1917

W. I. Lenin



Zu den Losungen

Mitte Juli 1917



1917 als Broschüre vom Kronstädter Komitee der SDAPR (B) herausgegeben.

Lenin, Band 25, Seite 181 – 189









Es ist all zu oft vorgekommen, dass bei einer schroffen Wende der Geschichte selbst fortgeschrittene Parteien sich in der neuen Lage mehr oder weniger lange Zeit nicht zurecht finden können und Losungen wiederholen, die gestern richtig waren, heute aber jeden Sinn verloren haben, wir die schroffe Wende der Geschichte „plötzlich“ eingetreten ist.

Derartiges kann sich offenbar auch mit der Losung wiederholen, die den Übergang der gesamten Staatsmacht an die Sowjets fordert. Diese Losung war richtig während der unwiderruflich vergangenen Periode unserer Revolution, sagen wir vom 27. Februar bis zum 4.Juli. Diese Losung hat ganz offensichtlich jetzt aufgehört, richtig zu sein. Hat man das nicht begriffen, so kann man auch die brennenden Fragen der Gegenwart nicht begreifen. Jede einzelne Losung muss aus der Gesamtheit der Besonderheiten einer bestimmten politischen Lage abgeleitet werden. Die politische Lage in Russland unterscheidet sich aber jetzt, nach dem 4. Juli grundlegend von der Lage in der Zeit vom 27. Februar bis zum 4. Juli.

Damals, in dieser vergangenen Periode der Revolution, bestand im Staate die so genannte „Doppelherrschaft“, die materiell wie formal den unbestimmten Übergangszustand der Staatsmacht zum Ausdruck brachte. Vergessen wir nicht, dass die Frage der Macht die Grundfrage jeder Revolution ist.

Damals befand sich die Staatsmacht in einem labilen Zustand. Auf Grund eines freiwilligen gegenseitigen Übereinkommens teilten sich die Provisorische Regierung und die Sowjets in die Staatsmacht. Die Sowjets waren Delegationen der Masse der freien, d.h., keiner Gewalt von außen unterworfenen, bewaffneten Arbeiter und Soldaten.

Dass die Waffen in den Händen des Volkes waren, dass jede Gewalt von außen über das Volk fehlte, eben darin bestand das Wesen der Sache. Das war es, was der ganzen Revolution den friedlichen Weg der Vorwärtsentwicklung eröffnete und sicherte. Die Losung „Übergang der gesamten Macht an die Sowjets!“ war die Losung des nächsten Schrittes, des unmittelbar durchführbaren Schrittes auf diesem friedlichen Weg der Entwicklung. Das war die Losung der friedlichen Entwicklung der Revolution, wie sie vom 27. Februar bis zum 4. Juli möglich und natürlich sehr wünschenswert war, jetzt aber absolut unmöglich ist.

Allem Anschein nach haben nicht alle Anhänger der Losung „Übergang der gesamten Macht an die Sowjets!“ zur Genüge erfasst, dass das die Losung der friedlichen Vorwärtsentwicklung der Revolution war. Friedlich nicht nur in dem Sinne, dass sich niemand, keine Klasse, keine ernsthafte Kraft damals ( vom 27. Februar bis 4. Juli) dem Übergang der Macht an die Sowjets hätte widersetzen und ihn verhindern können. Das ist noch nicht alles. Die friedliche Entwicklung wäre damals möglich gewesen, sogar in der Beziehung, dass der Kampf der Klassen und Parteien innerhalb der Sowjets, wenn die ganze Fülle der Staatsmacht rechtzeitig an die Sowjets übergegangen wäre, sich möglichst friedlich und schmerzlos hätte abspielen können.

Diese letztere Seite der Sache wird ebenfalls noch nicht genügend beachtet. Die Sowjets waren, ihrer Klassenzusammensetzung nach, Organe der Bewegung der Arbeiter und Bauern, waren die fertige Form ihrer Diktatur. Hätten sie die ganze Fülle der Macht inne gehabt, so wäre der Hauptmangel der kleinbürgerlichen Schichten, ihr Hauptfehler, die Vertrauensseligkeit gegenüber den Kapitalisten, in der Praxis überwunden worden, wäre der Kritik der aus ihren eigenen Maßnahmen gewonnenen Erfahrungen unterzogen worden. Der Wechsel der an der Macht stehenden Klassen und Parteien hätte innerhalb der Sowjets, auf dem Boden ihrer Alleinherrschaft und Allgewalt, friedlich vor sich gehen können; die Verbindung aller Parteien der Sowjets mit den Massen hätte fest und unerschütterlich bleiben können. Man darf keinen Augenblick außer Acht lassen, dass nur diese enge, frei in die Breite und Tiefe wachsende Verbindung der Parteien der Sowjets mit den Massen dazu hätte verhelfen können, die Illusionen des kleinbürgerlichen Paktierens mit der Bourgeoisie friedlich zu überwinden. Der Übergang der Macht an die Sowjets hätte an und für sich das Verhältnis der Klassen nicht geändert und hätte es auch nicht ändern können, er hätte an dem kleinbürgerlichen Charakter der Bauernschaft nichts geändert. Doch mit dem Übergang wäre rechtzeitig ein bedeutender Schritt getan worden zur Loslösung der Bauern von der Bourgeoisie, zu ihrer Annäherung an die Arbeiter und dann auch zum Zusammenschluss mit ihnen.

So hätte es sein können, wenn die Macht rechtzeitig an die Sowjets übergegangen wäre. So wäre es für das Volk am leichtesten und vorteilhaftesten gewesen. Dieser Weg wäre der schmerzloseste gewesen, und darum musste man mit aller Energie für ihn kämpfen. Doch jetzt ist dieser Kampf, der Kampf für den rechtzeitigen Übergang der Macht an die Sowjets, zu Ende. Der friedliche Weg der Entwicklung ist unmöglich gemacht worden. Es beginnt ein nicht-friedlicher, äußerst schmerzvoller Weg.

Der Umschwung vom 4. Juli besteht eben darin, dass sich seitdem die objektive Lage schroff geändert hat. Der labile Zustand der Macht ist zu Ende, die Macht ist an der entscheidenden Stelle in die Hände der Konterrevolution übergegangen. Die Entwicklung der Parteien auf dem Boden des Paktierens der kleinbürgerlichen Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki mit den konterrevolutionären Kadetten hat dazu geführt, dass diese beiden kleinbürgerlichen Parteien faktisch zu Komplicen und Helfershelfern der konterrevolutionären Henker geworden sind. Die blinde Vertrauensseligkeit der Kleinbürger gegenüber den Kapitalisten hat die Kleinbürger im Verlauf der Entwicklung des Kampfes der Parteien dazu gebracht, die Konterrevolutionäre bewusst zu unterstützen. Der Zyklus der Entwicklung in den Beziehungen der Parteien zueinander ist vollendet. Am 27. Februar hatten sich alle Klassen gegen die Monarchie zusammengefunden. Nach dem 4. Juli hat sich die konterrevolutionäre Bourgeoisie, Hand in Hand mit den Monarchisten und Schwarzhundertern, die kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre und Menschewiki einverleibt, nachdem sie diese zum Teil eingeschüchtert hatte, und sie hat die wirkliche Staatsmacht in die Hände der Cavaignac gelegt, in die Hände einer Militärclique, die die Gehorsamsverweigerer an der Front erschießt und die Bolschewiki in Petrograd niederschlägt.

Die Losung, die den Übergang der Macht an die Sowjets fordert, würde sich jetzt wie eine Donquichotterie oder wie Hohn ausnehmen. Diese Losung hieße, objektiv gesehen, das Volk betrügen, ihm die Illusion eingeben, als ob auch jetzt die Sowjets die Machtübernahme bloß zu wünschen und zu beschließen bräuchten, um die Macht zu erhalten, als ob es im Sowjet noch Parteien gäbe, die sich nicht besudelt hätten durch Handlangerdienste für die Henker, als ob man das Geschehene ungeschehen machen könnte.

Es wäre der größte Irrtum zu glauben, das revolutionäre Proletariat könnte, so zu sagen um sich an den Sozialrevolutionären und Menschewiki für deren Mithilfe bei der Niederschlagung der Bolschewiki, bei den Erschießungen an der Front und bei der Entwaffnung der Arbeiter zu „rächen“, es „ablehnen“, sie gegen die Konterrevolution zu unterstützen. Die Frage so stellen würde erstens bedeuten, spießbürgerliche Moralbegriffe auf das Proletariat übertragen ( denn wenn es der Sache nützt , wird das Proletariat stets nicht nur das schwankende Kleinbürgertum, sondern auch die Großbourgeoisie unterstützen); zweitens wäre es, und das ist das Wichtigste, ein spießbürgerlicher Versuch, den politischen Kern der Sache durch „Moralisieren“ zu verschleiern.

Dieser Kern der Sache besteht darin, dass man jetzt die Macht schon nicht mehr auf friedlichem Wege übernehmen kann. Man kann die Macht erst erlangen, nachdem man die jetzigen wirklichen Machthaber, nämlich die Militärclique, die Cavaignac, die sich auf die nach Petrograd geholten reaktionären Truppen, auf die Kadetten und Monarchisten stützen, in entschlossenem Kampf besiegt hat.

Der Kern der Sache besteht darin, dass diese neuen Machthaber, die über die Staatsgewalt verfügen, nur von den revolutionären Volksmassen besiegt werden können, Voraussetzung für deren Bewegung ist aber nicht nur, dass sie vom Proletariat geführt werden, sondern auch, dass sie den Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Sache der Revolution verraten haben, den Rücken kehren.

Wer in die Politik eine spießbürgerliche Moral hineinträgt, der urteilt so: Zugegeben, die Sozialrevolutionäre und Menschewiki haben einen „Fehler“ begangen, als sie die Cavaignac unterstützten, die das Proletariat und die revolutionären Regimenter entwaffnen; aber man muss ihnen die Möglichkeit geben, den Fehler zu „berichtigen“, man darf ihnen die Berichtigung des „Fehlers“ „nicht erschweren“; man muss das Schwanken des Kleinbürgertums zur Seite der Arbeiter hin erleichtern. Eine derartige Überlegung wäre kindliche Naivität oder einfach Dummheit, wenn nicht gar ein neuer Betrug an den Arbeitern. Ein Schwanken der kleinbürgerlichen Massen zur Seite der Arbeiter hin bestände doch nur darin, eben gerade darin, dass diese Massen sich von den Sozialrevolutionären und Menschewiki abwendeten. Ihren „Fehler“ berichtigen könnten die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki jetzt nur, wenn sie Zereteli und Tschernow, Dan und Rakitnikow für Helfershelfer der Henker erklärten. Für eine solche „Berichtigung“ des „Fehlers“ sind wir voll und ganz …

Die Grundlage der Revolution ist die Frage der Macht, sagten wir. Man muss hinzufügen: Gerade die Revolutionen zeigen uns auf Schritt und Tritt, wie verschleiert wird, wer die wirkliche Macht hat, zeigen uns, wie die formale und die reale Macht auseinander gehen. Gerade darin besteht eine der wichtigsten Besonderheiten jeder revolutionären Periode. Im März und April 1917 wusste man nicht, ob sich die reale Macht in den Händen der Regierung oder in den Händen des Sowjets befindet.

Jetzt aber ist es besonders wichtig, dass die klassenbewussten Arbeiter die Grundfrage der Revolution nüchtern betrachten: In wessen Händen befindet sich gegenwärtig die Staatsmacht ? Man überlege, welches ihre materiellen Äußerungen sind, man nehme nicht Phrasen für Taten, und die Antwort wird nicht schwer fallen.

Der Staat, das sind vor allem Formationen bewaffneter Menschen mit sachlichen Anhängseln wie z.B., Gefängnissen – schrieb Friedrich Engels [ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, in: MEW, Band 21, Seite 166 ]. Jetzt sind das die Offiziersschüler und reaktionären Kosaken, die man eigens nach Petrograd gebracht hat; es sind jene, die Kamenew und andere hinter Schloss und Riegel halten, die die Zeitung „Prawda“ verboten haben, die die Arbeiter und einen ganz bestimmten Teil der Soldaten entwaffnet haben, die einen ebenso ganz bestimmten Teil der Soldaten erschießen, die einen ebenso ganz bestimmten Teil der Fronttruppen füsilieren. Eben diese Henker, sie sind die reale Macht. Die Zereteli und Tschernow sind Minister ohne Macht, Marionetten, Führer von Parteien, die die Henker unterstützen. Das ist eine Tatsache. Und an dieser Tatsache wird dadurch nichts geändert, dass Zereteli wie auch Tschernow persönlich das Henkertum sicherlich „nicht billigen“, dass ihre Zeitungen sich zaghaft dagegen verwahren. Eine solche Modifizierung der politischen Aufmachung ändert nichts am Wesen der Sache.

Verbot der Zeitung von 150 000 Petrograder Wählern, die Ermordung des Arbeiters Woinow durch Offiziersschüler (am 6.Juli), weil er den „Listok 'Prawdy' aus der Druckerei hinaus getragen hatte – ist das etwa kein Henkertum ? - ist das etwa nicht das Werk von Cavaignacs ? Weder die Regierung noch die Sowjets seien „schuld“ daran, wird man uns sagen.

Um so schlimmer für die Regierung und die Sowjets, antworten wir, denn dann sind sie also Nullen, sind sie Marionetten, dann haben nicht sie die reale Macht.

Das Volk muss vor allem und in erster Linie die Wahrheit kennen, es muss wissen, in wessen Händen sich die Staatsmacht befindet. Man muss dem Volke die ganze Wahrheit sagen: Die Macht ist in den Händen einer Militärclique von Cavaignacs (Kerenski, gewisse Generäle, Offiziere usw.) , die unterstützt werden von der Bourgeoisie als Klasse – an ihrer Spitze die Kadettenpartei -, von allen Monarchisten, die durch die gesamte Schwarzhunderter-Presse, durch das Nowoje Wremja“, das „Shiwoje Slowo“ usw. usf. wirken.

Diese Macht muss gestürzt werden, sonst sind alle Worte vom Kampf gegen die Konterrevolution hohle Phrasen, „Selbstbetrug und Betrug am Volke“.

Diese Macht wird jetzt auch von den Ministern Zereteli und Tschernow sowie von deren Parteien unterstützt; das Volk muss aufgeklärt werden über deren Henkerrolle und über die Unausbleiblichkeit eines solchen „Finales“ dieser Parteien nach ihren „Fehlern“ vom 21. April, 5. Mai, 9. Juni und 4. Juli, nachdem sie die Politik der Offensive gebilligt hatten, eine Politik, die den Sieg der Cavaignac im Juli zu neun Zehnteln im Voraus entschieden hat.

Die ganze Agitation im Volke muss so umgestellt werden, dass sie der konkreten Erfahrung der jetzigen Revolution und besonders der Julitage Rechnung trägt, d.h., dass sie klar und deutlich die wirklichen Feinde des Volkes, die Militärclique, die Kadetten und die Schwarzhunderter anprangert, dass sie die kleinbürgerlichen Parteien, die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Rolle von Helfershelfern der Henker gespielt haben und noch spielen, rückhaltlos entlarvt.

Die ganze Agitation im Volke muss so umgestellt werden, dass den Bauern klar wird, wie völlig aussichtslos es ist, Land zu bekommen, solange die Macht der Militärclique nicht gestürzt ist, solange die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki nicht entlarvt sind und ihnen das Vertrauen des Volkes noch nicht entzogen ist. Das wäre unter den „normalen“ Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess, aber der Krieg und die wirtschaftliche Zerrüttung werden die Sache enorm beschleunigen. Das sind solche „Beschleuniger“, die einen Monat, ja selbst eine Woche einem Jahre gleichsetzen können.

Wahrscheinlich könnten gegen die obigen Ausführungen zwei Einwände erhoben werden: erstens, jetzt von entschiedenem Kampf sprechen hieße zersplitterte Aktionen fördern, die gerade der Konterrevolution helfen würden; zweitens, der Sturz der Konterrevolution bedeute dennoch den Übergang der Macht an die Sowjets.

Als Erwiderung auf den ersten Einwand sagen wir: Die Arbeiter Russlands sind bereits klassenbewusst genug, um nicht auf eine Provokation zu einem offensichtlich für sie ungünstigen Zeitpunkt hereinzufallen. Jetzt in Aktion treten und Widerstand leisten würde bedeuten, der Konterrevolution helfen, das ist unbestreitbar. Dass der Entscheidungskampf nur möglich ist bei einem neuen Aufschwung der Revolution, der breiteste Massen erfasst, ist ebenfalls unbestreitbar. Aber es genügt nicht, vom Aufschwung der Revolution, von ihrer Hochflut, von der Hilfe der westeuropäischen Arbeiter usw. schlechthin zu sprechen, es gilt, eben unsere Erfahrungen zu beherzigen. Tut man das, so ergibt sich gerade die Losung, die zum Entscheidungskampf gegen die Konterrevolution aufruft, die die Macht an sich gerissen hat.

Der zweite Einwand läuft gleichfalls auf ein Ersetzen konkreter Wahrheiten durch viel zu allgemeine Betrachtungen hinaus. Nichts, keine Kraft außer dem revolutionären Proletariat ist imstande, den Sturz der bürgerlichen Konterrevolution herbeizuführen. Eben das revolutionäre Proletariat muss, nach der Erfahrung vom Juli 1917, die Staatsmacht selbständig in seine Hand nehmen – anders ist der Sieg der Revolution nicht möglich . Die Macht in den Händen des Proletariats, das von der armen Bauernschaft oder den Halb-Proletariern unterstützt wird, dies ist der einzige Ausweg, und wir haben bereits beantwortet, welche Umstände die Entwicklung außerordentlich beschleunigen können.

Sowjets können und müssen in dieser neuen Revolution in Erscheinung treten, aber nicht die jetzigen Sowjets, nicht Organe des Paktierens mit der Bourgeoisie, sondern Organe des revolutionären Kampfes gegen die Bourgeoisie. Dass wir auch dann für den Aufbau des ganzen Staates nach dem Typ der Sowjets eintreten werden, das stimmt. Das ist nicht eine Frage der Sowjets schlechthin, sondern eine Frage des Kampfes gegen die gegenwärtige Konterrevolution und gegen den Verrat der gegenwärtigen Sowjets.

Das Ersetzen des Konkreten durch Abstraktes ist einer der Hauptfehler, einer der gefährlichsten Fehler in der Revolution. Die gegenwärtigen Sowjets haben versagt, haben vollkommen Schiffbruch erlitten, weil in ihnen die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki herrschen. Gegenwärtig gleichen diese Sowjets Hammeln, die, zur Schlachtbank geführt, unter dem Messer stehend, jämmerlich blöken. Heute sind die Sowjets ohnmächtig und hilflos gegenüber der siegreichen und ihren Sieg weiter ausbauenden Konterrevolution. Die Losung: Übergabe der Macht an die Sowjets, kann aufgefasst werden als „einfache“ Aufforderung, dass die Macht an die gegenwärtigen Sowjets übergehen soll, aber das sagen, dazu auffordern hieße jetzt das Volk betrügen. Nichts ist gefährlicher als Betrug.

Der Zyklus der Entwicklung des Kampfes der Klassen und Parteien in Russland vom 27. Februar bis zum 4. Juli ist vollendet. Es beginnt ein neuer Zyklus, in den nicht die alten Klassen, nicht die alten Parteien und nicht die alten Sowjets eintreten, sondern die im Feuer des Kampfes erneuerten, durch den Verlauf des Kampfes gestählten, geschulten und umgeformten. Man darf nicht rückwärts -, sondern muss vorwärts schauen. Man darf nicht mit den alten, sondern muss mit den neuen Klassen – und Parteikategorien der Zeit nach dem Juli operieren. Man muss beim Beginn des neuen Zyklus davon ausgehen, dass die bürgerliche Konterrevolution gesiegt hat, dass sie gesiegt hat, weil die Sozialrevolutionäre und Menschewiki mit ihr paktieren, und dass sie nur durch das revolutionäre Proletariat besiegt werden kann. In diesem neuen Zyklus wird es natürlich noch mannigfaltige Etappen geben sowohl bis zum endgültigen Sieg der Konterrevolution als auch bis zur endgültigen (kampflosen) Niederlage der Sozialrevolutionäre und Menschewiki und bis zum Aufschwung der neuen Revolution. Darüber wird man jedoch erst später sprechen können, wenn diese Etappen im Einzelnen festere Umrisse annehmen ...