1920





Rede in der Festsitzung des Moskauer Sowjets



zum Jahrestag der Gründung der III. Internationale



6. März 1920

Lenin, Werke, Band 30, Seite 409 – 417 ;



Genossen ! Seit der Gründung der Kommunistischen Internationale ist ein Jahr vergangen. Im Laufe dieses Jahres hat die Kommunistische Internationale Siege errungen, die man kaum hätte erwarten können, ja, man darf ruhig sagen, dass niemand bei der Gründung so große Erfolge erwartet hat.

In der ersten Zeit der Revolution hegten viele die Hoffnung, die sozialistische Revolution in Westeuropa werde unmittelbar nach der Beendigung des imperialistischen Krieges ausbrechen, denn zu diesem Zeitpunkt, wo die Massen bewaffnet waren, konnte die Revolution mit dem größten Erfolg auch in einigen Ländern des Westens vor sich gehen. Das hätte so kommen können, wäre die Spaltung des Proletariats in Westeuropa nicht so tief und der Verrat der ehemaligen sozialistischen Führer nicht so groß gewesen.

Wir wissen bis zur Stunde nicht genau, wie die Demobilisierung verlaufen ist und wie die Liquidierung des Krieges erfolgt. Wir wissen beispielsweise nicht, was sich in Holland ereignet hat, und nur aus einem Artikel, in dem von der Rede eines holländischen Kommunisten berichtet wird – aus einem einzigen Artikel, es gibt aber viele solcher Artikel -, habe ich zufällig erfahren, dass in Holland, einem neutralen Land, das von dem imperialistischen Krieg weniger betroffen war, die revolutionäre Bewegung solche Ausmaße angenommen hatte, dass man bereits zur Bildung von Räten geschritten war und Troelstra, eine der maßgebendsten Persönlichkeiten in der opportunistischen holländischen Sozialdemokratie, zugegeben hat, dass die Arbeiter die Macht hätten ergreifen können.

Wäre die Internationale nicht in den Händen von Verrätern gewesen, die sich im kritischen Augenblick für die Rettung der Bourgeoisie einsetzten, dann hätten unmittelbar bei Kriegsende in vielen kriegführenden Ländern und in einigen neutralen Ländern, wo das Volk unter Waffen stand, erhebliche Chancen für eine rasche Entwicklung der Revolution bestanden, und dann wäre der Ausgang ein anderer gewesen.

Es stellt sich heraus, dass es nicht gelungen ist, die Revolution in einem so raschen Tempo durchzuführen. Der ganze Entwicklungsweg, der bei uns schon vor der ersten Revolution, vor 1905 begann, muss durchlaufen werden. Und nur, weil bis 1917 über zehn Jahre vergangen waren, erwiesen wir uns als fähig, das Proletariat zu führen.

Das Jahr 1905 war sozusagen die Probe für die Revolution, und diesem Umstand haben wir es teilweise zu verdanken, dass es in Russland gelang, den Augenblick des Zusammenbruchs des imperialistischen Krieges auszunutzen, so dass die Macht in die Hände des Proletariats überging. Kraft der geschichtlichen Ereignisse und infolge der völligen Fäulnis der Selbstherrschaft fiel es uns leicht, die Revolution zu beginnen; aber so leicht der Anfang war, so schwer wurde in diesem allein dastehenden Lande die Fortsetzung der Revolution. Wenn wir auf das verflossene Jahr zurückblicken, so können wir sagen: In den anderen Ländern, wo die Arbeiter in ihrer Entwicklung weiter fortgeschritten sind, wo es eine größere Industrie und viel mehr Arbeiter gibt, ist die Entwicklung der Revolution langsamer vor sich gegangen. Sie ist unseren Weg gegangen, aber viel langsamer.

Diesen langsamen Weg verfolgen die Arbeiter weiter; sie bahnen den Weg zum Sieg des Proletariats, der zweifellos in rascherem Tempo herannaht als bei uns, denn betrachtet man die III. Internationale, so muss man sich über die Schnelligkeit wundern, mit der sie sich ausgebreitet hat und von Sieg zu Sieg schreitet.

Man sehe nur, wie sich unsere Wortungeheuer, etwa das Wort „Bolschewismus“, in der ganzen Welt verbreiten. Obgleich wir uns Kommunistische Partei nennen und das Wort „Kommunist“ die wissenschaftliche, in Europa allgemein gültige Bezeichnung ist, ist es in den europäischen und in anderen Ländern weniger verbreitet als das Wort „Bolschewik“ Unser russisches Wort „Sowjet“ gehört zu den am weitesten verbreiteten Worten; es wird in die anderen Sprachen gar nicht erst übersetzt, sondern überall russisch gebraucht.

Ungeachtet der Lügen der bürgerlichen Presse, ungeachtet des wütenden Widerstands der gesamten Bourgeoisie zeigte es sich, dass die Sympathien der Arbeitermassen den Sowjets, der Sowjetmacht und dem Bolschewismus gehören. Je mehr die Bourgeoisie log, desto mehr trug sie dazu bei, unsere Erfahrungen mit Kerenski in der ganzen Welt zu verbreiten.

Einem Teil der Bolschewiki, die aus Deutschland eingetroffen waren, begegnete man bei uns mit Ausfällen und einer Hetze, die in der „demokratischen Republik“ auf echt amerikanische Manier organisiert war und von Kerenski, den Sozialrevolutionären und den Menschewiki nach Kräften unterstützt wurde. Auf diese Weise brachten sie die verschiedenen Schichten des Proletariats in Bewegung und ließen bei ihnen den Gedanken aufkommen, dass die Bolschewiki, wenn man so gegen sie hetzt, bestimmt etwas Gutes wollen. (Beifall.)

Und wenn man ab und zu kärgliche Nachrichten aus dem Ausland erhält, wenn man zwar nicht die Möglichkeit hat, die gesamte Presse zu verfolgen, aber dann zum Beispiel eine Nummer des reichsten englischen Blattes, der „Times“, zur Hand nimmt und liest, wie dort bolschewistische Äußerungen zum Beweis dafür angeführt werden, dass die Bolschewiki bereits während des Krieges den Bürgerkrieg propagiert haben, so kommt man zu dem Schluss, dass sogar die klügsten Vertreter der Bourgeoisie vollständig den Kopf verloren haben. Wenn die englische Zeitung auf das Buch „Gegen den Strom“ aufmerksam macht, es den englischen Lesern empfiehlt und Zitate daraus anführt, um zu zeigen, dass die Bolschewiki zu der allerschlimmsten Sorte von Menschen gehören, weil sie den imperialistischen Krieg als ein Verbrechen bezeichnen und den Bürgerkrieg propagieren, dann gewinnt man die Überzeugung, dass die gesamte von Hass gegen uns erfüllte Bourgeoisie uns unterstützt. Dafür unseren verbindlichsten Dank ! (Beifall.)

Wir besitzen weder in Europa noch in Amerika eine Tagespresse, die Informationen über unsere Arbeit ist sehr dürftig, unsere Genossen werden aufs Grausamste verfolgt. Aber sieht man, wie die schwerreiche imperialistische Presse der Alliierten, aus der Hunderttausende weitere Zeitungen ihre Nachrichten beziehen, jedes Gefühl für Proportionen derart verloren hat, dass sie in dem Bestreben, den Bolschewiki einen Schlag zu versetzen, aus Schriften von Bolschewiki eine Fülle von Zitaten bringt, die sie aus Veröffentlichungen hervor kramt, welche während des Krieges erschienen sind, nur um zu beweisen, dass wir den Krieg für ein Verbrechen erklärt und danach getrachtet haben, ihn in den Bürgerkrieg zu verwandeln – so heißt das, dass diese neunmalklugen Herrschaften im Begriff sind, genau solche Dummköpfe zu werden wie unser Kerenski und seine Genossen. Deshalb können wir uns dafür verbürgen, dass diese Leute, diese Führer des englischen Imperialismus, ihre Hilfe für die kommunistische Revolution gut und gründlich durchführen werden. (Beifall.)

Genossen, vor dem Krieg schien es, als zerfalle die Arbeiterbewegung hauptsächlich in zwei Teile – in Sozialisten und Anarchisten. Das schien nicht nur, sondern es war wirklich so. Während einer langen Epoche vor dem imperialistischen Krieg und der Revolution hatten wir in der großen Mehrzahl der europäischen Länder keine objektiv revolutionäre Situation. Die Aufgabe bestand darin, die Zeit dieser langsamen Arbeit für die Vorbereitung der Revolution auszunutzen. Die Sozialisten nahmen diese Arbeit in Angriff, die Anarchisten hatten kein Verständnis für diese Aufgabe. Der Krieg schuf eine revolutionäre Revolution, und diese alte Einteilung erwies sich als überholt. Einerseits sind die Spitzen des Anarchismus und des Sozialismus Chauvinisten geworden und haben gezeigt, was es heißt, die eigenen kapitalistischen Räuber gegen andere kapitalistische Räuber zu verteidigen, wofür im Krieg Millionen Menschen zu Grunde gerichtet wurden. Andererseits sind in den unteren Schichten der alten Parteien neue Strömungen entstanden – gegen den Krieg, gegen den Imperialismus, für die soziale Revolution. So kam es infolge des Krieges zu einer tiefen Krise und sowohl bei den Anarchisten als auch bei den Sozialisten zur Spaltung. Denn die führenden Parlamentarier der Sozialisten entpuppten sich als Angehörige des chauvinistischen Flügels, während sich unten eine stetig wachsende Minderheit von ihnen abwandte und auf die Seite der Revolution überzugehen begann.

So hat also die Arbeiterbewegung in allen Ländern einen neuen Weg beschritten, nicht den Weg der Anarchisten und Sozialisten, sondern den Weg, der zur Diktatur des Proletariats führt. Diese Spaltung in der ganzen Welt zeichnete sich ab und begann vor der Gründung der III. Internationale.

Wenn wir Erfolg hatten, so deshalb, weil wir kamen, als es eine revolutionäre Situation und schon in allen Ländern eine Arbeiterbewegung gab, und deshalb erleben wir jetzt die Spaltung bei den Sozialisten und Anarchisten. Das führt in der ganzen Welt dazu, dass sich die kommunistischen Arbeiter an der Gründung neuer Organisationen beteiligen und dass sich diese Organisationen der III. Internationale anschließen. Und das ist das Richtigste, was sie tun können.

Wenn von Neuem Meinungsverschiedenheiten auftauchen, z.B. über die Ausnutzung des Parlamentarismus, so wäre es nach den Erfahrungen der russischen Revolution und des Bürgerkriegs, nachdem die ganze Welt die Gestalt Liebknecht kennt und seine Rolle und Bedeutung unter den Vertretern des Parlamentarismus klar geworden ist, unsinnig, die revolutionäre Ausnutzung des Parlamentarismus abzulehnen. Die Vertreter der alten Schule haben begriffen, dass man die Frage des Staates nicht mehr wie bisher stellen kann, dass kraft der revolutionären Bewegung an die Stelle der alten, akademischen Behandlung dieser Frage eine neue, praktische Fragestellung getreten ist.

Der gesamten vereinigten und zentralisierten Macht der Bourgeoisie muss die vereinigte und zentralisierte Macht des Proletariats entgegengestellt werden. So hat sich jetzt das Problem des Staates verschoben und der alte Meinungsstreit seinen Sinn verloren. Anstelle der alten Teilung der Arbeiterbewegung hat sich eine neue herausgebildet: zur Hauptfrage ist die Stellung zur Sowjetmacht und zur Diktatur des Proletariats geworden.

Die Sowjetverfassung hat anschaulich gezeigt, was die russische Revolution geleistet hat. Auf Grund unserer Erfahrungen und des Studiums dieser Erfahrungen haben sich alle früheren Fragestellungen auf eine einzige reduziert: für oder wider die Sowjetmacht. Entweder für die Macht der Bourgeoisie, für die Demokratie, für jene Form der Demokratie, die durch die Verheißung der Gleichheit zwischen Satten und Hungrigen, zwischen Kapitalisten und Arbeitern, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten bei der Abgabe der Stimmzettel die kapitalistische Sklaverei verschleiert haben – oder für die Macht des Proletariats, für die schonungslose Unterdrückung der Ausbeuter, für den Sowjetstaat.

Für die bürgerliche Demokratie können nur die Anhänger der kapitalistischen Sklaverei eintreten. Das sehen wir an der weißgardistischen Literatur unter Koltschak und Denekin. Nach der Säuberung vieler russischer Städte von diesem Ungeziefer wurde ihre Literatur gesammelt und wird jetzt nach Moskau gebracht. Sieht man die Schriften russischer Intellektueller wie Tschirikow oder bürgerlicher Denker wie J. Trubezkoi durch, so ist es interessant zu beobachten, wie sie Denekin unterstützen und von der Konstituierenden Versammlung, von Gleichheit usw. reden. Diese Erörterungen über die Konstituante sind für uns eine Hilfe. Als sie eine solche Agitation unter den weißgardistischen Massen trieben, haben sie uns damit geholfen, ganz abgesehen von dem gesamten Verlauf des Bürgerkrieges und dem Gang der Ereignisse. Durch ihre Argumente lieferten sie selbst den Beweis, dass für die Sowjetmacht die aufrichtigen Revolutionäre eintreten, die Anhänger des Kampfes gegen die Kapitalisten sind. Das tritt dann im Verlauf des Bürgerkrieges klar ausgeprägt hervor.

Dass eine zentrale Staatsgewalt, dass Diktatur und Einheit des Willens notwendig sind,, damit sich die Avantgarde des Proletariats, die Macht fest in den Händen haltend, zusammenschließen, den Staat auf eine neue Grundlage stellen und ihn weiter entwickeln kann – dagegen aufzutreten und Abhandlungen über dieses Thema zu schreiben ist nach den gesamten Erfahrungen, nach alle, was in Russland, Finnland und Ungarn geschehen ist, nach der einjährigen Erfahrung in den demokratischen Republiken, in Deutschland, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Demokratie hat sich selbst endgültig entlarvt. Das ist der Grund, weshalb sich in allen Ländern in den verschiedensten Formen die Anzeichen dafür mehren, dass die kommunistische Bewegung für die Rätemacht, für die Diktatur des Proletariats unaufhaltsam wächst.

Dieses Wachstum ist so weit gediehen, dass solche Parteien, wie die deutschen Unabhängigen und die französische Sozialistische Partei, in denen Führer alten Typs die Oberhand haben, die weder die neuen Aufgaben der Agitation noch die neuen Verhältnisse begriffen haben, die an ihrer parlamentarischen Tätigkeit nicht das Geringste geändert haben, sondern sie dazu benutzen, durch Geschwätz von wichtigen Aufgaben abzulenken und das Interesse der Arbeiter durch Parlamentsdebatten in Anspruch zu nehmen – dass sogar diese Führer gezwungen sind, die Diktatur des Proletariats und die Rätemacht anzuerkennen. Und der Grund dafür besteht darin, dass die Arbeitermasse, die ihren Einfluss geltend macht, sie dazu gezwungen hat.

Sie wissen aus den Reden anderer Genossen, dass dieser Abfall der Unabhängigen in Deutschland, diese Anerkennung der Diktatur des Proletariats und der Rätemacht der letzte entscheidende Schlag für die II. Internationale war. So wie die Dinge jetzt liegen, kann man sagen, dass die II. Internationale erledigt ist und dass die Arbeitermassen in Deutschland, England und Frankreich auf die Seite der Kommunisten übergehen. In England haben wir ebenfalls eine Partei der Unabhängigen, die nach wie vor auf dem Standpunkt der Legalität steht und die Gewaltanwendung durch die Bolschewiki verurteilt. Seit einiger Zeit gibt es in ihrer Zeitung einen Diskussionsteil. Diskussion bedeutet soviel wir Erörterung. Und da wird nun das Problem der Sowjets erörtert, und neben einem in den englischen Arbeiterzeitungen erschienenen Artikel finden wir den Aufsatz eines Engländers, der von der Theorie des Sozialismus nichts wissen will, sondern bei der früheren törichten Missachtung der Theorie bleibt; dennoch kommt er unter Berücksichtigung der englischen Lebensbedingungen zu einer bestimmten Schlussfolgerung und meint: Wir können die Sowjets nicht verurteilen, sondern müssen für sie eintreten.

Das ist ein Zeichen dafür, dass selbst unter den rückständigen Schichten der Arbeiter in solchen Ländern wie England ein Umschwung eingetreten ist. Und man kann sagen, dass die alten Formen des Sozialismus für immer überwunden sind.

Europa geht nicht auf die gleiche Weise zur Revolution wie wir, aber im Wesentlichen geschieht in Europa dasselbe wie bei uns. Jedes Land muss auf seine Weise den Kampf im Innern führen, den Kampf gegen den eigenen Opportunismus, gegen die eigenen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die unter anderen Namen in größerem oder geringerem Maße in allen Ländern existieren. Und dieser Kampf hat bereits begonnen.

Und eben, weil sie diese Erfahrungen selbständig machen, kann man dafür einstehen, dass der Sieg der kommunistischen Revolution in allen Ländern unausbleiblich ist. Und je größer die Schwankungen in den Reihen der Feinde, je größer die Unsicherheit, die darin zum Ausdruck kommt, dass sie erklären, die Bolschewiki seien Verbrecher und man würde niemals mit ihnen Frieden schließen – desto besser für uns.

Jetzt sagen sie: Wenn wir schon Handel treiben, dann ohne die Bolschewiki anzuerkennen. Wir haben nichts dagegen: bitte, meine Herren, versuchen Sie es. Was den Umstand betrifft, dass Sie uns nicht anerkennen, so verstehen wir das. Wir würden es für einen Fehler Ihrerseits halten, wenn Sie uns anerkennen wollten. Aber wenn Sie so in die Sackgasse geraten sind, dass Sie die Bolschewiki zuerst als Übertreter aller göttlichen und menschlichen Gesetze bezeichnen und erklären, Sie würden mit ihnen keine Verhandlungen führen und keinen Frieden schließen, dann aber sagen, dass Sie den Warenaustausch aufnehmen wollen, ohne unsere Politik anzuerkennen – so ist das ein Sieg für uns, der der kommunistischen Bewegung unter den Volksmassen eines jeden Landes einen Auftrieb geben und sie weiter vertiefen wird. Diese Bewegung geht so tief, dass neben den Organisationen, die offiziell der III. Internationale angeschlossen sind, eine ganze Reihe von Bewegungen in den fortgeschrittenen Ländern eingesetzt hat, die sich zwar weder dem Sozialismus noch dem Kommunismus anschließen, die auch den Bolschewismus weiter verurteilen, sich aber dennoch, von der macht der Ereignisse getrieben, ihm nähern.

Ein Krieg im 20. Jahrhundert, in einem zivilisierten Land, zwingt die Regierungen zur Selbstentlarvung. Eine französische Zeitung veröffentlichte Dokumente des ehemaligen Kaisers Karl von Österreich, der Frankreich im Jahre 1916 ein Friedensangebot gemacht hat. Jetzt ist sein Schreiben veröffentlicht, und die Arbeiter richten an den Führer der Sozialisten, an Albert Thomas, die Frage: Sie waren damals in der Regierung, und Ihrer Regierung wurde ein Friedensangebot gemacht. Was haben Sie damals getan ? Als man diese Frage an Albert Thomas richtete, blieb er die Antwort schuldig.

Diese Enthüllungen haben eben erst begonnen. Die Volksmassen wissen Bescheid und können weder in Europa noch in Amerika die alte Stellung zum Krieg einnehmen. Sie fragen: Wozu hat man 10 Millionen Menschen getötet und 20 Millionen zu Krüppeln gemacht ? Diese Frage stellen, heißt die Massen zwingen, für die Diktatur des Proletariats Stellung zu beziehen. Diese Frage stellen heißt sie beantworten: Man hat 10 Millionen Menschen hingeschlachtet und 20 Millionen zu Krüppeln gemacht, um die Frage zu entscheiden, wer mehr Profit einstecken soll, die deutschen oder die englischen Kapitalisten. Das ist die Wahrheit, und wie sehr man sich auch bemüht hat, sie zu verbergen, sie bricht sich doch Bahn.

Der Zusammenbruch der kapitalistischen Regierungen ist unausbleiblich. Denn alle sehen, dass ein neuer, ebensolcher Krieg unvermeidlich ist, wenn die Imperialisten und die Bourgeoisie an der macht bleiben. Zwischen Japan und Amerika entstehen neue Streitigkeiten und Konflikte. Sie sind seit Jahrzehnten durch die Geschichte der Diplomatie beider Länder vorbereitet. Kriege sind unvermeidlich auf dem Boden des Privateigentums. Ein Krieg zwischen England, das Kolonien zusammengeraubt hat, und Frankreich, das sich benachteiligt glaubt, ist unvermeidlich. Niemand weiß, wo und wie er ausbrechen wird, aber alle sehen und wissen und sprechen davon, dass es zum Krieg kommen muss und dass man aufs Neue zum Kriege rüstet.

Diese Situation im 20. Jahrhundert und in Ländern, wo es keine Analphabeten gibt, bietet uns die Garantie, dass vom alten Reformismus und Anarchismus keine Rede mehr sein kann. Sie sind durch den Krieg erledigt. Jetzt kann man nicht mehr davon sprechen, dass man die kapitalistische Gesellschaft, die Hunderte Milliarden Rubel für den Krieg ausgegeben hat, durch Reformen ummodeln könne, kann nicht davon sprechen, dass man diese Gesellschaft ohne eine revolutionäre Staatsmacht, ohne Gewalt und ohne riesige Erschütterungen umgestalten könne ! Wer so redet und denkt, sinkt zur völligen Bedeutungslosigkeit herab.

Die Stärke der Kommunistischen Internationale besteht darin, dass sie sich auf die Lehren aus dem imperialistischen Weltgemetzel stützt. In jedem Land wird die Richtigkeit ihres Standpunktes durch die Erfahrungen von Millionen Menschen mehr und mehr bestätigt, und die Bewegung für den Anschluss an die Kommunistische Internationale ist jetzt hundert Mal breiter und tiefer geworden, als sie es bisher war. Sie hat im Laufe eines einzigen Jahres zum vollständigen Zusammenbruch der II. Internationale geführt.

Es gibt kein Land in der Welt, und sei es noch so zurückgeblieben, in dem nicht alle denkenden Arbeiter sich der Kommunistischen Internationale angeschlossen hätten, ihr ideologisch nahestünden. Das ist eine feste Bürgschaft dafür, dass die Kommunistische Internationale mit Sicherheit in einer nicht allzu fernen Zeit in der ganzen Welt den Sieg davontragen wird. (Beifall.)

Kommunistitscheski Internazional“ Nr. 10, 1920

Unterschrift: N. Lenin.

Nach dem Text der Zeitschrift