1917

Wladimir I. Lenin





Briefe aus der Ferne

März - April 1917

Lenin, Werke, Band 23, Seite 309 – 357, Briefe 1 - 5



Zweiter Brief „aus der Ferne“, geschrieben am 22. März [ 9. ] März 1917







Erster Brief


Die erste Etappe der ersten Revolution

7. [20.] März 1917

Prawda“ Nr. 14 und 15, vom 21. und 22. März 1917

Lenin, Werke Band 23, Seite 311 - 322





Die erste vom imperialistischen Weltkrieg erzeugte Revolution ist ausgebrochen. Diese erste Revolution wird sicher nicht die letzte sein.

Die erste Etappe dieser ersten Revolution, nämlich der russischen Revolution vom 1. März 1917, ist, nach den in der Schweiz vorliegenden kargen Nachrichten zu urteilen, abgeschlossen. Diese erste Etappe ist sicher nicht die letzte Etappe unserer Revolution.

Wie konnte solch ein „Wunder“ geschehen, daß in einer Zeitspanne von nur acht Tagen – das ist die in dem prahlerischen Telegramm des Herrn Miljukow an alle Vertreter Rußlands im Ausland genannte Zeit – eine Monarchie zusammenbrach, die sich Jahrhunderte gehalten und sich in den Jahren 1905-1907, drei Jahren gewaltiger Klassenschlachten des gesamten Volkes, trotz alledem behauptet hatte?

Wunder gibt es weder in der Natur noch in der Geschichte, aber jede schroffe Wendung der Geschichte, darunter auch jede Revolution, offenbart einen solchen Reichtum an Inhalt, entfaltet so unerwartet eigenartige Kombinationen der Kampfformen und der Kräfteverhältnisse der Kämpfenden, daß dem spießbürgerlichen Verstand vieles als Wunder erscheinen muß.

Damit es möglich wurde, daß die Zarenmonarchie im Laufe von wenigen Tagen zusammenbrach, mußte eine ganze Reihe Umstände von weltgeschichtlicher Bedeutung zusammentreffen. Führen wir die wichtigsten von ihnen an.

Ohne die drei Jahre von 1905 bis 1907, drei Jahre gewaltigster Klassenschlachten und größter revolutionärer Energie des russischen Proletariats, wäre eine so rasche zweite Revolution, rasch in dem Sinne, daß sie ihre Anfangsetappe in wenigen Tagen durchlaufen hat, unmöglich gewesen. Die erste Revolution (1905) hat den Boden tief aufgewühlt, hat jahrhundertealte Vorurteile ausgerottet und Millionen Arbeiter und Dutzende Millionen von Bauern zum politischen Leben und zum politischen Kampf erweckt, sie hat alle Klassen (und alle wichtigen Parteien) der russischen Gesellschaft voreinander und vor der ganzen Welt in ihrer wahren Natur gezeigt, in dem wirklichen Wechselverhältnis ihrer Interessen, ihrer Kräfte, ihrer Aktionsmethoden, ihrer nächsten und weiteren Ziele.

Die erste Revolution und die darauffolgende Epoche der Konterrevolution (1907 bis 1914) hat das ganze Wesen der Zarenmonarchie bloßgelegt, hat sie an die „äußerste Grenze“ geführt, hat ihre ganze Fäulnis und Niedertracht enthüllt, den ganzen Zynismus und die ganze Verderbtheit der Zarenclique mit dem Ungeheuer Rasputin an der Spitze, alle Bestialitäten der Familie Romanow, dieser Pogrombanditen, die Rußlands Boden mit dem Blut der Juden, Arbeiter und Revolutionäre tränkten, die sich als Gutsbesitzer die „Ersten unter Gleichen“ nennen, die Millionen Desjatinen Land besitzen und zu jeder Bestialität, zu jedem Verbrechen fähig sind, die bereit sind, jede beliebige Anzahl Menschen zugrunde zu richten und umzubringen, um ihr „heiliges Eigentum“ und das ihrer Klasse zu erhalten.

Ohne die Revolution von 1905-1907, ohne die Konterrevolution von 1907-1914 wäre eine so genaue „Selbstbestimmung“ aller Klassen des russischen Volkes und der Rußland bewohnenden Völker, wäre eine Bestimmung der Beziehungen dieser Klassen zueinander und zur Zarenmonarchie, wie sie in den acht Tagen der Februar-März-Revolution 1917 erfolgt ist, unmöglich gewesen. Diese achttägige Revolution ging – wenn das Bild erlaubt ist – so „über die Bühne“, als hätten vorher ein Dutzend Proben und Generalproben stattgefunden; die „Akteure“ kannten einander, ihre Rollen, ihre Plätze, die Szenerie aufs genaueste, bis in die kleinsten Einzelheiten, kannten alle einigermaßen bedeutenden Schattierungen der politischen Richtungen und Aktionsmethoden.

Damit aber die erste, die große Revolution von 1905, die von den Herren Gutschkow und Miljukow und ihren Lakaien als „große Rebellion“ verurteilt wurde, zwölf Jahre später zu der „glänzenden“, „glorreichen“ Revolution von 1917 führen konnte, die die Gutschkow und Miljukow „glorreich“ nennen, weil sie ihnen (bis auf weiteres) die Macht gegeben hat – so war dazu ein großer, mächtiger und allgewaltiger „Regisseur“ notwendig, der imstande war, einerseits den Gang der Weltgeschichte ungeheuer zu beschleunigen und anderseits weltumfassende Krisen, wirtschaftliche, politische, nationale und internationale Krisen von ungeahnter Intensität hervorzurufen. Außer der ungewöhnlichen Beschleunigung des Ganges der Weltgeschichte waren besonders schroffe Wendungen in ihrem Verlauf notwendig, damit bei einer dieser Wendungen der Karren der blut- und schmutzbesudelten Romanowschen Monarchie so schlagartig umstürzen konnte.

Dieser allgewaltige „Regisseur“, dieser mächtige Beschleuniger war der imperialistische Weltkrieg.

Es steht jetzt schon außer Zweifel, daß es ein Weltkrieg ist, denn die Vereinigten Staaten und China sind heute schon halb in ihn hineingezogen und werden morgen ganz in ihn hineingezogen werden.

Es steht jetzt schon außer Zweifel, daß es von beiden Seiten ein imperialistischer Krieg ist. Nur die Kapitalisten und ihre Lakaien, die Sozialpatrioten und Sozialchauvinisten – oder, um nicht allgemeine kritische Begriffe, sondern in Rußland bekannte politische Namen zu verwenden, nur die Gutschkow und Lwow, Miljukow und Schingarjow einerseits, nur die Gwosdew, Potressow, Tschchenkeli, Kerenski und Tschcheïdse anderseits – können diese Tatsache leugnen oder vertuschen. Der Krieg wird sowohl von der deutschen als auch von der englisch-französischen Bourgeoisie geführt, um fremde Länder auszurauben, um die kleinen Völker zu versklaven, um die Finanzherrschaft über die Welt zu errichten, um die Kolonien zu teilen und neu aufzuteilen, um durch Betrug und Entzweiung der Arbeiter in den verschiedenen Ländern die untergehende kapitalistische Ordnung zu

Der imperialistische Krieg mußte mit objektiver Zwangsläufigkeit den Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie außerordentlich beschleunigen und unerhört zuspitzen, er mußte sich in den Bürgerkrieg zwischen den feindlichen Klassen verwandeln.

Diese Verwandlung hat begonnen mit der Februar-März-Revolution 1917, deren erste Etappe uns erstens den gemeinsamen Schlag vor Augen führte, den zwei Kräfte dem Zarismus versetzten: einerseits das gesamte bürgerliche und gutsherrliche Rußland mit allen seinen unbewußten Nachläufern und allen seinen bewußten Drahtziehern in Gestalt der englisch-französischen Botschafter und Kapitalisten und anderseits der Sowjet der Arbeiterdeputierten, der begonnen hat, die Soldaten- und Bauerndeputierten an sich heranzuziehen.

Diese drei politischen Lager, drei politischen Hauptkräfte:

1. die Zarenmonarchie, das Haupt der fronherrlichen Gutsbesitzer, das Haupt der alten Beamtenschaft und der Generalität; 2. das bürgerliche und gutsherrlich-oktobristisch-kadettische Rußland, hinter dem die Kleinbourgeoisie einhertrottete (ihre Hauptvertreter sind Kerenski und Tschcheïdse); 3. der Sowjet der Arbeiterdeputierten, der sich im gesamten Proletariat und in der gesamten Masse der ärmsten Bevölkerung Verbündete sucht – diese drei politischen Hauptkräfte traten sogar in den acht Tagen der „ersten Etappe“ mit aller Deutlichkeit zutage, erkennbar selbst für einen vorn Schauplatz der Ereignisse so weit entfernten Beobachter, der sich mit den kärglichen Telegrammen der ausländischen Zeitungen begnügen muß, wie der Schreiber dieser Zeilen.

Doch bevor ich hierauf ausführlicher eingehe, muß ich zu jenem Teil meines Briefes zurückkehren, der einem Faktor von höchster Wichtigkeit – dem imperialistischen Weltkrieg – gewidmet ist.

Der Krieg hat die kriegführenden Mächte, die kriegführenden Gruppen der Kapitalisten, die „Herren“ der kapitalistischen Ordnung, die Sklavenhalter der kapitalistischen Sklaverei, mit eisernen Ketten aneinandergefesselt. Ein einziger blutiger Knäuel – das ist das gesellschaftliche und politische Leben im gegenwärtigen geschichtlichen Zeitpunkt.

Die Sozialisten, die bei Kriegsbeginn auf die Seite der Bourgeoisie übergelaufen sind, alle diese David und Scheidemann in Deutschland, die Plechanow-Potressow-Gwosdew und Co. in Rußland, haben lange und aus vollem Halse gegen die „Illusionen“ der Revolutionäre gezetert, gegen die „Illusionen“ des Basler Manifests, gegen die „Traumkomödie“ der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg. Sie haben in allen Tonarten die angeblich vom Kapitalismus an den Tag gelegte Macht, Lebenskraft und Anpassungsfähigkeit besungen – sie, die den Kapitalisten geholfen haben, die Arbeiterklasse der verschiedenen Länder „anzupassen“, zu zähmen, hinters Licht zu führen und zu entzweien!

Doch „wer zuletzt lacht, lacht am besten“. Nicht lange hat die Bourgeoisie die durch den Krieg erzeugte revolutionäre Krise hinauszuschieben vermocht. Sie wachst mit unwiderstehlicher Gewalt in allen Ländern, bei Deutschland angefangen, wo nach dem. Ausdruck eines Beobachters, der kürzlich dort war, ein „genial organisierter Hunger“ herrscht, bis einschließlich England und Frankreich, wo ebenfalls der Hunger herannaht,. wo aber die Organisation weit weniger „genial“ ist.

Es ist natürlich, daß im zaristischen Rußland, wo die Desorganisation am ungeheuerlichsten war und wo das Proletariat am revolutionärsten ist (nicht dank seinen besonderen Eigenschaften, sondern dank den lebendigen Traditionen des „Jahres 1905“), die revolutionäre Krise zuerst ausgebrochen ist. Diese Krise wurde durch eine Reihe schwerster Niederlagen beschleunigt, die Rußland und seinen Verbündeten beigebracht wurden. Die Niederlagen haben die ganze alte Regierungsmaschine und die ganze alte Ordnung erschüttert, sie haben alle Klassen der Bevölkerung gegen diese Ordnung aufgebracht und die Armee erbittert, sie haben das alte, aus verknöcherten Adligen bestehende und von besonders muffigem Beamtengeist durchdrungene Offizierskorps weitgehend aufgerieben und durch junge, frische Kräfte ersetzt, die vorwiegend aus der Bourgeoisie, der Intelligenz und dem Kleinbürgertum stammen. Jene vor der Bourgeoisie offen katzbuckelnden oder einfach charakterlosen Leute, die gegen den „Defätismus“ schrien und tobten, stehen jetzt vor der Tatsache, daß die Niederlage der rückständigsten und barbarischsten Monarchie, des Zarismus, mit dem Beginn der revolutionären Feuersbrunst historisch verbunden ist.

Während jedoch die Niederlagen zu Beginn des Krieges die Rolle eines negativen Faktors spielten, der die Explosion beschleunigte, so war das Bündnis des englisch-französischen Finanzkapitals, des englisch-französischen Imperialismus mit dem oktobristisch-kadettischen Kapital Rußlands ein Faktor, der diese Krise durch direkte Organisierung einer Verschwörung gegen Nikolaus Romanow beschleunigte.

Diese außerordentlich wichtige Seite der Sache wird von der englischen und französischen Presse aus verständlichen Gründen verschwiegen, während sie von der deutschen schadenfroh unterstrichen wird. Wir Marxisten müssen der Wahrheit nüchtern ins Auge sehen, wir dürfen uns weder durch die Lugen, die offiziellen, honigsüßen diplomatischen Lugen der Diplomaten und Minister der einen kriegführenden Imperialistengruppe, noch durch das Zwinkern und Kichern ihrer finanziellen und militärischen Konkurrenten von der anderen kriegführenden Gruppe beirren lassen. Der ganze Ablauf der Ereignisse während der Februar-März-Revolution zeigt deutlich,. daß die englische und die französische Botschaft mit ihren Agenten und „Verbindungen“, die seit langem die verzweifeltsten Anstrengungen machten, „separate“ Übereinkünfte und einen Separatfrieden zwischen Nikolaus dem Zweiten (und dem Letzten, wie wir hoffen und erstreben) und Wilhelm dem Zweiten zu verhindern, zusammen mit den Oktobristen und Kadetten, zusammen mit einem Teil der Generalität und des Offizierskorps der Armee sowie der Petersburger Garnison eine direkte Verschwörung organisierten, und zwar besonders mit dem Ziel der Absetzung Nikolaus Romanows.

Machen wir uns keine Illusionen. Begehen wir nicht den Fehler jener, die – wie einige zwischen der Gwosdew-Potressow-Richtung und dem Internationalismus hin und her schwankende und allzuoft in kleinbürgerlichen Pazifismus verfallende OK-Leute oder Menschewiki – jetzt bereit sind, eine „Übereinkunft“ der Arbeiterpartei mit den Kadetten, eine „Unterstützung“ der letzteren durch die erstere zu preisen usw. Diese Leute werfen ihrer alten auswendig gelernten (und keineswegs marxistischen) Doktrin zuliebe einen Schleier über die Verschwörung der englisch-französischen Imperialisten mit den Gutschkow und Miljukow, die das Ziel hatte, den „Oberkrieger“ Nikolaus Romanow abzusetzen und ihn durch energischere, frischere und fähigere Krieger zu ersetzen.

Wenn die Revolution so rasch und – dem Anschein nach, bei erster, oberflächlicher Betrachtung – so radikal gesiegt hat, dann nur deshalb, weil sich dank einer außerordentlich originellen historischen Situation völlig verschiedene Ströme, völlig ungleichartige Klasseninteressen, völlig entgegengesetzte politische und soziale Bestrebungen vereinigten, und zwar bemerkenswert „einmütig“ vereinigten: Einerseits nämlich die Verschwörung der englisch-französischen Imperialisten, die die Miljukow, Gutschkow und Co. dazu drängten, die Macht zu ergreifen, damit der imperialistische Krieg fortgesetzt werden kann, damit er noch erbitterter und hartnäckiger weitergeführt wird, damit neue Millionen russischer Arbeiter und Bauern hingeschlachtet werden, und das ... damit die Gutschkow Konstantinopel, die französischen Kapitalisten Syrien, die englischen Kapitalisten Mesopotamien usw. erhalten. Und anderseits eine tiefgehende Bewegung revolutionären Charakters, eine Bewegung des Proletariats und der Volksmassen (der gesamten armen Bevölkerung in Stadt und Land) für Brot, für Frieden, für wahre Freiheit.

Es wäre einfach dumm, davon zu sprechen, daß das revolutionäre Proletariat Rußlands den kadettisch-oktobristischen, durch englische Gelder „geschmierten“ Imperialismus, der ebenso abscheulich ist wie der zaristische, „unterstützt“. Die revolutionären Arbeiter machten sich daran, die schändliche Zarenmonarchie zu zerstören, sie haben sie schon in beträchtlichem Maße zerstört und werden sie bis auf den Grund zerstören, ohne in Begeisterung oder Verwirrung darüber zu geraten, daß in gewissen kurzen, ihrer Konstellation nach einzigartigen geschichtlichen Zeitpunkten ihnen der Kampf zu Hilfe kommt, den die Buchanan, Gutschkow, Miljukow und Co. für die Ersetzung des einen Monarchen durch einen anderen Monarchen – und möglichst auch einen Romanow! – führen.

So und nur so lagen die Dinge. So und nur so kann ein Politiker die Dinge betrachten, der die Wahrheit nicht fürchtet, der das Wechselverhältnis der gesellschaftlichen Kräfte in der Revolution nüchtern abwägt, der „gegenwärtige Situationen“ nicht nur unter dem Gesichtspunkt ihrer ganzen heutigen, momentanen Eigenart einschätzt, sondern auch unter dem Gesichtspunkt ihrer tiefer liegenden Triebfedern, der tiefer liegenden Wechselverhältnisse zwischen den Interessen des Proletariats und der Bourgeoisie sowohl in Rußland als auch in der ganzen Welt.

Die Petrograder Arbeiter und die Arbeiter ganz Rußlands haben aufopferungsvoll gegen die Zarenmonarchie, für die Freiheit, für die Übergabe des Bodens an die Bauern, für den Frieden, gegen das imperialistische Gemetzel gekämpft. Das englisch-französische imperialistische Kapital hat, um dieses Gemetzel fortsetzen und verstärken zu können, Palastintrigen gesponnen, hat eine Verschwörung der Gardeoffiziere angezettelt, hat die Gutschkow und Miljukow angestachelt und ermutigt und insgeheim eine fix und fertige neue Regierung zusammengestellt, die denn auch sofort nach den ersten Schlagen, die der Kampf des Proletariats dem Zarismus versetzte, die Macht an sich gerissen hat.

Diese neue Regierung, in der die Oktobristen und die „friedlichen Erneuerer“ , die gestrigen Helfershelfer des Henkers Stolypin, Lwow und Gutschkow, die wirklich wichtigen Posten, die ausschlaggebenden Posten, die entscheidenden Posten einnehmen und die Armee und die Beamtenschaft beherrschen, diese Regierung, in der Miljukow und andere Kadetten mehr zur Verzierung, als Aushängeschild, zum Halten erbaulicher Professorenreden sitzen und der „Trudowik“ Kerenski die Rolle des Schönredners zur Betörung der Arbeiter und Bauern spielt – diese Regierung stellt keine zufällige Gruppe von Menschen dar.

Es sind die Vertreter der neuen Klasse, die in Rußland zur politischen Macht aufgestiegen ist, der Klasse der kapitalistischen Gutsbesitzer und der Bourgeoisie, die unser Land wirtschaftlich seit langem lenkt, die sich sowohl wahrend der Revolution von 1905-1907 als auch während der Konterrevolution von 1907 bis 1914 sowie schließlich – und zwar mit besonderer Schnelligkeit – während der Kriegsjahre 1914-1917 außerordentlich rasch politisch organisierte, die örtliche Selbstverwaltung, die Volksbildung, Kongresse verschiedenster Art, die Duma, die Kriegsindustriekomitees usw. in ihre Hände nahm. Diese neue Klasse war Anfang 1917 schon „beinahe ganz“ an der Macht; deshalb genügten schon die ersten Schläge gegen den Zarismus, um seinen Zusammenbruch herbeizuführen und so den Platz für die Bourgeoisie frei zu machen. Der imperialistische Krieg, der eine ungeheure Kräfteanspannung erfordert, hat die Entwicklung des zurückgebliebenen Rußlands so beschleunigt, daß wir „mit einem Schlag“ (in Wirklichkeit nur scheinbar mit einem Schlag) Italien, England und beinahe Frankreich eingeholt und eine „Koalitions“regierung, eine „nationale“ Regierung (d.h. eine für die Fortführung des imperialistischen Gemetzels und den Volksbetrug geeignete) „parlamentarische“ Regierung erhalten haben.

Neben dieser Regierung – die im Grunde genommen vom Standpunkt des gegenwärtigen Krieges nichts anderes ist als ein Kommis der Milliarden„firmen“ „England und Frankreich“ – ist die Hauptregierung entstanden, eine inoffizielle, noch unentwickelte und verhältnismäßig schwache Arbeiterregierung, die die Interessen des Proletariats und des ganzen ärmeren Teils der Stadt- und Landbevölkerung zum Ausdruck bringt. Das ist der Sowjet der Arbeiterdeputierten in Petrograd, der Verbindung mit den Soldaten und Bauern und – natürlich besonders, in erster Linie und mehr als mit den Bauern – mit den Landarbeitern sucht.

Das ist die tatsächliche politische Lage, die wir vor allem mit der größtmöglichen objektiven Genauigkeit festzustellen bestrebt sein müssen, um die marxistische Taktik auf der einzig festen Grundtage, auf die sie stets gegründet sein muß, aufzubauen, auf der Grundlage der Tatsachen.

Die Zarenmonarchie ist geschlagen, aber noch nicht vernichtet.

Die oktobristisch-kadettische bürgerliche Regierung, die den imperialistischen Krieg „bis zu Ende“ führen will und faktisch der Kommis der Finanzfirma „England und Frankreich“ ist, sieht sich genötigt, dem Volk ein Höchstmaß an Freiheiten und Zugeständnissen zu versprechen, soweit sie sich damit vereinbaren lassen, daß diese Regierung ihre Macht über das Volk und die Möglichkeit behalt, das imperialistische Gemetzel fortzusetzen.

Der Sowjet der Arbeiterdeputierten, die Organisation der Arbeiter, ist die Keimzelle der Arbeiterregierung, der Vertreter der Interessen alter armen Schichten der Bevölkerung, d.h. von neun Zehnteln der Bevölkerung, der für Frieden, Brot und Freiheit kämpft.

Der Kampf dieser drei Kräfte bestimmt die Situation, die jetzt entstanden ist und die den Übergang von der ersten zur zweiten Etappe der Revolution darstellt.

Zwischen der ersten und der zweiten Kraft ist der Widerspruch nicht tief, er ist zeitweilig und ist nur durch die augenblickliche Konstellation, durch die schroffe Wendung der Geschehnisse im imperialistischen Krieg hervorgerufen. Die gesamte neue Regierung besteht aus Monarchisten, denn das in Worten zur Schau getragene Republikanertum Kerenskis ist einfach nicht ernst zu nehmen, ist eines Politikers unwürdig und objektiv nichts anderes als Politikastertum. Die neue Regierung hat die Zarenmonarchie noch nicht endgültig geschlagen, beginnt aber bereits, übereinkommen mit der Gutsbesitzerdynastie Romanow einzugehen. Die Bourgeoisie oktobristisch-kadettischen Typs braucht die Monarchie als Haupt der Bürokratie und der Armee zum Schutz der Privilegien des Kapitals gegen die Werktätigen.

Wer sagt, daß die Arbeiter die neue Regierung im Interesse des Kampfes gegen die zaristische Reaktion unterstützen sollen (und das sagen offenbar die Potressow, Gwosdew, Tschchenkeli, und trotz seiner ganzen ausweichenden Haltung auch Tschcheïdse), der ist ein Verräter der Arbeiter, ein Verräter an der Sache des Proletariats, an der Sache des Friedens und der Freiheit. Denn in Wirklichkeit ist gerade diese neue Regierung bereits an Händen und Füßen durch das imperialistische Kapital, durch die imperialistische Kriegs- und Raubpolitik gebunden, hat sie bereits begonnen, Übereinkommen mit der Dynastie zu schließen (ohne das Volk zu fragen!), arbeitet sie bereits an der Restaurierung der Zarenmonarchie, heißt sie bereits Michael Romanow, den neuen Zarenkandidaten, willkommen, bemüht sie sich bereits um die Festigung seines Thrones, um die Ablösung der legitimen (gesetzlichen, nach altem Gesetz bestehenden) Monarchie durch eine bonapartistische, sich auf ein Plebiszit (eine gefälschte Volksabstimmung) stützende Monarchie.

Nein, um wirklich gegen die Zarenmonarchie zu kämpfen, um die Freiheit wirklich zu sichern und nicht nur mit Reden oder mit Versprechungen, wie das die Schönredner Miljukow und Kerenski tun, müssen nicht die Arbeiter die neue Regierung unterstützen, sondern diese Regierung muß die Arbeiter „unterstützen“! Denn die einzige Garantie für die Freiheit, für die restlose Vernichtung des Zarismus ist die Bewaffnung des Proletariats, die Festigung, Erweiterung und Weiterentwicklung der Rolle, der Bedeutung und der Macht des Sowjets der Arbeiterdeputierten.

Alles übrige ist Phrase und Lüge, ist Selbstbetrug der Politikaster aus dem liberalen und radikalen Lager, ist gemeine Gaunerei.

Helft den Arbeitern, sich zu bewaffnen, oder hindert sie wenigstens nicht dabei – und die Freiheit in Rußland wird unbesiegbar, die Restauration der Monarchie unmöglich und die Republik gesichert sein.

Andernfalls werden die Gutschkow und Miljukow die Monarchie wieder aufrichten und nichts, aber auch gar nichts von den „Freiheiten“ verwirklichen, die sie versprochen haben. In allen bürgerlichen Revolutionen haben alle bürgerlichen Politikaster das Volk mit Versprechungen „gefüttert“ und die Arbeiter zum Narren gehalten.

Unsere Revolution ist eine bürgerliche Revolution, deshalb müssen die Arbeiter die Bourgeoisie unterstützen, sagen die Potressow, Gwosdew, Tschcheidse – dasselbe, was gestern Plechanow sagte.

Unsere Revolution ist eine bürgerliche Revolution, sagen wir Marxisten, deshalb müssen die Arbeiter dem Volk über den Betrug der bürgerlichen Politikaster die Augen öffnen und es lehren, Worten keinen Glauben zu schenken, sich nur auf die eigenen Kräfte, auf die eigene Organisation, auf den eigenen Zusammenschluß, auf die eigene Bewaffnung zu verlassen.

Die Regierung der Oktobristen und Kadetten, der Gutschkow und Miljukow, kann, selbst wenn sie das aufrichtig wollte (an die Aufrichtigkeit von Gutschkow und Lwow können nur Kinder glauben), dem Volk weder Frieden noch Brot, noch Freiheit geben.

Frieden kann sie nicht geben, weil sie eine Regierung des Krieges ist, eine Regierung der Fortsetzung des imperialistischen Gemetzels, eine Regierung des Raubes, die Armenien, Galizien und die Türkei ausplündern, Konstantinopel an sich reißen, Polen, Kurland, Litauen usw. wiedererobern will. Diese Regierung ist durch das englisch-französische imperialistische Kapital an Händen und Füßen gebunden. Das russische Kapital ist eine Filiale der internationalen „Firma“, die mit Hunderten Milliarden Rubel operiert und „England und Frankreich“ heißt.

Brot kann sie nicht geben, weil sie eine bürgerliche Regierung ist. Im besten Fall wird sie dem Volk, nach dem Vorbild Deutschlands, einen „genial organisierten Hunger“ bringen. Das Volk aber wird sich mit Hunger nicht abfinden wollen. Das Volk wird erfahren und sicher bald erfahren, daß Brot vorhanden ist und beschafft werden kann, aber nur durch Maßnahmen, die nicht haltmachen vor der Heiligkeit des Kapitals und des Grundbesitzes.

Freiheit kann sie nicht geben, weil sie eine Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten ist, die Angst vor dem Volk hat und bereits begonnen hat, mit der Dynastie Romanow Übereinkommen zu treffen.

Über die taktischen Aufgaben unseres Verhaltens gegenüber dieser Regierung in der nächsten Zeit werden wir in einem anderen Artikel sprechen. Dort werden wir zeigen, worin die Eigenart des gegenwärtigen Zeitpunkts, des Übergangs von der ersten zur zweiten Etappe der Revolution, besteht, warum die Losung, die „Aufgabe des Tages“, in diesem Zeitpunkt sein muß: Arbeiter! Ihr habt im Bürgerkrieg gegen den Zarismus Wunder an proletarischem Heldentum, an Volksheldentum vollbracht. Ihr müßt Wunder an Organisation des Proletariats und des gesamten Volkes vollbringen, um euren Sieg in der zweiten Etappe der Revolution vorzubereiten.

Wir beschränken uns heute auf die Analyse des Klassenkampfes und des Kräfteverhältnisses der Klassen in der gegenwärtigen Etappe der Revolution und müssen in diesem Zusammenhang noch die Frage stellen: Welche Verbündeten hat das Proletariat in der gegenwärtigen Revolution?

Es hat zwei Verbündete: erstens die breite, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung bildende und viele Dutzende Millionen zählende Masse der halbproletarischen und zum Teil kleinbäuerlichen Bevölkerung in Rußland. Diese Masse braucht Frieden, Brot, Freiheit und Land. Diese Masse wird sich unvermeidlich unter einem gewissen Einfluß der Bourgeoisie und besonders der Kleinbourgeoisie befinden, der sie ihren Lebensbedingungen nach am nächsten steht, und wird zwischen Bourgeoisie und Proletariat schwanken. Die harten Lehren des Krieges, die um so harter sein werden, je energischer die Gutschkow, Lwow, Miljukow und Co. den Krieg führen, werden diese Masse unweigerlich zum Proletariat drängen und sie zwingen, ihm zu folgen. Wir müssen jetzt bestrebt sein, die relative Freiheit der neuen Ordnung und die Sowjets der Arbeiterdeputierten auszunutzen, um vor allem und am meisten diese Masse aufzuklären und zu organisieren. Sowjets der Bauerndeputierten, Sowjets der Landarbeiter – das ist eine der wichtigsten Aufgaben. Hierbei werden unsere Bestrebungen nicht nur darauf gerichtet sein, daß die Landarbeiter ihre eigenen, besonderen Sowjets schaffen, sondern auch darauf, daß die besitzlosen und armen Bauern sich getrennt von den begüterten Bauern organisieren. Über die besonderen Aufgaben und besonderen Formen der jetzt dringend notwendigen Organisation im nächsten Brief.

Zweitens hat das russische Proletariat einen Verbündeten im Proletariat aller kriegführenden und überhaupt aller Länder. Zwar lastet jetzt auf ihm noch schwer der Druck des Krieges, und allzuhäufig sprechen in seinem Namen die Sozialchauvinisten, die in Europa, ebenso wie Plechanow, Gwosdew, Potressow in Rußland, zur Bourgeoisie übergelaufen sind. Aber die Befreiung des Proletariats vom Einfluß der Sozialchauvinisten hat mit jedem Monat dieses imperialistischen Krieges Fortschritte gemacht, und die russische Revolution wird diesen Prozeß unvermeidlich ganz gewaltig beschleunigen.

Mit diesen beiden Verbündeten kann und wird das Pro1etariat Rußlands unter Ausnutzung der Besonderheiten des gegenwärtigen Übergangsstadiums zuerst zur Eroberung der demokratischen Republik und des vollen Sieges der Bauern über die Gutsbesitzer – anstatt der Halbmonarchie der Gutschkow und Miljukow – und dann zum Sozialismus schreiten, der allein den vom Krieg gemarterten Völkern Frieden, Brot und Freiheit geben wird.







 

Zweiter Brief


Die neue Regierung und das Proletariat



9. (22.) März 1917.

Bolschewik Nr. 3 – 4, veröffentlicht 1924

Lenin, Band 23, Seite 323 - 333



Das wichtigste Dokument, das mir bis zum heutigen Tag (8. [21.] März) zur Verfügung steht, ist eine Nummer der erzkonservativen und erzbürgerlichen englischen Zeitung Times vom 16. (3.) März mit einer Zusammenstellung der Meldungen über die Revolution in Rußland. Es dürfte schwerfallen, eine Queue zu finden, die der Regierung Gutschkow und Miljukow – um es milde auszudrücken – wohlwollender gegenüberstünde.

Der Petersburger Korrespondent dieser Zeitung meldete am Mittwoch, dem 1. (14.) März, als noch die erste provisorische Regierung existierte, d.h. der Exekutivausschuß der Duma, bestehend aus 13 Mann mit Rodsjanko an der Spitze (und den zwei, wie die Zeitung sie nennt, „Sozialisten“ Kerenski und Tschcheïdse als Mitglieder), folgendes:

Eine Gruppe von 22 gewählten Mitgliedern des Reichsrats, Gutschkow, Stachowitsch, Trubezkoi, Professor Wassiljew, Grimm, Wernadski und andere, hat gestern ein Telegramm an den Zaren gesandt“ mit der flehentlichen Bitte, zur Rettung der „Dynastie“ usw. usf. die Duma einzuberufen und einen Regierungschef zu ernennen, der das „Vertrauen der Nation“ genießt. „Welchen Entschluß der Kaiser, der heute eintreffen soll, fassen wird“, schreibt der Korrespondent, „ist zur Zeit noch nicht bekannt, aber eines steht fest: Wenn Seine Majestät die Wünsche der gemäßigtesten Elemente unter seinen loyalen Untertanen nicht unverzüglich erfüllt, so wird das Provisorische Komitee der Reichsduma den Einfluß, den es jetzt besitzt, ganz an die Sozialisten verlieren, die die Errichtung einer Republik wollen, aber nicht imstande sind, irgendeine geordnete Regierung zu schaffen, sondern das Land unvermeidlich in eine innere Anarchie und eine äußere Katastrophe stürzen würden ...“

Wie staatsmännisch-weise und klar das ist, nicht wahr? Wie gut begreift doch der englische Gesinnungsgenosse (wenn nicht gar der Prinzipal) der Gutschkow und Miljukow das Verhältnis der Klassenkräfte und Klasseninteressen! Die „gemäßigtesten Elemente unter den loyalen Untertanen“, d.h. die monarchistischen Gutsbesitzer und Kapitalisten, wollen die Macht in ihre Hände nehmen, denn sie sind sich dessen bewußt, daß sie sonst ihren „Einfluß“ an die „Sozialisten“ verlieren würden. Weshalb aber gerade an die „Sozialisten“ und nicht an irgend jemand anders? Deshalb, weil der englische Gutschkowist sehr gut begreift, daß es in der politischen Arena keine andere gesellschaftliche Kraft gibt und auch nicht geben kann. Die Revolution war das Werk des Proletariats, das Proletariat hat heldenmütig gekämpft, das Proletariat hat sein Blut vergossen, es hat die breitesten Massen der werktätigen und armen Bevölkerung mit sich gerissen, das Proletariat fordert Brot, Frieden und Freiheit, es fordert die Republik, es sympathisiert mit dem Sozialismus. Aber das Häuflein Gutsbesitzer und Kapitalisten mit den Gutschkow und Miljukow an der Spitze will sich über den Willen oder die Bestrebungen der gewaltigen Mehrheit hinwegsetzen, will einen Pakt mit der zusammenbrechenden Monarchie schließen, will sie unterstützen und retten: Ernennen Sie Lwow und Gutschkow, Euer Majestät, und wir sind mit der Monarchie gegen das Volk. Das ist der ganze Sinn, das ganze Wesen der Politik der neuen Regierung!

Wie aber soll der Betrug am Volk, die Täuschung des Volkes, die Mißachtung des Willens der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung gerechtfertigt werden?

Dazu muß das Volk verleumdet werden – eine alte, aber ewig neue Methode der Bourgeoisie. Und der englische Gutschkowist verleumdet, schimpft, speit und geifert: „innere Anarchie, äußere Katastrophe“, keine „geordnete Regierung“!!

Das ist nicht wahr, mein werter Gutschkowist! Die Arbeiter wollen die Republik, die Republik aber ist eine viel „geordnetere“ Regierung als die Monarchie. Wer garantiert dem Volk, daß ein zweiter Romanow sich nicht einen zweiten Rasputin anschafft? Die Katastrophe aber wird gerade durch die Fortsetzung des Krieges, d.h. durch die neue Regierung, herbeigeführt. Nut die proletarische Republik, die von den Landarbeitern und den armen Schichten der Bauern und der Städter unterstützt wird, kann den Frieden gewährleisten, kann Brot, Ordnung und Freiheit geben.

Das Geschrei gegen die Anarchie soll nur die eigennützigen Interessen der Kapitalisten verhüllen, die sich am Krieg und an den Kriegsanleihen bereichern wollen, die die Monarchie gegen das Volk wiedererrichten wollen.

... Gestern“, fährt der Korrespondent fort, „hat die Sozialdemokratische Partei einen Aufruf erlassen, dessen Inhalt äußerst aufrührerisch ist; dieser Aufruf wurde in der ganzen Stadt verbreitet. Sie“ (d.h. die Sozialdemokratische Partei) „sind reine Doktrinäre; aber in einer Zeit wie der heutigen sind sie imstande, ungeheures Unheil zu stiften. Herr Kerenski und Herr Tschcheïdse, die begreifen, daß sie ohne die Unterstützung der Offiziere und der gemäßigteren Elemente des Volkes nicht darauf hoffen können, die Anarchie zu verhüten, sind genötigt, auf ihre weniger vernünftigen Genossen Rücksicht zu nehmen, und werden unmerklich in eine Haltung gedrängt, die es dem Provisorischen Komitee erschwert, seine Aufgaben zu erfüllen ...“

O großer englischer Gutschkow-Diplomat! Wie „unvernünftig“ haben Sie die Wahrheit ausgeplaudert!

Die „Sozialdemokratische Partei“ und die „weniger vernünftigen Genossen“, auf die Kerenski und Tschcheïdse „Rücksicht zu nehmen genötigt sind“, das ist offenbar das Zentralkomitee oder das Petersburger Komitee unserer durch die Januarkonferenz von 1912 wiederhergestellten Partei, das sind dieselben „Bolschewiki“, die von den Bourgeois stets als „Doktrinäre“ beschimpft werden, weil sie treu zur „Doktrin“, d.h. zu den Grundsätzen, der Lehre, den Zielen des Sozialismus stehen. Als aufrührerisch und doktrinär beschimpft der englische Gutschkowist natürlich den Aufruf und die Haltung unserer Partei, weil sie zum Kampf um die Republik, um den Frieden, um die vollständige Vernichtung der Zarenmonarchie und um Brot für das Volk auffordert.

Brot für das Volk und Frieden – das ist Aufruhr, aber Ministerposten für Gutschkow und Miljukow – das ist „Ordnung“. Welche alten, wohlbekannten Reden!

Wie aber kennzeichnet der englische Gutschkowist die Taktik von Kerenski und Tschcheïdse?

Als schwankend: Einerseits tobt sie der Gutschkowist, weil sie „begreifen“ (diese Musterknaben, diese braven Jungen!), daß sie ohne „Unterstützung“ der Offiziere und der gemäßigteren Elemente die Anarchie nicht verhüten können (wir allerdings glaubten bisher und glauben es heute noch auf Grund unserer Doktrin, unserer sozialistischen Lehre, daß es gerade die Kapitalisten sind, die Anarchie und Krieg in die menschliche Gesellschaft hineintragen, daß uns nur der Übergang der gesamten politischen Macht in die Hände des Proletariats und der armen Schichten des Volkes von Krieg, Anarchie und Hungersnot erlösen kann!). – – – Anderseits seien sie aber „genötigt“, auf „ihre weniger vernünftigen Genossen“, d.h. auf die Bolschewiki, auf die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, die durch das Zentralkomitee wiederhergestellt und vereinigt worden ist, „Rücksicht zu nehmen“.

Welche Macht aber „nötigt“ Kerenski und Tschcheïdse, auf die bolschewistische Partei „Rücksicht zu nehmen“, der sie niemals angehört haben, die von ihnen selbst oder von denen, die sie publizistisch vertreten (den „Sozialrevolutionären“, den „Volkssozialisten“ , den „menschewistischen OK-Leuten“ usw.), stets beschimpft, verurteilt und als ein unbedeutender illegaler Zirkel, als eine Sekte von Doktrinären usw. bezeichnet wurde? Wo und wann hat man je gesehen, daß Politiker, die ihre fünf Sinne beisammen haben, in einer revolutionären Zeit, d.h. einer Zeit, in der die Massenaktion dominiert, auf „Doktrinäre“ „Rücksicht nehmen“??

Unser armer englischer Gutschkowist hat sich in seinen eigenen Widersprüchen verwickelt, er hat weder eine ganze Lüge noch die ganze Wahrheit zu sagen vermocht und nur sich selbst verraten.

Der Einfluß, den die Sozialdemokratische Partei des Zentralkomitees auf das Proletariat, auf die Massen ausübt, hat Kerenski und Tschcheïdse gezwungen, auf diese Partei Rücksicht zu nehmen. Unsere Partei erwies sich als mit den Massen, mit dem revolutionären Proletariat verbunden, obwohl bereits im Jahre 1914 unsere Abgeordneten verhaftet und nach Sibirien verbannt worden waren, obwohl das Petersburger Komitee wegen der illegalen Arbeit, die es während des Krieges gegen den Krieg und gegen den Zarismus leistete, den schärfsten Verfolgungen und Verhaftungen ausgesetzt war.

Tatsachen sind ein hartnäckig Ding“, sagt der Engländer. Gestatten Sie, daß wir Sie an diese Redensart erinnern, sehr verehrter englischer Gutschkowist! Der englische Gutschkowist mußte „selber“ zugeben, daß die Petersburger Arbeiter in den großen Tagen der Revolution von unserer Partei, geführt oder zumindest rückhaltlos unterstützt wurden. Ebenso mußte er die Tatsache zugeben, daß Kerenski und Tschcheïdse zwischen Bourgeoisie und Proletariat hin und her schwankten. Die Gwosdew-Leute, die „Vaterlandsverteidiger“, d.h. die Sozialchauvinisten, d.h. die Verteidiger des imperialistischen Raubkrieges, leisten jetzt der Bourgeoisie bedingungslos Gefolgschaft, Kerenski ist durch den Eintritt in das Kabinett, d.h. in die zweite Provisorische Regierung, gleichfalls völlig auf die Seite der Bourgeoisie übergegangen; Tschcheïdse ist nicht in die Regierung eingetreten, er schwankt noch immer zwischen der Provisorischen Regierung der Bourgeoisie, den Gutschkow und Miljukow, und der „provisorischen Regierung“ des Proletariats und der armen Massen des Volkes, dem Sowjet der Arbeiterdeputierten und der vom Zentralkomitee vereinigten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands.

Die Revolution hat also das bestätigt, was wir besonders betonten, als wir die Arbeiter aufforderten, sich den Klassenunterschied zwischen den wichtigsten Parteien und den wichtigsten Strömungen in der Arbeiterbewegung und dem Kleinbürgertum klarzumachen – das, was wir zum Beispiel in Nr.47 des Genfer Sozial-Demokrat vor fast anderthalb Jahren, am 13. Oktober 1915, schrieben:

Die Teilnahme von Sozialdemokraten an einer provisorischen revolutionären Regierung zusammen mit dem demokratischen Kleinbürgertum halten wir nach wie vor für zulässig, aber keinesfalls eine Teilnahme zusammen mit revolutionären Chauvinisten. Als revolutionäre Chauvinisten bezeichnen wir diejenigen, die den Sieg über den Zarismus zu dem Zweck wollen, Deutschland zu besiegen, andere Länder zu rauben, die Herrschaft der Großrussen Über die übrigen Völker Rußlands zu festigen usw. Die Grundlage des revolutionären Chauvinismus ist die Klassenlage des Kleinbürgertums. Es schwankt stets zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Gegenwärtig schwankt es zwischen dem Chauvinismus (der es hindert, konsequent revolutionär selbst im Sinne der demokratischen Revolution zu sein) und dem proletarischen Internationalismus. Die politischen Wortführer dieses Kleinbürgertums sind gegenwärtig in Rußland die Trudowiki, die Sozialrevolutionäre, die Gruppe Nascha Sarja (heute Delo), die Fraktion Tschcheïdse, das OK, Herr Plechanow usw. Wenn die revolutionären Chauvinisten in Rußland siegten, so würden wir gegen eine Verteidigung ihres 'Vaterlandes' im gegenwärtigen Krieg sein. Unsere Losung: Gegen die Chauvinisten, auch wenn sie Revolutionäre und Republikaner sind, gegen sie und für das Bündnis des internationalen Proletariats zur Durchführung der sozialistischen Revolution.

Doch kehren wir zu dem englischen Gutschkowisten zurück.

... Das Provisorische Komitee der Reichsduma“, fährt er fort, „hat in Anbetracht der ihm drohenden Gefahren absichtlich davon Abstand genommen, seinen ursprünglichen Plan durchzuführen und die Minister zu verhaften, obgleich das gestern denkbar leicht gewesen wäre. Dadurch ist die Tür für Verhandlungen offengeblieben, und wir“ („wir“ = das englische Finanzkapital und der englische Imperialismus) „können darum alle Vorteile des neuen Regimes erlangen, ohne die schreckliche Prüfung der Kommune und die Anarchie eines Bürgerkriegs durchmachen zu müssen ...“

Die Gutschkowisten waren für einen Bürgerkrieg in ihrem Interesse, sie sind gegen einen Bürgerkrieg im Interesse des Volkes, d.h. der wirklichen Mehrheit der Werktätigen.

... Die Beziehungen zwischen dem Provisorischen Dumakomitee, das die ganze Nation repräsentiert“ (dieses Komitee der vierten Duma, der Großgrundbesitzer- und Kapitalistenduma!), „und dem Rat der Arbeiterdeputierten, der reine Klasseninteressen vertritt“ (so spricht ein Diplomat, der mit halben Ohr irgendwelche gelehrten Ausdrücke gehört hat und der die Tatsache verbergen will, daß dieser Rat der Arbeiterdeputierten das Proletariat und die armen Volksmassen, d.h. neun Zehntel der Bevölkerung vertritt), „aber in einer Krise wie der gegenwärtigen über eine ungeheure Macht verfügt, haben bei verständigen Leuten in bezug auf die Möglichkeit eines Zusammenstoßes zwischen Komitee und Rat, der die furchtbarsten Folgen haben könnte, keine geringen Befürchtungen geweckt.

Glücklicherweise ist diese Gefahr, wenigstens für den Augenblick“ (man beachte dieses „wenigstens“!), „abgewendet worden; das hat man dem Einfluß des Herrn Kerenski, eines jungen Advokaten mit großer rednerischer Begabung, zu verdanken; er begreift ganz klar“ (zum Unterschied von Tschcheïdse, der auch „begriffen hat“, aber nach der Meinung des Gutschkowisten wohl weniger klar ?), „daß eine Zusammenarbeit mit dem Komitee um seiner Arbeiterwähler willen notwendig ist“ (um nämlich die Stimmen der Arbeiter zu bekommen, um sich bei ihnen einzuschmeicheln). „Zu einem zufriedenstellenden Abkommen kam es heute“ (Mittwoch, den 1. [14.] März), „wodurch alle überflüssigen Reibungen vermieden werden.“

Was für ein Abkommen das ist, ob der ganze Sowjet der Arbeiterdeputierten daran beteiligt ist, welche Bedingungen es enthält, wissen wir nicht. Die Hauptsache hat der englische Gutschkowist diesmal ganz verschwiegen. Natürlich! Es liegt nicht im Interesse der Bourgeoisie, daß diese Bedingungen klar, präzis und allen bekannt sind, denn dann wäre es für sie schwerer, sie zu verletzen!

 

Vorstehende Zeilen waren schon geschrieben, als ich zwei sehr wichtige Mitteilungen las. Erstens den Text eines Aufrufs des Sowjets der Arbeiterdeputierten über die „Unterstützung“ der neuen Regierung in der Pariser erzreaktionären und erzbürgerlichen Zeitung Le Temps vom 20. März und zweitens Auszüge aus der Rede Skobelews in der Reichsduma vom 1. (14.) März, die ein Züricher Blatt (Neue Zürcher Zeitung, 1. Mittagsblatt, 21.3.) auf Grund von Meldungen einer Berliner Zeitung (National-Zeitung) wiedergibt.

Der Aufruf des Sowjets der Arbeiterdeputierten ist, wenn sein Text von den französischen Imperialisten nicht entstellt wurde, ein äußerst bemerkenswertes Dokument; er läßt erkennen, daß das Petersburger Proletariat zumindest zur Zeit des Erscheinens des Aufrufs unter dem vorherrschenden Einfluß von kleinbürgerlichen Politikern gestanden hat. Ich erinnere daran, daß ich, wie schon oben erwähnt, Leute vom Schlage Kerenskis und Tschcheïdses zu Politikern dieser Art zähle.

Der Aufruf enthält zwei politische Ideen und dementsprechend zwei Losungen.

Erstens: Im Aufruf heißt es, daß die (neue) Regierung aus „gemäßigten Elementen“ besteht. Eine sonderbare, völlig ungenügende Charakterisierung,. eine rein liberale, unmarxistische Charakterisierung. Auch ich bin bereit zuzugeben, daß jede Regierung jetzt, nach der Vollendung der ersten Etappe der Revolution, in einem gewissen Sinne – ich werde im nächsten Brief erläutern, in welchem Sinne – „gemäßigt“ sein muß. Aber es ist absolut unzulässig, sich und das Volk darüber täuschen zu wollen, daß diese Regierung den imperialistischen Krieg fortsetzen will, daß sie ein Agent des englischen Kapitals ist, daß sie die Monarchie wiederherstellen und die Herrschaft der Gutsbesitzer und Kapitalisten konsolidieren will.

Der Aufruf erklärt, daß alle Demokraten die neue Regierung „unterstützen“ müssen und daß der Sowjet der Arbeiterdeputierten Kerenski ersucht und bevollmächtigt, in die Provisorische Regierung einzutreten. Die Bedingungen sind: Durchführung der versprochenen Reformen noch während des Krieges, Gewährleistung einer „freien kulturellen“ (nur ??) Entwicklung der Nationalitäten (ein rein kadettisches, liberal-armseliges Programm) und Bildung eines besonderen Ausschusses zur Überwachung der Tätigkeit der Provisorischen Regierung, eines Ausschusses, der aus Mitgliedern des Sowjets der Arbeiterdeputierten und aus „Militärs“ bestehen soll.

Auf diesen Überwachungsausschuß, der zu der zweiten Art von Ideen und Losungen gehört, werden wir noch besonders eingehen.

Aber die Ernennung Kerenskis, eines russischen Louis Blanc, und die Aufforderung zur Unterstützung der neuen Regierung sind – so darf man sagen – ein klassisches Beispiel für den Verrat an der Sache der Revolution und an der Sache des Proletariats, für eben jene Art des Verrats, die im 19. Jahrhundert zum Scheitern einer ganzen Reihe von Revolutionen führte, unabhängig davon, in welchem Maße die Führer und Anhänger einer solchen Politik aufrichtig und der Sache des Sozialismus ergeben sind.

Das Proletariat kann und darf eine Regierung des Krieges, eine Regierung der Restauration nicht unterstützen. Was der Kampf gegen die Reaktion, was die Abwehr alter möglichen und wahrscheinlichen Versuche der Romanows und ihrer Freunde zur Wiederherstellung der Monarchie und zur Aufstellung einer konterrevolutionären Armee erfordert, das ist keineswegs die Unterstützung der Gutschkow und Co., sondern die Organisierung einer proletarischen Miliz, ihr Ausbau, ihre Festigung und die Bewaffnung des Volkes unter der Führung der Arbeiter. Ohne diese wichtige, grundlegende, radikale Maßnahme kann weder von einem ernsthaften Widerstand gegen die Wiedererrichtung der Monarchie und gegen die Versuche, die versprochenen Freiheiten aufzuheben oder einzuschränken, die Rede sein noch davon, entschlossen den Weg zu beschreiten, der zu Brot, Frieden und Freiheit führt.

Wenn Tschcheïdse, der zusammen mit Kerenski Mitglied der ersten Provisorischen Regierung (des dreizehnköpfigen Dumakomitees) war, es wirklich aus grundsätzlichen Erwägungen von obenerwähntem oder ähnlichem Charakter abgelehnt hat, in die zweite Provisorische Regierung einzutreten, so gereicht ihm das zur Ehre. Das muß offen gesagt werden. Leider aber steht diese Auslegung im Widerspruch zu anderen Tatsachen und vor allem zur Rede Skobelews, der immer mit Tschcheïdse ein Herz und eine Seele war.

Skobelew hat, wenn man der genannten Quelle Glauben schenken darf, erklärt, daß „die soziale“ (? offenbar sozialdemokratische) „Gruppe und die Arbeiter mit den Zielen der Provisorischen Regierung nur einen leichten Kontakt haben“, daß die Arbeiter den Frieden fordern und daß eine Fortsetzung des Krieges unaufhaltsam zu einer Katastrophe im Frühjahr führen werde, daß „die Arbeiterschaft mit der Gesellschaft“ (der liberalen Gesellschaft) „eine vorläufige Waffenfreundschaft geschlossen habe, obgleich die politischen Ziele der Arbeiterschaft von denen der Gesellschaft himmelweit verschieden seien“, daß „die Liberalen von den unsinnigen Kriegszielen lassen sollten“ usw.

Diese Rede ist ein Musterbeispiel für das, was wir weiter oben in dem Zitat aus dem Sozial-Demokrat als „Schwanken“ zwischen Bourgeoisie und Proletariat bezeichnet haben. Die Liberalen können, solange sie Liberale bleiben, nicht von „unsinnigen“ Kriegszielen „lassen“, die, nebenbei gesagt, nicht von ihnen allein festgesetzt werden, sondern vom englisch-französischen Finanzkapital, einer Weltmacht, die über Hunderte von Milliarden verfügt. Nicht die Liberalen „überreden“, sondern den Arbeitern klarmachen, weshalb die Liberalen in eine Sackgasse geraten sind, weshalb sie an Händen und Füßen gebunden sind, weshalb sie sowohl die Verträge zwischen dem Zarismus und England usw. als auch die Abmachungen zwischen dem russischen und dem englisch-französischen Kapital usw. usf. geheimhalten.

Wenn Skobelew davon spricht, daß die Arbeiter ein Abkommen mit der liberalen Gesellschaft getroffen haben, und gegen dieses Abkommen nicht protestiert, wenn er nicht von der Dumatribüne herab die Schädlichkeit eines solchen Abkommens für die Arbeitet darlegt, dann billigt er dieses Abkommen. Und das durfte keinesfalls geschehen.

Wenn Skobelew das Abkommen zwischen dem Sowjet der Arbeiterdeputierten und der Provisorischen Regierung direkt oder indirekt, offen oder stillschweigend billigt, dann schwankt et in der Richtung zur Bourgeoisie. Wenn Skobelew erklärt, daß die Arbeiter den Frieden fordern, daß zwischen ihren Zielen und denen der Liberalen ein himmelweiter Unterschied besteht, dann schwankt er in der Richtung zum Proletariat.

Rein proletarisch, wahrhaft revolutionär und in ihrer Absicht vollkommen richtig ist die zweite politische Idee des von uns analysierten Aufrufs des Sowjets der Arbeiterdeputierten, die Idee der Bildung eines „Überwachungsausschusses“ (ich weiß nicht, ob es russisch wirklich so heißt; ich übersetze frei aus dem Französischen), d.h. eines Ausschusses zur Überwachung der Provisorischen Regierung durch Proletarier und Soldaten.

Das ist das Richtige! Das ist der Arbeiter würdig, die ihr Blut für Freiheit, Frieden und Brot für das Volk vergossen haben! Das ist cm realer Schritt zur Schaffung von realen Garantien sowohl gegen den Zarismus und die Monarchie als auch gegen die Monarchisten Gutschkow, Lwow und Co.! Das ist cm Anzeichen dafür, daß das russische Proletariat trotz allem schon weiter ist als das französische Proletariat im Jahre 1848, das einen Louis Blanc „bevollmächtigte“! Das ist ein Beweis dafür, daß sich der Instinkt und der Verstand der proletarischen Massen nicht zufriedenstellen lassen mit Deklamationen, Gerede, Versprechungen von Reformen und Freiheiten, mit dem Titel eines „von den Arbeitern bevollmächtigten Ministers“ und ähnlichem Firlefanz, sondern daß sie eine Stütze nur dort suchen, wo sie vorhanden ist, bei den bewaffneten Volksmassen, die vom Proletariat, von den klassenbewußten Arbeitern organisiert und geführt werden.

Das ist ein Schritt auf dem richtigen Wege, aber nur der erste Schritt.

Bleibt dieser „Überwachungsausschuß“ eine rein parlamentarische, nur politische Institution, d.h. eine Kommission, die an die Provisorische Regierung „Anfragen richtet“ und von ihr Antworten erhält, so wird er trotz allem ein Spielzeug, so wird er ein Nichts sein.

Wenn dies aber dazu führt, daß sofort und allen Hindernissen zum Trotz eine wirklich das ganze Volk, wirklich alle Männer und Frauen umfassende Arbeitermiliz oder Arbeiterwehr geschaffen wird, die nicht nur die vernichtete und verjagte Polizei ersetzt, nicht nur Dafür sorgt, daß diese von keiner, ob monarchistisch-konstitutionellen oder demokratisch-republikanischen, Regierung wiederhergestellt wird, weder in Petrograd noch irgendwo anders in Rußland, dann werden die fortgeschrittenen Arbeitet Rußlands wirklich den Weg neuer und großer Siege beschreiten, den Weg, der sie zum Sieg Über den Krieg führen. wird, zur praktischen Verwirklichung der Losung, die nach den Meldungen der Zeitungen das Banner der Kavallerietruppen schmückte, die in Petrograd auf dem Platz vor der Reichsduma demonstrierten:

Es leben die sozialistischen Republiken aller Länder!“

Meine Gedanken über diese Arbeiterwehr werde ich im nächsten Brief darlegen.

Ich werde mich bemühen, in diesem Brief zu zeigen einerseits, daß eben die Schaffung einer von den Arbeitern geführten allgemeinen Volkswehr die richtige Losung des Tages ist und den taktischen Aufgaben des besonderen Übergangsstadiums entspricht, das die russisch Revolution (und die Weltrevolution) gegenwärtig durchmacht, und anderseits, daß diese Arbeiterwehr, wenn sie erfolgreich sein soll, erstens eine Volkswehr der Massen, eine im wahrsten Sinne des Wortes allgemeine Volkswehr sein muß, die wirklich die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung beiderlei Geschlechts umfaßt, und zweitens dazu übergehen muß, nicht allein rein polizeiliche, sondern auch allgemein staatliche Funktionen mit militärischen Funktionen und mit der Kontrolle der gesellschaftlichen Produktion und Verteilung der Güter zu vereinigen.

Zürich, den 22. (9.) März 1917.
N. Lenin

P.S. Ich habe vergessen, den vorigen Brief mit dem Datum 20. (7.) März zu versehen.

 



Dritter Brief


Über die proletarische Miliz

11. [ 24. ] März 1917

Kommunistitscheski Internazional Nr. 3 - 4, 1924

Lenin, Werke, Band 23, Seite 334 - 347



Die Schlußfolgerung die ich gestern hinsichtlich der schwankenden Taktik Tschcheïdses zog, wird heute, am 10. (23.) März, durch zwei Dokumente voll bestätigt. Das erste ist ein der Frankfurter Zeitung telegrafisch aus Stockholm übermittelter Auszug aus dem Manifest des ZK unserer Partei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, in Petrograd. In diesem Dokument steht weder etwas von der Unterstützung der Regierung Gutschkow noch von ihrem Sturz; die Arbeiter und Soldaten werden aufgefordert, sich um den Sowjet der Arbeiterdeputierten zu organisieren und Vertreter in den Sowjet zu wählen, zum Kampf gegen den Zarismus, für die Republik, für den Achtstundentag, für die Konfiskation des Grundbesitzes und der Getreidevorräte der Gutsbesitzer sowie – was die Hauptsache ist – für die Beendigung des Raubkrieges. Besonders wichtig und besonders aktuell ist dabei der ganz richtige Gedanke unseres ZK, daß zur Herbeiführung des Friedens Verbindungen mit den Proletariern aller kriegführenden Länder nötig sind.

Den Frieden von Verhandlungen und Unterredungen zwischen den bürgerlichen Regierungen zu erwarten wäre Selbstbetrug und Betrug am Volk.

Das zweite Dokument ist ebenfalls ein telegrafischer Bericht aus Stockholm an ein anderes deutsches Blatt (die Vossische Zeitung) Über eine Beratung der Tschcheïdse-Fraktion der Duma mit der Trudowikigruppe (?Arbeiterfraktion) und mit Vertretern von 15 Arbeiterverbänden, die am 2. (15.) März stattgefunden hat, sowie über einen Aufruf, der am darauffolgenden Tag erschien. Von den 11 Punkten dieses Aufrufs teilt das Telegramm nur drei mit: den ersten – die Forderung der Republik, den siebenten – die Forderung des Friedens und der sofortigen Einleitung von Friedensverhandlungen und den dritten – der eine „ausreichende Teilnahme der Vertreter der russischen Arbeiterschaft an der Regierung“ fordert.

Wenn dieser Punkt richtig wiedergegeben ist, so verstehe ich, wofür die Bourgeoisie Tschcheïdse lobt. Ich verstehe, warum sich zu dem von mir schon zitierten Lob der englischen Gutschkowisten in der Times nun auch das Lob der französischen Gutschkowisten im Temps gesellt. Diese Zeitung der französischen Millionäre und Imperialisten schreibt am 22. März: „Die Führer der Arbeiterparteien, besonders Herr Tschcheïdse, bieten ihren ganzen Einf1uß auf, um die Wunsche der arbeitenden Klassen zu mäßigen.“

In der Tat ist es theoretisch und politisch ein Unsinn, die „Teilnahme“ von Arbeitern an der Regierung Gutschkow-Miljukow zu fordern: als Minderheit teilnehmen würde bedeuten, nichts zu sagen zu haben; eine „Halbpart“beteiligung ist unmöglich, denn die Forderung, den Krieg fortzusetzen, läßt sich nicht vereinbaren mit der Forderung, einen Waffenstillstand abzuschließen und Friedensverhandlungen einzuleiten; um als Mehrheit „teilzunehmen“, muß man stark genug sein, die Regierung Gutschkow–Miljukow zu stürzen. In der Praxis ist die Forderung der „Teilnahme“ Louis-Blanc-Politik schlimmster Art, sie bedeutet; daß man den Klassenkampf und seine realen Bedingungen vergißt, daß man sich an hohlen tönenden Phrasen berauscht, daß man bei den Arbeitern Illusionen weckt, daß man durch Verhandlungen mit Miljukow oder Kerenski wertvolle Zeit vergeudet, die statt dessen dazu verwendet werden muß, eine wirkliche revolutionäre Klassenkraft zu schaffen, eine proletarische Miliz, die imstande ist, allen armen Bevölkerungsschichten, die die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung bilden, Vertrauen einzuflößen, und die imstande ist, ihnen zu helfen, sich zu organisieren, ihnen zu helfen, für Brot, Frieden und Freiheit zu kämpfen.

Dieser Fehler des Aufrufs von Tschcheïdse und seiner Gruppe (ich spreche hier nicht von der Partei des OK, des Organisationskomitees, denn in den mir zugänglichen Quellen wird das OK mit keinem Wort erwähnt) – dieser Fehler ist um so sonderbarer, als Skobelew, der engste Gesinnungsgenosse Tschcheïdses, Zeitungsmeldungen zufolge in der Beratung vorn 2. (15.) März erklärt hat: „Rußland steht am Vorabend einer zweiten, wirklichen Revolution.“

Da hat er die Wahrheit gesagt, nur haben Skobelew und Tschcheïdse vergessen, daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Ich kann von hier, von dieser verfluchten Ferne aus, nicht darüber urteilen, wie nahe diese zweite Revolution ist. Skobelew, der sieh an Ort und Stelle befindet, kann das besser beurteilen. Ich werfe deshalb keine Fragen auf, für deren Lösung ich keine konkreten Daten habe und auch gar nicht haben kann. Ich betone nur, „daß ein „unvoreingenommener Zeuge“, der nicht unserer Partei angehörende Skobelew, die faktische Sch1ußfolgerung bestätigt, die ich in meinem ersten Brief gezogen habe, nämlich, daß die Februar-März-Revolution nur die erste Etappe der Revolution war. Rußland macht jetzt ein eigenartiges geschichtliches Stadium des Übergangs zu der nächstfolgenden Etappe der Revolution, oder wie Skobelew sich ausdrückt, zur „zweiten Revolution“ durch.

Wenn wir Marxisten sein und aus den Erfahrungen der Revolutionen der ganzen Welt lernen wollen, müssen wir uns bemühen, zu begreifen, worin die Eigenart dieses Übergangsstadiums besteht und welche Taktik sich aus seinen objektiven Besonderheiten ergibt.

Die Eigenart der Lage besteht darin, daß folgende drei Hauptfaktoren der Regierung Gutschkow-Miljukow den ersten Sieg ungewöhnlich leicht gemacht haben: 1. die Hilfe des englisch-französischen Finanzkapitals und seiner Agenten; 2. die Hilfe eines Teils der höheren Offiziere und 3. die fertige Organisation, die die gesamte russische Bourgeoisie in Gestalt der Organe der Semstwos und der städtischen Selbstverwaltung, in Gestalt der Reichsduma, der Kriegsindustriekomitees usw. besaß.

Die Regierung Gutschkow befindet sich in einer Zwickmühle: Gebunden durch die. Interessen des Kapitals, muß ihr Bestreben darauf gerichtet sein, den mörderischen Raubkrieg fortzusetzen, die ungeheuren Gewinne des Kapitals und der Gutsbesitzer zu schützen und die Monarchie wiederherzustellen. Gebunden durch ihren revolutionären Ursprung und durch die Notwendigkeit einer schroffen Wendung vom Zarismus zur Demokratie, unter dem Druck der hungernden und den Frieden fordernden Massen stehend, ist die Regierung gezwungen zu lugen, sich zu drehen und zu winden, Zeit zu gewinnen, möglichst viel zu „proklamieren“ und zu versprechen (Versprechungen sind das einzige, was sogar in Zeiten wahnwitziger Teuerung sehr billig ist), möglichst wenig davon durchzuführen, mit der einen Hand Zugeständnisse zu machen und sie mit der anderen wieder zurückzunehmen.

Unter bestimmten Umständen, in dem für sie günstigsten Fall, kann die neue Regierung, gestützt auf alle organisatorischen Fähigkeiten der gesamten russischen Bourgeoisie und der bürgerlichen Intelligenz, den Zusammenbruch etwas hinausschieben. Aber sogar in diesem Fall ist sie nicht imstande, dem Zusammenbruch zu entgehen, denn es ist unmöglich, sich den Klauen des furchtbaren, vom Weltkapitalismus gezeugten Ungeheuers, des imperialistischen Krieges und der Hungersnot, zu entwinden, ohne den Boden der bürgerlichen Verhältnisse zu verlassen, ohne zu revolutionären Maßnahmen überzugehen, ohne an den großen geschichtlichen Heldenmut des russischen und des internationalen Proletariats zu appellieren.

Daraus folgt: Wir werden die neue Regierung nicht mit einem Schlag stürzen können, oder wir werden, falls uns das gelingt (in revolutionären Zeiten erweitern sich die Grenzen des Möglichen tausendfach), die Macht nicht behaupten können, wenn wir der ausgezeichneten Organisation der gesamten russischen Bourgeoisie und der gesamten bürgerlichen Intelligenz nicht eine ebenso ausgezeichnete Organisation des Proletariats entgegenstellen, des Proletariats als Führer der ganzen unübersehbaren Masse der armen Bevölkerung in Stadt und Land, der Halbproletarier und der kleinen Eigentümer.

Ganz gleich, ob die „zweite Revolution“ in Petrograd schon begonnen hat (ich habe gesagt, daß es ganz unsinnig wäre, vom Ausland aus das Tempo ihres Heranreifens konkret bestimmen zu wollen) oder ob sie für eine gewisse Zeit aufgeschoben ist oder ob sie in einzelnen Gegenden Rußlands schon angefangen hat (gewisse Anzeichen scheinen dafür zu sprechen) – in jedem Fall muß die Losung der Stunde sowohl vor der neuen Revolution als auch während der Revolution und am Tage darauf die proletarische Organisation sein.

Genossen Arbeiter! Ihr habt gestern, als ihr die Zarenmonarchie stürztet, Wunder an proletarischem Heldenmut vollbracht! Ihr werdet in einer mehr oder weniger nahen Zukunft (vielleicht sogar schon jetzt, da ich diese Zeilen schreibe) ebensolche Wunder an Heldenmut vollbringen müssen, um die Macht der Gutsbesitzer und der Kapitalisten, die den imperialistischen Krieg fuhren, zu stürzen. Ihr werdet nicht imstande sein, in dieser nächsten, der „wirklichen“ Revolution, einen dauerhaften Sieg zu erringen, wenn ihr nicht Wunder an proletarischer Organisiertheit vollbringt!

Organisation, das ist die Losung des Tages. Aber sich darauf zu beschränken wurde bedeuten, gar nichts zu sagen, denn einerseits ist Organisation immer notwendig, der bloße Hinweis auf die Notwendigkeit der „Organisation der Massen“ erklärt also noch gar nichts, anderseits. würde derjenige, der sich hierauf beschränkte, nur zu einem Nachbeter der Liberalen werden, denn die Liberalen, die bestrebt sind, ihre Herrschaft zu festigen, wollen ja gerade, daß die Arbeiter nicht über die gewöhnlichen, „legalen“ (legal vorn Standpunkt der „normalen“ bürgerlichen Gesellschaft) Organisationen hinausgehen, d.h., daß die Arbeiter sich nur die Mitgliedschaft ihrer Partei, ihrer Gewerkschaft, ihrer Genossenschaft usw. usf. erwerben.

Die Arbeiter haben mit ihrem Klasseninstinkt begriffen, daß sie in einer revolutionären Zeit eine ganz andere und nicht nur die gewöhnliche Organisation brauchen, sie haben ganz richtig den Weg beschritten, den ihnen die Erfahrungen unserer Revolution von 1905 und der Pariser Kommune von 1871 gewiesen haben, sie haben den Sowjet der Arbeiterdeputierten geschaffen und haben begonnen, durch Heranziehung von Deputierten der Soldaten und zweifellos auch von Deputierten der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter und dann auch (in der einen oder anderen Form) der gesamten armen Bauernschaft, den Sowjet auszubauen, zu erweitern und zu festigen.

Die Bildung solcher Organisationen in ausnahmslos allen Teilen Rußlands, für alle Berufe und Schichten der proletarischen und halbproletarischen Bevölkerung, d.h. für alle Werktätigen und Ausgebeuteten, um einen Ausdruck zu gebrauchen, der zwar ökonomisch weniger genau, dafür aber populärer ist – das ist heute die wichtigste,. keinen Aufschub duldende Aufgabe. Ich will hier vorgreifen und bemerken, daß unsere Partei (auf ihre besondere Rolle in den proletarischen Organisationen neuen Typus hoffe ich in einem der folgenden Briefe eingehen zu können) für die gesamte Masse der Bauernschaft besonders empfehlen muß, daß spezielle Sowjets der Lohnarbeiter und dann auch der kleinen, kein Getreide verkaufenden Bauern, getrennt von den wohlhabenden Bauern, gebildet werden; ohne diese Bedingung kann, allgemein gesagt, weder eine wirklich proletarische Politik betrieben werden

[ * ] Auf dem Lande wird jetzt der Kampf um die Klein- und teilweise auch um die Mittelbauern entbrennen. Die Gutsbesitzer werden sie, gestützt auf die wohlhabenden Bauern, der Bourgeoisie unterordnen wollen. Wir müssen, gestützt auf die landwirtschaftlichen Lohnarbeiter und die armen Bauern, auf ein enges Bündnis zwischen diesen Klein- und Mittelbauern und dem städtischen Proletariat hinarbeiten.

noch die wichtigste praktische Frage, die für Millionen von Menschen eine Lebensfrage ist, in Angriff genommen werden: die richtige Verteilung des Getreides, die Steigerung der Getreideerzeugung usw.

Was sollen aber die Sowjets der Arbeiterdeputierten tun? Sie „müssen als Organe des Aufstands, als Organe der revolutionären Staatsmacht betrachtet werden“, schrieben wir in Nr.47 des Genfer Sozial-Demokrat am 13. Oktober 1915.

Dieser theoretische Satz, abgeleitet aus den Erfahrungen der Kommune von 1871 und der russischen Revolution von 1905, muß auf Grund der Praxis der gegenwärtigen Etappe der gegenwärtigen Revolution in Rußland erläutert und konkreter entwickelt werden.

Wir brauchen eine revolutionäre Staatsmacht, wir brauchen (für eine bestimmte Übergangsperiode) den Staat. Dadurch unterscheiden wir uns von den Anarchisten. Der Unterschied zwischen den revolutionären Marxisten und den Anarchisten besteht nicht nur darin, daß jene für die zentralisierte, kommunistische Großproduktion, diese aber für eine zersplitterte Produktion in Kleinbetrieben sind. Nein, der Unterschied gerade in der Frage der Staatsmacht, des Staates, besteht darin, daß wir für die revolutionäre Ausnützung der revolutionären Formen des Staates zum Kampf für den Sozialismus, die Anarchisten aber dagegen sind.

Wir brauchen den Staat, aber wir brauchen nicht einen solchen Staat, wie ihn allerorts die Bourgeoisie geschaffen hat, von den konstitutionellen Monarchien bis zu den allerdemokratischsten Republiken. Und darin unterscheiden wir uns von den Opportunisten und Kautskyanern der alten, von Fäulnis erfaßten sozialistischen Parteien, die die Lehren der Pariser Kommune und die Analyse dieser Lehren durch Marx und Engels entstellt oder vergessen haben.

[ * ] In einem der nächsten Briefe oder in einem besonderen Artikel werde ich ausführlich auf diese Analyse eingehen, die insbesondere im Bürgerkrieg in Frankreich von Marx und in Engels' Einleitung zur dritten Auflage dieser Schrift enthalten ist, ferner in dem Brief von Marx vom 12. IV. 1871 und von Engels vorn 18. - 28. III. 1875; außerdem werde ich zeigen, wie Kautsky 1912 in der Polemik gegen Pannekoek zur Frage der sogenannten „Zerstörung des Staates“ den Marxismus völlig entstellt hat.

Wir brauchen einen Staat, aber nicht einen solchen, wie ihn die Bourgeoisie braucht, mit Machtorganen, die vom Volk getrennt sind und dem Volk entgegengestellt werden, wie Polizei, Armee und die Bürokratie (Beamtentum). Alle bürgerlichen Revolutionen haben diese Staatsmaschine lediglich vervollkommnet, lediglich einer Partei genommen und einer anderen übergeben.

Das Proletariat aber muß, wenn es die Errungenschaften der gegenwärtigen Revolution behaupten und weitergehen will, wenn es Frieden, Brot und Freiheit erringen will, diese „fertige“ Staatsmaschine, um Marx’ Worte zu gebrauchen, „zerbrechen“ und sie durch eine neue ersetzen, bei der Polizei, Armee und Bürokratie mit dem bis auf den letzten Mann bewaffneten Volk zu einer Einheit verschmolzen sind. Wie die Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871 und der russischen Revolution von 1905 zeigen, muß das Proletariat alle armen, ausgebeuteten Teile der Bevölkerung organisieren und bewaffnen, damit sie die Organe der Staatsmacht selbst und unmittelbar in ihre Hände nehmen, damit sie selbst die Institutionen dieser Staatsmacht bilden.

Die Arbeiter Rußlands haben diesen Weg schon in der ersten Etappe der ersten Revolution im Februar-März 1917 beschritten. Die Aufgabe besteht jetzt darin, klar zu begreifen, welches dieser neue Weg ist, und ihn kühn, unbeirrt und beharrlich weiterzugehen.

Die englisch-französischen und die russischen Kapitalisten wollten „nur“ Nikolaus II. absetzen oder ihn vielleicht sogar nur „einschüchtern“, die alte Staatsmaschine, die Polizei, die Armee, das Beamtenturn, aber unversehrt lassen.

Die Arbeiter sind weitergegangen und haben sie zerbrochen. Und jetzt heulen nicht nur die englisch-französischen, sondern auch die deutschen Kapitalisten vor Wut und Angst, wenn sie z.B. sehen, wie die russischen Soldaten ihre Offiziere erschießen, auch wenn sie, wie der Admiral Nepenin, Parteigänger von Gutschkow und Miljukow sind.

Ich habe gesagt, daß die Arbeiter die alte Staatsmaschine zerbrochen haben. Genauer gesagt, sie haben begonnen, sie zu zerbrechen.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel.

Die Polizei ist in Petrograd und an vielen anderen Orten teils niedergemacht, teils abgesetzt worden. Die Regierung Gutschkow-Miljukow wird nicht die Monarchie wiederherstellen noch sich überhaupt an der Macht halten können, wenn sie nicht die Polizei wiederherstellt als eine besondere, vom Volk losgelöste und ihm entgegengestellte Organisation von bewaffneten Menschen, die dem Kommando der Bourgeoisie unterstellt sind. Das ist sonnenklar.

Anderseits muß die neue Regierung auf das revolutionäre Volk Rücksicht nehmen, muß es mit halben Zugeständnissen und Versprechungen hinhalten, muß Zeit gewinnen. Deshalb greift sie zu einer halbschlächtigen Maßnahme: Sie errichtet eine „Volksmiliz“ mit gewählten Vorgesetzten (das klingt furchtbar anständig! furchtbar demokratisch, revolutionär und schön!), aber ... aber erstens wird sie der Kontrolle, der Leitung der Semstwos und der städtischen Selbstverwaltungen, d.h. den Gutsbesitzern und Kapitalisten unterstellt, die auf Grund der Gesetze Nikolaus’ des Blutigen und Stolypins des Henkers gewählt worden sind!! Zweitens nennt die Regierung diese Miliz eine „Volksmiliz“, um dem „Volk“ Sand in die Augen zu streuen, in Wirklichkeit aber fordert sie das Volk nicht auf, sich ausnahmslos an dieser Miliz zu beteiligen, verpflichtet sie die Unternehmer und die Kapitalisten nicht, den Angestellten und Arbeitern für die Stunden und Tage, die sie dem öffentlichen Dienst, d.h. der Miliz widmen, den üblichen Lohn auszuzahlen.

Hier liegt der Hund begraben. Auf diesem Wege erreicht die Gutsbesitzer- und Kapitalistenregierung der Gutschkow und Miljukow, daß die „Volksmiliz“ nur auf dem Papier steht, während in Wirklichkeit allmählich und im stillen eine bürgerliche, gegen das Volk gerichtete Miliz wiederhergestellt wird, zunächst aus „8000 Studenten und Professoren“ (so schildern die ausländischen Zeitungen die heutige Petrograder Miliz) – offenkundig ein Kinderspielzeug! –, dann aber allmählich aus der alten und einer neuen Polizei.

Die Wiederherstellung der Polizei nicht zulassen! Die lokalen Machtorgane nicht aus der Hand geben! Eine wirklich das ganze Volk umfassende, absolut allgemeine, vom Proletariat geführte Miliz schaffen! – das ist die Aufgabe des Tages, das ist die Losung des gegenwärtigen Augenblicks, die sowohl den richtig verstandenen Interessen des weiteren Klassenkampfes, der weiteren revolutionären Bewegung als auch dem demokratischen Instinkt jedes Arbeiters, jedes Bauern, jedes werktätigen und ausgebeuteten Menschen entspricht; denn jeder von ihnen haßt unbedingt die Polizei, die Büttel und Gendarmen, Haßt die Befehlsgewalt der Gutsbesitzer und Kapitalisten über bewaffnete Menschen, denen Macht über das Volk gegeben wird.

Was für eine Polizei brauchen sie, die Gutschkow und Miljukow, die Gutsbesitzer und Kapitalisten? Die gleiche wie unter der Zarenmonarchie. Alle bürgerlichen und bürgerlich-demokratischen Republiken der Welt haben eine solche Polizei – eine besondere Organisation vorn Volk losgelöster, ihm entgegengestellter bewaffneter Menschen, die auf die eine oder andre Weise der Bourgeoisie unterstellt sind – geschaffen oder nach kurzen revolutionären Perioden wiederhergestellt.

Was für eine Miliz brauchen wir, braucht das Proletariat, brauchen alle Werktätigen? Eine wirkliche Volksmiliz, d.h. eine Miliz, die erstens wirklich aus der gesamten Bevölkerung, aus allen erwachsenen Bürgern beiderlei Geschlechts besteht und die zweitens die Funktion einer Volksarmee mit polizeilichen Funktionen, mit den Funktionen des wichtigsten und hauptsächlichen Organs der staatlichen Ordnung und der staatlichen Verwaltung verbindet.

Um diese Gedanken möglichst anschaulich darzulegen, will ich ein rein schematisches Beispiel anführen. Natürlich wäre der Gedanke, irgendeinen „Plan“ der proletarischen Miliz aufzustellen, unsinnig: wenn die Arbeiter und das ganze Volk wirklich in ihrer Masse die Sache praktisch in Angriff nehmen, so werden sie alles hundertmal besser ausarbeiten und einrichten als irgendwelche Theoretiker. Ich schlage keinen „Plan“ vor, ich will nur meinen Gedankengang illustrieren.

Petrograd bat eine Bevölkerung von etwa 2 Millionen, davon über die Hälfte im Alter von 15 bis 65 Jahren. Sagen wir die Hälfte, eine Million. Ziehen wir sogar noch ein gutes Viertel ab: Kranke und andere, die sich zur Zeit aus triftigen Gründen nicht dem öffentlichen Dienst widmen können. Es bleiben 750 000 Menschen, die, wenn sie z.B. jeden 15. Tag in der Miliz arbeiteten (und für diese Zeit vom Unternehmer ihren Lohn weiter erhielten), eine Armee von 50 000 Menschen bilden würden.

Ein „Staat“ von solchem Typus ist es, was wir brauchen!

Eine solche Miliz wäre in Wirklichkeit – und nicht nur dem Namen nach – eine „Volksmiliz“.

Das ist der Weg, den wir einschlagen müssen, damit keine besondere Polizei und keine besondere; vom Volk getrennte Armee wiederhergestellt werden kann.

Eine solche Miliz würde zu 95 Prozent aus Arbeitern und Bauern bestehen und wirklich die Vernunft und den Willen, die Kraft und die Macht der überwältigenden Mehrheit des Volkes zum Ausdruck bringen. Eine solche Miliz wurde wirklich ausnahmslos das ganze Volk bewaffnen und im Militärwesen ausbilden und es auf eine nicht Gutschkowsche, nicht Miljukowsche Weise gegen alle Versuche, die Reaktion zu restaurieren, gegen alle Umtriebe der Zarenagenten sichern. Eine solche Miliz wäre das ausführende Organ der „Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten“, sie würde die absolute Achtung und das absolute Vertrauen der Bevölkerung genießen, denn sie wäre selbst eine Organisation ausnahmslos der ganzen Bevölkerung. Eine solche Miliz würde dafür sorgen, Daß die Demokratie kein hübsches Aushängeschild bleibt, das die Versklavung des Volkes und die Verhöhnung des Volkes durch die Kapitalisten verdeckt, sondern eine wirkliche Erziehung der Massen zur Teilnahme an allen Staatsgeschäften darstellt. Eine solche Miliz Würde die Jugendlichen in das politische Leben einbeziehen und sie nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die Tat, durch die Arbeit erziehen. Eine solche Miliz würde jene Funktionen entwickeln, die – um es gelehrt auszudrücken – in das Gebiet der „Wohlfahrtspolizei“, der sanitären Kontrolle usw. gehören, und würde alle erwachsenen Frauen zu solchen Funktionen heranziehen. Denn ohne die Frauen zum öffentlichen Dienst, zur Miliz, zum politischen Leben heranzuziehen, ohne die Frauen aus ihrer abstumpfenden Haus- und Kuchenatmosphäre herauszureißen, kann keine wirkliche Freiheit gewährleistet werden, kann nicht einmal die Demokratie, vom Sozialismus ganz zu schweigen, aufgebaut werden.

Eine solche Miliz würde eine proletarische Miliz sei, denn die industriellen und städtischen Arbeiter würden in dieser Miliz ebenso natürlich und unvermeidlich einen entscheidenden Einfluß auf die Masse der armen Bevölkerung gewinnen, wie sie im ganzen revolutionären Kampf des Volkes in den Jahren 1905 bis 1907 und im Jahre 1917 natürlich und unvermeidlich die führende Stellung innehatten.

Eine solche Miliz würde absolute Ordnung und unverbrüchliche kameradschaftliche Disziplin gewährleisten. Gleichzeitig aber würde sie es in der schweren Krise, die alle kriegführenden Länder jetzt durchmachen, ermöglichen, diese Krise wirklich demokratisch zu bekämpfen, die Verteilung von Brot und anderen Lebensmitteln richtig und schnell vorzunehmen und die „allgemeine Arbeitspflicht“ durchzuführen, die von den Franzosen jetzt „Zivilmobilmachung“ und von den Deutschen „Vaterländischer Hilfsdienst“ genannt wird und ohne die die Wunden, die der schreckliche Raubkrieg geschlagen hat, nichterwiesenermaßen nicht – geheilt werden können.

Hat das Proletariat Rußlands sein Blut nur vergossen, um sich jetzt großartig lediglich politische demokratische Reformen versprechen zu lassen? Wird es etwa nicht fordern und durchsetzen, Daß jeder Werktätige sofort eine gewisse Besserung seiner Lebenshaltung zu sehen und zu spüren bekommt? Daß jede Familie Brot hat? Daß jedes Kind eine Flasche guter Milch bekommt und kein Erwachsener aus einer reichen Familie es wagen kann, Milch in Anspruch zu nehmen, solange die Kinder noch nicht versorgt sind? Daß die Paläste und Luxuswohnungen, die der Zar und die Aristokratie hinterlassen haben, nicht leerstehen, sondern den Obdachlosen und Besitzlosen als Helm dienen? Wer kann diese Maßnahmen durchführen, wenn nicht eine allgemeine Volksmiliz, an der die Frauen unbedingt gleichberechtigt mit den Männern teilnehmen?

Solche Maßnahmen sind noch kein Sozialismus. Sie betreffen die Regelung der Konsumtion, nicht aber die Reorganisation der Produktion. Sie waren noch keine „Diktatur des Proletariats“, sondern nur eine „revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft“. Doch nicht darum geht es jetzt, wie diese Maßnahmen theoretisch zu klassifizieren sind. Es wäre der größte Fehler, wenn wir die komplizierten, aktuellen, sich raschentwickelnden praktischen Aufgaben der Revolution in das Prokrustesbett einer zu eng verstandenen „Theorie“ zwängten, statt in der Theorie vor allem und in erster Linie eine Anleitung zum Handeln zu sehen.

Wird die Masse der russischen Arbeiter so viel Klassenbewußtsein, Standhaftigkeit und Heldenmut aufbringen, um „Wunder an proletarischer Organisation“ zu vollbringen, nachdem sie im unmittelbaren revolutionären Kampf Wunder an Kühnheit, Initiative und Selbstaufopferung vollbracht hat? Das wissen wir nicht, und es wäre müßig, hier prophezeien zu wollen, denn nur die Praxis kann solche Fragen beantworten.

Was wir genau wissen, und was wir als Partei den Massen klarmachen müssen, das ist einerseits die Tatsache, Daß eine geschichtliche Triebkraft von ungeheurer Starke vorhanden ist, die in nie gekanntem Ausmaß Krise, Hungersnot und namenloses Elend erzeugt. Diese Triebkraft ist der Krieg, der von den Kapitalisten beider kriegführenden Seiten um räuberischer Ziele willen geführt wird. Diese „Triebkraft“ hat eine ganze Reihe der reichsten, freiesten und aufgeklärtesten Nationen an den Rand des Abgrunds gebracht. Sie zwingt die Völker, alle Kräfte bis aufs äußerste anzuspannen, sie bringt sie in eine unerträgliche Lage, sie stellt nicht die Verwirklichung irgendwelcher „Theorien“ auf die Tagesordnung (davon ist gar keine Rede, und Marx hat die Sozialisten vor dieser Illusion stets gewarnt), sondern die Durchführung der radikalsten praktisch möglichen Maßnahmen, denn ohne radikale Maßnahmen kann der Untergang, der baldige und unaufhaltsame Untergang von Millionen Menschen infolge der Hungersnot, nicht vermieden werden.

Daß die revolutionäre Begeisterung der fortgeschrittenen Klasse unter Verhältnissen, bei denen die objektive Lage vom ganzen Volk radikale Maßnahmen verlangt, vieles vermag, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Das sieht, und fühlt in Rußland ein jeder.

Es ist wichtig, zu begreifen, Daß sich die objektive Lage in revolutionären Zeiten ebenso rasch und schroff ändert, wie das Leben in solchen Zeiten überhaupt rasch pulsiert. Wir aber müssen es verstehen, unsere Taktik und unsere nächsten Aufgaben den Besonderheiten jeder gegebenen Situation anzupassen. Bis zum Februar 1917 handelte es sich darum, eine kühne revolutionär-internationalistische Propaganda zu treiben, die Massen zum Kampf zu rufen und sie aufzurütteln. In den Februar- und Märztagen war der Heldenmut aufopferungsvollen Kampfes erforderlich, um den unmittelbaren Feind, den Zarismus, sofort zu zerschlagen. Jetzt machen wir das Stadium des Übergangs von dieser ersten Etappe der Revolution zur zweiten Etappe durch, vom „Waffengang“ mit dem Zarismus zum „Waffengang“ mit dem Imperialismus der Gutschkow und Miljukow, der Gutsbesitzer und Kapitalisten. Auf der Tagesordnung steht die Aufgabe der Organisation, diese Aufgabe darf aber keinesfalls schablonenhaft aufgefaßt werden, in dem Sinne, Daß man lediglich daran arbeitet, die der alten Schablone entsprechenden Organisationen zu entwickeln, sondern in dem Sinne, Daß beispiellos breite Massen der unterdrückten Klassen zur Organisation herangezogen werden und Daß eben diese Organisation die militärischen, staatlichen und volkswirtschaftlichen Aufgaben erfüllt.

An die Lösung dieser spezifischen Aufgabe geht das Proletariat auf verschiedenen Wegen heran. An manchen Orten Rußlands hat ihm die Februar-März-Revolution beinahe. die volle Macht gegeben, an anderen Orten wird es vielleicht „eigenmächtig“ eine proletarische Miliz schaffen und ausbauen, wieder an anderen Orten wird es möglicherweise auf der Grundlage des allgemeinen usw. Wahlrechts sofortige Wahlen zu den Stadtdumas und Semstwos fordern, um sie in revolutionäre Zentren zu verwandeln, usf., bis das Wachstum der proletarischen Organisiertheit, die Annäherung zwischen Soldaten und Arbeitern, die Bewegung in der Bauernschaft und die um sich greifende Enttäuschung über die Gutschkow-Miijukow-Regierung, diese Regierung des Krieges und des Imperialismus, die Stunde herbeiführt, da diese Regierung von der „Regierung“ des Sowjets der Arbeiterdeputierten abgelöst wird.

Vergessen wir auch nicht, Daß in nächster Nähe von Petrograd eines der fortgeschrittensten, faktisch republikanischen Länder liegt – Finnland, das in den Jahren von 1905 bis 1917, gedeckt durch die revolutionären Kämpfe in Rußland, ziemlich friedlich die Demokratie entwickelt und die Mehrheit des Volkes für den Sozialismus gewonnen hat. Das russische Proletariat wird der Republik Finnland volle Freiheit gewähren, einschließlich der Freiheit der Lostrennung (jetzt, wo der Kadett Roditschew in Helsingfors so würdelos um jedes Stückchen der Privilegien der Großrussen schachert, schwankt wahrscheinlich kein einziger Sozialdemokrat mehr in dieser Frage), und wird gerade dadurch das volle Vertrauen und die kameradschaftliche Hilfe der finnischen Arbeiter für die Sache des Proletariats von ganz Rußland erlangen. Bei einem großen und schwierigen Werk sind Fehler nicht zu vermeiden, und auch wir werden sie nicht vermeiden können; die finnischen Arbeiter sind bessere Organisatoren, sie werden uns auf diesem Gebiet helfen, sie werden die Errichtung der sozialistischen Republik auf ihre Weise fördern.

Revolutionäre Siege in Rußland selbst – friedliche organisatorische Erfolge in Finnland unter dem Schutz dieser Siege –, der Übergang der russischen Arbeiter zu revolutionären organisatorischen Aufgaben in neuem Maßstab, die Eroberung der Macht durch das Proletariat und die armen Schichten der Bevölkerung, die Forderung und Entwicklung der sozialistischen Revolution im Westen – das ist der Weg, der uns zum Frieden und zum Sozialismus fuhren wird.

Zürich, 11. (24.) März 1917
N. Lenin





Vierter Brief


Wie erringen wir den Frieden?

12. [ 25. ] März, 1917

  Kommunistitscheski Internazional Nr. 3 – 4. von 1924

Lenin, Werke, Band 23, Seite 348 - 354



Soeben (am 12. [25.] März) lese ich in der Neuen Zürcher Zeitung (Nr.517 vom 24. März) folgende telegrafische Meldung aus Berlin:

Über Schweden wird gemeldet: Maxim Gorki sandte sowohl an die Regierung als auch an den Exekutivausschuß einen begeistert geschriebenen Begrüßungstext. Er feiert den Sieg des Volkes über die Machthaber der Reaktion und fordert alle Söhne Rußlands auf, zum Aufbau des neuen russischen Staatsgebäudes beizutragen. Gleichzeitig fordert er die Regierung auf, ihr Befreiungswerk durch den Abschluß eines Friedensschlusses zu krönen. Es solle kein Frieden um jeden Preis sein; dazu habe Rußland jetzt weniger Ursache denn je. Es solle ein Frieden sein, der es Rußland ermögliche, ehrenvoll vor den übrigen Völkern der Erde zu bestehen. Die Menschheit habe genug geblutet, die neue Regierung würde sich nicht nur um Rußland, sondern um die ganze Menschheit das größte Verdienst erwerben, wenn es ihr gelingen sollte, einen raschen Friedensschluß herbeizuführen.

So wird M. Gorkis Brief wiedergegeben.

Ein bitteres Gefühl überkommt einen beim Lesen dieses von landläufigen Spießervorurteilen strotzenden Briefes. Bei Zusammenkünften, die der Schreiber dieser Zeilen mit Gorki auf der Insel Capri hatte, wies er ihn auf seine politischen Fehler hin und machte ihm Vorwürfe. Gorki parierte diese Vorwürfe mit seinem unnachahmlich liebenswürdigen Lächeln und der offenherzigen Erklärung: „Ich weiß, daß ich ein schlechter Marxist bin. Und dann sind wir Künstler ja alle ein wenig unzurechnungsfähig.“ Dagegen läßt sich schwer argumentieren.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß Gorki ein Künstler mit überragendem Talent ist, der der internationalen proletarischen Bewegung viel Nutzen gebracht hat und weiter bringen wird.

Aber warum muß sich auch Gorki mit Politik befassen?

Meiner Ansicht nach bringt der Brief Gorkis sehr weit verbreitete Vorurteile nicht nur des Kleinbürgertums, sondern auch des unter seinem Einfluß stehenden Teils der Arbeiterklasse zum Ausdruck. Alle Kräfte unserer Partei, alle Anstrengungen der klassenbewußten Arbeiter müssen darauf gerichtet sein, diese Vorurteile hartnäckig, beharrlich und allseitig zu bekämpfen.

Die zaristische Regierung hat den gegenwärtigen Krieg als einen imperialistischen, als einen Raub- und Plünderungskrieg begonnen und geführt, mit der Absicht, die schwachen Völker auszuplündern und zu würgen. Die Regierung der Gutschkow und Miljukow ist eine Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten, sie ist gezwungen und auch willens, eben diesen Krieg fortzusetzen. Diese Regierung zum Abschluß eines demokratischen Friedens aufzufordern ist dasselbe, als wenn man Bordellwirten Tugend predigen wollte.

Erläutern wir unseren Gedankengang.

Was ist Imperialismus?

In meiner Broschüre Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, die dem Verlag „Parus“ noch vor der Revolution eingesandt, von ihm angenommen und in der Zeitschrift Letopis angekündigt worden war, habe ich diese Frage folgendermaßen beantwortet:

Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Truste begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist. (Kap. VII der genannten Broschüre, die, als noch die Zensur bestand, in der Letopis unter dem Titel: W. Iljin, Der neueste Kapitalismus angekündigt wurde)

Es handelt sich im wesentlichen darum, daß das Kapital unermeßlich gewachsen ist. Die Vereinigungen einer kleinen Anzahl von Großkapitalisten (Kartelle, Syndikate, Truste) verfügen über Milliarden und teilen die ganze Welt unter sich auf. Der Erdball ist restlos aufgeteilt. Der Krieg ist das Resultat des Zusammenstoßes der zwei mächtigsten Gruppen von Milliardären, der englisch-französischen und der deutschen Gruppe, die eine Neuaufteilung der Welt erstreben.

Die englisch-französische Kapitalistengruppe will in erster Linie Deutschland berauben, indem sie ihm seine Kolonien fortnimmt (sie sind jetzt schon fast alle fortgenommen) und außerdem die Türkei.

Die deutsche Kapitalistengruppe will die Türkei für sich haben und sich durch die Annexion der kleinen Nachbarstaaten (Belgien, Serbien, Rumänien) für den Verlust der Kolonien schadlos halten.

Das ist die wirkliche Wahrheit, sie wird verschleiert durch die bürgerlichen Lügen vom „Befreiungskrieg“, von einem „nationalen“ Krieg, einem „Krieg für Recht und Gerechtigkeit“ und ähnliches Papperlapapp, womit die Kapitalisten immer das einfache Volk zum Narren halten.

Rußland führt den Krieg nicht mit seinem Geld. Das russische Kapital ist ein Teilhaber des englisch-französischen Kapitals. Rußland führt den Krieg, um Armenien, die Türkei und Galizien auszurauben.

Gutschkow, Lwow, Miljukow, unsere jetzigen Minister, sind keine x-beliebigen Leute. Sie sind Vertreter und Führer der ganzen Gutsbesitzer- und Kapitalistenklasse. Sie sind durch die Interessen des Kapitals gebunden. Die Kapitalisten können auf ihre Interessen ebensowenig verzichten, wie ein Mensch sich selbst an seinen Haaren hochziehen kann.

Zweitens sind die Gutschkow-Miljukow und Co. durch das englisch-französische Kapital gebunden. Sie führten und führen den Krieg mit fremdem Geld. Sie haben versprochen, für die geliehenen Milliarden alljährlich Hunderte Millionen Zinsen zu zahlen und diesen Yribut aus den russischen Arbeitern und Bauern herauszupressen.

Drittens sind die Gutschkow-Miljukow und Co. durch direkte Verträge über die Raubziele dieses Krieges an England, Frankreich, Italien, Japan und andere Gruppen kapitalistischer Räuber gebunden. Diese Verträge hat noch der Zar Nikolaus II. abgeschlossen. Die Gutschkow-Miljukow und Co. haben den Kampf der Arbeiter gegen die Zarenmonarchie benutzt, um die Macht an sich zu reißen, die vom Zaren geschlossenen Verträge aber haben sie bestätigt.

Das tat die gesamte Regierung Gutschkow-Miljukow in ihrem Manifest, das die Petersburger Telegrafenagentur am 7. (20.) März dem Ausland übermittelte: „Die Regierung“ (Gutschkows und Miljukows) „wird alle Verträge, die uns mit anderen Mächten verbinden, genauestens einhalten“, heißt es in diesem Manifest. Der neue Außenminister Miljukow hat in seinem Telegramm, das er am 5. (18.) März 1917 allen Vertretern Rußlands im Ausland sandte, das gleiche erklärt.

Alle diese Verträge sind Geheimverträge, und die Miljukow und Co. sind aus zwei Gründen gegen ihre Veröffentlichung: 1. fürchten sie das Volk, das keinen Raubkrieg will, und 2. sind sie durch das englisch-französische Kapital gebunden, das die Geheimhaltung der Verträge fordert. Wie aber jedem, der die Zeitungen liest und diese Dinge verfolgt, bekannt ist, handelt es sich in diesen Verträgen darum, daß China von Japan, daß Persien, Armenien, die Türkei (insbesondere Konstantinopel) und Galizien von Rußland, daß Albanien von Italien und daß schließlich die Türkei und die deutschen Kolonien usw. von Frankreich und England ausgeraubt werden sollen.

So liegen die Dinge.

Deshalb ist eine an die Regierung Gutschkow-Miljukow gerichtete Aufforderung, sie möge baldigst einen ehrlichen, demokratischen, gutnachbarlichen Frieden schließen, von demselben Wert wie etwa die Auf forderung eines gutherzigen Dorfpfaffen an die Gutsbesitzer und Kaufleute, sie mögen ein „gottgefälliges“ Leben führen, ihren Nächsten lieben und die rechte Backe zum Streich darbieten, wenn man sie auf die linke geschlagen hat. Die Gutsbesitzer und Kaufleute hören sich die Predigt an, fahren fort, das Volk zu unterdrücken und zu plündern, und sind davon entziickt, wie gut es der Pfaffe versteht, die „Bäuerlein“ zu trösten und zu beruhigen.

Genau dieselbe Rolle spielen – ganz gleich, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht – alle, die sich im gegenwärtigen imperialistischen Krieg mit frommen Friedensreden an die bürgerlichen Regierungen wenden. Die bürgerlichen Regierungen weigern sich manchmal überhaupt, solche Reden anzuhören, oder verbieten sie sogar; manchmal gestatten sie sie, wobei sie dann großzügig Versprechungen machen und erklären, daß sie ja den Krieg nur führen, um möglichst schnell „den allergerechtesten Frieden“ zu schließen, und schuld an der Fortsetzung des Krieges sei nur der Feind. Die Friedensreden, mit denen man sich an die bürgerlichen Regierungen wendet, sind in Wirklichkeit Volksbetrug.

Die Kapitalistengruppen, die die Erde mit Blut überschwemmt haben, um Länder, Märkte und Konzessionen aufzuteilen, können keinen „ehrenvollen“ frieden schließen. Sie können nur einen Schandfrieden schließen, einen Frieden über die Teilung der geraubten Beute, die Aufteilung der Türkei und der Kolonien.

Aüßerdem ist die Regierung Gutschkow-Miljukow gegenwärtig überhaupt nicht bereit, Frieden zu schließen, weil sie zur Zeit aus der „Beute“ „nur“ Armenien und einen Teil Galiziens erhalten würde; sie will aber außerdem Konstantinopel rauben und dazu noch von den Deutschen Polen zurückerobern, das der Zarismus stets so unmenschlich und schamlos unterdrückte. Ferner ist die Regierung Gutschkow-Miljukow weiter nichts als ein Kommis des englisch-französischen Kapitals, das die Deutschland entrissenen Kolonien behalten und darüber hinaus Deutschland zwingen will, Belgien und den besetzten Teil Frankreichs zurückzugeben. Das englisch-französische Kapital hat den Gutschkow und Miljukow geholfen, Nikolaus II. abzusetzen, damit sie ihm helfen, Deutschland zu „besiegen“.

Was muß also geschehen?

Um den Frieden (und erst recht einen wirklich demokratischen, wirklich ehrenvollen Frieden) zu erringen, muß die Macht im Staat nicht den Gutsbesitzern und Kapitalisten, sondern den Arbeitern und den armen Bauern gehören. Die Gutsbesitzer und Kapitalisten sind eine verschwindend kleine Minderheit der Bevölkerung, und jedermann weiß, daß sich die Kapitalisten am Krieg ungeheuer bereichern.

Die Arbeiter und armen Bauern sind die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Sie bereichern sich nicht am Krieg, sie sind dem Ruin und dem Hunger preisgegeben. Sie sind weder durch das Kapital noch durch die Verträge der räuberischen Kapitalistengruppen gebunden; sie können dem Krieg ein Ende machen, und sie haben den ehrlichen Willen dazu.

Wenn die Staatsmacht in Rußland den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten gehören würde, dann hätten diese Sowjets und der von ihnen gewählte gesamtrussische Sowjet die Möglichkeit – und wären sicher auch bereit –, das Friedensprogramm zu verwirklichen, das unsere Partei (die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands) bereits am 13. Oktober 1915 in Nr.47 ihres Zentralorgans, dem Sozial-Demokrat (der damals wegen der zaristischen Zensur in Genf erschien), umrissen hat.

Dieses Friedensprogramm würde wahrscheinlich folgendermaßen aussehen:

  1. Der Gesamtrussische Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten (oder der ihn provisorisch ersetzende Petersburger Sowjet) würde unverzüglich erklären, daß er durch keinerlei Verträge, weder der Zarenmonarchie noch der bürgerlichen Regierungen, gebunden ist.

  2. Er würde alle diese Verträge unverzüglich veröffentlichen, um die räuberischen Ziele der Zarenmonarchie und ausnahmslos aller bürgerlichen Regierungen öffentlich zu brandmarken.

  3. Er würde unverzüglich und öffentlich allen kriegführenden Mächten vorschlagen, einen sofortigen Waffenstillstand abzuschließen.

  4. Er würde unverzüglich unsere Friedensbedingungen, die Friedensbedingungen der Arbeiter und Bauern, zur allgemeinen Kenntnisnahme veröffentlichen:

  5. Er würde erklären, daß er von den bürgerlichen Regierungen nichts Gutes erwartet, daß er vielmehr die Arbeiter aller Länder auffordert, die bürgerlichen Regierungen zu stürzen und alle Macht im Staate den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu übergeben.

  6. Er würde erklären, daß die Herren Kapitalisten die Milliardenschulden, die die bürgerlichen Regierungen gemacht haben, um diesen verbrecherischen Raubkrieg zu führen, selbst bezahlen sollen, daß die Arbeiter und Bauern diese Schulden nicht anerkennen. Die Zinsen für diese Anleihen zu zahlen würde bedeuten, den Kapitalisten auf Jahre hinaus Tribut dafür zu zahlen, daß sie den Arbeitern gnädigst erlaubt haben, sich gegenseitig totzuschießen, damit die Kapitalisten ihre Beute teilen können.

Arbeiter und Bauern! würde der Sowjet der Arbeiterdeputierten sagen, seid ihr willens, den Herren Kapitalisten Jahr für Jahr Hunderte von Millionen Rubel als Belohnung für den Krieg zu zahlen, der um die Teilung der afrikanischen Kolonien, der Türkei usw. geführt wurde?

Für solche Friedensbedingungen würde der Sowjet der Arbeiterdeputierten meiner Meinung nach bereit sein, gegen jede beliebige bürgerliche Regierung und gegen alle bürgerlichen Regierungen der Welt Krieg zu führen, weil das ein wirklich gerechter Krieg wäre, weil alle Arbeiter und die Werktätigen aller Länder zum erfolgreichen Ausgang dieses Kriegs beitragen würden.

Der deutsche Arbeiter sieht jetzt, daß die kriegerische Monarchie in Rußland von einer kriegerischen Republik abgelöst wird, einer Republik der Kapitalisten, die den imperialistischen Krieg fortsetzen wollen, die die Raubverträge der Zarenmonarchie bestätigen.

Urteilt selbst, kann der deutsche Arbeiter einer solchen Republik Vertrauen entgegenbringen?

Urteilt selbst, wird der Krieg weitergehen können, wird sich die Herrschaft der Kapitalisten in der Welt behaupten können, wenn das russische Volk, dem die lebendigen Traditionen der großen Revolution des „Jahres 1905“ geholfen haben und helfen, die volle Freiheit erringt und die ganze Staatsmacht den Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten übergibt?







Fünfter Brief


Die Aufgaben der revolutionären proletarischen Staatsordnung

26. März (8. April) 1917

Bolschewik Nr. 3 – 4, von 1924

Lenin, Werke, Band 23, Seite 355 -357





In den vorhergehenden Briefen wurden die gegenwärtigen Aufgaben des revolutionären Proletariats in Rußland folgendermaßen skizziert: 1. verstehen, auf dem richtigsten Weg zur nächsten Etappe der Revolution bzw. zur zweiten Revolution zu gelangen, die 2. die Staatsmacht den Händen der Gutsbesitzer- und Kapitalistenregierung (der Gutschkow, Lwow, Miljukow und Kerenski) entreißen und sie der Regierung der Arbeiter und der armen Bauern übergeben muß. 3. Diese Regierung muß nach dem Muster der Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten organisiert sein; sie muß 4. die alte, für alle bürgerlichen Staaten charakteristische Staatsmaschine, die Armee, die Polizei, die Bürokratie (das Beamtentum), zerschlagen und völlig beseitigen, indem sie 5. diese Maschine durch eine Organisation des bewaffneten Volkes ersetzt, die nicht nur große Massen, sondern ausnahmslos das gesamte Volk umfaßt. 6. Nur eine solche Regierung – „eine solche“ in bezug auf ihre Klassenzusammensetzung („revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“) und ihre Verwaltungsorgane („proletarische Miliz“) – ist imstande, die außerordentlich schwierige, absolut unaufschiebbare Aufgabe, die }Hauptaufgabe des gegenwärtigen Augenblicks, erfolgreich zu lösen, nämlich den Frieden herbeizuführen, und zwar keinen imperialistischen Frieden, keine Abmachung imperialistischer Mächte über die Teilung der von den Kapitalisten und ihren Regierungen geraubten Beute, sondern einen wirklich dauerhaften und demokratischen Frieden, der ohne die proletarische Revolution in einer Reihe von Ländern nicht erreicht werden kann. 7. In Rußland ist der Sieg des Proletariats in der allernächsten Zeit nur unter der Bedingung möglich, daß die Arbeiter von Anfang an durch den Kampf der gewaltigen Mehrheit der Bauernschaft um die Konfiskation des gesamten gutsherrlichen Grundbesitzes (und um die Nationalisierung des gesamten Bodens, wenn man annimmt, daß das Agrarprogramm der „104“ seinem Wesen nach das Agrarprogramm der Bauernschaft geblieben ist) unterstützt werden. 8. Im Zusammenhang mit einer solchen Bauernrevolution und auf ihrem Boden kann und muß das Proletariat im Bündnis mit dem armen Teil der Bauernschaft weitere Schritte unternehmen, die auf die Kontrolle der Produktion und der Verteilung der wichtigsten Produkte, auf die Einführung der „allgemeinen Arbeitspflicht“ usw. gerichtet sind. Diese Schritte werden mit gebieterischer Notwendigkeit von den Verhältnissen diktiert, die der Krieg geschaffen hat und die sich in der Nachkriegszeit in vieler Beziehung sogar noch zuspitzen werden; in ihrer Gesamtheit und in ihrer Entwicklung aber würden sie den Übergang zum Sozialismus bedeuten, der in Rußland nicht unmittelbar, mit einem Schlag, ohne Übergangsmaßnahmen verwirklicht werden kann, aber als Resultat solcher Übergangsmaßnahmen durchaus realisierbar und überaus notwendig ist. 9. Eine besonders dringende Aufgabe ist hierbei die sofortige Schaffung von besonderen Sowjets der Arbeiterdeputierten auf dem Lande, d.h. von Sowjets der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter, getrennt von den Sowjets der übrigen Bauerndeputierten.

Das ist in Kürze das von uns vorgeschlagene Programm; es beruht auf einer Analyse der Klassenkräfte der russischen und der Weltrevolution sowie auf den Erfahrungen von 1871 und 1905.

Versuchen wir jetzt, dieses Programm in seiner Gesamtheit zu betrachten und gehen wir zugleich kurz darauf ein, wie K. Kautsky, der bedeutendste Theoretiker der „Zweiten“ Internationale (1889-1914) und prominenteste Vertreter der in allen Ländern zu beobachtenden Richtung des zwischen den Sozialchauvinisten und den revolutionären Internationalisten schwankenden „Zentrums“, des „Sumpfes“, an dieses Thema herangeht. Kautsky behandelt dieses Thema in seiner Zeitschrift Die Neue Zeit (in der Nummer vom 6. April 1917 neuen Stils), in dem Artikel Die Aussichten der russischen Revolution.

Vor allem“, schreibt Kautsky, „müssen wir uns klarwerden über die Aufgaben, die einem revolutionären proletarischen Regime ‚erstehen‘.“

Zwei Dinge sind es“, fährt der Autor fort, „die das Proletariat dringend braucht: Demokratie und Sozialismus.“

Diesen völlig unanfechtbaren Satz stellt Kautsky leider in einer viel zu allgemeinen Form auf, so daß er im Grunde genommen nichts sagt und nichts erklärt. Miljukow und Kerenski, Mitglieder einer bürgerlichen und imperialistischen Regierung, würden diesen allgemeinen Satz gern unterschreiben, der eine in seinem ersten, der andere in seinem zweiten Teil ...

 Hier bricht das Manuskript ab. Die Red.