Lenin

LENINS

BRIEF AN GREULICH

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LENINS

BRIEF AN GREULICH

(Kurze Darlegung der Spaltung in der SDAPR)

3. Februar 1905

Werke, Band 8, Seite 114 - 119

 


Werter Genosse!

In Ihrem Brief berühren Sie die Frage der Schuld der einen oder anderen Fraktion unserer Partei (der SDAPR) an der Spaltung.
Sie sagen, daß Sie die deutschen Sozialdemokraten und das Internationale
Büro um ihre Meinung darüber befragt hätten. Wir halten uns infolgedessen für verpflichtet, Ihnen darzulegen, wie es zur Spaltung gekommen ist. Wir werden uns auf die Anführung genau erwiesener Tatsachen beschränken und uns nach Möglichkeit einer Einschätzung der Tatsachen enthalten.
Bis Ende 1903 war unsere Partei die Gesamtheit der miteinander nicht
verbundenen örtlichen sozialdemokratischen Organisationen, Komitees genannt. Das Zentralkomitee und das Zentralorgan, die auf dem I. Parteitag (Frühjahr 1898) gewählt worden waren, bestanden nicht. Die Polizei hatte sie zerschlagen, und sie waren nicht erneuert worden. Im Ausland erfolgte eine Spaltung zwischen dem „Bund russischer Sozialdemokraten" (Organ — das „Rabotscheje Delo", daher „Rabotsdhedehen") und Plechanow.
Auf die Seite des letzteren trat die im Jahre . 900 gegründete Zeitung „Iskra". In den drei Jahren von 1900 bis 1903 gewann die „Iskra" einen entscheidenden Einfluß auf die russischen Komitees. Die „Iskra" verteidigte die Ideen der revolutionären Sozialdemokratie gegen den Ökonomismus (alias „Rabotschedelzentum" = russisdie Abart des Opportunismus).
Das Fehlen der Parteieinheit bedrückte alle.
Im August 1903 gelang es endlich, im Ausland den zweiten "Parteitag zusammentreten zu lassen. Es beteiligten sich sämtliche russischen Komitees,
der „Bund" (= selbständige Organisation des jüdischen Proletariats) und beide Auslandsfraktionen: die der „Iskra" und die des „Rabotscheje Delo".
Alle Teilnehmer des Parteitags erkannten den Parteitag als rechtmäßig an. Der Kampf auf dem Parteitag wurde geführt zwischen Iskristen und Antiiskristen (letztere = Rabotschedelzen und „Bund"); die Mitte nahm der sogenannte „Sumpf" ein. Die Iskristen trugen den Sieg davon. Sie brachten ein Parteiprogramm zur Annahme (der Entwurf der „Iskra" wurde bestätigt). Die „Iskra" wurde als Zentralorgan und ihre Richtung als die Richtung der Partei anerkannt. Eine Reihe taktischer Resolutionen waren in ihrem Geiste gehalten. Das angenommene Organisationsstatut (Entwurf Lenins) war das der „Iskra". Nur in Einzelheiten war es von den Antiiskristen unter Mitwirkung der Minderheit der Iskristen verschlechtert worden. Die Verteilung der Stimmen auf dem Parteitag war folgende: Insgesamt 51 Stimmen. Davon 33 Iskristen (24 Iskristen der
jetzigen Mehrheit, 9 Iskristen der jetzigen Minderheit), 10 Anhänger des
„Sumpfes" und 8 Antiiskristen (3 Rabotschedelzen und 5Bundisten). Gegen
Ende des Parteitags, vor den. Wahlen, verließen sieben Delegierte
(2 Rabotschedelzen und die 5 Bundisten) den Parteitag (der „Bund" trat
aus der Partei aus).
Nunmehr erwies sich die Minderheit der Iskristen, die infolge der von ihr begangenen Fehler von allen Antiiskristen und dem Sumpf unterstützt wurde, als Minderheit des Parteitags (24 und 9 + 10 + 1, d. h. 24 und 20). Bei den Wahlen zu den zentralen Körperschaften wurde beschlossen, drei Personen in die Redaktion des ZO und drei in das ZK zu wählen.
Von den sechs Mitgliedern der alten Redaktion der „Iskra" (Plechanow, Axelrod, Sassulitsch, Starower, Lenin und Martow) wurden Plechanow,- Lenin und Martow gewählt. In das ZK wollte man zwei von der Mehrheit und einen von der Minderheit wählen.
Martow lehnte es ab, ohne die drei „ausgeschlossenen" (nicht gewählten) Genossen in die Redaktion einzutreten, und die ganze Minderheit verzichtete auf eine Wahl in das ZK. Die Rechtmäßigkeit der Wahlen ist von niemand je bestritten worden und wird auch bis heute nicht bestritten, aber die Minderheit weigerte sich nach dem Parteitag, unter der Führung der vom Parteitag gewählten zentralen Körperschaften zu arbeiten.
Dieser Boykott dauerte drei Monate, von Ende August 1903 bis Ende November 1903. Die „Iskra" {sechs 'Nummern, 46—5i) wurde von Plechanow und Lenin zu zweit redigiert. Die Minderheit bildete eine geheime Organisation in der Partei (eine Tatsache, die jetzt in der Presse von den Anhängern der Minderheit selbst bestätigt worden ist und gegenwärtig von niemand mehr bestritten wird). Die russischen Komitees haben sich mit erdrückender Mehrheit (12 von den 14 Komitees, die bereits Stellung nehmen konnten) gegen diesen desorganisierenden Boykott ausgesprochen.
Plechanow aber beschloß nach der stürmisch verlaufenen Konferenz der Auslahds-„Liga" (= Auslandsorganisation der Partei), die in den letzten Oktobertagen 1903 stattfand, der Minderheit nachzugeben, und
erklärte vor der ganzen Partei in dem Artikel „Was man nicht tun darf" (Nr. 52 der „Iskra", November 1903), zur Vermeidung einer Spaltung müsse man mitunter selbst demjenigen nachgeben, der irrtümlich zum Revisionismus neige und als anarchistischer Individualist handle (die hervorgehobenen Ausdrücke gebrauchte Plechanow wörtlich in dem Artikel „Was man nicht tun darf"). Lenin trat aus der Redaktion aus, da er nicht gegen die Parteitagsbeschlüsse handeln wollte. Plechanow „kooptierte" daraufhin alle vier früheren Redakteure. Die russischen Komitees erklärten, daß sie erst sehen wollten, welche Richtung die neue „Iskra" einschlagen werde und ob die Minderheit um des Friedens willen in die Redaktion eingetreten sei.
Es kam, wie die Anhänger der Mehrheit vorausgesagt hatten: Weder wurde die Richtung der alten „Iskra" beibehalten, noch tat die neue Minderheitsredaktion
etwas, um den Frieden in der Partei herzustellen. Die Richtung der „Iskra" schwenkte derart zum alten, vom II. Parteitag abgelehnten Rabotschedelzentum ab, daß selbst Trotzki, ein angesehenes Mitglied der Minderheit, Verfasser der programmatischen Broschüre „Unsere politischen Aufgaben", die unter der Redaktion der neuen „Iskra" erschien, wörtlich erklärte: „ Zwischen der alten und der neuen ,Iskra' klafft ein Abgrund." Wir beschränken uns auf diese Erklärung unseres Gegners, um uns lange Erläuterungen der prinzipiellen
Unbeständigkeit der „Iskra" zu sparen.
Anderseits wurde die „geheime Organisation der Minderheit" nicht aufgelöst, sondern setzte den Boykott des Zentralkomitees fort. Diese heimliche Spaltung der Partei in eine offene und eine geheime Organisation hemmte in unerträglicher Weise die Arbeit. Die übergroße Mehrheit der russischen Komitees, die zur Krise Stellung nahmen, verurteilte entschieden sowohl die Richtung der neuen „Iskra" als auch das desorganisatorische Treiben der Minderheit. Von allen Seiten wurde die Forderung laut, unverzüglich einen dritten Parteitag einzuberufen, um aus der unerträglichen Lage herauszukommen.
Nach unserem Parteistatut ist für die Einberufung eines außerordentlichen Parteitags die Erklärung von Organisationen, die zusammen die Hälfte der Gesamtzahl der Stimmen haben, erforderlich (die ordentlichen Parteitage werden „nach Möglichkeit" alle zwei Jahre einberufen). Die "Hälfte war bereits vorhanden. Aber da verriet das Zentralkomitee die Mehrheit, indem es sich die Verhaftung einiger seiner Mitglieder zunutze machte, die der Mehrheit angehören. Unter dem Vorwand einer „Versöhnung" gingen die nach den Verhaftungen übriggebliebenen Mitglieder des ZK ein Übereinkommen mit der geheimen Organisation der Minderheit ein und erklärten, daß diese Organisation aufgelöst werde, wobei hinter dem Rücken der Partei und entgegen den schriftlichen Erklärungen des Zentralkomitees drei Minderheitier in das 2!K kooptiert wurden. Diese Kooptierung erfolgte im November oder Dezember 1904.
Die Kooptierung von drei Leuten in das ZO und drei in das ZK war es also, um die die Minderheit von August 1903 bis November 1904 kämpfte und damit die ganze Partei zerriß.
Die so gefälschten zentralen Körperschaften beantworteten die Forderung nach einem Parteitag mit Schimpfen oder mit Schweigen.
Da riß den russischen Komitees alle Geduld. Sie begannen ihre eigenen privaten Konferenzen einzuberufen. Bisher haben drei Konferenzen stattgefunden:


1. die Konferenz der vier kaukasischen Komitees,-

2. die Konferenz
dreier Komitees des Südens (Odessa, Nikolajew und Jekaterinoslaw)
und

3. die Konferenz von sechs Komitees des Nordens (Petersburg,
Moskau, Twer, Riga, der „Norden", d. h. Jaroslawl, Kostroma und Wladimir,
und schließlich Nishni-Nowgorod).

Alle diese Konferenzen sprachen sich für die „Mehrheit" aus, beschlossen, die Publizistengruppe der Mehrheit (die Gruppe Lenin, Rjadowoi, Orlowski, Galjorka39, Woinow40 und andere) zu unterstützen, und wählten ein eigenes 'Büro-, die dritte Konferenz, d. h. die Nordkonferenz, beauftragte dieses „Büro", sich als Organisationskomitee zu konstituieren und eine Tagung der russischen
Komitees, d. h. den dritten Parteitag, einzuberufen ohne Rücksicht auf die Zentralstellen im Ausland, die sich von der Partei abgespalten haben.
So standen die Dinge am 1. Januar 1905 (neuen Stils). Das Büro der
Mehrheitskomitees hat seine Tätigkeit aufgenommen (infolge unserer Polizeiverhältnisse wird sich die Einberufung des Parteitags natürlich um einige Monate verzögern: der II. Parteitag war im Dezember 1902 angekündigt worden, trat aber erst im August 1903 zusammen). Die Publizistengruppe der Mehrheit gründete ein Organ der Mehrheit, die Zeitung „Wperjod", die auch seit dem 4. Januar 1905 (neuen Stils) wöchentlich erscheint. Bis heute (3. Februar 1905) sind bereits vier Nummern erschienen. Die Richtung der Zeitung „Wperjod" ist die Richtung der alten „Jskra". Im Namen der alten „Iskra" kämpft der „Wperjod" entschieden gegen die neue „Iskra".
Folglich gibt es faktisch zwei Sozialdemokratische Arbeiterparteien Rußlands. Die eine mit dem Organ „Iskra", das sich „offiziell" Zentralorgan der Partei nennt, mit dem Zentralkomitee, mit vier von zwanzig russischen Komitees (die übrigen Komitees in Rußland, außer den zwanzig, die auf dem II. Parteitag vertreten waren, sind später entstanden, und die Frage, ob ihre Bestätigung rechtmäßig war, ist strittig). Die andere Partei mit dem Organ „Wperjod", mit dem „Büro der russischen Komitees der Mehrheit", mit vierzehn Komitees in Rußland (die dreizehn obengenannten plus das von Woronesh, wahrscheinlich aber auch plus die von Saratow, vom Ural, von Tula und Sibirien*).
Auf der Seite der „Neuishristen" stehen alle Gegner der alten „Iskra", alle Rabotschedelzen und ein großer Teil der Intellektuellen, die der Partei nahestehen. Auf der Seite der „Wperjod" -Anhänger stehen alle prinzipienfesten
Anhänger der alten „Iskra" und ein großer Teil der klassenbewußten,
fortschrittlichen Arbeiter und der in Rußland praktisch tätigen Parteiarbeiter. Plechanow, der auf dem zweiten Parteitag (August 1903) und auf der Konferenz der Liga (Oktober 1903) Mehrheitler war, seit November 1903 aber verbissen gegen die „Mehrheit" kämpft, erklärte öffentlich am 2. September i904 (diese Äußerung liegt gedruckt vor), die Kräfte auf beiden Seiten seien ungefähr gleich.
Wir Bolschewiki behaupten, daß auf unserer Seite die Mehrheit der wirklichen, russischen Parteiarbeiter steht. Der Hauptgrund der Spaltung und das Haupthindernis für eine Vereinigung ist unserer Meinung nach das desorganisatorische Verhalten der Minderheit, die sich weigerte, sich den Beschlüssen des zweiten Parteitags unterzuordnen, und die Spaltung der Einberufung eines dritten Parteitags vorzog.
Gegenwärtig betreiben die Menschewiki überall in Rußland die Spaltung der lokalen Organisationen. So haben sie in Petersburg das Komitee daran gehindert, am 28. November eine Demonstration zu veranstalten


* Wenigstens haben sich die vier letztgenannten Komitees nach dem zweiten
Parteitag sämtlich für die „Mehrheit" ausgesprochen.


(siehe „Wperjod" Nr. 1 *). Jetzt haben sie sich in Petersburg als eine besondere
Gruppe abgespalten, die sich „Gruppe beim ZK" nennt und dem Lokalkomitee der Partei entgegenwirkt. Eine ähnliche lokale Gruppe („beim ZK") zur Bekämpfung des Parteikomitees gründeten sie dieser Tage in Odessa. Den menschewistischen zentralen Körperschaften der Partei blieb infolge ihrer schiefen Stellung nichts anderes übrig, als die örtliche Arbeit der Partei zu desorganisieren, denn diese zentralen Körperschaften wollten sich dem Beschluß der Parteikomitees, von denen sie gewählt wurden, nicht unterordnen.
Die prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem „Wperjod" und der neuen „Iskra" sind im wesentlichen die gleichen wie die zwischen der alten „Iskra" und dem „Rabotscheje Delo". Wir halten diese Meinungsverschiedenheiten für wichtig, doch wären unseres Erachtens diese
Meinungsverschiedenheiten an sich kein Hindernis für die gemeinsame Arbeit in einer Partei, unter der Bedingung, daß es uns ermöglicht wird, unsere Auffassungen, die Auffassungen der alten „Iskra", voll und ganz zu vertreten.

 


Von der 'Berner Gruppe zur Unterstützung der SDAPR 1905

als Sonderdruck veröffentlicht.