Lenin

Die Lehren der Krise

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE LEHREN DER KRISE

August 1901

Lenin, Werke, Band 5, Seite 82 - 87

 

 

Fast zwei Jahre dauert nun schon die Handels- und Industriekrise an.

Und augenscheinlich breitet sie sich immer weiter aus, erfasst neue Industriezweige, greift auf neue Landesteile über, wird durch den Krach weiterer Banken verschärft. In jeder Nummer seit Dezember vorigen Jahres hat unsere Zeitung in der einen oder anderen Weise auf die Entwicklung der Krise und ihre verderblichen Auswirkungen hingewiesen.

Es ist an der Zeit, ganz allgemein die Frage nach den Ursachen und Bedeutung dieser Erscheinung zu stellen.

Für Russland ist diese Erscheinung verhältnismäßig neu, wie auch unser ganzer Kapitalismus neu ist. In den alten kapitalistischen Ländern jedoch, d.h., in solchen Ländern, wo der größte Teil der Produkte für den Verkauf erzeugt wird, wo die Mehrheit der Arbeitenden weder Land noch Arbeitswerkzeuge besitzt und ihre Arbeitskraft verkauft, indem sie sich an fremde Betriebe, an die Eigentümer verdingt, denen das Land, die Fabriken, die Maschinen usw. gehören - in den kapitalistischen Ländern ist die Krise eine alte Erscheinung, die sich wie der Anfall einer chronischen Krankheit von Zeit zu Zeit wiederholt. Krisen kann man daher voraus sagen, und als sich in Russland der Kapitalismus besonders rasch zu entwickeln begann, wurde in der sozialdemokratischen Literatur auch die jetzige Krise voraus gesagt. In der Ende 1897 geschriebenen Broschüre "Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten" hieß es:

"Gegenwärtig machen wir offensichtlich jene Periode des kapitalistischen Zyklus durch" ( eines Kreislaufs, in dem sich ein und dieselben Ereignisse wie Sommer und Winter wiederholen), "in der die Industrie 'prosperiert', die Geschäfte gut gehen, die Fabriken mit Volldampf arbeiten und zahllose neue Betriebe, neue Unternehmungen, Aktiengesellschaften, Eisenbahnanlagen usw. usf. wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schießen. Man braucht kein Prophet zu sein, um die Unvermeidlichkeit eines (mehr oder mider heftigen) Krachs, der auf diese 'Prosperität' der Industrie folgen muss, voraus zu sagen. Ein solcher Krach wird eine Masse kleiner Unternehmen ruinieren, wird Massen von Arbeitern in die Reihen der Arbeitslosen stoßen ..." [siehe Lenin, Werke, Band 2, Seite 349 - die Redaktion].

Und der Krach ist gekommen, ein so heftiger Krach, wie ihn Russland noch nicht gesehen hat.

Wovon hängt denn nun diese furchtbare chronische Krankheit der kapitalistischen Gesellschaft ab, die so regelmäßig wiederkehrt, dass man sie voraus sagen kann ?

Die kapitalistische Produktion kann sich nicht anders als in Sprüngen entwickeln, zwei Schritte vorwärts und einen (manchmal auch ganze zwei) zurück. Wie wir bereits bemerkten, ist die kapitalistische Produktion eine Produktion für den Verkauf, eine Produktion von Waren für den Markt. Über die Produktion verfügen aber die einzelnen Kapitalisten, jeder für sich, und keiner kann genau wissen, wieviel und welche Produkte eigentlich auf dem Markt verlangt werden. Jeder produziert aufs Geratewohl und ist nur darum besorgt, den anderen zu überflügeln. Naturgemäß ist es dabei möglich, dass die Menge des Erzeugten den Bedürfnissen des Marktes nicht entspricht. Und diese Möglichkeit ist besonders groß, wenn ein riesiger Markt sich plötzlich um neue, unerforschte und gewaltige Gebiete erweitert. Geradeso lagen die Dinge, als die "Prosperität" der Industrie, die wir vor Kurzem erlebten, begann. Die Kapitalisten Europas streckten ihre Tatzen nach einem von vielen Hundert Millionen bevölkerten Erdteil, nach Asien, aus, von dem bis dahin nur Indien und ein kleiner Teil der Randgebiete mit dem Weltmarkt eng verknüpft waren. Die Transkaspische Eisenbahn begann dem Kapital Mittelasiens zu "erschließen"; die "Große Sibirische Eisenbahn" (groß nicht nur in ihrer Länge, sondern im maßlosen Raub von Staatsgeldern durch die Bauunternehmer und in der maßlosen Ausbeutung der Arbeiter, die sie erbauten) erschloss Sibirien; Japan begann sich in einen Industriestaat zu verwandeln und versuchte eine Bresche in die chinesische Mauer zu schlagen, wobei es einen sehr leckeren Bissen entdeckte, in den sofort die Kapitalisten Englands, Deutschlands, Frankreichs, Russlands und sogar Italiens ihre Zähne schlugen. Der Bau riesiger Eisenbahnlinien, die Erweiterung des Weltmarktes und die Entwicklung des Handels - all das verursachte eine unerwartete Belebung der Industrie, das Entstehen neuer Betriebe, eine wilde Jagd nach Absatzmärkten, eine Jagd nach Profiten, die Gründung neuer Gesellschaften, die Einbeziehung einer großen Menge neuer Kapitalien in die Produktion, die zum Teil auch aus den kleinen Ersparnissen kleiner Kapitalisten bestanden. Kein Wunder, dass die wilde internationale Jagd nach neuen, unbekannten Märkten zu einem ungeheuren Krach geführt hat.

Um sich diese Jagd deutlich vorzustellen, muss man in Betracht ziehen, welche Kolosse an ihr beteiligt waren. Wenn man sagt "die einzelnen Betriebe", "die einzelnen Kapitalisten", so vergisst man häufig, dass diese Bezeichnungen eigentlich ungenau sind.

In Wirklichkeit geschieht nur noch die Aneignung des Profits durch Einzelne, während die Produktion selbst gesellschaftlich geworden ist.

Die Riesenkrache sind eben nur darum möglich und unvermeidlich geworden, weil eine Bande nur nach Profit jagender Reicher über mächtige gesellschaftliche Produktivkräfte verfügt.

Erläutern wir das durch ein Beispiel aus der russischen Industrie. In der letzten Zeit hat sich die Krise auch auf die Erdölgewinnung ausgedehnt. In dieser Industrie schalten und walten aber solche Unternehmen wie z.B. die "Erdölgesellschaft Gebrüder Nobel". Im Jahre 1899 verkaufte diese Gesellschaft 163 Millionen Pud Erdölprodukte im Werte von 53, 5 Millionen Rubel, im Jahre 1900 aber bereits 192 Millionen Pud im Werte von 72 Millionen Rubel. In einem Jahr erhöhte sich also die Produktion in einem Unternehmen um 18, 5 Millionen Rubel ! Ein solches "Einzelunternehmen" wird aufrecht erhalten durch die vereinte Arbeit von Zehntausenden und Hunderttausenden Arbeitern, die mit der Gewinnung des Erdöls, seiner Verarbeitung, seinem Transport durch Erdölleitungen, auf der Eisenbahn, auf dem See - und Flusswege beschäftigt sind, die an der Herstellung der dazu erforderlichen Maschinen, Lagerhäuser, Materialien, Lastkähne, Dampfer isw. arbeiten.

Alle diese vielen Tausende von Arbeitern arbeiten für die gesamte Gesellschaft, über ihre Arbeit aber verfügt eine Handvoll Millionäre, die sich den ganzen Profit aneignen, den diese organisierte Arbeit der Massen schafft.

(Die Nobel-Gesellschaft erzielte 1899 einen Reingewinn von 4 Millionen Rubel und 1900 von 6 Millionen Rubel, wovon die Aktionäre 1300 Rubel auf jede 5000-Rubel-Aktie und die fünf Vorstandsmitglieder Gratifikationen in Höhe von 528 000 Rubel bekamen !) Wenn mehrere Unternehmen ein wildes Wettrennen beginnen, um einen Platz auf einem unerforschten Markt zu erobern, ist es da verwunderlich, wenn eine Krise eintritt ?

Doch das ist nicht alles. Um aus einem Unternehmen Profit zu schöpfen, muss man die Waren verkaufen, muss man Käufer finden. Und Käufer muss die ganze Masse der Bevölkerung sein, weil die riesigen Unternehmen ganze Berge von Produkten erzeugen. In allen kapitalistischen Ländern aber besteht die Bevölkerung zu neun Zehnteln aus bettelarmen Menschen: aus Arbeitern, die den allerkärglichsten Lohn erhalten, und aus Bauern, die in ihrer großen Masse noch schlechter leben als die Arbeiter. Wenn nun die Großindustrie in der Prosperität alles in Bewegung setzt, um möglichst viel zu produzieren, dann wirft sie eine solche Masse von Produkten auf den Markt, dass die besitzlose Mehrheit des Volkes nicht imstande ist, sie zu bezahlen. Die Menge der Maschinen, Werkzeuge, Warenlager, Eisenbahnen usw. wächst immer weiter an, aber dieses Anwachsen wird von Zeit zu Zeit unterbrochen, weil die Masse des Volkes, für das letzten Endes alle diese verbesserten Produktionsmethoden bestimmt sind, in einer Armut verbleibt, die an Elend grenzt.

Die Krise zeigt, dass die moderne Gesellschaft unvergleichlich mehr Produkte für die Verbesserung des Lebens des gesamten werktätigen Volkes erzeugen könnte, wenn nicht ein kleines Häuflein Privateigentümer, die am Elend des Volkes Millionen verdienen, den Grund und Boden, die Fabriken, Maschinen usw. an sich gerissen hätten.

Die Krise zeigt, dass die Arbeiter sich nicht darauf beschränken können, den Kapitalisten einzelne Zugeständmisse abzuringen:

in der Zeit der Belebung der Industrie ist es möglich, solche Zugeständnisse zu erkämpfen (und die russischen Arbeiter haben in den Jahren 1894 - 1898 durch ihren energischen Kampf mehr als einmal Zugeständnisse erzwungen) - doch der Krach kommt, und die Kapitalisten nehmen nicht nur die von ihnen gemachten Zugeständnisse zurück, sondern nutzen auch die Hilflosigkeit der Arbeiter aus, um die Löhne noch weiter herab zu drücken.

Und das wird unvermeidlich so lange weiter gehen, bis die Armeen des sozialistischen Proletariats die Herrschaft des Kapitals und des Privateigentums gestürzt haben.

Die Krise zeigt, wie kurzsichtig jene Sozialisten waren ( die sich wahrscheinlich darum "Kritiker" nennen, weil sie kritiklos die Theorien der bürgerlichen Ökonomen übernehmen), die vor zwei Jahren laut verkündeten, dass Krisen jetzt weniger wahrscheinlich werden.

Die Lehren der Krise, die den ganzen Widersinn der Unterordnung der gesellschaftlichen Produktion unter das Privateigentum enthüllt, sind so eindringlich, dass jetzt auch die bürgerliche Presse eine verstärkte Aufsicht - z.B. über Banken - verlangt. Aber keinerlei Aufsicht wird die Kapitalisten hindern, in der Zeit der Belebung Unternehmen zu gründen, die später und unvermeidlich Bankrott machen müssen. Altschewski, der Gründer einer Bodenbank und einer Handelsbank in Charkow, die beide Bankrott machten, verschaffte sich auf geraden und krummen Wegen Millionen Rubel für die Gründung und Stützung von Bergwerksunternehmen, die goldene Berge verhießen. Und eine Stockung in der Industrie hat diese Banken und Bergwerksunternehmen (Donez-Jurjew-Gesellschaft) zugrunde gerichtet.

Aber was bedeutet dieses "Zugrundegehen" von Unternehmen in der kapitalistischen Gesellschaft ?

Es bedeutet, dass schwache Kapitalisten, Kapitalisten "zweiter Größe", von solideren Millionären verdrängt werden. An die Stelle des Charkower Millionärs Altschewski ist der Moskauer Millionär Rjabuschinski getreten, der, da er an Kapital reicher ist, den Druck auf den Arbeiter noch mehr verstärken wird. Ablösung von Reichen zweiter Größe durch Reiche erster Größe, wachsende Macht des Kapitals, Ruin einer Masse von Kleineigentümern (z.B. der kleinen Deponenten, die bei einem Bankkrach ihr ganzes Vermögen verlieren), furchtbare Verelendung der Arbeiter - all das bringt die Krise mit sich. Wir erinnern noch an die in der "Iskra" geschilderten Fälle, die zeigen, dass die Kapitalisten den Arbeitstag verlängern und bei der Entlassung von Arbeitern bestrebt sind, klassenbewusste Arbeiter durch Menschen aus dem Dorf zu ersetzen, die gefügiger sind.

In Russland wirkt sich überhaupt die Krise unvergleichlich stärker aus als in irgendeinem anderen Land. Zur Stagnation in der Industrie kommt bei uns noch die Hungersnot der Bauern. Die arbeitslosen Arbeiter werden aus den Städten in die Dörfer ausgewiesen, aber wohin wird man die arbeitslosen Bauern ausweisen ? Durch die Ausweisung der Arbeiter will man die Städte von unruhigem Volk säubern, aber vielleicht wird es den Ausgewiesenen gelingen, wenigstens einen Teil der Bauern aus ihrer Jahrhunderte langen Unterwürfigkeit zu erwecken und sie dahin zu bringen, dass sie nicht nur bitten, sondern auch Forderungen stellen ? Die Arbeiter und die Bauern werden jetzt nicht nur durch Arbeitslosigkeit und Hungersnot einander näher gebracht, sondern auch durch die polizeiliche Unterdrückung, die den Arbeitern die Möglichkeit nimmt, sich zu vereinigen und zu verteidigen, die den Bauern sogar das weg nimmt, was wohlwollende Menschen ihnen hilfreich spenden. Die schwere Faust der Polizei wird hundert Mal drückender für die Millionen aus dem Volk, die alle Existenzmittel verloren haben. Die Gendarmen und die Polizei in den Städten, die Landeshauptleute und die Wachtmeister auf dem Lande sehen deutlich, dass der Hass gegen sie wächst, und sie beginnen, nicht nur die in den Dörfern eingerichteten Speiseküchen, sondern auch die in den Zeitungen bekannt gegebenen Spendensammlungen zu fürchten. Furcht vor Spenden ! Tatsächlich, es stimmt, der Dieb verrät sich selber. Wenn der Dieb sieht, dass dem von ihm bestohlenen Menschen ein Vorübergehender eine Gabe reicht, dann scheint es dem Dieb, dass sie sich die Hände geben, um es ihm mit vereinten Kräften heimzuzahlen.

"Iskra" Nr. 7, August 1901 Nach dem Text der "Iskra".