar nicht nur wegen der Frage der besseren Lebensbedingungen für die Arbeiter, sondern auch wegen der Agrarfrage, wegen aller politischen Fragen der Revolution usw. Vom Kampf der Richtungen in der russischen Revolution reden, Etiketten wie „Sektierertum", „Unkultur" u. dgl. austeilen und kein Wort über die grundlegenden ökonomischen Interessen des Proletariats, der liberalen Bourgeoisie und der demokratischen Bauernschaft sagen - heißt auf das Niveau von Vulgärjournalisten hinabsinken.


Lenin, Band 16, Seite 395 - 399

DER HISTORISCHE SINN DES INNERPARTEILICHEN KAMPFES IN RUSSLAND

Geschrieben Ende 1910.

Veröffentlicht am 29. April (12. Mai) 1911 im "Diskussionny Listok". „ Diskussionny Listok" Nr. 3.

Die Krise der sozialdemokratischen Partei ist sehr schwer. Die Organisationen sind zerschlagen. Eine Menge alter Führer (vor allem aus den Reihen der Intelligenz) ist verhaftet. Ein neuer Typ des sozialdemokratischen Arbeiters, der die Parteiangelegenheiten in seine Hand nimmt, hat sich schon entwickelt, aber er hat außergewöhnliche Schwierigkeiten zu überwinden. Unter diesen Verhältnissen verliert die sozialdemokratische Partei viele „Mitläufer". Es war natürlich, daß sich in der bürgerlichen Revolution kleinbürgerliche Mitläufer den Sozialisten angeschlossen hatten. Sie fallen jetzt vom Marxismus und von der Sozialdemokratie ab.

Dieser Prozeß ist in beiden Fraktionen zutage getreten: bei den Bolschewiki in Form der „otsowistischen" Strömung, die im Frühjahr 1908 auftauchte, sofort auf der Moskauer Konferenz eine Niederlage erlitt und, nach langem Kampf, vom offiziellen Zentrum der Fraktion verworfen, im Ausland eine besondere Traktion - die der „Wperjod"-Gruppe - bildete.

Die Eigenart der Zerfallsperiode kam darin zum Ausdruck, daß sich in dieser Fraktion sowohl jene „Machisten", die in ihre Plattform den Kampf gegen den Marxismus (unter dem Aushängeschild der Verteidigung der „proletarischen Philosophie") aufgenommen hatten, als auch die „Ultimatisten", diese verschämten Otsowisten, sowie verschiedene Typen von „Sozialdemokraten aus den Tagen der Freiheit" zusammenfanden, die, von „effektvollen" Losungen hingerissen, sich diese eingepaukt, die Grundlagen des Marxismus aber nicht begriffen hatten.

Bei den Menschewiki fand derselbe Prozeß des Abfalls der kleinbürgerlichen „Mitläufer" seinen Ausdruck in der liquridatorischen Strömung, die gegenwärtig völlig feste Gestalt angenommen hat in der Zeitschrift des Herrn Potressow „Nascha Sarja", in den Zeitschriften „Wosroshdenije" und „Shisn", in der Position der „Sechzehn" und der „Drej" (Michail, Roman, Juri), wobei der im Ausland erscheinende „Golos Sozial-Demokrata" faktisch die Stelle eines Lakaien der russischen Liquidatoren einnimmt, der sie gegenüber der Parteiöffentlichkeit diplomatisch deckt.

Da Trotzki die historische und ökonomische Bedeutung dieses Zerfalls in der Epoche der Konterrevolution, dieses Abfalls nichtsozialdemokratischer Elemente von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nicht begriffen hat, erzählt er den deutschen Lesern von einem „Zerfall" beider Fraktionen, von einem „Zerfall der Partei", von einer „Zersetzung der Partei".

Das ist nicht wahr. Und diese Unwahrheit bringt erstens die völlige theoretische Verständnislosigkeit Trotzkis zum Ausdruck. Warum das Plenum sowohl das Liquidatorentum als auch den Otsowismus für den „Ausdruck des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat" erklärt hat, das hat Trotzki absolut nicht begriffen. In der Tat, man überlege: äußert sich in der Abtrennung der von der Partei verurteilten Strömungen, die den bürgerlichen Einfluß auf das Proletariat zum Ausdruck bringen, der Zerfall der Partei, die Zersetzung der Partei oder ihre Festigung und Reinigung?

Zweitens bringt diese Unwahrheit in der Praxis die auf Reklame ausgehende „Politik" der Trotzki-Fraktion zum Ausdruck, Daß Trotzkis Unternehmen der Versuch ist, eine Fraktion zu schaffen, sieht jetzt, wo Trotzki den Vertreter des ZK aus der „Prawda" entfernt hat, jedermann ein: Trotzki, der für seine Fraktion die Reklametrommel rührt, geniert sich nicht, den Deutschen zu erzählen, daß die „Partei" zerfalle, daß beide Fraktionen zerfallen, während er, Trotzki, allein alles rette. In Wirklichkeit sehen wir jetzt alle - und die jüngste Resolution der Trotzkisten (am 26.: November 1910 im Namen des Wiener Klubs angenommen) zeigt das besonders anschaulich -, daß Trotzki ausschließlich bei den Liquidatoren und den „Wperjod" -Leuten Vertrauen genießt.

Bis zu welcher Unverfrorenheit sich Trotzki dabei versteigt, wenn er die Partei herabsetzt und sich selbst in den Augen der Deutschen herausstreicht, zeigt zum Beispiel folgender Fall. Trotzki schreibt, daß die „Arbeitermassen" in Rußland die „sozialdemokratische Partei als außerhalb (hervorgehoben von Trotzki) ihres Kreises stehend" betrachten, und spricht von „Sozialdemokraten ohne Sozialdemokratie". .

Wie sollten denn da Herr Potressow und dessen Freunde Trotzki für solche Reden nicht ans Herz drücken?

Diese Reden werden aber nicht nur durch die ganze Geschichte der Revolution, sondern allein schon durch die Wahlen in der Arbeiterkurie zur III. Duma widerlegt.

Für die Arbeit in den legalen Organisationen, schreibt Trotzki, „erwiesen sich die Fraktionen der Menschewiki und Bolschewiki - ihrer bisherigen Ideen- und Organisationsstruktur nach — als vollkommen unfähig", es arbeiteten „einzelne Gruppen von Sozialdemokraten, aber dies alles geschah außerhalb des Rahmens der Fraktionen, außerhalb ihrer organisatorischen Einwirkung". „Selbst die einflußreichste legale Organisation, . . . in der die Menschewiki das Übergewicht haben, arbeitet vollkommen außerhalb der Kontrolle der menschewistischen Fraktion." So schreibt Trotzki. Die Tatsachen sehen aber anders aus. Seitdem die sozialdemokratische Fraktion in der III. Duma besteht, hat die bolschewistische Fraktion stets durch ihre vom ZK der Partei bevollmächtigten Vertrauensmänner die Arbeit der Sozialdemokraten in der Duma gefördert, unterstützt, beraten und kontrolliert. Das gleiche tut die Redaktion des Zentralorgans der Partei, die aus Vertretern der Fraktionen besteht (die sich als Fraktionen im Januar 1910 aufgelöst haben).

Wenn Trotzki den deutschen Genossen ausführlich von der Dummheit des „Otsowismus" erzählt und diese Strömung als „Kristallisation" des dem gesamten Bolschewismus eigenen Boykottismus darstellt, um dann in zwei Worten zu erwähnen, der Bolschewismus habe sich vom Otsowismus „nicht beherrschen lassen", sondern sei „gegen ihn entschieden oder, richtiger, ungestüm" aufgetreten, so stellt sich der deutche Leser freilich nicht vor, welch raffinierter Betrug in einer solchen Darstellung steckt. Die jesuitische „Reservation" Trotzkis besteht in der Fortlassung einer kleinen, ganz kleinen „Bagatelle". Er hat „vergessen" zu berichten, daß die bolschewistische Fraktion schon im Frühjahr 1909 in einer offiziellen Versammlung ihrer Vertreter die Otsowisten entfernt, sie ausgeschlossen hat. Aber gerade diese „Kleinigkeit" paßt Trotzki nicht, der vom „Zerfall" der bolschewistischen Fraktion (und dann auch der Partei) reden möchte und nicht vom Abfall der nichtsozialdemokratischen Elemente!

Martow halten wir jetzt für einen der Führer des Liquidatorentums, der um so gefährlicher ist, je „geschickter" er die Liquidatoren mit quasimarxistischen Worten verteidigt. Aber Martow legt offen die Anschauungen dar, die ganzen Strömungen in der proletarischen Massenbewegung von 1903 bis 1910 ihren Stempel aufgedrückt haben. Trotzki dagegen repräsentiert lediglich seine persönlichen Schwankungen und sonst nichts.

1903 war er Menschewik,- 1904 rückte er vom Menschewismus ab, und 1905 kehrte er, lediglich mit ultrarevolutionären Phrasen prunkend, zu den Menschewiki zurück; 1906 wandte er sich abermals vom Menschewismus ab; Ende 1906 verfocht er Wahlabkommen mit den Kadetten (d. h. ging faktisch wieder mit den Menschewiki), und im Frühjahr 1907 sprach er auf dem Londoner Parteitag davon, daß der Unterschied zwischen ihm und Rosa Luxemburg „eher ein Unterschied in der individuellen Schattierung als in der politischen Richtung" sei. Trotzki begeht heute ein Plagiat an dem geistigen Rüstzeug der einen, morgen an dem der anderen Fraktion, und darum gibt er sich als über beiden Fraktionen stehend aus.

Trotzki ist in der Theorie in nichts mit den Liquidatoren und den Otsowisten einverstanden, in der Praxis dagegen ist er in allem mit den „Golos"- und den „Wperjod"-Leuten einverstanden.

Wenn darum Trotzki den deutschen Genossen vorredet, er vertrete eine „allgemeinparteiliche Tendenz", so muß ich erklären, daß Trotzki nur seine Fraktion vertritt und ausschließlich bei den Otsowisten und den Liquidatoren ein gewisses Vertrauen genießt. Hier die Tatsachen, die die Richtigkeit meiner Erklärung beweisen. Im Januar 1910 trat das Zentralkomitee unserer Partei in enge Fühlung mit Trotzkis Zeitung „Prawda" und entsandte einen Vertreter des ZK in die Redaktion. Im September 1910 meldet das ZO der Partei, daß der Vertreter des ZK mit Trotzki wegen dessen parteifeindlicher Politik gebrochen hat. In Kopenhagen erhob Plechanow, als Vertreter der parteitreuen Menschewiki und Delegierter der Redaktion des ZO, gemeinsam mit dem Schreiber dieser Zeilen, als dem Vertreter der Bolschewiki, und einem polnischen Genossen entschieden Protest dagegen, wie Trotzki in der deutschen Presse unsere Parteiangelegenheiten darstellt.

Die Leser mögen nun selbst urteilen, ob Trotzki eine „allgemein parteiliche" oder eine „allgemein parteifeindliche" Tendenz in der Sozialdemokratie Rußlands vertritt.

 

 

Lenin, Band 17, Seite 3 - 5

BRIEF AN DAS RUSSISCHE KOLLEGIUM DES ZK DER SDAPR

Geschrieben im Dezember 1910, nicht später als am 15. (25.)

Zuerst veröftentlicht 1941 in der Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija"

(Die proletarische Revolution) Nr. 1.


Das Russische Kollegium des ZK („ZK in seiner engeren Zusammensetzung", „in Rußland arbeitendes Kollegium des ZK"), das vom Plenum des ZK der SDAPR im August 1908 bestätigt wurde, bestand bis 1910. In seiner ersten Zusammensetzung gehörten ihm je ein Vertreter der Bolschewiki, der Menschewiki, der polnischen und der lettischen Sozialdemokraten sowie des „Bund" an.

1910 wurde das Russische Kollegium des ZK laut Statut, das vom Januarplenum des ZK beschlossen wurde, auf 7 Mitglieder erweitert; ihm sollten angehören: 4 Mitglieder des ZK, die auf dem V. (Londoner) Parteitag gewählt wurden, und drei Vertreter der nationalen Organisationen. Es gelang jedoch dem Russischen Kollegium des ZK nicht, nach dem Januarplenum die Arbeit zu organisieren; die menschewistischen Liquidatoren weigerten sich, im Kollegium mitzuarbeiten. Der Hinweis Lenins - in das Russische Kollegium des ZK an Stelle der Liquidatoren parteitreue Menschewiki aufzunehmen - wurde von den Versöhnlern im ZK (Nogin, Goldenberg, Leiteisen u. a.) nicht verwirklicht.

Im Verlauf des Jahres 1910 und Anfang 1911 wurden alle bolschewistischen Mitglieder des ZK, die in Rußland arbeiteten, verhaftet.

Der Brief an das Russische Kollegium des ZK der SDAPR ist nach einer Kopie veröffentlicht, die in den Akten des Polizeidepartements gefunden wurde. Die Überschrift des Dokuments stammt vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU in Moskau.


Im Leben des im Ausland befindlichen Teils der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands haben sich in allerletzter Zeit Dinge zugetragen, die ganz offensichtlich beweisen, daß die „Einigungskrise" innerhalb der Partei ihrer Lösung entgegengeht. Ich halte es deshalb für meine Pflicht, Ihnen - ausschließlich zur Information - mitzuteilen, welche Bedeutung die letzten Ereignisse haben, wie die bevorstehende Lösung (dem ganzen Verlauf der Dinge nach) sein muß und welche Haltung die orthodoxen Bolschewiki einnehmen. (...)

Weiter, am 26. November 1910 hat Trotzki im sogenannten Wiener Parteiklub (ein Zirkel von Trotzkisten, Ausländlern - Schachfiguren in Trotzkis Händen) eine Resolution durchgebracht, die er als Sonderdruck herausgab. Ich lege sie bei.

Darin ist der „Rabotschaja Gaseta", dem Organ der Bolschewiki und der Plechanowleute, offen der Krieg erklärt worden. Die Argumente sind nicht neu. Die Erklärung, daß es jetzt keine „prinzipielle Grundlage" für einen Kampf gegen die „Golos"- und „Wperjod"-Leute gebe, ist mehr als komisch und heuchlerisch. Alle wissen, daß die „Golos"- und „Wperjod"-Leute überhaupt nicht daran gedacht haben, ihre Fraktionen aufzulösen, daß die „Golos"-Leute in Wirklichkeit die Liquidatoren, die Potressow und Co., voll und ganz unterstützen, daß die „Wperjod"-Leute (mit Mitteln bekannter Art) im Ausland eine fraktionelle Schule eingerichtet haben, in der man den Machismus vermittelt und lehrt, daß der Otsowismus eine „berechtigte Schattierung" (wörtlich aus ihrer Plattform) sei usw. usf.

Der Aufruf Trotzkiis zu „einmütiger" Arbeit der Partei mit den „Golos"- und „Wperjod"-Leuten ist empörende Heuchelei und eine Phrase.

Allen ist bekannt, daß die „Golos"- und „Wperjod"-Leute das ganze Jahr nach dem Plenum (mit geheimer Unterstützung Trotzkis) „einmütig" gegen die Partei gearbeitet haben. Allein die Bolschewiki haben das ganze Jahr über in der Partei mit den Plechanowleuten sowohl im Zentralorgan als auch in der „Rabotschaja Gaseta" sowie in Kopenhagen und in den russischen legalen Organen wirklich einmütig zusammengearbeitet.

Wenn auch die Ausfälle Trotzkis gegen den Block der Bolschewiki und Plechanowleute nicht neu sind, so ist doch eine Schlußfolgerung seiner Resolution neu: Der Wiener Klub (das heißt Trotzki) hat einen „allgemeinen Parteifonds für die Vorbereitung und Einberufung einer Konferenz der SDAPR" organisiert.

Das ist neu. Das ist ein direkter Schritt zur Spaltung. Das ist ein offener Verstoß gegen die Gesetzlichkeit in der Partei und der Anfang eines Abenteuers Trotzkis, das ihm das Genick brechen wird. Es ist klar, daß dies Spaltung bedeutet. Der Schritt Trotzkis, der „Fonds" Trotzkis wird nur von den „Golos"- und „Wperjod"-Leuten unterstützt. Von einer Teilnahme der Bolschewiki und Plechanowleute kann gar keine Rede sein.

Die Liquidatoren (die „Golos"-Leute) haben Trotzki schon in Zürich unterstützt, was verständlich ist. Es ist durchaus möglich und wahrscheinlich, daß „gewisse" „Fonds" der „Wperjod"-Leute Trotzki zugänglich gemacht werden. Dadurch wird das Abenteuerliche seines Unterfangens natürlich nur noch verstärkt.

Es ist klar, daß dieses Unterfangen die Gesetzlichkeit in der Partei verletzt, denn über das ZK wird kein einziges Wort gesagt. Nur das ZK kann eine Konferenz einberufen. Mehr noch, Trotzki selbst hat, nachdem er im August 1910 den Vertreter des ZK bei der „Prawda" hinausgeworfen hat, dadurch selbst jegliche Gesetzlichkeit eingebüßt und damit die „Prawda" aus einem Organ, das von einem Vertreter des ZK unterstützt wurde, in ein reines Fraktionsorgan verwandelt.

Also: die Angelegenheit ist offensichtlich geworden, die Lage hat sich geklärt. Die „Wperjod"-Leute haben „gewisse" „Fonds" für den Kampf gegen die Partei, für die Verteidigung der „berechtigten Schattierung" (des Otsowismus) gesammelt. Trotzki hat in der letzten Nummer der „Prawda" (und in einem Referat in Zürich) mit den „Wperjod"-Leuten eifrig kokettiert. Die Liquidatoren in Rußland haben das russische ZK gesprengt. Die Liquidatoren im Ausland wollen das Auslandsplenum und damit das ZK überhaupt sprengen. Unter Ausnutzung dieser „Zerstörung der Parteigesetzlichkeit" macht sich Trotzki an die organisatorische Spaltung und gründet „seinen" Fonds für „seine" Konferenz.

Die Rollen sind verteilt. Die „Golos"-Leute verteidigen die Potressow Brief an das Russisdhe Kollegium des ZK der SDAPR und Co. als „berechtigte Schattierung". Die „Wperjod"-Leute verteidigen den Otsowismus als „berechtigte Schattierung". Trotzki will die einen wie die anderen „populär" verteidigen und seine Konferenz einberufen (möglicherweise mit dem Geld der „Wperjod"-Leute). Ein Dreibund (Potressow + Trotzki + Maximow) gegen einen Zweibund (Bolschewiki plus Plechanowleute). Die Aufstellung ist abgeschlossen. Der Kampf hat begonnen.

Sie verstehen, warum ich den Schritt Trotzkis ein Abenteuer nenne.

Es ist in jeder Beziehung ein Abenteuer.

Das ist ein ideologisches Abenteuer. Trotzki gruppiert alle Feinde des Marxismus um sich, indem er die Potressow und Maximow miteinander vereinigt, die den Block „Lenin-Plechanow" (wie sie sich gern ausdrücken) hassen. Trotzki vereinigt alle, denen der ideologische Zerfall am Herzen liegt; alle, denen die Verteidigung des Marxismus gleichgültig ist; alle Philister, die nicht begreifen, worum gekämpft wird, die nicht lernen, nicht denken, die ideologischen Wurzeln der Meinungsverschiedenheiten nicht aufdecken wollen. Jetzt, wo Zersetzung, Zerfall und Schwankungen herrschen, kann Trotzki leicht zum „Helden für eine Stunde" werden, kann er alles Niedrige um sich scharen. Aber das Fiasko dieses Versuches wird um so grandioser sein, je offener er vorgenommen wird.

Das ist ein Abenteuer im parteipolitischen Sinne. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß eine reale Vereinigung der sozialdemokratischen Partei nur auf der Grundlage ehrlicher und unwiderruflicher Trennung von Liquidatorentum und Otsowismus möglich ist. Es ist klar, daß Potressow (und die „Golos"-Leute) und die „Wperjod"-Leute sich weder von dem einen noch von dem anderen losgesagt haben. Trotzki schließt sie zusammen, wobei er wie ein echter Gauner sich selbst, die Partei und das Proletariat betrügt. In Wirklichkeit erreicht Trotzki nichts weiter als eine Stärkung der Potressowschen und Maximowschen parteifeindlichen Gruppen.

Ein Fiasko dieses Abenteuers ist unvermeidlich.

Schließlich ist das ein Abenteuer in organisatorischer Beziehung. Eine Konferenz auf Kosten des „Fonds" Trotzkis ohne ZK bedeutet Spaltung.

Möge Trotzki der Initiator bleiben. Möge er dafür auch die Verantwortung tragen.

Drei Losungen zeigen erschöpfend das Wesen der gegenwärtigen Lage in der Partei:

1. Stärkung und jegliche Unterstützung dem Bündnis und der Sammlung der Plechanowleute und Bolschewiki zur Verteidigung des Marxismus, zum Widerstand gegen den ideologischen Zerfall, zum Kampf gegen Liquidatorentum und Otsowismus.

2. Kampf für ein Plenum - für eine gesetzliche Lösung der Parteikrise.

3. Kampf gegen das auf Spaltung abzielende, prinzipienlose Abenteuer Trotzkis, der die Potressow und Maximow gegen die Sozialdemokratie vereinigt.


 

 

Lenin, Band 17, Seite 7, 17 - 22

ÜBER DIE LAGE IN DER PARTEI

Geschrieben im Dezember 1910, nicht später als am 15. (28.)

Veröffentlicht am 23. oder 24. Dezember 1910 (Januar 1911)

als Sonderdruck des „Sozial-Demokrat" Nr. 9


Die Frage unserer Parteikrise ist von der sozialdemokratischen Presse im Ausland erneut in den Vordergrund gerückt worden und bewirkt in weiten Kreisen der Partei ein Anwachsen der Gerüchte, der Zweifel und Schwankungen. Das Zentralorgan der Partei muß darum diese Frage umfassend behandeln. Der Artikel Martows in Nr. 23 des „Golos" und die Stellungnahme Trotzkis, die in die Form einer als Flugblatt veröffentlichten „Resolution" des „Wiener Klubs" vom 26. November 1910 gekleidet ist, werfen vor dem Leser die Frage der Krise unter völliger Entstellung des Wesens der Sache auf.

Hinter dem Artikel Martows und der Resolution Trotzkis verbergen sich auch bestimmte praktische "Handlungen, und zwar Handlungen, die gegen die Partei gerichtet sind. Der Artikel Martows ist nur die literarische Form, in welche die Kampagne gekleidet ist, die die „Golos"-Leute zur Sprengung des ZK unserer Partei unternommen haben. Trotzkis Resolution, die an die örtlichen Organisationen appelliert, eine „allgemeine Parteikonferenz" unter Umgehung des ZK und gegen das ZK vorzubereiten, bringt das gleiche zum Ausdruck, was sich auch die „Golos"- Leute zum Ziel setzen: Zerstörung der den Liquidatoren verhaßten zentralen Institutionen und damit zugleich auch der Partei als Organisation.

Es genügt nicht, diese parteifeindlichen Handlungen der „Golos"-Leute und Trotzkis ans Licht zu ziehen, man muß gegen sie kämpfen. Die Genossen, denen die Partei und ihre Wiedergeburt am Herzen liegt, müssen aufs entschiedenste gegen alle diejenigen Stellung beziehen, die aus rein fraktionellen und Zirkelinteressen und Erwägungen darüber bestrebt sind, die Partei zu zerstören.

(...)

Das Auftreten Trotzkis, äußerlich mit Martows Spöttereien über die Mißerfolge der Partei, mit der Sprengung des ZK durch die „Golos"-Leute überhaupt nicht zusammenhängend, ist in Wirklichkeit mit dem einen wie dem anderen untrennbar verbunden durch Bande des „Interesses".

Viele in der Partei begreifen noch nicht, worin diese Bindung besteht.

Die Wiener Resolution vom 26. November 1910 wird ihnen sicherlich helfen, das Wesen der Sache zu begreifen.

Die Resolution besteht aus drei Teilen:

1. aus einer Kriegserklärung an die „Rabotsdiaja Gaseta" (die Aufforderung, ihr eine „entschiedene Abfuhr zu erteilen" als einem, wie sich Trotzki ausdrückt, „neuen Fraktions- und Zirkelunternehmen");

2. aus einer Polemik gegen die Linie des „Blocks" der Bolschewiki mit Plechanow;

3. aus der Bekanntgabe, daß „die Versammlung des Wiener Klubs" (d. h. Trotzki und sein Kreis) „beschließt: einen allgemeinen Parteifonds für die Vorbereitung und Einberufung einer Konferenz der SDAPR zu organisieren".

Auf den ersten Teil werden wir überhaupt nicht eingehen. Trotzki hat durchaus recht, wenn er sagt, daß die „Rabotsdiaja Gaseta" ein „Privatunternehmen" sei und daß sie „nicht autorisiert ist, im Namen der Gesamtpartei zu sprechen".

Nur vergißt Trotzki vergebens, daß er und seine „Prawda" ebenfalls hierzu nicht autorisiert sind. Vergebens übergeht er mit Stillschweigen - wo er davon spricht, daß das Plenum die Arbeit der „Prawda" als nützlich anerkannt habe - die Tatsache, daß das Plenum einen Vertreter des ZK in die Redaktion der „Prawda" entsandt hatte. Das Verschweigen dieser Tatsache bei der Erwähnung der Plenumbeschlüsse über die „Prawda" kann man nicht anders bezeichnen denn als eine Täuschung der Arbeiter.

Diese Täuschung durch Trotzki ist um so übler, als er im August 1910 den Vertreter des ZK aus der „Prawda" entfernt hat. Nach diesem Vorfall, nach dem Abbruch der Verbindung der „Prawda" mit dem ZK, ist Trotzkis Zeitung nichts anderes als ein „Privatunternehmen", das zudem nicht verstanden hat, die übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen. Solange das ZK nicht erneut zusammengetreten ist, gibt es keinen anderen Richter über das Verhalten der „Prawda" gegenüber dem ZK als den Vertreter des ZK, den das Plenum bestimmt hat und der das Verhalten Trotzkis für parteifeindlich erklärt hat.

Das eben ergibt sich aus der von Trotzki so beiläufig aufgeworfenen Frage, wer „autorisiert ist, im Namen der Gesamtpartei zu sprechen".

Nicht genug damit. Sofern (und solange) das ZK in Rußland von den Liquidatoren, den unabhängigen Legalisten, sabotiert wird, sofern (und solange) das ZK im Ausland von den „Golos"-Leuten sabotiert wird, bleibt das Zentralorgan die einzige Institution, die autorisiert ist, „im Namen der Gesamtpartei zu sprechen".

Und wir erklären daher im Namen der Gesamtpartei, daß Trotzki eine parteifeindliche Politik treibt; daß er die Parteigesetzlichkeit sprengt, den Weg des Abenteuers und der Spaltung betritt, wenn er in seiner Resolution, ohne mit einem Ton das ZK zu erwähnen (als hätte er sich schon mit den „Golos"-Leuten darüber verständigt, daß das ZK gesprengt werden wird!), im Namen einer ausländischen Gruppe die „Organisierung eines Fonds für die Einberufung einer Konferenz der SDAPR" bekannt gibt.

Sollten die Bemühungen der Liquidatoren, das ZK zu sprengen, von Erfolg gekrönt sein, so würden wir als die einzige Institution, die autorisiert ist, im Namen der Gesamtpartei zu sprechen, unverzüglich erklären, daß wir an dem „Fonds" und an dem Unterfangen Trotzkis in keiner "Weise beteiligt sind und als eine allgemeine Parteikonferenz nur eine solche betrachten werden, die durch das Zentralorgan und nicht durch den Zirkel Trotzkis einberufen wird.*

* Daß eine vom ZK der Partei einberufene, wirklich allgemeine Parteikonferenz möglichst bald notwendig ist, darüber kann es keinen Streit geben. Solange jedoch die Frage der Sprengung des ZK durch die Ereignisse nicht endgültig entschieden ist, besteht noch Hoffnung auf einen im Sinne der Partei völlig gesetzlichen Ausweg.

Wir rufen die Parteimitglieder auf zum entschlossenen Kampf für diesen parteigesetzlichen Ausweg, und wir werden uns darum mit der Klarstellung der „prinzipiellen Grundlagen" der Differenzen befassen, die bis zur Spaltung zu treiben die „Golos"-Leute und Trotzki sich beeilen - die ersteren, indem sie das ZK sprengen, der zweite, indem er das ZK ignoriert und „einen Fonds organisiert" für die Einberufung einer „Konferenz der SDAPR" (nicht lachen!) durch Trotzkis Zirkel.

Trotzki schreibt in seiner Resolution, daß der Kampf, den die „Leninisten und Plechanowleute" führen (durch diese Anführung von Personen an Stelle der Strömungen des Bolschewismus und des parteitreuen Menschewismus will Trotzki seine Geringschätzung zum Ausdruck bringen, offenbart aber nur sein Unverständnis), daß dieser Kampf „gegenwärtig jeder prinzipiellen Grundlage entbehrt".

Gerade zur Klarstellung dieser prinzipiellen Grundlagen ruft das ZO die Sozialdemokratie ganz Rußlands auf: befassen wir uns also gerade mit dieser interessanten Frage, während ein ganz „uninteressanter" Kampf um die Einberufung eines Plenums geführt wird!

Wir zitieren vollinhaltlich die Motive, aus denen heraus Trotzki erklärt, der Kampf des ZO entbehre jeder prinzipiellen Grundlage:

Innerhalb aller (hervorgehoben von Trotzki) Strömungen in der Partei hat die Überzeugung tiefe Wurzeln geschlagen, daß es notwendig ist, die illegale Organisation wiederherzustellen, die legale und illegale Arbeit miteinander zu vereinigen und eine konsequente sozialdemokratische Taktik zu verfolgen, und diese grundlegenden Direktiven hat das letzte Plenum einstimmig festgelegt. Die Schwierigkeit besteht gegenwärtig, ein Jahr nach dem Plenum, nicht darin, diese Wahrheiten zu verkünden, sondern darin, sie in die Tat umzusetzen.

Der Weg dahin aber liegt in der einmütigen Zusammenarbeit aller Teile der Partei: der ,Golos'-Leute, der Plechanowleute', der Leninisten', der Wperjod'-Leute, der Fraktionslosen, denn die Partei ist geistig über die Periode der Kindheit schon hinaus, und es ist an der Zeit, daß alle ihre Mitglieder sich als revolutionäre Sozialdemokraten, als Patrioten ihrer Partei, ohne weitere Fraktionsbezeichnungen fühlen und so handeln. Und diese Zusammenarbeit muß im Rahmen der Gesamtpartei und nicht um Fraktionsorgane konzentriert betrieben werden."

Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie gute Worte zu Phrasen herabgewürdigt werden, um die größte Unwahrheit, den größten Betrug sowohl an jenen, die sich an Phrasen berauschen, wie auch an der gesamten Partei zu bemänteln.

Es ist doch eine glatte und himmelschreiende Unwahrheit zu sagen, innerhalb aller Strömungen in der Partei habe die Überzeugung tiefe Wurzeln geschlagen, es sei notwendig, die illegale Organisation wieder herzustellen. Jede Nummer des „Golos" zeigt, daß die „Golos"-Leute die Gruppe des Herrn Potressow und Co. für eine Strömung in der Partei halten und daß sie sie nicht nur für eine solche „halten", sondern auch systematisch an ihrer „Arbeit" mitwirken. Ist es nicht lächerlich, ist es nicht schändlich, jetzt, ein Jahr nach dem Plenum, Versteck zu spielen, sich selbst und die Arbeiter zu betrügen, sich durch Wortklaubereien herauszureden, wo es sich um „die "Umsetzung in die Tat" und nicht um Phrasen handelt?

Ja oder nein? Hält Trotzki die Herren Potressow und Co., die im ZO genau benannt sind, für eine „Strömung in der Partei" oder nicht? Diese Frage ist eben die Frage danach, wie die Beschlüsse des Plenums „in die Tat umgesetzt" werden, und vor einem Jahr schon hat das ZO diese Frage klar, scharf, unzweideutig gestellt, so gestellt, daß keinerlei Ausflüchte möglich sind!

Trotzki versucht immer wieder, sich durch Stillschweigen oder Phrasen herauszuwinden, denn er muß den Lesern und der Partei die Wahrheit vorenthalten, nämlich: daß die Gruppen des Herrn Potressow, der Sechzehn usw., die von der Partei absolut unabhängig, ganz und gar fraktionell abgesondert sind, nicht nur die illegale Organisation nicht wiederherstellen, sondern deren Wiederherstellung vereiteln und überhaupt keine sozialdemokratische Taktik betreiben. Trotzki muß der Partei die Wahrheit vorenthalten, daß die „Golos"-Lente eine ebensolche von der Partei losgelöste Auslandsfraktion darstellen, die in Wirklichkeit den russischen Liquidatoren dient.

Und die „Wperjod"-Leute? Trotzki weiß ausgezeichnet, daß auch sie nach dem Plenum ihre eigene Fraktion ausgebaut und entwickelt haben, mit von der Partei unabhängigen Mitteln, mit einer besonderen fraktionellen Schule, in der keineswegs eine „konsequent sozialdemokratische Taktik" gelehrt wird, sondern vielmehr, daß „der Otsowismus eine berechtigte Schattierung" sei, in der otsowistische Auffassungen von der Rolle der III. Duma gelehrt werden, Auffassungen, wie sie in der fraktionellen Plattform des „Wperjod" ihren Niederschlag gefunden haben.

Trotzki verschweigt diese unbestreitbare Wahrheit, weil für die realen Ziele seiner Politik die Wahrheit unerträglich ist. Die realen Ziele aber treten immer klarer zutage und werden sogar für die am wenigsten weitblickenden Parteimitglieder offensichtlich. Diese realen Ziele sind der parteifeindliche Block der Potressow mit den „Wperjod"-Leuten, ein Block, der von Trotzki unterstützt und organisiert wird. Die Annahme der Trotzkischen Resolution (von der Art der „Wiener") durch die „Golos"-Leute; das Liebäugeln der „Prawda" mit den „Wperjod"-Leuten; das Geschwätz der „Prawda", in Rußland seien überall nur „Wperjod"-Leute und Trotzkisten tätig; die Reklame der „Prawda" für die fraktionelle Schule der „Wperjod"-Leute; die direkte Unterstützung dieser Schule durch Trotzki - all das sind Tatsachen, die sich auf die Dauer nicht verheimlichen lassen. Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen.

Der Inhalt der Trotzkischen Politik ist die „einmütige Arbeit" der „Prawda" mit den Fraktionen der Herren Potressow und der „Wperjod" -Leute. Die Rollen sind in diesem Block klar verteilt: Die Herren Potressow setzen, unabhängig von der Partei, ihre legalistische Tätigkeit, ihre Zerstörung der Sozialdemokratie fort, die „Golos"-Leute bilden die Auslandsfiliale dieser Fraktion, während Trotzki die Rolle des Advokaten übernimmt, der dem naiven Publikum versichert, daß „eine konsequente sozialdemokratische Taktik" „innerhalb aller Strömungen in der Partei tiefe Wurzeln geschlagen hat". Die „Wperjod"-Leute erhalten denselben Advokaten, der die Freiheit ihrer fraktionellen Schule verteidigt und ihre Politik mit heuchlerischen, abgeschmackten Phrasen bemäntelt. Dieser Block wird natürlich Trotzkis „Fonds" und die gegen die Partei gerichtete Konferenz unterstützen, die von ihm einberufen wird, denn sowohl die Herren Potressow als auch die „Wperjod" -Leute bekommen hier das, was sie brauchen: Freiheit für ihre Fraktionen, deren Sanktionierung, die Bemäntelung ihrer Tätigkeit und deren advokatenhafte Verteidigung gegenüber den Arbeitern.

Und gerade vom Standpunkt der „prinzipiellen Grundlagen" können wir nicht umhin, diesen Block als Abenteurertum im wahrsten Sinne des Wortes zu bezeichnen. Zu sagen, daß er in Potressow, in den Otsowisten wahre Marxisten, wirkliche Verfechter der prinzipiellen Grundlagen des Sozialdemokratismus erblicke, das wagt Trotzki nicht. Das ist ja das Wesentliche an der Haltung eines Abenteurers, daß er sich ständig drehen und wenden muß. Denn jedermann sieht und weiß, daß die Herren Potressow und die Otsowisten allesamt ihre eigene (antisozialdemokratische) Linie haben und sie verfolgen, während die Diplomaten aus dem „Golos" und aus dem „Wperjod" zu nichts anderem als zur Tarnung dienen.

Die tiefste Ursache, warum der neue Block dazu verurteilt ist, in die Brüche zu gehen, wie groß sein Erfolg vor den spießbürgerlichen Elementen auch sein mag, welche „Fonds" Trotzki mit Hilfe der „Quellen" der „Wperjod"- und Potressow-Leute auch sammeln mag, besteht darin, daß dieser Block prinzipienlos ist. Die Theorie des Marxismus, die „prinzipiellen Grundlagen" unserer ganzen Weltanschauung, unseres ganzen Parteiprogramms und unserer Taktik sind jetzt nicht zufällig, sondern unvermeidlich im gesamten Leben der Partei in den Vordergrund gerückt. Es war nicht zufällig, sondern unvermeidlich, daß nach dem Mißerfolg der Revolution in allen Klassen der Gesellschaft, in den breitesten Massen des Volkes das Interesse erwachte für die Grundlagen der gesamten Weltanschauung bis zu den Fragen der Religion und der Philosophie, bis zu den Prinzipien unserer marxistischen Lehre insgesamt. Nicht zufällig, sondern unvermeidlich haben die Massen, durch die Revolution in den heftigen Kampf um die Fragen der Taktik hineingezogen, in einer Zeit, wo es keine offenen Aktionen gibt, Anspruch auf allgemeintheoretisches Wissen erhoben. Man muß diesen Massen erneut die Grundlagen des Marxismus erklären, die Verteidigung der marxistischen Theorie wird wieder zur Tagesaufgabe. Wenn Trotzki die Annäherung zwischen den parteitreuen Menschewiki und den Bolschewiki für „politisch nichtssagend" und „unbeständig" erklärt, so zeigt das nur um so deutlicher, wie tief seine eigene Unwissenheit, wie völlig nichtssagend er selber ist. Gerade die prinzipiellen Grundlagen des Marxismus haben triumphiert im Kampf der Bolschewiki gegen die nichtsozialdemokratischen Ideen der „Wperjod"-Leute, im Kampf der parteitreuen Menschewiki gegen die Herren Potressow und die „Golos"-Leute. Gerade diese Annäherung in der Frage der prinzipiellen Grundlagen des Marxismus bot die reale Basis für eine wirklich einmütige Arbeit der parteitreuen Menschewiki mit den Bolschewiki während des ganzen Jahres nach dem Plenum. Das ist eine Tatsache, das sind keine bloßen Worte, keine Versprechungen, keine „wohlgemeinten Resolutionen". Und welcher Art die Meinungsverschiedenheiten zwischen Menschewismus und Bolschewismus in Vergangenheit und Zukunft auch immer sein mögen (nur Abenteurer sind imstande, die Menge durch Versprechungen zu locken, die Meinungsverschiedenheiten würden verschwinden, sie würden durch diese oder jene Resolution „liquidiert" werden), diese historische Tatsache läßt sich nicht aus der Welt schaffen.

Nur die innere Entwicklung der wichtigsten Fraktionen selbst, nur ihre eigene ideologische Evolution kann Gewähr bieten für eine wirkliche Aufhebung der Fraktionen durch ihre Annäherung, durch ihre Erprobung in der gemeinsamen Arbeit. Und das hat nach dem Plenum angefangen. Eine einmütige Arbeit Potressows mit den „Wperjod"-Leuten und mit Trotzki haben wir noch nicht gesehen, wir sahen weiter nichts als Cliquendiplomatie, ein Spiel mit Worten, Solidarität in Ausflüchten. Eine einmütige Arbeit der parteitreuen Menschewiki mit den Bolschewiki aber hat die Partei ein Jahr hindurch gesehen, und jeder, der den Marxismus zu schätzen weiß, jeder, dem die „prinzipiellen Grundlagen" des Sozialdemokratismus teuer sind, wird keinen Augenblick daran zweifeln, daß neun Zehntel der Arbeiter beider Fraktionen für diese Annäherung sein werden.

Der Block Trotzkis mit Potressow und den „Wperjod" -Leuten ist gerade vom Standpunkt der „prinzipiellen Grundlagen" ein Abenteuer.

Nicht weniger richtig ist das vom Standpunkt der parteipolitischen Aufgaben.

Diese Aufgaben sind in der Tat vom Plenum einstimmig dargelegt worden, aber sie laufen keineswegs auf jene banale Phrase hinaus: Vereinigung der legalen mit der illegalen Arbeit (die Kadetten „vereinigen" ja auch die legale „Retsch" mit dem illegalen „kadettischen" ZK), die Trotzki absichtlich wählt, um den Herren Potressow und den „Wperjod" -Leuten, die gegen leere Phrasen und Banalitäten nichts einzuwenden haben, einen Gefallen zu tun.

Die historische Situation der sozialdemokratischen Bewegung in der Epoche der bürgerlichen Konterrevolution", heißt es in der Resolution des Plenums, „erzeugt unvermeidlich, als Ausdrude des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat, einerseits die Ablehnung der illegalen sozialdemokratischen Partei, die Herabsetzung ihrer Rolle und Bedeutung, Versuche, die programmatischen und taktischen Aufgaben und Losungen der revolutionären Sozialdemokratie zu beschneiden usw.; anderseits - die Ablehnung der Dumatätigkeit der Sozialdemokratie und der Ausnutzung legaler Möglichkeiten, Unverständnis für die Bedeutung des einen wie des anderen, Unvermögen, die revolutionäre sozialdemokratische Taktik den besonderen historischen Verhältnissen der gegenwärtigen Situation anzupassen usw."

Nach den Erfahrungen eines Jahres darf man einer direkten Antwort auf die Frage, welche reale Bedeutung diese Direktiven haben, nicht ausweichen. Man darf nicht vergessen, daß auf dem Plenum sämtliche nationalen Vertreter (denen sich damals Trotzki anschloß, der sich ja ständig jeglicher Mehrheit in dieser oder jener Situation anschließt) die schriftliche Erklärung abgaben, daß es „grundsätzlich erwünscht wäre, die in der Resolution erwähnte Strömung, gegen die es zu kämpfen gut, als Liquidatorentum zu bezeichnen".

Ein Jahr Erfahrung nach dem Plenum hat in der Praxis gezeigt, daß gerade die Gruppen Potressows, gerade die Fraktion der „Wperjod"-Leute, diesen bürgerlichen Einfluß auf das Proletariat verkörpern. Diese offenkundige Tatsache zu umgehen, ist eben Abenteurertum, denn niemand hat bisher den Mut gehabt, geradeheraus zu sagen, daß die Potressow und Co. keine liquidatorische Linie verfolgten, daß es der Parteilinie entspreche, wenn man den Otsowismus als eine „berechtigte Schattierung" anerkenne. Wir haben nicht umsonst das Jahr nach dem Plenum durchlebt.

Wir sind an Erfahrung reicher geworden. Wir haben das Auftauchen der damals vermerkten Tendenzen in der Praxis gesehen. Wir haben Fraktionen gesehen, die diese Tendenzen verkörperten. Und durch Worte von der „einmütigen Arbeit" dieser parteifeindlichen Fraktionen angeblich im Geiste „der Partei" kann man breite Arbeiterschichten jetzt schon nicht mehr täuschen.

Drittens schließlich ist die Politik Trotzkis ein Abenteuer in organisatorischem Sinne, denn sie sprengt, wie wir bereits aufzeigten, die Parteigesetzlichkeit und beschreitet mit der Organisierung einer Konferenz im Namen einer Auslandsgruppe (oder im Namen eines Blocks von zwei parteifeindlichen Fraktionen, der „Golos"- und der „Wperjod"-Leute) direkt den Weg der Spaltung. Autorisiert, im Namen der Gesamtpartei zu sprechen, sind wir verpflichtet, die Parteigesetzlichkeit bis zum letzten zu verteidigen. Aber wir wollen keineswegs, daß die Parteimitglieder vor lauter Formen der „Gesetzlichkeit" das Wesen der Sache nicht sehen. Im Gegenteil, wir lenken das "Hauptaugenmerk der Sozialdemokraten gerade auf das Wesen der Sache, das auf einen Block der „Golos"-Leute mit den „Wperjod"-Leuten hinausläuft, der den Herren Potressow die volle Freiheit wahrt, liquidatorisch tätig zu sein, und den Otsowisten, die Partei zu zerstören.

Wir appellieren an alle Sozialdemokraten, entschlossen für die Parteigesetzlichkeit zu kämpfen, gegen den parteifeindlichen Block im Namen der prinzipiellen Grundlagen des Marxismus und der Säuberung des Sozialdemokratismus von Liberalismus und Anarchismus.

PS. Die Herausgabe des obigen Artikels als Sonderdruck (die auf Grund der Zustimmung der Redaktionsmehrheit erfolgte — der beiden Vertreter der bolschewistischen Strömung und des Vertreters der polnischen Organisation) zog einen als Flugblatt verbreiteten Protest der beiden anderen Redaktionsmitglieder — der „Golos" -Leute — nach sich. In diesem Flugblatt gehen die Verfasser aber nicht auf den eigentlichen Inhalt des Artikels „Über die Lage in der Partei" ein, sondern beschuldigen die Mehrheit der Redaktion: 1. ihre, der beiden Mitredakteure, formalen Rechte verletzt, 2. „der Polizei Denunziantendienste" geleistet zu haben.

Wir halten es für das allerbeste - da nun einmal die Auseinandersetzung nicht auf der Ebene der Prinzipien und der Taktik, sondern auf dem Gebiet organisatorischer Zänkereien und persönlicher Angriffe geführt wird - , sie ganz in das Zentralkomitee zu verlegen. Wir glauben, daß alle parteitreuen Genossen, auch ohne die Entscheidung des ZK in dieser Frage abzuwarten, die Methoden der „Polemik" der zwei Redaktionsmitglieder, Martows und Dans, so zu würdigen verstehen, wie sie es verdienen.

 

 

Lenin, Band 17, Seite 29

ÜBER DIE SCHAMRÖTE DES

JUDUSCHKA TROTZKI

Geschrieben im Januar 1911, nach dem 2. (.15.).

Zuerst veröffentlicht am 21. Januar 1932 in der "Prawda" Nr. 21.


Juduschika Trotzki hat sich auf dem Plenum gegen das Liquidatorentum und den Otsowismus schier überschlagen. Er hat beteuert und geschworen, daß er ein parteitreuer Mensch sei. Er bekam Unterstützung.

Nach dem Plenum wurde das ZK schwächer, die „Wperjod"-Leute wurden stärker - versorgten sich mit Geld. Die Liquidatoren wurden stärker, spien vor Stolypin in der „Nasdia Sarja" der illegalen Partei ins Gesicht.

Judushka entfernte den Vertreter des ZK aus der „Prawda" und begann, im „Vorwärts" liquidatorische Artikel zu schreiben. Entgegen dem direkten Beschluß der vom Plenum ernannten Schulkommission, die festlegte, daß kein Lektor der Partei in die fraktionelle Schule der „Wperjod"- Leute fahren darf, fuhr Juduschika Trotzki doch dorthin und beriet den Plan der Konferenz mit den „Wperjod"-Leuten. Dieser Plan wurde jetzt von der Gruppe „Wperjod" als Flugblatt veröffentlicht.

Und dieser Juduschka schlägt sich an die Brust und erhebt ein Geschrei über seine Parteiverbundenheit, beteuert, daß er vor den „Wperjod"- Leuten und den Liquidatoren durchaus nicht geliebedienert habe.

So steht es mit der Schamröte des Juduschika Trotzki.


 

Lenin, Band 17, Seite 202

RESOLUTION DER II. PARISER GRUPPE DER SDAPR ÜBER DIE LAGE IN DER PARTEI

VORWORT

Geschrieben im Juni 1911, nicht später als am 18. (1. Juli),

das Vorwort nicht vor dem 18. Juni (1. Juli).

Veröffentlicht im Juli 1911 als Flugblatt und am 11. August 1911 im „Informazionny Bjulleten" der Technischen Kommission im Ausland Nr. 1.


Die Versammlung der II. Pariser Gruppe der SDAPR fand am 18. Juni (1.Juli) 1911 statt.


Die unten abgedruckte Resolution der II. Pariser Gruppe der SDAPR - diese Gruppe besteht hauptsächlich aus Bolschewiki und einer kleinen Anzahl von „Wperjod"-Leuten und „Versöhnlern" - umreißt die grundlegenden Thesen der Plattform aller Bolschewiki. Zu einer Zeit, da sich der innerparteiliche Kampf verschärft, ist es besonders wichtig, die Ansichten über die grundsätzlichen Fragen des Programms, der Taktik und der Organisation ihrem Wesen nach darzulegen. Leute wie Trotzki, mit seinen aufgeblasenen Phrasen über die SDAPR und seiner Kriecherei vor den Liquidatoren, die mit der SDAPR nichts gemein haben, bilden heutzutage eine „Krankheit der Zeit". Sie wollen Karriere machen durch die billige Predigt der „Verständigung" mit allen, wer es auch sei, einschließlich des Herrn Potressow und der Otsowisten! - wobei sie sich notgedrungen über die politischen Bedingungen dieser verwunderlichen Quasi-„Verständigung" völlig ausschweigen. In Wirklichkeit sind sie Prediger der Kapitulation vor den Liquidatoren, vor den Leuten, die eine Stolypinsche Arbeiterpartei aufbauen.

Alle Bolschewiki müssen sich jetzt enger zusammenschließen, müssen ihre Fraktion festigen und die Parteilinie dieser Fraktion genauer und klarer festlegen - im Unterschied zu den Fraktionen, die ihr „Gesicht" auf die eine oder andere Weise verbergen -, sie müssen die zersplitterten Kräfte sammeln und den Kampf aufnehmen für eine Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, die von den Schrittmachern des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat gesäubert ist.

W. Lenin

 

Lenin, Band 17, Seite 230 - 232

AUS DEM LAGER DER STOLYPINSCHEN ARBEITERPARTEI"

(Unseren „Versöhnlern" und „Verständigern" gewidmet)

"Sozial-Demokrat" Nr. 23, 11. (1.) September 1911.


Die Zuschrift des Gen. K.

In der von Lenin erwähnten Zuschrift, veröffentlicht in Nr. 23 des „Sozial-Demokrat" vom 1. (14.) September 1911, wurde mitgeteilt, daß ein bekannter Petersburger Liquidator in einer Versammlung proletarischer Parteimitglieder des Wiborger Bezirks mit dem Vorschlag hervortrat, an Stelle der Wiederherstellung der Parteiorganisation „Initiativgruppen" zur legalen Aufklärungsarbeit zu gründen. Dieses Auftreten stieß auf den einmütigen Widerstand der Versammlung, und niemand stimmte für den Vorschlag des Liquidators.

verdient die größte Aufmerksamkeit all derer, denen unsere Partei teuer ist. Eine bessere Entlarvung der Politik (und der Diplomatie) der „Golos"-Leute, eine bessere Widerlegung der Ansichten und Hoffnungen unserer „Versöhnler und Verständiger" kann man sich schwerlich vorstellen.

Ist der vom Gen. K. geschilderte Fall etwa eine Ausnahme? Nein, dieser Fall ist typisch für die Verfechter der Stolypinschen Arbeiterpartei, denn wir wissen sehr wohl, daß eine Reihe von Publizisten der „Nascha Sarja", des „Delo Shisni" usw. schon manches Jahr gerade diese liquidatorischen Ideen systematisch vertritt. Nicht immer geraten diese Liquidatoren an parteitreue Arbeiter, sehr selten erhält die Partei über ihr schmähliches Auftreten solche genauen Mitteilungen, für die wir dem Gen. K. Dankbar sein müssen, aber immer und überall wird die Propaganda der Gruppe der unabhängigen Legalisten eben in diesem Geiste geführt. An dieser Tatsache zu zweitem, ist angesichts der Existenz von Zeitschriften vom Schlage der „Nascha Sarja" und des „Delo Shisni" nicht möglich. Diese Tatsache zu verschweigen ist lediglich für die besonders feigen und besonders gemeinen Verteidiger der Liquidatoren von Vorteil.

Man stelle dieser Tatsache die Methoden gegenüber, zu denen Leute vom Schlage Trotzkis greifen, die über „Verständigung" und über ihre Feindschaft gegenüber dem Liquidatorentum schreien. Diese Methoden sind allzu gut bekannt: möglichst laut schreien, daß man doch weder Bolschewik noch Menschewik, sondern revolutionärer Sozialdemokrat" sei, hoch und heilig beteuern und schwören, man sei ein Feind des Liquidatorentums, man sei mit Leib und Seele für die illegale SDAPR, aus Leibeskräften auf jene schimpfen, die die Liquidatoren, die Herren Potressow und Co., entlarven, die Antiliquidatoren als Leute bezeichnen, die die Frage „aufbauschen", kein einziges Wort sagen gegen bestimmte Liquidatoren wie die Herren Potressow, Martow, Lewizki, Dan, Larin usw.

Die reale Bedeutung derartiger Methoden ist offensichtlich. Mit Hilfe von Phrasen werden die wirklichen Liquidatoren gedeckt, und es werden alle möglichen Versuche unternommen, die Arbeit der Antiliquidatoren zu stören. Haargenau die gleiche Politik betrieb das in der Geschichte der SDAPR durch seine Prinzipienlosigkeit bekannte „Rabotscheje Delo":

Es schwor hoch und heilig, wir sind absolut keine Ökonomisten, wir sind durchaus für den politischen Kampf, deckte aber in Wirklichkeit die „Rabotschaja Mysl" und die Ökonomisten, indem es den ganzen Kampf gegen jene richtete, die die Ökonomisten entlarvten und widerlegten.

Hieraus ist klar, daß Trotzki und seinesgleichen, die „Trotzkisten und Verständiger", schädlicher sind als alle Liquidatoren, denn die überzeugten Liquidatoren legen ihre Ansichten offen dar, so daß die Arbeiter deren Fehlerhaftigkeit leicht auf den Grund gehen können, während die Herren Trotzki die Arbeiter betrügen, das Übel bemänteln, seine Entlarvung und seine Ausheilung unmöglich machen. Jeder, der Trotzkis Grüppchen unterstützt, unterstützt die Politik der Lüge und des Betrugs an den Arbeitern, die Politik der Deckung des Liquidatorentums. Völlige Freiheit des Handelns für Potressow und Co. in Rußland, Bemäntelung ihrer Taten durch „revolutionäre" Phrasen im Ausland - darin besteht das Wesen der Politik des „Trotzkismus".

Hieraus wird ferner klar, daß jede „Verständigung" mit den „Golos"- Leuten, bei der die Frage des liquidatorischen Zentrums in Rußland, d. h. der Wortführer der „Nascha Sarja" und des „Delo Shisni", umgangen wird, nichts anderes wäre als die Fortsetzung desselben Betrugs an den Arbeitern, derselben Bemäntelung des Übels. Die „Golos"-Leute haben seit dem Januarplenum 1910 eindeutig bewiesen, daß sie es fertigbringen, beliebige Resolutionen zu „unterschreiben", ohne sich im geringsten in der „Freiheit" ihrer liquidatorischen Tätigkeit durch irgendwelche Resolutionen „einschränken" zu lassen. Im Ausland unterschreibt man Resolutionen, daß jede Herabsetzung der Bedeutung der illegalen Partei ein Ausdruck des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat sei, in Rußland aber hilft man den Herren Potressow, Larin und Lewizki, die nicht nur an keiner illegalen Arbeit mitwirken, sondern sie verhöhnen und die illegale Partei zerstören.

Gegenwärtig ist Trotzki dabei, zusammen mit Bundisten vom Schlage des Herrn über (eines extremen Liquidators, der öffentlich in Referaten Herrn Potressow verteidigte und jetzt Intrigen ttnd Zänkereien anzettelt, um diese Tatsache zu. vertuschen), zusammen mit Letten vom Schlage eines Schwarz [(J. Elias) - lettischer Sozialdemokrat, Liquidator.] usw., eben eine solche „Verständigung" mit den „Golos"- Leuten zu fabrizieren. Doch möge sich niemand in dieser Hinsicht täuschen:

Ihre Verständigung wird eine Verständigung zur Deckung der Liquidatoren sein.

PS. Diese Zeilen waren schon gesetzt, als in der Presse die Meldung von der „Verständigung" der „Golos"-Leute mit Trotzki, dem Bundisten und dem lettischen Liquidator erschien. Unsere Worte sind durchaus bestätigt worden: Das ist eine Verständigung über die Deckung der Liquidatoren in Rußland, eine Verständigung der Helfershelfer des Herrn Potressow und Co.


 

Lenin Band 17, Seite 245 - 266

Über die neue Fraktion der Versöhnler oder die Tugendhaften

"Sozial-Demokrat " Nr. 24, 18. (31.) Oktober 1911.

 

 

Über die Diplomatie Trotzkis

Dezember 1911

Band 17, Seite 349 - 353

 

Lenin Band 17, Seite 533, 537

DER ANONYMUS AUS DEM "VORWÄRTS"

[ = Trotzki]

Geschrieben im März 1912


Die Otsowisten und ihre Beschützer bildeten die Gruppe „Wperjod", deren Literaten (Maximow, Lunatscharski, Bogdanow, Alexinski) die verschiedensten Formen der idealistischen Philosophie - unter dem hochtrabenden Titel „proletarische Philosophie" - und die Vereinigung von Religion und Sozialismus predigten. Der Einfluß dieser Gruppe war stets sehr unbedeutend, und sie fristete ihr Dasein ausschließlich dank dem „Kompromisseln" mit allen möglichen von Rußland losgelösten und impotenten Auslandsgruppen. Gruppen letzterer Art sind bei jeder Spaltung unvermeidlich, sie schwanken bald hier-, bald dorthin, treiben allerlei Kuhhandel, repräsentieren aber keine Richtung, und ihre Tätigkeit äußert sich vor allem in leerem Intrigenspiel; zu diesen Gruppen gehört u. a. Auch die Trotzkische „Prawda".

Für jeden Marxisten ist es natürlich klar, daß wie das Liquidatorentum, so auch der Otsowismus kleinbourgeoise Strömungen darstellten, die die bürgerlichen Mitläufer aus der sozialdemokratischen Partei ableiteten.

Friede" oder „Aussöhnung" mit diesen Strömungen waren von vornherein ausgeschlossen. Die sozialdemokratische Partei mußte entweder selber zugrunde gehen oder sich gänzlich dieser Strömungen entledigen.

Wir sehen das Verhältnis: 2 zu 8! Dies sind wirklich unbestrittene, der Nachprüfung zugängliche, offene Daten, die ein Urteil über das Stärkeverhältnis von Liquidatoren und Antiliquidatoren zulassen. Unter solchen Umständen verlohnt es nicht der Mühe, auch nur ein Wort zu verlieren über die prahlerische Behauptung des ungenannt gebliebenen Verfassers, als sei die gewaltige Mehrheit für die Liquidatoren etc.

Diese Phrasen à la Tartarin von Tarascon erinnern zu sehr an Trotzki**,

** Während des Kopenhagener Kongresses veröffentlichte Trotzki im „Vorwärts" einen anonymen Artikel, voller so häßlicher Ausfälle gegen die SDAPR, daß nicht nur Lenin, sondern auch Plechanow und Warski, die Mitglieder der russischen Delegation, bei dem Vorstand schriftlichen Protest einzulegen gezwungen waren.

als daß man darüber im Ernst diskutieren könnte.

Der Kampf innerhalb der SDAPR nimmt häufig die schwersten Formen an. Anders ist es nicht möglich bei den Bedingungen des Emigrantenlebens, anders war es in keinem anderen Lande, dem Konterrevolution und Emigrantentum beschieden waren.

Keine einzige sozialdemokratische Partei in der Welt bildete sich – insbesondere in einer Epoche bürgerlicher Revolutionen - ohne schweren Kampf und eine Reihe von Spaltungen mit den bürgerlichen Mitläufern des Proletariats. In schwerem Kampfe gegen solche Mitläufer bildet sich seit 1898, wächst, erstarkt und stählt sich, trotz aller Widrigkeiten, auch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands.

 

 

Lenin, Band 18, 108 - 111

"VEREINIGER"

„Sozial-Demokrat" Nr. 27, 17. (4.) Juni 1912


Es ist völlig klar, daß Trotzki und seine Freunde, die Liquidatoren, die ständig nach der „Vereinigung" schreien, in Wirklichkeit die Spaltung eben in Polen vertiefen. Zum Glück für die SDAPR ist diese ganze Liquidatorenkumpanei mitsamt den ihnen nachtrottenden „Versöhnlern" absolut außerstande, in der Praxis irgend etwas zu tun - und das auch in Polen nicht. Andernfalls würde natürlich die Vereinigung der Liquidatoren mit der PPS zur entschiedensten Spaltung in Polen führen.

Warum haben sich denn die Liquidatoren auf ein offenkundiges Abenteuer eingelassen? Nun, natürlich nicht, weil es ihnen „gut geht". Mit irgend jemand müssen sie sich doch vereinigen, irgendeine „Partei" müssen sie doch schaffen. Da die Sozialdemokraten, die Sozialdemokratie Polens, nicht mit ihnen gehen, sind sie genötigt, statt der Sozialdemokraten PPS-Leute zu nehmen, die mit unserer Partei nichts gemein haben. Da in den rassischen Städten unsere alten Parteiorganisationen nicht mit ihnen gehen, sind sie genötigt, statt der sozialdemokratischen Zellen sogenannte „Initiativgruppen" der Liquidatoren zu nehmen, die mit der SDAPR nichts gemein haben.

„Wem es gut geht, der liebt keine Veränderungen" . . . Ist es nicht an der Zeit, meine Herren Liquidatoren, daß Sie beginnen, sich auch mit den Sozialrevolutionären (mit den Sozialrevolutionären Liquidatoren?) zu vereinigen?

Diese Herren brennen doch wohl auch vor Begierde, sich zu „vereinigen". Eine schöne „breite" Partei werden Sie dann haben. Selbst Latin wird zufrieden sein...

Solange sich die Liquidatoren mit „fremden Mächten" „vereinigen", wird zwischen ihnen und den „Versöhnlern" der Schacher über die Bedingungen der „Vereinigung" dieses liquidatorisch-versöhnlerischen Lagers selbst fortgesetzt. Herr W. Lewizki veröffentlicht in der „Nascha Sarja" einen manifestartigen Artikel, der sich an „alle Strömungen" wendet, die bereit sind, gegen die jüngste Konferenz der SDAPR anzukämpfen.

Herr Lewizki hat diesen Artikel betitelt: „Für die Vereinigung — gegen die Spaltung". Nun, ist das nicht ganz wie bei Trotzki? Seitdem die Parteianhänger den Liquidatoren in allen Sphären der Arbeit eine glänzende Abfuhr erteilten, haben sich Lewizki und Co. eine sehr „versöhnlerische" Sprache zu eigen gemacht. Oh, sie sind ganz und gar für die „Einheit".

Sie stellen lediglich folgende vier bescheidene Bedingungen für die „Vereinigung":

1. Kampf gegen die Konferenz der SDAPR, die alle Sozialdemokraten außer einer Handvoll Schwankender vereinigt hat.

2. Schaffung einer „zentralen Initiativgruppe" (hervorgehoben von Herrn Lewizki, „Mascha Sarja" Nr. 4, S. 31) an Stelle der Partei. (Was liquidatorische „ Initiativ"gruppen sind, hat Plechanow unlängst in der Presse klargestellt: siehe seinen „Dnewnik Sozialdemokrata"38 Nr. 16. Im

Dienst der Liquidatoren verheimlichen sowohl der „Bund" wie auch Trotzki ihren Lesern die Klarstellung Plechanows. Das wird Ihnen nicht gelingen, meine Herren!)

3. Keine Belebung der „politisch toten Zellen" (ebenda, S. 33).

4. Anerkennung der Losung „Gegen den Illegalitätskult" (ebenda, S. 33).

Das Programm ist entworfen, wenn auch nicht so offen und bestimmt wie in vergangenen Zeiten, aber doch klar genug. Und Lewizki erklärt hier sofort allen Trotzkis in aller Ausführlichkeit: Sie haben ja keine Wahl, meine Herren. Nehmen Sie unsere Bedingungen an, dafür gehen wir (d. h. Lewizki und Co.) gern auf folgendes ein: Sie (d. h. Trotzki und seinesgleichen) können „sich zum Trost" sagen, daß nicht Sie den Liquidatoren entgegengekommen sind, sondern die Liquidatoren Ihnen.

In demselben Heft der „Nascha Sarja" droht Martow frühzeitig der zukünftigen sozialdemokratischen Fraktion der IV. Duma: Falls sie auch so antiliquidatorisch sein sollte wie ihre ränkesüchtige Vorgängerin, „würden Fälle wie der Fall Beloussow schon keine Ausnahme mehr, sondern die Regel sein", d. h., einfacher gesprochen, die Liquidatoren würden die Dumafraktion spalten. Wie schrecklich... meine Herren Liquidatoren.

Wenn Sie stark genug wären, so hätten Sie schon längst Ihre eigene liquidatorische Dumafraktion geschaffen . . .

Die Sache der „Vereinigung" liegt in sicheren Händen - da ist nichts zu sagen . . .

Die erbärmliche Komödie der liquidatorisch-trotzkistischen „Vereinigerei" stößt die anspruchslosesten Menschen ab. Die Vereinigung vollzieht sich, nur ist das eine Vereinigung nicht mit den Liquidatoren, sondern gegen sie.

Was die unglaubliche Hochstapelei Trotzki, Libers („Bund") und der Liquidatoren mit ihrer berüchtigten „Organisationskommission" angeht, so glauben wir, daß es genügt, die Leser, die die strittigen Fragen ernsthaft und durchdacht an Hand von Dokumenten nachprüfen möchten und nicht gewillt sind, Worten Glauben zu schenken, auf folgende Tatsachen zu verweisen:

Im Juni 1911 wurde in Paris die Auslandsorganisationskommission gebildet, nachdem Liber und Igorew die Versammlung der ZK-Mitglieder verlassen hatten. Die erste Organisation in Rußland, an die sich die Auslandsorganisationskommission wandte, war Kiew. Sogar Trotzki gibt zu, daß es über sie keinen Streit geben kann. Im Oktober 1911 wurde unter Beteiligung Kiews die Russische Organisationskommission geschaffen. Im Januar 1912 berief diese die Konferenz der SDAPR ein.

Im Januar 1912 tagte eine Beratung des „Bund", des lettischen Zentralkomitees und des Kaukasischen Gebietskomitees (alle drei Gruppen sind liquidatorische Gruppen). Die Polen treten sofort zurück, nachdem sie das ganze Vorhaben für liquidatorisch erklärt haben. Dann wird von den „Versöhnlern" und von Plechanow, der in Nr. 16 des „Dnewnik Sozialdemokrata" erklärte, diese Konferenz werde von den Liquidatoren einberufen, der Beitritt abgelehnt. Heute haben wir Juni 1912, und sowohl der „Bund" wie Trotzki haben außer den „Golos"-Leuten und den „Wperjod"-Leuten niemanden „vereinigt", haben keine einzige ernsthafte und unbestrittene Organisation in Rußland für sich gewonnen, haben Plechanow kein sachliches Wort erwidert, haben die Propaganda der Liquidatoren in der „Nascha Sarja" und ähnlichen Organen nicht um ein Jota geändert!

Der Phrasen aber und der Großspurigkeit betreffs der „Vereinigung" ist kein Ende.

 

 

Lenin, Band 18, Seite 202

Zur gegenwärtigen Sachlage in der SDAPR

Geschrieben zwischen dem 17. (30.) Juli und 20. August (2. September) 1912


Nach einem halben Jahr des Kampfes gegen die Partei wurden die Liquidatoren total geschlagen.

Die Liquidatoren bilden eine vollständige Null in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Rußlands. Dies beweisen obige Daten, welche ein jeder prüfen kann. Das sind Tatsachen, welche in Rußland veröffentlicht wurden, ein ganzes Halbjahr umfassen, trotz der Prahlerei von Trotzki und der Liquidatoren.

Man muß bemerken, daß Trotzki Mitarbeiter des „Shiwoje Delo" ist.

Ferner gaben die Letten selbst im Schreiben vom 24. Juni zu, daß ganze sechs Gruppen - in dieser Zahl Trotzki, Menschewiki-Golos, die Leiter der Zeitung „Shiwoje Delo" und „Newski Golos" - das sogenannte Organisationskomitee bilden. Daher beweisen unsere Daten, daß nicht nur die Liquidatoren, sondern auch alle ihre wichtigtuenden ausländischen Freunde eine volle Null in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Rußland bilden.

 

 

 


Lenin, Band 18, Seite 546 - 547

DIE FRAGE DER EINHEIT

"Prawda" Nr. 39, 16. Februar 1913.


Der Brief des Deputierten der Arbeiter von Kostroma, Schagow, an die „Prawda" (Nr. 22/226) hat sehr deutlich gezeigt, unter welchen Bedingungen die Arbeiter die Einheit der Sozialdemokratie für realisierbar halten.

Die Briefe einer ganzen Reihe anderer Abgeordneter der Arbeiterkurie („Prawda" Nr. 21-28) haben diese Auffassung bestätigt. Die Arbeiter selber müssen die Einheit „von unten" herstellen. Die Liquidatoren sollten nicht gegen die Illegalität auftreten, sondern selber illegal arbeiten.

Man kann sich nach einer so klaren und direkten Fragestellung nur wundern, im „Lutsch" Nr. 27 (113) wieder die alten, hochtrabenden, aber völlig inhaltslosen Phrasen Trotzkis vorzufinden. Kein Wort zum Kern der Frage! Nicht der geringste Versuch, exakte Fakten anzuführen und sie allseitig zu untersuchen! Keine Andeutung der realen Bedingungen der Einheit! Bloße Deklamationen, hochtrabende Worte, überhebliche Ausfälle an die Adresse von Gegnern, die der Verfasser nicht nennt, imposant-wichtige Beteuerungen - das ist Trotzkis ganzes Gepäck.

Das taugt zu nichts, Herrschaften. Ihr redet „mit den Arbeitern" wie mit Kindern, bald sucht ihr sie mit schrecklichen Worten einzuschüchtern („die Fesseln des Zirkelwesens", „ungeheuerliche Polemik", „feudalfronherrliche Periode unserer Parteigeschichte"), bald wollt ihr sie „überreden", wie man kleine Kinder überredet, ohne zu überzeugen und die Sache zu erklären.

Die Arbeiter werden sich weder einschüchtern noch überreden lassen.

Sie werden selber den „Lutsch" mit der „Prawda" vergleichen, werden z. B. den Leitartikel in Nr. 101 des „Lutsch" („Die Arbeitermassen und die Illegalität") lesen - und bei Trotzkis Deklamationen einfach abwinken.

In der Praxis wird die nur scheinbar prinzipielle Frage der Illegalität von allen Teilen der Sozialdemokratie in völlig gleicher Weise gelöst...", schreibt Trotzkikursiv. Die Arbeiter von Petersburg wissen aus Erfahrung, daß das nicht stimmt. Die Arbeiter in jeder beliebigen Ecke Rußlands werden, wenn sie den genannten Leitartikel des „Lutsch" lesen, sofort erkennen, daß Trotzki der Wahrheit ausweicht.

Es ist lächerlich und töricht zu behaupten", lesen wir bei ihm, „daß zwischen den politischen Tendenzen des ,Lutsch' und der ,Prawda' ein unversöhnlicher Gegensatz bestehe." Glauben Sie mir, verehrter Autor, die Arbeiter werden sich weder durch das Wort „töricht" noch durch das Wort „lächerlich" einschüchtern lassen, sondern Sie bitten, mit ihnen wie mit Erwachsenen sadhlidb zu reden: Legen Sie doch diese Tendenzen dar!

Beweisen Sie doch die „Versöhnbarkeit" des Leitartikels in Nr. 101 des „Lutsch" mit der Sozialdemokratie!

Nein. Mit Phrasen, mögen sie noch so „versöhnlerisch", noch so honigsüß sein, werden Sie die Arbeiter nicht abspeisen.

Unsere historischen Fraktionen, der Bolschewismus und der Menschewismus", schreibt Trotzki, „sind ihrem Ursprung nach rein intelligenzlerische Gebilde."

Das ist die Wiederholung eines liberalen Märchens. In der Tat aber hat die ganze russische Wirklichkeit die Arbeiter vor die Frage der Stellung zu den Liberalen und zur Bauernschaft gestellt. Gäbe es gar keine Intelligenz, so könnten die Arbeiter nicht die Frage umgehen, ob sie die Führung der Bauern im Gefolge der Liberalen oder gegen die Liberalen übernehmen sollen.

Für die Liberalen ist es von Vorteil, diese Grundlage der Meinungsverschiedenheiten so darzustellen, als sei sie von den „Intellektuellen" hereingetragen worden. Doch blamiert sich Trotzki nur selbst, wenn er ein liberales Märchen nacherzählt.


Lenin, Band 20, Seite 84 - 87

DER FÜHRER DER LIQUIDATOREN

ÜBER DIE BEDINGUNGEN

DER LIQUIDATOREN FÜR DIE „EINHEIT"'

Put Prawdy" Nr. 12, 4.Februar 1914.


Jede Krise irgendeiner Bewegung, jeder ihrer Wendepunkte pflegt deshalb besonders interessant (und für die an der Bewegung Beteiligten besonders lehrreich) zu sein, weil dabei die grundlegenden Tendenzen, die grundlegenden Gesetze der Bewegung klar und deutlich zum Ausdruck kommen.

Bei Ihrer großen Offenherzigkeit, Herr Th. D., sind kleinliche Ausflüchte zwecklos und lächerlich. Eins von beiden: sind die Meinungsverschiedenheiten geringfügig, oder sind sie nidht geringfügig? Sprechen Sie doch offen! Ein Mittelding gibt es hier nicht, denn es handelt sich gerade darum, ob die Einheit möglidh (ja, sie ist möglich, wenn die Meinungsverschiedenheiten geringfügig oder klein sind) oder unmöglich ist (nein, sie ist unmöglich, wenn die Meinungsverschiedenheiten nicht „geringfügig" sind).

Da er den Standpunkt der „Geringfügigkeit" der Meinungsverschiedenheiten verurteilt, gibt Herr Th. D. eben damit zu, daß die Meinungsverschiedenheiten wesentlich sind. Dies offen zu sagen, fürchtete er sich aber (was werden die „Sieben" sagen? Was werden Trotzki, die Bundisten, An und all die Versöhnler sagen?). Den Liquidatoren die volle Möglichkeit des Kampfes gegen die Illegalität zu gewährleisten — darauf läuft die „Plattform" des Herrn Th. D. hinaus, denn jedermann versteht sehr gut, daß man mit dem Feigenblatt des „Kampfes für die legale Existenz" den allen Arbeitern längst bekannten Kampf gegen die „Illegalität" verhüllen will.

Hier liegt der Kern der Sache, und all diese Trotzki, An, Bundisten, Versöhnler, „Siebenerleute" u. a., sie alle sind nette Leute, aber politische Nullen. Der Kern der Sache ist die Gruppe des Herrn Th. D., die „alte" Liquidatorengruppe.

Die Meinungsverschiedenheiten der marxistischen Organisation mit dieser Gruppe sind absolut unversöhnlich, denn es kann gar keine Rede sein von einem Übereinkommen (geschweige denn von der Einheit) nicht nur mit denen, die die „Illegalität" verneinen, sondern auch mit denen, die in dieser Frage Zweifel haben. Die Arbeiter haben diesen Kern der Sache bei den Herren Liquidatoren schon längst begriffen und sie auf allen Gebieten der Arbeiterbewegung ihrer Posten enthoben.

Es gab eine Zeit, wo die marxistische Organisation die Liquidatoren verurteilte (1908/1909). Diese Zeit ist längst vorbei. Es gab eine Zeit, wo die marxistische Organisation Vergebung und Frieden allen denen verkündete, die bereit wären, sich vom Liquidatorentum loszusagen (1910/1911). Diese Zeit ist längst vorbei. Es gab eine Zeit, wo die marxistische Organisation ihre Organisation gegen die Liquidatoren wiederherstellte (1912/1913). Diese Zeit ist ebenfalls vorbei. Es ist eine neue Zeit angebrochen, wo die marxistische Organisation gegen alle und jede Liquidatoren samt ihren Verbündeten die erdrückende Mehrheit der klassenbewußten Arbeiter erobert hat.

Es ist klar, daß es einfach eine Verhöhnung der „Einheit" ist, wenn man der marxistischen Organisation eine „Plattform" vorschlägt, die den Liquidatoren die „volle Möglichkeit" gewährt, diese Organisation zu liquidieren! - wenn man „im Namen der Einheit" den Willen der ungeheuren Mehrheit der klassenbewußten Arbeiter nicht anerkennen und achten will.

Ihr wollt die Einheit? Dann sagt euch vorbehaltlos vom Liquidatorentum, vom „Kampf für die legale Existenz" los, fügt euch loyal der Mehrheit.

Ihr wollt nicht? Das ist euer freier Wille, aber dann beklagt euch nicht, wenn ihr in einigen Monaten überhaupt ohne Arbeiter bleibt, wenn ihr zu Intellektuellen werdet, die bereits nicht mehr in der Nähe der Partei, sondern in der Nähe der Kadetten stehen.

 

Lenin, Band 20, Seite 152 - 153

Der Zerfall des Augustblocks

März 1914

 

Lenin, Band 20, Seite 312

PLECHANOW, DER NICHT WEISS, WAS ER WILL

Rabotschi" Nr. 4, 25. Mai 1914


Wir nehmen alle und jeden auf, der sich vom Liquidatorentum lossagt; die Türen sind nicht verschlossen.

An Hand des Beispiels der „Borba" Trotzkis und des „Jedinstwo" Plechanows aber werden wir die traurigen und lächerlichen Schwankungen der von der Arbeiterbewegung losgerissenen Intellektuellengrüppchen aufzeigen, die schwanken, endlos schwanken, heute nach der einen, morgen nach der anderen Seite, vom Intellektuellen Potressow zum Intellektuellen Himmer.

Ein trauriges, jedoch in einem kleinbürgerlichen Lande in der Epoche der bürgerlich-demokratischen Umgestaltungen unvermeidbares Schauspiel.



Lenin, Band 20, Seite 330 - 348

ÜBER DIE VERLETZUNG DER EINHEIT,
BEMÄNTELT DURCH GESCHREI ÜBER DIE EINHEIT

Mai 1914 - Zeitschrift „Prosweschtschenije" Nr. 5.

 


Lenin, Band 20, Seite 358 - 361

ÜBER ABENTEURERTUM

Rabotschi" Nr. 7, 9. Juni 1914


Wenn Marxisten vom abenteuerlichen Charakter gewisser Grüppchen sprechen, so haben sie dabei durchaus bestimmte soziale und historische Besonderheiten einer Erscheinung im Auge, die jeder klassenbewußte Arbeiter kennen muß.

In der Geschichte der Sozialdemokratie Rußlands wimmelt es von Grüppchen, die „auf eine Stunde", auf einige Monate entstanden, ohne irgendwelche Wurzeln in den Massen zu haben (Politik ohne Massen aber ist Abenteuerpolitik), ohne irgendwelche ernsthaften und wohlbegründeten Ideen zu besitzen. In einem kleinbürgerlichen Land ist es unvermeidlich, daß sich in der historischen Periode der bürgerlichen Umgestaltungen den Arbeitern eine buntscheckige Intelligenz anschließt, es ist unvermeidlich, daß diese versucht, allerlei Grüppchen zu bilden, die einen im erwähnten Sinne des Wortes abenteuerlichen Charakter haben.

Die Arbeiter, die sich nicht an der Nase herumführen lassen wollen, müssen jedes Grüppchen sowohl auf die Ernsthaftigkeit seiner Ideen als auch auf seine Wurzeln in den Massen hin untersuchen. Nicht aufs Wort glauben, aufs strengste prüfen - das ist die Losung der marxistischen Arbeiter.

Der „Prawdismus" ist eine Strömung, die in allen Fragen der Taktik, der Organisation und des Programms exakte marxistische Antworten, Resolutionen gegeben hat (1908, 1910, 1912, 1913 - Februar und Sommer).

Die Kontinuität dieser Beschlüsse seit der Zek der alten „Iskra" (1901-1903) ist streng gewahrt, schon ganz zu schweigen vom Londoner Parteitag (1907). Die Richtigkeit dieser Beschlüsse ist durch die fünf- bis sechsjährige Erfahrung (1908-1914) aller fortgeschrittenen Arbeiter, die diese Beschlüsse als die ihrigen anerkannt haben, überprüft worden. Der „Prawdismus" hat in der Tat 4/5 der klassenbewußten Arbeiter Rußlands vereinigt (5300 Gruppen sozialdemokratischer Arbeiter von 6700 in 2 1/2 Jahren).

Das Liquidatorentum ist eine Strömung. Es hat eine fast zwanzigjährige Geschichte, denn es ist die direkte Fortsetzung des „Öonomismus" (1895-1902) und eine Frucht des Menschewismus (1903-1908).

Nehmen wir nun alle übrigen Grüppchen, die ebenfalls „Strömungen" sein möchten. Wir wollen sie aufzählen: 1. die „Wperjod"-Leute mit Alexinski; 2. dito mit Bogdanow; 3. dito mit Woinow; 4. die Plechanowleute; 5. die sogenannten „parteitreuen Bolschewiki" (in Wahrheit Versöhnler: Mark Sommer samt Anhang),- 6. die Trotzkisten (d. h. Trotzki, sogar ohne Semkowski); 7. die „Kaukasier" (d.h. An - ohne den Kaukasus).

Nirgends in der Welt vereinigen die Arbeiterparteien Grüppchen und „Strömungen" von Intellektuellen, sondern sie vereinigen die Arbeiter unter der Bedingung 1. der Anerkennung und Durchführung bestimmter marxistischer Beschlüsse in den Fragen der Taktik und Organisation, 2. der Unterordnung der Minderheit der klassenbewußten Arbeiter unter deren Mehrheit.

Diese Einheit ist, auf der Grundlage der bedingungslosen Lossage von den Gegnern der Illegalität, von den Prawdisten im Verlaufe von 2 1/2 Jahren (1912-1914) zu 4/5 verwirklicht worden. Wie sehr auch Hohlköpfe die Prawdisten als Fraktionsmacher, Spalter usw. beschimpfen mögen, die Tatsache der Einheit der Arbeiter wird durch diese Phrasen und Beschimpfungen nicht verschwinden...

 

Lenin, Band 20, Seite 384

ÜBER DIE POLITISCHE BEDEUTUNG DES GESCHIMPFES
(Zur Frage der Einheit)

„Trudowaja Prawda" Nr. 23, 24. Juni 1914.

 

Lenin, Band 20, Seite 452 - 453

Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen

(Auszug - Trotzki betreffend)


Im Jahre 1906 traten die polnischen Marxisten der Partei bei, dabei haben sie niemals, weder bei ihrem Eintritt noch später (weder auf dem Parteitag 1907 noch auf den Konferenzen 1907 und 1908, noch auf dem Plenum 1910), auch nur einen einzigen Antrag auf Abänderung des Paragraphen 9 des russischen Programms eingebracht!!

Das ist Tatsache.

Und diese Tatsache beweist deutlich, entgegen allen Phrasen und Beteuerungen, daß die Freunde Rosa Luxemburgs mit den Debatten in der Programmkommission des II. Parteitags und dem Beschluß dieses Parteitags die Frage als erschöpft betrachteten, daß sie schweigend ihren Fehler einsahen und ihn wiedergutmachten, als sie 1906, nachdem sie 1903 den Parteitag verlassen hatten, in die Partei eintraten, ohne jemals den Versuch zu machen, auf dem Parteiwege die Frage einer Revision des Paragraphen 9 aufzurollen.

Rosa Luxemburgs Artikel, von ihr gezeichnet, ist 1908 erschienen - selbstverständlich ist es keinem Menschen je in den Sinn gekommen, den Parteipublizisten das Recht auf Kritik am Programm abzusprechen -, und auch nach diesem Artikel hat keine einzige offizielle Instanz der polnischen Marxisten die Frage einer Revision des Paragraphen 9 aufgeworfen.

Daher erweist Trotzki manchen Verehrern Rosa Luxemburgs einen wahren Bärendienst, wenn er in Nr. 2 der „Borba" (März 1914) im Namen der Redaktion schreibt:

Die polnischen Marxisten sind der Ansicht, daß das ,Recht auf nationale Selbstbestimmung' jedes politischen Gehalts bar und aus dem Parteiprogramm zu entfernen ist." (S. 25.)

Ein diensteifriger Trotzki ist gefährlicher als ein Feind! Nichts anderem als „Privatgesprächen" (d. h. einfach dem Klatsch, von dem Trotzki stets lebt) konnte er Beweise dafür entnehmen, daß die „polnischen Marxisten" schlechthin mit jedem Artikel Rosa Luxemburgs einverstanden sind.

Trotzki hat die „polnischen Marxisten" als Leute ohne Ehre und Gewissen hingestellt, die nicht einmal ihre eigene Überzeugung und das Programm ihrer Partei zu achten wissen. Ein diensteifriger Trotzki!

Als die Vertreter der polnischen Marxisten im Jahre 1903 wegen des Selbstbestimmungsrechts den II. Parteitag verließen, damals hätte Trotzki sagen können, daß sie der Auffassung waren, dieses Recht sei jedes Gehalts bar und aus dem Programm zu entfernen.

Danach aber sind die polnischen Marxisten in die Partei eingetreten, die ein solches Programm hat, und haben niemals einen Antrag auf seine Revision eingebracht.

Warum hat Trotzki diese Tatsachen den Lesern seiner Zeitschrift verschwiegen?

Nur weil es für ihn vorteilhaft ist, auf die Schürung der Meinungsverschiedenheiten zwischen den polnischen und den russischen Gegnern des Liquidatorentums zu spekulieren und die russischen Arbeiter in der Programmfrage zu betrügen.

Noch niemals, in keiner einzigen bedeutsamen Frage des Marxismus, hatte Trotzki eine feste Meinung, stets „kroch er in die Spalten" zwischen den verschiedenen Meinungen und pendelte von einer Seite zur anderen.

Gegenwärtig befindet er sich in der Gesellschaft der Bundisten und Liquidatoren.

 

Lenin, Band 20, Seite 479 - 480

DIE METHODEN DES KAMPFES
DER BÜRGERLICHEN INTELLEKTUELLEN
GEGEN DIE ARBEITER

„Prosweschtsdienije" Nr. 6, Juni 1914.

 

 

Lenin Bamnd 21, Seite 140 - 142

Unter fremder Flagge

Auszug - Trotzki betreffend

Geschrieben nicht vor Februar 1915.

Zuerst veröffentlicht 1917 im „Sammelband" I des "Buchverlags "Priliw", Moskau


Der Hauptmangel dieser Charakteristik, wie auch der entsprechenden Charakteristik derselben Epoche bei Trotzki, liegt in der Abneigung, die tiefen inneren Widersprüche innerhalb der modernen Demokratie, die sich auf der geschilderten Basis entwickelt hat, zu sehen und zu erkennen.

Es kommt so heraus, als wäre die moderne Demokratie der gegebenen Epoche ein einheitliches Ganzes geblieben, das, allgemein gesprochen, von der Idee der schrittweisen Entwicklung durchdrungen worden sei, sich national abgeschlossen, der Störung der schrittweisen Entwicklung und der Katastrophen entwöhnt habe, verschimmelt und verflacht sei.

In Wirklichkeit konnte es sich nicht so verhalten, denn neben den erwähnten Tendenzen waren unbestreitbar andere, entgegengesetzte Tendenzen wirksam; das „Sein" der Arbeitermassen internationalisierte sich - Landflucht und Nivellierung (Ausgleichung) der Lebensbedingungen in den großen Städten der ganzen Welt, Internationalisierung des Kapitals, Durcheinanderwürfelung der städtischen und der ländlichen, der einheimischen und der andersnationalen Bevölkerung in den großen Fabriken usw. -, die Klassengegensätze verschärften sich, die Unternehmerverbände drückten schwerer auf die Arbeiterverbände, schärfere und härtere Kampfformen, z. B. in Gestalt von Massenstreiks, kamen auf, die Lebenshaltungskosten stiegen, das Joch des Finanzkapitals wurde unerträglich usw. usf.

In Wirklichkeit verhielt es sich nicht so - das wußten wir ganz genau.

Kein einziges, buchstäblich kein einziges der großen kapitalistischen Länder Europas blieb während dieser Epoche von dem Kampf zwischen den zwei gegensätzlichen Strömungen innerhalb der modernen Demokratie verschont. In jedem der großen Länder nahm dieser Kampf, ungeachtet des im allgemeinen „friedlichen", „stagnierenden", verschlafenen Charakters der Epoche, zuweilen die stürmischsten Formen an, die bis zu Spaltungen führten. Diese gegensätzlichen Strömungen zeigten sich in ausnahmslos allen Bereichen des vielfältigen Lebens und in allen Problemen der modernen Demokratie: im Verhältnis zur Bourgeoisie, bei Bündnissen mit den Liberalen, bei Kreditbewilligungen, in der Stellungnahme zur Kolonialpolitik, zu Reformen, zum Charakter des ökonomischen Kampfes, zur Neutralität der Gewerkschaften usw.

Die alles durchdringende Idee der schrittweisen Entwicklung" war durchaus nicht, wie es bei Potressow und Trotzki herauskommt, die ungeteilt herrschende Stimmung der ganzen modernen Demokratie. Nein, diese Idee der schrittweisen Entwicklung kristallisierte sich zu einer bestimmten Richtung heraus, die im Europa dieser Periode nicht selten gesonderte Fraktionen, mitunter sogar gesonderte Parteien innerhalb der modernen Demokratie hervorbrachte. Diese Richtung hatte ihre Führer, ihre Presseorgane, ihre Politik, ihren besonderen - und auch besonders organisierten - Einfluß auf die Massen der Bevölkerung. Damit nicht genug, suchte diese Richtung mehr und mehr ihren Stützpunkt - und fand, wenn man so sagen darf, schließlich endgültig ihren „Ruhepunkt" - in den Interessen einer bestimmten sozialen Schicht innerhalb der modernen Demokratie.

Die alles durchdringende Idee der schrittweisen Entwicklung" lockte natürlich eine ganze Anzahl von kleinbürgerlichen Mitläufern in die Reihen der modernen Demokratie; weiter entstanden bei einer bestimmten Schicht von Parlamentariern, Journalisten und Beamten der Gewerkschaftsorganisationen kleinbürgerliche Besonderheiten der Lebensweise und folglich auch der politischen „Orientierung" (der Richtung, der Bestrebungen); es sonderte sich, mehr oder minder deutlich und abgegrenzt, eine Art Bürokratie und Aristokratie der Arbeiterklasse ab.

Nehmen wir z. B. die Kolonialherrschaft, die Erweiterung der Kolonialbesitzungen.

Zweifellos war dies einer der hervorstechendsten Züge der geschilderten Epoche und der Mehrzahl der Großmächte. Was bedeutete das aber ökonomisch? Eine Summe von bestimmten Extraprofiten und von besonderen Privilegien für die Bourgeoisie, sodann aber auch zweifellos die Möglichkeit, Brocken von diesem „gedeckten Tisch" zu erhalten für eine kleine Minderheit von Kleinbürgern, ferner für wohlsituierte Angestellte und Beamte der Arbeiterbewegung u. dgl. m. Daß es eine solche „Nutznießung" von Brocken der aus den Kolonien, aus den Privilegien entspringenden Vorteile durch eine verschwindend geringe Minderheit der Arbeiterklasse beispielsweise in England gab, ist eine unbestrittene Tatsache, die schon Marx und Engels festgestellt und aufgezeigt hatten. Was aber seinerzeit ausschließlich englische Erscheinungen gewesen waren, wurde zur allgemeinen Erscheinung für alle großen kapitalistischen Länder Europas in dem Grade, wie alle diese Länder zur Kolonialherrschaft in großem Ausmaß übergingen, und überhaupt in dem Grade, wie sich das imperialistische Stadium des Kapitalismus entwikkelte und entfaltete.

Kurzum, „die alles durchdringende Idee der schrittweisen Entwicklung" in der zweiten (oder gestrigen) Epoche schuf nicht nur eine gewisse „mangelnde Anpassungsfähigkeit bei Störungen der schrittweisen Entwicklung", wie A. Potressow meint, und nicht nur gewisse „possibilistische" Tendenzen, wie Trotzki annimmt: Sie brachte eine ganze opportunistische Haltung hervor, die sich auf eine bestimmte soziale Schicht innerhalb der modernen Demokratie stützt, eine Schicht, die mit der Bourgeoisie ihrer eigenen nationalen „Farbe" durch zahllose Fäden gemeinsamer ökonomischer, sozialer und politischer Interessen verbunden ist - sie brachte eine Richtung hervor, die jedem Gedanken an „Störungen der schrittweisen Entwicklung" direkt, offen, völlig bewußt und systematisch feindselig gegenübersteht.

Die Wurzel einer ganzen Reihe von taktischen und organisatorischen Fehlern bei Trotzki (von A. Potressow ganz zu schweigen) liegt gerade in seiner Furcht oder Abneigung oder Unfähigkeit, diese Tatsache anzuerkennen, daß die opportunistische Richtung volle „Reife" erlangt hat und daß sie mit den Nationalliberalen (oder dem Sozialnationalismus) unserer Tage in sehr engem, unzertrennlichem Zusammenhang steht. In der Praxis führt die Leugnung dieser tatsächlichen „Reife" und dieses unzertrennlichen Zusammenhangs zumindest zu vollständiger Kopflosigkeit und Hilflosigkeit gegenüber dem herrschenden sozialnationalistischen (oder nationalliberalen) Übel.

Den Zusammenhang von Opportunismus und Sozialnationalismus leugnen, allgemein gesprochen, sowohl A. Potressow wie Martow, sowohl Axelrod wie Wl. Kossowski (der sich bis zur Verteidigung der deutschen nationalliberalen Bewilligung der Kriegskredite durch die Demokraten verstiegen hat) und ebenso Trotzki.

 

 

Lenin, Band 21, Seite 313, 339

Sozialismus und Krieg

Die Arbeiterklasse kann ihre welthistorische revolutionäre Mission nicht erfüllen ohne rücksichtslosen Kampf gegen dieses Renegatentum, diese Charakterlosigkeit, diese Liebedienerei vor dem Opportunismus und diese beispiellose theoretische Verflachung des Marxismus. Das Kautskyanertum ist kein Zufall, sondern ein soziales Produkt der Gegensätze in der II. Internationale, der Verbindung von Treue zum Marxismus in Worten mit Unterwerfung unter den Opportunismus in Taten.

In den verschiedenen Ländern tritt diese grundlegende Verlogenheit des Kautskyanertums in verschiedenen Formen in Erscheinung. In Rußland tritt Trotzki, der diese Idee ebenfalls ablehnt, gleicherweise für die Einheit mit der opportunistischen und chauvinistischen Gruppe „Nascha Sarja" ein. (...)

In der ganzen Periode des gewaltigen Aufschwungs der Arbeiterbewegung in
Rußland und der Massenstreiks in den Jahren 1912-1914 bleibt vom ganzen Augustblock als einzige unter den Massen wirkende Gruppe die Gruppe „Nascha Sarja" übrig, die ihre Kraft aus ihren Beziehungen zum Liberalismus schöpft. Anfang 1914 treten die lettischen Sozialdemokraten formell aus dem „Augustblock" aus (die polnischen Sozialdemokraten waren ihm gar nicht beigetreten), und Trotzki, einer der Führer des Blocks, tritt, obzwar nicht formell, aus dem Block aus, indem er abermals eine eigene Gruppe gründet. (...)

Die „OK-Leute" nebst Bukwojed und Trotzki stellen sich voll und ganz auf den Boden Davids, wenn sie die Losung verfechten: weder Sieg noch Niederlage!
Genau betrachtet, bedeutet diese Losung den „Burgfrieden", die Lossagung
vom Klassenkampf der unterdrückten Klasse in allen kriegführenden Ländern, denn der Klassenkampf ist unmöglich ohne Schläge gegen die „eigene" Bourgeoisie und die „eigene" Regierung, versetzt man aber der eigenen Regierung in Kriegszeiten einen Schlag, so ist das Hochverrat (das merke sich Bukwojed!), so ist das Mitwirkung an der Niederlage des eigenen Landes. Wer die Losung „weder Siege noch Niederlagen" vertritt, der kann nur heuchlerisch für den Klassenkampf, für den „Bruch des Burgfriedens" eintreten,, der verzichtet praktisch auf eine selbständige proletarische Politik und ordnet das Proletariat aller kriegführenden Länder der durchaus bürgerlichen Aufgabe unter, die betreffenden imperialistischen Regierungen vor Niederlagen zu bewahren.

 

Lenin, Band 22, Seite 126 – 128


ÜBER DIE AUFGABEN DER OPPOSITION IN FRANKREICH

(Brief an den Genossen Safarow)

(In französischer Sprache veröffentlicht 1916 als Flugblatt)


Indessen ist die Spaltung der Arbeiterbewegung und des Sozialismus in der ganzen Welt eine Tatsache. Es gibt zwei unversöhnliche Taktiken und Arten der Politik der Arbeiterklasse in ihrer Stellung zum Krieg.

Es wäre lächerlich, die Augen davor zu verschließen. Unversöhnliches versöhnen zu wollen hieße unsere ganze Arbeit zur Ohnmacht verurteilen.

In Deutschland hat sogar der Abgeordnete Otto Rühle, der Kampfgefährte Liebknechts, offen die Unvermeidlichkeit der Spaltung der Partei anerkannt, da die gegenwärtige Mehrheit, die offiziellen „Spitzen" der deutschen Partei auf die Seite der Bourgeoisie getreten sind. Die Einwände, mit denen die Vertreter des sogenannten „Zentrums" oder „Sumpfes" (le marais), Kautsky und der „Vorwärts,"30, gegen Rühle und gegen die Spaltung auftraten, sind eitel Lüge und Heuchelei, so „wohlgemeint" diese Heuchelei auch sein mag. Kautsky und der „Vorwärts" können die Tatsache nicht widerlegen - und sie versuchen es auch gar nicht - , daß die Mehrheit der deutschen Partei faktisch die Politik der Bourgeoisie durchführt. Die Einheit mit einer solchen Mehrheit ist für die Arbeiterklasse schädlich. Eine derartige Einheit bedeutet die Unterwerfung der Arbeiterklasse unter die Bourgeoisie „ihrer" Nation, bedeutet die Spaltung der internationalen Arbeiterklasse. Und Rühle hat in der Tat recht, damit, daß es in Deutschland zwei Parteien gibt. Die eine, die offizielle, führt die Politik der Bourgeoisie durch. Die andere, die Minderheit, gibt illegale Aufrufe heraus, veranstaltet Demonstrationen usw. In der ganzen Welt sehen wir dasselbe Bild, und ohnmächtige Diplomaten oder der „Sumpf", wie Kautsky in Deutschland, Longuet in Frankreich, Martow und Trotzki in Rußland, stiften in der Arbeiterbewegung den größten Schaden, weil sie die Fiktion der Einheit aufrechterhalten und damit die herangereifte, dringend notwendig gewordene Vereinigung der Opposition aller Länder, die Schaffung der III. Internationale, stören.

In Rußland ist jetzt sogar der „Versöhner" Trotzki gezwungen, die Notwendigkeit des Bruchs mit den „Patrioten" - d. h. mit der Partei des „Organisationskomitees", des OK - anzuerkennen, die die Teilnahme der Arbeiter an den Kriegsindustriekomitees rechtfertigen. Und nur aus falscher Eigenliebe fährt Trotzki fort, die „Einheit" mit der Dumafraktion Tschcheidse zu verteidigen, die der treueste Freund, Beschützer und Verteidiger der „Patrioten" und des „OK" ist.



Lenin, Band 22, Seite 136

Haben das OK und die Fraktion Tschcheldse eine eigene Linie?

Sozial-Demokrat" Nr. 50, 18. Februar 1916.


Weniger Phrasen über Revolution, ihr Herren, mehr Klarheit, Geradlinigkeit und Ehrlichkeit in der praktischen Tagespolitik. Ihr versprecht, Revolutionäre zu sein, jetzt aber helft ihr den Chauvinisten, der! Bourgeoisie, dem Zarismus dadurch, daß ihr die Beteiligung der Arbeiter an den Kriegsindustriekomitees offen verteidigt oder diejenigen, die daran mitarbeiten, stillschweigend deckt, indem ihr sie nicht bekämpft.

Martow mag zu Kniffen greifen, soviel er will. Trotzki mag noch so gegen unsere Fraktionsmacherei zetern und mit diesem Gezeter (das alte Rezept des Turgenjewschen . . . Helden!) seine sicherlich unfraktionellen „Erwartungen" bemänteln, daß jemand aus der Fraktion Tschcheidse mit Trotzki „einverstanden" sein und auf Radikalismus, Internationalismus usw. schwören werde. Tatsache bleibt Tatsache. Es gibt keine Spur eines ernsthaften politischen Unterschieds nicht nur zwischen dem OK und der Fraktion Tschcheidse, sondern auch zwischen diesen beiden Körperschaften und dem „Rabotscheje Utro" bzw. dem „Prisyw".

Deshalb gehen sie auch in Wirklichkeit alle zusammen, gegen unsere Partei, für die bürgerliche Politik der Teilnahme der Arbeiter an den Kriegsindustriekomitees, gemeinsam mit den parteilosen Arbeitern und den Volkstümlern. Die Ausflüchte und Beteuerungen der „Auslandssekretäre" aber, daß sie „nicht einverstanden" seien, bleiben leere Phrasen, die die tatsächliche Politik der Massen ebensowenig berühren, wie die Schwüre der Südekum, Legien und David, daß sie „für den Frieden" und „gegen den Krieg" seien, diese nicht vom Chauvinismus reinwaschen.

 


Lenin, Band 23, Seite 107

Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus

Geschrieben im Oktober 1916.

"Veröffentlicht im Dezember 1916 im „Sbornik Sozial-Demokrata" Nr. 2.


Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Imperialismus und jenem ungeheuerlich widerwärtigen Sieg, den der Opportunismus (in Gestalt des Sozialchauvinismus) über die Arbeiterbewegung in Europa davongetragen hat?

Das ist die Grundfrage des heutigen Sozialismus.

Das Proletariat ist ein Produkt des Kapitalismus - des Weltkapitalismus und nicht nur des europäischen, nicht nur des imperialistischen Kapitalismus.

Im Weltmaßstab - ob 50 Jahre früher oder 50 Jahre später, das ist, in diesem Maßstab gesehen, eine.Nebenfrage - „wird" das „Proletariat" selbstverständlich einheitlich sein, und innerhalb des Proletariats wird die revolutionäre Sozialdemokratie „unvermeidlich" siegen.


Der Sozialliberale Hobson sieht nicht, daß diesen „Widerstand" nur das revolutionäre Proletariat leisten kann, und nur in der Form der sozialen Revolution. Dafür ist er eben ein Sozialliberaler! Aber er erfaßte schon im Jahre 1902 ausgezeichnet die Bedeutung sowohl der Frage der „Vereinigten Staaten von Europa" (dem Kautskyaner Trotzki zur Kenntnis!) als auch alles dessen, was die heuchlerischen Kautskyaner der verschiedenen Länder vertuschen, nämlich, daß die Opportunisten (Sozialchauvinisten) zusammen mit der imperialistischen Bourgeoisie eben darauf hinarbeiten, ein imperialistisches Europa auf dem Rücken Asiens und Afrikas zu schaffen, daß die Opportunisten objektiv jenen Teil der Kleinbourgeoisie und gewisser Schichten der Arbeiterklasse darstellen, der mittels der imperialistischen Extraprofite bestochen wird und in Kettenhunde des Kapitalismus, in Verderber der Arbeiterbewegung verwandelt worden ist.

Je näher wir dieser Revolution sein werden, je machtvoller sie entbrennen wird, je schroffer und heftiger die Übergänge und Sprünge im Prozeß der Revolution sein werden, eine um so größere Rolle wird in der Arbeiterbewegung der Kampf des revolutionären Stroms, des Stroms der Massen gegen den opportunistischen, den kleinbürgerlichen Strom spielen.

Vertritt diese Politik die Massen, dient sie den Massen, d. h. der Befreiung der Massen vom Kapitalismus, oder vertritt sie die Interessen der Minderheit, ihre Versöhnung mit dem Kapitalismus?

Indem wir enthüllen, daß die Opportunisten und Sozialchauvinisten in Wirklidikeit die Interessen der Massen verraten und verkaufen, daß sie die zeitweiligen Privilegien einer Minderheit der Arbeiter verteidigen, daß sie Mittler bürgerlicher Ideen und Einflüsse, daß sie in Wirklichkeit Verbündete und Agenten der Bourgeoisie sind, lehren wir die Massen, ihre wirklichen politischen Interessen zu erkennen und durch all die langen und qualvollen Wechselfälle der imperialistischen Kriege und der imperialistischen Waffenstillstände hindurch für den Sozialismus und die Revolution zu kämpfen.

Den Massen die Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit des Bruchs mit dem Opportunismus klarmachen, sie durch schonungslosen Kampf gegen den Opportunismus zur Revolution erziehen, die Erfahrungen des Krieges ausnutzen, um alle Niederträchtigkeiten der nationalliberalen Arbeiterpolitik aufzudecken und nicht zu bemänteln - das ist die einzig marxistische Linie in der Arbeiterbewegung der ganzen Welt.

 

 

Lenin, Band 23, Seite 207 - 209

Offener Brief an Boris Souvarine

geschrieben in der zweiten Dezemberhälfte (a. St.) 1916.

Zuerst veröffentlicht in gekürzter Form am 27. Januar 1918 in der Zeitung „La Verite" Nr. 48.

Voller Wortlaut zuerst veröffentlicht 1929 in der Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija" Nr. 7 (90)

Martow lehnt im „Golos" Nr. 2 (Samara, 20. September 1916) für sich und seine ausländischen Freunde die Mitarbeit am „Delo" ab, gleichzeitig aber versucht er Tschcheidse reinzuwaschen, gleichzeitig („Iswestija" 48 Nr. 6, vom 12. IX. 1916) versichert er dem Publikum, er habe sich wegen der „trotzkistischen" Idee der Verneinung der bürgerlichen Revolution in Rußland von Trotzki und dem „Nasche Slowo" getrennt, wo doch jedermann weiß, daß das eine Lüge ist und daß Martow aus dem „Nasche Slowo" ausschied, weil dieses die Verteidigung des OK durch Martow nicht dulden wollte!

Man erinnere sich an die Polemik zwischen Trotzki und Martow in „Nasche Slowo" vor Martows Ausscheiden aus der Redaktion. Martow warf Trotzki vor, daß er bis jetzt noch nicht wisse, ob er im entscheidenden Augenblick mit Kautsky gehen werde. Trotzki antwortete Martow, daß dieser die Rolle eines „Lockvogels" spiele, eines „Köders" zur Gewinnung revolutionärer Arbeiter für die opportunistische und chauvinistische Partei der Potressow, dann des OK usw.

Beide Seiten wiederholten unsere Argumente. Und beide hatten recht.

Souvarine sagt weiter, daß Trotzki, „den wir" (die französische Minderheit) „für eins der extremsten Elemente der extremen Linken der Internationale halten, von Lenin einfach als Chauvinist gewertet wird. Man wird zugeben, daß hier eine gewisse Übertreibung vorliegt." Allerdings „liegt hier eine gewisse Übertreibung vor", aber nicht meinerseits, sondern von seiten Souvarines. Denn ich habe die Haltung Trotzkis niemals als chauvinistisch gewertet. Was ich ihm vorgeworfen habe, ist, daß er in Rußland allzuoft die Politik des „Zentrums" vertreten hat.

Hier die Tatsachen. Seit Januar 1912 ist die SDAPR in aller Form gespalten.

«Unsere Partei (die sich um das ZK gruppiert) beschuldigte die andere Partei, das Organisationskomitee, dessen namhafteste Führer Martow und Axelrod sind, des Opportunismus. Trotzki gehörte zur Partei Martows und verließ sie erst im Jahre 1914. Da brach der Krieg aus.

Die Dumafraktion unserer Richtung, die aus fünf Mitgliedern bestand (Muranow, Petrowski, Schagow, Badajew und Samoilow), wurde nach Sibirien verbannt. Unsere Arbeiter in Petrograd stimmten gegen die Teilnahme an den Kriegsindustriekomitees (das war für uns die wichtigste praktische Frage; für Rußland ist sie ebenso wichtig wie in Frankreich die Frage der Teilnahme an der Regierung). Anderseits sprachen sich die bekanntesten und einflußreichsten Publizisten des OK, Potressow, Sassulitsch, Lewizki und andere, für die „Vaterlandsverteidigung" und für die Teilnahme an den Kriegsindustriekomitees aus. Martow und Axelrod protestierten und äußerten sich gegen die Teilnahme an diesen Komitees, aber sie brachen nicht mit ihrer Partei, in der sich die eine Fraktion, chauvinistisch geworden, mit der Teilnahme einverstanden erklärte. Deshalb machten wir es auch Martow in Kienthal zum Vorwurf, daß er der Vertreter des gesamten OK sein wollte, während er in Wirklichkeit nur Vertreter einer Fraktion dieser Richtung sein konnte. Die Vertretung dieser Partei in der Duma (Tschcheldse, Skobelew u. a.) spaltete sich. Ein Teil dieser Abgeordneten ist für die „Vaterlandsverteidigung", der andere ist dagegen. Sie alle sind für die Teilnahme an den Kriegsindustriekomitees, und sie gebrauchen die zweideutige Formel der „Rettung des Landes", die im Grunde genommen, nur in anderen Worten, die Losung der „Vaterlandsverteidigung" von Südekum und Renaudel ist. Zudem protestieren sie in keiner Weise gegen die Position Potressows (in Wirklichkeit entspricht sie der Haltung Pledianows; Martow protestierte öffentlich gegen Potressow und lehnte es ab, an dessen Zeitschrift mitzuarbeiten, weil jener Plechanow zur Mitarbeit aufgefordert hatte).

Und Trotzki ? Nachdem er mit der Partei Martows gebrochen hat, macht er uns weiterhin den Vorwurf, Spalter zu sein. Er bewegt sich allmählich nach links und schlägt sogar vor, mit den Führern der russischen Sozialchauvinisten zu brechen, ohne uns aber endgültig zu sagen, ob er hinsichtlich der Fraktion Tschcheidse Einheit oder Spaltung will. Und gerade das ist eine der wichtigsten Fragen. In der Tat: Wenn es morgen Frieden gäbe, würden wir übermorgen neue Wahlen für die Duma haben.

Und da stehen wir sofort vor der Frage, ob wir für oder gegen die Einheit mit Tschcheidse sind. Wir sind gegen diese Einheit. Martow ist dafür.

Und Trotzki ? Wir wissen es nicht. In den 500 Nummern der in Paris erscheinenden russischen Zeitung „Nasche Slowo", zu deren Redakteuren Trotzki gehört, wurde das entscheidende Wort nicht gesagt. Darum sind wir mit Trotzki nicht einverstanden.

Aber es handelt sich nicht nur um uns. In Zimmerwald wollte Trotzki sich nicht der „Zimmerwalder Linken" anschließen. Trotzki vertrat mit der Genossin Roland-Holst das „Zentrum". Aber Genossin Roland-Holst schreibt jetzt in der sozialistischen holländischen Zeitung „Tribüne" (Nr. 159 vom 22. August 1916): „Diejenigen, die wie Trotzki und seine Gruppe den revolutionären Kampf gegen den Imperialismus führen wollen, müssen die Folgen der Emigrantenuneinigkeiten überwinden, die größtenteils einen ziemlich persönlichen Charakter tragen und die extreme Linke entzweien, und müssen sich den Leninisten anschließen. Ein revolutionäres Zentrum ist unmöglich."

Ich bitte um Entschuldigung, daß ich so ausführlich auf unser Verhältnis zu Trotzki und Martow eingegangen bin, aber die sozialistische französische Presse spricht davon ziemlich oft, und die Informationen, die sie dem Publikum darüber gibt, sind oft sehr ungenau. Die französischen Genossen müssen besser über die Tatsachen informiert sein, die die sozialdemokratische Bewegung in Rußland betreffen.

 

 

Lenin Band 24, Seite 136

Petrograder Stadtkonferenz der SDAPR (B)

Zuerst veröffentlicht 1925 in dem Buch „ Die Petrograder Stadtkonferenz und die Gesamtrussische Konferenz der SDAPR (B) im April 1917".

Die Kadetten handeln bereits wie Beamte. Sie sagen der Bauernschaft:
„Wartet auf die Konstituierende Versammlung." Nur unsere Partei stellt
Losungen auf, die die Revolution wirklich vorantreiben. Die Sowjets der
Arbeiterdeputierten können durchaus draußen im Lande Kommunen
schaffen. Die Frage ist nur, ob das Proletariat genügend organisiert sein
wird, das kann man aber nicht im voraus berechnen, man muß aus der
Praxis lernen.
Der Trotzkismus sagt: „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung."
Das ist falsch. Das Kleinbürgertum existiert, man darf es
nicht ignorieren. Aber es besteht aus zwei Teilen. Sein ärmerer Teil
geht mit der Arbeiterklasse.

Lenin Band 24, Seite 142

5

ZWEI ENTGEGNUNGEN IN DER DISKUSSION ÜBER DIE FRAGE DER KOMMUNALWAHLEN
22. APRIL (5. MAI)
I

Der leiseste Gedanke an einen Block mit dem Kleinbürgertum, das von den Kapitalisten gestützt wird, ist Verrat am Sozialismus.

Mit wem sollen wir einen Block schließen, mit den Herausgebern der „Internationale"? Aber diese Zeitung ist nicht erschienen, wir kennen sie also nicht. Tschchei'dse - das ist die ärgste Tarnung der Vaterlandsverteidigung. Trotzki hat in seinem in Paris herausgegebenen Blatt nicht klar gesagt, ob er für oder gegen Tschcheiidse ist. Wir haben immer gegen Tschcheidse gesprochen, denn was er tut, ist eine raffinierte Bemäntelung des Chauvinismus. Trotzki hat sich nicht klar ausgesprochen.

Woher wissen wir denn, daß Larin (der Herausgeber der „Internationale") nicht eine ebensolche Taktik verfolgt?

Wir müssen mit einem bestimmten Programm auftreten. Jetzt geht ein Kampf dreier Parteien vor sich: die erste - das ist die Partei der Räuber und Mörder; die zweite - das sind jene, die diese Räuber mit schönen Worten decken,- und die dritte Partei endlich ist gegen jedwede Unterstützung der Räuber, ist für die Klarlegung aller Fehler, einschließlich der des Exekutivkomitees des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

 

 

Lenin, Band 27, Seite 1 -12

Über die revolutionäre Phrase

„Prawda" Nr. 31, veröffnetlicht am 21. Februar 1918.

* * *

 

Das Dekret „Das sozialistische Vaterland in Gefahr!"
verfaßt von W. I. Lenin — 21. Februar 1918, Band 27, Seite 15 - 16

 

Anmerkungen der Redaktion

Am 28. Januar (10. Februar) setzte sich Trotzki, der damals die sowjetische Friedensdelegation in Brest-Litowsk leitete, verräterisch über Lenins Anweisung, die Friedensbedingungen Deutschlands zu unterzeichnen, hinweg. Als Antwort auf das deutsche Ultimatum verlas er eine Deklaration, in der er erklärte:

"Wir unterzeichnen den Frieden nicht, wir demobilisieren die Armee, wir führen keinen Krieg." Der provokatorische Schritt Trotzkis setzte die Sowjetrepublik den Schlägen des deutschen Imperialismus aus. Am 16. Februar gab die deutsche Heeresleitung offiziell die Beendigung des Waffenstillstands mit der Sowjetrepublik bekannt und begann am 18. Februar eine militärische Offensive an der ganzen Front. Die deutschen Imperialisten bemächtigten sich einer Reihe von Städten auf sowjetischem Territorium und bedrohten Petrograd. Am 18. Februar begann die Offensive der Deutschen. An diesem Tage wurde die Frage des Friedensschlusses abermals vom ZK der Partei erörtert.

Trotzki und Bucharin verteidigten weiter in verbrecherischer Weise die provokatorische Politik der Fortsetzung des Krieges. Erst in der zweiten, der Abendsitzung, nach Lenins kategorischer Forderung und nachdem Stalin und Swerdlow für die Unterzeichnung des Friedens eingetreten waren, wurde Lenins Vorschlag angenommen, der deutschen Regierung durch Funkspruch die Zustimmung zur Unterzeichnung des Friedens zu den in Brest-Litowsk vorgeschlagenen Bedingungen mitzuteilen. Ein Entwurf des Funkspruchs wurde von Lenin sofort niedergeschrieben, vom ZK der Bolschewiki bestätigt und im Namen des Rats der Volkskommissare in der Nacht vom 18. zum 19. Februar nach Berlin gesandt. Nach diesem Beschluß erklärte Bucharin seinen Austritt aus dem ZK der Partei und aus der Redaktion der „Prawda".

Linke" "Bolschewiki — eine parteifeindliche Gruppe, die sich zur Tarnung Gruppe „linker Kommunisten" nannte. Sie entstand Anfang 1918 im Zusammenhang mit der Frage des Brester Friedensschlusses. Getarnt durch linke Phrasen, verfocht die Gruppe „linker Kommunisten" eine verbrecherische Politik, die darauf abzielte, die junge Sowjetrepublik, die noch keine Armee besaß, in einen Krieg gegen Deutschland zu verwickeln. An der Spitze der Gruppe standen Bucharin, Radek und Pjatakow. Die Anführer der „linken Kommunisten" waren Handlanger Trotzkis, der die verräterische Politik der Fortführung des Krieges in verhüllterer, stärker maskierter Form betrieb, und zwar unter der Losung: keinen Krieg führen, aber auch den Frieden nicht unterzeichnen. Im Gegensatz zu Lenins Friedenspolitik, seiner Politik der Atempause wollten Trotzki und die „linken Kommunisten" der Partei eine Politik aufzwingen, die zweifellos zum Zusammenbruch der proletarischen Diktatur geführt hätte. W. I. Lenin nannte die „linken Kommunisten" ein „Werkzeug imperialistischer Provokation". Mit Trotzkis Unterstützung führten die „linken Kommunisten" einen offenen Kampf gegen die Partei und entfalteten eine hemmungslose Fraktionstätigkeit.

Sie erhoben verleumderische, demagogische Beschuldigungen gegen die Partei, um sie zu spalten, die Parteireihen zu zersetzen, zu desorganisieren, die Partei durch Rücktrittserklärungen, durch Aufgabe ihrer Posten in Sowjetinstitutionen und in der Partei zu schrecken usw. Lenin, Stalin und Swerdlow hatten im ZK einen hartnäckigen Kampf gegen Trotzki und die „linken Kommunisten" zu führen, um den Beschluß über den Frieden durchzusetzen und damit die junge Sowjetrepublik zu retten.

Als Lenins Resolution über Krieg und Frieden auf dem Parteitag zur Erörterung und Abstimmung kam, brachten Trotzki und die „linken Kommunisten" ihre „Verbesserungsanträge" ein, die es der Sowjetregierung untersagen sollten, mit der Ukrainischen Rada und der finnischen bürgerlichen Regierung Frieden zu schließen. Lenin wies den provokatorischen Versuch Trotzkis und der „linken Kommunisten", dem ZK die Freiheit des Manövrierens zu nehmen, zurück; der Parteitag lehnte diese „Verbesserungsanträge" mit Stimmenmehrheit ab.

Unter Lenins Führung ließ die Partei der provokatorischen Politik Trotzkis und der „linken Kommunisten" eine entschiedene Abfuhr zuteil werden, indem sie deren Haltung als verräterisch und kapitulantenhaft anprangerte. Die „linken Kommunisten" wurden isoliert und geschlagen.

 

Lenin, Band 27, Seite 19 - 26

Über die Krätze /

Frieden oder Krieg ?

 

* * *

Lenin, Band 27, Seite 37 - 40

Äußerungen Lenins in der Sitzung des ZK der SDAPR (B)

24. FEBRUAR 1918
Protokollarische Niederschrift

Zuerst vollständig veröffentlicht 1928 in der Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija" (Die proletarische
Revolution) Nr. 2 (73).

Die Mehrheit der „linken Kommunisten" beteiligte sich nicht an der Abstimmung, sondern verließ den Sitzungssaal für diese Zeit. Die Führer der „linken Kommunisten" und der Trotzkisten stimmten
provokatorisch gegen den Friedensschluß.

Lenin, Band 27, Seite 89 - 91

Siebenter Parteitag der KPR (B)

Es war ein außerordentlicher Parteitag zur endgültigen Beschlußfassung über die Friedensfrage. Das Referat über Krieg und Frieden hielt Lenin. Die Trotzkisten und „linken Kommunisten" brachten ihre eigenen Thesen vor und benannten Bucharin als Referenten. Zur Frage des Brester Friedens nahm der Parteitag Lenins Resolution mit 30 gegen 12 Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen an. Der Parteitag verurteilte die Verräterpolitik Trotzkis und Bucharins und brandmarkte den Versuch der „linken Kommunisten", selbst auf dem Parteitag noch die Spaltungsarbeit fortzusetzen. Die „linken Kommunisten" und die Trotzkisten wurden zerschlagen. Die Partei bekam die Möglichkeit, das Land aus dem imperialistischen Krieg herauszuführen, errang eine Atempause zur Organisierung der Roten Armee und des sozialistischen Aufbaus. Im November 1918 wurde der Brester Vertrag annulliert.

 

1
REFERAT ÜBER KRIEG UND FRIEDEN
7. MÄRZ 1918


Nachdem wir diese Lektion eingesteckt haben, werden wir unsere Spaltung, unsere Krise überwinden, wie schwer auch diese Krankheit sein mag, denn uns wird ein viel verläßlicherer Verbündeter zu Hilfe kommen: die Weltrevolution. Wenn man uns nach der Ratifizierung dieses Tilsiter Friedens, dieses unerhörten Friedens fragt, der demütigender, räuberischer ist als der Brester, so antworte ich: unbedingt ja! Wir müssen es tun, weil wir die Dinge vom Gesichtspunkt der Massen betrachten. Der Versuch, die im Oktober—November, in dieser Periode des Triumphs der Revolution, in einem Lande angewandte Taktik mit Hilfe unserer Phantasie auf den Gang der Ereignisse der Weltrevolution zu übertragen — dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Wenn man sagt, die Atempause sei eine Phantasie, wenn eine Zeitung, die sich „Kommunist" nennt — offenbar nach der Kommune —, Spalte für Spalte vollschreibt und versucht, die Theorie der Atempause zu widerlegen, dann sage ich: ich habe viele fraktionelle Zusammenstöße und Spaltungen durchzumachen gehabt, so daß ich darin eine große praktische Erfahrung habe, aber ich muß sagen: ich sehe ganz klar; diese Krankheit wird nicht mit dem alten Mittel — mit fraktionellen Parteispaltungen — geheilt werden, weil das Leben sie früher kurieren wird. Das Leben schreitet sehr rasch voran. In dieser Beziehung arbeitet es großartig. Die Geschichte wird von ihrer Lokomotive so rasch vorwärts gejagt, daß die Mehrheit der Arbeiter in Petrograd — bevor noch die Redaktion des „Kommunist" ihre nächste Nummer herausbringt — sich von den Ideen dieser Zeitschrift enttäuscht abwenden wird, weil das Leben zeigt, daß die Atempause eine Tatsache ist. Wir unterzeichnen jetzt den Frieden, wir haben eine Atempause, wir nutzen sie zur Verteidigung des Vaterlands besser aus — denn wenn wir Krieg führten, so hätten wir jene panisch davonlaufende Armee, die man aufhalten müßte und die unsere Genossen nicht aufhalten können und nicht aufhalten konnten, weil der Krieg stärker ist als Predigten, als zehntausend Räsonnements. Wenn sie die objektive Situation nicht begriffen haben, dann können sie die Armee nicht aufhalten, dann würden sie sie nicht aufhalten. Diese kranke Armee verseuchte den ganzen Organismus, und wir mußten eine neue beispiellose Niederlage einstecken, einen neuen Schlag des deutschen Imperialismus gegen die Revolution — einen schweren Schlag, weil wir aus Leichtsinn uns ohne Maschinengewehre den Schlägen des Imperialismus ausgesetzt haben. Indessen werden wir diese Atempause benutzen, um das Volk zu überzeugen, daß es sich zusammenschließen und kämpfen muß, um den russischen Arbeitern und Bauern zu sagen: „Schafft eine Selbstdisziplin, eine strenge Disziplin, sonst werdet ihr auch weiter unter dem Militärstiefel der Deutschen liegen, wie das jetzt der Fall ist und unvermeidlich der Fall sein wird, bis das Volk es lernt, zu kämpfen, eine Armee zu schaffen, die nicht die Flucht ergreift, sondern imstande ist, unerhörte Leiden auf sich zu nehmen." Das ist unvermeidlich, weil die deutsche Revolution noch nicht da ist und man nicht dafür bürgen kann, daß sie morgen ausbricht.

Das ist der Grund dafür, daß die Theorie der Atempause, die in einer Unmenge von Artikeln im „Kommunist" vollständig abgelehnt wird, vom Leben selbst aufgestellt wird. Jeder sieht, daß die Atempause eine Tatsache ist, daß jeder sie sich zunutze macht. Wir glaubten, daß wir Petrograd in wenigen Tagen verlieren würden, als die anmarschierenden deutschen Truppen nur wenige Tagemärsche von der Stadt entfernt waren und die besten Matrosen und Putilowarbeiter bei all ihrem großen Enthusiasmus allein dastanden, als ein unerhörtes Chaos, eine Panik entstand, die die Truppen veranlaßte, bis Gatschina zu fliehen, als wir erlebten, daß zurückgenommen wurde, was gar nicht aufgegeben worden war. Das ging so vor sich, daß ein Telegrafist zur Eisenbahnstation fuhr, sich an den Apparat setzte und telegrafierte: „Kein einziger Deutscher. Station von uns besetzt." Einige Stunden später teilte man mir telefonisch aus dem Volkskommissariat für Verkehrswesen mit: „Nächste Eisenbahnstation eingenommen, nähern uns Jamburg. Kein einziger Deutscher. Der Telegrafist nimmt seinen Posten ein." Solche Dinge haben wir erlebt. Das ist die reale Geschichte jenes elftägigen Krieges. Geschildert haben sie uns die Matrosen und Putilowarbeiter, und diese müssen wir zum Sowjetkongreß einladen. Sollen sie dort die Wahrheit erzählen. Das ist eine furchtbar bittere, kränkende, peinigende, demütigende Wahrheit, aber sie ist hundertmal nützlicher, das russische Volk versteht sie.

Ich überlasse es euch, von einer auf dem Schlachtfeld ausgelösten Weltrevolution zu schwärmen, denn kommen wird sie. Alles wird zu seiner Zeit kommen, jetzt aber beginnt mit der Selbstdisziplin, ordnet euch um jeden Preis unter, damit wir eine musterhafte Ordnung bekommen, damit die Arbeiter wenigstens eine Stunde am Tage kämpfen lernen. Das ist etwas schwieriger, als sich ein schönes Märchen auszudenken. So ist die Lage heute, damit helft ihr der deutschen Revolution, der internationalen Revolution.

Wie viele Tage unsere Atempause dauern wird, wissen wir nicht, aber wir haben sie.

 

2

SCHLUSSWORT
ZUM REFERAT ÜBER KRIEG UND FRIEDEN
8. MÄRZ 1918

Ferner muß ich auf den Standpunkt des Gen. Trotzki eingehen. In seiner Tätigkeit muß man zwei Seiten unterscheiden: als er die Verhandlungen in Brest aufnahm und sie ausgezeichnet zu Agitationszwecken ausnutzte, waren wir alle mit Gen. Trotzki einverstanden. Er hat einen Teil der Unterredung mit mir zitiert, aber ich füge hinzu, wir hatten ausgemacht, daß wir uns bis zum Ultimatum der Deutschen halten und nach dem Ultimatum kapitulieren. Der Deutsche hat uns übers Ohr gehauen:

von den sieben Tagen hat er uns fünf gestohlen. Trotzkis Taktik war richtig, insofern sie darauf ausging, die Sache in die Länge zu ziehen: sie wurde unrichtig, als der Zustand des Krieges für beendet erklärt und der Frieden nicht unterzeichnet wurde. Ich schlug in der bestimmtesten Form vor, den Frieden zu unterzeichnen. Einen besseren Frieden als den Brester konnten wir nicht bekommen. Es ist allen klar, daß wir dann eine Atempause von einem Monat gehabt, daß wir nicht verspielt hätten. Da die Geschichte diese Möglichkeit zunichte gemacht hat, so lohnt es sich nicht, daran zu erinnern, aber es ist lächerlich, wenn Bucharin sagt: „Das Leben wird zeigen, daß wir recht hatten." Ich habe recht behalten, denn ich habe darüber bereits 1915 geschrieben: „Man muß sich darauf vorbereiten, einen Krieg zu führen, er ist unvermeidlich, er kommt, er wird kommen." [Siehe Werke, 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 368, russ. Die Red.]

Aber man mußte den Frieden annehmen und nicht unnütz bramarbasieren.

Den Frieden mußte man um so mehr annehmen, als der Krieg kommt, jetzt aber erleichtern wir zum mindesten die Evakuierung Petrograds, wir haben sie bereits erleichtert. Das ist eine Tatsache. Wenn Gen. Trotzki die neue Forderung aufstellt: „Versprecht, daß ihr keinen Frieden mit Winnitschenko unterzeichnen werdet", so sage ich, daß ich eine solche Verpflichtung auf keinen Fall übernehme. Wenn der Parteitag diese Verpflichtung einginge, so würde weder ich noch irgendeiner meiner Gesinnungsgenossen die Verantwortung dafür übernehmen. Das würde bedeuten, daß wir, anstatt eine Ware Linie des Manövrierens zu befolgen — uns zurückziehen, wenn es geht, zuweilen angreifen —, uns anstatt dessen abermals durch einen formalen Beschluß binden. Niemals darf man sich in einem Krieg durch formale Erwägungen binden. Es ist lächerlich, die Kriegsgeschichte nicht zu kennen, nicht zu wissen, daß ein Vertrag ein Mittel ist, um Kräfte zu sammeln: ich habe mich bereits auf die preußische Geschichte berufen. Einige urteilen entschieden wie die Kinder: Wir haben den Vertrag unterzeichnet, also haben wir uns dem Satan verkauft, sind in die Hölle geraten. Das ist einfach lächerlich, wo doch die Kriegsgeschichte ganz klar zeigt, daß die Unterzeichnung eines Vertrags angesichts einer Niederlage ein Mittel zum Sammeln der Kräfte ist. Es hat in der Geschichte Fälle gegeben, daß ein Krieg auf den anderen folgte, das haben wir alles vergessen, wir sehen, der alte Krieg verwandelt sich in.. .* [ hier fehlt der vollständige Satz - Redaktion]. Wenn es euch beliebt, dann bindet euch für immer durch formale Erwägungen und gebt die verantwortlichen Posten den linken Sozialrevolutionären. Wir werden die Verantwortung dafür nicht übernehmen. Das hat ganz und gar nichts mit dem Wunsch nach Spaltung zu tun. Ich bin überzeugt, daß das Leben euch belehren wird. Am 12. März — also in wenigen Tagen — werdet ihr umfangreiches Material erhalten.

Genosse Trotzki sagt, das wäre Verrat im vollen Sinne des Wortes. Ich behaupte, daß das ein ganz falscher Standpunkt ist. Um das konkret zu zeigen, will ich ein Beispiel anführen: zwei Menschen gehen ihres Weges, sie werden von zehn Mann überfallen, der eine kämpft, der andere flieht — das ist Verrat. Nehmen wir aber zwei Armeen zu je Hunderttausend an, und gegen sie stehen fünf Armeen,- die eine Armee ist von zweihunderttausend Mann umzingelt worden, die andere soll ihr zu Hilfe eilen, weiß jedoch, daß dreihunderttausend Mann so aufgestellt sind, daß das einer Falle gleichkommt: kann man da zu Hilfe eilen? Nein, das kann man nicht. Das ist kein Verrat, keine Feigheit: einfache Vergrößerung der Zahl hat alle Begriffe verändert, jeder Militär weiß das, hier handelt es sich nicht um eine persönliche Auffassung: indem ich so handele, erhalte ich meine Armee,' mag die andere gefangengenommen werden, ich werde meine erneuern, ich habe Verbündete, ich werde abwarten, die Verbündeten werden kommen. Nur so darf man argumentieren; wenn aber in die militärischen Erwägungen andere hineingemengt werden, dann kommt dabei nichts als Phrasen heraus. So kann man keine Politik treiben.

4

REDEN GEGEN DIE ABÄNDERUNGSANTRÄGE TROTZKIS

ZUR RESOLUTION ÜBER KRIEG UND FRIEDEN«

8. MÄRZ (MORGENS)


Genossen, ich habe in meiner Rede bereits gesagt, daß weder ich noch meine Anhänger die Annahme dieses Abänderungsantrags für möglich halten. Wir dürfen uns auf keinen Fall, bei keinem einzigen strategischen Manöver die Hände binden. Alles hängt ab vom Kräfteverhältnis und vom Zeitpunkt des Angriffs dieser oder jener imperialistischen Staaten gegen uns, hängt davon ab, wann die Gesundung unserer Armee, die zweifelsohne einsetzt, so weit gediehen sein wird, daß wir imstande und verpflichtet sein werden, uns nicht nur von dem unterzeichneten Frieden loszusagen, sondern auch Krieg zu erklären. Ich wäre einverstanden, anstatt der Abänderungsanträge, die Gen. Trotzki eingebracht hat, folgende anzunehmen:

Erstens müssen wir sagen — und das werde ich unbedingt verfechten —, daß die vorliegende Resolution nicht in der Presse veröffentlicht, sondern nur eine Mitteilung über die Ratifizierung des Vertrags gebracht wird.

Zweitens, in bezug auf die Form der Publikation und den Inhalt wird im Zusammenhang mit einem möglichen Angriff der Japaner dem ZK das Recht erteilt, Änderungen vorzunehmen.

Drittens müssen wir sagen, daß der Parteitag dem ZK der Partei Vollmacht gibt, sowohl alle Friedensverträge zu zerreißen als auch jeder imperialistischen Macht und der ganzen Welt den Krieg zu erklären, sobald das ZK der Partei den Zeitpunkt für geeignet erachtet.

Diese Vollmacht zur Zerreißung der Verträge in jedem Augenblick müssen wir dem ZK erteilen, aber das bedeutet keineswegs, daß wir jetzt gleich, in der Situation, die heute gegeben ist, die Verträge zerreißen.

Jetzt dürfen wir uns durch nichts die Hände binden. Die Worte, deren Einfügung Gen. Trotzki beantragt, werden die Stimmen derjenigen auf sich vereinigen, die gegen die Ratifizierung überhaupt sind, die Stimmen für eine mittlere Linie, die wiederum eine Situation schafft, wo kein einziger Arbeiter, kein einziger Soldat etwas von unserer Resolution verstehen wird.

Wir werden jetzt beschließen, daß die Ratifizierung des Vertrags notwendig ist, und werden dem Zentralkomitee die Vollmacht erteilen, jederzeit den Krieg zu erklären, weil gegen uns eine Offensive vorbereitet wird, möglicherweise von drei Seiten; England oder Frankreich werden uns Archangelsk wegnehmen wollen — das ist durchaus möglich, aber auf keinen Fall dürfen wir weder in bezug auf die Zerreißung des Friedensvertrags noch in bezug auf die Erklärung eines Krieges unsere zentrale Parteikörperschaft beengen. Wir unterstützen die Ukrainer finanziell, wir helfen, womit wir nur können. Auf jeden Fall darf man sich nicht binden durch einen Beschluß, daß wir überhaupt keinen Friedensvertrag unterzeichnen werden. In einer Epoche sich ausbreitender Kriege, die einander ablösen, entstehen neue Kombinationen. Der Friedensvertrag ist ein einziges lebendiges Manövrieren — entweder stehen wir zu dieser Bedingung des Lavierens, oder wir binden uns formal von vornherein die Hände so, daß wir nicht imstande sein werden, uns zu bewegen: weder Frieden noch Krieg — das ist unmöglich.

II

Ich habe doch wohl gesagt: nein, das ist für mich nicht annehmbar. Dieser Abänderungsantrag enthält eine Andeutung, drückt das aus, was Gen. Trotzkisagen will. Andeutungen soll man nicht in eine Resolution hineinbringen.

Der erste Punkt spricht davon, daß wir die Ratifikation des Vertrags annehmen und es für notwendig halten, jede, und sei es auch die geringste Möglichkeit einer Atempause vor dem Beginn der Offensive des Imperialismus gegen die Sozialistische Sowjetrepublik auszunutzen. Wenn wir von der Atempause reden, so vergessen wir nicht, daß die Offensive gegen unsere Republik fortdauert. Das ist mein Gedanke, den ich in meinem Schlußwort unterstrichen habe.

 

 

Über "linke" Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit

9. - 11. Mai 1918

Band 27, Seite 315 - 347

 

 

Trotzkis Rolle in der Gewerkschaftsdiskussion

 

 

Ende 1920 / Anfang 1921

Lenin und die Gewerkschaftsdiskussion

Sammlung von Artikeln aus Band 32, Seite 1 - 100

- Über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Trotzkis (Dezember 1920)

- Die Krise der Partei (Januar 1921)

- II. Gesamtrussischer Verbandstag der Bergarbeiter (Januar 1921)

- Noch einmal über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Trotzkis und Bucharins (Januar 1921)

-

Lenin, Band 32, Seite 175 - 178

X. Parteitag der KPR (B)

2

Bericht über die politische Tätigkeit des ZK der KPR (B)

8. März 1921

zur Diskussion über die Gewerkschaften

Nun gehe ich vorläufig zu einem anderen Punkt aus einem ganz anderen Gebiet über: zur Diskussion über die Gewerkschaften, die der Partei soviel Zeit geraubt hat. Ich nahm heute bereits die Gelegenheit wahr, darüber zu sprechen, und ich konnte selbstverständlich nur vorsichtig sagen, daß wohl kaum viele unter Ihnen sein werden, die diese Diskussion nicht als übermäßigen Luxus ansehen. Ich persönlich kann nicht umhin hinzuzufügen, daß meiner Meinung nach dieser Luxus wirklich ganz unerlaubt war; mit der Zulassung dieser Diskussion haben wir ohne Zweifel einen Fehler begangen, denn wir sahen nicht, daß wir in dieser Diskussion eine Frage in den Vordergrund rückten, die aus objektiven Gründen nicht im Vordergrund stehen kann; wir leisteten uns einen Luxus, ohne zu sehen, in welchem Grade wir die Aufmerksamkeit von der brennenden und drohenden, uns so naheliegenden Frage der Krise ablenkten,, von der ich soeben gesprochen, habe. Welches sind nun die realen Ergebnisse dieser Diskussion, die so viele Monate in Anspruch nahm und von der wohl so ziemlich die meisten Anwesenden mehr als genug haben? Darüber werden,Sie spezielle Referate entgegennehmen, aber ich möchte in meinem Bericht die Aufmerksamkeit auf eine Seite der Sache lenken - nämlich darauf, daß sich hier zweifellos das Sprichwort bewahrheitet hat: „Alles Schlechte hat auch sein'Gutes."

Leider war des Schlechten etwas zuviel und des Guten etwas zuwenig.

( H e i t e r k e i t . ) Aber etwas Gutes gab es trotzdem: Es bestand darin, daß wir zwar Zeit verloren und die Aufmerksamkeit unserer Parteigenossen von den dringenden Aufgaben des Kampfes gegen das uns umgebende kleinbürgerliche Element ablenkten, aber immerhin lernten, einige Wechselbeziehungen zu erkennen, die wir früher nicht gesehen hatten. Das Gute bestand darin, daß die Partei in diesem Kampf notwendigerweise manches hinzulernte. Obwohl wir alle wußten, daß wir als regierende Partei nicht umhinkonnten, die „Spitzen" der Partei und die „Spitzen" der Sowjets miteinander zu verschmelzen - sie sind bei uns verschmolzen und werden es bleiben -, hat die Partei in dieser Diskussion doch eine gewisse Lektion erhalten, die berücksichtigt werden muß. Für die einen Plattformen stimmten vorwiegend die „Spitzen" der Partei. Die Plattformen, die sich manchmal „Plattformen der , Arbeiteropposition'", manchmal irgendwie anders nannten, "vertraten, wie sich herausstellte, eine ausgesprochen syndikalistische Abweichung: Und das ist nicht meine persönliche Meinung, sondern die Meinung der übergroßen Mehrheit der Anwesenden." (Zwi s c h e n r u f e : „Richtig".)

Die Partei zeigte sich in dieser Diskussion dermaßen reif, daß sie, als sie ein gewisses Schwanken der „Spitzen" sah, als sie hörte, daß die „Spitzen" sagten-. „Wir konnten uns nicht einigen, legt unseren Streit bei", sich für diese Aufgabe rasch mobilisierte, und die übergroße Mehrheit der bedeutendsten Parteiorganisationen antwortete ans rasch: „Wir haben eine Meinung, und wir werden sie euch sagen."

In dieser Diskussion lag uns eine Reihe von Plattformen vor. Es waren ihrer so viele, daß beispielsweise ich, obwohl ich von Amts wegen verpflichtet war, sie zu lesen, befürchte, gesündigt und sie nicht alle gelesen zu haben." (H ei t e r k ei t.) Ich weiß nicht, ob alle hier Anwesenden so viel freie Zeit hätten, um sie zu lesen, jedenfalls aber muß gesagt werden, daß diese syndikalistische und bis zu einem gewissen Grad sogar halbanarchistische Abweichung, die zum Vorschein gekommen ist, viel Material zum Nachdenken liefert. Einige Monate lang leisteten wir uns den Luxus, uns dem Studium von Meiniungsschattierungen hinzugeben. Unterdessen erzeugte die Demobilisierung der Armee das Banditentum und verschärfte die Wirtschaftskrise. Diese Diskussion sollte uns helfen, zu begreifen, daß unsere Partei, als eine Partei, die wohl nicht weniger als eine halbe Million Mitglieder zählt, ja sogar eine halbe Million überschritten hat, erstens eine Massenpartei und zweitens eine Regierungspartei geworden ist und daß sie, als Massenpartei, teilweise etwas von dem widerspiegelt, was außerhalb ihrer Reihen vorgeht. Das zu begreifen ist sehr, sehr wichtig.

Eine kleine syndikalistische oder halbanarchistische Abweichung wäre nicht schrecklich; die Partei wäre sich rasch und entschieden ihrer bewußt geworden und darangegangen, sie zu korrigieren. Aber wenn diese Abweichung mit einem gigantischen Überwiegen der Bauernschaft im Lande verbunden ist, wenn die Unzufriedenheit dieser Bauernschaft mit der proletarischen Diktatur wächst, wenn die Krise der bäuerlichen Wirtschaft ihre äußerste Grenze erreicht hat, wenn durch die Demobilisierung der Bauernarmee Hunderte und Tausende gebrochener Menschen ins Land hinausgeschleudert werden, die keine Beschäftigung finden, die gewohnt waren, sich nur mit dem Krieg, als ihrem Handwerk, zu befassen und die nun zum Banditentum übergehen, dann haben wir keine Zeit, über theoretische Abweichungen zu diskutieren. Und wir müssen auf dem Parteitag unumwunden sagen: Diskussionen über Abweichungen werden wir nicht dulden, wir müssen diesbezüglich einen Schlußpunkt setzen. Das kann und muß der Parteitag tun, er muß daraus die notwendige Lehre ziehen und das dem politischen Bericht des ZK hinzufügen, es bekräftigen, verankern und zu einer Verpflichtung, zu einem Gesetz für die Partei erheben. Die Diskussionssucht wird im höchsten Grade gefährlich, sie wird zu einer direkten Bedrohung der Diktatur des Proletariats.

Als ich vor einigen Monaten; sagte: „Gebt acht, hier ist eine Gefahr für die Herrschaft der Arbeiterklasse und für die Diktatur der Arbeiterklasse!", da meinten manche Genossen, mit denen ich in der Diskussion zusammenstieß und gegen die ich polemisierte: „Das ist die Methode der Einschüchterung, Sie terrorisieren uns." Diesen Refrain zu meinen Bemerkungen - daß ich irgend jemand terrorisiere - bekam ich mehr als einmal zu hören, und ich antwortete darauf, daß es lächerlich von mir wäre, alte Revolutionäre, die allerhand hinter sich haben, terrorisieren zu wollen.

Wenn man jedoch sieht, wozu sich die Schwierigkeiten der Demobilisierung entwickeln, so kann es jetzt keinen Streit mehr darüber geben, daß hier nicht nur keine Terrorisierung, sondern nicht einmal eine in der Polemik unvermeidliche Übertreibung vorlag, es war vielmehr ein ganz genauer Hinweis auf das, was eingetreten ist, darauf, daß wir Geschlossenheit, Standhaftigkeit und Diziplin brauchen - nicht nur deshalb, weil die proletarische Partei sonst nicht einträchtig arbeiten kann, sondern weil das Frühjahr derart schwierige Verhältnisse gebracht hat und noch bringen wird, daß wir ohne maximale Geschlossenheit nichts ausrichten können. Diese zwei Hauptlehren, glaube ich, werden wir immerhin aus der Diskussion ziehen können. Und deshalb muß, wie mir scheint, gesagt werden: Wenn wir uns einen Luxus geleistet und der Welt das erstaunliche Beispiel gegeben haben, wie eine in die schwierigsten Verhältnisse eines erbitterten Kampfes versetzte Partei der eingehenden Klärung verschiedener Einzelheiten von Plattformen unerhörte Aufmerksamkeit schenkt - und das angesichts der Mißernte und der Krise, angesichts der wirtschaftlichen Zerrüttung und der Demobilisierung, in denen wir uns befanden - , so werden wir jetzt aus diesen Lehren eine politische Schlußfolgerung ziehen, nicht nur eine Schlußfolgerung, die auf diesen oder jenen Fehler hinweist, sondern eine politische Schlußfolgerung, die die Beziehungen zwischen den Klassen, zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft betrifft. Diese Beziehungen sind andere, als wir geglaubt hatten. Diese Beziehungen erfordern vom Proletariat unendlich mehr Geschlossenheit und Konzentration der Kräfte, und diese Beziehungen stellen unter der Diktatur des Proletariats eine Gefahr dar, die all die Denikin, Koltschak und Judenitsch zusammengenommen um ein vielfaches übertrifft.

Niemand darf sich darüber einer Täuschung hingeben, denn das wäre das Allerverhängnisvollstel Die Schwierigkeiten, die sich aus diesem kleinbürgerlichen Element ergeben, sind groß, und um sie zu überwinden, bedarf es einer starken - nicht nur formalen - Geschlossenheit, bedarf es der einheitlichen, einmütigen Arbeit, des einheitlichen Willens, denn nur bei einem solchen Willen der proletarischen Masse vermag das Proletariat in einem Bauernlande den gigantischen Aufgaben seiner Diktatur und Führung gerecht zu werden.

* * *

zum Bürokratismus

Zum Schluß will ich nur noch ein paar Worte sagen zum Kampf gegen den Bürokratismus, eine Frage, die uns so viel Zeit geraubt hat. Schon im Sommer vorigen Jahres wurde diese Frage im ZK behandelt, im August wurde sie vom ZK in einem Schreiben an alle Organisationen aufgeworfen, im September stand sie auf der Parteikonferenz, und schließlich wurde diese Frage auf dem Sowjetkongreß im Dezember in breiterem Umfang aufgerollt. Zweifellos ist das bürokratische Geschwür vorhanden ,- es ist erkannt, und man muß dagegen einen wirklichen Kampf führen.

Natürlich, in der Diskussion, deren Zeugen wir waren, wurde diese Frage in manchen Plattformen zumindest leichtfertig gestellt, und fast durch die Bank wurde sie vom kleinbürgerlichen Standpunkt aus betrachtet. Ohne Zweifel zeigte sich in der letzten Zeit unter den parteilosen Arbeitern Erregung und Unzufriedenheit. Als in Moskau Versammlungen von Parteilosen stattfanden, war es klar, daß sie aus der Demokratie, aus der Freiheit eine Losung machen, die zum Sturz der Sowjetmacht führt. Viele oder wenigstens einige Vertreter der „Arbeiteropposition" kämpften gegen dieses Übel, gegen diese kleinbürgerliche konterrevolutionäre Einstellung und sagten: „Wir werden uns dagegen zusammenschließen." Und tatsächlich, sie haben es verstanden, maximale Geschlossenheit an den Tag zu legen. Ob alle Anhänger der Gruppe der „Arbeiteropposition" und der anderen Gruppen mit einer halbsyndikalistischen Plattform so sind, weiß ich nicht. Es ist notwendig, daß wir das auf diesem Parteitag genauer erfahren, es ist notwendig, daß wir begreifen, daß der Kampf gegen den Bürokratismus ein absolut notwendiger Kampf ist und daß er ebenso kompliziert ist wie die Aufgabe des Kampfes gegen das kleinbürgerliche Element. Der Bürokratismus ist in unserer Staatsordnung so sehr zum wunden Punkt geworden, daß in unserem Parteiprogramm von ihm die Rede ist, und zwar deshalb, weil er mit diesem kleinbürgerlichen Element und seiner Zersplitterung zusammenhängt. Zu überwinden sind diese Krankheiten nur durch den Zusammenschluß der Werktätigen, damit sie es verstehen, nicht nur die Dekrete der Arbeiter- und Bauerninspektion zu begrüßen - haben wir etwa wenig Dekrete, die begrüßt werden? -, sondern damit sie es auch verstehen, durch die Arbeiter- und Bauerninspektion ihr Recht zu verwirklichen, was augenblicklich nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den Städten und sogar in den Hauptstädten nicht der Fall ist! Häufig versteht man es selbst dort nicht, sein Recht durchzusetzen, wo am meisten gegen den Bürokratismus gewettert wird. Auf diesen Umstand muß die Aufmerksamkeit immer und immer wieder gerichtet werden.

Hier beobachten wir häufig, daß manche, die gegen dieses Übel ankämpfen, der proletarischen Partei, der proletarischen Diktatur, der proletarischen Bewegung vielleicht sogar aufrichtig helfen wollen, während sie in Wirklichkeit dem kleinbürgerlichen anarchistischen Element helfen, das sich im Laufe der Revolution mehr denn einmal als der gefährlichste Feind der proletarischen Diktatur erwiesen hat. Jetzt - und das ist die grundlegende Schlußfolgerung und Lehre dieses Jahres - hat sich dieses Element noch einmal als der gefährlichste Feind gezeigt, der in einem Lande wie dem unseren am meisten Anhänger und Unterstützung finden kann, der die Stimmung breiter Massen ändern und sogar auf einen Teil der parteilosen Arbeiter übergreifen kann. Dann wird die Lage des proletarischen Staates sehr schwierig. Wenn wir das nicht begreifen, wenn wir diese Lehre nicht ziehen und diesen Parteitag nicht zu einem Wendepunkt sowohl in der ökonomischen Politik als auch im Sinne des maximalen Zusammenschlusses des Proletariats machen, dann wird man auf uns die traurigen Worte anwenden müssen, daß wir nichts vergessen haben von dem, was manchmal hohl und kleinlich war und was vergessen werden müßte, und nichts gelernt haben von dem, was ernsthaft ist und was wir in diesem Jahr der Revolution hätten lernen müssen. Ich hoffe, daß das nicht der Fall sein wird! (Stürmischer Beifall.)

* * *

Lenin, Band 32, Seite 205

Das eben ist das kleinbürgerliche, anarchistische Element nicht nur in der Arbeitermasse, sondern auch innerhalb unserer Partei, und das können wir auf keinen Fall dulden. Wir haben uns einen Luxus erlaubt: wir haben die Leute ihre Meinungen mit größter Ausführlichkeit darlegen lassen, haben sie wiederholt angehört. Als ich auf dem II. Verbandstag der Bergarbeiter gegen die Genossen Trotzki und Kisseljöw polemisieren mußte, da traten klar zwei Standpunkte hervor.

Die „Arbeiteropposition" erklärte: „Lenin und Trotzki werden sich vereinigen." Trotzki trat auf und sagte: „Wer nicht versteht, daß man sich vereinigen muß, der wendet sich gegen die Partei; natürlich werden wir uns vereinigen, weil wir der Partei ergeben sind." Ich unterstützte ihn.

Gewiß, ich hatte Meinungsverschiedenheiten mit Gen. Trotzki; und wenn sich im ZK mehr oder weniger gleiche Gruppen herausbilden sollten, dann wird die Partei ihr Urteil fällen, und zwar so, daß wir uns gemäß dem Willen und den Direktiven der Partei vereinigen werden. Mit diesen Erklärungen sind Gen. Trotzki und ich zum Verbandstag der Bergarbeiter gegangen und auch hierhergekommen. Die „Arbeiteropposition" dagegen sagt.- „Wir werden keine Zugeständnisse machen, aber wir werden in der Partei bleiben." Nein, das wird nicht gelingen! (Beifall.) Ich erkläre nochmals, daß im Kampf gegen den Bürokratismus jede Unterstützung durch einen Arbeiter - wie er sich auch nennen mag, wenn er uns nur aufrichtig helfen will - für uns eine höchst wünschenswerte Unterstützung ist. In diesem Sinne-werden wir „Zugeständnisse" (ich gebrauche dieses Wort in Anführungszeichen) machen, welche herausfordernden Erklärungen man auch an uns richten mag. Wir werden „Zugeständnisse" machen, weil wir wissen, wie schwer es ist zu arbeiten. Die Volkswirtschaftsräte und Hauptverwaltungen können wir nicht auflösen. Wenn man sagt, wir hätten Mißtrauen gegen die Arbeiterklasse, wir ließen die Arbeiter zu den: leitenden Organen nicht zu, so ist das eine ausgemachte Unwahrheit. Jeden halbwegs brauchbaren Administrator aus den Reihen der Arbeiter suchen wir und nehmen ihn mit Freuden, wir erproben ihn.

Wenn die Partei der Arbeiterklasse nicht vertraut und die Arbeiter nicht zu verantwortlichen Posten znläßt, so muß man ja eine solche Partei zum Teufel jagen - sprechen Sie doch schon alles aus! Ich habe betont, daß das unwahr ist: wir leiden schwer unter dem Mangel an Kräften, nach der geringsten Hilfe eines einigermaßen tüchtigen Menschen - und erst recht aus den Reihen der Arbeiter - greifen wir mit beiden Händen. Aber wir haben solche Kräfte nicht. Auf diesem Boden entsteht die Anarchie.

Hier muß man den Kampf gegen den Bürokratismus unterstützen, dazu aber brauchen wir Hunderttausende von Menschen.

Die Aufgabe des Kampfes gegen den Bürokratismus ist in unserem Programm als eine außerordentlich langwierige Arbeit bezeichnet worden.

Je zersplitterter die Bauernschaft ist, desto unvermeidlicher ist der Bürokratismus im Zentrum.

 

 

X. Parteitag

5

REDE ÜBER DIE GEWERKSCHAFTEN

  1. MÄRZ

Die Rede über die Qewerksdhaften hielt Lenin in der zwölften Sitzung des X. Parteitags der KPR(B) am 14. M ä r z 1921.-Nach dieser Rede nahm der Parteitag mit überwältigender Stimmenmehrheit die Leninsche Plattform an. (Siehe „Die KPdSU in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", 7. Auflage, Teil I, Moskau 1954, S. 534-549, russ.)


Genossen!

Heute hat Gen. Trotzki besonders höflich gegen mich polemisiert und mir vorgeworfen oder zugeschrieben, ich sei übervorsichtig.

Ich muß mich bei ihm für dieses Kompliment bedanken und mein Bedauern äußern, daß es mir nicht möglich ist, ihm das Kompliment zurückzugeben.

Im Gegenteil, ich werde von meinem unvorsichtigen Freund sprechen müssen, um die Stellungnahme zu dem Fehler zu kennzeichnen, dessentwegen ich so viel Zeit unnütz verloren habe und dessentwegen die Diskussion über die Frage der Gewerkschaften jetzt fortgesetzt werden muß, anstatt daß wir zu aktuelleren Fragen übergehen. Gen. Trotzki hat sein letztes Wort zur Frage der Gewerkschaftsdiskussion in der „Prawda" vom 29. Januar 1921 gesagt. In seinem Artikel „Meinungsverschiedenheiten bestehen, aber wozu die Konfusion?" hat er mir vorgeworfen, daß ich an dieser Konfusion schuld sei, daß ich die Frage stelle, wer angefangen hat. Diese Beschuldigung fällt restlos auf Trotzld zurück: gerade er will die eigenen Fehler anderen in die Schuhe schieben. Sein ganzes Feuilleton war ja darauf aufgebaut, daß er die Rolle der Gewerkschaften in der Produktion in den Vordergrund gerückt habe und daß man darüber sprechen müsse. Falsch, nicht dadurch sind die-Meinungsverschiedenheiten entstanden, nicht das hat sie zu einer krankhaften Erscheinung gemacht.

Und wie langweilig es auch sein mag, nach der Diskussion zu wiederholen, bis zum Erbrechen zu wiederholen - allerdings habe ich an der Diskussion nur einen Monat teilgenommen —, so muß man doch wiederholen, daß nicht das der Ausgangspunkt war, sondern die Losung des „Durchrüttelns", die vom 2. bis 6. November auf der fünften Gesamtrussischen Gewerkschaftskonferenz verkündet wurde. Und damals schien es schon allen, die Rudsutaks Resolution nicht verschlafen hatten - zu denen, die sie verschlafen hatten, gehörten aber die Mitglieder des ZK und darunter auch ich -, daß hinsichtlich der Rolle der Gewerkschaften in der Produktion keine Meinungsverschiedenheiten zu finden seien, während die dreimonatige Diskussion sie dann aufstöberte. Diese Meinungsverschiedenheiten gab es, und sie stellen einen politischen Fehler dar. Gen. Trotzki hat mir in der Diskussion im Großen Theater vor den verantwortlichen Funktionären vorgeworfen, ich hätte die Diskussion zu vereiteln gesucht.

Das betrachte ich als ein Kompliment für mich: ich war bestrebt, die Diskussion in der Form, wie sie vor sich ging, zu vereiteln, weil ein solches Auftreten vor dem schweren Frühjahr schädlich war. Das konnten nur Blinde nicht sehen.

Gen. Trotzki witzelt jetzt darüber, daß ich die Frage stelle, wer angefangen hat, und er wundert sich, warum ich ihm einen Vorwurf daraus mache, daß er nicht in die Kommission eingetreten ist. Eben darum, weil das von großer Bedeutung ist, Gen. Trotzki, von sehr großer Bedeutung, denn das Nichteintreten in. Die Gewerkschaftskommission war ein Bruch der Disziplin des ZK. Und wenn Trotzki darüber spricht, so ergibt sich daraus nicht eine Auseinandersetzung, sondern eine Erschütterung der Partei und eine Verbitterung, es kommt zu Extremen. Gen. Trotzki hat das Wort „teuflisch" gebraucht. Ich erinnere mich an einen Ausdruck des Gen. Golzman. Ich will ihn nicht zitieren, weil das Wort „Teufel" einen schlimmen Beiklang hat, Golzman aber an etwas Sympathisches erinnert.

Deshalb kann hier nicht die Rede sein von etwas „Teuflischem", aber auf beiden Seiten ist es zu Extremen gekommen und, was viel ungeheuerlicher ist: es hat manche Extreme bei manchen sehr sympathischen Genossen gegeben. Das darf man nicht vergessen. Wenn dazu aber noch die Autorität des Gen. Trotzki kommt, und wenn er am 25. Dezember öffentlich auftritt und erklärt, daß der Parteitag zwischen zwei Tendenzen zu wählen habe, so sind das unverzeihliche Worte! Diese Worte sind ein politischer Fehler, um dessentwillen wir einander bekämpfen.

Und wenn man hier darüber witzelt, daß Beratungen in zwei Sitzungssälen vorkommen, so ist das naiv. Ich möchte den Witzbold sehen, der sagen wird, daß Beratungen der Delegierten auf einem Parteitag verboten sind, damit ihre Stimmen nicht zersplittert werden. Das wäre eine allzu große Übertreibung. Gen. Trotzki und das Zektran haben einen politischen Fehler begangen, weil sie die Frage des „Durchrüttelns" stellten und grundfalsch stellten. Das war ein politischer Fehler, und dieser Fehler ist bis heute nicht korrigiert worden, über das Verkehrswesen gibt es eine Resolution.

Wir dagegen sprechen von der Gewerkschaftsbewegung, vom Verhältnis der Vorhut der Arbeiterklasse zum Proletariat. Wenn wir irgend jemand von einem hohen Posten abberufen, so liegt darin nichts Herabsetzendes.

Dadurch wird niemand herabgesetzt. Hat jemand einen Fehler gemacht, so wird der Parteitag das konstatieren und die gegenseitigen Beziehungen und das gegenseitige Vertrauen zwischen der Vorhut der Arbeiterklasse und der Arbeitermasse wiederherstellen. Das ist die Bedeutung der „Plattform der Zehn". Wenn die Plattform Stellen enthält, die zu ersetzen sind, wenn das von Trotzki unterstrichen und von Rjasanow weiterentwickelt wird - so sind das Lappalien. Wenn in einer Rede gesagt wurde, daß in der Plattform die Hand Lenins oder irgendeine Beteiligung Lenins daran nicht zu sehen sei, so antworte ich: Wenn ich mich an allem, was ich unterschreiben muß, eigenhändig oder telefonisch beteiligen wollte, so hätte ich längst den Verstand verloren. Ich sage, um die gegenseitigen Beziehungen und das gegenseitige Vertrauen zwischen der Vorhut der Arbeiterklasse und der Arbeitennasse herzustellen, hätte man, wenn das Zektran einen Fehler begangen hat - jeder läßt sich einmal hinreißen —, diesen Fehler korrigieren müssen. Fängt man jedoch an, diesen Fehler zu verteidigen, so wird das zur Quelle einer politischen Gefahr.

Täten wir nicht das Höchstmögliche im Sinne der Demokratie, am den Stimmungen, die hier Kutusow zum Ausdruck bringt, Rechnung zu tragen, so würden wir einen politischen Zusammenbruch erleben. Vor allem müssen wir überzeugen und dann erst Zwang anwenden. Wir müssen um jeden Preis zuerst überzeugen und dann erst Zwang anwenden.

Wir haben es nicht verstanden, die breiten Massen zu überzeugen, und haben das richtige Verhältnis zwischen der Vorhut und den Massen gestört.

Wenn Leute wie Kutusow ihre sachliche Rede zum Teil gegen die bürokratischen Mißstände in unserem Apparat richten, so antworten wir:

Das ist richtig, unser Staat ist ein Staat mit bürokratischen Auswüchsen.

Wir fordern auch die parteilosen Arbeiter auf, dagegen zu kämpfen. Und hier muß ich sagen, daß Genossen vom Schlage Kutusows zu dieser Arbeit stärker herangezogen und auf höhere Posten gestellt-werden müssen. Das ist die Lehre, die sich aus unserer Erfahrung ergibt.

Was die syndikalistische Abweichung betrifft, so braucht man nur ein paar Worte zu Schljapnikow zu sagen, der behauptet, daß der „Gesamtrussische Kongreß der Produzenten" - wie es buchstäblich schwarz auf weiß in ihrer Plattform geschrieben steht und von der Kollontai bestätigt wird - mit Berufung auf Engels verteidigt werden könne. Das ist lächerlich.

Engels spricht von der kommunistischen Gesellschaft. Dort wird es keine Klassen mehr geben, dort wird es Produzenten geben. Gibt es aber jetzt bei uns Klassen? Jawohl. Gibt es jetzt bei uns einen Klassenkampf? Den allerwütendsten! Und wenn man im Augenblick des wütendsten Klassenkampfes kommt und sagt: „Gesamtrussischer Kongreß der Produzenten" - was ist das anderes als eine syndikalistische Abweichung, die man entschieden und ein für allemal verurteilen muß? In dem bunten Wechsel von Plattformen, den es gab, haben wir gesehen, daß sogar Bucharin über die Kandidaturen eines Drittels stolperte. Genossen, in der Geschichte der Partei dürfen wir solche Schwankungen nicht vergessen.

Jetzt werden wir, insofern die „Arbeiteropposition" die Demokratie verteidigte, insofern sie gesunde Forderungen stellte, unser höchstmögliches tun, um eine Annäherung mit ihr herbeizuführen, und der Parteitag als Parteitag muß eine bestimmte Auslese treffen. Sie behaupten, daß wir wenig gegen den Bürokratismus kämpfen - kommen Sie uns also zu Hilfe, kommen Sie näher heran, helfen Sie uns im Kampf; wenn Sie allerdings einen „Gesamtrussischen Kongreß der Produzenten" vorschlagen, so ist das kein marxistischer, kein kommunistischer Standpunkt. Dank den Bemühungen Rjasanows legt die „Arbeiteropposition" das Programm falsch aus. Im Programm heißt es: „Die Gewerkschaften müssen dahin gelangen, daß sie die ganze Leitung der gesamten Volkswirtschaft als eines einheitlichen wirtschaftlichen Ganzen tatsächlich in ihren Händen konzentrieren."

Schljapnikow, der wie immer übertreibt, glaubt, das werde nach unserer Meinung erst nach 25 Jahrhunderten geschehen. Das Programm sagt: Die Gewerkschaften „müssen dahin gelangen" und wenn der Parteitag sagen wird, daß sie dahin gelangt sind, dann wird diese Forderung verwirklicht sein.

Genossen! Wenn jetzt der Parteitag vor dem Proletariat ganz Rußlands, vor dem Proletariat der ganzen Welt erklären wird, daß er die von der „Arbeiteropposition" gemachten Vorschläge für eine halbsyndikalistische Abweichung hält, so bin ich überzeugt, daß alles, was es in der Opposition an wahrhaft Proletarischem, Gesundem gibt, mit uns gehen und helfen wird, das Vertrauen der Massen zu uns wiederherzustellen, das wegen des kleinen zektranistisdien Fehlers erschüttert worden ist. Dann werden wir mit vereinten Kräften unsere Reihen festigen, zusammenschließen und geeint zu dem schweren Kampf antreten können, der uns bevorsteht. Nehmen wir diesen Kampf einträchtig, entschlossen und standhaft auf, so werden wir daraus als Sieger hervorgehen. ( B e i f a l l . )

 

 

 

Lenins Kritik an Trotzkis "permanenter Revolution"

Lenin, Band 15, Seite 371 - 375

DAS KAMPFZIEL DES PROLETARIATS
IN UNSERER REVOLUTION

„Sozial-Demokrat" Nr. 3 und 4, 9. (22.) März und 21. März (3. April) 1909.


III

Was Trotzki betrifft, den Gen. Martow veranlaßte, an einer von ihm veranstalteten Diskussion dritter Personen - einer Diskussion aller außer ihrem Urheber - teilzunehmen, so können wir uns hier auf eine umfassende Behandlung seiner Auffassungen unter keinen Umständen einlassen.

Das machte einen besonderen, umfangreichen Artikel erforderlich. Da Gen. Martow aber auf die falschen Auffassungen Trotzki eingeht und Teile dieser Auffassungen zitiert, bewirkt er bei den Lesern allerlei Mißverständnisse; denn Bruchstücke von Zitaten klären eine Sache nicht, sondern verwirren sie. Der grundlegende Fehler Trotzkis besteht darin, daß er den bürgerlichen Charakter der Revolution ignoriert, daß er hinsichtlich der Frage des Übergangs von dieser zur sozialistischen Revolution keine klare Vorstellung hat. Aus diesem grundlegenden Fehler ergeben sich jene einzelnen Fehler, die Gen. Martow wiederholt, indem er ein paar Zitate mit Wohlwollen und Zustimmung anführt. Um die Angelegenheiten nicht in der verworrenen Form bestehen zu lassen, wie sie Gen. Martow darlegte, wollen wir wenigstens die Unrichtigkeit der Gedankengänge Trotzkis nachweisen, die sich den Beifall des Gen. Martow erworben haben. Eine Koalition des Proletariats und der Bauernschaft „setzt voraus, daß entweder eine der bestehenden bürgerlichen Parteien bestimmenden Einfluß auf die Bauernschaft erlangt oder daß sich die Bauernschaft selbst eine starke selbständige Partei schafft". Das ist ganz offensichtlich weder vom allgemein theoretischen Standpunkt noch unter dem Blickwinkel der Erfahrungen der russischen Revolution richtig. Eine „Koalition" von Klassen setzt weder das Bestehen irgendeiner starken Partei noch eine Parteigebundenheit überhaupt voraus. Hier wird die Frage der Klassen mit der Frage der Parteien vermengt. Eine „Koalition" der erwähnten Klassen setzt weder voraus, daß eine der bestehenden bürgerlichen Parteien bestimmenden Einfluß auf die Bauernschaft erlangt, noch daß die Bauernschaft eine starke selbständige Partei bildet! Theoretisch erhellt dies daraus, daß erstens die Bauernschaft besonders schwerparteimäßiger Organisierung zugängig ist, und daß zweitens der Aufbau von Bauernparteien in einer bürgerlichen Revolution ein besonders schwieriger und langwieriger Prozeß ist, so daß eine „starke selbständige" Partei beispielsweise erst in der Endphase einer Revolution in Erscheinung treten könnte. Aus den Erfahrungen der russischen Revolution ergibt sich fernerhin, daß eine „Koalition" des Proletariats und der Bauernschaft Dutzende und Hunderte Male in den verschiedensten Formen ohne eine „starke selbständige Partei" der Bauernschaft zustande kam. Diese Koalition wurde Wirklichkeit, sobald es zu einer „gemeinsamen Aktion", sagen wir, eines Sowjets von Arbeiterdeputierten und eines Sowjets von Soldatendeputierten oder eines Eisenbahnerstreikkomitees oder von Bauerndeputierten usw. kam. Alle derartigen Organisationen waren vornehmlich parteilos, und trotzdem handelte es sich bei jeder gemeinsamen Aktion solcher Organisationen unbedingt um eine „Koalition" von Klassen. Eine Bauernpartei begann sich dabei in ihren Konturen abzuzeichnen, sie bildete sich heraus und trat auf den Plan - in Gestalt des „Bauernbundes" vom Jahre 1905 oder der „Trudowikigruppe" vom Jahre 1906 —, und die Koalition der Klassen nahm je nadh dem Wachstum, der Entwicklung und der Selbständigkeit dieser Partei verschiedene Formen an, von unbestimmten und verschwommenen bis zu klar formulierten und fixierten politischen Abkommen. Beispielsweise wurden nach der Auseinanderjagung der ersten Duma folgende drei Aufrufe zum Aufstand herausgegeben: 1. „An die Armee und die Flotte"; 2. „An die gesamte russische Bauernschaft"; 3. „An das ganze Volk". Den ersten Aufruf unterzeichneten die sozialdemokratische Dumafraktion und das Komitee der „Trudowikigruppe". Zeigte sich in dieser „gemeinsamen Aktion" die "Koalition zweier "Klassen1? Natürlich ja. Das leugnen hieße gerade den umfassenden wissenschaftlichen Begriff „Klassenkoalition"

in einen eng juristischen, fast möchte ich sagen notariellen, Begriff verwandeln oder verdrehen. Und weiter, kann man leugnen, daß dieser gemeinsame Aufruf zum Aufstand, den die Dumaabgeordneten der Arbeiterklasse und der Bauernschaft unterzeichneten, in den einzelnen örtlichen Aufständen von gemeinsamen Aktionen der Vertreter beider Klassen begleitet war? Kann man leugnen, daß der gemeinsame Aufruf zum allgemeinen Aufstand und die gemeinsame Mitwirkung an einzelnen und örtlichen Aufständen zu der Schlußfolgerung der gemeinsamen Bildung einer provisorischen revolutionären Regierung verpflichtet? Das leugnen hieße die Dinge verdrehen, hieße den Begriff „Regierung" ausschließlich auf eine Erscheinung reduzieren, die bereits fertige Gestalt, eine feste Form angenommen hat, hieße vergessen, daß fertige Gestalt und feste Form sich aus unfertiger Gestalt und unausgeprägter Form ergeben.

Ferner, unter dem zweiten Aufruf zum Aufstand stehen die Unterschriften des (menschewistischen!) Zentralkomitees der SDAPR sowie der Partei der Sozialrevolutionäre, des Gesamtrussischen Bauernbundes sowie des Gesamtrussischen Eisenbahnerverbandes und des Gesamtrussischen Lehrerverbandes mit Ausnahme des Komitees der Trudowikigruppe und der sozialdemokratischen Fraktion, und unter dem dritten Aufruf zum Aufstand stehen die Unterschriften der PPS und des „Bund" plus alle vorhergehenden Unterschriften mit Ausnahme der drei Verbände.

Da habt ihr eine ausgesprochene politische Koalition von Parteien und parteilosen Organisationen! Da ist sie, die „Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft", verkündet in Form einer Drohung gegen den Zarismus, in Gestalt eines Aufrufs an das ganze Volk, jedoch noch nicht verwirklicht! Und gegenwärtig werden sich wohl kaum viele Sozialdemokraten finden, die sich mit dem menschewistischen „ Sozialdemokrat "m vom Jahre 1906, Nr. 6, einverstanden erklärten, in dem über diese Aufrufe gesagt wurde: „In dem erwähnten Fall ist unsere Partei mit anderen revolutionären Parteien und Gruppen nicht einen politischen Block, sondern ein Kampfabkommen eingegangen, das wir stets für zweckmäßig und notwendig gehalten haben."( Vgl. „Proletari" Nr. 1 vom 21. August 1906 und Nr. 8 vom 23. November 1906.* (*) Siehe Werke, Bd. 11, S. 136-152 und 301-313. Die Red.) Ein Kampfabkommen kann man nicht einem politischen Block entgegenstellen, weil es in diesen Begriff eingeschlossen ist. Ein politischer Block tritt zu verschiedenen historischen Zeitpunkten bald als „Kampfabkommen" bei einem Aufstand, bald als parlamentarisches Abkommen für „gemeinsame Aktionen gegen die Schwarzhunderter und gegen die Kadetten" usw. in Erscheinung. Die Idee der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft fand während der Revolution ihren praktischen Ausdruck in tausenderlei Formen, von der Unterzeichnung eines Manif ests über die Verweigerung der Steuerzahlungen und die Zurückziehung der Einlagen (Dezember 1905) oder der Unterzeichnung der Aufrufe zum Aufstand (Juli 1906) bis zu den Abstimmungen in der II. und III. Duma in den Jahren 1907 und 1908.

Ebenso falsch ist auch die zweite von Gen. Martow angeführte Erklärung Trotzkis. Falsch ist, daß „die ganze Frage darin" bestehe, „wer der Regierungspolitik den Inhalt geben, wer in ihr eine geschlossene Mehrheit bilden wird" usw. Und es ist besonders falsch, wenn Gen. Martow dies als Argument gegen die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft anführt. Trotzki selber läßt bei dieser Überlegung die „Teilnahme von Vertretern der demokratischen Bevölkerung" an der „Arbeiterregierung" zu, d. h., er ist für eine Regierung aus Vertretern des Proletariats und der Bauernschaft.

Unter welchen Bedingungen die Teilnahme des Proletariats an der Regierung der Revolution zulässig ist, bildet eine besondere Frage, und in dieser Frage werden sehr wahrscheinlich die Bolschewiki nicht nur mit Trotzki, sondern auch mit den polnischen Sozialdemokraten nicht konform gehen.

Die Frage der Diktatur der revolutionären Klassen ist jedoch in keinem Fall auf die Frage der „Mehrheit" in dieser oder jener Revolutionsregierung, auf die Frage der Bedingungen, unter denen eine Beteiligung der Sozialdemokratie an dieser oder jener Regierung zulässig wäre, zu reduzieren.

Schließlich ist unter den von Gen. Martow angeführten Auffassungen Trotzkis die dritte, die Gen. Martow „begründet" erscheint, die am meisten unrichtige: „Möge sie" (die Bauernschaft) „dies" („sich einem Regime der Arbeiterdemokratie anschließen") „nicht einmal mit größerer Bewußtheit tun, als sie sich gewöhnlich einem bürgerlichen Regime anschließt."

Das Proletariat kann weder auf den Mangel an Bewußtheit und auf die Vorurteile der Bauernschaft rechnen, wie dies die Machthaber eines bürgerlichen Regimes tun und worauf sie bauen, noch kann es annehmen, daß in revolutionären Perioden auch nur die gewöhnliche Passivität, die gewöhnliche mangelnde Bewußtheit der Bauernschaft bestehenbleiben werden. Die Tatsachen aus der Geschichte der russischen Revolution erweisen, daß gleich die erste Welle des Aufschwungs, Ende 1905, die Bauernschaft zu einer solchen politischen Organisierung drängte (Gesamtrussischer Bauernbund), die zweifellos den Keim für eine besondere Bauernpartei bildete. Obwohl die erste Abteilung der fortschrittlichen Bauern von der Konterrevolution vernichtet wurde, schuf die Bauernschaft in der I. und II. Duma - und jetzt erstmalig im gesamtnationalen Maßstab, bei gesamtrussischen Wahlen - , sofort die Grundlage für die „Trudowikigruppe", offenkundig den Keim einer besonderen Bauernpartei.

All diesen Anfangsstufen und Keimen haftet noch viel Labiles, Unbestimmtes und Unsicheres an, das steht außer Zweifel. Aber wenn schon der Beginn der Revolution solche politischen Gruppierungen hervorbrachte, dann ist auch nicht im geringsten daran zu zweifeln, daß die zu einem solchen „Ende" oder, richtiger, auf eine so hohe Entwicklungsstufe wie die revolutionäre Diktatur geführte Revolution eine stärkere revolutionäre Bauernpartei mit einer fester ausgeprägten Form schaffen wird.

Anders denken hieße annehmen, daß bei einem erwachsenen Menschen einige wesentliche Organe nach Größe, Form und Entwicklungsgrad kindlich bleiben könnten.

Auf jeden Fall steht die Schlußfolgerung des Gen. Martow, daß sich die Konferenz in der Frage nach dem Verhältnis zwischen Proletariat und Bauernschaft im Kampf um die Macht ausgerechnet mit Trotzki einverstanden erklärt habe, in einem schreienden Mißverhältnis zu den Tatsachen und ist ein Versuch, aus einem Wort etwas „herauszusaugen", was auf der Konferenz weder beraten noch erwähnt, noch überhaupt ins Auge gefaßt wurde.

 

Lenin, Band 16, Seite 386 - 387

Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland

Geschrieben Ende 1910.

Veröffentlicht am 29. April (12. Mai) 1911 im "Diskussionny Listok". „ Diskussionny Listok" Nr. 3.

Der Kampf des Bolschewismus gegen den Menschewismus ist untrennbar mit dieser Geschichte verknüpft, als Kampf darum, ob die Liberalen zu unterstützensind, oder ob die Hegemonie der Liberalen über die Bauernschaft zu beseitigen ist. Unsere Spaltungen deshalb aus dem Einfluß der Intelligenz, aus der Unreife des Proletariats usw. erklären zu wollen, ist eine kindisch naive Wiederholung liberaler Märchen.

Aus demselben Grunde ist Trotzkis Betrachtung grundfalsch, daß in der internationalen Sozialdemokratie Spaltungen hervorgerufen würden durch den „Anpassungsprozeß einer Sozialrevolutionären Klasse an die begrenzten (engen) Bedingungen des Parlamentarismus" usw., innerhalb der russischen Sozialdemokratie aber durch die Anpassung der Intelligenz an das Proletariat. „So begrenzt (eng)", schreibt Trotzki, „vom Standpunkt des sozialistischen Endziels der reale politische Inhalt dieses Anpassungsprozesses war, so unbändig waren seine Formen, so gewaltig die ideologischen Schatten, die er warf."

Dieses wahrhaft „unbändige" Phrasengeklingel ist nur der „ideologische Schatten" des Liberalismus. Sowohl Martow als auch Trotzki werfen verschiedenartige geschichtliche Perioden in einen Topf, wenn sie Rußland, das seine bürgerliche Revolution vollzieht, Europa gegenüberstellen, das diese Revolutionen längst abgeschlossen hat. In Europa ist der reale politische Inhalt der sozialdemokratischen Arbeit die Vorbereitung des Proletariats zum Kampf um die Macht gegen die Bourgeoisie, die schon die volle Herrschaft im Staate besitzt. In Rußland handelt es sich erst um die Sdhaffung eines modernen bürgerlichen Staates, der entweder einer Junkermonarchie (im Falle eines Sieges des Zarismus über die Demokratie) oder einer bäuerlichen bürgerlich-demokratischen Republik (im Falle eines Sieges der Demokratie über den Zarismus) gleichen wird. Der Sieg der Demokratie ist im heutigen Rußland aber nur dann möglich, wenn die Bauernmassen dem revolutionären Proletariat und nicht dem verräterischen Liberalismus Gefolgschaft leisten werden. Diese Frage ist historisch noch nicht entschieden. Die bürgerlichen Revolutionen sind in Rußland noch nicht abgeschlossen, und in diesen Grenzen, d. h. in den Grenzen des Kampfes um die Form der bürgerlichen Gesellschaftsordnung in Rußland, ist der „reale politische Inhalt" der Arbeit der russischen Sozialdemokraten weniger „begrenzt" als in den Ländern, wo es keinerlei Kampf für die Konfiskation der Gutsbesitzerländereien durch die Bauern gibt, wo die bürgerlichen Revolutionen längst abgeschlossen sind.

Es ist leicht zu verstehen, warum die Klasseninteressen der Bourgeoisie die Liberalen zwingen, den Arbeitern einzureden, daß ihre Rolle in der Revolution „begrenzt" sei, daß der Kampf der Richtungen durch die Intellektuellen und nicht durch tiefgehende ökonomische Widersprüche hervorgerufen werde, daß die Arbeiterpartei „nicht Hegemon im Befreiungskampf, sondern Klassenpartei" sein müsse. Gerade eine solche Formel ist in der allerletzten Zeit von den liquidatorischen „Golos"-Leuten (Lewizki in „Nascha Sarja") aufgestellt und von den Liberalen gebilligt worden.

Das Wort „Klassenpartei" verstehen sie im Sinne von Brentano und Sombart: kümmert euch nur um eure Klasse und laßt ab von den „blanquistischen Träumen", alle revolutionären Elemente des Volkes im Kampf gegen den Zarismus und den verräterischen Liberalismus zu führen.

II

Die Betrachtungen Martows über die russische Revolution und die Trotzkis über die gegenwärtige Lage der russischen Sozialdemokratie geben eine konkrete Bestätigung für die Unrichtigkeit ihrer grundlegenden Anschauungen.

Beginnen wir mit dem Boykott. Martow bezeichnet den Boykott als „politische Enthaltsamkeit", als Methode der „Anarchisten und Syndikalisten", wobei er nur vom Jahre 1906 redet. Trotzki erklärt, daß die „boykottistische Tendenz durch die ganze Geschichte des Bolschewismus geht - Boykottierung der Gewerkschaften, der Reichsduma, der Gemeindevertretungen usw.", daß das ein „Produkt der sektiererischen Furcht vor dem Aufgehen in den Massen, der Radikalismus der unversöhnlichen Enthaltsamkeit" usw. sei. In bezug auf den Boykott der Gewerkschaften und der Gemeindevertretungen sagt Trotzki die direkte Unwahrheit. Ebenso unwahr ist es, daß der Boykottismus sich durch die ganze Geschichte des Bolschewismus ziehe; der Bolschewismus war im Frühjahr und Sommer 1905, vor dem ersten Auftauchen der Boykottfrage, als Richtung schon völlig herausgebildet. Der Bolschewismus erklärte im August 1906 im offiziellen Organ der Fraktion, daß die historischen Bedingungen, die die Notwendigkeit des Boykotts hervorgerufen hatten, nicht mehr vorhanden sind.*(*) Siehe Werke, Bd. 11, S. 127-135. Die Red.)

Trotzki entstellt den Bolschewismus, denn niemals konnte sich Trotzkiirgendwelche bestimmte Anschauungen über die Rolle des Proletariats in der russischen bürgerlichen Revolution zu eigen machen.

Aber noch viel schlimmer ist die Entstellung der Geschichte dieser Revolution. Spricht man vom Boykott, so muß man mit dem Anfang und nicht mit dem Ende beginnen. Der erste (und einzige) Sieg in der Revolution wurde durch die Massenbewegung errungen, die unter der Losung des Boykotts verlief. Das zu vergessen ist nur für die Liberalen von Vorteil.

Durch das Gesetz vom 6. (19.) August 1905 wurde die Bulyginsche Duma als beratende Körperschaft geschaffen. Die Liberalen, selbst die am weitesten links stehenden, beschlossen, an ihr teilzunehmen. Die Sozialdemokratie beschloß mit überwältigender Mehrheit (gegen die Menschewiki), diese Duma zu boykottieren und die Massen zum direkten Sturm gegen den Zarismus, zum Massenstreik und zum Aufstand aufzurufen.

Folglich war die Frage des Boykotts nicht nur eine interne Frage der Sozialdemokratie. Sie war eine Frage des Kampfes zwischen dem Liberalismus und dem Proletariat. Die gesamte liberale Presse jener Zeit zeigt, daß die Liberalen die Entfaltung der Revolution fürchteten und alle ihre Anstrengungen auf eine „Verständigung" mit dem Zarismus richteten.

 

 

 

Lenin, Band 17, Seite 402 - 407

Prinzipielle Fragen der Wahlkampagne

"Vroswesdjtsdjenije' Nr. 1 und 2, Dezember 1911 und Januar 1912.


Es gibt Bourgeoisie und Bourgeoisie. Die bürgerlichen Revolutionen zeigen uns eine ungeheure Mannigfaltigkeit in den Kombinationen der verschiedenen Gruppen, Schichten, Elemente sowohl der Bourgeoisie selbst als audi der Arbeiterklasse. Eine Antwort auf die konkreten Fragen der russischen bürgerlichen Revolution des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts aus dem „allgemeinen Begriff" der bürgerlichen Revolution im engsten Sinn des Wortes „herauspressen" heißt den Marxismus zum Liberalismus verflachen.

In diesen drei Jahren (1905 - 1907) hat Rußland einen solchen scharfen Zusammenstoß der Klassen erlebt, der unter den scharfen Zusammenstößen zwischen den Klassen in der Weltgeschichte einen der ersten Plätze einnimmt. Und nichtsdestoweniger war selbst in diesen drei Jahren, unter den Verhältnissen einer bürgerlichen Gesellschaft, die damals nicht die elementarsten Bedingungen und Garantien der bürgerlichen Freiheit besaß, der Zusammenstoß zwischen dem gutsherrlichen Grundbesitz und der liberalen Bourgeoisie, zwischen der letzteren und der alten Staatsmacht weder scharf noch entscheidend.

Im Gegenteil, scharf und entscheidend - einigermaßen scharf und entscheidend — waren die Zusammenstöße zwischen den Bauern und den Gutsbesitzern, zwischen den Arbeitern und den Kapitalisten.

Woraus ist diese Erscheinung zu erklären? In erster Linie daraus, daß die liberale Bourgeoisie durch ökonomische Fäden zu eng mit dem gutsherrlichen Grundbesitz verbunden ist, ihre Interessen gegenseitig zu sehr verflochten sind, so daß sich für die erstere lediglich die Reformierung des letzteren, aber keineswegs seine Vernichtung als ungefährlich und wünschenswert darstellt. Lieber die allerlangsamste, selbst unmerklich langsame Reformierung als die Vernichtung - so urteilt die große Mehrheit der liberalen Bourgeois, und bei der gegebenen ökonomischen und politischen Lage Rußlands kann diese Klasse nicht anders urteilen.

Weiter, nimmt man z. B. die Streikbewegung, so zeigt sich, daß Rußland sie in den erwähnten drei Jahren zu einer Höhe entwickelt hat, wie sie in keinem einzigen der fortgeschrittensten, kapitalistisch am weitesten entwickelten Länder der Welt je gesehen worden ist. Hieraus ergibt sich unvermeidlich ein solches Urteil der liberalen Bourgeoisie, wonach die allerlangsamste, unmerklich langsame Reformierung der veralteten Arbeitsbedingungen besser sei als ein entschiedener Bruch mit dem Alten; lieber das Alte erhalten als entschieden mit ihm brechen. Demgegenüber machte es die ökonomische Lage der Bauernschaft und der Arbeiter ihnen unmöglich, so zu urteilen; die ökonomische Lage erzeugte hier wirklich scharfe, wirklich entscheidende Zusammenstöße. Es wäre irrig zu glauben, so wie die Volkstümler hinsichtlich der Bauernschaft und Trotzki hinsichtlich der Arbeiter glauben, daß diese Zusammenstöße über die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft hinausgingen. Aber es unterliegt nicht dem leisesten Zweifel, daß alles Alte, Hinfällige, Vorbürgerliche durch diese Zusammenstöße und nur durch sie (bei einem bestimmten Ausgang der Zusammenstöße) restlos beseitigt, völlig vernichtet werden kann.

Die russischen Gutsbesitzer von Purischkewitsch bis Dolgorukow erzogen und erziehen unsere liberale Bourgeoisie im Geiste einer in der Geschichte noch nie dagewesenen Servilität, im Geiste des zähen Festhaltens am Alten und der Furcht vor Veränderungen. Die russischen Bauern bilden - bei der gegebenen ökonomischen und politischen Lage Rußlands - eine bürgerliche Schicht der Bevölkerung, aus der die Epoche der „Zusammenstöße", die Epoche der bürgerlichen Revolutionen (in der historisch-methodologischen Bedeutung dieses Wortes), unter richtunggebender Mitwirkung der Arbeiter, eine Bourgeoisie erzieht, die nicht die obenerwähnten angenehmen Eigenschaften aufweisen wird. Ob ihr das gelingen wird? Auf diese Frage wird eine Antwort lediglich dann gegeben werden können, wenn die Epoche der bürgerlichen Bewegungen in Rußland abgeschlossen sein wird. Bis dahin aber werden sich alle progressiven Richtungen des politischen Denkens in Rußland unweigerlich in zwei grundlegende Typen scheiden, je nachdem, ob sie zur Hegemonie des Liberalismus tendieren, der danach strebt, Rußland auf eine den Purischkewitsch nicht nachteilige Art und Weise umzumodeln, zu erneuern, oder ob sie zur Hegemonie der Arbeiterklasse tendieren, die die besten Elemente der Bauernschaft unter ihre Führung nimmt.

Ich sagte „tendieren", denn es ist nicht angängig, Bewußtheit im Sinne des Begreifens der Klassenwurzeln dieser oder jener Politik in allen progressiven Richtungen vorauszusetzen. Aber Marxisten wären nidit Marxisten, wenn sie diese Wurzeln nicht ausfindig machten, wenn sie nicht begriffen, daß sowohl die Verteidigung der besonderen Interessen der Arbeiterklasse als auch ihre Vorbereitung auf ihre künftige Rolle in einem bürgerlichen Rußland infolge der objektiven Wechselbeziehungen der gesellschaftlichen Kräfte unvermeidlich die Richtung eben dieser beiden Hauptströme nehmen: entweder dem Liberalismus nachfolgen (der hinter den Purischkewitsch oder neben ihnen einhertrottet) oder aber die demokratischen Elemente vorwärtsführen trotz der Schwankungen, des Überlaufens, der „Wechi"-Einstellung des Liberalismus.

 

 


Lenin, Band 21, Seite 425 - 427

Über die zwei Linien der Revolution

Sozial-Demokrat" Nr. 48, 20. November 1915.

Im Jahre 1914 entbrannte der europäische Krieg; überall gelang es der Bourgeoisie, zeitweilig über das Proletariat zu siegen, es mit der trüben Flut des Nationalismus und Chauvinismus zu überschwemmen. In Rußland bilden die kleinbürgerlichen Volksmassen, vor allem die Bauernschaft, nach wie vor die Mehrheit der Bevölkerung. Sie werden in erster Linie von den Gutsbesitzern unterdrückt. Politisch schlafen sie zum Teil noch, zum anderen Teil schwanken sie zwischen Chauvinismus („Sieg über Deutschland", „Vaterlandsverteidigung") und Revolutionismus. Die politischen Repräsentanten dieser Massen - und dieser Schwankungen - sind einerseits die Volkstümler (Trudowiki und Sozialrevolutionäre), anderseits die opportunistischen Sozialdemokraten („Nasche Delo", Plechanow, Fraktion Tschcheidse, Organisationskomitee), die seit 1910 unaufhaltsam auf der schiefen Ebene der liberalen Arbeiterpolitik hinabglitten und 1915 beim Sozialchauvinismus der Herren Potressow, Tscherewanin, Lewizki und Maslow oder bei der Forderung der „Einheit" mit diesen Leuten gelandet sind.

Aus dieser faktischen Lage ergibt sich ganz klar die Aufgabe des Proletariats.

Mit selbstloser Kühnheit geführter revolutionärer Kampf gegen die Monarchie (die Losungen der Konferenz vom Januar 1912, die „drei Grundpfeiler") - ein Kampf, der alle demokratischen Massen, d. h. in der Hauptsache die Bauernschaft, mit sich reißt. Zugleich aber erbarmungsloser Kampf gegen den Chauvinismus, Kampf für die sozialistische Revolution in Europa im Bunde mit dem europäischen Proletariat. Die Schwankungen des Kleinbürgertums sind nicht zufällig, sie sind unvermeidlich, sie ergeben sich aus seiner Klassenlage. Die durch den Krieg entfesselte Krise hat die ökonomischen und politischen Faktoren verstärkt( die das Kleinbürgertum - darunter auch die Bauernschaft - nach links drängen.

Das ist die objektive Grundlage für die volle Möglichkeit eines Sieges der demokratischen Revolution in Rußland. Daß in Westeuropa die objektiven Voraussetzungen für die sozialistische Revolution vollauf herangereift sind, das brauchen wir hier nicht erst zu beweisen; das haben vor dem Kriege alle maßgebenden Sozialisten in allen fortgeschrittenen Ländern anerkannt.

Die Klassenverhältnisse in der bevorstehenden Revolution klarzustellen ist die Hauptaufgabe einer revolutionären Partei. Dieser Aufgabe geht das OK aus dem Wege, es bleibt in Rußland ein treuer Verbündeter des „Nasche Delo" und wirft im Ausland mit nichtssagenden „linken" Phrasen um sich. Diese Aufgabe wird von Trotzki im „Nasche Slowo" nicht richtig gelöst, er wiederholt seine „originelle" Theorie aus dem Jahre 1905 und will sich keine Gedanken darüber machen, aus welchen Gründen das Leben volle zehn Jahre an dieser wunderbaren Theorie vorbeigegangen ist.

Die originelle Theorie Trotzkis übernimmt von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, von den Menschewiki aber die „Negierung" der Rolle der Bauernschaft. Die Bauernschaft sei in Schichten zerfallen, habe sich differenziert; ihre mögliche revolutionäre Rolle sei immer geringer geworden,-in Rußland sei eine „nationale" Revolution unmöglich: „Wir leben in der Epoche des Imperialismus", „der Imperialismus" aber „stellt nicht die bürgerliche Nation dem alten Regime, sondern das Proletariat der bürgerlichen Nation entgegen".

Da haben wir ein kurioses Beispiel für ein „Spiel mit dem Wörtchen" Imperialismus! Wenn in Rußland das Proletariat bereits „der bürgerlichen Nation" gegenübersteht, dann heißt das: Rußland steht direkt vor der sozialistischen Revolution!! Dann ist die (von der Januarkonferenz 1912 aufgestellte und danach von Trotzki 1915 wiederholte) Losung „Konfiskation der Gutsbesitzerländereien" falsch, dann muß man nicht von „revolutionärer Arbeiter"regierung, sondern von „sozialistischer Arbeiter"regierung sprechen!! Wie weit das Durcheinander bei Trotzki geht, ersieht man aus seinem Satz, das Proletariat werde durch seine Entschlossenheit auch die „nichtproletarischen (!) Volksmassen" mit sich reißen!! (Nr. 217.) Trotzki hat sich nicht überlegt, daß, wenn es dem Proletariat gelingt, die nichtproletarischen ländlichen Massen zur Konfiskation der Gutsbesitzerländereien mit sich zu reißen und die Monarchie zu stürzen, dies eben die Vollendung der „nationalen bürgerlichen Revolution" in Rußland, dies eben die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein wird!

Das ganze Jahrzehnt 1905-1915 - dieses große Jahrzehnt - hat das Vorhandensein von zwei und von nur zwei Klassenlinien der russischen Revolution erwiesen. Die Differenzierung der Bauernschaft hat den Klassenkampf innerhalb der Bauernschaft verstärkt, hat sehr viele politisch schlummernde Elemente wachgerüttelt und das Landproletariat dem städtischen Proletariat nähergebracht. (Auf einer besonderen Organisation des Landproletariats bestanden die Bolschewiki seit 1906, und sie brachten diese Forderung in die Resolution des Stockholmer, des menschewistischen, Parteitags hinein.) Aber der Antagonismus zwischen der „Bauernschaft" und den Markow - Romanow - Chwostow ist stärker geworden, ist gewachsen, hat sich verschärft. Das ist eine so offensichtliche Wahrheit, daß sogar Tausende von Phrasen in Dutzenden von Pariser Trotzki-Artikeln sie nicht zu „widerlegen" vermögen. In Wirklichkeit hilft Trotzki den liberalen Arbeiterpolitikern in Rußland, die unter der „Negierung" der Rolle der Bauernschaft den mangelnden Willen verstehen, die Bauern zur Revolution aufzurütteln!

Das aber ist jetzt der Angelpunkt. Das Proletariat kämpft - und wird selbstlos weiterkämpfen - für die Eroberung der Macht, für die Republik, für die Konfiskation der Ländereien, das heißt für die Heranziehung der Bauernschaft, für die Ausschöpfung ihrer revolutionären Kräfte, für die Beteiligung der „nichtproletarischen Volksmassen" an der Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom militärisch-feudalen „Imperialismus'' (= Zarismus). Und diese Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom Zarismus, vom Grundeigentum und von der Herrschaft der Gutsbesitzer, wird das Proletariat unverzüglich ausnutzen, nicht um den wohlhabenden Bauern in ihrem Kampf gegen die Landarbeiter zu helfen, sondern um die sozialistische Revolution im Bunde mit den Proletariern Europas zu vollbringen.

 

 

Lenin, Band 24, Seite 24 - 37


BRIEFE ÜBER DIE TAKTIK


Geschrieben zwischen dem 8. und 13. [21. und 26.) April 1917.

Veröffentlicht im April 1917 als Broschüre im Verlag „Priboi".


Die Bourgeoisie ist für die Alleinherrschaft der Bourgeoisie.

Die klassenbewußten Arbeiter sind für die Alleinherrschaft der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten.

Das Kleinbürgertum - die „Sozialdemokraten", die Sozialrevolutionäre usw. usf. — schwankt und behindert diese Klärung, diese Befreiung.

Das ist das tatsächliche, klassenmäßige Kräfteverhältnis, das unsere Aufgaben bestimmt.


ERSTER BRIEF


DIE EINSCHÄTZUNG DER GEGENWÄRTIGEN LAGE


Der Marxismus verlangt von uns die genaueste, objektiv nachprüfbare Analyse des Wechselverhältnisses der Klassen und der konkreten Besonderheiten jedes geschichtlichen Zeitpunkts. Wir Bolschewiki waren stets bestrebt, dieser vom Standpunkt jeder wissenschaftlichen Begründung der Politik ganz unerläßlichen Forderung gerecht zu werden.

Unsere Lehre ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln" - das betonten Marx und Engels ständig, wobei sie sich mit vollem Recht über das Einochsen und einfache Wiederholen von „Formeln" lustig machten, die bestenfalls nur geeignet sind, die allgemeinen Aufgaben vorzuzeichnen, die durch die konkrete ökonomische und politische Situation in jedem besonderen Zeitabschnitt des geschichtlichen Prozesses zwangsläufig modifiziert werden.

Von welchen genau festgestellten, objektiven Tatsachen muß die Partei des revolutionären Proletariats jetzt ausgehen, um die Aufgaben und Formen ihres Handelns zu bestimmen?

Sowohl in meinem in der „Prawda" Nr. 14 und 15 vom 21. und 22. März 1917 veröffentlichten ersten „Brief aus der Ferne" („Die erste Etappe der ersten Revolution") als auch in meinen Thesen definiere ich „die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland" als Periode des Übergangs von der ersten Etappe der Revolution zur zweiten. Und deshalb erachtete ich als Hauptlosung, als „Aufgabe des Tages", zu diesem Zeitpunkt folgendes: „Arbeiter! Ihr habt im Bürgerkrieg gegen den Zarismus Wunder an proletarischem Heldentum, an Volksheldentum vollbracht.

Ihr müßt Wunder an Organisation des Proletariats und des gesamten Volkes vollbringen, um euren Sieg in der zweiten Etappe der Revolution vorzubereiten." („Prawda" Nr. 15.)* (*) Siehe Werke, Bd. 23, S. 321. Die Red.

Worin besteht nun die erste Etappe?

Im Übergang der Staatsmacht an die Bourgeoisie.

Bis zur Februar-März-Revolution 1917 befand sich die Staatsmacht in Rußland in den Händen einer alten Klasse: der Klasse der adligen fronherrlichen Gutsbesitzer, mit Nikolaus Romanow an der Spitze.

Nach dieser Revolution befindet sich die Staatsmacht in den Händen einer anderen, neuen Klasse: der 'Bourgeoisie.

Der Übergang der Staatsmacht aus den Händen einer K l a s s e in die einer anderen ist das erste, wichtigste, grundlegende Merkmal einer Revolution, sowohl in der streng wissenschaftlichen wie auch in der praktisch-politischen Bedeutung dieses Begriffs.

Insoweit ist die bürgerliche bzw. bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland abgeschlossen.

Hier erhebt sich lärmender Widerspruch, und zwar von Leuten, die sich gern „alte Bolschewiki" nennen: Haben wir denn nicht stets gesagt, daß die bürgerlich-demokratische Revolution erst durch die „revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" abgeschlossen wird? Ist denn etwa die Agrarrevolution, die ja auch eine bürgerlich-demokratische Revolution ist, abgeschlossen? Ist es nicht, im Gegenteil, Tatsache, daß sie noch nicht begonnen hat?

Ich antworte: Die bolschewistischen Losungen und Ideen sind im allgemeinen durch die Geschichte vollauf bestätigt worden, konkret aber haben sich die Dinge anders gestaltet als ich (oder wer auch immer) es erwarten konnte - origineller, eigenartiger, bunter.

Diese Tatsache ignorieren, sie vergessen, hieße es jenen „alten Bolschewiki" gleichzutun, die schon mehr als einmal eine traurige Rolle in der Geschichte unserer Partei gespielt haben, indem sie sinnlos eine auswendig gelernte Formel wiederholten, anstatt die Eigenart der neuen, der lebendigen Wirklichkeit zu studieren.

Die „revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" ist in der russischen Revolution sdbon Wirklichkeit geworden* [(*) In einer gewissen Form und bis zu einem gewissen Grade], denn diese „Formel" beinhaltet lediglich das Wechseherhältnis der Klassen, nicht aber die konkrete politische Institution, die dieses Verhältnis, dieses Zusammenwirken realisiert. Der „Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten" — da habt ihr die vom Leben bereits verwirklichte „revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft".

Diese Formel ist bereits veraltet. Aus dem Reich der Formeln hat das Leben sie in das Reich der Wirklichkeit versetzt, sie zu Fleisch und Blut werden lassen, sie konkretisiert und sie eben dadurch modifiziert.

Auf der Tagesordnung steht bereits eine andere, eine neue Aufgabe:

die Abspaltung der proletarischen (die „Vaterlandsverteidigung" verwerfenden, internationalistischen, „kommunistischen", für den Übergang zur Kommune eintretenden) Elemente innerhalb dieser Diktatur von den Kleineigentümer- oder kleinbürgerlichen Elementen (den Tschcheidse, Zereteli, Steklow, den Sozialrevolutionären und dergleichen revolutionären Vaterlandsverteidigern, den Gegnern des Fortschreitens auf dem Wege zur Kommune, den Anhängern der „Unterstützung" der Bourgeoisie und der bürgerlichen Regierung).

Wer jetzt lediglich von „revolutionär-demokratischer Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" spricht, der ist hinter dem Leben zurückgeblieben, der ist damit faktisch zum Kleinbürgertum übergegangen, der ist gegen den proletarischen Klassenkampf, der gehört in ein Archiv für „bolschewistische" vorrevolutionäre Raritäten (Archiv „alter Bolschewiki" könnte man es nennen).

Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ist bereits Wirklichkeit geworden, aber auf eine außerordentlich originelle Weise, mit einer Reihe höchst wichtiger Modifikationen.

Auf diese werde ich in einem der weiteren Briefe besonders zu sprechen kommen. Jetzt gilt es, sich die unbestreitbare Wahrheit zu eigen zu machen, daß der Marxist mit dem lebendigen Leben, mit den exakten Tatsachen der 'Wirklichkeit rechnen muß, statt sich an die Theorie von gestern zu klammern, die, wie jede Theorie, bestenfalls nur das Grundlegende, Allgemeine aufzeigt und die Kompliziertheit des Lebens nur annähernd erfaßt.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum." (Goethe-zitat)

Wer die Frage, ob die bürgerliche Revolution „abgeschlossen" sei, in der alten Weise stellt, der opfert den lebendigen Marxismus dem toten Buchstaben.

Nach der alten Weise ergibt sich: nach der Herrschaft der Bourgeoisie kann und muß die Herrschaft des Proletariats und der Bauernschaft, ihre Diktatur folgen.

Im lebendigen Leben aber ist es bereits anders gekommen: entstanden ist eine höchst originelle, neue, noch nie dagewesene Verflechtung des einen mit dem anderen. Es besteht nebeneinander, zusammen, zu ein und derselben Zeit sowohl die Herrschaft der Bourgeoisie (die Regierung Lwow und Gutschkow) als auch die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, die die Macht freiwillig an die Bourgeoisie abtritt, freiwillig zu ihrem Anhängsel wird.

Denn man darf nicht vergessen, daß faktisch in Petrograd die Macht in den Händen der Arbeiter und Soldaten liegt; Gewalt wendet die neue Regierung gegen sie nicht an und kann sie auch nicht anwenden: gibt es doch weder eine Polizei noch ein vom Volk getrenntes Heer, noch ein allmächtig über dem Volke stehendes Beamtentum. Das ist eine Tatsache.

Und zwar eine Tatsache, die für einen Staat vom Typus der Pariser Kommune charakteristisch ist. Diese Tatsache läßt sich nicht in die alten Schemata zwängen. Man muß die Schemata dem Leben anzupassen wissen, anstatt ständig die sinnlos gewordenen Worte von der „Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" schlechthin zu wiederholen.

Gehen wir nun an die Frage, um sie besser zu beleuchten, von einer anderen Seite heran.

Der Marxist darf den festen Boden der Analyse des Wechselverhältnisses der Klassen nicht verlassen. An der Macht ist die Bourgeoisie. Aber ist denn die Masse der Bauern nicht auch eine Bourgeoisie, nur einer anderen Schicht, einer anderen Art, anderen Charakters? Woraus folgt denn, daß diese Schicht nicht zur Macht gelangen, nicht die bürgerlich-demokratische Revolution „vollenden" kann? Warum ist das unmöglich?

So urteilen oft alte Bolschewiki.

Ich antworte: Möglich ist das durchaus. Aber der Marxist soll bei der Analyse der Lage nicht vom Möglichen ausgehen, sondern vom Wirklichen.

Die Wirklichkeit aber zeigt uns die 7atsadbel daß frei gewählte Soldaten- und Bauerndeputierte frei der zweiten, der Nebenregierung angehören, sie frei ergänzen, weiter entwickeln und ausbauen. Und ebenso frei treten sie die Macht an die Bourgeoisie ab - eine Erscheinung, die der Theorie des Marxismus durchaus nicht „widerspricht", denn wir haben es stets gewußt und viele Male darauf hingewiesen, daß die Bourgeoisie sich nicht nur mittels der Gewalt hält, sondern auch infolge der mangelnden Bewußtheit der Massen, ihrer Unfähigkeit, vom Althergebrachten loszukommen, ihrer Verschüchterung, ihrer Unorganisiertheit.

Angesichts dieser Wirklichkeit des heutigen Tages nun ist es geradezu lächerlich, sich von der gegebenen Tatsache abzuwenden und von „Möglichkeiten" zu reden.

Es ist möglich, daß die Bauernschaft vom ganzen Grund und Boden und von der ganzen Macht Besitz ergreift. Ich vergesse diese Möglichkeit durchaus nicht und beschränke mein Blickfeld keineswegs nur auf den heutigen Tag, sondern formuliere vielmehr das Agrarprogramm genau und exakt unter Berücksichtigung einer neuen Erscheinung: der sich vertiefenden Kluft zwischen den Landarbeitern und armen Bauern einerseits und den besitzenden Bauern anderseits.

Aber möglich ist auch etwas anderes: es ist möglich, daß die Bauern den Ratschlägen der kleinbürgerlichen Partei der Sozialrevolutionäre folgen, die dem Einfluß der Bourgeois erlegen, zum Standpunkt der Vaterlandsverteidigung übergegangen ist und die Konstituierende Versammlung abzuwarten empfiehlt, obwohl bis zur Stunde noch nicht einmal deren Einberufungstermin festgesetzt ist !*

(*) Um Mißdeutungen vorzubeugen, will ich vorgreifend schon hier feststellen: Ich bin unbedingt dafür, daß die Sowjets der Landarbeiter und Bauern sofort den gesamten Grund und Boden in ihre Hände nehmen, daß sie aber hierbei s e l b s t strengste Ordnung und Disziplin wahren, nicht die geringste Beschädigung von Maschinen und Gebäuden, nicht die geringste Schädigung des Viehbestands dulden, unter keinen Umständen die Wirtschaft und die Getreideproduktion desorganisieren, sondern sie entwickeln, denn die Soldaten brauchen das D o p p e l t e an Brot, und das Volk soll nicht hungern.


Es ist möglich, daß die Bauern ihren Pakt mit der Bourgeoisie aufrechterhalten und fortsetzen, einen Pakt, den sie gegenwärtig durch die Vermittlung der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten nicht nur formell, sondern auch faktisch geschlossen haben.

Möglich ist verschiedenes. Es wäre der größte Fehler, die Agrarbewegung und das Agrarprogramm zu vergessen. Ein ebensolcher Fehler aber wäre es, die Wirklichkeit zu vergessen, die uns die Tatsache des Abkommens oder - um einen genaueren, weniger juristischen, mehr ökonomischklassenmäßigen Ausdruck zu gebrauchen - die Tatsache der Klassenzusammenarbeit der Bourgeoisie und der Bauernschaft vor Augen führt.

Wenn diese Tatsache aufhören wird, eine Tatsache zu sein, wenn sidi die Bauernschaft von der Bourgeoisie loslösen, wenn sie wider die Bourgeoisie vom Grund und Boden und von der Macht Besitz ergreifen wird - dann beginnt eine neue Etappe der bürgerlich-demokratischen Revolution, und von ihr wird besonders zu sprechen sein.

Ein Marxist, der im Hinblick auf die Möglichkeit einer solchen zukünftigen Etappe seine Pflichten heute vergißt, wo die Bauernschaft mit der Bourgeoisie paktiert, würde sich in einen Kleinbürger verwandeln.

Würde er doch in Wirklichkeit dem Proletariat Vertrauen zum Kleinbürgertum predigen („sie, die Kleinbürger, die Bauern müssen sich noch im Rahmen der bürgerlich-demokratischen Revolution von der Bourgeoisie trennen"). Im Hinblick auf die „Möglichkeit" einer angenehmen und lieblichen Zukunft, in der die Bauernschaft nicht den Nachtrab der Bourgeoisie bilden wird, in der die Sozialrevolutionäre, die Tschchei'dse, Zereteli, Steklow nicht ein Anhängsel der bürgerlichen Regierung sein werden, im Hinblick auf die „Möglichkeit" einer angenehmen Zukunft vergäße er die unangenehme Gegenwart, in der die Bauernschaft vorläufig noch den Nachtrab der Bourgeoisie bildet, in der die Sozialrevolutionäre und Sozialdemokraten noch immer die Rolle eines Anhängsels der bürgerlichen Regierung, einer „Opposition Seiner Majestät" Lwow spielen.

Ein Mensch wie der von uns angenommene wäre eher ein fader Louis Blanc, ein fader Kautskyaner, keineswegs aber ein revolutionärer Marxist.

Aber laufen wir nicht Gefahr, in Subjektivismus zu verfallen, in den Wunsch, über die unvollendete - noch in der bäuerlichen Bewegung befangene - Revolution bürgerlich-demokratischen Charakters in die sozialistische Revolution „hinüberzuspringen"?

Hätte ich gesagt: „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung"

[„Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung" — antibolschewistische Losung, 1905 von Parvus und Trotzki aufgestellt. Diese Losung von der Revolution ohne die Bauernschaft — eine Grundthese des konterrevolutionären Trotzkismus — wurde von Lenin scharf kritisiert].

, so würde mir diese Gefahr drohen. Doch ich habe das nicht gesagt, ich habe etwas anderes gesagt. Ich habe gesagt, daß es (von der bürgerlichen Regierung abgesehen) außer den Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten keine andere Regierung in Rußland geben kann. Ich habe gesagt, daß jetzt in Rußland die Macht von Gutschkow und Lwow nur an diese Sowjets übergehen kann, daß in diesen aber gerade die Bauernschaft überwiegt, die Soldaten überwiegen, daß in ihnen - um einen wissenschaftlichen, marxistischen Ausdruck zu gebrauchen und statt der gemeinhin gebrauchten, alltäglichen Berufskennzeichnung eine Klassencharakteristik zu geben - das Kleinbürgertum überwiegt.

Ich habe mich in meinen Thesen entschieden von jedem Überspringen der noch nicht überwundenen bäuerlichen oder überhaupt kleinbürgerlichen Bewegung, von jedem Spiel mit der „Machtergreifung" durch eine Arbeiterregierung, von jedem blanquistischen Abenteuer abgegrenzt, denn ich habe direkt auf die Erfahrungen der Pariser Kommune verwiesen.

Diese Erfahrungen haben aber bekanntlich, wie Marx 1871 und Engels 1891 eingehend nachgewiesen haben, gezeigt, daß für Blanquismus kein Platz war, sie haben klar gezeigt, daß die direkte, unmittelbare, unbedingte Herrschaft der "Mehrheit und die Aktivität der Massen nur in dem Maße gesichert waren, wie die Mehrheit selbst bewußt auftrat.

Ich habe in den Thesen mit größter Bestimmtheit den Kampf um den Einfluß innerhalb der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter-, Bauern und Soldatendeputierten in den Mittelpunkt gestellt. Um auch nicht den leisesten Zweifel in dieser Beziehung aufkommen zu lassen, habe ich in den Thesen zweimal die Notwendigkeit der geduldigen, beharrlichen, „den praktischen Bedürfnissen der "Massen angepaßten" „Aufklärungs"arbeit betont.

Mögen Ignoranten oder Renegaten des Marxismus vom Schlage des Herrn Plechanow und seinesgleichen über Anarchismus, Blanquismus usw. zetern. Wer gewillt ist, zu denken und zu lernen, der wird zweifellos begreifen, daß Blanquismus Machtergreifung durch eine Minderheit bedeutet, während es doch offenkundig ist, daß die Sowjets der Arbeiter usw. Deputierten die direkte und unmittelbare Organisation der Mehrheit des Volkes sind. Eine Arbeit, die auf den Kampf um den Einfluß innerhalb dieser Sowjets gerichtet ist, kann nicht, kann ganz und gar nicht in den Sumpf des Blanquismus führen. Sie kann auch nicht in den Sumpf des Anarchismus führen, denn der Anarchismus ist die Verneinung der "Notwendigkeit des Staates und der Staatsmacht für die Epoche des Übergangs von der Herrschaft der Bourgeoisie zur Herrschaft des Proletariats". Ich aber trete mit einer Bestimmtheit, die jede Möglichkeit eines Mißverständnisses ausschließt, für die Notwendigkeit des Staates in dieser Epoche ein, jedoch - in Übereinstimmung mit Marx und mit den Erfahrungen der Pariser Kommune - nicht des gewöhnlichen bürgerlich-parlamentarischen Staates, sondern eines Staates ohne stehendes Heer, ohne eine gegen das Volk gerichtete Polizei, ohne eine über das Volk gestellte Beamtenschaft.

Wenn Herr Plechanow in seinem „Jedinstwo" aus Leibeskräften über Anarchismus zetert, so ist das nur ein weiterer Beweis für seinen Bruch mit dem Marxismus. Auf meine Aufforderung in der „Prawda" (Nr. 26), doch darzulegen, was Marx und Engels in den Jahren 1871, 1872 und 1875 über den Staat gelehrt haben [Siehe den vorliegenden Band, S. 8. Die Red.], bleibt Herrn Plechanow nichts anderes übrig - und wird ihm auch weiterhin nichts anderes übrigbleiben - , als über den Kern der Sache mit Schweigen hinwegzugehen und mit Gezeter im Geiste der erzürnten Bourgeoisie zu antworten.

Die marxistische Lehre vom Staat hat der ehemalige Marxist Herr Plechanow absolut nicht begriffen. Keime dieses Nichtverstehens sind, nebenbei gesagt, auch in seiner deutschen Broschüre über den Anarchismus zu erkennen.


Lenin, Band 24, Seite 136

Petrograder Stadtkonferenz der SDAPR (B)

Der Trotzkismus sagt: „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung."

Das ist falsch. Das Kleinbürgertum existiert, man darf es nicht ignorieren. Aber es besteht aus zwei Teilen. Sein ärmerer Teil geht mit der Arbeiterklasse.

 

 

 

Lenin, Band 33, Seite 339 - 341

BRIEF

FÜR DIE MITGLIEDER DES POLITBÜROS

Antwort anf die Bemerkungen betreffend die Arbeit der Stellvertreter

(der Stellvertreter des Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare)

  1. Mai 1922

Zuerst teilweise veröffentlicht 1928.


Die Bemerkungen des Gen. Trotzki sind zum Teil auch nicht konkret (z. B. die „Befürchtungen" in Punkt 4) und bedürfen keiner Antwort; zum Teil tauchen darin unsere alten Meinungsverschiedenheiten mit Gen. Trotzki wieder auf, die des öfteren im Politbüro beobachtet werden konnten.

Darauf werde ich kurz antworten, und zwar zu den zwei Hauptpunkten:

a) die Arbeiter- und Bauerninspektion und b) die Staatliche Plankommission.

a) Hinsichtlich der Arbeiter- und Bauerninspektion hat Gen. Trotzki zutiefst unrecht. Bei unserem schrecklichen „Ressortgeist", der sogar unter den besten Kommunisten gang und gäbe ist, bei dem niedrigen Niveau der Angestellten, bei dem innerbehördlichen Intrigantentum (das schlimmer ist als jedes Intrigantentum innerhalb der Arbeiter- und Bauenrinspektion) kann man jetzt ohne die Arbeiter- und Bauerninspektion nicht auskommen.

An ihr kann und muß man systematisch und beharrlich arbeiten, um sie zu einem Apparat der Kontrolle und Verbesserung der gesamten staatlichen Arbeit zu machen. Ein anderes praktisches Mittel der Kontrolle, Verbesserung und Anleitung zur Arbeit gibt es nicht. Wenn es gegenwärtig in der Arbeiter- und Bauerninspektion einen Apparat von ungefähr 12000 Menschen gibt, einen schlechten und schlecht bezahlten Apparat, so muß man ihn einschränken und verbessern; beispielsweise bei der Hälfte der bisherigen Cehaltssumme Vs lassen, d. h. das Gehalt verdreifachen; zuerst Dutzende, dann Hunderte der besten, unbedingt ehrlichen und fähigen Mitarbeiter auswählen, die es auch jetzt gibt, die aber nicht registriert, nicht erfaßt, nicht gruppiert, nicht organisiert sind. Das kann und muß man tun. Sonst ist es unmöglich, gegen Ressortgeist und Bürokratismus zu kämpfen. Sonst kann man den parteilosen Arbeitern und Bauern das Regieren nicht beibringen,- von dieser Aufgabe darf man sich jetzt aber weder prinzipiell noch praktisch lossagen.

b) Hinsichtlich der Staatlichen Plankommission hat Gen. Trotzki nicht nur zutiefst unrecht, er ist auch erstaunlich schlecht über das unterrichtet, worüber er urteilt. Die Staatliche Plankommission leidet keineswegs an Akademismus, ganz im Gegenteil, sie leidet an Überlastung mit einem Wust von kleinlichem, alltäglichem „Krimskrams". Gen. Krshishanowski* gibt aus Weichherzigkeit zu sehr den Bitten derer nach, die ihm zusetzen, sofort zu „helfen".

Obzwar ich die wirklichen Mängel der Staatlichen Plankommission gut kenne, habe ich, um die Mitglieder des Politbüros an Hand von Material zu informieren, das auf objektiven Tatsachen und nicht auf Phantasien fußt, Gen. Krshishanowski gefragt, ob seine Arbeit an „Abstraktheit" leide und welche genauen Angaben es darüber gebe. Gen. Krshishanowski schickte mir eine Liste von Fragen, mit denen sich das Präsidium der Staatlichen Plankommission während zwei Monaten — Februar und März 1922 — zu befassen hatte. Ergebnis: aa) Planfragen — 17%; bb) wichtige Wirtschaftsfragen — 37%; cc) „Krimskrams" — 46%. Diese Materialien kann ich jedem Mitglied des Politbüros zur Durchsicht schicken.

Das zweite Schreiben des Gen. Trotzki, datiert vom 23. IV. 1922 und adressiert an die Stellvertreter, mit einer Kopie für das Sekretariat des Politbüros (die Kopie für mich ist wohl zufällig vergessen worden), enthält erstens eine außerordentlich erregte, aber grundfalsche „Kritik" am Beschluß des Politbüros über die Schaffung des Finanzdreigespanns (Sokolnikow und die beiden Stellvertreter), das als Hemmschah zwischen dem Kleinen und dem Großen Rat der Volkskommissare bezeichnet wird.

Daß eine solche Kritik den Stellvertretern zugeleitet wird, entspricht weder einer planmäßigen noch überhaupt irgendeiner organisierten staatlichen Arbeit.

Zweitens enthält dieses Schreiben die schon erwähnten grundfalschen und der Wahrheit diametral entgegengesetzten Beschuldigungen der Staatlichen Plankommission wegen Akademismus, Beschuldigungen, die in der folgenden, von geradezu unglaublicher Uninformiertheit zeugenden Erklärung des Gen. Trotzki gipfeln: „Außer einer Festlegung des Umfangs der Emission", schreibt er, „und außer einer Verteilung der Geldmittel unter die Behörden gibt es zur Zeit keinerlei Wirtschaftsplan und kann es auch keinen geben. Dabei hat, soweit ich urteilen kann, die Staatliche Plankommission zu diesen Grundfragen keinerlei Beziehung."

Die hervorgehobenen Worte veranlassen mich, nur die Frage zu stellen:

Wozu denn ohne Information „urteilen" ? Jedes Mitglied des ZK und jedes Mitglied des Rats für Arbeit und Verteidigung kann sich leicht informieren.

Sich informieren würde bedeuten zu erfahren, daß es in der Staatlichen Plankommission eine Sektion Finanzwirtschaft gibt, die eben an den genannten Fragen arbeitet. Natürlich gibt es in dieser Arbeit Mängel, aber man soll sie nicht in der Richtung des Akademismus suchen, sondern genau in der entgegengesetzten Richtung.

 

 

Lenin, Band 34, Seite 247 - 251

114

AN DAS SIBIRISCHE KOMITEE

Genf, den 30. X. 1904

Von W. Lenin an das Sibirische Komitee

Zuerst veröffentlicht 1930.


Werte Genossen!

Ich möchte gern durch Eure Vermittlung Gen. Simonow antworten, der als Vertreter des Sibirischen Bundes hier war und mir vor seiner Abreise einen Brief hinterließ (ich war damals nicht in Genf), in dem er seinen versöhnlerischen Standpunkt dargelegt hat. über diesen Brief, der Euch inhaltlich sicher von Gen. Simonow bekannt sein wird, möchte ich nun einiges sagen. Der Standpunkt des Gen. Simonow läuft auf folgendes hinaus: Natürlich sind sie (die Minderheit) Anarchisten und Desorganisatoren, aber man kann nicht gegen sie aufkommen; nötig ist ein „Waffenstillstand" (Simonow unterstreicht gerade, daß er, zum Unterschied von anderen Versöhnlern, nicht vom Frieden spricht, sondern von einem Waffenstillstand), um wenigstens irgendwie aus der unerträglichen Lage herauszukommen, um für den weiteren Kampf gegen die Minderheit Kräfte zu sammeln.

Es war für mich äußerst lehrreich, den Brief des Gen. Simonow zu lesen, der ein aufrichtiger Anhänger des Versöhnlertums ist, wie es selten einen gibt. Unter den Versöhnlern gibt es so viel Heuchelei, daß es eine Erholung ist, liest man die (wenn auch falschen) Überlegungen eines Menschen, der sagt, was er denkt. Seine Überlegungen aber sind unbedingt falsch. Er begreift selbst, daß man sich mit der Heuchelei, dem Durcheinander und Gezänk nicht aussöhnen darf, welchen Sinn aber hat dann das Gerede vom Waffenstillstand? Die Minderheit wird doch diesen Waffenstillstand nur dazu ausnutzen, um ihre Positionen zu festigen. Die Fraktionspolemik (die einzustellen das heuchlerische ZK in seinem jüngsten Schreiben an die Komitees in heuchlerischer Weise versprochen hat, ein Schreiben, das auch Ihr sicherlich schon erhalten habt) ist nicht eingestellt worden, sondern hat jene besonders abscheulichen Formen angenommen, die sogar Kautsky, der auf der Seite der Minderheit steht, verurteilt hat.

Sogar Karl Kautsky hat in seinem Brief an die „Iskra" erklärt, daß eine „versteckte" Polemik schlimmer ist als jede andere, weil die Frage verworren wird, die Anspielungen unklar bleiben, direkte Antworten unmöglich werden. Oder nehmt die „Iskra" - im Leitartikel der Nr. 75, einem Leitartikel, der thematisch von unseren Meinungsverschiedenheiten sehr weit entfernt ist, findet man ganz unpassend eingestreut ein greisenhaft wütendes Geschimpfe auf die Räte Iwanow, die nicht bis drei zählen können usw. usf. Vom Standpunkt unserer Überläufer aus dem ZK ist das natürlich keine Fraktionspolemik! Ich gehe schon gar nicht grundsätzlich auf die Argumente vom Verfasser des Leitartikels (offenbar ist es Plechanow) ein: Marx war nachgiebig gegenüber den Proudhonisten. Kann man sich vorstellen, daß historische Tatsachen und historische große Namen in einer heuchlerischeren Weise verwendet werden? Was hätte Marx gesagt, wenn mit der Losung der Nachgiebigkeit bemäntelt würde, daß man den Unterschied zwischen Marxismus und Proudhonismus verwischt? (Und was tut denn die neue „Iskra" anderes als den Unterschied zwischen dem Rabotschedelzentum und dem Iskrismus auf jede Weise zu verwischen?)

Was hätte Marx gesagt, wenn mit der Nachgiebigkeit bemäntelt würde, daß man in der Presse anerkennt, der Proudhonismus habe recht gegenüber dem Marxismus? (Und verstellt sich etwa Plechanow nicht, wenn er in der Presse so tut, als erkenne er an, daß die Minderheit prinzipiell recht habe?) Allein schon durch diesen Vergleich verrät sich Plechanow, er verrät, daß das Verhältnis der Mehrheit zur Minderheit dem Verhältnis des Marxismus zum Proudhonismus gleichkommt, eben jenem Verhältnis zwischen dem revolutionären und dem opportunistischen Flügel, das auch in dem denkwürdigen Artikel „Was man nicht tun darf" figuriert. Nehmt die Beschlüsse des Rats der Partei (Nr. 73 und die Beilage zu den Nm. 73-74), und Ihr werdet sehen, daß die im obenerwähnten Schreiben des ZK an die Komitees proklamierte Auflösung der Geheimorganisation der Minderheit nichts anderes bedeutet als den Übertritt von drei Mitgliedern des ZK in die Geheimorganisation der Minderheit. In diesem Sinne ist die Geheimorganisation tatsächlich verschwunden... denn zu einer Geheimorganisation (des Kampfes gegen die Partei) sind jetzt alle drei sogenannten Zentralstellen geworden: nicht nur das ZO und der Rat, sondern auch das Zentralkomitee. Im Namen des („prinzipiellen") Kampfes gegen Formalismus und Bürokratismus sagen sie jetzt den „Überschriften" den Krieg an und erklären, der Verlag der Mehrheit sei kein Parteiverlag. Sie verfälschen den Parteitag, indem sie die Stimmen falsch zählen (16x4=61, weil in den 61 fünf Mitglieder des Rats figurieren, während in der Hälfte der Organisationen der Rat als Organisation mit 2 Stimmen figuriert!!), indem sie vor der Partei die Resolutionen der Komitees verheimlichen (es wurde verschwiegen, daß Nishni-Nowgorod, Saratow, Nikolajew und der Kaukasus für einen Parteitag waren: siehe die letzten Resolutionen in unserer Broschüre „An die Partei" und „Der Kampf um den Parteitag"189). Sie tragen das Gezänk in den Rat hinein, indem sie die Sache mit der Vertretung auf dem Amsterdamer Kongreß heillos verdrehen und sich erdreisten zu drucken, das Nordkomitee habe einen „Betrug" begangen, wo doch dieser Zwischenfall nicht untersucht (obwohl das ZK bereits im Juli eine Untersuchung beschlossen hat) und der von einem Klatschmaul beschuldigte Genosse bisher nidbt einmal vernommen worden ist (dieser Genosse befand sich drei Monate, August, September und Oktober, im Ausland und sprach mit dem Mitglied des ZK Glebow, der die Entscheidung über die Untersuchung getroffen, sich aber nicht einmal die Mühe genommen hat, dem Beschuldigten persönlich die Beschuldigungen vorzutragen!!). Sie fördern die Desorganisation im Namen des Rats, indem sie die „Peripherie" gegen die Komitees der Mehrheit aufwiegeln und über Petersburg und Odessa bewußt Lügen verbreiten.

Sie verurteilen es als einen „Übergriff", wenn ein und dieselben Genossen in verschiedenen Komitees ihre Stimme abgeben, während zur gleichen Zeit drei Mitglieder des Rats, Plechanow, Martow und Axelrod, dreimal gegen den Parteitag stimmen: einmal in der Redaktion, einmal im Rat und einmal in der Liga! Sie maßen sich die Vollmachten eines Parteitags an, indem sie Mandate für ungültig erklären. Ist das etwa keine Verfälschung des Parteitags? Und würde Gen. Simonow in bezug auf diese Taktik wirklich auch zu einem Waffenstillstand raten??

Nehmt den soeben in russischer Sprache erschienenen Bericht an den Amsterdamer Kongreß. Die Minderheit spricht im Namen der Partei bewußt gegen deren Willen und wiederholt in verhüllter Form die gleiche Lüge über die alte „Iskra", die Martynow und Co. ständig verbreitet haben und die jetzt von Balalaikin-Trotzki [ * Balalaikin - Gestalt aus M J. Saltykow-Schtschedrins Werk „Eine zeitgenössische Idylle". Der Ubers.] aufgetischt wird. Oder will Gen. Simonow vielleicht auch mit diesem Balalaikin (seine Broschüre ist unter der Redaktion der „Iskra" erschienen, wie die „Iskra" das direkt erklärt) einen Waffenstillstand? Glaubt er vielleicht auch hier an die vom ZK versprochene Einstellung der Fraktionspolemik??

Nein, die Meinung, daß ein Waffenstillstand mit Heuchelei und Desorganisation zulässig sei, ist eines Sozialdemokraten unwürdig und dem Wesen nach zutiefst falsch. Es ist Kleinmut zu denken, daß man gegen Publizisten, auch wenn sie angesehen sind, „nicht aufkommen kann", und daß ihnen gegenüber nur die Taktik möglich sei, die Galjorka („Nieder mit dem Bonapartismus") mit den Worten formuliert hat: „Da stößt man einen Fluch aus und macht zugleich eine Ehrenbezeugung." Auf die Verwandlung aller zentralen Körperschaften der Partei in eine Geheimorganisation zum Kampf gegen die Partei, auf die Verfälschung des Parteitags durch den Rat antwortet die Mehrheit mit einem weiteren und notwendigen Schritt zu ihrem Zusammenschluß. Da sie die Heuchelei verachtet, tritt sie offen mit einem Kampfprogramm auf (siehe die vom Kaukasischen Bund, den Komitees von St. Petersburg, Riga, Moskau, Odessa, Jekaterinoslaw und Nikolajew gebilligte Resolution der 22.

Natürlich hat das ZO diese Resolution vor der Partei verheimlicht, obwohl es sie schon vor zwei Monaten erhalten hatte). Die Südkomitees haben bereits einen Beschluß gefaßt über den Zusammenschluß der Komitees der Mehrheit und die Schaffung eines Organisationskomitees zum Kampf gegen die Verhöhnung der Partei. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine derartige Organisation der Mehrheit in allernächster Zeit geschaffen und offen auftreten wird. Entgegen dem verlogenen Geschwätz der Überläufer aus dem ZK wächst die Zahl der Anhänger der Mehrheit in Rußland, und von allen Seiten beginnen die jungen literarischen Kräfte, die der verworrenen heuchlerischen „Iskra" den Rücken gekehrt haben, dem eben erst gegründeten Verlag der Mehrheit zuzuströmen (Verlag von Bontsch-Brujewitsch und Lenin im Ausland), um ihm jede Unterstützung angedeihen zu lassen und mitzuhelfen bei seiner Umgestaltung, Erweiterung und Entwicklung.

Nein, Gen. Simonow hätte nicht den Mut zu verlieren brauchen. Er hätte sich mit seinem Urteil nicht so beeilen sollen: wenn es auch scheußlich ist, aber man kann dagegen nicht aufkommen. Man kann es! Je niederträchtiger sie den Parteitag verhöhnen (der unter der Redaktion der „Iskra" schreibende Balalaikin-Trotzki hat den Parteitag bereits für einen reaktionären Versuch zur Verankerung der iskristischen Pläne erklärt.

Rjasanow war aufrichtiger und ehrlicher, als er sagte, der Parteitag sei zusammengeschoben worden), je niederträchtiger sie die Partei und die Parteiarbeiter in Rußland verhöhnen, desto hartnäckiger wird der Widerstand, auf den sie stoßen, desto enger schließt sich die Mehrheit zusammen, sie vereinigt alle prinzipienfesten Leute und kehrt dem widernatürlichen und in seinem Wesen bereits entarteten politischen Bündnis Plechanows, Martynows und Trotzkis den Rücken. Eben ein solches Bündnis sehen wir jetzt in der neuen „Iskra" und in Nr. 5 der „Sarja" (ein Vorabdruck des Artikels von Martynow ist erschienen). Und wer etwas weiter sieht als bis zu seiner Nasenspitze, wer sich nicht an eine Politik von Augenblicksinteressen und Koalitionen für eine Stunde klammert, der wird verstehen, daß dieses Bündnis, das nur Wirrwarr und Gezänk hervorbringt, zum Tode verurteilt ist und daß die Anhänger der Strömung der alten „Iskra", Leute, die diese Strömung von einem Zirkel zu unterscheiden wissen, auch wenn er sich aus angesehenen Ausländern zusammensetzt, daß solche Leute die Totengräber dieses Bündnisses sein müssen und sein werden.

Ich würde mich sehr freuen, Genossen, wenn Ihr mir den Empfang dieses Briefes bestätigen und auch schreiben würdet, ob es Euch gelungen ist, ihn Gen. Simonow zu übergeben.

Mit kameradschaftlichem Gruß

W. Lenin


 

Lenin, Band 34, Seite 374 – 375

Brief an Maxim Gorki

13.11.1908

Zuerst veröffentlicht 1924


Wegen Trotzki wollte ich Ihnen voriges Mal antworten, vergaß es aber.

Wir (d. h. die hiesige Redaktion des „Proletari", AI. AI., ich und „Inok" - ein sehr guter Kollege von den russischen Bolschewiki) beschlossen sofort, ihn zur Mitarbeit am „Proletari" aufzufordern. Wir schrieben einen Brief, wählten ein Thema aus und schlugen es ihm vor. In allgemeinem Einverständnis unterschrieben wir mit „Redaktion des ,Proletari'", weil wir die Sache auf kollegialeren Boden stellen wollten (zwischen mir persönlich und Trotzki hat es zum Beispiel 1903-1905, als er Menschewik war, einen großen Krieg, eine fürchterliche Rauferei gegeben). Ob nun Trotzki über diese Form beleidigt war, weiß ich nicht, aber er hat uns einen Brief geschickt, der nicht von ihm selbst geschrieben war: „Im Auftrage des Gen. Trotzki" wurde der Redaktion des „Proletari" mitgeteilt, daß er es ablehne, etwas zu schreiben, er sei beschäftigt.

Das ist meiner Ansicht nach Pose. Auch auf dem Londoner Parteitag benahm er sich wie ein Poseur. Ich zweifle, ob er mit den Bolschewiki gehen w i r d . . .

Die Menschewiki haben hier eine von Plechanow, Axelrod, Dan, Martow und Martynow unterzeichnete Voranzeige für die Monatsschrift „Golos Sozial-Demokrata" veröffentlicht. Ich verschaffe sie mir und schicke sie Ihnen. Der Kampf kann sich zuspitzen. Trotzki aber will „über den kämpfenden Fraktionen" stehen . . .


Lenin, Band 34, Seite 390

180

BRIEF AN A. I. LJUBIMOW

geschrieben am 18. August 1909.


Was Trotzki betrifft, so muß ich sagen, ich werde aufs entschiedenste dagegen sein, ihn zu unterstützen, wenn er die Gleidhheit in der Redaktion, die ihm das Mitglied des ZK vorgeschlagen hat, ablehnt (und er hat sie bereits abgelehnt!). Ohne Entscheidung dieser Frage durch die Exekutivkommission des BZ sind keinerlei Maßnahmen zur Unterstützung Trotzkis zulässig. Deshalb hat die Wirtschaftskommission nur dann das Recht, dem Druck der „Prawda"™ in der Druckerei des „Protetari" zuzustimmen, wenn dies keine Unterstützung für die neue "Fraktion ist (denn Trotzki gründet eine neue Fraktion, während das bolschewistische Mitglied des ZK ihm vorgeschlagen hat, statt dessen in die Partei zu gehen), sondern eine streng kommerzielle Abmachung, gegen Bezahlung, wie mit jedem anderen, unter der Bedingung, daß Setzer frei sind usw. Ich bestehe ganz entschieden darauf, daß die Frage des Verhältnisses zur „Prawda" noch von der Exekutivkommission des BZ entschieden wird und daß bis zu dieser Entscheidung nicht eine einzige Maßnahme zur Unterstützung unternommen wird, daß man sich in keiner Hinsicht bindet.

Ich drücke Ihnen die Hand !

N. Lenin



Lenin, Band 34, Seute 392 - 393


181

AN DIE REDAKTION DER ZEITUNG

SOZIAL-DEMOKRAT"

Geschrieben am 24. August 1909.


Ich habe Nr. 7-8 des „Sozial-Demokrat" erhalten. Ich protestiere gegen die Unterschrift Trotzkis: die Unterschriften müssen abgescharrt werden.

(Ich bin noch nicht dazu gekommen, die Artikel zu lesen.)

Was den „Proletari" betrifft, so meine ich, in ihm müßten gebracht werden: 1. ein Artikel über die Wahlen in St. Petersburg (im Zusammenhang mit den Plattheiten der „Retsch" und Wodowosows, wenn die „Retsch" seine Worte nicht verdreht hat); 2. unbedingt ein zusammenfassender Artikel über den schwedischen Streik; 3. das gleiche über die Ereignisse in Spanien; 4. über die Menschewiki anläßlich ihrer (hundsgemeinen) Polemik gegen den Genfer (Georgien282) AntÜiquidator; 5. ferner in einer gesonderten Beilage eine Antwort auf den „Offenen Brief" Maximows und Co. Man muß ihnen eine gebührende Antwort erteilen, damit diese Schurken mit ihrer Lügerei die Öffentlichkeit nicht in Verwirrung bringen.

Nach 3 Wochen Ruhe komme ich jetzt allmählich wieder zu mir. Ich würde vielleicht Nr. 4 und 5 übernehmen - im äußersten Falle auch Nr. 1, aber ich möchte es noch nicht versprechen. Schreiben Sie mir Ihre Meinung und die Termine (genau). Was gibt es noch für den „Proletari" Nr. 3?

Nr. 2 und 3 könnte man entsprechend dem „Vorwärts" aufbauen: ich schicke ihn Ihnen, wenn Sie es übernehmen wollen zu schreiben.

Was die „Prawda" betrifft - haben Sie den Brief Trotzkis an Inok gelesen?

Ich hoffe, Sie haben sich nach der Lektüre dieses Briefes davon überzeugt, daß Trotzki sich wie der niederträchtigste Karrierist und Fraktionsmacher vom Schlatje Rjasanows und Co. benommen hat? Entweder Gleichheit in der Redaktion, "Unterordnung unter das ZK und niemand außer Trotzki nach Paris kommen lassen (er will alle seine dicken Freunde von der „Prawda" auf unsere Kosten „unterbringen", der Lump!) - oder Bruch mit diesem Gauner und seine Entlarvung im ZO.

Schwätzt von der Partei und benimmt sich schlimmer als alle übrigen Fraktionsmacher.

Ich drücke Ihnen die Hand.

Lenin



1910

Lenin, Band 34, Seite 405 - 407

186

ENTWURF , EINES BRIEFES AN DIE „TREUHÄNDER"

Geschrieben im Februar - Anfang März 1910 in Paris

Das vorliegende Dokument ist der Entwurf eines Briefes W. I. Lenins an Karl Kautsky, Franz Mehring und Clara Zetkin, an die „Treuhänder", denen unter bestimmten Bedingungen entsprechend dem Beschluß des Januarplenums des ZK der SDAPR 1910 die Gelder der bolschewistischen Fraktion übergeben worden sind. Siehe darüber Lenins Artikel „Die Ergebnisse eines Schiedsgerichts der Treuhänder'". (Werke, Bd. 17, S. 354 bis 356.)


Wir sind überzeugt, daß bei Spaltungsversuchen, durch die Menschewiki vom Ausland her betrieben, das ZK (d. h. die Bolschewiki + die nationalen Organisationen) nicht in der Lage wäre, gegen das Liquidatorentum zu kämpfen, und daß man den Fraktionskampf wird von neuem aufnehmen und Spaltung mit Spaltung wird beantworten müssen.

Die Erfahrung des „Waffenstillstands": die Bolschewiki haben sich entwaffnet. Die Erfahrungen der „parteimäßigen Lebensweise".

Die Bedingungen an die Menschewiki: (a) völlige Abrüstung – Einstellung der Fraktionszeitung, Auflösung der Fraktionskasse, Beendigung der fraktionellen Spaltung im Ausland; (ß) loyale Realisierung der Resolution über den Kampf gegen das Liquidatorentum; (v) loyale Unterordnung unter die Mehrheit im ZO; (8) loyale Unterstützung des ZK in Rußland.

Si non – non [Wenn nicht, dann nicht]

Das Kokettieren der Menschewiki mit den Otsowisten-Ultimatisten.

Trotzkis Ohnmacht und Nachsicht gegenüber den Liquidatoren.


Lenin, Band 34, Seite 416

190

BRIEF AN A.M. GORKI

11. IV. 1910


Die Reinigung der sozialdemokratischen Partei von ihren gefährlichen „Abweichungen", von Liquidatorentum und Otsowismus schreitet unaufhaltsam vorwärts; im Rahmen der Vereinigung ist sie bedeutend weiter vorangekommen als früher. Im Grunde genommen haben wir mit dem Otsowismus schon vor dem Plenum ideologisch aufgeräumt. Mit dem Liquidatorentum sind wir damals nicht ganz fertig geworden, den Menschewiki war es eine Zeitlang gelungen, die Sdblange zu verbergen, jetzt aber hat man sie ans Tageslicht gezogen, jetzt können alle die Schlange sehen, jetzt gehen wir an ihre Vernichtung und werden sie vernichten!

Nein, diese Reinigung ist untrennbar verbunden mit der breitesten Arbeiterbewegung, die es heute lernt, die sozialdemokratische Arbeit in unseren schweren Zeiten zu organisieren, dies eben lernt durch die Negation, und durch die Negation des Liquidatorentums und des Otsowismus findet sie den richtigen Weg.

Nur der Schwätzer Trotzki bildet sich ein, man könne diese Negation umgehen, das sei überflüssig, das gehe die Arbeiter nichts an, nicht das Leben, sondern eine Presse böser Polemiker habe die Fragen des Liquidatorentums und des Otsowismus aufgeworfen.

 

 

Lenin, Band 34, Seite 418

192

BRIEF AN J. MARCHLEWSKI

7. X. 1910

Geschrieben in Paris.

Zuerst veröffentlicht 1925.


Ich habe schon etwa die Hälfte eines großen Artikels geschrieben, der zugleich gegen Martow und Trotzki gerichtet ist. [Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 16, S. 381-399.] Ich mußte ihn beiseite legen. Jetzt werde ich mich an einen Artikel gegen Trotzki machen. Sollten Sie Kautsky sehen, dann seien Sie so gut, ihm zu sagen, er könne trotzdem damit rechnen, daß die Antwort an Trotzki von mir geschrieben wird. Wenn die Deutschen die Polemik so fürchten, so meine ich, es ist nicht so sehr wichtig, ob die Antwort eine Woche früher oder später kommt.

Es ist außerordentlich ärgerlich, daß nicht einmal Kautsky und Wurm sehen, wie banal und niederträchtig solche Artikel wie die von Martow und Trotzki sind. Ich will versuchen, Kautsky wenigstens einen privaten Brief zu schreiben, um die Sache zu klären. Es ist doch einfach ein Skandal, daß Martow und Trotzki unter dem Deckmantel „wissenschaftlicher" Artikel ungestraft lügen und Schmähschriften schreiben können!!

 

 

Lenin, Band 34, Seite 424

193

BRIEF AN G. L. SCHKLOWSKI

Geschrieben am 14. Oktober 1910.

Geschicktt von Paris nadb 'Bern.

Zuerst veröffenflicht 1930.


Was den Block mit Plechanow betrifft, haben Sie meiner Ansicht nach völlig recht, daß wir für den Block eintreten müssen. Ich bin voll und ganz, seit 1909, für eine Annäherung mit den Plechanowleuten. Und jetzt noch mehr. Nur mit den Plechanowleuten können und müssen wir die Partei aufbauen - es ist längst an der Zeit, die „Wperjod"-Leute und die „Golos"-Leute abzuschreiben. Es wäre ein Fehler zu glauben, die Plechanowleute seien schwach, seien „Nullen" (wie man manchmal hört) usw. Das ist nur ein durch die ausländischen Bedingungen entstandener Eindruck. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß in Rußland die menschewistischen Arbeiter zu neun Zehntem Plechanowleute sind. Die ganze Geschichte des Mensdiewismus in der Revolution zeugt davon, daß die Plechanowsche Richtung das beste (und darum auch das lebenskräftigste) Produkt des proletarischen Stroms der Menschewiki darstellt.

Plechanow und ich haben in Kopenhagen über die Herausgabe einer populären Zeitung gesprochen. Sie wird gebraucht. (Trotzki hat offensichtlich eine Schwenkung vollzogen zu den Liquidatoren, zur Unterstützung der „Golos"-Leute, zur Vereitelung des Parteiblocks zwischen Bolschewiki und Plechanowleuten.) Plechanow und ich sind völlig einig, daß mit Trotzki nichts zu machen ist. Entweder wir stellen eine populäre Zeitung beim ZO auf die Beine, oder wir geben sie gesondert im Namen der Gruppe der Bolschewiki heraus. Plechanow hat seine Mitarbeit zugesagt.



Lenin, Band 34, Seite 426 - 427

194

BRIEF AN A. M. GORKI

14. XI. 1910

Geschickt von Paris nach der Insel Capri.

Zuerst veröffentlicht 1930.


Um uns von dem Gezänk zu erholen, sind wir darangegangen, den seit langem bestehenden Plan, die „Rabotsdbaja Gaseta" herauszugeben, in die Tat umzusetzen. Wir haben mit Mühe und Not 400 frs zusammengebracht.

Gestern ist endlich Nr. 1 erschienen. Ich schicke sie Ihnen zusammen mit der Ankündigung und der Sammelliste. Die mit diesem Unternehmen (und mit der „Annäherung" zwischen den Bolschewiki und Plechanow) sympathisierenden Mitglieder der capresisch-neapolitanischen Kolonie werden gebeten, der Sache jegliche Unterstützung zu erweisen.

Die „Rabotschaja Gaseta" wird gebraucht, und mit Trotzki, der zugunsten der Liquidatoren und der otsowistischen „Wperjod"-Leute intrigiert, ist eine Zusammenarbeit unmöglich. Plechanow und ich haben schon in Kopenhagen energisch gegen Trotzkis hundsgemeinen Artikel im „Vorwärts" protestiert. Und welche neue Infamie hat er in der „Neuen Zeit" über den historischen Sinn des Kampfes unter den russischen Sozialdemokraten veröffentlicht! Und Lunatscharski im belgischen „Le Peuple" - haben Sie das gesehen?

Wir sind dabei, eine kleine legale Zeitschrift zum Kampf gegen die Nasdia Sarja" und die „Shisn" auf die Beine zu bringen, ebenfalls unter Mitwirkung Plechanows. Wir hoffen Nr. 1 bald herauszubringen.

So schaut's bei uns aus. Schritt für Schritt, ganz allmählich, mit Mühe, aber dennoch arbeiten wir uns aus dem Gezänk heraus und gelangen auf die freie Bahn.

 

 

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BRIEF AN A. I. RYKOW

Sonnabend, den 25. II. 1911

Geschrieben in Paris.

Zuerst veröffentlicht 1931.


Aber Sie schlagen weitaus mehr Abänderungen vor, die unannehmbar und schädlich sind.

(„Die Konferenz für unaufschiebbar erklären"?? Wozu Winkelzüge machen? Sie glauben doch selbst nicht an die Konferenz! Nichts ist zum jetzigen Zeitpunkt schädlicher als Heuchelei und Selbstbetrug!)

Der Befriedigung darüber Ausdruck verleihen, daß der Otsowismus- Ultimatismus im wesentlichen vom politischen Horizont verschwunden i s t . . . "

Das ist nicht wahr. Ich habe Arbeiter kennengelernt, die „Wperjod"- Anhänger sind, und sogar Jewgeni widerlegt diese Unwahrheit durch seine Reden.

Die Gruppe , Wperjod' zu ihrem Beschluß, an den Wahlen teilzunehmen, beglückwünschen..."

Einen solchen Beschluß gibt es bisher nicht. Sollte er morgen gefaßt werden, dann wäre es ein Skandal, wollte man die Spalter, weil sie ihre Pflicht erfüllt haben, „beglückwünschen", und das Geld von der Expropriation mit Schweigen übergehen.

Sie schreiben: „Ich kenne keine otsowistischen oder ultimatistischen Erklärungen des , Wperjod' nach dem Plenum..."

Schade, daß Sie sie nicht kennen. Siehe: 1. das Flugblatt der Gruppe „Wperjod" nach dem Plenum: von Anfang bis Ende eine Beschimpfung der Zentralstellen - kein Wort über eine Lossage von der otsowistischultimatistischen Plattform. - 2. Sammelband Nr. 1 - das gleiche. Kein einziger richtungweisender Artikel über die Duma und die Arbeit in der Duma. - 3. Lunatscharski in „Le Peuple" (wird im ZO zitiert – Lunatscharski war von der Gruppe „Wperjod" offiziell zum Kopenhagener Kongreß delegiert). - 4. Das Flugblatt der Genfer Gruppe der „Wperjod"- Leute (teilweise zitiert im „Qolos Sozial-Demokrata"), das sich mit Lunatscharski solidarisiert.

Der „Wperjod" wäre verpflichtet gewesen, nach dem Plenum eine neue Plattform zu verkünden, denn die alte (am 27. XII. 09, d. h. Unmittelbar vor dem Plenum, erschienen) ist eine otsowistisch-ultimatistisdhe Plattform.

Der „Wperjod" hat das nicht getan! Ihr Grundfehler besteht darin, daß Sie an Worte glauben und vor den Tatsachen die Augen verschließen. Verschiedene Leute wie Domow oder Alexinski oder sonstwer haben Ihnen „schöne Worte" vorgeschwatzt, und Sie glauben daran und schreiben: Der „Wperjod" steht „am Vorabend des Zerfalls oder ist unser potentieller Verbündeter", er „macht sich frei von der otsowistisch-ultimatistischen Plattform".

Das ist nicht wahr. Das sind verlogene Worte von Gaunern, die bereit sind, alles zu versprechen, was man will, nur um zu verkleistern was wirklich ist, um ihre separate Schule, ihre 85 000 Rubel von der Expropriation zu verschleiern.

Wenn Domow vom „Wperjod" abrückt, nun - Domow ist Gymnasiallehrer, ein Philister, eine Memme, aber kein Politiker. Wenn sich Alexinski mit Bogdanow und Co. „verkracht" hat, nun - jetzt, da er aus Bologna zurückgekehrt ist, hat er sich wieder völlig ausgesöhnt, und gestern hat er im Namen der Gruppe „ Wperjod" ein Referat gehalten!!

Sie bauen auf Worte und berauben sidb selbst Ihrer Kraft in der Praxis - das heißt jenen verhängnisvollen Fehler des Plenums wiederholen, der die Partei für minimum ein "Jahr ihrer Kraft beraubt hat. Wenn Sie jetzt, ein Jahr nach den idiotischen versöhnlerischen Fehlern des Plenums, diese Fehler wiederholen, dann richten Sie die ganze „Vereinigung" endgültig zugrunde. Ich sage dies mit voller Überzeugung, denn ich kenne das ganz genau aus der Erfahrung. Lassen Sie doch Samowarow schreien, ich hätte die „Vereinigung" hintertrieben (das sind die Worte Trotzkis und Jonows !). Samowarow muß solchen Unsinn schreien (den er nicht wagt in der Presse auszusprechen und den ich öffentlich in Nr. 2 des „Diskussionny Listok" untersucht und widerlegt habe); denn er schämt sich, den Fehler der Versöhnler auf dem Plenum einzugestehen.

Ihr Fehler lag darin, daß sie die Vereinigung mit den parteitreuen Menschewiki beinahe zunichte gemacht hätten, weil sie den Worten der gegen die Partei stehenden Elemente, der „Golos"-Leute, glaubten und es ihnen in der Praxis ermöglichten, sich zu konsolidieren.

Hüten Sie sich, wiederholen Sie diesen Fehler nicht!

Die „Wperjod"-Leute sind sehr stark. Sie haben eine Schule = eine Konferenz = einen Stab von Agenten. Wir (und das ZK) haben sie nicht.

Sie haben Geld - an die 80 000 Rubel. Meint Ihr, daß sie es Euch geben? ?

Seid Ihr denn so naiv??

Und wenn nicht, wie könnt Ihr die Fraktionsmacher, die einen Fraktionsfonds gegen Euch in der Hand haben, für „Verbündete" halten!?

Nichts ist naiver als zu schreiben: „Ich möchte den Splittern des ,Wperjod' die Möglichkeit einer Annäherung nicht erschweren."

Sie haben sich den Liquidatoren genähert, sie haben gegen Euch die Schule aufgebaut, sie streuen Euch Sand in die Augen, wenn sie sagen:

Wir sind gar nichts, wir sind keine Otsowisten, und Ihr glaubt an Worte und kämpft nicht gegen die Taten. Das ist doch wirklich unerhört!

Ich möchte nicht (schreiben Sie) aus der Organisation der gesamten Partei (nicht einer Fraktionsorganisation) im Ausland die ,Wperjod'- Leute hinauswerfen."

Eins von beiden: entweder Ihr übt Nachsicht gegenüber der besonderen Fraktion und laßt ihr ihr Geld. Dann werden wir unsere Erklärung an das ZK (mit der Forderung nach Einsetzung einer Untersuchungskommission) veröffentlichen und sagen: Mögen die „Wperjod"-Leute doch einem solchen ZK helfen, wir werden es nicht tun.

Oder Ihr verurteilt die Fraktionsmacherei der „Wperjod"-Leute, aber dann muß man konsequent sein. Wenn Ihr sie nur in Worten verurteilt, dann macht Ihr Euch lächerlich.

Dann muß man sagen: Solange die „Wperjod"-Leute nicht 1. eine neue Plattform verkünden, nicht 2. parteimäßige Erklärungen abgeben, solange sie 3. ihre Fraktionsschule nicht auflösen, 4. ihre Fraktionsgelder nicht der Partei übergeben - solange sind sie eine parteifeindliche Fraktion.

Wenn Ihr dies nicht sagt, dann geht Euch unsere Mitarbeit verloren, aber gewinnt nicht die mit den „Wperjod"-Leuten. Wäre das etwa Politik?

Und hinsichtlich der Splitter (der zukünftigen ! i) machen Sie sich keine Sorgen. Wenn wir stark sind, so werden alle zu uns kommen. Wenn wir schwach sind, nur an Worte glauben, dann wird man uns auslachen und nichts weiter. Es ist doch nicht schwer, eine Form zu finden: z. B. Kann man, wenn man die „Wperjod" -Fraktion verurteilt, sagen, daß ein Teil der „Wperjod"-Leute unter den Arbeitern für Wahlen eintritt, für legale Möglichkeiten, für das Parteiprinzip, daß Ihr solche Arbeiter, solche „Wperjod"-Leute auffordert, von der Fraktion w e ^zugehen und z u r Partei zu kommen usw. usf.

In der Resolution über den Zusammenschluß der Genossen im Ausland muß man klar und deutlich sagen, wer desorganisiert; die „Golos"- L e u t e und die „W p er j o d " - L e u t e muß m a n n e n n e n , u n d m a n muß erklären, worin ihre „desorganisierende und gegen die Partei gerichtete Tätigkeit" besteht: nicht in den Ideen (darüber sollen sie streiten und im „Diskussionny Listok" usw. schreiben), sondern in der separaten Schule, im separaten Schulfonds, im separaten Presseorgan („Golos"), in den separaten Sammlungen für den „ Golos", in den separaten fraktionellen Gruppen (die sich mit Rußland gegen das ZK verbinden).

Wenn die „Golos"-Leute und die „Wperjod"-Leute nicht klar und offen beim Namen genannt werden, dann ist die ganze Resolution gleich Null. Dann zwingt Ihr uns, gegen diese Vereinigungsspielerei aufzutreten.

Wenn man sie offen beim Namen nennt und klar darlegt, worin ihre Fraktionsmacherei besteht, werdet Ihr mit einem Schlag und mit Sicherheit die Mehrheit im Ausland erobern (die Bolschewiki + die Plechanowleute + die für die Partei eintretenden Arbeiter + eine Menge Gruppen in der „Provinz" und in Amerika, wo es keine Führer der „Golos"-Richtung gibt).

Sollte der „Kampf" des ZK gegen die Fraktionen darin bestehen, daß es den parteifeindlidhen Fraktionen des „Golos" und des „Wperjod" den "Hof macht" und unsere Arbeit (Arbeit im Sinne der Partei) durch verzwickte Formalitäten hemmt (der Pole, die Kommission, das Kollegium von Leuten, die nichts von der Sache verstehen, die „Einladung" der „Wperjod"-Leute, das Gezänk mit Alexinski usw. usf.), so werden wir auf so etwas nidht eingehen.

Eben haben wir einen Brief aus St. Petersburg bekommen. Samowarow hat der sozialdemokratischen Dumafraktion vorgeschlagen, eine Wahlplattform zu verkünden!!!

Dieser Vorschlag ist an die menschewistische Mehrheit gerichtet!! (und uns sagt man kein Wort). Wenn Samowarow die Sache so betreiben will, verspreche ich Euch, eine Serie von Flugblättern direkt gegen Samowarow loszulassen.

Wenn ein Abkommen bei uns möglich ist, dann müssen sich die Bolschewiki zu einer Strömung zusammenschließen und einmütig miteinander arbeiten (auf der Grundlage des Abkommens), aber nicht intrigieren und zu den Menschewiki übergehen.

Schreiben Sie Ihre Meinung. Möglichst bald. Ich drücke Ihnen die Hand.

Ihr Lenin

PS. Haben Sie Nikititsch, nicht gesehen? Hat er nicht auch hinsichtlich der Friedfertigkeit des „Wperjod" blauen Dunst vorgemacht?? Wenn es darum geht, Versprechungen zu machen und den Leuten blauen Dunst vorzumachen, ist er Meister.

 

Lenin, Band 35, Seite 3- 4

3

BRIEF AN G. SCHKLOWSKI


Geschrieben am 12. März 1912,

Geschickt von Paris nach Bern.

Zuerst veröffentlicht 1930


Sie schreiben: „Aus der Mitteilung kann ich keine Schlüsse ziehen hinsichtlich der Schritte, die von der Konferenz unternommen wurden, um die verschiedenen Strömungen im Ausland und die nationalen Organisationen heranzuziehen."

Aber in der Mitteilung ist doch klar und deutlich gesagt, daß die „Wperjod"-Leute + Trotzki + Plechanow eingeladen waren, die nationalen Organisationen aber dreimal? Was wollen Sie denn noch?

Lunatscharski hatte bei Sinowjews Referat in Paris die Unverschämtheit zu sagen, hier sei ein „Gaunerkniff"* [in deutsch geschrieben] angewandt worden, denn, so sagte er, eingeladen habe nicht die Konferenz, sondern die bereits eingetroffenen Delegierten. - Nun, ist dieser Lunatscharski nicht ein Lump? 23 Sitzungen=12 Tage: wenn man nicht vorher eingeladen hätte, dann hätten die Eingeladenen die Hälfte versäumt (Briefe absenden, Treffpunkte festlegen, Anreise - rechnen Sie sich das aus!). Aus dem Brief Trotzkis aber ist ersichtlich, daß 7 Personen eingeladen haben = V2 der Gesamtzahl von 14.

Ich war gegen die Einladung, aber die Delegierten luden sowohl die „Wperjod"-Leute als auch Trotzki und Plechanow ein.

Vorsitzender der Mandatskommission war der Delegierte von "Kiew (ein Menschewik). Sogar Trotzki hat (notgedrungen!) anerkannt, daß dies eine wirkliche Organisation ist.

Wem wird denn der Arbeiter Glauben schenken? Der Kiewer Organisation oder den Schreihälsen im Ausland?

Den Gerüchten dürfen Sie nicht glauben. Weder die Plechanowleute noch die „Wperjod"-Leute, niemand hat die Konferenz verlassen. Es waren insgesamt zwei parteitreue Menschewiki da: einer von Kiew -er benahm sich vollkommen korrekt und ging im allgemeinen mit uns.

Der "Jekaterinoslawer war furchtbar streitsüchtig, aber auch er hat d i e "Konferenz nicht verlassen, sondern brachte lediglich „Proteste" im Geiste Plechanows ein.

Der Jekaterinoslawer Delegierte legte einen eigenen Resolutionsentwurf über die Konstituierung vor, worin er voll und ganz anerkannte, daß alle benachrichtigt worden seien, und gegen diejenigen protestierte, die nicht erschienen waren; er wollte jedoch, daß man sich als Konferenz der russischen Organisationen konstituierte. Er blieb mit diesem Vorschlag allein.

Jetzt sind 12 Delegierte in Rußland und erstatten überall Bericht.

Aus Petersburg, Moskau, Kiew, Samara, Nikolajew und Tiflis sind bereits Briefe darüber eingegangen. Die Arbeit ist in Fluß gekommen und wird weiter laufen.

Der „Bund" + die Letten versuchen, eine Konferenz mit den Liquidatoren zusammenzuschustern. Sollen sie es doch probieren! Wir brauchen Taten, meine Herren, und nicht Worte!! Ohnmächtig wart ihr (+ Trotzki + „Wperjod"-Leute) seit dem 26. XI. 1910, als Trotzki die Einberufung einer Konferenz verkündete, und ohnmächtig werdet ihr bleiben.

Mit den Liquidatoren haben wir, hat die Partei gebrochen. Soll man doch versuchen, eine andere SDAPR mit den Liquidatoren zu schaffen!

Das ist zum Lachen.

Die sozialdemokratische Dumafraktion ist direkt weder für uns noch für die anderen. Aber erstens waren auf unserer Konferenz 2 Abgeordnete; zweitens werden in der „Swesda" unter den Mitarbeitern 9 sozialdemokratische Abgeordnete aufgeführt, im „Sbiwoje Delo" der Liquidatoren. Da haben Sie Tatsachen!

 

Lenin, Band 35, Seite 7

BRIEF AN G.K.ORDSHONIKIDSE

UND DIE ÜBRIGEN MITGLIEDER DES RUSSISCHEN BÜROS DES ZK

28. III. 1912

Geschickt von Paris nach Tiflis.

Zuerst veröffentlicht 1934.


11. Der „Vorwärts" vom 26. März bringt einen wütenden und niederträchtigen redaktionellen Artikel gegen die Konferenz. Es ist klar, daß das Trotzki gemacht hat. Die Konferenz hat eine große Schlacht ausgelöst, Rußland aber schweigt. Es liegt kein Grund vor, zu prahlen und sich zu brüsten: alle kennen den „Vorwärts" und die Proteste, aus Rußland aber kein Wort.


 

Lenin, Band 35, Seite 11


AN DIE MITGLIEDER DES RUSSISCHEN BÜROS DES ZK

Geschrieben in der ersten Aprilhälfte 1912.

Geschickt von Paris nach Tiflis.


Nehmen Sie den Feldzug der Liquidatoren im Ausland nicht auf die leichte Schulter. Wer das Ausland unbeachtet läßt und nur gelegentlich darauf schimpft, begeht einen schweren Fehler. Die Liquidatoren werden bei vielen Verwirrung stiften, wenn sie eine eigene Konferenz einberufen zusammen mit dem „Bund" + Kaukasisches Gebietskomitee1" (1) + Letten + liquidatorische Intellektuelle. Und sie werden sie einberufen! Man muß hartnäckig, ernsthaft und systematisch kämpfen. Man muß überall hinfahren und den Betrug der Liquidatoren aufdecken. Geben Sie das Feuilleton der letzten Nummer der „Rabotschaja Gaseta" als Flugblatt heraus. Ich rate Ihnen, sofort eine Reihe von Flugblättern herauszubringen (unbedingt alle wichtigen Resolutionen der Konferenz). Mit den Flugblättern können Sie alles erreichen. An die „Iswestija" gehen Sie äußerst vorsichtig heran. Die Zeitung wird für die Polizei ein wichtiger Punkt sein, wo sie zupacken kann. Es ist aber vor allem wichtig, daß wir uns bis zu den "Wahlen halten. Denken Sie daran, daß wir keine Ersatzleute haben.

____

(1) Kaukasisches Qebietskomitee - Fraktionszentrum der menschewistischen Liquidatoren im Kaukasus,- es gehörte dem von Trotzki organisierten parteifeindlichen Augustblock an.

 

 

 

Lenin, Band 35, Seite 12 - 13

AN DAS BÜRO DES ZK DER SDAPR IN RUSSLAND

  1. IV. 1912

    Geschrieben in Paris.

Liebe Freunde!

Verschaffen Sie uns um Himmels willen mehr Verbindungen. Verbindungen, Verbindungen, Verbindungen, das ist es, was uns fehlt. Ohne sie steht alles auf schwankenden Füßen. Denken Sie daran, daß zwei schon von der Bildfläche verschwunden sind, Ersatzleute für sie sind nicht da, ohne Verbindungen fällt bei ein, zwei neuen Unglücksfällen alles auseinander. Man muß unbedingt Gebietskomitees (oder einfach Gruppen von Vertrauensleuten) schaffen, die mit uns in Verbindung stehen, und zwar für jedes Gebiet. Wenn wir das nicht haben, ist die ganze Sache nicht stabil. Was die Veröffentlichungen betrifft, so muß man die v ol l s t ä n d i g e Resolution über die Wahlen verstärkt herausgeben, damit sie auch die Massen überall im vollen Wortlaut kennenlernen.

Was das Geld betrifft, so muß man die Naivität gegenüber den Deutschen endlich ablegen. Dort herrscht jetzt Trotzki und führt einen verbissenen Kampf. Schicken Sie uns unbedingt ein Mandat, um die Sache gerichtlich zu regeln, sonst werden wir nichts bekommen. Das Maiflugblatt haben wir schon überallhin versandt. Ich rate Ihnen, den Wahlaufruf an die Bauern (aus der „Rabotschaja Gaseta": Die Bauernschaft und die Wahlen) als Flugblatt herauszugeben. Bringen Sie unbedingt das Feuilleton der „Rabotschaja Gaseta" heraus, das ist eine notwendige Ergänzung zu der Plattform, in der der sehr wichtige Absatz über den Sozialismus fehlt. Schreiben Sie! Verbindungen, Verbindungen. Mit Gruß.

PS. Der „Vorwärts" lügt ganz unverschämt, beispielsweise wenn er schreibt, ganz Rußland habe sich schon für die Konferenz der Bundisten und Letten ausgesprochen. Das stammt von Trotzki und Co., und die Deutschen glauben es. überhaupt ist Trotzki beim „Vorwärts" der Herr im Hause. Die Auslandsabteilung leitet Hilferding, Trotzkis Freund.

 

Lenin, Band 35, Seite 19

11

BRIEF AN DIE REDAKTION DER „PRAWDA"

Geschrieben am 19. Juli 1912.

Geschickt von Krakau nach Petersburg.

Zuerst veröffentlicht 1933.


Schicken Sie die „Prawda" nach Wien an die Wiener „Arbeiter-Zeitung"? Tun Sie das und schicken Sie sie uns unter Kreuzband.

Ich rate Ihnen, Trotzki im Briefkasten zu antworten: „An Trotzki (Wien). Briefe mit Klatsch und Intrigen werden wir nicht beantworten."

Trotzkis niederträchtige Kampagne gegen die „Prawda" ist eine einzige Lüge und Intrige. Der bekannte Marxist und Plechanowanhänger Rothstein (London) schrieb uns, er habe Trotzkis Klatscherei erhalten und ihm geantwortet: Ich kann der Petersburger „Prawda" absolut nichts zur Last legen. Aber dieser Intrigant und Liquidator lügt wahllos nach rechts und links.

Stets zu Diensten W. Uljanow

PS. Noch besser wäre es, Trotzki im Briefkasten folgendermaßen zu antworten: „An Trotzki (Wien). Sie machen sich umsonst die Mühe, uns Briefe mit Klatsch und Intrigen zu senden. Eine Antwort wird nicht erfolgen."


 

Lenin, Band 35, Seite 26 - 27

14

BRIEF AN DIE REDAKTION DER „PRAWDA"

geschrieben am 1. August 1912.

geschickt von Krakau nach Petersburg.

Zuerst veröffentlicht 1930.


Der deutsche Vorstand* [ * „Vorstand" bei Lenin deutsch.] hat sich an 11 (sic!) sozialdemokratische Gruppen, Fraktionen und Zentren gewandt mit dem Vorschlag, eine gemeinsame Beratung über die „Einheit" zu veranstalten. Die sogenannte „Leninsche Strömung" hat aufs kategorischste abgelehnt: was kann lächerlicher und würdeloser sein als diese Verständigungsspielerei im Ausland, diese Verständigung mit „Zentren und Fraktionen", die ihre absolute Ohnmacht in Rußland bewiesen haben? Keinerlei Verhandlungen mit ihnen, keinerlei Übereinkünfte mit den Liquidatoren — das war die Antwort der sogenannten „Leninschen Strömung". Ob bei diesem unsinnigen Vorhaben Trotzkis etwas herausgekommen ist oder herauskommen wird, ist unbekannt.



Lenin, Band 35, Seite 108 - 109

61

BRIEF AN D.WIJNKOOP

Krakau, 12. Januar 1914

Geschickt von Krakau nach Holland.

Zuerst veröffentlicht am 21. Januar 1934 in der .Prawda" Nr. 21.


Werter Genosse Wijnkoop!

Ich danke Ihnen aufs herzlichste für Ihren liebenswürdigen Brief. Ich hoffe, Sie haben in den deutschen sozialdemokratischen Zeitungen („Vorwärts" und „Leipziger Volkszeitung") die Artikel unserer Gegner gelesen (beispielsweise von J. K. - aus der Gruppe Rosa Luxemburgs — und von Z. L., der g a r keine Gruppe in Rußland vertritt, - in der „Leipziger Volkszeitung"). Die deutsche sozialistische Presse boykottiert uns, insbesondere der „Vorwärts", und lediglich die „Leipziger Volkszeitung" hat einen von unseren Artikeln gebracht (unterzeichnet von der Redaktion des Zentralorgans der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands „Sozial-Demokrat").

In der „Bremer Bürger-Zeitung" schreibt Radek über russische Fragen. Aber Radek vertritt doch ebensowenig irgendeine Gruppe in Rußland! Es ist lächerlich, die Artikel von Emigranten abzudrucken, die nichts vertreten, und die Artikel von Vertretern der in Rußland bestehenden Organisationen nicht aufzunehmen!

Und die Haltung Kautskys — kann es etwas Idiotischeres geben? Für alle anderen Länder studiert er die Geschichte der Bewegung, kritisiert die Dokumente, bemüht sich, den wahren Sinn der Meinungsverschiedenheiten und die politische Bedeutung der Spaltungen zu erfassen. Hinsichtlich Rußlands gibt es für Kautsky keine Geschichte. Heute wiederholt er, was er von Rosa Luxemburg gehört hat, gestern hat er wiederholt, was er von Trotzki, Rjasanow und anderen Literaten gehört hatte, die lediglich ihre eigenen „frommen Wünsche" vertreten, morgen wird er wiederholen, was ihm andere russische Studenten oder Emigranten zu erzählen geruhen etc. Und in der „Neuen Zeit"!! Gemeinplätze, Deklamationen, keinerlei Tatsachen, keine Vorstellung vom Wesen der Fragen, die uns trennen!! Das ist die reinste Kinderei!!

Man predigt uns Einheit mit den Liquidatoren unserer Partei - das ist absurd. Die Einheit verwirklichen wir, indem wir die Arbeiter in Rußland gegen die Liquidatoren unserer Partei zusammenschließen. Ich lege diesem Brief ein Dokument bei, das wir den Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Büros zur Kenntnis gebracht haben. Sie finden darin Tatsachen und Zahlen, die beweisen, daß gerade wir die Einheit der Partei (und der großen Mehrheit der Arbeiter) in Rußland vertreten gegen die Liquidatorengruppen ohne Arbeiter.

Leider will nicht einmal Pannekoek in der „Bremer Bürger-Zeitung" begreifen, daß man die Artikel von beiden sozialdemokratischen Strömungen in Rußland veröffentlichen muß und nicht die Artikel Radeks, der lediglich seine persönliche Ignoranz und seine Phantastereien repräsentiert und nicht gewillt ist, konkrete Tatsachen zu übermitteln.



Lenin, Band 35, Seite 151

BRIEF

An A. Schljapnikow

  1. XI. 1914

Geschickt von Bern nach Stockholm.

Zuerst veröffentlicht 1924.


In Zürich wurde für die Zeit ab Dezember die Zeitung „Otkliki" angekündigt (wahrscheinlich Liquidatoren + Trotzki). In Paris erscheint neuerdings die Sozialrevolutionäre Tageszeitung „Mysl" (völlig banale Phrasen mit Augenzwinkern nach „links"). Eine Fülle von Zeitungen, Phrasen von Intellektuellen, die heute rrrevolutionär sind, und morgen . . . ? (Morgen werden sie sich aussöhnen mit Kautsky, Plechanow, mit der liquidatorischen „patriotisch-chauvinistisch-opportunistischen Intelligenz" in Rußland)...

Mit der Arbeiterklasse in Rußland hatten und haben sie nicht das geringste zu tun. Man darf ihnen nicht für einen roten Heller trauen.

Ich drücke Ihnen fest die Hand und wünsche Ihnen frischen Mut. Die Zeiten sind schwer, aber . . . wir schaffen es!

Ihr Lenin

Lenin, Band 35, Seite 168

89

BRIEF AN A. M. KOLLONTAI

Geschrieben im Juli 1905.

Geschickt von Sörenberg (Schweiz)

nach Kristiania.

Zuerst veröffentlicht 1924.


Bitte seien Sie so gut und schreiben Sie, erstens ob wir mit Ihnen (bzw. Sie mit dem ZK) solidarisch sind, und wenn nicht, in welchen Punkten, und zweitens, ob Sie es übernehmen, die „linken" Skandinavier zu gewinnen.

Ad 1. Unser Standpunkt ist Ihnen aus dem „Sozial-Demokrat" bekannt.

In den russischen Fragen werden wir nicht für eine Einheit mit der Fraktion Tschcheidse sein (was wohl Trotzki wie auch das OK und Plechanow und Co. wollen: siehe den „Krieg"), denn das hieße das „Nasche Delo" decken und verteidigen. In den internationalen Fragen werden wir nicht für eine Annäherung an Haase-Bernstein-Kautsky sein (denn sie wollen in Wirklichkeit eine Einheit mit den Südekum und wollen sie decken, sie möchten sich mit linken Phrasen aus der Schlinge ziehen und an der alten verfaulten Partei nichts ändern).

Wir können nicht für die Losung des Friedens eintreten, weil wir sie für eine durch und durch konfuse, pazifistische und spießbürgerliche Losung halten, die den Regierungen hilft (sie möchten jetzt mit der einen Hand „für den Frieden" sein, um aus der Sackgasse herauszukommen) und den revolutionären Kampf hemmt.

Nach unserer Ansicht müssen die Linken mit einer gemeinsamen prinzipiellen Erklärung auf den Plan treten, enthaltend 1. die bedingungslose Verurteilung der Sozialchauvinisten und Opportunisten, 2. ein revolutionäres Aktionsprogramm (ob man sagt: Bürgerkrieg oder revolutionäre Massenaktionen - das ist schon nicht mehr so wichtig), 3. die Ablehnung der Losung der „Vaterlandsverteidigung" usw. Eine prinzipielle Erklärung der „Linken", abgegeben im Namen einiger Länder, wäre von gigantischer Bedeutung.




Lenin, Band 35, Seite 170 - 172

90

BRIEF AN D. WIJNKOOP


Geschrieben im Juli 1915.

Geschickt von Sörenberg (Schweiz)

naäi Zwolle (Holland).

Zuerst veröffentlicht am 21. Januar 1949

in der „Prawda" Nr. 21


Aber unsere wichtigste Aufgabe besteht jetzt eben darin, die marxistische Linke von den Opportunisten (und Kautskyanem) und von den Anarchisten scharf zu scheiden.

Aus dieser Prinzipienerklärung, soweit sie in der Berner Tagwacht und der Internationalen Korrespondenz abgedruckt ist, sehe ich, daß wir uns keinesfalls mit Frau R.-H. solidarisieren können. Frau R.-H. [Roland-Holst] ist m. E. ein holländischer Kautsky oder holländischer Trotzki. Diese Leute sind mit den Opportunisten prinzipiell „entschieden nicht einverstanden" – und praktisch in allem Wichtigen einverstanden!!

Ganz wie unser Herr Trotzki: „prinzipiell entschieden gegen die Landesverteidigung" - praktisch für die Einigkeit mit der Fraktion Tschcheidse in der russischen Duma (d. h. mit den Gegnern unserer nach Sibirien geschickten Fraktion, mit den besten Freunden der russischen Sozialchauvinisten).

Nein. Nein. Niemals und keinesfalls sind wir prinzipiell einverstanden mit der Erklärung von Frau R.-H. Es ist lauter undurchdachter, platonischer, heuchlerischer Internationalismus. Es sind lauter Halbheiten. Es ist (politisch gesprochen) nur dazu gut, einen „linken Flügel" (d. h. „unschädliche Minderheit", „dekorativ marxistischen Schmuck") in den alten, faulen und niederträchtigen Lakaienparteien (liberalen Arbeiterparteien) zu bilden.

Wir fordern natürlich nicht sofortige Spaltung einer jeden Partei z. B. in Schweden, Deutschland, Frankreich. Sehr möglich, daß ein wenig später der Moment (z. B. in Deutschland) günstiger sein wird. Aber prinzipiell müssen wir unbedingt einen vollständigen Bruch mit dem Opportunismus fordern. Der ganze Kampf unserer Partei (und der Arbeiterbewegung in Europa überhaupt) muß die Richtung haben: gegen den Opportunismus. Es ist keine Strömung, keine Richtung: er (der Opportunismus) ist jetzt zum organisierten Werkzeug der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung geworden. Und weiter müssen unbedingt die Fragen des revolutionären Kampfes (Taktik, Mittel, Propaganda im Heere, Fraternisation in den Schützengräben u s w.) in der illegalen Presse ausführlich behandelt, diskutiert, überlegt, erprobt, für die Massen klargelegt werden. Ohne dies bleibt alles „Anerkennen" der Revolution nur Phrase. Mit phrasenhaften (holländisch:„passiven") Radikalen gehen wir nicht mit.

 

Lenin, Band 35, Seite 175

92

BRIEF AN A. M. KOLLONTAI

Geschrieben im Sommer 1915.

Geschickt von Sörenberg (Schweiz)

nach Kristiania.

Zuerst veröffentlicht 1924


Frau Roland-Holst wie auch Rakowski (haben Sie seine französische Broschüre gesehen?) und Trotzki sind nach meiner Meinung allesamt die schädlichsten „Kautskyaner", und zwar in dem Sinne, daß sie alle in verschiedener Form für die Einheit mit den Opportunisten sind, daß sie alle in verschiedener Form den Opportunismus beschönigen, daß sie alle (auf verschiedene Art) den revolutionären Marxismus durch Eklektizismus ersetzen.

 

Lenin, Band 35, Seite 177 - 178

93

BRIEF AN A. SCHLJAPNIKOW

23. VIII. 1915

Geschickt von Sörenberg (Schweiz)

nach Stockholm.

Zuerst veröffentlicht 1924


Man sagt: Was werdet „ihr" tun, wenn „ihr", die Revolutionäre, den Zarismus besiegt? Ich antworte: Erstens wird unser Sieg die Bewegung der „Linken" in Deutschland hundertfach stärker entbrennen lassen; zweitens würden wir, wenn „wir" den Zarismus vollständig besiegten, allen Kriegführenden einen Frieden unter demokratischen Bedingungen vorschlagen, im Falle der Ablehnung aber würden wir einen revolutionären Krieg führen.

Es ist klar, daß die führende Schicht der prawdistischen Arbeiter, diese Stütze unserer Partei, trotz der schrecklichen Verheerungen in ihren Reihen am Leben geblieben ist. Es wäre außerordentlich wichtig, daß sich in 2-3 Zentren führende Gruppen zusammenschlössen (äußerst konspirativ), mit uns Verbindung aufnähmen, das Büro des ZK (es existiert, glaube ich, bereits in Petrograd) und das ZK selbst in Rußland wiederherstellten; daß sie eine feste Verbindung mit uns einrichteten (wenn nötig, muß man dazu 1-2 Personen mit nach Schweden nehmen); wir würden Flugschriften, Flugblätter usw. schicken. Das wichtigste sind feste, ständige Verbindungen.

Tschcheidse und Co. führen offenbar einen Eiertanz auf; sie sind treue Freunde des „Nasche Delo", Alexinski ist mit ihnen zufrieden (ich hoffe, Sie haben den „Krieg" gesehen, Plechanow + Alexinski + Co.? Es ist eine Schande!!), und diese selben Leute „spielen" mit Trotzkis Hilfe die Linken!! Ich denke, klassenbewußte Prawdisten werden sie nicht hinters Licht führen!


Lenin, Band 35, Seite 180

95

BRIEF AN A. SCHLJAPNIKOW

Geschrieben Anfang September 1915.

Geschickt von Sörenberg (Schweiz)

nach Stockholm.

Zuerst veröffentlicht 1924


Trotzki und die Kumpanei der ausländischen Lakaien des Opportunismus machen alle Anstrengungen, am die Meinungsverschiedenheiten zu „verkleistern" und den Opportunismus der „Nascha Sarja" dadurch zu „retten", daß sie die Fraktion Tschcheidse (die treuesten Freunde der „Nascha Sarja") reinwaschen und in den Himmel heben.

 


Lenin, Band 35, Seite 188 - 192

99

BRIEF AN A. SCHLJAPNIKOW

geschrieben im März 1916.

Geschickt von Zürich nach Kristiania.

Zuerst veröffentlicht 1929.


Lieber Freund!

Anläßlich Ihres Briefes und des darin erwähnten weitverbreiteten Vorwurfs, ich sei „unnachgiebig", möchte ich mich ausführlicher mit Ihnen unterhalten.

Was James betrifft, so hat er sich in der Politik niemals ausgekannt, ist stets gegen die Spaltung gewesen. James ist ein prachtvoller Mensch, aber über diese Themen hat er grundfalsche Ansichten.

Bei uns in Rußland (und jetzt auch in der neuen Internationale) ist die Frage der Spaltung die Kernfrage. Jede Nachgiebigkeit hierin wäre ein Verbrechen. Ich weiß sehr wohl, wie viele gute Menschen (James, Galjorka, die Petrograder „Freunde" aus der Intelligenz) gegen die Spaltung der Dumafraktion waren. Sie alle hatten tausendmal unrecht.

Die Spaltung war unumgänglich. Die Trennung von Jschdbeidse und Co. ist auch jetzt absolut unumgänglich. Alle, die in dieser Beziehung schwanken, sind Feinde des Proletariats, ihnen gegenüber muß man u n - nachgiebig sein.

Wer schwankt denn? Nicht nur Trotzki und Co., sondern auch J u r i + Jewg. B. (sie haben schon im Sommer wegen Tschcheidse „Szenen gemacht" !!). Dann die Polen (die Opposition). In Nr. 15 ihrer „Gazeta Robotnicza" steht ihre Resolution: wiederum für Ausflüchte wie in Brüssel am 3./16. Juli 1914.

Unnachgiebigkeit ihnen gegenüber ist unbedingt notwendig.

Radek ist der Beste von ihnen; es war nützlich, mit ihm zusammenzuarbeiten (übrigens auch für die Zimmerwalder Linke), und wir haben mit ihm gearbeitet. Aber Radek schwankt ebenfalls. Und unsere Taktik ist hier zweiseitig (dies wollten oder konnten Juri + Nik. Iw. durchaus nicht verstehen).- einerseits Radek helfen, nach links zu gehen, alle, die man kann, für die Zimmerwalder Linke vereinigen. And e r s e i t s i m G r u n d s ä t z l i c h e n a u c h n i c h t u m e i n J o t a Schwankungen zulassen.

Das Grundlegende ist die Trennung vom OK, von Tschcheidse und Co.

Die Polen schwanken und haben nach Nr. 1 des „Kommunist" eine hundsgemeine Resolution herausgegeben.

Schlußfolgerung?

Entweder man hält an der Firma „Kommunist" fest und öffnet Tür und Tor für Gezänk und S ch w an k u n g en : für Briefe an die Redaktion (von Radek, Bronski, vielleicht von Pannekoek u. a.), für Beschwerden, Gewinsel, Klatschereien usw.

Um keinen Preis.

Das wäre schädlich für die Sache.

Das hieße, den Schuften vom OK, Tschcheidse und Co. helfen.

Um keinen Preis.

Der „Kommunist" war ein zeitweiliger Block zur Erreichung eines bestimmten Zieles. Das Ziel ist erreicht: die Zeitschrift ist herausgebracht, die Annäherung (damals war sie möglich, vor Zimmerwald) ist erreicht.

N u n muß man einen anderen Weg, muß man weiter gehen.

Der „Kommunist" ist schädlich geworden. Man muß ihn einstellen und durch eine andere Firma ersetzen: „Sbornik Sozial- Demokrata" (unter Redaktion der Red. des „Sozial - Demokrat").

Nur so vermeiden wir Gezänk, vermeiden wir Schwankungen.

In Rußland gibt es auch Uneinigkeit? Oh, natürlich! Aber es ist nicht unsere Aufgabe, sie zu vergrößern. Mögen sich Tschcheidse und Co. und Trotzki und Co. damit beschäftigen (das ist ihr „Beruf"), die Uneinigkeit zu vergrößern, unsere Aufgabe aber ist es, unsere eigene Linie zu verfolgen.

Die Früchte einer solchen Arbeit liegen vor: die Petrograder Arbeiter sind hundertmal besser als die Petrograder Intellektuellen (sogar als die „sympathisierenden" . . -)

Mit dem „Dreigespann" (Juri + Jewg. Bosch + Nik. Iw.) mußten wir auf zeitweilige Zugeständnisse eingehen, weil es sonst nicht möglich gewesen wäre, damals eine Zeitschrift herauszugeben (jetzt kann man das); und vor allem: damals hatten wir Jewg. Bosch + Juri noch nicht bei der Arbeit kennengelernt und konnten darauf hoffen, daß die Arbeit sie vorwärtsbringen würde.

Aber sie sind rückwärts gegangen.

Und das zeitweilige Bündnis muß man unbedingt lösen. Nur dann leidet die Sache nicht. Nur dann werden auch sie lernen.

Wir sind doch nicht gegen eine Diskussion. Wir sind dagegen, daß Leute Rechte als Redakteure haben, die unverzeihliche Schwankungen (etwa auf Grund ihrer Jugend? dann warten wir ab: in etwa 5 Jahren haben sie sich vielleicht gebessert) an den Tag gelegt haben.

Nik. Iw. ist ein Ökonom, der ernsthaft arbeitet, und dabei haben wir ihn stets unterstützt. Aber erstens ist er vertrauensselig gegenüber Klatschereien, und zweitens ist er politisch verdammt unbeständig.

Der Krieg hat bei ihm halbanarchistische Gedanken hervorgebracht.

Auf der Beratung, die die Berner Resolutionen annahm (Frühjahr 1915), legte er T h e s e n vor (ich habe sie!) - der Gipfel des Unsinns;

eine Schande,- halber Anarchismus.

Ich griff ihn heftig an. Juri und Jewg. Bosch hörten es und waren mit mir zufrieden, weil ich kein Abrutschen nach links duldete (sie erklärten damals, sie seien mit N. Iw. absolut nicht einverstanden).

Es vergeht ein halbes Jahr. Nik. Iw. widmet sich dem Studium der Ökonomie. Er beschäftigt sich ni cht mit Politik.

Und da tischt er uns in der Frage der Selbstbestimmung den gleichen Unsinn auf. Jewg. Bosch + Juri unterschreiben ihn!! (Lassen Sie sich von N. Iw. ihre „Thesen" und meine Antwort an ihn geben.)

Dabei ist es eine wichtige Frage. Eine wesentliche Frage. Sie ist untrennbar verbunden mit der Frage der Annexionen - eine höchst aktuelle Frage.

Die Leute haben nicht nachgedacht. Sie haben nicht gelesen. Sie haben nicht studiert. Sie haben zwei- bis dreimal Radek gehört (der hat die alte „polnische" Krankheit: er hat sich hier verrannt) - und unterschreiben, ohne viel darüber nachzudenken.

Das ist ein Skandal. Das ist eine Schande. Das sind keine Redakteure.

Man muß diese Leute widerlegen, bloßstellen, ihnen Zeit geben zu lernen und nachzudenken, man darf nicht anfangen sie zu verhätscheln: da habt ihr alle Rechte von Redakteuren, tragt den Arbeitern euren Unsinn vor!!

Wenn man es so macht, werden sie die Sache weitertreiben bis zu einer Polemik in der Presse; und dann werde ich gezwungen sein, sie „imperialistische Ökonomisten" zu nennen, ihre völlige Hohlheit zu zeigen, ihren völligen Mangel an Ernst und gründlichem Denken. Eine Polemik in der Presse wird sie auf lange Jahre hinaus von uns wegstoßen.

Stellt man dagegen jetzt den „Kommunist" ein, dann werden sie nachdenken und sich von dem Unsinn frei machen; sie werden lesen und sich überzeugen. Setzt euch hin, meine Lieben, schreibt eine ernsthafte Broschüre, wenn ihr „Meinungsverschiedenheiten" in der Politik (mit der ihr euch überhaupt nicht beschäftigt, die ihr nicht studiert habt) zu verkünden habt — so schreibt doch! Sie werden es sich überlegen und werden es nidht tun. Und nach ein paar Monaten „geht alles vorüber".

So war es immer. Und so wird es sein.

In der Frage der Annexionen (und der Selbstbestimmung) hat sich unser Standpunkt (die Resolution von 1913) vollkommen durch den Krieg bestätigt. Und diese Frage ist aktuell geworden. Radek aber + die Holländer (Gorter und Pannekoek) haben sich hier offensichtlich verrannt.

Im „Sbornik Sozial-Demokrata" werden wir die Sache immer und immer wieder klarlegen.

Man muß in der Richtung arbeiten,

1. daß der „Kommunist" eingestellt wird;

2. daß man Juri + Jewg. Bosch gegenüber bei der Herausgabe des Sammelbandes über die Juden157 möglichst viel Nachsicht übt, daß man ihnen Rechte und Privilegien einräumt (das ist hier unschädlich für die Sache). Ausführliche Bedingungen in einem schriftlichen Vertrag;

3. das gleiche in bezug auf ihre Transportgruppe (lassen Sie sich von ihnen ihr Statut und unsere Korrekturen daran geben) ;

4. wir werden den „Sbornik Sozial-Demokrata" unter der Redaktion der „Redaktion des ,Sozial-Demokrat'" herausgeben.

Wir werden sie auffordern, Mitarbeiter zu werden. Wir werden ihnen sagen: Es gibt Meinungsverschiedenheiten? Bereitet eine ernsthafte Broschüre vor! Wir verpflichten uns, sie zu veröffentlichen. (Sie werden sie nicht schreiben, denn sie haben noch nicht einmal angefangen, ernsthaft über die Frage nachzudenken; sie haben sich noch nicht einmal damit beschäftigt!!)

Das ist eine sachliche Politik.

Jewg. Bosch wollte schon immer nach Rußland; dort könnte sie Nutzen b r i n g e n ; h i e r h a t s i e k e i n e A u f g a b e , s i e w i r d s i c h e i n e a u s denken.


Lenin, Band 35, Seite 196


100

BRIEF AN G. SINOWJEW

  1. V. 1916

Geschickt von Zürich nach Bern.

Zuerst veröffentlicht 1934.


Ich möchte nicht, daß unser Briefwechsel zu einer Stichelei wird.

Zweitens ist Radek das eine, die Redaktion seiner Zeitung aber (der „Gazeta Robotnicza") ist etwas anderes. Daß diese Zeitung auch ein Spiel treibt (mit der Fraktion Tschcheiidse, mit Trotzki u. a.), das haben Sie selbst zugegeben. Denken Sie daran, daß diese Zeitung im Februar 1916 herauskam und daß unter Ihrer Beteiligung der Brief des Komitees der Auslandsorganisation gegen sie ausgearbeitet wurde. Ist denn das eine ernsthafte Politik, wenn wir jetzt in unserer führenden Zeitschrift Leuten „Gleichberechtigung" gewähren, die Karriere machen wollen durch „Ausnutzung" unseres Kampfes gegen die Polen, die uns am 3./16. VII. 1914 an Vandervelde und Kautsky verraten haben??

 

Lenin, Band 35, Seite 211 - 212


105

BRIEF AN A.SCHLJAPNIKOW


geschrieben nach dem 3. Oktober 1916.

geschickt von Zürich nach Stockholm.

Zuerst veröffentlicht 1924.


Die wichtigste Parteifrage in Rußland war und bleibt die Frage der „Einheit". Trotzki hat in den 500-600 Nummern seiner Zeitung die Sache weder bis zu Ende ausgesprochen noch bis zu Ende durchdacht:

Einheit mit Tschcheidse, Skobelew und Co.? oder nicht? Es scheint, daß es auch in Petrograd noch „Vereiniger" gibt, wenn sie auch sehr schwach sind (sind nicht sie es, die in Petrograd die „Rabotschije Wedomosti" herausgegeben haben?). Man sagt, „Makar" sei in Moskau und spiele ebenfalls den Versöhnler. Versöhnlertum und Vereinigerei ist das Schädlichste für die Arbeiterpartei in Rußland, es ist nicht nur Idiotie, sondern auch der Untergang der Partei. Denn faktisch ist die „Vereinigung" (oder Versöhnung usw.) mit Tschcheidse und Skobelew (um sie handelt es sich, denn sie geben sich als „Internationalisten" aus) eine „Einheit" mit dem OK und durch dieses mit Potressow und Co., d. h. faktisch Liebedienerei vor den Sozialchauvinisten. Wenn Trotzki und Co. das nicht begriffen haben, um so schlimmer für sie. Nr. 1 des „Delo" und - was die Hauptsache ist - die Teilnahme von Arbeitern an den Kriegsindustriekomitees beweisen, daß dem so ist.

Nicht nur bei den Dumawahlen am Tage nach dem Friedensschluß, sondern überhaupt in allen Fragen der Parteipraxis ist die „Einheit" mit Tschcheidse und Co. augenblicklich die "Kernfrage. Verlassen können wir uns nur auf die, die begriffen haben, daß die Idee der Einheit durch und durch ein Betrug ist und daß man unbedingt mit diesen Brüdern (mit Tschcheidse und Co.) in Rußland brechen muß. Belenin sollte nur solche Leute als Führer heranziehen.

übrigens: die Spaltung im internationalen Maßstab ist ebenfalls herangereift.

Ich halte es jetzt für ganz und gar an der Zeit, daß alle bewußten Arbeiterführer Rußlands dies begreifen und Resolutionen annehmen für den organisatorischen Bruch mit der II. Internationale und dem Internationalen Büro Huysmans', Vanderveldes und Co., für den Aufbau einer III. Internationale nur gegen die Kautskyaner aller Länder (Tschcheidse und Co. wie auch Martow und Axelrod = russische Kautskyaner), nur durch Annäherung an Leute, die auf dem Boden der Zimmerwalder Linken stehen.

 

Lenin, Band 35, Seite 253

119

BRIEF AN INES ARMAND

geschrieben am 22. Januar 1917.

Geschickt von Zürich nach Clarens


PS. Trotzki hat einen dummen Brief geschickt: wir werden ihn weder veröffentlichen noch beantworten.

 

Lenin, Band 35, Seite 262

123

BRIEF AN A. M. KOLLONTAI

17. II. 1917

Geschickt von Zürich nach "Kristiania.

Zuerst veröffentlicht 1924.


So angenehm es war, durch Sie von N. Iw.s und Pawlows Sieg im „Nowy Mir" zu erfahren (ich erhalte diese Zeitung verdammt unregelmäßig, offensichtlich durch Verschulden der Post, nicht der Expedition der Zeitung selbst), so betrüblich war die Nachricht von dem Block, den Trotzki mit den Rechten eingegangen ist, um gegen N. Iw. zu kämpfen.

So ein Schwein ist dieser Trotzki - Linke Phrasen und ein Block mit den Rechten gegen die Zimmerwalder Linken!! Man müßte (Sie müßten) ihm die Maske herunterreißen, und sei es nur durch einen kurzen Brief an den „Sozial-Demokrat"!

Die Zimmerwalder Rechte hat meiner Ansicht nach Zimmerwald ideologisch begraben: Bourderon + Merrheim haben in Paris für den Pazifismus gestimmt, Kautsky am 7.1.1917 in Berlin ebenfalls, desgleichen Turati (am 17. XII. 1916!!) und die ganze italienische Partei. Das ist der Tod von Zimmerwald!! In Worten haben sie den „Sozialpazifismus" verurteilt (siehe die Kienthaler Resolution), aber in Wirklichkeit haben sie sich ihm zugewandt!!

 

Lenin, Band 35, Seite 265

124

BRIEF AN INES ARMAND

Geschrieben am 19. Februar 1917.

Geschickt von Zürich nach Clarens.

Zuerst veröffentlicht 1949 in der Zeitschrift .Bolschewik" Nr. 1.


aber... da kam Trotzki an, und dieser Schuft hat sofort gemeinsame Sache gemacht mit dem rechten Flügel des „Nowy Mir" gegen die linken Zimmerwalder !! Da haben Sie es!! Das ist Trotzki!! Er bleibt sich immer gleich: voller Winkelzüge, ein Gauner, spielt sich als Linker auf und hilft den Rechten, solange er nur kann...

 


Lenin, Band 35, Seite 275

128

BRIEF AN A. M. KOLLONTAI

17. III. 1917

Geschickt von Zürich nach Kristiania.

Zuerst veröffentlicht 1924.


Meiner Ansicht nach ist jetzt die Hauptsache, sich nicht auf dumme „Einigungs"versuche mit den Sozialpatrioten (oder, was noch gefährlicher ist, mit schwankenden Elementen wie beispielsweise das OK, Trotzki und Co.) einzulassen und die Tätigkeit unserer Partei in konsequent internationalem Geist fortzusetzen.

 

1 9 1 9

Lenin, Band 35, Seite 353

185

TELEGRAMM AN DEN VORSITZENDEN DES

REVOLUTIONÄREN KRIEGSRATS DER REPUBLIK

Dringend Kursk, an den derzeitigen Aufenthaltsort

Für den Vorsitzenden des Revolutionären Kriegsrats der Republik,

Trotzki

Geschrieben am 2. oder 3. Januar 1919.

Zuerst veröffentlicht am 21. Januar 1937

in der „Prawda" Nr. 21.


Aus dem Heeresbericht des Stabschefs der Kaukasusfront Nr. 4873 ist ersichtlich, daß die Krasnowleute Raigorod an der Wolga südlich von Sarepta eingenommen haben und damit erstens unsere Militärtransporte gefährden, die von Wladimirowka nach Zarizyn gehen, und zweitens die Linie Astrachan-Saratow zu unterbrechen drohen. Bitte Maßnahmen zu ergreifen. Aus dem gleichen Heeresbericht geht hervor, daß eine englische Flotte, bestehend aus vier Schiffen, Staroteretschnaja südlich von Astrachan unter Beschuss genommen, zwei unserer Lastkähne in Brand gesetzt und sich unversehrt wieder auf See begeben hat, nachdem sie unser Lazarettschiff „Alesker" mit dem medizinischen Personal gekapert hatte. Wo ist unsere Flotte, und was tut sie?

Der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare

Lenin

 

Lenin, Band 35, Seite 392

220

TELEGRAMM

AN DEN VORSITZENDEN DES

REVOLUTIONÄREN KRIEGSRATS DER REPUBLIK

geschrieben am 9. August 1919.

Zuerst veröffentlicht 1942.

Das Politbüro des ZK bittet darum, allen verantwortlichen Funktionären folgende Direktive des ZK zu übermitteln: Verteidigung bis zur letzten Möglichkeit, Odessa und Kiew, die Verbindung zwischen beiden Städten und ihre Verbindung mit uns bis zum letzten Blutstropfen halten.

Das ist die Schicksalsfrage der ganzen Revolution. Denken Sie daran, daß unsere Hilfe nicht weit ist.

Für das Politbüro des ZK

Lenin

 

Lenin, Band 36, Seite 382 - 385

BRIEF AN A. G. SCHLJAPNIKOW

Für Alexander

  1. V. 1916

Geschicktvon Zürich nadh Kristiania.

Zuerst veröffentlicht 1929 in der

Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija" "Nr. 7.


Lieber Freund!

Eben erst habe ich von Grigori den Brief erhalten, den Sie ihm am 19. V. geschrieben haben.

Sie schreiben, daß Sie „den Schriftwechsel und die Verhandlungen mit dem ,Kommunist' schrecklich satt haben". Ich verstehe Sie voll und ganz, aber Sie müssen doch Geduld haben! Wenn Sie es einmal übernommen haben, die Verhandlungen zu führen, dürfen Sie da nervös werden und in Verzweiflung geraten? Das ist nicht proletarisch, wahrhaftig.

Sie stellen zwei Fragen: 1. noch zwei (Anhänger des Zentralorgans) in die Redaktion zu kooptieren, 1. einen „Diskussionsteil" zum „Kommunist" zu organisieren.

Zum ersten Punkt schreiben Sie: „Aus den Unterhaltungen mit ihnen habe ich ersehen, daß sie nidits dagegen haben, aber natürlich blutet ihnen ein bißchen das Herz."

Ich habe über Ihren Plan nachgedacht. Leute zu nehmen, die keine Publizisten sind, halte ich (besonders nach all den kläglichen Versuchen) direkt für verderblich und für etwas, was vor der Partei nicht gerechtfertigt werden kann. Einen Publizisten, einen, könnte man vielleicht finden (ich habe einen im Auge; man muß sich erkundigen und sehr gründlich überlegen, bevor man ja oder nein sagt). Was einen zweiten betrifft, so ist das schwieriger.

Könnte Ihr Plan, damit er sich praktisch verwirklichen läßt, nicht folgendermaßen abgeändert werden: entweder kooptiert die Redaktion des ZO (dann sind es 7) zwei zur Partei gehörende Publizisten, wenn sie solche findet; oder, wenn sie nur einen findet, delegieren die Herausgeber (Ehepaar Kijewski) einen aus ihrer Mitte in die Redaktion? (Dann sind es 5: Bucharin + ein Herausgeber + 3 hier.)

(Das letztere würde mir persönlich besonders zusagen, denn a) würde dadurch das Ausdenken von Redakteuren wegfallen; b) würden die „Rechte" der Herausgeber nicht geschmälert, denn es ist gleich, ob einer gegen einen oder zwei gegen zwei stehen; c) würde dadurch eine Redaktion aus Publizisten geschaffen, was für die Partei im Hinblick auf den Kampf gegen die im Ausland vorhandenen Bestrebungen, Redakteur zu werden, äußerst wichtig ist.) überlegen Sie sich das und antworten Sie (wenn es geht, sondieren Sie das Terrain bei den Freunden).

Hinsichtlich des „Diskussionsteils" ist Ihr Plan diskutabel, wenn man praktisch herangeht und eine Kleinigkeit ausschaltet, an die Sie nicht denken konnten.

Praktisch bedeutet das exakt festlegen, wer das Redst hat, einen Diskussionsartikel zu veröffentlichen. Alle Mitglieder des Redaktionskollegiums.

Das steht außer Zweifel. Genügt das? Ich denke, ja. In der Redaktion werden 5—7 Mitglieder sein.

Bei der „Kleinigkeit" handelt es sich um folgendes. Eine Diskussion innerhalb der Partei. Ohne Zweifel. Ja, aber die Meinungsverschiedenheiten schüren oder den ausländischen Gruppen, die nicht der Partei angehören, die Tore öffnen?? Darum dreht es sich, Die Herausgeber haben den „Kommunist" kompromittiert, denn sie wollten nicht diskutieren —für eine Diskussion haben sie nicht das allergeringste geschrieben oder vorbereitet- , sondern die Bestrebungen Radeks, sich auf Umwegen in unsere Partei einzuschmuggeln, ausnutzen. Sowohl Radek als auch die „Nasdie-Slowo"-Leute und viele andere aus den ausländischen Gruppen überschlagen sich, um unter dem Deckmantel der Diskussion bei uns Spaltungen hervorzurufen, Unzufriedenheit zu entfachen, die Arbeit zu hemmen (das alte Spiel der Ausländer!).

Sie wissen sicherlich nicht, daß Radek uns aus der Redaktion des „Vorboten" hinausgedrängt hat. Zuerst war vereinbart worden, eine gemeinsame Redaktion zu bilden, aus beiden Gruppen: 1. die Holländer (vielleicht+ Trotzki) und 2. wir (d.h. Radek, Grigori und ich). Diese Bedingung sicherte uns die Gleichheit in der Redaktion.

Radek hat monatelang intrigiert und bei der „Eigentümerin" (Roland- Hölst) durchgesetzt, daß dieser Plan rückgängig gemacht wurde. Wir sind jetzt nur Mitarbeiter. Tatsache!

Ist es zweckmäßig, Radek als Belohnung für diese Tat das "Recht auf „Diskussion" und den Herausgebern das Recht, sich hinter Radek zu verstecken, einzuräumen? Das wird keine Diskussion, sondern Zank und Intrige. 1. Die „Gazeta Robotnicza" (Februar 1916), an der Radek mitarbeitet, hat ausgesprochen gehässige Ausfälle gegen uns sowie eine Resolution à la „Nasche Slowo" veröffentlicht. 1. Jetzt sind in der Frage der Einschätzung des irischen Aufstands (eine äußerst wichtige Frage, nicht wahr? keine bloße „Theorie"!) sowohl Radek als auch Kulischer (ein Kadett aus der „Retsch") einer Meinung, indem sie ihn borniert einen „Putsch" nennen.

Unglaublich, aber eine Tatsache!

Wenn die Herausgeber unter dem Deckmantel der „Diskussion" eine Tribüne schaffen möchten für alle ausländischen Gruppen, die unsere Partei bekämpfen wollen, ohne daß sie der Partei angehören, so ist das keine Diskussion, so ist das ein Spiel.

Wenn sie das nicht wollen, warum soll man dann zum Beispiel nicht genau festlegen, daß sich das Recht auf Diskussion beschränkt auf 1. die Mitglieder der Redaktion,- 2. die Organisationen in Rußland; 3. das Komitee der Auslandsorganisation463 als Organisation der Partei im Ausland?

Der „Kommunist" war ein Bund mit den Holländern und Radek. Dieser Bund wurde dadurch verändert, daß man uns aus der holländisch-Radekschen Zeitschrift hinausdrängte und aus Redakteuren zu Mitarbeitern machte. Geben Sie sich ja nicht den gefährlichen Illusionen hin, daß der Bund der alte geblieben sei!! Gefährliche Illusionen!! Wir müssen selber voranschreiten und dürfen uns nicht die Hände binden lassen.

"Unter keinen "Umständen.

Praktische Schlußfolgerung: Denken Sie nach (auch ich werde das tun und mich mit Grigori in Verbindung setzen) über folgende Punkte:

1. die Zusammensetzung der Redaktion ändert sich: 5 oder 7 (siehe oben) ;

2. es wird eine andere Firma gewählt (»Sammelband" o. ä.),-

3. genaue Satzung über die Diskussion ;

4. Ort der Herausgabe ist die Schweiz. (Zu diesem Punkt schweigen Sie sich aus. Was ist los?)

5. Die Einnahmen werden folgendermaßen geteilt. Ob die Herausgeber einverstanden sein werden, 1/2 für den Transport und für den Unterhalt desjenigen, der die Verbindungen usw. organisiert, d. h. für Ihren Unterhalt, zu geben?

Antworten Sie!

Ihr W. Uljanow

Tausend gute Wünsche, und seien Sie nicht nervös. Die Leitung hat nicht das Recht, nervös zu sein!!

 

 

Lenin, Band 36, Seite 382 - 385

BRIEF AN A. G. SCHLJAPNIKOW

Für Alexander

  1. V. 1916

Geschicktvon Zürich nadh Kristiania.

Zuerst veröffentlicht 1929 in der

Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija" "Nr. 7.


Lieber Freund!

Eben erst habe ich von Grigori den Brief erhalten, den Sie ihm am 19. V. geschrieben haben.

Sie schreiben, daß Sie „den Schriftwechsel und die Verhandlungen mit dem ,Kommunist' schrecklich satt haben". Ich verstehe Sie voll und ganz, aber Sie müssen doch Geduld haben! Wenn Sie es einmal übernommen haben, die Verhandlungen zu führen, dürfen Sie da nervös werden und in Verzweiflung geraten? Das ist nicht proletarisch, wahrhaftig.

Sie stellen zwei Fragen: 1. noch zwei (Anhänger des Zentralorgans) in die Redaktion zu kooptieren, 1. einen „Diskussionsteil" zum „Kommunist" zu organisieren.

Zum ersten Punkt schreiben Sie: „Aus den Unterhaltungen mit ihnen habe ich ersehen, daß sie nidits dagegen haben, aber natürlich blutet ihnen ein bißchen das Herz."

Ich habe über Ihren Plan nachgedacht. Leute zu nehmen, die keine Publizisten sind, halte ich (besonders nach all den kläglichen Versuchen) direkt für verderblich und für etwas, was vor der Partei nicht gerechtfertigt werden kann. Einen Publizisten, einen, könnte man vielleicht finden (ich habe einen im Auge; man muß sich erkundigen und sehr gründlich überlegen, bevor man ja oder nein sagt). Was einen zweiten betrifft, so ist das schwieriger.

Könnte Ihr Plan, damit er sich praktisch verwirklichen läßt, nicht folgendermaßen abgeändert werden: entweder kooptiert die Redaktion des ZO (dann sind es 7) zwei zur Partei gehörende Publizisten, wenn sie solche findet; oder, wenn sie nur einen findet, delegieren die Herausgeber (Ehepaar Kijewski) einen aus ihrer Mitte in die Redaktion? (Dann sind es 5: Bucharin + ein Herausgeber + 3 hier.)

(Das letztere würde mir persönlich besonders zusagen, denn a) würde dadurch das Ausdenken von Redakteuren wegfallen; b) würden die „Rechte" der Herausgeber nicht geschmälert, denn es ist gleich, ob einer gegen einen oder zwei gegen zwei stehen; c) würde dadurch eine Redaktion aus Publizisten geschaffen, was für die Partei im Hinblick auf den Kampf gegen die im Ausland vorhandenen Bestrebungen, Redakteur zu werden, äußerst wichtig ist.) überlegen Sie sich das und antworten Sie (wenn es geht, sondieren Sie das Terrain bei den Freunden).

Hinsichtlich des „Diskussionsteils" ist Ihr Plan diskutabel, wenn man praktisch herangeht und eine Kleinigkeit ausschaltet, an die Sie nicht denken konnten.

Praktisch bedeutet das exakt festlegen, wer das Redst hat, einen Diskussionsartikel zu veröffentlichen. Alle Mitglieder des Redaktionskollegiums.

Das steht außer Zweifel. Genügt das? Ich denke, ja. In der Redaktion werden 5—7 Mitglieder sein.

Bei der „Kleinigkeit" handelt es sich um folgendes. Eine Diskussion innerhalb der Partei. Ohne Zweifel. Ja, aber die Meinungsverschiedenheiten schüren oder den ausländischen Gruppen, die nicht der Partei angehören, die Tore öffnen?? Darum dreht es sich, Die Herausgeber haben den „Kommunist" kompromittiert, denn sie wollten nicht diskutieren —für eine Diskussion haben sie nicht das allergeringste geschrieben oder vorbereitet- , sondern die Bestrebungen Radeks, sich auf Umwegen in unsere Partei einzuschmuggeln, ausnutzen. Sowohl Radek als auch die „Nasdie-Slowo"-Leute und viele andere aus den ausländischen Gruppen überschlagen sich, um unter dem Deckmantel der Diskussion bei uns Spaltungen hervorzurufen, Unzufriedenheit zu entfachen, die Arbeit zu hemmen (das alte Spiel der Ausländer!).

Sie wissen sicherlich nicht, daß Radek uns aus der Redaktion des „Vorboten" hinausgedrängt hat. Zuerst war vereinbart worden, eine gemeinsame Redaktion zu bilden, aus beiden Gruppen: 1. die Holländer (vielleicht+ Trotzki) und 2. wir (d.h. Radek, Grigori und ich). Diese Bedingung sicherte uns die Gleichheit in der Redaktion.

Radek hat monatelang intrigiert und bei der „Eigentümerin" (Roland- Hölst) durchgesetzt, daß dieser Plan rückgängig gemacht wurde. Wir sind jetzt nur Mitarbeiter. Tatsache!

Ist es zweckmäßig, Radek als Belohnung für diese Tat das "Recht auf „Diskussion" und den Herausgebern das Recht, sich hinter Radek zu verstecken, einzuräumen? Das wird keine Diskussion, sondern Zank und Intrige. 1. Die „Gazeta Robotnicza" (Februar 1916), an der Radek mitarbeitet, hat ausgesprochen gehässige Ausfälle gegen uns sowie eine Resolution à la „Nasche Slowo" veröffentlicht. 1. Jetzt sind in der Frage der Einschätzung des irischen Aufstands (eine äußerst wichtige Frage, nicht wahr? keine bloße „Theorie"!) sowohl Radek als auch Kulischer (ein Kadett aus der „Retsch") einer Meinung, indem sie ihn borniert einen „Putsch" nennen.

Unglaublich, aber eine Tatsache!

Wenn die Herausgeber unter dem Deckmantel der „Diskussion" eine Tribüne schaffen möchten für alle ausländischen Gruppen, die unsere Partei bekämpfen wollen, ohne daß sie der Partei angehören, so ist das keine Diskussion, so ist das ein Spiel.

Wenn sie das nicht wollen, warum soll man dann zum Beispiel nicht genau festlegen, daß sich das Recht auf Diskussion beschränkt auf 1. die Mitglieder der Redaktion,- 2. die Organisationen in Rußland; 3. das Komitee der Auslandsorganisation463 als Organisation der Partei im Ausland?

Der „Kommunist" war ein Bund mit den Holländern und Radek. Dieser Bund wurde dadurch verändert, daß man uns aus der holländisch-Radekschen Zeitschrift hinausdrängte und aus Redakteuren zu Mitarbeitern machte. Geben Sie sich ja nicht den gefährlichen Illusionen hin, daß der Bund der alte geblieben sei!! Gefährliche Illusionen!! Wir müssen selber voranschreiten und dürfen uns nicht die Hände binden lassen.

"Unter keinen "Umständen.

Praktische Schlußfolgerung: Denken Sie nach (auch ich werde das tun und mich mit Grigori in Verbindung setzen) über folgende Punkte:

1. die Zusammensetzung der Redaktion ändert sich: 5 oder 7 (siehe oben) ;

2. es wird eine andere Firma gewählt (»Sammelband" o. ä.),-

3. genaue Satzung über die Diskussion ;

4. Ort der Herausgabe ist die Schweiz. (Zu diesem Punkt schweigen Sie sich aus. Was ist los?)

5. Die Einnahmen werden folgendermaßen geteilt. Ob die Herausgeber einverstanden sein werden, 1/2 für den Transport und für den Unterhalt desjenigen, der die Verbindungen usw. organisiert, d. h. für Ihren Unterhalt, zu geben?

Antworten Sie!

Ihr W. Uljanow

Tausend gute Wünsche, und seien Sie nicht nervös. Die Leitung hat nicht das Recht, nervös zu sein!!


 

 

Lenin, Ergänzungsband 1, Seite 238 - 239


ZUSATZ ZU DER BROSCHÜRE L. B. KAMENEWS

ZWEI PARTEIEN"*

* W. I. Lenins Vorwort zu der Broschüre L. B. Kamenews „Zwei Parteien"

siehe Werke, Bd. 17, S. 212-215. Die Red.

Geschrieben im Juli 1911,

nach dem 20. Juli (2. August).

Veröffentlicht im August 1911 in der von der Redaktion der „Rabotschaja Gaseta" in Paris herausgegebenen Broschüre.


Zwischen der Partei des revolutionären Proletariats und der Partei der unabhängigen Legalisten gilt es zu wählen. Jeder Zirkel, jede Gruppe der SDAPR muß das den Arbeitern sagen, muß das in die Tat umsetzen.

Wir wissen, es gibt Leute, die den Kampf gegen das Liquidatorentum zwar für notwendig erachten, einer vollständigen Abgrenzung aber entgegentreten und fortfahren (sogar jetzt!), von „Versöhnung" oder „Verständigung" zu sprechen. Und zu diesen Leuten gehören nicht nur die „treuen Diener" Trotzkis, den nur noch wenige ernst nehmen. Die Versöhnler und Verständiger begehen einen schwerwiegenden Fehler:

1 1/2 Jahre haben praktisch bewiesen, daß die Legalisten keinerlei Verpflichtungen einhalten. Wie kann man denn von Verständigung mit Leuten sprechen, die keine Verpflichtungen einhalten?? Ist es nicht lächerlich, von Verständigung zu reden, wenn derjenige, der das tut, weder die Bedingungen für Verständigungen noch die Mittel nennen kann, die die Erfüllung irgendwelcher Bedingungen gewährleisten könnten??


Lenin, Ergänzungsband 1, Seite 245 - 246

VI. (Prager) Gesamtrussische Konferenz der SDAPR

3

BERICHT ÜBER DIE ARBEIT DES INTERNATIONALEN SOZIALISTISCHEN BÜROS

                    1. (20.) JANUAR 1912

Während des Internationalen Sozialistenkongresses in Kopenhagen (28. August bis 3. September 1910) protestierten die Mitglieder der russischen Delegation W. I. Lenin und G . W . Plechanow sowie der Vertreter der polnischen Sozialdemokratie A. Warski (Warszawski) beim Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands dagegen, daß der „Vorwärts" einen anonymen Artikel Trotzkis mit verleumderischen Behauptungen über die SDAPR veröffentlicht hatte. Ein Artikel gleichen Inhalts von Trotzki war auch in der „Neuen Zeit" erschienen. (Das Protestschreiben siehe in W. I. Lenin, Briefe, Bd. II, S. 292/293.) -

Gegen Trotzkis Verleumdungskampagne wandte sich Lenin auch im „Sozial- Demokrat" Nr. 17 vom 25. September (8. Oktober) 1910 mit dem Artikel ;,Wie manche Sozialdemokraten die Internationale über die Lage in der SDAPR informieren" sowie im „Diskussionny Listok" Nr. 3 vom 29. April (12. Mai) 1911 mit dem Artikel „Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland". (Siehe Werke, Bd. 16, S. 288-290 und 381-399.)


Die Arbeit im ISB gliedert sich in zwei Teile, der eine Teil ist die laufende Arbeit: Korrespondenz, Einteilung der Mitglieder . . . u. dgl. m., der andere - das sind die Kongresse: der Kopenhagener und der Züricher.

Vom Londoner Parteitag her gehörte [dem ISB] ein [Vertreter] der russischen Sozialdemokratie an. Das Plenum wählte noch Plechanow, er hat abgelehnt und gesagt, daß einer für die Arbeit genüge. Auf dem Kopenhagener Kongreß erfolgte zwischen uns eine Annäherung, wir unterhalten uns freundschaftlich, ich konnte bereits nicht mehr mit den „Golos"-Leuten reden, und Trotzki gegenüber nahm er eine mißbilligende Haltung ein, besonders im Zusammenhang mit dem Brief. Plechanow nahm gegen Ende der Sitzung den Vorschlag des Plenums an. Wir haben zusammen eine Stimme. Bis in die letzte Zeit gab es zwischen uns keinerlei Konflikte. In Kopenhagen arbeitete ich in der Kommission für Genossenschaftswesen.

Das Interessanteste sind die äußerst gespannten Beziehungen zwischen den deutschen Sozialdemokraten; nach außen hin Einheit, im Innern aber zwei verschiedene Strömungen. Von den Vertretern der deutschen Sozialdemokratie ist die Hälfte von der Partei, die andere Hälfte von den Gewerkschaften. Hier kann man beobachten, je größer die deutsche Delegation zahlenmäßig wird, um so mehr schwindet die Hegemonie der deutschen Sozialdemokratie. Auf dem Stuttgarter haben sie sich blamiert, indem sie für die koloniale Resolution stimmten...

Ein Vertreter zum Beispiel behauptet, daß eine Expropriation der Kapitalisten unmöglich sei. Es stellte sich heraus, daß es bei ihnen im Programm das Wort Expropriation in diesem Zusammenhang nicht gibt.

Faktisch vertreten sie eine nicht sozialdemokratische Linie. Hier darf man sich keine Illusionen machen, und je weiter, desto größer und schärfer wird der Kampf werden; natürlich, die Masse des Proletariats wird nicht schwanken. Den Magdeburger Parteitag haben sie verlassen, aber damit wird man keinen Sozialdemokraten schrecken.

Bei den Tschechen gibt es eine Spaltung. Wir waren gegen diese Spaltung, weil wir fanden, daß Sozialdemokraten sich von keinerlei chauvinistischer und nationalistischer Agitation beeinflussen lassen dürfen. In Österreich gibt es eine Menge Skandale um die Frage, in welcher Sprache Schriftstücke abzufassen sind u. dgl. m. Plechanow war Berichterstatter zu dieser Spaltung, und seine Resolution wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen. Trotzki wollte auch hier anfangen zu versöhnen und sagte, daß hier Adler schuld sei, der „friedlichste" und opportunistischste Sozialdemokrat.

 

Lenin, Ergänzungsband 1, Seite 332 - 334

2

SCHLUSSWORT AUF DEM IV. PARTEITAG

DER SOZIALDEMOKRATIE LETTLANDS

Zum erstenmal veröffentlicht am Nach dem Text der Zeitung.

24. Juli 1915 in lettischer Sprache Übersetzung, aus dem Lettischen, in der Zeitung „Strahdneeks" Nr. 63 (Boston)


Lenin. Man wirft mir „demagogische Methoden", Spaltung usw. vor.

Aber wie haben sich denn die Gegner verhalten? Sie bewerfen die Bolschewiki ständig mit Schmutz. Allein Martows schäbige Broschüre kann dafür als Beispiel dienen. - Ich habe lediglich meine Meinung geäußert, daß die Bolschewiki an der Konferenz des Internationalen Büros teilnehmen werden. Darüber wird jedoch noch das Zentralkomitee entscheiden müssen, in dem Arbeiter sitzen. Sie werden diese Frage entscheiden, nicht Lenin. - Diejenigen, die sagen, es gebe kein Liquidatorentum, respektieren den Parteitag nicht. In den Beschlüssen der Partei wird bereits seit 1908 klar gesagt, was das Liquidatorentum ist. Diese Beschlüsse sind nicht aufgehoben, man muß ihnen Rechnung tragen. Jetzt werden die liquidatorischen Ideen in den Zeitungen des „Augustblocks" propagiert. Die Anhänger des Organisationskomitees behaupten hier, sie träten nicht gegen die Partei auf, was aber sagt ihre Zeitung? Solche Beispiele gibt es viele.

Auch der Versöhnler An wollte gegen die parteiwidrige Agitation auftreten, aber die Redaktion blieb bei ihrer Meinung. Mit denen, die die Anschauungen des „Lutsch" verteidigen, kann man sich nicht vereinigen. Kampf für eine „legale Arbeiterpartei" ist Liquidatorentum. - Zu der Konferenz, die jetzt einberufen wird, muß man nicht gehen, um sich mit den Liquidatoren zu vereinigen, sondern um sie zu entlarven und zu beweisen, daß der Augustblock eine Fiktion ist. - Die liquidatorische Presse engt die Losungen ein, begrenzt die revolutionäre Taktik. Die Liquidatoren haben keinerlei illegale Literatur, eine solche Literatur haben nur die Bolschewiki. Daß Organisationen der Bolschewiki in Rußland existieren, ist aus der letzten Nummer (31) ersichtlich. Die Wahlen zur IV. Reichsduma haben ebenfalls gezeigt, daß den Bolschewiki die überwiegende Mehrheit der Arbeiter folgt. Das sind Tatsachen, die jeder überprüfen kann. Davon zeugt auch die materielle Unterstützung der Zeitungen.

Das Geschrei über die Einheit bedeutet noch gar nichts, man muß verstehen, die Vereinigung herbeizuführen. Die Bolschewiki haben in Rußland die Mehrheit vereinigt, die Augustkonferenz hingegen hat nichts vereinigt. Von ihr rückt Braun ab, rückt Trotzki ab - der „Augustblock" zerfällt.

Burjanow gehört auch nicht mehr zu den 7 Abgeordneten. - Um die Vereinigung möglich zu machen, ist die Verurteilung der Liquidatoren unerläßlich.



3

ENTWURF EINER RESOLUTION

ÜBER DIE STELLUNG

DER SOZIALDEMOKRATIE LETTLANDS ZUR SDAPR

Resolution Sijemelis'


1. Die Vereinigung aller wirklich sozialdemokratischen Kräfte und die straffe Einheit der Partei in Rußland sind unbedingt notwendig, besonders jetzt, da der Kampf der Arbeiterklasse mehr und mehr in die Breite wächst. Diese Einheit ist nur zwischen den Sozialdemokraten möglich, die in ihrer Tätigkeit folgendes anerkennen:

a) daß die SDAPR gegenwärtig nur illegal existieren kann und daß alle Sozialdemokraten einer illegalen Parteiorganisation angehören müssen;

b) daß die Sozialdemokratie Rußlands unter den Massen eine Agitation im Sinne der revolutionären Forderungen von 1905 betreiben und die Arbeiter aufrufen muß, sich an die Spitze der gesamten Befreiungsbewegung zu stellen und für eine neue Revolution zu kämpfen.

Der Parteitag erkennt an, daß es in jeder Stadt eine vereinigte sozialdemokratische Organisation geben soll, der die Arbeiter aller Nationalitäten angehören und die ihre Arbeit in allen Sprachen leistet, die von dem örtlichen Proletariat gesprochen werden. Der Parteitag fordert die Sozialdemokraten aller Nationalitäten auf, energisch für eine wirkliche, feste, von unten durch die Arbeiter selbst herbeizuführende Einheit, für eine wahrhaft proletarische Einheit zu kämpfen.

2. Im Mittelpunkt des innerparteilichen Kampfes steht in den letzten 5 Jahren die Frage der liquidatorisdien Richtung. Bereits auf der Gesamtrussischen Konferenz 1908, noch vor allen Spaltungen, beschloß die Partei, daß sie unter Liquidatorentum den Versuch eines gewissen Teils der Parteiintelligenz versteht, die bestehende Organisation der SDAPR zu liquidieren und sie durch eine formlose Vereinigung im Rahmen einer Legalität um jeden Preis zu ersetzen, selbst um den Preis einer offenkundigen Absage an das Programm, die Taktik und die Traditionen der Partei.

Auf der Plenartagung des ZK der SDAPR im Januar 1910, auf der alle Richtungen und Strömungen der Partei vertreten waren, wurde das Liquidatorentum erneut einstimmig von der gesamten Partei verurteilt als „Ausdruck des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat", der sich in der Verneinung der illegalen sozialdemokratischen Partei zeigte, in der Herabwürdigung ihrer Rolle und Bedeutung, in Versuchen, die programmatischen und taktischen Aufgaben und Losungen der revolutionären Sozialdemokratie zu beschneiden und so weiter.

Der Versuch der Versöhnler, sich um jeden Preis mit den Liquidatoren zu vereinigen (Augustkonferenz 1912), hat sich als nutzlos erwiesen, und die Vereiniger sind selbst in ideologisch-politische Abhängigkeit von den Liquidatoren geraten.

Der IV. Parteitag der Sozialdemokratie Lettlands verurteilt entschieden die liquidatorische Richtung und beschließt, den lettischen Vertreter aus dem Organisationskomitee, das sich von den Liquidatoren nicht abgegrenzt hat, abzuberufen.

3. Zur Durchführung breiter politischer Kampagnen beauftragt der Parteitag das Zentralkomitee, mit den Organisationen Verbindung aufzunehmen, deren politische Linie mit den vom Parteitag angenommenen Resolutionen übereinstimmt.

4. Der Parteitag begrüßt die Initiative des Internationalen Sozialistischen Büros, die Frage der Vereinigung der Sozialdemokratie Rußlands auf die Tagesordnung zu setzen, und beauftragt das Zentralkomitee, dies durch alle geeigneten Schritte zu unterstützen und dabei die in dieser Resolution zum Ausdruck gebrachten Ansichten zu verfechten.

Zum erstenmal (unvollständig) veröffentlicht 1957 in der Zeitschrift „Woprossy Istorii KPSS- Nr. 3.