1915

Wladimir Iljitsch Lenin





Resolutionsentwurf



der linken Sozialdemokraten



für die Erste Internationale Sozialistische



Konferenz





13. Juli 1915



(5. - 8. September 1915 in Zimmerwald)

zuerst veröffentlicht 1930 im Lenin-Sammelband XIV.

Lenin, Band 21, Seite 348 – 351







Der gegenwärtige Krieg ist durch den Imperialismus erzeugt. Der Kapitalismus hat dieses sein höchstes Stadium schon erreicht, denn die Produktivkräfte der Gesellschaft und die Größe des Kapitals sind über den Rahmen der einzelnen Nationalstaaten hinausgewachsen. Daher das Streben der Großmächte nach Versklavung fremder Nationen und nach Raub von Kolonien als Rohstoffquellen und Kapitalanlage-Gebiete. Die ganze Welt wird zu einem einheitlichen Wirtschaftsorganismus. Die ganze Welt ist zwischen einer Handvoll Großmächte verteilt. Die objektiven Vorbedingungen des Sozialismus sind vollständig herangereift. Der heutige Krieg ist ein Krieg der Kapitalisten um Privilegien und Monopole, die den Zusammenbruch des Kapitalismus aufschieben sollen.

Da die Sozialisten die Befreiung der Arbeit vom Joch des Kapitals erstreben und auf dem Standpunkt der Verbrüderung der Arbeiter aller Nationen stehen, kämpfen sie gegen jede Unterdrückung von Nationen und gegen alle nationalen Privilegien. [ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] In der Epoche, in der die Bourgeoisie noch fortschrittlich war und die Niederwerfung des Absolutismus, Feudalismus und fremdländischen Joches auf der Tagesordnung der Geschichte stand, haben die Sozialisten in diesem Sinne – und nur in diesem Sinne – die Vaterlandsverteidigung anerkannt, da sie immer die konsequentesten und entschiedensten Demokraten waren. Und bräche heute in Osteuropa oder in den Kolonien ein Krieg der unterdrückten Nationen gegen ihre Unterdrücker, die Großmächte, aus, so würden die Sozialisten voll und ganz mit diesen ausgebeuteten Nationen sympathisieren.

Der jetzige Krieg ist aber durch eine ganz andere historische Epoche erzeugt, eine Epoche, in der die Bourgeoisie längst nicht mehr fortschrittlich, sondern bereits reaktionär geworden ist. Von Seiten beider Gruppen der Krieg führenden Mächte ist dieser krieg ein Krieg der Sklavenhalter um die Erhaltung und Festigung der Sklaverei: um die Neuaufteilung der Kolonien, um das „Recht“, andere Nationen zu unterdrücken, um die Privilegien und Monopole des Großmachtkapitals, um die Verewigung der Lohnsklaverei mittels Spaltung der Arbeiter verschiedener Länder und Unterdrückung der Arbeiter mit den reaktionärsten Mitteln.

Deswegen sind die Phrasen von der Vaterlandsverteidigung seitens beider Krieg führender Gruppen nur ein Betrug der Bourgeoisie am Volk. Weder der Sieg einer der beiden Koalitionen noch die Rückkehr zum Status quo kann der Mehrheit der Nationen die Freiheit von imperialistischer Unterdrückung durch eine Handvoll Großmächte sichern oder der Arbeiterklasse auch nur ihre jetzigen bescheidenen kulturellen Errungenschaften garantieren. Die Epoche des verhältnismäßig friedlichen Kapitalismus ist für immer vorbei. Der Imperialismus bringt der Arbeiterklasse unerhörte Verschärfung des Klassenkampfes, der Not, der Arbeitslosigkeit, der Teuerung, des Druckes der Trusts, des Militarismus und politische Reaktion, die überall, selbst in den freiesten Ländern, ihr Haupt erhebt.

In Wirklichkeit bedeutet die Losung der Vaterlandsverteidigung in diesem Krieg die Befürwortung des „Rechts“ der „eigenen“ nationalen Bourgeoisie auf die Unterdrückung fremder Nationen, bedeutet sie national-liberale Arbeiterpolitik und den Bund eines winzigen Teils der privilegierten Arbeiter mit „ihrer“ nationalen Bourgeoisie gegen die Masse der Proletarier und Ausgebeuteten. Die Sozialisten, die eine solche Politik betreiben, sind tatsächlich Chauvinisten, Sozialchauvinisten. Die Politik der kreditbewilligung, des Eintritts in die Kabinette, des Burgfriedens usw. ist Verrat am Sozialismus. Durch die Verhältnisse der ganzen verflossenen „friedlichen“ Epoche erzeugt, ist der Opportunismus jetzt zum vollen Bruch mit dem Sozialismus herangereift und zum direkten Feind des Befreiungskampfes des Proletariats geworden. Die Arbeiterklasse kann ihre weltgeschichtlichen Ziele nicht erreichen ohne den rücksichtslosen Kampf sowohl gegen den offenen Opportunismus und Sozialchauvinismus (die Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien Frankreichs, Deutschlands, Österreichs, Hyndman, die Fabier und die Trade-Unionisten in England, Rubanowitsch, Plechanow und „Nascha Sarja“ in Russland etc.) als auch gegen das so genannnte „Zentrum“, das die marxistischen Positionen an die Chauvinisten ausgeliefert hat.[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ] ; (Seite 349 - 350)

Das Basler Manifest von 1912, das von den Sozialisten aller Länder einstimmig angenommen wurde, da man eben einen solchen Krieg zwischen den Großmächten voraussah, wie er jetzt ausgebrochen ist, hat den imperialistischen, reaktionären Charakter dieses Krieges ganz eindeutig festgestellt und erklärt, dass der Kongress es für ein Verbrechen hält, wenn die Arbeiter einer Nation auf die Arbeiter einer anderen Nation schießen; der Kongress hat das Kommen der proletarischen Revolution eben im Zusammenhang mit diesem Krieg proklamiert. Und in der Tat schafft dieser Krieg eine revolutionäre Situation, er hat eine revolutionäre Stimmung und Gärung in den Massen erzeugt, überall in dem besten Teil des Proletariats das Bewusstsein von der Schädlichkeit des Opportunismus geweckt und den Kampf gegen ihn verschärft. Die Friedensforderung, die unter den arbeitenden Massen wächst, bringt die Ernüchterung der Massen, den Zusammenbruch der bürgerlichen Lüge von der Vaterlandsverteidigung und die beginnende Klärung des revolutionären Bewusstseins der Massen zum Ausdruck Indem die Sozialisten diese Stimmung für die revolutionäre Agitation ausnutzen und dabei keine Rücksicht nehmen auf die mögliche Niederlage des „eigenen“ Vaterlands, werden sie die Völker nicht täuschen mit der Hoffnung auf die Möglichkeit eines baldigen, irgendwie dauerhaften, demokratischen, jede Unterdrückung der Nationen ausschließenden Friedens und einer Abrüstung usw. ohne revolutionäre Niederwerfung der heutigen Regierungen. Nur die soziale Revolution des Proletariats macht den Weg frei zum Frieden und zur Freiheit der Nationen.

Der imperialistische Krieg eröffnet die Ära der sozialen Revolution. Alle objektiven Bedingungen der jüngsten Epoche setzen den revolutionären Massenkampf des Proletariats auf die Tagesordnung. Die Aufgabe der Sozialisten ist es, ohne ein einziges legales Mittel des Kampfes aufzugeben, alle diese Mittel der Hauptaufgabe unterzuordnen, das revolutionäre Bewusstsein der Arbeiter zu entwickeln, sie im internationalen revolutionären Kampf zu sammeln, jedes revolutionäre Auftreten zu fördern und die Umwandlung des imperialistischen Krieges zwischen den Völkern in den Bürgerkrieg anzustreben, in den Krieg der unterdrückten Klassen gegen ihre Unterdrücker, mit dem Ziel der Expropriation der Kapitalistenklasse, der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, der Verwirklichung des Sozialismus.[ hervorgehoben von der Komintern (SH) ]