1913

Wladimir Iljitsch Lenin





Die russischen Arbeiter und die Internationale






8. Dezember 1913


Proletarskaja Prawda“, Nr. 2 vom 8. Dezember 1913


Lenin, Ergänzungsband 1896 – 1917, Seite 305 – 308




In der vorliegenden Nummer unserer Zeitung finden die Genossen Arbeiter einen ausführlichen Bericht über die unlängst in London abgehaltene Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros sowie seine Resolution über die Frage der Einheit der sozialdemokratischen Kräfte in Russland.

Diese Resolution müssen die klassenbewussten Arbeiter ganz Russlands mit aller Aufmerksamkeit erörtern.

Ein klassenbewusster Arbeiter fühlt und weiß nicht nur, dass er ein Mitglied der russischen marcistischen Familie ist, er begreift, dass er auch ein Mitglied der internationalen Familie der Marxisten ist. Er hat Pflichten auch gegenüber der Arbeiterinternationale. Er muss der Meinung und den Wünschen der letzteren Rechnung tragen. Er darf sich keinen Aufgenblick von der internationalen Armee der Arbeiter loslösen.

Die russischen marxistischen Arbeiter können die Tatsache nur begrüßen, dass die Arbeiterinternationale das Bestreben zeigt, sich ernsthaft mit den prinzipiellen Streitigkeiten bekannt zu machen, die in unserer russischen Arbeiterbewegung eine so bedeutende Rolle spielen. Die verfluchten Verhältnisse des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Russland haben dazu geführt, dass unsere Genossen über unsere Bewegung bedeutend weniger wissen als über die Bewegung irgendeines anderen Landes. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] Die Unkenntnis der wirklichen Lage in Russland geht so weit, dass erst kürzlich die Vertreter der deutschen Sozialdemokratie vorschlugen, alle Auslandszirkel der russischen Sozialdemokraten (12 ausländische „Strömungen“) zur Ausarbeitung eines neuen Parteiprogramms zusammenzurufen [ siehe vorliegender Ergänzungsband, Seite 273 – 277 ] . Dabei ist doch allgemein bekannt, dass ein solches Programm vom russischen Proletariat schon im Jahre 1903 ausgearbeitet worden ist …

Diese Zeit geht zum Glück schon vorüber. Durch seinen großen, heldenhaften Kampf hat das russische Proletariat bewirkt, dass die ganze zivilisierte Welt von ihm spricht. Die Arbeiterklasse Russlands hat zu Recht ihren Platz in der Arbeiterinternationale eingenommen, und man kann mit Bestimmtheit sagen, dass ihre Rolle in der internationalen Arena mit jedem Jahr bedeutender und größer werden wird. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ]

Der Beschluss des Internationalen Sozialistischen Büros gibt den russischen Arbeitern zum ersten Mal die Möglichkeit, unsere westeuropäischen Genossen mit dem Wesen unserer Streitigkeiten gründlich bekannt zu machen. Das Büro hat die Frage so gestellt: 1. bietet es seine kameradschaftlichen Dienste zum Erlangen der Einheit an; 2. hält es die Klarstellung der wirklichen Meinungsverschiedenheiten für notwendig; 3. beauftragt es zu diesem Zweck sein Exekutivkomitee, mit allen Sozialdemokraten, die das sozialdemokratische Programm anerkennen, sowie auch mit denjenigen, deren Programm dem sozialdemokratischen nahe kommt, Verbindung aufzunehmen und eine Aussprache zu veranstalten.

All das ist durchaus annehmbar für die russischen Marxisten.

Die Meinungsverschiedenheiten klar zu stellen ist wirklich äußerst wünschenswert, und das nicht nur zwischen Marxisten und Liquidatoren, sondern auch zwischen Marxisten und Volkstümlern, zionistischen Sozialisten (die nach unserer Meinung nur wenig schlimmer sind als der „Bund“ oder die PPS (Polnische Sozialistische Partei) usw. Wenn es dem Internationalen Büro gelingt, hier klare und genaue Formulierungen zu erreichen, die wirklichen Grundlagen der politischen Meinungsverschiedenheiten festzustellen, so wird dies ein bedeutender Erfolg sein.

Aber die Meinungsverschiedenheiten klar stellen bedeutet natürlich noch nicht, sie beseitigen. Die Meinungsverschiedenheiten wurzeln in den völlig verschiedenen Ansichten über die Epoche, die Russland durchlebt. Das sind zwei Taktiken, zwei Systeme der Politik; das proletarische und das liberale. Diese Divergenz ist durch nichts zu beseitigen. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ]

Jedoch auch hier ist es äußerst wünschenswert, genau und bestimmt zu klären, welche Bedingungen jede der Seiten für die Vereinigung stellt.

Den marxistischen Arbeitern erwächst eine wichtige Aufgabe: Sie müssen das Angebot des Internationalen Büros sorgfältig erörtern, ihm größte Aufmerksamkeit widmen und ihre eigenen Bedingungen für die Einheit stellen.

Diese Bedingungen sind klar. Sie ergeben sich aus dem ganzen Verlauf der Arbeiterbewegung. Die Liquidatoren müssen das marxistische Ganze in der Tat anerkennen, müssen anerkennen, dass die Hauptlosungen für die Agitation unter den Massen die drei alten Grundforderungen sind; sie müssen die Programmänderungen (national-kulturelle Autonomie) zurücknehmen; ihr Geschrei über das „Streikfieber“ aufgeben; die separatistischen Bestrebungen der Bundisten verurteilen und die örtliche Verschmelzung fordern; die böswilligen persönlichen Angriffe verurteilen, die den ideologischen Kampf vergiften usw. Auf dem Gebiet der Dumaarbeit muss die Sieben unbedingt die Unterordnung unter das marxistische Ganze anerkennen und ihre parteifeindlichen Beschlüsse (Jagiello, Abänderung des Programms usw.) rückgängig machen. Sogar der in Vielem mit uns nicht einverstandene Gen. Plechanow schreibt in seinem Brief an das Internationale Büro, dass „die Teilung unserer Dumafraktion infolge einiger bedauerlicher Beschlüsse erfolgte, die von unseren Genossen Liquidatoren angenommen wurden, welche sich mit sieben gegen sechs in der Mehrheit befanden.“

Die Frage, mit wem das Internationale Büro zur Organisierung einer allgemeinen Aussprache nun am besten in Verbindung treten sollte, ist noch nicht geklärt. Klar ist, dass hier zwei Wege möglich sind: Entweder müssen Vertreter der zwei Hauptströmungen eingeladen werden: Marxisten und Liquidatoren oder „alle Sozialdemokraten“ und alle, die der Meinung sind, dass sie der Sozialdemokratie nahe stehen, dann auch die Partei des Abgeordneten Jagiello (PPS) und die verschiedenen jüdischen sozialistischen Gruppen und diejenigen Volkstümler, die der Meinung sind, dass sie dem sozialdemokratischen Programm nahe stehen.

Die vom Internationalen Büro gestellte Frage muss jeder klassenbewusste Arbeiter interessieren. Wir rufen alle Arbeiter auf, in ihren Versammlungen, in Zirkeln, Diskussionen, auf Meetings usw. diese Frage auf die Tagesordnung zu setzen, sie zu erörtern, ihre Resolutionen zu fassen und ihre Meinung in unserer Zeitung zu veröffentlichen.

Man darf nicht so urteilen, als sei dies eine fern liegende Angelegenheit, die uns nichts angeht. Wenn die Frage auf dem Internationalen Kongress in Wien [ Einberufung zum August 1914 geplant , in Verbindung mit der Feier des 50. Jahrestages der Gründung der Ersten Internationale ] aufgeworfen wird (worüber die Marxisten sehr froh wären), muss die Internationale die Meinung der russischen Arbeiter, der proletarischen Organisationen, die in Russland tätig sind, kennen und nicht nur die der isolierten Auslandszirkel.

Genossen ! Erörtert die aufgeworfene wichtige Frage, fasst eure Beschlüsse und teilt sie eurer Zeitung, der „Proletarskaja Prawda“, mit. Eurer Stimme lauschen die klassenbewussten Arbeiter aller Länder. [ hervorgehoben von Lenin selbst ]