Lenin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

REDE IM MOSKAUER SOWJET DER ARBEITER-, BAUERN- UND ROTARMISTENDEPUTIERTEN

12. März 1918

Stenografischer Bericht



Genossen!

Wir feiern den Jahrestag der russischen Revolution zu einem Zeitpunkt, wo die Revolution schwere Tage durchmacht, wo viele drauf und dran sind, dem Kleinmut und der Enttäuschung anheimzufallen. Wenn wir aber um uns blicken, wenn wir uns an das erinnern, was die Revolution in diesem Jahr getan hat und wie die internationale Lage sich gestaltet, so bleibt bei niemand von uns, davon bin ich überzeugt, Platz weder für Verzweiflung noch für Kleinmut. Es kann keinen Zweifel daran geben, daß die Sache der internationalen sozialistischen Revolution, die im Oktober begonnen worden ist, trotz der Schwierigkeiten und Hindernisse, trotz aller Anstrengungen ihrer Feinde siegen wird.

Genossen, erinnern Sie sich, welche Wege die russische Revolution gegangen ist...

Wie im Februar, dank dem Zusammengehen des Proletariats und der Bourgeoisie, die erkannt hatte, daß unter dem Zarismus die Existenz sogar der bürgerlichen Gesellschaft unmöglich war, im Laufe von wenigen Tagen, dank dem Zusammenwirken der Arbeiter und des aufgeklärtesten Teils der Bauernschaft, nämlich der Soldaten, die alle Schrecken des Krieges erlebt hatten — wie es ihnen im Laufe von wenigen Tagen gelang, die Monarchie zu stürzen, die in den Jahren 1905,1906,1907 sich gegen unvergleichlich schwerere Schläge zur Wehr gesetzt und das revolutionäre Rußland in Blut ertränkt hatte. Und als nach dem Februarsieg die Bourgeoisie an die Macht kam, begann die Revolution sich mit unglaublicher Schnelligkeit weiterzuentwickeln.

Die russische Revolution schuf etwas, wodurch sie sich kraß von den Revolutionen in Westeuropa unterscheidet. Sie schuf eine revolutionäre Masse, die durch das Jahr 1905 zur selbständigen Aktion vorbereitet worden war; sie schuf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, die unendlich demokratischere Organe sind als alle früheren Organe und es ermöglichen, die rechtlose Masse der Arbeiter, Soldaten und Bauern zu erziehen, zu heben, sie mitzureißen; und dank diesen Umständen legte die russische Revolution in ein paar Monaten jene Etappe des Paktierens mit der Bourgeoisie zurück, die in Westeuropa ganze Jahrzehnte in Anspruch nahm.

Die Bourgeoisie erklärt jetzt, die Arbeiterklasse und ihre Vertreter — die Bolschewiki — seien schuld daran, daß die Armee sich nicht auf der Höhe ihrer Aufgaben befunden habe. Wir aber sehen jetzt: wenn damals, im März, im April, nicht die Paktierer, nicht Bourgeois am Ruder gewesen wären, die sich Pöstchen erschacherten, die Kapitalisten an die Macht brachten und gleichzeitig die Armee ohne Bekleidung und Verpflegung ließen, als solche Herrschaften an der Macht standen, wie Kerenski, die sich Sozialisten nannten, in Wirklichkeit aber in allen Taschen Geheimverträge versteckt hielten, die das russische Volk verpflichteten, bis 1918 zu kämpfen, dann wäre es vielleicht möglich gewesen, die russische Armee und die Revolution vor jenen unglaublich schweren Prüfungen und Demütigungen zu bewahren, die wir durchmachen mußten. Wenn damals die Macht an die Sowjets übergegangen wäre, wenn die Paktierer damals, anstatt Kerenski dabei zu helfen, die Armee ins Feuer zu treiben, einen demokratischen Frieden angeboten hätten, dann wäre die Armee nicht so zugrunde gerichtet worden. Sie hätten ihr sagen müssen: Gewehr bei Fuß!

In der einen Hand hätte sie den zerrissenen Geheimvertrag mit den Imperialisten und das Angebot eines demokratischen Friedens an alle Völker und in der anderen Hand das Gewehr und die Kanone halten müssen, und die Front hätte ganz unversehrt bleiben müssen. Dann hätte man die Armee und die Revolution retten können. Eine derartige Geste, sogar vor einem solchen Feind wie dem deutschen Imperialismus, sogar wenn die gesamte Bourgeoisie, alle Kapitalisten der ganzen Welt, alle Vertreter der bürgerlichen Parteien ihn unterstützt hätten — hätte dennoch stets der Sache von Nutzen sein können. Sie hätte den Feind in eine Lage bringen können, daß er einerseits den ihm angebotenen demokratischen Frieden und die entlarvten Verträge, anderseits das Gewehr gesehen hätte. Jetzt haben wir keine solche starke Front. Ohne Artillerie können wir sie nicht festigen. Sie wiederherzustellen ist allzu schwer, das geht allzu langsam vor sich, denn mit einem solchen Feind haben wir noch nicht zu tun gehabt.

Etwas anderes war der Kampf gegen den Idioten Romanow oder den Prahlhans Kerenski, hier aber haben wir es mit einem Feind zu tun, der alle seine Kräfte und das ganze wirtschaftliche Leben des Landes organisiert hat, um sich vor der Revolution zu schützen. Wir wußten, daß die Kerenskiregierung, anstatt die imperialistischen Verträge zu zerreißen, im Juni 1917 die Soldaten zur Offensive trieb, wodurch deren Kräfte endgültig geschwächt wurden. Und wenn jetzt die Bourgeoisie über unerhörten Zerfall und nationale Schmach zetert, glauben die Leute etwa, daß die Revolution, die der Krieg geboren hat, die die unerhörte Zerstörung geboren hat, daß sie so ruhig, glatt, friedlich, ohne Qualen, ohne Peinigungen, ohne Schrecken vor sich gehen kann? Wenn irgend jemand sich die Geburt der Revolution so vorgestellt hat, so sind das entweder leere Worte oder nur jemand von den knieweichen Intellektuellen kann so denken, die den Sinn dieses Krieges und der Revolution nicht verstehen. Jawohl, so urteilen sie. Wir aber sehen klar, wie sich durch diesen ganzen Prozeß hindurch ein gewaltiger Aufschwung des Volkes vollzieht, was die Leute nicht sehen, die über nationale Schmach schreien.

Wie dem auch sei, wir sind aus dem Krieg ausgeschieden. Wir sagen nicht, daß wir ausgeschieden sind, ohne etwas herzugeben, ohne einen Tribut zu zahlen. Aber wir sind aus dem Krieg ausgeschieden. Wir haben dem Volke eine Atempause verschafft. Wir wissen nicht, ob diese Atempause von längerer Dauer sein wird. Vielleicht wird sie von sehr kurzer Dauer sein, denn sowohl vom Westen als auch vom Osten her rücken imperialistische Räuber gegen uns an, und unvermeidlich wird ein neuer Krieg beginnen. Nein, wir schließen die Augen nicht vor der Tatsache, daß bei uns alles zerstört ist. Aber das Volk hat es fertiggebracht, sich der Zarenregierung und der bürgerlichen Regierung zu entledigen und Sowjetorganisationen zu scharfen, die erst jetzt, wo die Soldaten von der Front zurückgekehrt sind, bis ins letzte abgelegene Dorf gedrungen sind. Sowohl die Notwendigkeit als auch den Sinn der Sowjets hat die unterste, die am stärksten unterjochte Schicht, die unterdrückte Masse begriffen, die von den Zaren, den Gutsbesitzern, den Kapitalisten drangsaliert wurde, der es selten gelang, ihr innerstes Wollen, ihre Schöpferkraft zur Tat werden zu lassen. Sie erreichte es, daß die Sowjetmacht nicht Gemeingut der großen Städte und Fabrikorte blieb, sondern auch in alle abgelegenen Winkel drang. Jeder Bauer, der von der Staatsmacht bisher nur unterdrückt und geplündert worden war, sieht jetzt eine Regierung der Armen am Ruder, eine Regierung, die von ihm selbst gewählt wird, die ihn aus der Unterjochung herausgeführt hat und trotz aller unerhörten Hindernisse und Schwierigkeiten ihn auch weiterbringen wird.

Genossen! wenn wir jetzt Tage einer schweren Niederlage und Unterjochung durchmachen, wo die preußischen Junker und Imperialisten der russischen Revolution den Stiefel auf die Brust gesetzt haben, so bin ich überzeugt — wie groß auch in einzelnen Kreisen die Empörung und Entrüstung sein mag —, daß in der Tiefe der Volksmasse ein Prozeß des Schaffens, des Auf speicherns von Energie, von Disziplin vor sich geht, der uns die Festigkeit geben wird, alle Schläge auszuhalten, und der beweist, daß wir die Revolution nicht verraten haben und nicht verraten werden.

Wenn wir aber diese Prüfungen und Niederlagen durchmachen mußten, so ist das geschehen, weil die Geschichte nicht so glatt und nett vonstatten geht, daß alle Werktätigen sich gleichzeitig mit uns in allen Ländern erheben.

Wir dürfen nicht vergessen, mit was für einem Feind wir es zu tun haben. Bedeuten etwa all die Feinde, mit denen wir bisher zu tun hatten, sowohl Romanow als auch Kerenski und die russische Bourgeoisie, stupide, unorganisiert, kulturlos, wie sie ist/die gestern noch den Stiefel Romanows leckte und dann mit den Geheimverträgen in der Tasche herumlief — bedeuten sie irgend etwas im Vergleich zur internationalen Bourgeoisie, die alles, was der menschliche Geist errungen, in ein Werkzeug zur Unterdrückung des Willens der Werktätigen verwandelt und ihre ganze Organisation auf die Vernichtung von Menschen abgestellt hat?

Ein solcher Feind ist zu einem Zeitpunkt über uns hergefallen, wo wir endgültig abgerüstet haben, wo wir rundheraus sagen müssen: Wir haben keine Armee, ein Land aber, das seine Armee verloren hat, muß auch einen unerhört schändlichen Frieden annehmen.

Wir werden niemand untreu, wir verraten niemand, wir verweigern unseren Brüdern nicht die Hilfe. Aber wir müssen den unerhört schweren Frieden annehmen, müssen entsetzliche Bedingungen annehmen, müssen den Rückzug antreten, um Zeit zu gewinnen, solange noch Zeit da ist, damit die Bundesgenossen herankommen können, und Bundesgenossen haben wir. Wie groß auch der Haß gegen den Imperialismus, wie stark auch das Gefühl, das berechtigte Gefühl der Entrüstung und Empörung gegen ihn sein mag, wir müssen uns bewußt sein, daß wir jetzt Vaterlandsverteidiger sind. Wir verteidigen keine Geheimverträge, wir verteidigen den Sozialismus, wir verteidigen das sozialistische Vaterland. Um aber die Möglichkeit zu bekommen, es zu verteidigen, mußten wir die schlimmsten Demütigungen in Kauf nehmen. Wir wissen, daß es in der Geschichte eines jeden Volkes Zeiten gibt, wo man vor dem Ansturm eines Feindes mit stärkeren Nerven zurückweichen muß. Wir haben einen Aufschub erhalten und müssen ihn ausnutzen, damit die Armee'sich einigermaßen erhole, damit sie in ihrer Masse begreife — nicht nur die Zehntausende, die in den großen Städten die Kundgebungen besuchen, sondern auch die Millionen und Dutzende Millionen, die sich in die Dörfer verlaufen haben —, damit sie begreifen, daß der alte Krieg zu Ende ist, daß ein neuer Krieg beginnt, ein Krieg, auf den wir mit einem Friedensangebot geantwortet haben, ein Krieg, in dem wir Zugeständnisse gemacht haben, um unsern Mangel an Disziplin, unsere Trägheit, unsere Schlappheit zu überwinden, mit denen behaftet wir wohl den Zarismus und die russische Bourgeoisie besiegen konnten, aber nicht die europäische, die internationale Bourgeoisie besiegen können. Wenn wir es verstehen, sie zu überwinden, so werden wir gewonnenes Spiel haben, denn wir haben Verbündete, und dessen sind wir gewiß.

Was sich auch die internationalen Imperialisten jetzt herausnehmen mögen, wo sie unsere Niederlage sehen, in ihren Ländern reifen ihre Feinde und unsere Verbündeten heran. Wir wußten und wissen mit Bestimmtheit, daß in der deutschen Arbeiterklasse dieser Prozeß vielleicht langsamer vor sich geht, als wir es erwartet haben, als wir es vielleicht wünschen, aber unzweifelhaft ist es, daß die Empörung gegen die Imperialisten wächst, daß die Zahl der Bundesgenossen in unserer Arbeit wächst und daß sie uns zu Hilfe kommen werden.

Versteht es, Kräfte zu sammeln, versteht es, eine Losung auszugeben, führt Disziplin ein — das ist unsere Pflicht gegenüber der sozialistischen Revolution. Unter solchen Umständen werden wir imstande sein, uns zu behaupten, bis das verbündete Proletariat uns zu Hilfe kommt, und zusammen mit ihm werden wir alle Imperialisten und alle Kapitalisten besiegen.


Jswestija WZJK" Nr. 47, 14. März 1918.