1918

W. I. Lenin







Rede auf einer Kundgebung



im Butyrki-Stadtbezirk





2. August 1918



(Zeitungsbericht: Der Soldat der Revolution [Zarizyn] Nr. 14, 23. August 1918)

Lenin, Band 28, Seite 27 - 29



Genossen ! Heute finden in allen Teilen Moskaus Versammlungen statt, in denen über das Schicksal des sozialistischen Russlands gesprochen wird.

Die Feinde Sowjetrusslands umgeben uns mit einem engen eisernen Ring, sie wollen den Arbeitern und Bauern alles nehmen, was ihnen die Oktoberrevolution gebracht hat. Das hoch erhobene Banner der russischen sozialen Revolution lässt den internationalen Räubern, den Imperialisten, keine Ruhe, und so sind sie gegen uns, gegen die Sowjetmacht, die Macht der Arbeiter und Bauern, in den Krieg gezogen.

Ihr erinnert euch, Genossen, wie zu Beginn der Revolution die Franzosen und Engländer immer wieder versicherten, sie wären „Verbündete“ des freien Russlands. Jetzt haben diese „Verbündeten“ ihr wahres Gesicht gezeigt. Mit Lug und Trug haben diese Leute, die da sagten, sie wollten keinen Krieg gegen Russland führen, die Murmanküste besetzt, dann haben sie Kem eingenommen und damit begonnen, unsere Genossen, die Sowjetfunktionäre, zu erschießen. Natürlich, sie kämpfen nicht gegen die russische Bourgeoisie, nicht gegen die russischen Kapitalisten, aber den Sowjets, den Arbeitern und Bauern, haben sie den Krieg erklärt.

Die französische und die russische Bourgeoisie hat in den Tschechoslowaken aktive Helfer gefunden – diese korrupten Elemente sind natürlich nicht uneigennützig gegen uns in den Krieg gezogen, und wir wissen auch, wessen Millionen die Tschechoslowaken in den Krieg gegen die Sowjetmacht getrieben haben; das englische und französische Gold hat sie auf uns gehetzt. Aber auch außer den Tschechoslowaken haben sich Leute gefunden, die nicht abgeneigt wären, die Sowjetmacht zu vernichten: zusammen mit den Tschechoslowaken wärmen sich auch unsere „Retter des Vaterlerlands“, Dutow, Alexejew u.a., an dem englischen und französischen Gold und warten nun auf den russischen Goldregen. Die Sowjetmacht hat viele Feinde. Stehen wir aber allein da, Genossen ?

Ihr erinnert euch, dass es im Januar, als die Flamme der sozialen Revolution eben im Auflodern war, in Deutschland schon zu einem Massenstreik kam; jetzt, nach 8 Monaten, sehen wir Massenstreiks schon in verschiedenen Ländern: Massenstreiks der Arbeiter in Österreich, in Italien streiken unsere Genossen ebenfalls. Das Ende der Bedränger der Werktätigen ist nahe. Die Imperialisten aller Länder graben sich selbst ihr Grab.

Weil sie sich gegenseitig ausplündern wollen, geht der Krieg weiter. In diesem Raubkrieg sind zwei Giftschlangen aneinander geraten: der englisch-französische und der deutsche Imperialismus. Um ihres Vorteils, um des Sieges des Einen oder des Anderen willen, mussten schon 10 Millionen Bauern und Arbeiter ihr Leben lassen, und 20 Millionen wurden zu Krüppeln; viele Millionen sind mit der Herstellung der Todeswaffen beschäftigt. In allen Ländern werden die kräftigsten und gesündesten Männer zum Heeresdienst eingezogen, die Blüte der Menschheit geht zu Grunde --- Und wofür ? Damit der eine dieser Aasgeier über den anderen siege …

Die Sowjetmacht hat erklärt: Wir wollen keinen Krieg, weder gegen die Deutschen noch gegen die Engländer und Franzosen; wir wollen nicht Menschen umbringen, die Arbeiter und Bauern sind wie wir. Für uns sind sie keine Feinde. Wir haben einen anderen Feind – die Bourgeoisie, sei es die deutsche, die französische oder die russische, die sich jetzt mit der englischen und französischen Bourgeoisie verbündet hat.

In allen Ländern erschallen unsere Losungen, wird unser revolutionäres Banner entrollt. In Amerika – in diesem Land, das früher das freieste Land der Welt genannt wurde – sind die Gefängnisse überfüllt mit Sozialisten; in Deutschland finden die Worte des österreichischen Sozialisten Friedrich Adler: „Richtet eure Bajonette nicht gegen die russischen Arbeiter und Bauern, sondern gegen eure eigene Bourgeoisie“ unter den Arbeitern und Soldaten weite Verbreitung … Noch ist das Ende des von den Kapitalisten angezettelten Völkermordes nicht abzusehen. Je mehr Siege Deutschland erringt, desto mehr Räuber gleich ihm schließen sich der anderen Seite an, und jetzt steht neben den Engländern und Franzosen auch schon Amerika im Krieg. Dem Krieg werden nur die Arbeiter ein Ende setzen: die Weltrevolution wird unvermeidlich kommen. In Deutschland hat schon eine „defätistische“ Bewegung begonnen, so wie wir sie bei uns hatten; in Italien und in Österreich kommt es zu Massenstreiks; in Amerika werden Massenverhaftungen von Sozialisten vorgenommen.

Und im bangen Vorgefühl ihres Untergangs machen die Kapitalisten und Gutsbesitzer die äußersten Anstrengungen, um die revolutionäre Bewegung abzuwürgen. Die russischen Kapitalisten strecken den englischen und französischen Kapitalisten und Gutsbesitzern die Hand entgegen.

Jetzt gibt es zwei Fronten: auf der einen Seite die Arbeiter und Bauern, auf der anderen – die Kapitalisten. Der letzte, entscheidende Kampf bricht an. Jetzt kann es keine Verständigung mit der Bourgeoisie geben. Siegen müssen entweder sie oder wir.

Im Jahre 1871 hat die Bourgeoisie die Macht der Pariser Arbeiter gestürzt. Aber damals hat es nur wenige klassenbewusste Arbeiter, wenige revolutionäre Kämpfer gegeben. Heute steht hinter den Arbeitern die arme Bauernschaft, und die Bourgeoisie wird nun schon nicht mehr triumphieren können, wie sie es 1871 getan hat.

Die Arbeiter halten die Fabriken und Werke fest in ihren Händen, die Bauernschaft wird das Land den Gutsbesitzern nicht zurückgeben. Und um der Verteidigung dieser Errungenschaften willen erklären wir auch allen Marodeuren und Schiebern den Krieg. Nicht nur mit Kanonen und Maschinengewehren bedroht man uns, nein, sie bedrohen uns auch mit dem Hunger.

Wir erklären den Reichen den Krieg und sagen: „Frieden den Hütten!“

Wir werden den Schiebern alle Vorräte wegnehmen und die arbeitende arme Bevölkerung nicht ihrem Schicksal überlassen ! (Die Worte des Genossen Lenin gehen in stürmischem Beifall unter.)

Nach dem Text der Zeitung „Der Soldat der Revolution“ [Zarizyn ], Nr. 14, 23. August 1918