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Zum 125. Jahrestag der Gründung der II. Internationale

14. Juli 1889 - 14. Juli 2014

 

Man betont gewöhnlich den überaus kämpferischen und überaus revolutionären Charakter des Leninismus. Das ist völlig richtig. Aber diese Besonderheit des Leninismus erklärt sich aus zwei Gründen:

erstens daraus, dass der Leninismus aus dem Schoße der proletarischen Revolution hervorging, deren Stempel er notwendigerweise tragen muss;

zweitens daraus, dass er heranwuchs und erstarkte im Ringen mit dem Opportunismus der II. Internationale, dessen Bekämpfung die notwendige Vorbedingung für den erfolgreichen Kampf gegen den Kapitalismus war und ist.

Man darf nicht vergessen, dass zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin andererseits ein ganzer Zeitabschnitt der ungeteilten Herrschaft des Opportunismus der II. Internationale liegt, dessen rücksichtslose Bekämpfung eine der wichtigsten Aufgaben des Leninismus sein musste“ (Stalin, Band 8, Seite 64).

 

Grußadresse der Komintern (SH)

aus Anlass des

125. Jahrestages

der Zweiten Internationale


14. Juli 14 1889 – 14. Juli 2014

 

 

Heute feiern wir nicht nur den 225. Jahrestag der französischen Revolution, sondern auch den 125. Jahrestag der Zweiten Internationale, die auf den Tag genau am 100. Geburtstag des "Sturms auf die Bastille" gegründet wurde - und zwar genau in der gleichen Stadt - Paris.

Die Zweite Internationale folgte der Ersten Internationale dreizehn Jahre später, die 1876 aufgelöst worden war. Zum Zeitpunkt der Gründung der Zweiten Internationale war Karl Marx bereits 6 Jahre tot, und so war es der Genosse Engels, der die Zweite Internationale im Geiste des Marxismus gründete und aufbaute.


Die Zweite Internationale nahm mit großem Erfolg ihre Arbeit auf. Sie war ein wertvolles internationales Instrument der sozialistischen Revolution und stärkte die Vereinigung aller ausgebeuteten und unterdrückten Klassen über alle Ländergrenzen hinweg. Im Kampf gegen die Spaltung der internationalen Arbeiterklasse hielt die Zweite Internationale am Marxismus fest, insbesondere unter dem maßgeblichen Einfluss von Friedrich Engels.

Nach dem Tod des Genossen Engels, mit der Intensivierung des Klassenkampfes in den ersten Jahren des XX. Jahrhunderts und der wachsenden internationalen Bedeutung des Bolschewismus unter der Führung Lenins traten die tiefen Widersprüche zwischen den Marxisten und den Reformisten immer deutlicher zu Tage . Und so war das Ende der Zweiten Internationale zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 vorprogrammiert.


Die Zweite Internationale verließ ihren marxistischen Boden und verlor den Geist des proletarischen Internationalismus mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Sie verwandelte sich in ein Instrument der Bourgeoisie. In der Tat, anstatt dem Krieg mit der Revolution, mit dem Sturz der Kapitalisten, mit bewaffneten Streiks und Aufständen zu antworten, stimmten die verschiedenen Sektionen der Internationale, z.B. in Frankreich, Deutschland und Großbritannien, den Kriegskrediten zu, mit denen das Abschlachten der Klassenbrüder aller anderen Länder finanziert wurde. Mit dem Ersten Weltkrieg ging es den imperialistischen Ländern nur darum, ihre Einflusssphären in der Welt neu aufzuteilen, das heißt, darüber zu entscheiden, wer
die Menschen am meisten ausbeuten und unterdrücken durfte.

Die russischen Bolschewiki, mit den Genossen Lenin und Stalin an der Spitze, standen damals in vorderster Front bei der Entlarvung und Bekämpfung des Sozial-Chauvinismus und revisionistischen Verrats der Zweiten Internationale.
Zur Zeit des Ersten Weltkriegs, und kurz danach, wurde die "Zweite Internationale" eine offen pro-kapitalistische und anti-kommunistische Organisation. Sie diente nur noch dazu, die Arbeiter zu täuschen. Durch einpaar lächerliche Almosen ("Sozialhilfe", etc.) sollte die Lohnsklaverei aufrecht erhalten bleiben. "Es ist nicht mehr notwendig, den Kapitalismus zu stürzen. Man braucht ihm nur noch ein 'menschliches Antlitz' verleihen." Das war Verrat an den Prinzipien des Marxismus-Leninismus, Verrat an der sozialistischen Revolution und der Errichtung der Diktatur des Proletariats.

Der Zusammenbruch der II. Internationale war unvermeidbar und es tauchte die Frage auf: Sollte man die Zweite Internationale am Leben erhalten und ihr wieder marxistischen Geist einhauchen, oder ihr einen Todesstoß versetzen und eine Kommunistische Internationale auf ihren Ruinen aufbauen ?

Die Bolschewiki mit Lenin an der Spitze vertraten den einzig richtigen marxistischen Standpunkt, mämlich die Zweite Internationale zu begraben.

Lenin kämpfte erfolgreich gegen die zentristische Position der Versöhnung zwischen Marxismus und Reformismus-Revisionismus - nämlich gegen das Kautskyanertum der so genannten "Zwei einhalbten Internationale", die versuchte, die Zweite Internationale zu retten und wieder auf den Weg des "Marxismus" zurückzuholen.

Aber die "Zweit einhalbte Internationale" Kautskys war nicht das einzige Problem. Alle Internationalisten der Zimmerwalder und Kienthaler Konferenz unterschätzten 1916 die Gefahr des kautskyanischen Zentrismus, die darin bestand, den unversöhnlichen Kampf gegen den Opportunismus einzustellen. Die Internationalisten konnten sich nicht konsequent dazu durchringen, der bolschewistischen Linie zu folgen. Lenin kritisierte die Fehler der inkonsistenten Internationalisten unter den linken Sozialdemokraten, wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Aber gleichzeitig half er ihnen, die richtige bolschewistische Position einzunehmen. Drei Jahre später, im Jahre 1919, wurde die Dritte Internationale, die Komintern, von Genossen Lenin und Stalin, gegründet.

Die Dritte Internationale machte dem Zusammenspiel zwischen den offenen und versteckten Opportunisten der Zweiten Internationale einen Strich durch die Rechnung und schrieb die "Diktatur des Proletariats und die sozialistische Revolution im Weltmaßstab" auf ihr internationales Kampfesbanner.

Die Komintern (SH) setzt diesen leninistisch-stalinistischen Kampf gegen den Doppelcharakter des offenen und versteckten Opportunismus heute konsequent fort. Heute kämpfen wir gegen die Opportunisten der " 4 und 1/2 Köpfe", das heißt gegen den versöhnlerisch-zentristischen Kurs der Neo-Revisionisten, die sich im Wesentlichen nicht von den Vertretern der kautskianischen " Zwei 1/2. Internationale" unterscheiden.

Wir halten daran fest, dass Friedrich Engels und Lenin in der Zweiten Internationale eine hervorragende revolutionäre Rolle gespielt haben.

Es war eine marxistische Internationale, die von uns Stalinisten-Hoxhaisten bis zum Baseler Kongreß verteidigt wird. Die Baseler Resolution propagierte die proletarische Revolution als das einzige konsequente Mittel gegen den imperialistischen Krieg.

Erstens:

Die Periode der II. Internationale ist von ideologisch wichtiger Bedeutung als Übergangsperiode vom Marxismus zum Leninismus. Engels trug zu Lebzeiten den Marxismus in die Zweite Internationale hinein und Lenin trug den Marxismus-Leninismus in die Dritte Internationale hinein. Die opportunistische Entwicklung in der II. Internationale war entscheidend für die Entwicklung des Marxismus zum Leninismus.

Zweitens:

Die Periode der II. Internationale war von organisatorischer Bedeutung - als Übergangsperiode von der Internationalen Arbeiter-Assoziation (I. Internationale) zur Kommunistischen Internationale.

Drittens:

Die Periode der II. Internationale ist von großer Bedeutung für die Ausbreitung und Internationalisierung der revolutionären proletarischen Bewegung - ist die Übergangsperiode von der Pariser Kommune zur Oktoberrevolution, - die Übergangsperiode von der sozialistischen Arbeiterweltbewegung zur kommunistischen Weltbewegung. In Abgrenzung vom Opportunismus der II. Internationale ist einst unsere Kommunistische Weltbewegung entstanden.



Weltproletarier, ausgebeutete und unterdrückte Klassen - lasst uns gemeinsam gegen alle Arten des Revisionismus, des Reformismus und Sozial-Chauvinismus kämpfen !


Nieder mit dem Verrat des Zweiten Internationale! Es lebe die dritte Internationale von Lenin und Stalin!

Nieder mit allen Arten von Opportunismus, Neo-
Revisionismus und verkappten Antikommunismus!

Nur der Komintern (SH) ist die treue Fortsetzerin des militanten revolutionären, bolschewistischen Geistes der glorreichen Komintern, der DrittenInternationale des Genossen Lenin und Stalin!

Nieder mit allen Arten von Ausbeutung undUnterdrückung!

Es lebe der Marxismus-Leninismus-Stalinismus-
Hoxhaismus!

Es lebe die sozialistische Weltrevolution!

Es lebe die Diktatur des Weltproletariats !

Es lebe der Weltsozialismus und Weltkommunismus!

Es lebe die Komintern (SH), die einzige wirklich
kommunistischen Organisation in der Welt, die
einzige Avantgarde-Partei des Weltproletariats!

 

 

Der Internationale Sozialistische Arbeiterkongress

fand vom 14. bis 20. Juli 1889 in Paris statt.

 

Auf dem Gründungskongress der II. Internationale waren rund 400 Delegierte aus 22 Ländern Europas und Amerikas anwesend.

Zur gleichen Zeit tagte in Paris der internationale Kongreß der Possibilisten.

Die Possibilisten (Broussisten) waren eine opportunistische Strömung innerhalb der französischen Arbeiterbewegung unter der Führung von Paul Brousse, Benoit Malon u.a., die sich 1882 von der französischen Arbeiterpartei (Parti ouvrier frangais) abspaltete und sich "Federation des Travailleurs socialistes" nannte. Die Führer dieser Strömung verkündeten das reformistische Prinzip des Strebens nach dem „Möglichen" („possible").

Auf dem Possibilistenkongress, der zu einem Fiasko wurde, waren nur Delegierte aus 14 Ländern vertreten.

An dem Kongreß der Marxisten nahmen auch Anarchisten und Reformisten teil. Diese Delegierten waren für eine Vereinigung mit dem Possibilistenkongress um jeden Preis. Auf den ersten Sitzungen gab es deshalb mit ihnen heftige Auseinandersetzungen. Auf der vierten Sitzung kam es zu einem Mehrheitsbeschluss zur Vereinigungdurch eine von Wilhelm Liebknecht eingebrachte Resolution, die von Engels kritisiert worden war.

Die Possibilisten und die "Social Democratic Federation" versuchten mit allen Mitteln, den Pariser Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress zu diskreditieren. Die Mehrheit der Delegierten dieses Kongresses hatten der Resolution Wilhelm Liebknechts zugestimmt, die den Teilnehmern des von den Possibilisten zur gleichen Zeit veranstalteten Kongresses einen Anschluß an den marxistischen Kongreß ermöglichte, wobei aber die Führung der Marxisten gesichert bleiben sollte. Der Possibilistenkongress, dessen wenige ausländische Delegierte zum Teil nur fiktive Organisationen vertraten, lehnte diesen Vorschlag des Kongresses der Marxisten ab. Er nahm eine Resolution an, in der die Verschmelzung der beiden Kongresse an die Bedingung geknüpft war, daß die Mandate der Delegierten des marxistischen Kongresses "überprüft" würden.

Die Vereinigung scheiterte an der Haltung der Possibilisten.

Danach nahm der Internationale Sozialistische Arbeiterkongress die Berichte der Vertreter der sozialistischen Parteien über die Arbeiterbewegung in ihren Ländern entgegen und arbeitete die Grundlagen einer internationalen Arbeiterschutzgesetzgebung aus. Der Kongreß verlangte die gesetzliche Einführung des Achtstundentages, das Verbot der Kinderarbeit und Maßnahmen zum Schutz der Jugendlichen und Frauen, Die von August Bebel zu diesen Forderungen eingebrachte Resolution wurde gegen die Stimmen der Anarchisten von der Mehrheit der Delegierten angenommen. Der Kongress orientierte die internationale Arbeiterbewegung auf ihre politische Organisierung, auf ihren Kampf um demokratische Rechte und die Ausnutzung aller legalen Möglichkeiten des Kampfes sowie auf das Ziel der Arbeiterbewegung, die Eroberung der politischen Macht. Weiter sprach sich der Kongress für die Abschaffung der stehenden Heere aus, schlug an deren Stelle die allgemeine Volksbewaffnung vor und erklärte „den Frieden als die erste und unerlässliche Bedingung jeder Arbeiter-Emanzipation". Der Beschluss des Kongresses, am 1 .Mai 1890 in allen Ländern Kundgebungen für den achtstündigen Arbeitstag und die internationale Solidarität zu organisieren, wurde zur Geburtsstunde der Maifeier.


 

Bilder von der Zweiten Internationale

 

 

 

 

 

Aus Anlass des 125. Jahrestages der Zweiten Internationale

veröffentlicht die Komintern (SH) folgende Dokumente in verschiedenen Sprachen:

 

Engels an Friedrich Adolph Sorge

in Hoboken

London, 17. Juli 89


Lieber Sorge,

Unser Kongreß sitzt und ist ein brillanter Erfolg. 358 Delegierte bis vorgestern, und noch immer neue am Kommen. Über die Hälfte Ausländer, darunter 81 Deutsche aus allen Staaten und Städtchen und Provinzen außer Posen. Das erste Lokal schon am ersten Tag zu klein, das zweite schon am zweiten, ein drittes wurde gesucht. Die Sitzungen, trotz einzelner französischer Einwendungen (sie dachten, in Paris würden die Possibilisten [ 1 ] ein größres Publikum haben und deshalb sitze man besser geschlossen), auf einstimmiges Verlangen der Deutschen - einzige Sicherheit vor Mouchards - durchweg öffentlich. Ganz Europa vertreten. Mit nächster Post wird der „Soz[ial]dem[okratl" die Zahlen nach Amerika bringen. Schottische und deutsche Bergleute aus den Kohlendistrikten kommen dort zum ersten Mal zur gemeinsamen Beratung.

Die Possibilisten haben 80 Ausländer (42 Briten, davon 15 Social Democratic Federation, 17 Trades Unions), 7 Ostreich-Ungarn (kann nicht viel mehr als Schwindel sein, die ganze wirkliche Bewegung dort ist mit uns), 7 Spanier, 7 Italiener (3 Repräsentanten von italienischen Gesellschaften im Ausland), 7 Belgier, 4 Amerikaner (2 davon, Bowen und Georgei aus Washington DC, waren bei mir), 2 Portugiesen, 1 Schweizer (nomine par lui-meme2), 1 Pole. Fast alles Trades Unionisten. Daneben 477 Franzosen, die aber nur 136 Chambres Syndicales und 77 cercles d'etudes socialistes vertreten, jede kleine Clique kann nämlich 3 Delegierte schicken, während unsre 180 Franzosen jeder eine besondre Gesellschaft vertreten.

Der Verschmelzungsschwindel bei beiden Kongressen natürlich sehr stark; die Fremden wollen Verschmelzung, die Franzosen in beiden Fällen halten zurück. Die Verschmelzung unter rationellen Bedingungen ist ganz gut, aber der Schwindel besteht im Geschrei nach Verschmelzung à tout prix von seiten einiger der Unsern.

Polizeispitzeln - 8 durch sich selbst nominiert-3 Syndikatskammern - 4 sozialistische Gruppen.

Soeben aus dem „Sozialdemokrat" erfahren, daß Liebk[necht]s Verschmelzungsantrag

wirklich mit großer Majorität angenommen. Worin er besteht, ob er eine wirkliche Verschmelzung auf Grund privater Verhandlungen bedeutet oder nur einen abstrakten Wunsch, der zu solchen leiten soll, ist leider aus dem Brief nicht zu ersehn. Die deutsche Gemütlichkeit ist über solche Kleinigkeiten erhaben, indes bürgt mir die Tatsache, daß die Franzosen ihn akzeptiert, hinreichend dafür, daß keine Blamage gegenüber den Possibilisten vorliegt. Weiteres werde ich erst nach Postabgang erfahren können, wohl erst morgen.

Übrigens erfährst Du wahrscheinlich das wesentliche ebenso früh als ich, da Avelings mit dem Pariser ,,N[ew]-Y[ork] Herald"-Mann darüber Arrangements abgeschlossen wegen cabling. Ich schicke Dir heute „Reynolds's" 6 von Samstag und „Star" von Montag - alles, was bis jetzt hier in der Presse Wesentliches erschienen. Weiteres am Samstag.

Die Intrige der Possibilisten und Social Democratic Federation, sich die leitende Stellung in Frankreich und England respektive zu erschleichen, ist jedenfalls total gescheitert und ihre Prätension auf internationale Leitung noch mehr. Wenn die beiden Kongresse nebeneinander nur den Zweck erfüllten, die Streitkräfte aufmarschieren zu lassen - der possibilistischen und Londoner Klüngler hier, der europäischen Sozialisten (die, dank jenen, als Marxisten figurieren) dort - und damit vor der Welt zu zeigen, wo die wirkliche

Bewegung konzentriert ist und wo der Schwindel, so reicht das hin.

Natürlich wird die wirkliche Verschmelzung, wenn sie zustande kommt, keineswegs die Fortdauer des Krakeels in England und Frankreich verhindern, im Gegenteil. Sie wird nur eine imposante Demonstration für das große Bourgeoispublikum bedeuten, einen Arbeiterkongreß von über 900 Mann, und von den zahmsten Trades Unions bis zu den revolutionärsten Kommunisten. Und sie wird den Klünglern für die nächsten Kongresse

das Handwerk ein für allemal gelegt haben, denn diesmal haben sie gesehn, wo die wirkliche Macht liegt, daß wir ihnen in Frankreich gewachsen, auf dem ganzen Kontinent überlegen sind und daß ihre Stellung auch in England sehr wackelt.


Dein F. E.

 

 

 

FRIEDRICH ENGELS


Die Mandate der Possibilisten


Geschrieben Anfang August 1889.

Nach: „The Labour Elector", Vol.II, Nr. 32 vom 10. August 1889.

Aus dem Englischen.



Die Anhänger des Pariser Possibilisten-Kongresses wiederholen immer wieder - der unverkennbare Herr Smith Headungley im „Star", Herr H.Burrows und Frau Besant in Wochenblättern - , daß ihr Kongreß ein wahrhaft repräsentativer war, wohingegen am Marxisten-Kongreß Leuteteilnahmen, die nur sich selbst vertraten und aus diesem Grunde es nicht wagten, die Herausforderung der Possibilisten anzunehmen und ihnen ihre Mandate vorzulegen. Die englischen Delegierten zum Marxisten-Kongreß werden zweifellos eine Gelegenheit suchen und finden, die Unwahrheit der gegen sie erhobenen Beschuldigungen nachzuweisen; wir können daher einstweilen diesen Teil des Themas fallenlassen und uns darauf beschränken, zu bemerken, daß die Possibilisten dem Marxisten-Kongreß kaum eine größere Beleidigung zufügen konnten, als von ihm zu verlangen, den Akt der Überprüfung seiner eigenen Mandate, der bereits vor zwei (oder drei?) Tagen abgeschlossen war, zu ignorieren und ihre Mandate einer neuen Prüfung zu unterziehen, während die Possibilisten in ihrer Resolution über diesen Punkt es sorgsam vermieden, sich einer Prüfung ihrer eigenen Mandate durch die Marxisten zu unterziehen.

Daß das Obengesagte eine richtige Beurteilung der Angelegenheit darstellt, und daß die Possibilisten weit mehr Grund hatten als die Marxisten, ihre Mandate nur ihren Freunden vorzuweisen, wurde durch die Bemerkungen Dr. Adlers auf dem Marxisten-Kongreß bestätigt, die einige ihm zugegangene Informationen über die „österreichischen" Delegierten der Possibilisten zum Inhalt hatten. Da diese Angelegenheit für die Art und Weise, in welcher die Possibilisten wahrhaft repräsentative Delegierte fabrizierten, charakteristisch ist, verdient sie es, veröffentlicht zu werden.

In der Liste der Delegierten der Possibilisten finden wir unter „ Österreich" die folgenden Körperschaften vertreten: - „Gewerkschaft der Wiener Bäcker", „Verband von Oberösterreich und Salzburg", „Verband der Arbeitsleute von Böhmen, Mähren und Schlesien". Dr. Adler, der während der vergangenen drei Jahre die sozialistische Bewegung in Österreich mit wundervoller Energie, mit viel Takt und Ausdauer reorganisierte und der alle Arbeitervereinigungen Österreichs kennt, erzählte nun dem Kongreß, daß diese verschiedenen Gesellschaften, was für Verdienste sie auch immer haben mögen, einen fatalen Mangel aufweisen: sie existieren nicht.

Als es in Paris bekannt wurde, daß der Marxisten-Kongreß am Sonntag zusammengetreten war und daß Delegierte aus Österreich anwesend waren, kamen gleich am Montag zwei Österreicher zum Kongreß und sprachen mit Dr. Adler. Sie erzählten ihm, daß sie Bäcker seien und schon einige Zeit in Paris arbeiteten. Ein ungarischer Bäcker namens Dobosy habe sie als „Delegierte" zu einem Arbeiterkongreß eingeladen; sie wollten wissen, ob es sich um diesen Kongreß handele. Adler befragte sie eingehender und fand heraus, daß sie für den Possibilisten-Kongreß eingeladen worden waren, für den sie Mitgliedskarten hatten. Den Männern, von denen sie eingeladen worden waren, wollten sie gesagt haben, daß sie niemand anders als sich selbst verträten, woraufhin man ihnen entgegnet habe, daß dies nichts ausmache, Österreich sei ein despotisches Land und reguläre Mandate seien daher nicht erforderlich. Sie glaubten nun, daß sich die eigentlichen österreichischen Delegierten auf dem anderen Kongreß befinden. Was rate man ihnen, zu tun? Die österreichischen Delegierten sagten ihnen, daß sie kein Recht hätten, bei irgendeinem Kongreß Delegierte zu spielen. Darauf wurde ein weiteres Gespräch vereinbart. Nach ein oder zwei Tagen kamen sie wieder, nahmen an der Tagung des Marxisten-Kongresses teil und erklärten darauf, daß sie selbst begriffen hätten, daß sie aus dieser falschen Lage herausmüßten, aber wie? Man sagte ihnen, daß sie ihre Mandate zurückgeben sollten. Sie hatten überhaupt keine. Dann gebt eure Mitgliedskarten zurück. Dies versprachen sie zu tun und kehrten dann zurück, um mitzuteilen, daß sie es getan hätten.

Dies ist ein Beispiel dafür, was die Possibilisten und ihre englischen Parteigänger „streng repräsentativ" nennen. Und die eindrucksvolle Liste ungarischer Gesellschaften mit Namen, die unter Druckfehlern so gut verborgen sind, daß nur bei wenigen der angebliche Sitz erkennbar ist, und nach Aussage der wirklichen ungarischen Delegierten des Marxisten-Kongresses außerhalb des Wunderlandes possibilistischer Einbildungen ebenfalls nicht existent sind - wie durchsichtig ist doch dieser Betrug. „Soziale Studienzirkel und Verbände Kroatiens, Slawoniens, Dalmatiens, von Triest und Fiume" - dieser pompöse Titel trägt zu offensichtlich den Stempel seines Pariser Ursprungs. Man bedenke, daß hinter all dem nicht einmal die - drei Schneider aus der Tooley Street13431 stehen!

Man sagt uns weiterhin, es sei völlig falsch, daß der Possibilisten-Kongreß ein bloßer Trade-Unions-Kongreß war. Herr Herbert Burrows ist über eine derartige Verleumdung ganz ungehalten; mit Ausnahme einiger weniger englischer Trade-Unionisten waren „alle Delegierten "revolutionäre Sozialisten und vertraten als solche ihre entsprechenden Gesellschaften. Um nur ein Beispiel zu geben: was schreibt „El Socialista"[344] aus Madrid (26. Juli) über die spanischen Delegierten der Possibilisten? Daß „sie sagen, daß sie 20 000 Sozialisten vertreten, wo sie doch nur Delegierte von Gesellschaften sind, in welchen sowohl für die Karlistent345] als auch die revolutionären Sozialisten Platz ist" - also völlig unpolitische Klubs oder was man in England Trade-Unions nennt.

Geschrieben Anfang August 1889.

Nach: „The Labour Elector", Vol.II, Nr. 32 vom 10. August 1889.

Aus dem Englischen.

 

 

 

 

in englischer Sprache

"NEW YORK TIMES"

 

Über den Ersten Kongress der Zweiten Internationale

Paris 1889

 

Über den zweiten Kongress der Zweiten Internationale

Brüssel 1891

 

Über den dritten Kongress der Zweiten Internationale

Zürich - August 9-13, 1893

 

 

 

 

 

 

Eleonor Marx

Bericht aus Großbritannien und Irland an die Delegierten des Brüsseler Internationalen Kongresses - 1891

 

 

 

 

Delegiertenbericht.

Amerika auf dem Internationalen Sozialisten-Kongress in Zürich

1893

 

 

 

 

 

 

 

 

Bericht

Kopenhagener Kongress

Zweite Internationale

August 1910

 

 

 

 

 

Bericht and den Kongress in Kopenhagen

von der Schwedischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei

1910

 

 

 

 

 

 

Bericht der Sozialistischen Partei der Vereinigten Staaten an den Internationalen Sozialistenkongress in Kopenhagen - 1910

 

 

 

 

 

 

 

Zweite Internationale Konferenz

der sozialistischen Frauen

Kopenhagen 1910

 

 

 

 

in französischer Sprache

 

 

Bericht an den Zweiten Kongress der Zweiten Internationale

 

Bruxelles, August 16 - 23, 1891

 

 

 

 

 

 

 

J. W. STALIN

GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)
--
KURZER LEHRGANG

 

KAPITEL VI
Die Partei der Bolschewiki in der Periode des imperialistischen Krieges. Die zweite Revolution in Russland
(1914 bis März 1917)

 

2
Der Übergang der Parteien der II. Internationale auf die Seite ihrer imperialistischen Regierungen
Der Zerfall der II .Internationale in einzelne sozialchauvinistische Parteien

 

Lenin hatte wiederholt vor dem Opportunismus der II. Internationale und vor der Wankelmütigkeit ihrer Führer gewarnt. Immerfort betonte er, dass die Führer der II. Internationale nur in Worten gegen den Krieg seien, dass sie im Falle eines Kriegsausbruchs ihren Standpunkt ändern und auf die Seite der imperialistischen Bourgeoisie überlaufen könnten, dass sie Anhänger des Krieges werden könnten. Gleich die ersten Kriegstage bestätigten Lenins Voraussicht.

Im Jahre 1910 war auf dem Kopenhagener Kongress der II. Internationale der Beschluss angenommen worden, dass die Sozialisten in den Parlamenten gegen Kriegskredite stimmen müssen. Während des Balkankriegs im Jahre 1912 hatte der Baseler Kongress der II. Internationale erklärt, dass die Arbeiter aller Länder es für ein Verbrechen halten, um der Vergrößerung der Profite der Kapitalisten willen aufeinander zu schießen. So war es in Worten, in Resolutionen.

Als aber der Gewittersturm des imperialistischen Krieges losbrach, als es galt, diese Beschlüsse in die Tat umzusetzen, erwiesen sich die Führer der II. Internationale als Fahnenflüchtige und Verräter an der Sache des Proletariats, erwiesen sie sich als Lakaien der Bourgeoisie, wurden sie Anhänger des Krieges.

Am 4. August 1914 stimmte die deutsche Sozialdemokratie im Parlament für die Kriegskredite, für die Unterstützung des imperialistischen Krieges. Dasselbe tat die übergroße Mehrheit der Sozialisten Frankreichs, Englands, Belgiens und anderer Länder.

Die II. Internationale hörte auf zu existieren. Sie zerfiel in der Tat in einzelne sozialchauvinistische Parteien, die gegeneinander Krieg führten.

Die Führer der sozialistischen Parteien gingen, das Proletariat verratend, auf die Position des Sozialchauvinismus und der Verteidigung der imperialistischen Bourgeoisie über. Sie halfen den imperialistischen Regierungen, die Arbeiterklasse an der Nase herumzuführen und sie mit dem Gift des Nationalismus zu verseuchen. Diese Sozialverräter begannen unter der Flagge der Vaterlandsverteidigung die deutschen Arbeiter auf die französischen, und die englischen und französischen Arbeiter auf die deutschen zu hetzen. Nur eine unbedeutende Minderheit in der II. Internationale verblieb auf der Position des Internationalismus und wandte sich gegen den Strom, zwar nicht ganz sicher und nicht ganz entschieden, aber sie wandte sich immerhin gegen den Strom.

Nur die Partei der Bolschewiki erhob sofort und ohne Schwanken das Banner des entschlossenen Kampfes gegen den imperialistischen Krieg. In seinen im Herbst 1914 verfassten Thesen über den Krieg wies Lenin darauf hin, dass der Zusammenbruch der II. Internationale kein Zufall war. Die II. Internationale wurde zugrunde gerichtet von den Opportunisten, gegen die die besten Vertreter des revolutionären Proletariats schon lange ihre warnende Stimme erhoben hatten.

Die Parteien der II. Internationale waren schon vor dem Kriege vom Opportunismus angesteckt. Die Opportunisten predigten offen den Verzicht auf den revolutionären Kampf, predigten die Theorie des „friedlichen Hineinwachsens des Kapitalismus in den Sozialismus“. Die II. Internationale wollte nicht gegen den Opportunismus kämpfen, sie wollte mit ihm Frieden halten und gab ihm die Möglichkeit, sich zu festigen. Indem sie gegenüber dem Opportunismus eine versöhnlerische Politik betrieb, wurde die II. Internationale selbst opportunistisch.

Die imperialistische Bourgeoisie bestach systematisch mittels ihrer aus den Kolonien, aus der Ausbeutung rückständiger Länder gezogenen Profite, durch höhere Arbeitslöhne und andere Brosamen die Oberschicht der qualifizierten Arbeiter, die so genannte Arbeiteraristokratie. Aus dieser Arbeiterschicht waren nicht wenige Führer der Gewerkschaften und Genossenschaften, Gemeindevertreter und Parlamentsabgeordnete, Journalisten und sozialdemokratische Parteibeamte hervorgegangen. Angesichts des Krieges wurden diese Leute, die ihre Stellung zu verlieren fürchteten, zu Gegnern der Revolution, zu eifrigsten Verteidigern ihrer Bourgeoisie, ihrer imperialistischen Regierungen.

Die Opportunisten wurden zu Sozialchauvinisten.

Die Sozialchauvinisten, darunter die russischen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, predigten im eigenen Lande den Klassenfrieden der Arbeiter mit der Bourgeoisie und nach außen den Krieg gegen andere Völker. Sie täuschten die Massen über die wahren Kriegsschuldigen durch die Erklärung, dass die Bourgeoisie ihres Landes am Kriege nicht schuld sei. Viele Sozialchauvinisten wurden Minister in den imperialistischen Regierungen ihres Landes.

Nicht weniger gefährlich für die Sache des Proletariats waren die versteckten Sozialchauvinisten, die so genannten Zentristen. Die Zentristen - Kautsky, Trotzki, Martow und andere - rechtfertigten und verteidigten die offenen Sozialchauvinisten und verrieten somit im Verein mit den Sozialchauvinisten das Proletariat, wobei sie ihren Verrat mit „linken“, auf Betrug an der Arbeiterklasse berechneten Phrasen vom Kampf gegen den Krieg verschleierten. In der Tat unterstützten die Zentristen den Krieg, denn der Vorschlag der Zentristen, nicht gegen die Kriegskredite zu stimmen und sich bei der Abstimmung über die Kriegskredite auf Stimmenthaltung zu beschränken, bedeutete die Unterstützung des Krieges. Sie forderten ebenso wie die Sozialchauvinisten den Verzicht auf den Klassenkampf während des Krieges, um ihre imperialistische Regierung nicht an der Kriegführung zu behindern. Der Zentrist Trotzki war in allen wichtigen Fragen des Krieges und des Sozialismus gegen Lenin, gegen die bolschewistische Partei.

Lenin begann schon in den ersten Kriegstagen die Kräfte zur Schaffung einer neuen, der III. Internationale zu sammeln. Bereits in seinem Manifest gegen den Krieg vom November 1914 machte es sich das Zentralkomitee der bolschewistischen Partei zur Aufgabe, an Stelle der schmählich zusammengebrochenen II. Internationale die III. Internationale zu schaffen.

Im Auftrag Lenins sprach im Februar 1915 Genosse Litwinow auf der Londoner Konferenz der Sozialisten der Ententeländer. Litwinow forderte den Austritt der Sozialisten (Vandervelde, Sembat, Guesde) aus den bürgerlichen Regierungen Belgiens und Frankreichs und den völligen Bruch mit den Imperialisten, den Verzicht auf Zusammenarbeit mit ihnen. Er verlangte von allen Sozialisten den entschiedenen Kampf gegen ihre imperialistischen Regierungen und die Verurteilung der Bewilligung der Kriegskredite. Aber Litwinows Stimme fand auf dieser Konferenz keinen Widerhall.

Anfang September 1915 versammelte sich in Zimmerwald die erste Konferenz der Internationalisten. Lenin bezeichnete diese Konferenz als „den ersten Schritt“ in der Entwicklung der internationalen Bewegung gegen den Krieg. Auf dieser Konferenz wurde von Lenin die Zimmerwalder Linke gebildet. In dieser Zimmerwalder Linken nahm jedoch nur die Partei der Bolschewiki mit Lenin an der Spitze den einzig richtigen, bis zu Ende konsequenten Standpunkt gegen den Krieg ein: Die Zimmerwalder Linke gab in deutscher Sprache die Zeitschrift „Der Vorbote“ heraus, worin Artikel Lenins veröffentlicht wurden.

Im Jahre 1916 gelang es, in dem Schweizer Dorf Kiental die zweite Konferenz der Internationalisten einzuberufen. Sie wird die zweite Zimmerwalder Konferenz genannt. Zu dieser Zeit hatten sich in fast allen Ländern Gruppen von Internationalisten herausgebildet, zeichnete sich die Abspaltung der internationalistischen Elemente von den Sozialchauvinisten schärfer ab. Die Hauptsache war aber, dass die Massen selber zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluss des Krieges und des durch ihn hervorgerufenen Unheils eine Linksentwicklung durchgemacht hatten. Das Kientaler Manifest wurde auf Grund einer Vereinbarung der verschiedenen Gruppen, die sich auf der Konferenz bekämpften, ausgearbeitet. Es war ein Schritt vorwärts im Vergleich mit dem Zimmerwalder Manifest.

Aber auch die Kientaler Konferenz nahm die leitenden Grundsätze der Politik der Bolschewiki nicht an: Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg; Niederlage der eigenen imperialistischen Regierungen im Kriege; Organisierung der III. Internationale. Nichtsdestoweniger trug die Kientaler Konferenz zur Auslese der internationalistischen Elemente bei, aus denen sich in der Folge die Kommunistische, die III. Internationale bildete.

Lenin kritisierte die Fehler der inkonsequenten Internationalisten, linker Sozialdemokraten wie Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, aber gleichzeitig half er ihnen, den richtigen Standpunkt einzunehmen.

 

 

3
Theorie und Taktik der bolschewistischen Partei in den Fragen des Krieges, des Friedens und der Revolution

 

Die Bolschewiki waren keine einfachen Pazifisten (Friedensanhänger), die rührselig nach Frieden seufzen und sich auf Friedenspropaganda beschränken, wie das die meisten linken Sozialdemokraten taten. Die Bolschewiki waren für einen aktiven revolutionären Kampf um den Frieden bis zum Sturz der Macht der kriegslüsternen imperialistischen Bourgeoisie. Die Bolschewiki verbanden die Sache des Friedens mit der Sache des Sieges der proletarischen Revolution; sie hielten für das sicherste Mittel zur Beendigung des Krieges und zur Erreichung eines gerechten Friedens, eines Friedens ohne Annexionen und Kontributionen, den Sturz der Macht der imperialistischen Bourgeoisie.

Der menschewistischen und sozialrevolutionären Absage an die Revolution, der verräterischen Losung von der Einhaltung des „Burgfriedens“ während des Krieges stellten die Bolschewiki die Losung der „Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“ entgegen. Diese Losung bedeutete, dass die Werktätigen, darunter die in den Soldatenrock gesteckten bewaffneten Arbeiter und Bauern, die Gewehre gegen ihre eigene Bourgeoisie kehren und deren Macht stürzen müssen, wenn sie den Krieg loswerden und einen gerechten Frieden erreichen wollen.

Der menschewistischen und sozialrevolutionären Politik der Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes stellten die Bolschewiki die Politik der „Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege“ entgegen. Dies bedeutete, dass es notwendig ist, gegen die Kriegskredite zu stimmen, illegale revolutionäre Organisationen in der Armee zu schaffen, die Verbrüderung der Soldaten an der Front zu unterstützen und revolutionäre Aktionen der Arbeiter und Bauern gegen den Krieg zu organisieren, um diese Aktionen in den Aufstand gegen die eigene imperialistische Regierung überzuleiten.

Die Bolschewiki waren der Meinung, dass im imperialistischen Krieg die militärische Niederlage der zaristischen Regierung für das Volk das geringste Übel wäre, denn sie würde den Sieg des Volkes über den Zarismus und den erfolgreichen Kampf der Arbeiterklasse für die Befreiung von kapitalistischer Sklaverei und imperialistischen Kriegen erleichtern. Hierbei vertrat Lenin die Auffassung, dass die Politik der Niederlage der eigenen imperialistischen Regierung nicht nur von den russischen Revolutionären, sondern von den revolutionären Parteien der Arbeiterklasse aller kriegführenden Länder durchgeführt werden müsse.

Die Bolschewiki waren nicht gegen jeden Krieg. Sie waren nur gegen den Eroberungskrieg, gegen den imperialistischen Krieg. Die Bolschewiki waren der Meinung, dass es zwei Arten von Kriegen gibt:

a) einen gerechten Krieg, der kein Eroberungskrieg, sondern ein Befreiungskrieg ist, der das Ziel hat, entweder das Volk gegen einen äußeren Überfall und gegen Unterjochungsversuche zu verteidigen, oder das Ziel der Befreiung des Volkes von der Sklaverei des Kapitalismus, oder endlich das Ziel der Befreiung der Kolonien und abhängigen Länder vom Joche der Imperialisten, und

b) einen ungerechten, einen Eroberungskrieg, der das Ziel hat, fremde Länder zu erobern, fremde Völker zu versklaven.

Einen Krieg der ersten Art unterstützten die Bolschewiki. Was den Krieg der zweiten Art betrifft, so waren die Bolschewiki der Auffassung, dass man gegen ihn einen entschiedenen Kampf bis zur Revolution und bis zum Sturz der eigenen imperialistischen Regierung führen muss.

Gewaltige Bedeutung für die Arbeiterklasse der ganzen Welt hatten Lenins theoretische Arbeiten während der Kriegszeit. Im Frühjahr 1916 schrieb Lenin das Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Lenin zeigte in diesem Buch, dass der Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus ist, in welchem dieser bereits aus dem „fortschrittlichen“ Kapitalismus umgeschlagen ist in den parasitären Kapitalismus, in den faulenden Kapitalismus, dass der Imperialismus sterbender Kapitalismus ist. Dies bedeutete natürlich nicht, dass der Kapitalismus von selbst absterben werde, ohne die Revolution des Proletariats, dass er, faul bis ins Mark, von selbst ein-stürzen werde. Lenin hat immer gelehrt, dass es ohne die Revolution der Arbeiterklasse unmöglich ist, den Kapitalismus zu stürzen. Darum wies Lenin, als er den Imperialismus als sterbenden Kapitalismus bezeichnete, in diesem Buche zugleich nach, dass der „Imperialismus der Vorabend der sozialen Revolution des Proletariats ist“.

Lenin zeigte, dass das kapitalistische Joch in der Epoche des Imperialismus immer schwerer wird, dass unter den Bedingungen des Imperialismus die Empörung des Proletariats gegen die Grundlagen des Kapitalismus wächst, dass sich innerhalb der kapitalistischen Länder Elemente einer revolutionären Explosion anhäufen.

Lenin zeigte, dass sich in der Epoche des Imperialismus die revolutionäre Krise in den kolonialen und abhängigen Ländern verschärft, dass die Kräfte der Empörung gegen den Imperialismus, dass die Elemente des Befreiungskrieges gegen den Imperialismus anwachsen.

Lenin zeigte, dass sich unter den Bedingungen des Imperialismus die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung und die Widersprüche des Kapitalismus besonders verschärft haben, dass der Kampf um die Märkte für Warenabsatz und Kapitalausfuhr, der Kampf um Kolonien, um Rohstoffquellen - periodische imperialistische Kriege um eine Neuaufteilung der Welt unvermeidlich macht.

Lenin zeigte, dass es gerade infolge dieser Ungleichmäßigkeit der Entwicklung des Kapitalismus zu imperialistischen Kriegen kommt, die die Kräfte des Imperialismus schwächen und es möglich machen, die Front des Imperialismus an dem Punkt zu durchbrechen, der sich als der schwächste erweist.

Auf Grund von alledem kam Lenin zu der Schlussfolgerung, dass die Durchbrechung der imperialistischen Front durch das Proletariat an irgendeiner Stelle oder einigen Stellen durchaus möglich ist, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in einigen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist, dass der gleichzeitige Sieg des Sozialismus in allen Ländern infolge der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung des Kapitalismus in diesen Ländern - unmöglich ist, dass der Sozialismus vorerst in einem Lande oder einigen Ländern siegen wird, während die übrigen Länder für eine gewisse Zeit bürgerliche Länder bleiben werden.

Hier die Formulierung, die Lenin dieser genialen Schlussfolgerung in zwei verschiedenen, in der Periode des imperialistischen Krieges geschriebenen Artikeln gegeben hat:

1. „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen ...“ (Aus dem Artikel „über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“, geschrieben im August 1915.) (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S.753.)

2. „Die Entwicklung des Kapitalismus geht in den verschiedenen Ländern höchst ungleichmäßig vor sich. Anders kann es auch nicht sein bei der Warenproduktion. Daher die unumgängliche Schlussfolgerung: der Sozialismus kann nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen. Er wird vorerst in einem Lande oder einigen Ländern siegen, die übrigen aber werden für eine gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben. Das muss nicht nur Reibungen hervorrufen, sondern auch das direkte Bestreben der Bourgeoisie anderer Länder, das siegreiche Proletariat des sozialistischen Staates niederzuwerfen. In diesen Fällen wäre ein Krieg von unserer Seite rechtmäßig und gerecht. Dies wäre ein Krieg für den Sozialismus, für die Befreiung anderer Völker von der Bourgeoisie.“ (Aus dem Artikel „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“, geschrieben im Herbst 1916.) (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 878.)

Das war eine neue, eine abgeschlossene Theorie der sozialistischen Revolution, eine Theorie von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern, von den Bedingungen seines Sieges, von den Perspektiven seines Sieges, eine Theorie, die Lenin in ihrem Grundriss schon im Jahre 1905 in der Broschüre „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ dargelegt hatte.

Sie unterschied sich von Grund aus von der Konzeption, die bei den Marxisten in der Periode des vorimperialistischen Kapitalismus im Schwange war, als die Marxisten der Meinung waren, dass der Sieg des Sozialismus in irgendeinem einzelnen Lande unmöglich sei, dass der Sieg des Sozialismus in allen zivilisierten Ländern gleichzeitig erfolgen werde. Lenin hat auf Grund der vorhandenen Daten über den imperialistischen Kapitalismus, die er in seinem vortrefflichen Buch „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ darlegte, diese Konzeption als veraltet verworfen, sie umgekehrt, und eine neue theoretische Konzeption aufgestellt, die den gleichzeitigen Sieg des Sozialismus in allen Ländern als unmöglich ansieht, den Sieg des Sozialismus in einem einzeln genommenen kapitalistischen Lande hingegen als möglich anerkennt.

Die unabschätzbare Bedeutung der Leninschen Theorie der sozialistischen Revolution besteht nicht nur darin, dass sie den Marxismus um eine neue Theorie bereichert und ihn weitergeführt hat. Ihre Bedeutung besteht auch noch darin, dass sie den Proletariern der einzelnen Länder eine revolutionäre Perspektive gibt, ihre Initiative für den Ansturm gegen die eigene nationale Bourgeoisie auslöst, sie lehrt, die Kriegssituation zur Organisierung eines solchen Ansturms auszunutzen, und ihren Glauben an den Sieg der proletarischen Revolution festigt.

Das war die theoretische und taktische Einstellung der Bolschewiki zu den Fragen des Krieges, des Friedens und der Revolution.

Auf Grund dieser Einstellung führten die Bolschewiki ihre praktische Arbeit in Russland durch.

Trotz grausamer Polizeiverfolgungen unternahmen die Dumadeputierten - die Bolschewiki Badajew, Petrowski, Muranow, Samoilow und Schagow - zu Anfang des Krieges eine Rundreise durch eine Reihe von Organisationen und hielten Referate über die Stellung der Bolschewiki zum Kriege und zur Revolution. Im November 1914 wurde eine Beratung der bolschewistischen Fraktion der Reichsduma zur Erörterung der Frage der Stellung zum Kriege veranstaltet. Am dritten Tage wurden sämtliche Teilnehmer dieser Beratung verhaftet. Das Gericht verurteilte alle Deputierten zur Aberkennung der Rechte und zur Verbannung nach Ostsibirien. Die zaristische Regierung beschuldigte die bolschewistischen Deputierten der Reichsduma des „Hochverrats“.

Vor Gericht entrollte sich ein Bild der Tätigkeit der Dumadeputierten, das unserer Partei Ehre machte. Die bolschewistischen Deputierten benahmen sich vor dem zaristischen Gericht mutig und verwandelten es in eine Tribüne zur Entlarvung der Eroberungspolitik des Zarismus.

Anders benahm sich der in diesem Prozess mitangeklagte Kamenew. Infolge seiner Feigheit sagte er sich schon bei der ersten Gefahr von der Politik der bolschewistischen Partei los. Kamenew erklärte vor Gericht, dass er mit den Bolschewiki in der Frage des Krieges nicht einverstanden sei, und bat, zum Beweise dessen den Menschewik Jordanski als Zeugen vorzuladen.

Große Arbeit leisteten die Bolschewiki gegen die Kriegsindustriekomitees, die mit der Kriegsversorgung beschäftigt waren, und gegen die Versuche der Menschewiki, die Arbeiter dem Einfluss der imperialistischen Bourgeoisie zu unterwerfen. Die Bourgeoisie hatte ein Lebensinteresse daran, den imperialistischen Krieg vor der Allgemeinheit als einen Krieg des ganzen Volkes hinzustellen. Die Bourgeoisie erlangte während des Krieges durch die Schaffung ihrer allrussischen Organisation, der Semstwo- und Stadtverbände, großen Einfluss auf die Staatsangelegenheiten. Notwendig war es für sie, auch die Arbeiter ihrer Führung, ihrem Einfluss zu unterwerfen. Die Bourgeoisie ersann hierfür ein Mittel - die Schaffung von „Arbeitergruppen“ bei den Kriegsindustriekomitees. Die Menschewiki griffen diese Idee der Bourgeoisie auf. Es war für die Bourgeoisie vorteilhaft, in diese Kriegsindustriekomitees Arbeitervertreter hineinzuziehen, die unter den Arbeitermassen für die Notwendigkeit einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität in den Munition, Geschütze, Gewehre, Patronen herstellenden Fabriken und anderen Rüstungsbetrieben agitieren sollten. „Alles für den Krieg, alles in den Krieg“, das war die Losung der Bourgeoisie. In Wirklichkeit bedeutete diese Losung: „Bereichere dich, was das Zeug hält, an den Kriegslieferungen und an dem Raub fremder Territorien.“ Die Menschewiki nahmen aktiv an dieser pseudopatriotischen, von der Bourgeoisie eingefädelten Sache teil. Sie halfen den Kapitalisten durch gesteigerte Agitation für die Teilnahme der Arbeiter an der Wahl von „Arbeitergruppen“ bei den Kriegsindustriekomitees. Die Bolschewiki waren gegen diese Mache. Sie waren für den Boykott der Kriegsindustriekomitees und führten diesen Boykott erfolgreich durch. Ein Teil der Arbeiter jedoch nahm trotzdem an der Tätigkeit der Kriegsindustriekomitees unter Leitung des bekannten Menschewiks Gwosdew und des Provokateurs Abrossimow teil. Als jedoch die Arbeiterbevollmächtigten im September 1915 zwecks endgültiger Wahl der „Arbeitergruppen“ der Kriegsindustriekomitees zusammentraten, da stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Bevollmächtigten gegen die Beteiligung an diesen war. Die Mehrheit der Arbeitervertreter nahm eine scharfe Resolution gegen die Beteiligung an den Kriegsindustriekomitees an und erklärte, dass die Arbeiter sich die Aufgabe stellen, für den Frieden, für den Sturz des Zarismus zu kämpfen.

Große Arbeit entfalteten die Bolschewiki auch in Armee und Flotte. Sie erklärten den Massen der Soldaten und Matrosen, wer an den unerhörten Greueln des Krieges und den Leiden des Volkes schuld ist, sie machten ihnen klar, dass die Revolution für das Volk der einzige Ausweg aus dem imperialistischen Gemetzel ist. Die Bolschewiki schufen Zellen in Armee und Flotte, an der Front und in der Etappe, und verbreiteten Flugblätter mit Aufrufen gegen den Krieg.

In Kronstadt schufen die Bolschewiki das „Hauptkollektiv der Kronstädter Militärorganisation“, das mit dem Petrograder Parteikomitee enge Verbindung unterhielt. Beim Petrograder Parteikomitee wurde eine militärische Organisation zur Arbeit in der Garnison geschaffen. Im August 1916 meldete der Leiter der Petrograder Geheimpolizei, dass in dem „Kronstädter Kollektiv die Sache sehr ernst, konspirativ betrieben wird und dass die Teilnehmer lauter verschwiegene und vorsichtige Leute sind. Auch an Land hat dieses Kollektiv seine Vertreter“.

Die Partei betrieb an der Front Agitation für die Verbrüderung zwischen den Soldaten der kriegführenden Armeen und hob hervor, dass der Feind die Weltbourgeoisie ist und dass man den Krieg nur durch Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg beendigen kann, dadurch, dass man die Gewehre gegen seine eigene Bourgeoisie und ihre Regierung richtet. Immer mehr häuften sich die Fälle, dass einzelne Truppenteile sich weigerten, zum Angriff vorzugehen. Solche Tatsachen waren schon 1915 und besonders 1916 zu verzeichnen.

Besonders große Arbeit entfalteten die Bolschewiki in den Armeen der Nordfront im Ostseegebiet. Der Oberbefehlshaber der Nordfront General Russki erstattete Anfang 1917 im Instanzenwege Meldung über die gewaltige revolutionäre Arbeit, die die Bolschewiki an dieser Front entfaltet hatten.

Der Krieg bedeutete den größten Umschwung im Leben der Völker, im Leben der internationalen Arbeiterklasse. Er setzte das Schicksal der Staaten, das Schicksal der Völker, das Schicksal der sozialistischen Bewegung auf eine Karte. Darum war er zugleich der Prüfstein, die Probe für alle Parteien und Strömungen, die sich sozialistisch nannten. Bleiben diese Parteien und Strömungen der Sache des Sozialismus, der Sache des Internationalismus treu, oder werden sie es vorziehen, die Arbeiterklasse zu verraten, ihre Banner einzurollen und sie der eigenen, der nationalen Bourgeoisie zu Füßen zu legen? So stand damals die Frage.

Der Krieg zeigte, dass die Parteien der II. Internationale die Probe nicht bestanden, dass sie die Arbeiterklasse verrieten und vor der eigenen nationalen, imperialistischen Bourgeoisie die Banner einzogen.

Diese Parteien konnten auch nicht anders handeln, sie, die in ihrer Mitte den Opportunismus groß gezüchtet hatten und in der Praxis der Zugeständnisse an die Opportunisten, an die Nationalisten erzogen waren.

Der Krieg zeigte, dass die Partei der Bolschewiki die einzige Partei war, die die Prüfung in Ehren bestand und der Sache des Sozialismus, der Sache des proletarischen Internationalismus bis zu Ende treu blieb.

Das ist auch verständlich: nur eine Partei von neuem Typus, nur eine im Geiste des unversöhnlichen Kampfes gegen den Opportunismus erzogene Partei, nur eine von Opportunismus und Nationalismus freie Partei, nur eine solche Partei konnte die große Prüfung bestehen und der Sache der Arbeiterklasse, der Sache des Sozialismus und des Internationalismus, treu bleiben.

Die bolschewistische Partei war gerade eine solche Partei.