Lenin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6. März 1919

 

 

ÜBER DIE GRÜNDUNG

DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE


Rede in der gemeinsamen Festsitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, des Moskauer Komitees der KPR(B), des Gesamtrussischen Zentralrats der Gewerkschaften, der Gewerkschaftsverbände sowie der Betriebskomitees Moskaus zur Gründungsfeier der Kommunistischen Internationale


[ zuerst vollständig veröffentlicht im Mai 1919, wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) im April 2010 aus Anlass des 140. Geburtstags von Lenin ]

Lenin, Band 28, Seite 491 – 493

 



(Stürmische Ovationen.)

Genossen,

es ist uns nicht gelungen, auf dem I. Kongreß der Kommunistischen Internationale Vertreter aller jener Länder zu versammeln, in denen es treuergebene Freunde dieser Organisation, in denen es Arbeiter gibt, die uns ihre ganze Sympathie entgegenbringen. Gestatten Sie mir deshalb, mit einem kleinen Zitat zu beginnen, das Ihnen zeigen wird, wie wir in Wirklichkeit mehr Freunde haben, als wir sehen, als wir wissen und als wir hier in Moskau versammeln konnten, trotz aller Verfolgungen, trotz der ganzen vereinigten, allmächtig scheinenden Bourgeoisie der ganzen Welt. Diese Verfolgungen gingen so weit, daß man versucht hat, uns geradezu mit einer chinesischen Mauer zu umgeben, und daß die Bolschewiki zu Dutzenden aus den freiesten Republiken der Welt ausgewiesen werden, als fürchte man geradezu, zehn oder ein Dutzend Bolschewiki wären imstande, die ganze Welt zu infizieren - wir wissen indessen, daß diese Furcht lächerlich ist, denn sie haben bereits die ganze Welt infiziert, denn der Kampf der russischen Arbeiter hat schon bewirkt, daß die Arbeitermassen aller Länder wissen, daß hier in Rußland das Schicksal der gesamten Weltrevolution entschieden wird.

Genossen, ich habe hier die „Humanite"158 vor mir, eine französische Zeitung, die ihrer Richtung nach am ehesten unseren Menschewiki oder den rechten Sozialrevolutionären entspricht. Während des Krieges hat dieses Blatt erbarmungslos gegen die Leute gehetzt, die unseren Standpunkt teilten. Jetzt verteidigt dieses Blatt diejenigen, die im Kriege mit der Bourgeoisie ihrer Länder zusammengingen. Diese Zeitung berichtet nun in der Ausgabe vom 13. Januar 1919, daß in Paris eine, wie das Blatt selbst zugibt, riesige Aktiwersammlung der Partei und der Gewerkschaften der Seine-Föderation stattfand, d. h. des Departements, in dem Paris liegt, eines Zentrums der proletarischen Bewegung, eines Zentrums des ganzen politischen Lebens Frankreichs. In dieser Versammlung sprach zuerst Bracke, ein Sozialist, der während des ganzen Krieges auf dem Standpunkt unserer Menschewiki und rechten Vaterlandsverteidiger stand. Jetzt war er ganz klein. Kein Wort zu einer akuten Frage! Er schloß damit, daß er gegen die Einmischung der Regierung seines Landes in den Kampf des Proletariats: anderer Länder sei. Seine Worte wurden mit Beifall aufgenommen. Dann -trat einer seiner Gesinnungsgenossen auf, ein gewisser Pierre Laval. Es geht um die Demobilisierung, um die brennendste Frage im heutigen Frankreich, einem Lande, das wohl in diesem verbrecherischen Krieg mehr Opfer gebracht hat als irgendein anderes Land. Und dieses Land sieht jetzt, daß die Demobilisierung hinausgezögert, gehemmt wird, daß man sie nicht durchführen will und daß ein neuer Krieg vorbereitet wird, der den französischen Arbeitern ganz offensichtlich neue Opfer auferlegen soll, lediglich damit die französischen oder englischen Kapitalisten noch größere Profite einstecken können. Und da sagt nun dieses Blatt, die Menge habe dem Redner Pierre Laval wohl zugehört, aber seine dem Bolschewismus feindlichen Äußerungen hätten derartige Proteste, eine derartige Erregung hervorgerufen, daß die Versammlung nicht fortgesetzt werden konnte. Hierauf ist es dem Bürger Pierre Renaudel schon nicht mehr gelungen, das Wort zu ergreifen, und die Versammlung findet mit einem kurzen Eingreifen des Bürgers Pericaf ihren Abschluß. Dieser ist einer der wenigen Repräsentanten der französischen Arbeiterbewegung, der im wesentlichen mit uns solidarisch ist.

Somit sieht sich die Zeitung zu dem Eingeständnis gezwungen,-daß die Versammlung einen Redner, sobald er sich gegen die Bolschewiki wandte, nicht zu Worte kommen ließ. Genossen, unmittelbar aus Frankreich konnten wir gegenwärtig auch nicht einen einzigen Delegierten bekommen, und nur ein Franzose hat sich mit großer Mühe hierher durchgeschlagen - Genosse Guilbeaux.

(Stürmischer Beifall.) Er wird heute sprechen. Er hat monatelang in den Gefängnissen der Schweiz gesessen, in dieser freien Republik, und man beschuldigte ihn, er stünde in Kontakt mit Lenin und bereite die Revolution in der Schweiz vor. Durch Deutschland hat man ihn in Begleitung von Gendarmen und Offizieren befördert, offenbar aus Angst, er könnte ein Streichholz fallen lassen, das Deutschland in Brand stecken würde. Aber Deutschland brennt auch ohne ein solches Streichholz. Auch in Frankreich gibt es, wie wir sehen, Leute, die mit der bolschewistischen Bewegung sympathisieren. Die französischen Massen gehören wohl zu den erfahrensten, politisch am meisten geschulten, aktivsten und feinfühligsten Massen. Sie erlauben es einem Redner nicht, in einer Volksversammlung auch nur einen einzigen falschen Ton anzuschlagen – sofort unterbrechen sie ihn, und er kann froh sein, daß. sie ihn bei ihrem französischen Temperament nicht von der Tribüne heruntergerissen haben!

Wenn ein uns feindliches Blatt schon eingesteht, was sich auf dieser großen Versammlung zugetragen hat, dann sagen wir: Das französische Proletariat

ist für uns.

Ich möchte noch ein ganz kurzes Zitat aus einer italienischen Zeitung anführen. Man versucht uns so sehr von der ganzen Welt abzuschneiden, daß wir eine sozialistische Zeitung aus anderen Ländern nur als große Rarität erhalten. Als Rarität ist auch ein Exemplar der italienischen Zeitung „Avanti!"159 bei uns eingetroffen, des Organs der Italienischen Sozialistischen Partei, die an der Zimmerwalder Konferenz teilgenommen, gegen den Krieg gekämpft und jetzt beschlossen hat, nicht nach Bern zum Kongreß der Gelben zu gehen, zum Kongreß der alten Internationale, an dem Leute teilnehmen, die gemeinsam mit ihren Regierungen diesen verbrecherischen Krieg in die Länge ziehen halfen. Bis heute erscheint die Zeitung „Avanti 1" unter strenger Zensur. In dieser Ausgabe jedoch, die zufällig in unsere Hände gelangte, lese ich eine Korrespondenz aus dem Parteileben in der Ortschaft Cavriago - wahrscheinlich ein kleiner Ort, denn auf der Karte ist er nicht zu finden - und siehe da, die Arbeiter nehmen dort in einer Versammlung eine Resolution an, in der sie ihrer Zeitung wegen deren unversöhnlicher Haltung volle Sympathie bezeigen und erklären, daß sie den deutschen Spartakusleuten beipflichten – und dann kommen einige Worte, die, wenn auch italienisch geschrieben, dennoch in der ganzen Welt verstanden werden: „Sovieristi russi" - sie begrüßen die russischen „Sowjetisten" und geben ihrem Wunsch Ausdruck, daß das Programm der russischen und der deutschen Revolutionäre in der ganzen Welt angenommen werde und dazu diene, den Kampf gegen die Bourgeoisie und die Militärherrschaft zu Ende zu führen. Wenn man eine solche Resolution aus so einem kleinen italienischen Nest liest, dann kann man sich mit vollem Recht sagen: Die italienischen Massen sind für uns, die italienischen Massen haben verstanden, was die russischen „Sowjetisten" sind, was das Programm der russischen „Sowjetisten" und der deutschen Spartakisten ist. Aber ein solches Programm hatten wir damals gar nicht! Wir hatten kein gemeinsames Programm mit den deutschen Spartakisten, und doch werfen die italienischen Arbeiter alles beiseite, was sie in ihrer bürgerlichen Presse gelesen haben, die, korrumpiert von Millionären und Milliardären, in Millionen Exemplaren Verleumdungen über uns verbreitet. Die italienischen Arbeiter hat sie nicht betrügen können. Die italienischen Arbeiter haben verstanden, was die Spartakisten und „Sowjetisten" sind, und haben gesagt, daß sie mit ihrem Programm sympathisieren - zu einer Zeit, als es ein solches Programm überhaupt noch nicht gegeben hat. Daher war auch unsere Aufgabe auf diesem Kongreß so leicht. Wir brauchten nur das als Programm schriftlich festzulegen, was sich schon im Bewußtsein und in den Herzen sogar solcher Arbeiter eingeprägt hatte, die in irgendeinem kleinen Ort durch Polizeiund Militärsperren von uns abgeschnitten sind. Daher haben wir so leicht, so völlig einmütig in allen Hauptfragen zu einem einstimmigen Beschluß kommen können, und wir sind fest überzeugt, daß diese Beschlüsse im Proletariat aller Länder einen mächtigen Widerhall finden werden.

Die Sowjetbewegung, Genossen, das ist die Form, die in Rußland errungen worden ist, die sich jetzt in der ganzen Welt verbreitet, die allein schon mit ihrem Namen den Arbeitern ein ganzes Programm gibt. Genossen, ich hoffe, daß wir, denen das große Glück zuteil wurde, die Sowjetform bis zum Siege zu entwickeln, daß wir nicht in die Lage von Leuten geraten, von denen man sagen könnte, sie wären überheblich geworden.

Genossen, wir wissen sehr wohl, daß wir nicht darum als erste an einer proletarischen Sowjetrevolution teilnahmen, weil wir ebenso oder besser vorbereitet waren als die anderen Arbeiter; wir waren schlechter vorbereitet.

Der Umstand, daß wir es mit dem barbarischsten, von innerer Fäulnis durchsetzten Gegner zu tun hatten, bewirkte, daß die Revolution sich nach außen hin so machtvoll entfaltet. Aber wir wissen auch, daß die Sowjets bei uns bis auf den heutigen Tag bestehen, daß sie mit riesigen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die hervorgerufen werden durch das unzulängliche Kulturniveau und die schwere Bürde, die wir nun schon länger als ein Jahr, wo wir einsam auf unserem Posten stehen und von allen Seiten von Feinden bedrängt sind, zu tragen haben, und wo, Sie wissen das ganz genau, unglaubliches Leid, unerträglicher Hunger und unmenschliche Qualen über uns hereinstürzten.

Genossen, es kommt nicht selten vor, daß die Leute, die direkt oder indirekt auf die Seite der Bourgeoisie übergehen, die Empörung der Arbeiter hervorzurufen versuchen, indem sie ihnen das Leid schildern, das diese zu ertragen haben. Wir aber sägen den Arbeitern: Ja, ihr habt schwer zu leiden, und wir machen auch kein Hehl daraus. Wir sagen den Arbeitern, und sie wissen das ganz genau aus ihrer eigenen Erfahrung.

Ihr seht, daß wir nicht nur für uns um den Sieg des Sozialismus kämpfen, nicht nur dafür, daß unsere Kinder an die Kapitalisten und Gutsbesitzer wie an vorgeschichtliche Ungeheuer zurückdenken - wir kämpfen dafür, daß die Arbeiter der ganzen Welt zusammen mit uns siegen.

Und dieser I. Kongreß der Kommunistischen Internationale, auf dem festgestellt wurde, daß die Sowjets sich in der ganzen Welt die Sympathie der Arbeiter erobern, zeigt uns, daß der Sieg der kommunistischen Weltrevolution gesichert ist. (Beifall.) Die Bourgeoisie wird noch in einer Reihe von Ländern wüten, dort beginnt die Bourgeoisie erst, mit den besten Menschen, mit den besten Vertretern des Sozialismus blutig abzurechnen, wie das die bestialische Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch die Weißgardisten zeigt. Solche Opfer sind unvermeidlich.

Wir suchen keinen Kompromiß mit der Bourgeoisie, wir ziehen in den letzten und entscheidenden Kampf gegen sie. Aber wir wissen, daß nach all den Qualen, Plagen und Nöten, die der Krieg verursacht hat, jetzt, wo die Massen in der ganzen Welt für die Demobilisierung kämpfen, wo sie sich betrogen fühlen und verstehen, wie unglaublich schwer die Steuerlasten sind, die die Kapitalisten auf sie abwälzen, die Millionen und aber Millionen Menschen nur um größerer Profite willen in den Tod geschickt haben - wir wissen, daß die Stunde dieser Räuber geschlagen hat!


Jetzt, wo das Wort „Sowjet" für alle verständlich geworden ist, jetzt ist der Sieg der kommunistischen Revolution gesichert. Die Genossen hier in diesem Saal haben gesehen, wie die erste Sowjetrepublik gegründet wurde, jetzt sehen sie, wie die III., die Kommunistische Internationale gegründet, worden ist ( Beifall ) , sie alle werden sehen, wie die Föderative Weltrepublik der Sowjets gegründet werden wird. (Beifall.)


Ein kurzer Zeitungsbericht wurde

am 7. März 1919 in der „Praroda" Nr. 52.

Zuerst vollständig veröffentlicht im Mai 1919