Das Zentralkomitee der PAA und das Präsidium der Volksversammlung veröffentlichten den Text des Entwurfs der neuen Verfassung der Volksrepublik Albanien. Überall im Ausland sprach und spricht man davon und analysiert ihn öffentlich. Nur in China findet dieses für unser Land so wichtige Ereignis, dieses in politischer, ideologischer, organisatorischer und verfassungsmäßiger Hinsicht so wichtige Dokument unserer Partei und des albanischen Staates nicht die leiseste Erwähnung.

In der chinesischen Presse schreibt man wertloses Zeug über unser Land. In allererster Line versäumt es die Presse dort nicht, nachzudrucken, was man im unrigeren Land Gutes über China sagt. Was es sonst noch an Nachrichten gibt, sind banale Chroniken: Hier fand diese Versammlung statt, dort jene Kundgebung, auf der einen sprach dieser, auf der anderen jener, in Albanien traf der und der ein, der und der reiste aus Albanien ab. Auch Sportmeldungen werden veröffentlicht. Doch in all diesen Chroniken wird niemals erwähnt, dass «diese oder jene Delegation dieser oder jener marxistisch-leninistischen kommunistischen Partei Albanien einen Besuch abstattete». So sehr hat China die politisch-ideologische Beziehungen zu unserem Land reduziert! Dies gilt für Presse und Propaganda, die politisch-ideologischen Gespräche zwischen unseren beiden Seiten wurden schon vor geraumer Zeit auf den Nullpunkt reduziert. Es gibt noch nicht einmal den geringsten Meinungsaustausch über das Weltgeschehen.

Was die Wirtschaftsbeziehungen und die Hilfen für die Armee anbelangt, so wurden auch sie auf das absolute Minimum reduziert. Und trotzdem bluffen die Chinesen nach außen hin, wollen den Anschein erwecken, Albanien sei ihr «treuester Verbündeter».

Wie haben wir diese Haltung zu verstehen? So, dass die Chinesen von ihren Leuten verspätet informiert werden? Das ist nicht schlüssig, denn es geht hier nicht um geringfügige Dinge, sondern um wichtige Ereignisse und Materialien unseres Landes und unserer Partei. Zudem gibt es ausser den Vertretern von Hsinhua in Tirana auch jede Woche das Flugzeug Peking-Tirana und zurück. Im Übrigen hat China auch seine Botschaft in Tirana.

Oder brauchen die Chinesen vielleicht Zeit zum Übersetzen und zum Studium unserer Materialien? Auch das ist nicht schlüssig, denn sie haben ein Bataillon von Übersetzern, und was uns betrifft, so verlangen wir gar nicht, dass sie irgendeinen Artikel oder Kommentare über diese Ereignisse bringen, sondern sind auch mit einer einfachen Nachricht zufrieden, aus der die chinesische Öffentlichkeit erfährt, dass in Albanien «diese Dokumente erschienen». Warum also handeln sie so? Was geht vor? Es gibt nur eine Erklärung: die Chinesen betreiben Sabotage, sie sind nicht einverstanden mit der politischen Linie unserer Partei.

Die Chinesen sprechen von der «Diktatur des Proletariats», dafür kämpfen auch wir. Sie äußern sich gegen die Sowjetunion, doch worum geht es denn im 19. Band? Außerdem, was machen wir denn Tag für Tag? Warum bringen sie dann nicht wenigstens die schlichte Nachricht, dass diese Dokumente erschienen sind?

Wie hat man dieses chinesische Rätsel zu verstehen? Sie wollen aus folgenden Gründen keine Propaganda für die richtige Linie unserer Partei machen:



a) weil dann ihre falsche Haltung herauskommt;

b) weil da der Größenwahn einer großen Partei und eines großen Staates ist;

c) weil sie mit der marxistisch-leninistischen Linie unserer Partei nicht einverstanden sind, weder in der Theorie noch in der Praxis - propagierten sie die richtige Linie unserer Partei, würde schon von daher die Konfrontation offensichtlich;

d) weil die Formeln und Schlagworte der Chinesen pseudomarxistisch sind;

e) weil sie wollen, dass wir ihnen um den Bart gehen, so sprechen und handeln wie sie. Die Chinesen billigen die prinzipienfeste marxistisch-leninistische Haltung unserer Partei nicht. Sie wollen; dass wir vor ihnen katzbuckeln. Dazu wird es selbstverständlich niemals kommen;

f) weil ihnen die inneren Maßnahmen nicht gefallen haben, die wir gegen die Partei- und Staatsfeinde Beqir Balluku, Hito Cako,. Petrit Dume, Abdyl Këllezi u.a. ergriffen haben. Weshalb? Wieweit hatten die Chinesen bei hrem Komplott die Finger im Spiel? Eines jedenfalls wissen wir: die Linie der Verräter unseres Landes gefiel den chinesischen Genossen;

g) weil die Chineser uns von den marxistisch-leninistischen, Positionen abbringen wollen, weil sie wollen, dass wir uns mit den Verrätern Tito und Ceaucescu vereinigen, weil sie uns in den revisionistischen Tümpel stoßen wollen. Selbstverständlich haben wir diese antimarxistischen und kapitulantenhaften Ansichten verurteilt.

All dies habe ich oft als Frage aufgeworfen und dazu Erläuterungen gegeben. Ich habe mich bemüht, in den Analysen objektiv und korrekt zu sein, auch wenn ich manches Mal sehr starke Worte gebrauchte. Ich meine aber, dass die Dinge beim Namen genannt werden müssen.

Für mich ergibt sich aus der Analyse der Fakten in dieser Frage, dass die Hauptsache bei dem chinesischen Rätsel ist: Ist die Kommunistische Partei Chinas auf dem richtigen marxistisch-leninistischen Weg? Ging sie früher diesen Weg? Befindet sie sich in organisatorischer Hinsicht wohl auf dem Weg einer Partei leninistischen Typs, wie ihn Marx, Engels und Lenin lehren? (Von Stalin wollen wir gar nicht reden, gegen den waren und sind die Chinesen. In Worten sind die Chinesen für Stalin, weil sie nicht anders können, haben sie doch nun einmal zu dieser Frage Stellung bezogen, und der Form halber stellen sie Stalin in Opposition zu Chruschtschow.)

Natürlich kann ich nicht behaupten, die Kommunistische Partei Chinas in ihrer Entwicklung und Struktur zu kennen. Doch meiner Meinung nach war schon der erste Schritt dieser Partei nicht richtig, auf dem marxistisch-leninistischen Weg, ob nun hinsichtlich der leninistischen Prinzipien, der Organisationsform oder verschiedener Probleme, die es zu lösen galt - bei der bürgerlich-demokratischen Revolution und später der Fusion mit der Kuomintang, im Bürgerkrieg, im Krieg gegen Japan, in Bezug auf die Rolle der Arbeiterklasse und die der Bauernschaft. Die Partei in China ging also bei all diesen erstrangigen Problemen meiner Ansicht nach chaotisch vor.

Nach unserer Feststellung machten sich von dem Augenblick an, da Mao die Führung der Partei übernahm, in ihrer Organisierung, in Ideologie und Praxis Abweichungen bemerkbar, Fraktionen, etwa die Li Li-sans, Wang Mings usw. usf. Gewiss kamen auch in. der Partei Lenins solche Dinge vor, die Feinde griffen die Bolschewistische Partei von innen und außen an, doch Lenin ging mit klarer marxistischer Ideologie und eiserner Faust gegen sie vor. Er stählte die Partei und gab ihr die unvergänglichen Normen, die die wahren marxistisch-leninistischen Parteien und die Weltrevolution richtig leiten und stets richtig leiten werden.

Ich glaube, dass Mao, als er die Macht antrat, eine gewisse Ordnung schuf. Er schuf die Armee und führte sie, leitete den Kampf, doch der Organisierung der Partei, ihrer Haltung wurden die grundlegenden Prinzipien, die leninistischen Normen nicht so zugrunde gelegt, wie es hätte sein müssen. Die Kommunistische Partei Chinas gewann an Ansehen, doch sie hätte sich auf ihrem langen Weg während und nach dem Krieg stählen müssen. Vor allem stimmten Maos Ansichten über die Hegemonie der Arbeiterklasse und ihr Bündnis mit der Bauernschaft von Beginn an bis heute nicht mit der marxistisch-leninistischen Theorie überein. Diese Ansichten sind, trotz aller Schlagworte, in dieser Hinsicht liberal, und ich meine, hier liegt der Ursprung der Schwankungen in der Linie der Kommunistischen Partei Chinas und Maos. Dies sind, wie uns Theorie und Praxis lehren, Schwankungen des Kleinbürgertums, der Bauernschaft. In China wie bei uns spielte die Bauernschaft tatsächlich eine große Rolle im nationalen Befreiungskampf, doch in China wurde sie, anders als bei uns, nicht von der Ideologie der Arbeiterklasse geführt. In unsrem Land war die Arbeiterklasse zahlenmäßig nicht vorherrschend, sie war sehr klein, doch ihre Ideologie war groß. Das bedeutet, dass unsere Partei auf leninistischen Grundlagen organisiert wurde und die Arbeiterklasse in eine hegemonische Stellung versetzte.

In China dagegen wurde zwar die Kommunistische Partei gegründet, vorherrschend wa: aber der Standpunkt, dass «das Dorf die Stadt einkreisen» müsse!. Das musste unweigerlich zu einem schwachen organisatorischen Zusammenhalt der Partei führen. Sie sollte darunter leiden, dass de Parteinormen nur unvollständig verankert worden waren. Und urvermeidlich mussten in ihren Reihen Fraktionen und antimarxistische Abweichler überhandnehmen (wie es sich dann auch heraussellte), auch wenn die Li Li-sans und Wang Mings gestürzt wurden

So ging die Kommunistische Partei Chinas meiner Meinung nach nicht so gut organisiert in den Kampf, wie es nötig gewesen wäre. Sie hatte keine klare Linie und konnte die wirkliche Vorhutrolle nicht spielen. Diese Partei wurde groß mit Fraktionen und hatte auich weiterhin immer Fraktonen, war einmal links, einmal rechts.

Die Armee und der Krieg überdeckten diese gefährlichen Krankheiten, und die Fraktionisten sammelten sich unter der Führung der «Kriegsherren», nur dass sie diesmal Armeekommandeure und Kommunisten waren, wie sie sich die Kommunistische Partei Chinas vorstellte. Es gab die Partei, doch die Armee war so allmächtig, dass man sagen kann, nicht die Partei kommandierte sie, sondern sie die Partei. All diese hervorragenden und tapferen Kommandeure bezeichneten sich selbst als Kommunisten, doch ihr Verständnis vom Kommunismus war bestimmt von den unklaren, schwankenden Ansichten und Orientierungen ihrer Partei.

In seinen Schriften aus der Zeit des Krieges behandelt Mao sehr viele Fragen der Partei richtig. Diese Schriften dienten der Erziehung der Kader, doch wie sehr und wie sie erzogen wurden, ist ein anderes Problem dessen Konsequenzen wir später sehen werden.

Die wichtigsten militärischen Führer, allen voran Mao, waren sowohl in der Zeit des Krieges als auch danach in der Führung, und das ist nur natürlich. Zusammen mit ihnen kamen in die Führung der Partei und des neuen Staates nicht nur Menschen, die im Kampf gestanden hatten, sondern auch andere. Diese Wahl wurde angeblich .in den von der Partei festgelegten Formen vollzogen, doch jeder Führer brachte mehr seine eigenen Leute mit sich als Leute mit Parteigeist.

Das aus dem Krieg hervorgegangene große China musste auch als Staat organisiert werden. Doch was für ein Staat sollte das sein? Ein Staat der Volksdemokratie, doch seine rote Fahne trug 4 Sterne, die .die vier Klassen der chinesischen Gesellschaft (?!) versinnbildlichten, sowie einen weiteren Stern in der Mitte. Wessen Hegemonie versinnbildlichte dieser Stern? «Der Arbeiterklasse», hieß es, doch die wirtschaftlichen; politischen und organisatorischen Reformen, die man durchführte, gingen nicht in diese Richtung, denn die Partei selbst war nicht monolithisch, in ihren Reihen bestand keine ideologische Einheit, sondern eine «Einheit» um Mao. Die Kapitalisten existierten in diesem Staat weiter als Klasse, bezogen sogar Renditen.

Unter Maos Banner brachte Liu Schao-tschi die Staatsmacht .und die Partei in seine Hand. Deng Hsiao-ping leitete die Partei, Tschou den Staat. Mao war die Säule, um die herum sich der Reigen drehte. Die Armee war in den Händen des Marschalls Peng Dö-huai. Diese mächtige Gruppe tat, was ihr beliebte. Man sprach vom Sozialismus, ging aber dem Revisionismus zu.

Peng Dö-huai hatte derart viel Handlungsfreiheit, dass er die Armee auf den chruschtschowschen Weg bringen konnte. Er übernahm all dessen psychische, politische, materielle und organisatorïsche Merkmale. Liu bereitete zusammen mit Peng Dö-huai und Deng Hsiao-ping die Konterrevolution vor. Peng Dö-huai wurde vom Zentralkomitee abgelöst, an seine Stelle trat sein Freund Lin Biao. Neue Reformen, ganz andere als die vorhergegangenen, wurden in der Armee durchgeführt, und zwar von Mao. Die Armee war stets der Eckpfeiler, stand sie doch angeblich unter Leitung von Mao selbst. Liu Schao-tschi hatte die Partei, Tschou En-lai dagegen war von Anfang bis Ende der opportunistische Vermittler. Damals spitzte sich der Kampf um die Macht zu. Doch wie? Mit opportunistischen Parolen, angefangen bti den «hundert Blumen», d.h., dass alle Ideologien und Fraktionen in der Partei geduldet wurden, über den «Kampf gegen die Oper und die Universität» bis hin zu der Losung: «Alles muss der Gangart der Armee folgen». Und so wurde Lin Biao zum allmächtigen Retter. Liu Schao-tschi sah die ihm drohende Gefahr und versuchte, Mao abzusägen, wie das Breschnew mit Chruschtschow getan latte.

Mao sah die Gefahr ebenfalls und mobilisierte die Hungweibings zu Millionen. Die Kulturrevolution begann ohne Führung durch die Fartei, ohne Arbeiterklisse. Auch Liu handelte, die «Rebellen» und Verschiedene Organisationen traten auf. In China griff Anarchie um sich, die Partei war liquidiert worden, auch die Massenorganisationen wurden liquidiert, und der Bürgerkrieg zwischen den Fraktionen begann. Man kann sich also vorstellen, was das für eine kommunistische Partei in Chna war! Mao rief dann Lin Biao zu Hilfe und deckte ihn mit Titeln ein, damit er der Armee Befehl zum Eingreifen gebe, und die Armee griff ein. Durch diese «Kulturrevolution» wurden Liu Schao-tschi und einige weitere Führer wie Deng Hsiao-ping beseitigt. (Was mit ersterem geschah, ist nicht bekannt, Deng dagegen wurde «umerzogen», und inzwischen hat der «Feind Nr. 2» in China mir nichts, dir nichts seine alten Funktionen wieder eingenommen.) Lin Biao wurde während c?er Kulturrevolution zim «Kriegsherrn», machte das Gesetz, veröffentlichte und verbreitete das «rote Buch», die «Maobibel», von ihm kamen die Plaketten mit Maos Kopf, von Tschen Bo-da dagegen die Reden. Die Armee dominierte über die Partei und die Staatsmacht, «Revolutionskomitees» wurden geschaffen, die taten, was Lin E;ao sagte. Dieser trieb sein eigenes Spiel, «traf Vorbereitungen, um Mao in die Luft zu sprengen und China mit der Sowjetunion zu verbinden», wie es heißt. Mao manövrierte, jagte Lin Biao zum Teufel, richtete zusammen mit Tschou die Antennen auf die Vereinigten Staaten von Amerika, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, das «Vereinte Europa», auf Franco und Pinochet, und sie erklärten China zum Mitglied der «dritten Welt», zusammen mit Spanien, Ägypten, Chile, Jugoslawien, der Türkei usw. usf.

Was lässt sich einer kurzen, nicht sehr vollständigen Aufzählung dieser Ereignisse in der Kommunistischen Partei Chinas entnehmen?

Ihre Führung sagt, in der Kommunistischen Partei Chinas gebe es zwei Linien. Sie akzeptiert, dass diese beiden Linien bestehen, und betrachtet das, wie mir scheint, als Existenzbedingung für die Partei - und das nennen sie Klassenkampf in der Partei. Ich meine allerdings, dass es in dieser Partei nicht nur zwei Linien gibt, sondern viele Linien, die im Ringen um die Macht aufeinanderprallen. In der Partei herrscht Chaos, sie führt keinen Klassenkampf nach gesunden marxistisch-leninistischen revolutionären Prinzipien. Oder besser gesagt: die Partei führt überhaupt keinen Klassenkampf, in ihr findet ein Kampf zwischen Clans statt. Die Clans sitzen in der Partei und in der Staatsmacht, an der Basis und in der Führung. Alle Parteigänger der Fraktionisten, die man angeblich verurteilt hat, sind in der Partei, sind aktiv. Diese ganze Entwicklung vollzog und vollzieht sich unter dem Namen Maos. Er wird zum Tabu, man lernt seine Zitate, hinter den Kulissen allerdings betreibt jede Fraktion ihr eigenes Geschäft. Mao selbst lässt, wenn schon nicht die «hundert Blumen», so doch die «zwei Blumen» zu. «Soll es die zwei oder drei Fraktionen ruhig geben, sollen sie zusammenleben, alle 7 Jahre machen wir dann eine Revolution», sagt er, «und werden sehen, wer gewinnt. Wenn die Rechten siegen, werden die Linken sich erheben und sie stürzen.» Das ist «Maos glänzende Theorie»!! Und so war es tatsächlich auch der Fall. Seit Mao an die Spitze der Kommunistischen Partei Chinas trat, wurde Li Li-san gestürzt, kam Wang Ming in die Führung und wurde gestürzt, kam Liu Schao-tschi hoch und wurde gestürzt, kam Lin Biao nach oben, und auch er wurde gestürzt, nur Tschou En-lai blieb bis zu seinem Tod an der Macht. Doch wie wird es nun weitergehen? Mao wird auf genau die gleiche Weise die Arbeit fortsetzen. Zur Zeit gibt es keinen Ministerpräsidenten in China, die Funktion des Regierungschefs nimmt Deng wahr, der außerdem Generalstabschef ist. Doch wir kennen ihn. Deng sieht sich Dschang Tschun-tjiao als politischem Leiter gegenüber, und an der Stelle eines Verteidigungsministers (den es noch nicht wieder gibt) steht ein Greis, der mehr Tschou En-Lais Strömung zuneigt. An der Spitze der Wirtschaft steht (ohne an der Spitze zu sein) Li Hsiän-niän, allen - Tschou. Deng. Lin Biao, Mao - zutiefst ergeben, niemals aber dem Marxismus-Leninismus.

Dies ist die Lage in der Führung der Kommunistischen Partei Chinas, gar nicht zu reden von der Lage unten. Dort gibt es «Linke»., gibt es «Rechte», gibt es «Gemäßigte», gibt es, was immer man will. Alle tun so, als folgten sie Maos Linie, und sie sind tatsachlich gezwungen, ihr zu folgen, aus Angst vor den Schlägen, die sie im Fraktionskampf beziehen könnten. Doch dieser wird ausbrechen, wenn nicht gleich, so doch bald nach Maos Tod. Nun haben die Scharmützel begonnen: Der Bildungsminister ist ein Revisionist, er ist nicht in Ordnung, usw. Die Kampagne gegen Liu wurde zurrückgeschraubt, auf der Tagesordnung steht nun die Kampagne gegen Lin Biao und Konfuzius. Bis wann wird sie weitergehen? Wird sie gerade abgeschwächt? Zwei Gedichte Maos wurden veröffentlicht, die groß herausgestellt werden. Was geht aus diesen Parabelgedichten hervor? Es ist nichts zu verstehen. Nach gewohnter Art spricht man weiter in Andeutungen, und es bedürfte eines Exegeten, sie zu interpretieren, so wie das Lin Biao seiner Zeit tat.

Man schreibt einen nicht schlechten Artikel über die Diktatur des Proletariats, rührt weiter die Trommel gegen die Sowjetrevisionisten und unterstützt auf der anderen Seite die imperialistische amerikanische Politik. Taucht die Frage auf : wer dominiert bei alledem? Die Linken Djiang Tjing, Dschang Tschun-tjiao, Wang Hung-wen und Yno Wen-yüan oder die Rechten mit Deng und seiner Bande, oder die Gemäßigten, die Opportunisten, die Revisionisten wie Tschou und sein Kreis? Es ist unmöglich, etwas Genaues zu sagen. China bewegt sich «nach dem Trägheitsgesetz», es heißt, es sei dabei, sich ökonomisch und militärisch zu stärken, doch dass es ideologisch und politisch einen richtigen Kurs ginge, können wir nicht sagen. Das chinesische Volk ist tapfer, klug. arbeitsam, doch politisch und ideologisch wird es nicht auf einem richtigen Kurs geführt.

Es heißt, die Linken dominierten in der Führung, doch in der Politik der Partei und des Staates können wir keine sichtbaren Veränderungen feststellen. Es heißt, es gebe zahlreiche Leute Lin Biaos, und das könnte stimmen: außerdem sagt man, Tschou En-lai habe ausser bei Mao nicht viel Unterstützung gehabt. Man spricht davon, Dengs Leute seien dabei, die Macht zu ergreifen, andere wieder sagen, dies gelte für Lins Leute, doch wem soll man nun glauben und wem nicht? Alles muss man ausgehend von ihrer Politik, ihrer Ideologie, ihren Handlungen bestimmen. Gerade die aber sind rätselhaft, unklar, beim einen wie beim andern.

Was zeigt das? Meiner Meinung nach zeigt das, dass die kommunistische Partei Chinas keine richtige marxistisch-leninistische Linie hat, dass es in ihr Strömungen, Fraktionen, Schwankungen, also keine Stabilität gibt, weil keine marxistisch-leninistische Einheit des Denkens und Handelns vorhanden ist. Die Partei hat nicht wirklich das Kommando. Die Armee geht voran, doch sie steht nicht unter dem Kommando der Partei; die Wirtschaft geht voran, doch ebenfalls nicht unter dem Kommando der Partei; eine Politik wird gemacht, doch sie wird nicht von der Partei geleitet und ist nicht auf marxistisch-leninistischem Kurs.

Die Menschen, die Gruppen, die Fraktionen, die sich hinter Maos Namen verschanzen, leiten, prallen aufeinander, sagen heute hü und morgen hott. Chinas Zukunft, Chinas Morgen liegt also im Ungewissen. Wohin geht China? Wohin wird es gehen und wie wird es gehen? Man weiß es nicht. Unter den gegebenen Verhältnissen ist dieser Zustand, und das habe ich auch schon früher gesagt, gefährlich für die Revolution, für den Weltfrieden, für den Sozialismus.

Chinas Haltung unserer Partei und unserer Volksrepublik gegenüber ist erklärlich. Wir rücken nicht von unseren richtige Positionen ab, denn wir lassen uns vorn Marxismus-Leninismus leiten. Die Haltung der Chinesen uns gegenüber dagegen ist schwankend. Die Basis in China mag uns, spricht gut über uns. Die Führung; dagegen hält es mit Sprüngen. Einst sprach sie gut, dann sprach sie überhaupt nicht. Es ist leicht begreiflich, leicht erklärlich, dass dies, Haltung uns gegenüber nicht prinzipienfest, nicht marxistisch-leninistisch ist. Können sich die chinesischen Führer ändern? Kann es später „schönes Wetter“ geben? Bei den Chinesen ist alles möglich. Wir sind wachsam und verteidigen unsere Partei, .ihre marxistisch-leninistische Linie und die Republik. Wie heute werden wir auch in Zukunft für die Revolution arbeiten.





FREITAG, 23. JANUAR 1976



ZÖGERN BEI DER BESETZUNG VON TSCHOU EN-LAIS FUNKTION!

Tschou En-lais -Tod,. So lesen wir., hat im chinesischen Volk tiefe Betroffenheit und große Trauer ausgelöst. Und dafür gab es Gründe, denn Tschou war für es, nach Mao Tsetung, der hervorragendste, arbeitsamste Mann; ein ausgezeichneter Organisator und kluger Staatsmann.

Seit Tschou En-lais Tod ist nun schon einige Zeit verstrichen, doch wir sehen nichts davon, dass ein neuer Ministerpräsident bestimmt würde. Ich meine, China darf nach dieser seelischen Erschütterung - nicht ohne. Führer- des höchsten Exekutivorgans bleiben. China ist ein großes Land mit vielen komplizierten Problemen, die gelöst werden müssen. In unseren sozialistischen Ländern ist die Führung natürlich kollektiv. Das gilt auch für China; da es jedoch in der Führung der Partei dort zu nicht wenigen Vorfällen gekommen ist, darf man nicht zögern, darf man nicht Fraktionen sich entwickeln lassen. Denn auch wenn man sagt und schreibt, es gebe keine Fraktionen, so gibt es doch den Geist, die Strömung und die Leute Liu Schao-tschis. Sie leben, arbeiten und haben als Rehabilitierte Funktionen inne, sie intrigieren auf jeden Fall, versuchen, wenn sie es können, die Macht zu übernehmen.

Es gibt den Geist, die Strömung und die Leute Lin Biaos und Tschen Bo-das, sie leben, arbeiten, haben als Rehabilitierte oder «Unbefleckte» Funktionen inne und intrigieren auf jeden Fall, versuchen ebenso, wenn sie können, die Macht zu übernehmen.

Es gibt auch «gemäßigte», «diplomatische» Elemente, wie Tschou es war, der sich auf Mao stützte und von da nach dort schwankte.

Leute mit Tschous Ansichten gibt es jede Menge, sowohl in der Führung als auch an der Basis.

Schließlich sollte es in der Partei und in der Staatsmacht auch wahre Marxisten-Leninisten geben, die die Kommunistische Partei Chinas, die Diktatur des Proletariats leiten, festigen und stählen, konsequent den Klassenkampf fortsetzen müssten.

Nun zögert man aber anscheinend, einen Ministerpräsidenten zu bestimmen. Weshalb? Ist dieses Zögern auf Verfahrensfragen oder auf einen Fraktionskampf zurückzuführen? Letzteres wäre gefährlich, und je schneller auf marxistisch-leninistischem Weg eine richtige Lösung gefunden wird, desto besser für China. In China haben wir auch schon eine andere Praxis erlebt: während der Kulturrevolution leitete in China die Regierung ohne Minister, nur mit Vizeministern. Auch jetzt mag man ohne Ministerpräsident regieren, nur mit stellvertretenden Ministerpräsidenten und Deng Hsiao-ping als erstem stellvertretenden Ministerpräsidenten. Das ist Maos Taktik: man macht einen Versuch, wartet ab, lässt sich Zeit, entscheidet dann, welche Fraktion dominieren soll bzw. welche Fraktion durch eine andere entmachtet werden muss, um dann endlich zu Beschließen. Eine solche Linie ist nicht kontinuierlich, nicht stabil, denn sie hängt von einer Person ab, auch wenn sie kollektiv genannt wird, auch wenn dem Prinzip nach der demokratische Zentralismus besteht. Warten wir ab, wie sich die Dinge entwickeln.





DONNERSTAG, 29. JANUAR 1976



DIE CHINESEN ARBEITEN AUF DIE BLOCKADE GEGEN ALBANIEN HIN

Der wichtigste Mann unter den chinesischen Spezialisten im Metallurgischen Kombinat in Elbasan hat damit begonnen, in übler Absicht einige Bemerkungen fallen zu lassen, die jeder Grundlage entbehren und nach Provokation riechen. Er kam zum Direktor des Kombinats und zum Parteisekretär und sagte ungefähr folgendes: «Eure Leute unten in dem und dem Betrieb sagen zu unseren Genossen (den Chinesen): 'Ihr könnt gehen, denn wir (die Albaner) brauchen euch nicht mehr, es gibt von euch (den Chinesen) zu viele.' Deshalb haben wir auch einige zurückgeschickt. Es wäre gut, wenn es weniger, dafür aber gute chinesische Spezialisten gäbe, als viele und schlechte», fuhr er fort. «Wir sind Brüder, schafft deshalb unten Ordnung», usw.

Unsere Leute machten natürlich große Augen und sagten erstaunt zu dem chinesischen Genossen: «Was sagt ihr da? Wir brauchen euch hier sehr, und zwar nicht nur die, die schon da sind, sondern sogar noch mehr. Auf keinen Fall dürfen die chinesischen Genossen weggehen. Falls ihr irgendeinen von ihnen abziehen wollt, entscheidet selbst und gebt uns dann Bescheid. Aber sagt uns doch bitte, was waren das für Leute von uns, die so etwas ohne unsere Erlaubnis getan haben?»

Der Chinese antwortete ihnen: «Wir können euch keine Namen nennen, sonst ergreift ihr Maßnahmen und bestraft sie.» Und setzte dann sogar noch hinzu: «Einer (ein Albaner) hat einem unserer Leute auch in einem Brief seine Ansicht mitgeteilt, er (der Chinese) könne gehen, Die Unsrigen sagten zu ihm: «Dass ihr uns nicht die Namen unserer Leute mitteilen wollt, dass ihr uns nicht einmal den Brief gebt, überrascht uns. Was sollen wir denn dann machen? Wie sollen wir dieses Rätsel lösen?»

«Ergreift unten Massnahmen», sagte er.

«Aber gegen wen denn, wenn wir die Schuldigen gar nicht kennen? Und außerdem, wie könnt ihr denn nur von zwei oder drei Leuten ausgehen, die möglicherweise sogar Provokateure sind und Unfrieden zwischen uns stiften wollen? Wir meinen, dass ihr über diese Fragen, wenn es Probleme zu lösen gibt, mit uns, den Leitern, sprechen müsst, und wir mit euch.»

In Wirklichkeit ist dies eine Provokation gegen uns, mit dem Ziel, jener Fraktion in Peking, die uns nicht gut gesinnt ist und nach einem Vorwand sucht, um die Arbeit an den Werken in unserem Land und ihre Fertigstellung zu verzögern oder zu behindern, aus der Luft gegriffene Waffen an die Hand zu geben. Das sind keine persönlichen Provokationen, sie sind mit Sicherheit befohlen. Das ist wirtschaftlicher Druck, um dann, vor unserem 7. Parteitag, auch zu politischem Druck überzugehen. Wir durchschauen solche Akte klar, denn wir kennen sie von früher, von anderen. Auch jetzt wirft uns die rechte Fraktion in Peking «den Handschuh hin», damit wir ihn aufnehmen und sie uns dann beschuldigen können, wir hätten zuerst angegriffen.

Deshalb habe ich den Genossen geraten, in den Gesprächen mit ihnen kühlen Kopf zu bewahren. Ich sagte ihnen, der stellvertretende Bauminister solle ins Kombinat gehen und sich «kameradschaftlich und brüderlich», wie die Chinesen zu sagen belieben, mit ihnen unterhalten. Zunächst, so riet ich ihnen; sollten sie die Direktoren und Parteisekretäre der Betriebe des Kombinats fragen, aus denen Glie Chinesen weggegangen sind. Die Genossen taten das auch, und alle unsere Leute dort antworteten: «Die Chinesen selbst sind gekommen und haben uns gesagt, der oder der werde gehen», worauf sie ihnen gesagt hätten: «Sie dürfen auf keinen Fall gehen, wir brauchen sie dringend. Trefft deshalb bitte Massnahmen, dass sie bleiben.»

Es zeigt sich klar, dass diese Sache absichtlich aufgezogen wurde. Doch die in Peking machen noch etwas anderes, viel schwerwiegenderes. Ein Beamter des chinesischen Industrieministeriums teilte unserem Handelsattaché in China mit, die Nickel-Kobalt-Fabrik, die laut Vertrag in einem Zug gebaut werden sollte, solle nun «in zwei Phasen errichtet werden».

Das ist eine weitere große Provokation. Wir werden sehen, was sich daraus ergibt, werden wir doch auf der Einhaltung des Vertrags besteh en.

Die Raffinerie in Ballsh ist fertig bis auf zwei oder drei Kompressoren, deren Lieferfrist überschritten ist.

«Wir experimentieren gerade damit», sagen sie uns.

«Wie lange müssen wir denn noch warten, wann werden die Tests endlich abgeschlossen? Wie wäre es denn, wenn ihr sie in Westdeutschland für uns einkauftet?» fragten wir bei ihnen an.

«Nein, wir haben keine Devisen», antworten uns die Chinesen.

«Dann stellen eben wir diese Devisen bereit, das ist doch keine grosse Sache», sagen wir ihnen. Doch auch darauf gehen sie nicht ein.

Was hat das zu bedeuten?! Uns ist das klar. Das ist Sabotage, Druck. Die Chinesen arbeiten auf die Blockade gegen Albanien hin. Wir werden vorsichtig sein, denn sie wollen uns die Schuld anhängen.





MITTWOCH, 11. FEBRUAR 1976



MAO SCHALTET UND WALTET NACH BELIEBEN

In China wurde eine neue Dazibao-Kampagne gegen «wichtige Leute an der Macht» eingeleitet, die während der Kulturrevolution verurteilt worden waren, unaufrichtig Selbstkritik übten und rehabilitiert wurden. Diese ehemals Verurteilten, die wieder hochgekommen sind, sind -genau die, die gesagt haben : «Ob schwarze oder weisse Katze, Hauptsache, sie fängt Mäuse» (eine Aussage von Deng Hsiaoping). «Diese Leute», heisst es in den Dazibaos, «werden, wenn sie sich der Linie Mao Tsetungs entgegenstellen, das gleiche Schicksal erleiden wie Liu Schao-tschi», usw. usf. Es heisst, an der Peking-Universität seien 45 Dazibaos über Deng Hsiao-ping aufgehängt worden. Er ist «von der Bühne verschwunden», schon seit er Tschou En-lai das De profundis las. Die ausländischen Nachrichtenagenturen berichten, in den Dazibaos werde auch Tschou En-Jais «ökonomistische» Politik attackiert.

Li Tjiang, der Handelsminister, erklärte unseren Genossen, Li Hsiän-niän liege herzkrank im Krankenhaus. Warum hat er uns das gesagt? Was schert uns denn dieser Revisionist, dieser schillernde Lakai, ein chinesischer Führer, der unsere Partei und unser Land niemals mochte?

Bekannt ist, dass Deng Hsiao-ping inzwischen nicht mehr als erster stellvertretender Ministerpräsident hervortritt.

Die ausländischen Nachrichtenagenturen sprechen offen davon, die linke, die radikale Gruppe, die Schanghaigruppe, habe die Macht übernommen. Doch was wirklich vor sich geht, wissen wir nicht. Vor ein paar Jahren holte Mao Deng aus der Versenkung, rehabilitierte ihn, machte ihn zum stellvertretenden Parteivorsitzenden und stellvertretenden Ministerpräsidenten, der im Namen Tschou En-Jais schaltete und waltete. Und als Tschou im Krankenhaus war, machte er ihn zum Generalstabschef. Fehlte nur noch, dass er ihn, wie einst Lin Biao, zum «hervorragenden Waffengefährten des grossen Steuermanns» ernannte.

Was passiert nun? Mao stürzte Deng erneut. Wird er einen anderen auf den Schild :eben, um ihn dann eines Tages wieder zu stürzen und mit irgendeinem neuen Deng anzukommen? Was dort geschieht, ist ganz unverständlich, oder besser gesagt, man begreift, dass Mao schaltet und waltet, einsetzt, wen er will, den einen fallenlässt, den andern fördert die zwei Linien in der Partei und in der Staatsmacht beibehält und anspornt. Jeder Parteitag in China hatte dieses Ziel, und Mao sorgt dafür, dass eine Gruppe von Machthabern gestürzt wurde und eine andere an ihre Stelle kam. Diese Politik ist opportunistisch, nicht revolutionär, nicht marxistisch-leninistisch. Sie weckt nicht Verrauen, im Gegenteil, sie diskreditiert und sabotiert den Aufbau eines wahrhaft sozialistischen Systems, eines Staats der Diktatur des Proletariats mit einer marxistischleninistischen Linie. Die chinesische Linie ist typisch kleinbürgerlich, verbrämt mit marxistisch-leninistischen Phrasen und Schlagworten. Die Fassade ist rot und wird so propagiert, der Inhalt jedoch ist weder rot noch sozialistisch. Und zu all dem lässt sich beim besten Willen nicht anders sagen, als: der Architekt dieses Gebäudes ist der große Steuermann».







MITTWOCH, 25. FEBRUAR 1976



CHINESISCHES RÄTSEL, MAOISTISCHER WIRRWARR

In China gär t es. Gleich nach Tschou En-lais Einäscherung brach mit aller Kraft ein Feldzug gegen die Rechten los, gegen die «wichtigen Leute in der Führung, die den kapitalistischen Weg eingeschlagen haben», gegen diejenigen, die «gegen die Kulturrevolution waren», gegen «diejenigen, die rehabilitiert wurden und erneut den Kampf gegen die Linie des grossen Steuermanns aufnahmen». Die Zeitungen und Zeitschriften sind voll von Artikeln, in denen diese Strömung, diese «Pest» gebrandmarkt wird. Nach chinesischer Sitte werden vorläufig noch keine Namen genannt, doch man setzt «Chinas zweitem Chruschtschow», der «Hauptfigur nach Liu Schaotschi», einem «Feind wie Liu und Lin» und dergleichen mehr den Hut auf. Selbstverständlich ist die Rede von Deng Hsiao-ping. Seit einem Monat ist er nicht mehr auf der Bildfläche erschienen, es ist aus mit seinem Ruhm, die Empfänge und Verabschiedungen als Stellvertreter des Ministerpräsidenten Tschou En-lai hat nun ein anderer übernommen, ein Feng oder Fang, dessen Namen wir uns noch nicht eingeprägt haben, kommen doch diese Leute heute hoch und stürzen morgen wieder. Das ist Maos Taktik: Deng entlarvt er nicht, und in dem Neuen sieht er auch nicht den Ministerpräsidenten.

Für mich ist klar, dass der Schlag gegen Deng sich auch gegen Tschou En-lai, Li Hsiän-niän und ihre Gruppe richtet. Doch wer führt den Schlag gegen sie? Mao?! Ich glaube nicht. Mao ist Opportunist. Es heisst, es seien die «Linken, Radikalen» wie Wang Hungwen, Djia.ng Tjlng, Yao Wen-yüan und Dschang Tschun-tjiao. Das ist absolut möglich. Doch wie lange, wie weit wenden sie diese Kampagne führen? Man weiss es nicht, das ist Maos Sache, der bis gestern Tschou die Stange hielt, während er heute ihnen, den .,Linken» sagt: «Macht ihr nur eure Revolution.»

Was aber hat sich in diesem ganzen Durcheinander geändert? Was ändert sich? Wechseln die Leute, ändert sich die Politik oder die Ideologie? All das geht von Tag zu Tag mehr nach rechts, besonders die Aussenpolitik, die von der Ideologie ihren Anstoss erhält, geleitet wird. Nichts gerät in Bewegung, die Amerikaner bleiben Freunde der Chinesen, die Sowjets Feinde. Doch auch in der proamerikanischen Politik Maos machen sich unvorstellbare Absonderlichkeiten bemerkbar. Während die «linke Kampagne» läuft, und es in China wie in einem Kessel brodelt, wird Amerikas Expräsident Nixon, der Watergate-Gauner, der übelste Antikommunist und Faschist, nach China eingeladen und auf dem Flughafen vom Ministerpräsidenten mit einem Anhang von vielen tausend Menschen empfangen, die amerikanische Fahnen schwenken und ihm zujubeln!!!

Das ist das chinesische Rätsel, der maoistische Wirrwarr.

Für die ganze Welt ist dies unbegreiflich - mit gutem Grund. Meine Erklärung dafür ist die: Mao ist mitsamt den ihm nahestehenden Genossen von allen guten Geistern verlassen. Er glaubt, er betreibe eine grosse, kluge Politik. Seine Absicht, sein strategisches Ziel ist: die Widersprüche zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion vertiefen. Die Sowjetunion hält er für den Hauptfeind, deshalb haben wir, seiner Meinung nach, alle Kräfte gegen ihn zu sammeln. Mao sagt: «Der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion wird in Europa stattfinden.»

Bei Nixon war sich Mao ziemlich sicher, dass diese seine Strategie durchgehen würde, doch in diesem Fall ist er in der Tat «hereingefallen». Bei Ford dagegen ist er sich nicht sicher, deshalb hat er íhn kühl empfangen. Auch Ford seinerseits trat offen gegen Maos Strategie auf. Da will nun der «geniale» Mao «Ford und die Vereinigten Staaten von Amerika schockieren», all die in den neuen Skandal um die Schmiergelder von Nixon und seiner Regierung verwickelten faschistischen Regierungen und Staatsmänner in Europa und überall sonst auf seine Seite ziehen - und lädt Nixon nach China ein, wo man ihn mit großem Pomp empfängt, so als sei er noch Präsident. Und tatsächlich will Mao mit dem, was er da tut, zum Ausdruck bringen, dass er nicht einverstanden ist mit den Anklagen gegen den «wunderbaren» Nixon, sagen: «Wenn ihr Amerikaner an einem guten Verhältnis zu China interessiert seid, müsst ihr Nixons Politik verfolgen, der, auch wenn er nicht Präsident ist, die amerikanischen Konzerne zu grossen Geschäften mit dem sozialistischen China drängt.» Der ganzen Welt dagegen sagt Mao: «Lasst mich in Ruhe! Ich bin der Vertreter eines grossen Staates und weiss, was ich tue!»

Anders können wir uns diese Dinge nicht erklären. Ob wir recht haben oder nicht, wird die Zeit erweisen.

Was den Verlauf der Ereignisse in China betrifft, so kann ich daraus folgendes ableiten: Vor allem ist Mao Tsetung kein konsequenter Marxist-Leninist, obwohl man ihn «Theoretiker», «Philosoph», ja sogar «Klassiker» des Marxismus-Leninismus genannt hat. Er neigt zum rechten Flügel der Linken. In Wirklichkeit ist er kein Mann der Tat.

Als Mao an die Spitze der Partei kam, erwies er sich als der Rechteste der Linken, seine wirklichen Positionen waren zentristisch, sie bremsten weder die Linksradikalen, noch waren sie ein Schlag für die Rechten. Die Rechten, ,besonders einige Hauptführer dieses Flügels, schaltete er nach außen hin aus, ließ sie aber zugleich in Villen «vegetieren» und gab ihnen auch ihr Gehalt, ob nun im Inland oder im Ausland wie Wang Ming in Moskau. Die Linken duldete er so lange, bis sie die Macht ergriffen. In der Zeit nach der Befreiung leiteten Liu Schao-tschi, Deng Hsiao-ping, Tschou En-lai und ihr Flügel China, die Partei, die Wirtschaft, die Armee unter der Fahne Maos, den sie zum Gott machten und im Tempel einschlossen. Mao wurde zwar göttlich, hatte aber in Wirklichkeit nichts zu sagen. Doch stand Mao etwa in Opposition zu ihnen? Nein, er billigte ihre Ansichten, weil sie seinen Anschauungen entsprachen.

Diese «Linken» wollten weitergehen und waren bemüht, dementsprechend zu handeln: die «Linken» verwandelten sich auf einmal in Rechte, sie zahlten den Kapitalisten, die Leitungsposten behielten, weiter Renditen und waren einig mit den Chruschtschowianern. Dies gefiel Mao nicht, der in Worten eifrig für Chruschtschow war. Als der jedoch China nicht die Atombombe gab und nach Washington reiste, um mit den Amerikanern Freundschaft zu schließen, da war Mao empört, wollte er sich doch selbst mit den Amerikanern verbinden. Da er aber sah, dass im Land das Trio LiuDeng-Tschou die Macht hatte, blieb Mao nichts anderes übrig, als die Hungweibings in die «Revolution» zu werfen, seine Fama auszuschlachten, um die «Hauptquartiere» anzugreifen.

So kam es zur Kulturrevolution. Liu und Deng wurden entlarvt, während Tschou als der «Seiltänzer», der er war, das sinkende Schiff «Liu-Deng» verliess und Lin Biaos «Rotes Buch» erhob, ohne dabei auch nur ein Jota von seinen rechten Anschauungen abzugehen. Tschou erwies sich als Organisator, Wirtschaftler, Politiker, doch als wankelmütiger Politiker. Liu brauchte ihn, und Tschou diente ihm. Nach dem Sturz von Liu-Deng brauchte auch Mao Tschou, behielt ihn also auch während der Kulturrevolution an der Spitze der Regierung, beschützte ihn sogar vor den Angriffen dieser Revolution. Während dieser ganzen Zeit des Chaos bewies Tschou, wie geschickt er manövrieren konnte. Er kam unter den Pantoffel von Mao, Djiang Tjing, Lin Biao und bemühte sich zugleich, seine Stellung zu festigen, was Mao recht war, hatte er doch keinen anderen von Tschous Kaliber, der ihm die Arbeit machte.

Unter diesen Umständen, während all dies geschah, sammelte Tschou alle seine Leute, die Leute Lius und Dengs um sich, katzbuckelte vor Lin Biao und wurde so zum Feuerlöscher der Kulturrevolution. Lin wurde zum Teufel gejagt, während Tschou mit seinem Apparat der «Erste» hinter Mao blieb, der in seinem Turm sass. Tschou wurde auch in dieser Periode unersetzlich für Mao. Er erstickte die Revolution, rückte die Wirtschaft an die erste Stelle, brachte seine Kader an die Macht und wartete auf Maos Tod, um dann das gesattelte Pferd zu besteigen. Nun kamen aber einige Junge in die Partei- und Staatsführung. Tschou akzeptierte sie, weil sie «Gewächse» der Kulturrevolution waren, hoffte aber, sie später abernten zu können. Ob Mao wohl wusste, wer Tschou war? Meiner Meinung nach schon, doch er brauchte Tschou und passte sich seinen polltisch-ideologischen Schwankungen an.

Beide, Mao wie Tschou, sorgten für die Zukunft. Mao für seinen Teil brachte einige Junge in die Führung, um sie im Schatten seines eigenen Kults zu formen. Für Mao stellten sie den «linken Flügel» seines ideologischen Spiels dar. Der an Krebs er krankte Tschou kümmerte sich ebenfalls um Erben für später. Es war demnach nur natürlich, dass Deng Hsiao-ping rehabilitiert werden musste, um als künftiger «Chef der rechten Linie» Tschous Kurs fortzuführen. Mao segnete diese Initiative Tschous ab, denn er wusste, dass dieser sterben würde, und dachte, im Vergleich zu Tschou sei Deng, der in der Kulturrevolution bereits entlarvt worden war, weitaus weniger gefährlich. So setzte sich Deng in Trab und hielt Schritt mit dem Herannahen von Tschous Ende.

Tschou starb. Mao war ein Stein aus dem Weg geräumt, ebenso den Jungen, die mit Maos «Erlaubnis» Dengs Entlarvung begannen. «Eine kleine Revolution, bei der kein Blut vergossen wurde», sondern Tinte. Denn Mao weiß wohl, dass die Jungen mit älteren und alten Kadern zusammen regieren müssen, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl auf Tschou En-Lais Linie standen und stehen. Also: «Jagt einige der wichtigsten Leute davon, danach setzt das alte Spiel der zwei Linien fort. Wenn die Linken allzu radikal geworden sind, lassen wir die Rechten von der Kette, und so weiter.»





MITTWOCH, 3. MARZ 1976



DIE GEGENWART IST UNDURCHSICHTIG - MAN WEISS NICHT, WAS DIE ZUKUNFT BRINGEN WIRD

In China wird ein Riesenlärm veranstaltet gegen den «neuen Chruschtachow Chinas», gegen die «rechten Feinde», die «Agenten der Kuomintang», gegen jene, die «die Macht ergreifen wollen», die «Spaltung ins Zentralkomitee der Partei getragen haben», die «gegen die Linie Mao Tsetungs sind» usw. Wer ist dieser Feind? Es ist Deng Hsiao-ping, das «kleine Goldstück», wie ihn Mao nannte, der durch die Kulturrevolution als «Feind Nr. 2 Chinas» nach Liu Schao-tschi entlarvt und vor drei Jahren von Mao nicht nur rehabilitiert, sondern sogar zum ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt wurde, also praktisch zum Ministerpräsidenten (da Tschou im Sterben lag). Mao ernannte ihn auch zum Mitglied des Politbüros, zum stellvertretenden Parteivorsitzenden und zum Generalstabschef. Und jetzt? Krach! Bum! Die Festung, der Dengkult, wurde geschleift. Es war Mao, der sie schleifte, heisst es. Doch warum hob er Deng auf den Schild, um ihn dann zu stürzen? «Weil er Verschwörung betrieb, weil seine Selbstkritik unaufrichtig war.» Der «grosse Steuermann» ist sehr wachsam!

Wer beherrschte China: Mao Tsetung und Tschou En-lai? Oder leitete die Kommunistische Partei Chinas? Schwer zu entscheiden. Doch wie sich in der Praxis zeigt, eher die .beiden als die Kommunistische Partei Chinas. Mao war das Banner, in Wirklichkeit war Liu aktiv und herrschte. Dann wurden Liu und Deng gestürzt und es kamen Lin Biao und Tschen Bo-da. Auch sie wurden gestürzt, und Tschou regierte mit Li Hsiän-niän und den Rechten, die Deng und seine Kumpane rehabilitierten. Auf einen Schlag wurde Deng allmächtig! Aus dem Erziehungslager wurde er direkt in die UNO, nach Frankreich und an die Spitze der «dritten Welt» geschickt, Deng gab den sowjetischen Hubschrauber und die Spione frei und versetzte dem sozialistischen Albanien sowohl in der Wirtschaft als auch in der Militärhilfe Schläge. Deng war bis in die Wolken geklettert, er griff nach dem Himmel, doch eines ''Tages starb Tschou En-lai. Deng fand sich unten wieder, am Fuß der Leiter...!

Man begann also nach chinesischer Sitte mit Dazzibaos ohne Adressaten, doch letzthin tauchen auch schon die Namen sowohl des «Schwiegersohns als auch des Schwiegervaters», sowohl Dengs als auch Tschous auf. Der Name des Letzteren jedoch sehr zaghaft, denn Tschou ist tatsächlich das Haupt der Rechten und sehr gut angeschrieben bei der inneren und internationalen Bourgeoisie, die von ihm gesagt hat, er sei «der Klügste, der Höflichste, der gewitzteste Diplomat, ein echter Mandarin». Das Tamtam geht weiter;, doch euch Deng behält weiter seine Posten. Zusammen mit Li Hsiäni-niän ist er zwar in den Schatten getreten, doch wer weiss, vielleicht leistet das «kleine Goldstück» eine weitere Selbstkritik, und der «grosse Steuermann» verzeiht ihm noch einmal.

Wie dem auch sei, was geschehen wird, kann niemand voraussehen. Die chinesische Politik hat ihre spezielle Ideologie mit chinesihen scher Bezeichnung, sie hat ihre eigene, ebenfalls chinesische Strategie und Taktik! Man weiss nicht, was die Zukunft bringt, und heute herrscht das Chaos! Einerseits «kämpft» das chinessische Volt gegen die Rechten, auf der anderen Seite platzte es fast vor unbändiger Freude und hemmungsloser Begeisterung beim Anblick dei Faschisten, des ehemaligen Gaunerpräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Nixon. Das ist Maos «geniale» Politik. Hier ist man mit seinem «Latein» am Ende: Mao war erst für Chruschtscchow, da" gegen ihn, umso mehr, als dieser nach Washington fuhr; später küsste er sich höchstpersönlich mit Nixon ab. Tschou, der es mehr mit Liu und Chruschtschow gehalten hatte, vereinigte sich mit Mao gegen Chruschtschow und für die Vereinigten Staaten vom America. Es kam Deng, der als Mitarbeiter Lius prosowjetisch eingestellt sein musste. Doch er wurde pro-amerikanisch, weil er sich tarnen, so tun musste, als sei er in jedem Fall auf Maos Seite.

Was wird nun geschehen? Das, was Mao sagt! Es heisst, die Linken seien dabei, die Macht zu ergreifen, doch das Verhältnis mit Amerika wird noch unzertrennlicher, da «das arme Ding» angeblich «geschwächt ist und Hilfe braucht», weil die Sowjets gefährlich werden.

In China herrscht gegenwärtig ein Tohuwabohu. Die Chinesen erklärten den Genossen unserer Botschaft: «Wir sind nicht in der Lage, die albanischen Studenten vor der Reaktion zu schützen.» Wer hat also die Situation dort in der Hand, die Kommunisten oder die Reaktion? «Man muss das Wasser aufrühren, damit es sich klärt», hat Mao gesagt. Warten wir also ab, bis es sich klärt.





VLORA, DONNERSTAG, 1. APRIL 1976





WO STAND CHINA UND WO GEHT ES HIN?

China wurde und wird von den Chinesen «Tsung Go» genannt, auf französisch «l'Empire du Milieu» (so nannte man es schon in uralter Zeit). Also : «das Reich der Mitte». Warum aber «Reich der Mitte»? Weil die Chinesen über Dutzende von Jahrhunderten hinweg (es gibt archäologische Funde, die 5 000 Jahre alt sind) ihr Land für den «Mittelpunkt der Welt» hielten. Dieser «Mittelpunkt der Welt» hatte eine große, uralte Kultur, nicht erst, seit Marco Polo es festgestellt hat. Sie ist möglicherweise älter als die der Ägypter und der Sumerer, die als die Völker mit der ältesten Kultur der Erde angesehen werden.

Selbstverständlich ist dieses Wort «Tsung Go», das die Chinesen noch immer weiterverwenden, keine bloß historische Bezeichnung, sondern Ausfluss einer Weltanschauung, die sich in vielen tausend Jahren durch alle chinesischen Generationen hindurch herausgebildet hat und, bewusst oder unbewusst, auch heute noch erhalten ist.

Die Religionen des Buddhismus und des Konfuzianismus, auf den «aufmerksam zu machen», den «zu bekämpfen» Mao Tsetung allzuspät eingefallen ist (und das verband er dann auch noch mit dem Kampf gegen Lin Biao), haben bei den Chinesen zusammen mit ihren mystisch religiösen und philosophischen Weltanschauungen, ihren Organisations- und Leitungsformen, ihren geschriebenen und ungeschriebenen Sitten auch die Idee des «Tsung Go» verwurzelt. Natürlich wurde die alte chinesische Kultur nicht zur Kultur des chinesischen Volkes, sondern blieb eine Kultur der Mandarine. Die Schriftsprache blieb das Privileg der Kaiser und der Mandarine, der «Kriegsherren», die Chinas Völker unterdrückten und ihnen das Blut aussaugten.

Im Verlauf seiner Geschichte wurde China oft von Fremden angegriffen und kämpfte gegen sie, doch oft übten die Fremden dort auch ihren Einfluss aus und schufen eine eigene Organisation und Leitung. Doch wenn die Kultur der Besatzer auch ihre Spuren hinterließ, so vermochte sie doch die reiche und uralte chinesische Kultur nicht zu assimilieren. Natürlich geschah das Gegenteil.

Die Religion hatte in China ihren eigenen Kult hervorgebracht, den Kult des Buddhismus. Und mit diesem verknüpfte sie den Kult des «Tsung Go», sie nährte und verstärkte bei den Chinesen die Theorien des Konfuzius. Der Buddhismus und der Konfuzianismus züchteten dort eine Feindlichkeit allem Ausländischen gegenüber, wie auch den Größenwahn in Bezug auf alles, was zu ihnen, zum «Tsung Go» gehörte. Alles war mit diesen religiösen und ethischen Weltanschauungen verknüpft. Das und die jahrhundertelange große Armut machte den von den Kaisern und Feudalen unterdrückten chinesischen Bauern fatalistisch, arbeitsam und diszipliniert, patriotisch, xenophob, irgendwie verschlossen, argwöhnisch gegenüber Fremden, seien es Landsleute oder Ausländer. Er handelte immer so, drückte seine Gedanken immer so aus, dass es schwer war, seine «wirkliche Meinung herauszufinden, zu erkennen, worum es ging. Mit anderen Worten, im Denken und Handeln war der Chinese nicht offen, nicht aufrichtig, sondern gewiegt im Herauswinden und listenreich. Und oft genug verwandelten sich diese ursprünglich der Verteidigung dienenden Merkmale in eine Angewohnheit, zu heucheln.

Doch im Lauf der Jahrhunderte, besonders in unseren Tagen, änderten sich der Charakter, der Glaube und die Sitten der Menschen, sie machten eine tiefgreifende Evolution durch, allerdings ohne ihre alten Merkmale völlig einzubüßen. Auch nach der endgültigen Befreiung von den Fremden, nach der Schaffung der Volksrepublik China, nach der von der Kommunistischen Partei Chinas geführten Revolution blieb China bis zu einem gewissen Grad ein «verschlossenes» Land. Unter der Maske einer volksdemokratischen Regierungsform und unter Leitung und Führung der Kommunistischen Partei Chinas und Mao Tsetungs nahm China trotz der Umwälzungen, die sein Volk durchführte, doch eine misstrauische Haltung ein. Es knüpfte «Freundschaften», doch sie waren zeitweilig. Seine Türen wurden bzw. blieben der fortschrittlichen Weltkultur verschlossen, und alles, jede Evolution, versuchte es, unter „hermetischem Abschluss“ zu machen. Alles Ausländische, auch die marxistisch-leninistische Theorie, die man als „fhrende Idee“ übernahm, erfuhr Veränderungen, und zwar auf eklektizistische, angeblich auf die Bedingungen Chinas zugeschnittene Art und Weise.

Auch nach dem Sieg der Revolution nahm die chinesische Kultur keine stürmische Entwicklung. Es gab nicht einmal eine Säuberung von den alten rückschrittlichen und reaktionären Theorien, die für eine nationale und revolutionäre Kultur nötigen soliden Grundlagen wurden nicht gelegt. Tatsache ist, dass nach der Grossen Kulturrevolution, die andere Ziele hatte, Parolen ausgegeben und einige «revolutionäre Ballette» geschaffen wurden, die man als das Allerhöchste, als die Grundlagen einer revolutionären Kultur wertete.

Die gesamte chinesische Kultur war und bleibt eingeschnürt in die alte konfuzianische Kultur. Was die Maoisten «revolutionäre Kultur» nennen, ist alltägliche politische Zeitungspropaganda. Die Schulen bleiben entweder geschlossen, oder man pfropft dort oberflächliches Wissen auf. Die «Kultur» wird beschränkt auf den Kampf gegen Gao Gang, Peng Dö huai, Liu Schao-tschi, Lin Biao und Deng Hsiao-ping, nicht zu vergessen Konfuzius, in dessen Topf man bei dieser Gelegenheit all diese Bosse steckt.

Die ideologisch-politische Tätigkeit der Kommunistischen Partei Chinas ist merkwürdig, und das nicht ohne Grund. Sie hat sich abgekapselt gegenüber dem Ausland, insbesondere gegenüber den Kommunistischen und Arbeiterparteien, den Bruderparteien. Meiner Ansicht nach gibt es dafür eigene Gründe grundsätzlicher Natur. «Unsere schmutzige Wäsche waschen wir im eigenen Haus, die anderen brauchen nichts davon zu wissen.» In der Kommunistischen Partei Chinas wurden seit ihrer Gründung Linienfehler begangen, die tiefe Spuren hinterlassen habein und dazu führten, dass die Linie der Partei unbeständig ist, mit einem ausgeprägten rechtsopportunistischen Zug. Doch welche Fehler wurden nun tatsächlich gemacht und welchen Charakter tragen sie? Dazu gibt es kein Dokument, keine Analyse. Man findet politische Artikel voller allgemeiner Formeln, in denen die Namen der «wichtigsten parteifeindlichen Elemente» aufgezählt werden. Die Kommunistische Partei Chinas hat ihre Geschichte noch nicht offiziell niedergeschrieben. Es gibt unzusammenhängende, episodische Schriften, die vollkommen unverbindlich geschrieben sind. Sie werden heute vertrieben und morgen aus dem Verkehr gezogen, und andere Schriften mit anderen Ideen erscheinen. Öffentlich bekannt sind nur die Berichte ihres 8., 9. und 10. Parteitags. Sie alle und nur sie betrachtet man als richtig. Kein Absatz wurde daraus entfernt, obwohl sie gewaltige Fehler enthalten. Sie stehen unter dem Zeichen Maos, denn es waren ja die Fehler Maos, Lius, Dengs und Tschous. Wenn also die Fehler in der Linie bereinigt würden, was passierte dann wohl mit der Autorität von Mao, der an der Spitze der Partei stand?

Dann gibt es auch noch die vier Bände mit Schriften Maos aus der Zeit des Kriegs. Sie wurden gesammelt, «zurechtgemacht und ausgeschmückt», damit man meinen soll, sie gründeten auf der marxistisch-leninistischen Theorie. Diese Schriften erschienen einige Jahre nach der Befreiung 'Chinas, und es heisst, sie seien von dem sowjetischen Philosophen Jüdin, der Botschafter in China war, zurechtgebogen worden. Andere Werke Maos gibt es nicht. Man kämpft mit seinen alten eklektischen Zitaten. Was hat dieser «grosse Theoretiker» während all dieser Jahre getan? Gedanken geäussert, gesprochen, für eine Reihe grosser Probleme eine Lösung gefunden? Fast nichts davon ist veröffentlicht. Nur dass man in der Propaganda die «Maotsetungideen» mit dem Marxismus-Leninismus gleichsetzt. Es gibt sogar Lakaien Maos, die sein Bild in der Reihe der Klassikerfotografien hinter Engels und vor Lenin gesetzt haben.

Was ergibt sich aus alledem? Dass in der Entwicklung und im Kampf der Kommunistischen Partei Chinas die Wahrheit verschleiert und Mao Tsetung künstlich hochgespielt wird. Die Fahne des antimarxistischen chinesischen Größenwahns wurde entfaltet, der Maokult ist auf das Mass des Konfuziuskults angewachsen. Alles, was Mao tut, alles, was er sagt, ist «richtig». Alle haben sich dem zu fügen, was Mao sagt. Vernunft ist nicht erlaubt, nur Fanatismus.

Ich habe schon betont, dass in der Kommunistischen Partei Chinas von Beginn an viele Linienfehler begangen wurden. Doch auf welchen Grundlagen wurde die Partei in China gebildet? Man weiss es nicht. Mao selbst hat darüber nichts oder nur wenig geschrieben, doch auch dieses Wenige ist unbekannt. In den vier veröffentlichten Maobänden werden Fragen der Politik und der Linie de: Partei behandelt, ist von ihrer Organisierung die Rede. Mao versucht darin, Marx und Lenin zu paraphrasieren, gibt aber allem den Anstrich einer theoretischen Lektion mit der Absicht, Kader zu erziehen bzw. als anerkannter Theoretiker zu erscheinen und sich als 'solcher aufzuspielen. Der aktive Kampf der Partei, die Fraktionskämpfe, der Klassenkampf innerhalb und außerhalb der Partei findet darin keinen oder nur sehr wenig Niederschlag. Nein, darin sind zwar angeblich seine Theorien, doch in Wirklichkeit sind das nur bruchstückhafte Paraphrasen von Marx oder Lenin. Stalins Gedanken sind in diesen Bänden nicht zu finden. In China findet man Stalin nur auf einem Porträt am Tienanmenplatz.

In der Kommunistischen Partei Chinas hat es viele Fraktionen gegeben. Das lag daran, dass der Marxismus-Leninismus nicht uneingeschränkt die Grundlinie der Partei war. So muss es schon bei der Gründung der Partei gewesen sein, denn ihre Protagonisten, Mao, Tschou En-lai, Tschu Teh, ganz zu schweigen von den Li Lisans und den anderen, waren keine geformten Marxisten und unternahmen auch nicht die erforderlichen Anstrengungen, sich den Marxismus-Leninismus anzueignen. Sie wollten die nationale und soziale Befreiung Chinas, doch die Idee des Kommunismus und seine Ideologie dürften diesen Genossen nicht klar gewesen sein.

Chinas Abkapselung schloss auch Mao und Tschou in dieser Umgebung ein. Sie blickten nicht über China hinaus, und gewiss verquiekten sich in ihren ursprünglichen Vorstellungen, die sie zur Revolution führten, viele nationale, bürgerliche, demokratische, fortschrittliche und mystische Ansichten. Was die Republik Sun Yatsens anbelangt, von der sie positiv reden, so gibt es keinerlei klares Material der Kommunistischen Partei Chinas, in dem wir auch nur die geringste kritische Stellungnahme finden würden. Heute wie damals werden die Dinge im Nebel belassen, gibt es Meinungen und Interpretationen jeder Art. Das heisst: «Pick dir heraus, was dir passt.» Was über diese revolutionäre und fortschrittliche Epoche geschrieben wurde, stammt mehr und hauptsächlich von Ausländern. Für die Chinesen fängt Chinas Erwachen und Kampf bei Mao an und endet 'bei Mao.

Sun Yat-sen war eine grosse Persönlichkeit, er hatte ein richtiges Verständnis vom Wert der Freundschaft mit der Sowjetunion Lenins, der China die Hand reichte und ihm Hilfe und Unterstützung gab. Die Kommunistische Partei Chinas war zu jener Zeit gerade erst gegründet worden, und ihr Einfluss unter den Massen war natürlich gering, während Sun Yat-sen und die Kuomintang grossen Einfluss hatten. Über die Tätigkeit der Kommunistischen Partei Chinas zu jener Zeit, wie sie sich mit ihnen verband und wie sie kämpfte, können wir keinerlei sichere Aussagen treffen, bzw. wir können uns bei unseren Aussagen nur auf das stützen, was die Ausländer geschrieben haben, denn nur sie hatten Analysen gemacht. Ihre Analysen lassen sich allerdings von anderen Prinzipien und Absichten leiten, so dass wir uns nicht auf sie stützen können. Die Tatsachen belegen, dass die Sowjetunion zu Lebzeiten Lenins und Stalins die Freundschaft mit China und der Kuomintang wahrte und pflegte, sowohl als Sun Yat-sen noch lebte, als auch, eine Zeitlang, nachdem Tschiang Kai-schek an seine Stelle getreten war.

Die chinesischen Kommunisten arbeiteten auf dieser Linie mit der Kuomintang zusammen, doch wie, wie viele und was für Widersprüche entstanden, warum sie entstanden, das können wir uns vorstellen, denn wir sind Marxisten und wissen, was Tschiang Kai-schek repräsentiert°. Die Kommunistische Partei Chinas hat, zumindest sc.weit wir wissen, diese Frage nicht untersucht und analysiert. Vom proletarischen chinesischen Staat und der Kommunistischen Partei Chinas wurde keine Geschichte des chinesischen Volkes verfasst. Alles, was wir über dieses grosse Problem gelesen haben, haben wir bei ausländischen und bürgerlichen Historikern, Wissenschaftlern l',nd Soziologen gelesen.

Wir wissen vieles nicht, doch was wir wissen, ist, dass die Kommunistische Partei Chinas «in petto»* *( hier: heimlich, hinter vorgehaltener Hand (it. im Original)) tönt: Die Komintern hat China gegenüber falsch gehandelt, denn Stalin hat Fehler gemacht (und laut Mao hat die Kommunistische Partei (B) der Sowjetunion den Fehler eingesehen), denn die Sowjetunion hat die Direktive gegeben, die Kommunistische Partei Chinas solle mit der Kuomintang zusammenarbeiten, als es nicht statthaft war, usw. usf. All das sagt man in Winkeln und auf Korridoren, und zwar meiner Meinung nach mit dem Ziel, Mao, «der niemals Fehler gemacht hat», aufzuwerten und Stalin, «der Fehler gemacht hat», herabzusetzen.

Was lässt sich aus all diesen Dingen, die niemals analysiert wurden, schließen? Stalin und die Komintern haben in der allgemeinen Linie weder in Bezug auf den revolutionären Kampf in China, noch in bezug auf das Bündnis der Kommunistischen Partei Chinas mit der Kuomintang Fehler gemacht. Mao und die Kommunistische Partei Chinas dagegen haben Fehler gemacht. Sie haben die Linie der Komintern weder richtig interpretiert noch richtig in die Praxis umgesetzt. Um China von den Kolonisatoren, vom militaristischen Japan zu befreien, war das Bündnis dieser beiden Kräfte, der Kommunisten und der fortschrittlichen Bourgeoisie, erforderlich. Möglich, dass in diesem Kampf, bei diesen Kontakten Leute wie Blucher und andere Delegierte der Komintern, die sich als Trotzkisten entpuppten und verurteilt wurden, Fehler begangen haben, doch die Linie der Komintern, ein Bündnis der gegen Japan kämpfenden fortschrittlichen Kräfte in China herzustellen, war richtig. Tschiang Kai-schek beging Verrat, er trennte sich von den Kommunisten und versuchte, sie zu liquidieren. Er schwächte den Kampf gegen Japan ab und gab ihn auf. Das ist ein Problem, das eine dunkle, komplizierte Periode betrifft, für die man die Schuld nicht,wie die chinesischen Genossen das tun, Stalin und der Komintern zuschieben kann. «Stalin hat Fehler begangen», behauptet Mao, doch in Wirklichkeit ist es Mao Tsetung selbst, der Fehler begangen hat. Nicht nur damals wird er Fehler gemacht haben, auch jetzt hat er viele Fehler begangen, Fehler, die wir nun mit ihren bitteren Konsequenzen sehen. In China heißt es weiter, Mao habe niemals Fehler begangen, weder gestern noch heute, und auch morgen werde er keine Fehler machen. Für die Chinesen ist das ein Tabu, doch das ist eine anti-marxistische Behauptung.

Die Einstellung Maos und seiner Genossen zur Sowjetunion der Zeit Stalins lässt Zweifel aufkommen. Sie war nicht richtig und offen. Wir zumindest wüssten nicht, dass es während der Zeit des chinesischen Befreiungskampfes Aversionen gegeben hätte, schon gar nicht von Seiten Stalins, der Sowjetunion und der Komintern. Einer der besten revolutionären marxistisch-leninistischen Führer Chinas, Kang Scheng, war der Vertreter der Kommunistischen Partei Chinas bei der Komintern, und er hat in dieser Hinsicht nichts Schlechtes gesagt.

Wir betrachteten das China der Zeit nach der Befreiung als einen Staat der Volksdemokratie, geführt von einer ruhmreichen kommunistischen Partei, an deren Spitze ein grosser Marxist-Leninist mit Namen Mao Tsetung stand. Wie alle unsere Länder, die befreit worden waren und die volksdemokratische Ordnung errichtet hatten, verband sich auch China eng mit der Sowjetunion und Stalin. Später erfuhren wir dann viel üb(r die wechselhafte Entwicklung der Kommunistischen Partei China; und der Kuomintang, über den «Langen Marsch», über Maos Freundschaft mit ausländischen Offizieren und Journalisten wie dem Amerikaner Edgar Snow und anderen, die sich bei seinem Stab befanden; wir erfuhren von den «fruchtbaren» Kontakten Maos und Tschous zu Wendemeyer und Marshall, die die Vergabe der amerikanische Hilfen an Mao und Tschiang organisierten, sowie über die chinaischen Lobbys in Washington. Das gab uns natürlich zu denken, doch wir hielten es für blosse Taktik und nicht für einen Hang zu den Vereinigten Staaten von Amerika, wie es sich später klar herausstellte. In Mao sahen wir einen Kommunisten, in seiner Partei sine kommunistische Partei und in China ein mit uns und in erster Linie mit der Sowjetunion und Stalin befreundetes sozialistisches Land.

Zu Lebzeiten Stalins war Mao einmal in Moskau, wo er mit ihm zusammentraf und sprach. Was für Gespräche sie führten, wissen wir nicht, doch wir können uns vorstellen, dass Stalin Mao sehr gut empfing und China sicherlich jede Hilfe zuteil werden liess, um die es ersuchte. Die Kommunistische Partei Chinas hat selbst offiziell erklärt, dass «sowohl Lenin als auch Stalin anerkannt haben, dass das zaristische Regime China Gebiete geraubt hat, die ihm zustehen und zurückgegeben werden müssen». Diese Erklärungen veröffentlichten die Chinesen, als China in Konflikt mit den Chruschtschowrevisionisten geriet.

Soweit wir es beurteilen können, behandelte Stalin China also als Freund, als sozialistisches Land. Die Grenzfrage behandelte er in marxistisch-leninistischen Geist und Mao Tsetung betrachtete er aufrichtig als Genossen. Doch auf der Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau 1957, also noch vor der Beratung der 81 Parteien, erklärte Mao zur Unterstützung Chruschtschows, der dabei war, den Marxismus-Leninismus zu verraten, offen, geringschätzig und ironisch, bei seinem Zusammentreffen mit Stalin sei er sich «wie der kleine Schüler vor seinem Lehrer» vorgekommen. Damit wollte Mao - und das gelang ihm - Chruschtschows Verleumdungen über den «Stalinkult» unterstützen, da doch Stalin «diesen grossen Mao» angeblich als Bürschchen betrachtete. Das war ein Angriff Maos gegen Stalin. Das sage ich in vollster Überzeugung, denn bei dem ersten Treffen, das ich, jung und bewegt wie ich war, mit Stalin hatte, behandelte dieser mich mit seinem so menschlichen, von Liebe und Achtung für den Genossen geprägten Verhalten wie einen Gleichen. Und er sprach so warmherzig mit mir, dass die Befangenheit bei mir sofort schwand. Mao ging auf jener Beratung sogar noch weiter. Er gab Chruschtschow hinsichtlich der Liquidierung der «parteifeindlichen» Gruppe Molotows usw. recht, ja, bezeichnete Chruschtschow gar als «Lenin unserer Zeit».

Was lässt sich aus diesen Handlungen Maos schließen?

Dass Mao gegen Stalin war und zusammen mit seinen Genossen an seinem eigenen Kult bastelte. Mao sollte in der Reihe der großen Marxisten in der kommunistischen Weltbewegung den Platz des von den Verrätern «gestürzten und besudelten» Stalin einnehmen. Er meinte, Chruschtschow werde, als Dank für die Hilfe, die er ihm hierbei zukommen liess, den neuen Kult um Mao begünstigen, und China werde zum Zentrum der Revolution. «Der Ostwind weht», «Der Osten ist rot», «Mao Tsetung ist die Sonne der Welt» - das waren die Schlagworte, die die chinesische Propaganda damals ausgab.

Doch es kam anders, als Mao dachte und wünschte. Der Sowjetrevisionismus und Chruschtschow zeigten ihm die kalte Schulter. Mao und die Maoisten waren bemüht, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, doch es musste zwangsläufig so kommen, wie es kam. Nun änderte Mao Tsetung die Taktik. Man betrieb weiter den Kult um Mao als «grossen Marxisten-Leninisten», der gegen den modernen Revisionismus, vor allem den sowjetischen, und zugleich auch gegen den amerikanischen Imperialismus und die reaktionäre Welt bourgeoise kämpfte, man hob ihn in den Himmel. Dieser Kampf war richtig, daher unterstützten wir die Chinesen und sie uns. In Wirklichkeit gingen sie bei dieser Taktik nicht von Klassenpositionen aus und verfolgten keinen marxistisch-leninistischen Kurs. Mit dieser Taktik wünschten und versuchten die Chinesen, Chinas Positionen in der kommunistischen Bewegung und bei den Völkern der Welt als «wahrhaft sozialistischer Staat, der den Klassenfeinden, den Feinden der um Befreiung kämpfenden Völker unversöhnlich gegenübersteht», auszubauen. Unterdessen hatten Mao und die Maoisten innerhalb ihrer Partei mit der rechten Fraktion Liu Schao-tschis, Tschou En-Jais, Deng Hsiao-pings und der anderen zu ringen, die im Schlagschatten Maos für die Wiedererrichtung des Kapitalismus kämpften und beabsichtigten, in der Politik einen Umschwung im Sinne der Freundschaft mit den Chruschtschowianern herbeizuführen.

Mao Tsetung war zwischen zwei Feuer geraten, die er in Wirklichkeit selbst entfacht hatte, um sein Ziel zu erreichen, China zu einer grossen Weltmacht zu machen. So befand er sich zwischen den Sowjetrevisionisten und der gefährlichen Fraktion Liu Schao-tschis. Also entfesselte er die Kulturrevolution, auf die ich hier nicht näher eingehen will, da ich schon viel dazu gesagt und geschrieben habe.

Welchen Weg wählte Mao (mir scheint nämlich, dass es hier nicht um den Willen der Partei geht), damit er zu dieser nichtmarxistischen Haltung gelange? Er begann eine konformistische Linie zu verfolgen. Solange Stalin lebte, verfolgte Mao ihm gegenüber eine Linie der «Freundschaft» und «Bewunderung». Damals pflegte man in China die Freundschaft mit der Sowjetunion. Nach Stalins Tod verhielt sich Mao opportunistisch und versuchte, dessen Platz in der kommunistischen Weltbewegung einzunehmen. Er begann auch mit Lobhudeleien, um Chruschtschow Sand in die Augen zu streuen, und übte natürlich Kritik an Stalin. 1956 verteidigte er in Peking uns gegenüber den Revisionisten und Verräter Tito, denn er war selbst ein Revisionist, ein Liberaler, ein Fürsprecher Chruschtschows.

Nach dem Bruch mit Chruschtschow, als Liu und Deng an der Macht waren und Schlüsselpositionen besetzten, wurde in den zentralen Organen Chinas eine Reihe ideologischer Artikel mit marxistisch-leninistischer Linie gegen die Chruschtschowrevisionisten veröffentlicht. Das waren theoretische Artikel und nicht die übliche Propaganda gegen den Revisionismus. Das war eine Wendung und natürlich eine gute Wendung, denn durch die theoretische Entlarvung des Revisionismus wurde die Kommunistische Partei Chinas erzogen. Doch dem war nur ein kurzes Leben beschieden. Die Artikel dieser Art verschwanden in den Schubladen, und in der Linie begann sieh ein Schwanken bemerkbar zu machen. Die Kommunistische Partei Chinas fuhr nicht fort, die Massen der Kommunisten im Geist der richtigen marxistisch-leninistischen Linie zu erziehen, sondern beschränkte sich darauf, ideologische Artikel unserer Partei abzudrucken. Das gefiel uns, doch was wir nicht wollten und für falsch hielten, war, dass China die Polemik gegen den Revisionismus einstellte und sich vom Kampfschauplatz zurückzog. Dies wies erneut auf liberale Schwankungen in der Linie der Kommunistischen Panel Chinas hin. Hinter der Veröffentlichung unserer theoretischen Artikel in der chinesischen Presse stand nicht die Absicht, die Linie unserer marxistisch-leninistischen Partei zu unterstützen. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, die Kommunistische Partei Chinas habe ihre Linie nicht geändert, sollte der liberale Kurswechsel, den sie gerade vollzog, verschleiert und in der Weltöffentlichkeit der Eindruck erweckt werden: «Ich, China, bin es, das der Partei der Arbeit Albaniens diese Artikel, diese Linie diktiert.» Und die bürgerliche Weltpresse sprach es offen aus: «Albanien, ein Satellit Chinas» «Albanien, das Sprachrohr Chinas», «China diktiert Albanien seine Gedanken, und dieses spricht sie aus». Das war eine unehrliche, unmarxistische Haltung, die China da einnahm. Doch solange die marxistisch-leninistischen Ideen unserer Partei propagiert wurden, sagten wir uns: «Hauptsache, die Richtung stimmt.» In China aber stimmte die Richtung nicht.

Chruschtschow stürzte. Schlagartig kam Maos opportunistische Linie ans Licht. Er dachte, seine Zeit sei gekommen, und verlangte deshalb - durch Tschou En-lai, der nach Moskau eilte - auch von uns, an der «Hochzeit» der Revisionisten teilzunehmen. Wir widersetzten uns diesem opportunistischen Schritt kategorisch. Ebenso kategorisch lehnten wir auch den chinesischen Vorschlag ab, «eine anti-imperialistische Front unter Einschluss der Revisionisten zu schaffen». Hier zeigte sich der glühende Wunsch der chinesischen Führer, sich mit den Sowjetrevisionisten zusammenzutun. Doch da sie Revisionisten waren, wollten sie auf diesem Weg selbst dominieren. Die Rechnung ging nicht auf.

Da brach die Kulturrevolution aus. Diese Revolution war ein Ergebnis des Ringens der beiden liberalen revisionistischen rechten Strömungen um die Macht. Wer würde sie ergreifen: Mao oder Liu? In dieser Auseinandersetzung siegte Mao, der Liu und Deng bezichtigte, «der Feind Nr. 1» bzw. «der Feind Nr. 2» zu sein. Mao stellte Tschou in seinen Dienst. Dieser war nämlich, wie Mikojan in der Sowjetunion, der Diener aller. Mao präsentierte sich als «Retter», als «Revolutionär», machte er doch «Revolution». Und er mehrte seinen Ruf als «grosser Marxist-Leninist», hatte er doch über Liu Schao-tschi gesiegt.

Wir unterstützten die Kulturrevolution, waren die einzige Partei an der Macht, die ihnen zur Seite stand. Die chinesischen Führer selbst erkannten diese grosse Unterstützung an und propagierten sie sehr.

Natürlich lag der «Kulturrevolution», wie ich schon früher gesagt habe, keine klare marxistisch-leninistische Linie zugrunde, denn die Partei war zerschlagen, und auch die Massenorganisationen existierten nicht. Nur die Armee mit Lin Biao stand unverrückbar zu dieser Revolution. Es herrschte ein totales Durcheinander, die Sache lief par inertie*. *( nach dem Trägheitsgesetz (frz. im Original)) Tschou, der das Mäntelchen nach dem Wind hängte, hielt mit einer Hand das Ruder der Staatsmacht und schwenkte mit der anderen das von Lin Biao zusammengestellte «Rote Buch» Maos. Während der Kulturrevolution fand der Fremdenhass krassen Ausdruck, wurden sogar die Gebäude ausländischer Botschaften in Brand gesteckt, Diplomaten geschlagen usw. An der Spitze dieser abscheulichen Akte, ähnlich denen Suhartos in Indonesien, stand auch Tschou En-lai selbst.

Deng, Liu und Konsorten wurden «niedergeworfen», doch was zerbrochen war, musste gekittet werden, und tatsächlich war viel zerbrochen worden. Diese Reparaturen übernahm der Revisionist Tschou En-lai, und zwar angeblich auf Weisung des Vorsitzenden Mao, der zur Zeit der Kulturrevolution seiner Frau geschrieben hatte:

«Von meinen Schriften werden sowohl die Revolutionäre als auch die Konterrevolutionäre Gebrauch machen.» Mao gab selbst zu, dass er nicht eine marxistisch-leninistische Linie hatte, sondern zwei oder auch zehn Linien, so wie die Theorie von den «hundert blühenden Blumen».

Unsere Partei hat alles getan, um die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern und Parteien zu festigen. Doch die Chinesen haben oft den Austausch von Arbeitsdelegationen unserer Parteien abgelehnt. Sie machten aus allen Delegationen «Freundschafts-» Delegationen für Massenkundgebungen und Bankettreden mit Trinksprüchen. Wir konnten feststellen, dass die chinesischen Führer einen Erfahrungsaustausch ihrer Partei mit unserer Partei nicht wollten, sie hüteten sich vor politischen, ideologischen und organisatorischen Debatten. Hier standen wir vor verschlossenen Türen. Ich und auch die anderen Genossen fanden Gelegenheit, bei Gesprächen mit Tschou und mit Yao Wen-yüan ausgehend von unserer Erfahrung Parteiprobleme anzusprechen, doch sie sprachen weiter in ihren abgedroschenen Formeln. Nur einmal übte Tschou, dieses liberale und opportunistische Element, als er bei uns war, Kritik an uns. Er behauptete, unsere Partei entfalte den Klassenkampf nicht. Als wir ihm Fakten vorhielten und damit zeigten, dass unsere Partei ihr Leben lang einen heftigen Klassenkampf geführt hat, innerhalb und außerhalb des Landes sowie in den Reihen der Partei, war er gezwungen, sich zu entschuldigen: «Ich kenne die Geschichte eurer Partei nicht gut genug.»

Ebenso hielten wir die isolationistische Linie Chinas in der internationalen Arena nicht für richtig. Wir hatten Li Hsiän-niän offiziell unseren Standpunkt vorgetragen. Wir begründeten ihm, dass der Kampf gegen beide Supermächte in aller Härte fortgesetzt werden müsse, China sich aber gleichzeitig den Völkern und den anderen Staaten gegenüber zu öffnen habe, weil so Spaltung unter unseren hauptsächlichen Feinden geschaffen und ihrer verleumderischen Propaganda gegen unsere Länder ein Schlag versetzt werde. Doch die Chinesen blieben auf ihren Positionen und gingen nicht diesen vernünftigen Weg, der in Chinas und unserem Interesse, im Interesse auch der anderen Völker der Welt lag. Die Chinesen setzten uns in Erstaunen mit ihrer Haltung. Waren sie sonst liberal, so erwiesen sie sich in diesem Fall als sektiererisch. Liberalismus und Sektierertum sind Geschwister. China ignorierte Europa völlig, behielt die feindliche Haltung den asiatischen Ländern gegenüber bei. Als Vorbedingung für die Aufnahme normaler Beziehungen zu den anderen Staaten hatte es die Anerkennung Taiwans als Teil des chinesischen Territoriums gestellt. Ws dagegen Afrika und die Länder Lateinamerikas anbelangt, veröffentlichten die Chinesen einmal im Schaltjahr in «Renmin Ribao» einen propagandistischen Artikel. Chinas internationale Politik war starr, sektiererisch, größenwahnsinnig, isolationistisch und fremdenfeindlich. Dies ging gewissermaßen bis hin zum uneingestandenen «gelben Rassismus».

Während wir uns noch in dieser Beziehung Sorgen machten, schlugen Kissingers Geheimbesuch in China und seine Geheimgespräche mit Mao und Tscho. wie eine Bombe ein. China trat in eine neue Phase ein, begann eine neue, aber wieder falsche Politik, die rechte Politik der Annär~rung an die Amerikaner. Doch diese Politik sollte noch viel weitr gehen, bis hin zu den Faschisten Franco in Spanien und Pinochet in Chile.

Es zeigte sich deutlich, dass der «Hinderungs-»grund für die Öffnung Chinas gegenüber den anderen Staaten der Welt nicht die Anerkennung der Insel Taiwan als chinesisches Territorium gewesen war. Wie von Zauberhand ( war dieses Problem weggeschmolzen, und die Vereinigten Staaten von Amerika gingen Verbindungen und Beziehungen mit China ei, ohne bislang tatsächlich auch nur ein Zugeständnis in Bezug auf Taiwan gemacht zu haben. Als Genossen, die wir waren, widersetzten wir uns den geheimen Verbindungen und Beziehungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika und Nixons Chinareise. Wir sagten, diese Freundschaft, die die Chinesen mit dem amerikanischen Imperialismus knüpften, werde nichts Gutes, sondern nur Schlechtes für China selbst, für den Sozialismus und die ganze Welt bringen. Unseren Brief zu dieser Frage geruhte Mao Tsetung so wenig zu beantworten wie die Briefe zu anderen Fragen, worüber ich schon früher geschrieben habe.

Warum diese Hinwendung Chinas zum amerikanischen Imperialismus? Weil Mao und Tshou revisionistisch, liberal, opportunistisch waren, und weil ihre Politik eine pragmatische Politik war, darauf ausgerichtet, China zur Supermacht zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, musste sich China nach Meinung Maos und Tschous auf die revisionistische Sowjetunion oder den amerikanischen Imperialismus stützen. Der Kampf an beiden Fronten war nichts für Mao. Seiner Ansicht nach musste sich China «auf die eine Supermacht stützen, um die andere zu bekämpfen, während ihm die anderen die Kastanien aus dem Feuer holen». Das betrieb auch die Sowjetunion. Sie ging nicht auf eine Verbindung mit China ein, weil die Sowjetunion selbstverständlich nicht akzeptieren konnte, von China beherrscht zu werden. Mao vermochte seinerseits sein Ziel nicht zu erreichen, die Sowjetunion in Chinas Dienst zu stellen. Die Sowjetunion öffnete sich den Vereinigten Staaten von Amerika, der reichen Supermacht, von der sie Kredite erhalten und so die Hegemonie errichten konnte. Die Vereinigten Staaten von Amerika für ihren Teil gingen auf diese Öffnung ein, um die Einflusssphären mit der Sowjetunion neu aufzuteilen.

China tat absolut nichts Originelles. Es wandte sich, als es sah, dass seine Absichten gegenüber der Sowjetunion gescheitert waren, ebenfalls den Vereinigten Staaten von Amerika zu, der alten Freundschaft Maos. Ja, Tschou wollte Ruhm, wollte Vorherrschaft. Beide, Mao und Tschou, waren Revisionisten. Sie leiteten die neue Politik ein. Allerdings stellten sich ihnen im eigenen Land Gegner in den Weg, und einer der wichtigsten war Lin Biao. Also musste er eliminiert werden. Und er wurde eliminiert, mit der Beschuldigung: «Er ist ein Verschwörer, der Mao ermorden wollte. Er wurde aber entdeckt, nahm ein Flugzeug und wollte sich über die Mongolei in die Sowjetunion davonmachen, sein Flugzeug verbrannte jedoch in den mongolischen Steppen.» Lin Biao wurde also als «Agent der Sowjets» getötet.

Auf dem 9. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas, der stattfand, als Lin Biao noch lebte, wurde über den Kampf an beiden Fronten gesprochen. Später jedoch, auf dem 10. Parteitag, nachdem Lin Biao getötet worden war, wurde mit keinem Wort darauf eingegangen, welche Außenpolitik Lin Biao vertreten hatte.

Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden zum Weltenrichter. Sie würden, natürlich im eigenen Interesse, sowohl mit der Sowjetunion als auch mit China manövrieren. Die Vereinigten Staaten von Amerika dosierten und dosieren ihre Haltung den beiden gegenüber je nach Bedarf. Es geht ihnen darum, die Sowjetunion zu schwächen und dafür zu sorgen, auch China gegen die Sowjetunion benutzen zu können. Und so geschieht es. China stellte wirklich den Kampf gegen die Vereinigten Staaten von Amerika ein und intensivierte die Propaganda gegen die Sowjetunion bis zur Absurdität. Ich sage, die Propaganda, denn ideologische Artikel Chinas, die die Sowjetunion entlarven, gibt es nicht. Chinas gegenwärtige Linie ist: «Unser Hauptfeind ist die Sowjetunion.» Wer gegen die Sowjetunion auftritt, ist Chinas Freund, auch wenn er ein Faschist ist. So geschieht es, dass China gegenüber unserem Land, das an beiden Fronten kämpft, sowohl gegen die Vereinigten Staaten von Amerika als auch gegen den sowjetischen Sozialimperialismus, eine nicht gerade freundschaftliche Haltung einnimmt, während die proamerikanischen Revisionistenstaaten, die das eine oder andere antisowjetische Manöver unternehmen, Chinas Freunde geworden sind. Diese Haltung, sagen die Chinesen, «nehmen wir ein, um die Widersprüche zu verschärfen und zu vertiefen». Die Realität zeigt aber, dass Maos China mit diesen Staaten einverstanden ist, denn das ist seine revisionistische Linie in Ideologie und Politik. China hat seine Verbindungen zu allen kapitalistischen Ländern der Welt ausgebaut, und sich selbst erklärte es offiziell zum Mitglied der «dritten Welt». Chinas Türen öffneten sich den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, den Königen. Prinzen, Prinzessinnen, Ministerpräsidenten, Senatoren, Parlamentsgruppen, Geschäftsleuten, Krethi und Plethi. Chinas Türen bleiben nur offiziellen albanischen Delegationen verschlossen.

Das chinesische Volk empfindet aufrichtige Freundschaft für das albanische Volk und die Partei der Arbeit Albaniens. Noch haben es die chinesischen Revisionisten nicht gewagt, diese Freundschaft zu attackieren. Die rechten Hauptkader, die, unserer Meinung nach, in China an der Macht sind und starke Positionen besetzen, greifen die zwischen uns bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen an. Sie zahlen die uns bewilligten Kredite nicht, schieben die Lieferfristen der Materialien für die von uns gebauten Objekte hinaus, haben das Handelsvolumen verringert, schrauben die Kontakte mit unserem Land auf ein Minimum zurück. Kurz gesagt, die chinesischen Führer haben uns gegenüber Chruschtschows Weg eingeschlagen. Sie haben gelernt aus der sowjetischen Blockade, die brutal einsetzte, während ihre Blockade allmählich ins Werk gesetzt wird, kaschiert mit heuchlerischen Stellungnahmen und Erklärungen: «Wir sind Freunde, wir sind arm, versteht uns dock» usw. Diese ganze Schwenkung ist rechts, revisionistisch, sozialimperialistisch.

Das ist die Linie Maos und Tschou En-Jais, die Deng rehabilitierten und Vorbereitungen trafen, ihn nach Maos Tod an Tschous und Tschou an Maos Stelle rücken zu lassen. Doch die «mittlere» Person des «Reichs der Mitte» starb zuerst. Kaum war sie gestorben, stellten sich die «Radikalen» gegen Deng und begannen, ihn zu entlarven. Dadurch traten in Partei und Staatsmacht in China zwei Linien, zwei rivalisierende Gruppen in Erscheinung, und Mao steht jetzt zwischen den beiden Wegen. Doch er ist ein Greis und kann nicht mehr handeln. So wurde das zur Wirklichkeit, was er einst in dem Brief an Djiang Tjing angekündigt hatte, dass nämlich sowohl die Reaktionäre als auch die Revolutionäre von den «Maotsetungideen» Gebrauch machen werden.

In China findet also nun ein Kampf statt, doch wer wird wohl siegen?! Man weiss es nicht. Die «Radikalen» haben nur die Propaganda in der Hand, die andern die Aussenpolitik, die Wirtschaft und die Armee, denn in Wirklichkeit hat sich am alten Mao-Tschou-DengKurs nichts geändert.

Deng ist in der Partei und wird gerade entlarvt, doch seine Genossen sind an der Macht. Die Politik mit den Vereinigten Staaten von Amerika gedeiht weiter. Darüber hinaus unterstützt China alle reaktionären Regierungen und Staaten. Die Kommunistische Partei Chinas rät den Marxisten-Leninisten überall, sich mit der Bourgeoisie ihrer Länder, selbst wenn sie faschistisch ist, zu vereinigen und für ihre reaktionären Bündnisse einzutreten. Zu kämpfen hätten sie einzig und allein gegen die revisionistische Sowjetunion.

Wohin geht China mit dieser Linie? Zu einem neuen Sozialimperialismus, zur Machtergreifung durch die neuen, aber auch die alten Kapitalisten, die durch Maos opportunistische Linie an der Macht gehalten, behütet und gestärkt wurden.

In China gibt es ganz gewiss gesunde marxistisch-leninistische Kräfte, ich meine aber, dass man sie nicht mit den sogenannten Radikalen identifizieren kann. Diese sind gegen die Rechten, doch sie sind maoistisch, liberal, für die Koexistenz zweier Linien in der Partei. Nur eine gewaltige revolutionäre marxistisch-leninistische Umwälzung wird China vor der Wiedererrichtung des Kapitalismus bewahren.







MONTAG, 24. MAI 1976



EIN SCHLECHTES BENEHMEN DES CHINESISCHEN BOTSCHAFTERS IN TIRANA

Man hat mir mitgeteilt, dass der chinesische Botschafter, Liu Dschen-hua, der am 29. dieses Monats unser Land verlassen wird, kreuz und quer durch das Land reist, die im Bau befindlichen Objekte besichtigt, für unsere Leute Abendessen gibt usw. Dabei benimmt er sich schlecht und unfreundlich. Seltsam ist jedoch, dass er dieses unerfreuliche Benehmen im Augenblick des Abschieds an den Tag legt. Es sieht aus, als wolle er die Beziehungen verschärfen bzw. eine weitere Verschärfung ankündigen. Er erwähnt mit keinem Wort den Kampf, der in China gegen Deng Hsiao-ping geführt wird. Uns ist das egal, nur zeigt er damit, dass er ein Mann Dengs ist. Er will demonstrieren, dass er alles weiß dass er sich mit Bergwerken auskennt, ist er doch «in China einmal in ein Bergwerk eingefahren». Wohin er auch kommt, mit wem er auch spricht, er lässt an unserer Arbeit kein gutes Haar. Das fängt an bei den militärischen Befestigungen und reicht bis zu «einem Stück Eisen», das man in eine Ecke geworfen hat. Bei alldem verleumdet er und will zeigen, dass unsere Leute nicht gut arbeiten. Der chinesische Botschafter spricht ganz unverblümt. Er erklärt sogar gegenüber Adil Carçani, Spiro Koleka und Nesti Nase, er wisse über alles Bescheid. Mit anderen Worten, er gibt höchstpersönlich zu, dass er die Geschäfte des chinesischen Sicherheitsdiensts in Albanien versieht und mit den chinesischen Spezialisten ein Agentennetz geschaffen hat.

Die Genossen geben diesem Revisionisten, der sich in das Gewand des Botschafters Chinas kleidet, die verdiente Antwort.





FREITAG, 28. MAI 1976





DIE «MAOTSETUNGIDEEN»



Es gibt sozialistische Staaten, doch die kommunistischen und Arbeiterparteien, die sie führen, stehen nicht alle auf wahrhaft marxistischen Positionen. Es gibt in ihnen krass antimarxistische Elemente. So sieht die Lage auch in China aus. In diesem Land führen die «Maotsetungideen», die keine konsequente Anwendung des Marxismus-Leninismus sind. Darin gibt es falsche, opportunistische, ja sogar getarnte revisionistische Grundideen. Die «Maotsetungideen», die China leiten, kämpfen nicht für die Revolution, für die Einheit des Proletariats. Und wenn darin China auch nicht offen als «Großmacht» bezeichnet wird, sie sich selbst nicht als «universale Ideen», die den Marxismus-Leninismus ersetzen, ausgeben, so laufen sie in Wirklichkeit doch darauf hinaus. Wer den «Maotsetungideen» nicht folgt und sie nicht mit dem Marxismus-Leninismus identifiziert, ist îür die Chinesen kein Marxist-Leninist oder wird nicht als solcher betrachtet. Die «Maotsetungideen» haben in den Reihen des chinesischen und des Weltproletariats grosse Verwirrung gestiftet.

Innerhalb Chinas herrscht Anarchie, existieren zwei oder zwanzig Linien in der Partei und im Volk. Man weiss nicht einmal, wer dort die Macht hat und wer sie ergreifen wird. Die Kommunistische Partei Chinas ist nicht nach den marxistisch-leninistischen Prinzipien und Normen aufgebaut und stützt sich nicht auf sie. Die Diktatur des Proletariats funktioniert dort nicht.

Diese Verwirrung Chinas griff und greift auch auf Teile des Weltproletariats, auf marxistisch-leninistische kommunistische Parteien über. Viele dieser Parteien sind weder mit den «Maotsetungideen» noch mit Chinas Vorgehen einverstanden, doch sie äußern sich nicht offen. Es wirkt der Kult des großen Staates, der als „proletarisch“ gilt, es aber nicht ist; es wirkt der Kult Maos, der nichts als Mao Tsetung ist und vor allem weder Marx noch Engels, noch Lenin, noch Stalin.

Die pseudomarxistischen Lakaien, die in die Reihen einiger marxistisch-leninistischer kommunistischer Parteien eingesickert sind, bauschen den Kult um Mao auf und heben diesen auf den Schild. Die Bourgeoisie weiss ebenfalls um den Wert Chinas, Maos, der «Maotsetungideen» und propagiert diese. Jede revolutionäre Gruppe, jede marxistisch-leninistische kommunistische Partei, sogar jede anarchistische Gruppe wie die Sartres u.a. wird von der Bourgeoisie mit dem Etikett «maoistisch» versehen. China und Mao gefällt das. Mit ihnen allen unterhält China Verbindungen und hilft ihnen allein deshalb, weil sie Mao rühmen und seiner verworrenen und undurchsichtigen Politik folgen. Der Antisowjetismus ist inzwischen das einzige Leitmotiv der chinesischen Führung. Und das nicht auf richtigen ideologischen Grundlagen, sondern unter dem Banner der «Maotsetungideen», um über das Proletariat und die «kommunistische» Welt zu dominieren.

Unter diesen Umständen und mit diesen Ideen hat die Kommunistische Partei Chinas aufgehört, die marxistisch-leninistischen kommunistischen Parteien zu ihren Parteitagen einzuladen, sie lässt sich nur auf bilaterale Treffen mit den jeweiligen marxistisch-leninistischen kommunistischen Parteien ein. Sie propagiert ihnen die «Maotsetungideen» und rät ihnen, die Sowjetunion, nicht aber die Vereinigten Staaten von Amerika anzugreifen. Sie predigt ihnen die Zusammenarbeit mit der reaktionären einheimischen Bourgeoisie, bis hin zu Franco und Pinochet.

Mao und der «Maoismus» sind zu einem der ernstesten Hindernisse für die Einheit des Weltproletariats und der neuen marxistisch-leninistischen kommunistischen und Arbeiterparteien geworden. Deshalb muss diesem neuen getarnten Übel in allem unsere unfehlbare Theorie, der Marxismus-Leninismus, entgegengesetzt werden.

Auch wenn die Kommunistische Partei Chinas eine große Partei ist, so kennt doch der Marxismus-Leninismus keine großen und kleinen Parteien, also ist unsere Partei als gleichberechtigt mit ihr zu betrachten. Und wenn die Kommunistische Partei Chinas falsch handelt, so wie das zur Zeit der Fall ist, dann folgt ihr unsere Partei in ihren falschen Ideen und Wegen nicht etwa, sondern bekämpft sie sogar - wenn vorerst noch nicht direkt, so doch indirekt, durch ihre offenen und öffentlichen Stellungnahmen. Sie ermöglichen es allen, klar zu erkennen, worin die Divergenzen zwischen der Partei der Arbeit Albaniens und der Kommunistischen Partei Chinas bestehen.

Wenn die Kommunistische Partei Chinas ihre Linie nicht berichtigt und ihren falschen Weg weiter fortsetzt, muss die Partei der Arbeit Albaniens im Interesse der proletarischen Revolution auch in die offene Polemik mit ihr eintreten.







SAMSTAG, 12. JUNI 1976





CHINAS LINIE IST RECHTS

Auch wenn man Chinese wäre, ließe sich die chinesische Innen- und Außenpolitik kaum verstehen. Sie hat keine stabile Achse, schwankt so sehr nach der einen wie nach der anderen Seite. Es gibt Momente, da sie zu einer gewissen zentristischen Stabilität findet, dann ändert sich auch entsprechend den inneren Umständen und Konjunkturen die Haltung nach außen. Es gibt Momente, da man diese Haltung vom Standpunkt der marxistisch-leninistischen Theorie aus für richtig befindet, doch dann neigt sich die Waage auch schon wieder schlagartig zum Liberalismus oder zum Sektierertum.

All diese Haltungen ohne Angelpunkt sind begleitet von Reden, Artikeln. Zitaten Maos. Mit Maos Zitaten wird «jede Mahlzeit» gewürzt, sie dienen jeder Haltung, ob rechts oder links. Mao und seine Ideen werden angepasst, alle bedienen sich seiner «Autorität», und jeder betreibt sein eigenes Geschäft. Also findet der «Klassenkampf» statt, doch auf der Grundlage welcher Ideologie? Auf der Grundlage des «Marxismus-Leninismus», heisst es, doch die Wirklichkeit in China bestätigt dies nicht, denn Mao selbst hat gepredigt: «Lasst hundert Blumen blühen.» Doch die «hundert Blumen» haben natürlich nicht die gleiche «Farbe».

Mao hatte sich auf Chruschtschows Seite gestellt, ihn verteidigt und gelobt, bis er festen Fuß gefasst und seine Positionen gestärkt hatte. In dieser Situation und in diesen Ansichten stimmten Mao und Liu Schao-tschi also miteinander überein. Beide waren rechts. Diese ihre Haltung zeigte sich auch auf dem 8. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 1956, einem rechten Parteitag, der sogar Chruschtschow den Weg zum Handeln wies. Chruschtschow jedoch erstarkte und ging unverzüglich zum Angriff auf den sogenannten «Stalinkult» über. Er wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: innerhalb des Landes den «Stalinkult» durch seinen eigenen Kult ersetzen und in der kommunistischen Weltbewegung selbst die erste Geige spielen. Er wollte keinen anderen neben sich, selbstverständlich also auch nicht Mao. Dieser dagegen hatte die Hoffnung, danach «würden die Rollen vertauscht: Chruschtschow werde «Maos Schüler sein». Doch Chruschtschow begriff die Situation und schlug einen anderen Kurs ein, nahm das Gewehr auf die andere Schulter.

So fing Mao an, eine beinahe «marxistisch-leninistische» Haltung einzunehmen. Auf der Beratung der 81 Parteien in Moskau waren die Chinesen genötigt, Änderungen an ihrer Rede vorzunehmen und sie auf unsere abzustimmen. Ich sage, sie begannen, eine beinahe «marxistisch-leninistische» Haltung einzunehmen, denn später, auf dem 21., 22. und 23. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, unternahmen die Maoisten Versöhnungsversuche. Doch mittlerweile hatten die Chruschtschowianer alle Zügel schießen lassen. Das war die Zeit, da Mao und die Maoisten die Polemik begannen. Wir waren natürlich zufrieden, sahen wir doch, dass Mao «begann, die Situation richtig zu sehen». Das war die Zeit einer grossen Freundschaft zwischen China und uns.

Doch während dieser Zeit machten sich in China neue Schwankungen bemerkbar. Liu Schao-tschi, Deng Hsiao-ping und andere, ihre Gefolgsleute, wollten die Macht ergreifen und ein «Bündnis mit der Sowjetunion» eingehen, wie es hieß. Dieses Bündnis begannen sie gemeinsam, doch für die Chruschtschowrevisionisten war Liu anscheinend leichter zu akzeptieren als Mao. Also steuerte dieser, als er sah, dass Liu und Konsorten alles in ihre Hand gebracht hatten, nach links und erliess den Aufruf: «Greift das Hauptquartier an!» Die Kulturrevolution begann, und Liu stürzte vom Thron. Dennoch blieben seine Leute, wo sie waren. Alle wurden Maoisten, mit Mao an der Spitze. Tschou war das Haupt der Staatsmacht und der Wirtschaft, Lin Biao Armeechef. Die Partei war zu jener Zeit zerschlagen und alles war durcheinander, nur Maos Name war zu hören. Unter diesem Namen strebten alle und jeder nach Macht. Mao wahrte angeblich «das Gleichgewicht zwischen den Linken und den Rechten». Kein einziger Flügel war marxistisch-leninistisch. Lin Biao wurde liquidiert, Tschou En-lai blieb «Chinas Vizekönig» und Mao wie immer der «Schiedsrichter».

Nach den aufeinanderfolgenden Konfusionen erreichte man angeblich eine Stabilität, doch sie war antimarxistisch. China verband sich mit den amerikanischen Imperialisten gegen die Sowjets, und diese Position brachte es noch weiter auf den antimarxistischen, rechten Weg.

Selbstverständlich konnten die Chinesen und Mao mit uns nicht einverstanden sein. Und das bewiesen und beweisen sie mit Taten. Wir bewahren kühlen Kopf. Die chinesische Linie steuerte naeh rechts, Mao und Tschou En-lai rehabilitierten Deng Hsiao-ping, der vom «Feind Nr. 2» zum stellvertretenden Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas wurde und sich unterdessen daraui vorbereitete, Tschou En-Jais Platz einzunehmen. Tschou starb und Deng gelang es nicht, Ministerpräsident zu werden, vielmehr wurde er Revisionist, Verräter genannt. Was wurde und wird nicht alles über ihn gesagt! Merkwürdige Beschuldigungen. 'Sie scheinen richtig zu sein, doch es stellt sich die Frage: Wie konnte Mao diesen Menschen nur rehabilitieren? Aber auch nach den Beschuldigungen gegen Deng zeigt sich in der chinesischen Innen- und Aussenpolitik nicht ein einziger positiver marxistisch-leninistischer Ansatz. Wieder grosse Konfusion. Hua Guo-feng erklärt, in der chinesischen Aussen politik werde es keine einzige Veränderung geben, die bisherige Ausrichtung werde sogar noch verstärkt.

In der Presse wird Deng sowohl Zentralisierung als auch Dezentralisierung vorgeworfen. .Man wirft ihm vor, er wolle die Industrie mit ausländischer Technologie modernisieren, während Maos Linie sei, den Sozialismus aus eigener Kraft aufzubauen. U das zu einer Zeit, da in China von den Amerikanern, den Japanern, den Westdeutschen moderne Kombinate gebaut werden. Wer dies alles zugelassen? Nur Deng Hsiao-ping?! Und Tschou En-lai was hat er getan?! Und Mao, hat er dem nicht zugestimmt? Nein, heisst es, Mao habe nichts zugestimmt, doch in Wirklichkeit ist er es, der alles in China geleitet hat.







DONNERSTAG, 24. JUNI l976





IN CHINA FUNKTIONIERT WEDER DIE PARTEI NOCH DER STAAT DES PROLETARIATS

In China geht die Leier der langen, immer wieder gleichen Kritiken an Deng Hsiao-ping weiter, als ob er der einzige innere Feind der Partei wäre. Dennoch, selbst dieser «so schlimme, so niederträchtige, so tückische» Feind wird in der Partei belassen und nicht ausgeschlossen. Weshalb? Weil er nicht allein steht, sondern großen Einfluss innerhalb und außerhalb der Partei hat. Deng Hsiao-ping war die rechte Hand Tschou En-Lais gewesen, war von ihm darauf vorbereitet worden, an seine Stelle zu treten und China unter dem Banner Mao Tsetungs auf den liberalen, opportunistischen Weg zu führen und in eine bürokratische kapitalistische Grossmacht zu verwandeln. Mao und Tschou waren jeweils mit den Ideen des anderen einverstanden, die sie mit marxistisch-leninistischen Formeln tarnten. Mao verkündete seine Ideen, Tschou setzte sie in beider Interesse um. Der Fraktionskampf in der Kommunistischen Partei Chinas hatte seinen Ursprung genau in diesen liberalen Ideen, die sich mit wechselnder Intensität entwickelten.

Liu Schao-tschi war mit Mao in den Hauptfragen einer Meinung, doch er schoss über die Grenzen hinaus, schaffte es, bei sich und seinen Leuten eine beträchtliche Macht anzuhäufen. Er herrschte in der Partei, in der Armee und in der Wirtschaft. Man führte Mao weiter im Mund, «hob ihn in den Himmel», doch seine Macht war geschwächt worden, sie war an die anderen übergegangen, an Liu Schao-tschi, Tschou, Deng und andere.

Mao blieb nur noch ein Weg: die Macht zurückzuerobern. Dazu musste er sich auf die «romantische» Jugend stützen, die Mao «anbetete», und auf Lin Biao, den er zu seinem Stellvertreter machte, das heißt, er musste sich auf die Armee stützen. Hier liegt der Ursprung der Kulturrevolution, die nichts anderes tat, als Liu Schao-tschis Gruppe zu liquidieren. Tschou En-lai wurde von Mao geschont, denn ihn brauchte er noch, und außerdem hatte er die gleichen Ansichten wie Mao. Tschou war eine «Wetterfahne», die sich nach dem Wind drehte. Doch Tschous Pirouetten festigten seine Position, sie führten dazu, dass sich um ihn alle Rechten, Gemäßigten und Linken sammelten. Die Große Kulturrevolution war tatsächlich mit viel Lärm verbunden. Sie wurde groß propagiert, doch sie war eine «Rotgardistenparade», um Maos «Stärke» zu zeigen und zu bestätigen, dass die «Maotsetungideen» an die Stelle des MarxismusLeninismus getreten waren. China war von diesen Ideen tatsächlich schon vor geraumer Zeit ergriffen worden, doch bei dieser Gelegenheit gab man ihnen noch einen Schubs, damit sie «die Welt beherrschten».

Weiter gab es die Anarchie, die Konfusion, die zwei Linien, di «hundert Blumen» und die Leute jeden Schlags und jeder Idee unter dem Aushängeschild der «Maotsetungideen», daran änderte sich nichts, sie machten sich breit, festigten ihre Stellungen. Man kämpfte um Positionen, um Macht und nicht für den Sozialismus. In diesel Phase gewann Tschou En-lai die Oberhand, der zusammen mit Mao; „allzeit mit Mao“ und «hinter Mao» Lin Biao liquidierte.

Die Epoche Tschou En-lais brach an: die Epoche der Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Warum auch nicht Tschou hatte Chruschtschows «Geschicklichkeit» geschätzt, deshalb ging er, was die Bündnisse anbelangt, bei ihm in die Lehre. Er dachte'' «Schließen wir Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika und schwächen wir die Sowjets, gehen wir Chruschtschows Weg um China zu modernisieren und aufzurüsten, werden auch wir eine Grossmacht.» Und diese Politik wird nun fortgesetzt.

Tschou glaubte sich schon auf dem Gipfel des Sieges: den alten Mao hatte er in der Tasche, denn der würde heute oder morgen sterben. In der Führung hatte er einige Gegner, doch seine Macht . war groß und er würde sie schon in die Knie zwingen. Zu diesem Zweck rief er Deng Hsiao-ping zu Hilfe und lehrte ihn handeln, manövrieren, die Macht ergreifen. Tschou wusste, dass er an Krebs sterben würde, trotzdem blieben ihm dreieinhalb Jahre Zeit, Deng zu «unterweisen».

Deng war jedoch nicht so wendig wie Tschou, er war machttrunken und zückte das Schwert des «Diktators». «Ich oder ihr», sagte Deng. Dieses übereilte Handeln Dengs sah Mao natürlich gar nicht gern. Es verdarb ihm die opportunistische Politik der zwei Linien, deren Koexistenz. Und Deng stürzte. Trotzdem bleibt seine Macht bestehen, bleibt Deng sogar in der Partei.

Die chinesischen Zeitungen fabrizieren täglich Dutzende von Artikeln, in denen sie Deng und die rechte Abweichung «entlarven». Doch es lässt sich nicht ausmachen, wer rechts ist und wer links. Beide Flügel sind an der Macht, nehmen ihre alten Plätze ein, verrichten jeder für sich und jeder im eigenen Interesse ihr Geschäft und lesen die Psalmen der Zeitungen, so dass beide Seiten schon die Langeweile gepackt hat. Mao hat «den Linken geraten, die Rechten nicht anzugreifen», sondern zu erziehen (so wie sie Deng erzogen!), ihnen keine Schläge zu versetzen, weil es sonst «in China zu Unruhen kommt, von denen der Feind profitiert». Es steht fest, dass diese Direktiven erteilt worden sind. Das zeigt sich auch an der gegenwärtigen Lage.

In den chinesischen Zeitungen stand ausserdem, Mao habe gesagt: «Der Feind sitzt mitten in der Partei.» Wir stellen also die Frage: Wer ist dieser Feind? Wie muss er bekämpft werden? Was wird gegen diesen Feind unternommen? Der stellvertretende chinesische Außenminister Yü Dschang antwortete auf eine entsprechende Frage unseres Botschafters in Peking: «Dies ist ein tiefschürfender Gedanke des Vorsitzenden Mao, und es wird seine Zeit brauchen, bis er richtig verstanden wird.» Das überrascht uns nicht im Geringsten! Mao Tsetung hat das Durcheinander und die Verwirrung in der Partei verursacht, und es wird überhaupt nichts Konkretes getan, um den Schmutz, der sich an den Rädern der «Maschine» der Partei und der Diktatur des Proletariats angesammelt hat, zu entfernen.

In diesem Land funktionieren weder die Partei noch der Staat des Proletariats. Dort findet ein Kampf mit «Glacéhandschuhen» und Zeitungsformeln statt. Die Partei und das Volk sehen, dass es dort so aussieht dass die Rechten, die Gemäßigten, die Opportunisten, die Freunde der Vereinigten Staaten von Amerika stärker sind und über kurz oder lang die Macht ergreifen werden. Sie warten auf den Tod Maos, von dem sie selbst erklären, er werde von nun an niemand mehr empfangen. Was hat das zu bedeuten? Beide Flügel verstecken sich hinter ihm, bekennen nicht Farbe. Damit will man verhindern, dass die Massen irritiert werden. Ist Mao erst tot, werden die beiden oder die sechs Flügel unter dem Banner Maos um die Macht kämpfen. Je länger dieser Stillstand dauert, desto günstiger für die Reaktion.

Früher hatten wir gemeint, Mao denke und handle wie ein Marxist, doch wir sahen, dass auch Dinge geschahen, die keinen richtigen Lauf nahmen. Wir meinten, es sei nicht Mao, der so handelte, oder es sei Taktik. Doch schon seit einiger Zeit werden uns die Dinge klarer: Mao war nicht dem Marxismus-Leninismus treu. Wäre er nicht Führer des grossen China gewesen, wäre ihm der Lack schon früher abgeblättert. Die Interessen Chinas und der kommunistischen Weltbewegung erforderten ein vorsichtiges Vorgehen in dieser Frage, doch die Vorsicht überschritt das gerechtfertigte Maß, und wenn in China nicht jener revolutionäre Teil der Partei siegt, der der Theorie von Marx, Engels, Lenin und Stalin und nicht den «Maotsetungideen» die Treue hält, dann wird China unweigerlich in den offen revisionistischen Tümpel abgleiten, den Weg einer kapitalistischen Großmacht gehen. Den Ideen Mao Tsetungs liegen diese theoretisch-politische Tendenz, dieser Arbeitsstil, diese Arbeitsmethode zugrunde. Im China Maos, das sich sozialistisch gibt, finden sich starke - modernisierte - mystische Überreste. Dort wurden in der Philosophie, in der Arbeit, im Leben ein Geist und eine Disziplin geschaffen, die eine Loslösung von den alten konfuzianischen Vorstellungen und den «Maotsetungideen», einem Amalgam aus Marxismus-Leninismus, Kapitalismus, Anarchismus und allen Einflüssen des Imperialismus und des modernen Revisionismus, sehr erschweren.

Im nationalen Befreiungskampf wurde China befreit, doch die ganze Periode nach diesem Kampf war undurchsichtig, der revolutionäre Marxismus-Leninismus wurde nicht als roter Faden sichtbar, wurde nicht konsequent angewendet. Die opportunistischen Ideen, die enge Zusammenarbeit mit den Parteien der Bourgeoisie usw, herrschten vor in Politik, Ideologie, bei der Organisation der Wirtschaft, der Staatsmacht und der Armee. Die Kapitalisten erhielten weiter Vergünstigungen, und man ließ sie ihre frühere Tätigkeit in Ruhe weiter betreiben, Gewinne einstreichen. Sie änderten ihre Lebens- und Arbeitsweise, um den Eindruck der «Fügsamkeit» zu erwecken. Doch aus ihnen wurden wieder fähige Verwaltungs- und Finanzfachleute, sie wurden zur Stütze der Opportunisten. An ihrer Spitze standen Liu Schao-tschi, Tschou En-lai, Deng Hsiao-ping usw., bis zu einem gewissen Grad auch Mao.

China hält viele Überraschungen für uns bereit, die, denkt man gründlich darüber nach, gar nicht «überraschend» sind. Wir werden noch viel zu hören und zu sehen bekommen.





DURRЁS, SAMSTAG, 17. JULI 1976





EINE PRINZIPIENLOSE POLITIK DES GROSSEN CHINESISCHEN STAATES

Ich hatte ein Treffen mit Behar, der aus Peking gekommen ist, um am Plenum des Zentralkomitees teilzunehmen, das übermorgen, am 19. Juli, abgehalten wird. Die reale Lage in China ist seiner Schilderung nach sehr verworren, wogegen sie die chinesische Presse als «glänzend» darstellt. Nach außen hin hält die «Euphorie» an, doch das ist ein falsches Bild. Nur eines läuft gut, die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Industriewaren. Das mag Ausfluss der geleisteten Arbeit und der für das chinesische Volk kennzeichnenden Arbeitsdisziplin sein, doch möglicherweise trägt dazu auch die geringe Kaufkraft der Bevölkerung bei. Der bäuerliche Markt, der ein-, zwei- oder dreimal in der Woche stattfindet, ist in ganz China stark entwickelt. Obwohl Produkte wie Weizen, Hühner, Schweine, Gemüse und das alles über den staatlichen Handel auf den Markt kommen? Oder hat man den Kooperativen die Freiheit zugestannden, die Produkte «selbstzuverwalten»? Ich glaube, letzteres ist der Fall.

Der politische, ideologische und organisatorische Kampf sieht so aus, wie wir ihn eingeschätzt haben. Die Auseinandersetzung und die Vorbereitungen auf noch größere Auseinandersetzungen gehen fieberhaft weiter. Deng Hsiao-ping und die rechte Strömung werden entlarvt, doch auf der anderen Seite haben auch Dengs Freunde, ohne auch nur um Haaresbreite von ihren Anschauungen abzugehen, die Generallosung übernommen, üben