1917

Wladimir Iljitsch Lenin







Die Klassenverschiebung

10. Juli 1917



Prawda Nr. 92

Lenin, Band 25, Seite 124 – 126





Jede Revolution, wenn sie eine echte Revolution ist, läuft auf eine Klassenverschiebung hinaus.

Deshalb ist es das beste Mittel, die Massen aufzuklären und auch der Irreführung der Massen durch revolutionäre Beteuerungen entgegenzutreten, die Analyse der in der jeweiligen Revolution vor sich gegangenen und noch vor sich gehenden Klassenverschiebung.

Das gegenseitige Verhältnis der Klassen in Russland während der letzten Jahre des Zarismus hat sich mit aller Deutlichkeit in der Zeit von 1904 bis 1916 abgezeichnet. Eine kleine Handvoll fronherrlicher Gutsbesitzer, an ihrer Spitze Nikolaus II. , hatte die Macht inne in engstem Bündnis mit den Magnaten des Finanzkapitals, die für europäische Verhältnisse märchenhafte Profite einstrichen und zu deren Gunsten die außenpolitischen Raubverträge abgeschlossen wurden.

Die liberale Bourgeoisie, an ihrer Spitze die Kadetten, befand sich in Opposition. Da sie das Volk mehr als die Reaktion fürchtete, suchte sie durch Paktieren mit der Monarchie zur Macht zu gelangen.

Das Volk, d.h., die Arbeiter und Bauern mit ihren in die Illegalität getriebenen Führern, war revolutionär und bildete die proletarische und kleinbürgerliche „revolutionäre Demokratie“.

Die Revolution vom 27. Februar 1917 hat die Monarchie hinweggefegt und die liberale Bourgeoisie an die Macht gebracht, die in direktem Einverständnis mit den englischen und französischen Imperialisten handelnd nur eine kleine Palastrevolte machen wollte. Auf keinen Fall wollte sie weiter als bis zu einer konstitutionellen Zensusmonarchie gehen. Und als die Revolution dann aber weiter ging, die Monarchie völlig vernichtet und die Sowjets (der Arbeiter -, Soldaten – und Bauerndeputierten) schuf, da wurde die liberale Bourgeoisie durch und durch konterrevolutionär.

Jetzt, vier Monate nach dem Umsturz, tritt der konterrevolutionäre Charakter der Kadetten, dieser führenden Partei der liberalen Bourgeoisie, klar zu Tage. Das sehen alle. Alle müssen diese Tatsache anerkennen. Aber bei Weitem nicht alle sind bereit, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sich ihre Bedeutung klar zu machen.

Russland ist heute eine demokratische Republik, die nach freier Vereinbarung politischer Parteien , die im Volke frei agitieren, regiert wird. In den vier Monaten, die seit dem 27. Februar vergangen sind, haben sich alle einigermaßen wichtigen Parteien zusammengeschlossen und formiert, sie sind bei den Wahlen ( zu den Sowjets und den örtlichen Körperschaften) in Erscheinung getreten und haben ihre Bindungen zu den verschiedenen Klassen offenbart.

In Russland ist gegenwärtig die konterrevolutionäre Bourgeoisie an der Macht, der gegenüber die kleinbürgerliche Demokratie, nämlich die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, zur „Position Ihrer Majestät“ geworden ist. Das Wesen der Politik dieser Parteien besteht im Paktieren mit der konterrevolutionären Bourgeoisie. Die kleinbürgerliche Demokratie steigt zur Macht empor, indem sie sich zunächst die örtlichen Körperschaften erobert (wie sie die Liberalen unter dem Zarismus zuerst die Semstwos erobert haben). Diese kleinbürgerliche Demokratie will die Macht mit der Bourgeoisie teilen , nicht aber die Bourgeoisie stürzen, ebenso wie die Kadetten die Macht mit der Monarchie teilen, nicht aber die Monarchie stürzen wollten. Ebenso wir die Klassenverwandtschaft des Kapitalisten mit dem in den Verhältnissen des 20. Jahrhunderts lebenden Gutsbesitzern beide veranlasst hatte, sich in brüderlicher Eintracht um den „angebeteten“ Monarchen zu scharen, so hat auch die tiefe Klassenverwandtschaft der kleinen und großen Bourgeoisie das Paktieren der kleinbürgerlichen Demokratie (der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki) mit den Kadetten herbeigeführt.

Die Form des Paktierens hat sich geändert; unter der Monarchie war sie grob, der Zar ließ die Kadetten nur auf den Hinterhof der Reichsduma. In der demokratischen Republik wurde das Paktieren europäisch verfeinert: man lässt die Kleinbürger in unschädlicher Minderheit eine unschädliche Rolle (für das Kapital) in der Regierung spielen.

Die Kadetten haben den Platz der Monarchie eingenommen und die Zereteli und Tschernow den der Kadetten. Die proletarische Demokratie hat den Platz der wirklich revolutionären Demokratie eingenommen.

Der imperialistische Krieg hat die ganze Entwicklung außerordentlich beschleunigt. Ohne den Krieg hätten die Sozialrevolutionäre und Menschewiki noch jahrzehntelang nach Ministerpöstchen seufzen müssen. Aber derselbe Krieg beschleunigt die Entwicklung auch weiterhin, denn der Krieg stellt die Fragen nicht reformistisch, sondern revolutionär.

Die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki könnten Russland im Einvernehmen mit der Bourgeoisie so manche Reform geben, doch die objektive Lage in der Weltpolitik ist revolutionär, Reformen bieten keinen Ausweg .

Der imperialistische Krieg bedrückt und erdrückt die Völker. Vielleicht ist die kleinbürgerliche Demokratie imstande, den Untergang für kurze Zeit hinauszuschieben, doch nur das revolutionäre Proletariat kann die Rettung vor dem Untergang bringen.