Lenin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenin, Band 23, Seite 358 - 362

An die Kameraden, die in der Kriegsgefangenschaft schmachten

[Geschrieben Mitte März 1917 (a. St.).

1917 als Flugblatt veröffentlicht.

 

Kameraden! In Russland ist Revolution.

Die Arbeiter von Petrograd und Moskau waren erneut die Initiatoren der großen Freiheitsbewegung. Sie haben den politischen Streik ausgerufen. Sie sind mit roten Fahnen auf die Straße gegangen. Wie die Löwen haben sie gegen die zaristische Polizei, die Gendarmerie und jenen kleinen Teil der Truppen gekämpft, der nicht sofort auf die Seite des Volkes übergegangen ist. Allein in Petrograd gab es über 2000 Tote und Verwundete. Mit ihrem Blut haben die russischen Arbeiter die Freiheit unseres Landes erkauft.

Die Forderungen der Arbeiter waren: Brot, Freiheit, Frieden.

Brot – weil das Volk in Russland genauso wie in fast allen am gegenwärtigen Raubkrieg beteiligten Ländern hungert.

Freiheit – weil die zaristische Regierung den Krieg ausgenutzt hat, um ganz Russland endgültig in ein einziges Gefängnis zu verwandeln.

Frieden – weil die Arbeiter Russlands ebenso wie die klassenbewussten Arbeiter der anderen Länder nicht mehr für die Interessen eines Häufleins Reicher sterben und nicht länger an dem verbrecherischen Krieg teilnehmen wollen, der von den gekrönten und ungekrönten Räubern begonnen wurde.

Die Soldaten der Petersburger und der Moskauer Garnison sind in ihrer Mehrheit auf die Seite der aufständischen Arbeiter übergegangen. Die Arbeiter und Bauern im Soldatenrock haben den nicht im Soldatenrock steckenden Arbeitern und Bauern brüderlich die Hand gereicht. Der beste Teil des Offizierskorps hat sich zur Revolution bekannt. Die Offiziere, die gegen das Volk vorgehen wollten, wurden von den Soldaten erschossen.

Die Arbeiter und Soldaten haben die Revolution gemacht. Aber die Macht hat zunächst, wie das auch in anderen Revolutionen der Fall war, die Bourgeoisie an sich gerissen. Die Reichsduma, in der die Gutsbesitzer und Kapitalisten die übergroße Mehrheit haben, war mit allen Kräften bemüht, sich mit dem Zaren Nikolaus II. zu versöhnen. Noch in der letzten Minute, als auf den Straßen Petrograds schon der Bürgerkrieg tobte, sandte die Reichsduma dem Zaren ein Telegramm nach dem anderen und flehte ihn an, kleine Zugeständnisse zu gewähren und seine Krone zu retten. Nicht die Reichsduma – die Duma der Gutsbesitzer und der Reichen –, sondern die aufständischen Arbeiter und Soldaten haben den Zaren gestürzt. Aber die neue, die Provisorische Regierung wurde von der Reichsduma ernannt.

Diese Provisorische Regierung besteht aus Vertretern der liberalen Kapitalisten und der Großgrundbesitzer. Die wichtigsten Posten haben inne: Fürst Lwow (Großgrundbesitzer und sehr gemäßigter Liberaler), A. Gutschkow (ein Mitkämpfer Stolypins, der seinerzeit die Kriegsgerichte gegen die Revolutionäre billigte), Tereschtschenko (einer der größten Zuckerfabrikanten und Millionär) und Miljukow (der den Raubkrieg, in den Zar Nikolaus und sein Gesindel unser Land gehetzt haben, immer verteidigt hat und auch heute noch verteidigt). Der „Demokrat" Kerenski wurde nur deswegen in die neue Regierung berufen, um ihr den Anschein einer „Volks"regierung zu geben, um einen „demokratischen" Schönredner zu haben, der dem Volk bombastische aber leere Reden hält, während die Gutschkow und Lwow die volksfeindlichen Taten vollbringen.

Die neue Regierung will die Fortsetzung des Raubkriegs. Sie ist der Kommis der russischen, englischen und französischen Kapitalisten, die – genauso wie die deutschen Kapitalisten – unbedingt „den Kampf ausfechten" und sich die besten Stücke der Beute aushandeln wollen. Die. Provisorische Regierung will Russland nicht den Frieden bringen und kann es auch nicht tun.

Die neue Regierung ist nicht gewillt, den Gutsbesitzern zugunsten des Volkes das Land fortzunehmen, sie ist nicht gewillt, die Bürde des Krieges den Reichen aufzuerlegen. Darum kann sie dem Volk kein Brot geben. Die Arbeiter und überhaupt die arme Bevölkerung müssen weiter hungern.

Die neue Regierung besteht aus Kapitalisten und Gutsbesitzern. Sie will Russland nicht die volle Freiheit geben. Unter dem Druck der aufständischen Arbeiter und Soldaten hat sie versprochen, die Konstituierende Versammlung einzuberufen, die über die künftige Ordnung Russlands entscheiden soll. Aber sie zögert die Ausschreibung der Wahlen für die Konstituierende Versammlung hinaus, weil sie Zeit gewinnen und dann das Volk betrügen möchte, wie das derartige Regierungen in der Geschichte mehr als einmal getan haben. Sie will nicht, dass in Russland eine demokratische Republik errichtet wird. Sie will nur an Stelle des schlechten Zaren Nikolaus II. den angeblich „guten" Zaren Michael auf den Thron setzen. Sie will, dass die Macht in Russland nicht dem Volk selber gehört, sondern einem neuen Zaren zusammen mit der Bourgeoisie.

So sieht die neue Regierung aus.

Aber in Petrograd organisiert sich neben dieser Regierung allmählich eine andere Regierung. Die Arbeiter und Soldaten haben den Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten gebildet. Je tausend Arbeiter oder Soldaten wählen einen Deputierten. Dieser Sowjet, der aus über 1000 Bevollmächtigten besteht, tagt jetzt im Taurischen Palast. Er stellt eine wirkliche Volksvertretung dar.

Dieser Sowjet mag zunächst diese oder jene Fehler machen. Aber er wird unweigerlich dahin gelangen, dass er laut und gebieterisch Frieden, Brot und die demokratische Republik fordern wird.

Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten will die unverzügliche Einberufung der Konstituierenden Versammlung, die Teilnahme der Soldaten an den Wahlen und an der Entscheidung der Frage Krieg oder Frieden. Der Sowjet will die Übergabe der Ländereien des Zaren und der Gutsbesitzer in die Hände der Bauernschaft. Der Sowjet will die Republik und will von der Einsetzung eines neuen, „guten" Zaren nichts wissen. Der Sowjet fordert das allgemeine und gleiche Wahlrecht für alle Männer und alle Frauen. Der Sowjet hat erreicht, dass der Zar und die Zarin verhaftet wurden. Der Sowjet will einen Überwachungsausschuss bilden, der jeden Schritt der neuen Regierung zu kontrollieren hat und faktisch selber die Regierung wäre. Der Sowjet erstrebt ein Bündnis mit den Arbeitern aller anderen Länder, um einmütig gegen die Kapitalisten vorzugehen. Revolutionäre Arbeiter sind in großer Zahl an die Front gegangen, um, von der Freiheit Gebrauch machend, mit den Soldaten zu beraten, wie man gemeinsam handeln kann, wie man den Krieg beenden, wie man die Rechte des Volkes sichern und wie man die Freiheit in Russland festigen kann. In Petrograd erscheint wieder die sozialdemokratische Zeitung „Prawda"die den Arbeitern hilft, alle diese großen Aufgaben zu erfüllen. So liegen jetzt die Dinge, Kameraden.

Ihr, die ihr in der Kriegsgefangenschaft schmachtet, könnt nicht untätig bleiben. Ihr müsst darauf vorbereitet sein, dass auch euch vielleicht schon bald eine wichtige Aufgabe zufallen wird.

Die Feinde der russischen Freiheit rechnen manchmal auf euch. Sie sagen: In der Gefangenschaft befinden sich rund 2 Millionen Soldaten; wenn sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat auf die Seite des Zaren übergehen, dann ist es noch nicht zu spät, Nikolaus oder seinen „geliebten" Bruder wieder auf den Thron zu setzen. In der Geschichte ist es auch schon vorgekommen, dass sich der gestrige Feind mit dem gestürzten Zaren versöhnt und ihm seine gefangenen Soldaten überlassen hat, damit sie ihm helfen, gegen das eigene Volk zu kämpfen …

Kameraden! Erörtert überall, wo ihr die Möglichkeit dazu habt, die großen Ereignisse, die in unserer Heimat vor sich gehen. Erklärt laut, dass ihr zusammen mit dem ganzen besten Teil der russischen Soldaten keinen Zaren wollt, dass ihr die freie Republik fordert, die entschädigungslose Übergabe der Gutsbesitzerländereien an die Bauern, den Achtstundentag, die unverzügliche Einberufung der Konstituierenden Versammlung. Erklärt, dass ihr auf der Seite des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten steht, dass ihr nach der Rückkehr in die Heimat nicht für den Zaren, sondern gegen den Zaren, nicht für die Gutsbesitzer und die Reichen, sondern gegen sie kämpfen werdet.

Organisiert euch überall, wo die Möglichkeit besteht, fasst Beschlüsse in diesem Sinn, erläutert den unaufgeklärten Kameraden das große Ereignis, das sich in unserem Land vollzogen hat.

Ihr habt vor dem Krieg, während des Krieges und in der Kriegsgefangenschaft genug gelitten. Jetzt gehen wir besseren Tagen entgegen. Das Morgenrot der Freiheit ist angebrochen.

Kehrt nach Russland zurück als Armee der Revolution, als Armee des Volkes, nicht als Armee des Zaren. Auch 1905 gehörten die aus Japan zurückgekehrten Kriegsgefangenen zu den besten Freiheitskämpfern.

Nach eurer Rückkehr in die Heimat werdet ihr euch über das ganze Land verstreuen. Tragt die Kunde von der Freiheit in jeden entlegenen Winkel, in jedes russische Dorf, das unter Hunger, Steuerlast und Erniedrigungen übergenug gelitten hat. Klärt eure Brüder, die Bauern, auf: vertreibt die Finsternis aus dem Dorf, ruft die Dorfarmut auf, die Arbeiter in Stadt und Land in ihrem ruhmvollen Kampf zu unterstützen.

Wenn die Arbeiter Russlands die Republik erkämpft haben, werden sie sich mit den Arbeitern aller anderen Länder vereinigen und kühn die ganze Menschheit zum Sozialismus führen, zu einer Ordnung, in der es weder Reiche noch Arme geben wird, in der nicht ein Häuflein Reicher Millionen Menschen zu Lohnsklaven machen kann.

Kameraden! Sobald es irgend möglich ist, fahren wir nach Russland, um uns dort dem Kampf unserer Brüder, der Arbeiter und Soldaten, anzuschließen. Aber auch dort vergessen wir euch nicht. Wir werden uns bemühen, euch aus dem freien Russland Bücher, Zeitungen und Nachrichten über das, was in unserem Land vor sich geht, zu schicken. Wir werden verlangen, dass man euch Geld und Brot in ausreichender Menge zukommen lässt. Und wir werden den aufständischen Arbeitern und Soldaten sagen: Auf eure Brüder, die jetzt in der Gefangenschaft schmachten, könnt ihr euch verlassen. Sie sind Söhne des Volkes und sie werden zusammen mit uns für die Freiheit, für die Republik, gegen den Zaren kämpfen.

Die Redaktion des „Sozial-Demokrat"