1918

W. I. Lenin





Rede zum ersten Jahrestag des Oktoberumsturzes



in der Festsitzung des Gesamtrussischen Zentralrats



und des Moskauer Rats der Gewerkschaften



6. November 1918



Zeitungsbericht („Iswestija WZIK“ Nr. 244, 9. November 1918)

Lenin, Band 28, Seite 123 – 125.

Zum 140.Geburtstag Lenins von der Komintern (SH) im April 2010 zum ersten Mal im Internet veröffentlicht





(Alle Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen und begrüßen Genossen Lenin mit stürmischem, lang anhaltendem Beifall.)

Wir versammeln uns heute in Dutzenden und Hunderten von Kundgebungen, um den Jahrestag des Oktoberumsturzes zu feiern – begann Genosse Lenin seine Rede. Wer schon seit langem in der Arbeiterbewegung steht, wer schon früher mit den Arbeitermassen verbunden war und mit den Fabriken und Werken in enge Berührung kam – der versteht, dass das vergangene Jahr ein Jahr echter proletarischer Diktatur war. Dieser Begriff war früher ein unbekanntes Bücherlatein, eine Verbindung schwer verständlicher Wörter. Die Intellektuellen suchten eine Erklärung für diesen Begriff in wissenschaftlichen Büchern, die ihnen jedoch nur eine sehr verschwommene Vorstellung davon gegeben haben, was denn die proletarische Diktatur in Wirklichkeit ist. Und unser Hauptverdienst im vergangenen Jahr besteht darin, dass wir diese Worte aus dem unverständlichen Latein in ein verständliches Russisch übersetzt haben. Die Arbeiterklasse hat sich im vergangenen Jahr nicht mit Philosophierereien beschäftigt, sondern hat die proletarische Diktatur praktisch geschaffen und sie trotz der aufgebrachten Intellektuellengemüter in die Tat umgesetzt.

Im Westen herrscht nach wie vor der Kapitalismus. Doch jetzt bricht auch dort die Zeit der großen Umwälzungen an. Jetzt nähert sich auch das westeuropäische Proletariat der schweren Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus. Es wird ebenso wie wir den ganzen alten Apparat zerbrechen und einen neuen aufbauen müssen.

Es war uns nicht gegeben, all die reichen Erfahrungen, das Wissen und die technische Bildung der bürgerlichen Intelligenz auszunutzen. Mit boshaftem Lächeln hat die Bourgeoisie den Bolschewiki prophezeit, dass sich die Sowjetmacht kaum zwei Wochen halten werde; sie hat sich deshalb nicht nur davor gedrückt, ihre Arbeit weiter zu verrichten, sondern hat sich auch überall, wo sie nur konnte, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln der neuen Bewegung, dem Aufbau widersetzt, der die ganze alte Lebensweise zerbrach.

Die Bourgeoisie hat bei Weitem noch nicht ihren Widerstand aufgegeben. Ihre Erbitterung wächst mit jedem Tag, sie wächst um so schneller, je mehr wir uns dem Ende der alten kapitalistischen Welt nähern.

Im Zusammenhang damit, dass der Bolschewismus erstarkt und sich im Weltmaßstab entwickelt, hat sich die internationale Lage jetzt so gestaltet, dass gegen die Sowjetrepublik eine Allianz der Imperialisten aller Spielarten aufmarschieren kann und der Widerstand der Bourgeoisie aus einem nationalen zu einem internationalen wird.

Wie Ihnen bekannt ist, hat Deutschland unter Berufung auf revolutionäre Propaganda unserer Vertretung in Deutschland unseren Botschafter aus Berlin ausgewiesen. Als hätte die deutsche Regierung nicht schon früher gewusst, dass unsere Botschaft den revolutionären Bazillus einschleppt. Wenn aber Deutschland früher dazu geschwiegen hat, so darum, weil es noch stark war, weil es uns nicht gefürchtet hat. Jetzt aber, nach dem militärischen Zusammenbruch, flößen wir ihm Angst ein. Die deutschen Generäle und Kapitalisten wenden sich an die Alliierten und sagen ihnen: Ihr habt uns zwar besiegt, lasst euch aber nicht zu sehr hinreißen bei den Experimenten, die ihr mit uns vorhabt, denn euch sowohl wie uns droht der Weltbolschewismus, und bei seiner Bekämpfung können wir euch noch nützlich sein.

Und es ist sehr wohl möglich, dass sich die Ententeimperialisten mit dem deutschen Imperialismus, vorausgesetzt natürlich, dass dieser bis dahin noch am Leben bleibt, zu einem gemeinsamen Feldzug gegen Russland vereinigen werden. Deshalb eben wird die Gefahr, die uns das ganze verflossene Jahr umlauert hat, jetzt besonders groß. Aber heute stehen wir nicht allein da. Heute haben wir Freunde in Gestalt jener Völker, die sich mancherorts bereits erhoben haben und an anderen Stellen im Begriff sind, sich zu erheben. Sie zeigen ihren Regierungen anschaulich genug, dass sie nicht gewillt sind, um räuberischer Annexionen willen weiterzukämpfen. Doch ungeachtet dessen, dass uns aufs Neue sehr gefährliche Zeiten bevorstehen, werden wir unseren sozialistischen Aufbau auch weiterhin fortsetzen. Die Erfahrung aus der Vergangenheit wird uns helfen, Fehler zu vermeiden, und uns neue Kräfte für die weitere Arbeit geben.

Beim Aufbau des neuen Staatsapparats haben die Gewerkschaften eine sehr große Rolle gespielt. Die Arbeiterklasse hat gezeigt, dass sie imstande ist, die Industrie ohne die Intelligenz und ohne die Kapitalisten zu organisieren. Vieles ist getan worden, doch bleibt noch Vieles zu tun. Genossen, schreitet kühner voran auf dem Wege, den ihr bisher gegangen seid, zieht immer neue und neue Massen zur Arbeit heran ! Gebt allen jenen Arbeitern, auch wenn sie Analphabeten, unerfahren und unwissend sein mögen, die aber mit der Masse verbunden sind und aufrichtig die Festigung der neuen Gesellschaftsordnung herbeiwünschen – gebt ihnen allen, den Parteimitgliedern wie den Parteilosen, die Möglichkeit, im neuen proletarischen Staat zu arbeiten und zu lernen, zu leiten und Reichtum zu schaffen.

Das internationale Proletariat wird sich erheben, wird überall den Kapitalismus stürzen und unser Werk vollenden, das zum vollen Sieg des Sozialismus führt !

(Stürmischer Beifall.)