Das Zentralkomitee der PAA und das Präsidium der Volksversammlung veröffentlichten den Text des Entwurfs der neuen Verfassung der Volksrepublik Albanien. Überall im Ausland sprach und spricht man davon und analysiert ihn öffentlich. Nur in China findet dieses für unser Land so wichtige Ereignis, dieses in politischer, ideologischer, organisatorischer und verfassungsmäßiger Hinsicht so wichtige Dokument unserer Partei und des albanischen Staates nicht die leiseste Erwähnung.

In der chinesischen Presse schreibt man wertloses Zeug über unser Land. In allererster Line versäumt es die Presse dort nicht, nachzudrucken, was man im unrigeren Land Gutes über China sagt. Was es sonst noch an Nachrichten gibt, sind banale Chroniken: Hier fand diese Versammlung statt, dort jene Kundgebung, auf der einen sprach dieser, auf der anderen jener, in Albanien traf der und der ein, der und der reiste aus Albanien ab. Auch Sportmeldungen werden veröffentlicht. Doch in all diesen Chroniken wird niemals erwähnt, dass «diese oder jene Delegation dieser oder jener marxistisch-leninistischen kommunistischen Partei Albanien einen Besuch abstattete». So sehr hat China die politisch-ideologische Beziehungen zu unserem Land reduziert! Dies gilt für Presse und Propaganda, die politisch-ideologischen Gespräche zwischen unseren beiden Seiten wurden schon vor geraumer Zeit auf den Nullpunkt reduziert. Es gibt noch nicht einmal den geringsten Meinungsaustausch über das Weltgeschehen.

Was die Wirtschaftsbeziehungen und die Hilfen für die Armee anbelangt, so wurden auch sie auf das absolute Minimum reduziert. Und trotzdem bluffen die Chinesen nach außen hin, wollen den Anschein erwecken, Albanien sei ihr «treuester Verbündeter».

Wie haben wir diese Haltung zu verstehen? So, dass die Chinesen von ihren Leuten verspätet informiert werden? Das ist nicht schlüssig, denn es geht hier nicht um geringfügige Dinge, sondern um wichtige Ereignisse und Materialien unseres Landes und unserer Partei. Zudem gibt es ausser den Vertretern von Hsinhua in Tirana auch jede Woche das Flugzeug Peking-Tirana und zurück. Im Übrigen hat China auch seine Botschaft in Tirana.

Oder brauchen die Chinesen vielleicht Zeit zum Übersetzen und zum Studium unserer Materialien? Auch das ist nicht schlüssig, denn sie haben ein Bataillon von Übersetzern, und was uns betrifft, so verlangen wir gar nicht, dass sie irgendeinen Artikel oder Kommentare über diese Ereignisse bringen, sondern sind auch mit einer einfachen Nachricht zufrieden, aus der die chinesische Öffentlichkeit erfährt, dass in Albanien «diese Dokumente erschienen». Warum also handeln sie so? Was geht vor? Es gibt nur eine Erklärung: die Chinesen betreiben Sabotage, sie sind nicht einverstanden mit der politischen Linie unserer Partei.

Die Chinesen sprechen von der «Diktatur des Proletariats», dafür kämpfen auch wir. Sie äußern sich gegen die Sowjetunion, doch worum geht es denn im 19. Band? Außerdem, was machen wir denn Tag für Tag? Warum bringen sie dann nicht wenigstens die schlichte Nachricht, dass diese Dokumente erschienen sind?

Wie hat man dieses chinesische Rätsel zu verstehen? Sie wollen aus folgenden Gründen keine Propaganda für die richtige Linie unserer Partei machen:



a) weil dann ihre falsche Haltung herauskommt;

b) weil da der Größenwahn einer großen Partei und eines großen Staates ist;

c) weil sie mit der marxistisch-leninistischen Linie unserer Partei nicht einverstanden sind, weder in der Theorie noch in der Praxis - propagierten sie die richtige Linie unserer Partei, würde schon von daher die Konfrontation offensichtlich;

d) weil die Formeln und Schlagworte der Chinesen pseudomarxistisch sind;

e) weil sie wollen, dass wir ihnen um den Bart gehen, so sprechen und handeln wie sie. Die Chinesen billigen die prinzipienfeste marxistisch-leninistische Haltung unserer Partei nicht. Sie wollen; dass wir vor ihnen katzbuckeln. Dazu wird es selbstverständlich niemals kommen;

f) weil ihnen die inneren Maßnahmen nicht gefallen haben, die wir gegen die Partei- und Staatsfeinde Beqir Balluku, Hito Cako,. Petrit Dume, Abdyl Këllezi u.a. ergriffen haben. Weshalb? Wieweit hatten die Chinesen bei hrem Komplott die Finger im Spiel? Eines jedenfalls wissen wir: die Linie der Verräter unseres Landes gefiel den chinesischen Genossen;

g) weil die Chineser uns von den marxistisch-leninistischen, Positionen abbringen wollen, weil sie wollen, dass wir uns mit den Verrätern Tito und Ceaucescu vereinigen, weil sie uns in den revisionistischen Tümpel stoßen wollen. Selbstverständlich haben wir diese antimarxistischen und kapitulantenhaften Ansichten verurteilt.

All dies habe ich oft als Frage aufgeworfen und dazu Erläuterungen gegeben. Ich habe mich bemüht, in den Analysen objektiv und korrekt zu sein, auch wenn ich manches Mal sehr starke Worte gebrauchte. Ich meine aber, dass die Dinge beim Namen genannt werden müssen.

Für mich ergibt sich aus der Analyse der Fakten in dieser Frage, dass die Hauptsache bei dem chinesischen Rätsel ist: Ist die Kommunistische Partei Chinas auf dem richtigen marxistisch-leninistischen Weg? Ging sie früher diesen Weg? Befindet sie sich in organisatorischer Hinsicht wohl auf dem Weg einer Partei leninistischen Typs, wie ihn Marx, Engels und Lenin lehren? (Von Stalin wollen wir gar nicht reden, gegen den waren und sind die Chinesen. In Worten sind die Chinesen für Stalin, weil sie nicht anders können, haben sie doch nun einmal zu dieser Frage Stellung bezogen, und der Form halber stellen sie Stalin in Opposition zu Chruschtschow.)

Natürlich kann ich nicht behaupten, die Kommunistische Partei Chinas in ihrer Entwicklung und Struktur zu kennen. Doch meiner Meinung nach war schon der erste Schritt dieser Partei nicht richtig, auf dem marxistisch-leninistischen Weg, ob nun hinsichtlich der leninistischen Prinzipien, der Organisationsform oder verschiedener Probleme, die es zu lösen galt - bei der bürgerlich-demokratischen Revolution und später der Fusion mit der Kuomintang, im Bürgerkrieg, im Krieg gegen Japan, in Bezug auf die Rolle der Arbeiterklasse und die der Bauernschaft. Die Partei in China ging also bei all diesen erstrangigen Problemen meiner Ansicht nach chaotisch vor.

Nach unserer Feststellung machten sich von dem Augenblick an, da Mao die Führung der Partei übernahm, in ihrer Organisierung, in Ideologie und Praxis Abweichungen bemerkbar, Fraktionen, etwa die Li Li-sans, Wang Mings usw. usf. Gewiss kamen auch in. der Partei Lenins solche Dinge vor, die Feinde griffen die Bolschewistische Partei von innen und außen an, doch Lenin ging mit klarer marxistischer Ideologie und eiserner Faust gegen sie vor. Er stählte die Partei und gab ihr die unvergänglichen Normen, die die wahren marxistisch-leninistischen Parteien und die Weltrevolution richtig leiten und stets richtig leiten werden.

Ich glaube, dass Mao, als er die Macht antrat, eine gewisse Ordnung schuf. Er schuf die Armee und führte sie, leitete den Kampf, doch der Organisierung der Partei, ihrer Haltung wurden die grundlegenden Prinzipien, die leninistischen Normen nicht so zugrunde gelegt, wie es hätte sein müssen. Die Kommunistische Partei Chinas gewann an Ansehen, doch sie hätte sich auf ihrem langen Weg während und nach dem Krieg stählen müssen. Vor allem stimmten Maos Ansichten über die Hegemonie der Arbeiterklasse und ihr Bündnis mit der Bauernschaft von Beginn an bis heute nicht mit der marxistisch-leninistischen Theorie überein. Diese Ansichten sind, trotz aller Schlagworte, in dieser Hinsicht liberal, und ich meine, hier liegt der Ursprung der Schwankungen in der Linie der Kommunistischen Partei Chinas und Maos. Dies sind, wie uns Theorie und Praxis lehren, Schwankungen des Kleinbürgertums, der Bauernschaft. In China wie bei uns spielte die Bauernschaft tatsächlich eine große Rolle im nationalen Befreiungskampf, doch in China wurde sie, anders als bei uns, nicht von der Ideologie der Arbeiterklasse geführt. In unsrem Land war die Arbeiterklasse zahlenmäßig nicht vorherrschend, sie war sehr klein, doch ihre Ideologie war groß. Das bedeutet, dass unsere Partei auf leninistischen Grundlagen organisiert wurde und die Arbeiterklasse in eine hegemonische Stellung versetzte.

In China dagegen wurde zwar die Kommunistische Partei gegründet, vorherrschend wa: aber der Standpunkt, dass «das Dorf die Stadt einkreisen» müsse!. Das musste unweigerlich zu einem schwachen organisatorischen Zusammenhalt der Partei führen. Sie sollte darunter leiden, dass de Parteinormen nur unvollständig verankert worden waren. Und urvermeidlich mussten in ihren Reihen Fraktionen und antimarxistische Abweichler überhandnehmen (wie es sich dann auch heraussellte), auch wenn die Li Li-sans und Wang Mings gestürzt wurden

So ging die Kommunistische Partei Chinas meiner Meinung nach nicht so gut organisiert in den Kampf, wie es nötig gewesen wäre. Sie hatte keine klare Linie und konnte die wirkliche Vorhutrolle nicht spielen. Diese Partei wurde groß mit Fraktionen und hatte auich weiterhin immer Fraktonen, war einmal links, einmal rechts.

Die Armee und der Krieg überdeckten diese gefährlichen Krankheiten, und die Fraktionisten sammelten sich unter der Führung der «Kriegsherren», nur dass sie diesmal Armeekommandeure und Kommunisten waren, wie sie sich die Kommunistische Partei Chinas vorstellte. Es gab die Partei, doch die Armee war so allmächtig, dass man sagen kann, nicht die Partei kommandierte sie, sondern sie die Partei. All diese hervorragenden und tapferen Kommandeure bezeichneten sich selbst als Kommunisten, doch ihr Verständnis vom Kommunismus war bestimmt von den unklaren, schwankenden Ansichten und Orientierungen ihrer Partei.

In seinen Schriften aus der Zeit des Krieges behandelt Mao sehr viele Fragen der Partei richtig. Diese Schriften dienten der Erziehung der Kader, doch wie sehr und wie sie erzogen wurden, ist ein anderes Problem dessen Konsequenzen wir später sehen werden.

Die wichtigsten militärischen Führer, allen voran Mao, waren sowohl in der Zeit des Krieges als auch danach in der Führung, und das ist nur natürlich. Zusammen mit ihnen kamen in die Führung der Partei und des neuen Staates nicht nur Menschen, die im Kampf gestanden hatten, sondern auch andere. Diese Wahl wurde angeblich .in den von der Partei festgelegten Formen vollzogen, doch jeder Führer brachte mehr seine eigenen Leute mit sich als Leute mit Parteigeist.

Das aus dem Krieg hervorgegangene große China musste auch als Staat organisiert werden. Doch was für ein Staat sollte das sein? Ein Staat der Volksdemokratie, doch seine rote Fahne trug 4 Sterne, die .die vier Klassen der chinesischen Gesellschaft (?!) versinnbildlichten, sowie einen weiteren Stern in der Mitte. Wessen Hegemonie versinnbildlichte dieser Stern? «Der Arbeiterklasse», hieß es, doch die wirtschaftlichen; politischen und organisatorischen Reformen, die man durchführte, gingen nicht in diese Richtung, denn die Partei selbst war nicht monolithisch, in ihren Reihen bestand keine ideologische Einheit, sondern eine «Einheit» um Mao. Die Kapitalisten existierten in diesem Staat weiter als Klasse, bezogen sogar Renditen.

Unter Maos Banner brachte Liu Schao-tschi die Staatsmacht .und die Partei in seine Hand. Deng Hsiao-ping leitete die Partei, Tschou den Staat. Mao war die Säule, um die herum sich der Reigen drehte. Die Armee war in den Händen des Marschalls Peng Dö-huai. Diese mächtige Gruppe tat, was ihr beliebte. Man sprach vom Sozialismus, ging aber dem Revisionismus zu.

Peng Dö-huai hatte derart viel Handlungsfreiheit, dass er die Armee auf den chruschtschowschen Weg bringen konnte. Er übernahm all dessen psychische, politische, materielle und organisatorïsche Merkmale. Liu bereitete zusammen mit Peng Dö-huai und Deng Hsiao-ping die Konterrevolution vor. Peng Dö-huai wurde vom Zentralkomitee abgelöst, an seine Stelle trat sein Freund Lin Biao. Neue Reformen, ganz andere als die vorhergegangenen, wurden in der Armee durchgeführt, und zwar von Mao. Die Armee war stets der Eckpfeiler, stand sie doch angeblich unter Leitung von Mao selbst. Liu Schao-tschi hatte die Partei, Tschou En-lai dagegen war von Anfang bis Ende der opportunistische Vermittler. Damals spitzte sich der Kampf um die Macht zu. Doch wie? Mit opportunistischen Parolen, angefangen bti den «hundert Blumen», d.h., dass alle Ideologien und Fraktionen in der Partei geduldet wurden, über den «Kampf gegen die Oper und die Universität» bis hin zu der Losung: «Alles muss der Gangart der Armee folgen». Und so wurde Lin Biao zum allmächtigen Retter. Liu Schao-tschi sah die ihm drohende Gefahr und versuchte, Mao abzusägen, wie das Breschnew mit Chruschtschow getan latte.

Mao sah die Gefahr ebenfalls und mobilisierte die Hungweibings zu Millionen. Die Kulturrevolution begann ohne Führung durch die Fartei, ohne Arbeiterklisse. Auch Liu handelte, die «Rebellen» und Verschiedene Organisationen traten auf. In China griff Anarchie um sich, die Partei war liquidiert worden, auch die Massenorganisationen wurden liquidiert, und der Bürgerkrieg zwischen den Fraktionen begann. Man kann sich also vorstellen, was das für eine kommunistische Partei in Chna war! Mao rief dann Lin Biao zu Hilfe und deckte ihn mit Titeln ein, damit er der Armee Befehl zum Eingreifen gebe, und die Armee griff ein. Durch diese «Kulturrevolution» wurden Liu Schao-tschi und einige weitere Führer wie Deng Hsiao-ping beseitigt. (Was mit ersterem geschah, ist nicht bekannt, Deng dagegen wurde «umerzogen», und inzwischen hat der «Feind Nr. 2» in China mir nichts, dir nichts seine alten Funktionen wieder eingenommen.) Lin Biao wurde während c?er Kulturrevolution zim «Kriegsherrn», machte das Gesetz, veröffentlichte und verbreitete das «rote Buch», die «Maobibel», von ihm kamen die Plaketten mit Maos Kopf, von Tschen Bo-da dagegen die Reden. Die Armee dominierte über die Partei und die Staatsmacht, «Revolutionskomitees» wurden geschaffen, die taten, was Lin E;ao sagte. Dieser trieb sein eigenes Spiel, «traf Vorbereitungen, um Mao in die Luft zu sprengen und China mit der Sowjetunion zu verbinden», wie es heißt. Mao manövrierte, jagte Lin Biao zum Teufel, richtete zusammen mit Tschou die Antennen auf die Vereinigten Staaten von Amerika, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, das «Vereinte Europa», auf Franco und Pinochet, und sie erklärten China zum Mitglied der «dritten Welt», zusammen mit Spanien, Ägypten, Chile, Jugoslawien, der Türkei usw. usf.

Was lässt sich einer kurzen, nicht sehr vollständigen Aufzählung dieser Ereignisse in der Kommunistischen Partei Chinas entnehmen?

Ihre Führung sagt, in der Kommunistischen Partei Chinas gebe es zwei Linien. Sie akzeptiert, dass diese beiden Linien bestehen, und betrachtet das, wie mir scheint, als Existenzbedingung für die Partei - und das nennen sie Klassenkampf in der Partei. Ich meine allerdings, dass es in dieser Partei nicht nur zwei Linien gibt, sondern viele Linien, die im Ringen um die Macht aufeinanderprallen. In der Partei herrscht Chaos, sie führt keinen Klassenkampf nach gesunden marxistisch-leninistischen revolutionären Prinzipien. Oder besser gesagt: die Partei führt überhaupt keinen Klassenkampf, in ihr findet ein Kampf zwischen Clans statt. Die Clans sitzen in der Partei und in der Staatsmacht, an der Basis und in der Führung. Alle Parteigänger der Fraktionisten, die man angeblich verurteilt hat, sind in der Partei, sind aktiv. Diese ganze Entwicklung vollzog und vollzieht sich unter dem Namen Maos. Er wird zum Tabu, man lernt seine Zitate, hinter den Kulissen allerdings betreibt jede Fraktion ihr eigenes Geschäft. Mao selbst lässt, wenn schon nicht die «hundert Blumen», so doch die «zwei Blumen» zu. «Soll es die zwei oder drei Fraktionen ruhig geben, sollen sie zusammenleben, alle 7 Jahre machen wir dann eine Revolution», sagt er, «und werden sehen, wer gewinnt. Wenn die Rechten siegen, werden die Linken sich erheben und sie stürzen.» Das ist «Maos glänzende Theorie»!! Und so war es tatsächlich auch der Fall. Seit Mao an die Spitze der Kommunistischen Partei Chinas trat, wurde Li Li-san gestürzt, kam Wang Ming in die Führung und wurde gestürzt, kam Liu Schao-tschi hoch und wurde gestürzt, kam Lin Biao nach oben, und auch er wurde gestürzt, nur Tschou En-lai blieb bis zu seinem Tod an der Macht. Doch wie wird es nun weitergehen? Mao wird auf genau die gleiche Weise die Arbeit fortsetzen. Zur Zeit gibt es keinen Ministerpräsidenten in China, die Funktion des Regierungschefs nimmt Deng wahr, der außerdem Generalstabschef ist. Doch wir kennen ihn. Deng sieht sich Dschang Tschun-tjiao als politischem Leiter gegenüber, und an der Stelle eines Verteidigungsministers (den es noch nicht wieder gibt) steht ein Greis, der mehr Tschou En-Lais Strömung zuneigt. An der Spitze der Wirtschaft steht (ohne an der Spitze zu sein) Li Hsiän-niän, allen - Tschou. Deng. Lin Biao, Mao - zutiefst ergeben, niemals aber dem Marxismus-Leninismus.

Dies ist die Lage in der Führung der Kommunistischen Partei Chinas, gar nicht zu reden von der Lage unten. Dort gibt es «Linke»., gibt es «Rechte», gibt es «Gemäßigte», gibt es, was immer man will. Alle tun so, als folgten sie Maos Linie, und sie sind tatsachlich gezwungen, ihr zu folgen, aus Angst vor den Schlägen, die sie im Fraktionskampf beziehen könnten. Doch dieser wird ausbrechen, wenn nicht gleich, so doch bald nach Maos Tod. Nun haben die Scharmützel begonnen: Der Bildungsminister ist ein Revisionist, er ist nicht in Ordnung, usw. Die Kampagne gegen Liu wurde zurrückgeschraubt, auf der Tagesordnung steht nun die Kampagne gegen Lin Biao und Konfuzius. Bis wann wird sie weitergehen? Wird sie gerade abgeschwächt? Zwei Gedichte Maos wurden veröffentlicht, die groß herausgestellt werden. Was geht aus diesen Parabelgedichten hervor? Es ist nichts zu verstehen. Nach gewohnter Art spricht man weiter in Andeutungen, und es bedürfte eines Exegeten, sie zu interpretieren, so wie das Lin Biao seiner Zeit tat.

Man schreibt einen nicht schlechten Artikel über die Diktatur des Proletariats, rührt weiter die Trommel gegen die Sowjetrevisionisten und unterstützt auf der anderen Seite die imperialistische amerikanische Politik. Taucht die Frage auf : wer dominiert bei alledem? Die Linken Djiang Tjing, Dschang Tschun-tjiao, Wang Hung-wen und Yno Wen-yüan oder die Rechten mit Deng und seiner Bande, oder die Gemäßigten, die Opportunisten, die Revisionisten wie Tschou und sein Kreis? Es ist unmöglich, etwas Genaues zu sagen. China bewegt sich «nach dem Trägheitsgesetz», es heißt, es sei dabei, sich ökonomisch und militärisch zu stärken, doch dass es ideologisch und politisch einen richtigen Kurs ginge, können wir nicht sagen. Das chinesische Volk ist tapfer, klug. arbeitsam, doch politisch und ideologisch wird es nicht auf einem richtigen Kurs geführt.

Es heißt, die Linken dominierten in der Führung, doch in der Politik der Partei und des Staates können wir keine sichtbaren Veränderungen feststellen. Es heißt, es gebe zahlreiche Leute Lin Biaos, und das könnte stimmen: außerdem sagt man, Tschou En-lai habe ausser bei Mao nicht viel Unterstützung gehabt. Man spricht davon, Dengs Leute seien dabei, die Macht zu ergreifen, andere wieder sagen, dies gelte für Lins Leute, doch wem soll man nun glauben und wem nicht? Alles muss man ausgehend von ihrer Politik, ihrer Ideologie, ihren Handlungen bestimmen. Gerade die aber sind rätselhaft, unklar, beim einen wie beim andern.

Was zeigt das? Meiner Meinung nach zeigt das, dass die kommunistische Partei Chinas keine richtige marxistisch-leninistische Linie hat, dass es in ihr Strömungen, Fraktionen, Schwankungen, also keine Stabilität gibt, weil keine marxistisch-leninistische Einheit des Denkens und Handelns vorhanden ist. Die Partei hat nicht wirklich das Kommando. Die Armee geht voran, doch sie steht nicht unter dem Kommando der Partei; die Wirtschaft geht voran, doch ebenfalls nicht unter dem Kommando der Partei; eine Politik wird gemacht, doch sie wird nicht von der Partei geleitet und ist nicht auf marxistisch-leninistischem Kurs.

Die Menschen, die Gruppen, die Fraktionen, die sich hinter Maos Namen verschanzen, leiten, prallen aufeinander, sagen heute hü und morgen hott. Chinas Zukunft, Chinas Morgen liegt also im Ungewissen. Wohin geht China? Wohin wird es gehen und wie wird es gehen? Man weiß es nicht. Unter den gegebenen Verhältnissen ist dieser Zustand, und das habe ich auch schon früher gesagt, gefährlich für die Revolution, für den Weltfrieden, für den Sozialismus.

Chinas Haltung unserer Partei und unserer Volksrepublik gegenüber ist erklärlich. Wir rücken nicht von unseren richtige Positionen ab, denn wir lassen uns vorn Marxismus-Leninismus leiten. Die Haltung der Chinesen uns gegenüber dagegen ist schwankend. Die Basis in China mag uns, spricht gut über uns. Die Führung; dagegen hält es mit Sprüngen. Einst sprach sie gut, dann sprach sie überhaupt nicht. Es ist leicht begreiflich, leicht erklärlich, dass dies, Haltung uns gegenüber nicht prinzipienfest, nicht marxistisch-leninistisch ist. Können sich die chinesischen Führer ändern? Kann es später „schönes Wetter“ geben? Bei den Chinesen ist alles möglich. Wir sind wachsam und verteidigen unsere Partei, .ihre marxistisch-leninistische Linie und die Republik. Wie heute werden wir auch in Zukunft für die Revolution arbeiten.





FREITAG, 23. JANUAR 1976



ZÖGERN BEI DER BESETZUNG VON TSCHOU EN-LAIS FUNKTION!

Tschou En-lais -Tod,. So lesen wir., hat im chinesischen Volk tiefe Betroffenheit und große Trauer ausgelöst. Und dafür gab es Gründe, denn Tschou war für es, nach Mao Tsetung, der hervorragendste, arbeitsamste Mann; ein ausgezeichneter Organisator und kluger Staatsmann.

Seit Tschou En-lais Tod ist nun schon einige Zeit verstrichen, doch wir sehen nichts davon, dass ein neuer Ministerpräsident bestimmt würde. Ich meine, China darf nach dieser seelischen Erschütterung - nicht ohne. Führer- des höchsten Exekutivorgans bleiben. China ist ein großes Land mit vielen komplizierten Problemen, die gelöst werden müssen. In unseren sozialistischen Ländern ist die Führung natürlich kollektiv. Das gilt auch für China; da es jedoch in der Führung der Partei dort zu nicht wenigen Vorfällen gekommen ist, darf man nicht zögern, darf man nicht Fraktionen sich entwickeln lassen. Denn auch wenn man sagt und schreibt, es gebe keine Fraktionen, so gibt es doch den Geist, die Strömung und die Leute Liu Schao-tschis. Sie leben, arbeiten und haben als Rehabilitierte Funktionen inne, sie intrigieren auf jeden Fall, versuchen, wenn sie es können, die Macht zu übernehmen.

Es gibt den Geist, die Strömung und die Leute Lin Biaos und Tschen Bo-das, sie leben, arbeiten, haben als Rehabilitierte oder «Unbefleckte» Funktionen inne und intrigieren auf jeden Fall, versuchen ebenso, wenn sie können, die Macht zu übernehmen.

Es gibt auch «gemäßigte», «diplomatische» Elemente, wie Tschou es war, der sich auf Mao stützte und von da nach dort schwankte.

Leute mit Tschous Ansichten gibt es jede Menge, sowohl in der Führung als auch an der Basis.

Schließlich sollte es in der Partei und in der Staatsmacht auch wahre Marxisten-Leninisten geben, die die Kommunistische Partei Chinas, die Diktatur des Proletariats leiten, festigen und stählen, konsequent den Klassenkampf fortsetzen müssten.

Nun zögert man aber anscheinend, einen Ministerpräsidenten zu bestimmen. Weshalb? Ist dieses Zögern auf Verfahrensfragen oder auf einen Fraktionskampf zurückzuführen? Letzteres wäre gefährlich, und je schneller auf marxistisch-leninistischem Weg eine richtige Lösung gefunden wird, desto besser für China. In China haben wir auch schon eine andere Praxis erlebt: während der Kulturrevolution leitete in China die Regierung ohne Minister, nur mit Vizeministern. Auch jetzt mag man ohne Ministerpräsident regieren, nur mit stellvertretenden Ministerpräsidenten und Deng Hsiao-ping als erstem stellvertretenden Ministerpräsidenten. Das ist Maos Taktik: man macht einen Versuch, wartet ab, lässt sich Zeit, entscheidet dann, welche Fraktion dominieren soll bzw. welche Fraktion durch eine andere entmachtet werden muss, um dann endlich zu Beschließen. Eine solche Linie ist nicht kontinuierlich, nicht stabil, denn sie hängt von einer Person ab, auch wenn sie kollektiv genannt wird, auch wenn dem Prinzip nach der demokratische Zentralismus besteht. Warten wir ab, wie sich die Dinge entwickeln.





DONNERSTAG, 29. JANUAR 1976



DIE CHINESEN ARBEITEN AUF DIE BLOCKADE GEGEN ALBANIEN HIN

Der wichtigste Mann unter den chinesischen Spezialisten im Metallurgischen Kombinat in Elbasan hat damit begonnen, in übler Absicht einige Bemerkungen fallen zu lassen, die jeder Grundlage entbehren und nach Provokation riechen. Er kam zum Direktor des Kombinats und zum Parteisekretär und sagte ungefähr folgendes: «Eure Leute unten in dem und dem Betrieb sagen zu unseren Genossen (den Chinesen): 'Ihr könnt gehen, denn wir (die Albaner) brauchen euch nicht mehr, es gibt von euch (den Chinesen) zu viele.' Deshalb haben wir auch einige zurückgeschickt. Es wäre gut, wenn es weniger, dafür aber gute chinesische Spezialisten gäbe, als viele und schlechte», fuhr er fort. «Wir sind Brüder, schafft deshalb unten Ordnung», usw.

Unsere Leute machten natürlich große Augen und sagten erstaunt zu dem chinesischen Genossen: «Was sagt ihr da? Wir brauchen euch hier sehr, und zwar nicht nur die, die schon da sind, sondern sogar noch mehr. Auf keinen Fall dürfen die chinesischen Genossen weggehen. Falls ihr irgendeinen von ihnen abziehen wollt, entscheidet selbst und gebt uns dann Bescheid. Aber sagt uns doch bitte, was waren das für Leute von uns, die so etwas ohne unsere Erlaubnis getan haben?»

Der Chinese antwortete ihnen: «Wir können euch keine Namen nennen, sonst ergreift ihr Maßnahmen und bestraft sie.» Und setzte dann sogar noch hinzu: «Einer (ein Albaner) hat einem unserer Leute auch in einem Brief seine Ansicht mitgeteilt, er (der Chinese) könne gehen, Die Unsrigen sagten zu ihm: «Dass ihr uns nicht die Namen unserer Leute mitteilen wollt, dass ihr uns nicht einmal den Brief gebt, überrascht uns. Was sollen wir denn dann machen? Wie sollen wir dieses Rätsel lösen?»

«Ergreift unten Massnahmen», sagte er.

«Aber gegen wen denn, wenn wir die Schuldigen gar nicht kennen? Und außerdem, wie könnt ihr denn nur von zwei oder drei Leuten ausgehen, die möglicherweise sogar Provokateure sind und Unfrieden zwischen uns stiften wollen? Wir meinen, dass ihr über diese Fragen, wenn es Probleme zu lösen gibt, mit uns, den Leitern, sprechen müsst, und wir mit euch.»

In Wirklichkeit ist dies eine Provokation gegen uns, mit dem Ziel, jener Fraktion in Peking, die uns nicht gut gesinnt ist und nach einem Vorwand sucht, um die Arbeit an den Werken in unserem Land und ihre Fertigstellung zu verzögern oder zu behindern, aus der Luft gegriffene Waffen an die Hand zu geben. Das sind keine persönlichen Provokationen, sie sind mit Sicherheit befohlen. Das ist wirtschaftlicher Druck, um dann, vor unserem 7. Parteitag, auch zu politischem Druck überzugehen. Wir durchschauen solche Akte klar, denn wir kennen sie von früher, von anderen. Auch jetzt wirft uns die rechte Fraktion in Peking «den Handschuh hin», damit wir ihn aufnehmen und sie uns dann beschuldigen können, wir hätten zuerst angegriffen.

Deshalb habe ich den Genossen geraten, in den Gesprächen mit ihnen kühlen Kopf zu bewahren. Ich sagte ihnen, der stellvertretende Bauminister solle ins Kombinat gehen und sich «kameradschaftlich und brüderlich», wie die Chinesen zu sagen belieben, mit ihnen unterhalten. Zunächst, so riet ich ihnen; sollten sie die Direktoren und Parteisekretäre der Betriebe des Kombinats fragen, aus denen Glie Chinesen weggegangen sind. Die Genossen taten das auch, und alle unsere Leute dort antworteten: «Die Chinesen selbst sind gekommen und haben uns gesagt, der oder der werde gehen», worauf sie ihnen gesagt hätten: «Sie dürfen auf keinen Fall gehen, wir brauchen sie dringend. Trefft deshalb bitte Massnahmen, dass sie bleiben.»

Es zeigt sich klar, dass diese Sache absichtlich aufgezogen wurde. Doch die in Peking machen noch etwas anderes, viel schwerwiegenderes. Ein Beamter des chinesischen Industrieministeriums teilte unserem Handelsattaché in China mit, die Nickel-Kobalt-Fabrik, die laut Vertrag in einem Zug gebaut werden sollte, solle nun «in zwei Phasen errichtet werden».

Das ist eine weitere große Provokation. Wir werden sehen, was sich daraus ergibt, werden wir doch auf der Einhaltung des Vertrags besteh en.

Die Raffinerie in Ballsh ist fertig bis auf zwei oder drei Kompressoren, deren Lieferfrist überschritten ist.

«Wir experimentieren gerade damit», sagen sie uns.

«Wie lange müssen wir denn noch warten, wann werden die Tests endlich abgeschlossen? Wie wäre es denn, wenn ihr sie in Westdeutschland für uns einkauftet?» fragten wir bei ihnen an.

«Nein, wir haben keine Devisen», antworten uns die Chinesen.

«Dann stellen eben wir diese Devisen bereit, das ist doch keine grosse Sache», sagen wir ihnen. Doch auch darauf gehen sie nicht ein.

Was hat das zu bedeuten?! Uns ist das klar. Das ist Sabotage, Druck. Die Chinesen arbeiten auf die Blockade gegen Albanien hin. Wir werden vorsichtig sein, denn sie wollen uns die Schuld anhängen.





MITTWOCH, 11. FEBRUAR 1976



MAO SCHALTET UND WALTET NACH BELIEBEN

In China wurde eine neue Dazibao-Kampagne gegen «wichtige Leute an der Macht» eingeleitet, die während der Kulturrevolution verurteilt worden waren, unaufrichtig Selbstkritik übten und rehabilitiert wurden. Diese ehemals Verurteilten, die wieder hochgekommen sind, sind -genau die, die gesagt haben : «Ob schwarze oder weisse Katze, Hauptsache, sie fängt Mäuse» (eine Aussage von Deng Hsiaoping). «Diese Leute», heisst es in den Dazibaos, «werden, wenn sie sich der Linie Mao Tsetungs entgegenstellen, das gleiche Schicksal erleiden wie Liu Schao-tschi», usw. usf. Es heisst, an der Peking-Universität seien 45 Dazibaos über Deng Hsiao-ping aufgehängt worden. Er ist «von der Bühne verschwunden», schon seit er Tschou En-lai das De profundis las. Die ausländischen Nachrichtenagenturen berichten, in den Dazibaos werde auch Tschou En-Jais «ökonomistische» Politik attackiert.

Li Tjiang, der Handelsminister, erklärte unseren Genossen, Li Hsiän-niän liege herzkrank im Krankenhaus. Warum hat er uns das gesagt? Was schert uns denn dieser Revisionist, dieser schillernde Lakai, ein chinesischer Führer, der unsere Partei und unser Land niemals mochte?

Bekannt ist, dass Deng Hsiao-ping inzwischen nicht mehr als erster stellvertretender Ministerpräsident hervortritt.

Die ausländischen Nachrichtenagenturen sprechen offen davon, die linke, die radikale Gruppe, die Schanghaigruppe, habe die Macht übernommen. Doch was wirklich vor sich geht, wissen wir nicht. Vor ein paar Jahren holte Mao Deng aus der Versenkung, rehabilitierte ihn, machte ihn zum stellvertretenden Parteivorsitzenden und stellvertretenden Ministerpräsidenten, der im Namen Tschou En-Jais schaltete und waltete. Und als Tschou im Krankenhaus war, machte er ihn zum Generalstabschef. Fehlte nur noch, dass er ihn, wie einst Lin Biao, zum «hervorragenden Waffengefährten des grossen Steuermanns» ernannte.

Was passiert nun? Mao stürzte Deng erneut. Wird er einen anderen auf den Schild :eben, um ihn dann eines Tages wieder zu stürzen und mit irgendeinem neuen Deng anzukommen? Was dort geschieht, ist ganz unverständlich, oder besser gesagt, man begreift, dass Mao schaltet und waltet, einsetzt, wen er will, den einen fallenlässt, den andern fördert die zwei Linien in der Partei und in der Staatsmacht beibehält und anspornt. Jeder Parteitag in China hatte dieses Ziel, und Mao sorgt dafür, dass eine Gruppe von Machthabern gestürzt wurde und eine andere an ihre Stelle kam. Diese Politik ist opportunistisch, nicht revolutionär, nicht marxistisch-leninistisch. Sie weckt nicht Verrauen, im Gegenteil, sie diskreditiert und sabotiert den Aufbau eines wahrhaft sozialistischen Systems, eines Staats der Diktatur des Proletariats mit einer marxistischleninistischen Linie. Die chinesische Linie ist typisch kleinbürgerlich, verbrämt mit marxistisch-leninistischen Phrasen und Schlagworten. Die Fassade ist rot und wird so propagiert, der Inhalt jedoch ist weder rot noch sozialistisch. Und zu all dem lässt sich beim besten Willen nicht anders sagen, als: der Architekt dieses Gebäudes ist der große Steuermann».







MITTWOCH, 25. FEBRUAR 1976



CHINESISCHES RÄTSEL, MAOISTISCHER WIRRWARR

In China gär t es. Gleich nach Tschou En-lais Einäscherung brach mit aller Kraft ein Feldzug gegen die Rechten los, gegen die «wichtigen Leute in der Führung, die den kapitalistischen Weg eingeschlagen haben», gegen diejenigen, die «gegen die Kulturrevolution waren», gegen «diejenigen, die rehabilitiert wurden und erneut den Kampf gegen die Linie des grossen Steuermanns aufnahmen». Die Zeitungen und Zeitschriften sind voll von Artikeln, in denen diese Strömung, diese «Pest» gebrandmarkt wird. Nach chinesischer Sitte werden vorläufig noch keine Namen genannt, doch man setzt «Chinas zweitem Chruschtschow», der «Hauptfigur nach Liu Schaotschi», einem «Feind wie Liu und Lin» und dergleichen mehr den Hut auf. Selbstverständlich ist die Rede von Deng Hsiao-ping. Seit einem Monat ist er nicht mehr auf der Bildfläche erschienen, es ist aus mit seinem Ruhm, die Empfänge und Verabschiedungen als Stellvertreter des Ministerpräsidenten Tschou En-lai hat nun ein anderer übernommen, ein Feng oder Fang, dessen Namen wir uns noch nicht eingeprägt haben, kommen doch diese Leute heute hoch und stürzen morgen wieder. Das ist Maos Taktik: Deng entlarvt er nicht, und in dem Neuen sieht er auch nicht den Ministerpräsidenten.

Für mich ist klar, dass der Schlag gegen Deng sich auch gegen Tschou En-lai, Li Hsiän-niän und ihre Gruppe richtet. Doch wer führt den Schlag gegen sie? Mao?! Ich glaube nicht. Mao ist Opportunist. Es heisst, es seien die «Linken, Radikalen» wie Wang Hungwen, Djia.ng Tjlng, Yao Wen-yüan und Dschang Tschun-tjiao. Das ist absolut möglich. Doch wie lange, wie weit wenden sie diese Kampagne führen? Man weiss es nicht, das ist Maos Sache, der bis gestern Tschou die Stange hielt, während er heute ihnen, den .,Linken» sagt: «Macht ihr nur eure Revolution.»

Was aber hat sich in diesem ganzen Durcheinander geändert? Was ändert sich? Wechseln die Leute, ändert sich die Politik oder die Ideologie? All das geht von Tag zu Tag mehr nach rechts, besonders die Aussenpolitik, die von der Ideologie ihren Anstoss erhält, geleitet wird. Nichts gerät in Bewegung, die Amerikaner bleiben Freunde der Chinesen, die Sowjets Feinde. Doch auch in der proamerikanischen Politik Maos machen sich unvorstellbare Absonderlichkeiten bemerkbar. Während die «linke Kampagne» läuft, und es in China wie in einem Kessel brodelt, wird Amerikas Expräsident Nixon, der Watergate-Gauner, der übelste Antikommunist und Faschist, nach China eingeladen und auf dem Flughafen vom Ministerpräsidenten mit einem Anhang von vielen tausend Menschen empfangen, die amerikanische Fahnen schwenken und ihm zujubeln!!!

Das ist das chinesische Rätsel, der maoistische Wirrwarr.

Für die ganze Welt ist dies unbegreiflich - mit gutem Grund. Meine Erklärung dafür ist die: Mao ist mitsamt den ihm nahestehenden Genossen von allen guten Geistern verlassen. Er glaubt, er betreibe eine grosse, kluge Politik. Seine Absicht, sein strategisches Ziel ist: die Widersprüche zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion vertiefen. Die Sowjetunion hält er für den Hauptfeind, deshalb haben wir, seiner Meinung nach, alle Kräfte gegen ihn zu sammeln. Mao sagt: «Der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion wird in Europa stattfinden.»

Bei Nixon war sich Mao ziemlich sicher, dass diese seine Strategie durchgehen würde, doch in diesem Fall ist er in der Tat «hereingefallen». Bei Ford dagegen ist er sich nicht sicher, deshalb hat er íhn kühl empfangen. Auch Ford seinerseits trat offen gegen Maos Strategie auf. Da will nun der «geniale» Mao «Ford und die Vereinigten Staaten von Amerika schockieren», all die in den neuen Skandal um die Schmiergelder von Nixon und seiner Regierung verwickelten faschistischen Regierungen und Staatsmänner in Europa und überall sonst auf seine Seite ziehen - und lädt Nixon nach China ein, wo man ihn mit großem Pomp empfängt, so als sei er noch Präsident. Und tatsächlich will Mao mit dem, was er da tut, zum Ausdruck bringen, dass er nicht einverstanden ist mit den Anklagen gegen den «wunderbaren» Nixon, sagen: «Wenn ihr Amerikaner an einem guten Verhältnis zu China interessiert seid, müsst ihr Nixons Politik verfolgen, der, auch wenn er nicht Präsident ist, die amerikanischen Konzerne zu grossen Geschäften mit dem sozialistischen China drängt.» Der ganzen Welt dagegen sagt Mao: «Lasst mich in Ruhe! Ich bin der Vertreter eines grossen Staates und weiss, was ich tue!»

Anders können wir uns diese Dinge nicht erklären. Ob wir recht haben oder nicht, wird die Zeit erweisen.

Was den Verlauf der Ereignisse in China betrifft, so kann ich daraus folgendes ableiten: Vor allem ist Mao Tsetung kein konsequenter Marxist-Leninist, obwohl man ihn «Theoretiker», «Philosoph», ja sogar «Klassiker» des Marxismus-Leninismus genannt hat. Er neigt zum rechten Flügel der Linken. In Wirklichkeit ist er kein Mann der Tat.

Als Mao an die Spitze der Partei kam, erwies er sich als der Rechteste der Linken, seine wirklichen Positionen waren zentristisch, sie bremsten weder die Linksradikalen, noch waren sie ein Schlag für die Rechten. Die Rechten, ,besonders einige Hauptführer dieses Flügels, schaltete er nach außen hin aus, ließ sie aber zugleich in Villen «vegetieren» und gab ihnen auch ihr Gehalt, ob nun im Inland oder im Ausland wie Wang Ming in Moskau. Die Linken duldete er so lange, bis sie die Macht ergriffen. In der Zeit nach der Befreiung leiteten Liu Schao-tschi, Deng Hsiao-ping, Tschou En-lai und ihr Flügel China, die Partei, die Wirtschaft, die Armee unter der Fahne Maos, den sie zum Gott machten und im Tempel einschlossen. Mao wurde zwar göttlich, hatte aber in Wirklichkeit nichts zu sagen. Doch stand Mao etwa in Opposition zu ihnen? Nein, er billigte ihre Ansichten, weil sie seinen Anschauungen entsprachen.

Diese «Linken» wollten weitergehen und waren bemüht, dementsprechend zu handeln: die «Linken» verwandelten sich auf einmal in Rechte, sie zahlten den Kapitalisten, die Leitungsposten behielten, weiter Renditen und waren einig mit den Chruschtschowianern. Dies gefiel Mao nicht, der in Worten eifrig für Chruschtschow war. Als der jedoch China nicht die Atombombe gab und nach Washington reiste, um mit den Amerikanern Freundschaft zu schließen, da war Mao empört, wollte er sich doch selbst mit den Amerikanern verbinden. Da er aber sah, dass im Land das Trio LiuDeng-Tschou die Macht hatte, blieb Mao nichts anderes übrig, als die Hungweibings in die «Revolution» zu werfen, seine Fama auszuschlachten, um die «Hauptquartiere» anzugreifen.

So kam es zur Kulturrevolution. Liu und Deng wurden entlarvt, während Tschou als der «Seiltänzer», der er war, das sinkende Schiff «Liu-Deng» verliess und Lin Biaos «Rotes Buch» erhob, ohne dabei auch nur ein Jota von seinen rechten Anschauungen abzugehen. Tschou erwies sich als Organisator, Wirtschaftler, Politiker, doch als wankelmütiger Politiker. Liu brauchte ihn, und Tschou diente ihm. Nach dem Sturz von Liu-Deng brauchte auch Mao Tschou, behielt ihn also auch während der Kulturrevolution an der Spitze der Regierung, beschützte ihn sogar vor den Angriffen dieser Revolution. Während dieser ganzen Zeit des Chaos bewies Tschou, wie geschickt er manövrieren konnte. Er kam unter den Pantoffel von Mao, Djiang Tjing, Lin Biao und bemühte sich zugleich, seine Stellung zu festigen, was Mao recht war, hatte er doch keinen anderen von Tschous Kaliber, der ihm die Arbeit machte.

Unter diesen Umständen, während all dies geschah, sammelte Tschou alle seine Leute, die Leute Lius und Dengs um sich, katzbuckelte vor Lin Biao und wurde so zum Feuerlöscher der Kulturrevolution. Lin wurde zum Teufel gejagt, während Tschou mit seinem Apparat der «Erste» hinter Mao blieb, der in seinem Turm sass. Tschou wurde auch in dieser Periode unersetzlich für Mao. Er erstickte die Revolution, rückte die Wirtschaft an die erste Stelle, brachte seine Kader an die Macht und wartete auf Maos Tod, um dann das gesattelte Pferd zu besteigen. Nun kamen aber einige Junge in die Partei- und Staatsführung. Tschou akzeptierte sie, weil sie «Gewächse» der Kulturrevolution waren, hoffte aber, sie später abernten zu können. Ob Mao wohl wusste, wer Tschou war? Meiner Meinung nach schon, doch er brauchte Tschou und passte sich seinen polltisch-ideologischen Schwankungen an.

Beide, Mao wie Tschou, sorgten für die Zukunft. Mao für seinen Teil brachte einige Junge in die Führung, um sie im Schatten seines eigenen Kults zu formen. Für Mao stellten sie den «linken Flügel» seines ideologischen Spiels dar. Der an Krebs er krankte Tschou kümmerte sich ebenfalls um Erben für später. Es war demnach nur natürlich, dass Deng Hsiao-ping rehabilitiert werden musste, um als künftiger «Chef der rechten Linie» Tschous Kurs fortzuführen. Mao segnete diese Initiative Tschous ab, denn er wusste, dass dieser sterben würde, und dachte, im Vergleich zu Tschou sei Deng, der in der Kulturrevolution bereits entlarvt worden war, weitaus weniger gefährlich. So setzte sich Deng in Trab und hielt Schritt mit dem Herannahen von Tschous Ende.

Tschou starb. Mao war ein Stein aus dem Weg geräumt, ebenso den Jungen, die mit Maos «Erlaubnis» Dengs Entlarvung begannen. «Eine kleine Revolution, bei der kein Blut vergossen wurde», sondern Tinte. Denn Mao weiß wohl, dass die Jungen mit älteren und alten Kadern zusammen regieren müssen, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl auf Tschou En-Lais Linie standen und stehen. Also: «Jagt einige der wichtigsten Leute davon, danach setzt das alte Spiel der zwei Linien fort. Wenn die Linken allzu radikal geworden sind, lassen wir die Rechten von der Kette, und so weiter.»





MITTWOCH, 3. MARZ 1976



DIE GEGENWART IST UNDURCHSICHTIG - MAN WEISS NICHT, WAS DIE ZUKUNFT BRINGEN WIRD

In China wird ein Riesenlärm veranstaltet gegen den «neuen Chruschtachow Chinas», gegen die «rechten Feinde», die «Agenten der Kuomintang», gegen jene, die «die Macht ergreifen wollen», die «Spaltung ins Zentralkomitee der Partei getragen haben», die «gegen die Linie Mao Tsetungs sind» usw. Wer ist dieser Feind? Es ist Deng Hsiao-ping, das «kleine Goldstück», wie ihn Mao nannte, der durch die Kulturrevolution als «Feind Nr. 2 Chinas» nach Liu Schao-tschi entlarvt und vor drei Jahren von Mao nicht nur rehabilitiert, sondern sogar zum ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt wurde, also praktisch zum Ministerpräsidenten (da Tschou im Sterben lag). Mao ernannte ihn auch zum Mitglied des Politbüros, zum stellvertretenden Parteivorsitzenden und zum Generalstabschef. Und jetzt? Krach! Bum! Die Festung, der Dengkult, wurde geschleift. Es war Mao, der sie schleifte, heisst es. Doch warum hob er Deng auf den Schild, um ihn dann zu stürzen? «Weil er Verschwörung betrieb, weil seine Selbstkritik unaufrichtig war.» Der «grosse Steuermann» ist sehr wachsam!

Wer beherrschte China: Mao Tsetung und Tschou En-lai? Oder leitete die Kommunistische Partei Chinas? Schwer zu entscheiden. Doch wie sich in der Praxis zeigt, eher die .beiden als die Kommunistische Partei Chinas. Mao war das Banner, in Wirklichkeit war Liu aktiv und herrschte. Dann wurden Liu und Deng gestürzt und es kamen Lin Biao und Tschen Bo-da. Auch sie wurden gestürzt, und Tschou regierte mit Li Hsiän-niän und den Rechten, die Deng und seine Kumpane rehabilitierten. Auf einen Schlag wurde Deng allmächtig! Aus dem Erziehungslager wurde er direkt in die UNO, nach Frankreich und an die Spitze der «dritten Welt» geschickt, Deng gab den sowjetischen Hubschrauber und die Spione frei und versetzte dem sozialistischen Albanien sowohl in der Wirtschaft als auch in der Militärhilfe Schläge. Deng war bis in die Wolken geklettert, er griff nach dem Himmel, doch eines ''Tages starb Tschou En-lai. Deng fand sich unten wieder, am Fuß der Leiter...!

Man begann also nach chinesischer Sitte mit Dazzibaos ohne Adressaten, doch letzthin tauchen auch schon die Namen sowohl des «Schwiegersohns als auch des Schwiegervaters», sowohl Dengs als auch Tschous auf. Der Name des Letzteren jedoch sehr zaghaft, denn Tschou ist tatsächlich das Haupt der Rechten und sehr gut angeschrieben bei der inneren und internationalen Bourgeoisie, die von ihm gesagt hat, er sei «der Klügste, der Höflichste, der gewitzteste Diplomat, ein echter Mandarin». Das Tamtam geht weiter;, doch euch Deng behält weiter seine Posten. Zusammen mit Li Hsiäni-niän ist er zwar in den Schatten getreten, doch wer weiss, vielleicht leistet das «kleine Goldstück» eine weitere Selbstkritik, und der «grosse Steuermann» verzeiht ihm noch einmal.

Wie dem auch sei, was geschehen wird, kann niemand voraussehen. Die chinesische Politik hat ihre spezielle Ideologie mit chinesihen scher Bezeichnung, sie hat ihre eigene, ebenfalls chinesische Strategie und Taktik! Man weiss nicht, was die Zukunft bringt, und heute herrscht das Chaos! Einerseits «kämpft» das chinessische Volt gegen die Rechten, auf der anderen Seite platzte es fast vor unbändiger Freude und hemmungsloser Begeisterung beim Anblick dei Faschisten, des ehemaligen Gaunerpräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Nixon. Das ist Maos «geniale» Politik. Hier ist man mit seinem «Latein» am Ende: Mao war erst für Chruschtscchow, da" gegen ihn, umso mehr, als dieser nach Washington fuhr; später küsste er sich höchstpersönlich mit Nixon ab. Tschou, der es mehr mit Liu und Chruschtschow gehalten hatte, vereinigte sich mit Mao gegen Chruschtschow und für die Vereinigten Staaten vom America. Es kam Deng, der als Mitarbeiter Lius prosowjetisch eingestellt sein musste. Doch er wurde pro-amerikanisch, weil er sich tarnen, so tun musste, als sei er in jedem Fall auf Maos Seite.

Was wird nun geschehen? Das, was Mao sagt! Es heisst, die Linken seien dabei, die Macht zu ergreifen, doch das Verhältnis mit Amerika wird noch unzertrennlicher, da «das arme Ding» angeblich «geschwächt ist und Hilfe braucht», weil die Sowjets gefährlich werden.

In China herrscht gegenwärtig ein Tohuwabohu. Die Chinesen erklärten den Genossen unserer Botschaft: «Wir sind nicht in der Lage, die albanischen Studenten vor der Reaktion zu schützen.» Wer hat also die Situation dort in der Hand, die Kommunisten oder die Reaktion? «Man muss das Wasser aufrühren, damit es sich klärt», hat Mao gesagt. Warten wir also ab, bis es sich klärt.





VLORA, DONNERSTAG, 1. APRIL 1976





WO STAND CHINA UND WO GEHT ES HIN?

China wurde und wird von den Chinesen «Tsung Go» genannt, auf französisch «l'Empire du Milieu» (so nannte man es schon in uralter Zeit). Also : «das Reich der Mitte». Warum aber «Reich der Mitte»? Weil die Chinesen über Dutzende von Jahrhunderten hinweg (es gibt archäologische Funde, die 5 000 Jahre alt sind) ihr Land für den «Mittelpunkt der Welt» hielten. Dieser «Mittelpunkt der Welt» hatte eine große, uralte Kultur, nicht erst, seit Marco Polo es festgestellt hat. Sie ist möglicherweise älter als die der Ägypter und der Sumerer, die als die Völker mit der ältesten Kultur der Erde angesehen werden.

Selbstverständlich ist dieses Wort «Tsung Go», das die Chinesen noch immer weiterverwenden, keine bloß historische Bezeichnung, sondern Ausfluss einer Weltanschauung, die sich in vielen tausend Jahren durch alle chinesischen Generationen hindurch herausgebildet hat und, bewusst oder unbewusst, auch heute noch erhalten ist.

Die Religionen des Buddhismus und des Konfuzianismus, auf den «aufmerksam zu machen», den «zu bekämpfen» Mao Tsetung allzuspät eingefallen ist (und das verband er dann auch noch mit dem Kampf gegen Lin Biao), haben bei den Chinesen zusammen mit ihren mystisch religiösen und philosophischen Weltanschauungen, ihren Organisations- und Leitungsformen, ihren geschriebenen und ungeschriebenen Sitten auch die Idee des «Tsung Go» verwurzelt. Natürlich wurde die alte chinesische Kultur nicht zur Kultur des chinesischen Volkes, sondern blieb eine Kultur der Mandarine. Die Schriftsprache blieb das Privileg der Kaiser und der Mandarine, der «Kriegsherren», die Chinas Völker unterdrückten und ihnen das Blut aussaugten.

Im Verlauf seiner Geschichte wurde China oft von Fremden angegriffen und kämpfte gegen sie, doch oft übten die Fremden dort auch ihren Einfluss aus und schufen eine eigene Organisation und Leitung. Doch wenn die Kultur der Besatzer auch ihre Spuren hinterließ, so vermochte sie doch die reiche und uralte chinesische Kultur nicht zu assimilieren. Natürlich geschah das Gegenteil.

Die Religion hatte in China ihren eigenen Kult hervorgebracht, den Kult des Buddhismus. Und mit diesem verknüpfte sie den Kult des «Tsung Go», sie nährte und verstärkte bei den Chinesen die Theorien des Konfuzius. Der Buddhismus und der Konfuzianismus züchteten dort eine Feindlichkeit allem Ausländischen gegenüber, wie auch den Größenwahn in Bezug auf alles, was zu ihnen, zum «Tsung Go» gehörte. Alles war mit diesen religiösen und ethischen Weltanschauungen verknüpft. Das und die jahrhundertelange große Armut machte den von den Kaisern und Feudalen unterdrückten chinesischen Bauern fatalistisch, arbeitsam und diszipliniert, patriotisch, xenophob, irgendwie verschlossen, argwöhnisch gegenüber Fremden, seien es Landsleute oder Ausländer. Er handelte immer so, drückte seine Gedanken immer so aus, dass es schwer war, seine «wirkliche Meinung herauszufinden, zu erkennen, worum es ging. Mit anderen Worten, im Denken und Handeln war der Chinese nicht offen, nicht aufrichtig, sondern gewiegt im Herauswinden und listenreich. Und oft genug verwandelten sich diese ursprünglich der Verteidigung dienenden Merkmale in eine Angewohnheit, zu heucheln.

Doch im Lauf der Jahrhunderte, besonders in unseren Tagen, änderten sich der Charakter, der Glaube und die Sitten der Menschen, sie machten eine tiefgreifende Evolution durch, allerdings ohne ihre alten Merkmale völlig einzubüßen. Auch nach der endgültigen Befreiung von den Fremden, nach der Schaffung der Volksrepublik China, nach der von der Kommunistischen Partei Chinas geführten Revolution blieb China bis zu einem gewissen Grad ein «verschlossenes» Land. Unter der Maske einer volksdemokratischen Regierungsform und unter Leitung und Führung der Kommunistischen Partei Chinas und Mao Tsetungs nahm China trotz der Umwälzungen, die sein Volk durchführte, doch eine misstrauische Haltung ein. Es knüpfte «Freundschaften», doch sie waren zeitweilig. Seine Türen wurden bzw. blieben der fortschrittlichen Weltkultur verschlossen, und alles, jede Evolution, versuchte es, unter „hermetischem Abschluss“ zu machen. Alles Ausländische, auch die marxistisch-leninistische Theorie, die man als „fhrende Idee“ übernahm, erfuhr Veränderungen, und zwar auf eklektizistische, angeblich auf die Bedingungen Chinas zugeschnittene Art und Weise.

Auch nach dem Sieg der Revolution nahm die chinesische Kultur keine stürmische Entwicklung. Es gab nicht einmal eine Säuberung von den alten rückschrittlichen und reaktionären Theorien, die für eine nationale und revolutionäre Kultur nötigen soliden Grundlagen wurden nicht gelegt. Tatsache ist, dass nach der Grossen Kulturrevolution, die andere Ziele hatte, Parolen ausgegeben und einige «revolutionäre Ballette» geschaffen wurden, die man als das Allerhöchste, als die Grundlagen einer revolutionären Kultur wertete.

Die gesamte chinesische Kultur war und bleibt eingeschnürt in die alte konfuzianische Kultur. Was die Maoisten «revolutionäre Kultur» nennen, ist alltägliche politische Zeitungspropaganda. Die Schulen bleiben entweder geschlossen, oder man pfropft dort oberflächliches Wissen auf. Die «Kultur» wird beschränkt auf den Kampf gegen Gao Gang, Peng Dö huai, Liu Schao-tschi, Lin Biao und Deng Hsiao-ping, nicht zu vergessen Konfuzius, in dessen Topf man bei dieser Gelegenheit all diese Bosse steckt.

Die ideologisch-politische Tätigkeit der Kommunistischen Partei Chinas ist merkwürdig, und das nicht ohne Grund. Sie hat sich abgekapselt gegenüber dem Ausland, insbesondere gegenüber den Kommunistischen und Arbeiterparteien, den Bruderparteien. Meiner Ansicht nach gibt es dafür eigene Gründe grundsätzlicher Natur. «Unsere schmutzige Wäsche waschen wir im eigenen Haus, die anderen brauchen nichts davon zu wissen.» In der Kommunistischen Partei Chinas wurden seit ihrer Gründung Linienfehler begangen, die tiefe Spuren hinterlassen habein und dazu führten, dass die Linie der Partei unbeständig ist, mit einem ausgeprägten rechtsopportunistischen Zug. Doch welche Fehler wurden nun tatsächlich gemacht und welchen Charakter tragen sie? Dazu gibt es kein Dokument, keine Analyse. Man findet politische Artikel voller allgemeiner Formeln, in denen die Namen der «wichtigsten parteifeindlichen Elemente» aufgezählt werden. Die Kommunistische Partei Chinas hat ihre Geschichte noch nicht offiziell niedergeschrieben. Es gibt unzusammenhängende, episodische Schriften, die vollkommen unverbindlich geschrieben sind. Sie werden heute vertrieben und morgen aus dem Verkehr gezogen, und andere Schriften mit anderen Ideen erscheinen. Öffentlich bekannt sind nur die Berichte ihres 8., 9. und 10. Parteitags. Sie alle und nur sie betrachtet man als richtig. Kein Absatz wurde daraus entfernt, obwohl sie gewaltige Fehler enthalten. Sie stehen unter dem Zeichen Maos, denn es waren ja die Fehler Maos, Lius, Dengs und Tschous. Wenn also die Fehler in der Linie bereinigt würden, was passierte dann wohl mit der Autorität von Mao, der an der Spitze der Partei stand?

Dann gibt es auch noch die vier Bände mit Schriften Maos aus der Zeit des Kriegs. Sie wurden gesammelt, «zurechtgemacht und ausgeschmückt», damit man meinen soll, sie gründeten auf der marxistisch-leninistischen Theorie. Diese Schriften erschienen einige Jahre nach der Befreiung 'Chinas, und es heisst, sie seien von dem sowjetischen Philosophen Jüdin, der Botschafter in China war, zurechtgebogen worden. Andere Werke Maos gibt es nicht. Man kämpft mit seinen alten eklektischen Zitaten. Was hat dieser «grosse Theoretiker» während all dieser Jahre getan? Gedanken geäussert, gesprochen, für eine Reihe grosser Probleme eine Lösung gefunden? Fast nichts davon ist veröffentlicht. Nur dass man in der Propaganda die «Maotsetungideen» mit dem Marxismus-Leninismus gleichsetzt. Es gibt sogar Lakaien Maos, die sein Bild in der Reihe der Klassikerfotografien hinter Engels und vor Lenin gesetzt haben.

Was ergibt sich aus alledem? Dass in der Entwicklung und im Kampf der Kommunistischen Partei Chinas die Wahrheit verschleiert und Mao Tsetung künstlich hochgespielt wird. Die Fahne des antimarxistischen chinesischen Größenwahns wurde entfaltet, der Maokult ist auf das Mass des Konfuziuskults angewachsen. Alles, was Mao tut, alles, was er sagt, ist «richtig». Alle haben sich dem zu fügen, was Mao sagt. Vernunft ist nicht erlaubt, nur Fanatismus.

Ich habe schon betont, dass in der Kommunistischen Partei Chinas von Beginn an viele Linienfehler begangen wurden. Doch auf welchen Grundlagen wurde die Partei in China gebildet? Man weiss es nicht. Mao selbst hat darüber nichts oder nur wenig geschrieben, doch auch dieses Wenige ist unbekannt. In den vier veröffentlichten Maobänden werden Fragen der Politik und der Linie de: Partei behandelt, ist von ihrer Organisierung die Rede. Mao versucht darin, Marx und Lenin zu paraphrasieren, gibt aber allem den Anstrich einer theoretischen Lektion mit der Absicht, Kader zu erziehen bzw. als anerkannter Theoretiker zu erscheinen und sich als 'solcher aufzuspielen. Der aktive Kampf der Partei, die Fraktionskämpfe, der Klassenkampf innerhalb und außerhalb der Partei findet darin keinen oder nur sehr wenig Niederschlag. Nein, darin sind zwar angeblich seine Theorien, doch in Wirklichkeit sind das nur bruchstückhafte Paraphrasen von Marx oder Lenin. Stalins Gedanken sind in diesen Bänden nicht zu finden. In China findet man Stalin nur auf einem Porträt am Tienanmenplatz.

In der Kommunistischen Partei Chinas hat es viele Fraktionen gegeben. Das lag daran, dass der Marxismus-Leninismus nicht uneingeschränkt die Grundlinie der Partei war. So muss es schon bei der Gründung der Partei gewesen sein, denn ihre Protagonisten, Mao, Tschou En-lai, Tschu Teh, ganz zu schweigen von den Li Lisans und den anderen, waren keine geformten Marxisten und unternahmen auch nicht die erforderlichen Anstrengungen, sich den Marxismus-Leninismus anzueignen. Sie wollten die nationale und soziale Befreiung Chinas, doch die Idee des Kommunismus und seine Ideologie dürften diesen Genossen nicht klar gewesen sein.

Chinas Abkapselung schloss auch Mao und Tschou in dieser Umgebung ein. Sie blickten nicht über China hinaus, und gewiss verquiekten sich in ihren ursprünglichen Vorstellungen, die sie zur Revolution führten, viele nationale, bürgerliche, demokratische, fortschrittliche und mystische Ansichten. Was die Republik Sun Yatsens anbelangt, von der sie positiv reden, so gibt es keinerlei klares Material der Kommunistischen Partei Chinas, in dem wir auch nur die geringste kritische Stellungnahme finden würden. Heute wie damals werden die Dinge im Nebel belassen, gibt es Meinungen und Interpretationen jeder Art. Das heisst: «Pick dir heraus, was dir passt.» Was über diese revolutionäre und fortschrittliche Epoche geschrieben wurde, stammt mehr und hauptsächlich von Ausländern. Für die Chinesen fängt Chinas Erwachen und Kampf bei Mao an und endet 'bei Mao.

Sun Yat-sen war eine grosse Persönlichkeit, er hatte ein richtiges Verständnis vom Wert der Freundschaft mit der Sowjetunion Lenins, der China die Hand reichte und ihm Hilfe und Unterstützung gab. Die Kommunistische Partei Chinas war zu jener Zeit gerade erst gegründet worden, und ihr Einfluss unter den Massen war natürlich gering, während Sun Yat-sen und die Kuomintang grossen Einfluss hatten. Über die Tätigkeit der Kommunistischen Partei Chinas zu jener Zeit, wie sie sich mit ihnen verband und wie sie kämpfte, können wir keinerlei sichere Aussagen treffen, bzw. wir können uns bei unseren Aussagen nur auf das stützen, was die Ausländer geschrieben haben, denn nur sie hatten Analysen gemacht. Ihre Analysen lassen sich allerdings von anderen Prinzipien und Absichten leiten, so dass wir uns nicht auf sie stützen können. Die Tatsachen belegen, dass die Sowjetunion zu Lebzeiten Lenins und Stalins die Freundschaft mit China und der Kuomintang wahrte und pflegte, sowohl als Sun Yat-sen noch lebte, als auch, eine Zeitlang, nachdem Tschiang Kai-schek an seine Stelle getreten war.

Die chinesischen Kommunisten arbeiteten auf dieser Linie mit der Kuomintang zusammen, doch wie, wie viele und was für Widersprüche entstanden, warum sie entstanden, das können wir uns vorstellen, denn wir sind Marxisten und wissen, was Tschiang Kai-schek repräsentiert°. Die Kommunistische Partei Chinas hat, zumindest sc.weit wir wissen, diese Frage nicht untersucht und analysiert. Vom proletarischen chinesischen Staat und der Kommunistischen Partei Chinas wurde keine Geschichte des chinesischen Volkes verfasst. Alles, was wir über dieses grosse Problem gelesen haben, haben wir bei ausländischen und bürgerlichen Historikern, Wissenschaftlern l',nd Soziologen gelesen.

Wir wissen vieles nicht, doch was wir wissen, ist, dass die Kommunistische Partei Chinas «in petto»* *( hier: heimlich, hinter vorgehaltener Hand (it. im Original)) tönt: Die Komintern hat China gegenüber falsch gehandelt, denn Stalin hat Fehler gemacht (und laut Mao hat die Kommunistische Partei (B) der Sowjetunion den Fehler eingesehen), denn die Sowjetunion hat die Direktive gegeben, die Kommunistische Partei Chinas solle mit der Kuomintang zusammenarbeiten, als es nicht statthaft war, usw. usf. All das sagt man in Winkeln und auf Korridoren, und zwar meiner Meinung nach mit dem Ziel, Mao, «der niemals Fehler gemacht hat», aufzuwerten und Stalin, «der Fehler gemacht hat», herabzusetzen.

Was lässt sich aus all diesen Dingen, die niemals analysiert wurden, schließen? Stalin und die Komintern haben in der allgemeinen Linie weder in Bezug auf den revolutionären Kampf in China, noch in bezug auf das Bündnis der Kommunistischen Partei Chinas mit der Kuomintang Fehler gemacht. Mao und die Kommunistische Partei Chinas dagegen haben Fehler gemacht. Sie haben die Linie der Komintern weder richtig interpretiert noch richtig in die Praxis umgesetzt. Um China von den Kolonisatoren, vom militaristischen Japan zu befreien, war das Bündnis dieser beiden Kräfte, der Kommunisten und der fortschrittlichen Bourgeoisie, erforderlich. Möglich, dass in diesem Kampf, bei diesen Kontakten Leute wie Blucher und andere Delegierte der Komintern, die sich als Trotzkisten entpuppten und verurteilt wurden, Fehler begangen haben, doch die Linie der Komintern, ein Bündnis der gegen Japan kämpfenden fortschrittlichen Kräfte in China herzustellen, war richtig. Tschiang Kai-schek beging Verrat, er trennte sich von den Kommunisten und versuchte, sie zu liquidieren. Er schwächte den Kampf gegen Japan ab und gab ihn auf. Das ist ein Problem, das eine dunkle, komplizierte Periode betrifft, für die man die Schuld nicht,wie die chinesischen Genossen das tun, Stalin und der Komintern zuschieben kann. «Stalin hat Fehler begangen», behauptet Mao, doch in Wirklichkeit ist es Mao Tsetung selbst, der Fehler begangen hat. Nicht nur damals wird er Fehler gemacht haben, auch jetzt hat er viele Fehler begangen, Fehler, die wir nun mit ihren bitteren Konsequenzen sehen. In China heißt es weiter, Mao habe niemals Fehler begangen, weder gestern noch heute, und auch morgen werde er keine Fehler machen. Für die Chinesen ist das ein Tabu, doch das ist eine anti-marxistische Behauptung.

Die Einstellung Maos und seiner Genossen zur Sowjetunion der Zeit Stalins lässt Zweifel aufkommen. Sie war nicht richtig und offen. Wir zumindest wüssten nicht, dass es während der Zeit des chinesischen Befreiungskampfes Aversionen gegeben hätte, schon gar nicht von Seiten Stalins, der Sowjetunion und der Komintern. Einer der besten revolutionären marxistisch-leninistischen Führer Chinas, Kang Scheng, war der Vertreter der Kommunistischen Partei Chinas bei der Komintern, und er hat in dieser Hinsicht nichts Schlechtes gesagt.

Wir betrachteten das China der Zeit nach der Befreiung als einen Staat der Volksdemokratie, geführt von einer ruhmreichen kommunistischen Partei, an deren Spitze ein grosser Marxist-Leninist mit Namen Mao Tsetung stand. Wie alle unsere Länder, die befreit worden waren und die volksdemokratische Ordnung errichtet hatten, verband sich auch China eng mit der Sowjetunion und Stalin. Später erfuhren wir dann viel üb(r die wechselhafte Entwicklung der Kommunistischen Partei China; und der Kuomintang, über den «Langen Marsch», über Maos Freundschaft mit ausländischen Offizieren und Journalisten wie dem Amerikaner Edgar Snow und anderen, die sich bei seinem Stab befanden; wir erfuhren von den «fruchtbaren» Kontakten Maos und Tschous zu Wendemeyer und Marshall, die die Vergabe der amerikanische Hilfen an Mao und Tschiang organisierten, sowie über die chinaischen Lobbys in Washington. Das gab uns natürlich zu denken, doch wir hielten es für blosse Taktik und nicht für einen Hang zu den Vereinigten Staaten von Amerika, wie es sich später klar herausstellte. In Mao sahen wir einen Kommunisten, in seiner Partei sine kommunistische Partei und in China ein mit uns und in erster Linie mit der Sowjetunion und Stalin befreundetes sozialistisches Land.

Zu Lebzeiten Stalins war Mao einmal in Moskau, wo er mit ihm zusammentraf und sprach. Was für Gespräche sie führten, wissen wir nicht, doch wir können uns vorstellen, dass Stalin Mao sehr gut empfing und China sicherlich jede Hilfe zuteil werden liess, um die es ersuchte. Die Kommunistische Partei Chinas hat selbst offiziell erklärt, dass «sowohl Lenin als auch Stalin anerkannt haben, dass das zaristische Regime China Gebiete geraubt hat, die ihm zustehen und zurückgegeben werden müssen». Diese Erklärungen veröffentlichten die Chinesen, als China in Konflikt mit den Chruschtschowrevisionisten geriet.

Soweit wir es beurteilen können, behandelte Stalin China also als Freund, als sozialistisches Land. Die Grenzfrage behandelte er in marxistisch-leninistischen Geist und Mao Tsetung betrachtete er aufrichtig als Genossen. Doch auf der Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau 1957, also noch vor der Beratung der 81 Parteien, erklärte Mao zur Unterstützung Chruschtschows, der dabei war, den Marxismus-Leninismus zu verraten, offen, geringschätzig und ironisch, bei seinem Zusammentreffen mit Stalin sei er sich «wie der kleine Schüler vor seinem Lehrer» vorgekommen. Damit wollte Mao - und das gelang ihm - Chruschtschows Verleumdungen über den «Stalinkult» unterstützen, da doch Stalin «diesen grossen Mao» angeblich als Bürschchen betrachtete. Das war ein Angriff Maos gegen Stalin. Das sage ich in vollster Überzeugung, denn bei dem ersten Treffen, das ich, jung und bewegt wie ich war, mit Stalin hatte, behandelte dieser mich mit seinem so menschlichen, von Liebe und Achtung für den Genossen geprägten Verhalten wie einen Gleichen. Und er sprach so warmherzig mit mir, dass die Befangenheit bei mir sofort schwand. Mao ging auf jener Beratung sogar noch weiter. Er gab Chruschtschow hinsichtlich der Liquidierung der «parteifeindlichen» Gruppe Molotows usw. recht, ja, bezeichnete Chruschtschow gar als «Lenin unserer Zeit».

Was lässt sich aus diesen Handlungen Maos schließen?

Dass Mao gegen Stalin war und zusammen mit seinen Genossen an seinem eigenen Kult bastelte. Mao sollte in der Reihe der großen Marxisten in der kommunistischen Weltbewegung den Platz des von den Verrätern «gestürzten und besudelten» Stalin einnehmen. Er meinte, Chruschtschow werde, als Dank für die Hilfe, die er ihm hierbei zukommen liess, den neuen Kult um Mao begünstigen, und China werde zum Zentrum der Revolution. «Der Ostwind weht», «Der Osten ist rot», «Mao Tsetung ist die Sonne der Welt» - das waren die Schlagworte, die die chinesische Propaganda damals ausgab.

Doch es kam anders, als Mao dachte und wünschte. Der Sowjetrevisionismus und Chruschtschow zeigten ihm die kalte Schulter. Mao und die Maoisten waren bemüht, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, doch es musste zwangsläufig so kommen, wie es kam. Nun änderte Mao Tsetung die Taktik. Man betrieb weiter den Kult um Mao als «grossen Marxisten-Leninisten», der gegen den modernen Revisionismus, vor allem den sowjetischen, und zugleich auch gegen den amerikanischen Imperialismus und die reaktionäre Welt bourgeoise kämpfte, man hob ihn in den Himmel. Dieser Kampf war richtig, daher unterstützten wir die Chinesen und sie uns. In Wirklichkeit gingen sie bei dieser Taktik nicht von Klassenpositionen aus und verfolgten keinen marxistisch-leninistischen Kurs. Mit dieser Taktik wünschten und versuchten die Chinesen, Chinas Positionen in der kommunistischen Bewegung und bei den Völkern der Welt als «wahrhaft sozialistischer Staat, der den Klassenfeinden, den Feinden der um Befreiung kämpfenden Völker unversöhnlich gegenübersteht», auszubauen. Unterdessen hatten Mao und die Maoisten innerhalb ihrer Partei mit der rechten Fraktion Liu Schao-tschis, Tschou En-Jais, Deng Hsiao-pings und der anderen zu ringen, die im Schlagschatten Maos für die Wiedererrichtung des Kapitalismus kämpften und beabsichtigten, in der Politik einen Umschwung im Sinne der Freundschaft mit den Chruschtschowianern herbeizuführen.

Mao Tsetung war zwischen zwei Feuer geraten, die er in Wirklichkeit selbst entfacht hatte, um sein Ziel zu erreichen, China zu einer grossen Weltmacht zu machen. So befand er sich zwischen den Sowjetrevisionisten und der gefährlichen Fraktion Liu Schao-tschis. Also entfesselte er die Kulturrevolution, auf die ich hier nicht näher eingehen will, da ich schon viel dazu gesagt und geschrieben habe.

Welchen Weg wählte Mao (mir scheint nämlich, dass es hier nicht um den Willen der Partei geht), damit er zu dieser nichtmarxistischen Haltung gelange? Er begann eine konformistische Linie zu verfolgen. Solange Stalin lebte, verfolgte Mao ihm gegenüber eine Linie der «Freundschaft» und «Bewunderung». Damals pflegte man in China die Freundschaft mit der Sowjetunion. Nach Stalins Tod verhielt sich Mao opportunistisch und versuchte, dessen Platz in der kommunistischen Weltbewegung einzunehmen. Er begann auch mit Lobhudeleien, um Chruschtschow Sand in die Augen zu streuen, und übte natürlich Kritik an Stalin. 1956 verteidigte er in Peking uns gegenüber den Revisionisten und Verräter Tito, denn er war selbst ein Revisionist, ein Liberaler, ein Fürsprecher Chruschtschows.

Nach dem Bruch mit Chruschtschow, als Liu und Deng an der Macht waren und Schlüsselpositionen besetzten, wurde in den zentralen Organen Chinas eine Reihe ideologischer Artikel mit marxistisch-leninistischer Linie gegen die Chruschtschowrevisionisten veröffentlicht. Das waren theoretische Artikel und nicht die übliche Propaganda gegen den Revisionismus. Das war eine Wendung und natürlich eine gute Wendung, denn durch die theoretische Entlarvung des Revisionismus wurde die Kommunistische Partei Chinas erzogen. Doch dem war nur ein kurzes Leben beschieden. Die Artikel dieser Art verschwanden in den Schubladen, und in der Linie begann sieh ein Schwanken bemerkbar zu machen. Die Kommunistische Partei Chinas fuhr nicht fort, die Massen der Kommunisten im Geist der richtigen marxistisch-leninistischen Linie zu erziehen, sondern beschränkte sich darauf, ideologische Artikel unserer Partei abzudrucken. Das gefiel uns, doch was wir nicht wollten und für falsch hielten, war, dass China die Polemik gegen den Revisionismus einstellte und sich vom Kampfschauplatz zurückzog. Dies wies erneut auf liberale Schwankungen in der Linie der Kommunistischen Panel Chinas hin. Hinter der Veröffentlichung unserer theoretischen Artikel in der chinesischen Presse stand nicht die Absicht, die Linie unserer marxistisch-leninistischen Partei zu unterstützen. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, die Kommunistische Partei Chinas habe ihre Linie nicht geändert, sollte der liberale Kurswechsel, den sie gerade vollzog, verschleiert und in der Weltöffentlichkeit der Eindruck erweckt werden: «Ich, China, bin es, das der Partei der Arbeit Albaniens diese Artikel, diese Linie diktiert.» Und die bürgerliche Weltpresse sprach es offen aus: «Albanien, ein Satellit Chinas» «Albanien, das Sprachrohr Chinas», «China diktiert Albanien seine Gedanken, und dieses spricht sie aus». Das war eine unehrliche, unmarxistische Haltung, die China da einnahm. Doch solange die marxistisch-leninistischen Ideen unserer Partei propagiert wurden, sagten wir uns: «Hauptsache, die Richtung stimmt.» In China aber stimmte die Richtung nicht.

Chruschtschow stürzte. Schlagartig kam Maos opportunistische Linie ans Licht. Er dachte, seine Zeit sei gekommen, und verlangte deshalb - durch Tschou En-lai, der nach Moskau eilte - auch von uns, an der «Hochzeit» der Revisionisten teilzunehmen. Wir widersetzten uns diesem opportunistischen Schritt kategorisch. Ebenso kategorisch lehnten wir auch den chinesischen Vorschlag ab, «eine anti-imperialistische Front unter Einschluss der Revisionisten zu schaffen». Hier zeigte sich der glühende Wunsch der chinesischen Führer, sich mit den Sowjetrevisionisten zusammenzutun. Doch da sie Revisionisten waren, wollten sie auf diesem Weg selbst dominieren. Die Rechnung ging nicht auf.

Da brach die Kulturrevolution aus. Diese Revolution war ein Ergebnis des Ringens der beiden liberalen revisionistischen rechten Strömungen um die Macht. Wer würde sie ergreifen: Mao oder Liu? In dieser Auseinandersetzung siegte Mao, der Liu und Deng bezichtigte, «der Feind Nr. 1» bzw. «der Feind Nr. 2» zu sein. Mao stellte Tschou in seinen Dienst. Dieser war nämlich, wie Mikojan in der Sowjetunion, der Diener aller. Mao präsentierte sich als «Retter», als «Revolutionär», machte er doch «Revolution». Und er mehrte seinen Ruf als «grosser Marxist-Leninist», hatte er doch über Liu Schao-tschi gesiegt.

Wir unterstützten die Kulturrevolution, waren die einzige Partei an der Macht, die ihnen zur Seite stand. Die chinesischen Führer selbst erkannten diese grosse Unterstützung an und propagierten sie sehr.

Natürlich lag der «Kulturrevolution», wie ich schon früher gesagt habe, keine klare marxistisch-leninistische Linie zugrunde, denn die Partei war zerschlagen, und auch die Massenorganisationen existierten nicht. Nur die Armee mit Lin Biao stand unverrückbar zu dieser Revolution. Es herrschte ein totales Durcheinander, die Sache lief par inertie*. *( nach dem Trägheitsgesetz (frz. im Original)) Tschou, der das Mäntelchen nach dem Wind hängte, hielt mit einer Hand das Ruder der Staatsmacht und schwenkte mit der anderen das von Lin Biao zusammengestellte «Rote Buch» Maos. Während der Kulturrevolution fand der Fremdenhass krassen Ausdruck, wurden sogar die Gebäude ausländischer Botschaften in Brand gesteckt, Diplomaten geschlagen usw. An der Spitze dieser abscheulichen Akte, ähnlich denen Suhartos in Indonesien, stand auch Tschou En-lai selbst.

Deng, Liu und Konsorten wurden «niedergeworfen», doch was zerbrochen war, musste gekittet werden, und tatsächlich war viel zerbrochen worden. Diese Reparaturen übernahm der Revisionist Tschou En-lai, und zwar angeblich auf Weisung des Vorsitzenden Mao, der zur Zeit der Kulturrevolution seiner Frau geschrieben hatte:

«Von meinen Schriften werden sowohl die Revolutionäre als auch die Konterrevolutionäre Gebrauch machen.» Mao gab selbst zu, dass er nicht eine marxistisch-leninistische Linie hatte, sondern zwei oder auch zehn Linien, so wie die Theorie von den «hundert blühenden Blumen».

Unsere Partei hat alles getan, um die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern und Parteien zu festigen. Doch die Chinesen haben oft den Austausch von Arbeitsdelegationen unserer Parteien abgelehnt. Sie machten aus allen Delegationen «Freundschafts-» Delegationen für Massenkundgebungen und Bankettreden mit Trinksprüchen. Wir konnten feststellen, dass die chinesischen Führer einen Erfahrungsaustausch ihrer Partei mit unserer Partei nicht wollten, sie hüteten sich vor politischen, ideologischen und organisatorischen Debatten. Hier standen wir vor verschlossenen Türen. Ich und auch die anderen Genossen fanden Gelegenheit, bei Gesprächen mit Tschou und mit Yao Wen-yüan ausgehend von unserer Erfahrung Parteiprobleme anzusprechen, doch sie sprachen weiter in ihren abgedroschenen Formeln. Nur einmal übte Tschou, dieses liberale und opportunistische Element, als er bei uns war, Kritik an uns. Er behauptete, unsere Partei entfalte den Klassenkampf nicht. Als wir ihm Fakten vorhielten und damit zeigten, dass unsere Partei ihr Leben lang einen heftigen Klassenkampf geführt hat, innerhalb und außerhalb des Landes sowie in den Reihen der Partei, war er gezwungen, sich zu entschuldigen: «Ich kenne die Geschichte eurer Partei nicht gut genug.»

Ebenso hielten wir die isolationistische Linie Chinas in der internationalen Arena nicht für richtig. Wir hatten Li Hsiän-niän offiziell unseren Standpunkt vorgetragen. Wir begründeten ihm, dass der Kampf gegen beide Supermächte in aller Härte fortgesetzt werden müsse, China sich aber gleichzeitig den Völkern und den anderen Staaten gegenüber zu öffnen habe, weil so Spaltung unter unseren hauptsächlichen Feinden geschaffen und ihrer verleumderischen Propaganda gegen unsere Länder ein Schlag versetzt werde. Doch die Chinesen blieben auf ihren Positionen und gingen nicht diesen vernünftigen Weg, der in Chinas und unserem Interesse, im Interesse auch der anderen Völker der Welt lag. Die Chinesen setzten uns in Erstaunen mit ihrer Haltung. Waren sie sonst liberal, so erwiesen sie sich in diesem Fall als sektiererisch. Liberalismus und Sektierertum sind Geschwister. China ignorierte Europa völlig, behielt die feindliche Haltung den asiatischen Ländern gegenüber bei. Als Vorbedingung für die Aufnahme normaler Beziehungen zu den anderen Staaten hatte es die Anerkennung Taiwans als Teil des chinesischen Territoriums gestellt. Ws dagegen Afrika und die Länder Lateinamerikas anbelangt, veröffentlichten die Chinesen einmal im Schaltjahr in «Renmin Ribao» einen propagandistischen Artikel. Chinas internationale Politik war starr, sektiererisch, größenwahnsinnig, isolationistisch und fremdenfeindlich. Dies ging gewissermaßen bis hin zum uneingestandenen «gelben Rassismus».

Während wir uns noch in dieser Beziehung Sorgen machten, schlugen Kissingers Geheimbesuch in China und seine Geheimgespräche mit Mao und Tscho. wie eine Bombe ein. China trat in eine neue Phase ein, begann eine neue, aber wieder falsche Politik, die rechte Politik der Annär~rung an die Amerikaner. Doch diese Politik sollte noch viel weitr gehen, bis hin zu den Faschisten Franco in Spanien und Pinochet in Chile.

Es zeigte sich deutlich, dass der «Hinderungs-»grund für die Öffnung Chinas gegenüber den anderen Staaten der Welt nicht die Anerkennung der Insel Taiwan als chinesisches Territorium gewesen war. Wie von Zauberhand ( war dieses Problem weggeschmolzen, und die Vereinigten Staaten von Amerika gingen Verbindungen und Beziehungen mit China ei, ohne bislang tatsächlich auch nur ein Zugeständnis in Bezug auf Taiwan gemacht zu haben. Als Genossen, die wir waren, widersetzten wir uns den geheimen Verbindungen und Beziehungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika und Nixons Chinareise. Wir sagten, diese Freundschaft, die die Chinesen mit dem amerikanischen Imperialismus knüpften, werde nichts Gutes, sondern nur Schlechtes für China selbst, für den Sozialismus und die ganze Welt bringen. Unseren Brief zu dieser Frage geruhte Mao Tsetung so wenig zu beantworten wie die Briefe zu anderen Fragen, worüber ich schon früher geschrieben habe.

Warum diese Hinwendung Chinas zum amerikanischen Imperialismus? Weil Mao und Tshou revisionistisch, liberal, opportunistisch waren, und weil ihre Politik eine pragmatische Politik war, darauf ausgerichtet, China zur Supermacht zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, musste sich China nach Meinung Maos und Tschous auf die revisionistische Sowjetunion oder den amerikanischen Imperialismus stützen. Der Kampf an beiden Fronten war nichts für Mao. Seiner Ansicht nach musste sich China «auf die eine Supermacht stützen, um die andere zu bekämpfen, während ihm die anderen die Kastanien aus dem Feuer holen». Das betrieb auch die Sowjetunion. Sie ging nicht auf eine Verbindung mit China ein, weil die Sowjetunion selbstverständlich nicht akzeptieren konnte, von China beherrscht zu werden. Mao vermochte seinerseits sein Ziel nicht zu erreichen, die Sowjetunion in Chinas Dienst zu stellen. Die Sowjetunion öffnete sich den Vereinigten Staaten von Amerika, der reichen Supermacht, von der sie Kredite erhalten und so die Hegemonie errichten konnte. Die Vereinigten Staaten von Amerika für ihren Teil gingen auf diese Öffnung ein, um die Einflusssphären mit der Sowjetunion neu aufzuteilen.

China tat absolut nichts Originelles. Es wandte sich, als es sah, dass seine Absichten gegenüber der Sowjetunion gescheitert waren, ebenfalls den Vereinigten Staaten von Amerika zu, der alten Freundschaft Maos. Ja, Tschou wollte Ruhm, wollte Vorherrschaft. Beide, Mao und Tschou, waren Revisionisten. Sie leiteten die neue Politik ein. Allerdings stellten sich ihnen im eigenen Land Gegner in den Weg, und einer der wichtigsten war Lin Biao. Also musste er eliminiert werden. Und er wurde eliminiert, mit der Beschuldigung: «Er ist ein Verschwörer, der Mao ermorden wollte. Er wurde aber entdeckt, nahm ein Flugzeug und wollte sich über die Mongolei in die Sowjetunion davonmachen, sein Flugzeug verbrannte jedoch in den mongolischen Steppen.» Lin Biao wurde also als «Agent der Sowjets» getötet.

Auf dem 9. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas, der stattfand, als Lin Biao noch lebte, wurde über den Kampf an beiden Fronten gesprochen. Später jedoch, auf dem 10. Parteitag, nachdem Lin Biao getötet worden war, wurde mit keinem Wort darauf eingegangen, welche Außenpolitik Lin Biao vertreten hatte.

Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden zum Weltenrichter. Sie würden, natürlich im eigenen Interesse, sowohl mit der Sowjetunion als auch mit China manövrieren. Die Vereinigten Staaten von Amerika dosierten und dosieren ihre Haltung den beiden gegenüber je nach Bedarf. Es geht ihnen darum, die Sowjetunion zu schwächen und dafür zu sorgen, auch China gegen die Sowjetunion benutzen zu können. Und so geschieht es. China stellte wirklich den Kampf gegen die Vereinigten Staaten von Amerika ein und intensivierte die Propaganda gegen die Sowjetunion bis zur Absurdität. Ich sage, die Propaganda, denn ideologische Artikel Chinas, die die Sowjetunion entlarven, gibt es nicht. Chinas gegenwärtige Linie ist: «Unser Hauptfeind ist die Sowjetunion.» Wer gegen die Sowjetunion auftritt, ist Chinas Freund, auch wenn er ein Faschist ist. So geschieht es, dass China gegenüber unserem Land, das an beiden Fronten kämpft, sowohl gegen die Vereinigten Staaten von Amerika als auch gegen den sowjetischen Sozialimperialismus, eine nicht gerade freundschaftliche Haltung einnimmt, während die proamerikanischen Revisionistenstaaten, die das eine oder andere antisowjetische Manöver unternehmen, Chinas Freunde geworden sind. Diese Haltung, sagen die Chinesen, «nehmen wir ein, um die Widersprüche zu verschärfen und zu vertiefen». Die Realität zeigt aber, dass Maos China mit diesen Staaten einverstanden ist, denn das ist seine revisionistische Linie in Ideologie und Politik. China hat seine Verbindungen zu allen kapitalistischen Ländern der Welt ausgebaut, und sich selbst erklärte es offiziell zum Mitglied der «dritten Welt». Chinas Türen öffneten sich den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, den Königen. Prinzen, Prinzessinnen, Ministerpräsidenten, Senatoren, Parlamentsgruppen, Geschäftsleuten, Krethi und Plethi. Chinas Türen bleiben nur offiziellen albanischen Delegationen verschlossen.

Das chinesische Volk empfindet aufrichtige Freundschaft für das albanische Volk und die Partei der Arbeit Albaniens. Noch haben es die chinesischen Revisionisten nicht gewagt, diese Freundschaft zu attackieren. Die rechten Hauptkader, die, unserer Meinung nach, in China an der Macht sind und starke Positionen besetzen, greifen die zwischen uns bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen an. Sie zahlen die uns bewilligten Kredite nicht, schieben die Lieferfristen der Materialien für die von uns gebauten Objekte hinaus, haben das Handelsvolumen verringert, schrauben die Kontakte mit unserem Land auf ein Minimum zurück. Kurz gesagt, die chinesischen Führer haben uns gegenüber Chruschtschows Weg eingeschlagen. Sie haben gelernt aus der sowjetischen Blockade, die brutal einsetzte, während ihre Blockade allmählich ins Werk gesetzt wird, kaschiert mit heuchlerischen Stellungnahmen und Erklärungen: «Wir sind Freunde, wir sind arm, versteht uns dock» usw. Diese ganze Schwenkung ist rechts, revisionistisch, sozialimperialistisch.

Das ist die Linie Maos und Tschou En-Jais, die Deng rehabilitierten und Vorbereitungen trafen, ihn nach Maos Tod an Tschous und Tschou an Maos Stelle rücken zu lassen. Doch die «mittlere» Person des «Reichs der Mitte» starb zuerst. Kaum war sie gestorben, stellten sich die «Radikalen» gegen Deng und begannen, ihn zu entlarven. Dadurch traten in Partei und Staatsmacht in China zwei Linien, zwei rivalisierende Gruppen in Erscheinung, und Mao steht jetzt zwischen den beiden Wegen. Doch er ist ein Greis und kann nicht mehr handeln. So wurde das zur Wirklichkeit, was er einst in dem Brief an Djiang Tjing angekündigt hatte, dass nämlich sowohl die Reaktionäre als auch die Revolutionäre von den «Maotsetungideen» Gebrauch machen werden.

In China findet also nun ein Kampf statt, doch wer wird wohl siegen?! Man weiss es nicht. Die «Radikalen» haben nur die Propaganda in der Hand, die andern die Aussenpolitik, die Wirtschaft und die Armee, denn in Wirklichkeit hat sich am alten Mao-Tschou-DengKurs nichts geändert.

Deng ist in der Partei und wird gerade entlarvt, doch seine Genossen sind an der Macht. Die Politik mit den Vereinigten Staaten von Amerika gedeiht weiter. Darüber hinaus unterstützt China alle reaktionären Regierungen und Staaten. Die Kommunistische Partei Chinas rät den Marxisten-Leninisten überall, sich mit der Bourgeoisie ihrer Länder, selbst wenn sie faschistisch ist, zu vereinigen und für ihre reaktionären Bündnisse einzutreten. Zu kämpfen hätten sie einzig und allein gegen die revisionistische Sowjetunion.

Wohin geht China mit dieser Linie? Zu einem neuen Sozialimperialismus, zur Machtergreifung durch die neuen, aber auch die alten Kapitalisten, die durch Maos opportunistische Linie an der Macht gehalten, behütet und gestärkt wurden.

In China gibt es ganz gewiss gesunde marxistisch-leninistische Kräfte, ich meine aber, dass man sie nicht mit den sogenannten Radikalen identifizieren kann. Diese sind gegen die Rechten, doch sie sind maoistisch, liberal, für die Koexistenz zweier Linien in der Partei. Nur eine gewaltige revolutionäre marxistisch-leninistische Umwälzung wird China vor der Wiedererrichtung des Kapitalismus bewahren.







MONTAG, 24. MAI 1976



EIN SCHLECHTES BENEHMEN DES CHINESISCHEN BOTSCHAFTERS IN TIRANA

Man hat mir mitgeteilt, dass der chinesische Botschafter, Liu Dschen-hua, der am 29. dieses Monats unser Land verlassen wird, kreuz und quer durch das Land reist, die im Bau befindlichen Objekte besichtigt, für unsere Leute Abendessen gibt usw. Dabei benimmt er sich schlecht und unfreundlich. Seltsam ist jedoch, dass er dieses unerfreuliche Benehmen im Augenblick des Abschieds an den Tag legt. Es sieht aus, als wolle er die Beziehungen verschärfen bzw. eine weitere Verschärfung ankündigen. Er erwähnt mit keinem Wort den Kampf, der in China gegen Deng Hsiao-ping geführt wird. Uns ist das egal, nur zeigt er damit, dass er ein Mann Dengs ist. Er will demonstrieren, dass er alles weiß dass er sich mit Bergwerken auskennt, ist er doch «in China einmal in ein Bergwerk eingefahren». Wohin er auch kommt, mit wem er auch spricht, er lässt an unserer Arbeit kein gutes Haar. Das fängt an bei den militärischen Befestigungen und reicht bis zu «einem Stück Eisen», das man in eine Ecke geworfen hat. Bei alldem verleumdet er und will zeigen, dass unsere Leute nicht gut arbeiten. Der chinesische Botschafter spricht ganz unverblümt. Er erklärt sogar gegenüber Adil Carçani, Spiro Koleka und Nesti Nase, er wisse über alles Bescheid. Mit anderen Worten, er gibt höchstpersönlich zu, dass er die Geschäfte des chinesischen Sicherheitsdiensts in Albanien versieht und mit den chinesischen Spezialisten ein Agentennetz geschaffen hat.

Die Genossen geben diesem Revisionisten, der sich in das Gewand des Botschafters Chinas kleidet, die verdiente Antwort.





FREITAG, 28. MAI 1976





DIE «MAOTSETUNGIDEEN»



Es gibt sozialistische Staaten, doch die kommunistischen und Arbeiterparteien, die sie führen, stehen nicht alle auf wahrhaft marxistischen Positionen. Es gibt in ihnen krass antimarxistische Elemente. So sieht die Lage auch in China aus. In diesem Land führen die «Maotsetungideen», die keine konsequente Anwendung des Marxismus-Leninismus sind. Darin gibt es falsche, opportunistische, ja sogar getarnte revisionistische Grundideen. Die «Maotsetungideen», die China leiten, kämpfen nicht für die Revolution, für die Einheit des Proletariats. Und wenn darin China auch nicht offen als «Großmacht» bezeichnet wird, sie sich selbst nicht als «universale Ideen», die den Marxismus-Leninismus ersetzen, ausgeben, so laufen sie in Wirklichkeit doch darauf hinaus. Wer den «Maotsetungideen» nicht folgt und sie nicht mit dem Marxismus-Leninismus identifiziert, ist îür die Chinesen kein Marxist-Leninist oder wird nicht als solcher betrachtet. Die «Maotsetungideen» haben in den Reihen des chinesischen und des Weltproletariats grosse Verwirrung gestiftet.

Innerhalb Chinas herrscht Anarchie, existieren zwei oder zwanzig Linien in der Partei und im Volk. Man weiss nicht einmal, wer dort die Macht hat und wer sie ergreifen wird. Die Kommunistische Partei Chinas ist nicht nach den marxistisch-leninistischen Prinzipien und Normen aufgebaut und stützt sich nicht auf sie. Die Diktatur des Proletariats funktioniert dort nicht.

Diese Verwirrung Chinas griff und greift auch auf Teile des Weltproletariats, auf marxistisch-leninistische kommunistische Parteien über. Viele dieser Parteien sind weder mit den «Maotsetungideen» noch mit Chinas Vorgehen einverstanden, doch sie äußern sich nicht offen. Es wirkt der Kult des großen Staates, der als „proletarisch“ gilt, es aber nicht ist; es wirkt der Kult Maos, der nichts als Mao Tsetung ist und vor allem weder Marx noch Engels, noch Lenin, noch Stalin.

Die pseudomarxistischen Lakaien, die in die Reihen einiger marxistisch-leninistischer kommunistischer Parteien eingesickert sind, bauschen den Kult um Mao auf und heben diesen auf den Schild. Die Bourgeoisie weiss ebenfalls um den Wert Chinas, Maos, der «Maotsetungideen» und propagiert diese. Jede revolutionäre Gruppe, jede marxistisch-leninistische kommunistische Partei, sogar jede anarchistische Gruppe wie die Sartres u.a. wird von der Bourgeoisie mit dem Etikett «maoistisch» versehen. China und Mao gefällt das. Mit ihnen allen unterhält China Verbindungen und hilft ihnen allein deshalb, weil sie Mao rühmen und seiner verworrenen und undurchsichtigen Politik folgen. Der Antisowjetismus ist inzwischen das einzige Leitmotiv der chinesischen Führung. Und das nicht auf richtigen ideologischen Grundlagen, sondern unter dem Banner der «Maotsetungideen», um über das Proletariat und die «kommunistische» Welt zu dominieren.

Unter diesen Umständen und mit diesen Ideen hat die Kommunistische Partei Chinas aufgehört, die marxistisch-leninistischen kommunistischen Parteien zu ihren Parteitagen einzuladen, sie lässt sich nur auf bilaterale Treffen mit den jeweiligen marxistisch-leninistischen kommunistischen Parteien ein. Sie propagiert ihnen die «Maotsetungideen» und rät ihnen, die Sowjetunion, nicht aber die Vereinigten Staaten von Amerika anzugreifen. Sie predigt ihnen die Zusammenarbeit mit der reaktionären einheimischen Bourgeoisie, bis hin zu Franco und Pinochet.

Mao und der «Maoismus» sind zu einem der ernstesten Hindernisse für die Einheit des Weltproletariats und der neuen marxistisch-leninistischen kommunistischen und Arbeiterparteien geworden. Deshalb muss diesem neuen getarnten Übel in allem unsere unfehlbare Theorie, der Marxismus-Leninismus, entgegengesetzt werden.

Auch wenn die Kommunistische Partei Chinas eine große Partei ist, so kennt doch der Marxismus-Leninismus keine großen und kleinen Parteien, also ist unsere Partei als gleichberechtigt mit ihr zu betrachten. Und wenn die Kommunistische Partei Chinas falsch handelt, so wie das zur Zeit der Fall ist, dann folgt ihr unsere Partei in ihren falschen Ideen und Wegen nicht etwa, sondern bekämpft sie sogar - wenn vorerst noch nicht direkt, so doch indirekt, durch ihre offenen und öffentlichen Stellungnahmen. Sie ermöglichen es allen, klar zu erkennen, worin die Divergenzen zwischen der Partei der Arbeit Albaniens und der Kommunistischen Partei Chinas bestehen.

Wenn die Kommunistische Partei Chinas ihre Linie nicht berichtigt und ihren falschen Weg weiter fortsetzt, muss die Partei der Arbeit Albaniens im Interesse der proletarischen Revolution auch in die offene Polemik mit ihr eintreten.







SAMSTAG, 12. JUNI 1976





CHINAS LINIE IST RECHTS

Auch wenn man Chinese wäre, ließe sich die chinesische Innen- und Außenpolitik kaum verstehen. Sie hat keine stabile Achse, schwankt so sehr nach der einen wie nach der anderen Seite. Es gibt Momente, da sie zu einer gewissen zentristischen Stabilität findet, dann ändert sich auch entsprechend den inneren Umständen und Konjunkturen die Haltung nach außen. Es gibt Momente, da man diese Haltung vom Standpunkt der marxistisch-leninistischen Theorie aus für richtig befindet, doch dann neigt sich die Waage auch schon wieder schlagartig zum Liberalismus oder zum Sektierertum.

All diese Haltungen ohne Angelpunkt sind begleitet von Reden, Artikeln. Zitaten Maos. Mit Maos Zitaten wird «jede Mahlzeit» gewürzt, sie dienen jeder Haltung, ob rechts oder links. Mao und seine Ideen werden angepasst, alle bedienen sich seiner «Autorität», und jeder betreibt sein eigenes Geschäft. Also findet der «Klassenkampf» statt, doch auf der Grundlage welcher Ideologie? Auf der Grundlage des «Marxismus-Leninismus», heisst es, doch die Wirklichkeit in China bestätigt dies nicht, denn Mao selbst hat gepredigt: «Lasst hundert Blumen blühen.» Doch die «hundert Blumen» haben natürlich nicht die gleiche «Farbe».

Mao hatte sich auf Chruschtschows Seite gestellt, ihn verteidigt und gelobt, bis er festen Fuß gefasst und seine Positionen gestärkt hatte. In dieser Situation und in diesen Ansichten stimmten Mao und Liu Schao-tschi also miteinander überein. Beide waren rechts. Diese ihre Haltung zeigte sich auch auf dem 8. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 1956, einem rechten Parteitag, der sogar Chruschtschow den Weg zum Handeln wies. Chruschtschow jedoch erstarkte und ging unverzüglich zum Angriff auf den sogenannten «Stalinkult» über. Er wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: innerhalb des Landes den «Stalinkult» durch seinen eigenen Kult ersetzen und in der kommunistischen Weltbewegung selbst die erste Geige spielen. Er wollte keinen anderen neben sich, selbstverständlich also auch nicht Mao. Dieser dagegen hatte die Hoffnung, danach «würden die Rollen vertauscht: Chruschtschow werde «Maos Schüler sein». Doch Chruschtschow begriff die Situation und schlug einen anderen Kurs ein, nahm das Gewehr auf die andere Schulter.

So fing Mao an, eine beinahe «marxistisch-leninistische» Haltung einzunehmen. Auf der Beratung der 81 Parteien in Moskau waren die Chinesen genötigt, Änderungen an ihrer Rede vorzunehmen und sie auf unsere abzustimmen. Ich sage, sie begannen, eine beinahe «marxistisch-leninistische» Haltung einzunehmen, denn später, auf dem 21., 22. und 23. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, unternahmen die Maoisten Versöhnungsversuche. Doch mittlerweile hatten die Chruschtschowianer alle Zügel schießen lassen. Das war die Zeit, da Mao und die Maoisten die Polemik begannen. Wir waren natürlich zufrieden, sahen wir doch, dass Mao «begann, die Situation richtig zu sehen». Das war die Zeit einer grossen Freundschaft zwischen China und uns.

Doch während dieser Zeit machten sich in China neue Schwankungen bemerkbar. Liu Schao-tschi, Deng Hsiao-ping und andere, ihre Gefolgsleute, wollten die Macht ergreifen und ein «Bündnis mit der Sowjetunion» eingehen, wie es hieß. Dieses Bündnis begannen sie gemeinsam, doch für die Chruschtschowrevisionisten war Liu anscheinend leichter zu akzeptieren als Mao. Also steuerte dieser, als er sah, dass Liu und Konsorten alles in ihre Hand gebracht hatten, nach links und erliess den Aufruf: «Greift das Hauptquartier an!» Die Kulturrevolution begann, und Liu stürzte vom Thron. Dennoch blieben seine Leute, wo sie waren. Alle wurden Maoisten, mit Mao an der Spitze. Tschou war das Haupt der Staatsmacht und der Wirtschaft, Lin Biao Armeechef. Die Partei war zu jener Zeit zerschlagen und alles war durcheinander, nur Maos Name war zu hören. Unter diesem Namen strebten alle und jeder nach Macht. Mao wahrte angeblich «das Gleichgewicht zwischen den Linken und den Rechten». Kein einziger Flügel war marxistisch-leninistisch. Lin Biao wurde liquidiert, Tschou En-lai blieb «Chinas Vizekönig» und Mao wie immer der «Schiedsrichter».

Nach den aufeinanderfolgenden Konfusionen erreichte man angeblich eine Stabilität, doch sie war antimarxistisch. China verband sich mit den amerikanischen Imperialisten gegen die Sowjets, und diese Position brachte es noch weiter auf den antimarxistischen, rechten Weg.

Selbstverständlich konnten die Chinesen und Mao mit uns nicht einverstanden sein. Und das bewiesen und beweisen sie mit Taten. Wir bewahren kühlen Kopf. Die chinesische Linie steuerte naeh rechts, Mao und Tschou En-lai rehabilitierten Deng Hsiao-ping, der vom «Feind Nr. 2» zum stellvertretenden Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas wurde und sich unterdessen daraui vorbereitete, Tschou En-Jais Platz einzunehmen. Tschou starb und Deng gelang es nicht, Ministerpräsident zu werden, vielmehr wurde er Revisionist, Verräter genannt. Was wurde und wird nicht alles über ihn gesagt! Merkwürdige Beschuldigungen. 'Sie scheinen richtig zu sein, doch es stellt sich die Frage: Wie konnte Mao diesen Menschen nur rehabilitieren? Aber auch nach den Beschuldigungen gegen Deng zeigt sich in der chinesischen Innen- und Aussenpolitik nicht ein einziger positiver marxistisch-leninistischer Ansatz. Wieder grosse Konfusion. Hua Guo-feng erklärt, in der chinesischen Aussen politik werde es keine einzige Veränderung geben, die bisherige Ausrichtung werde sogar noch verstärkt.

In der Presse wird Deng sowohl Zentralisierung als auch Dezentralisierung vorgeworfen. .Man wirft ihm vor, er wolle die Industrie mit ausländischer Technologie modernisieren, während Maos Linie sei, den Sozialismus aus eigener Kraft aufzubauen. U das zu einer Zeit, da in China von den Amerikanern, den Japanern, den Westdeutschen moderne Kombinate gebaut werden. Wer dies alles zugelassen? Nur Deng Hsiao-ping?! Und Tschou En-lai was hat er getan?! Und Mao, hat er dem nicht zugestimmt? Nein, heisst es, Mao habe nichts zugestimmt, doch in Wirklichkeit ist er es, der alles in China geleitet hat.







DONNERSTAG, 24. JUNI l976





IN CHINA FUNKTIONIERT WEDER DIE PARTEI NOCH DER STAAT DES PROLETARIATS

In China geht die Leier der langen, immer wieder gleichen Kritiken an Deng Hsiao-ping weiter, als ob er der einzige innere Feind der Partei wäre. Dennoch, selbst dieser «so schlimme, so niederträchtige, so tückische» Feind wird in der Partei belassen und nicht ausgeschlossen. Weshalb? Weil er nicht allein steht, sondern großen Einfluss innerhalb und außerhalb der Partei hat. Deng Hsiao-ping war die rechte Hand Tschou En-Lais gewesen, war von ihm darauf vorbereitet worden, an seine Stelle zu treten und China unter dem Banner Mao Tsetungs auf den liberalen, opportunistischen Weg zu führen und in eine bürokratische kapitalistische Grossmacht zu verwandeln. Mao und Tschou waren jeweils mit den Ideen des anderen einverstanden, die sie mit marxistisch-leninistischen Formeln tarnten. Mao verkündete seine Ideen, Tschou setzte sie in beider Interesse um. Der Fraktionskampf in der Kommunistischen Partei Chinas hatte seinen Ursprung genau in diesen liberalen Ideen, die sich mit wechselnder Intensität entwickelten.

Liu Schao-tschi war mit Mao in den Hauptfragen einer Meinung, doch er schoss über die Grenzen hinaus, schaffte es, bei sich und seinen Leuten eine beträchtliche Macht anzuhäufen. Er herrschte in der Partei, in der Armee und in der Wirtschaft. Man führte Mao weiter im Mund, «hob ihn in den Himmel», doch seine Macht war geschwächt worden, sie war an die anderen übergegangen, an Liu Schao-tschi, Tschou, Deng und andere.

Mao blieb nur noch ein Weg: die Macht zurückzuerobern. Dazu musste er sich auf die «romantische» Jugend stützen, die Mao «anbetete», und auf Lin Biao, den er zu seinem Stellvertreter machte, das heißt, er musste sich auf die Armee stützen. Hier liegt der Ursprung der Kulturrevolution, die nichts anderes tat, als Liu Schao-tschis Gruppe zu liquidieren. Tschou En-lai wurde von Mao geschont, denn ihn brauchte er noch, und außerdem hatte er die gleichen Ansichten wie Mao. Tschou war eine «Wetterfahne», die sich nach dem Wind drehte. Doch Tschous Pirouetten festigten seine Position, sie führten dazu, dass sich um ihn alle Rechten, Gemäßigten und Linken sammelten. Die Große Kulturrevolution war tatsächlich mit viel Lärm verbunden. Sie wurde groß propagiert, doch sie war eine «Rotgardistenparade», um Maos «Stärke» zu zeigen und zu bestätigen, dass die «Maotsetungideen» an die Stelle des MarxismusLeninismus getreten waren. China war von diesen Ideen tatsächlich schon vor geraumer Zeit ergriffen worden, doch bei dieser Gelegenheit gab man ihnen noch einen Schubs, damit sie «die Welt beherrschten».

Weiter gab es die Anarchie, die Konfusion, die zwei Linien, di «hundert Blumen» und die Leute jeden Schlags und jeder Idee unter dem Aushängeschild der «Maotsetungideen», daran änderte sich nichts, sie machten sich breit, festigten ihre Stellungen. Man kämpfte um Positionen, um Macht und nicht für den Sozialismus. In diesel Phase gewann Tschou En-lai die Oberhand, der zusammen mit Mao; „allzeit mit Mao“ und «hinter Mao» Lin Biao liquidierte.

Die Epoche Tschou En-lais brach an: die Epoche der Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Warum auch nicht Tschou hatte Chruschtschows «Geschicklichkeit» geschätzt, deshalb ging er, was die Bündnisse anbelangt, bei ihm in die Lehre. Er dachte'' «Schließen wir Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika und schwächen wir die Sowjets, gehen wir Chruschtschows Weg um China zu modernisieren und aufzurüsten, werden auch wir eine Grossmacht.» Und diese Politik wird nun fortgesetzt.

Tschou glaubte sich schon auf dem Gipfel des Sieges: den alten Mao hatte er in der Tasche, denn der würde heute oder morgen sterben. In der Führung hatte er einige Gegner, doch seine Macht . war groß und er würde sie schon in die Knie zwingen. Zu diesem Zweck rief er Deng Hsiao-ping zu Hilfe und lehrte ihn handeln, manövrieren, die Macht ergreifen. Tschou wusste, dass er an Krebs sterben würde, trotzdem blieben ihm dreieinhalb Jahre Zeit, Deng zu «unterweisen».

Deng war jedoch nicht so wendig wie Tschou, er war machttrunken und zückte das Schwert des «Diktators». «Ich oder ihr», sagte Deng. Dieses übereilte Handeln Dengs sah Mao natürlich gar nicht gern. Es verdarb ihm die opportunistische Politik der zwei Linien, deren Koexistenz. Und Deng stürzte. Trotzdem bleibt seine Macht bestehen, bleibt Deng sogar in der Partei.

Die chinesischen Zeitungen fabrizieren täglich Dutzende von Artikeln, in denen sie Deng und die rechte Abweichung «entlarven». Doch es lässt sich nicht ausmachen, wer rechts ist und wer links. Beide Flügel sind an der Macht, nehmen ihre alten Plätze ein, verrichten jeder für sich und jeder im eigenen Interesse ihr Geschäft und lesen die Psalmen der Zeitungen, so dass beide Seiten schon die Langeweile gepackt hat. Mao hat «den Linken geraten, die Rechten nicht anzugreifen», sondern zu erziehen (so wie sie Deng erzogen!), ihnen keine Schläge zu versetzen, weil es sonst «in China zu Unruhen kommt, von denen der Feind profitiert». Es steht fest, dass diese Direktiven erteilt worden sind. Das zeigt sich auch an der gegenwärtigen Lage.

In den chinesischen Zeitungen stand ausserdem, Mao habe gesagt: «Der Feind sitzt mitten in der Partei.» Wir stellen also die Frage: Wer ist dieser Feind? Wie muss er bekämpft werden? Was wird gegen diesen Feind unternommen? Der stellvertretende chinesische Außenminister Yü Dschang antwortete auf eine entsprechende Frage unseres Botschafters in Peking: «Dies ist ein tiefschürfender Gedanke des Vorsitzenden Mao, und es wird seine Zeit brauchen, bis er richtig verstanden wird.» Das überrascht uns nicht im Geringsten! Mao Tsetung hat das Durcheinander und die Verwirrung in der Partei verursacht, und es wird überhaupt nichts Konkretes getan, um den Schmutz, der sich an den Rädern der «Maschine» der Partei und der Diktatur des Proletariats angesammelt hat, zu entfernen.

In diesem Land funktionieren weder die Partei noch der Staat des Proletariats. Dort findet ein Kampf mit «Glacéhandschuhen» und Zeitungsformeln statt. Die Partei und das Volk sehen, dass es dort so aussieht dass die Rechten, die Gemäßigten, die Opportunisten, die Freunde der Vereinigten Staaten von Amerika stärker sind und über kurz oder lang die Macht ergreifen werden. Sie warten auf den Tod Maos, von dem sie selbst erklären, er werde von nun an niemand mehr empfangen. Was hat das zu bedeuten? Beide Flügel verstecken sich hinter ihm, bekennen nicht Farbe. Damit will man verhindern, dass die Massen irritiert werden. Ist Mao erst tot, werden die beiden oder die sechs Flügel unter dem Banner Maos um die Macht kämpfen. Je länger dieser Stillstand dauert, desto günstiger für die Reaktion.

Früher hatten wir gemeint, Mao denke und handle wie ein Marxist, doch wir sahen, dass auch Dinge geschahen, die keinen richtigen Lauf nahmen. Wir meinten, es sei nicht Mao, der so handelte, oder es sei Taktik. Doch schon seit einiger Zeit werden uns die Dinge klarer: Mao war nicht dem Marxismus-Leninismus treu. Wäre er nicht Führer des grossen China gewesen, wäre ihm der Lack schon früher abgeblättert. Die Interessen Chinas und der kommunistischen Weltbewegung erforderten ein vorsichtiges Vorgehen in dieser Frage, doch die Vorsicht überschritt das gerechtfertigte Maß, und wenn in China nicht jener revolutionäre Teil der Partei siegt, der der Theorie von Marx, Engels, Lenin und Stalin und nicht den «Maotsetungideen» die Treue hält, dann wird China unweigerlich in den offen revisionistischen Tümpel abgleiten, den Weg einer kapitalistischen Großmacht gehen. Den Ideen Mao Tsetungs liegen diese theoretisch-politische Tendenz, dieser Arbeitsstil, diese Arbeitsmethode zugrunde. Im China Maos, das sich sozialistisch gibt, finden sich starke - modernisierte - mystische Überreste. Dort wurden in der Philosophie, in der Arbeit, im Leben ein Geist und eine Disziplin geschaffen, die eine Loslösung von den alten konfuzianischen Vorstellungen und den «Maotsetungideen», einem Amalgam aus Marxismus-Leninismus, Kapitalismus, Anarchismus und allen Einflüssen des Imperialismus und des modernen Revisionismus, sehr erschweren.

Im nationalen Befreiungskampf wurde China befreit, doch die ganze Periode nach diesem Kampf war undurchsichtig, der revolutionäre Marxismus-Leninismus wurde nicht als roter Faden sichtbar, wurde nicht konsequent angewendet. Die opportunistischen Ideen, die enge Zusammenarbeit mit den Parteien der Bourgeoisie usw, herrschten vor in Politik, Ideologie, bei der Organisation der Wirtschaft, der Staatsmacht und der Armee. Die Kapitalisten erhielten weiter Vergünstigungen, und man ließ sie ihre frühere Tätigkeit in Ruhe weiter betreiben, Gewinne einstreichen. Sie änderten ihre Lebens- und Arbeitsweise, um den Eindruck der «Fügsamkeit» zu erwecken. Doch aus ihnen wurden wieder fähige Verwaltungs- und Finanzfachleute, sie wurden zur Stütze der Opportunisten. An ihrer Spitze standen Liu Schao-tschi, Tschou En-lai, Deng Hsiao-ping usw., bis zu einem gewissen Grad auch Mao.

China hält viele Überraschungen für uns bereit, die, denkt man gründlich darüber nach, gar nicht «überraschend» sind. Wir werden noch viel zu hören und zu sehen bekommen.





DURRЁS, SAMSTAG, 17. JULI 1976





EINE PRINZIPIENLOSE POLITIK DES GROSSEN CHINESISCHEN STAATES

Ich hatte ein Treffen mit Behar, der aus Peking gekommen ist, um am Plenum des Zentralkomitees teilzunehmen, das übermorgen, am 19. Juli, abgehalten wird. Die reale Lage in China ist seiner Schilderung nach sehr verworren, wogegen sie die chinesische Presse als «glänzend» darstellt. Nach außen hin hält die «Euphorie» an, doch das ist ein falsches Bild. Nur eines läuft gut, die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Industriewaren. Das mag Ausfluss der geleisteten Arbeit und der für das chinesische Volk kennzeichnenden Arbeitsdisziplin sein, doch möglicherweise trägt dazu auch die geringe Kaufkraft der Bevölkerung bei. Der bäuerliche Markt, der ein-, zwei- oder dreimal in der Woche stattfindet, ist in ganz China stark entwickelt. Obwohl Produkte wie Weizen, Hühner, Schweine, Gemüse und das alles über den staatlichen Handel auf den Markt kommen? Oder hat man den Kooperativen die Freiheit zugestannden, die Produkte «selbstzuverwalten»? Ich glaube, letzteres ist der Fall.

Der politische, ideologische und organisatorische Kampf sieht so aus, wie wir ihn eingeschätzt haben. Die Auseinandersetzung und die Vorbereitungen auf noch größere Auseinandersetzungen gehen fieberhaft weiter. Deng Hsiao-ping und die rechte Strömung werden entlarvt, doch auf der anderen Seite haben auch Dengs Freunde, ohne auch nur um Haaresbreite von ihren Anschauungen abzugehen, die Generallosung übernommen, üben aber keine Selbstkritik, bleiben bei ihren rechten Ansichten, besonders in der Staatsmacht, in der Armee, in der Wirtschaft, aber auch in der Partei. Alle bemühen sich, ihre Stellung zu festigen, um nach dem Tod Maos, der es, wie Behar, meint, nicht mehr lange machen wird, die Macht zu ergreifen. «Man spricht davon», sagte Behar, «dass Verhaftungen vorgenommen werden, doch die, die ins Gefängnis gesperrt werden, sind unbekannt, mittlere und untere Kader. Die großen Rechten bleiben in ihren alten Positionen, einmal wird es still um sie, dann treten sie wieder hervor, werden wieder in der Zeitung erwähnt, um irgendwie den Eindruck zu erwecken, es herrsche Harmonie.“

Es scheint, als seien die Rechten stärker. Sie haben viele Schlüsselfunktionen in der Hand und nutzen sie aus, während die «Linken» nur die Presse in der Hand haben und sich hinter Maos Namen verstecken.

Die Fremdenfeindlichkeit ist groß, auch uns, den Albanern, gegenüber. Alle werden beobachtet, überwacht. Wenn sie ins Kino oder ins Restaurant gehen wollen, können sie das nur in Begleitung und an ganz bestimmten Orten. Nach eigenen Aussagen werden Chinesen verhaftet, wenn sie mit einem Ausländer Umgang haben.

Überall wird viel gebaut, grosse moderne Wolkenkratzer und Kombinate werden errichtet. Man erhält Kredite von den Vereinigten Staaten von Amerika, von Japan, von der Deutschen Bundesrepublik, Frankreich usw. Dabei gibt es zwei Sorten von Krediten: entweder bei diesen Staaten auf fünf Jahre oder bei kapitalistischen Privatbanken, die die Investitionen finanzieren. Dann ist die Tilgung längerfristig und es besteht Gewinnbeteiligung. Hongkong ist für China zum Zentrum der kapitalistischen Finanzierung geworden.

Im chinesischen Volk ist die Meinung über uns, über Albanien, gut. Doch neben uns geht am Himmel besonders der Stern Rumäniens auf, und auch der Jugoslawiens. Die Führungen dieser beiden Länder spielen als Agenturen der Imperialisten und der Revisionisten eine grosse Rolle bei der Zersetzung jenes bisschen Sozialismus, das in China übriggeblieben sein mag. Die rumänischen und jugoslawischen Revisionisten arbeiten unter der Maske des Antisowjetismus an der Zerstörung Chinas.

Von guten politischen Beziehungen zu uns kann überhaupt nicht die Rede sein, alles ist Maske, Fassade. «Freundliche» Worte und Slogans, aber ohne Inhalt. Unter den Volksmassen ist es ein wenig anders, doch der Widerhall unserer Freundschaft erlischt wie ein Strohfeuer, erstickt von den Spritzenmeistern vieler Sorten und vieler Farben. Doch wir haben auch Freunde in China. Man hat Behar erzählt, in der höchsten chinesischen Führung werde gegenwärtig über die Frage Albaniens diskutiert. Es gibt Führer, die die Frage aufgeworfen haben: «Warum werden die Lieferungen behindert und warum werden die Albanien gegenüber übernommenen Verpflichtungen nicht eingehalten? Warum verhalten wir uns Albanien, unserem Freund, gegenüber so, während wir bei Ländern; die wir noch kaum kennen, Bereitschaft zeigen?!» Ebenso hat ein Funktionär der Abteilung für Auslandsinvestitionen zu einem unserer Genossen gesagt: «Wir haben die Anweisung erhalten, dass wir über alles für die anderen diskutieren können, nur nicht über die Probleme Albaniens, denn die studiert die Führung.»

Das sind, in aller Kürze, einige Streiflichter aus China. Wir haben all diese Vorgänge und Entwicklungen verfolgt. Chinans Außenpolitik hat sich keinen Deut geändert: Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika, gegen die man sich beinahe überhaupt nicht äußert. Gegen die Sowjets wird nur ein politischer Kampf geführt, ideologisch entlarvt man sie nicht. Die Freundschaft reicht bis zu den Faschisten, wenn sie nur ein Wort gegen die Sowjetunion fallen lassen. Eine prinzipienlose, antiproletarische, antimarxistische, revisionistische Politik, die Politik einer aufsteigenden «Großmacht».







POGRADEC, DONNERSTAG. 29. JULI 1976





UNS GEGENÜBER VERFOLGEN DIE CHINESEN EINE «HINHALTE-TAKTIK»

China ist dabei, seine pro-jugoslawische Propaganda erheblich zu verstärken, gar nicht zu reden von Rumänien. Was dieses anbelangt, demonstriert es in jeder Hinsicht Gedankeneinheit - politisch, ideologisch, in Partei- und in Staatsfragen. Delegationen jeder Art aus beiden Ländern gehen in China haufenweise aus und ein. Jugoslawien und China haben auch Parteibeziehungen aufgenommen, kaschieren sie aber aus Gründen der Opportunität. Denn nicht nur für die Chinesen ist das nicht gut, auch den Jugoslawen nützt vorderhand ein offener Parteikontakt mit den Chinesen nicht.

Tito ist verkappt am Werk, den Marxismus-Leninismus in China zu unterminieren, wie er das überall tut, wo er den geeigneten Boden dafür findet. Die Chinesen nehmen sogar Kränkungen durch die Jugoslawen hin, ich meine dabei die diplomatischen Empfangsformen. Hier sind beide Seiten übereingekommen: die Titoisten sind bemüht, die Sowjets nicht zu verärgern, und die Chinesen haben volles Vertrauen in die «antisowjetische» Taktik und Strategie der Titoisten. Deshalb werden Leute wie Ministerpräsident Bijedic,

Mahmut Bakalli und Kosta Nagi in China herzlich empfangen, ja die Chinesen fahren mit ihnen sogar zur Besichtigung der chinesischen strategischen Knotenpunkte an die Grenzen zu den Sowjets. Unsere Genossen haben sie niemals dorthin geführt. Mahmut Bakalli wurde von ihnen mit besonderer Aufmerksamkeit als «Sohn» des albanischen Kosova empfangen.

Die Chinesen stehen im Gegensatz zur Linie unserer Partei und unseres Staates. Sie haben uns offen empfohlen, ein Bündnis mit Jugoslawien einzugehen (so sagte Tschou En-lai zu Beqir Balluku).

Das heißt, sie wärmten die alte Geschichte wieder auf, den Traum die Titoisten, aus Albanien die siebte Republik Jugoslawiens zu machen. Täglich bringen die chinesischen Zeitungen Nachrichten über Jugoslawien, verteidigen seine Politik, lobhudeln Tito offen in überschwänglichen Worten. Mao Tsetung hat seit damals, als er zu mir und Mehmet sagte: «Tito hat keine Schuld, Schuld haben vielmehr Stalin und die Komintern», seine Ansicht über Tito nicht im Geringsten geändert. Doch Stalin war und bleibt ein großer Marxist, Tito und Mao dagegen haben die gleiche Farbe, allerdings keine rote.

Irgendwann einmal, wenn offen zu Tage tritt, was Mao wirklich gewesen ist, wird man die Frage stellen, warum wir ihn als «großen Marxisten-Leninisten» bezeichnet haben. Das haben wir tatsächlich gesagt, doch nicht mit voller Überzeugung. Waren wir also Opportunisten? Nein, wir wollten stets das Beste für das chinesische Volk, die Kommunistische Partei Chinas, die offen Stalin verteidigten, wir wollten auch das Beste für Mao selbst.

Die Chinesen und Mao kämpften, doch in ihrer Linie nach der Befreiung gab es ausgeprägt opportunistische, liberale Elemente. Wir glaubten, diese Auffassungen seien vorübergehend. Nach Stalins Tod zeigte sich Mao «gemäßigt» in der Kritik an Stalin, aber begeistert über die Handlungen Chruschtschows. Später stieß er gegen Chruschtschow ins Horn, und wir meinten, er sei wieder in die Reihe gekommen, doch es waren andere, konjunkturbedingte, ideologische Motive, die ihn zu dieser volte-face* *( Kehrtwendung (frz. im Original)) trieben. Als die Kulturrevolution begann, war unsere Partei der Meinung, wir müssten China und Mao, die von der Reaktion und den Revisionisten bedroht wurden, mit aller Kraft verteidigen. Wir nannten ihn weiter einen „großen Marxisten-Leninisten“, waren aber gegen den übersteigerten Kult, den die Chinesen in widerwärtiger Weise um Mao veranstalteten. Wir lehnten es ab, uns über den blühenden Unsinn der Chinesen zu verbreiten und ihn zu veröffentlichen. Meine Meinung über diese unmarxistischen Positionen der Chinesen und Maos habe ich in besonderen Aufzeichnungen zu China in allen Einzelheiten dargelegt.

Besonders nach der Kulturrevolution gerieten die Außenpolitik Chinas und andere Handlungen der Kommunistischen Partei Chinas in Gegensatz zu unserer Linie. Wir hatten eine richtige Taktik eingeschlagen, und unsere Linie zu allen Problemen wurde öffentlich bekanntgegeben. Sie geriet in Gegensatz zur Linie der Kommunistischen Partei Chinas, des chinesischen Staates und Maos. Alle sahen diese Differenzen, doch wir wollten damit China zum Guten beeinflussen, damit es seine Haltung ändere. Wir richteten auch offizielle Briefe an Mao Tsetung, die dieser nie beantwortete. Im Gegenteil, die Chinesen reduzierten die Hilfen für uns auf ein Minimum und wollen mit Parolen und Schlagworten den Eindruck erwecken, in den Beziehungen zwischen unseren beiden Parteien und Ländern sei überhaupt nichts vorgefallen, obwohl sich in Wirklichkeit Großes ereignet hat. Doch die Chinesen verfolgen uns gegenüber eine «Hinhalte-Taktik».







POGRADEC, DIENSTAG, 17. AUGUST 1976





IN CHINA GAB ES «HUNDERT STRÖMUNGEN» UND «HUNDERT SCHULEN»

Die Genossen fragen mich oft: Wie viele ideologische Strömungen hat es zur Zeit der Kulturrevolution in China gegeben, und zu welcher Strömung gehörte Mao? Natürlich ist es nötig, dass ich den Genossen meine Meinung mitteile, so richtig sie eben sein kann. Nur kann ich ihnen diese Meinung nicht aufs Geratewohl sagen, sondern muss dabei aufbauen auf dem, was in China geschehen ist, und diese Angaben vom Standpunkt des dialektischen und historischen Materialismus zu analysieren versuchen.

Ich habe die Ereignisse in China ständig aufmerksam verfolgt und zu jedem Vorfall meine Schlussfolgerungen gezogen, die ich zur rechten Zeit niedergeschrieben habe. Ich tat dies, weil China und seiner Kommunistischen Partei auf der Welt und in der kommunistischen Weltbewegung eine große Mission anvertraut war.

In China gab es «hundert Strömungen» und «hundert Schulen». Das hat Mao Tsetung selbst gesagt. Er brachte das Motto auf : «Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern.» Das ist so sicher, wie eins und eins zwei gibt. Also akzeptierte Mao Tsetung nicht nur «hundert Strömungen und hundert Schulen» im Sozialismus, er ließ sogar zu, dass sie sich in «friedlicher Koexistenz» entwickelten. Es versteht sich von selbst, dass die Theorie von den «hundert Blumen und hundert Schulen» revisionistisch ist. Die gegenwärtigen modernen Revisionisten sagen: «Wir müssen gemeinsam mit allen Parteien zum Sozialismus schreiten, auch den rechtsextremen», das heißt, den Faschisten.

Diese Idee praktiziert Mao Tsetung zu einer Zeit, da die Kommunistische Partei Chinas die Macht ergriffen hat und «den Aufbau des Sozialismus leitet».

Der «große Steuermann» spricht, nach alter Gewohnheit, vom «Gipfel des Olymp» aus, wie es ihm gerade durch den Kopf fährt. Eines Tages kommt ihm ein anderer Gedanke - der, die «hundert Blumen und hundert Schulen» auszurotten, wie Unkraut ausgerottet wird. Doch diese «Ausrottung» hing natürlich nicht mehr vom «Kopf des Zeus» ab. Die «hundert Blumen und hundert Schulen» gediehen weiter, doch nun in zwei «Gärten»: im «Garten» Liu Schao-tschis und im «Garten» derer, die die Kulturrevolution machten.

Liu Schao-tschi, Tschou En-lai, Deng Hsiao-ping, Peng Tschen und andere bildeten den rechten Flügel in der Kommunistischen Partei Chinas. Diese Gruppe hatte die «hundert Blumen und hundert Schulen» unter ihrem Schirm gesammelt und beherrschte China. Die wichtigsten Mitglieder dieser Gruppe hatten die Partei, die Armee, die Staatsmacht, die Wirtschaft und die Massenorganisationen an sich gebracht, «Zeus» auf dem Olymp dagegen war nichts als eine Galionsfigur. Eines Tages erwachte er und stellte fest: «Die werden mich stürzen.» Und so stützte er sich auf die Gruppe mit Kang Scheng, Lin Biao, Tschen Bo-da und anderen und löste die Kulturrevolution aus, mit dem Befehl: «Greift das Hauptquartier an!», das heißt, die rechte Gruppe. Doch diese Revolution brachte auch neue Führer hervor: Dschang Tschun-tjiao, Wang Hung-wen, Djiang Tjing, Yao Wen-yüan und andere.

Und mit den «Rotgardisten» und Millionen von Lin Biao in Zivil gesteckten Soldaten griff die Kulturrevolution das Hauptquartier an und siegte. Tschou En-lai wechselte das Hemd, krümmte sich wie ein Aal und unterwarf sich Mao. Deshalb blieb er unangefochten auf seinem Platz, entging der Säuberung. Als «die Situation gerettet war», bestieg Mao wieder den «Olymp» und Tschou begann, die Geschäfte auf der «Erde» zu organisieren. Tschou musste Lin Biao liquidieren, und - wie es nun auch immer geschah, ob eine Intrige gesponnen oder ein Komplott geschmiedet wurde - Lin Biao wurde liquidiert. Und Kang Scheng wurde krank und starb. So musste Tschou nur noch die Jungen liquidieren. Systematisch arbeitete er mit Maos Hilfe auf dieses Ziel hin. Er sammelte, angeblich unter Maos Banner, alle Rechten, rehabilitierte Deng Hsiao-ping und hob ihn aufs Podest. Wie aus der Theaterloge sah Mao zu, wie sich die Leute im Parkett prügelten», und wartete ab, «wer die Oberhand behalten» würde.

Mao war und ist ein Zentrist, ein Zuschauer, ein Marxist-Leninist à l'eau de rose, wie die Franzosen sagen.

Der «große Steuermann» will «unparteiisch» im Urteil sein, er will verfahren wie die Bourgeoisie bei der «Recht» Sprechung, die durch eine «schöne» Frau mit verbundenen Augen und einer «außerordentlich präzisen» Waage in der Hand symbolisiert wird, um «unparteiisch» zu erscheinen.

Wir werden sehen, wie sich diese Situation nun weiterentwickelt. Unsere Pflicht als Partei ist es, sie zu beobachten und wachsam zu sein.





DIENSTAG, 24. AUGUST 1976



DIE CHINESEN MACHEN UNS SCHWIERIGKEITEN

Maqo Bleta, stellvertretender Minister für Industrie und Bergbau, der sich in China aufhält, benachrichtigt uns, dass die Chinesen Schwierigkeiten machen und die Fristen für den Bau und die Fertigstellung einiger Werke des Metallurgischen Kombinats hinauszögern. Dabei verschanzen sie sich hinter dem großen Erdbeben im Juli dieses Jahres in Tangschan-Fengnan, das zwar offensichtlich, wie se sagen, sehr schwer war, jedoch nicht das geringste mit diesen Objekten zu tun hat.

Ich meine, wir sollten die Vorschläge akzeptieren, die vernünftig sind. Bei den anderen dagegen, wo es um einen unbefristeten Aufschub geht, solite unsere Seite erklären, dass wir nicht einverstanden sind, auch wenn wir damit nichts ändern können. Den «Grund», das Erdbeben zwinge sie angeblich dazu, diese Werke aufzuschieben, akzeptieren wir nicht. Was die anderen Punkte anbelangt, sollten wir die Protokolle unterzeichnen, ohne das Erdbeben zu erwähnen. Falls sie darauf beharren, sollte man die Unterzeichnung des Protokolls verweigern und nach einer schriftlichen Stellungnahme nach Albanien zurückkehren.

Heute besuchte mich Genosse Behar Shtylla zu Hause, denn er wird morgen nach Peking zurückkehren, um seine Pflichten wahrzunehmen. Natürlich unterhielten wir uns über die Lage in China und den Stand unserer Beziehungen zu den Chinesen.

Ich fasste für Behar zusammen, was wir von der politischen und ideologischen Linie der Kommunistischen Partei Chinas halten. Behar sieht in diesen Dingen klar. Wir verfolgen unsere eigenständige und offene Linie, und obwohl wir niemals über die chinesische Linie sprechen, sieht alle Welt die Widersprüche zwischen der Linie unserer Partei und der Linie der Kommunistischen Partei Chinas. Zweifellos sehen das auch die Chinesen, die mit der marxistischleninistischen Linie unserer Partei nicht einverstanden sind. Sie verhalten sich kühl, ja sind sogar zornig auf uns. Offen lassen sie nichts erkennen, arbeiten aber in Wirklichkeit gegen uns, indem sie uns unter Druck setzen. Sie verlangsamen den Bau der Werke und zögern vor allem ihre Fertigstellung hinaus. Ausserdem geben sie uns die Kredite nicht und halten die vertraglich festgelegten Wirtschaftsabkommen nicht ein. Die Chinesen hatten gemeint, wir seien ihnen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Sie wollten und wollen uns in Abhängigkeit von sich bringen. Sie wollten und wollen, dass wir ihrem antimarxistischen Kurs folgen. Dies geschah jedoch nicht und wird nicht geschehen. Dennoch hatten die Chinesen in ihrem Großmachtdenken geglaubt, wir würden ihrer proamerikanischen, probreaktionären Linie folgen. Sie glaubten auch, wir würden für die EWG, das «Vereinte Europa», Tito, Ceausescu, Pinochet und Franco eintreten. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

Wie damals die Sowjets hat nun auch die chinesische Führung begonnen, Druck auf uns auszuüben. Zunächst begannen sie mit wirtschaftlichen Pressionen, gingen dabei jedoch nicht nach der Methode der Sowjets vor. Die Chinesen stellen die Zahlung der Kredite an uns nicht ein, sie schieben sie auf, vermindern sie. «Wir haben nichts, wir sind arm», erklären sie uns, und diese Aussage kleiden sie in heuchlerische Parolen: «Wir sind Freunde», «unsere Freundschaft ist unverbrüchlich» und dergleichen Palaver mehr. All das liegt daran, dass die Linie ihrer Innen- und Außenpolitik nicht auf dem Marxismus-Leninismus, sondern auf den «Maotsetungideen» gründet, die mit der Linie unserer Partei weder in der Ideologie noch in der Politik, noch in der Organisation übereinstimmen. Die «Maotsetungideen» stellen eine opportunistische, liberale Strömung dar. Dies zeigt sich klar im ganzen Denken und Handeln der chinesischen Führer.

Die Chinesen (ich meine damit die Führung und nicht das Volk und die Masse der Kommunisten) sind tückisch und heuchlerisch. Wenn sie dich brauchen, schmieren sie dir Honig um den Mund, wenn sie dich nicht brauchen und du ihnen nicht beipflichtest, lassen sie dich sitzen. Als wir gegen Chruschtschow kämpften, setzten sich die Chinesen nicht für uns ein, sie «hüteten sowohl die Ziege als auch den Kohl>, weil sie zu der Ansicht neigten, Chruschtschow werde Mao als obersten Chef akzeptieren. Als sie sahen, dass Chruschtschow ihnen Grenzen setzte, wurden Mao und seine Genossen Feuer und Flamme für uns und propagierten unser Land und unsere Partei stark unter ihrem Volk. Das war ein Sieg und bleibt auch jetzt ein großer Sieg für uns. Auch jetzt wagt die chinesische Führung nicht, diesen Sieg zu attackieren, vielmehr «nagt» sie an ihm unter der Erde, wie eine Maus.

Als Großmacht schlug China in seinem Hegemoniestreben nach Lin Biaos Liquidierung den pro-amerikanischen, pro-westlichen Kurs ein, um die Sowjetunion zu bekämpfen. Es stützt sich nun auf die Vereinigten Staaten von Amerika und diese stützen sich auf China, das es auf den Ausbruch eines Kriegs mit der Sowjetunion anlegt.

Wenn in China nicht eine radikale Wende in marxistisch-leninistischer, revolutionärer Richtung stattfindet, werden die albanisch-chinesischen Beziehungen durch die Schuld der chinesischen Führer abkühlen.

Offen können sie gegen uns nicht auftreten, doch den wirtschaftlichen Druck werden sie mit Sicherheit fortsetzen. Wir werden natürlich Maßnahmen ergreifen und aus eigener Kraft (und Kräfte haben wir) mit der Sabotage der Chinesen fertigwerten.

Ich sagte Behar, dass in China, wie er selber weiß, das Chaos regiert, der Kampf zweier Linien. Wer stärker ist und wer siegen wird, lässt sich nur schwer sagen. Möglich, dass man ein opportunistisches Einvernehmen erzielt und für die Zeit nach Mao einen neuen «Mao» vorbereitet. Der hätte dann die Linie zu dosieren und auszubalancieren, die Unversöhnlichen zu versöhnen, Chinas «Gang» zum Sozialismus mit «hundert Blumen», mit vielen Linien und in Eintracht sicherzustellen, auf dass sich das hegemonistische China in rosigen Farben darbiete.





MONTAG, 30. AUGUST 1976





DIESER ZUSTAND IST WEDER NORMAL NOCH REVOLUTIONÄR

Die Nachrichten, die aus China eintreffen, gleichen dem Echo vom Meeresgrund, der existiert, obwohl man ihn nicht sieht. An der Oberfläche lässt sich täglich eine hemmungslose Propaganda gegen Deng Hsiao-ping feststellen, doch weshalb man über ihn herzieht und was man ihm vorwirft, das dringt nicht aus der Partei heraus. Dieser Zustand ist keinesfalls normal, ist nicht revolutionär.

Die Propaganda gegen die Rechte entsprechend Maos Schlagwort: «Die Bourgeoisie sitzt mitten in der Partei» schlägt hohe Wellen. Diese Rechte, diese Bourgeoisie erfreut sich allerdings uneingeschränkt ihrer bisherigen wichtigen Positionen. Dieser Zustand ist keinesfalls normal, keinesfalls revolutionär.

Man macht große Worte um den Klassenkampf, man spricht von der Diktatur des Proletariats und schreibt Artikel darüber, doch weder lässt sich feststellen, dass der Klassenkampf geführt würde, noch scheint die Diktatur des Proletariats zu funktionieren, versetzt sie doch den Feinden keine Schläge. Dieser Zustand ist keinesfalls normal, keinesfalls revolutionär.

Anscheinend haben die gegnerischen Strömungen die Sessel besetzt. Eine Seite hat die Mikrofone und die Presse in der Hand, die andere die Wirtschaft und das Gewehr. Die eine scheint nervös, die andere ruhig zu sein, natürlich, denn sie hat das Gewehr. Mao scheint nirgendwo hervorzutreten, um zu sprechen, den Ton anzugeben, Direktiven zu erteilen. Nur im Rundfunk und in der Presse hört oder liest man einige Parolen von ihm, die allesamt zweischneidig sind, leicht sowohl von den Linken als auch den Rechten benutzt werden können. Es wird gänzlich im Dunkeln belassen, wann und bei welcher Gelegenheit Mao diese Parolen und Schlagworte geäußert un gegen wen er sie gerichtet hat. Nichts. Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Gleichnissen der Evangelisten.

Wie man sieht, ist es um Chinas Zukunft nicht gut bestellt. Ich meine, dass es dort «Taifune» geben wird, wie sich die Chinesen ausdrücken. Doch wen wird der Sturm wegfegen : die Linken oder die Rechten, die Reaktionäre Tschous, Dengs, Li Hsiän-niäns oder die jungen Führer, Wang Hung-wen und Genossen?.

An der Oberfläche scheint es heute, als seien die jungen Führer stark, doch unter der Oberfläche des großen chinesischen Ozeans brodelt es. Und ich kann mir vorstellen, dass Tschous und Dengs Leute Maos - wenn auch nicht offene - Unterstützung haben, denn seine opportunistischen und liberalen Ideen sind eine gewaltige Hilfe für sie. Sie sind schon zufrieden, wenn ihnen niemand in die Quere kommt, mag auch das «Sprachrohr» noch so schwadronieren. Die Rechten warten Maos Tod ab und werden dann mit Sicherheit handeln.





SAMSTAG, 4. SEPTEMBER 1976





DIE CHINESEN HALTEN IHRE VERPFLICHTUNGEN HINSICHTLICH DER OBJEKTE DES METALLURGISCHEN KOMBINATS NICHT EIN

Genosse Maqo Bleta teilt uns per Radiogramm mit, dass die Chinesen in keinem Punkt bereit sind, von den falschen Ansichten abzugehen, die sic im Zusammenhang mit der Unterzeichnung der Protokolle und der fristgerechten Lieferung für die Objekte des Metallurgischen Kombinats vorbringen, zu denen sie sich früher verpflichtet hatten. Wie es scheint, wollen sie uns mit der Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen in Bezug auf das Metallurgische Kombinat einschüchtern. Unter dem Vorwand des Erdbebens, das China getroffen hat, wollen sie in den Freundschaftsbeziehungen zu unserem Land eine 180-Grad-Wendung vollziehen. Für sie hatte die Freundschaft offensichtlich einen anderen Zweck: über die Runden zu kommen, als sie in Schwierigkeiten steckten. Von unserer Seite aus dagegen war es eine aufrichtige Freundschaft.

Wie dem auch sei, Maqo Bleta wird ihnen eine entschlossene und marxistische Antwort geben.





SONNTAG, 5. SEPTEMBER 1976





CHINESISCHE ERPRESSUNG UND WIRTSCHAFTSBLOCKADE GEGEN ALBANIEN

Die unfreundlichen, um nicht zu sagen feindseligen Akte Chinas unserem Land gegenüber häufen sich immer mehr. Die Chineen verzögern den Import und Export offen und auf skandalöse Weise, um unserer Wirtschaft zu schaden und uns in Schwierigkeiten zu stürzen.

Bis zum August haben die Chinesen an uns nur 22 Prozent der vorgesehenen Waren ausgeführt, wir hingegen haben unseren Export an sie zu mehr als 80 Prozent realisiert.

Bei den Importen, die wir aus China erwarten, handelt es sich um Grundstoffe für unsere Industrie. Alle diese Importe sind in offiziellen Verträgen festgelegt und finden auf Clearingbasis statt. Unsere Waren wurden alle geliefert. Das heißt, wenn ich mich nicht täusche. dass wir mit China eine aktive Handelsbilanz haben. Das ist schändlich von den Chinesen, und es ist klar; dass sie Sabotage gegen uns betreiben. Wir waren gezwungen. unseren Botschafter in Peking, Behar, anzuweisen, mit dem chinesischen Außenhandelsminister. Li Tjiang, Kontakt aufzunehmen und bei ihm zu protestieren. Behar nahm Kontakt auf, stellte ihm die Lage in allen Einzelheiten dar und «bat» ihn, dringend Maßnahmen zu ergreifen und die Waren an uns abzuschicken. Schiffe von uns wie die «Vlora» liegen bis zu 120 Tagen in den chinesischen Häfen, um Ladung aufzunehmen - eine Sache, die in 5 Tagen abgewickelt werden kann.

Herr Li Tjiang hörte Behar an, tat aber so. als sei er nicht im Bild (was eine gemeine Lüge ist), versprach, er werde sich darum kümmern und kommende Woche Antwort geben.

Die Chinesen bedienen sich uns gegenüber niederträchtiger Handelsmethoden, wie sie kein einziges kapitalistisches und revisionistisches Land praktiziert. China schließt die Handelsverträge mit dem «befreundeten» Albanien in zwei Etappen: einen Teil im ersten und den anderen im zweiten Halbjahr. Das bedeutet, dass die Waren, die im ersten Halbjahr kontrahiert werden, gegen Ende des Jahres kommen und die Waren des zweiten Halbjahrs im ersten Halbjahr des folgenden Jahres. Nach dieser Praktik liefern wir den Chinesen unsere Waren binnen Jahresfrist, sie dagegen ihre im Verlauf von anderthalb Jahren oder mehr. Die Waren des zweiten Halbjahrs des laufenden Jahres aus China haben deshalb überhaupt noch nicht einzutreffen begonnen. Auf Behars Forderung, albanische Arbeitsgruppen sollten zu Gesprächen nach China kommen, antwortete Li Tjiang: «Wir wollen sehen, ob es uns möglich sein wird, sie vor Dezember zu empfangen.» Mit anderen Worten soll das heißen, dass der Handel mit China, den sie gegenüber früher auf jährlich 30 Prozent gedrückt haben, noch weiter gedrückt werden soll - auf jährlich 15 Prozent. Das ist offen feindselig.

Auf der anderen Seite ist die Industriedelegation, die in Fragen des Metallurgischen Kombinats nach Peking gefahren ist, seit beinahe drei Monaten den Erpressungen und dem arroganten Druck der Chinesen ausgesetzt. Anders ausgedrückt, sie wollen uns wichtige Abteilungen des Kombinats nicht liefern, deshalb legen sie keinerlei Termin fest, wollen das Damoklesschwert über unserem Kopf hängen lassen. Und all diese Absichten versuchen sie mit Phrasen zu kaschieren: «Wir beherrschen die Technologie für dieses und jenes noch nicht.» Das sind samt und sonders Lügen, denn im Arbeitsprogramm, das sie uns früher geschickt hatten, ist vermerkt, ihre Delegation werde «der ersten Produktion von Walzgut beiwohnen».

Darüber hinaus versuchen die Chinesen, uns die Protokolle, die wir unterzeichnen werden, so aufzuzwingen, wie sie sie haben wollen, und beharren darauf, dass der Punkt darin aufgenommen wird, dass «das Erdbeben, das China heimgesucht hat, möglicherweise die Lieferungen erschwert und die albanischen Freunde dafür Verständnis aufbringen müssen». Auf ihren arroganten Anspruch «Wir haben das Recht zu sprechen, schließlich sind wir die Lieferanten» gaben ihnen unsere Genossen in den Verhandlungen zwischen den beiden Seiten die gebührende Antwort: «Wir unterschreiben nur Protokolle über Fragen, in denen wir übereingekommen sind. Falls ihr euren Standpunkt in einem Anhang festhalten wollt, werden wir den unseren ebenfalls festhalten.» Die Chinesen, sagt Maqo Bleta, wurden unruhig, als wir dies sagten, und schlugen vor: «Reden wir noch einmal darüber, damit es zwischen uns keine Differenzen gibt.» Und so steht die Sache noch immer.

Andererseits sagte der chinesische stellvertretende Außenminister Yü Dschang zu Behar, wir sollten unser Einverständnis zum Besuch von Freundschafts-, Kultur- und anderen Delegationen in den nächsten Monaten geben. All dies machen die Chinesen aber nur, um ihre feindseligen Akte zu bemänteln und sich mit pseudo-freundschaftlichen Akten zu präsentieren. Sie wollen also den Schein wahren, während sie andererseits die Freundschaft unterminieren.

Was den neuen chinesischen Botschafter betrifft, der nun schon seit Monaten nicht kommt, weil er angeblich krank gewesen ist, so erklärte Yü Dschang Behar, er werde um den 15. September herum eintreffen. «Es geht ihm immer noch nicht gut», sagte Yü Dschang, «immerhin wird er kommen. Dann werden wir weiter sehen, denn vielleicht wird er wieder nach China zurückkehren, um sich zu erholen», schloss er.

Was ergibt sich aus all dem Üblen, das uns die chinesischen Revisionisten antun? Genau die gleichen Gemeinheiten haben auch die Sowjetrevisionisten uns gegenüber begangen, allerdings mit einem Unterschied: die Sowjets brachen die Beziehungen zu uns auf brutale Weise ab, die Chinesen dagegen gebrauchen Winkelzüge und die Methode: «Biegen, aber nicht brechen.» Ihre Taktik ist: "Brich du, nicht wir.» Worum geht es den chinesischen Revisionisten mit dieser Taktik? Sie sehen, dass unsere Partei einen richtigen, marxistisch-leninistischen Weg verfolgt, doch den Chinesen gefällt der Weg nicht, sie wollen, dass wir ihren revisionistischen und verräterischen Weg gehen. Das werden wir niemals tun. Wir werden jetzt und in Zukunft auf unserem richtigen Weg bleiben, der dem ihnen entgegengesetzt ist. Sie haben nicht die Macht, uns ihren Willen ihre Linie aufzuzwingen, deshalb werden die Versuche, die sie unternehmen, entlarvt.

Also haben die Chinesen mit Erpressungen und Druck auf dem Gebiet der Wirtschaft begonnen, mit dem Ziel, uns einzuschüchtern und fügsam zu machen. Trotz unserer Haltung kommen sie nicht zur Einsicht und denken und handeln wie eine revisìonistische Großmacht. Ich bin schon früher auf das Gespräch eingegangen, das Tschou mit Beqir Balluku hatte, um ihn zu dem zu veranlassen, was er dann auch tat. Das Gleiche hatte er auch mit Abdyl Këllezi getan. Gewiss waren die Chinesen aufs äußerste aufgebracht, dass wir mit ihren Freunden kurzen Prozess gemacht haben. Und genau zu der Zeit, als wir mit den Verrätern abrechneten, 'begannen sie, den wirtschaftlichen Druck zu verstärken.

Wir werden nun unseren 7. Parteitag abhalten. Sie könntet sich vorstellen, dass wir dort unsere Linie darlegen, und diese Linie wird offen sein, im Gegensatz zur Linie der Chinesen stehen, ohne dass diese irgendwie direkt erwähnt werden. Doch der ganzen Welt wird klar werden, dass zwischen unseren beiden Parteien in einer Reihe von Schlüsselproblemen prinzipielle Widersprüche bestehen.

All das, was ich oben erwähnt habe, machen die Chinesen; um Druck auf uns auszuüben, damit wir auf dem Parteitag nicht uni, Re kristallklare Linie darlegen. Doch sie sind mit Blindheit geschlagen und es wird ihnen übel ergehen. Wir fürchten uns vor niemand. Wir sind auf dem richtigen Weg, sollen sie zittern!

Verständlich auch der Grund, warum sie vor dem Partei «Freundschafts-» Delegationen schicken wollen. Das ist eine chinesische List, um zu sagen: «Ihr mit Steinen, wir mit Blumen.»

Damit erklärt sich auch, was uns Yü Dschang über den chinesischen Botschafter sagte, dass er nämlich «möglicherweise nach China zurückkehren wird». Das soll eine Anspielung sein: «Wenn ihr weiter euren Weg geht, ziehen wir den Botschafter ab», unter dem Vorwand, er sei «krank». Dann sinken die Beziehungen unseren Ländern unter Null, so wie die zu den anderen Revisionisten. Das ist der Gedankengang der Chinesen, doch woran sie nicht denken: dass uns das völlig egal ist - unsere Berge werden deshalb nicht kleiner. Wir wollen die Freundschaft mit China, haben um sie bemüht und werden das weiter tun, doch das muss eine Freundschaft auf marxistisch-leninistischem und keinem anderen Weg sein. Die Freundschaft als Sklave, unter Druck, unter Erpressung egal ob von China oder irgend jemand anderem, weisen wir schroff zurück. Die chinesischen Führer handeln wie die Führer einer .Großmacht». Sie meinen: «Die Albaner haben mit der Sowjetunion gebrochen, weil sie uns hatten, wenn sie auch mit uns brechen, werden sie zu den Sowjets zurückkehren.» Deshalb sagen sie: «Ob mit uns oder den Sowjets, ist einerlei, die Albaner sind am Ende.» Doch sie können uns den Buckel herunterrutschen! Wir werden gegen diesen gesamten Unrat kämpfen, denn wir sind albanische Marxisten-Leninisten und werden auf unserem richtigen Weg stets siegreich sein!





DONNERSTAG, 9. SEPTEMBER 1976







MAO TSETUNG IST GESTORBEN

Heute wurde gemeldet, dass Genosse Mao Tsetung gestorben ist. Sein Tod, besonders in dieser verworrenen Situation, schmerzt und beunruhigt uns. Er ist ein großer Verlust für China.

Meiner Meinung nach war Mao Tsetung ein Revolutionär, eine Persönlichkeit, deren Bedeutung nicht nur auf China beschränkt blieb, sondern sich auch auf internationale Ebene erstreckte.

Mao Tsetung führte die Kommunistische Partei Chinas und das große chinesische Volk beim großen Sieg der Befreiung Chinas von der Knechtung durch die Besatzer und von der reaktionären Kuomintangclique. Dies war ein Erfolg von großer historischer Bedeutung, sowohl für das chinesische Volk wie für das Lager des Sozialismus und die Völker, die für Befreiung kämpften und kämpfen.

Unter Maos Führung begann der Aufbau des Sozialismus in China. (Mindestens war das unsere Überzeugung bis heute, da wir sehen, dass dieser «Aufbau» im Zickzack vollzogen wurde.) Unserer Meinung nach sind die Dinge nun an dem Punkt angelangt, da sich die Frage stellt: Wer wird in China siegen, der Sozialismus oder der Kapita lismus? Deshalb ruft der Tod des Genossen Mao Tsetung bei uns auch große Besorgnis um die Zukunft des chinesischen Volkes hervor, um den Weg, den China nach seinem Tod einschlagen wird. Gewiss können wir uns heute darüber noch nicht äußern, die Zeit wird uns Aufklärung geben. Mögen wir uns irren, doch die Fortführung dieser Linie, die die Chinesen «Maotsetungideen» nennen, einer Linie, die nichts mit dem Marxismus-Leninismus gemein hat, wird China nichts Gutes bringen.

Als Denker und Philosoph, als revolutionärer demokratischer Führer des chinesischen Volkes ist Mao Tsetung eine historische Persönlichkeit, doch die Geschichte und die marxistisch-leninistische Analyse der Situation in China werden klären, dass er zwar ein Philosoph mit umfassender Kultur, aber kein Marxist-Leninist war. Er war zutiefst geprägt von der alten chinesischen Philosophie des Konfuzius u.a. Und Eklektiker, der er war, fand der Marxismus-Leninismus in seinem Werk nur in Form bruchstückhafter Prinzipien und Ideen Eingang:

. Gerade sein philosophischer Eklektizismus liess Mao sozusagen zum Vermittler zwischen den verschiedenen Strömungen werden, die es. in China ständig gab und die er duldete, förderte und zum angeblich dialektischen «Aufeinanderprallen» brachte. Nun konnte sich seine Vermittlertätigkeit sowohl zum Guten als auch zum Schlechten auswirken, doch wie auch immer, dies konnte nur funktionieren, solange Mao selbst am Leben war. Nun ist er gestorben. Wird China seine rote Farbe behalten, und wird sich dieses Rot in ein wirkliches, flammendes, revolutionäres, marxistisch-leninistisches Rot verwandeln?

Mit all unserer kommunistischen Aufrichtigkeit wünschen und hoffen wir aus ganzer Seele, dass es so kommen möge, denn das wäre zum Wohl Chinas, der Revolution, des Sozialismus und Kommunismus.

Wir albanischen Kommunisten werden Mao Tsetungs gute Seiten in achtungsvoller Erinnerung behalten, jene positiven Gedanken und seine lange revolutionäre Tätigkeit. Was jedoch jene politischen, ideologischen und organisatorischen Anschauungen und Standpunkte anbelangt, von denen wir meinen, dass sie falsch und unmarxistisch gewesen sind, so haben wir nicht darauf verzichtet, sie aufzuzeigen und zu kritisieren, und werden auch weiter nicht darauf verzichten. Der Leninismus lehrt uns, stets gerecht und objektiv, nicht aber subjektiv und sentimental zu sein.

Auch wenn wir in vielen Urteilen mit ihm nicht einer Meinung waren, schmerzt uns der Tod des Genossen Mao Tsetung doch, denn er hat unserem sozialistischen Land und der Partei der Arbeit Albaniens stets Freundschaft und Wohlwollen entgegengebracht. Das dürfen wir als Kommunisten und Internationalisten nicht ignorieren. Ich kann sagen, dass Mao Tsetung in der chinesischen Führung die hauptsächliche und entscheidende Person war, die der Volksrepublik Albanien mit Wirtschafts- und Militärkrediten half und diese Hilfe in internationalistischem Geist gewährte. Auch unsere Partei half China in diesem Geist, stand an seiner Seite und verteidigte Mao, in guten wie in schwierigen Zeiten, insbesondere gegen die Angriffe der Chruschtschowrevisionisten und während der Großen Kulturrevolution.

Sofort, als wir von seinem Tod hörten, beschlossen wir, eine Partei- und Regierungsdelegation mit Genossen Mehmet an der Spitze zu entsenden, doch aus der Erklärung, die die chinesische Führung herausgab, erfuhren wir, dass zu der aus diesem Anlass organisierten Zeremonie keine ausländischen Delegationen empfangen würden.

Natürlich sorgten wir dafür, dass Beileidsbotschaften nach Peking gesandt und dort Kränze niedergelegt wurden, dass von der Führung der Partei, des Staates, der Massenorganisationen, von Einrichtungen des Bildungswesens, der Wissenschaft und der Kultur, von Delegationen der Werktätigenkollektive in Tirana sowie einiger Industriebetriebe und landwirtschaftlicher Genossenschaften anderer Bezirke Beileidsbesuche bei der chinesischen Botschaft abgestattet und Beileidsschreiben an sie geschickt werden.





DIENSTAG, 12. OKTOBER 1976



DIE TRAGÄDIE CHINAS

Eine große Tragödie in China. Die Ereignisse, die wir für die Zeit nach Maos Tod vorausgesehen hatten, sind tatsächlich eingetreten und haben sich sogar in Windeseile entwickelt. Wir dachten, die beiden Strömungen, die Linken wie die Rechten, würden fortfahren, «mit Differenzen zu koexistieren», wie das Mao sein Leben lang getan und wie er es seinen Mitarbeitern für die Zeit nach seinem Tod und immer empfohlen hatte. Nur, dass der «große Steuermann» der zwei oder mehr Linien sich eine solche Autorität erworben hatte, dass er die Dinge in der Waage halten konnte. Doch in was für einer Waage? Wirklich und konsequent marxistisch-leninistisch war sie niemals.

Mao Tsetung sprach in revolutionären Formeln über die «Revolution», über den «Klassenkampf» und andere grundsätzliche Fragen, doch in der Praxis war er ein Liberaler, ein Träumer, ein Zentrist, der die verschiedenen Strömungen, die in der Kommunistischen Partei Chinas und im chinesischen Staat bestanden und intrigierten, manipulierte und ausbalancierte. Aufgrund dieser Eigenschaften war Mao Tsetung von der einen oder der anderen Strömung leicht zu beeinflussen; einmal unterstützte er die eine, einmal die andere.

Ganz offensichtlich war Tschou En-lai der größte «Jago» im chinesischen Shakespeare`schen Drama. Er war rechts, war ein Mandarin, ein Bourgeois, ein Pseudomarxist. Bei den Manipulationen, die Mao vornahm, hat Tschou En-lai meisterhaft manövriert. Sank das Schiff einer reaktionären Strömung, in dem sich Tschou befand, verließ er es schnellstens und verbarg sich hinter dem Banner Maos.

Hier soll noch einmal betont werden, dass Mao die vorrangige Rolle der Bauernschaft in der Revolution herausstellte. Hierin zeigt sich, dass er mit der führenden und hegemonischen Rolle der Arbeiterklasse nicht einverstanden ist. Die wandelbaren Ideen Mao Tsetungs, wie die über die Bauernschaft, spiegeln sich in seiner gesamten liberalen Linie wider.

Theoretisch erkannte Mao einige grundlegende Prinzipien des Marxismus an. In seinen offiziellen Schriften finden sich diese Prinzipien und einige andere Fragen im allgemeinen richtig formuliert. Doch in der Praxis hat Mao nichtmarxistische Thesen formuliert und verfochten. Dazu gehört die These, die auch im Nachruf auf ihn betont wird: «Das Dorf muss die Stadt einkreisen.» Im Nachruf heißt es, dass «ohne so zu verfahren, die Revolution nicht gemacht werden konnte»! Das heißt, die Bauernschaft muss die proletarische Revolution führen. Diese These ist antileninistisch.

Doch Mao hat auch noch andere Thesen und Ansichten vorgelegt mit denen wir nicht einverstanden waren und nicht einverstanden sind. Er schrieb viel über den Klassenkampf, die Widersprüche usw., doch der Klassenkampf fand in China, insbesondere in der Praxis, nicht heftig und konsequent statt. Auch in dieser Beziehung hat sich Mao als liberal und gemäßigt erwiesen. Er ließ rechte, revisiostische Elemente die Macht ergreifen und tiefe Wurzeln in der Partei, in der Staatsmacht und überall schlagen. Mao kosexistierte mit ihr, schaute ihnen zu, oft fanden sie seine Billigung. Schließlich stürzte er einige Häupter dieser Strömungen, doch ihre Basis ließ er unangetastet. Die Autorität, die er sich während des Kampfes und nach dem Sieg erworben hatte, brachte die Fraktionen zum «Scheitern». Doch die Lösung blieb auf halbem Weg stecken, und die Lage blieb weiter stets gemäßigt, liberal. Mao Tsetung war ein Zentrist, er hielt bei sich Leute verschiedener Strömungen, die sich Marxisten nannten, es aber nicht waren und unter Mao Tsetungs Schirm auf ihrer Linie kämpften. Wenn sie das Gleichgewicht störten, griff Mao Tsetung ein und «schaffte Ordnung».

In seinem Denken und Handeln zeigte Mao Unbeständigkeit und ich glaube, dass er den Marxismus irgendwie auf phantastistische Art und Weise, nach Gutdünken interpretierte und anwandte. Dies wurde natürlich «erklärt» und «gerechtfertigt» mit den «Bedingungen Chinas».

Noch viele Jahre nach der Befreiung wälzte Mao die Grundlagen der reichen und ausbeuterischen kapitalistischen Klassen in Stadt und Land nicht um, schaffte ihre Privilegien nicht ab. Das geschah mit der Behauptung, dies sei «eine Taktik, bis sich die Lage stabilisiert hat». Doch diese «Taktik» hätte nicht in eine Theorie und eine Strategie verwandelt werden dürfen: dass die Kapitalisten «in den Sozialismus integriert werden», Dividenden erhalten, und dies jahrzehntelang, wie das in China noch der Fall ist. Diese Kapitalisten haben sich nun in «Kommunisten» verwandelt und sind zu einem Teil der «Bourgeoisie in der Partei» geworden, von der Mao spricht. Auch die Kommunistische Partei Chinas hat kein klares Verständnis von den Grundprinzipien der marxistisch-leninistischen Theorie. Im Gegenteil, sie hat sie durch die eklektischen Ideen Maos ersetzt. «Die Bourgeoisie sitzt mitten in der Partei und ihr seht sie nicht», sagt Mao. Und das stimmt. Aber wer hat denn zugelassen, dass sich diese Bourgeoisie in der Partei breit machte? Das war Mao selbst mit seinen Ideen, das war das Fehlen eines richtigen marxistisch-leninistischen organisatorisch-politischen und ideologischen Parteiaufbaus. Mao ließ zu, dass viele Linien, Opportunismus, Praktizismus und Liberalismus wucherten.

Bei den «Schwenks» der Kommunistischen Partei Chinas hat sich Mao nicht auf die Partei, sondern auf die Armee, auf die Intelligenz und die Studenten gestützt. Bei diesen «Schwenks» war die Arbeiter- und Bauernschaft entweder in der Hand der Konterrevolutionäre oder stand abseits.

Stellt sich die Frage: Warum wandte sich Mao in schwierigen Augenblicken nicht um Hilfe an die Partei, die Arbeiterklasse und die Bauernschaft? Entweder, weil diese Kräfte ihm nicht gehorcht hätten, oder weil er ein Blutvergießen befürchtete. Zu einer Zeit, da Mao tönte: «Die Macht kommt aus den Gewehrläufen», riss die Reaktion diese Macht an sich.

Es heißt, die Kulturrevolution sei von Mao ausgelöst und geführt worden, der mit der Parole: «Greift das Hauptquartier an!» Millionen von Hungweibings auf die Beine brachte. Die Armee und Lin Biao dagegen, heißt es hätten die Hände in den Schoß gelegt. Die Tatsachen allerdings sprechen eine ganz andere Sprache. Lin Biao stand zusammen mit Mao, Kang Scheng, Tschen Bo-da, Djiang Tjing, Yao Wen-yüan, Dschang Tschun-Tjiao und anderen an der Spitze der Revolution. Nach den Angaben, über die wir verfügen, steckte Lin Biao zwei Millionen Soldaten in Zivil. Mit diesen «Rotgardisten» griff er das Hauptquartier an und zerschlug es, während das Verdienst dafür ganz und gar Mao für sich in Anspruch nahm. Der rettete Tschou En-lai und viele andere und konservierte Deng Hsiao-ping in einer Villa.

Doch Tschou manövrierte sehr geschickt, und eines schönen Tages war Lin Biao zum «Verräter, Agenten der Sowjets und Verschwörer gegen Maos Leben» geworden. Als Beweis dafür hieß es, Lin Biao habe ein Flugzeug genommen, mit dem er in die Mongolei geflüchtet sei, wo es «verbrannte». Alle Insassen wurden getötet. Es heißt, Tschou und Mao seien ins Bild gesetzt gewesen, doch Mao habe gesagt: «Lasst ihn gehen!» Seltsame Geschichten!

Lin Biao wurde mithin als für Tschou gefährliches Element liquidiert. Das gleiche Schicksal wie er erlitt auch Tschen Bo-da. Doch . wie sollte Tschou die Kulturrevolution liquidieren? Das bereitete ihm Schwierigkeiten, denn damit wäre Mao angetastet worden. Deswegen sprach man weiter über sie wie zuvor. Kang Scheng wurde alt und schwer krank, doch die anderen blieben, die Jungen wie Djiang Tjing und Wang Hung-wen mit Genossen. Diese begannen die Revolution und setzten sie fort, natürlich aber nur so weit, wie dies der «Vorsitzende» gestattete. Mao wies ihnen die Rollen zu: Den Linken überließ er die Presse und den Rundfunk, den Rechten mit Tschou En-lai dagegen die Staatsmacht, die Wirtschaft, die Armee und den Sicherheitsdienst. Daraus wird klar ersichtlich, wie der «große Steuermann» die Revolution und den Aufbau des Sozialismus sah.

Mao und Tschou arbeiteten auch die Außenpolitik aus. Die chinesische Außenpolitik Maos und Tschou En-lais war und blieb eine nichtmarxistische, nichtrevolutionäre Politik, sie ist eine fließende k Politik, deren Formen durch die internationalen politischen Verhältnisse bestimmt werden, und die für den Sozialismus und die Revolution gefährliche Positionen bezieht.

Während dieser Zeit war Tschou damit beschäftigt, seinen Nachfolger aufzubauen. Zusammen mit Mao brachte er Chinas «Chruschtschow Nr. 2» auf die Szene. Sie machten ihn zum ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten, zum stellvertretenden Parteivorsitzenden usw. Drei Jahre lang, während Tschou En-lais Krankheit, bis zu dessen Tod, sammelte Deng Kraft. Doch wie es scheint, setzten die Linken den «Steuermann» und Deng unter Druck. Letzteren jagten sie zum Teufel, seine Entlarvung begann. Der «Steuermann» manövrierte daraufhin «genial» und brachte, nach seiner Gewohnheit, die Strömungen zu dosieren, noch zu seinen Lebzeiten Hua Guofeng an die Macht, einen bis dahin unbekannten Mann, Chef der Staatssicherheit und gemäßigt in Worten, aber rechts in Taten.

Mao starb und in China geschah die grosse Tragödie. Kaum hatte der «Steuermann» die Augen geschlossen, putschte die Rechte mit Hua Guo-feng an der Spitze und schaltete Djiang Tjing, Wang Hung-wen, Dschang Tschun-tjiao und Yao Wen-yüan aus. Diese vier wurden festgenommen. Mit den Worten Maos im Munde töten heute die Rechten die Linken und Revolutionäre, kerkern sie ein, rehabilitieren die verurteilten Rechten und die Konterrevolutionäre.

Es ist ganz und gar undenkbar, dass die Worte eines «marxistisch-leninistischen Revolutionärs» auch den Konterrevolutionären dienlich sein können, wie das nun in China mit Maos Äußerungen geschieht!

Was schreibt die bürgerlich kapitalistische Presse nun nicht alles über China! Die Radikalen mit Djiang Tjing an der Spitze hätten „komplottiert», Maos Neffe habe den kranken Mao gegen den Rat der Ärzte auf die linke Seite gedreht, usw. usf. Das sind für sie «Beweise» dafür, dass «diese Verschwörer auch Mao töteten». «Lin Biao versuchte dreimal, Mao zu töten», posaunte man vor einigen Jahren hinaus, während man jetzt trompetet: «Die Verschwörer haben Mao getötet und wollten auch Hua Guo-feng töten.» Doch die wahren Verschwörer sind die Leute Tschou En-lais, Li Hsiän-niäns, Deng Hsiao-pings, Hua Guo-fengs u.a.

Offiziell veröffentlichen diese Verschwörer gegenwärtig nichts, bereiten aber langsam die Massen vor, damit sie ihnen dieses tragische Märchen abnehmen. Die chinesische Reaktion gibt sich, mit vorgebundener Maske als «revolutionär und marxistisch-leninistisch», doch unter dieser Maske vernichtet sie die Revolutionäre und Kommunisten. Chinas Chruschtschowianer sind in höchster Eile dabei, Ihre Positionen zu festigen. Und diese Positionen versuchen sie mit Terror zu festigen. Mit Sicherheit werden sie so weit gehen, nicht nur Mao nicht mehr zu zitieren, sondern auch alles von irgendwelchem Wert, was er hinterlassen hat, mit Füßen zu treten. Mit Chinas Umwandlung in ein kapitalistisches Land werden die Liu Schao-tschis, Tschou En-lais, Peng Tschens, Deng Hsiao-pings usw. hochkommen.







MITTWOCH, 13. OKTOBER 1976



GROSSES CHAOS IN CHINA

Großes Chaos in China. Seit zwei oder drei Tagen sprechen die westlichen und die revisionistischen Nachrichtenagenturen davon, in China habe ein Staatsstreich stattgefunden und die «Gemäßigten» seien an die Macht gekommen. So nennen sie Hua Guo-feng und seine Leute, unter denen auch Li Hsiän-niän aufgetaucht ist. Für uns sind die «Gemäßigten» die Gefolgsleute Tschou En-lais, jene Revisionisten, die der marxistisch-leninistischen Ideologie, getarnt mit einer ohrenbetäubenden Demagogie, in beinahe allen Fragen entgegengehandelt haben. Sie praktizierten und praktizieren eine chauvinistische Großmachtpolitik, verfolgen eine pro-amerikanische Außenpolitik. Tschou En-lai war es, der diese Politik betrieb, sie war aber zugleich auch Maos Politik.

Man kann Mao nicht getrennt von Tschou En-lai betrachten. Sie haben gemeinsam gehandelt. Beide waren Liberale und bemühten sich unter dem Deckmantel des Marxismus-Leninismus, eine Großmacht zu schaffen und in der internationalen Arena eine Chinas Größe entsprechende «große Politik» zu betreiben. Mit anderen Worten, sie beabsichtigten, aus China eine Vermittlerkraft zu machen, die das Gewicht der beiden Supermächte, der Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion, auszubalancieren hätte.

Ich habe schon in anderen Aufzeichnungen dieses Tagebuchs geschrieben, dass Mao Tsetung, Tschou En-lai und die ganze chinesische Partei- und Staatsführung, die stets unter dem Banner Mao Tsetungs gekämpft hat, gegen Stalin, gegen die leninistische Sowjetunion, gegen die Bolschewistische Partei und gegen die Kominter waren, diese gesamte Einstellung aber unter einem Tarnschleier Verborgen hielten. Später, nach Stalins Tod, kamen ihre langgehegten Auffassungen und Ansichten ans Licht. Die chinesische Führung hatte die Absicht, Chruschtschow und den Chruschtschowianern nach ihrem Staatsstreich in der Sowjetunion zum Sturz der Ideen des Marxismus-Leninismus dabei zu helfen, festen Fuß zu fassen. Das Ziel Mao Tsetungs, Tschou En-lais und der anderen war zugleich, China mit Hilfe der Sowjetunion zur Grossmacht zu machen und Mao Tsetung auf den Platz nach Lenin zu heben. Er sollte also unter die grossen Klassiker eingereiht werden, die dann ihrer Meinung nach wären: Marx, Engels, Lenin, Mao Tsetung. Dafür musste Mao natürlich Chruschtschow schmeicheln und helfen. Das tat er nicht nur insgeheim, sondern auch offen, nicht nur auf Hintertreppen, sondern auch auf internationalen Beratungen der kommunistischen und Arbeiterparteien, an denen auch wir teilnahmen. Wir hörten mit eigenen Ohren, was Mao über Chruschtschows Taten sagte. Nichts als Lob.

Jedoch, die Zeit nahm ihren Lauf, die Ereignisse entwickelten sich, und es kam anders, als Mao Tsetung dachte. Chruschtschow war tatsächlich ein Clown, ein Antimarxist und ein großer Intrigant, doch er war kein solcher Dummkopf, dass er die Sowjetunion unter die Fittiche Chinas und Mao Tsetungs gebracht hätte. Im Gegenteil, was er wollte und wofür er arbeitete, war, aus der Sowjetunion eine imperialistische Macht mit großem militärischem Potential zu machen, um sie so in einen starken Partner der Vereinigten Staaten von Amerika zu verwandeln, mit denen zusammen sie die Welt aufteilen und in beider Interesse ausbeuten würde.

Trotz aller Anstrengungen, die sie unternahmen, ging der Traum Mao Tsetungs und Tschou En-lais also nicht in Erfüllung. Kurz gesagt, die beiden träumten mit offenen Augen. Dann vollzogen sie, wie ich schon bei anderer Gelegenheit erläutert habe, eine Wendung um 180 Grad, richteten die «Batterien» gegen die revisionistische Sowjetunion, woran auch wir interessiert waren. Allerdings wandten sie sich gleichzeitig dem amerikanischen Imperialismus zu und reichten dem faschistischen Präsidenten Nixon die Hand. Der nächste Traum Mao Tsetungs und Tschou En-lais war es also, in enger Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Imperialismus und auf ihn gestützt China in eine sozialimperialistische Großmacht zu verwandeln.

Ich will nicht länger auf die Frage der Kulturrevolution usw. usf. eingehen, denn darüber habe ich in meinen Aufzeichnungen viel geschrieben. Ich möchte nur sagen, dass eines sicher ist: Es waren Mao Tsetung und Tschou En-lai, die den Plan zur Liquidierung Lin Biaos, Tschen Bo-das usw. ausgeheckt haben. Wir hatten anfänglich grosse Zweifel, ob Lin Biao, den Mao Tsetung, Tschou En-lai und die ganze chinesische Propaganda als Verräter hinstellten, der eine Verschwörung angezettelt habe, um Mao zu beseitigen und seine Stelle einzunehmen, diese überraschende Tat wirklich begangen hatte. Doch mit der Zeit und dem gegenwärtigen Gang der Ereignisse sehen wir, dass Verschwörungen im China Mao Tsetungs eine geläufige Praktik sind, woraus geschlossen werden muss, dass die Arbeit der Kommunistischen Partei Chinas sehr schwach ist und nicht auf marxistisch-leninistischen Bahnen verläuft. Die Propaganda dieser Partei ist gespickt mit Worten wie «Revolutionäre», «marxistisch-leninistisch», «Proletariat» usw., doch tatsächlich ergibt sich für uns, dass Mao Tsetung, der sich als «großer Marxist-Leninist» ausgab, nicht nur keiner war, sondern sogar der Urheber all dieser negativen Erscheinungen ist, die in China festzustellen waren und sind.

Die Ereignisse um Liu Schao-tschi, Lin Biao, Deng Hsiao-ping und nun kürzlich der Staatsstreich in China sind das Ergebnis einer liberalen, opportunistischen, unmarxistischen Linie Mao Tsetungs. Er hat ausgeprägte Schwächen in der organisatorischen und politischen Linie der Partei zugelassen; er hat zugelassen, dass sich in Partei und Volk zwei und mehr Linien entfalteten; schließlich hat er angeblich einen Kampf gegen Konfuzius geführt. Infolge der prinzipiell falschen Linie in grundlegenden Fragen der Diktatur des Proletariats war der Klassenkampf, ob nun gegen die äußeren und inneren Feinde oder auch gegen die kleinbürgerlichen Überreste, die Religion usw. usf., in China nicht existent oder wurde in Kampagnen geführt, um den einen zu stürzen und den anderen hochzubringen, um den einen zu stürzen und noch einmal zu stürzen und den anderen hochzubringen oder wieder hochzubringen.

Liu Schao-tschi und Deng Hsiao-ping, die in ihrem Leben oft Fehler gemacht hatten, hielt Mao als stellvertretenden Vorsitzenden bzw. Generalsekretär der Partei, bis er sie dann in der heißesten Zeit der Kulturrevolution als «Chruschtschow Nr. 1» und «Chruschtschow Nr. 2 Chinas» bezeichnete. Der «Chruschtschow Nr. 2» (Deng Hsiao-ping) wurde von Mao Tsetung gerufen und in alle Posten wiedereingesetzt, wurde sogar stellvertretender Parteivorsitzender (natürlich mit dem Segen Tschou En-lais, um nicht zu sagen, auf seinen Vorschlag hin). Vielleicht wäre auch Liu Schao-tschi eine solche «glückliche Fügung» vergönnt gewesen, wäre er nicht gestorben. (Doch auch nach seinem Tod werden ihn seine Freunde vielleicht nicht vergessen.) Dieser Auf- und Abstieg von Feinden in hohen Funktionen von Partei und Staat sowie viele andere üble Akte sind nicht marxistisch-leninistisch.

Um es nicht zu lang zu machen: die ausländischen Nachrichtenagenturen sprechen seit zwei oder drei Tagen davon, in China habe Hua Guo-feng die Macht ergriffen. Hua Guo-feng, Staatssicherheitschef und Innenminister, hatte Deng Hsiao-ping ersetzt, der in der Kulturrevolution verurteilt worden war. Geht man danach, was die chinesischen Führer sagen, war alles, was die Kulturrevolution hervorbrachte, «richtig» und wurde von Mao Tsetung und seien Adepten leidenschaftlich verteidigt. Zwar gab es in dieser Kulturrevolution auch Menschen, die in voller Überzeugung, indem sie Maos Banner hochhielten, die kommunistischen Positionen in China stärken wollten. Doch in dieser Revolution gab es auch zahlreiche starke Feinde, die sich, wie ich in diesem Tagebuch oft geschrieben habe, um Tschou En-lai sammelten. Dieser schloss sich fest mit Mao zusammen und intrigierte bei ihm. Mao brauchte Tschou En-lai. Das heißt, die Politik, die Mao Tsetung im Sinn hatte und verfolgte, war stets eine Politik des Gleichgewichts. Und zu jenen, die diese Gleichgewichtspolitik zu Mao Tsetungs Lebzeiten machen konnten, gehörte Tschou En-lai. Er passte sich Mao an, denn er begriff dessen Mentalität, dessen unmarxistische Anschauungen sehr genau. Tschou verstand es, antimarxistische Elemente um sich zu scharen und sie in Schlüsselpositionen in der Staatsmacht, in der Armee, in der Partei. bis hin zum Zentralkomitee, einzuschleusen. Diese Leute sollten im geeigneten Augenblick die Macht an sich bringen und die gesunden marxistisch-leninistischen Elemente liquidieren. Dazu rehabilitierten Mao Tsetung und Tschou En-lai nahezu alle Elemente, die angeblich schikaniert worden waren. In Wirklichkeit geht es hier nicht um Leute, die schikaniert, sondern um die, die verurteilt worden waren.

Tschou En-lai, der sicherlich genau um seine Krebserkrankung wusste, bereitete Deng Hsiao-ping drei Jahre lang darauf vor, seinen Platz einzunehmen, und als Tschous Asche in ganz China ausgestreut wurde, hielt Deng Hsiao-ping das De profundis auf Tschou En-lai. Doch dieses De profundis war zugleich auch sein eigenes. Deng schaffte es nicht, Ministerpräsident zu werden, denn er wurde kaltgestellt und als Revisionist und Feind, als Führer der Rechten, als Feind Mao Tsetungs, als Feind des Sozialismus usw. usf. angeprangert. So begann eine heftige Kampagne gegen ihn - und die war richtig -, doch nur in der Presse, in der Propaganda und im Radio. Anscheinend hatten Djiang Tjing, Yao Wen-yüan, Wang Hungwen und Dschang Tschun-tjiao nur die Presse in der Hand. Als die Kampagne begann, war Mao Tsetung noch am Leben, und man glaubte, diese vier hätten auch seine Unterstützung.

Aber hatten diese vier wohl jene Macht im Volk, in der Partei und in der Armee, die nötig gewesen wäre, um die Kulturrevolution in der Praxis fortzuführen oder, anders ausgedrückt, die Reihen der Partei, der Staatsmacht und der Armee von den Elementen der Reaktion zu säubern, die im Gewand von Kommunisten wirkten, von den Leuten Liu Schao-tschis, Deng Hsiao-pings, Tschou En-Jais und Peng Tschens? Nach unserer Überzeugung hatten die vier diese Macht nicht. Es waren junge, gutwillige Kader, doch äußerst unreif, während die alten Wölfe in der Kommunistischen Partei Chinas tiefe Wurzeln geschlagen hatten, und diese Wurzeln waren genährt worden von der keineswegs marxistisch-leninistischen Ideologie Mao Tsetungs, der meinte, dass wenn schon nicht er, so doch seine Gedanken Jahrhunderte überleben würden.

Diese vier Führer machten also nur Propaganda. Deng Hsiao-ping entfernten sie aus der Führung. doch Mao Tsetung, der noch am Leben war, riet den Seiten, die sich im Konflikt befanden: «Wer sachte geht, geht sicher», «zankt euch nicht», «vertragt euch miteinander» und «lasst die Streitereien». Alle diese Parolen waren seltsam. nicht revolutionär. Und sie wurden von jemand ausgegeben, der sich als «großer Marxist-Leninist» aufspielte. Mao Tsetung nannte sich selbst einen Marxisten, doch er war ein «Marxist» mit kleinbürgerlichen Anschauungen. Da in seinem Denken, in seinen Schriften und in seinem Handeln die Bauernschaft der «Schlüsselfaktor der Revolution» war, die er jedoch nicht versäumte, «proletarisch» zu nennen, konnten sich in seinen ideologischen und politischen Anschauungen auch nur die kleinbürgerlichen Eigenschaften der Bauernschaft niederschlagen, wie es die Schwankungen nach rechts und nach links sind. So vereinigte sich Mao einmal mit dieser Gruppe oder mit diesem Staat, dann wieder mit einer anderen Gruppe oder einem anderen Staat. Tags darauf brach er dann mit ihnen und vereinigte sich mit anderen. Unter Maos Schirm lebten und handelten alle: Bourgeois, Kapitalisten, Proletarier, und Mao genoss seine Popularität. In seinen Äußerungen und Schriften benutzte er auch Ideen und Zitate von Marx und Lenin, doch sie waren Fassade. Wenn man die Ideen von Marx und Lenin, wie sie in Maos Schriften auftauchen, sorgfältig studiert, wird man feststellen, dass sie so eingearbeitet sind, dass der Eindruck entsteht, sie seien seinem eigenen Kopf entsprungen.

Mao predigte Versöhnung, tönte aber andererseits auch: «Was wollt ihr, seht ihr nicht, dass der Feind mitten in der Partei sitzt?» Doch dieser Feind innerhalb der Partei musste totgeschlagen werden. Tat Mao dies? Nein, das tat er nicht. Diese Phrase blieb bei ihm nur Schall und Rauch, denn in der Praxis wandte er die Parole an: «Streitet euch nicht», «vertragt euch», «befasst euch nicht mit Verschwörungen», und andererseits: «Seid gegen den Revisionismus», «seid für den Marxismus»! So bedienten sich in China alle, Marxisten und Antimarxisten, dieser Phrasen Mao Tsetungs. Mit Sicherheit erlaubte er nicht, dass die gesunden Elemente die Macht ergriffen und China auf richtige Bahnen brachten.

Angesichts dieses großen Chaos ist es uns nur schwer möglich, definitive Aussagen zu treffen, doch nach dem, was sich in China vor unseren Augen abgespielt hat und wie es sich abgespielt hat, können wir sagen, dass die jungen Elemente revolutionärer und fortschrittlicher zu sein schienen als Tschou En-lais Gruppe. Um also die Leute zu «versöhnen» und im Bewusstsein seiner schweren Krankheit und des nahenden Todes fand Mao Tsetung - ehe er «zum Herrn» ging, wie er zu Edgar Snow gesagt hatte - die «geeignete Lösung»: er betraute Hua Guo-feng mit der Leitung der Gcschäfte.

Wer war dieser Hua Guo-feng? Ein Mann ohne große Autorität, ein Unbekannter. Doch Mao Tsetung kannte ihn, und der rechte Flügel, der Hoffnung auf diesen Mann setzte, weil er zumindest gemäßigt sein würde, akzeptierte ihn. Und so kam er ungewählt in die höchste Führung. Nach Tschou En-lais Tod wurde er Ministerpräsident und erster stellvertretender Vorsitzender des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas. Das bedeutete, dass er nach Maos Tod sicherlich Parteivorsitzender werden würde.

Nicht sehr lange nach diesen ausgeklügelten Operationen starb Mao Tsetung. Man trug schwarz, hatte den Trauerflor am Arm, und es vergingen keine zwei, drei Wochen oder höchstens ein Monat (versuche einer, bei solchen Dingen Buch zu führen), bis in China das große Chaos ausbrach, bis das ausbrach, was wir vorausgesehen hatten.

Was hatten wir vorausgesehen? Wir hatten vorausgesehen, dass die beiden sich deutlich abzeichnenden Strömungen im Ringen um die Macht aufeinanderprallen würden (und waren dabei der Ansicht gewesen, dass die Rechten, die Gefolgsleute Tschou En-lais, die Macht in der Hand hatten - aus den Gründen, die ich oben anführte --, während ihre Gegner nur über die Presse und die Propaganda verfügten, so dass, wenn es dann ums Ganze ging, die nichtrevolutionären Elemente die Macht ergreifen würden), doch wir hatten ebenfalls gedacht, die «Königswürde» Maos werde vielleicht noch etwas überdauern. Doch wer nun die Waage in der Hand hielt, war Hua Guo-feng, nicht Mao Tsetung. Hua hatte bei weitern nicht die Autorität, die sich Mao in China und auf der Welt erworben hatte. Hua Guo-feng zeigte sein wahres Gesicht. Vor drei Tagen gaben die ausländischen Nachrichtenagenturen bekannt, dass er eines Morgens Djiang Tjing, Yao Wen-yüan, Wang Hung-wen und Dschang Tschuntjiao unter Hausarrest stellte, also alle Hauptelemente des linken Flügels, die sie «Radikale» nennen. Hua Guo-feng ergriff zusammen mit Li Hsiän-niän, einst die rechte Hand Tschou En-lais, die Macht. Ebenso gibt es Stimmen, die zu berichten wissen, dass Deng Hsiao-ping nach Peking geholt wurde. Und wenn er vorläufig auch noch nicht stellvertretender Ministerpräsident wird, so wird doch der Weg, den China einzuschlagen dabei ist, Deng Hsiao-ping unbedingt einen wichtigen Posten einbringen, möglicherweise auch den des Generalsekretärs der Partei, eine Funktion, die er schon zur Zeit Liu Schao-tschis und Mao Tsetungs ausgeübt und in der er sich Erfahrung erworben hat.

Also macht China gegenwärtig schwierige Momente durch, und nicht nur China, sondern die ganze Weltrevolution. Falls alles stimmt, was die ausländischen Nachrichtenagenturen über China sagen, wird dies der Weltrevolution und dem Sozialismus gewaltigen Schaden zufügen, sie um viele Jahre zurückwerfen. China selbst wird den Weg einer sozialimperialistischen Großmacht einschlagen. Es wird sich vorerst auf die Vereinigten Staaten von Amerika stützen, doch es wäre kein Wunder, wenn es später Titos Politik betriebe, also, um dieses Ziel zu erreichen, auch der Sowjetunion die Hand reichte. Das ist auch ein Sieg für die Sowjetunion, ungeachtet der gegenwärtigen «ohrenbetäubenden» Propaganda Chinas gegen den modernen Chruschtschowrevisionismus. Diese Propaganda mag es morgen nach und nach abklingen lassen. Wenn China eine unabhängige Macht wird, mit einer starken Industrie, die z.Zt. mit amerikanischer Technologie aufgebaut wird, mit einer geringeren Zahl Atombomben als die Sowjetunion, dafür aber einer im Vergleich zur Sowjetunion erdrückend großen Armee - dann ist es nicht ausgeschlossen, und ich glaube, so kann es geschehen, dass auf der Welt drei Supermächte entstehen und alle drei ihre Einflusszonen haben wollen. Die Widersprüche zwischen ihnen werden natürlich zunehmen, es wird eine Zeit kommen, da sie sich verschärfen. Und wir werden Zeuge dieser Verschärfung werden, die möglicherweise auch zu einem neuen Weltkrieg führen wird.

Was wird das chinesische Volk jetzt tun? Wird es sich erheben oder wird es apathisch Hua Guo-fengs und Mao Tsetungs Märchen akzeptieren? Wird es einverstanden sein mit den Säuberungen, die jetzt in der Kommunistischen Partei Chinas vorgenommen werden? Wird Schanghai, aus dem alle diese Elemente hervorgegangen sind, diesen Zustand dulden, wird es hinnehmen, dass Hua Guo-feng, Deng Hsiao-ping und Li Hsiän-niän mit Konsorten in Peking dominieren, in China das Gesetz machen und es in Richtung auf die Vereinigten Staaten von Amerika oder die Sowjetunion führen? Das ist ein Problem, das wir im Auge behalten müssen.

Ob es in China wohl zu Unruhen kommen kann? Ja, es kann.

In der Sowjetunion verfuhr Nikita Chruschtschow überlegter, er überstürzte die Dinge nicht so. Nach Stalins Tod betrieb er seine konterrevolutionäre Tätigkeit einige Jahre lang «sanft», unauffällig, er fasste seine Feinde in den Flanken, bereitete die in- und ausländische Öffentliche Meinung vor und säuberte dann schließlich die angeblich fortschrittlichen Elemente weg, die sich allerdings weder als fortschrittlich, noch als sonst etwas erwiesen. Wie dem auch sei, Chruschtschow räumte seinen Weg nicht innerhalb eines Monats frei wie jetzt Hua Guo-feng. Das Sowjetvolk wurde mit enormer Demagogie auf diese regressive Wende vorbereitet, die sich ereignen sollte. Und die Ereignisse, die dann stattfanden, hielt es für normale Angelegenheiten; die sich «innerhalb der leninistischen Parteinormen» abspielten. Es sah die Wahrheit nicht, weil man es die Wahrheit nicht sehen liess. Die rechte revisionistische Clique in China dagegen handelt eilig, überhastet, ein Vorgehen, das möglicherweise Reaktionen im Volk hervorrufen wird. Natürlich erhob sich das chinesische Volk zur Kulturrevolution, weil Mao es aufrief, doch es erhob sich wirklich und schlug zu. Hätte Mao diese Revolution nicht gebremst, hätte sie den ganzen stinkenden Unrat, der jetzt an die Macht kommt, hinweggesäubert. Das chinesische Volk ist imstande, das zu wiederholen. Wieweit es das tun wird, weiß man nicht, wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es das tun wird, denn das chinesische Volk wurde mit dem Namen Mao Tsetungs fanatisiert.

In Berichten der ausländischen Nachrichtenagenturen heißt es allgemein, die Elemente des rechten Flügels mit Hua Guo-feng an der Spitze behaupteten, sie hätten einen von Djiang Tjing, Yao Wen-yüan usw. angeführten «Staatsstreich» unterdrückt. Das ist ein Bluff. Nach Meldungen ausländischer Nachrichtenagenturen hat Hua Guo-feng erklärt, die «Vier» hätten diesen «Staatsstreich» vorbereitet, «indem sie die Gedanken Mao Tsetungs verfälschten». Das soll heißen, dass «die gesamte Propaganda gegen Deng Hsiao-ping, für die Diktatur des Proletariats usw. usf. von dieser Verschwörergruppe verzerrt worden ist». Sie also sind es, laut Hua Guo-feng, die «die Ideen Mao Tsetungs verfälscht haben». Hua Guo-feng wird unter dem Volk Mao Tsetungs Zitat propagieren: «Sich nicht mit Verschwörungen befassen!» Doch wer befasste sich mit Verschwörung? «Djiang Tjing und Konsorten», werden Hua Guo-feng, Li Hsiän-niän, Deng Hsiao-ping u.a. sagen, die sich als Retter Chinas vor diesen «reaktionären Elementen» hinstellen, die die Ideen Mao Tsetungs verletzen, dessen Banner sie selbst heftig schwenken, weil dies ihre Geschäfte so wollen.

Wenn das chinesische Volk auf dieses Manöver hereinfällt, wird es in China keinen Aufstand geben. Fällt es nicht darauf herein, wird es sich erheben, und dann wird es Bürgerkrieg geben. In der Kulturrevolution kämpften auch das Volk, auch die Arbeiter, unabhängig davon, zu welcher Gruppe sie hielten. Auch in der Armee schoss man mit Kanonen und Maschinengewehren aufeinander, und es gab Tote. Mehr wissen wir nicht. Wir wollen später sehen.

Eines jedoch können wir mit Gewissheit sagen: was in China geschah, ist eine Katastrophe für das Land und fügt der Weltrevolution, dem Kommunismus unermesslichen Schaden zu. Der amerikanische Imperialismus und die reaktionäre Bourgeoisie reiben sich die Hände. Diese Katastrophe ist ihr Werk. Diejenigen, die in China diese Situation heraufbeschworen, sind ihre Kollaborateure, wie auch Chruschtschow, Breschnew, Suslow, die gesamte revisionistische Bande Titos und eine Reihe von Konterrevolutionären und Lakaien von ihnen auf der Welt ihre Kollaborateure waren und sind.

Was uns, die Albaner, betrifft, so ist uns natürlich klar, dass uns die in China entstandene Situation nichts Gutes, sondern Schwierigkeiten bringt. Diese Situation hatten wir frühzeitig vorausgesehen, schon 1960, als die chinesischen Führer uns vorgeblich gegen die Chruschtschowianer verteidigten. Wir sahen, dass sie schwankten und uns in Wirklichkeit niemals verteidigten. Mit Tschou En-lai an der Spitze wollten sie die Sowjets dazu bringen, die Polemik gegen uns einzustellen und unter diese Frage einen Schlussstrich zu ziehen. Chruschtschow, als Potentat, akzeptierte es jedoch nicht, sich vor den Albanern zu demütigen. Er war nicht einverstanden mit dieser These Tschou En-lais und Mao Tsetungs. Tschou En-lai und Mao Tsetung hofften sehr, Chruschtschow werde China die Atombombe geben und ihm wirtschaftlich dabei helfen, eine Großmacht zu werden. Deshalb versuchten sie auch, den Konflikt, als er ausbrach, abzumildern. Darüber habe ich in diesem Tagebuch im Verlauf der Ereignisse Tag für Tag geschrieben, es sind also keine Schlussfolgerungen, zu denen ich jetzt erst komme.

Also traf uns diese Situation nicht unvorbereitet. Seit einigen Jahren, besonders während des letzten Jahrfünfts, arbeitete Tschou En-lai gegen uns. In den wirtschaftlichen Fragen hat er Sabotage gegen uns betrieben. Diese Sabotage haben wir konkret erlebt, und wir haben sie bekämpft. Tschou befand sich in einer Situation, da ihm nichts anderes übrig blieb, als zu der Methode zu greifen, den Bau der Werke hinauszuzögern, konnte er doch die andere Methode, die Einstellung der Kredite, nicht anwenden. Tschou En-lai schlug nicht Chruschtschows Taktik ein, der die Brücken zu uns auf einen Schlag abbrach. Er wählte folgende Taktik: uns nicht rechtzeitig die Maschinen für die Werke zu liefern, die für die Entwicklung unserer Wirtschaft von großer Bedeutung sind. Diese Werke hätten schon vor zwei oder zweieinhalbe Jahren fertiggestellt sein müssen. Aus dem genannten Grund sind sie noch nicht fertig. Und nicht etwa, weil China «arm» wäre, oder wegen anderer Märchen, die die Chinesen erzählen. Nein, dafür waren und sind politische Gründe verantwortlich: Tschou En-lai und Mao Tsetung sahen, dass Albanien seine eigenen, marxistisch-leninistischen Positionen einnahm, dass es, wie auch heute, seine eigene, unabhängige Politik hatte, über die es sich offen, ohne Furcht vor irgendjemand äußert, was den Chinesen nicht gefiel und nicht gefällt.

Genauso wenig gefiel den Chinesen, dass das kleine Albanien auf internationaler Ebene das grosse China verteidigte. Vielleicht empfanden Mao Tsetung und Tschou En-lai unser Eintreten für China als Schmach, denn wie konnte auch, ihrer Meinung nach, ein kleines Land ein großes Land verteidigen? Jedenfalls war das, was wir taten, eine Verteidigung, die sie nicht leugnen konnten, doch diese Situation gefiel ihnen nicht.

In letzter Zeit zeigte sich deutlich, dass die chinesischen Führer offen und direkt Druck auf uns ausübten, um Beqir Balluku und Abdyl Këllezi zu retten, die in dem gegen Albanien angezettelten Komplott, durch das unsere Führung gestürzt werden sollte, mit ihnen zusammenarbeiteten. Doch sie konnten ihr Ziel nicht erreichen. Deshalb kürzten sie auch ihre Wirtschaftshilfen außerordentlich, ebenso die Militärhilfen, denn darüber hinaus konnten sie uns nichts anhaben.

Wir sind also in dieser Beziehung vorbereitet. Wir sind vorbereitet, denn unsere Partei ist durch all diese Stürme hindurchgegangen und dabei hart geworden. Sie hat keine Angst davor, allein zu bleiben. Und tatsächlich bleiben wir in diesem Fall. allein und verfolgen eine eigene, marxistisch-leninistische Politik als Partei an der Macht, die im Gegensatz steht zu den amerikanischen Imperialisten, den sowjetischen Sozialimperialisten, den chinesischen Sozialimperialisten, der reaktionären Bourgeoisie, den Nachbarn, dem Teufel und seiner Großmutter. Doch Albanien und die Partei der Arbeit stehen unerschütterlich, und so wird es ständig bleiben.

Wird die Mannschaft, die in China die Macht antrat, nun die Feindschaft gegen uns unverhüllter fortsetzen? Wir werden sehen. Wir werden wachsam sein, und unsere Wachsamkeit muss groß sein. Unser Interesse verlangt, dass wir - auch wenn sie weiter ihre Methode anwenden, die endgültige Fertigstellung dieser Werke hinauszuzögern - unsererseits kein Feuer entfachen, aber an unserer marxistisch-leninistischen Linie festhalten und die Prinzipien nicht verletzen, auch wenn China möglicherweise die Zahlung der Kredite an uns einstellt. Soll es das tun, wir werden aus eigener Kraft leben, mit Zähnen und Klauen arbeiten, wir werden leben, und besser leben. Zugleich werden wir die Unterstützung der gesamten fortschrittlichen Welt haben, aller wahren Marxisten-Leninisten, des gesamten Proletariats und aller Revolutionäre auf der Welt, die sehen werden, wie ein kleines Land dem Marxismus-Leninismus die Treue hält, sich nicht fürchtet, sondern vorwärts schreitet, lebt und Fortschritte macht. So wird es sein.

Chinas feindselige Einstellung uns gegenüber wird unsere Feinde natürlich freuen, sie werden sowohl von außen als auch im Land ihre Tätigkeit gegen unseren Staat und unsere Partei verstärken. Doch wir sind stark und werden sowohl den äußeren Feinden erfolgreich standhalten, als auch die inneren Feinde unterdrücken. Deshalb müssen wir mit kühlem Kopf abwarten, wie immer die Situation auf der Welt, insbesondere in China, aufmerksam beobachten.

Erst einmal müssen wir abwarten, ob sich bestätigt, was die Weltpresse schreibt, denn von der offiziellen Presse in China verlautet nichts. Das ist genau die Methode der Chinesen. Als Liu Schao-tschi liquidiert wurde, oder als Lin Biao und später Deng Hsiao-ping usw. usf. ausgeschaltet wurden - stets brauchten sie lange, bis sie offen mit der Sprache herausrückten. Es ist leicht möglich, dass es auch in diesem Fall wieder so ist, denn von Djiang Tjing bis Dschang Tschun-tjiao - das sind Persönlichkeiten, obwohl sie noch relativ jung sind. Trotzdem meine ich, dass wir sehr vorsichtig sein, unsere Linie verteidigen müssen und nicht die Polemik mit den Chinesen eröffnen dürfen, auch wenn sich bestätigt, was die Weltpresse schreibt. Wir dürfen die Polemik so lange nicht eröffnen, wie wir es für vertretbar halten, weil unsere marxistisch-leninistische Linie noch nicht öffentlich angegriffen wird. In dem Augenblick aber, da sich dies ändert, müssen unsere Batterien bereitstehen wie stets. Doch auch das wirtschaftliche Interesse müssen wir im Auge behalten, auch wenn die Chinesen die Lieferungen an uns, zu denen sie nach den bestehenden Verträgen verpflichtet sind, verzögern mögen. Wir müssen also vorsichtig und zugleich wachsam sein, aufmerksam beobachten, welchen Verlauf die Dinge in China nehmen.

In China geschieht alles unerwartet. In außergewöhnlich kurzer Zeit ereignen sich all diese Dinge, und allem wird das Etikett «Staatsstreich», «Putsch», «Verschwörung gegen das Leben Mao Tsetungs» usw. usf. angeheftet. Morgen können sich noch andere Vorfälle herausstellen, deshalb müssen wir hier, in unserem Land, gegenüber den chinesischen Spezialisten wachsam sein. Wir werden weiterhin mit den Angestellten der chinesischen Botschaft in Tirana aufrichtig über die Freundschaft unseres Volkes und unserer Partei mit dem chinesischen Volk und der Kommunistischen Partei Chinas auf marxistisch-leninistischen Grundlagen sprechen, gleichwohl wissen wir nicht, was das für .Menschen sind, die Funktionäre des Botschaft oder die chinesischen Spezialisten, die in unserem Land arbeiten.

Aus den Informationen, über die wir verfügen, ergibt sich, dass ihr jetziger Botschafter, der auch schon in Moskau war, eines der in der Kulturrevolution kritisierten Elemente ist. Er muss also ein Mann Deng Hsiao-pings, Liu Schao-tschis und Tschou En-Jais, rechts sein. Er kam nicht zu uns, um unserem Land zu helfen, sondern um zu sabotieren, zu intrigieren, nicht um sich als Freund zu informieren, sondern im Dienst der Rechten, die in China an die Macht gekommen sind. Er kam mit unguten Absichten, und es ist daher möglich, dass er und die anderen Chinesen anfangen, ihre Nase in unsere inneren Angelegenheiten zu stecken.

Wir können die Angestellten der chinesischen Botschaft nicht daran hindern, Betriebe zu besuchen, in denen chinesische Spezialisten arbeiten, um Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Gleichwohl müssen die ersten Sekretäre der Bezirksparteikomitees, die Chefingenieure, die Direktoren der Institute, der Fabriken und Kombinate, wo chinesische Spezialisten arbeiten, wachsam sein, sich vorsehen, denn wir hatten oft zu leiden, unter den Titoisten, unter den Sowjetrevisionisten, und möglicherweise werden wir nun auch unter den Chinesen zu leiden haben.

Das grosse Interesse des Vaterlandes und der Partei verlangt, dass wir in diesen für China unbeständigen und chaotischen und für die Weltrevolution, besonders für das sozialistische Albanien gefährlichen Augenblicken die Lage in der Partei, die Einheit ihrer Reihen festigen, die Einheit von Partei und Volk festigen, aktivere Vorbereitungen auf die Verteidigung des Landes treffen und wachsam sind, unsere Wirtschaftspläne erfüllen, ja sogar überbieten. Das ist eine grundlegende Aufgabe zur Wahrung der Unabhängigkeit, der Freiheit und der Souveränität unseres Vaterlands. Wir alle müssen uns vor Augen halten - und das müssen wir auf die eine oder andere Weise der Partei, den Kommunisten, dem ganzen Volk klar machen -, dass das sozialistische Albanien sowohl im Innern als auch außerhalb seiner Grenzen stark ist. Im Ausland hat unser Land viele treue Freunde. Das sind nicht nur die Revolutionäre und die fortschrittlichen Menschen, sondern auch Leute, die, obwohl sie gegen unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung sind, die Politik des sozialistischen Albanien und den Mut unseres Staates achten.





DONNERSTAG. 14. OKTOBER 1976



DIE ACHTUNG SOLLTE GEGENSEITIG SEIN

Gestern sagte mir Genosse Nesti [Nase], der neue chinesische Botschafter habe darum gebeten, mich am 16. Oktober zu Hause aufzusuchen und mir zum Geburtstag gratulieren zu dürfen. Bei dieser Gelegenheit wolle er mir einen Blumenkorb überreichen.



Zu Teil 4