1918

W. I. LENIN





Rede auf einer Kundgebung



im Alexejew-Volkshaus in Moskau



23. August 1918



Lenin, Band 28, Seite 63 – 65

(„Iswestija WZIK Nr. 182, 24. August 1918)





(Genosse Lenin wird bei seinem Erscheinen mit stürmischem, lan anhaltendem Beifall begrüßt.)



Genossen!

Heute veranstaltet unsere Partei Kundgebungen, die das Thema behandeln: Wofür kämpfen wir Kommunisten

Die kürzeste Antwort auf diese Frage wäre die: für die Beendigung des imperialistischen Krieges und für den Sozialismus.

Schon zu Beginn des Krieges, als Reaktion und Zarismus herrschten, haben wir erklärt, dass der Krieg ein Verbrechen ist und dass der einzige Ausweg aus ihm darin besteht, den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln.

Vielen schien damals der Zusammenhang zwischen dem imperialistischen Krieg und dem Sozialismus unverständlich, sogar viele Sozialisten glaubten, dieser Krieg müsste ebenso wie andere Kriege mit einem Friedensschluss beendigt werden.

Vier Jahre Krieg haben jedoch Vieles gelehrt. Heute wird es immer klarer, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Nach der russischen Revolution reifen in allen kriegführenden Ländern Revolutionen heran. Warum ist das so gekommen ? Um diese Frage zu beantworten, muss man zeigen, wie sich die Kommunisten zum Krieg verhalten und wie wie ihn von unserem Standpunkt aus einschätzen. Alle Kriege, die das Resultat räuberischer Bestrebungen der Zaren und der Kapitalisten waren, halten wir für verbrecherisch, denn sie stürzen die werktätigen Klassen ins Verderben, während sie der herrschenden Bourgeoisie reiche Früchte bringen.

Doch gibt es Kriege, die die Arbeiterklasse als die einzig gerechten Kriege bezeichnen muss – das ist der Kampf für die Befreiung aus der Sklaverei, aus dem Joch der Kapitalisten, und solche Kriege muss es geben, denn anders als durch Kampf werden wir die Befreiung nicht erzwingen.

Als 1914 der Krieg zwischen den Deutschen und den Engländern und Franzosen ausbrach, in dem es darum ging, wie die Erde zwischen ihnen aufgeteilt werden soll, wer von ihnen das Recht haben soll, die ganze Welt zu unterdrücken, da bemühten sich die Kapitalisten beider Lager, ihre räuberischen Bestrebungen mit der Losung von der „Vaterlandsverteidigung“ zu bemänteln, und mit diesem Ammenmärchen fütterten sie die Volksmassen.

Millionen Menschen sind in diesem Gemetzel ums Leben gekommen, Millionen wurden zu Krüppeln. Der Krieg wurde zum Weltkrieg, und immer häufiger tauchte die Frage auf: Weshalb, wofür diese unnötigen Opfer ?

England und Deutschland schwimmen in Strömen von Blut, doch herauskommen aus diesem Krieg können sie nicht: stellen die Einen imperialistischen Länder den Krieg ein, so werden ihn die Anderen weiter führen.

Die Kapitalisten haben sich übernommen; sie haben zu viel zusammengeraubt. Indessen schreitet die Zersetzung der Armee fort , überall mehren sich die Deserteure, die Berge Italiens wimmeln von ihnen, in Frankreich weigern sich die Soldaten, in den Kampf zu gehen, und selbst in Deutschland ist die frühere Disziplin geschwunden.

Den französischen und den deutschen Soldaten wird es immer klarer, dass sie die Front umkehren und ihre Waffen gegen die eigene Regierung richten müssen, weil unter dem kapitalistischen System dem blutigen Krieg unmöglich ein Ende gesetzt werden kann; daher eben rührt die Erkenntnis, dass die Arbeiter aller Länder den Kampf gegen die Kapitalisten aller Länder beginnen müssen.

Die sozialistische Ordnung schaffen ist schwer. Der Bürgerkrieg wird noch lange Monate, möglicherweise auch Jahre dauern, und das begreift der Russe, denn er ist sich bewusst, wie schwer es ist, die herrschende Klasse zu stürzen, und wie verzweifelt sich die russischen Gutsbesitzer und Kapitalisten wehren.

Es gibt keint Land in Europa, in dem die Arbeiter nicht mit den Bolschewiki sympathisierten und nicht überzeugt wären, dass die Zeit kommt, da auch sie ihre Regierung stürzen werden, wie das die russischen Arbeiter getan haben.

Wir russischen Kommunisten stehen einstweilen allein da, weil wir den anderen Abteilungen vorausgeeilt sind, weil man uns von den übrigen Genossen abgeschnitten hat. Wir haben aber als Erste beginnen müssen, weil unser Land am rückständigsten war. Unsere Revolution ist als allgemeine Revolution ausgebrochen, und wir werden unsere Aufgaben mit Hilfe der Arbeiter und Bauern aller Länder lösen.

Unsere Aufgaben sind schwierig und kompliziert, zu uns stößt manch ein unnützes, schädliches Element, doch die Arbeit hat begonnen, und wenn wir auch Fehler machen, so darf man nicht vergessen, dass wir aus jedem Fehler Erkenntnisse ziehen und lernen.

Der Kapitalismus ist eine internationale Macht, und endgültig vernichten kann man ihn darum nur dann, wenn der Sieg in allen Ländern und nicht bloß in einem Lande errungen sein wird. Der Krieg gegen die Tschechoslowaken ist ein Krieg gegen die Kapitalisten der ganzen Welt.

Die Arbeiter erheben sich zu diesem Kampf; die Petrograder und Moskauer Arbeiter reihen sich in die Armee ein, und so wird die Armee von der Idee des Kampfes für den Sieg des Sozialismus durchdrungen.

Die proletarischen Massen werden der Sowjetrepublik den Sieg über die Tschechoslowaken sichern, sie werden ihr die Möglichkeit sichern, sich so lange zu halten, bis die sozialistische Weltrevolution kommt.

(Genosse Lenin schloss seine Rede unter dem stürmischen Beifall und den Ovationen der Versammelten.)