Herausgegeben von der Komintern (SH) aus Anlass des 140. Geburtstages von Wladimir Iljitsch LENIN






Über die Pariser Kommune


W. I. LENIN


ausgewählte Schriften, Auszüge und Zitate

zusammengestellt von

Wolfgang Eggers







Staat und Revolution



III. Kapitel


Die Erfahrungen der Pariser Kommune vom Jahre 1871.



Die Analyse von Marx



1.

Worin bestand der Heroismus des Versuchs der Kommunarden?

Es ist bekannt, daß Marx einige Monate vor der Kommune, im Herbst 1870, die Pariser Arbeiter warnte und nachwies, daß der Versuch, die Regierung zu stürzen, eine verzweifelte Torheit wäre. Als aber im März 1871 den Arbeitern der Entscheidungskampf aufgezwungen wurde und sie ihn aufnahmen, als der Aufstand zur Tatsache geworden war, begrüßte Marx, trotz der schlimmen Vorzeichen, die proletarische Revolution mit der größten Begeisterung. Marx versteifte sich nicht auf eine pedantische Verurteilung der „unzeitgemäßen“ Bewegung, wie das der zu trauriger Berühmtheit gelangte russische Renegat des Marxismus, Plechanow, tat, der im November 1905 so schrieb, daß er die Arbeiter und Bauern zum Kampf ermunterte, nach dem Dezember 1905 aber wie ein Liberaler zeterte: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen.“

Marx begnügte sich jedoch nicht damit, den Heroismus der, wie er sich ausdrückte, „himmelstürmenden“ Kommunarden Begeisterung zu zollen. Er sah in der revolutionären Massenbewegung, obwohl sie ihr Ziel nicht erreichte, einen historischen Versuch von ungeheurer Tragweite, einen gewissen Schritt vorwärts in der proletarischen Weltrevolution, einen praktischen Schritt, der wichtiger ist als Hunderte von Programmen und Auseinandersetzungen. Diesen Versuch zu analysieren, aus ihm Lehren für die Taktik zu ziehen, auf Grund dieses Versuchs seine eigene Theorie zu überprüfen – das war die Aufgabe, die sich Marx stellte.

Die einzige „Korrektur“, die Marx am Kommunistischen Manifest vorzunehmen für notwendig erachtete, machte er auf Grund der revolutionären Erfahrungen der Pariser Kommunarden.

Die letzte Vorrede zur neuen deutschen Auflage des Kommunistischen Manifests, die von seinen beiden Verfassern unterzeichnet ist, datiert vom 24. Juni 1872. In dieser Vorrede erklären die Verfasser, Karl Marx und Friedrich Engels, daß das Programm des Kommunistischen Manifestsheute stellenweise veraltet“ sei.

Namentlich“, fahren sie fort, hat die Kommune den Beweis geliefert, daß ‚die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann‘.“

Die in einfache Anführungszeichen (‚...‘) gesetzten Worte dieses Zitats haben seine Verfasser der Marxschen Schrift Der Bürgerkrieg in Frankreich entnommen.

Somit maßen Marx und Engels der einen Haupt- und Grundlehre der Pariser Kommune eine so ungeheure Bedeutung bei, daß sie sie als wesentliche Korrektur zum Kommunistischen Manifest hinzufügten.

Es ist überaus bezeichnend, daß gerade diese wesentliche Korrektur von den Opportunisten entstellt worden ist und daß ihr eigentlicher Sinn sicherlich neun von zehn, wenn nicht gar neunundneunzig von hundert Lesern des Kommunistischen Manifests unbekannt ist. Ausführlicher sprechen wir von dieser Entstellung weiter unten in dem Kapitel, das sich speziell mit den Entstellungen befaßt. Vorläufig mag der Hinweis genügen, daß die landläufige, vulgäre „Auffassung“ des von uns zitierten berühmten Ausspruchs von Marx darin besteht, daß Marx hier angeblich die Idee der allmählichen Entwicklung im Gegensatz zur Ergreifung der Macht unterstreiche und dergleichen mehr.

In Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt. Der Marxsche Gedanke besteht gerade darin, daß die Arbeiterklasse „die fertige Staatsmaschine“ zerschlagen, zerbrechen muß und sich nicht einfach auf ihre Besitzergreifung beschränken darf.

Am 12. April 1871, d.h. gerade während der Kommune, schrieb Marx an Kugelmann:

Wenn Du das letzte Kapitel meines Achtzehnten Brumaire nachsiehst, wirst Du finden, daß ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andere zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen(hervorgehoben von Marx), „und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent. Dies ist auch der Versuch unserer heroischen Pariser Parteigenossen.“ (S.709, Neue Zeit, XX, 1, 1901/1902.) (Die Briefe von Marx an Kugelmann sind in russischer Sprache in mindestens zwei Ausgaben erschienen, eine davon unter meiner Redaktion und mit einem Vorwort von mir.)

In diesen Worten: „die bürokratisch-militärische Maschinerie zu zerbrechen“, ist, kurz ausgedrückt, die Hauptlehre des Marxismus von den Aufgaben des Proletariats in der Revolution gegenüber dem Staat enthalten. Und gerade diese Lehre ist nicht nur völlig vergessen, sondern durch die herrschende, kautskyanische „Auslegung“ des Marxismus geradezu entstellt worden!

Was den Hinweis von Marx auf den Achtzehnten Brumaire anbelangt, so haben wir die betreffende Stelle weiter oben vollständig zitiert. Es ist von Interesse, zwei Stellen aus der angeführten Betrachtung von Marx besonders hervorzuheben. Erstens beschränkt er seine Schlußfolgerung auf den Kontinent. Das war 1871 verständlich, als England noch das Muster eines rein kapitalistischen Landes war, aber eines Landes ohne Militarismus und in hohem Grade ohne Bürokratie. Marx schloß daher England aus, wo eine Revolution und selbst eine Volksrevolution ohne die Vorbedingung der Zerstörung der „fertigen Staatsmaschine“ damals möglich zu sein schien und möglich war.

Jetzt, im Jahre 1917, in der Epoche des ersten großen imperialistischen Krieges, fällt diese Einschränkung von Marx fort. Sowohl England als auch Amerika, die im Sinne des Nichtvorhandenseins von Militarismus und Bürokratismus größten und letzten Vertreter angelsächsischer „Freiheit“ in der ganzen Welt, sind vollständig in den allgemeinen europäischen, schmutzigen, blutigen Sumpf der bürokratisch-militärischen Institutionen hinabgesunken, die sich alles unterordnen, die alles erdrücken. Jetzt bildet sowohl für England als auch für Amerika das Zerbrechen, das Zerstören der „fertigen Staatsmaschine“ (die dort in den Jahren 1914-1917 die „europäische“, allgemein-imperialistische Vollkommenheit erreicht hat) die „Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution“.

Zweitens verdient die außerordentlich tiefe Bemerkung von Marx besondere Beachtung, daß die Zerstörung der bürokratisch-militärischen Staatsmaschinerie „die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution“ ist. Dieser Begriff der „Volks“revolution mutet im Munde von Marx sonderbar an, und die russischen Plechanowleute und Menschewiki, diese Nachfolger Struves, die als Marxisten gelten möchten, könnten am Ende diesen Ausdruck von Marx als „falschen Zungenschlag“ hinstellen. Sie haben den Marxismus zu einem so armselig-liberalen Zerrbild herabgewürdigt, daß für sie außer der Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Revolution nichts anderes existiert, und selbst diese Gegenüberstellung wird von ihnen unglaublich starr aufgefaßt. Nimmt man als Beispiel die Revolutionen des 20. Jahrhunderts, so wird man natürlich sowohl die portugiesische als auch die türkische Revolution als bürgerliche auffassen müssen. Aber weder die eine noch die andere ist eine „Volks“revolution, denn die Volksmasse, die ungeheure Mehrheit des Volkes, ist weder in der einen noch in der anderen Revolution aktiv, selbständig, mit ihren eigenen wirtschaftlichen und politischen Forderungen sichtbar hervorgetreten. Dagegen war die russische bürgerliche Revolution von 1905 bis 1907, obgleich ihr so „glänzende“ Erfolge versagt blieben, wie sie zeitweilig der portugiesischen und der türkischen Revolution beschieden waren, zweifellos eine „wirkliche Volks“revolution, denn die Masse des Volkes, seine Mehrheit, die „untersten“ Gesellschaftsschichten, zermürbt durch Unterjochung und Ausbeutung, erhoben sich selbständig und drückten dem ganzen Verlauf der Revolution den Stempel ihrer Forderungen auf, ihrer Versuche, auf eigene Art eine neue Gesellschaft an Stelle der zu zerstörenden alten aufzubauen.

Auf dem europäischen Kontinent bildete 1871 das Proletariat in keinem Lande die Mehrheit des Volkes. Eine „Volks“revolution, die tatsächlich die Mehrheit des Volkes in die Bewegung einbezieht, konnte nur dann eine solche sein, wenn sie sowohl das Proletariat als auch die Bauernschaft erfaßte. Diese beiden Klassen bildeten damals eben das „Volk“. Beide Klassen sind dadurch vereint, daß die „bürokratisch-militärische Staatsmaschinerie“ sie knechtet, bedrückt und ausbeutet. Diese Maschinerie zu zerschlagen, die zu zerbrechendas verlangt das wirkliche Interesse des „Volkes“, seiner Mehrheit, der Arbeiter und der Mehrzahl der Bauern, das ist die „Vorbedingung“ für ein freies Bündnis der armen Bauern mit den Proletariern, ohne dieses Bündnis aber ist die Demokratie nicht von Dauer und die sozialistische Umgestaltung unmöglich.

Zu einem solchen Bündnis bahnte sich bekanntlich denn auch die Pariser Kommune den Weg, die aus einer Anzahl innerer und äußerer Gründe ihr Ziel nicht erreichte.

Folglich hat Marx, als er von einer „wirklichen Volksrevolution“ sprach, ohne die Eigentümlichkeiten des Kleinbürgertums im geringsten zu vergessen (er sprach viel und oft davon), das tatsächliche Kräfteverhältnis der Klassen in den meisten Staaten des europäischen Kontinents im Jahre 1871 ganz genau berücksichtigt. Anderseits aber konstatierte er, daß das „Zerschlagen“ der Staatsmaschinerie im Interesse sowohl der Arbeiter als auch der Bauern notwendig ist, sie einigt, sie vor die gemeinsame Aufgabe stellt, den „Schmarotzer“ zu beseitigen und ihn durch etwas Neues zu ersetzen.

Und zwar wodurch?



2.

Wodurch ist die zerschlagene Staatsmaschinerie zu ersetzen?

Auf diese Frage gab Marx 1847 im Kommunistischen Manifest eine noch völlig abstrakte Antwort, richtiger: eine Antwort, die die Aufgaben, aber nicht die Methoden ihrer Lösung zeigte. Sie ist zu ersetzen durch die „Organisation des Proletariats als herrschende Klasse“, durch die „Erkämpfung der Demokratie“ – das war die Antwort des Kommunistischen Manifests.

Ohne sich auf Utopien einzulassen, erwartete Marx von den Erfahrungen der Massenbewegung eine Antwort auf die Frage, welche konkreten Formen diese Organisation des Proletariats als herrschende Klasse annehmen wird, in welcher Weise sich diese Organisation vereinen lassen wird mit der möglichst vollständigen und folgerichtigen „Erkämpfung der Demokratie“.

Die Erfahrungen der Kommune, so gering sie auch waren, unterzieht Marx in seinem Bürgerkrieg in Frankreich der genauesten Analyse. Wir führen hier die wichtigsten Stellen aus dieser Schrift an:

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die aus dem Mittelalter stammende „... zentralisierte Staatsmacht, mit ihren allgegenwärtigen Organen – stehende Armee, Polizei, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand ...“. Mit der Entwicklung des Klassengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit „... erhielt die Staatsmacht mehr und mehr den Charakter einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, einer Maschine der Klassenherrschaft. Nach jeder Revolution, die einen Fortschritt des Klassenkampfs bezeichnet, tritt der rein unterdrückende Charakter der Staatsmacht offener und offener hervor.“ Die Staatsmacht wird nach der Revolution von 1848/1849 „... das nationale Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit“. Das zweite Kaiserreich festigt dieses.

Der gerade Gegensatz des Kaisertums war die Kommune.“ „Die Kommune war die bestimmte Form ...“ „... einer Republik, die nicht nur die monarchische Form der Klassenherrschaft beseitigen sollte, sondern die Klassenherrschaft selbst.“

Worin bestand nun diese „bestimmte“ Form der proletarischen, sozialistischen Republik? Wie war der Staat beschaffen, den sie aufzubauen begonnen hatte?

Das erste Dekret der Kommune war ... die Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk.“

Diese Forderung steht heute in den Programmen aller Parteien, die als sozialistische gelten wollen. Aber was ihre Programme wert sind, erkennt man am besten aus dem Verhalten unserer Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die gerade nach der Revolution vom 27. Februar auf die Verwirklichung dieser Forderung in der Praxis verzichtet haben!

Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse ...

Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet und in das verantwortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller andern Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts, mußte der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden. Die erworbnen Anrechte und die Repräsentationsgelder der hohen Staatswürdenträger verschwanden mit diesen Würdenträgern selbst ... Das stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der materiellen Macht der alten Regierung einmal beseitigt, ging die Kommune sofort darauf aus, das geistliche Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht, zu brechen ... Die richterlichen Beamten verloren jede scheinbare Unabhängigkeit, ... sie sollten ... fernerhin gewählt, verantwortlich und absetzbar sein.“

Die zerschlagene Staatsmaschinerie wurde also von der Kommune scheinbar „nur“ durch eine vollständigere Demokratie ersetzt: Beseitigung des stehenden Heeres, vollkommene Wählbarkeit und Absetzbarkeit aller Amtspersonen. In Wirklichkeit jedoch bedeutet dieses „nur“, daß im riesigen Ausmaß die einen Institutionen durch Institutionen prinzipiell anderer Art ersetzt wurden. Hier ist gerade einer der Fälle des „Umschlagens von Quantität in Qualität“ wahrzunehmen: Die mit dieser denkbar größten Vollständigkeit und Folgerichtigkeit durchgeführte Demokratie verwandelt sich aus der bürgerlichen Demokratie in die proletarische, aus dem Staat (= einer besonderen Gewalt zur Unterdrückung einer bestimmten Klasse) in etwas, was eigentlich kein Staat mehr ist.

Es ist immer noch notwendig, die Bourgeoisie und ihren Widerstand niederzuhalten. Für die Kommune war das ganz besonders notwendig, und eine der Ursachen ihrer Niederlage bestand darin, daß sie das nicht entschlossen genug getan hat. Aber das unterdrückende Organ ist hier schon die Mehrheit und nicht, wie dies bisher immer, sei es unter der Sklaverei, der Leibeigenschaft oder der Lohnsklaverei der Fall war, die Minderheit der Bevölkerung. Wenn aber die Mehrheit des Volkes selbst ihre Bedrücker unterdrückt, so ist eine „besondre Repressionsgewalt“ schon nicht mehr nötig! In diesem Sinne beginnt der Staat abzusterben. An Stelle besonderer Institutionen einer bevorzugten Minderheit (privilegiertes Beamtentum, Offizierskorps des stehenden Heeres) kann das die Mehrheit selbst unmittelbar besorgen, und je größeren Anteil das gesamte Volk an der Ausübung der Funktionen der Staatsmacht hat, um so weniger bedarf es dieser Macht.

Besonders bemerkenswert ist in dieser Beziehung eine von Marx hervorgehobene Maßnahme der Kommune: die Beseitigung der Repräsentationsgelder jeder Art, aller finanziellen Privilegien der Beamten, die Reduzierung der Gehälter aller Amtspersonen im Staat auf das Niveau des „Arbeiterlohnes. Hier gerade kommt am klarsten der Umschwung zum Ausdruck – von der bürgerlichen Demokratie zur proletarischen, von der Unterdrückerdemokratie zur Demokratie der unterdrückten Klassen, vom Staat als „besondrer Gewaltzur Niederhaltung einer bestimmten Klasse, zur Niederhaltung der Unterdrücker durch die allgemeine Gewalt der Mehrheit des Volkes, der Arbeiter und Bauern. Und gerade in diesem, besonders anschaulichen und, was den Staat betrifft, wohl wichtigsten Punkt hat man die Marxschen Lehren am gründlichsten vergessen! In den populären Kommentaren, deren Zahl Legion ist, wird davon nicht gesprochen. Es ist „üblich“, darüber zu schweigen, als handelte es sich um eine überlebte „Naivität“, ungefähr so, wie die Christen die „Naivitäten“ des Urchristentums mit seinem demokratisch-revolutionären Geiste „vergaßen“, nachdem das Christentum zur Staatsreligion erhoben worden war.

Die Herabsetzung der Gehälter der höheren Staatsbeamten erscheint „einfach“ als Forderung eines naiven, primitiven Demokratismus. Einer der „Begründer“ des neuesten Opportunismus, der frühere Sozialdemokrat Eduard Bernstein, übte sich wiederholt im Nachplappern der trivialen bürgerlichen Spötteleien über den „primitiven“ Demokratismus. Wie alle Opportunisten, wie auch die jetzigen Kautskyaner, hat er absolut nicht begriffen, erstens, daß der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne eine gewisse „Rückkehr“ zu „primitivem“ Demokratismus unmöglich ist (wie soll denn sonst der Übergang zur Ausübung der staatlichen Funktionen durch die Mehrheit der Bevölkerung, ja durch die ganze Bevölkerung ohne Ausnahme erfolgen?), und zweitens, daß „primitiver Demokratismus“ auf der Basis des Kapitalismus und der kapitalistischen Kultur etwas anderes ist als der primitive Demokratismus der Urzeit oder der vorkapitalistischen Zeit. Die kapitalistische Kultur hat die Großproduktion, hat Fabriken, Eisenbahnen, Post, Telefon u.a. geschaffen, und auf dieser Basis sind die meisten Funktionen der alten „Staatsmacht“ so vereinfacht worden und können auf so einfache Operationen der Registrierung, Buchung und Kontrolle zurückgeführt werden, daß diese Funktionen alle Leute, die des Lesens und Schreibens kundig sind, ausüben können, so daß man sie für gewöhnlichen „Arbeiterlohn“ wird leisten und ihnen jeden Schimmer eines Vorrechts, eines „Vorgesetztenrechts“ wird nehmen können (und müssen).

Die uneingeschränkte Wählbarkeit und die jederzeitige Absetzbarkeit ausnahmslos aller beamteten Personen, die Reduzierung ihrer Gehälter auf den gewöhnlichen „Arbeiterlohn“, diese einfachen und „selbstverständlichen“ demokratischen Maßnahmen, bei denen sich die Interessen der Arbeiter völlig mit denen der Mehrheit der Bauern decken, dienen gleichzeitig als Brücke, die vom Kapitalismus zum Sozialismus führt. Diese Maßnahmen betreffen die staatliche, rein politische Umgestaltung der Gesellschaft, aber sie bekommen vollen Sinn und Bedeutung selbstverständlich erst im Zusammenhang mit der in Verwirklichung oder Vorbereitung begriffenen „Expropriation der Expropriateure“, d.h. mit dem Übergang des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum.

Die Kommune“, schrieb Marx, „machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen – wohlfeile Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob.“

Aus der Bauernschaft wie auch aus den anderen Schichten des Kleinbürgertums gelangt nur eine geringfügige Minderheit „nach oben“, „bringt es zu etwas“ im bürgerlichen Sinne, d.h. wird entweder zu wohlhabenden Leuten, zu Bourgeois, oder zu gut versorgten, privilegierten Beamten. Die gewaltige Mehrheit der Bauernschaft wird in jedem kapitalistischen Land, in dem es überhaupt Bauern gibt (was in den meisten kapitalistischen Ländern der Fall ist), von der Regierung unterdrückt und sehnt deren Sturz, sehnt eine „wohlfeile“ Regierung herbei. Verwirklichen kann das nur das Proletariat, und indem es das verwirklicht, macht es zugleich einen Schritt zur sozialistischen Umgestaltung des Staates.



3.

Aufhebung des Parlamentarismus

Die Kommune“, schrieb Marx, „sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit ...

Statt einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen, wie das individuelle Stimmrecht jedem andern Arbeitgeber dazu dient, Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem Geschäft auszusuchen.“

Diese bemerkenswerte Kritik am Parlamentarismus, die aus dem Jahre 1871 stammt, gehört jetzt infolge des herrschenden Sozialchauvinismus und Opportunismus ebenfalls zu den „vergessenen Werten“ des Marxismus. Die Minister und Berufsparlamentarier, die Verräter am Proletariat und „Geschäfts“sozialisten unserer Tage überließen die Kritik am Parlamentarismus gänzlich den Anarchisten und verschrien aus diesem erstaunlich klugen Grunde jede Kritik am Parlamentarismus als „Anarchismus“!! Es ist durchaus nicht verwunderlich, daß das Proletariat der „fortgeschrittenen“ parlamentarischen Länder, angeekelt durch den Anblick solcher „Sozialisten“ wie der Scheidemann, David, Legien, Sembat, Renaudel, Henderson, Vandervelde, Stauning, Branting, Bissolati, und Co., seine Sympathien immer öfter dem Anarchosyndikalismus zuwandte, obwohl dieser der leibliche Bruder des Opportunismus ist.

Doch für Marx war die revolutionäre Dialektik nie jenes leere Modewort, jene Kinderklapper, zu der sie Plechanow, Kautsky und andere gemacht haben. Marx verstand es, mit den Anarchisten rücksichtslos zu brechen, weil diese es nicht vermochten, auch nur den „Saustall“ des bürgerlichen Parlamentarismus auszunutzen, besonders in Zeiten, da offensichtlich keine revolutionäre Situation vorhanden ist; gleichzeitig verstand er aber auch, eine wahrhaft revolutionär-proletarische Kritik am Parlamentarismus zu üben.

Einmal in mehreren Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament niederhalten und zertreten soll – das ist das wirkliche Wesen des bürgerlichen Parlamentarismus, nicht nur in den parlamentarisch-konstitutionellen Monarchien, sondern auch in den allerdemokratischsten Republiken.

Wirft man aber die Frage des Staates auf, betrachtet man den Parlamentarismus als eine der Institutionen des Staates unter dem Gesichtspunkt der Aufgaben des Proletariats auf diesem Gebiet, wo ist dann der Ausweg aus dem Parlamentarismus? Wie soll man da ohne ihn auskommen? Wieder und immer wieder muß man sagen: Die auf dem Studium der Kommune begründeten Marxschen Lehren sind so gründlich vergessen worden, daß dem heutigen „Sozialdemokraten“ (lies: dem heutigen Verräter am Sozialismus) eine andere Kritik am Parlamentarismus als eine anarchistische oder reaktionäre einfach unverständlich ist. Der Ausweg aus dem Parlamentarismus ist natürlich nicht in der Aufhebung der Vertretungskörperschaften und der Wählbarkeit zu suchen, sondern in der Umwandlung der Vertretungskörperschaften aus Schwatzbuden in „arbeitende“ Körperschaften. „Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit.“

Nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft“ – das ist den modernen Parlamentariern und parlamentarischen „Schoßhündchen“ der Sozialdemokratie direkt ins Stammbuch geschrieben! Man sehe sich ein beliebiges parlamentarisch regiertes Land an, von Amerika bis zur Schweiz, von Frankreich bis England, Norwegen u.a.: die eigentlichen „Staats“geschäfte werden hinter den Kulissen abgewickelt und von den Departements, Kanzleien und Stäben verrichtet. In den Parlamenten wird nur geschwatzt, speziell zu dem Zweck, das „niedere Volk“ hinters Licht zu führen. Das ist so wahr, daß sich selbst in der russischen Republik, in der bürgerlich-demokratischen Republik sofort, noch bevor sie Zeit fand, ein richtiges Parlament zu schaffen, alle diese Sünden des Parlamentarismus geltend machten. Solche Helden des modrigen Spießbürgertums wie die Skobelew und Zereteli, Tschernow und Awksentjew haben es zuwege gebracht, auch die Sowjets nach dem Vorbild des schäbigsten bürgerlichen Parlamentarismus zu versauen, sie in bloße Schwatzbuden zu verwandeln. In den Sowjets hauen die Herren „sozialistischen“ Minister die vertrauensseligen Bäuerlein mit Phrasen und Resolutionen übers Ohr. In der Regierung wird ein ewiger Tanz aufgeführt, einerseits, um der Reihe nach möglichst viele Sozialrevolutionäre und Menschewiki „an die Krippe“ gut bezahlter und ehrenvoller Posten zu setzen, und anderseits, um die „Aufmerksamkeit“ des Volkes „zu beschäftigen“. In den Kanzleien, in den Stäben wird inzwischen „Staats“arbeit „geleistet“!

Delo Naroda, das Organ der an der Regierung beteiligten Partei der „Sozialrevolutionäre“, erklärte kürzlich in einem redaktionellen Leitartikel mit der unnachahmlichen Offenherzigkeit der Menschen aus der „guten Gesellschaft“, in der „alle“ politische Prostitution treiben, daß selbst in den von (mit Verlaub zu sagen!) „Sozialisten“ geleiteten Ministerien, daß selbst hier der gesamte Beamtenapparat im Grunde der alte bleibt, auf diese alte Weise funktioniert und jedes revolutionäre Beginnen ganz „frei“ sabotiert! Ja selbst wenn dieses Eingeständnis nicht vorläge, ist denn der tatsächliche Verlauf der Beteiligung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki an der Regierung nicht Beweis genug? Bezeichnend ist hier nur, daß die Herren Tschernow, Russanow, Sensinow und sonstigen Redakteure des „Delo Naroda“, die sich in ministerieller Gemeinschaft mit den Kadetten befinden, dermaßen jede Scham verloren haben, daß sie sich nicht scheuen – als handle es sich um eine Bagatelle –, öffentlich zu erzählen, ohne zu erröten, daß „bei ihnen“ in den Ministerien alles beim alten ist!! Revolutionär-demokratische Phrasen zur Betörung der einfältigen Bauern und bürokratische Verschleppung aller Angelegenheiten zur „Zufriedenstellung“ der Kapitalisten – das ist das Wesen der „ehrlichen“ Koalition.

Den korrupten und verfaulten Parlamentarismus in bürgerlicher Gesellschaft ersetzt die Kommune durch Körperschaften, in denen die Freiheit des Urteils und der Beratung nicht in Betrug ausartet, denn die Parlamentarier müssen selbst arbeiten, selbst ihre Gesetze ausführen, selbst kontrollieren, was bei der Durchführung herauskommt, selbst unmittelbar vor ihren Wählern die Verantwortung tragen. Die Vertretungskörperschaften bleiben, aber den Parlamentarismus als besonderes System, als Trennung der gesetzgebenden von der vollziehenden Tätigkeit, als Vorzugsstellung für Abgeordnete gibt es hier nicht. Ohne Vertretungskörperschaften können wir uns eine Demokratie nicht denken, auch die proletarische Demokratie nicht; ohne Parlamentarismus können und müssen wir sie uns denken, soll die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft für uns nicht ein leeres Gerede sein, soll das Streben nach dem Sturz der Herrschaft der Bourgeoisie aufrichtig und ernst gemeint und nicht eine „Wahl“parole sein, um Arbeiterstimmen zu fangen, wie es bei den Menschewiki und Sozialrevolutionären, den Scheidemann und Legien, den Sembat und Vandervelde der Fall ist.

Es ist äußerst lehrreich, daß Marx da, wo er auf die Funktion jener Beamtenschaft zu sprechen kommt, die auch die Kommune und die proletarische Demokratie braucht, zum Vergleich die Angestellten eines „jeden andern Arbeitgebers“ heranzieht, d.h. ein gewöhnliches kapitalistisches Unternehmen mit „Arbeitern, Aufsehern und Buchhaltern“.

Bei Marx findet man auch nicht die Spur von Utopismus in dem Sinne, daß er sich die „neue“ Gesellschaft erdichtet, zusammenphantasiert. Nein, er studiert – wie einen naturgeschichtlichen Prozeß – die Geburt der neuen Gesellschaft aus der alten, studiert die Übergangsformen von der alten zur neuen. Er hält sich an die tatsächlichen Erfahrungen der proletarischen Massenbewegung und ist bemüht, aus ihr praktische Lehren zu ziehen. Er „lernt“ von der Kommune, wie alle großen revolutionären Denker sich nicht gescheut haben, aus den Erfahrungen der großen Bewegungen der unterdrückten Klassen zu lernen, ohne jemals pedantische „Moralpredigten“ an sie zu richten (in der Art von Plechanow: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen“ oder Zereteli: „Eine Klasse muß sich Selbstbeschränkung auferlegen“).

Von einer Vernichtung des Beamtentums mit einem Schlag, überall, restlos, kann keine Rede sein. Das wäre eine Utopie. Aber mit einem Schlag die alte Beamtenmaschinerie zerbrechen und sofort mit dem Aufbau einer neuen beginnen, die allmählich jegliches Beamtentum überflüssig macht und aufhebt – das ist keine Utopie, das lehrt die Erfahrung der Kommune, das ist die direkte, nächstliegende Aufgabe des revolutionären Proletariats.

Der Kapitalismus vereinfacht die Funktionen der „Staats“verwaltung, er macht es möglich, das „Vorgesetztenwesen“ zu beseitigen und das Ganze auf die Organisation der Proletarier (als herrschende Klasse) zu reduzieren, die im Namen der gesamten Gesellschaft „Arbeiter, Aufseher und Buchhalter“ einstellen wird.

Wir sind keine Utopisten. Wir „träumen“ nicht davon, wie man unvermittelt ohne jede Verwaltung, ohne jede Unterordnung auskommen könnte; diese anarchistischen Träumereien, die auf einem Verkennen der Aufgaben der Diktatur des Proletariats beruhen, sind dem Marxismus wesensfremd, sie dienen in Wirklichkeit nur dazu, die sozialistische Revolution auf die Zeit zu verschieben, da die Menschen anders geworden sein werden. Nein, wir wollen die sozialistische Revolution mit den Menschen, wie sie gegenwärtig sind, den Menschen, die ohne Unterordnung, ohne Kontrolle, ohne „Aufseher und Buchhalter“ nicht auskommen werden.

Aber unterzuordnen hat man sich der bewaffneten Avantgarde aller Ausgebeuteten und Werktätigen – dem Proletariat. Die spezifische „Vorgesetztenrolle“ der Staatsbeamten kann und muß man sofort, von heute auf morgen, durch die einfachen Funktionen von „Aufsehern und Buchhaltern“ zu ersetzen beginnen, Funktionen, denen der heutige Städter bei seinem Entwicklungsniveau im allgemeinen schon vollauf gewachsen ist und die für einen „Arbeiterlohn“ durchaus ausführbar sind.

Organisieren wir Arbeiter selber die Großproduktion, davon ausgehend, was der Kapitalismus bereits geschaffen hat, auf unsere Arbeitererfahrung gestützt, mit Hilfe strengster, eiserner Disziplin, die von der Staatsgewalt der bewaffneten Arbeiter aufrechterhalten wird; machen wir die Staatsbeamten zu einfachen Vollstreckern unserer Aufträge, zu verantwortlichen, absetzbaren, bescheiden bezahlten „Aufsehern und Buchhaltern“ (dazu natürlich Techniker jeder Art, jeden Ranges und Grades) – das ist unsere proletarische Aufgabe, damit kann und muß man bei der Durchführung der proletarischen Revolution beginnen. Ein solcher Anfang führt auf der Basis der Großproduktion von selbst zum allmählichen „Absterben“ jedweden Beamtentums, zur allmählichen Schaffung einer Ordnung – einer Ordnung ohne Anführungszeichen, die mit Lohnsklaverei nichts zu tun hat –, einer Ordnung, bei der die sich immer mehr vereinfachenden Funktionen der Aufsicht und Rechenschaftslegung der Reihe nach von allen ausgeübt, später zur Gewohnheit werden und schließlich als Sonderfunktionen einer besonderen Schicht von Menschen in Fortfall kommen.

Ein geistreicher deutscher Sozialdemokrat der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bezeichnete die Post als Muster sozialistischer Wirtschaft. Das ist durchaus richtig. Gegenwärtig ist die Post ein Betrieb, der nach dem Typ des staatskapitalistischen Monopols organisiert ist. Der Imperialismus verwandelt nach und nach alle Trusts in Organisationen ähnlicher Art. Über den „einfachen“ Werktätigen, die schuften und darben, steht hier die gleiche bürgerliche Bürokratie. Doch der Mechanismus der gesellschaftlichen Wirtschaftsführung ist hier bereits fertig vorhanden. Man stürze die Kapitalisten, man breche mit der eisernen Faust der bewaffneten Arbeiter den Widerstand dieser Ausbeuter, man zerschlage die bürokratische Maschinerie des modernen Staates – und wir haben einen von dem „Schmarotzer“ befreiten technisch hochentwickelten Mechanismus vor uns, den die vereinigten Arbeiter sehr wohl selbst in Gang bringen können, indem sie Techniker, Aufseher, Buchhalter anstellen und ihrer aller Arbeit, wie die Arbeit allerStaats“beamten überhaupt, mit dem Arbeiterlohn bezahlen. Das ist eine konkrete, praktische Aufgabe, die in bezug auf alle Trusts sofort ausführbar ist, wobei die Werktätigen von der Ausbeutung befreit und die Erfahrungen verwertet werden, die bereits die Kommune (insbesondere auf dem Gebiet des Staatsaufbaus) praktisch zu machen begann.

Unser nächstes Ziel ist, die gesamte Volkswirtschaft nach dem Vorbild der Post zu organisieren, und zwar so, daß die unter der Kontrolle und Leitung des bewaffneten Proletariats stehenden Techniker, Aufseher, Buchhalter sowie alle beamteten Personen ein den „Arbeiterlohn“ nicht übersteigendes Gehalt beziehen. Das ist der Staat, das ist die ökonomische Grundlage des Staates, wie wir sie brauchen. Das wird uns die Beseitigung des Parlamentarismus und das Beibehalten der Vertretungskörperschaften bringen, das wird die arbeitenden Klassen von der Prostituierung dieser Körperschaften durch die Bourgeoisie befreien.



4.

Organisierung der Einheit der Nation

In einer kurzen Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune nicht die Zeit hatte, weiter auszuarbeiten, hieß es ausdrücklich, daß die Kommune die politische Form selbst des kleinsten Dorfes sein ... sollte.“ Von den Kommunen sollte auch die „Nationaldelegation“ in Paris gewählt werden.

Die wenigen, aber wichtigen Funktionen, welche dann noch für eine Zentralregierung übrigblieben, sollten nicht, wie dies absichtlich gefälscht worden, abgeschafft, sondern an kommunale, d.h. streng verantwortliche Beamte übertragen werden.

Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte eine Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche sich für die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhängig und überlegen sein wollte gegenüber der Nation, an deren Körper sie doch nur ein Schmarotzerauswuchs war. Während es galt, die bloß unterdrückenden Organe der alten Regierungsmacht abzuschneiden, sollten ihre berechtigten Funktionen einer Gewalt, die über der Gesellschaft zu stehn beanspruchte, entrissen und den verantwortlichen Dienern der Gesellschaft zurückgegeben werden.“

In welchem Maße die Opportunisten der modernen Sozialdemokratie diese Ausführungen von Marx nicht verstanden haben – vielleicht richtiger: nicht verstehen wollten –, beweist am besten das herostratisch berühmte Buch des Renegaten Bernstein Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Gerade in bezug auf die zitierten Worte von Marx schrieb Bernstein, das sei ein Programm, „das seinem politischen Gehalt nach in allen wesentlichen Zügen die größte Ähnlichkeit aufweist mit dem Föderalismus – Proudhons ... Bei allen sonstigen Verschiedenheiten zwischen Marx und dem ‚Kleinbürger‘ Proudhon“ (Bernstein setzt das Wort „Kleinbürger“ in Anführungszeichen, die seiner Meinung nach Ironie ausdrücken sollen) „ist in diesen Punkten der Gedankengang bei ihnen so nahe wie nur möglich.“ Natürlich, fährt Bernstein fort, wächst die Bedeutung der Munizipalitäten, doch meint er: „Ob freilich eine solche Auflösung der modernen Staatswesen und die völlige Umwandlung ihrer Organisation, wie Marx und Proudhon sie schildern (die Bildung der Nationalversammlung aus Delegierten der Provinz- bzw. Bezirksversammlungen, die ihrerseits aus Delegierten der Kommunen zusammenzusetzen wären), das erste Werk der Demokratie zu sein hätte, so daß also die bisherige Form der Nationalvertretungen wegfiele, erscheint mir zweifelhaft.“ (Bernstein, Voraussetzungen, S.134 und 136 der deutschen Ausgabe von 1899.)

Das ist geradezu ungeheuerlich: Marx’ Ansichten über die „Vernichtung der Staatsmacht, des Schmarotzerauswuchses“ mit dem Föderalismus Proudhons in einen Topf zu werfen! Das ist aber kein Zufall, denn dem Opportunisten kommt es nicht einmal in den Sinn, daß Marx hier gar nicht vom Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus spricht, sondern von der Zerschlagung der alten, bürgerlichen, in allen bürgerlichen Ländern bestehenden Staatsmaschinerie.

Dem Opportunisten kommt nur das in den Sinn, was er in dem Milieu kleinbürgerlichen Spießertums und „reformistischer“ Stagnation um sich herum sieht, nämlich nur die „Munizipalitäten“! Der Opportunist hat verlernt, an die Revolution des Proletariats auch nur zu denken.

Das ist zum Lachen. Bemerkenswert ist aber, daß über diesen Punkt mit Bernstein nicht gestritten wurde. Bernstein wurde von vielen widerlegt, in der russischen Literatur insbesondere von Plechanow und in der westeuropäischen von Kautsky, aber der eine wie der andere hat über diese Entstellung von Marx durch Bernstein kein Wort verloren.

Der Opportunist hat so sehr verlernt, revolutionär zu denken und sich über die Revolution Gedanken zu machen, daß er Marx „Föderalismus“ zuschreibt und ihn mit Proudhon, dem Begründer des Anarchismus, in einen Topf wirft. Und die Kautsky und Plechanow, die orthodoxe Marxisten sein möchten, die die Lehre des revolutionären Marxismus verteidigen wollen, schweigen dazu! Hier liegt eine der Wurzeln jener äußersten Vulgarisierung der Ansichten über den Unterschied zwischen Marxismus und Anarchismus, die sowohl den Kautskyanern als auch den Opportunisten eigen ist und auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

In den angeführten Betrachtungen von Marx über die Erfahrungen der Kommune findet sich auch nicht die Spur von Föderalismus. Marx stimmt mit Proudhon gerade in dem überein, was der Opportunismus Bernsteins nicht sieht. Marx geht mit Proudhon gerade da auseinander, wo Bernstein ihre Übereinstimmung sieht.

Marx stimmt mit Proudhon darin überein, daß sie beide für das „Zerschlagen“ der modernen Staatsmaschinerie sind. Diese Übereinstimmung des Marxismus mit dem Anarchismus (sowohl mit Proudhon als auch mit Bakunin) wollen weder die Opportunisten noch die Kautskyaner sehen, denn sie haben in diesem Punkt dem Marxismus den Rücken gekehrt.

Marx geht sowohl mit Proudhon als auch mit Bakunin gerade in der Frage des Föderalismus auseinander (von der Diktatur des Proletariats schon gar nicht zu reden). Aus den kleinbürgerlichen Anschauungen des Anarchismus ergibt sich prinzipiell der Föderalismus. Marx ist Zentralist. Und in seinen hier zitierten Darlegungen ist nicht die geringste Abweichung vom Zentralismus enthalten. Nur Leute, die vom kleinbürgerlichen „Aberglauben“ an den Staat erfüllt sind, können die Vernichtung der bürgerlichen Staatsmaschinerie für eine Vernichtung des Zentralismus halten!

Nun, wenn aber das Proletariat und die arme Bauernschaft die Staatsgewalt in ihre Hände nehmen, sich vollkommen frei in Kommunen organisieren und das Wirken aller Kommunen vereinigen, um das Kapital zu schlagen, den Widerstand der Kapitalisten zu brechen und das Privateigentum an den Eisenbahnen, Fabriken, an Grund und Boden usw. der gesamten Nation, der gesamten Gesellschaft zu übertragen – wird das etwa kein Zentralismus sein? Wird das nicht der konsequenteste demokratische Zentralismus sein? Und dazu noch proletarischer Zentralismus?

Bernstein kann es einfach nicht in den Sinn kommen, daß ein freiwilliger Zentralismus, eine freiwillige Vereinigung der Kommunen zur Nation, eine freiwillige Verschmelzung der proletarischen Kommunen zum Zweck der Zerstörung der bürgerlichen Herrschaft und der bürgerlichen Staatsmaschine möglich ist. Bernstein, wie jedem Philister, erscheint der Zentralismus als etwas, das nur von oben, nur von der Beamtenschaft und dem Militärklüngel aufgezwungen und aufrechterhalten werden kann.

Marx betonte ausdrücklich, als ob er die Möglichkeit einer Entstellung seiner Ansichten vorausgesehen hätte, daß die gegen die Kommune erhobene Anschuldigung, sie hätte die Einheit der Nation vernichten, die Zentralregierung abschaffen wollen, eine bewußte Fälschung ist. Marx gebraucht absichtlich den Ausdruck „Die Einheit der Nation sollte organisiert werden“, um den bewußten, demokratischen, proletarischen Zentralismus dem bürgerlichen, militärischen, bürokratischen entgegenzustellen.

Aber ... schlimmer als jeder Taube ist, wer nicht hören will. Und die Opportunisten der heutigen Sozialdemokratie wollen eben von einer Vernichtung der Staatsmacht, von einem Abschneiden des Schmarotzerauswuchses nichts hören.



5.

Vernichtung des Schmarotzers Staat



Wir haben bereits die entsprechenden Stellen aus Marx angeführt, wir müssen sie aber noch ergänzen.

Es ist das gewöhnliche Schicksal neuer geschichtlicher Schöpfungen“, schrieb Marx, „für das Seitenstück älterer und selbst verlebter Formen des gesellschaftlichen Lebens versehn zu werden, denen sie einigermaßen ähnlich sehn. So ist diese neue Kommune, die die moderne Staatsmacht bricht, angesehn worden für eine Wiederbelebung der mittelalterlichen Kommunen ... einen Bund kleiner Staaten, wie Montesquieu und die Girondins in träumten ... für eine übertriebne Form des alten Kampfes gegen Überzentralisation ...

Die Kommunalverfassung würde im Gegenteil dem gesellschaftlichen Körper alle die Kräfte zurückgegeben haben, die bisher der Schmarotzerauswuchs „Staat“, der von der Gesellschaft sich nährt und ihre freie Bewegung hemmt, aufgezehrt hat. Durch diese Tat allein würde sie die Wiedergeburt Frankreichs in Gang gesetzt haben ...

In Wirklichkeit aber hätte die Kommunalverfassung die ländlichen Produzenten unter die geistige Führung der Bezirkshauptstädte gebracht und ihnen dort, in den städtischen Arbeitern, die natürlichen Vertreter ihrer Interessen gesichert. – Das bloße Bestehn der Kommune führte, als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht.“

Vernichtung der Staatsmacht“, die ein „Schmarotzerauswuchs“ war, ihre „Abschneidung“, ihre „Zerstörung“, „die jetzt überflüssig gemachte Staatsmacht“ – das sind die Ausdrücke, in denen Marx vom Staat sprach, als er die Erfahrungen der Kommune beurteilte und analysierte.

Dies alles ist vor nahezu einem halben Jahrhundert geschrieben worden, und heute muß man gewissermaßen Ausgrabungen machen, um dem Bewußtsein der breiten Massen den unverfälschten Marxismus nahezubringen. Die Schlußfolgerungen aus den Beobachtungen der letzten von Marx erlebten großen Revolution vergaß man gerade dann, als die Zeit der folgenden großen Revolutionen des Proletariats kam.

Die Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und die Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden, beweisen, daß sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.

Ohne diese letzte Bedingung war die Kommunalverfassung eine Unmöglichkeit und eine Täuschung.“

Die Utopisten befaßten sich mit der „Entdeckung“ politischer Formen, unter denen die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft vor sich gehen sollte. Die Anarchisten wollten von der Frage nach den politischen Formen überhaupt nichts wissen. Die Opportunisten der heutigen Sozialdemokratie betrachteten die bürgerlichen politischen Formen des parlamentarischen demokratischen Staates als die unüberschreitbare Grenze, sie schlugen sich beim Anbeten dieses „Vorbilds“ die Stirnen wund und erklärten jedes Bestreben, diese Formen zu brechen, als Anarchismus.

Marx hat aus der ganzen Geschichte des Sozialismus und des politischen Kampfes gefolgert, daß der Staat verschwinden muß, daß die Übergangsform seines Verschwindens (der Übergang vom Staat zum Nichtstaat) das „als herrschende Klasse organisierte Proletariat“ sein wird. Marx unternahm es aber nicht, die politischen Formen dieser Zukunft zu entdecken. Er beschränkte sich auf eine genaue Beobachtung der französischen Geschichte, analysierte sie und zog die Schlußfolgerung, die sich aus dem Jahr 1851 ergab: Die Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschinerie wird auf die Tagesordnung gesetzt.

Und als die revolutionäre Massenbewegung des Proletariats ausgebrochen war, begann Marx, trotz des Mißerfolgs dieser Bewegung, trotz ihrer kurzen Dauer und augenfälligen Schwäche, zu forschen, welche Formen sie entdeckt hat.

Die Kommune ist die von der proletarischen Revolution „endlich entdeckte“ Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen kann.

Die Kommune ist der erste Versuch der proletarischen Revolution, die bürgerliche Staatsmaschinerie zu zerschlagen, ist die „endlich entdeckte“ politische Form, durch die man das Zerschlagene ersetzen kann und muß.

Wir werden in der weiteren Darlegung sehen, daß die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 in einer anderen Situation, unter anderen Umständen, das Werk der Kommune fortsetzen und die geniale historische Analyse von Marx bestätigen.





geschrieben Februar – März 1905.

zuerst veröffentlicht 1931 im Lenin-Sammelband XVI.

Plan einer Vorlesung über die Kommune

Lenin, Band 8, Seite 195 - 198

[ Der „Plan einer Vorlesung über die Kommune“ ist der Plan eines Vortrages über die Pariser Kommune, den Lenin am 5. März 1905 für die russische Kolonie politischer Emigranten in Genf hielt ]

1. Historischer Abriss der Kommune.

Frankreich unter Napoleon III. Grundlage des Imperialismus: die Bourgeoisie schon nicht mehr, das Proletariat noch nicht [ Lenin bezieht sich hier auf Karl Marx „Bürgerkrieg in Frankreich“ ]

Abenteuertum Napoleons III. Notwendigkeit von äußerem Glanz, Kriegen.

2. Anwachsen des Proletariats nach Juni 1848. Internationale Arbeiterassoziation 1864. Ihre Verfolgung durch Napoleon III.

Proteste der französischen Arbeiter gegen den Krieg (12. Juli, Pariser Sektion der Internationale, Seite 16) [ Lenin bezieht sich hier erneut auf Karl Marx „Bürgerkrieg in Frankreich“ ] und der deutschen (Arbeiterversammlung in Braunschweig am 16. Juli, in Chemnitz, Berliner Sektion der Internationale, Seite 18).

3. Sedan: 2. September 1870 und Proklamierung der Republik am 4. September 1870 . Die liberalen Gauner reißen die Macht an sich.

Liberale Advokaten und doppelzüngige Monarchisten: Thiers .

      1. Regierung der nationalen Verteidigung = Regierung des nationalen Verrats. Trochu: „Plan“ für die Verteidigung von Paris. Die Komödie der Verteidigung. Heldentum der Pariser Arbeiter. K a p i t u l a t i o n am 28. Januar 1871.

      2. Bismarck schreibt als Bedingung vor: Wahl der Nationaversammlung innerhalb von 8 Tagen (Seite 34) zur Entscheidung über Krieg und Frieden. Intrigen Thier's mit den Monarchisten.

Die Versammlung der Krautjunker (ruraux). Nationalversammlung in Bordeaux 630 Mitglieder = 30 Bonapartisten + 200 Republikaner (100 gemäßigte und 100 radikale) + 400 Monarchisten (200 Orleanisten + 200 Legitimisten).

Verhandlung Thier's mit Falloux.

      1. Provozierung von Paris: Ernennung von monarchistischen Gesandten; den Soldaten der Nationalgarde werden die „30 Sous“ genommen; in Paris Polizeipräfekt Valentin, Oberkommandant der Nationalgarde d' Aurelle de Pladines u.a. (Trepow und Wassiltschikow !! [ blutige Zarendiener im Aufstand von 1905]); Verlegung der Nationaversammlung nach Versailles; Unterdrückung republikanischer Zeitungen usw. Die Kriegskosten sollten auf die Armen abgewälzt werden (S. 35). Bewaffnete Pariser Arbeiter – und monarchistische Verdammlung. Konflikt unvermeidlich.

      2. Marx warnt [Contra Blanqui, der 1870 „La Patrie en danger“ („Das Vaterland in Gefahr“) gründete – die Redaktion.] : Zweite Adresse des Generalrats der Internationale vom 9. September 1870: „Sich nicht beherrschen lassen durch die nationalen Erinnerungen von 1792, „die Organisation ihrer eigenen Klasse gründlich durchführen“, sich nicht das Ziel setzen, die Regierung zu stürzen („eine verzweifelte Torheit“): Seite 25. Dasselbe schrieb Eugène Dupont, Sekretär der Internationale (des Generalrats) für Frankreich am 7. September 1870 (Weill, 134 [ Buch: „Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich 1852 – 1892“ ] )

      3. Der letzte Akt der Provokation. Beschlagnahme der Geschütze der Nationalgarden am 18. März 1871.Betrügerische Vorwände Thiers'. Der Anschlag misslingt. Das Zentralkomitee der Nationalgarde ruft die Kommune aus. Es begann der Bürgerkrieg zwischen der Pariser Kommune und Versailler Regierung.

      4. Richtungen in der Kommune: (a) Blanquisten . Noch im November 1880 tadelt Blanqui in seinem „Ni Dieu ni maitre“ [ „Weder Gott noch Herr“ ] die Theorie des Klassenkampfes und die Trennung der Interessen des Proletariats von den Interessen der Nation. (Weill, 229) (ermacht keine Trennung zwischen Arbeitern und revolutionärer Bourgeoisie). (b) Proudhonisten (Mutualisten). „Organisierung von Tausch und Kredit“.

Der revolutionäre Instinkt der Arbeiterklasse bricht sich Bahn trotz falscher Theorien.

10. P o l i t i s c h e M a s s n a h m e n d e r K o m m u n e :

(1) Abschaffung des stehenden Heeres.

( 2 ) Abschaffung der Bürokratie a) Wählbarkeit aller Beamten; b) ihr Gehalt > 6000 fr.

( 3 ) Trennung der Kirche vom Staat.

( 4 ) Einführung des unentgeltlichen Unterrichts.

[ [ Minimalprogramm ] ]

Kommune und Bauern . In 3 Monaten wäre alles anders gewesen ! (S. 49 / 50 [ Entlarvung der „Geheimnisse“: Winkelzüge Trochus, „Zustände“ in den Klöstern (Seite 54). Es wurde noch sehr wenig getan ! ]

Kommune und Internationale . Frankel, die Polen ( Banner der Weltrepublik).



      1. Ö k o n o m i s c h e M a s s n a h m e n d e r K o m m u n e .

( 1 ) Verbot der Nachtarbeit der Bäckergesellen.

( 2 ) Verbot der Geldstrafen.

( 3 ) Registrierung der im Stich gelassenen Fabriken, ihre Übergabe an Arbeitergenossenschaften mit Entschädigung auf Grund einer Entscheidung von Schiedskommissionen. (Seite 54.)

N B : Man ergriff nicht Besitz von der Bank. Der Achtstundentag wurde nicht angenommen. Weill, 142.)

( 4 ) Einstellung des Verkaufs von Pfändern. Zahlungserlass (für Mietbeträge).



12. Zusammenbruch. Mängel der organisation. Defensive Haltung. Abmachung zwischen Theires und Bismarck { Rolle Bismarcks = gedungener Mörder } . Die Blutwoche 21. - 28. Mai 1871 .

Ihre Schrecken, Deportation etc. Verleumdungen (S. 65 / 66).

Kinder und Frauen ….

Page -[Seite ] 487 : 20 000 auf den Straßen getötet. 3000 starben in Gefängnissen etc. kriegsgerichte: bis 1. Januar 1875 verurteilt 13 700 Personen ( 80 Frauen, 60 Kinder ), Deportation, Gefängnis [ die Zahl der Opfer siehe: Lissagaray: „Geschichte der Kommune von 1871“, Seite 505) ]



13. Lehren :

Die Bourgeoisie wird vor nichts haltmachen.

Heute Liberale, Radikale, Republikaner, morgen Verrat, Erschießungen.

Selbständige organisation des proletariats – Klassenkampf – Bürgerkrieg.

In der heutigen Bewegung stehen wir alle auf den Schultern der Kommune.











Ratschläge eines Kommune-Generals

Über den Straßenkampf

[ Vorwort Lenins zur Übersetzung eines Aufsatzes von Cluseret, der in Nr. 11 des „Wperjod“ vom 23. März 1905 veröffentlicht wurde. Die Übersetzung wurde von Lenin redigiert ]



Von der Redaktion:

Der vorliegende Aufsatz ist eine Übersetzung aus den Memoiren von Cluseret, einem berühmten Teilnehmer der Pariser Kommune. Seine Betrachtungen gründen sich, wie aus den weiter unten angeführten kurzen biographischen Angaben ersichtlich ist, hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, auf die Erfahrungen der Pariser Straßenaufstände. Auch hat er speziell eine Revolution des Proletariats gegen alle besitzenden Klassen im Auge, während wir in Russland jetzt eine Revolution erleben, die in hohem Maße eine Revolution des gesamten Volkes gegen das Regierungspack ist. Es ist deshalb selbstverständlich, dass die originellen Gedanken Cluserets für den russischen Proletarier lediglich als Material zu einer selbständigen, unsere Verhältnisse berücksichtigenden Durcharbeitung der Erfahrungen der westeuropäischen Genossen dienen können. Es dürfte angebracht sein, den Leser kurz mit der nicht uninteressanten Biographie des Verfassers bekannt zu machen.

Gustave-Paul Cluseret wurde am 13. Juni 1823 in Paris geboren. Er besuchte die Militärschule zu Saint-Cyr und verließ sie 1843 als Sekond.leutnant (sous-lieutenant). 1848 beteiligte er sich im Range eines Leutnants sehr tatkräftig an der Niederschlagung des Arbeiteraufstands in Paris (Junitage). Innerhalb von 6 Stunden stürmte er 11 Barriakden und erbeutete drei Fahnen. Für diese „Heldentat“ erhielt er den Orden der Ehrenlegion. 1855 nahm er als Hauptmann am Krimfeldzug teil. Darauf nahm er seinen Abschied. Er beteiligte sich unter Geribaldi am italienischen Befreiungskrieg. 1861 fuhr er nach Amerika und kämpfte im Bürgerkrieg gegen die Sklavenhalterstaaten. Wurde zum General befördert und erhielt (nach dem Siege bei Croskeys) das amerikanische Bürgerrecht. Kehrte nach Frankreich zurück. Kam 1868 wegen seiner Artikel in der Zeitung „L' Art“ ins Gefängnis. Im Gefängnis Sainte-Pélagie knüpfte er Verbindung mit Mitgliedern der Internationale an. Wegen scharfer militärischer Kritiken in der Presse wurde er als amerikanischer Bürger aus Frankreich ausgewiesen. Nach der Proklamation der Republik (4. September 1870) kehrte er nach Paris zurück; beteiligte sich an den Aufstandsversuchen in Lyon und Marseille. Am 3. April 1871 wurde er von der Kommune zum Kriegsminister ernannt. Am 16. April wurde er zum Mitglied der Kommune gewählt. Wegen der Aufgabe des Forts Issy wurde er von der Kommune abgesetzt und verhaftet, von einem Kameradschaftsgericht jedoch frei gesprochen. Nach der Amnestie 1881 kehrte er nach Frankreich zurück. Er schrieb für die Zeitungen „La Commune“ und „La Marseillaise“. Wegen Aufreizung der Armee zum Ungehorsam wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er flüchtete aus Frankreich. 1888 kandidierte er bei den Wahlen zur Deputiertenkammer für die revolutionäre Partei, bekämpfte heftig den Parlamentarismus und die radikale „Clemenceau“-Partei. 1889 wurde er im zweiten Wahlkreis Toulon in die Deputiertenkammer gewählt. Gehörte der Gruppe der sozialistischen Arbeiterpartei an. Er schrieb das Buch „Armee und Demokratie“ (1869) und zwei Bände „Memoiren“ (1887), die der Kommune gewidmet sind.









Schlussteil zum Artikel



Die Pariser Kommune und die Aufgaben der demokratischen Diktatur“



Lenin, Werke, Band 9, Seite 131





Dieses faktische Material lehrt uns vor allem, dass die Teilnahme von Vertretern des sozialistischen Proletariats zusammen mit der Kleinbourgeoisie an einer revolutionären Regierung prinzipiell durchaus zulässig ist, ja unter bestimmten Bedingungen geradezu unerlässlich ist. Dieses Material zeigt uns weiter, dass die reale Aufgabe, die von der Kommune zu erfüllen war, vor allem darin bestand, die demokratische und nicht die sozialistische Diktatur zu verwirklichen, also unser „Minimalprogramm“ durchzuführen. Schließlich mahnt uns dieses Material, dass wir, um aus der Pariser Kommune Lehren für uns zu ziehen, nicht ihre Fehler nachahmen dürfen ( sie bemächtigte sich nicht der Bank von Frankreich, ging nicht zum Angriff auf Versailles üver, hatte kein klares Programm usw.), sondern ihren praktischen erfolgreichen Schritten nacheifern müssen, die den richtigen Weg weisen. Nicht das Wort „kommune“ sollen wir von den ruhmreichen Kämpfern des Jahres 1871 übernehmen, nicht jede ihrer Losungen blin wiederholen, sondern klar die programmatischen und praktischen Losungen aufstellen, die der Situation in Russland entsprechen und in die Worte gefasst sind: revolutionäre, demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.

Proletari“, Nr. 8, vom 17, [ 4. ] Juli 1905








Die großen Fragen der politischen Freiheit und des Klassenkampfes werden letzten Endes nur durch Gewalt entschieden, und wir müssen für die Vorbereitung, für die Organisierung dieser Gewalt und für ihre aktive, nicht nur defensive, sondern auch offensive Anwendung Sorge tragen. Die lange Epoche der politischen Reaktion, die seit der Pariser Kommune in Europa fast ununterbrochen herrscht, hat uns zu sehr mit dem Gedanken der Aktion nur „von unten“ vertraut gemacht, hat uns zu sehr an den Anblick nur defensiver Kämpfe gewöhnt. Wir sind jetzt zweifellos in eine neue Epoche eingetreten; die Periode der politischen Erschütterungen und Revolutionen hat begonnen. In einer solchen Periode, wie Russland sie jetzt durchlebt, ist es nicht statthaft, sich auf die alte Schablone zu beschränken.Man muss die Idee der Aktion von oben propagieren, man muss sich auf die energischsten Angriffsaktionen vorbereiten, man muss die Bedingungen und Formen solcher Aktionen studieren. (Lenin, Band 9, Seite 16 – 17, „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“, Juni – Juli 1905)







Vorwort zur russischen Übersetzung der



Briefe von K. Marx an L. Kugelmann

5. Februar 1907

Lenin, Werke, Band 12, Seite 95 - 104



Die Marxsche Einschätzung der Kommune bildet die Krone der Briefe an Kugelmann. Und diese Einschätzung ist besonders lehrreich, wenn man ihr die Methoden des rechten Flügels der russischen Sozialdemokraten gegenüberstellt. Plechanow, der nach dem Dezember 1905 kleinmütig ausrief: "Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen!", war so bescheiden, sich mit Marx zu vergleichen. Marx habe ja im Jahre 1870 die Revolution ebenfalls gebremst.
Gewiß, Marx hat sie ebenfalls gebremst. Aber man vergegenwärtige sich, was für ein Abgrund sich auftut bei diesem von Plechanow selbst herangezogenen Vergleich zwischen Plechanow und Marx.

Plechanow hatte im November 1905, einen Monat vor dem Höhepunkt der ersten revolutionären Welle in Rußland, weit davon entfernt, das Proletariat entschieden zu warnen, vielmehr direkt von der Notwendigkeit gesproch
en, den Gebrauch der Waffen zu erlernen und sich zu bewaffnen. Als aber einen Monat darauf der Kampf ausbrach, beeilte sich Plechanow, ohne die Bedeutung dieses Kampfes, seine Rolle im Gesamtverlauf der Ereignisse, seinen Zusammenhang mit den vorhergehenden Kampfformen auch nur im geringsten zu analysieren, den bußfertigen Intellektuellen zu spielen: "Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen."
Marx hatte im September 1870, ein halbes Jahr vor der Kommmune die französischen Arbeiter direkt gewarnt: Ein Aufstand wäre eine Torheit, sagte er in der bekannten Adresse der Internationale. Er deckte im voraus die nationalistischen Illusionen hinsichtlich der Möglichkeit einer Bewegung im Geiste von 1792 auf. Er verstand es, nicht hinterher, sondern mehrere Monate vorher zu sagen:
"Man sollte nicht zu den Waffen greifen."

Und wie verhielt er sich, als dieses nach seiner eigenen Erklärung vom September aussichtslose Unternehmen im März 1871 dennoch Wirklichkeit zu werden begann? Hat es Marx vielleicht (wie Plechanow die Dezemberereignisse) bloß dazu benutzt, um seinen Widersachern, den Proudhonisten und Blanquisten, die die Kommune leiteten,
"eins auszuwischen"? Begann er vielleicht wie eine Gouvernante zu nörgeln: Ich habe es ja gesagt, ich habe euch gewarnt, da habt ihr nun eure Romantik, eure revolutionären Phantastereien? Sagte er vielleicht zum Abschied den Kommunarden, wie Plechanow den Dezemberkämpfern, mit der Lehrhaftigkeit eines selbstzufriedenen Philisters: "Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen"?
Nein. Am 12.April 1871 schreibt Marx einen begeisterten Brief an Kugelmann, einen Brief, den wir gern jedem russischen Sozialdemokraten, jedem lesekundigen russischen Arbeiter an die Wand hängen würden.


[ * ] "Wenn Du das letzte Kapitel meines ´Achtzehnten Brumaire´ nachsiehst, wirst Du finden, daß ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-miitärische Maschinerie aus einer Hand in die andere zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbereitung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent. Dies ist auch der Versuch unserer heroischen Pariser Parteigenossen. Welche Elastizität, welche historische Initiative, welche Aufopferungsfähigkeit in diesen Parisern! Nach sechsmonatlicher Aushungerung und Verruinierung durch inneren Verrat noch mehr als durch den auswärtigen Feind, erheben sie sich, unter preußischen Bajonetten, als ob nie ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland existiert habe und der Feind nicht noch vor den Toren von Paris stehe! Die Geschichte hat kein Beispiel ähnlicher Größe! Wenn sie unterliegen, so ist nichts daran schuld als ihre ´Gutmütigkeit´. Es galt gleich nach Versailles zu marschieren, nachdem erst Vinoy, dann der reaktionäre Teil der Pariser Nationalgarde selbst das Feld geräumt hatte. Der richtige Moment wurde versäumt aus Gewissensskrupel. Man wollte den Bürgerkrieg nicht eröffnen, als ob der mischievous avorton Thiers den Bürgerkrieg nicht mit seinem Entwaffnungsversuch von Paris bereits eröffnet gehabt hätte! Zweiter Fehler: Das Zentralkomitee gab seine Macht zu früh auf, um der Kommune Platz zu machen. Wieder aus zu ehrenhafter Skrupulosität! Wie dem auch sei, diese jetzige Erhebung von Paris - wenn auch unterliegend vor den Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden der alten Gesellschaft - ist die glorreichste Tat unserer Partei seit der Juniinsurrektion. Man vergleiche mit diesen Himmelsstürmern von Paris die Himmelssklaven des deutsch-preußischen heiligen römischen Reiches mit seinen posthumen Maskeraden, duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum." (MARX an L. KUGELMANN, 12. April 1871, MEW 33, S. 205 f)


Marx, der im September 1870 den Aufstand eine Torheit genannt hat, bringt im April 1871, da er eine Volksbewegung, eine Massenbewegung sieht, dieser die größte Aufmerksamkeit eines Teilnehmers an gewaltigen Ereignissen entgegen, die in der weltgeschichtlichen revolutionären Bewegung einen Schritt vorwärts bedeuten.
Das ist ein Versuch, sagt er, die bürokratisch-militärische Maschinerie zu zerbrechen und sie nicht einfach aus einer Hand in die andre zu übertragen. Und er singt den von Proudhonisten und Blanquisten geführten
"heroischen" Pariser Arbeitern ein wahres Hosianna. "Welche Elastizität", schreibt er, "welche historische Initiative, welche Aufopferungsfähigkeit in diesen Parisern! (S. 88) (...) Die Geschichte hat kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe! "

Marx stellt die historische Initiative der Massen über alles. Oh, wenn doch unsere russischen Sozialdemokraten in bezug auf die Einschätzung der historischen Initiative der russischen Arbeiter und Bauern im Oktober und Dezember 1905 bei Marx lernen wollten! Die Verneigung des größten Denkers, der ein halbes Jahr zuvor den Mißerfolg vorausgesehen hatte, vor der historischen Initiative der Massen – und das leblose, seelenlose, pedantische:
"Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen"! Ist das nicht voneinander entfernt wie Himmel und Erde?
Als Teilnehmer des Massenkampfes, den er mit der ihm eigenen Glut und Leidenschaft im Londoner Exil miterlebte, macht sich Marx an die Kritik der unmittelbaren Schritte der
"wahnwitzig-kühnen" Pariser "Himmelsstürmer" Oh, wie hätten damals unsere heutigen "real denkenden" Weisen unter den Marxisten, die im Rußland der Jahre 1906 und 1907 die revolutionäre Romantik in Grund und Boden verdammen, Marx ausgelacht! Wie hätten sie den Materialisten, den Ökonomen, den Feind von Utopien verhöhnt, der sich vor einem "Versuch" verneigt, den Himmel zu stürmen! Wieviel Tränen herablassenden Lachens oder Mitleids hätten allerlei Menschen im Futteral vergossen über Rebellionstendenzen, Utopismus usw. usf., über diese Einschätzung einer himmelstürmenden Bewegung!

Marx gab sich nicht der Weisheit neunmalweiser Gründlinge hin, die sich scheuen, die Technik der höchsten Formen des revolutionären Kampfes zu erörtern. Er behandelt gerade die technischen Fragen des Aufstands. Verteidigung oder Angriff? fragt er, als ob es sich um Kampfhandlungen vor London handelte. Und er entscheidet: unbedingt Angriff,
"es galt, gleich nach Versailles zu marschieren (...)."
Das wurde geschrieben im April 1871, wenige Wochen vor dem großen Blutmai...
"Es galt, gleich nach Versailles zu marschieren" - für die Aufständischen, die das "törichte" (September 1870) Unternehmen begonnen hatten, den Himmel zu stürmen.
"Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen" im Dezember 1905 um sich mit Gewalt gegen die ersten Anschläge auf die eroberten Freiheiten zu wehren...

Wahrhaftig, Plechanow verglich sich nicht umsonst mit Marx! Marx fährt in seiner technischen Kritik fort:
"Zweiter Fehler: Das Zentralkomitee" (man beachte, daß hier die militärische Leitung gemeint ist, es handelt sich um das Zentralkomitee der Nationalgarde) "gab seine Macht zu früh auf..."
Marx verstand es, die Führer vor einem verfrühten Aufstand warnen. Dem himmelstürmenden Proletariat gegenüber aber war er ein praktischer Ratgeber, ein Teilnehmer am Kampf der Massen, die ungeachtet der falschen Theorien und der Fehler Blanquis und Proudhons die ganze Bewegung auf eine höhere Stufe hoben.
"Wie dem auch sei", schreibt er, "diese jetzige Erhebung von Paris - wenn auch unterliegend vor den Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden der alten Gesellschaft - ist die glorreichste Tat unserer Partei seit der Pariser Juniinsurrektion."
Und ohne vor dem Proletariat auch nur einen einzigen Fehler der Kommune zu verheimlichen, widmete Marx dieser glorreichen Tat ein Werk, das bis auf den heutigen Tag die beste Anleitung zum Sturm des
"Himmels" - und das fürchterlichste Schreckgespenst für die liberalen und radikalen "Schweine" ist.
Plechanow widmete dem Dezember ein ´Werk´, das fast zum Evangelium der Kadetten geworden ist.

Jaja, Plechanow verglich sich nicht umsonst mit Marx! Kugelmann antwortete Marx offenbar mit irgendwelchen Äußerungen des Zweifels und mit Hinweisen auf die Aussichtslosigkeit der Sache, auf den Realismus im Gegensatz zur Romantik, zumindest verglich er die Kommune, einen Aufstand, mit der friedlichen Pariser Demonstration vom 13.Juni 1849.
Sofort (am 17. April 1871) wird Kugelmann dafür von Marx nachdrücklichst abgekanzelt:
"Die Weltgeschichte", schreibt er, "wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen würde."


[ * ] "Wie Du kleinbürgerliche Demonstrationen a la 13. Juni 1849 etc. mit dem jetzigen Kampf in Paris vergleichen kannst, ist mir völlig unbegreifbar. Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen würde. Sie wäre andrerseits sehr mystischer Natur, wenn ´Zufälligkeiten´ keine Rolle spielten. Die Zufälligkeiten fallen natürlich selbst in den Gang der allgemeinen Entwicklung und werden durch andre Zufälligkeiten wieder kompensiert. Aber Beschleunigung und Verzögerung sind sehr von solchen ´Zufälligkeiten´ abhängig -‚unter denen auch der ´Zufall´ des Charakters der Leute, die zuerst an der Spitze der Bewegung stehn, figuriert. Der entscheidend ungünstige ´Zufall´ ist diesmal keineswegs in den allgemeinen Bedingungen der französischen Gesellschaft zu suchen, sondern in der Anwesenheit der Preußen in Frankreich und ihrer Stellung dicht vor Paris. Das wußten die Pariser sehr gut. Das wußten aber auch die bürgerlichen Kanaillen von Versailles. Eben darum stellten sie die Pariser in die Alternative, den Kampf aufzunehmen oder ohne Kampf zu erliegen. Die Demoralisation der Arbeiterklasse in dem letzteren Fall wäre ein viel größeres Unglück gewesen als der Untergang einer beliebigen Anzahl von ´Führern´. Der Kampf der Arbeiterklasse mit der Kapitalistenklasse und ihrem Staat ist durch den Pariser Kampf in eine neue Phase getreten; Wie die Sache auch unmittelbar verlaufe, ein neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit ist gewonnen." (MARX an L, KUGELMANN, 17. April 1871, MEW 33, S. 209)



Im September 1870 hatte Marx den Aufstand eine Torheit genannt. Als sich aber die Massen erhoben, will Marx mit ihnen marschieren, mit ihnen zusammen im Kampfe lernen, nicht aber kanzleimäßige Belehrungen verlesen. Er begreift, daß ein Versuch, die Chancen im voraus mit absoluter Präzision zu berechnen, entweder Scharlatanerie oder hoffnungslose Pedanterie wäre. Über alles stellt er die Tatsache, daß die Arbeiterklasse heldenmütig, aufopferungsvoll, initiativ Weltgeschichte macht. Marx betrachtete diese Geschichte vom Standpunkt derer, die sie machen, ohne die Möglichkeit zu haben, die Chancen unfehlbar im voraus zu berechnen, nicht aber vom Standpunkt des spießerhaften Intellektuellen, der da moralisiert:
"Es war leicht vorauszusehen (...) Man hätte nicht (…)greifen sollen."

Marx vermochte auch zu erkennen, daß es Augenblicke in der Geschichte gibt, wo ein verzweifelter Kampf der Massen sogar für eine aussichtslose Sache notwendig ist um der weiteren Erziehung dieser Massen und ihrer Vorbereitung zum nächsten Kampf willen. Unseren heutigen Quasi-Marxisten, die so gern Marx zu Unrecht zitieren, nur um von ihm die Einschätzung der Vergangenheit zu entlehnen, nicht aber die Fähigkeit zur Gestaltung der Zukunft, ist eine solche Fragestellung völlig unverständlich, ja sogar im Prinzip fremd. Plechanow hat an diese Fragestellung nicht einmal gedacht, als er sich nach dem Dezember 1905 an die Aufgabe machte, zu
"bremsen" ...
Marx wirft jedoch gerade diese Frage auf, ohne im geringsten zu vergessen, daß er selber im September 1870 einen Aufstand als Torheit bezeichnet hatte.
"Die bürgerlichen Kanaillen von Versailles", schreibt er, "stellten die Pariser in die Alternative, den Kampf aufzunehmen oder ohne Kampf zu erliegen. Die Demoralisation der Arbeiterklasse in dem letzteren Fall wäre ein viel größres Unglück gewesen als der Untergang einer beliebigen Anzahl von ´Führern´."

Damit wollen wir unsere kurze Übersicht über die Lehren schließen, die Marx in den Briefen an Kugelmann über eine des Proletariats würdige Politik erteilt.
Die Arbeiterklasse Rußlands hat schon einmal bewiesen und wird noch öfters beweisen, daß sie fähig ist,
"den Himmel zu stürmen".









Die Lehren der Kommune


Sagranitschnaja Gaseta“, Nr. 2, 23. März 1908


Lenin, Werke, Band 13, Seite 483 - 486



Nach dem Staatsstreich, der den Abschluß der Revolution von 1848 bildet, geriet Frankreich für 18 Jahre unter das Joch des Napoleonschen Regimes. Dieses Regime brachte dem Lande nicht nur wirtschaftlichen Ruin, sondern auch nationale Erniedrigung. Das Proletariat, das sich gegen das alte Regime erhob, übernahm zwei Aufgaben: eine gesamtnationale und eine Klassenaufgabe: Befreiung Frankreichs von der Invasion der Deutschen und sozialistische Befreiung der Arbeiter vom Kapitalismus. Diese Verbindung zweier Aufgaben ist das eigenartigste Merkmal der Kommune.
Die Bourgeoisie bildete damals eine ´Regierung der nationalen Verteidigung´, und das Proletariat sollte unter der Leitung dieser Regierung für die gesamt-nationale Unabhängigkeit kämpfen. In Wirklichkeit aber war es eine Regierung des ´Volksverrats´, die ihre Aufgabe in der Bekämpfung des Pariser Proletariats erblickte. Das Proletariat jedoch, von patriotischen Illusionen geblendet, sah dies nicht. Der patriotische Gedanke stammt noch aus der Zeit der Großen Französischen Revolution des 18. Jahrhunderts; er beherrschte den Geist der Sozialisten der Kommune, und Blanqui z. B., ein unzweifelhafter Revolutionär und feuriger Anhänger des Sozialismus
fand für seine Zeitung keinen passenderen Namen als den bürgerlichen Alarmruf: ´Das Vaterland in Gefahr!´

In der Verbindung gegensätzlicher Aufgaben - des Patriotismus und des Sozialismus - lag der verhängnisvolle Fehler der französischen Sozialisten. Bereits im Manifest der Internationale, September 1870, warnte Marx das französische Proletariat vor der Begeisterung für den falschen nationalen Gedanken: Seit der großen Revolution haben sich tiefe Wandlungen vollzogen, die Klassengegensätze haben sich verschärft, und wenn damals der Kampf gegen die Reaktion ganz Europas die Gesamtheit der revolutionären Nation zusammenengeschweißt hat, so darf heute das Proletariat nicht mehr seine Interessen mit den Interessen anderer, ihm feindlicher Klassen verbinden; mag die Bourgeoisie für die nationale Erniedrigung die Verantwortung tragen - Sache des Proletariats ist es, für die sozialistische Befreiung der Arbeit vom Joche der Bourgeoisie zu kämpfen.
Und in der Tat: das wahre Wesen des bürgerlichen ´Patriotismus´ trat gar bald zu Tage. Nach dem Abschluß eines schmachvollen Friedens mit den Preußen ging die Versailler Regierung an ihre unmittelbare Aufgabe heran - und unternahm einen Überfall auf die gefürchtete Bewaffnung des Pariser Proletariats. Die Arbeiter beantworteten ihn mit der Proklamierung der Kommune und mit dem Bürgerkrieg.

Obwohl das sozialistische Proletariat in mehrere Sekten gespalten war, war die Kommune ein glänzendes Beispiel dafür, wie einmütig das Proletariat demokratische Aufgaben zu verwirklichen versteht, die die Bourgeoisie nur zu proklamieren fähig war. Ohne jede komplizierte spezielle Gesetzgebung, ganz einfach, faktisch führte das Proletariat, das die Macht ergriff, die Demokratisierung der Gesellschaftsordnung durch:

Jedoch vernichteten zwei Fehler die Früchte des glänzenden Sieges. Das Proletariat blieb auf halbem Wege stehen:

  1. Statt die ´Expropriation der Expropriateure´ in Angriff zu nehmen, gab es sich Träumen hin über die Verwirklichung der höchsten Gerechtigkeit in einem durch eine gesamtnationale Aufgabe geeinigten Lande. Solche Einrichtungen z. B. wie die Bank wurden nicht in Besitz genommen, die proudhonistischen Theorien des ´gerechten Austausches´ usw. herrschten noch unter den Sozialisten.

  2. Der zweite Fehler war der übermäßige Großmut des Proletariats: Es hätte seine Feinde vernichten sollen, stattdessen aber bemühte es sich, sie moralisch zu beeinflussen; es mißachtete die Bedeutung rein militärischer Aktionen im Bürgerkrieg, und anstatt seinen Pariser Sieg durch eine energische Offensive gegen Versailles zu krönen, zögerte es und gab so der Versailler Regierung Zeit, die finsteren Kräfte zu sammeln und zu der blutigen Maiwoche zu rüsten.

Aber bei all ihren Fehlern bietet die Kommune das höchste Beispiel der größten proletarischen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Marx schätzte die historische Bedeutung der Kommune sehr hoch ein -

Die Epoche, die der russischen Revolution vorausging, die sie vorbereitete, weist einige Ähnlichkeit auf mit der Zeit des Napoleonschen Jochs in Frankreich. Auch in Rußland brachte die absolutistische Clique über das Land die Schrecken des wirtschaftlichen Ruins und der nationalen Erniedrigung. Doch lange Zeit hindurch - solange die Soziale Entwicklung nicht die Voraussetzungen für die Massenbewegung geschaffen hatte - konnte die Revolution nicht ausbrechen, und trotz ihres Heldenmutes zerschellten die isolierten Angriffe gegen die Regierung in der vorrevolutionären Periode an der Gleichgültigkeit der Volksmassen. Nur die Sozialdemokratie hat es verstanden, durch zähe und planmäßige Arbeit die Massen zu den höchsten Kampfformen zu erziehen - zu Massenaktionen und zum bewaffneten Bürgerkrieg.
Sie hat es verstanden,





Die internationale revolutionäre Bewegung des Proletariats verläuft in den verschiedenen Ländern nicht gleichmäßig und nicht in ein und derselben Form, sie kann es auch gar nicht. Die vollständige und allseitige Ausnutzung aller Möglichkeiten in allen Wirkungsbereichen ergibt sich erst als Ergebnis des Klassenkampfes der Arbeiter der verschiedenen Länder. Jedes Land trägt seine eigenen wertvollen, originalen Züge dazu bei, aber in jedem einzelnen Land leidet die Bewegung an dieser oder jener Einseitigkeit, an diesen oder jenen theoretischen oder praktischen Mängeln der einzelnen sozialistischen Parteien. Im Großen und Ganzen aber sehen wir deutlich einen gewaltigen Fortschritt des internationalen Sozialismus, den Zusammenschluss der Millionenarmeen des Proletariats in vielen konkreten Zusammenstößen mit dem Feind, das Herannahen des Entscheidungskampfes gegen die Bourgeoisie, eines Kampfes, für den die Arbeiterklasse weit mehr vorbereitet ist als zur Zeit der Kommune, dieses letzten großen Proletarieraufstandes.

Lenin, Band 15, Seite 181 – 182, „Zündstoff in der Weltpolitik“, 23. Juli 1908







Dem Andenken der Kommune



Rabotschaja Gaseta“ Nr. 4 / 5, vom 15. [ 28. ] April 1911

Lenin, Werke, Band 17, Seite 122 - 126



Es war ein in der Geschichte noch nie dagewesenes Ereignis.

Zunächst war diese Bewegung äußerst bunt und unbestimmt.

Die von ihren Verbündeten von gestern verlassene und von niemand unterstützte Kommune war unvermeidlich der Niederlage geweiht.

Zur siegreichen sozialen Revolution bedarf es mindestens zwei Vorbedingungen:

  1. einer hohen Entwicklungsstufe der Produktivkräfte und

  2. der Reife des Proletariats.

1871 fehlten jedoch diese beiden Vorbedingungen.

Was aber der Kommune vor allem fehlte,

Im übrigen vermochte die Kommune, trotz der so ungünstigen Umstände, trotz der Kürze ihres Bestehens, einige Maßnahmen zu treffen, die ihren wahren Sinn und ihre Ziele zur Genüge kennzeichnen.

Alle diese Maßnahmen zeugten mit genügender Deutlichkeit davon, daß die Kommune eine Lebensgefahr für die alte, auf Knechtung und Ausbeutung beruhende Welt bedeutete. Die bürgerliche Gesellschaft konnte daher nicht ruhig schlafen, solange auf dem Pariser Rathause die rote Fahne des Proletariats wehte. Und als es endlich der organisierten Regierungsmacht gelungen war, die schlecht organisierte Macht der Revolution zu überwältigen, veranstalteten die von den Deutschen geschlagenen und nur gegen ihre besiegten Landsleute tapferen bonapartistischen Generale, diese französischen Rennenkampfs und Möller-Sakomelskis ein Gemetzel, wie es Paris noch nie gesehen hatte.

Die Bourgeoisie war zufrieden. "Jetzt ist es mit dem Sozialismus für lange Zeit aus!" erklärte ihr Führer, der blutgierige Zwerg Thiers, nach dem Blutbad, das er mit seinen Generalen dem Pariser Proletariat bereitet hatte. Doch vergebens hatten diese bürgerlichen Raben gekrächzt.

Das Andenken an die Kommunekämpfer wird nicht nur von den französischen Arbeitern, sondern auch vom Proletariat der ganzen Welt in Ehren gehalten.





3. Januar 1913

Eugène Pottier

(zum fünfundzwanzigsten Jahrestag seines Todes)

Prawda“ Nr. 2, vom 3. Januar 1913

Lenin, Band 36, Seite 197 – 198

Im November vorigen Jahres, des Jahres 1912, waren seit dem Tode des französischen Arbeiterdichters Eugène Pottier, des Verfassers des berühmten proletarischen Liedes: „Die Internationale“ („Wacht auf, Verdammte dieser Erde“ usw.) , 25 Jahre vergangen.

Dieses Lied ist in allen Sprachen Europas und nicht nur Europas übersetzt. In welches Land ein klassenbewusster Arbeiter auch geraten, wohin ihn sein Schicksal auch verschlagen, wie sehr er sich auch als Fremder fühlen möge, ohne Kenntnis der Sprache, ohne vertraute Menschen, fern von der Heimat – mit der bekannten Weise der „Internationale“ kann er Genossen und Freunde finden.

Die Arbeiter aller Länder haben das Lied ihres Vorkämpfers, des proletarischen Dichters, zu ihrem Lied, zum Lied des Weltproletariats gemacht.

Und die Arbeiter aller Länder ehren jetzt Eugène Pottier. Seine Frau und Tochter leben

noch und leben in Armut, wie der Verfasser der „Internationale“ sein ganzes Leben gelebt hat. Er wurde am 4. Oktober 1848 in Paris geboren. 14 Jahre war er alt, als er sein erstes Lied dichtete, und dieses Lied hieß: „Es leben die Freiheit!“ Im Jahre 1848 nahm er als Barrikadenkämpfer an der großen Schlacht der Arbeiter gegen die Bourgeoisie teil.

Pottier entstammte einer armen Familie und blieb sein ganzes Leben lang arm, ein Proletarier, der sich sein Brot als Packer und später als Musterzeichner für Stoffe verdiente.

Seit 1840 fanden alle großen Ereignisse im Leben Frankreichs ihren Widerhall in seinen Kampfliedern; er weckte das Bewusstsein der Zurückgebliebenen, rief die Arbeiter zur Einheit und geißelte die Bourgeoisie und die bürgerlichen Regierungen Frankreichs.

Während der großen Pariser Kommune (1871 wurde Pottier zum Mitglied der Kommune gewählt. Von 3600 Stimmen wurden 3352 für ihn abgegeben. An allen Maßnahmen der Kommune, dieser ersten proletarischen Regierung, wirkte er mit.

Der Fall der Kommune zwang Pottier, nach England und Amerika zu fliehen. Das berühmte Lied: „Die Internationale“ schrieb er im Juni 1871, man kann sagen, am Tage nach der blutigen Mainiederlage ….

Die Kommune war niedergeworfen … aber die „Internationale“ Pottiers hat die Ideen der Kommune in die ganze Welt getragen, und heute ist sie lebendiger denn je.

1876, im Exil, schrieb Pottier das Poem „Die Arbeiter Amerikas an die Arbeiter Frankreichs“. Er schilderte darin das Leben der Arbeiter unter dem Joch des Kapitalismus, ihr Elend, ihre Sklavenarbeit, ihre Ausbeutung und ihre feste Überzeugung vom kommenden Sieg ihrer Sache.

Erst neun Jahre nach der Kommune kehrte Pottier nach Frankreich zurück und trat dort sofort in die „Arbeiterpartei“ ein. 1884 erschien ein erster Band seiner Gedichte. 1887 wurde ein zweiter Band mit dem Titel: „Revolutionslieder“ herausgegeben.

Eine Reihe anderer Lieder des Arbeiterdichters wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Am 8. November 1887 gaben die Pariser Arbeiter den sterblichen Überresten Eugène Pottiers das Geleit zum Friedhof „Père Lachaise“, wo die erschossenen Kommunarden begraben sind. Die Polizei versuchte, den Arbeitern die rote Fahne zu entreißen, und veranstaltete eine blutige Schlägerei. Eine riesige Menge nahm an dem Zivilbegräbnis teil. Von allen Seiten ertönte der Ruf: „Es lebe Pottier!“

Pottier starb in Armut, aber er hat sich ein wahrhaft unvergängliches Denkmal gesetzt. Er war einer der größten Propagandisten mittels des Liedes . Als er sein erstes Lied dichtete, wurden die sozialistischen Arbeiter höchstens nach Dutzenden gezählt. Heute kennen Dutzende Millionen Proletarier das historische Lied Eugène Pottiers …







Die Bourgeoisie betrügt die Massen, indem sie den imperialistischen Raubzug mit der alten Ideologie des „nationalen Krieges“ verbrämt. Das Proletariat entlarvt diesen Betrug und verkündet die Losung der Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg. Eben diese Losung war in der Stuttgarter und Basler Resolution vorgesehen, die nicht einen Krieg schlechthin, sondern gerade den gegenwärtigen Krieg voraussahen und die nicht von der „Verteidigung des Vaterlandes“ sprachen, sondern davon, dass man „die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft beschleunigen“, zu diesem Zweck die durch den Krieg herbeigeführte Krise ausnutzen und dem Beispiel der Kommune folgen müsse. Die Kommune war die Umwandlung eines Völkerkrieges in einen Bürgerkrieg.

Lenin, Band 21, Seite 26: „Lage und Aufgaben der sozialistischen Internationale“, vom 1. November 1914





Das Basler Manifest beruft sich ausdrücklich auf das Beispiel der Pariser Kommune, d.h., auf das Beispiel der Umwandlung eines Krieges der regierungen in den Bürgerkrieg. Vor einem halben Jahrhundert war das Proletariat noch zu schwach, die objektiven Voraussetzungen für den Sozialismus waren noch nicht herangereift, an eine Koordinierung und ein Zusammenwirken der revolutionären Bewegungen in allen kriegführenden Ländern war noch nicht zu denken, die Begeisterung eines Teils der Pariser Arbeiter für die „nationale Ideologie“ (für die Tradition von 1792) war die von Marx schon damals vermerkte kleinbürgerliche Schwäche, an der sie litten, und eine der Ursachen für das Scheitern der Kommune.

Lenin, Band 21, Seite 314, „Sozialismus und Krieg“, Juli - August 1915





Denn wenn sich die Pariser Arbeiter im Jahre 1871 der ausgezeichneten Waffen, die ihnen Napoleon III. Im Interesse seiner cäsarischen Ziele in die Hand gegeben hatte, bedienen konnten, um den heroischen, von den Sozialisten der ganzen Welt gefeierten Versuch zu machen, die Bourgeoisie zu stürzen und die Macht zu erobern, um den Sozialismus zu verwirklichen, so wäre heute ein derartiger Versuch tausend Mal leichter durchführbar, möglich und Erfolg versprechend, da eine weit größere Zahl von besser organisierten und klassenbewussteren Arbeitern mehrerer Länder weitaus bessere Waffen in den Händen hat, und revolutioniert werden. (Lenin, Band 23, Seite 216 – 217, Januar 1917)







Jedenfalls gibt uns die Geschichte der russischen Revolution sowie auch die Geschichte der Pariser Kommune im Jahre 1871 die unabweisbare Lehre, dass der Militarismus nie und keinesfalls auf irgendwelche andere Art und Weise überwunden und abgeschafft werden kann als durch den siegreichen Kampf eines Teils des Volksheeres gegen den anderen Teil. Es genügt nicht, den Militarismus zu verwünschen, zu verfluchen, „abzulehnen“, seine Schädlichkeit mit der Kritik der Argumente zu beweisen, es ist dumm, den Dienst friedlich zu verweigern, - es gilt, das revolutionäre Bewusstsein des Proletariats wach zu halten, und zwar nicht nur im Allgemeinen, sondern auch seine besten Elemente im Konkreten dazu vorzubereiten, im Momente der höchsten Gärung im Volke sich an die Spitze der revolutionären Armee zu stellen. (Lenin, Band 23, Seite 254)











Über die Doppelherrschaft



Prawda“ Nr. 28, vom 9. April 1917



Lenin, Werke, Band 24, Seite 20 - 23





Die Grundfrage jeder Revolution ist die Frage der Macht im Staate. Ohne Klärung dieser Frage kann von keiner wie immer gearteten bewußten Teilnahme an der Revolution die Rede sein, von einer Führung derselben ganz zu schweigen.
Die höchst bemerkenswerte Eigenart unserer Revolution besteht darin, daß sie eine Doppelherrschaft geschaffen hat. Über diese Tatsache muß man sich vor allem klarwerden; bevor man sie nicht begriffen hat, kann man nicht vorwärtsschreiten. So muß man z. B. die alten ´Formeln´ des Bolschewismus zu ergänzen und zu korrigieren verstehen, da sie zwar, wie sich gezeigt hat, im allgemeinen richtig waren, ihre konkrete Anwendung sich aber anders gestaltete. An Doppelherrschaft hat früher niemand gedacht und konnte niemand denken.

Worin besteht die Doppelherrschaft?

Wie ist diese andere Regierung klassenmäßig zusammengesetzt?

Welcherart ist der politische Charakter dieser Regierung?

Diesen Umstand läßt man oft außer acht, denkt oft nicht genug über ihn nach, während das gerade der springende Punkt ist. Diese Macht ist eine Macht von demselben Typus, wie es die Pariser Kommune von 1871 war. Die Grundmerkmale dieses Typus sind:

  1. Quelle der Macht ist nicht das vorher vom Parlament beratene und beschlossene Gesetz, sondern die direkte, von unten kommende Initiative der Volksmassen im Lande, die direkte ´Machtergreifung´, um diesen landläufigen Ausdruck zu gebrauchen;

  2. Ersetzung von Polizei und Armee als vom Volke getrennte und dem Volke entgegengestellte Institutionen durch die direkte Bewaffnung des ganzen Volkes; die Staatsordnung wird unter einer solchen Macht von den bewaffneten Arbeitern und Bauern selbst, vom bewaffneten Volke selbst geschützt;

  3. ebenso wird die Beamtenschaft, die Bürokratie, entweder durch die unmittelbare Herrschaft des Volkes selbst ersetzt oder zumindest unter besondere Kontrolle gestellt; die Beamten verwandeln sich in nicht nur wählbare, sondern auch auf die erste Forderung des Volkes hin absetzbare Personen, ihre Rolle wird auf die von einfachen Bevollmächtigten reduziert: Aus einer privilegierten Schicht mit hoher, bourgeoiser Bezahlung ihrer ´Pöstchen´ verwandeln sie sich in Arbeiter einer besonderen ´Waffengattung´, deren Entlohnung nicht höher ist als der übliche Lohn eines guten Arbeiters.

Darin und nur darin besteht das Wesen der Pariser Kommune als eines besonderen Staatstypus. Dieses Wesen haben die Herren Plechanow (die offenen Chauvinisten, die den Marxismus verraten haben), die Kautsky (die ´Zentristen´, d. h. die zwischen Chauvinismus und Marxismus Schwankenden) und überhaupt alle gegenwärtig herrschenden Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre usw. vergessen bzw. entstellt.

Ich betone: ´inwieweit´. Denn sie sind erst die Keime einer Staatsmacht. Sowohl durch ein direktes Abkommen mit der bürgerlichen Provisorischen Regierung als auch durch eine Reihe faktischer Zugeständnisse lieferte und liefert diese Macht selber ihre Positionen an die Bourgeoisie aus.

Warum?

Daraus sollte schon klar sein, warum auch unsere Genossen viele Fehler begehen, wenn sie ganz ´einfach´ die Frage stellen: soll die Provisorische Regierung sofort gestürzt werden?
Ich antworte
:

  1. sie muß gestürzt werden, denn sie ist eine oligarchische, bürgerliche Regierung und keine Volksregierung; sie kann weder Frieden noch Brot, noch volle Freiheit geben;

  2. sie kann je nicht gestürzt werden, denn sie hält sich durch ein direktes und indirektes, formelles und faktisches Abkommen mit den Sowjets der Arbeiterdeputierten, vor allem aber mit dem wichtigsten, dem Petrograder Sowjet;

  3. sie kann überhaupt nicht auf dem gewöhnlich Wege ´gestürzt´ werden, denn sie basiert auf der ´Unterstützung´ der Bourgeoisie durch die zweite Regierung, durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten; diese Regierung aber ist die einzig mögliche revolutionäre Regierung, die unmittelbar das Bewußtsein und den Willen der Mehrheit der Arbeiter und Bauern zum Ausdruck bringt. Einen höheren, besseren Typus der Regierung als die Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten hat die Menschheit nicht hervorgebracht und kennen wir bisher nicht.

Um zur Staatsmacht zu werden, müssen die klassenbewußten Arbeiter die Mehrheit für sich gewinnen:

Das ist das tatsächliche, klassenmäßige Kräfteverhältnis, das unsere Aufgaben bestimmt.

      1. April 1917.







Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution“

Die revolutionären Epochen haben seit Ende des 19. Jahrhunderts den höchsten Typus des demokratischen Staates hervorgebracht, eines Staates, der, nach einem Ausdruck von Engels, in mancher Hinsicht schon aufhört, ein Staat zu sein, der kein Staat im eigentlichen Sinner mehr“ [ MEW, Band 19, Seite 53 ] ist. Es ist dies der Staat vom Typus der Pariser Kommune, der die vom Volke getrennte Armee und Polizei durch die direkte und unmittelbare Bewaffnung des Volkes selbst ersetzt . Darin besteht das Wesen der Kommune, über die von den bürgerlichen Schriftstellern zahllose Lügen und Verleumdungen verbreitet wurden, von der man unter anderem fälschlich behauptet, sie habe sofort den Sozialismus „einführen“ wollen.

Der Marxismus unterscheidet sich dadurch vom Anarchismus, dass er die Notwendigkeit des Staates und der Staatsgewalt in einer revolutionären Periode im Allgemeinen und in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus im Besonderen anerkennt.

Der Marxismus unterscheidet sich von dem kleinbürgerlichen, opportunistischen „Sozialdemokratismus“ der Herren Plechanow, Kautsky und Co dadurch, dass er für die erwähnten Perioden nicht einen Staat wie die gewöhnliche parlamentarische bürgerliche Republik für notwendig erachtet, sondern einen Staat wie die Pariser Kommune.

Die Hauptunterschiede zwischen diesem letzteren Staatstypus und dem alten bestehen in Folgendem:

Von der parlamentarischen bürgerlichen Republik ist die Rückkehr zur Monarchie (wie die Geschichte auch bewiesen hat) überaus leicht, denn die ganze Unterdrückungsmaschinerie: das Heer, die Polizei, die Beamtenschaft, bleibt unangetastet. Die Kommune und die Sowjets der Arbeiter -, Soldaten – und Bauern – usw, Deputierten zerschlagen und beseitigen diese Maschine.

Die parlamentarische bürgerliche Republik beengt und drosselt das selbständige politische Leben der Massen sowie deren unmittelbare Teilnahme an dem demokratischen Aufbau des ganzen Staatslebens von unten bis oben. Das Gegenteil ist bei den Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten der Fall. Diese Letzteren reproduzieren jenen Staatstypus, der von der Pariser Kommune hervorgebracht worden ist und den Marx „die endlich entdeckte politische Form“ genannt hat, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte .“ [ MEW, Band 17, Seite 342 ]

(Lenin, „Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution“, Band 24, Seite 52 – 54, April 1917)






Siebenter Parteitag: (9) Parteiprogramm-Änderung

8. März 1918


( Lenin, Band 27, Seite 120, 121 und 122 )


Mir scheint, dass die marxistische Auffassung vom Staat durch den herrschenden offiziellen Sozialismus Westeuropas in höchstem Grade verfälscht worden ist, was durch die Erfahrungen der sowjetischen Revolution und die Schaffung der Sowjets in Russland wunderbar anschaulich bestätigt worden ist. In unseren Sowjets gibt es noch viel Rohes, Unvollendetes, das unterliegt keinem Zweifel, das ist jedem klar, der sich ihre Arbeit näher angesehen hat, aber was an ihnen wichtig, was historisch wertvoll ist, was einen Schritt vorwärts in der weltumspannenden Entwicklung des Sozialismus darstellt, ist dies, dass hier ein neuer Typus des Staates geschaffen worden ist. In der Pariser Kommune gab es das einige Wochen lanf, in einer einzigen Stadt, ohne dass man sich bewusst war, was man tat. Die die Kommune schufen, verstanden sie nicht, sie schufen mit dem genialen Instinkt der erwachten Massen, und keine einzige Fraktion der französischen Sozialisten war sich bewusst, was sie tat. Wir befinden uns in einer Situation, wo wir dank der Tatsache, dass wir auf den Schultern der Pariser Kommune und der vieljährigen Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie stehen, klar sehen können, was wir tun, wenn wir die Sowjetmacht schaffen. Der Staat ist ein Apparat zur Unterdrückung. Man muss die Ausbeuter unterdrücken, aber man kann sie nicht mittels der Polizei unterdrücken, nur die Masse selbst kann das tun, der Apparat muss mit den Massen verbunden sein, muss in der Form der Sowjets die Massen repräsentieren.

Die Sowjetmacht ist ein Apparat, ein Apparat, dazu bestimmt, dass die Masse sofort anfange, die Staatsverwaltung und die Organisation der Produktion im gesamtnationalen Maßstab zu erlernen. Historisch wichtig aber ist es, dass wir die Lösung dieser Aufgabe in Angriff nehmen, und zwar nicht nur vom Standpunkt unseres Landes allein, sondern dass wir auch die europäischen Arbeiter zu Hilfe rufen. Das ist der Grund, weshalb wir glauben, den Weg der Pariser Kommune fortzusetzen. Das ist der Grund, weshalb wir überzeugt sind, dass die europäischen Arbeiter, nachdem sie diesen Weg beschritten haben werden, uns werden helfen können.







Über Kompromisse

(„Verspätete Gedanken“)

geschrieben 1. - 3. September 1917

veröffentlicht am 19. September 1917 im „Rabotschi Put“ (Weg des Arbeiters) Nr. 3.

Lenin, Band 25, Seite 317 – 318

Erstens haben die Bolschewiki seit 1871 immerhin Einiges gelernt, sie würden nicht verfehlen, die Bank in Beschlag zu nehmen, auch würden sie nicht darauf verzichten, gegen versailles zu marschieren; unter solchen Umständen aber hätte sogar die Kommune siegen können. Außerdem jonnte die Kommune dem Volke nicht sofort das bieten, was die Bolschewiki bieten können, wenn sie an die Macht gelangt sind, nämlich: Land für die Bauern, ein sofortiges Friedensangebot, eine wirkliche Kontrolle der Produktion, einen ehrlichen Frieden mit den Ukrainern, den Finnen u.a. Die Bolschewiki haben, grob gesagt, zehn Mal mehr „Trümpfe“ in den Händen, als die Kommune sie hatte. Zweitens bedeutet die Kommune schließlich harten Bürgerkrieg und danch eine lange Stockung in der friedlichen kulturellen Entwicklung, eine Erleichterung der Operationen und Machenschaften aller möglichen Mac-Mahon und Kornilow, solche Operationen aber gefährden unsere ganze bürgerliche Gesellschaft. Ist es da vernünftig, eine Kommune zu riskieren ?

Eine Kommune aber ist in Russland unvermeidbar, wenn wir nicht die Macht ergreifen, wenn die Lage so schwierig bleibt, wie sie es vom 6. Mai bis zum 31. August war. Jeder revolutionäre Arbeiter und Soldat wird unvermeidlich an die Kommune denken, wird an sie glauben und unvermeidlich Versuche unternehmen, sie zu verwirklichen, da er sich sagt: Das Volk geht zu Grunde, Krieg, Hunger und Zerrüttung greifen immer mehr um sich. Nur die Kommune wird uns retten. Und wenn wir untergehen, wenn wir alle sterben, die Kommune verwirklichen wir doch. - Solche Gedanken sind bei den Arbeitern unausbleiblich, und die Kommune zu besiegen wird jetzt nicht so leicht sein wie 1871. Die russische Kommune wird hundert Mal mächtigere Verbündete in der ganzen Welt haben als die Kommune von 1871 …







Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky

Lenin, Werke, Band 28, Seite 238 - 239

Ich gestatte mir ehrerbietigst, Herrn Kautsky, der Marx und Engels auswendig kennt, an die folgende Einschätzung der Kommune durch Engels vom Standpunkt der … „reinen Demokratie“ zu erinnern:

Haben sie einmal eine Revolution gesehen, diese Herren (Antiautorltären)? Eine Revolution ist gewiss die autoritärste Sache, die es gibt, ein Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung seinen Willen dem anderen Teil durch Flinten, Bajonette und Kanonen, alles das sehr autoritäre Mittel, aufzwingt: und die Partei, die gesiegt hat, muss ihre Herrschaft durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen, behaupten. Und hätte sich die Pariser Kommune nicht der Autorität eines bewaffneten Volkes gegen die Bourgeoisie bedient, hätte sie sich länger als einen Tag behauptet ? Können wir sie nicht umgekehrt tadeln, dass sie sich zu wenig dieser Autorität bedient habe ?“ [ MEW, Band 18, Seite 308 ] ;(Seite 238 – 239)







Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress


Lenin, Werke, Band 28, Seite 427



Die Sowjetbewegung hat aufgehört, eine russische Form der proletarischen Macht zu sein, zu ihr bekennt sich das internationale Proletariat in seinem Kampfe um die Macht, sie ist zum zweiten Schritt in der weltweiten Entwicklung der sozialistischen Revolution geworden. Der erste Schritt war die Pariser Kommune; sie hat gezeigt, dass die Arbeiterklasse nicht anders als durch die Diktatur, durch die gewaltsame Niederwerfung der Ausbeuter zum Sozialismus gelangen wird. Das Erste, was die Pariser Kommune gezeigt hat, war, dass der Weg der Arbeiterklasse zum Sozialismus nicht über den alten bürgerlich-demokratischen parlamentarischen Staat, sondern nur über einen Staat von neuem Typus führt, der Parlamentarismus wie Beamtentum von oben bis unten zerschlägt.









I. Weltkongress der Kommunistischen Internationale


Leitsätze über bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur


4. März 1919


Lenin, Werke, Band 28, Seite 473



5. Die Pariser Kommune, welche in Worten von allen gefeiert wird, die als Sozialisten gelten wollen, da sie wissen, dass die Arbeitermassen grosse und aufrichtige Sympathie für sie haben, hat besonders deutlich die historische Bedingtheit und den begrenzten Wert des bürgerlichen Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie bewiesen, die zwar im Vergleich zum Mittelalter höchst fortschrittliche Einrichtungen darstellen, in der Zeit der proletarischen Revolution aber unvermeidlich Veränderungen von Grund aus erheischen. Gerade Marx, der die historische Bedeutung der Kommune am meisten schätzte, hat in seiner Analyse derselben den ausbeuterischen Charakter der bürgerlichen Demokratie und des bürgerlichen Parlamentarismus nachgewiesen, bei welchem die unterdrückte Klasse das Recht erhält, einmal im Laufe mehrerer Jahre zu entscheiden, welcher Abgeordnete der besitzenden Klassen das Volk im Parlament ver- und zertreten wird. Gerade jetzt, wo die Rätebewegung, die die ganze Welt ergreift, vor aller Augen die Sache der Kommune weiterführt, vergessen die Verräter des Sozialismus die praktische Erfahrung und die konkreten Lehren der Pariser Kommune und wiederholen den alten bürgerlichen Plunder von der »Demokratie überhaupt«. Die Kommune war eine nichtparlamentarische Einrichtung.

6. Die Bedeutung der Kommune besteht weiter darin, dass sie den Versuch unternommen hat, den bürgerlichen Staatsapparat, den Beamten-, Gerichts-, Kriegs- und Polizeiapparat zu zertrümmern und von Grund aus zu zerstören und ihn durch die sich selbst verwaltende Massenorganisation der Arbeiter, welche die Trennung der gesetzgebenden und vollziehenden Gewalt nicht kannte, zu ersetzen. Alle bürgerlich-demokratischen Republiken unserer Zeit, darunter die deutsche, welche von den Verrätern des Sozialismus unter Verhöhnung der Wahrheit als proletarische bezeichnet wird, behalten diesen bürgerlichen Staatsapparat bei. Das beweist immer und immer wieder klar und deutlich, dass das Geschrei zur Verteidigung der »Demokratie überhaupt« nichts anderes vorstellt, als die Verteidigung der Bourgeoisie und ihrer Ausbeutungsvorrechte.