Lenin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

16. (3.) Mai 1917

Lenin, Band 23, Seite 301 - 305

Thesenentwurf vom 4. (17.) März 1917

Den „Thesenentwurf vom 4.(17.) März 1917" schrieb W. I. Lenin in Zürich, nachdem er die ersten Nachrichten über die bürgerlich-demokratische Februarrevolution erhalten hatte. Lenin sandte den Entwurf nach Stockholm als Anleitung für die nach Russland abreisenden Bolschewiki.


 

Die Nachrichten aus Russland, die bis jetzt, d. h. bis zum 17. III. 1917, in Zürich vorliegen, sind so dürftig, und die Ereignisse entwickeln sich jetzt in unserem Land so rasch, dass man die Lage nur sehr vorsichtig beurteilen darf.

Gestern schilderten die Telegramme die Dinge so, als hätte der Zar bereits abgedankt und die neue oktobristisch-kadettische Regierung [1] bereits ein Übereinkommen mit anderen Vertretern der Dynastie Romanow getroffen. Heute liegt eine Nachricht aus England vor, wonach der Zar noch nicht abgedankt hat und sein Aufenthaltsort unbekannt ist! Der Zar versucht also Widerstand zu leisten und eine Partei, vielleicht gar eine Armee für die Restauration zu organisieren; um das Volk irrezuführen, wird er möglicherweise, wenn es ihm gelingt, aus Russland zu flüchten oder einen Teil der Truppen für sich zu gewinnen, ein Manifest erlassen, in dem er bekanntgibt, dass er einen Separatfrieden mit Deutschland geschlossen hat, der sofort in Kraft tritt!

Bei einer solchen Lage der Dinge steht das Proletariat vor einer ziemlich komplizierten Aufgabe. Selbstverständlich muss es sich möglichst gut organisieren, seine Kräfte sammeln, sich bewaffnen und sein Bündnis mit allen Schichten der werktätigen Massen in Stadt und Land festigen und entwickeln, damit es der zaristischen Reaktion eisernen Widerstand leisten und die zaristische Monarchie endgültig niederwerfen kann.

Anderseits besteht die neue Regierung, die in Petersburg die Macht ergriffen oder richtiger sie dem Proletariat nach seinem siegreichen, heldenmütigen und blutigen Kampf aus den Händen gerissen hat, aus liberalen Bourgeois und Gutsbesitzern, in deren Schlepptau sich Kerenski befindet, der Vertreter der demokratischen Bauernschaft und möglicherweise eines Teils der Arbeiter, die sich verleiten ließen, der Bourgeoisie Gefolgschaft zu leisten, und die den Internationalismus vergessen haben. Die neue Regierung besteht aus notorischen Anhängern und Verteidigern des imperialistischen Krieges mit Deutschland, d. h. des Krieges im Bunde mit den imperialistischen Regierungen Englands und Frankreichs, eines Raubkrieges, eines Krieges um die Eroberung fremder Länder – Armeniens, Galiziens, Konstantinopels usw.

Die neue Regierung kann den Völkern Russlands (und auch den Nationen, die durch den Krieg mit uns verbunden sind) weder Frieden und Brot noch volle Freiheit geben, und deshalb muss die Arbeiterklasse ihren Kampf für den Sozialismus und den Frieden fortsetzen, dafür die neue Situation ausnützen und sie den breitesten Volksmassen klarmachen.

Die neue Regierung kann keinen Frieden bringen, einerseits weil sie die Repräsentantin der Kapitalisten und Gutsbesitzer ist, und anderseits weil sie durch Verträge und finanzielle Verpflichtungen an die Kapitalisten Englands und Frankreichs gebunden ist. Die Sozialdemokratie Russlands, die dem Internationalismus die Treue hält, muss deshalb die den Frieden herbei sehnenden Volksmassen vor allem und in erster Linie darüber aufklären, dass unter der gegenwärtigen Regierung der Frieden unmöglich errungen werden kann. Diese Regierung hat in ihrem ersten Manifest an das Volk (am 17. III.) kein Wort über den Frieden, die Haupt- und Grundfrage der Gegenwart, gesagt. Sie hält die Raubverträge geheim, die der Zarismus mit England, Frankreich, Italien, Japan usw. geschlossen hat. Die Regierung will dem Volk die Wahrheit über ihr Kriegsprogramm vorenthalten, die Wahrheit, dass sie für den Krieg, für den Sieg über Deutschland ist. Sie ist nicht imstande, das zu tun, was die Völker jetzt brauchen: unverzüglich und offen allen kriegführenden Ländern vorzuschlagen, sofort einen Waffenstillstand und dann einen Frieden auf der Grundlage der völligen Befreiung der Kolonien und aller abhängigen und nicht voll berechtigten Nationen zu schließen. Um das zu verwirklichen, ist eine Arbeiterregierung notwendig, die verbündet ist 1. mit den Massen der armen Dorfbevölkerung und 2. mit den revolutionären Arbeitern aller kriegführenden Länder.

Brot kann die neue Regierung dem Volk nicht geben. Keine Freiheit aber vermag die Massen zu befriedigen, die Hunger leiden, weil es an Lebensmitteln fehlt, weil sie falsch verteilt werden, weil, was die Hauptsache ist, die Gutsbesitzer und Kapitalisten sie mit Beschlag belegt haben. Um den Völkern Brot zu geben, müssen revolutionäre Maßnahmen gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten ergriffen werden, solche Maßnahmen aber kann nur eine Arbeiterregierung durchführen.

Die neue Regierung ist auch nicht imstande, dem Volk volle Freiheit zu geben, obwohl sie in ihrem Manifest vom 17. III. 1917 von nichts anderem als von politischer Freiheit spricht, wobei sie die übrigen, nicht weniger wichtigen Fragen mit Schweigen übergeht. Die neue Regierung hat bereits versucht, sich mit der Dynastie Romanow zu verständigen, denn sie hat sich unter Missachtung des Volkswillens bereit erklärt, die Dynastie Romanow anzuerkennen, wenn Nikolaus II. abdankt und ein Regent aus dem Hause Romanow für seinen Sohn ernannt wird. Die neue Regierung verspricht in ihrem Manifest alle möglichen Freiheiten, aber erfüllt nicht ihre unmittelbare und unumgängliche Pflicht, die Freiheit sofort zu verwirklichen, die Wahl der Offiziere usw. durch die Soldaten vornehmen zu lassen, Wahlen zu den Stadtdumas von Petersburg, Moskau usw. auf der Grundlage eines wirklich allgemeinen und nicht nur von den Männern ausgeübten Wahlrechts auszuschreiben, alle staatlichen und öffentlichen Gebäude für Volksversammlungen freizugeben, die Wahl aller örtlichen Behörden und der Semstwos auf der Grundlage eines ebensolchen wirklich allgemeinen Wahlrechts festzusetzen, alle Beschränkungen der Rechte der lokalen Selbstverwaltungen aufzuheben, alle Beamten, die von oben zur Überwachung der lokalen Selbstverwaltung ernannt wurden, abzusetzen, nicht nur die Konfessionsfreiheit, sondern auch die Freiheit von der Religion zu verwirklichen, unverzüglich die Schule von der Kirche zu trennen und die Schule von bürokratischer Bevormundung zu befreien usw.

Das ganze Manifest der neuen Regierung vom 17. III. erweckt höchstes Misstrauen, denn es besteht nur aus Versprechungen und verwirklicht keine einzige der überaus dringenden Maßnahmen, die sofort durchgeführt werden könnten und müssten.

Die neue Regierung sagt in ihrem Programm kein Wort vom Achtstundentag und von anderen Maßnahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter, kein Wort davon, dass die Bauern Land erhalten, dass den Bauern alle Gutsbesitzerländereien entschädigungslos übergeben werden sollen, und offenbart durch das Verschweigen dieser brennenden Fragen, dass sie eine Regierung der Kapitalisten und Gutsbesitzer ist.

Frieden, Brot und volle Freiheit kann das Volk nur von einer Arbeiterregierung erhalten, die sich 1. auf die überwiegende Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung, auf die Landarbeiter und die armen Bauern und 2. auf das Bündnis mit den revolutionären Arbeitern aller kriegführenden Länder stützt.

Das revolutionäre Proletariat kann deshalb die Revolution vom 1. (14.) III. nur als einen ersten, bei weitem noch nicht vollständigen Sieg auf seinem großen Weg betrachten, es muss sich die Aufgabe stellen, den Kampf für die Erringung der demokratischen Republik und des Sozialismus weiterzuführen.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen das Proletariat und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands vor allem jene relative und unvollständige Freiheit ausnützen, die die neue Regierung gewährt und die nur durch weiteren, noch energischeren und hartnäckigeren revolutionären Kampf gesichert und erweitert werden kann.

Es ist notwendig, dass alle Werktätigen in Stadt und Land wie auch die Soldaten die Wahrheit über die gegenwärtige Regierung und ihre wirkliche Stellung zu den lebenswichtigen Fragen erfahren. Es ist notwendig, Sowjets der Arbeiterdeputierten zu bilden und die Arbeiter zu bewaffnen; es ist notwendig, proletarische Organisationen auch in der Armee (der die neue Regierung ebenfalls politische Rechte verspricht) und auf dem Lande zu schaffen; notwendig ist vor allem eine besondere Klassenorganisation der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter.

Nur wenn die breitesten Massen der Bevölkerung über alles unterrichtet und wenn sie organisiert sind, ist der volle Sieg der nächsten Etappe der Revolution und die Eroberung der Macht durch eine Arbeiterregierung gesichert.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, die in revolutionärer Zeit und auf Grund der harten Lehren des Krieges vom Volk unvergleichlich schneller verstanden wird als unter gewöhnlichen Umständen, muss die Partei des revolutionären Proletariats, die dem Internationalismus treu geblieben ist und sich von den verlogenen bürgerlichen Phrasen und das Volk betrügenden Reden über die „Verteidigung des Vaterlandes" im gegenwärtigen imperialistischen Raubkrieg nicht hat einfangen lassen, ihre ideologische und organisatorische Selbständigkeit wahren.

Weder die jetzige Regierung noch eine bürgerlich-demokratische republikanische Regierung, wenn sie nur aus Kerenski und anderen volkstümlerischen oder „marxistischen" Sozialpatrioten besteht, sind imstande, das Volk vom imperialistischen Krieg zu befreien und den Frieden zu garantieren.

Deshalb darf es für uns keine Blocks, keine Bündnisse und nicht einmal Abkommen mit den Anhängern der Vaterlandsverteidigung in der Arbeiterschaft geben, weder mit der Richtung Gwosdew-Potressow-Tschchenkeli-Kerenski usw. noch mit Leuten, die wie Tschcheidse usw. in dieser grundlegenden Frage eine schwankende und unbestimmte Haltung einnehmen. Dergleichen Abmachungen würden nicht nur die Massen irreführen und sie von der imperialistischen Bourgeoisie Russlands abhängig machen, sondern würden auch die führende Rolle des Proletariats bei der Befreiung der Völker von imperialistischen Kriegen, bei der Sicherung eines wirklich festen Friedens zwischen den Arbeiterregierungen aller Länder schwächen und untergraben.

 

 

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Anmerkung:

[1] Gemeint ist die bürgerliche Provisorische Regierung, die am 2. (15.) März 1917 auf Grund einer hinter dem Rücken der Bolschewiki getroffenen Abmachung zwischen dem Provisorischen Komitee der Reichsduma und den sozialrevolutionär-menschewistischen Führern des Exekutivkomitees des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten gebildet wurde. Mitglieder der Regierung waren Fürst Lwow, der Kadettenführer Miljukow, der Führer der Oktobristen, Gutschkow, und andere Vertreter der Bourgeoisie und der Gutsbesitzer. Als Vertreter der „Demokratie" erhielt der Sozialrevolutionär Kerenski einen Sitz in der Regierung.