1917

W. I. Lenin



Dokumente zur unmittelbaren Vorbereitung

des bewaffneten Aufstandes

im Oktober 1917

[ zum Teil nur Auszüge und mit - der Komintern (SH) vorgenommenen - Hervorhebungen ]



8. [ 21. ] Oktober 1917

Ratschläge eines Außenstehenden

zuerst veröffentlicht am 7. November 1920 in der „Prawda“ Nr. 250, Unterschrift: Ein Außenstehender

Lenin, Band 26, Seite 166 – 168

Dass die ganze Macht an die Sowjets übergehen muss, ist klar. Genauso unstrittig muss es für jeden Bolschewiki sein, dass einer revolutionären proletarischen (oder bolschewistischen – das ist jetzt ein und dasselbe) Macht die größten Sympathien und die rückhaltlose Unterstützung aller Werktätigen und Ausgebeuteten in der ganzen Welt überhaupt, namentlich in den kriegführenden Ländern, und insbesondere in der russischen Bauernschaft, sicher sind. Es verlohnt sich nicht, bei dieser allzu bekannten und längst bewiesenen Wahrheit zu verweilen.

Dagegen muss man bei dem verweilen, was wohl kaum allen Genossen ganz klar ist, dass nämlich der Übergang der Macht an die Sowjets jetzt in der Praxis den bewaffeneten Aufstand bedeutet. Man sollte meinen, das sei ganz augenfällig, aber nicht alle haben das begriffen und machen sich das klar. Jetzt auf den bewaffneten Aufstand verzichten, hieße auf die Hauptlosung des Bolschewismus (Alle Macht den Sowjets) und überhaupt auf den ganzen revolutionären proletarischen Internationalismus verzichten. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 166)

(Seite 167) Marx hat die Lehren aus allen Revolutionen, was den bewaffneten Aufstand betrifft, mit den Worten „Dantons, des größten bisher bekannten Meisters der revolutionären Taktik“, so zusammengefasst: „Kühnheit, Kühnheit, abermals Kühnheit !“

Auf Russland und auf den Oktober 1917 angewandt heißt das:[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ]

gleichzeitige, möglichst überraschende und schnelle Offensive auf Petrograd, unbedingt sowohl von außen wie von innen, sowohl aus den Arbeitervierteln wie aus Finnland, aus Reval und aus Kronstadt, Offensive der gesamten Flotte und Konzentrierung eines ungeheuren Kräfteübergewichts gegenüber unserer 15 000 – bis 20 000 köpfigen (vielleicht auch stärkeren) „Bürgerwehr“ (Offiziersschüler), unseren „Vendée-Truppen ( ein Teil der Kosaken) usw.

Unsere drei Hauptkräfte: die Flotte, die Arbeiter und die Truppenteile, sind so zu kombinieren, dass unbedingt besetzt und um den Preis noch so großer Verluste behauptet werden: a) das Telefonamt, b) das Telegrsfenamt, c) die Bahnhöfe und vor allem d) die Brücken. (Seite 167)

Aus den entschlossensten Elementen (unseren „Stoßtrupps“ und der Arbeiterjugend und ebenso den besten Matrosen) sind kleine Abteilungen zu bilden, die die wichtigsten Punkte besetzen und überall, bei allen wichtigen Operationen eingesetzt werden, wie zum Beispiel:

Petrograd umzingeln und abschneiden, es durch einen kombinierten Angriff der Flotte, der Arbeiter und der Truppen einnehmen – das ist eine Aufgabe, die Kunst und dreifach Kühnheit erfordert.

Aus den besten Arbeitern sind mit Gewehren und Handgranaten bewaffnete Abteilungen zu bilden, um die „Zentren“ des feindes (Offiziersschulen. Telegrafen -, Telefonamt und so weiter) anzugreifen und zu umzingeln, und die Losung dieser Abteilungen muss sein: Auch wenn wir alle zu Grunde gehen, der Feind kommt nicht durch.

Wir wollen hoffen, dass, wenn die Aktion beschlossen wird, die Führer mit Erfolg das große Vermächtnis von Danton und Marx befolgen werden.

Der Erfolg der russischen sowohl wie der Weltrevolution hängt von zwei, drei Tagen des Kampfes ab. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; Seite 168)





8. [ 21. ] Oktober 1917

Brief an die Genossen Bolschewiki, die am Kongress der Sowjets des Nordgebiets teilnehmen

zuerst veröffentlicht am 7. November 1925 in der „Prawda“ Nr. 255

Lenin, Band 26, Seite 169 – 175



Genossen ! Unsere Revolution macht eine im höchsten Grade kritische Zeit durch. Diese Krise fällt zusammen mit der großen Krise des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution und ihrer Bekämpfung durch den Weltimperialismus. Den verantwortlichen Führern unserer Partei fällt eine gigantische Aufgabe zu, und wenn sie diese nicht erfüllen, so droht der völlige Zusammenbruch der internationalistischen proletarischen Bewegung. In diesem Augenblick bedeutet eine Verzögerung wahrhaftig den Tod.

Werfen Sie einen Blick auf die internationale Lage. Das Heranreifen der Weltrevolution ist unbestreitbar. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] Der Ausbruch der Empörung der tschechischen Arbeiter wurde mit unglaublicher Brutalität niedergeschlagen, was davon zeugt, dass die Regierung äußerst erschreckt ist. Auch in Italien ist es zu einer Massenerhebung in Turin gekommen. Am wichtigsten aber ist der Aufstand in der deutschen Flotte. Man muss sich die unglaublichen Schwierigkeiten vor Augenhalten, die sich in einem Lande wie Deutschland einer Revolution entgegenstellen, zumal unter den jetzigen Verhältnissen. Es ist unzweifelhaft, dass der Aufstand in der deutschen Flotte ein Anzeichen der großen Krise des Heranreifens der Weltrevolution ist. Wenn unsere Chauvinisten, die die Niederlage Deutschlands predigen, von den Arbeitern Deutschlands den sofortigen Aufstand fordern, so wissen wir russischen revolutionären Internationalisten aus den Erfahrungen der Jahre 1905 – 1917, dass sich kein deutlicheres Symptom für das Heranreifen der Revolution denken lässt als ein Aufstand unter den Truppen. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ;

Man bedenke, wie wir jetzt vor den deutschen Revolutionären dastehen.

Sie können uns sagen:

Wir haben nur Liebknecht, der offen zur Revolution aufgerufen hat. Seine Stimme wird hinter Zuchthausmauern erstickt. Wir haben keine einzige Zeitung, die offen die Notwendigkeit einer Revolution klarmacht, wir haben keine Versammlungsfreiheit. Wir haben keinen einzigen Sowjet der Arbeiter – und Soldatendeputierten. Unsere Stimme dringt nur schwach bis zu den wirklich breiten Massen vor. Wir haben dennoch einen Aufstand versucht, obwohl unsere Chancen kaum eins zu neunundneunzig standen. Ihr russischen revolutionären Internationalisten aber habt ein halbes Jahr freier Agitation hinter euch, ihr habt etwa zwei Dutzend Zeitungen, ihr habt eine ganze Reihe von Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten, ihr habt in den Sowjets beider Hauptstädte gesiegt, auf eurer Seite stehen die ganze Baltische Flotte und alle russischen Truppen in Finnland, und ihr antwortet nicht auf unseren Ruf zum Aufstand, ihr stürzt euren imperialistischen Kerenski nicht, obwohl die Chancen für den siegreichen Ausgang eures Aufstandes neunundneunzig zu eins stehen.

Ja wir werden wrikliche Verräter an der Internationale sein, wenn wir in einem solchen Augenblick, unter so günstigen Umständen, einen solchen Ruf der deutschen Revolutionäre nur mit Resolutionen beantworten.

Nehmen Sie hinzu, dass uns allen das rasche Fortschreiten der Verständigung und der Verschwörung der internationalen Imperialisten gegen die russische Revolution sehr wohl bekannt ist. Die Revolution um jeden Preis abzuwürgen, sie abzuwürgen sowohl durch militärische Maßnahmen wie durch einen Frieden auf Kosten Russlands – das ist das Ziel, dem sich der internationale Imperialismus immer mehr nähert. Das ist es, was die Krise der sozialistischen Weltrevolution besonders verschärft, das ist es, was eine Verzögerung des Aufstands besonders gefährlich – ich möchte fast sagen: zu einem Verbrechen unsererseits – macht. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 169 - 170)

Anscheinend haben viele führende Funktionäre unserer Partei die besondere Bedeutung jener Losung nicht erkannt, die wir alle anerkannt und endlos wiederholt haben. Das ist die Losung: Alle Macht den Sowjets. Es hat Perioden, es hat Augenblicke in dem halben Jahr der Revolution gegebenm wo diese Losung nicht den Aufstand bedeutete. Vielleicht haben diese Perioden und diese Augenblicke einen Teil der Genossen geblendet und sie vergessen lassen, dass diese Losung jetzt auch für uns, zum Mindesten seit Mitte September, gleichbedeutend ist mit dem Aufruf zum Aufstand .

Diese Losung „Alle Macht den Sowjets“ ist nichts Anderes als die Aufforderung zum Aufstand. Und die Schuld wird in vollem Umfang und unbedingt uns treffen, wenn wir, die wir monatelang die Massen zum Aufstand, zur Abkehr von der Politik des paktierens aufriefen, diese Massen angesichts des drohenden Zusammenbruchs der Revolution nicht in den Aufstand führen. Nachdem diese Massen uns das Vertrauen ausgesprochen haben. (Seite 172)

Kerenski und die Kornilowleute werden Petrograd den Deutschen ausliefern. Eben um Petrograd zu retten, muss Kerenski gestürzt werden, müssen die Sowjets der beiden Hauptstädte die Macht ergreifen, und diese Sowjets werden sofort allen Völkern den Frieden anbieten und damit ihre Pflicht gegenüber den deutschen Revolutionären erfüllen und einen entscheidenden Schritt tun zur Vereitelung der verbrecherischen Verschwörungen gegen die russische Revolution, der Verschwörungen des internationalen Imperialismus.

Nur die sofortige Aktion der Baltischen Flotte, der Truppen aus Finnland, Revals und Kronstadts gegen die Kornilowtruppen bei Petrograd kann die russische Revolution und die Weltrevolution retten. Bei einer solchen Aktion stehen die Chancen neunundneunzig zu eins, dass sie in wenigen Tagen zur Kapitulation eines Teils der Kosakentruppen, zur gänzlichen Zerschlagung des anderen Teils und zum Sturze Kerenskis führen wird, denn die Arbeiter und Soldaten beider Hauptstädte werden eine solche Aktion unterstützen.

Verzögerung bedeutet Tod.





10. [ 23. ] Oktober 1917

Sitzung des Zentralkomitees der SDAPR

zuerst veröffentlicht 1922 am 7. November 1925 in der „Proletarskaja Rewoluzija“ Nr. 10

Lenin, Band 26, Seite 178

(2) Resolution (vollständig zitiert)

Das Zentralkomitee stellt fest, dass sowohl die internationale Lage der russischen Revolution (der Aufstand in der deutschen Flotte als höchster Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa, ferner die Gefahr eines Friedens der Imperialisten mit dem Ziel, die Revolution in Russland zu erdrosseln) als auch die militärische Lage (der nicht zu bezweifelnde Entschluss der russischen Bourgeoisie sowie Kerenski und Co , Petrograd den Deutschen auszuliefern) und die Eroberung der Mehrheit in den Sowjets durch die proletarische Partei – dass all dies im Zusammenhang mit dem Bauernaufstand und mit der Tatsache, dass sich das Vertrauen des Volkes unserer Partei zugewandt hat (die Wahlen in Moskau), und endlich die offenkundige Vorbereitung eines zweiten Kornilowputsches (Abtransport der Truppen aus Petrograd, Zusammenziehung von Kosaken bei Petrograd, Umzingelung von Miinsk durch Kosaken usw.) - dass all dies den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung setzt.

Das Zentralkomitee stellt somit fest, dass der bewaffnete Aufstand unumgänglich und völlig herangereift ist, und fordert alle Parteiorganisationen auf, sich hiervon leiten zu lassen und von diesem Gesichtspunkt aus alle praktischen Fragen zu behandeln und zu entscheiden (Sowjetkongress des Nordgebiets, Abtransport von Truppen aus Petrograd, die Aktionen der Moskauer und der Minsker usw.).[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ]







16. [ 29. ] Oktober 1917

Sitzung des Zentralkomitees der SDAPR

zuerst veröffentlicht 1927 in der „Proletarskaja Rewoluzija“ Nr. 10

Lenin, Band 26, Seite 179 - 181

Von den Stimmungen der Massen auszugehen ist unmöglich, denn diese Stimmungen sind veränderlich und unberechenbar; wir müssen ausgehen von der objektiven Analyse und Einschätzung der Revolution. Die Massen haben den Bolschewiki ihr Vertrauen geschenkt und fordern von ihnen nicht Worte, sondern Taten, eine entschiedene Politik sowohl im Kampfe gegen den Krieg wie im Kampfe gegen die wirtschaftliche Zerrüttung. Nimmt man die politische Analyse der Revolution zum Ausgangspunkt, so wird vollkommen klar, dass heute sogar die anarchischen Aktionen das bestätigen.

Weiter analysiert Lenin die Lage in Europa und weist nach, dass dort die Revolution noch schwieriger ist als bei uns. Wenn es in einem Lande wie Deutschland zu einem Aufstand in der Flotte kam, so beweist das, dass auch dort die Dinge schon sehr weit gediehen sind. Die internationale Lage liefert uns eine Reihe von objektiven Anhaltspunkten dafür, dass wir, wenn wir jetzt handeln, das ganze proletarische Europa auf unserer Seite haben werden ; Lenin weist nach, dass die Bourgeoisie Petrograd preisgeben will. Die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, ist, Petrograd selbst zu nehmen. Aus all dem ergibt sich klar, dass auf der Tagesordnung der bewaffnete Aufstand steht, von dem in der Resolution des ZK die Rede ist.

Aus der politischen Analyse des Klassenkampfes in Russland wie in Europa ergibt sich die Notwendigkeit der entschlossensten und aktivsten Politik, die nur im bewaffneten Aufstand bestehen kann. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 179 – 180)











17. [ 30. ] Oktober 1917

Brief an die Genossen

veröffentlicht am 1., 2. und 3. November (19., 20. und 21. Oktober) 1917 in „Rabotschi Put“ Nr. 40. 41 und 42

Lenin, Band 26, Seite 182 - 201

Genossen ! Die Zeit, in der wir leben, ist so kritisch, die Ereignisse folgen so unglaublich schnell aufeinander, dass der Publizist, der durch den Willen des Schicksals etwas abseits vom großen Strom der Geschichte zu stehen gezwungen ist, Gefahr läuft, ständig zu spät zu kommen oder sich als uninformiert zu erweisen, besonders wenn seine Schreiben mit Verspätung das Licht der Welt erblicken. Obwohl ich das sehr wohl weiß, bin ich doch gezwungen, diesen Brief an die Bolschewiki zu richten, selbst auf die Gefahr hin, dass er überhaupt nicht veröffentlicht wird, denn die Schwankungen, gegen die mit aller Entschlossenheit mich zu wenden ich für meine Pflicht halte, sind unerhört und können verheerende Folgen für die Partei, für die Bewegung des internationalen Proletariats, für die Revolution haben. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ;

Es gelang mir erst am Montag, dem 16. Oktober, morgens, einen Genossen zu treffen, der tags zuvor an einer sehr wichtigen bolschewistischen Versammlung in Petrograd teilgenommen hatte und mich ausführlich über die Diskussion informierte. (Seite 182)

In der internationalen Lage gibt es eigentlich nichts, was uns verpflichten würde, unverzüglich zu handeln, wir würden der Sache der sozialistischen Revolution in Westeuropa eher schaden, wenn wir uns erschießen ließen ...“

Dieses Argument ist wahrlich großartig: Scheidemann „selbst“, Renaudel „selbst“ hätten nicht geschickter mit den Sympathien der Arbeiter für den Erfolg der internationalen sozialistischen Revolution operieren“ können [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ; (Seite 191)

Man bedenke nur: Die Deutschen haben, unter verteufelt schwierigen Verhältnissen, mit nur einem Liebknecht (der dazu noch im Zuchthaus sitzt), ohne Zeitungen, ohne Versammlungsfreiheit, ohne Sowjets, angesichts einer ungeheuren Feindseligkeit aller Bevölkerungsklassen bis zum letzten begüterten Bauern gegen die Ideen des Internationalismus, angesichts der ausgezeichneten Organisation der imperialistischen Groß -, Mittel – und Kleinbourgeoisie, die Deutschen, d.h. die deutschen revolutionären Internationalisten, die Arbeiter in Matrosenkittel, haben einen Aufstand der Flotte begonnen – bei einer Chance von vielleicht eins zu hundert.

Wir aber, die wir Dutzende von Zeitungen, die wir Versammlungsfreiheit haben, über die Mehrheit in den Sowjets verfügen, wir, die wir im Vergleich zu den proletarischen Internationalisten in der ganzen Welt die besten Bedingungen haben, wir werden darauf verzichten, die deutschen Revolutionäre durch unseren Aufstand zu unterstützen. Wir werden argumentieren wie die Scheidemänner und die Renaudel: Das Vernünftigste ist, keinen Aufstand zu machen, denn wenn man uns niederknallt, so verliert die Welt in uns so prächtige, so vernünftige, so ideale Internationalisten !

Beweisen wir, dass wir vernünftig sind. Nehmen wir eine Sympathieresolution für die deutschen Aufständischen an und lehnen wir den Aufstand in Russland ab. Das wird dann ein echter, vernünftiger Internationalismus sein. Und wie schnell wird der Internationalismus in der ganzen Welt aufblühen, wenn überall eine so weise Politik obsiegen wird ! …

Der Krieg hat die Arbeiter aller Länder bis aufs Blut gemartert. Die Empörungen mehren sich, in Italien, in Deutschland, in Österreich. Wir allein haben die Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten, aber wir werden abwarten , werden die deutschen Internationalisten ebenso verraten, wie wir die russischen Bauern verraten, die uns nicht mit Worten, sondern mit Taten, mit ihrem Aufstand gegen die Gutsbesitzer, zum Aufstand gegen die Kerenski-Regierung auffordern …. (Seite 191 – 192)





Eine marxistische Partei kann andererseits die Frage des Aufstands nicht auf eine militärische Verschwörung reduzieren ...“

Der Marxismus ist eine außerordentlich tiefe und vielseitige Lehre. Kein Wunder darum, dass Bruchstücke von Marx-Zitaten - besonders wenn sie an unpassender Stelle angeführt werden – stets unter den „Argumenten“ derer anzutreffen sind, die mit dem Marxismus brechen. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) (Seite 200)

Eine militärische Verschwörung ist Blanquismus,

wenn sie nicht von der Partei einer bestimmten Klasse organisiert wird,

wenn ihre Urheber das politische Moment im Allgemeinen und das internationale im Besonderen nicht berücksicht haben,

wenn diese Partei nicht die durch objektive Tatsachen beiwesene Sympathie der mehrheit des Volkes genießt,

wenn die Entwicklung der revolutionären Ereignisse nicht zur praktischen Widerlegung der kompromisslerischen Illusionen des Kleinbürgertums geführt hat,

wenn die Mehrheit der als „bevollmächtigt“ anerkannten oder sonstwie wirksam gewordenen Organe des revolutionären Kampfes in der Art der „Sowjets“ nicht erobert ist,

wenn in der Armee (in Kriegszeiten) nicht eine völlig ausgereifte Stimmung gegen die Regierung vorhanden ist, die den ungerechten Krieg entgegen den Willen des Volkes in die Länge zieht,

wenn die Losung des Aufstands (wie „Alle Macht den Sowjets“ , „Das Land den Bauern“, „Sofortiges Angebot eines demokratischen Friedens an alle kriegführenden Völker, zugleich unverzügliche Aufhebung der Geheimverträge und Abschaffung der Geheimdiplomatie“ usw.) nicht die größte Verbreitung gefunden und größte Popularität gewonnen haben,

wenn die fortgeschrittenen Arbeiter nicht von der verzweifelten Lage der Massen überzeugt und nicht der Unterstützung der Landbevölkerung sicher sind, einer Unterstützung, die zum Ausdruck kommt in einer ernsthaften Bauernbewegung oder in Erhebungen gegen die Gutsbesitzer und die diese schützende Regierung,

wenn die wirtschaftliche Lage des Landes die begründete Hoffnung auf eine glückliche Überwindung der Krise durch friedliche und parlamentarische Mittel bietet.

Das genügt wohl. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ; (Seite 200)















18. [ 31. ] Oktober 1917

Brief an die Genossen

veröffentlicht am 1. November 1927 in „Prawda“ Nr. 250

Lenin, Band 26, Seite 204 - 207

Als man mir telefonisch den vollständigen Text der Erklärung Kamenews und Sinowjews übermittelte, die in dem außerparteilichen Blatt „Nowaja Shisn“ veröffentlicht wurde, sträubte ich mich, es zu glauben. Zweifel sind jedoch unmöglich, und ich bin gezwungen, die Gelegenheit wahrzunehmen, diesen Brief den Parteimitgliedern bis Donnerstag abend oder Freitag früh zukommen zu lassen, denn es wäre ein Verbrechen, angesichts der Tatsache eines so unerhörten Streikbrechertums zu schweigen. (Seite 204)

In der allerwichtigsten Kampffrage greifen am Vorabend des kritischen Tages, des 20. Oktober, zwei „prominente Bolschewiki“ einen unveröffentlichten Beschluss der Partteizentrale in einem außerparteilichen Presseorgan an, und noch dazu in einer Zeitung, die in dieser Frage Hand in Hand mit der Bourgeoisie gegen die Arbeiterpartei geht !

Das ist ja tausendmal niederträchtiger und millionenmal schädlicher als alle Äußerungen z.B., sogar Plechanows in der außerparteilichen Presse in den Jahren 1906/1907, die von der Partei so scharf verurteilt wurden. Damals handelte es sich schließlich nur um die Wahlen, während es jetzt um den Aufstand der Eroberung der Macht geht !

Ich sage ganz offen, dass ich beide nicht mehr als Genossen betrachte und mit aller Kraft sowohl im ZK als auch auf dem Parteitag für den Ausschluss der Beiden aus der Partei kämpfen werden. (Seite 205)

Ohne Zweifel ist praktisch ein sehr großer Schaden angerichtet worden. Um die Sache wiedergutzumachen, muss vor allem die Einheit der bolschewistischen Front durch Ausschluss der Streikbrecher wiederhergestellt werden. (Seite 206)

Eine schwere Zeit. Eine schwere Aufgabe. Ein schwerer Verrat..

Schließen wir die Reihen enger – das Proletariat muss siegen !





19. [ 1. November] Oktober 1917

Brief an das Zentralkomitee der SDAPR

veröffentlicht am 1. November 1927 in „Prawda“ Nr. 250

Lenin, Band 26, Seite 211 - 215

Werte Genossen ! Eine Partei, die sich selber achtet, kann keinen Streikbruch und keine Streibbrecher in ihrer Mitte dulden ! (Seite 211)

Wer vor der Beschlussfassung einen ganzen Monat lang seine Ansicht vor der Partei verbirgt und nach der Beschlussfassung seine besondere Meinung verschickt, ist ein Streikbrecher. (Seite 212)

Sinowjew hat die Frechheit, es jetzt uns in die Schuhe zu schieben, „den Feind gewarnt“ zu haben. Wo ist da die grenze der Schamlosigkeit ? Wer hat denn in Wirklichkeit die Sache verdorben, wer hat den Streik dadurch hintertrieben, dass der „Feind gewarnt“ wurde, wenn nicht die Leute, die in der außerparteilichen Presse aufgetreten sind ? In einer Zeitung, die in dieser Frage mit der ganzen Bourgeoisie zusammengeht, gegen einen „entscheidenden“ Beschluss der Partei auftreten !

Wenn das geduldet wird, dann ist die Partei unmöglich, dann ist die Partei zerschlagen .

Wir können die verlogene Denunziation Sinowjews und Kamenews nicht widerlegen, ohne der Sache noch mehr zu Schaden . Darin besteht ja eben die maßlose Niedertracht, der tatsächliche Verrat dieser beiden Personen, dass sie den Plan der Streikenden an die Kapitalisten verraten haben, denn da wir in der Presse schweigen, errät jeder, wie die Sache steht. (Seite 213).

Zum Verräter kann nur ein Mensch aus den eigenen Reihen werden. Je „prominenter“ die Streikbrecher, desto unerlesslicher ist es, sie sofort mit dem Ausschluss zu bestrafen. Nur so kann eine Gesundung der Arbeiterpartei erreicht werden, nur so kann man sich von dem Dutzend charakterlosen Intelligenzlern befreien, kann man, die Reihen der Revolutionäre fester schließen, den großen und größten Schwierigkeiten die Stirn bieten und mit den revolutionären Arbeitern marschieren. (Seite 214)

Der Vorstand einer Gewerkschaft hat nach monatelangen Debatten beschlossen: Der Streik ist unvermeidlich und reif, den Zeitpunkt wollen wir vor den Unternehmern geheimhalten. Danach wenden sich zwei Mitglieder des Vorstandes an die unteren Organisationen, um diesen Beschluss anzufechten, und erleiden eine Schlappe. Dann treten die Beiden vor den Augen der Kapitalisten in der Presse auf und verraten durch eine verlogene Denunziation den Beschluss des Vorstandes, vereiteln dadurch den Streik zur guten Hälfte oder verzögern ihn bis zu einem ungünstigeren Zeitpunkt und warnen den Feind. Das ist der vollendete Tatbestand des Streikbruchs. Darum fordere ich den Ausschluss der beiden Streikbrecher und behalte mir das Recht vor (in Hinblick auf ihre Drohung mit der Spaltung), alles zu veröffentlichen, sobald es veröffentlicht werden kann. (Seite 215)









24. Oktober [ 6. November] 1917

Brief an die Mitglieder des ZK

zuerst veröffentlicht 1924

[hier vollständig wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) ]

Lenin, Band 26, Seite 223 - 224

Genossen !

Ich schreibe diese Zeilen am 24. abends. Die Lage ist über alle Maßen kritisch. Es ist sonnenklar, dass jetzt eine Verzögerung des Aufstands schon wahrhaftig den Tod bedeutet.

Unter Aufbieten aller Kräfte bemühe ich mich, die Genossen zu überzeugen, dass jetzt alles an einem Haar hängt, dass auc der Tagesordnung Fragen stehen, die nicht durch Konferenzen, nicht durch Kongresse (selbst nicht durch den Sowjetkongress) entschieden werden, sondern ausschließlich durch die Völker, durch die Masse, durch den Kampf der bewaffneten Massen.

Der Ansturm der Bourgeoisie, der Kornilowleute, die Entfernung Werchowskis zeigt, dass nicht gewartet werden darf. Man muss um jeden Preis heute abdend, heute nacht die Regierung verhaften, nachdem man die Offiziersschüler entwaffnet hat ( sie besiegt hat, wenn sie Widerstand leisten) usw.

Man darf nicht warten !! Man kann alles verlieren !!

Die Bedeutung der sofortigen Machtübernahme: Schutz des Volkes (nicht des Kongresses, sondern des Volkes, in erster Linie der Armee und der Bauern) vor der Kornilowschen Regierung, die Werchowski verjagt und eine zweite Kornilowsche Verschwörung eingefädelt hat.

Wer soll die Macht übernehmen?

Das ist jetzt nicht wichtig: Mag sie das Revolutionäre Militärkomitee übernehmen „oder eine andere Körperschaft“, due erklärt, dass sie die Macht nur den wahren Vertretern der Interessen des Volkes, der Interessen der Armee (sofortiges Friedensangebot), der Interessen der Bauern (vom Boden muss sofort Besitz ergriffen, das Privateigentum aufgehoben werden), der Interessen der Hungernden übergeben wird.

Es ist notwendig, dass alle Bezirke, alle Regimenter, alle Kräfte sofort mobilisiert werden und unverzüglich zum Revolutionären Militärkomitee, zum ZK der Bolschewiki Delegationen entsenden mit der dringenden Forderung: Auf keinen Fall darf die Macht bis zum 25. in den Händen Kerenskis und Co belassen werden, unter keinen Umständen; die Sache ist unbedingt heute abend oder heute nacht zu entscheiden.

Eine Verzögerung wird die Geschichte den Revolutionären nicht verzeihen, die heute siegen können (und heute bestimmt siegen werden), während sie morgen Gefahr laufen, vieles, ja alles zu verlieren.

Wenn wir heute die Macht ergreifen, so ergreifen wir sie nicht gegen die Sowjets, sondern für sie.

Die Machtergreifung ist Sache des Aufstands; ihr politisches Ziel wird nach der Machtergreifung klar werden.

Es wäre verderblich oder ein rein formales Herangehen, wollten wir die unsichere Abstimmung am 25. Oktober abwarten, das Volk hat das Recht und die Pflicht, solche Fragen nicht durch Abstimmungen, sondern durch Gewalt zu entscheiden; das Volk hat das Recht und die Pflicht, in kritischen Augenblicken der Revolution seinen Vertretern, selbst seinen besten Vertretern, die Richtung zu weisen und nicht auf sie zu warten.

Das hat die Geschichte aller Revolutionen bewiesen, und maßlos wäre das Verbrechen der Revolutionäre, wenn sie den Augenblick vürübergehen ließen, obwohl sie wissen, dass die Rettung der Revolution , das Friedensangebot, die Rettung Petrograds, die Rettung vor dem Hunger, die Übergabe des Grund und Boden an die Bauern von ihnen abhängen.

Die Regierung wankt. Man muss ihr den Rest geben , koste es, was es wolle !

Eine Verzögerung der Aktion bedeutet den Tod. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)









25. Oktober [ 7. November] 1917, 10 Uhr morgens

An die Bürger Russlands !

Rabotschi i Soldat“, Nr. 8, 25. Oktober (7. November) 1917.

Lenin, Band 26, Seite 227

Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in die Hände des Organs der Petrograder Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten, des Revolutionären Militärkomitees, übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und der Petrograder Garnison steht.

Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer am Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung – sie ist gesichert.

Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern !

Das Revolutionäre Militärkomitee beim Petrograder Sowjet der Arbeiter – und Soldatendeputierten







25. Oktober [ 7. November] 1917

Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten

kurzer Zeitungsbericht: „Iswestija ZJK“, Nr. 207, 26. Oktober 1917.

Lenin, Band 26, Seite 228 - 231

(1) Rede über die Aufgaben der Sowjetmacht

Genossen ! Die Arbeiter – und Bauernrevolution, von deren Notwendigkeit die Bolschewiki immer gesprochen haben, ist vollbracht.

Welche Bedeutung hat diese Arbeiter – und Bauernrevolution ? Vor allem besteht die Bedeutung dieser Umwälzung darin, dass wir eine Sowjetregierung, unser eigenes Machtorgan haben werden, ohne jegliche Teilnahme der Bourgeoisie. Die unterdrückten Massen werden selbst die Staatsmacht schaffen. Der alte Staatsapparat wird von Grund aus zerschlagen und ein neuer Verwaltungsapparat in Gestalt der Sowjetorganisationen geschaffen werden.

Von nun an tritt Russland in eine neue Epoche seiner Geschichte ein, und diese dritte russische Revolution muss in ihrem Endergebnis zum Sieg des Sozialismus führen.

Eine unserer nächsten Aufgaben besteht darin, sofot den Krieg zu beenden. Um aber diesen Krieg zu beenden, der mit der gegenwärtigen kapitalistischen Ordnung eng verknüpft ist, muss man – das ist allen klar – das Kapital selbst niederringen.

Dabei wird uns die internationale Bewegung der Arbeiter helfen, die sich nbereits in Italien, England und Deutschland zu entfalten beginnt.

Der gerechte, sofortige Frieden, den wir der internationalen Demokratie anbieten, wird überall unter den Massen des internationalen Proletariats leidenschaftlich Widerhall finden. Um dieses Vertrauen des Proletariats zu festigen, müssen sofort alle Geheimverträge veröffentlicht werden.

Innerhalb Russlands hat ein gewaltiger Teil der Bauernschaft erklärt: Genug des Spiels mit den Kapitalisten, wir gehen mit den Arbeitern. Wir werden das Vertrauen der bauern durch ein einziges Dekret erwerben, dass das Eigentum der Gutsbesitzer aufhebt. Die Bauern werden verstehen, dass die Rettung für die Bauernschaft nur im Bündnis mit den Arbeitern liegt. Wir werden eine wirkliche Arbeiterkontrolle über die Produktion einführen.

Wir haben jetzt gelernt, einmütig zusammenzuarbeiten. Davon zeugt die soeben vollbrachte Revolution. Wir haben jene Kraft der Massenorganisation, die alles besiegen und das Proletariat zur Weltrevolution führen wird.

In Russland müssen wir jetzt den Aufbau des proletarischen sozialistischen Staates in Angriff nehmen.

Es lebe die sozialistische Weltrevolution ! (Stürmischer Beifall.)



      1. Resolution

Der Petrograder Sowjet der Arbeiter – und Soldatendeputierten begrüßt die siegreiche Revolution des Proletariats und der Garnison Petrograds. Der Sowjet hebt insbesondere die Geschlossenheit, Organisiertheit und Disziplin, die völlige Einmütigkeit hervor, die die Massen bei diesem außergewöhnlich unblutigen und außergewöhnlich erfolgreichen Aufstand an den Tag gelegt hat.

Der Sowjet bring seine unerschütterliche Überzeugung zum Ausdruck, dass die Arbeiter – und Bauernregierung, die die Revolution als Sowjetregierung schaffen wird und die dem städtischen Proletariat die Unterstützung der ganzen Masse der armen Bauernschaft sichert, dass diese Regierung unbeirrt zum Sozialismus schreiten wird, dem einzigen Mittel, das Land von den unsagbaren Leiden und Schrecken des Krieges zu erlösen.

Die neue Arbeiter – und Bauernregierung wird sofort allen kriegführenden Völkern einen gerechten demokratischen Frieden anbieten.

Sie wird sofort das Eigentum der Gutsbesitzer am Grund und Boden aufheben und den Boden der bauernschaft übergeben. Sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion und Verteilung der Produkte sowie die allgemeine Kontrolle des Volkes über die Banken einführen und diese gleichzeitig in ein einziges Staatsunternehmen umwandeln.

Der Petrograder Sowjet der Arbeiter – und Soldatendeputierten fordert alle Arbeiter und die gesamte Bauernschaft auf, die Arbeiter – und Bauernrevolution mit aller Energie und Hingabe zu unterstützen. Der Sowjet bringt seine Überzeugung zum Ausdruck, dass die städtischen Arbeiter im Bündnis mit der armen Bauernschaft eine unbeugsame kamaradschaftliche Disziplin an den Tag legen und die straffste revolutionäre Ordnung schaffen werden, die für den Sieg des Sozialismus notwendig ist.

Der Sowjet ist überzeugt, dass das Proletariat der westeuropäischen Länder uns helfen wird, die Sache des Sozialismus zum vollen und dauernden Siege zu führen.