1918

W. I. Lenin







Rede auf einer Kundgebung des



Warschauer Revolutionären Regiments



2. August 1918



(Zeitungsbericht: Abendausgabe der Nachrichten des Moskauer Sowjets Nr. 15, 3. August 1918)

Lenin, Band 28, Seite 24 - 26





(Im Saal erscheint Genosse Lenin, begrüßt von begeistertem Beifall und den machtvollen Klängen der „Internationale“.)

Ich denke, sagt Genosse Lenin, wir alle, die polnischen wie die russischen Revolutionäre, sind heute von dem einen Wunsch beseelt, alles zu tun, um die Errungenschaften der ersten großen sozialistischen Revolution, der unweigerlich eine Reihe von Revolutionen in anderen Ländern folgen werden, zu verteidigen. Die Schwierigkeit für uns besteht darin, dass wir genötigt waren, bedeutend früher zu beginnen als die Arbeiter in kulturell höher stehenden, zivilisierten Ländern.

Den Weltkrieg haben die Kräfte des internationalen Kapitals heraufbeschworen – zwei Koalitionen räuberischer Mächte. Vier Jahre wird nun schon in der Welt das Blut in Strömen vergossen, um zur Entscheidung zu kommen, welche von diesen beiden räuberischen Imperialistengruppen auf der Erde herrschen soll. Unser Gefühl, unser Empfinden sagt uns, dass der verbrecherische Krieg weder mit dem Sieg der einen noch der anderen Seite anden kann. Mit jedem Tag wird es klarer, die Imperialisten können dem Krieg kein Ende bereiten, das kann nur die siegreiche proletarische Revolution. Und je schwieriger jetzt die Lage der Arbeiter in allen Ländern wird, je wütender man das freie proletarische Wort verfolgt, desto größer wird die Verzweiflung der Bourgeoisie, denn sie kann der anwachsenden Bewegung nicht mehr Herr werden. Wir sind zeitweilig von den Hauptkräften der sozialistischen Armee getrennt, die voll Hoffnung auf uns schauen und ihrer Bourgeoisie zurufen: Ihr könnt noch so wüten, wir werden trotzdem dem russischen Beispiel folgen und es so machen, wie es die russischen Bolschewiki getan haben.

Wir wollten den Frieden, fährt Genosse Lenin fort. - Eben weil Sowjetrussland der ganzen Welt den Frieden angeboten hatte, l.ieß man im Februar die deutschen Truppen gegen uns marschieren. Jetzt haben wir uns mit eigenen Augen davon überzeugt, dass die eine Imperialistengruppe um nichts besser ist als die andere. Die eine wie die andere hat gelogen und lügt weiter, sie führe einen „Befreiungskrieg“. Wie sich vor einiger Zeit das räuberische Deutschland durch die ganze Schande des Brester Friedens entlarvt hat, so entlarvt sich jetzt das englisch-französische Kapital. Die Engländer und Franzosen machen jetzt die äußersten Anstrengungen, um uns in den Krieg hineinzuziehen. Sie haben sich jetzt – durch ihre Generäle und Offiziere – für 15 Millionen neue Sklaven gekauft, die Tschechoslowaken, um sie in ein Abenteuer zu stürzen, um den tschechoslowakischen Aufruhr zu einer Bewegung der Weißgardisten und Gutsbesitzer zu machen. Und das Seltsame dabei ist, dies alles geschieht um der „Verteidigung“ Russlands willen. Die „freiheitliebenden“ und „gerechten“ Engländer packen jeden an der Gurgel, sie besetzen das Murmangebiet, englische Kreuzer nähern sich Archangelsk und beschießen die Küstenbatterien – und das alles um die „Verteidigung“ Russlands willen. Es ist vollkommen klar, dass sie Russland mit einem Ring imperialistischer Räuber umgeben und es abwürgen wollen, weil es ihre Geheimverträge entlarvt und durchkreuzt hat.

Unsere Revolution hat es erreicht, dass die Arbeiter Englands und Frankreichs als Ankläger ihrer Regierungen auftreten. In England, wo Burgfrieden herrschte und der Widerstand der Arbeiter gegen den Aozialismus am stärksten war, weil sie an der Ausplünderung der Kolonien teilhatten, wenden sich jetzt die Arbeiter vom Burgfrieden mit der Bourgeoisie ab und brechen ihn.

Die französischen Arbeiter verurteilen die Politik der Einmischung in die russischen Angelegenheiten. Deshalb setzen die Kapitalisten dieser Länder sie in Empörung.

Wir wissen, dass der Krieg seinem Ende zugeht; wir wissen, dass die Imperialisten ihn nicht werden beenden können; wir wissen, dass wir einen zuverlässigen Bundesgenossen haben, deshalb müssen wir alle Kräfte anspannen und die äußersten Anstrengungen machen. Entweder die Macht der Kulaken, Kapitalisten und des Zaren, wie das bei den misslungenen Revolutionen im Westen der Fall war, oder die Macht des Proletariats. Wenn ihr an die Front geht, müsst ihr vor allem stets daran denken, dass dies der einzige legitime, gerechte, geheiligte Krieg der Unterdrückten und Ausgebeuteten gegen die Unterdrücker und Räuber ist.

Das Bündnis von Revolutionären verschiedener Nationen, wovon die Besten der Menschheit geträumt haben, ein echtes Bündnis von Arbeitern und nicht von intelligenzlerischen Träumern, ist jetzt im Entstehen begriffen.

Die Überwindung nationalen Haders und Misstrauens ist die Gewähr für den Sieg.

Euch ist die große Ehre zuteil geworden, mit der Waffe in der Hand die heiligen Ideen zu verteidigen, Im Kampfe Schulter an Schulter mit den Deutschen, Österreichern und Madjaren, die euch gestern noch an der Front als Feinde gegenüber standen, die internationale Brüderlichkeit zwischen den Völkern praktisch herbeiführen.

Ich bin überzeugt, Genossen, wenn ihr alle militärischen Kräfte zu einer mächtigen internationalen Roten Armee zusammenschließt und diese eisernen Bataillone gegen die Ausbeuter in Marsch setzt, gegen die Gewalttäter, gegen die Schwarzhundertschaften der ganzen Welt unter dem Kampfruf „Sieg oder Tod!“ - dann hält uns keine Macht der Imperialisten stand ! (Die letzten Worte der Rede des geliebten Führers gehen in anhaltendem, stürmischem Beifall unter.)

Nach dem Text der Zeitung