1917

W. I. Lenin







Siebente Gesamtrussische Konferenz der



SDAPR (B)



[ „Aprilkonferenz“ ]

( vom 22. bis 29. April 1917)

geschrieben April 1917

veröffentlicht im Mai 1917.

Lenin, gesammelte Werke, Band 24, Seite 215 – 310

[ hier: Auszüge – zusammengestellt von der Komintern (SH) ]







( 1 ) Eröffnungsrede vom 24. April 1917: (Seite 215)

Genossen, unsere Konferenz tritt als erste Konferenz der proletarischen Partei zu einer Zeit zusammen, in der nicht nur die russische Revolution Tatsache ist, sondern auch die internationale Revolution heranreift. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] Es kommt jetzt die Zeit, wo die These der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus wie auch die einstimmige Voraussage der auf dem Baseler Kongress versammelten Sozialisten, dass der Weltkrieg unvermeidlich zur Revolution führt, sich überall bewahrheitet.

Im 19. Jahrhundert haben Marx und Engels, die die proletarische Bewegung der verschiedenen Länder verfolgten und die möglichen Perspektiven der sozialen Revolution erforschten, wiederholt gesagt, dass die Rolle dieser Länder im Allgemeinen proportional, entsprechend ihren jeweiligen nationalen geschichtlichen Besonderheiten verteilt sein werden. Diesen Gedanken drückten sie, kurz gefasst, so aus: Der französische Arbeiter wird beginnen, der deutsche vollenden.

Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre zuteil, zu beginnen, es darf aber nicht vergessen, dass seine Bewegung und seine Revolution nur ein Teil der internationalen revolutionären proletarischen Bewegung sind, die, wie zum Beispiel in Deutschland, von Tag zu Tag stärker und stärker wird. Nur unter diesem Gesichtswinkel können wir unsere Aufgaben bestimmen. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 215)



(3) Schlusswort zum Referat über die politische Lage (24, April1917) (Seite 233 – 235)

Gen. Rykow meint, der Sozialismus müsse aus anderen Ländern mit einer entwickelten Industrie kommen. Aber das ist nicht richtig. Man kann nicht sagen, wer anfangen und wer vollenden wird. Das ist nicht Marxismus, sondern eine Parodie auf den Marxismus.

Marx hat gesagt, Frankreich würde beginnen und der Deutsche vollenden. Das russische Proletariat hat aber mehr erreicht als irgendwer.

Hätten wir gesagt: „Weg mit dem Zaren, her mit der Diktatur des Proletariats!“ [ Dies ist die falsche Losung Trotzkis – Anmerkung der Komintern (SH) ] - nun, das wäre ein Sprung über das Kleinbürgertum hinweg. Aber wir sagen: Hilf der Revolution durch den Sowjet der Arbeiter – und Soldatendeputierten. Man darf nicht in Reformismus abrutschen. Wir führen den Kampf nicht, um besiegt zu werden, sondern um als Sieger hervorzugehen, zumindest rechnen wir mit einem Teilerfolg. Wenn wir eine Niederlage erleiden, so werden wir doch einen Teilerfolg erzielen. Das werden Reformen sein. Reformen sind ein Hilfsmittel für den Klassenkampf. Ferner sagt Gen. Rykow, dass es eine Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht gebe. Das stimmt nicht. Das heißt mit dem Marxismus brechen. (Seite 235)





        ( 5 ) Resolution zu dem Vorschlag von Borgbjerg

        (Seite 240 – 243) Prawda Nr. 31 vom 9. Mai 1917

Zu der Ankunft des dänischen „Sozialisten“ Borgbjerg und zu seinem Vorschlag, an einem Sozialistenkongress zur Unterstützung des Friedens teilzunehmen, der von der deutschen Sozialisten Scheidemannscher und Plechanowscher Richtung unter der Voraussetzung vorgeschlagen wird, dass Deutschland auf einen Teil seiner Annexionen verzichtet, stellt die Konferenz fest:

Borgbjerg tritt im Namen der drei skandinavischen Parteien auf, d.h. der schwedischen, der dänischen und der norwegischen. Dabei wurde ihm von jener schwedischen Partei Vollmacht erteilt, an deren Spitze Branting steht, d.h., ein auf die Seite „seiner“ Bourgeoisie übergegangener Sozialist, der das revolutionäre Bündnis der Arbeiter aller Länder verraten hat. Diese schwedische Partei kann von uns nicht als sozialistisch anerkannt werden. Als sozialistische Partei in Schweden betrachten wir nur die Partei der Jungen, an deren Spitze Höglund, Lindhagen, Ström, Carleson u.a. stehen.

Ebenso wenig halten wir die dänische Partei, von der Borgbjerg eine Vollmacht besitzt, für eine sozialistische, denn an ihrer Spitze steht Stauning, Mitglied eines bürgerlichen Kabinetts. Der Eintritt Staunings in das bürgerliche Kabinett stieß auf den Protest der Gruppe um Gen. Trier und führte zu ihrem Austritt aus dieser Partei, wobei sie erklärte, die sozialistische dänische Partei sei eine bürgerliche Partei geworden. Borgbjerg handelt, wie er selber sagt, im Einverständnis mit Scheidemann und anderen deutschen Sozialisten, die auf der Seite der deutschen Regierung und der deutschen Bourgeoisie übergegangen sind.

Es unterliegt daher nicht dem geringsten Zweifel, dass Borgbjerg im Grunde genommen unmittelbar ein Agent der deutschen imperialistischen Regierung ist.

In Anbetracht dessen hält die Konferenz eine Beteiligung unserer Partei an der Konferenz, an der Borgbjerg und Scheidemann teilnehmen, für prinzipiell unzulässig, denn unsere Aufgabe ist die Vereinigung nicht der unmittelbaren oder mittelbaren Agenten der verschiedenen imperialistischen Regierungen, sondern der Arbeiter aller Länder, die schon während des Krieges ihre eigenen imperialistischen Regierungen in revolutionärer Weise bekämpfen.

Nur eine Beratung und engere Fühlungnahme mit solchen Parteien und Gruppen vermag den Abschluss des Friedens wirklich voranzubringen.

Wir warnen die Arbeiter davor, einer von Borgbjerg organisierten Konferenz Vertrauen zu schenken, denn in Wirklichkeit würde diese Konferenz von Quasi-Sozialisten eine Komödie zur Tarnung des sich hinter ihrem Rücken abspielenden Kuhhandels von Diplomaten sein, die Annexionen gegen Annexionen auszutauschen suchen, die beispielsweise den russischen Kapitalisten Armenien, England die von ihm geraubten deutschen Kolonien „geben“ und im Austausch dafür den deutschen Kapitalisten vielleicht einen Teil des lothringischen Erzreservoirs „abtreten“, das unerhört reich an ausgezeichneten Eisenerzen ist, usw.

Wenn sie die proletarische Sache nicht verraten wollen, können die Sozialisten sich weder direkt noch indirekt an diesem schmutzigen und eigennützigen Schacher zwischen den Kapitalisten der verschiedenen Länder um die Teilung der von ihnen zusammengeraubten Beute beteiligen.

Gleichzeitig stellt die Konferenz fest, dass die deutschen Kapitalisten nicht einmal durch den Mund Borgbjergs auf alle ihre Annexionen verzichten, ganz zu schweigen von einem sofortigen Abzug der Truppen aus den von ihnen gewaltsam okkupierten Gebieten. Denn die dänischen Gebiete Deutschlands, seine polnischen Gebiete, seine französischen Teile des Elsass sind genauso Annexionen der deutschen Kapitalisten, wie Kurland, Finnland, Polen, die Ukraine usw. Annexionen der russischen Zaren und der russischen Kapitalisten sind.

Was aber die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polens betrifft, so ist sie ein Betrug sowohl seitens der deutsch-österreichischen Kapitalisten als auch seitens der russischen Provisorischen Regierung, die von einem angeblich „freien“ Militärbündnis zwischen Polen und Russland spricht. Um wirklich den Willen des Volkes in allen annektierten Gebieten festzustellen, wäre der Abzug der Truppen und die freie Befragung der Bevölkerung notwendig. Nur die Ausdehnung dieser Maßnahme auf ganz Polen (d.h. nicht nur auf den von den Russen okkupierten Teil, sondern auch auf den, den die Deutschen und die Österreicher an sich gerissen haben) und auf ganz Armenien usw. wäre ein Schritt zur tatsächlichen Verwirklichung der Regierungsversprechungen.

Die Konferenz stellt weiter die Tatsache fest, dass die auf die Seite ihrer kapitalistischen Regierungen übergegangenen englischen und französischen Sozialisten es abgelehnt haben, an einer von Borgbjerg organisierten Konferfenz teilzunehmen. Diese Tatsache zeigt klar, dass die englisch-französische Bourgeoisie, deren Agenten diese Quasi-Sozialisten sind, diesen imperialistischen Krieg fortsetzen will, in die Länge ziehen will und nicht gewillt ist, die Frage der Zugeständnisse auch nur zu erörtern, die die deutsche imperialistische Bourgeoisie infolge der wachsenden Erschöpfung, des Hungers, der Zerrüttung und – was die Hauptsache ist – der heraufziehenden Arbeiterrevolution in Deutschland durch Vermittlung Borgbjergs versprechen muss.

Die Konferenz beschließt, alle diese Tatsachen der breitesten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und insbesondere die russischen Soldaten an der Front darüber möglichst eingehend zu informieren; mögen die russischen Soldaten wissen, dass die englisch-französischen und in ihrem Gefolge die russischen Kapitalisten den Krieg in die Länge ziehen wollen und nicht gewillt sind, selbst eine solche Beratung über die Friedensbedingungen zuzulassen.

Mögen die russischen Soldaten wissen, dass heute die Losung „Krieg bis zum Siege“ nur ein Deckmantel ist für die Bestrebung Englands, seine Herrschaft in Bagdad und in den deutschen Kolonien Afrikas zu festigen, für die Bestrebungen der russischen Kapitalisten, Armenien und Persien usw. auszuplündern und zu versklaven, für die Bestrebungen, Deutschland völlig zu zerschlagen.

Mögen die russischen Soldaten an der Front in jedem Truppenteil, in jedem Regiment, in jeder Kompanie darüber abstimmen, ob sie eine solche Verlängerung des Krieges durch die Kapitalisten wollen oder ob sie wollen, dass zwecks schnellster Beendigung des Krieges die ganze Macht im Staate restlos und ausschließlich in die Hände der Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten übergehe.

Die Partei des russischen Proletariats wird sich nur mit solchen Arbeiterparteien anderer Länder auf eine Beratung einlassen, wird nur mit solchen Parteien ein brüderliches Bündnis schließen, die auch in ihrem eigenen Lande revolutionär für den Übergang der ganzen Staatsmacht in die Hände des Proletariats kämpfen. [ hervorgehoben von der Komintern (SH)





(8) Rede zur Resolution über den Krieg vom 27. April 1917: (Seite 248 - 261)

Wir sprechen von „Erhebungen“, weil hier von allen Ländern die Rede ist. „In einem Land ist es zur Revolution gekommen, jetzt muss das Gleiche in Deutschland geschehen“ - diese Betrachtungsweise ist falsch. Man versucht, eine Reihenfolge festzulegen, das aber kann man nicht. Wir alle haben die Revolution von 1905 erlebt, wir alle konnten hören oder haben gesehen, wie sie einen Aufschwung der revolutionären Ideen in der ganzen Welt verursachte, wie Marx das immer gesagt hat. Die Revolution kann weder gemacht noch kann eine Reihenfolge festgelegt werden. Man kann keine Revolution auf Bestellung machen, die Revolution wächst heran. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] Das tun zu wollen ist pure Scharlatanerie, die jetzt in Russland besonders häufig getrieben wird. Man sagt dem Volke: Ihr in Russland habt die Revolution gemacht, jetzt sind die Deutschen an der Reihe. Wenn sich die objektiven Verhältnisse ändern, ist eine Erhebung unvermeidlich. In welcher Reihenfolge aber, zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Erfolg, das wissen wir nicht. Man sagt uns: Wenn die revolutionäre Klasse in Russland die Macht in ihre Hände nimmt, es aber in den anderen Ländern zu keiner Erhebung kommt, was soll dann die revolutionäre Partei machen ? Was soll dann geschehen ? Auf diese Frage gibt der letzte Punkt unserer Resolution die Antwort.

Solange aber die revolutionäre Klasse in Russland nicht die ganze Staatsgewalt in ihre Hände genommen hat, wird unsere Partei jene proletarischen Parteien und Gruppen im Ausland in jeder Weise unterstützen, die wirklich schon während des Krieges einen revolutionären Kampf gegen ihre imperialistischen Regierungen und gegen ihre Bourgeoisie führen.“

Das ist alles, was wir sofort versprechen können und tun müssen. Die Revolution reift in allen Ländern heran, aber wann und in welchem Maße sie reif sein wird, das weiß niemand.[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] In allen Ländern gibt es Menschen, die einen revolutionären Kampf gegen ihre Regierungen führen. Sie und nur sie müssen wir unterstützen. Das ist eine ernste Sache, alles Übrige ist Lug und Trug. Und wir fügen hinzu:

Insbesondere aber wird die Partei die beginnende Massenverbrüderung der Soldaten aller Krieg führenden Länder an der Front unterstützen …“

...“ wobei sie danach strebt, diese spontane Äußerung der Solidarität der Unterdrückten in eine bewusste und möglichst organisierte Bewegung umzuwandeln, die auf den Übergang der gesamten Staatsgewalt in allen Krieg führenden Ländern in die Hände des revolutionären Proletariats gerichtet ist.“ (Seite 260)

Heute ist die Verbrüderung spontan, und man darf sich in dieser Hinsicht keiner Täuschung hingeben. Man muss das zugeben, um das Volk nicht Irre zu führen. Klare politische Vorstellungen haben die sich verbrüdernden Soldaten nicht. Aus ihnen spricht der Instinkt unterdrückter Menschen, die müde und erschöpft sind und den Kapitalisten nicht mehr glauben: „Während ihr dort von Frieden redet -, machen wir selber den Anfang.“ Das ist der sichere Klasseninstinkt. Ohne diesen Instinkt wäre die Sache der Revolution aussichtslos. Denn ihr wisst, niemand würde die Arbeiter befreien, wenn sie sich nicht selbst befreien. Genügt aber dieser Instinkt ? Mit dem Instinkt allein kommt man nicht weit. Darum ist es notwendig, dass aus dem Instinkt Bewusstsein wird.[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ]

In dem Aufruf „An die Soldaten aller Krieg führenden Länder“ geben wir Antwort auf die Frage: Was soll aus dieser Verbrüderung werden ? Der Übergang der politischen Macht in die Hände der Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten. Natürlich werden die deutschen Arbeiter ihre Sowjets anders nennen, das ist nicht wichtig. Das Wesentliche aber ist, dass wir uns völlig darüber klar sind, dass diese Verbrüderung spontan ist, dass wir uns nicht darauf beschränken, die Verbrüderung zu fördern, sondern uns die Aufgabe stellen, diese spontane Annäherung der in den Soldatenrock gesteckten Arbeiter und Bauern aller Länder in eine bewusste Bewegung zu verwandeln, deren Ziel der Übergang der Macht in allen Krieg führenden Ländern in die Hände des revolutionären Proletariats ist. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] Diese Aufgabe ist sehr schwierig, aber auch die Lage, in die die Menschheit durch die Herrschaft der Kapitalisten gebracht worden ist, ist unerhört schwierig und führt sie geradewegs in den Untergang. Darum wird diese Lage zum Ausbruch der Empörung führen, die eine Gewähr ist für die proletarische Revolution.



(16) Resolution über die Vereinigung der Internationalisten gegen den kleinbürgerlichen Block der Vaterlandsverteidiger

In der Erwägung:

      1. dass die Parteien der Sozialrevolutionäre, der menschewistischen Sozialdemokraten usw. in den allermeisten Fällen zur Position der „revolutionären Vaterlandsverteidigung, d.h., der Unterstützung des imperialistischen Krieges (Stimmabgabe für die Anleihe und Unterstützung der Provisorischen Regierung, die die Interessen des Kapitals vertritt), übergegangen sind;

      2. dass diese Parteien in ihrer ganzen Politik die Interessen und den Standpunkt des Kleinbürgertums vertreten und das Proletariat durch bürgerlichen Einfluss demoralisieren, indem sie ihm einflüstern, man könne durch Übereinkommen, durch „Kontrolle“, durch Eintritt in das Kabinett usw. die imperialistische Politik der Regierung ändern und vom Weg konterrevolutionärer Anschläge auf die Freiheit abbringen;

      3. dass diese Politik die blinde Vertrauensseligkeit der Massen gegenüber den Kapitalisten nährt und verstärkt; dass indessen eine solche Vertrauensseligkeit das Haupthindernis für die weitere Entfaltung der Revolution ist und die Möglichkeit schafft, dass die Kräfte der gutsherrlichen und bürgerlichen Konterrevolution ihr eine Niederlage bereiten -

beschließt die Konferenz:

      1. eine Vereinigung mit den Parteien und Gruppen, die diese Politik betreiben, für absolut unmöglich zu erklären:

      2. die Annäherung und Vereinigung mit den Gruppen und Strömungen, die wirklich auf dem Boden des Internationalismus stehen, auf der Basis des Bruchs mit der Politik des kleinbürgerlichen Verrats am Sozialismus für notwendig zu erklären. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 286)



(18) Rede über die nationale Frage (29. April 1917)

Aber diese Leute wollen nicht verstehen, dass man, um den Internationalismus zu stärken, nicht überall ein und dasselbe sagen darf, dass man vielmehr in Russland für das Recht der unterdrückten Nationen auf Lostrennung eintreten, in Polen dagegen das Recht auf Vereinigung betonen muss. Die Freiheit der Vereinigung setzt die Freiheit auf Lostrennung voraus. (Seite 290)

Gen. Pjatakow lehnt unsere Losung lediglich ab und sagt, dies bedeute, dass man keine Losung für die sozialistische Revolution gebe, selbst aber hat er eine entsprechende Losung nicht aufgestellt. Die Methode der sozialistischen Revolution unter der Losung „Fort mit den Grenzen“ ist völlige Konfusion. Was bedeutet die „Methode“ der sozialistischen Revolution unter der Losung „Nieder mit den Grenzen“ ? Wir vertreten die Notwendigkeit des Staates, der Staat aber setzt Grenzen voraus. Zum Staat kann natürlich eine bürgerliche Regierung gehören, während wir Sowjets brauchen. Aber auch für diese besteht die Frage der Grenzen. Was heißt „Fort mit den Grenzen“ ? Hier beginnt die Anarchie … Die „Methode“ der sozialistischen Revolution unter der Losung „Fort mit den Grenzen“ ist einfach Konfusion. Wenn die sozialistische Revolution herangereift ist, wenn sie ausbricht, wird sie auf andere Länder übergreifen, und wir werden ihr helfen, aber wie, das wissen wir nicht. Die „Methode“ der sozialistischen Revolution“ ist eine Phrase, die jeden Inhalts bar ist. (Seite 291 – 292)

Wir sagen, dass die Grenzen durch den Willen der Bevölkerung bestimmt werden. Das Proletariat kann nicht zur Gewalt greifen, denn es darf die Freiheit der Völker nicht behindern. Die Losung „Fort mit den Grenzen“ wird dann richtig sein, wenn die sozialistische Revolution eine Realität sein wird und nicht eine Methode; dann werden wir sagen: Genossen, kommt zu uns … Etwas ganz anderes ist die Frage des Krieges. Wenn nötig, werden wir einen revolutionären Krieg nicht ablehnen (Seite 293)



(21) Rede zur Resolution über die gegenwärtige Lage (29. April 1917)

In der Resolution über die gegenwärtige Lage nur von den russischen Verhältnissen zusprechen wäre ein Fehler. Der Krieg hat uns so untrennbar miteinander verbunden, dass es ein großer Fehler wäre, wollten wir die Gesamtheit der internationalen Beziehungen ignorieren.

Welche Aufgaben werden dem russischen Proletariat erstehen, wenn die Weltbewegung uns vor die Tatsache stellt – das ist die Hauptfrage, die in dieser Resolution behandelt wird

Wir betrachten den Sozialismus nicht als Sprung, sondern als praktischen Ausweg aus der entstandenen Zerrüttung.

Die Revolution ist eine bürgerliche, und deshalb soll man nicht von Sozialismus sprechen“ - sagen die Gegner. Wir aber sagen umgekehrt: „Da die Bourgeoisie aus der entstandenen Lage keinen Ausweg findet, so marschiert die Revolution eben vorwärts.“ Wir dürfen uns nicht auf demokratische Redensarten beschränken, wir müssen vielmehr den Massen die Lage klar machen und sie auf eine Reihe praktischer Maßnahmen verweisen: die Syndikate in ihre Hände zu nehmen, sie durch die Sowjets der Arbeiter – und Soldatendeputierten zu kontrollieren usw. Und alle diese Maßnahmen werden, wenn sie durchgeführt sind, eben bewirken, dass Russland mit einem Fuß im Sozialismus stehen wird. Unser Wirtschaftsprogramm muss zeigen, wie man aus der Zerrüttung herauskommt, das ist es, wovon wir uns leiten lassen müssen. (Seite 301)



(22) Resolution über die gegenwärtige Lage (29. April 1917)

Der Weltkrieg, das Produkt des Kampfes der Welttrusts und des Bankkapitals um die Herrschaft über den Weltmarkt, hat bereits zur massenhaften Zerstörung von materiellen Werten geführt, zur Erschöpfung der Produktivkräfte, zu einer solchen Ausdehnung der Kriegsindustrie, dass selbst die Herstellung des unbedingt notwendigen Minimums von Gebrauchsgütern und Produktionsmitteln sich als unmöglich erweist. Dergestalt hat dieser Krieg die Menschheit in eine ausweglose Lage und an den Rand des Abgrunds gebracht.

Die objektiven Voraussetzungen für die sozialistische Revolution, die zweifellos in den am stärksten entwickelten fortgeschrittenen Ländern schon vor dem Kriege gegeben waren, sind noch mehr herangereift und entwickeln sich infolge des Krieges mit rasender Schnelligkeit weiter. Die Verdrängung und der Ruin der Klein – und Mittelbetriebe wird noch mehr beschleunigt. Die Konzentration und Internationalisierung des Kapitals wächst ins Riesenhafte. Der monopolistische Kapitalismus verwandelt sich in staatsmonopolistischen Kapitalismus, eine Reihe von Ländern gehen unter dem Druck der Verhältnisse zur öffentlichen Regulierung der Produktion und der Verteilung über, einige von ihnen führen die allgemeine Arbeitspflicht ein.

Bei Aufrechterhaltung des Privateigentums an den Produktionsmitteln gehen alle diese Schritte in Richtung einer größeren Monopolisierung und größeren Verstaatlichung der Produktion unweigerlich Hand in Hand mit einer immer stärkeren Ausbeutung der werktätigen Massen, mit der Verstärkung der Unterdrückung, dem Erstarken der Reaktion und des Militärdespotismus, und zugleich führen sie unweigerlich zu einem ungeheuren Anwachsen der Profite der Großkapitalisten auf Kosten aller übrigen Bevölkerungsschichten, zur Versklavung der werktätigen Massen auf viele Jahrzehnte durch Tribute, die sie in Form von Milliardenzinsen für die Anleihen den Kapitalisten entrichten müssen. Die gleichen Bedingungen aber bieten bei Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, bei vollständigem Übergang der Staatsmacht in die Hände des Proletariats die Gewähr für eine erfolgreiche Umgestaltung der Gesellschaft, die die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aufhebt und den Wohlstand aller wie jedes einzelnen sichert. (Seite 302 – 303)

Andererseits wird die Richtigkeit der Prophezeiung der Sozialisten der ganzen Welt, die gerade im Zusammenhang mit dem damals heran nahenden und heute wütenden imperialistischen Krieg im Basler Manifest von 1912 einstimmig die Unvermeidlichkeit der proletarischen Revolution verkündet haben, durch den Verlauf der Ereignisse vollauf bestätigt. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 303)

Die russische Revolution ist nur die erste Etappe der ersten unter den proletarischen Revolutionen, die der Krieg unausbleiblich erzeugt.

In allen Ländern wächst die Empörung der breiten Volksmassen gegen die Kapitalistenklasse und die Erkenntnisse des Proletariats, dass nur der Übergang der Staatsmacht in seine Hände und die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln die Menschheit vor dem Untergang retten wird.

In allen Ländern, insbesondere in den fortgeschrittensten, in England und Deutschland, wurden Hunderte von Sozialisten, die nicht auf die Seite „ihrer“ nationalen Bourgeoisie übergegangen sind, von den Kapitalisten-Regierungen ins Gefängnis geworfen, die durch diese Verfolgungen anschaulich offenbaren, wie sehr sie sich vor der in den Tiefen der Volksmassen heranreifenden proletarischen Revolution fürchten. Dass in Deutschland die Revolution heranreift, zeigen auch die Massenstreiks, die in den letzten Wochen besonders zugenommen haben, ebenso die zunehmende Verbrüderung zwischen den deutschen und russischen Soldaten an der Front.

Das brüderliche Vertrauen und das brüderliche Bündnis zwischen den Arbeitern der verschiedenen Länder, den Arbeitern, die sich heute um der Interessen der Kapitalisten willen gegenseitig ausrotten, wird auf diese Weise allmählich wieder hergestellt, wodurch wiederum die Voraussetzungen für einmütige revolutionäre Aktionen der Arbeiter der verschiedenen Länder geschaffen werden, Solche Aktionen allein sind imstande, die möglichst planmäßige Entwicklung und den möglichst sicheren Erfolg der sozialistischen Weltrevolution zu gewährleisten. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ](Seite 303 - 304)



Einleitung zu den Resolution der Siebenten Gesamtrussischen Konferenz der SDAPR (B) (Aprilkonferenz)

Nur wenn die Macht in die Hände der Arbeiterklasse übergeht und diese von der Mehrheit der Bauern untrstützt wird, kann man auf eine rasche Wiederherstellung des Vertrauens der Arbeiter der anderen Länder, auf eine machtvolle europäische Revolution rechnen, die das Joch des Kapitals brechen und die eisernen Fesseln des verbrecherischen Völkergemetzels zerschlagen wird. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 308)

Genossen Arbeiter ! Wir rufen euch zu schwerer, ernster, unermüdlicher Arbeit auf, die das klassenbewusste, revolutionäre Proletariat aller Länder zusammenschweißt. Dieser und nur dieser Weg ist der Ausweg aus der Sackgasse, nur er führt zur Erlösung der menschheit von den Schrecken des Krieges, von dem Joch des Kapitals (Seite 310)