1918

Wladimir Iljitsch Lenin





Eine harte, aber notwendige Lehre



25. Februar 1918

Lenin, Band 28, Seite 46 – 50

veröffentlicht am 25. Februar 1918 in der Prawda Nr. 35 (Abendausgabe)

wieder veröffentlicht zum ersten mal im Internet am 22. April 2010 von der Komintern (SH) aus Anlass des 140. Geburtstags Lenins





Die Woche vom 18. bis zum 24. [ 11. ] Februar 1918 wird als einer der größten historischen Wendepunkte in die Geschichte der russischen – und der internationalen - Revolution eingehen.

Am 27. Februar 1917 stürzte das russische Proletariat zusammen mit dem durch den Gang der Kriegsereignisse aufgerüttelten Teil der Bauernschaft und zusammen mit der Bourgeoisie die Monarchie.

Am 21. April 1917 stürzte es die Alleinherrschaft der imperialistischen Bourgeoisie und brachte kleinbürgerliche Politiker an die Macht, die mit der Bourgeoisie paktierten.

Am 3. Juli erhob sich das städtische Proletariat spontan zu einer Demonstration und erschütterte die Regierung der Paktierer.

Am 25. Oktober stürzte es diese Regierung und errichtete die Diktatur der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft.

Dieser Sieg musste in einem Bürgerkrieg behauptet werden. Dieser erforderte ungefähr drei Monate, von dem Sieg über Kerenski bei Gatschina, den Siegen über die Bourgeoisie, die Offiziersschüler, einen Teil der konterrevolutionären Kosakenschaft in Moskau, Irkutsk, Orenburg, Kiew, bis zum Sieg über Kaledin, Kornilow und Alexejew in Rostow am Don.

Die Feuersbrunst des proletarischen Aufstands flammte in Finnland auf. Der Brand griff auf Rumänien über.

Die Siege an der inneren Front waren verhältnismäßig leicht, denn der Feind besaß weder ein technisches noch ein organisatorisches Übergewicht und hatte außerdem keine ökonomische Basis unter den Füßen, keine Stütze in den Massen der Bevölkerung. Die Leichtfertigkeit der Siege musste zwangsläufig vielen Führern zu Kopf steigen. Es verbreitete sich die Stimmung: „Uns kann keiner,“

Man übersah geflissentlich die ungeheure Zersetzung, der sich rasch demobilisierenden Armee, die die Front verließ. Man berauschte sich an der revolutionären Phrase. Man übertrug diese Phrase auf den Kampf gegen den Weltimperialismus. Man nahm das zeitweilige „Freisein“ Russlands vom Ansturm des Imperialismus für etwas Normales, während in Wirklichkeit diese „Freiheit“ nur durch eine Pause im Kriege des deutschen Räubers mit dem englisch-französischen Räuber zu erklären war. Man nahm den Beginn von Massenstreiks in Österreich und Deutschland für eine Revolution, die uns angeblich bereits von der ernsten Gefahr befreit hätte, die uns vom deutschen Imperialismus drohte. Anstatt sich ernsthaft, sachlich, konsequent um Unterstützung der deutschen Revolution, die auf einem besonders schweren und mühsamen Weg ins Leben tritt, zu bemühen, winkte man geringschätzig ab: „Was können uns die deutschen Imperialisten schon anhaben, zusammen mit Liebknecht werden wir sie sofort beiseite fegen!“

Die Woche vom 18. bis 24. Februar 1918, von der Einnahme Dwinsks bis zur Einnahme Pskows (das später wieder zurückerobert wurde), die Woche der militärischen Offensive des imperialistischen Deutschlands gegen die Sozialistische Sowjetrepublik, war eine bittere, kränkende, harte, aber notwendige, nützliche, wohltätige Lehre. Wie unendlich lehrreich war der Vergleich der beiden Gruppen von Telegrammen und telefonischen Meldungen, die in dieser Woche im Regierungszentrum einliefen ! Einerseits eine hemmungslose Orgie der „resolutiven“ revolutionären Phrase, Steinbergerscher Phrase, könnte man sagen, wenn man sich des Glanzstücks in diesem Stil, der Rede des „linken“ (hm... hm …) Sozialrevolutionärs Steinberg in der Sonnabendsitzung des Zentralexekutivkomitees erinnert. Andererseits die quälend schmachvollen Meldungen von der Weigerung der Regimenter, die Stellungen zu halten, von der Weigerung, wenigstens die Narwalinie zu halten, von der Nichtbefolgung des Befehls, beim Rückzug alles und jedes zu vernichten; gar nicht zu reden von der Desertion, dem Chaos, der Kopflosigkeit, Unbeholfenheit, Schlamperei.

Eine bittere, kränkende, harte – eine notwendige, nützliche, wohltätige Lehre !

Aus dieser historischen Lehre wird der klassenbewusste, denkende Arbeiter drei Schlussfolgerungen ziehen: bezüglich unserer Stellung zur Vaterlandsverteidigung, zur Wehrkraft des Landes, zum revolutionären, sozialistischen Krieg; bezüglich der Bedingungen unseres Zusammenstoßes mit dem Weltimperialismus; bezüglich der richtigen Stellung der Frage unserer Beziehungen zur internationalen sozialistischen Bewegung.

Wir sind jetzt, seit dem 25. Oktober 1917, Vaterlandsverteidiger, wir sind seit diesem Tage für die Verteidigung des Vaterlandes. Denn wir haben durch die Tat bewiesen, dass wir mit dem Imperialismus gebrochen haben. Wir haben die schmutzigen und blutigen imperialistischen Verschwörerverträge annulliert und veröffentlicht. Wir haben unsere Bourgeoisie gestürzt. Wir haben den von uns unterdrückten Völkern die Freiheit gegeben. Wir haben dem Volke den Boden und die Arbeiterkontrolle gegeben. Wir sind für die Verteidigung der Sozialistischen Sowjetrepublik Russland.

Aber gerade weil wir für die Verteidigung des Vaterlandes sind, fordern wir eine ernste Einstellung zur Frage der Wehrkraft und der militärischen Vorbereitung des Landes. Wir erklären der revolutionären Phrase vom revolutionären Krieg schonungslos den Krieg. Der revolutionäre Krieg erfordert eine langwierige, ernste Vorbereitung, angefangen von der wirtschaftlichen Hebung des Landes, dem Ingangsetzen der Eisenbahnen ( denn ohne diese ist ein moderner Krieg eine leere Phrase), der Wiederherstellung strengster revolutionärer Disziplin und Selbstdisziplin überall.

Vom Standpunkt der Verteidigung des Vaterlandes sind wir verpflichtet, den schwersten, knechtendsten, brutalsten, schändlichsten Frieden zu unterzeichnen – nicht um vor dem Imperialismus zu „kapitulieren“, sondern um zu lernen und zu rüsten für eine ernste und sachliche Kriegführung gegen ihn.

Bisher standen vor uns elende, verachtenswert jämmerliche (vom Standpunkt des Weltimperialismus) Feinde, ein idiotischer Romanow, der Prahlhans Kerenski; Banden von Offiziersschülern und Bourgeoissöhnchen.

Jetzt hat sich gegen uns ein Riese des kultivierten, technisch erstklassig ausgerüsteten, organisatorisch großartig eingespielten Weltimperialismus erhoben. Mit ihm muss man kämpfen. Mit ihm muss man zu kämpfen verstehen . Das durch den dreijährigen Krieg unerhört zerrüttete Bauernland, das die sozialistische Revolution begonnen hat, muss einem militärischen Ringen aus dem Wege gehen -solange man ihm, selbst um den Preis schwerster Opfer, aus dem Weg gehen kann - , gerade um die Möglichkeit zu bekommen, etwas Ernstes zu tun, sobald das „letzte entscheidende Gefecht“ entbrennen wird.

Dieses Gefecht wird erst dann entbrennen, wenn die sozialistische Revolution in den vorgeschrittenen imperialistischen Ländern ausbricht. Eine solche Revolution reift und erstarkt zweifelsohne mit jedem Monat, mit jeder Woche. Dieser heranreifenden Kraft muss man helfen. Man muss verstehen , ihr zu helfen. Man hilft nicht, sondern schadet ihr, wenn man die benachbarte Sozialistische Sowjetrepublik zu einem Zeitpunkt, wo sie offenkundig ohne Armee dasteht, der Vernichtung ausliefert.

Man darf die große Losung „Wir setzen auf den Sieg des Sozialismus in Europa“ nicht zu einer Phrase machen. Das ist eine Wahrheit, wenn man den langen und schwierigen Weg bis zum vollständigen Sieg des Sozialismus im Auge hat. Es ist eine unbestreitbare philosophisch-historische Wahrheit, wenn man die ganze „Ära der sozialistischen Revolution“ in ihrer Gesamtheit nimmt. Aber jede abstrakte Wahrheit wird zur Phrase, wenn man sie auf jede beliebige konkrete Situation anwendet. Unstreitig „lauert in jedem Streik die Hydra der sozialen Revolution“. Es ist unsinnig zu behaupten, man könne von jedem Streik sofort zur Revolution übergehen. Wenn wir „auf den Sieg des Sozialismus in Europa setzen“ in dem Sinne, vor dem Volke die Bürgschaft zu übernehmen, dass die europäische Revolution unbedingt in den nächsten paar Wochen ausbrechen und siegen werde, unbedingt, bevor die Deutschen imstande sind, Petrograd, Moskau, Kiew zu erreichen und unser Eisenbahnwesen „zu zerschlagen“, so handeln wir nicht wie ernste Revolutionäre und Internationalisten, sondern wie Abenteurer.

Wenn Liebknecht die Bourgeoisie in zwei bis drei Wochen besiegt (das ist nicht ausgeschlossen), so wird er uns aus allen Schwierigkeiten heraushelfen. Das ist unbestreitbar. Aber wenn wir unsere jetzige Taktik im Kampf gegen den jetzigen Imperialismus auf die Hoffnung gründeten, dass Liebknecht ganz bestimmt gerade in den nächsten Wochen siegen muss, dann verdienten wir nur Spott. Wir würden die größten revolutionären Losungen der Gegenwart zu einer revolutionären Phrase machen.

Genossen Arbeiter ! Lernt aus den harten, aber nützlichen Lehren der Revolution ! Bereitet euch ernstlich, angestrengt, unablässig vor auf die Verteidigung des Vaterlandes, auf die Verteidigung der Sozialistischen Sowjetrepublik !