1914

W. I. Lenin





Die Lage und Aufgaben der Sozialistischen



Internationale



1. November 1914



veröffentlicht am 1. November 1914 im „Sozial-Demokrat“ , Nr. 33.

Lenin, Band 21, Seite 22 – 28

wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) – aus Anlass des 140. Geburtstaghs Lenins



Das Schlimmste an der jetzigen Krise ist, dass bei den meisten offiziellen Vertretern des europäischen Sozialismus der bürgerliche Nationalismus, der Chauvinismus gesiegt hat. Nicht umsonst werden sie von den bürgerlichen Zeitungen aller Länder bald verhöhnt, bald herablassend gelobt. Für den, der Sozialist bleiben will, gibt es keine wichtigere Aufgabe, als die Ursachen der sozialistischen Krise klarzulegen und die Aufgaben der Internationale zu analysieren.

Es gibt Leute, die sich scheuen, die Wahrheit anzuerkennen, dass die Krise, richtiger gesagt, der Zusammenbruch der II. Internationale der Zusammenbruch des Opportunismus ist. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 22)

Man beruft sich auf die Einmütigkeit z.B., der französischen Sozialisten, auf die angeblich vollständige Umgruppierung der alten Fraktionen des Sozialismus in der Stellungnahme zum Krieg. Aber diese Hinweise treffen nicht zu.

Verteidigung der Zusammenarbeit der Klassen, Lossagen von der Idee der sozialistischen Revolution und den revolutionären Kampfmethoden; Anpassung an den bürgerlichen Nationalismus; Außer-Acht-Lassen der historischen Vergänglichkeit der Grenzen der Nationalität oder des Vaterlandes; Erhebung der bürgerlichen Legalität zum Fetisch; Verzicht auf den Klassenstandpunkt und den Klassenkampf aus Furcht, die „breiten Massen der Bevölkerung“ (lies: das Kleinbürgertum) abzustoßen – das sind zweifellos die ideologischen Grundlagen des Opportunismus. .[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] Auf diesem Boden ist denn auch die jetzige chauvinistische, pratriotische Stimmung der meisten Führer der II. Internationale erwachsen. Dass unter ihnen die Opportunisten tatsächlich überwiegen, haben verschiedene Beobachter von verschiedenen Seiten seit langem festgestellt. Der Krieg hat lediglich die wahren Ausmaße dieses Übergewichts besonders rasch und krass aufgedeckt. Dass die außerordentliche Schärfe der Krise in den alten Fraktionen eine Reihe von Umgruppierungen hervorgerufen hat, ist nicht verwunderlich. Doch diese Umgruppierungen bezogen sich im Großen und Ganzen nur auf Personen. Die Richtungen innerhalb des Sozialismus sind die Gleichen geblieben.

Unter den französischen Sozialisten herrscht keine volle Einmütigkeit. Selbst Vaillant, der gemeinsam mit Guesde, Plechanow, Hervé u.a. einen chauvinistischen Kurs verfolgt, muss notgedrungen zugeben, dass er von protestierenden französischen Sozialisten Briefe erhält, in denen erklärt wird, dass der Krieg ein imperialistischer Krieg ist und dass die französische Bourgeoisie nicht weniger Schuld an ihm trägt als jede andere. Man darf nicht vergessen, dass solche Stimmen nicht nur durch den triumphierenden Opportunismus, sondern auch durch die Militärzensur unterdrückt werden. Bei den Engländern ist die Gruppe Hyndman (die englischen Sozialdemokraten – die „Britische Sozialistische Partei“) völlig zum Chauvinismus hinab geglitten, wie auch die meisten halbliberalen Führer der Trade-Unions. Widerstand gegen den Chauvinismus leisten MacDonald und Keir Hardie von der opportunistischen „Unabhängigen Arbeiterpartei“. Das ist wirklich eine Ausnahme von der Regel. Aber einige revolutionäre Sozialdemokraten, die lange gegen Hyndman gekämpft haben, sind jetzt aus der „Britschen Sozialistischen Partei“ ausgetreten. Bei den Deutschen ist das Bild klar: Die Opportunisten haben gesiegt, sie jubeln, sie sind ganz „in ihrem Element“. Das „Zentrum“ mit Kautsky an der Spitze ist zum Opportunismus hinab gesunken und verteidigt ihn mit besonders heuchlerischen, abgeschmackten und selbstzufriedenen Sophismen. Aus der Mitte der revolutionären Sozialdemokraten kommen Proteste von Mehring, Pannekoek, Karl Liebknecht und eine Reihe Namenloser in Deutschland und in der deutschen Schweiz. In Italien gibt es gleichfalls eine klare Gruppierung: Die extremen Opportunisten, Bissolati und Co, treten für das „Vaterland“ ein, für Guesde-Vaillant-Plechanow-Hervé. Die revolutionären Sozialdemokraten (Sozialistische Partei), an ihrer Spitze der „Avanti!“, bekämpfen den Chauvinismus und entlarven den bürgerlich-eigennützigen Charakter der Aufrufe zum Krieg; dabei werden sie von der übergroßen Mehrheit der fortgeschrittenen Arbeiter unterstützt. (Seite 23)

In Russland haben die extremen Opportunisten aus dem Lager der Liquidatoren bereits in Vorträgen und in der Presse ihre Stimme zu Gunsten des Chauvinismus erhoben. P. Maslow und J. Smirnow verteidigen den Zarismus unter dem Vorwand der Vaterlandsverteidigung (Deutschland drohe nämlich, „uns“ „mit der Macht des Schwertes“ Handelsverträge aufzuzwingen, während der Zarismus ja wohl nicht mit der Macht des Schwertes, der Knute und des Galgens das wirtschaftliche, politische und nationale Leben von neun Zehnteln der Bevölkerung Russlands erdrosselt hat und bis heute erdrosselt!), und sie rechtfertigen es, dass Sozialisten in reaktionäre bürgerliche Kabinette eintreten und heute Kriegskredite, morgen neue Rüstungen bewilligen ! Beim Nationalismus ist Plechanow gelandet, der seinen russischen Chauvinismus mit Franzosenfreundlichkeit bemäntelt, und auch Alexinski. Martow verhält sich, nach dem Pariser „Golos“ zu urteilen, in dieser Gesellschaft am anständigsten; er widerstrebt sowohl dem deutschen als auch dem französischen Chauvinismus, er wendet sich sowohl gegen den „Vorwärts“ als auch gegen Herrn Hyndman und gegen Maslow, aber er scheut sich, dem ganzen internationalen Opportunismus und seinem „einflussreichsten“ Verteidiger, dem „Zentrum“ der deutschen Sozialdemokratie, entschlossen den Krieg zu erklären. Die Versuche, den freiwilligen Eintritt in den Heeresdienst als Verwirklichung sozialistischer Aufgaben hinzustellen (siehe die Erklärung einer Gruppe von russischen Freiwilligen in Paris, von Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären, wie auch von polnischen Sozialdemokraten, von Leder u.a.) sind nur von Plechanow verteidigt worden. Die Mehrheit der Pariser Sektion unserer Partei hat diese Versuche verurteilt. Die Stellung des ZK unserer Partei ersehen die Leser aus dem Leitartikel der heutigen Nummer [siehe: Seite 11 – 21, Band 21: „Der Krieg und die russische Sozialdemokratie“ ] . Um zu erläutern, wie die Formulierung der Auffassungen unserer Partei zustande kam, müssen wir – zur Vermeidung von Missverständnissen – folgende Tatsache festhalten: Unter Überwindung ungeheurer Schwierigkeiten, mit denen die Wiederherstellung der durch den Krieg unterbrochenen organisatorischen Verbindung verknüpft war, arbeitete eine Gruppe von Mitgliedern unserer Partei zunächst „Thesen“ aus und ließ sie vom 6. bis 8. September neuen Stils unter den Genossen zirkulieren. Sie wurden dann durch Schweizer Sozialdemokraten zwei Mitgliedern der italienisch-schweizerischen Konferenz in Lugano (27. September) übermittelt. Erst Mitte Oktober gelang es, die Verbindung wieder herzustellen und den Standpunkt des ZK der Partei zu formulieren. Der Leitartikel dieser Nummer stellt die endgültige Redaktion der „Thesen“ dar. (Seite 24 - 25)

Das ist, kurz geschildert, der Stand der Dinge in der europäischen und der russischen Sozialdemokratie. Der Zusammenbruch der Internationale ist eine Tatsache. Die Pressepolemik zwischen den französischen und den deutschen Sozialisten hat dafür endgültig den Beweis geliefert. Nicht nur die linken Sozialdemokraten (Mehring und die „Bremer Bürger-Zeitung“), sondern auch die gemäßigten Schweizer Blätter („Volksrecht“) haben das anerkannt. Kautskys Versuche, diesen Zusammenbruch zu vertuschen, sind eine feige Ausflucht. Und dieser Zusammenbruch ist eben der Zusammenbruch des Opportunismus, der sich als Gefangener der Bourgeoisie erwiesen hat.

Die Position der Bourgeoisie ist klar. Und nicht weniger klar ist auch, dass die Opportunisten einfach blindlings deren Argumente wiederholen. Dem im Leitartikel Gesagten wäre allenfalls noch ein Hinweis auf die Schmähreden der „Neuen Zeit“ hinzuzufügen, wonach der Internationalismus gerade darin bestehen soll, dass im Namen der Vaterlandsverteidigung die Arbeiter des eigenen Landes auf die Arbeiter des anderen Landes schießen !

Man kann nicht vom Vaterland sprechen – antworten wir den Opportunisten – und dabei den konkreten historischen Charakter des Krieges ignorieren. Dieser Krieg ist ein imperialistischer Krieg, d.h., ein Krieg in der Epoche des höchstentwickelten Kapitalismus, in der END-Epoche des Kapitalismus. Die Arbeiterklasse muss sich zunächst „als Nation konstituieren“ - so erklärt das Kommunistische Manifest, zugleich mit einem Hinweis auf die Grenzen und Bedingungen , unter denen wir Nationalität und Vaterland als notwendige Formen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und folglich auch das bürgerliche Vaterland anerkennen. Die Opportunisten entstellen diese Wahrheit, indem sie das, was für die Entstehungsepoche des Kapitalismus gilt, auf seine END-Epoche übertragen. Von dieser Epoche aber, von den Aufgaben des Proletariats im Kampf um die Zerstörung nicht des Feudalismus, sondern des Kapitalismus, sagt das Kommunistische Manifest klar und deutlich: „Die Arbeiter haben kein Vaterland.“ [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 25)

Man begreift, warum die Opportunistn sich fürchten, diese Wahrheit des Sozialismus anzuerkennen; ja es zumeist nicht einmal wagen, sich offen mit ihr auseinanderzusetzen. Die sozialistische Bewegung kann im alten Rahmen des Vaterlandes nicht siegen. Sie bringt neue, höhere Formen des menschlichen Zusammenlebens hervor, worin die berechtigten Bedürfnisse und fortschrittlichen Bestrebungen der werktätigen Massen jeder Nationalität zu ersten Mal in internationaler Einheit, unter Wegfall der jetzigen nationalen Schranken befriedigen werden. Die jetzigen Versuche der Bourgeoisie, die Arbeiter durch heuchlerische Berufung auf die „Vaterlandsverteidigung“ zu trennen und zu spalten, werden die klassenbewussten Arbeiter mit immer neuen und ständig wiederholten Versuchen beantworten, die Einheit der Arbeiter verschiedener Nationen im Kampf für den Sturz der Herrschaft der Bourgeoisie aller Nationen herzustellen.[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 26)

Die Bourgeoisie betrügt die Massen, indem sie den imperialistischen Raubzug mit der alten Ideologie des „nationalen Krieges“ verbrämt. Das Proletariat entlarvt diesen Betrug und verkündet die Losung der Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg. Eben diese Losung war in der Stuttgarter und Basler Resolution vorgesehen, die nicht einen Krieg schlechthin, sondern gerade den gegenwärtigen Krieg voraussahen und die nicht von der „Verteidigung des Vaterlandes“ sprachen, sondern davon, dass man „die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft beschleunigen“, zu diesem Zweck die durch den Krieg herbeigeführte Krise ausnutzen und dem Beispiel der Kommune folgen müsse. Die Kommune war die Umwandlung eines Völkerkrieges in einen Bürgerkrieg.

Eine solche Umwandlung ist natürlich nicht leicht und kann nicht „auf Wunsch“ einzelner Parteien vollzogen werden. Aber gerade diese Umwandlung entspricht den objektiven Bedingungen des Kapitalismus im Allgemeinen und seiner END-Epoche im Besonderen. In dieser und nur in dieser Richtung haben die Sozialisten zu wirken. Nicht für Kriegskredite stimmen, nicht dem Chauvinismus des „eigenen“ Landes (und der verbündeten Länder) Vorschub leisten, sondern in erster Linie gegen den Chauvinismus der „eigenen“ Bourgeoisie kämpfen; sich nicht auf legale Kampfformen beschränken, nachdem die Krise begonnen und die Bourgeosie die von ihr geschaffene Legalität selbst aufgehoben hat – das ist die Linie der Arbeit, die auf den Bürgerkrieg abzielt und in diesem oder jenem Zeitpunkt des europäischen Brandes zu ihm führen wird. .[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 26 - 27)

Der Krieg ist kein Zufall, keine „Sünde“, wie die christlichen Pfaffen glauben (die nicht schlechter als die Opportunisten Patriotismus, Humanität und Frieden predigen), er ist vielmehr eine unvermeidliche Etappe des Kapitalismus, eine ebenso gesetzmäßige Form des kapitalistischen Lebens wie der Frieden. Der Krieg unserer Tage ist ein Volkskrieg. Aus dieser Wahrheit folgt indes nicht, dass man mit dem „Volks“strom des Chauvinismus schwimmen soll, sondern dass die Klassengegensätze, von denen die Völker zerfleischt werden, auch zur Kriegszeit, auch im Krieg und dem Krieg angepasst, fortbestehen und in Erscheinung treten werden. Kriegsdienstverweigerung, Streik gegen den Krieg usw. ist einfach eine Dummheit, ein jämmerlicher und feiger Traum von unbewaffnetem Kampf gegen die bewaffnete Bourgeoisie, ein Seufzen nach Beseitigung des Kapitalismus ohne erbitterten Bürgerkrieg oder eine Reihe solcher Kriege. Die Propaganda des Klassenkampfes bleibt auch im Heer Pflicht der Sozialisten; die Arbeit, die auf die Umwandlung des Völkerkrieges in den Bürgerkrieg abzielt, ist in der Epoche des imperialistischen bewaffneten Zusammenpralls der Bourgeoisie aller Nationen die einzige sozialistische Arbeit.

Nieder mit dem pfäffisch-sentimentalen und törichten Seufzen nach „Frieden um jeden Preis!“ Entrollen wir das Banner des Bürgerkriegs ! Der Imperialismus hat das Geschick der europäischen Kultur aufs Spiel gesetzt: Diesem Krieg werden bald, wenn es nicht eine Reihe erfolgreicher Revolutionen geben wird, andere Kriege folgen – das Märchen vom „letzten Krieg“ ist ein leeres, schädliches Märchen, ein kleinbürgerlicher Mythos (nach dem treffenden Ausdruck des „Golos“)..[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ]

Wenn nicht heute, dann morgen, wenn nicht während des jetzigen Krieges, so nach ihm, wenn nicht in diesem, dann im nächstfolgenden Krieg wird das proletarische Banner des Bürgerkrieges nicht nur Hunderttausende klassenbewusste Arbeiter um sich sammeln, sondern auch Millionen jetzt noch durch den Chauvinismus irre geführter Halbproletarier und Kleinbürger, die durch die Greuel des Krieges nicht nur erschreckt und eingeschüchtert, sondern auch aufgeklärt, belehrt, geweckt, organisiert, gestählt und gerüstet werden zum Krieg gegen die Bourgeoisie des „eigenen“ Landes wie auch „fremder“ Länder.

Die II. Internationale ist tot, vom Opportunismus besiegt. (Seite 27) Nieder mit dem Opportunismus. Es lebe die nicht nur von den „Überläufern“ (wie der „Golos“ es wünscht), sondern auch vom Opportunismus gesäuberte III. Internationale.

Die II. Internationale hat ihr Teil an nützlicher Vorarbeit geleistet, um die proltarischen Massen zunächst während der langen „friedlichen“ Periode härtester kapitalistischer Sklaverei und raschesten kapitalistischen Fortschritts im letzten Drittel des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts zu organisieren.

Der III. Internationale steht die Aufgabe bevor, die Kräfte des Proletariats zum revolutionären Ansturm gegen die kapitalistischen Regierungen zu organisieren, zum Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie aller Länder für die politische Macht, für den Sieg des Sozialismus !.[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 28)