Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der PAA

Titel des Originals: SHËNIME PËR KINËN

Verlag „8 NËNTORI“ - 1979





Enver Hoxha


Enver Hoxha



Betrachtungen über China

Band I





Vorwort

In den beiden ersten Bänden der „Betrachtungen über China“ werden Meinungen und Einschätzungen über die verschiedenen Haltungen und Handlungen der chinesischen Führung zwischen Anfang 1962 und Dezember 1977 dargelegt, ausgehend von den Grundprinzipien des Marxismus-Leninismus, die die Partei der Arbeit Albaniens konsequent anwendet.

Diese Meinungen und Einschätzungen beruhen auf Fakten und Ereignissen, über die wir durch die Mitteilungen der chinesischen und der übrigen ausländischen Presse, die albanische Botschaft in Peking und selten einmal auf offiziellem Weg durch die chinesischen Führer selbst in Kenntnis gesetzt wurden.

Da die Angaben, über die wir verfügten, bruchstückhaft und unzureichend waren, weil die chinesischen Führer uns nicht einmal über die wichtigsten Probleme der Lage in China und der Tätigkeit ihrer Partei ins Bild sezten, waren wir gezwungen, Vermutungen anzustellen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen und Meinungen über die chinesische Politik zu äußern, wie auch über Auswirkungen dieser Politik, die stets durch Schwankungen und Opportunismus gekennzeichnet war.

Die Einschätzungen über die verschiedenen Haltungen und Handlungen der chinesischen Führer wurden von Tag zu Tag in Form eines Tagebuches niedergeschrieben, zu der Zeit, da sie stattfanden oder wir von ihnen erfuhren. Diese Tatsache muss der Leser berücksichtigen, um den Prozess unseres Erkennens der chinesischen Linie und die Dialektik der marxistisch-leninistischen Haltungen der Partei der Arbeit Albaniens besser zu verstehen.

Die Partei der Arbeit hat, den Prinzipien des proletarischen Internationalismus treu, die Kommunistische Partei Chinas und die Volksrepublik China sowohl zu der Zeit verteidigt, als sie von den chruschtschowschen, titoistischen und anderen modernen Revisionisten angegriffen wurden, als auch zur Zeit der Kulturrevolution, als die chinesischen Ultra-Revisionisten mit Liu Schao-tschi und Deng Hsiao-ping an der Spitze die Kommunistische Partei Chinas und Mao Tsetung ernsthaft bedrohten. Zugleich hat sie die anti-marxistischen Haltungen und Handlungen, die sich in vielen Fällen bei den chinesischen Führern feststellen ließen, mit Sorge beobachtet, sie hat, soweit es real möglich war, kritische Meinungen über das geäußert, was in China geschah. Diese Meinungen sagte sie zur passenden Zeit auch der chinesischen Führung, in der Hoffnung, diese werde den richtigen Weg einschlagen. Dieser Wunsch spiegelt sich auch in den Aufzeichnungen wider, die in diesen beiden Bänden enthalten sind. Leider aber erstarkte der Revisionismus in China von Tag zu Tag.

Die Partei der Arbeit Albaniens hat auf dem 7. Parteitag sowie auf dem 2. und 3. Plenum des Zentralkomitees die anti-marxistischen Haltungen und die konterrevolutionären Handlungen der revisionistischen chinesischen Führung gründlich analysiert, ohne dabei auch Maos Verantwortung für die entstandene Lage auszuklammern. Diese Betrachtungen können den Kommunisten, den Kadern und den anderen Lesern dazu dienen, ihre Kenntnis über den Entwicklungsweg des chinesischen Revisionismus und den Kampf der PAA gegen ihn zu vervollständigen.

Der Autor, Mai 1979





1962



Dienstag, 3. April 1962
Die revolutionären Kommunisten erwarten von China, dass es offen gegen den Chruschtschowrevisionismus auftritt!

Die revolutionären Kommunisten in allen kommunistischen und Arbeiterparteien der Welt erwarten die offene und direkte Stellungnahme der Kommunistischen Partei Chinas zur Verurteilung des Chruschtschowrevisionismus, der sich ausbreitet und Schaden anrichtet und nur einen offenen Gegner gefunden hat: die Partei der Arbeit Albaniens. Sie alle sind mit unserer Partei solidarisch und unterstützen ihre richtige Linie, bewundern ihren Mut, doch sie warten zu Recht darauf, dass die Kommunistische Partei Chinas offen auftritt. Die Taktik des ideologischen Kampfes, die China gegenüber den Chruschtschowianern einschlägt, ist für die revolutionären Elemente kein Ansporn, den Schwankenden dagegen liefert sie einen Vorwand, zu sagen: «Seht her, China rührt sich um der Einheit willen nicht offen, und wir dürfen uns auch nicht rühren, weil sonst Spaltung ensteht, und das ist nicht gut.» Und das geschieht zu einer Zeit, da die Revisionisten ihrerseits offen und im Verborgenen wirken, Schläge führen, verleumden usw. Dies ist ein wichtiges Problem, doch die Chinesen haben bisher mit uns keinerlei Kontakt zu Gesprächen über diese Fragen aufgenommen. Wenn unsere Feinde wüssten, dass wir uns untereinander über den Kampf gegen die modernen Revisionisten überhaupt nicht beraten, wären sie sehr überrascht. Das würden sie niemals glauben. Es ist aber doch so.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 7





Donnerstag, 5. April 1962
Die Zeit arbeitet für uns, für die Chinesen jedoch verrinnt die Zeit sehr langsam

Die Taktik, die die Kommunistische Partei Chinas gegenüber dem Chruschtschowrevisionismus einschlägt, ist meiner Meinung nach nicht vollständig richtig. Mir scheint, dass die Kommunistische Partei Chinas, ungeachtet aller Erwägungen (zum Beispiel das gegenüber der Sowjetunion schwächere wirtschaftliche und militärische Potential Chinas, seine zeitweiligen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die durch den amerikanischen Imperialismus hervorgerufene schwierige Situation, die Beschuldigungen hinsichtlich des «chinesischen Grossmachtchauvinismus» oder der Vorwurf des «Spalters der kommunistischen Bewegung» usw., die kommen könnten und tatsächlich bereits kommen), eine offen kämpferische Haltung zur Verteidigung des Marxismus-Leninismus einnehmen muss. Zu schweigen, angeblich, um eine faule Einheit der kommunistischen Bewegung oder des sozialistischen Lagers zu wahren, wenn man sieht, dass die Krankheit schwer ist, dass die Feinde nicht nur unverbesserlich sind, sondern aktiv organisieren, verleumden, angreifen, kämpfen, das ist weder revolutionär noch richtig. Sowenig sich Tito bessern lässt, sowenig wird sich Chruschtschow bessern lassen: wo der eine gelandet ist, wird auch der andere landen, oder ist schon gelandet. Den einen nennt man Verräter, den anderen aus «taktischen» Gründen «Genosse». Die Zeit arbeitet für uns, doch auch wir müssen dazu beitragen, dass sie auf revolutionäre Weise verläuft. Mir scheint, für die Chinesen verrinnt die Zeit sehr langsam.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 8






Freitag, 6. April 1962
Die Chinesen reichen Chruschtschow die Hand

Der chinesische Botschafter kam, um mir eine Botschaft des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas an das Zentralkomitee der Partei der Arbeit Albaniens zu überbringen, die in der Substanz besagt: Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas ist der Meinung, dass auf der Grundlage der Vorschläge der indonesischen, der vietnamesischen und der neuseeländischen Partei eine Beratung mit den Sowjets durchgeführt werden sollte, um die Meinungsverschiedenheiten auszuräumen und die Einheit des sozialistischen Lagers zu festigen. Wir müssen die Initiative ergreifen, sagen die chinesischen Genossen, und das Banner der Einheit tragen. Sie setzen hinzu, die Bedingungen, die wir für eine Beratung gestellt haben, seien für die Chinesen verständlich, würden aber von den anderen Parteien nicht akzeptiert werden, deshalb stelle die Kommunistische Partei Chinas ihrerseits keine Bedingungen. Sie schlägt vor, dass wir Parteidelegationen austauschen, um die Frage zu diskutieren.

Wir werden ihnen antworten. Wir stimmen dem Austausch von Delegationen mit der Kommunistischen Partei Chinas zu, werden aber unsere Haltung im Zusammenhang mit der vorgeschlagenen Beratung mit den Sowjetrevisionisten nicht um ein Jota ändern.

Es ist ein falscher Weg, zu dem uns die chinesischen Genossen verleiten wollen, ein schwankender, opportunistischer Weg, ein Weg der Zugeständnisse an die Verrätergruppe Chruschtschows, der in einer schwierigen Situation steckt und intrigiert, um die Niederlage abzuwenden. Die chinesischen Genossen reichen ihm die Hand, um ihn aus dem Sumpf herauszuziehen, sie geben ihm die Möglichkeit, seine Positionen zu stärken, um wieder zum Angriff überzugehen.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 9 - 10





Dienstag, 10. April 1962
Warum diese Schwankungen gegenüber den Sowjetrevisionisten?

Anscheinend hat mein Gespräch mit Botschafter Lo Schi-gao am 6. April die chinesischen Genossen dazu genötigt, unserem Botschafter Kopien der Briefe auszuhändigen, die zwischen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der Kommunistischen Partei Chinas ausgetauscht worden sind. Der Inhalt dieser Briefe ist neu für uns, weil die chinesischen Genossen in der Botschaft, die sie uns übermittelten, kein Wort von diesem Briefwechsel erwähnten. Mein Gespräch veranlasste die Enthüllung dieses Briefwechsels, von dem uns die chinesischen Genossen anscheinend nichts zu erzählen gedachten.

Das ist der Beginn einer unkorrekten Haltung uns gegenüber, ist doch in diesem Briefwechsel von uns die Rede. Als korrekt würde es gelten können, wenn uns die Kommunistische Partei Chinas, ehe sie der Kommunistischen Partei der Sowjetunion antwortete, über den Inhalt des Briefes, den sie an diese Partei zu richten beabsichtigte, in Kenntnis gesetzt und nach Möglichkeit auch unsere Meinung dazu eingeholt hätte (da es ja um uns ging). Ob unsere Meinung dann berücksichtig worden wäre oder nicht, das ist eine andere Frage.

Wie sich zeigt, haben die chinesischen Genossen schon vor langem und ohne unser Wissen Verhandlungen mit den Sowjetrevisionisten über Treffen und Beratungen mit ihnen aufgenommen und ihre Zustimmung dazu gegeben. Mit den Gesprächen, die sie nun mit uns führen wollen, verfolgen sie die Absicht, uns dazu zu bringen, Treffen mit den Chruschtschowianern zu akzeptieren und die Vorbedingungen dafür fallenzulassen. Wenn wir die Bedingungen nicht fallenlassen, dann können die chinesischen Genossen nicht verantwortlich dafür gemacht werden, haben sie doch, um sich vor Nikita von der Schuld reinzuwaschen, das «Argument», dass «nicht wahr ist», wessen man sie beschuldigt, nämlich uns zu drängen. «Wir sind bei den Albanern vorstellig geworden», werden sie sagen, «haben ihnen zugeraten, doch sie wollten nicht hören.» Nach diesem Sieg wird Chruschtschow ihnen den Vorschlag machen: «Kommen wir ohne die Albaner zusammen, um unsere Angelegenheiten zu regeln.» Wenn die chinesischen Genossen auch das akzeptieren, dann geraten sie auf einen noch schwierigeren Weg, gehen sie in Nikita Chruschtschows Falle, der um jeden Preis die Partei der Arbeit Albaniens isolieren will.

Die Kopien der Briefe, die uns zugehen werden, werden uns vollkommenen Aufschluss über die Haltung der chinesischen Genossen geben. Doch schon jetzt, nach den Angaben, über die wir verfügen, ist eines für uns klar: es besteht die Gefahr, dass sie schon in die gestellte Falle getappt sind, haben sie doch den Briefwechsel zwischen dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas vor uns geheimgehalten. Und damit haben sie einen schweren Fehler begangen. Das ist uns klar, noch ohne den Inhalt der chinesischen Antwort zu kennen. Was den Brief der Sowjets angeht, können wir uns vorstellen, was darin steht.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 11 - 12






Donnerstag, 12. April 1962
Die chinesischen Genossen kritisieren die Sowjetrevisionisten

Wir haben eine Zusammenfassung des Antwortschreibens erhalten, das das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gerichtet hat. Die Sache scheint nicht ganz so zu sein, wie wir gedacht haben. Wir haben uns in unserer Prognose über die Antwort der chinesischen Genossen geirrt. Es scheint, dass die chinesischen Genossen nachdenken und eine richtige Haltung sowohl zu unserer Frage, als auch zu ihrer Frage, wie auch zu anderen allgemeinen Problemen bezogen haben. Sie geben in ihrem Brief den Sowjets die Schuld und die Verantwortung und verlangen von ihnen, selbst die Initiative zur Verbesserung der Beziehungen mit uns zu ergreifen.

Das Wichtige besteht darin, dass die chinesischen Genossen den Sowjets erklären, dass ihr Versuch, Albanien von China und der internationalen kommunistischen Bewegung zu trennen, sinnlos und unannehmbar ist. Die Haltung der chinesischen Genossen gegenüber unseren Gegnern ist gut. Dennoch fällt an der Botschaft, die sie uns geschickt haben, die Tendenz auf, von uns eine gewisse Mässigung zu verlangen.

Gleichwohl, im Licht der chinesischen Taktik gesehen ist die den Sowjets erteilte Antwort gut, richtig. Wir dürfen unsere Meinung über die Haltungen der chinesischen Genossen nicht zu früh äussern, noch ehe wir die offiziellen Dokumente kennen.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 13






Freitag, 13. April 1962
Getarnter sowjetischer Angriff auf China im Zusammenhang mit Albanien

Die «Iswestija» brachte heute einen Artikel über die Einheit im Lager des Sozialismus. Darin werden wir als «Spalter», «Antileninisten», «Dogmatiker» usw. angegriffen. Diese Verleumdungen sind das Übliche; klar und neu daran ist aber, dass dieser Artikel nicht an uns, sondern an die Chinesen gerichtet ist. Dieser Artikel ist die öffentliche Antwort auf den Brief des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas vorn 7. April an die Kommunistische Partei der Sowjetunion im Zusammenhang mit den eventuellen «Gesprächen» usw. Der ganze Artikel ist ein einziger scharfer, aber noch verkappter Angriff auf die korrekte Haltung Chinas, das uns zu Recht verteidigt.

Das ist der Anfang. Die «Iswestija» erklärt China: Lass Albanien fallen, sonst bist du, China, gegen die Einheit. Die Chinesen werden jetzt keine Illusionen mehr haben, sondern noch mehr Festigkeit gewinnen.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 14





Samstag, 14. April 1962
Wehe denen, die in die Falle der Revisionisten tappen!

Der gestrige Artikel der «Iswestija« ist mehr gegen China als gegen uns geschrieben. Wir sind der Vorwand, doch dieser Artikel über die «Einheit» ist nichts anderes als die offizielle Antwort an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas im Zusammenhang mit der Einleitung von Gesprächen. Die Sowjetrevisionisten verfolgen mit diesem Artikel mehrere Ziele:

1) Uns als «Spalter», «Dogmatiker» usw. zu bezichtigen. Doch diese banalen Wiederholungen bewirken nichts anderes, als die Entlarvung der wahren Urheber der Spaltung, der Sowjets selbst.

2) Die Plattform der Chinesen für Gespräche zurückzuweisen, indem man ihnen erklärt: Wir, die Sowjets, werden uns auf Gespräche auf eurer Plattform nicht einlassen, weder erkennen wir an, noch werden wir anerkennen, dass wir uns gegenüber den Albanern schuldig gemacht hätten; im Gegenteil, wir sind auf marxistisch-leninistischem Weg, während die Albaner und ihr auf antileninistischem Weg seid; wir tun keinen einzigen Schritt zur Verbesserung der Beziehungen zu den Albanern. Wir müssen den Albanern den Laufpass geben, damit sie nicht zum Hindernis für eure (der Chinesen) Unterwerfung unter uns (die Sowjets) werden. Euer (der Chinesen) Weg ist der Weg der Spaltung. Es gibt nur einen Weg: das ist unser Weg. Ihr habt die Wahl!

Wenn ihr nicht einwilligt, wird der Kampf beginnen, sogar der offene Kampf.

3) Sie spielen die letzte Karte aus, um China einzuschüchtern bzw. es in seinen richtigen Standpunkten zu erschüttern. Doch diese Drohungen können wir nicht anders werten denn als Eselsfürze, die nur die Luft verpesten, aber niemand erschrecken, die nur die Angst beweisen, die Chruschtschow und seine Leute im Bauch haben.

4) Sie wollen den Amerikanern und der Belgrader Gruppe zu verstehen geben, dass sich mit Albanien und China keine Verständigung erzielen lässt, dass sie sich deshalb nicht zu grämen brauchen; nur dass sie (die Sowjets) als Gegenleistung wollen: Macht uns irgendein Zugeständnis, denn uns blättert der Lack ab, und das ist weder für euch, noch für uns, noch für unseren gemeinsamen Plan gut: die Zerschlagung des Sozialismus.

5) Eine klare Direktive für Chruschtschows Satelliten zu geben, wo sie auch sein .mögen, ob an der Macht oder nicht.

Mit diesem Artikel verfolgen sie zwei Absichten: a) Die Positionen der Verräter am Leninismus um Chruschtschow zu konsolidieren. Den Satelliten, die von den Briefen der Kommunistischen Partei Chinas erfahren haben, sagt der Artikel: Das ist die Haltung, die wir gegenüber der Kommunistischen Partei Chinas einnehmen werden. Veröffentlicht also auch ihv in euren Organen das, was die «Iswestija» gebracht hat, macht gehöriges Tamtam um den Artikel, kompromittiert euch! b) Den Satelliten zu drohen, für den Fall, dass sie sich rühren sollten. Chruschtschow erklärt ihnen: ich werde mit euch verfahren wie mit den Albanern und den Chinesen, ihr werdet dann zwischen drei Feuern (meinem Feuer, dem chinesisch-albanischen Feuer und dem inneren Feuer) stehen. Ich werde euch das Brot sperren, macht deshalb keine Scherze.

Das ist das teuflische Spiel der Revisionisten. Wehe dem, der da hineingerät!

6) Den Parteien, die auf prinzipienfesten Positionen beharren, zu sagen: kehrt um, bindet euch nicht an China, sonst könnt ihr etwas erleben!

7) Sie wollen die Niederlage, die sie in der internationalen Arena und im eigenen Land erlitten haben, vertuschen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den Verbrechen ablenken, die sie im Inneren an den guten Kadern verübt haben usw. Die Öffentlichkeit aber fragt: Ist denn dieses kleine sozialistische Albanien so gefährlich, dass es von Chruschtschow auf diese Weise angegriffen werden müsste?

Der Öffentlichkeit wird täglich klarer, dass es «gefährlich» nicht durch sein militärisches, sondern durch sein ideologisches Potential ist.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 15 - 17






Sonntag, 22. April 1962
Den ideologisch-politischen Kampf einstellen heisst, den Feind Schaden anrichten lassen!



Die von den Chruschtschowianern ausgehende Kampagne, die «Polemik in Presse und Rundfunk» ruhen zu lassen, weitet sich aus. Man muss genau sehen, wer als erster die Polemik öffentlich aufgenommen hat. Das hat die Chruschtschowgruppe getan. In den theoretischen und internationalen Fragen taten sich zwei Linien, zwei Haltungen auf: eine opportunistische revisionistische Linie, die vom Marxismus-Leninismus abwich, die Moskauer Erklärung mit Füssen trat, den Titoismus unterstützte und den Kampf gegen ihn abwürgen wollte, Konzessionen an den Imperialismus den Weg ebnete, den Kampf gegen ihn abschwächte, ihn hätschelte usw. Das war die Linie der Chruschtschowianer. Die andere Linie war unsere, die dem Marxismus-Leninismus und den Erklärungen der Moskauer Beratungen die Treue hielt.

Die Zeit, die vergangen ist, und sei sie auch nur kurz, hat die Richtigkeit unserer Linie bestätigt. Die Revisionisten scheiterten mit all ihren Versuchen, sie wurden übel entlarvt, hatten keinerlei Erfolg, wurden ins Wanken gebracht. Sie suchen einen Ausweg aus den Schwierigkeiten, sie suchen eine Atempause, um die Waffen zu bereiten und die Offensive auf dem gleichen Terrain, mit den gleichen Argumenten wiederaufzunehmen. Sie brauchen Zeit, um sich mit den Imperialisten zu verständigen. Darum streben sie nach Einheit. Doch von welcher Einheit ist die Rede? Von der Einheit, die früher bestand und die sie selbst zerstörten, oder von einer Einheit als modus vivendi? Sie sind für die letztere.

Die sowjetischen wie auch die jugoslawischen und die anderen Revisionisten ändern den Kurs nicht. Jeder Vorstoss ihrerseits unter dem Vorwand der «Einheit» dient dem Betrug. Ihrer Meinung nach heisst Einheit: Unterwerft euch unseren, den «einzig leninistischen» Ansichten! Die Anbiederung in dieser Richtung erfolgt zum Zweck der Kompromittierung, um dich gefügig zu machen und dann noch heftiger anzugreifen, als sie es schon taten und tun.

Den ideologischen und politischen Kampf einzustellen heisst für Chruschtschow: Lasst mich auf dem Weg, den ich eingeschlagen habe und den ich nicht ändern werde, in Ruhe handeln.

Für die Partei der Arbeit Albaniens ist dieses Manöver klar. Es scheint, als ob es auch für die Kommunistische Partei Chinas klar sei, es ist aber nicht im erforderlichen Mass und in der erforderlichen Weise klar für die Partei der Werktätigen Vietnams, die Partei der Arbeit Koreas, die Kommunistische Partei Indonesiens, die Kommunistische Partei Neuseelands usw. Bei diesen Parteien herrscht der sentimentale Wunsch nach «Einheit um der Einheit willen» vor. Die Kommunistische Partei Chinas scheint sich offiziell mit dieser These über die «Einheit» abzufinden. Auch wir sind grundsätzlich für die Einheit, doch stets für die Einheit auf marxistischem Weg. Die Kommunistische Partei Chinas setzt anscheinend grosse Hoffnungen auf den Erfolg dieser These. Wir dagegen haben keinerlei Hoffnung, solange wir nicht konkret sehen, dass die Chruschtschowianer ihre Fehler öffentlich bekennen. Das tun sie nicht und das werden sie nicht tun. Wir werden vorläufig schweigen. Das ist zum Vorteil Chruschtschows, doch diese Taktik werden wir vorübergehend bewusst praktizieren, sozusagen den chinesischen Genossen und den anderen «zu Gefallen», die bald besser erkennen werden, dass auch dieser Plan Chruschtschows Lug und Trug war. Diese Taktik wird nicht lange währen, dieses chruschtschowsche Manöver wird von Chruschtschow selbst entlarvt werden, und wir werden zu seiner Entlarvung beitragen.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 18 – 20




Mittwoch, 13. Juni 1962
China geht einen zentristischen Weg

Die Genossen Hysni [Kapo] und Ramiz [Alia], die dieser Tage, nach einer langen Odyssee zu Schiff, die sie durch einige Ozeane führte, in China eintrafen, haben die Gespräche mit den chinesischen Genossen aufgenommen und uns einige Radiogramme übermittelt, durch die sie uns von den Ansichten der Genossen in Peking zu den Problemen, die uns beschäftigen, in Kenntnis setzen.

Zuallererst erklärten sich die chinesischen Genossen solidarisch mit unseren Ansichten im Zusammenhang mit den internationalen Fragen und über die revisionistische Gruppe Chruschtschows und seiner Gefolgschaft. Sie bezeichneten unsere Haltungen als richtig und sagten, dass wir (die Albaner) freie Hand hätten, gegen die Chruschtschowianer zu kämpfen, da diese uns zuerst angegriffen hätten. Sie erklärten, dass sie ohne uns nicht zu Beratungen gehen werden, dass sie zu keiner überraschend angesetzten Beratung gehen werden, die Chruschtschow nach seiner üblichen Manier vorbereiten mag. Sie teilten uns ebenfalls mit, dass sie von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion einen 50 Seiten langen Antwortbrief erhalten haben, in dem auf 40 Seiten gegen uns gesprochen wird. Nach Erhalt dieses Briefes veröffentlichten die chinesischen Genossen, natürlich mit Verspätung, Auszüge aus meiner Wahlrede.

Alle Bemühungen der chinesischen Genossen konzentrieren sich jetzt darauf, uns dazu zu überreden, die Bedingungen, die wir für eine Beratung gestellt haben, fallenzulassen und an der Beratung, die die Sowjets und die Chinesen natürlich vorbereiten werden, teilzunehmen. Die Gründe, auf die sie dieses Ansinnen stützen, sind haltlos, schwach und von ausgesprochen opportunistischem Geist durchdrungen. Die chinesischen Genossen scheinen zu schwanken, sie haben Angst vor dem Kampf mit den Revisionisten, überschätzen die Kräfte des Feindes und unterschätzen unsere und des Weltkommunismus Kräfte. Sie bemühen sich, eine Art Kompromiss zu erreichen. Unsere entschlossene Haltung hindert sie daran, deshalb winden sie sich.

Die Sowjets haben Angst vor uns und können niemals auf eine Beratung mit uns eingehen. Sie arbeiten aktiv darauf hin, uns aus der kommunistischen Weltbewegung auszuschliessen. In der gleichen Richtung sind sie auch gegenüber China aktiv, doch mit Demagogie, mit Erpressung, mit Einschüchterung usw. China geht in dieser Situation einen zentristischen Weg, es zaudert.

Wir gehen nicht um Haaresbreite von unseren richtigen prinzipiellen Positionen ab. Die Genossen waren und sind sich darüber im klaren; zur Situation habe ich ihnen auch einige Radiogramme geschickt. Sehen wir, wie die Chinesen handeln werden. Falls die Chinesen in dieser wichtigen taktischen Frage ihre Haltung nicht ändern, werden wir uns nicht verständigen können. Sie müssen nachdenken.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 21 - 22






Sonntag, 24. Juni 1962
Die Zeit wird erweisen, ob wir Recht haben

Die Chinesen haben über die Provinz Fukien den Kriegszustand verhängt und in einem Kommuniqué bekanntgegeben, dass die Tschiang-Kai-schek-Leute mit Hilfe der Amerikaner gegen Juli China überfallen werden. Dies hat man im Aussenministerium Chinas auch unserem Botschafter mitgeteilt. Zur Abwehr des Angriffs wurden Massnahmen getroffen. Das Kommuniqué ist nicht alarmierend. Die Chinesen mögen in dieser Sache auch über Angaben dazu verfügen, und sie verfügen darüber. In einem solchen Fall ist es nur natürlich, dass sie diese Sache öffentlich bekannt geben und das Volk informieren.

Die Amerikaner sind zu dieser Handlung fähig, um in der Strasse von Taiwan eine gespannte Lage zu schaffen. Sollten sie landen und Fuss fassen, gewinnen sie einen festen Stützpunkt, um von dort aus weitere Komplikationen zu schaffen. Sollten sie scheitern, und sie werden mit Sicherheit scheitern, haben die Amerikaner nichts zu verlieren, denn für dieses Geschäft halten sie sich die Tschiang-Kai-schek-Leute.

Doch in der gegebenen Situation und in Aussicht auf ein vollständiges und spektakuläres Scheitern dieses Abenteuers werden sich die Amerikaner unserer Meinung nach auf dieses Spiel nicht einlassen. Einerseits glaube ich, dass die Amerikaner damit China auf seine Entschlossenheit befühlen und feststellen wollen, bis zu welchem Grad die zwischen China und der Sowjetunion bestehenden Meinungsverschiedenheiten gehen. Zum anderen müssen wir aber annehmen, dass all dies nur ein imperialistisch-revisionistisches Manöver sein könnte, um das am Boden liegende Prestige Chruschtschows zu heben, der diese Gelegenheit ergreifen wird, um hinauszukrakeelen, er werde «China beschützen» und dergleichen seiner üblichen Schaumschlägereien mehr, sowie um es (China) zu zwingen, Nikitas Bluffs in seiner Presse zu veröffentlichen. Also, um China unter den Zwang zu bringen, höchstpersönlich zum Schwein Onkel zu sagen, ob es nun will oder nicht, die Meinungsverschiedenheiten abzuschwächen und mit hängenden Flügeln zu den Treffen und Beratungen mit den Sowjets zu gehen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, hat China meiner Meinung nach einen taktischen Fehler begangen, als es diesen sogenannten Angriff öffentlich bekanntgab. Es hätte weiter Vorbereitungen treffen und die Tschiang-Kai-schek-Leute im Fall einer Landung auf dem Festland liquidieren sollen. Die Zeit wird zeigen, ob wir Recht haben.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 23 - 24






Montag, 2. Juli 1962
Die Chinesen gehen in Richtung auf die Versöhnung mit den Chruschtschowianern

Der Revisionist Chruschtschow hat in seiner Fernsehansprache über seine Rumänienreise die chinesische Frage aufgegriffen und erklärt: «Falls China angegriffen wird, wird die Sowjetunion China verteidigen» usw. Er wäre ein Dummkopf, liesse er sich diese Gelegenheit entgehen, seine niederträchtige Demagogie zu betreiben, zu einer Zeit, da die sowjetischen Divisionen an der Grenze von Sinkiang gegen China bereitstehen und sein Konsulat dort Menschen gegen die Macht in China ausbildet und organisiert und die Flucht von 60 000 Chinesen in die Sowjetunion bewirkt. Nun werden die Chinesen notgedrungen diese Erklärung durch die Presse hinausposaunen, doch ein solcher Anlass scheint ihnen auch gar nicht ungelegen zu kommen. Sie gehen in Richtung auf die Versöhnung, als ob sie diese wünschten. Wir wollen uns nicht versündigen, aber: das ist ein zeitweiliger Sieg, allerdings ein Sieg für den Revisionisten Chruschtschow. Das schadet uns. Vorläufig sind wir gezwungen, nichts gegen ihn zu sagen, und der Feind wird daraus Nutzen ziehen und handeln. Doch wir schwanken nicht, alles wird sich zu unsern Gunsten klären, zugunsten des Marxismus-Leninismus.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 25





Dienstag, 3. Juli 1962
Wir werden vorwärts schreiten. Niemals ergeben wir uns

Der Prozess der Vereinigung des modernen Revisionismus und der totalen Abküsserei Tito-Chruschtschow befindet sich in voller Entfaltung und prescht im gestreckten Galopp voran. Nichts legt ihm Zügel an. Die kommunistische Weltbewegung schweigt und schweigt.

Unzählige Delegationen werden zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion ausgetauscht. Jugoslawen und Sowjets erklären öffentlich, dass auch die ideologischen Differenzen winzig und am Verschwinden seien. Die Sowjetunion bereitet sich darauf vor, Jugoslawien unter Spektakel Kredite zu gewähren. Breschnew wird nach Jugoslawien reisen usw. Alles, was wir vorausgesehen und gesagt haben, bewahrheitet sich Punkt für Punkt. Der Revisionismus befindet sich im Aufstieg, wir sind in der Minderheit doch wir werden vorwärtsschreiten, uns niemals ergeben. Auf unserer Seite ist das Recht, der Marxismus-Leninismus, und wir werden siegen, unbedingt werden wir siegen. Unser Kampf ist schwierig, ungleich, aber gerecht und ruhmvoll.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 26






Mittwoch, 4. Juli 1962
Das riecht nach wirtschaftlichem Druck. Hüten wir uns vor Provokationen

Die Genossen Hysni und Ramiz haben die Arbeit in China beendet und sind in Burma. Am 6. kommen sie nach Rom. In den meisten Fragen haben sie mit den chinesischen Genossen Übereinstimmung erzielt, mit Ausnahme der Teilnahme an der eventuellen Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien der Welt. Wir beharrten auf unseren Positionen, die Chinesen auf ihren.

Tschou En-Iai erklärte unseren Genossen auf dem Treffen, das er mit ihnen hatte, es werde für China schwer werden, uns mit all dem zu beliefern, was vertraglich vereinbart worden ist. Die Genossen haben das zurückgewiesen, denn das riecht nach wirtschaftlichem Druck. Dies ist ernst, dennoch müssen wir auf die Genossen warten, um die Frage besser beurteilen zu können. Mao hat sie sehr herzlich empfangen, fand gute Worte, er wusste nichts von dem, was Tschou ihnen gesagt hatte, und versprach, sich mit seinen Genossen darüber zu unterhalten.

Wir müssen uns sehr vorsehen. Bewahren wir kaltes Blut, seien wir besonnen, denn der Feind arbeitet intensiv, um einen Keil zwischen uns und China zu treiben, er versucht, uns zu isolieren. Wir müssen uns vor Provokationen hüten, jeden Schritt wohl abmessen, keinerlei Zugeständnisse in den Prinzipien machen und die Freundschaft und die Verbindungen mit China wahren, denn dies hat grosse Bedeutung für uns und den Welkommunismus.
Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 27



Donnerstag, 5. Juli 1962
Die chinesischen Genossen ziehen aus den Weltereignissen nicht die nötigen Schlüsse

Chruschtschows Erklärung über China wird von den modernen Revisionisten dazu benutzt werden, den Kredit ihres Führers zu «heben», indem sie diesen Verräter als «Marxisten» hinstellen, der keine Zugeständnisse an die Imperialisten macht und ungeachtet seiner Widerspräche zu China für dieses «auch durchs Feuer geht», wenn es notwendig ist. All das ist natürlich ein Bluff, dem kein langes Leben beschieden sein wird, der jedoch eine Zeitlang viele Menschen täuschen wird.

Um den schlechten Eindruck zu mildern, den seine Erklärung bei den Amerikanern hinterlassen haben mag, begab sich der Lakai Chruschtschow gestern zum Fest in die amerikanische Botschaft in Moskau, und das zu einer Zeit, da der Botschafter abwesend war. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist nie zum Fest in der sowjetischen Botschaft in Washington erschienen. Chruschtschow, dieser schmutzige Strolch, geht jedes Jahr hin.

Die Erklärung, die er abgegeben hat, wird ihm auch als Trumpfkarte für den Friedenskongress dienen. Er wird sie auch gegen uns ausspielen, wenn wir ihn offen angreifen, indem er uns bezichtigt, im imperialistischen Chor gegen ihn mitzusingen, obwohl er doch unseren Freund, China, in Schutz nimmt. Aber wir tappen nicht in diese provokatorische Falle.

Mit dieser Erklärung wird Chruschtschow versuchen, China zu beschwichtigen, es in die Falle zu locken, die Widersprüche zu seinen eigenen Gunsten einzuebnen. Wir wollen sehen, was China tut, ob es diese Falle durchschaut, die es sich bis zu einem gewissen Grad selbst gestellt hat?

China hat die «Bewegung der Raketen» zur Unterstützung Kubas übersehen. Als Kuba in der Schweinebucht angegriffen wurde, gerieten Chruschtschows Raketen nicht in Bewegung, aber in Bewegung kam später die «chruschtschowsche Rakete» Escalante. Interessant, die chinesischen Genossen ziehen aus den Weltereignissen nicht die notwendigen Schlüsse. Die Anprangerung des eventuellen Überfalls der Amerikaner und der Tschiang-Kai-schek-Leute auf China durch die Chinesen scheint besagen zu sollen: «Chruschtschow, wir strecken dir einen Ast hin, greif danach. Ich und du, wir haben beide einen soliden Grund: ich, der Chinese, will der Aussöhnung näherkommen, und du, Chruschtschow, der Rehabilitierung, wenigstens einer zeitweiligen.»

Wir werden sehen, wie sich die Lage entwickeln wird, wie die Chinesen vorgehen werden.

Hysni und Ramiz müssen heute von Rangun nach Rom abfliegen. Sie werden uns über viele Dinge Aufklärung geben.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 28 - 29





Dienstag, 10. Juli 1962
In der chinesischen Linie zeigen sich ausgeprägte Tendenzen des Einlenkens, der Angst und der Passivität

Genosse Hysni berichtete uns über die Gespräche, die in Peking stattgefunden haben. Die chinesischen Genossen hatten unsere Genossen sehr herzlich empfangen und sich in guten Worten über unsere Partei und unser Volk ausgesprochen.

Die Hauptsache, die sich aus diesen Gesprächen ergibt, ist, dass die chinesische Führung, was die politischen und ideologischen Probleme anbelangt, in den Fragen von prinzipieller Bedeutung gleiche Ansichten wie unsere Partei hat. Über den modernen Revisionismus, über die Titogruppe, über die Chruschtschowgruppe und die eifrigen Nachbeter dieser Gruppen äusserte man ebenfalls Ansichten und Einschätzungen, die mit unseren übereinstimmen. Die grosse Gefährlichkeit dieser revisionistischen Gruppen und des modernen Revisionismus im allgemeinen wird gleich beurteilt. Die unbedingte Notwendigkeit des Kampfes gegen sie wurde sowohl von unseren Genossen, als auch von ihnen mit Nachdruck betont. Dies ist sehr wichtig. Allerdings, so drücken sie sich aus, gibt es Nuancen in den Taktiken des Kampfes gegen die Revisionisten. In der chinesischen Linie gibt es ausgeprägte Tendenzen des Einlenkens, der Angst und der Passivität.

Die chinesischen Genossen erklären dies, in wenigen Worten, damit, dass die Chruschtschowgruppe wirtschaftlich und militärisch stark ist und sich auf das Ansehen der Sowjetunion und der Kommunistischen Partei der Sowjetunion stützt. Diese Gruppe ist an der Macht. In den anderen kommunistischen und Arbeiterparteien herrscht der gleiche Zustand. Man hat so zu arbeiten, dass in diesen Parteien revolutionäre Kerne geschaffen werden und dass eine Loslösung erreicht wird, auch wenn in vielen von ihnen die Trennung schon vollzogen ist. Nach Meinung der Chinesen müssen wir deshalb auch eine formale Einheit akzeptieren, und wir sind es angeblich, die dieses Banner führen, die antiimperialistische Front auch mit den Revisionisten schaffen müssen.

In der Frage der Beratung schwankten die chinesischen Genossen, neigten aber dazu, hinzugehen. Sie versuchten, auch uns zu erweichen und sagten, auch wir sollten zu der Beratung gehen, um zu kämpfen usw. usf.

Kurz gesagt, in unseren Taktiken gibt es Differenzen, doch wir werden von den Positionen, die wir bezogen haben, nicht abrücken, Positionen, die unter unseren und den internationalen Umständen richtig und revolutionär sind. Das erkennen auch die chinesischen Genossen, die keine Kritik an unserer Haltung geübt haben.

Also wird die Zeit zu urteilen haben, wichtig ist jedoch, dass wir in den Hauptfragen übereinstimmen. Der Feind versucht, uns von China zu isolieren. Diese Falle müssen wir vermeiden, wir müssen überlegt und vorsichtig mit der Kommunistischen Partei Chinas umgehen, die Verbindungen und die Zusammenarbeit mit ihr verstärken, weil die Kommunistische Partei Chinas auf richtigen prinzipienfesten Positionen steht und unser Freund ist, der uns unterstützt und uns hilft.

Die Bedeutung der Kommunistischen Partei Chinas für den Weltkommunismus ist gewaltig. Ohne auch nur ein einziges Prinzip zu verletzen und ohne Zugeständnisse zu machen, müssen wir diese besonders wichtigen Erwägungen bei unserer Arbeit berücksichtigen, und das werden wir auch tun. Ich glaube, die chinesischen Genossen werden gründlicher über unsere Haltungen nachdenken. Auch wir müssen sorgfältig die Angaben und Erwägungen der Kommunistischen Partei Chinas studieren.

Es ist noch zu früh, diese Frage für erledigt zu halten. Wir werden noch häufig zu diesen kapitalen Problemen zurückzukehren haben.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 30 - 32




Mittwoch, 5. Dezember 1962
Pajetta griff die Kommunistische Partei Chinas scharf an

Die Rede des chinesischen Delegierten auf dem Parteitag der Kommunistischen Partei Italiens war gut und scharf. Er legte die richtige marxistisch-leninistische Linie der Kommunistischen Partei Chinas zu den theoretischen und politischen Fragen sowie zur Kubafrage dar, er verteidigte uns, schnitt das chinesisch-indische Grenzproblem an, verurteilte scharf auch Tito-Jugoslawien, antwortete auf Togliattis Rede, verurteilte sie und zeigte, dass die Kommunistische Partei Chinas in vielen Fragen mit der Führung der Kommunistischen Partei Italiens nicht einverstanden ist. Doch der chinesische Delegierte forderte in seiner Rede auch Gespräche zwischen beiden Parteien. Das ist Sache der Chinesen! Diese Gespräche werden nicht die geringsten Früchte tragen. Das ist eine sinnlose Sache.

Pajetta, dieser Mietling der italienischen Bourgeoisie, griff offen, auf schmutzige und provokatorische Weise insbesondere die Kommunistische Partei Chinas an. Jetzt ist für die chinesischen Genossen alles klar. Sie sehen nun, mit wem sie es zu tun haben, sie sehen die Richtigkeit des Urteils unserer Partei über diese Leute.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 33




Dienstag, 11. Dezember 1962
Der Kampf gegen die Verräter muss offen, scharf und kompromisslos in den Prinzipien geführt werden

Für uns ist klar, dass Chruschtschow mit seinen Lakaien, die gerade jetzt ihre Parteitage abhielten, einen neuen Angriff gegen die Partei der Arbeit Albaniens und besonders gegen die Kommunistische Partei Chinas aufgezogen hat. Der Angriff gegen letztere war offen und geschah mit Landstreichermethoden. Bei diesen Parteitagen ging es darum, das am Boden liegende Ansehen Chruschtschows wieder aufzurichten und zugleich unsere Parteien zu verleumden, um unsere richtigen Haltungen, durch die ihre verräterischen Handlungen entlarvt werden, zu diskreditieren. Diese Angriffe haben ausserdem das Ziel, die Kommunistische Partei Chinas mit der Spaltung zu schrecken, die sie selbst tatsächlich bereits vollzogen haben, sie von der Partei der Arbeit Albaniens zu lösen, das heisst, sie versuchen mit Tücke, Erpressung und Einschüchterung die Kommunistische Partei Chinas in ihre Sackgasse zu treiben. All dies tun sie, um den Finger Chinas zu erwischen und ihm dann einen Fusstritt zu versetzen, der es umwirft.

Die Kommunistische Partei Chinas wird nicht in ihre Falle gehen, weil sie erkennt, mit wem sie es zu tun hat. Die Gespräche, die die Kornmunistische Partei Chinas der Kommunistischen Partei Italiens vorschlug, und die Anregung zu einer allgemeinen Beratung, die sie auf dem Parteitag der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gab, scheinen im Prinzip nicht falsch zu sein, doch hält man sich vor Augen, mit wem wir es zu tun haben, dann sind diese Gespräche nicht nur fruchtlos, sondern auch schädlich, denn die Revisionisten sind ganz und gar auf offenem Verratskurs, sie sind die Organisatoren versteckter und offener Komplotte gegen den Marxismus-Leninismus. Sie ändern den Kurs nicht, sondern wollen Zeit gewinnen, um ihren Verrat weiterzubetreiben. Zu diesem Zweck wollen sie wen und so viele sie nur können auf ihren Weg ziehen. Nur um angeblich die Formen zu wahren, die die Verräter selbst mit Füssen getreten haben, wird unsere Partei nichts akzeptieren und sich von ihnen nicht an der Nase herumführen lassen. Der Kampf gegen sie muss offen, scharf und kompromisslos in den Prinzipien geführt werden.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 34 – 35





Donnerstag, 20. Dezember 1962
China tut nicht gut daran, auf Chruschtschows Angriffe nicht zu antworten

Mit Titos Besuch in Moskau hat jeder Kampf, selbst jeder Scheinkampf gegen die Titoclique aufgehört. Man kann sagen, dass Tito einen grossen Erfolg geerntet hat. Er hat sich Nikita Chruschtschow und besonders seine über Europa verstreuten Kumpane fügsam gemacht. Tito brachte sie dazu, ihr Ausgespienes wieder aufzulecken und ihm Hymnen darzubringen. Jetzt haben alle Revisionisten die Beine in die Hand genommen, um die verlorene Zeit aufzuholen.

Die Agentur der Amerikaner hat nun freie Hand, denn die Chruschtschowianer haben ihr alle Tore geöffnet. Die Titoisten sind allmächtig geworden und werden es verstehen, im Sinne der Entartung all jener Parteien und Länder, die ihnen die Tore öffneten, zu arbeiten und aktiv zu werden. Chruschtschow und Tito sind zufrieden mit den Gesprächen. Sicherlich hatte letzterer eine ganze Menge konkreter Vorschläge des Chefs des amerikanischen Imperialismus, Kennedy, in der Tasche, die er Chruschtschow vorlegte, und die beiden sind zweifellos zu befriedigenden Ergebnissen gekommen. Tito wird diese Ergebnisse Kennedy zur definitiven Billigung unterbreiten. Die konkreten Resultate der Gespräche werden sich mit Sicherheit bald in neuen Rückzügen, in skandalösen Kompromissen bemerkbar machen.

Bisher hat China auf die Angriffe Chruschtschows nicht geantwortet, und daran tut es meiner Meinung nach nicht gut. Die modernen Revisionisten sind zu einer neuen Phase ihres Kampfes gegen den Marxismus-Leninismus übergegangen In der ersten Phase griffen sie unter Verletzung der Moskauer Erklärung uns an, und es gelang Chruschtschow unter Einsatz schändlicher Methoden, eine Reihe von Parteiführern und ihre Propaganda zu kompromittieren und in diesen schmutzigen Kampf gegen die Partei der Arbeit Albaniens und den Marxismus-Leninismus hineinzuziehen. Wir bestanden die Angriffe, entlarvten sie, und unser Kampf hatte Erfolg. Die Revisionisten gehen nun auf dem Weg des Verrats voran und wollen die Hände frei haben. Angesichts der Niederlagen versuchen sie also, die Vereinheitlichung der Revisionisten zu verwirklichen, sie bewegen sich auf neue Kompromisse mit dem Imperialismus zu, setzen den Kampf gegen uns fort und greifen mit den gleichen Methoden, doch diesmal von den Parteitagen anderer Parteien aus, die Kommunistische Partei Chinas offen an. Das war auf den Parteitagen in Italien, in der Tschechoslowakei, in Ungarn und in Bulgarien der Fall. Dieser Tätigkeit setzte Chruschtschows Rede am 12. dieses Monats vor dem Obersten Sowjet die Krone auf. Und sie wird in doppelter Absicht weitergehen: entweder wird sich China einschüchtern lassen und den Kniefall machen, oder es wird angreifen und dann ist die Spaltung da, denn die jetzige Einheit ist formal.

China will eine Beratung! Den Revisionisten passt das nicht ins Konzept, doch auch wenn sie sich schliesslich herumbringen lassen sollten - nicht im Interesse der Einheit, sondern der Spaltung -, dann werden sie zunächst fortfahren. China gründlich anzugreifen, zu diskreditieren, die kommunistischen und Arbeiterparteien und ihre Führungen im Zuge dieser neuen und offenen Kampagne gegen China zu kompromittieren. Und dann, wenn sie ihre Vorbereitungen getroffen haben, können sie die Beratung auch akzeptieren, um China mit dem Rücken an die Wand zu drängen und ihm zu erklären: -«Entweder ergib dich oder spalte dich ab! Die Schuld fällt auf dich!» China muss diese Komplotte durchschauen und darf nicht verlieren.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 36 - 37




Sonntag, 23. Dezember 1962
In den Taktiken haben wir Divergenzen mit den chinesischen Genossen und das haben wir ihnen nicht verheimlicht

Bei einem Abendessen, das die chinesischen Genossen in Peking für eine Gruppe albanischer Bauspezialisten gaben, erklärte Li Hsiän-niän in seiner Tischrede in bezug auf uns unter anderem erneut, wir würden nicht in der Lage sein, die neuen Werke, die wir von China erhalten, termingerecht zu bauen und in Betrieb zu nehmen. Er sprach auch über den modernen Revisionismus und sagte, es gebe zwischen der Partei der Arbeit Albaniens und der Kommunistischen Partei Chinas Widersprüche (ohne diese genau zu benennen), in der Generallinie jedoch stimmten sie überein.

Was er über den Bau der neuen Werke sagte, ist nicht wahr, dafür gibt es keinen einzigen Anhaltspunkt, denn die Arbeiten haben noch nicht einmal begonnen. Er hätte sagen können, dass die Chinesen die Pläne nicht rechtzeitig liefern. Das ist es, was den Bau der Werke behindert, verzögert, und Li Hsiän-niän ist es, der darauf beharrt (und seine haltlose Idee auch unter den anderen Genossen der chinesischen Führung verbreitet), dass wir nicht in der Lage seien, die neuen Werke zu bauen. Wir unsererseits aber werden die Kräfte anspannen, um ihnen das Gegenteil zu beweisen.

Was die Widersprüche betrifft, so wäre es richtiger, wenn er sagte, dass wir in den Taktiken Divergenzen haben, und das wissen sie, wir haben es ihnen nicht verheimlicht. Wir können der Kommunistischen Partei Chinas in ihren Handlungen, deren Formen und Tempo nicht blindlings folgen.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 38 – 39





Montag, 24. Dezember 1962
Die Haltung der chinesischen Genossen ist in mancher Hinsicht nicht sehr schön

Ich meine, dass die Haltung der chinesischen Genossen in den Fragen, die uns beschäftigen, in mancher Hinsicht nicht sehr schön ist. Ungeachtet dessen haben wir die gesamte Verantwortung übernommen wir sind auf dem richtigen Weg, und früher oder später werden alle diesen Weg verstehen und ihm folgen.

Die modernen Revisionisten, ausnahmslos alle, haben das grosse Orchester gegen die Partei der Arbeit Albaniens organisiert, um sie in den Augen der ganzen Welt in Verruf zu bringen. Auch was eigentlich China zusteht, lasten sie uns an. Ihr Ziel ist, ihren Hauptfeind, die Partei der Arbeit Albaniens, zu treffen, gleichzeitig die Kommunistische Partei Chinas einzuschüchtern und zu diskreditieren und den Punkt zu erreichen, da sie uns die Solidarität aufkündigt, das heisst, einen Kompromiss mit ihnen eingeht.

Zu einer Zeit, da die Revisionisten in jeder Hinsicht offen vorgehen, weichen die chinesischen Genossen, obwohl sie zugeben, dass die Revisionisten Verräter sind, dass die Beziehungen zur Sowjetunion an einem seidenen Faden hängen, dem Kampf aus völlig formalen Gründen aus, ohne darauf zu achten, dass auch die Geduld ihre Grenzen hat. Sie halten sich zurück, zu unserem Schaden, zu ihrem eigenen Schaden, zum Schaden des Kommunismus.

Die chinesischen Genossen erkennen nicht die Konsequenzen aus dem Manöver der Revisionisten. Diese greifen uns an und machen offen Propaganda, «hinter uns» steckten «die Chinesen«, wir seien das «Sprachrohr der Chinesen», wir hätten uns «an die Chinesen verkauft». Diese ihre Propaganda bedeutet, dass sie China angreifen. China strebt eine Beratung an, und dies, was das Schlechte ist, um die «Einheit» zu festigen. Die Einheit, an die man dabei denkt, ist merkwürdig. Dass die Einheit auf der Grundlage richtiger Prinzipien hergestellt wird, dafür sind auch wir, doch muss der eine Teil zugeben, dass er in den Prinzipien Fehler begangen hat, sonst landet man bei prinzipienlosen Kompromissen. Das akzeptieren wir nicht. Mir scheint, dass die chinesischen Genossen grosse Hoffnungen auf eine Beratung setzen, und dieser Formalität (denn so, wie die Dinge inzwischen stehen, kann man sie nicht anders nennen) halten sie so sehr die Treue, dass sie es hinnehmen, dass sie selbst und ihre Verbündeten beschimpft und in Verruf gebracht werden. Diese Handlungsweise, diese Taktik ist weder kämpferisch noch revolutionär, davon bin ich überzeugt.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 40 - 41




Mittwoch, 26. Dezember 1962
Li Hsiän-niän sagte das Gegenteil von dem, was er früher über die Widersprüche zwischen uns gesagt hatte

Bei einem Abendessen hat Tschen Yi Li Hsiän-niäns Aussage, es gebe zwischen unseren Parteien Widersprüche, zurechtgerückt. Er begann seine Tischrede mit den Worten: «Zwischen unseren Parteien gibt es keinerlei Meinungsverschiedenheiten, keinerlei Risse, sondern vollkommene und stählerne Einheit», usw. Das heisst, Li Hsiän-niän hat Fehler gemacht, oder seine Genossen sind mit ihm nicht einverstanden. Tatsache ist, dass Li Hsiän-niän bei einem späteren Mittagessen über die Widersprüche zwischen uns das Gegenteil von dem sagte, was er früher gesagt hatte. Diesmal war seine Rede schriftlich vorbereitet.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 42




Donnerstag, 27. Dezember 1962
Grabesstille in der chinesischen Aussenpolitik

Grabesstille in der chinesischen Aussenpolitik. Chruschtschow, Tito, Kennedy betreiben geheime Schachereien, und wir werden sehen, was dabei herauskommt. Die Chinesen schweigen. Sie haben anscheinend beschlossen, Chruschtschow nicht zu antworten. Durch die kommunistischen und Arbeiterparteien, die auf mittleren, schwankenden Positionen stehen, unternehmen die Chinesen Anstrengungen, eine Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien der Welt einzuberufen. Diese «Verbündeten» lassen einen, ehe man sich's versieht, im Stich, diese «Verbündeten» sind für Kompromissberatungen. Chruschtschow kann eine solche Beratung veranstalten, wann er nur will, und diese «Verbündeten« werden immer auf seiner Seite stehen. Doch was er eher anstrebt, das ist die Liquidierung der Partei der Arbeit Albaniens und der Kniefall der Kommunistischen Partei Chinas. Chruschtschow kämpft darum, die Bedingungen dafür zu schaffen, während China in dieser Sache sozusagen hinterherhinkt.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 43





1963




Donnerstag, 4. Juli 1963
Wieder ein flaues Kommuniqué

China hat erneut versichert, die Delegation, die zu Gesprächen nach Moskau reist, werde sich in Geduld üben, usw. usf. China hat ein weiteres Kommuniqué im Zusammenhang mit diesem Treffen herausgegeben, ein flaues Kommuniqué, das meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre. Und warum all das? Die kommunistische Welt überzeugt sich von Chruschtschows Verrat und wird sich immer mehr davon überzeugen, sie wird ihn entlarven, diesem Verräter die Maske herunterreissen. Jemand wie ... rät zur Geduld, Geduld. Von Geduld reden auch die Chinesen, ich glaube aber, dass sie anders denken, denn es wäre sonderbar, wenn ihnen von dem, was die Revisionisten sagen und tun, nicht der Kragen platzen würde.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 47






Freitag, 5. Juli 1963
Ein Treffen, dass zu keinerlei Ergebnis führen wird

In Moskau traf die Delegation der Kommunistischen Partei Chinas unter Leitung von Deng Hsiao-ping ein. In Peking wurde sie bombastisch verabschiedet, als reiste sie zu einer Hochzeit, während sie in Moskau eisig empfangen wurde, als ginge es um ein Begräbnis.

Wir wollen sehen, was dieses formale, unnütze Treffen ergeben wird. Ich bin mir sicher, dass es zu keinerlei Ergebnis führen wird, im Gegenteil, es wird beweisen, wie recht wir haben, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Was für ein Ergebnis kann man bei Gesprächen mit den Chruschtschowschen Verrätern schon erzielen, wenn diese doch auf dem Plenum des Zentralkomitees bekräftigt haben, dass sie von ihrer Linie keinen Millimeter abgehen werden? Die Chruschtschowianer wollen damit sagen: «Gebt nach, ihr Chinesen, macht mit in unserem Reigen!«.

Geh einer unter diesen Umständen hin, wenn er will, und unterhalte sich «geduldig» mit den Chruschtschowianern!

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 48




Donnerstag, 11. Juli 1963
Heute sagen die Chinesen über Chruschtschow das, was Chruschtschow gestern über Tito sagte

Tschen Yi hatte eine Unterredung mit unserem Botschafter in Peking, Reiz Malile, und erklärte ihm in der Substanz: «Die Moskauer Beratung wird möglicherweise unterbrochen, um später mehrmals fortgesetzt zu werden. Das», betonte Tschen Yi, «ist im Interesse beider Seiten.» Nachdem er Gift und Galle gegen Chruschtschow gespuckt hatte, sagte er zu Reiz Malile: «Wir müssen versuchen, zu verhindern, dass er zu den Imperialisten geht, dass er kapituliert, denn es geht um die Sache des Sowjetvolkes», usw. usf. - «Wir werden ihn weiterhin ständig entlarven» usw., schloss er.

Bei den chinesischen Genossen zeigen sich Schwankungen, sie flammen auf und verlöschen, erwecken den Eindruck, als ob sie keine klare, sondern eine sehr schwankende Taktik hätten, häufig genug lassen sie sich durch den Druck der Sowjets, die arrogant sind, einschüchtern. Was die Chinesen heute über Chruschtschow sagen, sagte Chruschtschow gestern über Tito: «Er ist ein Feind, ein trojanisches Pferd, doch wir dürfen nicht zulassen, dass er zum Feind übergeht, dass er kapituliert, denn es geht um die Sache der Völker Jugoslawiens» usw., und schliesslich und endlich küssten sie sich mit Tito ab, wurden Freunde und Verbündete. Komplizen gegen uns. Wie schlimm für die Chinesen!!

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 49





Freitag, 12. Juli 1963

Die Chinesen erkennen nicht vollständig, was für ein Feind Chruschtschow ist

Die Chinesen erkennen noch nicht vollständig, was für ein Feind Chruschtschow ist, obwohl der Weg dieses Verräters mittlerweile klar ist. Er marschiert in Richtung auf die Verständigung mit den amerikanischen Imperialisten, in Richtung auf Zugeständnisse und Kompromisse. Wir haben es also nicht mit einem Menschen bzw. einer Gruppe von Menschen zu tun, die einige Fehler macht, die auf halbem Weg den Abgrund erkennt, auf den sie zugeht, und umkehrt. In diesem Falle wäre es unerlässlich, ohne in den Prinzipien Zugeständnisse zu machen, zu manövrieren, «um ihn nicht in die Arme der Imperialisten zu treiben». Doch im Falle Chruschtschows ist es nicht im mindesten angebracht und richtig, dies anzunehmen, geschweige denn so zu handeln. Er hat vollständigen Verrat begangen.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 50




Samstag, 13. Juli 1963
Die «Mittleren» neigen mehr nach rechts

Umsonst zögern die Chinesen. Das übertriebene Zickzack, von dem sie annehmen, es habe seine Vorteile, hat in Wirklichkeit auch viele Nachteile. Die «Mittleren», wie die Chinesen die Parteien nennen, die sagen, sie seien gegen Chruschtschow, jedoch offen weder gegen ihn, noch für uns auftreten, lassen sich mit dieser Einstellung nicht gewinnen, sie sind für eine Politik «hinhalten», «nichts verschärfen», «abwarten»; sie neigen mehr nach rechts. Deshalb ist dies günstig für Chruschtschow und seine Bande. Ich freilich bin davon überzeugt, dass man so dem Verräter nicht den Weg verlegen kann, er wird voranmarschieren, seinen Verrat fortsetzen. Die Zeit wird dies über kurz oder lang noch klarer erweisen.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 51





Sonntag, 14. Juli 1963
Die nutzlosen Hoffnungen der chinesischen Genossen sind zerstoben

Die Sowjets haben heute einen offenen Brief veröffentlicht, einen niederträchtigen Brief, mit mehr als offenen Angriffen auf die chinesische Führung. Die nutzlosen Hoffnungen der chinesischen Genossen sind zerstoben. Ich glaube und zweifle nicht daran, dass es jetzt keinen anderen Weg mehr gibt als den richtigen und revolutionären Weg unserer Partei. Der Brief strotzt von Lügen, Verleumdungen, Verdrehungen. Die Angriffe stellen den Kern und die Gesamtheit dieses Briefs dar, der einem langen demagogischen Artikel für Dummköpfe, Sentimentale und Feiglinge gleicht. Eine Sache durchzieht den ganzen Brief: Die chinesische Führung ist spalterisch, dogmatisch, gefährlich, deshalb muss sie verurteilt und isoliert werden. Die Albaner sind Werkzeuge der Chinesen, die anderen sind Renegaten usw.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 52





Montag, 15. Juli 1963
Chruschtschow ist offen aufgetreten.
Es ist an der Zeit, dass die Chinesen kräftig auf diesen Hund einschlagen

Der Brief der Sowjets enthält kein Argument, das anhand von Tatsachen die chinesischen Dokumente politisch und theoretisch zu Fall brächte. Die Schlüsselprobleme meidet er wie der Teufel das Weihwasser, er umgeht sie und bekämpft sie im banalsten Gazettenjargon. Dieser Brief hat aber auch seine sehr gute Seite, er hilft der kommunistischen Bewegung, klarer zu sehen, was dies für Verräter sind. Und er treibt die chinesischen Genossen dazu, ihren Kampf zu verstärken.

Die «indirekte» Art, in der die chinesischen Genossen reagierten, war schal geworden, ja, hatte sogar ungute Auswirkungen, wenn Begriffe wie «Bruderpartei», «ein gewisser Führer», «ein gewisser Staat», usw. verwendet wurden. Chruschtschow ist jetzt so offen aufgetreten, dass es offener gar nicht mehr geht. Es ist an der Zeit, dass die Chinesen kräftig auf diesen Hund einschlagen, denn nur so kann der Sieg über die chruschtschowschen Banditen errungen werden.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 53




Mittwoch, 17. Juli 1963
Die Chinesen führen weiter nutzlose Gespräche mit Chruschtschow

Die Chinesen führen weiter nutzlose Gespräche mit den Sowjets, und dies zu einer Zeit, da Chruschtschow mit dem stellvertretenden amerikanischen Aussenminister A. Harriman und mit dem englischen Lord Hailshem, Minister für Fragen der Wissenschaft und Technik, verhandelt, isst, trinkt und lacht. Welch ein Kontrast! Wie weit doch der Verrat geht! Chruschtschow selbst leitet die Gespräche, er hat die Würde der Sowjetunion den Imperialisten preisgegeben, denn der Würde des Kommunismus kann er nichts anhaben, weil er selbst kein Kommunist ist, sondern ein Revisionist übelster Sorte.

Es ist einigermassen seltsam, dass die Chinesen fortfahren, mit diesen Verrätern leeres Stroh zu dreschen. Die Geduld hat ihre Grenzen. Das bringen nur sie fertig, wir wären aufgestanden und weggegangen. Es gibt keinerlei Grund mehr, länger zu warten, der Verrat ist offensichtlich.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 54




Montag, 22. Juli 1963
Die Verräter am Marxismus-Leninismus müssen gnadenlos bekämpft werden

Deng Hsiao-ping ist gestern endlich von Moskau nach Peking abgereist, wo er auf dem Flughafen von Mao selbst empfangen wurde. Sicherlich werden sie eine Art Kommunique herausgeben, in dem es heisst, dass sie nichts getan haben.

Es ist sinnlos, mit den Verrätern am Marxismus-Leninismus zu sprechen, denn sie sind Verräter. Es ist sinnlos, mit den Revisionisten zu sprechen, denn sie sind Renegaten des Marxismus-Leninismus. Sie müssen gnadenlos bekämpft und entlarvt werden.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 55





Montag, 29. Juli 1963
Keine Kapitulation, sondern Kampf gegen die Revisionisten

Die Chinesen fahren fort, ihr Volk und ihre Partei durch Artikel von den diversen Beschimpfungen und Angriffen der modernen Revisionisten gegen die chinesische Führung zu unterrichten. Sie zeigen ebenso die Lobgesänge auf, die der Weltkapitalismus Chruschtschow und seiner Verräterlinie singt. Das ist ihre Sache. Doch auf der anderen Seite setzen sie das chinesische Volk nicht in Kenntnis von den Ansichten der Partei der Arbeit Albaniens, die den Marxismus-Leninismus verteidigt, die Verräterlinie von Chruschtschow und Konsorten entlarvt und China und die Kommunistische Partei Chinas in Schutz nimmt. Die chinesischen Genossen behandeln diese Sache nicht richtig. Sie bleiben bei der alten Taktik, bei der Haltung, die sie auf dem 22. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion eingenommen haben. Diese Taktik lässt sich nicht mehr halten, sie ist anachronistisch und für die kommunistische Bewegung schädlich. Dass die chinesischen Genossen in ihrer Presse keine Artikel von «Zeri i popullit» veröffentlichen, zeigt, dass sie Angst haben. So erweisen sie sich in dieser Frage als schwankend, was nicht richtig ist und im Widerspruch zu den Prinzipien steht. Die chinesischen Genossen halten mit den Ereignissen und der Zeit nicht Schritt.

Wenn sie meinen, unsere Artikel nicht veröffentlichen zu dürfen, um Chruschtschows Verleumdung, die Albaner seien Werkzeug Chinas, keine Angriffsfläche zu bieten, so ist das absurd. Denn es hindert die Chruschtschowrevisionisten nicht im geringsten daran, dieses Vorgehen der Chinesen für sich selbst auszunutzen, indem sie versuchen, uns in Misskredit zu bringen, und besonders, unsere richtige Haltung als isoliert hinzustellen. Mit der Haltung, die es einnimmt, hilft ihnen China dabei. Sollte China unsere Artikel in der Meinung nicht veröffentlichen, dadurch die anderen Bruderparteien, etwa in Korea, Indonesien und Vietnam, die öffentlich im Sinne der Verteidigung Chinas noch nicht Stellung bezogen haben, nicht in eine schwierige Lage zu bringen, so ist auch dies taktisch nicht richtig.

Gemäss der chinesischen Taktik müssten wir einen Schritt rückwärts tun, zurück zu den Haltungen der Koreaner, der Vietnamesen, und noch schlimmer, der Indonesier. Nein! Das werden wir niemals tun. Sie müssen vorwärtsgehen, und China ebenfalls. Der Marxismus muss verteidigt werden, und zwar entschieden, gegen die Verräter und Renegaten. All diese Genossen kennen Chruschtschow. Intern sagen sie, dass er Verrat begangen hat, dass Chruschtschow sich an die Amerikaner bindet, dass er die Entartung des Sozialismus betreibt, dass er uns offen angreift, und andererseits lassen sie den Kampf schleifen, sie warten. Auf was warten sie? Das ist das Merkwürdige. Hierin besteht das Fragezeichen für die Zukunft. Entweder Kampf gegen die Revisionisten oder Kapitulation! Wir werden kämpfend vorwärtsschreiten.

Die Linie, die Chruschtschow verfolgt, passt sich der Politik der amerikanischen Imperialisten an und dient ihr Der Vertrag «über die Nichtweitergabe von Kernwaffen», der kürzlich in Moskau unterzeichnet wurde, ist von den Amerikanern entworfen und diktiert und von Chruschtschow ohne jede Änderung angenommen worden. Die amerikanischen Imperialisten wollen das Atomwaffenmonopol. Chruschtschow hat es ihnen zugestanden. Die Amerikaner sprechen vom «Frieden», das tut auch der Lakai der Bourgeoisie Chruschtschow, doch inzwischen bereiten sich die Amerikaner auf den Krieg vor, stocken die Atombombenbestände für sich selbst und ihre Freunde auf, während Chruschtschow seine Freunde und, mit seinem Pazifismus, die Völker entwaffnet. Das heisst, den Amerikanern zu Hilfe kommen. Eine Seite, die Amerikaner, rüstet auf, die andere Seite, Chruschtschows Freunde, rüstet ab, und beide zusammen greifen China, Albanien an, zeihen sie der Kriegshetze usw. Selbst für Blinde und erst recht für die Marxisten ist klar, wohin die modernen Revisionisten mit den Verrätern Chruschtschow-Tito-Ulbricht-Gomulka-Novotny-Schiwkoff an der Spitze gehen, in welche Richtung sie ihre Anstrengungen vorantreiben.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 56 - 58





Freitag, 6. September 1963

Die Chinesen haben gegen den modernen Revisionismus «Feuer frei!» gegeben

China hat als Antwort auf den offenen Brief der Kommunistischen Partei der Sowjetunion mit der Veröffentlichung einer Artikelserie begonnen. Der erste Artikel zum Thema: «Über die Differenzen», den wir heute lasen, war sehr gut. Die Chinesen haben nun «Feuer frei!» gegeben. Das ist ein grosser Sieg für den Marxismus-Leninismus. Die Entlarvung der Verräter konnte nicht mehr warten. Das Mass war schon vorher zum Überlaufen voll.

Wir sind jetzt in eine neue, fortgeschrittenere Phase des Kampfes gegen den modernen Revisionismus eingetreten, die Phase der allgemeinen Organisierung des Kampfes der Kommunisten auf der ganzen Welt.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 59





1964



Donnerstag, 9. Januar 1964
Tschou En-lais Besuch ist zu Ende gegangen

Tschou En-lai hat heute unser Land verlassen. Sein Besuch bei uns weckte im Land und in der internationalen Arena grosses Interesse. Unser Volk empfing den Vertreter des chinesischen Volkes und der Kommunistischen Partei Chinas mit Liebe, denn mit ihnen sind wir durch eine aufrichtige, auf dem Marxismus-Leninismus gründende Freundschaft verbunden.

Die Partei der Arbeit Albaniens und unser Volk stehen in erster Linie zusammen mit China und seiner Partei entschlossen im Kampf gegen den Weltimperialismus mit dem amerikanischen an der Spitze sowie gegen den modernen Revisionismus mit den Verrätergruppen Chruschtschows und Titos an der Spitze. Der gemeinsame Kampf hat besonders zum gegenwärtigen Zeitpunkt unsere grosse Freundschaft gefestigt und gestählt.

Das grosse Gewicht Chinas in der internationalen Arena ist bekannt, deswegen verfolgt die Weltöffentlichkeit Tschou En-lais Reise mit Interesse, und die Zeitungen sind voll von Nachrichten darüber. Natürlich erhoffen sich die diversen Imperialisten und Reaktionäre von Tschou En-lais Besuch bei uns Aufschluss darüber, wie sich China zu Chruschtschows absurdem und hinterhältigem Vorschlag verhält, die Polemik einzustellen. Sie sind an beiden Seiten der Medaille interessiert. Auch wenn die Polemik mit den Revisionisten eingestellt wird, profitieren sie, weil der Renegat Chruschtschow in Ruhe seinen Verrat fortsetzen kann.

Unsererseits wird es nie zu einer Einstellung der Polemik kommen, doch auch die Chinesen für ihren Teil versicherten, dass sie die Polemik nicht einstellen werden.

Andererseits sind die Imperialisten daran interessiert, dass die Polemik weitergeht, um Chruschtschows Gruppe noch weiter in ihre Fänge zu bringen. Wir dulden diesen Verräter auf keinen Fall in unseren Reihen und werden alles nur mögliche tun, um ihn vom Sowjetvolk, von den sowjetischen Kommunisten und vom internationalen Kommunismus zu isolieren.

Tschou En-lais Besuch bei uns hat grosse Bedeutung, denn mit eigenen Augen betrachtet sehen die Dinge erheblich anders aus, als wenn man sie nur aus den Berichten von Lo Schi-gao, dem chinesischen Botschafter in Tirana, kennt. Tschou En-lai und Tschen Yi konnten sich selbst von der Kraft unserer Partei, ihren festen Verbindungen zu den breiten Volksmassen überzeugen, sie sahen die stählerne Einheit von Volk, Partei und Führung, sie sahen und empfanden mächtig das Vertrauen und die Begeisterung der Massen beim Aufbau des Sozialismus, sie sahen die Sicherheit und den Mut des Volkes, der Partei und der Armee bei der Verteidigung des Landes, der Unabhängigkeit und Souveränität unseres Vaterlandes. Überall, wo sie hinkamen, stellten sie das Erblühen der Landwirtschaft, der Industrie, des Bildungswesens und der Kultur fest.

Das ist ein grosser Sieg für Albanien, weil auf diese Weise das Vertrauen und die Liebe der chinesischen Genossen, ihres Volkes und ihrer Partei für unser Volk und unsere Partei gestärkt werden. Eine solche Freundschaft braucht Albanien, nicht eine platonische und idealistische, sondern eine reale, auf den Marxismus-Leninismus gegründete Freundschaft.

Die Gespräche, so meine ich, sind sehr gut gelaufen. Wir verstanden die Freunde, und sie verstanden uns. Was uns anbelangt, so sprachen wir uns, in meinen Ausführungen beim Abschluss der gemeinsamen Gespräche, über alle Probleme, über die Strategie und die Taktik offen, vorbehaltlos aus. Wir kamen zur Überzeugung, dass sich auch die chinesischen Genossen offen und ohne Vorbehalt äusserten.

Wir verstehen die grosse Rolle Chinas, wir verstehen die besonderen Situationen und die grosse Verantwortung, die mit jedem Wort, jeder Handlung und jedem Akt seiner Führer verbunden ist. Ebenso verstehen die chinesischen Genossen unsere Situation, die von unserer Partei eingenommenen vorgeschobenen Positionen im Kampf gegen den modernen Revisionismus, und diese unsere Positionen befanden sie für richtig, marxistisch-leninistisch. Die Taktik des Kampfes, der wir uns bedienten und bedienen werden, hat auch ihre theoretische Basis, sie vergisst nicht die Strategie.

Im Zusammenhang mit der Frage, wie wir die Einheit verstehen, wurde unsererseits die Notwendigkeit häufigerer gegenseitiger Konsultationen betont, um unsere gemeinsamen Handlungen koordinieren zu können.

Doch sehr wichtig ist, und das zeigte sich auch bei den offiziellen und inoffiziellen Gesprächen, dass die chinesischen Genossen nun keine Illusionen über Chruschtschow mehr haben, dass sie in ihm, wie auch wir, einen gebrandmarkten Verräter sehen. Dennoch waren Tschou En-lais Ausführungen im Zusammenhang mit der Taktik, die wir im Kampf gegen den Revisionismus verfolgen müssen, etwas langatmig. Sie liessen uns annehmen, Tschou mache viele Phrasen, um uns von etwas zu überzeugen, das er «nicht offen sagen konnte», weil er damit möglicherweise auf unsere Ablehnung gestossen wäre. Wir hatten nur die Befürchtung sie könnten die Frage aufwerfen: «Ist es möglich und notwendig, in besonderen Fällen mit der Chruschtschowgruppe einen Kompromiss gegen den .Imperialismus einzugehen?» Wir äusserten Tschou En-lai gegenüber offen unsere Meinung, betonten, dass wir Chruschtschow keinerlei Zugeständnis machen, dass wir keinen Kompromiss mit ihm eingehen werden, weil er ein Verräter ist. Jeder von ihm kommende Annäherungsversuch wird Demagogie und Lüge sein, um Zeit zu gewinnen, um aus einer schwierigen Situation herauszukommen. Tschou En-lai äusserte sich, anders als wir, nicht sehr klar über diese Frage, stimmte uns aber zu. Über Chruschtschow äusserte er die gleiche Meinung wie wir und versäumte es schliesslich (unter dem Vorwand, der Übersetzer habe möglicherweise nicht gut übersetzt) nicht, hinzuzufügen, es sei, wenn er von irgendeinem Kompromiss gesprochen habe (und das nicht in der Frage eines Kompromisses mit Chruschtschow), ein marxistisch-leninistischer Kompromiss gemeint gewesen.

Kurz gesagt, wie Tschou En-lai die Probleme darstellte, in den Fragen der Taktik, in der allgemeinen Linie, gab es für uns keinen Grund, nicht einverstanden zu sein. In einigen Fällen und unter einigen besonderen Umständen, die auch mit unseren vorgeschobenen Positionen zusammenhängen, werden wir auf der Grundlage unserer Linie vorgehen, natürlich stets mit Vorsicht, doch in jedem Augenblick mit unserem grossen gemeinsamen Interesse vor Augen.

Wir glauben, dass sich mit der Zeit erweisen wird, dass die chinesischen Genossen schneller vorrücken werden, als sie meinen. Sie sind der Meinung, dass sie so die Probleme in ihrer Breite sehen, das ist ihre Sache, nur darf man den Fragen nicht hinterherhinken, sondern muss auf sie in der von den Umständen geforderten Geschwindigkeit reagieren. Das soll keineswegs heissen, dass alle unsere Voraussagen und Schlussfolgerungen unfehlbar, alle richtig und exakt sind. Deshalb ist ein möglichst häufiger Meinungsaustausch unerlässlich. Die chinesischen Genossen mögen über mehr Angaben verfügen, sie arbeiten sie durch und ziehen aus ihnen natürlich auch Schlussfolgerungen. Möglich, dass wir die Fragen unter einigen anderen Blickwinkeln betrachten, deshalb kann sich aus dem Meinungsaustausch eine umfassendere Schlussfolgerung ergeben.

Tschou En-lai nahm unsere Gedanken über den Perspektivplan für das nächste Jahrfünft positiv auf. Er fand sie angemessen und versprach Chinas Hilfe bei der Verarbeitung von Erdöl, Chrom, Kupfer, Eisennickel usw. Mit einem Wort, er sah die wirtschaftlichen Probleme, die wir darlegten, richtig, fand sie angemessen, und nun, da wir den Entwurf des Fünfjahrplans bereit haben, werden sie unser Ersuchen konkret studieren. Tschou En-lai interessierte sich für das Problem der Arbeitskräfte, das uns beschäftigt hat und ständig beschäftigt. Er fand die grosse Aufmerksamkeit richtig, die wir darauf verwenden, die Dörfer nicht zu entvölkern, sondern so weit wie möglich auf die Arbeitskräfte der Städte zurückgreifen. Natürlich beschäftigte die Frage des Brots beide Seiten. Dieses Schlüsselproblem wird bei uns sicherlich seiner Lösung näherkommen, besonders wenn wir dann Kunstdünger haben. Tschou En-lai fand unsere Orientierung auf die Weiterentwicklung des Getreideanbaus in den Berggebieten auch für den Kriegsfall interessant.

Die Ergebnisse, die bei den Gesprächen erzielt wurden, können wir als befriedigend werten, sowohl für uns a'ls auch für sie, sowohl von der politischen als auch von der wirtschaftlichen Seite her. Dies wird unsere Freundschaft noch mehr festigen, es wird zur Festigung der politischen und wirtschaftlichen Lage unseres Landes beitragen, wird die internationale Stellung unseres Landes noch mehr stärken.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 64 - 68






Freitag, 6. März 1964
Bis zum Schluss Feuer auf die Sowjetrevisionisten!

Die Chinesen übermittelten uns das Antwortschreiben, das sie den Sowjets am 1. März übergeben haben. Dieses Schreiben bezog sich auf ein Dokument, das die Sowjets nach ihrem letzten Plenum an alle kommunistischen und Arbeiterparteien geschickt haben, mit Ausnahme der Kommunistischen Partei Chinas und der Partei der Arbeit Albaniens. Das Dokument der Sowjets ist äusserst schmutzig, es greift die Kommunistische Partei Chinas als Landstreicher an und bedroht sie zugleich. Die KP Chinas hat es den Sowjets gebührend zurückgegeben und ihre Antwort an sie auch uns gesandt.

Wir wollen sehen, wie die Sowjets auf den Vorschlag einer Beratung reagieren werden. Ich glaube jedoch, dass sie diese Sache aufgreifen werden - besonders jetzt, da die Rumänen nach Peking fahren werden -, um unter allen Bedingungen zu bewirken, dass die Polemik, und sei es auch nur für kurze Zeit, eingestellt wird. Der Feind will den kleinen Finger erwischen, um dann die ganze Hand, den Arm und schliesslich den Kopf zu packen. Auf gar keinen Fall darf die Polemik eingestellt werden! Bis zum Schluss Feuer auf die Sowjetrevisionisten!

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 69




Freitag, 17. April 1964
Die Lakaien dekorieren Chruschtschow.
Die chinesische Führung schickt ein Glückwunschtelegramm

Chruschtschows Lakaien haben ihm gestern und heute in Moskau zum Geburtstag Auszeichnungen überreicht, vom «Goldenen Stern» bis zum «Löwenorden»-. Dies hat einige Ähnlichkeit mit der biblischen Geschichte von den Heiligen Drei Königen, die Christus Geschenke darbrachten. Die Lakaien bemühen sich, das Prestige des Bankrotteurs hochzuhalten. Jubeltelegramme erhält Chruschtschow von weit und breit, aber eines der unerfreulichsten und absolut falschen ist das der chinesischen Genossen. Das Glückwunschtelegramm der Chinesen ist mit den Füssen und nicht mit dem Kopf geschrieben. Welche Rechtfertigung die chinesischen Genossen dafür auch anzuführen versuchen werden, sie wird nicht stichhaltig sein. Ihr Vorgehen ist vom klassenmässigen, politischen und ideologischen Standpunkt aus ein Fehler. Wir sind mit diesem ihren Akt absolut nicht einverstanden und werden die Gelegenheit finden, es ihnen zu sagen, wenn nicht direkt, dann auf jeden Fall indirekt. Wir werden heute Chruschtschow den Titel eines «Ehrenbürgers» der Stadt Tirana aberkennen, und zwar mit der Begründung, die ein Verräter wie er verdient. So dass dieser wichtige politische Akt eine «Auszeichnung» auch unsererseits für den Revisionisten und zugleich eine Antwort auf die Telegramme sein wird, die ihm die Chinesen, die Koreaner, die Vietnamesen und andere geschickt haben.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 70


Pogradec, Donnerstag, 6. August 1964
Hier steckt etwas dahinter

Nesti Nase hat uns aus Peking benachrichtigt, dass ihm Tschou En-lai in einem Gespräch, in dem er diesem darlegte, welche Schritte wir bei den Rumänen vorhaben, zu verstehen gegeben hat, dass ihnen unser Plan nicht gefällt, dass er auf später verschoben werden sollte, dass wir diese Schritte im Oktober beim Nationalfeiertrag Chinas, zu dem auch eine Delegation von uns fahren wird, koordinieren sollten.

Da steckt etwas dahinter. Das ist nicht klar für uns, denn Tschou En-lai hat auf der anderen Seite die Thesen, die wir den Rumänen vorlegen wollen, für richtig befunden. Tschou En-lai sagte, dies seien persönliche Meinungen, er werde aber die Führung unterrichten. Danach erklärte er bei dieser Gelegenheit, er werde uns die Protokolle der Gespräche schicken, die sie ohne unser Wissen mit den Rumänen geführt haben. Ausserdem sagte Tschou, er sei inkognito in Korea und Vietnam gewesen und habe mit den Führungen dieser Länder über diese Fragen gesprochen. Und er äusserte sein Bedauern darüber, dass wir so weit entfernt seien, dass er mit uns nicht ebenso verfahren könne. Ziemlich seltsam! Wir werden sehen! Früher oder später klärt sich alles.

Enver Hoxha: Betrachtungen über China - Aus dem politischen Tagebuch, Bd. 1, Tirana 1979, S. 71












wird fortgesetzt....