1. Mai auf dem Roten Platz 1945







Wladimir Iljitsch Lenin





1. Mai



Zusammenstellung einiger Schriften, Flugblätter und Zitate

ausgewählt von der Komintern (SH) aus Anlass des 140. Geburtstag Lenins - ( 22. April 1870 )





Die Vereinigung der Arbeiterklasse, ihr Zusammenschluss, beschränkt sich nicht auf die Grenzen eines Landes oder auf eine Nationalität: die Arbeiterparteien verschiedener Staaten verkünden laut und vernehmlich die völlige Übereinstimmung (Solidarität) der Interessen und Ziele der Arbeiter der ganzen Welt. Sie kommen zu Kongressen zusammen, stellen gemeinsame Forderungen an die Kapitalistenklasse aller Länder auf, führen einen internationalen Feiertag des ganzen vereinten, nach seiner Befreiung strebenden Proletariats ( den 1. Mai ) ein und schließen die Arbeiterklasse aller Nationalitäten und aller Länder zu einer einzigen großen Arbeiterarmee zusammen.

Die Vereinigung der Arbeiter aller Länder ist eine Notwendigkeit, dadurch hervorgerufen, dass die über die Arbeiter herrschenden Kapitalistenklasse ihre Herrschaft nicht auf ein einzelnes Land beschränkt. Die Herrschaft des Kapitals ist international. Das ist der Grund, weshalb auch der Kampf der Arbeiter aller Länder für ihre Befreiung nur dann Erfolg haben kann, wenn die Arbeiter gemeinsam gegen das internationale Kapital vorgehen. (Lenin, Band 2, Seite 101 – 102).









In einem halben Jahr werden die russischen Arbeiter den 1. Mai im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts feiern – und es ist an der Zeit, dafür zu sorgen, dass diese Feier möglichst viele Zentren erfasst, dass sie möglichst eindrucksvoll wird, nicht nur durch ihre Teilnehmerzahl, sondern auch durch die Organisiertheit und Bewusstheit der Teilnehmer, durch ihre Entschlossenheit, den konsequenten Kampf für die politische Befreiung des russischen Volkes aufzunehmen und damit auch für die freien Bedingungen der Entwicklung des Proletariats als Klasse und seines offenen Kampfes um den Sozialismus. ( Lenin, Band 4, Seite 357)



In einer Epoche starker gesellschaftlicher Gärung, wenn die politische Atmosphäre mit Elektrizität geladen ist und bald hier, bald dort aus den verschiedensten, überraschendsten Anlässen zu immer häufigeren Ausbrüchen kommt, die das Nahen des revolutionären Sturmes verkünden – kurzum, in einer Zeit, in der man agitieren muss oder man hat das nachsehen, können nur organisierte revolutionäre Kräfte einen wesentlichen Einfluss auf den Gang der Ereignisse ausüben. Der einzelne wird dann machtlos, dem revolutionären Werk gewachsen sind nur Einheiten höherer Ordnung: revolutionäre Organisationen.“ (Plechanow) (zitiert bei Lenin, Band 4, Seite 359)



Im Laufe des ganzen Jahres stellen die Arbeiter ständig, bald hier, bald dort, verschiedene Teilforderungen an die Unternehmer und kämpfen für diese Forderungen: bei der Unterstützung dieses Kampfes müssen die Sozialisten stets auf den Zusammenhang mit dem Befreiungskampf des Proletariats in allen Ländern hinweisen. Und der 1. Mai muss der Tag sein, an dem die Arbeiter die feierliche Erklärung abgeben, dass sie sich dieses Zusammenhanges bewusst sind und sich diesem Kampf mit aller Entschlossenheit anschließen. ( Lenin, Band 4, Seite 361)









Hundertfach verdient der den Namen eines Helden, der es vorzieht, lieber im offenen Kampf gegen die Verteidiger und Hüter dieser niederträchtigen Ordnung das Leben zu lassen, als den langsamen Tod eines stumpfsinnigen, abgerackerten und geduldigen Gauls zu sterben. (Lenin, Band 5, Seite 14)

Hier und dort war es den Arbeitern verhältnismäßig leicht gelungen, die Unternehmer durch Streiks zu Zugeständnissen zu zwingen, und man begann diesem „ökonomischen“ Kampf übertrieben große Bedeutung beizumessen. Man begann zu vergessen, dass es den Gewerkschafts- (Berufs-) Verbänden der Arbeiter und den Streiks im besten Falle nur gelingt, etwas vorteilhaftere Bedingungen für den Verkauf der Ware Arbeitskraft durchzusetzen. Berufsverbände und Streiks können nicht helfen, wenn diese „Ware“ infolge der Krise keine Nachfrage findet. Sie sind außerstande, jene Verhältnisse zu ändern, die die Arbeitskraft zur Ware machen und die Massen der Werktätigen zu drückendster Not und Arbeitslosigkeit verurteilen. Um diese Verhältnisse zu ändern, ist der revolutionäre Kampf gegen die gesamte gegenwärtige soziale und politische Ordnung notwendig, und die industrielle Krise wird viele, viele Arbeiter veranlassen, sich von der Richtigkeit dieser Erkenntnis zu überzeugen. (Lenin, Band 5, Seite 16).









Die Arbeiter treten in den Streik, wenn die Regierung ihre Drohung wahr macht, alle zu entlassen, die am 1. Maigefeiert“ haben; die Intelligenz schweigt, wenn man Angehörigen der Intelligenz verbietet … den Hungernden Hilfe zu erweisen. ( Lenin, Band 5, Seite 255).





Durch Kundgebungen allein entwickelt man das Klassenbewusstsein nicht. (Lenin, Band 6, Seite 160)

Es muss hinzugefügt werden, dass der 1. Mai bei uns auch zu einer Demonstration gegen die Selbstherrschaft , zu einer Forderung nach politischer Freiheit werden muss. Es genügt nicht, auf die internationale Bedeutung dieses Feiertags hinzuweisen. Auch den Kampf um die dringendsten nationalen politischen Forderungen muss man dabei verbinden. ( Lenin, Band 6, Seite 160)





(Über die Berichte an den allgemeinen Parteitag; IV. Charakter, Inhalt und Umfang der örtlichen Arbeit)

21. Maifeiern. Geschichte jeder Maifeier und Lehren für die Zukunft. (Lenin, Band 6, Seite 290)





II. Parteitag der SDAPR; 5. Entwürfe kleinerer Resolutionen)

Der 1. Mai

Der Parteitag bestätigt die bereits zur Tradition gewordene Feier des 1. Mai und lenkt die Aufmerksamkeit aller Parteiorganisationen auf die Wahl der unter unseren Verhältnissen passendsten Zeit und Art, den internationalen Feiertag des proletarischen Befreiungskampfes zu begehen. (Lenin, Band 6, Seite 472)







Der 1. Mai

Entwurf eines Flugblatts

geschrieben im April 1904



Genossen Arbeiter !

Es naht der 1. Mai, der Tag, an dem die Arbeiter aller Länder ihr Erwachen zum bewussten Leben feiern, ihre Vereinigung im Kampf gegen jede Bedrückung und jede Knechtschaft des Menschen durch den Menschen, im Kampf für die Befreiung der Millionen Werktätigen von Hunger, Elend und Erniedrigung feiern. Zwei Welten stehen einander in diesem gewaltigen Kampf gegenüber: die Welt des Kapitals und die Welt der Arbeit, die Welt der Ausbeutung und Sklaverei und die Welt der Brüderlichkeit und Freiheit.

Auf der einen Seite – ein Häuflein reicher Schmarotzer. Sie haben Fabriken und Werke, Arbeitsgeräte und Maschinen an sich gerissen. Sie haben Millionen Desjatinen von Land und Berge von Geld in ihr Privateigentum verwandelt. Sie haben die Regierung und das Heer gezwungen, ihre Diener, die treuen Wächter des von ihnen angehäuften Reichtums zu sein.

Auf der anderen Seite - Millionen Enterbter. Sie müssen bei den Reichen um Erlaubnis bitten, für sie arbeiten zu dürfen. Sie schaffen durch ihre Arbeit alle Reichtümer, selber aber plagen sie sich ihr ganzes Leben lang für ein Stückchen Brot ab, sie betteln um Arbeit wie um ein Almosen, hungern in den Elendshütten der Dörfer, in den Kellerlöchern und Dachstuben der großen Städte.

Und nun haben diese Enterbten und Werktätigen den Reichen und Ausbeutern den Krieg erklärt. Die Arbeiter aller Länder kämpfen für die Befreiung der Arbeit von Lohnsklaverei, von Elend und Not. Sie kämpfen für die Errichtung einer Gesellschaft, in welcher die durch gemeinsame Arbeit erzeugten Reichtümer allen Werktätigen zu Gute kämen und nicht einem Häuflein Reicher. Sie wollen, dass der Grund und Boden, die Fabriken und Werke, die Maschinen in das Gemeineigentum aller Arbeitenden umgewandelt werden. Sie wollen, dass es keine Reichen und keine Armen gibt, dass die Früchte der Arbeit denen zufallen, die arbeiten, dass alle Errungenschaften des menschlichen Geistes, alle Verbesserungen in der Arbeit das Leben dessen verbessern, der arbeitet, und nicht als Werkzeug zur Unterdrückung des Arbeitenden dienen.

Der gewaltige Kampf der Arbeit gegen das Kapital hat die Arbeiter aller Länder riesige Opfer gekostet. Viel Arbeiterblut ist geflossen bei der Verteidigung des Rechtes auf ein besseres Leben und auf eine wirkliche Freiheit. Maßlos sind die Verfolgungen, denen die Regierungen die Kämpfer für die Arbeiterklasse aussetzen. Aber das Bündnis der Arbeiter der ganzen Welt wächst und erstarkt – allen Verfolgungen zum Trotz. Die Arbeiter schließen sich immer fester zu sozialistischen Parteien zusammen, die Anhänger der sozialistischen Parteien zählen schon nach Millionen, und Schritt um Schritt gehen sie unbeirrt dem vollständigen Sieg über die Klasse der kapitalistischen Ausbeuter entgegen.

Auch das russische Proletariat ist zu neuem Leben erwacht und hat sich diesem großen Kampf angeschlossen. Vorbei sind die Zeiten, da unser Arbeiter unterwürfig den Rücken krümmte, ohne einen Ausweg aus seinem Sklavendasein zu sehen, ohne einen Lichtstrahl in seinem Zuchthausleben zu sehen. Der Sozialismus hat diesen Ausweg gezeigt, und dem roten Banner folgten wie einem Leitstern Tausende und aber Tausende Kämpfer. Die Streiks zeigten den Arbeitern die Stärke des Zusammenschlusses, sie lehrten die Arbeiter, Widerstand zu leisten, sie zeigten, welche Schrecken die organisierte Arbeiterschaft dem Kapital einjagt. Die Arbeiter sahen mit eigenen Augen, dass die Kapitalisten und die Regierung von ihrer Arbeit leben und sich an ihr bereichern. In den Arbeitern erwachte das Streben nach gemeinsamem Kampf, nach Freiheit und nach Sozialismus. Die Arbeiter hatten begriffen, welch böse und finstere Kraft die zaristische Selbstherrschaft ist. Die Arbeiter brauchen Bewegungsfreiheit für den Kampf, die zaristische Regierung aber bindet sie an Händen und Füßen. Die Arbeiter brauchen freie Versammlungen, freie Verbände, freie Bücher und Zeitungen, die zaristische Regierung aber unterdrückt jede freiheitliche Regung durch Gefängnis, Knute und Bajonette. In ganz Russland erscholl der Ruf „Nieder mit der Selbstherrschaft !“ Immer häufiger ertönte dieser Ruf auf den Straßen, in den von vielen Tausenden besuchten Arbeiterversammlungen. Im Sommer des vorigen Jahres erhoben sich in ganz Südrussland Zehntausende von Arbeitern, sie erhoben sich zum Kampf für ein besseres Leben, für die Befreiung vom polizeilichen Joch. Bourgeoisie und Regierung erzitterten beim Anblick der Furcht gebietenden Arbeiterarmee, die mit einem Schlage die ganze Industrie großer Städte zum Stillstand brachte. Dutzende von Kämpfern für die Arbeitersache fielen unter den Kugeln der zaristischen Truppen, die gegen den inneren Feind eingesetzt wurden.

Doch keine Macht ist imstande, diesen inneren Feind zu besiegen, denn nur dank seiner Arbeit können sich die herrschenden Klassen und die Regierung halten. Es gibt keine Macht auf Erden, welche die Millionen Arbeiter niederringen könnte, die immer klassenbewusster werden, sich immer fester zusammenschließen und organisieren. Jede Niederlage der Arbeiter erzeugt neue Kämpferreihen, lässt breitere Massen zu neuem Leben erwachen und sich zu neuem Kampf rüsten.

Russland aber macht jetzt Ereignisse durch, die bewirken, dass dieses Erwachen der Arbeitermassen unweigerlich noch schneller und in noch größerem Ausmaß erfolgt, die verlangen, dass wir alle Kräfte anspannen, um die Reihen des Proletariats zu schließen und es auf einen noch entschlosseneren Kampf vorzubereiten. Der Krieg weckt das Interesse für politische Dinge und Fragen auch bei den rückständigsten Schichten des Proletariats. Der Krieg entlarvt immer klarer, immer anschaulicher, wie morsch das Regime der Selbstherrschaft, wie verbrecherisch die Bande der Polizeischergen und Hofschranzen ist, die Russland regiert. Unser Volk verelendet und stirbt Hungers im eigenen Land – und da hat man es in einen verheerenden und sinnlosen Krieg hineingehetzt, der um neue fremde Länder geführt wird, die von einer fremden Bevölkerung besiedelt sind und Tausende West entfernt liegen. Unser Volk leidet unter der politischen Sklaverei – und da hat man es in einen Krieg zur Versklavung neuer Völker hineingehetzt. Unser Volk fordert die Umgestaltung der politischen Verhältnisse im eigenen Land – und da lenkt man seine Aufmerksamkeit ab durch Kanonendonner am andern Ende der Welt. Doch die zaristische Regierung ist zu weit gegangen in ihrem Hasardspiel, in ihrer verbrecherischen Verschleuderung von Volksgut und ihrem Frevel an jungen Menschen, die an der Küste des Stillen Ozeans ihr Leben opfern müssen. Jeder Krieg erfordert eine Anspannung der Volkskräfte, aber der schwere Krieg gegen das zivilisierte und freie Japan erfordert von Russland gigantische Anspannung. Und diese Anspannung fällt in eine Zeit, da das Gebäude der polizeilichen Selbstherrschaft unter den Schlägen des erwachenden Proletariats bereits zu wanken begonnen hat. Der Krieg entblößt alle schwachen Seiten der Regierung, der Krieg reißt die falschen Aushängeschilder herunter, der Krieg offenbart die innere Fäulnis, der Krieg treibt den Aberwitz der zaristischen Selbstherrschaft so weit, dass er jedermann ins Auge springt, der Krieg zeigt allen die Agonie des alten Russlands, des rechtlosen, unwissenden und getretenen Russlands, des Russlands, das in leibeigener Abhängigkeit von der Polizeiregierung verharrt.

Das alte Russland stirbt. An seine Stelle tritt ein freies Russland. Die dunklen Mächte, welche die zaristische Selbstherrschaft schützten, gehen unter.

Doch nur das klassenbewusste, nur das organisierte Proletariat ist imstande, diesen dunklen Mächten den Todesstoß zu versetzen.

Nur das klassenbewusste und organisierte Proletariat ist imstande, dem Volk die wahre, die unverfälschte Freiheit zu erkämpfen.

Nur das klassenbewusste und organisierte Proletariat ist imstande, jedem Versuch, das Volk zu prellen, seine Rechte zu schmälern, es zu einem bloßen Werkzeug in den Händen der Bourgeoisie zu machen, Widerstand entgegenzusetzen.

Genossen Arbeiter !

So lasst uns mit verzehnfachter Energie den nahenden Entscheidungskampf vorbereiten !

Lasst uns die Reihen der sozialdemokratischen Proletarier [ 1904 nannten sich die kommunistischen Arbeiter noch „sozialdemokratisch“ - Anmerkung der Komintern (SH) ] enger schließen !

Ihre Propaganda erfasse immer breitere Massen !

Kühner entfalte sich die Agitation für die Arbeiterforderungen !

Möge der Feiertag des 1. Mai uns Tausende neuer Kämpfer zuführen und unsere Kräfte in dem großen Kampf um die Freiheit des ganzen Volkes, um die Befreiung aller Werktätigen vom Joch des Kapitals verdoppeln !

Es lebe der achtstündige Arbeitstag !

Es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie !

Nieder mit der verbrecherischen und räuberischen zaristischen Selbstherrschaft !

(veröffentlicht mit Änderungen im April 1904 als Flugblatt)



[ 1905 kam es dann in Russland zur damals größten Massenrevolution der Welt, in der sich das russische Proletariat auf den Roten Oktober 1917 vorbereitete – Anmerkung der Komintern (SH) siehe unser Artikel „100 Jahre Aufstand von 1905“ ]







Plan für ein Flugblatt zum 1. Mai

      1. Frühling“ der Worte und Scheußlichkeit der Taten.

      2. Bulygins Betrug.

      3. Der Krieg und der Zusammenbruch des Regierungssystems.

      4. Zerrüttung, Hunger Cholera …

      5. Sankt Petersburg, Riga, Warschau etc. der 9. Januar.

      6. Baku und die drohende antijüdische Bewegung.

      7. Revolutionärer Streik und revolutionäre Bewegung am 9. Januar und danach. Die Revolution !

      8. Die Bauernbewegung. Ihre Unterdrückung und ihre Ziele.

      9. Die konstituierende Versammlung und die provisorische revolutionäre Regierung.

      10. Kampf um die Republik und alle demokratischen Freiheiten.

      11. Der Kampf des Proletariats um die Republik und für den Sozialismus.

      12. Das revolutionäre russische Proletariat an der Spitze des revolutionären Weltproletariats.

geschrieben vor dem 12. [ 25. ] April 1905

(Lenin, Band 8, Seite 341 - 342)





Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands

Proletarier aller Länder, vereinigt euch !

Der Erste Mai

geschrieben vor dem 12. [ 25. ] April 1905.

(Lenin, Band 8, Seite 342 – 346)





Genossen Arbeiter !

Der große Feiertag der Arbeiter der ganzen Welt steht bevor. Am 1. Mai feiern sie ihr Erwachen zum Licht und zum Wissen, ihren Zusammenschluss zu einem einheitlichen brüderlichen Bund für den Kampf gegen jede Unterdrückung, gegen jede Willkür, gegen jede Ausbeutung, für den Kampf um den sozialistischen Aufbau der Gesellschaft. Alle die arbeiten, die durch ihrer Arbeit die Reichen und Vornehmen ernähren, die ihr Leben damit verbringen, für kärglichen Lohn über ihre Kräfte hinaus zu arbeiten, die niemals in den Genuss der Früchte ihrer Arbeit kommen, die mitten im Luxus und im Glanz unserer Zivilisation wie Lastvieh leben – sie alle reichen sich die Hände zum Kampf für die Befreiung und das Glück der Arbeiter. Nieder mit der Feindschaft zwischen den Arbeitern verschiedener Nationalitäten oder verschiedener Konfessionen ! Eine solche Feindschaft nützt nur den Räubern und Tyrannen, die aus der Unwissenheit und der Zersplitterung des Proletariats ihren Vorteil ziehen. Der Jude und der Christ, der Armenier und der Tatar, der Pole und der Russe, der Finne und der Schwede, der Lette und der Deutsche – alle alle marschieren, zusammen unter dem einen gemeinsamen Banner des Sozialismus. Alle Arbeiter sind Brüder, und ihr fester Bund ist die ganze Gewähr für das Wohl und das Glück der ganzen werktätigen und unterdrückten Menschheit. Am 1. Mai hält dieser Bund der Arbeiter aller Länder, die internationale Sozialdemokratie [ 1905 nannten sich die kommunistischen Arbeiter noch „sozialdemokratisch“ - Anmerkung der Komintern (SH) ] , Heerschau über seine Kräfte und schließt sich zusammen zum neuen, unermüdlichen, unbeugsamen Kampf für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Genossen !

Wir stehen jetzt in Russland am Vorabend großer Ereignisse. Wir haben den letzten erbitterten Kampf gegen die absolutistische Zarenregierung aufgenommen, und wir müssen diesen Kampf bis zum siegreichen Ende führen. Seht, welches Unglück diese Regierung der Wüteriche und Tyrannen, die Regierung der käuflichen Zarenhöflinge und der Steigbügelhalter des Kapitals über das ganze russische Volk gebracht hat ! Die Zarenregierung hat das russische Volk in den wahnwitzigen Krieg gegen Japan getrieben. Hunderttausende junger Menschenleben sind dem Volk entrissen und im Fernen Osten zu Grunde gerichtet worden. Es fehlen einem die Worte, um all die Leiden zu beschreiben, die dieser Krieg mit sich bringt. Und worum geht es in diesem Krieg ? Um die Mandschurei, die unsere räuberische Zarenregierung China weggenommen hat ! Um fremdes Land wird russisches Blut vergossen und unser Land ruiniert. Immer schwerer wird das Leben des Arbeiters und des Bauern, immer fester ziehen ihnen Kapitalisten und Beamte die Schlinge um den Hals, die Zarenregierung aber schickt das Volk aus, fremdes Land zu rauben. Die unfähigen zaristischen Generäle und die käuflichen Beamten haben die russische Flotte der Vernichtung preisgegeben, haben Hunderte und Tausende von Millionen Volksvermögen verschleudert, haben ganze Armeen verloren – der Krieg aber wird weiter fortgesetzt und fordert immer neue Opfer. Das Volk wird ruiniert, Industrie und Handel kommen zum Erliegen, Hunger und Cholera drohen auszubrechen, die absolutistische Zarenregierung aber geht in sturer Verblendung den alten Weg; sie ist bereit, Russland zu Grunde gehen zu lassen, wenn nur das Häuflein der Wüteriche und Tyrannen gerettet wird, sie beginnt neben dem Krieg gegen Japan einen zweiten Krieg – den Krieg gegen das ganze russische Volk.

Noch nie hat Russland ein solches Erwachen aus dem Schlaf, aus Dumpfheit und Unfreiheit erlebt wie jetzt. Alle Klassen der Gesellschaft, von den Arbeitern und Bauern bis zu den Gutsbesitzern und Kapitalisten, sind in Bewegung geraten, überall – in Petersburg und im Kaukasus, in Polen und in Sibirien – sind Stimmen der Empörung lau geworden. Überall fordert das Volk die Einstellung des Krieges, es fordert die Errichtung einer freien Volksverwaltung, die Einberufung von Deputierten aller, ausnahmslos aller Staatsbürger zu einer konstituierenden Versammlung, um eine Volksregierung einzusetzen und das Volk vor jenem Abgrund zu retten, dem die zaristische Selbstherrschaft das Volk entgegenführt. Petersburger Arbeiter, etwa zweihunderttausend an der Zahl, zogen mit dem Priester Georgi Gapon am Sonntag dem 9. Januar, zum Zaren, um ihm diese Forderungen des Volkes darzulegen. Der Zar empfing die Arbeiter wie Feinde, der Zar ließ Tausende wehrloser Arbeiter auf den Straßen von Petersburg niederschießen. Der Kampf brodelt jetzt in ganz Russland, die Arbeiter streiken, sie fordern Freiheit und ein besseres Leben, in Riga und in Polen, an der Wolga und im Süden fließt Blut, überall erheben sich die Bauern. Der Kampf um Freiheit wird zum Kampf des ganzen Volkes.

Die Zarenregierung gebärdet sich wie toll. Sie will Geld borgen, um den Krieg fortzusetzen, aber man gewährt ihr schon keinen Kredit mehr. Sie verspricht, Volksvertreter einzuberufen, aber in Wirklichkeit bleibt alles beim Alten, die Verfolgungen hören nicht auf, die Beamtenwillkür bleibt dieselbe, es gibt keine freien Versammlungen, keine freien Volkszeitungen, die Gefängnisse, in denen die Kämpfer für die Sache der Arbeiter schmachten, werden nicht geöffnet. Die zaristische Regierung will ein Volk gegen das andere hetzen: in Baku verleumdete sie die Armenier bei den Tartaren und ließ es zu einem Blutbad kommen, jetzt bereitet sie ein neues Gemetzel gegen die Juden vor, indem sie im unwissenden Volk Hass gegen die Juden entfacht.

Genossen Arbeiter !

Wir werden eine solche Verhöhnung des russischen Volkes nicht länger dulden. Wir erheben uns zur Verteidigung der Freiheit, wir setzen uns gegen alle zur Wehr, die den Zorn des Volkes von unserm wirklichen Feind ablenken wollen. Wir werden uns mit der Waffe in der Hand zum Aufstand erheben, um die Zarenregierung zu stürzen und Freiheit für das ganze Volk zu erkämpfen.

Zu den Waffen, Arbeiter und Bauern !

Veranstaltet geheime Zusammenkünfte, stellt Kampfgruppen auf, versorgt euch mit allen möglichen Waffen, schickt Vertrauensleute zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, um euch Rat zu holen ! Möge der 1. Mai dieses Jahres für uns der Feiertag des Volksaufstandes sein, bereiten wir uns darauf vor, achten wir auf das Signal zum entscheidenden Angriff gegen den Tyrannen. Nieder mit der Zarenregierung ! Wir werden sie stürzen und eine provisorische revolutionäre Regierung einsetzen, damit diese eine konstituierende Volksversammlung einberuft. Die Deputierten des Volkes sollen durch allgemeine, direkte, gleiche und geheime Abstimmung gewählt werden. Alle Freiheitskämpfer sollen aus den Gefängnissen entlassen werden und aus der Verbannung zurückkehren. Die Volksversammlungen sollen offen veranstaltet werden und die Zeitungen des Volkes ohne Überwachung durch die verfluchten Beamten erscheinen. Das ganze Volk soll sich bewaffnen, jedem Arbeiter soll eine Waffe gegeben werden, damit das Volk selbst, und nicht eine handvoll Räuber, über sein Schicksal entscheidet. In den Dörfern sollen freie Bauernkomitees zusammentreten, damit die Macht der Gutsbesitzer, der Fronherren, gestürzt wird, damit das Volk von den Beamten nicht mehr verhöhnt wird, damit die Bauern den ihnen geraubten Grund und Boden zurück erhalten.

Das wollen die Sozialdemokraten, dafür rufen sie auf, mit der Waffe in der Hand zu kämpfen: für volle Freiheit, für die demokratische Republik, für den Achtstundentag, für die Bauernkomitees. Rüstet euch zu dem großen Kampf, Genossen Arbeiter, legt am 1. Mai die Fabriken und Betriebe still, oder greift zu den Waffen, handelt so, wie es euch die Komitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei raten. Die Stunde des Aufstands hat noch nicht geschlagen, aber sie ist nicht mehr fern. Die Arbeiter der ganzen Welt blicken jetzt mit angehaltenem Atem auf das heroische russische Proletariat, das der Sache der Freiheit unzählige Opfer gebracht hat. Die Petersburger Arbeiter riefen bereits an jenem berühmten 9. Januar: Freiheit oder Tod ! Arbeiter ganz Russlands, wir wiederholen diesen hehren Kampfruf, wir werden keine Opfer scheuen, wir erkämpfen uns durch den Aufstand die Freiheit, durch die Freiheit den Sozialismus !

Es lebe der 1. Mai, es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie ! [ 1918 benannte sich Lenins Partei um in Kommunistisch Partei Russlands [ Bolschewiki ] - Anmerkung der Komintern (SH) ]

Es lebe die Freiheit der Arbeiter und Bauern, es lebe die demokratische Republik ! Nieder mit der zaristischen Selbstherrschaft !

Das Büro der Komitees der Mehrheit

Die Redaktion des „Wperjod“

1905 als Flugblatt veröffentlicht









Die revolutionäre Bewegung des Proletariats in Russland hat eine höhere Stufe erreicht. Begannen sie im Jahre 1905 mit Massenstreiks und der Gaponiade, so beginnt die Bewegung im Jahre 1912, ungeachtet der Zertrümmerung unserer Parteiorganisationen durch die Polizei, mit Massenstreiks und der Aufpflanzung des republikanischen Banners ! Einzelne „Zellen“, voneinander isolierte „Gruppen“ von Arbeitern haben trotz der schwersten und schwierigsten Bedingungen das Ihre getan. Das Proletariat hat seine „Maikomitees“ geschaffen und hat den Kampf aufgenommen mit einer revolutionären Plattform, würdig der Klasse, der es bestimmt ist, die Menschheit von der Lohnsklaverei zu befreien.

Die Mai - Bewegung zeigt uns ebenfalls, welche Bedeutung so manche Worte über die „Vereinigung“ haben und wie sich in der Tat die Vereinigung der Arbeiter vollzieht. (Lenin, Band 18, Seite 103).

Die Streiks vom April und Mai haben in der Praxis bewiesen, dass sich das Proletariat zum revolutionären Streik erhoben hat. Die Verschmelzung des wirtschaftlichen und politischen Streiks, die revolutionären Kundgebungen, die Losung der Republik, die von den Petersburger Arbeitern am 1. Mai aufgestellt wurde - alle diese Tatsachen beweisen endgültig den Beginn des revolutionären Aufschwungs .

Der begonnene revolutionäre Ansturm erfordert revolutionäre Losungen. Nieder mit der Monarchie ! Es lebe die demokratische Republik, der Achtstundentag, die Konfiskation aller Gutsbesitzer-Ländereien !

30. Juli [ 12. August ] 1912.

(Lenin, Band 18, Seite 232 und 233)

Die Zahl der Arbeiter, die im Jahre 1912 gestreikt haben, macht mehr als die Hälfte aller Arbeiter Russlands aus, nämlich 51, 7 %. Davon nahmen an wirtschaftlichen Streiks ein Zehntel der Arbeiter (10,1 %), an politischen aber vier Zehntel (41,6%) teil.

Lenin, Band 19, Seite 110)









Die Maikundgebungen des revolutionären Proletariats

15. [ 28. ] Juni 1913

Lenin, Band 19, Seite 208 – 217 [ Auszüge ]

Ein Jahr ist vergangen seit den Ereignissen an der Lena und dem ersten, entschiedenen Aufschwung der revolutionären Arbeiterbewegung nach dem Umsturz vom 3. Juni.

Und da haben die Maikundgebungen der Arbeiterklasse Russlands – die zuerst in Riga ihre Generalprobe abhielt und danach am 1. Mai alten Stils in Petersburg eine machtvolle Demonstration veranstaltete – wie ein Blitz in einer finsteren, trüben, dumpfen Atmosphäre die Luft zerrissen. Vor Hunderten von alten Revolutionären, die die Verfolgungen durch die Schergen und das Renegatentum der Freunde noch nicht haben brechen und zerschlagen können, vor den Millionen Demokraten und Sozialisten einer neuen Generation haben sich erneut in ihrer vollen Größe die Aufgaben der nahenden Revolution erhoben, und die Kräfte der fortschrittlichsten Klasse, die an ihrer Spitze steht, haben sich klar abgezeichnet.

Schon einige Wochen vor dem 1. Mai hatte die Regierung regelrecht den Kopf verloren, und die Herren Fabrikanten führten sich auf wie völlig übergeschnappte Leute. Verhaftungen und Haussuchungen kehrten in allen Arbeitervierteln der Hauptstadt sozusagen das Unterste zuoberst. Die Provinz blieb nicht hinter der Hauptstadt zurück. Die Fabrikanten fielen von einem Extrem ins andere, beriefen Beratungen ein, gaben einander widersprechende Losungen aus, indem sie einmal mit Strafen und Ausperrungen drohten, und dann wieder von vornherein Zugeständnisse zu machen und sich mit der Schließung der Werke einverstanden zu erklären, indem sie einmal die Regierung zu Bestialitäten aufhetzten, um ihr dann wieder Vorwürfe zu machen und sie zur Anerkennung des 1. Mai als „offiziellen“ Feiertag aufzurufen.

Hunderttausende Streikende am 1. Mai – schrieb anderntags die Regierungspresse. In Wirklichkeit aber erreichte die Zahl der Streikenden 250 000 !

Doch neben der Zahl der Streikenden am 1 . Mai waren noch viel eindrucksvoller und viel bedeutender die revolutionären Straßendemonstrationen der Arbeiter. Revolutionäre Lieder singend, mit lauten Aufrufen zur Revolution kämpften in allen Vororten der Hauptstadt und überall in der Stadt die Arbeitermassen mit roten Fahnen mehrere Stunden lang gegen die von der Regierung mit verzehnfachter Energie mobilisierten Kräfte der Polizei und der Ochrana. Und die Arbeiter ließen es die eifrigsten von den Leibgardisten spüren, dass es ihnen mit dem Kampf ernst ist, dass die Polizei es nicht mit einer handvoll slawophiler Drahtpuppen zu tun hat, sondern dass sich tatsächlich die Massen der werktätigen Klasse der Hauptstadt erhoben haben.

Die offene Demonstration der revolutionären Bestrebungen des Proletariats – seiner gestählten revolutionären, durch neue Generationen verstärkten Kräfte -, der revolutionären Aufrufe an das Volk und an die Völker Russlands ist in der Tat glänzend gelungen. Wenn sich im vergangenen Jahr die Regierung und die Fabrikanten damit trösten konnten, dass man die revolutionäre Explosion an der Lena unmöglich voraussehen konnte, dass man sich nicht sogleich auf die Bekämpfung ihrer Folgen vorbereiten konnte, so hatte jetzt die Monarchie alles sehr genau voraus bedachtt, die Zeit für die Vorbereitungen war sehr lang, und ergriffen wurden höchst „energische Maßnahmen“ - und das Ergebnis: die Ohnmacht der Zarenmonarchie gegenüber dem revolutionären Erwachen der Proletariermassen trat ganz deutlich zu Tage.

Ja, das Jahr des Streikkampfes nach den Ereignissen an der Lena, dieses Jahr hat gezeigt (…), welch große, unersetzliche Waffe sich das sozialdemokratische Proletariat in der revolutionären Epoche für die Agitation unter den Massen, für die Aufrüttelung der Massen und ihre Einbeziehung in den Kampf geschmiedet hat. Der revolutionäre Massenstreik hat dem Feind weder Rast noch Ruh gegeben. Er hat den Gegner auch finanziell getroffen und vor den Augen der ganzen Welt das politische Prestige der scheinbar „starken“ Zarenregierung in den Schmutz getreten. Er hat immer neue Arbeiterschichten die Möglichkeit gegeben, wenigstens einen Teil der Errungenschaften des Jahres 1905 zurückzugewinnen, und neue Schichten der Werktätigen in den Kampf einbezogen, wobei er auch die rückständigsten Schichten mit riss. Er hat die Kräfte der Arbeiter nicht erschöpft, da er durchweg eine kurze, demonstrative Aktion war, die aber zugleich neue, noch imposantere und revolutionärere offene Massenaktionen in Form von Straßendemonstrationen vorbereitet hat.

In keinem einzigen Land der Welt war im letzten Jahr eine so große Zahl von Teilnehmern an politischen Streiks, eine so große Hartnäckigkeit, eine solche Vielfalt der Formen, eine solche Energie der Streiks zu beobachten wie in Russland. Schon allein dieser Umstand zeigt die ganze Erbärmlichkeit, die ganze verachtungswürdige Stumpfsinnigkeit jener liberalen und liquidatorischen Schlauköpfe, die die Taktik der russischen Arbeiter in den Jahren 1912/1913 nach dem Muster der „europäischen“ Verfassungsperioden „korrigieren“ wollten – Perioden, in denen hauptsächlich eine vorbereitende sozialistische Aufklärungs – und Erziehungsarbeit unter den Massen zu leisten war.

Denn der gewaltige Vorsprung der russischen Streiks vor den Streiks der europäischen, der fortgeschrittensten Länder ist keineswegs ein Zeichen irgendwelcher besonderen Qualitäten oder besonderen Fähigkeiten der Arbeiter Russlands, sondern lediglich der besonderen Bedingungen des heutigen Russlands in dem Sinne, dass eine revolutionäre Situation vorhanden ist und eine revolutionäre Krise unmittelbar heranreift. Wenn in Europa eine analoge Situation herannahen wird, wenn dort die Revolution heranreift ( dort wird es die sozialistische Revolution sein und nicht die bürgerlich-demokratische wie bei uns), dann wird das Proletariat der höchst entwickelten kapitalistischen Länder bei den revolutionären Streiks und Demonstrationen und beim bewaffneten Kampf gegen die Verteidiger der Lohnsklaverei eine unvergleichlich größere Energie entfalten.

Der Maistreik dieses Jahres trägt wie eine ganze Reihe von Streiks in den letzten anderthalb Jahren in Russland revolutionären Charakter zum Unterschied nicht nur von gewöhnlichen wirtschaftlichen Streiks, sondern auch von Proteststreiks und den politischen Streiks, die konstitutionelle Reformen forderten, wie zum Beispiel der letzte belgische Streik. Diese Eigenart der russischen Streiks, die vollkommen durch die revolutionäre Situation in Russland bedingt ist, können Menschen, die in liberalen Anschauungen befangen sind und es verlernt haben, die Dinge vom revolutionären Standpunkt aus zu betrachten, ganz und gar nicht begreifen. Die Epoche der Konterrevolution und der Entfesselung von Renegatenstimmungen hat viele solcher Leute auch unter denen hinterlassen, die sich Sozialdemokraten nennen möchten.

Russland befindet sich deshalb in einer revolutionären Situation, weil sich die Unterdrückung der riesigen Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur des Proletariats, sondern auch von neun Zehnteln der Kleinproduzenten, besonders der Bauern, maximal verschärft hat. Dabei stehen diese verschärfte Unterdrückung, die Hungersnöte, die Armut, die Rechtlosigkeit und Verhöhnung des Volkes in schreiendem Verhältnis sowohl zum Stand der Produktivkräfte in Russland als auch zum Grad der Bewusstheit und der Ansprüche der durch das Jahr 1905 wach gerüttelten Massen sowie zur Lage der Dinge in allen Nachbarländern, nicht nur den europäischen, sondern auch den asiatischen.

Aber damit noch nicht genug. Die Unterdrückung allein, so groß sie auch sein mag, schafft nicht immer eine revolutionäre Situation im Lande. Meist genügt es für eine Revolution nicht, dass die unteren Schichten nicht wie früher leben wollen . Dazu ist noch erforderlich, dass die oberen Schichten nicht wie früher wirtschaften und regieren können . [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] . Gerade das sehen wir jetzt in Russland. Die politische Krise reift, für alle sichtbar, heran. Die Bourgeoisie hat alles getan, was von ihr abhing, um die Konterrevolution zu unterstützen und auf diesem konterrevolutionären Boden für eine „friedliche Entwicklung“ zu sorgen. Die Bourgeoisie hat den Henkern und den Fronherren soviel Geld gegeben, wie sie wollten, die Bourgeoisie hat die Revolution verunglimpft und sich von ihr losgesagt (..), hat „europäisch“ begründete Theorien geschaffen, die die angebliche „Intellektuellen“-Revolution des Jahres 1905 verunglimpfen, sie zu einer sündhaften, verbrecherischen, staatsfeindlichen usw. Revolution erklären.

In Russland herrscht eine gesamt nationale politische Krise, und zwar eine Krise, die an die Grundlagen der Staatsordnung und keineswegs an irgendwelchen Einzelheiten rührt, die das Fundament des Gebäudes angreift und nicht diesen oder jenen Anbau, nicht durch dieses oder jenes Stockwerk.

Sowohl die Verhältnisse, in denen die Massen der Bevölkerung in Russland befinden, als auch die Verschlechterung ihrer Lage durch die neue Agrarpolitik (..), sowohl die internationale Situation als auch der Charakter der bei uns entstandenen allgemeinen politischen Krise ergeben die Summe objektiver Bedingungen, die in Russland eine revolutionäre Situation schaffen, da es nicht möglich ist, die Aufgaben der bürgerlichen Umwälzung auf dem gegebenen Wege und mit den (der Regierung und den Ausbeuterklassen) gegebenen Mitteln zu lösen.

Das ist die soziale, ökonomische und politische Basis, das sind die Klassenverhältnisse in Russland, die bei uns so eigenartige Streiks hervorgebracht haben, wie sie heute in Europa unmöglich sind, von dem allerlei Renegaten nicht das Beispiel der gestrigen bürgerlichen Revolutionen ( mit einem Schimmer der proletarischen Revolution von morgen), sondern das Beispiel der heutigen „konstitutionellen“ Situation entlehnen möchten. Weder die Unterdrückung der unteren noch die Krise der oberen Schichten bewirken die Revolution – sie versetzen das Land höchstens in einen Zustand der Fäulnis -, wenn es in diesem Lande keine revolutionäre Klasse gibt, die fähig ist, den passiven Zustand der Unterdrückung in den aktiven Zustand der Empörung und des Aufstandes umzuwandeln.

Diese Rolle einer Klasse, die wirklich fortschrittlich ist, die die Massen wirklich zur Revolution aufrüttelt und wirklich fähig ist, Russland vor der Fäulnis zu retten, spielt eben das Industrieproletariat. Diese Aufgabe erfüllt es eben mit seinen revolutionären Streiks.

Die Arbeiterklasse zieht die Massen der Werktätigen und Ausgebeuteten, die der elementarsten Rechte beraubt und zur Verzweiflung getrieben worden sind, in die revolutionären Aktionen hinein. Die Arbeiterklasse lehrt sie den revolutionären Kampf, erzieht sie zum revolutionären Handeln, erklärt ihnen, wo und worin der Ausweg und Rettung liegen. Die Arbeiterklasse lehrt sie nicht durch Worte, sondern durch Taten, durch das Beispiel, und zwar nicht durch das Beispiel von abenteuerlichen Unternehmungen einzelner Helden, sondern durch das Beispiel der revolutionären Massenaktion , die politische und wirtschaftliche Forderungen in sich vereint.

Das ganze Petersburg mit seinen zwei Millionen Einwohnern sieht und hört diese Aufrufe zur Revolution, die jeder werktätigen und unterdrückten Bevölkerungsschicht tief ins Herz dringen. Ganz Petersburg sieht an einem lebendigen und von breiten Massen gegebenen Beispiel, worin der Ausweg liegt und worin die Verlogenheit des liberalen Gewäschs von Reformen besteht. Über ganz Russland verbreitet sich durch Tausende Verbindungen der Arbeiter – und Hunderte bürgerlicher Zeitungen, die gezwungen sind, wenigstens bruchstückhaft von den Petersburger Massenkundgebungen zu berichten -, verbreitet sich die Nachricht über den hartnäckigen Streikkampf des hauptstädtischen Proletariats. Auch zu den Bauernmassen und in das bäuerliche Heer wird diese Nachricht über die Streiks, über die revolutionären Forderungen der Arbeiter und ihren Kampf um die Republik und für die Konfiskation der Gutsbesitzer-Ländereien zu Gunsten der Bauern getragen. Langsam, aber sicher bewegt der revolutionäre Streik die Volksmassen, weckt sie auf, klärt sie auf und organisiert sie für die Revolution .

Wie alle revolutionären Streiks in den Jahren 1912/1913 zeigt uns der Maistreik anschaulich die drei politischen Lager, in die das heutige Russland geteilt ist. Das Lager der Henker, der Fronherren, der Monarchie und der Ochrana. Es hat in puncto Bestialitäten alles getan, was es konnte. Es ist den Arbeitermassen gegenüber bereits machtlos. Das Lager der Bourgeoisie, die durchweg von den Kadetten bis zu den Oktobristen, schreit und stöhnt, zu Reformen aufruft und dann wieder sich selbst „Dummkopf“ schimpft, weil sie den Gedanken an die Möglichkeit von Reformen in Russland zugelassen hat. Das Lager der Revolution, das allein die Interessen der unterdrückten Massen zum Ausdruck bringt.

Diese gesamte ideologische, die gesamte politische Arbeit in diesem Lager leistet allein die illegale Sozialdemokratie, die es versteht,, jede legale Möglichkeit gerade in ihrem Sinne auszunutzen, und die untrennbar mit der führenden Klasse, dem Proletariat, verbunden ist. Niemand kann vorhersagen, ob es dieser führenden Klasse gelingen wird, die Massen bis zur siegreichen Revolution zu führen. Aber ihre Pflicht, die Massen bis zur siegreichen Revolution zu führen , erfüllt diese Klasse trotz aller Schwankungen und allem Verrat der Liberalen und der „Auch-Sozialdemokraten“. Alles, was im russischen Sozialismus und in der russischen Demokratie lebendig und lebensfähig ist, alles das wird ausschließlich am Beispiel des revolutionären Kampfes des Proletariats und unter seiner Führung erzogen.

Die Maikundgebungen dieses Jahres haben der ganzen Welt gezeigt, dass das Proletariat Russlands festen Schrittes seinen revolutionären Weg geht, ohne de es keine Rettung für das erstickende und bei lebendigem Leibe verfaulende Russland gibt.

Sozial-Demokrat“ Nr. 31, 15. [ 28. ] Juni 1913







18. Mai 1914

Lenins Brief an N. N. Nakorjakow

Ich gratuliere zu der großartigen Maiveranstaltung in Russland: 250 000 allein in Petersburg ! !

Lenin, Band 35, Seite 115





Lenin, Band 36, Seite 303

Der Erste Mai und der Krieg

( Konzept eines Referats )

Einleitung

                1. Die Demonstration der internationalen proletarischen Bewegung fällt in diesem Jahr in die Zeit des gewaltigsten Krieges in Europa.

                2. Vielleicht kann man 1915 nichts machen, um eine „Heerschau der kräfte“ abzuhalten ? „Erfolge und Niederlagen“ zu vergleichen ? Die bürgerliche Welt und die proletarische Welt einander gegenüberstellen ? - denn es hat den Anschein - alles ist zerfallen.

                3. Doch das ist nicht der Fall. Krieg = äußerst tiefe Krise. Jede Krise bedeutet (wobei zeitweilig Verzögerung und Rückschlag möglich sind)

a) Beschleunigung der Entwicklung

b) Verschärfung der Widersprüche

                      c) ihr Zutagetreten

d) Zusammenbruch alles Verfaulten usw.

Das ist der Standpunkt, von dem aus man (am Tage des Ersten Mai) die Krise betrachten muss; hat sie nicht progressive, vorteilhjafte Züge, wie sie jeder Krise eigen sind.









Der 18. Juni [ 1917Anmerkung der Komintern (SH) ] wird so oder so in die Geschichte der russischen Revolution als einer der Tage eingehen, die einen Wendepunkt bedeuten.

Die Demonstration am 18. Juni wurde zu einer Manifestation der Kraft und der Politik des revolutionären Proletariats, das der Revolution die Richtung weist, das den Ausweg aus der Sackgasse zeigt. Darin liegt die gewaltige historische Bedeutung der Demonstration am Sonntag, darin unterscheidet sie sich grundsätzlich von den Demonstration (…) am 1. Mai. Der 1. Mai war ein Fest der Wünsche und Hoffnungen, die mit der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, mit ihrem Ideal von Frieden und Sozialismus verknüpft sind.

war der 18. Juni die erste politische Demonstration der Tat , eine Erläuterung – nicht durch Bücher und Zeitungen, sondern auf offener Straße, nicht durch die Führer, sondern durch die Massen -, eine Erläuterung, wie die verschiedenen Klassen handeln, wie sie handeln wollen und handeln werden, um die Revolution weiterzuführen.

Genug der Schwankungen sagte die Avantgarde des Proletariats, die Avantgarde der Arbeiter – und Soldatenmassen Russlands. (..) Die Politik des Vertrauens zu den Kapitalisten, zu ihrer Regierung, ihren reformerischen Anstrengungen, ihrem Kriege und ihrer Offensivpolitik, eine solche Politik ist aussichtslos. Ihr Bankrott ist nicht mehr fern. Ihr Bankrott ist unausbleiblich. Das wird auch der Bankrott der herrschenden Parteien (…) sein. Der wirtschaftliche Zusammenbruch rückt immer näher. Es ist unmöglich , sich vor ihm anders zu retten als durch revolutionäre Maßnahmen der an der Macht befindlichen revolutionären Klasse.

Das Volk muss mit der Politik des Vertrauens zu den Kapitalisten Schluss machen, es soll der revolutionären Klasse, dem Proletariat vertrauen. Das Proletariat und nur das Proletariat ist die Quelle der Kraft. In ihm und nur in ihm liegt die Gewähr dafür, dass die Interessen der Mehrheit wahrgenommen werden, die Interessen der durch den Krieg und das Kapital erdrückten Werktätigen und Ausgebeuteten, die fähig sind, den Krieg und das Kapital zu bezwingen !

Ohne das volle Vertrauen der Volksmassen zu ihrem Führer, dem Proletariat, gibt es keinen Ausweg.

Prawda Nr. 86, 3. Juli [ 20. Juni ] 1917







1. Mai 1919

Rede auf dem Roten Platz

Zeitungsbericht

Lenin, Band 29, Seite 317 – 318



Lenin grüßt das Moskauer und das internationale Proletariat und zieht dann eine Parallele zwischen den vorjährigen Feiern zum 1. Mai und den gegenwärtigen. Während dieses Jahres hat sich die politische Situation beträchtlich zu Gunsten der Sowjetmacht verändert. Am 1. Mai des vergangenen Jahres waren wir vom deutschen Imperialismus bedroht. Heute ist er zerschlagen und zu Boden geworfen.

Geändert hat sich das Bild der Feier des proletarischen Tages nicht nur bei uns. In allen Ländern haben die Arbeiter den Weg des Kampfes gegen den Imperialismus beschritten. Die befreite Arbeiterklasse feiert siegreich, frei und offen ihren Tag nicht nur in Sowjetrussland, sondern auch in Räte-Ungarn und Räte-Bayern. Zugleich kann man heute mit Gewissheit sagen, dass nicht nur im Roten Moskau, im Roten Petrograd und in Budapest, sondern in allen großen proletarischen Zentren die Arbeiter, die auf die Straße gehen nicht um spazieren zu gehen, sondern um ihre Kräfte zu demonstrieren, von der Bedeutung der Sowjetmacht und von dem nahen Sieg des Proletariats sprechen.

Heute weht im befreiten Sewastopol die rote Fahne des Proletariats, das seinen Tag der Befreiung von den imperialistischen Banden feiert (Anhaltende Ovationen. Nicht enden wollende Hurra-rufe.)

Zum Schluss gibt Lenin der Überzeugung Ausdruck, dass die Sowjetmacht in der ganzen Welt endgültig siegen wird, und ruft:

Es lebe die internationale Sowjetrepublik !

Es lebe der Kommunismus !

[ hervorgehoben von der Komintern SH ];







Vom Ersten Subbotnik an der Moskau-Kasaner Eisenbahn

zum Gesamt-russischen Subbotnik

am 1. Mai

1920

Lenin, Band 31, Seite 111 - 113

[ Bei den Subbotniks (abgeleitet von Subbota – Sonnabend) wurde freiwillige kollektive Arbeit nach der Berufsarbeit und ohne Entlohnung geleistet. Der erste Subbotnik fand am 12. April 1919 statt. Siehe hierzu Lenins Schrift: Die große Initiative“, Werke, Band 29, Seite 397 – 424; der Übersetzer ]

Die in der Überschrift genannte Strecke haben wir in einem Jahr zurückgelegt. Eine riesige Strecke ! Wie schwach auch noch alle unsere Subbotniks und wie groß auch die vielen bei jedem Subbotnik zu Tage tretenden Mängel hinsichtlich des reibungslosen Ablaufs, der Organisiertheit und Diszipliniertheit sein mögen, so ist doch das Wichtigste getan. Der schwere Stein ist ins Rollen gekommen, und das ist das Wesentliche, worauf es ankommt.

Wir geben uns keineswegs einer Täuschung darüber hin, wie wenig bisher getan worden ist und wie unendlich viel uns noch zu tun bevorsteht. Aber nur böswillige Feinde der Werktätigen, nur böswillige Anhänger der Bourgeoisie können über den Subbotnik am 1. Mai die Nase rümpfen, nur ganz elende Gesellen, die sich den Kapitalisten mit Haut und Haar verkauft haben, können abfällig darüber urteilen, wenn der große Maifeiertag zum Anlass genommen wird für den Versuch, kommunistische Arbeit im Massenmaßstab einzuführen.

Erst nach dem Sturz der Zaren, Gutsbesitzer und Kapitalisten wird zum ersten Mal das Feld frei für den wirklichen Aufbau des Sozialismus, für die Schaffung neuer gesellschaftlicher Beziehungen, einer neuen Disziplin gemeinsamer Arbeit, einer neuen welthistorischen Ordnung der ganzen Volkswirtschaft ( und dann auch der Weltwirtschaft). Es geht hier um eine Umwandlung der Sitten, die auf lange Zeit besudelt und verdorben sind durch das verfluchte Privateigentum an den Produktionsmitteln und zugleich damit durch die ganze Atmosphäre des Zanks, des Misstrauens, der Feindschaft, der Absonderung und des gegenseitigen Ränkeschmiedens, die durch die vereinzelte Kleinwirtschaft, durch die Wirtschaft der Eigentümer beim „freien“ Austausch unter ihnen unvermeidlich entsteht und immer wieder von Neuem entsteht. Freiheit des Handels, Freiheit des Austauschs war Jahrhunderte hindurch für Millionen Menschen oberstes Gebot der ökonomischen Weisheit, war für Hunderte und aber Hunderte Millionen Menschen zur fest eingewurzelten Gewohnheit geworden. Diese Freiheit ist ebenso durch und durch verlogen, dient ebenso dazu, den kapitalistischen Betrug, die kapitalistische Gewalt und Ausbeutung zu verhüllen, wie die anderen „Freiheiten“, die von der Bourgeoisie verkündet und verwirklicht worden sind, wie beispielsweise die „Freiheit der Arbeit“ (lies: die Freiheit, Hungers zu sterben) usw.

Mit dieser „Freiheit“ des Eigentümers, Eigentümer zu sein, mit dieser „Freiheit“, die Arbeiter durch das Kapital auszubeuten, haben wir gebrochen und brechen wir unwiderruflich, dagegen führen wir einen schonungslosen und hingebungsvollen Kampf.

Nieder mit den alten gesellschaftlichen Beziehungen, mit den alten wirtschaftlichen Verhältnissen, mit der alten „Freiheit“ der (dem Kapital untergeordneten) Arbeit, nieder mit den alten Gesetzen, den alten Gewohnheiten !

Wir wollen eine neue Gesellschaft aufbauen !

Uns schrecken nicht die Niederlagen während des großen revolutionären Krieges gegen den Zarismus, gegen die Bourgeoisie, gegen die weltbeherrschenden imperialistischen Mächte.

Uns schrecken auch nicht die ungeheuren Schwierigkeiten und die zu Beginn einer so überaus schwierigen Sache unvermeidlichen Fehler; denn die Umwandlung der Arbeitsgewohnheiten und Sitten ist eine Sache von Jahrzehnten. Und wir geben einander das feierliche und feste Versprechen, zu allen Opfern bereit zu sein, standhaft zu bleiben und durchzuhalten in diesem schwersten aller Kämpfe – im Kampf gegen die Macht der Gewohnheit -, Jahre und Jahrzehnte hindurch zu arbeiten, ohne die Hände in den Schoß zu legen. Wir werden arbeiten, damit die verwünschte Regel „Jeder für sich, Gott für uns alle“ ausgemerzt wird, damit die Gewohnheit ausgemerzt wird, die Arbeit nur für einen Fron und nur dann für rechtmäßig zu halten, wenn sie nach einer bestimmten Norm bezahlt wird. Wir werden arbeiten, damit den Massen die Regel „Alle für einen und einer für alle“, die Regel „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ ins Bewusstsein dringt, zur Gewohnheit wird, in Fleisch und Blut übergeht, damit sich langsam, aber sicher kommunistische Disziplin und kommunistische Arbeit durchsetzen.

Es ist uns gelungen, einen ungeheuer schweren Felsblock von der Stelle zu rücken, den Felsblock der Trägheit, der Unwissenheit, des hartnäckigen Festhaltens an den Gewohnheiten des „freien Handels“ und des „freien“ Kaufs und Verkaufs der menschlichen Arbeitskraft wie einer jeden anderen Ware. Wir haben begonnen, die am tiefsten eingewurzelten Vorurteile, die festesten, ältesten und verknöchertsten Gewohnheiten zu erschüttern und zu zerstören. Unsere Subbotniks sind im Laufe eines Jahres einen gewaltigen Schritt vorangekommen. Sie sind noch außerordentlich schwach. Aber das kann uns nicht schrecken. Wir haben gesehen, wie die „außerordentlich schwache“ Sowjetmacht vor unseren Augen, dank unseren Anstrengungen erstarkte und zu einer außerordentlich starken Weltmacht wurde. Wir werden Jahre und Jahrzehnte daran arbeiten, dass sich die Subbotniks einbürgern, entwickeln, ausbreiten, vervollkommnen, in unserem Denken und Fühlen heimisch werden. Wir gehen dem Sieg der kommunistischen Arbeit entgegen !

Perwomaiski Subbotnik“ (1. - Mai -Subbotnik), 2. Mai 1920







Rede auf einer Kundgebung anlässlich der Grundsteinlegung eines Denkmals der befreiten Arbeiterbewegung

1. Mai 1920

Zeitungsbericht der „Prada“ Nr. 94, vom 4. Mai 1920

Lenin, Werke, Band 31, Seite 114

(Genosse Lenin wird beim Erscheinen auf der Tribüne von einträchtigem Beifall aller Anwesenden begrüßt.)

Genossen !

Früher stand an dieser Stelle ein Denkmal des Zaren, jetzt aber legen wir hier den Grundstein zu einem Denkmal der befreiten Arbeit. Die Kapitalisten nannten die Arbeit frei, als die Bauern und Arbeiter gezwungen waren, ihnen ihre Arbeit zu verkaufen, und ihnen nur die Freiheit blieb, Hungers zu sterben. Wir nennen eine solche Arbeit Lohnsklaverei. Wir wissen, dass es nicht leicht ist, die freie Arbeit richtig zu organisieren und unter den Bedingungen der jetzigen schweren Zeit zu arbeiten. Der heutige Subbotnik ist ein erster Schritt auf diesem Wege, aber wenn wir ihn weitergehen, werden wir eine wirklich freie Arbeit schaffen. (Anhaltender und einmütiger Beifall.)