1917

W. I. Lenin



Dekret über den Frieden

26. [ 8. November ] Oktober 1917

Prawda“ Nr. 171 ; 10. November (28. Oktober) 1917 - „Iswestija ZJK“ , Nr. 208, 27. Oktober 1917

Lenin, Band 26, Seite 239 - 243







Zweiter Gesamtrussischer Kongress der Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten ;

25. - 26. Oktober ( 7. - 8. November ) 1917

(2) Rede über den Frieden



[ hier vollständig wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) aus Anlass des 140. Geburtsags Lenins ]



Die Frage des Friedens ist die aktuellste, die alle bewegende Frage der gegenwart. Über diese Frage ist viel gesprochen und geschrieben worden, und Sie alle haben sie wahrscheinlich nicht wenig erörtert. Gestatten Sie mir deshalb, die Deklaration zu verlesen, die die von Ihnen gewählte Regierung zu erlassen haben wird.

Dekret über den Frieden

Die Arbeiter – und Bauernregierung, die durch die Revolution vom 24. - 25. Oktober geschaffen wurde und sich auf die Sowjets der Arbeiter -, Soldaten – und Bauerndeputierten stützt, schlägt allen kriegführenden Völkern und ihren Regierungen vor, sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden aufzunehmen.

Ein gerechter und demokratischer Frieden, wie ihn die überwältigende Mehrheit der durch den Krieg erschöpften, gepeinigten und gemarterten Klassen der Arbeiter und Werktätigen aller kriegführenden Länder ersehnt, ein Frieden, wie ihn die russischen Arbeiter und Bauern nach dem Sturz der Zarenmonarchie unf das Entschiedenste und beharrlichste gefordert haben, ein solcher Frieden ist nach der Auffassung der Regierung ein sofortiger Frieden ohne Annexionen (d.h., ohne Aneignung fremder Territorien, ohne gewaltsame Angliederung fremder Völkerschaften) und ohne Kontributionen.

Die Regierung Russlands schlägt allen kriegführenden Völkern vor, unverzüglich einen solchen Frieden zu schließen, wobei sie sich bereit erklärt, sofort, ohne die geringste Verzögerung, bis zur endgültigen Bestätigung aller Bedingungen eines solchen Friedens durch die bevollmächtigten Versammlungen der Volksvertreter aller Länder und aller Nationen, alle entscheidenden Schritte zu unternehmen.

Unter Annexion oder Aneignung fremder Territorien versteht die Regierung, im Einklang mit dem Rechtsbewusstsein der Demokratie im Allgemeinen und der werktätigen Klassen im Besonderen, jede Angliederung einer kleinen oder schwachen Völkerschaft an einen großen oder mächtigen Staat, ohne dass diese Völkerschaft ihr Einverständnis und ihren Wunsch unmissverständlich, klar und freiwillig zum Ausdruck gebracht hat, unabhängig davon, wie entwickelt oder rückständig eine solche mit Gewalt angegliederte oder mit Gewalt innerhalb der Grenzen eines gegebenen Staates festgehaltene Nation ist, und schließlich unabhängig davon, ob diese Nation in Europa oder in fernen, überseeischen Ländern lebt.

Wenn irgendeine Nation mit Gewalt in den Grenzen eines gegebenen Staates festgehalten wird, wenn dieser Nation entgegen ihrem zum Ausdruck gebrachten Wunsch in der Presse oder in Volksversammlungen, in Beschlüssen der Parteien oder in Empörungen und Aufständen gegen nationale Unterdrückung geäußert wurde – das Recht vorenthalten wird, nach vollständiger Zurückziehung der Truppen der annektierenden oder überhaupt der stärkeren Nation in freier Abstimmung über die Formen ihrer staatlichen Existenz ohne den mindesten Zwang selbst zu entscheiden, so ist eine solche Angliederung eine Annexion, d.h., eine Eroberung und Vergewaltigung.

Diesen Krieg fortzusetzen, um die Frage zu entscheiden, wie die starken und reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen Völkerschaften unter sich aufteilen sollen, hält die Regierung für das größte Verbrechen an der Menschheit, und sie verkündet feierlich ihre Entschlossenheit, unverzüglich Firedensbedingungen zu unterzeichnen, die diesem Krieg unter den oben genannten, für ausnahmslos alle Völkerschaften gleich gerechten Voraussetzungen ein Ende machen.

Gleichzeitig erklärt die Regierung, dass sie die oben genannten Friedensbedingungen keineswegs als ultimativ betrachtet, d.h., sie ist bereit, auch jegliche anderen Friedensbedingungen zu erwägen, wobei sie lediglich darauf besteht, dass das Angebot der Friedensbedingungen seitens irgendeines kriegführenden Landes möglichst rasch und mit vollster Klarheit, bei unbedingter Ausschaltung jeder Zweideutigkeit und Geheimhaltung erfolgt.

Die Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab, sie erklärt, dass sie ihrerseits fest entschlossen ist, alle Verhandlungen völlig offen vor dem ganzen Volk zu führen, und wird unverzüglich darangehen, alle Geheimverträge zu veröffentlichen, die von der Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten in der Zeit vom Februar bis zum 25. Oktober 1917 bestätigt oder abgeschlossen wurden. Alle Bestimmungen dieser Geheimverträge, soweit sie, wie es zumeist der Fall war, den Zweck hatten, den russischen Gutsbesitzern und Kapitalisten Vorteile und Privilegien zu verschaffen, die Annexionen der Großrussen aufrechtzuerhalten oder zu erweitern, werden von der Regierung bedingungslos und sofort für ungültig erklärt.

Indem sich die Regierung an die Regierungen und Völker aller Länder mit dem Vorschlag wendet, sofort offene Verhandlungen über den Friedensschluss aufzunehmen, gibt sie ihrerseits ihrer Bereitschaft Ausdruck, diese Verhandlungen sowohl schriftlich, telegrafisch als auch auf dem Wege mündlicher Unterhandlungen von Vertretern der verschiedenen Länder oder auf Konferenzen dieser Vertreter zu führen. Zm solche Unterhandlungen zu erleichtern, entsendet die Regierung ihren bevollmächtigten Vertreter in die neutralen Länder.

Die Regierung schlägt allen Regierungen und Völkern aller kriegführenden Länder vor, sofort einen Waffenstillstand abzuschließen, wobei sie es ihrerseits für wünschenswert hält, dass dieser Waffenstillstand auf mindestens 3 Monate abgeschlossen werde, d.h., für eine Frist, die völlig ausreicht sowohl für den Abschluss von Friedensverhandlungen unter der Teilnahme von ausnahmslos allen Völkerschaften oder Nationen, die in den Krieg hineingezogen oder hineingewzungen wurden, als auch für die Einberufung bevollmächtigter Versammlungen der Volksvertreter aller Länder zur endgültigen Bestätigung der Friedensbedingungen.

Die Provisorische Arbeiter – und Bauernregierung Russlands, die dieses Friedensangebot an die Regierungen und an die Völker aller kriegführenden Länder richtet, wendet sich gleichzeitig insbesondere an die klassenbewussten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit und der größten am gegenwärtigen Krieg beteiligten Staaten: Englands, Frankreichs und Deutschlands. Die Arbeiter dieser Länder haben der Sache des Fortschritts und des Sozialismus die größten Dienste erwiesen – in den großen Vorbildern der Chartistenbewegung in England, in den Revolutionen von weltgeschichtlicher Bedeutung, die das französische Proletariat vollbracht hat, und schließlich im heroischen Kampf gegen das Sozialistengesetz sowie in der für die Arbeiter der ganzen Welt mustergültigen langwierigen und beharrlichen disziplinierten Arbeit zur Schaffung proletarischer Massenorganisationen in Deutschland. Alle diese Vorbilder proletarischen Heldenmuts und geschichtlicher Schöpferkraft sind für uns eine Bürgschaft, dass die Arbeiter der genannten Länder die ihnen jetzt gestellte Aufgabe, die Menschheit von den Schrecken des Krieges und seiner Folgen zu befreien, erkennen werden, dass diese Arbeiter uns durch ihre allseitige, entschiedene, rückhaltlos energische Tätigkeit helfen werden, die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen.



Die Arbeiter – und Bauernregierung, die durch die Revolution vom 24. - 25. Oktober geschaffen wurde und sich auf die Sowjets der Arbeiter -, Soldaten – und Bauerndeputierten stützt, muss sofort Friedensverhandlungen einleiten. Unser Aufruf muss sowohl an die Regierungen als auch an die Völker gerichtet werden. Wir können die Regierungen nicht ignorieren, denn das würde die Möglichkeit des Friedensschlusses hinauszögern; das aber darf eine Volksregierung nicht zulassen. Wir haben jedoch nicht das geringste Recht, uns nicht auch zugleich an die Völker zu wenden. Überall bestehen Gegensätze zwischen Regierungen und Völkern, und deshalb müssen wir den Völkern helfen, in die Fragen des Krieges und des Friedens einzugreifen. Wir werden natürlich unser ganzes Programm eines Friedens ohne Annexionen und Kontributionen in jeder Weise verteidigen. Wir werden nicht davon abgehen, aber wir müssen unseren Feinden die Möglichkeit nehmen, zu sagen, dass ihre Bedingungen andere seien und es deshalb zwecklos sei, mit uns in Verhandlungen zu treten. Nein, wir müssen ihnen diesen Trumpf aus den Händen schlagen und dürfen unsere Bedingungen nicht ultimativ stellen. Deshalb haben wir auch den Satz mit aufgenommen, dass wir jegliche Friedensbedingungen, alle Vorschläge erwägen werden. Erwägen heißt noch nicht annehmen. Wir werden sie der Konstituierenden Versammlung zur Beratung vorlegen, die nun schon definitiv zu entscheiden haben wird, worin man nachgeben kann und worin nicht. Wir kämpfen gegen den Betrug der Regierungen, die alle die Worte Frieden und Gerechtigkeit im Munde führen, in der Tat aber räuberische Eroberungskriege führen. Keine einzige Regierung spricht alles aus, was sie denkt. Wir aber sind gegen die Geheimdiplomatie und werden offen vor dem ganzen Volk handeln. Wir schließen und schlossen niemals die Augen vor Schwierigkeiten. Der Krieg kann nicht durch die Weigerung, Krieg zu führen, beendet werden, der Krieg kann nicht durch eine der Seiten alleine beendet werden. Wir schlagen einen Waffenstillstand auf drei Monate vor, lehnen aber auch eine kürzere Frist nicht ab, damit die erschöpfte Armee wenigstens für einige Zeit frei aufatmen kann, und außerdem müssen in allen Kulturländern die Volksvertretungen einberufen werden, um über die Bedingungen zu beraten.

Mit dem Vorschlag, unverzüglich einen Waffenstillstand zu schließen, wenden wir uns zugleich an die klassenbewussten Arbeiter jener Länder, die für die Entwicklung der proletarischen Bewegung vielt getan haben. Wir wenden uns an die Arbeiter Englands, wo es die Chartistenbewegung gegeben hat, an die Arbeiter Frankreichs, die wiederjolt in Aufständen die ganze Stärke ihres Klassenbewusstseins bewiesen haben, und an die Arbeiter Deutschlands, die den Kampf gegen das Sozialistengesetz bestanden und mächtige Organisationen geschaffen haben.

In dem Manifest vom 14. März riefen wir dazu auf, die Bankiers zu stürzen, stürzten aber selber unsere eigenen nicht, sondern schlossen sogar ein Bündnis mit ihnen. Jetzt haben wir die Regierung der Bankiers gestürzt.

Die Regierungen und die Bourgeoisie werden alles dransetzen, um sich zu vereinen und die Arbeiter – und Bauernrevolution in Blut zu ersticken. Aber drei Kriegsjahre haben die Massen genügend belehrt. Wir sehen eine Sowjetbewegung in anderen Ländern, wir sehen den Aufstand in der deutschen Flotte, der von den Schergen des Henkers Wilhelm niedergeworfen wurde. Und schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass wir nicht im tiefen Afrika leben, sondern in Europa, wo alles schnell bekannt wird.

Die Arbeiterbewegung wird die Oberhand gewinnen und dem Frieden und dem Sozialismus den Weg bahnen. (Lang anhaltender Beifall.)