1918

W. I. Lenin









DIE PROLETARISCHE REVOLUTION



UND DER RENEGAT KAUTSKY





Oktober - November 1918



[ Prawda Nr. 264 und 265, 5. und 6. Dezember 1918.]

Lenin, Band 28, Seite 227 – 327

hier nur: AUSZÜGE MIT HERVORHEBUNGEN DER KOMINTERN (SH)

erstmals im Internet veröffentlicht im April 2010



Die kürzlich in Wien erschienene Broschüre Kautskys „Die Diktatur des Proletariats“ (Wien 1918, Ignaz Brand, 63 Seiten) ist ein höchst anschauliches Beispiel für jenen völligen Bankrott der II. Internationale, von dem alle ehrlichen Sozialisten aller Länder längst sprechen. Die Frage der proletarischen Revolution wird jetzt in einer ganzen Reihe von Staaten praktisch auf die Tagesordnung gesetzt. Darum ist eine Analyse der Renegatensophismen Kautskys und seiner völligen Abkehr vom Marxismus eine Notwendigkeit. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Man akzeptiert vom Marxismus alles , ausgenommen , die revolutionären Kampfmittel, ihre Propagierung und Verbreitung, die Erziehung der Massen gerade in dieser Richtung. (Seite 228)

Die Arbeiterklasse kann ihre welthistorische revolutionäre Mission nicht erfüllen ohne rücksichtslosen Kampf gegen dieses Renegatentum, diese Charakterlosigkeit, diese Liebedienerei vor dem Opportunismus und diese beispiellose theoretische Verflachung des Marxismus.[ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Diese Vorbemerkungen waren notwendig, denn sie beweisen, dass ich Kautsky, schon lange bevor die Bolschewiki die Staatsmacht ergriffen hatten und deswegen von Kautsky verurteilt worden waren, offen des Renegatentums bezichtigt habe.



WIE KAUTSKY MARX IN EINEN DUTZENDLIBERALEN VERWANDELT HAT

Die Grundfrage, die Kautsky in seiner Broschüre berührt, ist die Frage nach dem Wesensinhalt der proletarischen Revolution, eben die Frage der Diktatur des Proletariats. Das ist die Frage, die für alle Länder, besonders für die fortgeschrittenen, besonders für die kriegführenden und besonders für die Gegenwart von größter Bedeutung ist. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 229)

Auch Kautsky sah sich genötigt, nach dem ganzen Geschwätz, das nicht zum Thema gehört, die Marxschen Worte von der Diktatur des Proletariats anzuführen. WIE das der „Marxist“ Kautsky macht, das ist schon die reinste Komödie ! Man höre:

Da erinnert man“ (die Bolschewiki) sich rechtzeitig des Wörtchens“ (buchstäblich sich so !! des Wörtchens) von der Diktatur des Proletariats, das Marx einmal 1875 in einem Brief gebraucht hatte“

Das „Wörtchen“ von Marx lautet:

Zwischen der kapitalistisdchen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts Anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“ [ siehe Marx; „Kritik des Gothaer Programms“, in MEW, Band 19, Seite 28 ]

Diese berühmten Ausführungen von Marx, die das Fazit aus seiner ganzen revolutionären Lehre ziehen, als „Wort“ oder gar als „Wörtchen“ zu bezeichnen, heißt, den Marxismus verhöhnen, heißt, ihn völlig leugnen. (Seite 231)

Buchstäblich genommen“, schreibt er [Kautsky ], bedeutet das Wort Diktatur die Aufhebung der Demokratie.“

Erstens ist das keine Definition. Zweitens ist das offenbar falsch. Ein Marxist wird nie vergessen zu fragen: „Für welche Klasse?“ Jedermann weiß beispielsweise – und der „Historiker“ Kautsky weiß das ebenfalls - , dass die Aufstände oder selbst die starken Gärungen unter den Sklaven im Altertum sofort das Wesen des antiken Staates als einer Diktatur der Sklavenhalter offenbarten. Hat diese Diktatur die Demokratie unter den Sklavenhaltern, die Demokratie für sie aufgehoben ? Jedermann weiß, dass das nicht der Fall war. Der „Marxist“ Kautsky hat einen ungeheuerlichen Unsinn und eine Unwahrheit gesagt, denn er hat den Klassenkampfvergessen“ ...

Diktatur bedeutet nicht unbedingt die Aufhebung der Demokratie für die Klasse, die diese Diktatur über die anderen Klassen ausübt; sie bedeutet aber unbedingt die Aufhebung der Demokratie (oder ihre äußerst wesentliche Einschränkung, was auch eine Form der Aufhebung ist) für die Klasse, über welche oder gegen welche die Diktatur ausgeübt wird. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)] Doch wie wahr diese Behauptung auch sein mag, eine Definition des Begriffs Diktatur gibt sie dennoch nicht. (Seite 233)

Und das Resultat ist, dass Kautsky, der sich anheischig machte, über die Diktatur zu sprechen,(...) aber keine Definition gegeben hat.

Die Diktatur ist eine sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht, die an keine Gesetze gebunden ist.

Die revolutionäre Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die erobert wurde und aufrecht erhalten wird durch die Gewalt des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie, eine Macht, die an keine Gesetze gebunden ist. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)] ; (Seite 234)

Die proletarische Revolution ist unmöglich ohne gewaltsame Zerstörung der bürgerlichen Staatsmaschinerie und ohne ihre Ersetzung durch eine neue , die nach den Worten von Engels schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr ist“ [ MEW, Band 19, Seite 6 ]; [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 236)

Kautsky muss das alles verkleistern und umlügen – das erfordert sein Renegatenstandpunkt. Kautsky muss buchstäblich auf Schritt und Tritt schwindeln, um sein Renegatentum zu verbergen. (Seite 237)

Bei der Definition des Begriffs Diktatur bemühte sich Kautsky nach Kräften, dem Leser das Hauptmerkmal dieses Begriffes vorzuenthalten, nämlich: die revolutionäre Gewalt. Nun aber tritt die Wahrheit zu Tage: Es handelt sich um den Gegensatz zwischen friedlicher und gewaltsamer Umwälzung . Hier liegt der Hund begraben. Der Imperialismus (..), das heißt, der monopolistische Kapitalismus, der erst im 20. Jahrundert seine volle Reife erlangt hat, zeichnet sich kraft seiner grundlegenden ökonomischen Eigenschaften durch sehr geringe Friedfertigkeit und Freiheitsliebe und sehr große, überall wahrzunehmende Entwicklung des Militarismus aus. Das bei der Beurteilung der Frage, inwieweit eine friedliche oder eine gewaltsame Umwälzung typisch oder wahrscheinlich ist, „nicht bemerken“ heißt zu einem gewöhnlichen Lakaien der Bourgeoisie herabsinken (Seite 237- 238)

Ich gestatte mir ehrerbietigst, Herrn Kautsky, der Marx und Engels auswendig kennt, an die folgende Einschätzung der Kommune durch Engels vom Standpunkt der … „reinen Demokratie“ zu erinnern:

Haben sie einmal eine Revolution gesehen, diese Herren (Antiautorltären)? Eine Revolution ist gewiss die autoritärste Sache, die es gibt, ein Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung seinen Willen dem anderen Teil durch Flinten, Bajonette und Kanonen, alles das sehr autoritäre Mittel, aufzwingt: und die Partei, die gesiegt hat, muss ihre Herrschaft durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen, behaupten. Und hätte sich die Pariser Kommune nicht der Autorität eines bewaffneten Volkes gegen die Bourgeoisie bedient, hätte sie sich länger als einen Tag behauptet ? Können wir sie nicht umgekehrt tadeln, dass sie sich zu wenig dieser Autorität bedient habe ?“ [ MEW, Band 18, Seite 308 ] ;(Seite 238 – 239)

Das Fazit: Kautsky hat den Begriff der Diktatur des Proletariats aufs Unerhörteste entstellt und hat Marx in einen Dutzendliberalen verwandelt, d.h., er ist selbst auf dem Niveau eines Liberalen angelangt, der sich in banalen Phrasen über „reine Demokratie“ ergeht, den Klasseninhalt der bürgerlichen Demokratie beschönigt und vertuscht und am meisten die revolutionäre Gewalt der unterdrückten Klassen fürchtet. Als Kautsky den Begriff der „revolutionären Diktatur des Proletariats“ so „auslegte“, dass die revolutionäre Gewalt der unterdrückten Klasse gegenüber den Unterdrückern verschwand, schlug er den Weltrekord in der liberalen Entstellung von Marx. Der Renegat Bernstein ist ein Waisenknabe im Vergleich zum Renegat Kautsky. (Seite 240)

BÜRGERLICHE UND PROLETARISCHE DEMOKRATIE

Die von Kausky heillos verwirrte Frage stellt sich in Wirklichkeit folgendermaßen dar (…), dass man nicht von „reiner Demokratie“ sprechen kann, solange es verschiedene Klassen gibt, dass man da nur von Klassendemokratien sprechen kann. (Seite 240)

Reine Demokratie“, das ist die verlogene Phrase eines Liberalen, der die Arbeiter zum Narren hält. Die Geschichte kennt die bürgerliche Demokratie, die den Feudalismus ablöst, und die proletarische Demokratie, die die bürgerliche ablöst.

Die bürgerliche Demokratie, die im Vergleich zum Mittelalter ein gewaltiger historischer Fortschritt ist, bleibt stets – und im Kapitalismus kann es gar nicht anders sein - , eng beschränkt, falsch und verlogen, ein Paradies für die Reichen, eine Falle und Betrug für die Ausgebeuteten, die Armen. Eben diese Wahrheit, die einen höchst wesentlichen Bestandteil der marxistischen Lehre bildet, hat der „Marxist“ Kautsky nicht begriffen. (Seite 241)

Die proletarische Demokratie ist millionenfach demokratischer als jede bürgerliche Demokratie; die Sowjetmacht isz millionenfach demokratischer als die demokratischste bürgerliche Republik. (Seite 247)

Kautsky versteht diese jedem Arbeiter verständliche und offensichtliche Tatsache nicht, denn er hat „vergessen“, hat es „verlernt“, die Frage zu stellen: Demokratie für welche Klasse ? Er urteilt vom Standpunkt der „reinen (d.h., klassenlosen? oder außerhalb der Klassen stehenden ?) Demokratie (Seite 248).



KANN ES GLEICHHEIT ZWISCHEN DEM AUSGEBEUTETEN UND DEM AUSBEUTER GEBEN ?

Der Ausbeuter kann nicht dem Ausgebeuteten gleich sein. Diese Wahrheit, wie unangenehm sie Kautsky auch sein mag, bildet den wesentlichen Inhalt des Sozialismus.

Eine wirkliche, tatsächliche Gleichheit kann es nicht geben, solange nicht jede Möglichkeit der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere völlig beseitigt ist. (Seite 251)

Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus umfasst eine ganze geschichtliche Epoche. Solange sie nicht abgeschlossen ist, behalten die Ausbeuter unvermeidlich die Hoffnung auf eine Restauration, und diese Hoffnung verwandelt sich in Versuche der Restauration. (Seite 252 - 253)

Und bei einer solchen Lage der Dinge, in der Epoche des verzweifelten, verschärften Kampfes, da die Geschichte Fragen des Seins oder Nichtseins jahrundertelang – un d jahrtausende-alter Privilegien auf die Tagesordnung setzt, von Mehrheit und Minderheit, von reiner Demokratie, von Gleichheit des Ausbeuters mit dem Ausgebeuteten zu reden, zu behaupten, die Diktatur sei nicht nötig – welch bodenlose Borniertheit, welcher Abgrund von Philistertum gehört dazu ! Doch die Jahrzehnte eines relativ „friedlichen“ Kapitalismus, 1871 bis 1914, schufen in den sozialistischen Parteien, die sich dem Opportunismus anpassen, wahre Augiusställe des Philistertums, der Engstirnigkeit, des Renegatentums … (Seite 253)

DIE SOWJETS DÜRFEN NICHT ZU STAATLICHEN ORGANISATIONEN WERDEN

Also, die unterdrückte Klasse, die Vorhut aller Werktätigen und Ausgebeuteten in der heutigen Gesellschaft, soll „Entscheidungskämpfe zwischen Kapital und Arbeit“ anstreben, aber die Maschine, mit deren Hilfe das Kapital die Arbeit knechtet, darf sie nicht antasten ! - - Sie darf diese Marchine nicht zerschlagen ! - - Sie darf ihre umfassende Organisation nicht zur Niederhaltung der Ausbeuter ausnutzen !

Prachtvoll, Herr Kautsky, ausgezeichnet ! „Wir“ erkennen den Klassenkampf an – wie ihn alle Liberalen anerkennen, d.h., ohne den Sturz der Bourgeoisie … Schon im „Kommunistischen Manifest“ schrieb Marx, als er davon sprach, welchen Staat die siegreiche Arbeiterklasse braucht:...den Staat, d.h., das als herrschende Klasse organisierte Proletariat.“ [ MEW, Band 4, Seite 481 ]; (Seite 259).

Einerseits ist Europa für den Sozialismus reif und geht den Entscheidungskämpfen zwischen Kapital und Arbeit entgegen, andererseits darf man die Kampforganisation (d.h., die Organisation, die im Kampfe entsteht, wächst, erstarkt), die Organisation des Proletariats, der Vorhut und des Organisators, des Führers der Unterdrückten, nicht zu einer Staatsorganisation machen ! [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 261)



DIE KONSTITUIERNDE VERSAMMLUNG UND DIE SOWJETREPUBLIK

Die Frage der Konstituierenden Versammlung und ihres Auseinanderjagens durch die Bolschewiki ist der Kernpunkt der ganzen Broschüre Kautskys. (Seite 262).

Ist es wahr, dass eine bürgerlich-demokratische, parlamentarische Republik tiefer steht als eine Republik vom Typus der Kommune oder der Sowjets ? Das ist der Kern der Frage. (Seite 266)

Ihr schwankenden Herren Kleinbürger, die ihr euch in der Konstituierenden Versammlung festgesetzt habt, entweder findet ihr euch mit der Diktatur des Proletariats ab, oder wir werden euch „auf revolutionärem Wege“ besiegen. (Lenins Thesen 18 und 19 , vom 26. Dezember 1917). So ist das wirklich revolutionäre Proletariat dem schwankenden Kleinbürgertum gegenüber stets verfahren, und so wird es auch in Zukunft stets verfahren.

Der formal-demokratische Standpunkt ist eben der Standpunkt des bürgerlichen Demokraten, der nicht anerkennt, dass das Interesse des Proletariats und des proletarischen Klassenkampfes höher steht. (Seite 267)

Durch die ganze Broschüre Kautskys bestätigt: Man hätte die Konstituierende Versammlung nicht auseinanderjagen sollen heißt so viel wie: man hätte den Kampf gegen die Bourgeoisie nicht zu Ende führen, sie nicht stürzen sollen, das Proletariat hätte sich mit der Bourgeoisie aussöhnen sollen.

In Wirklichkeit haben aber gerade die mehr als halbjährigen Erfahrungen (für eine Revolution ist das eine sehr lange Zeit) des menschewistischen Paktierens, der Versuche, das Proletariat mit der Bourgeoisie auszusöhnen, das Volk von der Nutzlosigkeit dieser Versuche überzeugt und das Proletariat von den Menschewiki abgestoßen. (Seite 269)

Denn die ganze Revolution ist ein ständiger und dabei erbitterter Kampf aller Unterdrückten, Brennpunkt und Mittelpunkt der Bestrebungen aller und jeder Unterdrückten nach ihrer Befreiung. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; Die Sowjets – Kampforgan der unterdrückten Massen – widerspiegelten und brachten naturgemäß die Stimmungen und den Wechsel in den Ansichten dieser Massen ungleich schneller, vollständiger und zuverlässiger zum Ausdruck als irgendeine andere Institution ( und das ist übrigens einer der Gründe, warum die Sowjetdemokratie die höchste Form der Demokratie ist) (Seite 270).

DIE SOWJETVERFASSUNG

Die Sowjets sind ohne jede Verfassung entstanden und haben über ein Jahr (vom Frühjahr 1917 bis zum Sommer 1918) ohne jede Verfassung existiert.

Als aber die werktätigen und ausgebeuteten Klassen, durch den imperialistischen Krieg abgeschnitten von ihren Brüdern jenseits der Grenze, zum ersten Mal in der Geschichte ihre eigenen Sowjets schufen, als sie diejenigen Massen , die die Bourgeoisie unterdrückt, eingeschüchtert, abgestumpft hatte, zum politischen Aufbau herbeiriefen und selbst anfingen, einen neuen , proletarischen Staat aufzubauen, als sie im Getümmel des erbitterten Kampfes, im Feuer des Bürgerkrieges darangingen, die Grundprinzipien für einen Staat ohne Ausbeuter zu entwerfen - da erhob das ganze bourgeoise Gesindel, die ganze Bande der Blutsauger samt ihrem Trabanten Kautsky ein Gezeter über „Willkür!“ (Seite 275)

WAS IST INTERNATIONALISMUS ?

Kautsky hält sich aus tiefster Überzeugung für einen Internationalisten und bezeichnet sich auch als solchen. (Seite 280)

Kaustky und der Menschewiki (…) erklärten: Wir sind für die „Vaterlandsverteidigung“.

Theoretisch bedeutet das völliges Unvermögen, sich von den Sozialchauvinisten zu trennen, sowie völlige Verwirrung in der Frage der Vaterlandsverteidigung. Politisch bedeutet das, den Internationalismus durch kleinbürgerlichen Nationalismus zu ersetzen, ins Lager des Reformismus überzugehen und sich von der Revolution loszusagen. (Seite 281)[ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Die Anerkennung der „Vaterlandsverteidigung“ bedeutet vom Standpunkt des Proletariats die Rechtfertigung des gegebenen Krieges, bedeutet die Anerkennung seiner Rechtmäßigkeit. Und da der Krieg ( in der Monarchie wie in der Republik) ein imperialistischer Krieg ist und bleibt, unabhängig davon, wo im gegebenen Augenblick die feindlichen Truppen stehen – im eigenen oder im fremden Lande -, so bedeutet die Anerkennung der Vaterlandsverteidigung in Wirklichkeit Unterstützung der imperialistischen, räuberischen Bourgeoisie, völligen Verrat am Sozialismus. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Die Menschewiki haben das Volk schmählich betrogen, als sie diesen Krieg einen Verteidigungs – oder revolutionären Krieg nannten, und Kautsky, der die menschewistische Politik gutheißt, billigt damit auch den Betrug am Volke, billigt die Rolle der Kleinbürger, die dem Kapital dadurch dienten, dass sie die Arbeiter prellten und vor den Karren der Imperialisten spannten. (Seite 282)

Der imperialistische Krieg hört nicht auf, ein imperialistischer Krieg zu sein, wenn Scharlatane, Phrasendrescher oder philiströse Kleinbürger eine honigsüße „Losung“ ausgeben, sondern erst dann, wenn die Klasse , die den imperialistischen Krieg führt und mit ihm durch Millionen wirtschaftlicher Fäden (oder sogar Seile) verbunden ist, tatsächlich gestürzt worden ist und wenn die wirklich revolutionäre Klasse, das Proletariat, sie an der Macht ablöst. Anders ist es nicht möglich, sich vom imperialistischen Krieg – und ebenso von einem imperialistischen Raubfrieden – zu befreien. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];(Seite 282 – 283)

Das Proletariat kämpft für den revolutionären Sturz der imperialistischen Bourgeoisie, das Kleinbürgertum für eine reformistische „Vervollkommnung“ des Imperialismus, für die Anpassung an ihn bei Unterordnung unter ihn. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Die reformistische Taktik der Menschewiki als Internationalismus auszugeben, ist das etwa nicht Renegatentum ?(Seite 283)

Alle Grundlagen des imperialistischen Krieges, alle Grundlagen der bürgerlichen Diktatur beim Alten lassen, an Kleinigkeiten herumflicken, Nichtigkeiten einwenig übertünchen („Reformen“) - darauf lief in Wirklichkeit die Taktik der Menschewiki hinaus (Seite 284)

Ohne „Desorganisation“ der Armee ist noch keine große Revolution ausgekommen. Denn die Armee ist das am meisten verknöcherte Werkzeug der bürgerlichen Disziplin, ein Werkzeug, mit dem das Kapital seine Herrschaft stützt, die Werktätigen zu sklavischer Unterwürfigkeit und Unterordnung unter das Kapital erzieht und sie in diesem Zustand hält. Die Konterrevolution hat nie neben der Armee bewaffnete Arbeiter geduldet und konnte sie auch nicht dulden. In Frankreich, schrieb Engels, waren nach der Revolution die Arbeiter bewaffnet; für die am Staatsruder befindlichen Bourgeois war daher die Entwaffnung der Arbeiter oberstes Gebot.“ [ MEW, Band 17, Seite 616 ]. Die bewaffneten Arbeiter waren Keim einer neuen Armee, Organisationszelle der neuen Gesellschaftsordnung. Diese Zelle zu zertreten, sie nicht wachsen zu lassen, war erstes Gebot der Bourgeoisie. Das erste Gebot jeder siegreichen Revolution – Marx und Engels haben das wiederholt betont – war: die alte Armee zu zerschlagen, sie aufzulösen, sie durch eine neue zu ersetzen. [ MEW, Band 17, Seite 338 ] Der Historiker Kautsky hat das früher einmal verstanden. Der Renegat Kautsky hat es vergessen. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 284)

Jeder Krieg bedeutet Gewaltanwendung gegen Nationen, das hindert aber die Sozialisten nicht, für einen revolutionären Krieg zu sein. Der Klassencharakter des Kriegesdas ist die Kernfrage, vor die ein Sozialist gestellt ist (wenn er kein Renegat ist). (Seite 285).

Der Charakter eines Krieges ( ob er ein reaktionärer oder ein revolutionärer Krieg ist) hängt nicht davon ab, wer der Angreifer ist und in wessen Land der „Feind“ steht, sondern davon, welche Klasse den Krieg führt, welche Politik durch diesen Krieg fortgesetzt wird, Ist der Krieg ein reaktionärer, imperialistischer Krieg, d.h., ein Krieg, der von zwei Mächtegruppen der imperialistischen, gewalttätigen, raubsüchtigen, reaktionären Weltbourgeosie geführt wird, so macht sich jede Bourgeoisie (sogar die eines kleinen Landes) der Mittäterschaft am Raube schuldig, und meine Aufgabe, die Aufgabe eines Vertreters des revolutionären Proletariats, ist es dann, die proletarische Weltrevolution vorzubereiten als einzige Rettung vor den Schrecken des Weltgemetzels. Nicht vom Standpunkt „meines“ Landes darf ich urteilen (denn so urteilt ein kläglicher Dummkopf, ein nationalistischer Spießer, der nicht versteht, dass er ein Spielzeug in den Händen der imperialistischen Bourgeoisie ist), sondern vom Standpunkt meiner Teilnahme an der Vorbereitung, der Propagierung, der Beschleunigung der proletarischen Weltrevolution. Das eben ist Internationalismus, das ist die Aufgabe eines Internationalisten, eines revolutionären Arbeiters, eines wirklichen Sozialisten. Diese Binsenweisheit hat der Renegat Kautsky „vergessen“. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 287)





(Seite 288). Und Kausky setzt dann lang und breit auseinander, dass sich Marx, Engels und Bebel mehr als einmal in Bezug auf den Ausbruch der von ihnen erwarteten Revolution geirrt hätten, sie hätten aber niemals ihre Taktik auf die Erwartung der Revolution „für einen bestimmten Termin“ (S.29) aufgebaut, während die Bolschewiki „alles auf die einer Karte der allgemeinen europäischen Revolution gesetzt“ hätten. Wir haben absichtlich dieses lange Zitat [ von Kautsky ] angeführt, um dem Leser anschaulich zu zeigen, wie „geschickt“ Kaustky den Marxismus fälscht und ihn durch einen banalen und reaktionären Spießerstandpunkt ersetzt:

Erstens

ist es die Methode nicht gerade kluger Leute, dem Gegner eine offensichtliche Dummheit zu unterstellen und sie dann zu widerlegen. Hätten die Bolschewiki ihre Taktik auf die Erwartung aufgebaut, dass die Revolution in anderen Ländern zu einem bestimmten Termin ausbrechen würde, so wäre das unbestreitbar eine Dummheit gewesen. Die bolschewistische Partei aber hat diese Dummheit nicht begangen: In meinem Brief an die amerikanischen Arbeiter (20. VIII. 1918) ...

[ darin heißt es bei Lenin wörtlich:Wir bauen darauf, dass die internationale Revolution unausbleiblich ist; das bedeutet aber keineswegs, dass wir törichterweise damit rechnen, die Revolution werde unbedingt innerhalb einer bestimmten kurzen Frist beginnen. Wir haben in unserem Land zwei große Revolutionen erlebt, 1905 und 1917, und wir wissen, dass Revolutionen weder auf Bestellung noch auf Verabredung gemacht werden.“ ( Lenin, Band 28, Seite 61 – 62 ) ].

grenze ich mich von dieser Dummheit ausdrücklich ab und erkläre, dass wir zwar auf die amerikanische Revolution rechnen, aber nicht zu einem bestimmten Termin. (Seite 288 - 289) In meiner Polemik gegen die linken Sozialrevolutionäre und die „linken Kommunisten“ (Januar bis März 1918) habe ich wiederholt den gleichen Gedanken entwickelt. Kautsky hat sich eine kleine … winzig kleine Unterstellung erlaubt, auf der er dann seine Kritik am Bolschewismus aufbaute. Kautsky hat die Taktik, die mit der europäischen Revolution in einem mehr oder minder nahen Zeitraum, aber nicht zu einem bestimmten Termin rechnet, mit der Taktik in einen Topf geworfen, die den Ausbruch der europäischen Revolution zu einem bestimmten Termin erwartet. Eine kleine, winzig kleine Fälschung ! Die zweite Taktik ist eine Dummheit. Die erste aber ist verbindlich für einen Marxisten, für jeden revolutionären Proletarier und Internationalisten; sie ist verbindlich , denn nur sie beruht auf einer marxistisch richtigen Bewertung der durch den Krieg in allen europäischen Ländern geschaffenen objektiven Lage, nur sie entspricht den internationalen Aufgaben des Proletariats. Dadurch, dass Kautsky die wichtige Frage nach den Grundlagen der revolutionären Taktik überhaupt durch die belanglose Frage nach dem Fehler ersetzt, den die revolutionären Bolschewiki hätten machen können, aber nicht gemacht haben, hat er sich glücklich von der revolutionären Taktik überhaupt losgesagt !

Ein Renegat in der Politik, ist er nicht einmal imstande, die Frage nach den objektiven Voraussetzungen einer revolutionären Taktik theoretisch zu stellen. Und damit sind wir beim zweiten Punkt angelangt.

Zweitens.

Ein Marxist ist verpflichtet, auf die europäische Revolution zu rechnen, wenn eine revolutionäre Situation gegeben ist. Es ist eine ABC-Wahrheit des Marxismus, dass die Taktik des sozialistischen Proletariats nicht die gleiche sein kann, wenn eine revolutionäre Situation gegeben ist und wenn sie nicht vorhanden ist. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Hätte Kautsky diese für einen Marxisten obligatorische Frage aufgerollt, so hätte er erkannt, dass die Antwort unbedingt gegen ihn ausfallen muss. Lange vor dem Krieg waren sich alle Marxisten, alle Sozialisten darin einige, dass ein europäischer Krieg eine revolutionäre Situation schaffen würde.[ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; Das Basler Manifest hat sich im Namen der gesamten II. Internationale dazu bekannt. Nicht umsonst fürchten die Sozialchauvinisten und Kautskyaner aller Länder ( die „Zentristen“, die Leute, die zwischen den Revolutionären und den Opportunisten hin und her schwanken) die entsprechenden Erklärungen im Basler Manifest wie das Feuer ! (Seite 289 – 290)

Die Erwartung einer revolutionären Situation in Europa war folglich keine Schwärmerei der Bolschewiki, sondern allgemeine Ansicht aller Marxisten.[ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; Wenn Kautsky diese unbestreitbare Wahrheit mit Phrasen abtut wie: die Bolschewiki hätten „stets an die Allmacht der Gewalt und des Willens gegleubt“, so ist das eben eine hohle Phrase, die das Ausweichen Kautskys vor dem Aufrollen der Frage nach der revolutionären Situation verdecken soll.

Ferner. Ist die revolutionäre Situation tatsächlich eingetreten oder nicht ? Auch diese Frage aufzuwerfen, war Kautsky nicht imstande. Auf diese Fragen antworten die ökonomischen Gegebenheiten: der überall durch den Krieg hervorgerufene Hunger und der Ruin bedeuten eine revolutionäre Situation. Auf diese Frage antworten auch die politischen Gegebenheiten: schon seit 1915 ist in allen Ländern der Spaltungsprozess der alten, verfaulten sozialistischen Parteien, der Prozess des Abschwenkens der Massen des Proletariats von den sozialchauvinistischen Führern nach links, zu den revolutionären Ideen des Sozialismus, zu den revolutionären Führern klar zu Tage getreten.

Am 5. August 1918, als Kautsky seine Broschüre schrieb, konnte diese Tatsachen nur ein Mensch übersehen, der die Revolution fürchtet, der sie verrät. Heute aber, Ende Oktober 1918, wächst die Revolution in einer Reihe von Ländern Europas vor unser aller Augen, und zwar sehr schnell. Der „Revolutionär“ Kautsky, der nach wie vor als Marxist gelten möchte, hat sich als ein kurzsichtiger Philister entpuppt, der – ähnlich den von Marx verspotteten Philistern von 1847 – die nahende Revolution nicht sah !! [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; Wir sind beim dritten Punkt angelangt.



Drittens.

Welches sind die Besonderheiten der revolutionären Taktik unter den Bedingungen, dass eine revolutionäre Situation in Europa vorhanden ist ? Zum Renegaten geworden, fürchtete Kautsky, diese für einen Marxisten obligatorische Frage aufzuwerfen. Kautsky argumentiert wie ein typischer kleinbürgerlicher Philister oder unwissender Bauer: Ist die „allgemeine europäische Revolution“ herangerückt oder nicht ? Ist sie herangerückt, so ist auch er bereit, Revolutionär zu werden ! Aber dann wird sich – wohlgemerkt – jeder Lump (wie jene Schurken, die sich jetzt mitunter an die siegreichen Bolschewiki anbiedern) für einen Revolutionär erklären ![ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 290 – 291).

Wenn nicht, so kehrt Kautsky der Revolution den Rücken ! Er hat auch keinen Schimmer von Verständnis für jene Wahrheit, dass sich ein revolutionärer Marxist von einem Spießer und Kleinbürger dadurch unterscheidet, dass er es versteht, unter den unwissenden Massen die Notwendigkeit der heranreifenden Revolution zu propagieren , ihre Unvermeidlichkeit nachzuweisen, ihren Nutzen für das Volk klarzumachen , das Proletariat und die gesamten werktätigen und ausgebeuteten Massen auf sie vorzubereiten . [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Kautsky hat den Bolschewiki den Unsinn zugeschrieben, sie hätten alles auf eine Karte gesetzt, in der Annahme, dass die europäische Revolution zu einem bestimmten Termin ausbrechen werde. Dieser Unsinn hat sich gegen Kautsky selbst gekehrt, denn gerade bei ihm stellt sich die Sache so dar: die Taktik der Bolschewiki wäre richtig gewesen, wenn die europäische Revolution am 5. August 1918 ausgebrochen wäre ! Eben dieses Datum erwähnt Kautsky als den Zeitpunkt der Abfassung seiner Broschüre. Und als es einige Wochen nach diesem 5. August klar wurde, dass die Revolution in einer Reihe europäischer Länder anbricht, da offenbarte sich das ganze Renegatentum Kautskys, seine ganze Verfälschung des Marxismus, sein ganzes Unvermögen, revolutionär zu urteilen oder auch nur die Frage revolutionär zu stellen, in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit !

Wenn man die Proletarier Europas des Verrats anklage, schreibt Kautsky, so sei das eine Anklage gegen Unbekannte.

Sie irren, Herr Kautsky ! Schauen Sie in den Spiegel, und Sie werden die „Unbekannten“ sehen, gegen die sich diese Anklage richtet . Kautsky stellt sich naiv, er tut so, als begriffe er nicht, wer eine solche Anklage erhebt und welchen Sinn sie hat. In Wirklichkeit jedoch weiß Kautsky sehr gut, dass die deutschen „Linken“, die Spartakusleute, Liebknecht und seine Freunde, diese Anklage erhoben haben und erheben. Diese Anklage ist der Ausdruck des klaren Bewusstseins dessen, dass das deutsche Proletariat an der russischen ( und internationalen) Revolution Verrat (Seite 291 – 292) beging, als es Finnland, die Ukraine, Lettland und Estland würgte. Diese Anklage richtet sich vor allem und am stärksten nicht gegen die Masse , die stets geduckt und getreten ist, sondern gegen jene Führer , die, wie die Scheidemann und Kautsky, ihre Pflicht nicht erfüllt haben , unter den Massen revolutionäre Agitation, revolutionäre Propaganda, revolutionäre Arbeit zu leisten, zur Überwindung deren Trägheit, die den in den Massen der unterdrückten Klassen stets glimmenden revolutionären Instinkten und Bestrebungen faktisch zuwiderhandelten.[ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; Die Scheidemänner haben das Proletariat unmittelbar, in gemeiner, zynischer Weise, zumeist aus Eigennutz verraten und sind auf die Seite der Bourgeoisie übergegangen. Die Kautskyaner und Longuetisten haben zaudernd, schwankend, sich feige nach dem jeweils Stärkeren umschauend, dasselbe getan. Mit allen seinen Schriften hat Kautsky während des Krieges den revolutionären Geist zu ersticken gesucht, statt ihn zu fördern, zu entfalten.

Es wird geradezu ein historisches Denkmal bleiben für die spießerhafte Verblödung eines „durchschnittlichen“ Führers der deutschen offiziellen Sozialdemokratie, dass Kautsky nicht einmal begreift, welche gewaltige theoretische Bedeutung und welche noch größere agitatorische und propagandistische Bedeutung die „Anklage“ gegen die Proletarier Europas hat, dass sie die russische Revolution verraten haben ! Kautsky begreift nicht, dass diese „Anklage“ - bei den zensurbedingten Verhältnissen im deutschen „Reich“ - nahezu die einzige Form ist, in der die deutschen Sozialisten, die den Sozialismus nicht verraten haben, Liebknecht und seine Freunde, ihren Appell an die deutschen Arbeiter zum Ausdruck bringen, die Scheidemann und Kautsky abzuschütteln, derartige „Führer“ von sich zu stoßen, sich frei zu machen von ihren verdummenden und vulgarisierenden Predigten, sich gegen sie, ohne sie, über sie hinweg zur Revolution zu erheben ! [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Kautsky begreift das nicht. Wie sollte er auch die Taktik der Bolschewiki begreifen ? Kann man von einem Menschen, der sich von der Revolution überhaupt lossagt, erwarten, dass er die Entwicklungsbedingungen der Revolution in einem der „schwierigsten“ Fälle abwäge und werte ?

Die Taktik der Bolschewiki war richtig, war die einzige internationalistische Taktik, denn sie basierte nicht auf der feigen Furcht vor der Weltrevolution, nicht auf dem kleinbürgerlichen „Unglauben“ an sie, nicht auf dem bewschränkt – nationalistischen Wunsch, das „eigene“ Vaterland (das Vaterland der eigenen Bourgeoisie) zu verteidigen und auf alles andere „zu pfeifen“ - sie beruhte auf der richtigen ( vor dem Krieg, vor dem Renegatentum der Sozialchauvinisten und Sozialpazifisten allgemein anerkannten) Einschätzung der europäischen, revolutionären Situation. Das war die einzig internationalistische Taktik, denn sie bewirkte ein Höchstmaß dessen, was in einem Lande f ü r die Entwicklung, Unterstützung und Entfachung der Revolution in allen Ländern durchführbar ist. Diese Taktik ist durch den gewaltigen Erfolg gerechtfertigt worden, denn der Bolschewismus ist (durchaus nicht wegen der Verdienste der russischen Bolschewiki, sondern kraft der außerordentlich tiefen Sympathie, die die Massen allerorts einer wirklich revolutionären Taktik entgegenbringen) zum Welt Bolschewismus geworden, er hat die Idee, die Theorie, das Programm und die Taktik geliefert, die sich konkret und praktisch vom Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus unterscheiden. Der Bolschewismus hat der alten, verfaulten Internationale der Scheidemann und Kautsky, Renaudel und Longuet, Henderson und MacDonald den Todesstoß versetzt , die sich jetzt in Träumen von der „Einheit“ und Versuchen, den Leichnam wieder zum Leben zu erwecken, überkugeln werden. Der Bolschewismus hat die ideologischen und taktischen Grundlagen für die III. Internationale, die wirklich proletarische und kommunistische Internationale geschaffen , die sowohl die Errungenschaften der friedlichen Epoche berücksichtigt, als auch die Erfahrungen der bereits ausgebrochenen Epoche der Revolutionen.[ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Der Bolschewismus hat die Idee der „Diktatur des Proletariats“ in der ganzen Welt popularisiert, hat diese Worte aus dem Lateinischen zunächst ins Russische, dann in alle Sprachen der Welt übertragen und an dem Beispiel der Sowjetmacht gezeigt, dass die Arbeiter und die armen Bauern sogar eines rückständigen Landes,das sogar die am wenigsten erfahrenen, geschulten und an Organisation gewöhnten Arbeiter und armen Bauern ein ganzes Jahr lang imstande waren, unter gewaltigen Schwierigkeiten, im Kampfe gegen die (von der Bourgeoisie der ganzen Welt unterstützten) Ausbeuter die Macht der Werktätigen zu behaupten, eine ungleich höhere und breitere Demokratie als alle früheren Demokratien der Welt zu schaffen und durch die schöpferische Arbeit von Millionen und aber Millionen Arbeitern und Bauern die praktische Verwirklichung des Sozialismus in Angriff zu nehmen . [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 293)

Der Bolschewismus hat in der Tat die Entwicklung der proletarischen Revolution in Europa und Amerika so stark gefördert, wie das bisher keiner einzigen Partei in keinem anderen Lande gelungen war. Während es den Arbeitern der ganzen Welt von Tag zu Tag klarer wird, dass die Taktik der Scheidemann und Kautsky sie nicht von dem imperialistischen Krieg und von der Lohnsklaverei im Dienste der imperialistischen Bourgeoisie erlöst hat, dass diese Taktik als Vorbild für alle Länder ungeeignet ist – wird es gleichzeitig den Massen der Proletarier in allen Ländern mit jedem Tage klarer, dass der Bolschewismus den richtigen Weg zur Rettung vor den Schrecken des Krieges und des Imperialismus gewiesen hat, dass sich der Bolschewismus als Vorbild der Taktik für alle eignet .

Nicht nur die proletarische Revolution in ganz Europa, sondern die proletarische Weltrevolution reift vor unser aller Augen heran, und der Sieg des Proletariats in Russland hat sie gefördert, beschleunigt und unterstützt. Ist das alles wenig für den völligen Sieg des Sozialismus ? Gewiss ist das wenig. Ein Land kann nicht mehr tun. Aber dieses eine Land hat, dank der Sowjetmacht, doch so viel getan, dass selbst dann, wenn morgen der Weltimperialismus die russische Sowjetmacht, nehmen wir an, auf dem Wege einer Verständigung zwischen dem deutschen und dem englisch-französischen Imperialismus, erdrosseln sollte – dass es selbst dann, in diesem schlimmsten aller Fälle, zeigen würde, dass die bolschewistische Taktik dem Sozialismus ungeheuren Nutzen gebracht und das Anwachsen der unbesiegbaren Weltrevolution gefördert hat. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 294)



LIEBEDIENEREI VOR DER BOURGEOISIE UNTER DEM SCHEIN EINER „ÖKONOMISCHEN ANALYSE“

Wie schon gesagt, hätte Kautskys Buch, wenn der Titel den Inhalt richtig wiedergeben sollte, sich nicht „Die Diktatur des Proletariats“, sondern „Nachbetung bürgerlicher Angriffe auf die Bolschewiki“ nennen müssen. (Seite 294)

Untersuchen wir nun den Hauptinhalt der „ökonomischen Analyse“ unseres Theoretikers: Dass die Sowjetmacht eine Diktatur ist, ist sicher, sagt Kautsky. „Aber ob gerade Diktatur des Proletariats?“ (Seite 297)

Kautsky beschuldigt die Bolschewiki, sie gäben die Diktatur der Bauernschaft für die Diktatur des Proletariats aus. (Seite 299)

Der Verlauf der Revolution hat die Richtigkeit unserer Argumentation bestätigt. Zuerst zusammen mit der „gesamten“ Bauernschaft gegen die Monarchie, gegen die Gutsbesitzer, gegen das Mittelalter ( und insoweit bleibt die Revolution eine bürgerliche, bürgerlich-demokratische Revolution). Dann zusammen mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zusammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus , einschließlich der Dorfreichen, der Kulaken, der Spekulanten, und insofern wird die Revolution zu einer sozialistischen Revolution. Der Versuch, künstlich eine chinesische Mauer zwischen dieser und jener aufzurichten, sie voneinander durch etwas Anderes zu trennen als durch den Grad der Vorbereitung des Proletariats und den Grad seines Zusammenschlusses mit der Dorfarmut, ist die größte Entstellung und Vulgarisierung des Marxismus, seine Ersetzung durch den Liberalismus. Das würde bedeuten, durch quasi-gelehrte Hinweise auf die Fortschrittlichkeit der Bourgeoisie im Verhältnis zum Mittelalter eine reaktionäre Verteidigung der Bourgeoisie gegenüber dem sozialistischen Proletariat einzuschmuggeln. (Seite 301)

Gerade die Bolschewiki haben den Unterschied der bürgerlich-demokratischen von der sozialistischen Revolution streng berücksichtigt: dadurch, dass sie jene zu Ende führten, öffneten sie das Tor für den Übergang zu dieser. Das ist die einzig revolutionäre und einzig marxistische Politik, (Vorgezogenes Zitat von Seite 312).

Nur das Proletariat hat die bürgerlich-demokratische Revolution wirklich zu Ende geführt, nur das Proletariat hat etwas Wesentliches getan, um die proletarische Weltrevolution näherzu bringen, nur das Proletariat hat den Sowjetstaat geschaffen, nach der Kommune der zweite Schritt zum sozialistischen Staat.

Hätte andererseits das bolschewistische Proletariat versucht, gleich im Ootober-November 1917, ohne es verstanden zu haben, die Klassenscheidung im Dorfe abzuwarten, sie vorzubereiten und durchzuführen, den Bürgerkrieg oder die „Einführung des Sozialismus“ im Dorf, zu „dekretieren“, hätte es versucht, ohne eine Reihe von Zugeständnissen an den Mittelbauern usw. auszukommen, so wäre das eine blanquistische Entstellung des Marxismus gewesen, der versuch einer Minderheit , der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen, ein theoretischer Widersinn und ein Nichtverstehen dessen, dass eine Revolution der gesamten Bauernschaft noch eine bürgerliche Revolution ist und dass es ohne eine Reihe von Übergängen, von Übergangsstufen nicht möglich ist, diese in einem rückständigen Lande zu einer sozialistischen zu machen. (Seite 305)

Gerade die Bolschewiki, allein die Bolschewiki, haben den Bauern nur dank dem Sieg der proletarischen Revolution dazu verholfen, die bürgerlich-demokratische Revolution wirklich zu Ende zu führen. Und allein dadurch haben sie das Höchste geleistet für die Erleichterung und Beschleunigung des Übergangs zur sozialistischen Revolution. (Vorgezogenes Zitat von Seite 315).

Kautsky hat in dieser höchst wichtigen theoretischen und politischen Frage alles durcheinander geworfen und sich in der Praxis einfach als Lakai der Bourgeoisie entpuppt, der gegen die Diktatur des Proletariats zetert. (Seite 305)

Das Fazit: Kautsky hat uns in der Theorie ein unglaubliches Durcheinander vorgesetzt, dazu den völligen Verzicht auf den Marxismus und in der Praxis Liebedienerei vor der Bourgeoisie und ihrem Reformismus. Da kann man wohl sagen, eine nette Kritik (Seite 316 – 317).

Eine Revolution ohne Revolution, ohne erbitterten Kampf, ohne Gewalt – das ist es, was Kautsky verlangt. (Seite 318)

Von den Tatsachen, die beweisen, dass die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre unter Kerenski die imperialistische Raubpolitik der Bourgeoisie unterstützt haben, will der Historiker Kautsky nichts wissen: dass die Konstituierende Versammlung gerade diese Helden des imperialistischen Krieges und der bürgerlichen Diktatur die Mehrheit gebracht hatte, darüber schweigt er bescheiden. Und das nennt sich „ökonomische Analyse“ ! … (Seite 319).

Zum Schluss noch ein Musterbeispiel „ökonomischer Analyse“:

In der Tat sehen wir, dass die Sowjetrepublik nach neun Monaten des Bestehens, statt allgemeinen Wohlstand zu verbreiten, sich gezwungen fühlte zu erklären, woher der allgemeine Notstand herrühre“ (41)

An solche Äußerungen haben uns schon die Kadetten gewöhnt. Die Lakaien der Bourgeoisie urteilen in Russland alle so: Her mit dem allgemeinen Wohlstand nach neun Monaten – und das nach vier Jahren verheerenden Krieges, bei allseitiger Unterstützung der Sabotage und der Aufstände der Bourgeoisie in Russland durch das ausländische Kapital. In Wirklichkeit besteht absolut kein Unterschied mehr, nicht die Spur eines Unterschiedes, zwischen Kautsky und einem konterrevolutionären Bourgeois.[ hervorgehoben von der Komintern (SH)]; (Seite 319)

Die vorstehenden Zeilen waren am 9. November 1918 niedergeschrieben. In der Nacht vom 9. zum 10. trafen aus Deutschland Nachrichten ein über den Beginn der siegreichen Revolution zuerst in Kiel und anderen Städten im Norden und an der Küste, wo die Macht in die Hände der Arbeiter – und Soldatenräte übergegangen ist, dann auch in Berlin, wo der Rat ebenfalls die Macht übernommen hat. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)];

Der Schluss, den ich noch zu der Broschüre über Kautsky und die proletarische Revolution zu schreiben hätte, erübrigt sich dadurch. (Seite 320)

      1. November 1918