Lenin

Über Wilhelm Liebknecht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Wilhelm Liebknecht

(Sammlung von Texten und Zitaten - zusammengestellt von Wolfgang Eggers)

 

 

" ... studieren, propagandieren, organisieren ..."

 

 

 

 

VORWORT ZUR RUSSISCHEN AUSGABE DER BROSCHÜRE:

W.LIEBKNECHT

KEIN KOMPROMISS, KEIN WAHLBÜNDNIS!"

Dezember 1906

 

Lenin, Band 11, Seite 402 - 408

 

 


Die Broschüre Liebknechts, die dem russischen Leser in einer Übersetzung vorgelegt wird, erweckt besonderes Interesse in der gegenwärtigen Zeit, am Vorabend der Wahlen zur zweiten Duma, in einem Augenblick, da die Frage der Wahlabkommen sowohl die Arbeiterpartei als auch die öffentliche Meinung der liberalen Bourgeoisie lebhaft interessiert.

Wir werden hier nicht auf die allgemeine Bedeutung der Broschüre Liebknechts eingehen. Um diese Bedeutung klar zu erkennen und einzelne Stellen der Broschüre, die Mißdeutungen zulafssen, wenn man sie außerhalb der Situation betrachtet, in der sie gesdirieben wurden, richtig zu verstehen, wird der Leser zu Franz Mehrings Werk über die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie und zu einer Reihe anderer Schriften unserer deutschen Genossen greifen müssen.

Hier kommt es uns darauf an, die Methoden von Liebknechts Beweisführung aufzuzeigen. Es kommt uns darauf an, zu zeigen, wie er an die Frage der Abkommen beranging, um so dem russischen Leser zu helfen, selbständig an die Lösung der uns interessierenden Frage der Blödes mit den Kadetten heranzugehen.

Liebknecht bestreitet durchaus nicht, daß Abkommen mit bürgerlich-oppositionellen Parteien „nützlich" sind, sowohl vom Standpunkt der „Parlamentsmandate" als auch vom Standpunkt der Einreihung des „Bundesgenossen" (sogenannten Bundesgenossen) in die Front gegen den gemeinsamen Feind, die Reaktion. Der wirklich politische Verstand und erprobte Sozialdemokratismus des Veteranen der deutschen Sozialisten aber zeigt sich gerade darin, daß er sich nidbt auf diese Erwägungen beschränkt.

Er untersucht, ob der „Bundesgenosse" nicht ein verkappter Feind ist, den Vorwort zur russisdhen Ausgabe der Broschüre W. Liebknechts in die eigenen Reihen aufzunehmen ganz besonders gefährlich wäre. Er untersucht, ob dieser Bundesgenosse wirklich gegen den gemeinsamen Feind kämpft und wie er gegen ihn kämpft, ob nicht Abkommen, die vom Standpunkt einer Vergrößerung der Zahl der Parlamentsmandate nützlich sein mögen, vom Standpunkt der weniger unmittelbaren und ernsteren Aufgaben der proletarischen Partei schädlich sind.

Nehmen wir einmal die drei soeben von mir angeschnittenen Fragen und sehen wir, ob z. B. ein solcher Verteidiger von Abkommen der russischen Sozialdemokraten mit den Kadetten wie Plechanow die Bedeutung dieser Fragen begreift. Wir werden sehen, daß Plechanow die Frage der Abkommen unglaublich eng stellt. Die Kadetten wollen gegen die Reaktion kämpfen, also... Abkommen mit den Kadetten! Weiter geht Plechanow nicht, eine weitere Untersuchung der Frage betrachtet er als Doktrinarismus.

Es nimmt nicht wunder, daß ein Sozialdemokrat, der die Erfordernisse der sozialdemokratischen Politik so sehr vergessen hat, in die Nachbarschaft solcher Renegaten der Sozialdemokratie wie der Herren Prokopowitsch und anderer Publizisten des „Towarischtsch" gerät und mit ihnen zusammenarbeitet. Es nimmt nicht wunder, daß sogar die grundsätzlichen Gesinnungsgenossen eines solchen Sozialdemokraten, die Menschewiki, entweder betroffen schweigen, da sie nidit wagen, laut auszusprechen, was sie von Plechanow denken, und in Arbeiterversammlungen von ihm abrücken, oder ihn offen auslachen wie die Bundisten in der „Volkszeitung" und in der „Nascha Tribuna".

Liebknecht lehrt uns, daß der Sozialdemokrat es verstehen muß, bei einem jeden Bundesgenossen aus dem Lager der Bourgeoisie die gefährlichen Seiten aufzudecken, daß er sie nicht verheimlichen darf. Bei uns aber schreien die Menschewiki, man müsse nicht die Kadetten, sondern die Schwarzhundertergefahr bekämpfen! Wie nützlich wäre es für solche Leute, sich die Worte Liebknechts einzuprägen: „Die dumm-brutalen Gewaltstreiche der Polizeipolitiker, die Attentate des Sozialistengesetzes, des Umsturzgesetzes, des Zuchthausgesetzes konnten uns nur Gefühle mitleidiger Verachtung entlocken — der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt — ihn, und ihn aWein haben wir zu fürchten."

Man sieht: Gewaltakte der Polizei, Gesetze der Schwarzhunderter läßt auch Liebknecht nicht außer acht. Und dennoch sagt er den Arbeitern kühn: nicht diesen Feind, sondern ein Wahlabkommen mit einem falschen Freund muß man fürchten. Warum war Liebknecht dieser Ansicht? Weil er die Kraft der Kämpfer stets nur dann als wirkliche Kraft ansah, wenn es die Kraft der klassenbewußten Arbeitermassen war. Das Bewußtsein der Massen aber wird nicht durch Gewaltakte und Zuchthausgesetze getrübt, sondern durch die fälschen Treunde der Arbeiter, die liberalen Bourgeois, die die Massen durch hohle Phrasen über den Kampf vom wirklichen Kampf ablenken. Unsere Menschewiki und Plechanow begreifen nicht, daß der Kampf gegen die Kadetten ein Kampf ist für die Befreiung des Bewußtseins der Arbeitermassen von den verlogenen Ideen und Vorurteilen der Kadetten, die glauben machen wollen, daß die Volksfreiheit und die alte Macht miteinander vereinbar seien. Daß diese von den falschen Freunden drohende Gefahr größer ist als die, die von den offenen Feinden droht, hat Liebknecht so scharf betont, daß er sagt: „Die Annahme eines neuen Sozialistengesetzes wäre ein kleineres Übel gewesen als die Verwischung des Klassengegensatzes und der Parteigrenzen durch ein Landtagswahlbündnis..."

Man übersetze diesen Satz Liebknechts in die Sprache der russischen Politik am Ende des Jahres 1906: „Eine Schwarzhunderterduma wäre ein kleineres Übel als eine Verwischung der Klassengegensätze und der Parteigrenzen durch Wahlabkommen mit den Kadetten." Was für ein wüstes Geschrei würden die vom Sozialismus zu den Liberalen übergelaufenen Autoren des „Towarischtsch" und ähnlicher Zeitungen wegen eines solchen Satzes gegen Liebknecht erheben! Wie oft sind wir in Arbeiterversammlungen und in den Spalten menschewistischer Blätter auf Stimmen gestoßen, die die Bolschewiki wegen ähnlicher Gedanken ebenso „tadeln", wie Liebknecht „getadelt" wurde (S. 54 der vorliegenden Broschüre). Aber die Bolschewiki fürchten solches Geschrei und solche Urteilssprüche ebensowenig, wie Liebknecht sie gefürchtet hat. Nur schlechte Sozialdemokraten können den Schaden bagatellisieren, den die liberalen Verräter der Volksfreiheit, die sich bei den Arbeitennassen durch Wahlabkommen einschleichen, den Arbeitermassen bringen.

Hierbei einige Worte über diesen Verrat des Liberalismus. Unsere Opportunisten, darunter Plechanow, zetern: Es ist taktlos, bei uns auch jetzt vom Verrat des Liberalismus zu reden. Plechanow hat sogar eine ganze Broschüre geschrieben, um die taktlosen sozialistischen Arbeiter höflichen Vorwort zur russischen Ausgabe der 'Broschüre W. Liebknechts Umgang mit den Kadetten zu lehren. Wie wenig originell die Plechanowschen Gedanken sind, wie sehr bereits die deutschen liberalen Bourgeois die Pledianowschen Phrasen abgeleiert haben, das zeigt Liebknechts Broschüre ganz besonders klar. Es stellt sich heraus, daß Plechanow als „Trumpf" gegen die revolutionären Sozialdemokraten dasselbe Kindermärchen vom Wolf und dem Schäfer ausspielt, mit dem die deutschen Opportunisten auch Liebknecht einzuschüchtern versuchten: Ihr gewöhnt jedermann so sehr an euer Geschrei „Der Wolf! Der Wolf!", daß niemand euch glauben wird, wenn der Wolf tatsächlich kommt. Liebknecht hat den zahlreichen deutschen Gesinnungsgenossen des Plechanow von heute treffend geantwortet: „Jedenfalls wird das Interesse der Partei von den Warnern nicht schlechter behütet als von den Lachern."

Nehmen wir die zweite Frage, die wir oben genannt haben: Kämpft unsere liberale Bourgeoisie, d.h. die Kadetten, wirklich gegen die Schwarzhundertergefahr, und wie kämpft sie? Plechanow versteht es weder, diese Frage zu stellen, noch sie durch eine sorgfältige Untersuchung der Politik der Kadetten im revolutionären Rußland zu beantworten. Plechanow leitet, gegen das Abc des Marxismus verstoßend, das konkrete Verhältnis der russischen Sozialdemokraten zu den Kadetten aus dem „allgemeinen Begriff" der bürgerlichen Revolution ab, anstatt den allgemeinen Begriff der Beziehungen zwischen Bourgeoisie, Proletariat und Bauernschaft im heutigen Rußland aus dem Studium der realen Besonderheiten der russischen bürgerlichen Revolution abzuleiten.

Liebknecht lehrt uns anders urteilen. Als man ihm den Kampf vorhielt, den die liberale Bourgeoisie gegen die Reaktion führe, antwortete er damit, daß er untersuchte, wie sie gekämpft hat. Und er zeigte — in der vorliegenden Broschüre und in vielen anderen Artikeln —, daß die deutschen Liberalen (genauso wie unsere Kadetten) „die Freiheit verraten", daß sie sich den „Junkern (Gutsbesitzern) und Pfaffen" annähern, daß sie es nicht vermocht haben, in einer revolutionären Epoche revolutionär zu sein.

Von dem Augenblicke an", sagt Liebknecht, „wo das Proletariat als vom Bürgertum losgelöste und ihm interessenfeindliche Klasse auftritt, hört das Bürgertum auf, demokratisch zu sein."

Unsere Opportunisten aber titulieren der Wahrheit zum Hohn die Kadetten (sogar in Resolutionen sozialdemokratischer Parteikonferenzen) als Demokraten, obwohl die Kadetten in ihrem Programm den Demokratismus ablehnen, ein Oberhaus und dergleichen anerkennen, obwohl sie in der Reichsduma Zuchthausgesetze gegen die Versammlungsfreiheit beantragt und dagegen gekämpft haben, daß ohne Erlaubnis der Obrigkeit örtliche Bodenkomitees auf Grund allgemeiner, direkter, gleicher und geheimer Wahl gebildet werden!

Liebknecht hat es mit vollem Recht verurteilt, wenn man das Wort Revolution als hohle Phrase gebraucht. Wenn er von der Revolution sprach, glaubte er wirklich an sie, untersuchte er wirklich alle Fragen und alle taktischen Schritte nicht nur vom Standpunkt des Augenblicksinteresses, sondern auch vom Standpunkt der grundlegenden Interessen der ganzen Revolution. Liebknecht mußte ebenso wie die russischen revolutionären Sozialdemokraten schwere Zeiten des Übergangs vom unmittelbar revolutionären Kampf zur armseligen, schändlichen, niederträchtigen Schwarzhunderterkonstitution miterleben. Liebknecht hat es verstanden, sich diesen schweren Übergangszeiten anzupassen, hat es verstanden, auf jedem, selbst dem schlechtesten Boden für das Proletariat zu arbeiten. Aber er hat nicht frohlockt, wenn er, statt weiter gegen eine niederträchtige Konstitution zu kämpfen, auf dem Boden dieser Konstitution arbeiten mußte, hat nicht über jene gelächelt, die alles getan hatten, um das Zustandekommen einer solchen „Konstitution" zu verhindern. „Vorsicht" hat Liebknecht nicht darin gesehen, der niedergehenden (wenn auch nur zeitweilig niedergehenden) Revolution so schnell wie möglich einen Fußtritt zu versetzen, um sich so schnell wie möglich einer kümmerlichen Konstitution anzupassen. Nein, der alte Veteran der Revolution hat die „Vorsicht" des proletarischen Führers darin erblickt, später als alle kleinmütigen und feigen Bourgeois dazu überzugehen, „Zugeständnisse" an die Verhältnisse zu machen, die aus zeitweiligen Niederlagen der Revolution entstehen.

Die praktische Politik", sagt Liebknecht, „zwang uns zu Zugeständnissen an Einrichtungen der Gesellschaft, in der wir leben; allein jeder Schritt weiter auf der Bahn des Zugeständnisses an die heutige Gesellschaftsordnung fiel uns schwer, wurde nur mit Zögern getan. Es ist darüber gespottet worden von diesem und jenem. Allein der, welcher Furcht hat vor einem Schritt zur schiefen Ebene hin, ist jedenfalls ein zuverlässigerer Genosse als der, weldher die Schale des Spottes über die Zögernden ausgießt."

Prägt euch diese goldenen Worte ein, Genossen Arbeiter, die ihr die Wittesche Duma boykottiert habt. Erinnert euch so oft wie möglich an diese Worte, wenn sich jämmerliche Pedanten vor euch über den Boykott der Duma lustig machen und dabei vergessen, daß unter dem Banner des Boykotts der Bulyginschen Duma die erste (und bislang einzige — aber, wir sind überzeugt, nicht die letzte) Volksbewegung gegen solche Einrichtungen zur Entfaltung kam. Mögen die Verrat übenden Kadetten darauf stolz sein, daß sie sich als erste bereit gefunden haben, freiwillig vor den Gesetzen der Konterrevolution auf dem Bauche zu liegen. Das klassenbewußte Proletariat wird darauf stolz sein, daß es am längsten mit hocherhobenem Banner ausharrte und in den offenen Kampf zog, es wird darauf stolz sein, daß es erst unter schweren Schlägen im Kampfe unterlegen ist, daß es am längsten den Versuch gemacht hat, das Volk dazu aufgefordert hat, sich noch einmal zu erheben, in Massen vorwärtszustürmen und den Feind zu erdrosseln.

Kommen wir schließlich zur dritten und letzten der von uns genannten Fragen. Schädigen nicht die Wahlabkommen das, was uns besonders teuer ist: „die Reinheit der Grundsätze" des Sozialdemokratismus? O weh! Auf diese Frage hat die russische politische Wirklichkeit bereits geantwortet, geantwortet mit Tatsachen, die den klassenbewußten Arbeitern die Schamröte ins Gesicht treiben.

Die Menschewiki haben in Resolutionen versichert, in Versammlungen hoch und heilig geschworen, daß sie sich nur auf technische Abkommen einlassen, daß sie den ideologischen Kampf gegen die Kadetten fortsetzen, daß sie um keinen Preis, um gar keinen Preis, auch nur um Haaresbreite von ihrem sozialdemokratischen Standpunkt, von ihren rein proletarischen Losungen abrücken werden.

Und was sehen wir? Kein anderer als Plechanow hat sidi in das Vorzimmer der Kadettenzeitungen begeben, um dem Volke eine „mittlere" Losung aufzutischen, eine Losung, die weder kadettisch noch sozialdemokratisch ist, die allen genehm ist und niemandem weh tut, die Losung „Machtvollkommene Duma". Es tut nichts, daß diese Losung das Volk direkt betrügt, ihm Sand in die Augen streut — wenn nur ein Abkommen mit den liberalen Gutsbesitzern zustande kommt! Aber die Kadetten haben Plechanow mit Verachtung davongejagt, die Sozialdemokraten haben sich von ihm abgewandt, die einen betroffen, die anderen voll Entrüstung. Jetzt ist er allein geblieben und entlädt seinen Zorn: die Bolschewiki schilt er wegen „Blanquismus", die Publizisten des „Towarischtsch" wegen „Unbescheidenheit", die Menschewiki wegen undiplomatischen Verhaltens, er schilt alle, nur sich selbst nicht! Armer Plechanow!

Wie grausam haben sich an ihm die offenen und klaren, stolzen und entschiedenen Worte Liebknechts bewahrheitet, daß Abkommen grundsätzlich Schaden bringen!

Genosse" Wassiljew aber (der sich ebenfalls von der Schweizer Küche aus die Revolution anschaut) hat im „Towarischtsch" (vom 17. Dezember)

unter direkter Berufung auf Plechanow vorgeschlagen, die Sozialdemokratische Partei ganz einfach aufzulösen und sich zeitweilig — nur zeitweilig! — mit den Liberalen zu verschmelzen. Ja, nicht von ungefähr hat Liebknecht gesagt, daß auch bei ihnen in der Partei wohl kaum jemand „von den Parteigrundsätzen" abweichen wollte. Es kommt nicht auf das Wollen an, sondern darauf, wohin die Logik der Dinge die Partei infolge eines falschen Schrittes führt. Auch Plechanow wollte das Allerbeste:

friedlich und schiedlich mit den Kadetten gegen die Schwarzhundertergefahr— herausgekommen ist dabei für die Sozialdemokratie nur Schimpf und Schande.

Genossen Arbeiter! Lest die Broschüre Wilhelm Liebknechts aufmerksam durch und seht euch genau die Leute an, die euch dazu raten, für das Proletariat und für die Sache der Freiheit verhängnisvolle Abkommen mit den Kadetten einzugehen!


W. Lenin

Dezember 1906

Veröffentlicht 1907 in der "Broschüre:

W. Liebknecht, „"Kein Kompromiß, kein Wahlbündnis!", Verlag „Nowaja Duma" (Neue Duma).