Lenin

EIN SCHRITT VORWÄRTS, ZWEI SCHRITTE ZURÜCK
Eine Antwort N. Lenins an Rosa Luxemburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EIN SCHRITT VORWÄRTS, ZWEI SCHRITTE ZURUCK
Eine Antwort N. Lenins an Rosa Luxemburg

Lenin, Band 7, Seite 480 - 491

 


Der Artikel der Genossin Rosa Luxemburg in den Nummern 42 und 43 der „Neuen Zeit" übt Kritik an meinem russischen Buch über die Krise in unserer Partei.* Ich kann nicht umhin, den deutschen Genossen meinen Dank auszusprechen für die Aufmerksamkeit, die sie unserer Parteiliteratur entgegenbringen, und für ihre Versuche, die deutsche Sozialdemokratie mit dieser Literatur bekannt zu machen, muß jedoch darauf aufmerksam machen, daß Rosa Luxemburgs Artikel in der „Neuen Zeit" die Leser nicht mit meinem Buch, sondern mit etwas anderem bekannt macht. Darüber möge man an Hand folgender Beispiele urteilen. Genossin Luxemburg sagt zum Beispiel, daß die Auffassung, die hier (d.h. in meinem Buch) in eindringlicher und erschöpfender Weise ihren Ausdruck gefunden habe, die eines „rücksichtslosen Zentralismus" sei. Genossin Luxemburg meint also, daß ich ein Organisationssystem gegen ein anderes verteidige.
Das ist aber in Wirklichkeit unwahr. In dem ganzen Buch, von der ersten bis zur letzten Seite, verteidige ich die elementaren Grundsätze eines jeden Systems einer jeden nur denkbaren Parteiorganisation. Mein Buch beschäftigt sich nicht mit dem Unterschied zwischen diesem oder jenem Organisationssystem, sondern mit der Frage, auf welche Weise man jegliches System einhalten, kritisieren und korrigieren soll, ohne dem Parteiprinzip zu widersprechen. Rosa Luxemburg sagt weiter, daß „das Zentralkomitee nach dieser (Lenins) Auffassung die Befugnis hat, alle Teilkomitees der Partei zu organisieren". In Wirklichkeit ist das unwahr.
Meine Auffassung in dieser Frage kann durch den von mir eingebrachten


* Siehe den vorliegenden Band, S. 197—430. Die Red.


Entwurf eines Organisationsstatuts der Partei dokumentarisch bewiesen werden. In diesem Entwurf ist keine Rede von dem Recht, die Teilkomitees zu organisieren. Die auf dem Parteitag zur Ausarbeitung des Parteistatuts
gewählte Kommission fügte dieses Recht ein, und der Parteitag nahm den Kommissionsentwurf an. In diese Kommission waren außer mir und noch einem Anhänger der Mehrheit drei Anhänger der Minderheit des Parteitags gewählt worden, so daß in der Kommission, die dem Zentralkomitee das Recht gab, die Teilkomitees zu organisieren, gerade meine Gegner die Oberhand hatten. Gen. Rosa Luxemburg hat zwei verschiedene Tatsachen verwechselt. Erstens verwechselte sie meinen Organisationsentwurf mit dem abgeänderten Kommissionsentwurf einerseits und mit dem vom Parteitag angenommenen Organisationsstatut anderseits.
Zweitens verwechselte sie die Verteidigung eines bestimmten Antrags über einen bestimmten Paragraphen des Statuts (bei dieser Verteidigung war ich keineswegs „rücksichtslos", da ich in der Plenarsitzung keinen Einspruch gegen das von der Kommission eingebrachte Amendement erhob) mit der Verteidigung der (nicht wahr, echt „ultrazentralistischen" ?) These, daß ein vom Parteitag angenommenes Statut so lange befolgt werden muß, bis es vom nächsten Parteitag abgeändert wird. Diese These (eine echt „blanquistische", wie der Leser leicht feststellen kann) habe ich in meinem Buch tatsächlich recht „rücksichtslos" verteidigt. Gen. Luxemburg meint, nach meiner Auffassung erscheine „das Zentralkomitee als der eigentliche aktive Kern der Partei". In Wirklichkeit ist das unwahr.
Ich habe diese Auffassung nirgends vertreten. Im Gegenteil, meine Opponenten
(die Minderheit des II. Parteitags) beschuldigten mich in ihren Schriften, daß ich die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Zentralkomitees nicht genügend in Schutz nehme, daß ich es viel zu sehr der im Ausland befindlichen Redaktion des Zentralorgans und dem Rat der Partei unterordne. Auf diese Beschuldigung habe ich in meinem Buch geantwortet, daß die Parteimehrheit, als sie im Rat der Partei die Oberhand hatte, niemals den Versuch machte, in die Selbständigkeit des ZK einzugreifen; das geschah aber sogleich, als der Rat der Partei zu einem Kampfinstrument der Minderheit wurde. Gen. Rosa Luxemburg sagt, für die Sozialdemokratie Rußlands sei es keine Frage, daß eine einheitliche Partei notwendig ist, und der ganze Streit drehe sich um den größeren oder geringeren
Grad der Zentralisation. In Wirklichkeit ist das unwahr. Hätte sich Gen.
Luxemburg die Mühe gegeben, die Resolutionen der vielen Lokalkomitees
der Partei, die die Mehrheit bilden, kennenzulernen, so hätte sie leicht
verstehen können (das ist übrigens auch aus meinem Buch klar ersichtlich), daß der Streit bei uns hauptsächlich darum geht, ob das Zentralkomitee und das Zentralorgan die Richtung der Parteitagsmehrheit vertreten sollen oder nicht, über diese „ultrazentralistische" und rein „blanquistische" Forderung sagt die werte Genossin kein Wort; sie zieht es vor, gegen die mechanische Unterwerfung eines Teils unter das Ganze, gegen den Kadavergehorsam, gegen die blinde Unterordnung und ähnliche Schreckgespenster zu wettern. Ich bin der Gen. Luxemburg sehr dankbar für die Darlegung des höchst geistreichen Gedankens, daß der Kadavergehorsam für die Partei sehr schädlich ist, aber ich möchte doch gern wissen:
Hält die Genossin es für normal, kann sie es zulassen, hat sie in irgendeiner Partei je gesehen, daß in den Zentralbehörden, die sich Parteibehörden nennen, die Minderheit des Parteitags dominieren darf? Gen. Rosa Luxemburg unterschiebt mir geradezu den Gedanken, daß alle Vorbedingungen zur Organisierung einer großen und äußerst zentralisierten Arbeiterpartei in Rußland bereits vorhanden seien. Wieder eine faktische Unwahrheit. Nirgends habe ich in meinem Buch diesen Gedanken ausgesprochen, geschweige denn vertreten. Die von mir aufgestellte These besagte und besagt etwas anderes. Und zwar habe ich darauf bestanden, daß alle Vorbedingungen bereits vorhanden sind, um die Beschlüsse des Parteitags anzuerkennen, und daß die Zeit schon vorbei ist, da man ein Parteikollegium durch einen Privatzirkel ersetzen konnte. Ich führte Beweise dafür an, daß gewisse Akademiker in unserer Partei ihre Inkonsequenz und Unbeständigkeit offenbarten und daß sie keinerlei Recht hatten, ihre Disziplinlosigkeit den russischen Proletariern in die Schuhe zu schieben. Die russischen Arbeiter haben sich schon oft bei verschiedenen Gelegenheiten für die Befolgung der Parteitagsbeschlüsse ausgesprochen.
Es ist geradezu lächerlich, wenn Gen. Luxemburg eine dahingehende Äußerung für „optimistisch" erklärt (sollte man sie nicht eher für „pessimistisch" halten?) und kein Sterbenswörtchen darüber verliert, was meiner Äußerung tatsächlich zugrunde liegt. Gen. Luxemburg meint, ich verherrliche die erzieherische Wirkung der Fabrik. Das ist nicht wahr. Nicht ich, sondern mein Gegner behauptete, daß ich mir die Partei als eine Fabrik vorstelle. Ich lachte ihn tüchtig aus und wies ihm mit seinen eigenen Worten nach, daß er zwei verschiedene Seiten der Fabrikdisziplin verwechselt, was leider auch bei der Genossin Rosa Luxemburg der Fall ist.*
Genossin Luxemburg sagt, daß ich meinen Standpunkt vielleicht scharfsinniger
gekennzeichnet habe, als es irgendeiner meiner Opponenten tun könnte, indem ich meinen „revolutionären Sozialdemokraten" als einen mit der Organisation der klassenbewußten Arbeiter verbundenen Jakobiner definierte. Wieder eine faktische Unwahrheit. Nicht ich, sondern P. Axelrod sprach zuerst vom Jakobinismus. Axelrod war der erste, der unsere Parteinuancen mit denen aus der Zeit der großen französischen Revolution verglich. Ich bemerkte lediglich, daß dieser Vergleich nur in dem Sinne zulässig sei, als die Teilung der modernen Sozialdemokratie in eine revolutionäre und eine opportunistische bis zu einem gewissen Grade der Teilung in Montagnards und Girondisten entspricht. Einen ähnlichen Vergleich hat die vom Parteitag anerkannte alte „Iskra" recht oft gezogen.
Und gerade weil sie diese Teilung anerkannte, bekämpfte die alte „Iskra" den opportunistischen Flügel unserer Partei, die Richtung des „Rabotscheje Delo". Rosa Luxemburg verwechselt hier das Verhältnis zwischen zwei revolutionären Richtungen im 18. und im 20. Jahrhundert mit der Identifizierung dieser Richtungen selbst. Wenn ich z. B. sage, daß das Verhältnis zwischen der "„Jungfrau" und der „Kleinen Scheidegg" dem Verhältnis zwischen einem vierstöckigen und einem zweistöckigen Haus entspricht, so heißt das doch nicht, daß ich ein vierstöckiges Haus mit der „Jungfrau" identifiziere. Gen. Luxemburg hat die faktische Analyse der verschiedenen Richtungen unserer Partei völlig außer acht gelassen. Und gerade dieser Analyse, die auf den Protokollen unseres Parteitags fußt, widme ich den größeren Teil meines Buches und mache in der Einleitung besonders darauf aufmerksam. Rosa Luxemburg will über die jetzige
Lage unserer Partei sprechen und ignoriert dabei vollständig unsern Parteitag, der eigentlich den wahren Grundstein unserer Partei gelegt hat.
Man muß das als ein gewagtes Unternehmen ansehen! Ein um so gewagteres,
als ich in meinem Buch hundertmal darauf hingewiesen habe, daß meine Gegner unsern Parteitag ignorieren und daß eben deshalb alle ihre Behauptungen jeder faktischen Grundlage entbehren.
Gerade diesen Grundfehler begeht auch Gen. Rosa Luxemburg. Sie


* Vergleiche die russische Broschüre „Unsere Mißverständnisse" und den
Artikel „Rosa Luxemburg contra Karl Marx".


wiederholt bloße Worte, ohne sich zu bemühen, ihren konkreten Sinn zu
begreifen. Sie malt Schreckgespenster an die Wand, ohne erforscht zu haben, was dem Streit wirklich zugrunde liegt. Sie schreibt mir Gemeinplätze,
allgemeine Prinzipien und Erwägungen, absolute Wahrheiten zu, sucht aber die relativen Wahrheiten totzuschweigen, die streng bestimmte Tatsachen betreffen und mit denen allein ich operiere. Und da beklagt sie sich noch über Schablonen und beruft sich dabei auf Marx' Dialektik.
Aber gerade der Artikel der gelehrten Genossin enthält ausschließlich erdichtete
Schablonen, und gerade ihr Artikel widerspricht dem Abc der Dialektik. Dieses Abc besagt, daß es keine abstrakte Wahrheit gibt, daß die Wahrheit immer konkret ist. Gen. Rosa Luxemburg ignoriert majestätisch die konkreten Tatsachen unseres Parteikampfes und ergeht sich großmütig in Deklamationen über Fragen, die unmöglich ernst diskutiert werden können. Ich will aus dem zweiten Artikel der Gen. Luxemburg ein letztes Beispiel anführen. Sie zitiert meine Worte, daß diese oder jene Fassung eines Organisationsstatuts als ein mehr oder weniger scharfes Kampfmittel gegen den Opportunismus dienen kann.* über welche Fassungen ich in meinem Buch und wir alle auf dem Parteitag gesprochen haben, darüber sagt Rosa Luxemburg kein Wort. Welche Polemik ich auf dem Parteitag führte, gegen wen ich meine Grundsätze vorbrachte, das kümmert die Genossin überhaupt nicht. Statt dessen geruht sie, mir eine ganze Vorlesung über den Opportunismus... in den Ländern des Parlamentarismus zu halten!! Doch über die besonderen, spezifischen Spielarten
des Opportunismus, über die Nuancen, die er bei uns in Rußland angenommen hat und mit denen ich mich in meinem Buch beschäftige, darüber finden wir in dem Artikel der Genossin kein Wort. Die Schlußfolgerung aus all diesen höchst geistreichen Gedankengängen ist folgende:
„...das Parteistatut soll nicht etwa an sich (?? das verstehe, wer kann) eine Waffe zur Abwehr des Opportunismus sein, sondern bloß ein äußeres Machtmittel zur Ausübung des maßgebenden Einflusses der tatsächlich vorhandenen revolutionären proletarischen Majorität der Partei." Sehr richtig! Doch wie sich die tatsächlich vorhandene Majorität unserer Partei gestaltete, das verschweigt Rosa Luxemburg, und gerade davon spreche ich in meinem Buch. Sie verschweigt auch, welchen Einfluß ich und Plechanow mit diesem äußeren Machtmittel verteidigt haben. Ich kann nur hin-


* Siehe den vorliegenden Band, S. 271. Die Red.


zufügen, daß ich niemals und nirgends einen Unsinn der Art gesagt habe, daß das Parteistatut eine Waffe „an sich" sei.
Die richtigste Antwort auf eine solche Deutung meiner Ansichten wäre die Darlegung der konkreten Tatsachen unseres Parteikampfes. Dann würde jedermann klar, wie stark die konkreten Tatsachen mit den abstrakten
Gemeinplätzen und Schablonen der Genossin Luxemburg kontrastieren.
Unsere Partei wurde im Frühjahr 1898 in Rußland auf dem Kongreß der Vertreter einiger russischer Organisationen gegründet. Die Partei wurde die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands genannt. Zum Zentralorgan wurde die „Rabotschaja Gaseta"102 bestimmt. Der „Auslandsbund russischer Sozialdemokraten" wurde zur ausländischen Vertretung der Partei. Sehr bald nach dem Parteitag wurde das Zentralkomitee der Partei von der Polizei verhaftet. Die „Rabotschaja Gaseta" mußte nach der zweiten Nummer ihr Erscheinen einstellen. Die ganze Partei wurde zu einem formlosen Konglomerat der Lokalorganisationen (die Komitees genannt wurden). Die einzige Verbindung zwischen diesen Lokalkomitees war ideeller, rein geistiger Art. Wieder mußte unvermeidlich eine Periode der Differenzen, Schwankungen und Spaltungen einsetzen.
Die Gebildeten, die im Vergleich zu den westeuropäischen Parteien in unserer Arbeiterpartei einen viel höheren Prozentsatz ausmachen, begeisterten sich für den Marxismus wie für eine neue Mode. Diese Begeisterung wich sehr bald der sklavischen Anbetung der bürgerlichen Kritik an Marx einerseits und der rein gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung (Streikismus - Ökonomismus) anderseits. Die Differenzen zwischen der intellektuell-opportunistischen und der proletarisch-revolutionären Richtung führten zur Spaltung des „Auslandsbundes". Die Zeitung „Rabotschaja Mysl" [Arbeitergedanke] und die im Ausland erscheinende Zeitschrift „Rabotscheje Delo" [Arbeitersache] vertraten (letztere etwas schwächer) den Standpunkt des Ökonomismus, setzten die Bedeutung des
politischen Kampfes herab und leugneten die Elemente einer bürgerlichen
Demokratie in Rußland. Die „legalen" Marxkritiker, die Herren Struve, Tugan-Baranowski, Bulgakow, Berdjajew u. a. m. schwenkten ganz nach rechts ab. Nirgends in Europa finden wir, daß das Bernsteinianertum so rasch zu seinem logischen Ende, zur Bildung einer liberalen Fraktion gelangte, wie es bei uns in Rußland der Fall war. Bei uns begann Herr Struve im Namen des Bernsteinianertums mit der „Kritik" und endete mit der Gründung der liberalen Zeitschrift „Oswoboshdenije" [Befreiung], liberal im europäischen Sinne dieses Wortes. Plechanow und seine Freunde, die aus dem Auslandsbund ausgetreten waren, wurden von den Begründern der „Iskra" und „Sarja" unterstützt. Diese zwei Zeitschriften führten (davon hat sogar Gen. Rosa Luxemburg etwas gehört) eine „dreijährige glänzende Kampagne" gegen den opportunistischen Flügel der Partei, eine Kampagne der sozialdemokratischen „Montagne" gegen die sozialdemokratische „Gironde" (das ist ein Ausdruck der alten „Iskra"), einen Feldzug gegen das „Rabotscheje Delo" (die Genossen Kritschewski, Akimow,
Martynow u. a.), gegen den jüdischen „Bund", gegen die russischen Organisationen, die sich für diese Richtung begeisterten (in erster Linie die
Petersburger sog. Arbeiterorganisation und das Woronesher Komitee).
Es wurde immer offenkundiger, daß die rein ideelle Verbindung zwischen den Komitees allein ungenügend ist. Immer dringlicher äußerte sich das Bedürfnis, eine wirklich festgefügte Partei zu bilden, das heißt, das zu vollenden, was sich 1898 erst angedeutet hatte. Ende 1902 bildete sich schließlich das Organisationskomitee, das sich zur Aufgabe machte, den II. Parteitag einzuberufen. Diesem Organisationskomitee, das hauptsächlich von der russischen Organisation der „Iskra" gegründet wurde, trat auch ein Vertreter des jüdischen „Bund" bei. Im Herbst 1903 kam endlich der II. Parteitag zustande,- er endete einerseits mit der formellen Vereinigung der Partei, anderseits mit der Spaltung in eine „Mehrheit" und eine „Minderheit". Diese Teilung hatte es vor dem Parteitag nicht gegeben.
Nur eine detaillierte Analyse des Kampfes auf dem Parteitag kann diese Teilung erklären. Leider weichen die Anhänger der Minderheit (einschließlich
Gen. Luxemburg) dieser Analyse ängstlich aus.
In meinem Buch, das den deutschen Lesern von der Gen. Luxemburg so eigentümlich präsentiert worden ist, widme ich mehr als 100 Seiten einer eingehenden Erforschung der Parteitagsprotokolle (die einen Band von etwa 400 Seiten füllen). Diese Analyse veranlaßte mich, die Delegierten oder, besser gesagt, die Stimmen (wir hatten Delegierte mit einer oder zwei Stimmen) in vier Hauptgruppen einzuteilen:

1. die Iskristen der Mehrheit (die Anhänger der Richtung der alten „Iskra") - 24 Stimmen;
2. die Iskristen der Minderheit - 9 Stimmen;

3. das Zentrum (spöttisch auch „Sumpf" genannt) - 10 Stimmen und endlich

4. die Antiiskristen - 8 Stimmen, insgesamt 51 Stimmen.

Ich analysiere die Beteiligung dieser Gruppen an allen Abstimmungen, die auf dem Parteitag vorgenommen wurden, und weise nach, daß in allen Fragen (des Programms, der Taktik und der Organisation) der Parteitag eine Arena des Kampfes der Iskristen gegen die Antiiskristen bei unterschiedlichen Schwankungen des „Sumpfes" war. Für jeden, der nur ein wenig mit der Geschichte unserer Partei vertraut ist, muß es klar sein, daß es nicht anders sein konnte. Aber alle Anhänger der Minderheit (einschließlich R. Luxemburg) verschließen vor diesem Kampf bescheiden die Augen. Warum? Weil gerade dieser Kampf veranschaulicht, wie grundfalsch die jetzige politische Lage der Minderheit ist. Während des ganzen Kampfes auf dem Parteitag kämpften die
Iskristen in Dutzenden von Fragen, in Dutzenden von Abstimmungen gegen die Antiiskristen und den „Sumpf", der sich um so entschiedener auf die Seite der Antiiskristen stellte, je konkreter die behandelte Frage war, je positiver sie den Grundgedanken der sozialdemokratischen Arbeit bestimmte, je realer sie die unverrückbaren Pläne der alten „Iskra" in die Tat umzusetzen suchte. Die Antiiskristen (besonders Gen. Akimow und der stets mit ihm stimmende Delegierte der Petersburger „Arbeiterorganisation", Gen. Brucker, fast immer Gen. Martynow und die fünf Delegierten des jüdischen „Bund") waren dagegen, die Richtung der alten „Iskra" anzuerkennen. Sie verteidigten die alten Privatorganisationen, stimmten gegen ihre Unterstellung unter die Partei, gegen ihre Verschmelzung mit der Partei (der Zwischenfall mit dem Organisationskomitee, die Auflösung der Gruppe „Arbeiter des Südens", der wichtigsten Gruppe des „Sumpfes", usw.). Sie kämpften gegen das zentralistisch formulierte Organisationsstatut (14. Sitzung des Parteitags) und beschuldigten damals alle Iskristen, daß sie ein „organisiertes Mißtrauen", ein „Ausnahmegesetz" und ähnliche schreckliche Dinge einführen wollen. Alle Iskristen ohne Ausnahme lachten damals darüber; merkwürdigerweise nimmt Gen. Rosa Luxemburg jetzt alle diese Schreckgespenster ernst. In der großen
Mehrzahl der Fragen siegten die Iskristen, sie überwogen auf dem Parteitag,
wie aus den erwähnten Zahlenangaben leicht zu ersehen ist. Aber während der zweiten Hälfte der Sitzungen, als es weniger prinzipielle Fragen zu lösen galt, siegten die Antiiskristen, da einige Iskristen mit ihnen stimmten. So geschah es z. B. in der Frage der Gleichberechtigung aller Sprachen in unserem Programm; in dieser Frage gelang es den Antiiskristen beinahe, die Programmkommission zu sprengen und uns, was die Fassung dieses Programmpunktes anbetraf, zu besiegen. So geschah es auch in der Frage des ersten Paragraphen des Statuts, als die Antiiskristen zusammen mit dem „Sumpf" die Fassung Martows durchsetzten. Gemäß dieser Fassung gelten als Parteimitglieder nicht nur die Mitglieder einer Parteiorganisation (eine solche Fassung verteidigten ich und Plechanow), sondern auch alle Personen, die unter der Kontrolle einer Parteiorganisation arbeiten.*
Das gleiche geschah bei der Wahl des Zentralkomitees und der Redaktion des Zentralorgans. Die 24 Iskristen bildeten eine geschlossene Mehrheit; sie setzten die seit langem geplante Erneuerung der Redaktion durch.
Von den sechs früheren Redakteuren wurden drei gewählt; die Minderheit bestand aus neun Iskristen, zehn Mitgliedern des Zentrums und einem Antiiskristen (die übrigen 7 Antiiskristen - die Vertreter des jüdischen „Bund" und des „Rabotscheje Delo" - hatten den Parteitag bereits vorher verlassen). Diese Minderheit war mit der Wahl so unzufrieden, daß sie beschloß, sich von den übrigen Wahlen fernzuhalten. Gen. Kautsky hatte vollkommen recht, als er in der Erneuerung der Redaktion die Hauptursache des nachfolgenden Kampfes sah. Jedoch seine Ansicht, daß ich (sie!) drei Genossen aus der Redaktion „ausgeschlossen" hätte, ist nur mit seiner völligen Unkenntnis unseres Parteitags zu erklären. Erstens ist eine Nichtwahl noch lange kein Ausschluß, und ich hatte auf dem Parteitag gewiß nicht das Recht, jemanden auszuschließen, und zweitens scheint Gen. Kautsky gar nicht zu ahnen, daß die Tatsache einer Koalition der Antiiskristen, des Zentrums und eines kleinen Teils der „Iskra"- Anhänger auch politische Bedeutung hatte und auf das Wahlergebnis nicht ohne Ein-


* Gen. Kautsky sprach sich für die Fassung Martows aus und stellte sich
dabei auf den Standpunkt der Zweckmäßigkeit. Erstens wurde auf unserem
Parteitag dieser Punkt nicht vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit, sondern
vom Standpunkt der Prinzipien aus beurteilt. So wurde diese Frage von Axelrod
gestellt. Zweitens irrt sich Gen. Kautsky, wenn er glaubt, unter den russischen
Polizeiverhältnissen sei ein so wesentlicher Unterschied zwischen der
Zugehörigkeit zu einer Parteiorganisation und der bloßen Arbeit unter der
Kontrolle einer solchen Organisation. Drittens ist es besonders irreführend, die
jetzige Lage in Rußland mit jener in Deutschland unter dem Sozialistengesetz
zu vergleichen.


fluß bleiben konnte. Wer die Augen vor dem, was auf unserm Parteitag geschehen ist, nicht verschließen will, der muß einsehen, daß unsere neue
Teilung in eine Minderheit und eine Mehrheit nur eine Variante der alten Teilung in einen proletarisch-revolutionären und einen intellektuellopportunistischen
Flügel unserer Partei ist. Das ist eine Tatsache, die sich weder weginterpretieren noch wegspotten läßt.
Leider wurde nach dem Parteitag die prinzipielle Bedeutung dieser Scheidung durch ein Kooptationsgezänk verwischt. Die Minderheit wollte nämlich nicht unter der Kontrolle der Zentralbehörden arbeiten, falls die drei alten Redakteure nicht wieder kooptiert würden. Zwei Monate dauerte dieser Kampf. Als Kampfmittel dienten Boykott und Desorganisierung der Partei. Zwölf Komitees (von den 14, die sich darüber äußerten) verurteilten scharf diese Kampfmittel. Die Minderheit weigerte sich sogar, unseren (von mir und Plechanow ausgehenden) Vorschlag anzunehmen und ihren Standpunkt in den Spalten der „Iskra" darzulegen. Auf der Konferenz der Auslandsliga kam es so weit, daß die Mitglieder der zentralen Körperschaften mit persönlichen Beleidigungen, Hetzereien und Beschimpfungen (Selbstherrscher, Bürokraten, Gendarmen, Lügner etc. etc.) überhäuft wurden. Man beschuldigte sie, daß sie die individuelle Initiative unterdrücken und Kadavergehorsam, blinde Unterordnung etc. einführen wollen. Plechanows Versuche, eine solche Kampfesweise der Minderheit als anarchistisch zu kennzeichnen, konnten ihr Ziel nicht erreichen.
Nach dieser Konferenz trat Plechanow mit seinem epochemachenden, gegen mich gerichteten Artikel „Was man nicht tun darf" (in Nr. 52 der „Iskra") auf. In diesem Artikel sagte er, der Kampf mit dem Revisionismus müsse nicht unbedingt einen Kampf gegen die Revisionisten bedeuten,- es war für jeden klar, daß er dabei an unsere Minderheit dachte.
Weiter sagte er, man solle den individualistischen Anarchismus, der so tief
im russischen Revolutionär stecke, bisweilen nicht bekämpfen; einige Zugeständnisse seien mitunter ein besseres Mittel, ihn zu bändigen und eine
Spaltung zu vermeiden. Ich trat aus der Redaktion aus, da ich diese Ansicht nicht teilen konnte, und die Redakteure der Minderheit wurden kooptiert. Darauf folgte der Kampf um die Kooptation in das Zentralkomitee.
Mein Vorschlag, Frieden zu schließen unter der Bedingung, daß der Minderheit das Zentralorgan, der Mehrheit das Zentralkomitee verbleibt, wurde zurückgewiesen. Der Kampf wurde fortgesetzt, man kämpfte „prinzipiell" gegen Bürokratismus, Ultrazentralismus, Formalismus, Jakobinismus, Schweitzerianismus (mich bezeichnete man nämlich als den russischen Schweitzer) und andere Schreckgespenster. Ich verlachte alle diese Beschuldigungen in meinem Buch und bemerkte, daß es sich entweder um einfaches Kooptationsgezänk oder (wenn das bedingt als „prinzipiell" anerkannt werden dürfe) um nichts anderes als um opportunistische, girondistische Phrasen handle. Die heutige Minderheit wiederholt nur das, was Gen. Akimow und andere anerkannte Opportunisten auf unserem Parteitag gegen den von allen Anhängern der alten „Iskra" verteidigten Zentralismus gesagt haben.
Die russischen Komitees waren über diese Verwandlung des Zentralorgans in ein Organ eines Privatzirkels, ein Organ des Kooptationsgezänks und Parteiklatsches empört. Mehrere Resolutionen mit der strengsten Verurteilung wurden angenommen. Nur die schon erwähnte sog. „Petersburger Arbeiterorganisation" und das Woronesher Komitee (beide Anhänger der Richtung des Gen. Akimow) sprachen ihre prinzipielle Genugtuung über die Richtung der neuen „Iskra" aus. Die Stimmen, welche die Einberufung des III. Parteitags forderten, wurden immer zahlreicher.
Der Leser, der sich die Mühe nimmt, die Urquellen unseres Parteikampfes
zu studieren, wird leicht begreifen, daß die Äußerungen der Gen. Rosa Luxemburg über den Ultrazentralismus, über die Notwendigkeit einer stufenweisen Zentralisation u. dgl. m. konkret und praktisch eine Verhöhnung unseres Parteitags, abstrakt und theoretisch (wenn hier von Theorie die Rede sein kann) aber weiter nichts als eine Verflachung des Marxismus, ein Mißbrauch der wirklichen Marxschen Dialektik etc. sind.
Die letzte Phase unseres Parteikampfes ist dadurch gekennzeichnet, daß die Mitglieder der Mehrheit teils aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen, teils kaltgestellt, zu Nullen degradiert wurden. (Das geschah dank den Veränderungen in der Zusammensetzung des Zentralkomitees104 etc.) Der Rat der Partei (der nach der Kooptation der alten Redakteure ebenfalls in die Hände der Minderheit geraten ist) und das jetzige Zentralkomitee verurteilen jede Agitation für die Einberufung des III. Parteitags und gehen den Weg persönlicher Abmachungen und Verhandlungen mit einigen Mitgliedern der Minderheit. Organisationen, wie z. B. das Kollegium der Agenten (Vertrauensleute) des Zentralkomitees, die sich erlaubten, ein solches Verbrechen zu begehen wie die Agitation für die Einberufung des Parteitags, wurden aufgelöst.10^ Der Rat der Partei und das neue Zentralkomitee proklamierten auf der ganzen Linie den Kampf gegen die Einberufung des III. Parteitags. Die Mehrheit erwiderte darauf mit der Losung: „Nieder mit dem Bonapartismus!" (so lautet der Titel einer Broschüre von Gen. Galjorka106, der im Namen der Mehrheit spricht). Es mehren sich die Resolutionen, in denen die Parteibehörden, die sich herausnehmen, gegen die Einberufung des Parteitags zu kämpfen, für parteiwidrig und bonapartistisch erklärt werden. Wie heuchlerisch das Gerede der Minderheit gegen den Ultrazentralismus und für die Autonomie war, kann man leicht daraus ersehen, daß ein neuer Verlag der Mehrheit, den ich mit einem Genossen gegründet habe (und wo die erwähnte Broschüre des Gen. Galjorka und einige andere erschienen sind), für außerhalb der Partei stehend erklärt wurde.107 Der neue Verlag bietet der Mehrheit die einzige Möglichkeit, ihre Ansichten zu propagieren, da
ihr die Spalten der „Iskra" so gut wie verschlossen sind. Und trotzdem oder, besser gesagt, eben deshalb faßte der Rat der Partei den obenerwähnten
Beschluß aus dem rein formellen Grunde, daß unser Verlag von keiner Parteiorganisation autorisiert worden ist.
Es erübrigt sich, davon zu sprechen, wie stark die positive Arbeit vernachlässigt,
wie stark das Prestige der Sozialdemokratie gesunken, wie stark die ganze Partei demoralisiert ist infolge der Mißachtung aller Beschlüsse, aller Wahlen des II. Parteitags, infolge des Kampfes, den die Parteibehörden, die der Partei rechenschaftspflichtig sind, gegen die Einberufung des III. Parteitags führen.


Qeschrieben im September 19O4, 'Nach dem von unbekannter
nach dem 2. (15.X Hand geschriebenen und von
Zuerst veröffentlicht 1930 im Lenin korrigierten deutsch-
Lenin-Sammelband XV. sprachigen Manuskript