1917

Wladimir Iljitsch Lenin








Abschieds-Brief


An die Schweizer Arbeiter


geschrieben am 26. März (8. April) 1917


veröffentlicht am 1. Mai 1917


in der Zeitschrift „Jugend-Internationale“ ; Nr. 8.


Lenin Werke, Band 23, S. 380 - 387





Genossen schweizerische Arbeiter!


Im Begriff, aus der Schweiz nach Russland abzureisen, um die revolutionäre internationalistische Arbeit in unserer Heimat fortzusetzen, senden wir Mitglieder der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die durch das Zentralkomitee vereinigt ist (zum Unterschied von der anderen Partei, die den gleichen Namen trägt, aber durch das Organisationskomitee vereinigt ist), Euch unsere brüderlichen Grüsse und sprechen Euch unseren tiefempfundenen kameradschaftlichen Dank für Euer kameradschaftliches Verhalten zu den Emigranten aus.


Während die offenen Sozialpatrioten und Opportunisten, die Schweizer „Grütlianer“, die ebenso wie die Sozialpatrioten aller Länder aus dem Lager des Proletariats in das Lager der Bourgeoisie übergegangen sind – während diese Leute Euch unverhüllt aufgefordert haben, gegen den schädlichen Einfluss der Ausländer auf die Schweizer Arbeiterbewegung zu kämpfen; während die verkappten Sozialpatrioten und Opportunisten, die unter den Führern der sozialistischen Partei der Schweiz die Mehrheit bilden, in versteckter Form dieselbe Politik betrieben haben, müssen wir erklären, dass wir bei den revolutionären sozialistischen Arbeitern der Schweiz, die auf dem internationalistischen Standpunkt stehen, die wärmsten Sympathien gefunden und aus dem kameradschaftlichen Verkehr mit ihnen viel Nutzen für uns gezogen haben.


Wir haben zu jenen Fragen der schweizerischen Bewegung, deren Kenntnis eine langjährige Tätigkeit in der hiesigen Bewegung erfordert, stets mit besonderer Vorsicht Stellung genommen. Aber diejenigen unter uns – es waren ihrer kaum mehr als zehn bis fünfzehn -, die Mitglieder der Schweizer sozialistischen Partei waren, haben es für ihre Pflicht gehalten, in den allgemeinen und grundsätzlichen Fragen der internationalen sozialistischen Bewegung unseren Standpunkt, den Standpunkt der „Zimmerwalder Linken“, konsequent zu vertreten und nicht nur entschieden gegen den Sozialpatriotismus zu kämpfen, sondern auch gegen die Richtung des sogenannten „Zentrums“, zu dem in der Schweiz R. Grimm, F. Schneider, Jacques Schmid u. a., in Deutschland Kautsky, Haase und die „Arbeitsgemeinschaft“, in Frankreich Longuet, Pressemane u. a., in England Snowden, Ramsay MacDonald u.a., in Italien Turati, Treves und ihre Freunde und in Russland die obenerwähnte Partei des „Organisationskomitees“ (Axelrod, Martow, Tschcheïdse, Skobelew und andere) gehören.


Wir haben solidarisch mit jenen revolutionären Sozialdemokraten der Schweiz zusammengearbeitet, die sich zum Teil um die Zeitschrift „Freie Jugend“ gruppierten; die (in deutscher und französischer Sprache) die Begründung des Referendums verfassten und verbreiteten, worin die Einberufung eines Parteitags zum April 1917 über die Frage der Stellung zum Krieg gefordert wurde; die auf dem Züricher Kantonalparteitag in Töss die Resolution der Jungen und „Linken“ zur Militärfrage einbrachten; die im März 1917 in deutscher und französischer Sprache das Flugblatt „Unsere Friedensbedingungen“ herausbrachten und es in einigen Gegenden der französischen Schweiz verbreiteten usw.


Wir senden diesen Genossen, mit denen wir als Gleichgesinnte Schulter an Schulter zusammengearbeitet haben, unsere brüderlichen Grüsse.


Es unterlag und unterliegt für uns nicht dem geringsten Zweifel, dass die imperialistische Regierung Englands den russischen Internationalisten, den unversöhnlichen Gegnern der imperialistischen Regierung Gutschkow-Miljukow und Co., den unversöhnlichen Gegnern der Fortsetzung des imperialistischen Krieges von seiten Russlands, um keinen Preis die Durchreise nach Russland erlauben wird.


In diesem Zusammenhang müssen wir kurz darauf eingehen, wie wir die Aufgaben der russischen Revolution verstehen. Wir halten das für um so notwendiger, als wir uns durch Vermittlung der Schweizer Arbeiter an die deutschen, französischen und italienischen Arbeiter wenden können und müssen, die dieselben Sprachen sprechen wie die Bevölkerung der Schweiz, welche bis heute die Wohltaten des Friedens und verhältnismässig die grösste politische Freiheit geniesst.


Wir stehen unbedingt zu unserer Erklärung in Nr. 47 (13. Oktober 1915) des „Sozial-Demokrat“, dem Zentralorgan unserer Partei, das in Genf herausgegeben wurde. Wir sagten dort: Wenn in Russland die Revolution siegt und eine republikanische Regierung an die Macht kommt, die den imperialistischen Krieg, einen Krieg im Bündnis mit der imperialistischen Bourgeoisie Englands und Frankreichs, einen Krieg für die Eroberung Konstantinopels, Armenien, Galiziens usw., usf. fortsetzen will, dann werden wir entschieden Gegner einer solchen Regierung sein, dann werden wir gegen die „Verteidigung des Vaterlandes“ in einem solchen Krieg sein.


Ungefähr dieser Fall ist eingetreten. Die neue Regierung Russlands, die mit dem Bruder Nikolaus? II. über die Wiederherstellung der Monarchie in Russland verhandelt hat und in der die Monarchisten Lwow und Gutschkow die wichtigsten, die entscheidenden Posten innehaben, diese Regierung versucht die russischen Arbeiter mit der Losung zu betrügen: „Die Deutschen sollen Wilhelm stürzen.“ (Sehr richtig! Warum fügt man aber nicht hinzu, dass die Engländer, Italiener usf. ihre Könige und die Russen ihre Monarchisten Lwow und Gutschkow stürzen sollen??) diese Regierung versucht durch eine solche Losung und dadurch, dass sie jene imperialistischen Raubverträge nicht

veröffentlicht, die der Zarismus mit Frankreich, England usw. geschlossen und die die Regierung Gutschkow – Miljukow - Kerenski bestätigt hat, ihren imperialistischen Krieg gegen Deutschland für einen „Verteidigungskrieg“ auszugeben (d.h. für einen sogar vom Standpunkt des Proletariats gerechten und legitimen Krieg) und die Verteidigung der räuberischen, imperialistischen, annexionistischen Ziele des russischen, englischen usw. Kapitals als „Verteidigung“ der russischen Republik hinzustellen (die es in Russland noch nicht gibt und deren Errichtung die Lwow und Gutschkow nicht einmal versprochen haben!).


Wenn die letzten telegrafischen Nachrichten stimmen, denen zufolge zwischen den offenen russischen Sozialpatrioten (vom Schlage der Plechanow, Sassulitsch, Potressow usw.) und der „zentristischen“ Partei, der Partei des „Organisationskomitees“, der Partei Tschcheïdses, Skobelews usw., eine gewisse Annäherung auf der Grundlage der Losung „Solange die Deutschen Wilhelm nicht gestürzt haben, ist unser Krieg ein Verteidigungskrieg“ stattgefunden hat – wenn das stimmt, dann werden wir den Kampf gegen die Partei Tschcheïdses, Skobelews usw., die wir ihrer opportunistischen, unentschiedenen, schwankenden politischen Haltung wegen auch früher stets bekämpft haben, mit verdoppelter Energie führen.


Unsere Losung: Keinerlei Unterstützung für die Regierung Gutschkow-Miljukow! Wer sagt, im Interesse des Kampfes gegen die Wiederherstellung des Zarismus sei solch eine Unterstützung notwendig, der betrügt das Volk. Im Gegenteil: Gerade die Regierung Gutschkow hat bereits Verhandlungen über die Wiederherstellung der Monarchie in Russland geführt. Nur die Bewaffnung und Organisierung des Proletariats können die Gutschkow und Co. An der Wiederherstellung der Monarchie in Russland hindern. Nur das treu zum Internationalismus stehende revolutionäre Proletariat Russlands und ganz Europas ist imstande, die Menschheit von den Schrecken des imperialistischen Krieges zu erlösen!


Wir verkennen nicht die ungeheuren Schwierigkeiten, vor denen die revolutionäre, internationalistische Avantgarde des Proletariats Russlands steht. In einer Zeit wie der gegenwärtigen sind die jähesten und raschesten Veränderungen möglich. In Nr. 47 des „Sozial-Demokrat“ haben wir unumwunden und klar auf die sich naturgemäss ergebende Frage geantwortet, was unsere Partei machen würde, wenn die Revolution sie sofort an die Macht brächte. Unsere Antwort lautete: 1. würden wir unverzüglich allen kriegführenden Völkern den Frieden vorschlagen; 2. würden wir unsere Friedensbedingungen bekanntgeben, die in der sofortigen Befreiung aller Kolonien und aller unterdrückten oder nicht vollberechtigten Völker bestehen; 3. würden wir sofort mit der Befreiung der von den Grossrussen unterdrückten Völker beginnen und sie zu Ende führen; 4. geben wir uns keinen Augenblick einer Täuschung darüber hin, dass solche Bedingungen unannehmbar sein werden nicht nur für die monarchistisch, sondern auch für die republikanische Bourgeoisie Deutschlands und nicht nur für Deutschland, sondern auch für die kapitalistischen Regierungen England und Frankreichs.


Wir würden gegen die deutsche und nicht allein gegen die deutsche Bourgeoisie einen revolutionären Krieg führen müssen. Wir würden ihn führen. Wir sind keine Pazifisten. Wir sind Gegner der imperialistischen Kriege, die um die Teilung der Beute unter die Kapitalisten geführt werden. Aber wir habe stets erklärt, dass es unsinnig wäre, wollte das revolutionäre Proletariat die revolutionären Kriege ablehnen, die sich im Interesse des Sozialismus als notwendig erweisen können.


Die Aufgabe, die wir in Nr. 47 des „Sozial-Demokrat“ umrissen haben, ist riesengross. Sie kann nur durch eine lange Reihe grosser Klassenschlachten zwischen Proletariat und Bourgeoisie gelöst werden. Aber nicht unsere Ungeduld, nicht unsere Wünsche, sondern die vom imperialistischen Krieg erzeugten objektiven Bedingungen haben die ganze Menschheit in eine Sackgasse geführt und sie vor das Dilemma gestellt: entweder zulassen, dass weitere Millionen Menschen zugrunde gehen und die ganze europäische Kultur endgültig vernichtet wird, oder in allen zivilisierten Ländern die Macht dem revolutionären Proletariat übergeben, die sozialistische Umwälzung verwirklichen.


Dem russischen Proletariat ist die grosse Ehre zuteil geworden, die Reihe von Revolutionen, die der imperialistische Krieg mit objektiver Unvermeidlichkeit erzeugt, zu beginnen. Vollkommen fern liegt uns aber der Gedanke, das russische Proletariat für das auserwählte revolutionäre Proletariat unter den Arbeitern der anderen Länder zu halten. Wir wissen sehr gut, dass das Proletariat Russland weniger organisiert, geschult und klassenbewusst ist als die Arbeiter anderer Länder, Nicht besondere Eigenschaften, sonder lediglich die besonderen geschichtlichen Bedingungen haben das Proletariat Russlands für eine gewisse, vielleicht sehr kurze Zeit zum Vorkämpfer des revolutionären Proletariats der ganzen Welt gemacht.


Russland ist ein Bauernland, eines der rückständigsten europäischen Länder. Des Sozialismus kann in Russland nicht sofort und unmittelbar siegen. Aber der bäuerliche Charakter des Landes kann angesichts des unangetastet gebliebenen riesigen Grundbesitzes der adligen Gutsherren – auf Grund er Erfahrungen von 1905 – der bürgerlich-demokratischen Revolution in Russland eine gewaltige Schwungkraft verleihen und aus unserer Revolution ein Vorspiel der sozialistischen Weltrevolution, eine Stufe zu dieser Revolution machen.


Im Kampf für diese Ideen, die sowohl durch die Erfahrungen von 1905 als auch durch das Frühjahr 1917 voll bestätigt wurden, ist unsere Partei entstanden und ist sie unversöhnlich gegen alle anderen Parteien aufgetreten. Für diese Ideen werden wir auch in Zukunft kämpfen.


In Russland kann der Sozialismus nicht unmittelbar und unverzüglich siegen. Aber die Masse der Bauern kann die unvermeidliche und dringend notwendig gewordene Agrarumwälzung bis zur Konfiskation des ganzen unermesslichen Grundbesitzes der Gutsherren führen. Diese Losung haben wir stets vertreten, und sie ist jetzt in Petersburg sowohl vom Zentralkomitee unserer Partei als auch von der Zeitung unserer Partei, der „Prawda“, aufgestellt worden. Für diese Losung wird das Proletariat kämpfen, ohne dabei aus dem Auge zu lassen, dass es zwischen den landwirtschaftlichen Lohnarbeitern und den ihnen nahestehenden armen Bauern einerseits und den durch die Stolypinsche Argrar“reform“ (1907-1914) stärker gewordenen wohlhabenden Bauern anderseits unvermeidlich zu erbitterten Klassenkonflikten kommen wird. Man darf nicht vergessen, dass 104 Bauernabgeordnete sowohl in der ersten Duma (1907) eine revolutionäre Agrarvorlage eingebracht hatten, die die Forderung enthielt, alle Ländereien zu nationalisieren und die Verfügungsgewalt über sie in die Hände völlig demokratisch gewählter örtlicher Komitees zu legen.


Eine solche Unwälzung wäre an und für sich noch keineswegs sozialistisch. Aber sie würde der internationalen Arbeiterbewegung einen ungeheuren Impuls geben. Sie würde die Positionen des sozialistischen Proletariats in Russland und seinen Einfluss auf die Landarbeiter und die armen Bauern ausserordentlich stärken. Diese Umwälzung würde dem städtischen Proletariat die Möglichkeit geben, gestützt auf diesen Einfluss, solche revolutionäre Organisationen wie die „Sowjets der Arbeiterdeputierten“ auszubauen, sie an die Stelle der alten Unterdrückungswerkzeuge der bürgerlichen Staaten – Armee, Polizei, Beamtenschaft – zu setzen und unter dem Druck des unerträglich schweren imperialistischen Krieges und seiner Folgen eine Reihe revolutionärer Massnahmen zur Kontrolle der Produktion und der Verteilung der Produkte durchzuführen.


Das russische Proletariat kann die sozialistische Revolution nicht allein mit seinen eigenen Kräften siegreich vollenden. Es kann aber der russischen Revolution eine Schwungkraft verleihen, die die besten Voraussetzungen für die sozialistische Revolution schafft, sie gewissermassen beginnt. Es kann seinem wichtigsten, seinem treuesten, seinem zuverlässigsten Bundesgenossen, dem europäischen und dem amerikanischen sozialistischen Proletariat die Bedingungen erleichtern, unter denen dieses seine entscheidenden Kämpfe aufnimmt.


Mögen die Kleingläubigen angesichts des zeitweiligen Sieges in Verzweiflung geraten, den im europäischen Sozialismus solche widerlichen Lakaien der imperialistischen Bourgeoisie errungen haben wie die Scheidemänner, Legien, David und Co. In Deutschland, die Sembat, Guesde, Renaudel und Co. In Frankreich, die Fabier und die „Labouristen“ in England. Wir sind fest überzeugt, dass die Wellen der Revolution diesen schmutzigen Schaum von der internationalen Arbeiterbewegung rasch wegspülen werden. In Deutschland brodelt es schon in der proletarischen Masse, die durch ihre beharrliche, hartnäckige und ausdauernde Organisationsarbeit in den langen Jahrzehnten der europäischen „Windstille“ von 1871 bis 1914 der Menschheit und dem Sozialismus so viel gegeben hat. Die Zukunft des deutschen Sozialismus repräsentieren nicht die Verräter Scheidemann, Legien, David und Co. Und auch nicht die schwankenden, charakterlosen, in der Routine der „friedlichen“ Periode steckengebliebenen Politiker wie die Herren Haase, Kautsky und ihresgleichen.


Die Zukunft gehört jener Richtung, die einen Karl Liebknecht hervorgebracht hat, die die „Spartakusgruppe“ schuf und die ihre Ansichten in der Bremer „Arbeiterpolitik“ propagiert.


Die objektiven Bedingungen des imperialistischen Krieges bieten die Gewähr dafür, dass sich die Revolution nicht auf die erste Etappe der russischen Revolution, dass sie sich nicht auf Russland beschränken wird.


Das deutsche Proletariat ist der treueste, zuverlässigste Verbündete der russischen und der internationalen proletarischen Revolution.


Als unsere Partei im November 1914 die Losung aufstellte: „Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“, in den Krieg der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, für den Sozialismus, da wurde diese Losung von den Sozialpatrioten mit Feindseligkeit und boshaften Spötteleien und von den Sozialdemokraten des „Zentrums“ mit ungläubig skeptischem, charakterlos abwartendem Schweigen aufgenommen. Der deutsche Sozialchauvinist und Sozialimperialist David bezeichnete die Losung als „Wahnsinn“, und Herr Plechanow, der Vertreter des russischen (und englisch-französischen) Sozialchauvinismus, des Sozialismus in Worten und Imperialismus in der Praxis, nannte sie ein „Mittelding zwischen Traum und Komödie“.. Die Vertreter des Zentrums aber schwiegen sich aus oder beschränkten sich auf platte Witzeleien über diese „gerade Linie im luftleeren Raum“.


Jetzt, nach dem März 1917, sieht nur ein Blinder nicht, dass diese Losung richtig ist. Die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg fängt an, Tatsache zu werden.


Es lebe die beginnende proletarische Revolution in Europa!


Im Auftrag der abreisenden Genossen, der Mitglieder der (durch das Zentralkomitee vereinigten) Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die diesen Brief in einer Versammlung am 8. April (n. St.) 1917 billigten.



N. Lenin