Kämpft wie in der Oktoberrevolution !





1920

W. I. Lenin



6. November 1920

Rede zum 3. Jahrestag der Oktoberrevolution

in der Festsitzung des Moskauer Sowjets der Arbeiter- , Bauern – und Rotarmistendeputierten, des Moskauer Komitees der KPR (B) und des Gewerkschaftsrats des Moskauer Gouvernements;

( Lenin Band 31, Seite 391 – 396 )

(vollständiger Text zum ersten Mal von der Komintern – SH ins Internet gesetzt)



(Anhaltender Beifall.)

Genossen ! Wir haben uns heute hier versammelt, um der Kampftage unseres Proletariats, um unserer revolutionären Errungenschaften zu gedenken. Heute können wir unseren Sieg feiern. Trotz unerhörter Existenzschwierigkeiten, trotz unerhörter Anstrengungen unserer Feinde haben wir dennoch den Sieg davongetragen. Drei Jahre liegen hinter uns. Das ist ein gewaltiger Sieg, an den früher niemand von uns geglaubt hätte. Vor drei Jahren, als wir im Smolny saßen, zeigte es sich, dass der Aufstand der Petrograder Arbeiter einmütiger vor sich ging, als wir erwarten konnten. Aber hätte man uns in jener Nacht gesagt, dass in drei Jahren das sein würde, was jetzt ist, dieser Sieg, den wir errungen haben, so hätte niemand, selbst nicht der künste Optimist, daran geglaubt.

Wir wussten damals, dass unser Sieg nur dann von Dauer sein wird, wenn unsere Sache in der ganzen Welt siegt, denn wir hatten ja unser Werk ausschließlich in Erwartung der Weltrevolution begonnen [ hervorgehoben von der Komintern – SH ]..Jetzt nach drei Jahren stellt sich heraus, dass wir unermesslich stärker sind als früher, aber auch die Weltbourgeoisie ist noch sehr stark, und obwohl sie unvergleichlich stärker ist als wir, kann man dennoch sagen, dass wir gesiegt haben. Wir haben unsere ganze Kraft darauf verwendet, diese Bourgeoisie zu zersetzen, und wir haben in dieser Hinsicht nicht ohne Erfolg gearbeitet. Das lag daran, dass wir alles auf die Karte der internationalen Revolution setzten – und das war unbedingt richtig [ hervorgehoben von der Komintern – SH ].. Wir wussten, dass die ganze Welt dem Zerfall entgegengeht, wir wussten, dass es nach dem imperialistischen Krieg nicht beim Alten bleiben kann, weil der imperialistische Krieg alle alten wirtschaftlichen und rechtlichen Beziehungen von Grund aus zerstört hatte, weil er alle die Existenzbedingungen zerstört hatte, die bis dahin die Grundlage der alten Ordnung bildeten. Und wenn in einer solchen Zeit, da der imperialistische Krieg tausend Mal mehr als unsere Propaganda den Zusammenbruch vorbereitet hatte, sich das Proletariat auch nur in einem einzigen Lande siegreich erhob, so genügte das, um die Kräfte der internationalen Bourgeoisie zu untergraben.

Wenn wir jetzt einen allgemeinen Blick auf die internationalen Beziehungen werfen – wir haben ja stets betont, dass wir die Dinge vom internationalen Standpunkt aus beurteilen [ hervorgehoben von der Komintern – SH ]. – und die Geschichte der Kriege gegen Sowjetrussland betrachten, so sehen wir, dass wir mit fast allen uns umgebenden kleinen bürgerlichen Staaten, in denen die Henker wüten und die Bolschewiki verfolgt werden, Frieden geschlossen haben. Diese Staaten sind weiter nichts als Lakaien und Sklaven der Entente, und sie wünschen den Ruin und die Vernichtung Sowjetrusslands. Trotzdem aber haben wir mit ihnen gegen den Wunsch der Entente Frieden geschlossen. Drei so mächtige Staaten wie England, Frankreich und Amerika brachten es nicht fertig, sich gegen uns zu vereinigen, und wurden in dem Kriege geschlagen, den sie gegen uns mit vereinten Kräften begonnen hatten. Warum ? Weil ihre Wirtschaft, das Leben ihrer Länder untergraben ist, weil sie zur Hälfte Leichname sind, weil sie nicht mehr auf die alte Weise leben können, weil die Klasse, nach deren Willen sie sich behaupten – die Klasse der Bourgeoisie -, verfault ist. Diese Klasse hat über 10 Millionen Menschen in den imperialistischen Krieg und in den Tod getrieben. Weshalb ? Um die Welt unter ein Häuflein Kapitalisten aufzuteilen ! Dabei hat sie sich übernommen, dadurch hat sie ihre eigenen Grundpfeiler untergraben, und wie stark sie jetzt auch in militärischer Hinsicht erscheinen mag, innerlich ist sie schwach. Das sind heute nicht mehr Proklamationen in bolschewistischem Geiste, das ist eine Tatsache, die durch Feuer und Schwert bewiesen ist. Die Bourgeoisie ist eine untergehende Klasse, wie reich und stark sie auch sein mag; wir aber sind eine Klasse, die dem Sieg entgegengeht [ hervorgehoben von der Komintern – SH ].

Obwohl wir schwächer sind als die Bourgeoisie, siegen wir dennoch seit drei Jahren und können mit vollem Recht, ohne jede Großtuerei sagen, dass wir gesiegt haben.

Wenn wir das sagen, so dürfen wir auch die andere Seite der Sache nicht vergessen; wir dürfen nicht vergessen, dass wir erst zur Hälfte gesiegt haben. Wir haben gesiegt, weil wir uns gegen Staaten zu behaupten vermochten, die stärker sind als wir und die sich mit unseren emigrierten Ausbeutern, den Gutsbesitzern und Kapitalisten, gegen uns zusammengeschlossen hatten. Wir wussten stets und werden es nicht vergessen, dass unsere Sache eine internationale ist, und solange nicht in allen Staaten – auch in den reichsten und zivilisiertesten – die Umwälzung vollzogen sein wird, ist unser Sieg nur ein halber Sieg, vielleicht sogar noch weniger [ hervorgehoben von der Komintern – SH ]. Erst jetzt führen wir siegreiche Kämpfe gegen Wrangel. Wir warten jeden Tag auf Nachrichten, die unsere Erwartungen bestätigen. Gelingt es uns nicht, die Krim in den nächsten Tagen zu nehmen, so wird uns das in den darauffolgenden Tagen gelingen, davon sind wir überzeugt. Aber wir haben keine Garantie, dass das der letzte Versuch der Weltbourgeoisie gegen uns ist. Im Gegenteil, wir haben Informationen, die besagen, dass dieser Versuch im Frühling wiederholt werden soll. Wir wissen, dass ihre Chancen ganz gering sind, wir wissen ferner, dass unsere militärischen Kräfte gefestigter und stärker sein werden als die irgendeines anderen Staates. Aber trotz alledem ist die Gefahr nicht gebannt, sie besteht weiter und wird weiter bestehen, solange die Revolution nicht in einem oder einigen fortgeschrittenen Ländern gesiegt haben wird [ hervorgehoben von der Komintern – SH ].

Wir wissen, dass sich die Dinge dahin entwickeln, wir wissen, dass der II. Kongress der III. Internationale, der diesen Sommer in Moskau stattfand, ein beispielloses, unermessliches Werk vollbracht hat. Vielleicht haben einige von Ihnen das Referat des Gen. Sinowjew gehört, der ausführlich über den Parteitag der deutschen Unabhängigen in Halle berichtete. Dann haben Sie wahrscheinlich ein konkretes Bild von dem bekommen, was in einem Lande vor sich geht, in dem die Chance für die Revolution am größten sind. Aber Ähnliches geht jetzt in allen Ländern vor sich. Der Kommunismus hat sich in allen fortgeschrittenen Ländern entwickelt, gefestigt und zur Partei zusammengeschlossen . Die Sache der internationalen Revolution hat in dieser Zeit eine Reihe von Niederlagen in kleinen Ländern erlitten, in denen die Bewegung mit Hilfe der größten Raubstaaten niedergeschlagen wurde. So half zum Beispiel Deutschland, die finnische Revolution zu erdrosseln, und die kapitalistischen Kolosse England, Frankreich und Österreich unterdrückten die Revolution in Ungarn. Aber indem sie das taten, vertausendfachten sie in ihren eigenen Ländern die Elemente der Revolution [ hervorgehoben von der Komintern – SH ]..

Und der Hauptgrund dafür, dass sie im Kampfe geschwächt sind, ist jetzt der, dass ihr Hinterland nicht gesichert ist, weil die Arbeiter und Bauern aller Länder nicht gegen uns kämpfen wollen, weil sie heldenhafte Matrosen nicht nur bei uns, in Kronstadt, sondern auch bei ihnen gefunden haben. Die Namen der Matrosen, die bei uns im Schwarzen Meer waren, wecken in ganz Frankreich Erinnerungen an die russische Revolution. Die französischen Arbeiter wissen, dass diejenigen, die jetzt in Frankreich im Zuchthaus sitzen, im Schwarzen Meer gemeutert haben, weil sie nicht zu Henkern an den russischen Arbeitern und Bauern werden wollten. Das ist der Grund, warum jetzt die Entente geschwächt ist und wir ruhig sagen können, dass wir international gesichert sind.

Aber unser Sieg, Genossen, ist bei Weitem nicht vollständig, wir haben diesen Sieg erst weniger als zur Hälfte errungen. Allerdings, dank der Selbstaufopferung und dem Enthusiasmus der russischen Arbeiter und Bauern haben wir einen gewaltigen Sieg errungen und unter beweis gestellt, dass Russland fähig ist, nicht nur einzelne Helden hervorzubringen wie jene, die seinerzeit den Kampf gegen den Zarismus führten und starben, als die Arbeiter und Bauern sie noch nicht unterstützten. Nein, wir waren im Recht, als wir sagten, dass Russland solche Helden zu Hunderten und Tausenden hervorzubringen vermag. Wir sagten, das wird Wirklichkeit werden, und dann wird der Kapitalismus verspielt haben. Die Hauptursache unseres jetzigen Sieges, sein Hauptquell sind ja der Heroismus, die Selbstaufopferung, die unerhörte Standhaftigkeit im Kampf – an den Tag gelegt von den Rotarmisten, die an der Front fielen, und von den Arbeitern und Bauern, die Leiden erduldeten, besonders von den Industriearbeitern, die während dieser drei Jahre in ihrer Masse stärker zu leiden hatten als in den ersten Jahren der kapitalistischen Sklaverei. Sie nahmen Hunger, Kälte und Leiden in Kauf, nur um die Macht zu behaupten. Und durch diese Standhaftigkeit, diesen Heroismus haben sie ein Hinterland geschaffen, das sich als das einzige feste Hinterland erwiesen hat, das es gegenwärtig bei den einander bekämpfenden Kräften gibt. Das ist der Grund, warum wir stark und gefestigt sind, während die Entente vor unseren Augen immer mehr zerfällt.

Mit diesem Enthusiasmus, dieser Begeisterung, diesem Heroismus allein kann man jedoch die Revolution nicht vollenden; sie nicht zum vollen Sieg führen. Damit konnte man den Feind abwehren, als er sich auf uns stürzte und uns an der Gurgel packte, damit konnte man den Sieg im blutigen Kampf erringen; aber das genügt nicht, um die Sache zu Ende zu führen. Das genügt nicht, weil wir jetzt vor der zweiten, größeren Hälfte der Aufgabe stehen, größer wegen ihrer Schwierigkeit. Und aus unserer heutigen Feierstimmung, unserer Siegeszuversicht müssen wir die Eigenschaften entwickeln, die wir brauchen, um bei der Lösung dieser zweiten Hälfte der Aufgabe einen ebenso entscheidenden Sieg zu erringen. Der bloße Enthusiasmus, die große Bereitschaft der Arbeiter und Bauern, in den Tod zu gehen, um diese zweite Hälfte der Aufgabe zu lösen, genügt nicht, denn diese zweite Aufgabe ist die überaus schwierige Aufgabe des Aufbaus, der schöpferischen Arbeit. Der Kapitalismus hat uns nicht nur eine zerstörte Kultur als Erbe hinterlassen, nicht nur zerstörte Betriebe, nicht nur eine verzweifelnde Intelligenz, sondern auch eine zersplitterte, unwissende Masse von einzelnen Kleinproduzenten und das Unvermögen, den Mangel an Gewohnheit zur gemeinsamen solidarischen Arbeit, den Mangel an Verständnis dafür, dass man unter die Vergangenheit einen Strich ziehen muss.

Das ist die Aufgabe, die wir jetzt zu lösen haben. Wir müssen die heutige Stimmung dazu ausnutzen, um sie zu einem dauernden Antrieb in unserer Arbeit zu machen, um die ganze Zersplitterung unseres Wirtschaftslebens zu beseitigen. Zur Vergangenheit zurückzukehren ist bereits unmöglich. Dadurch, dass wir die Macht der Ausbeuter stürzten, haben wir schon den größeren Teil der Arbeit geleistet. Jetzt müssen wir alle arbeitenden Frauen und Männer einheitlich zusammenfassen und sie dazu bringen, dass sie gemeinsam arbeiten. Wir sind hierher gekommen wie ein Eroberer in ein neues Land, und nichtsdestoweniger, trotz all der Bedingungen, unter denen wir arbeiten, haben wir an der Front gesiegt. Wir sehen, dass unsere Arbeit heute besser vonstatten geht als im vergangenen Jahr. Wir wissen, dass wir nicht alle satt machen können, wir sind nicht sicher, ob Hunger und Kälte nicht an die Häuser und Hütten pochen werden, aber trotzdem wissen wir, dass wir gesiegt haben. Wir wissen, dass unsere Produktionskraft sogar jetzt, nach den schweren Kriegen, dem imperialistischen und dem Bürgerkrieg, gewaltig ist; wir wissen, dass wir die Arbeiter und Bauern vor Hunger und Kälte sichern können, aber dazu ist notwendig, dass wir alles registrieren, was wir haben, und es so verteilen, wie es nötig ist. Das verstehen wir nicht, weil der Kapitalismus jeden Kleinbesitzer dazu erzogen hat, in erster Linie an sich selbst zu denken: wie man reich wird, wie man möglichst rasch zu den reichen Leuten aufsteigt, und nicht, wie man im Namen einer bestimmten Idee einen gemeinsamen Kampf führt. Wir müssen jetzt einen anderen Kurs nehmen. Wir haben jetzt die zweite, die schwerere Hälfte unserer Aufgabe zu bewältigen. Der Enthusiasmus, von dem wir jetzt durchdrungen sind, kann noch ein Jahr, noch fünf Jahre andauern. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Kampf, der uns bevorsteht, aus lauter Kleinkram besteht. Ringsum stecken wir in kleinen wirtschaftlichen Dingen. Außerdem wissen Sie, dass der Apparat, dessen kleine Einheiten dieses Wirtschaftsleben im Gange halten, aus Mitarbeitern von früher besteht: aus kleinen Beamten, kleinen Bürokraten, die an die alte, egoistische Richtung gewöhnt sind. Der Kampf dagegen muss zu unserer Aufgabe von heute werden. An diesen Festtagen, den Tagen unserer Siegesstimmung, am dritten Jahrestag der Sowjetmacht, müssen wir uns von jenem Arbeitsenthusiasmus, jenem Arbeitswillen, jener Beharrlichkeit durchdringen lassen, von der jetzt die schnellste Rettung der Arbeiter und Bauern, die Rettung der Volkswirtschaft abhängt. Dann werden wir sehen, dass wir bei dieser Aufgabe einen noch größeren und dauerhafteren Sieg davontragen werden als in allen früheren blutigen Schlachten. (Anhaltender Beifall.)

Veröffentlicht 1920 in dem Buch „Stenographische Berichte der Plenarsitzungen des Moskauer Sowjets der Arbeiter-, Bauern – und Rotarmistendeputierten ( nach dem Text des Buches).