1920

KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE



II.

Kongress

Kommunistische Internationale

19. Juli – 7. August 1920







W. I. Lenin

 

Brief

an die deutschen und französischen Arbeiter

Zur Diskussion für den II. Kongress der Kommunistischen Internationale

24. September 1920

Quelle: Lenin, Gesammelte Werke, Band 31, Seite 269 - 271



Genossen!

Die bürgerliche Presse Deutschlands und Frankreichs verfolgt sehr aufmerksam die Diskussion in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partie Deutschlands und in der Sozialistischen Partei Frankreichs über den Eintritt in die Kommunistische Internationale. Die bürgerliche Presse verteidigt aufs Energischste den Standpunkt des rechten opportunistischen Flügels beider Parteien.

Das ist durchaus verständlich, denn diese rechten Elemente sind im Grunde genommen kleinbürgerliche Demokraten, die, wie Dittmann und Crispien, nicht verstehen, revolutionär zu denken und unfähig sind, der Arbeiterklasse bei der Vorbereitung und Durchführung der Revolution zu helfen. Der Bruch mit diesen rechten, opportunistischen Elementen ist notwendig, er ist das einzige Mittel, um alle wirklich revolutionären, wirklich proletarischen Massen zusammenzuschließen.

Das Geschrei über die „Diktatur“ Moskaus usw. ist ein einfaches Ablenkungsmanöver. In Wirklichkeit sind unter den zwanzig Mitgliedern des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internatonale nur fünf Mitglieder der Kommunistischen Partei Russlands. Alles Gerede über „Diktatur“ usw. ist Selbstbetrug oder Betrug an den Arbeitern. Dieses Gerede soll den Bankrott einer Anzahl opportunistischer Führer verhüllen, genauso wie ein ähnliches Gerede in der KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands [ 1 ] ) den Bankrott einiger ihrer Führer, die den Weg des proletarischen revolutionären Kampfes verlassen hatten, verschleiern sollte. Ein ebensolcher Selbstbetrug oder Betrug ist das Geschrei darüber, dass die „Moskauer Diktatoren“ in den Aufnahmebedingungen der Komintern bestimmte Personen verfolgen. In Paragraph 20 das Aufnahmebedingung ist deutlich gesagt, dass „Ausnahmen [ 2 ] von den strengen Regeln gegenüber den Führern des rechten Flügels und in Bezug auf die Zusammensetzung der zentralen Körperschaften mit Einwilligung des Exekutivkomitees der III. Internationale zulässig sind. [ 3 ]

Wenn also Ausnahmen direkt als zulässig erklärt werden, so kann auch keine Rede davon sein, dass diese oder jene einzelnen Personen auf keinen Fall zugelassen werden. Es wird also vollkommen anerkannt, dass man nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart, dass man die Änderung der Auffassungen und des Verhaltens der einzelnen Personen, der einzelnen Führer berücksichtigen muss. Wenn also Ausnahmen mit Einwilligung des Exekutivkomitees der III. Internationale für zulässig erklärt werden – in diesem Exekutivkomitee bilden aber die Russen nur ein Viertel –, so ist das ganze Geschrei über „Diktatur“ usw. völliger Unsinn, beruht völlig auf Unwahrheit.

Dieses ganze Geschrei ist nur ein Ablenkungsmanöver. In Wirklichkeit haben wir hier einen Kampf zwischen revolutionären, proletarischen und opportunistischen, kleinbürgerlichen, Elementen. Zu diesen letzteren gehören nach wie vor die Hilferding, Dittmann, Crispien, zahlreiche Mitglieder der Parlamentsfraktionen in Deutschland und Frankreich usw. Der Kampf dieser beiden politischen Richtungen geht in ausnahmslos allen Ländern der Welt vor sich. Dieser Kampf hat seine lange Geschichte; dieser Kampf hat sich während des imperialistischen Krieges und nachher überall verschärft und verschärft sich weiter. Der Opportunismus wird vertreten von Elementen der „Arbeiteraristokratie“, der alten Bürokratie in den Gewerkschaften, Genossenschaften usw., Schichten der kleinbürgerlichen Intelligenz und anderem. Ohne Säuberung von diesen Elementen, die durch ihre Schwankungen, ihren „Menschewismus“ (die Dittmann und Crispien gleichen völlig unseren Menschewiki) faktisch den Einfluss der Bourgeoisie auf das Proletariat innerhalb der Arbeiterbewegung, innerhalb der sozialistischen Parteien verwirklichen – ohne Säuberung von diesen Elementen, ohne Bruch mit dieser Richtung, ohne Ausschluss aller prominenter Vertreter dieser Richtung ist ein Zusammenschluss des revolutionären Proletariats unmöglich.

Durch ihre ewigen Schwankungen nach der Seite des Reformismus und Menschewismus, durch ihr Unvermögen, revolutionär zu denken und zu handeln, verwirklichen die Dittmann, Crispien usw., ohne sich dessen bewusst zu sein, faktisch den Einfluss der Bourgeoisie auf das Proletariat innerhalb der proletarischen Partei und suchen das Proletariat dem bürgerlichen Reformismus unterzuordnen. Nur durch den Bruch mit diesen und ähnlichen Leuten kann die internationale Einheit des revolutionären Proletariats gegen die Bourgeoisie, für den Sturz der Bourgeoisie, hergestellt werden.

Die Ereignisse in Italien müssen sogar den hartnäckigen unter denen die Augen öffnen, die nicht sehen wollen, welchen Schaden „Einheit“ und „Frieden“ mit den Crispien und Dittmann bringt. Die italienischen Crispien und Dittmann (Turati, Prampolini, D’Aragona) begannen sofort der Revolution in Italien Hindernisse in den Weg zu legen, als eine wirkliche Revolution herangereift war. In dieser Richtung entwickeln sich aber Dinge – mehr oder minder rasch, mehr oder minder schwer und qualvoll – in ganz Europa, in der ganzen Welt.

Es ist an der Zeit, alle diese überaus schädlichen Illusionen über die Möglichkeit der „Einheit“ oder des „Friedens“ mit den Dittmann und Crispien, mit dem rechten Flügel der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, der englischen „Unabhängigen Arbeiterpartei“, der Sozialistischen Partei Frankreichs usw. endgültig aufzugeben. Es ist Zeit, dass alle revolutionären Arbeiter ihre Partei von ihnen säubern und wirklich einheitliche kommunistische Parteien des Proletariats schaffen.

N. Lenin

 Prawda, Nr.213, 25. September 1920



 

Anmerkungen



[ 1 ] Lenin meint die kleinbürgerliche anarcho-syndikalistische Gruppe der „Linken“, die sich im Oktober 1919 von der Kommunistischen Partei Deutschlands abspaltete und im April 1920 zu einer selbstständigen Organisation herausbildete. Die Gruppe nannte sich „Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands“. Da sie keinerlei Unterstützung unter den Arbeitermassen in Deutschland fand, entartete die Gruppe in der Folgezeit zu einer belanglosen Sekte, die der Kommunistischen Partei und der Arbeiterklasse feindlich gegenüber stand und mit verleumderischen Ausfällen gegen die Sowjetunion auftrat.

[ 2 ] „Ausnahmen“ schreibt Lenin in der russischen Ausgabe deutsch

[ 3 ] Zwanzigster Punkt der Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale (siehe W.I. Lenin, Werke, 4.Ausgabe, Bd.31, S.188, russ.) wurde von Lenin in einer Kommissionssitzung des II. Kongresses der Komintern am 25. Juli 1920 bei der Eröffnung seiner Thesen über die Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale eingebracht und von der Kommission und dem Kongress angenommen. Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale enthielten neunzehn Bedingungen. Der Kongress nahm einundzwanzig Bedingungen an. Die einundzwanzigste Bedingung lautete: „Parteimitglieder, die die von der Kommunistischen Internationale aufgestellten Verpflichtungen und Leitsätze grundsätzlich ablehnen, müssen aus der Partei ausgeschlossen werden. Das gilt auch für die Delegierten außerordentlicher Parteitage.“